26 März 2011

Reuter: Mit 26 Jahren zu 30 Jahren Festungshaft begnadigt

Äwer drei Johr hadd ick all seten; ick was taum Dod verurtelt; dat hadden sei mi schenkt, äwer dorför hadden sei mi dörtig Johr Festung schenkt. So'n Present kann keiner richtig taxieren, as einer, de all drei Johr un irst drei Johr seten hett. De Utsicht was slimm, de Insicht slimmer. Dortau kamm, dat sei mi von ein Festung nah 'ne anner versetzen deden. Wo ick west wir, hadd ick Kammeraden, gaude Frün'n un Bekannten, wo ick hen süll, was ick allein.
An einen bitterkollen Winterdag satt ick in en Planwagen, en Schandor satt neben mi. Drei Dag' lang durte de Fohrt, de Mann was fründlich tau mi, äwer ick frür. De Küll un de Ungewißheit, wat nu kamen künn, schüddelten mi dörch de Knaken. Wenn den Minschen en Schicksal bevörsteiht, wat hei nich wennen kann, denn drängt sick dat Blaud taum Harten, un denn frirt em. Den Soldaten in de heite Slacht, den Matrosen bi'n Schippbruch unner de gläugnige Sünn, den Verbreker up dat Blaudgerüst trett de Frost an.
(Fritz Reuter: Ut mine Festungstid, Kapitel 1)

Glück oder Elend?

Un as min Herr Unteroffzierer Altmann mi dat grad utführlich vertellen ded, wo Schnabel mal vördem 'ne Popp mit sine Kledaschen utstoppt un up sine Britsch leggt hadd, [...] grad dunn gungen uns en por Damen vörbi, un de ein kek mi merkwürdig an, un as ick mi ümsach, was sei still stahn blewen un kek sick ok nah mi üm.
Wat was dat för en fründliches, hübsches Gesicht! Wo trurig un wo leiw segen de schönen Ogen ut! Un dese schönen Ogen hadden mi nahkeken! Wat is nu schöner, en Frühjohrsdag oder en Por schöne Ogen? – Denn von minen Herrn Unteroffzierer un von Schnabeln will ick wider nicks nich seggen. – Ach, ick mein doch en Por Ogen! In so'n Frühjohrsdag kann einer rinne seihn wid weg – ja wid weg –, schön is't; äwer je wider hei süht, desto trüwer un dunstiger ward dat; in so'n Mätens-Og kann einer rinne seihn – deip un ümmer deiper –, un je wider hei süht, je klorer ward dat, un ganz unnen in'n Grun'n, dor liggt de Hewen, un den sine blagen Wunner hett noch kein Minschen-Og dörch seihn.
»Wer was dat?« frog ick. »Kennen Sei de Dam'?« – »Gewiß!« säd de Herr Unteroffzierer Altmann un läd de Hand an den Schacko, as wull hei sine Honnürs maken, »'t is de einzigste Dochter von den zweiten Kummandanten, Obersten B., un annere Kinner hett hei äwerall nich. – Schnabel hett twei Kinner, de...«
»Dauhn S' mi den einzigen Gefallen«, segg ick, »un laten S' Schnabeln nu ganz ruhig sitten.«
[...]
»Na, will'n man nah Hus gahn«, säd ick un folgte dat schöne Mäten ut de Firn nah; äwer in ehre Ogen sach ick meindag' nich wedder, un dat was gaud. Wenn einer lang' in den Schatten seten hett un hei kickt denn mit einmal in de leiwe Gottessünn, denn kann hei blind warden, un wenn einer sinen Dag äwer in den Keller rümmer hantiert hett un kümmt rut un kickt in den blagen Hewen, denn flirrt em dat vör de Ogen, un hei kann düsig warden un kann't bliwen sin Lewen lang.
Dat grötste Elend, wat mines Wissens noch kein von de Herrn Romanschriwers utführlich beschrewen hett, is, wenn sick so'n arm, jung', inspunnte Student in 'ne Kummandantendochter verleiwt. Dat weit keiner, wo dat deiht; äwer wi weiten Bescheid, wi hewwen dat dörchmakt.
(F. Reuter: Ut mine Festungstid, Kap.2)

24 März 2011

Freuden eines Gefangenen

»Sie haben sich um die Erlaubnis, spazieren gehen zu dürfen, an die Kommandantur gewandt«, säd hei, »es ist Ihnen dies gestattet worden. Sie können sich auf dem Festungswalle unter Aufsicht eines Unteroffiziers, den ich bestimmen werde, Bewegung machen.« – Dat fung schön an, un en Strahl von de Frühjohrssünn was all in min Hart follen. »Und hier«, säd hei un langte in de Tasch, »ist auch ein Brief von Ihrem Vater, er schreibt sehr freundlich an Sie und sendet Ihnen Geld, welches ich Ihnen nach Bedürfnis zukommen lassen werde.« – Ick grep nah minen Breiw; dat let sick hüt würklich wonah an.
De Oberst gung an de Dör un röp: »Ordonnanz!« Sin Ordonnanz kamm, hei namm ehr en Paket af, läd dat up den Disch: »Bücher für Sie.« Hei namm den Soldaten noch en Paket af: »Und hier ein paar anständige Leuchter. Werfen Sie den Drahtleuchter zum Fenster hinaus! – Gute Nacht! – Kähler, der Herr hat jetzt täglich einen halben Taler zu verzehren!«
Dat was en Abend! Ein Breiw von minen Ollen, Geld in Hüll un in Füll; morgen spazieren gahn in Frühjohrsluft, all de lütten Mätens ganz in de Neg' seihn; nu dat ein Paket up! Goethe – Faust – Egmont – Wilhelm Meister ...
(F. Reuter: Ut mine Festungstid, Kap.2)

20 März 2011

Mecklenburg während der Zeit der französischen Besetzung 1806-1813

Äwer as achteihnhunnertunsöß Mürat un Bernadott un Dawuh achter den ollen Blücherten herjagten un hei ehr bi Speck un Wohren de Tähn wis'te, as von Berlin dat saubere Stichwurd utgahn was: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«, dunn gung dat ruhiger her as tau dese Tid; dunn was blot von Befehl un Gehursam de Red'. Dunn plünnerten un brandschatzten de Herrn Franzosen nah Hartenslust, un dat Volk dukerte sick un schow sick ein achter den annern, un de richtige Nidertracht gaww sick allentwegent kund, denn ein jeder dachte an sick un sin Habseligkeiten, un Meister Kähler in Malchow säd tau sin Fru un Kinner: » Ick möt mi redden, an jug is nicks gelegen; ji bliwwt hir, wenn de Franzosen kamen«, un lep in't Ellerbrauk un kröp in't Ruhr. – Ful un anrüchig was allens von baben bet unnen.


De Tiden süllen sick ännern. De Not lihrt beden; äwer sei lihrt ok sick wehren. Schill brok los un de Herzog von Brunswick; in ganz Nedderdütschland würd't späuken; keiner wüßt, woher't kamm; keiner wüßt, wohen't führen süll. Schill treckte dwars dörch Meckelborg nah Stralsund. Up Befehl von Boneparten müßten em de Meckelbörger den Paß bi Damgoren un Tribsees verleggen; sei kregen Släg', denn sei slogen sick hundsvöttsch slicht. Ein Schillsche Husor namm 'ne ganze Kapperalschaft lange meckelbörgsche Granedier gefangen. »Kinner«, röp hei ehr tau, »sid ji all gefangen?« – »Ne«, säd de brave Kapperal, »uns hett nüms wat seggt.« – »Na, denn kamt man mit!« – Un sei gungen mit. – Was dat Feigheit? Was dat Furcht? Wer uns' Landslüd' achteinhunnertdrütteihn un -virteihn seihn hett, wer wat von't strelitzsche Husoren-Regiment hürt hett, urtelt anners. Wenn ein Stamm in Dütschland dat Tüg dortau hett, up en Slachtfeld tau stahn, dann hett't de Meckelbörger. – Ne, dat was kein Feigheit – dat was de Unwill, gegen dat tau striden, wat sei sülwst in den deipsten Harten drogen un wünschten. Dat späukte in Meckelborg; un as't in Preußen losbrok, was Meckelborg dat irste Land in Dütschland, wat folgen ded. So is't west, un so möt't ok bliwen.

Un de Tiden wiren anners worden. Uns' Herrgott hadd den Franzosen in den rußschen Winter de goldschinige Snakenhut afströpt. Hei, de süs as Herr rümme pucht hadd, kamm as Snurrer un Pracher taurügg un wendt sick an't dütsche Erbarmen, un dit schöne dütsche Gottsgeschenk kreg de Äwerhand äwer den grimmigen Haß. Keiner wull de Hand upböhren gegen den Mann, de von Gott slagen was, dat Mitled let vergeten, wat hei verschuldt hadd. Knapp hadd sick äwer de verklamte Snak wedder verdort in dat warme dütsche Bedd, as sei ok den Stachel wedder wisen würd, un de Schinneri süll wedder losgahn; äwer dat Späuk in Nedderdütschland was taum Schatten worden, un de Schatten kreg Fleisch un Bein un kreg en Namen, un de Namen würd lud up de Strat raupen: »Upstand gegen den Minschenslachter!« – Dat was dat Feldgeschri. Äwer dat Feldgeschri was kein Dagsgeschri. Nich en Hümpel unbedarwte junge Lüd', nich de Janhagel up de Strat fung dormit an, ne, de Besten un Vernünftigsten treden tausam, nich tau 'ne Verswörung mit Metz un Gift, ne, tau 'ne Verbräuderung mit Wehr un Wurd gegen andahne Gewalt; de Ollen redten dat Wurd, un de Jungen schafften de Wehr. Nich up apne Strat bluckte de irste Flamm tau Höcht; wi Nedderdütschen liden kein Füer up de Strat; ne, ein jeder stickte dat still in sinen Hus' an, un de Nahwer kamm taum Nahwer un warmte sick an sine Glaut. Nich as en Füer von Dannenholt un Stroh, wat tauletzt blot en Hümpel Asch äwrig lett, steg de Läuchen taum Hewen, ne, wi Nedderdütschen sünd en hart Holt, wat langsam Füer fangt, äwer denn ok Hitt giwwt. Un tau de dunnmalige Tid was ganz Nedderdütschland en groten Kahlenmiler, de in sick swälte un gläuhte, heimlich un still, bet de Kahlen gor wiren; un as sei fri wiren von Rok un Flackerflammen, dunn smeten wi uns' Isen in de Kahlenglaut un smäd'ten uns' Waff un Wehr dorin, un de Haß gegen den Franzosen was de Slipstein, de makte sei scharp, un wat dunn kamm, weit jedes Kind up de Strat, un süll't dat nich weiten, denn is't dütsche Mannspflicht för sinen Vader, em dat so intauremsen, dat hei't sindag' nich vergett.

Ok in unsre Gegend swälte un smökte de Kahlenmiler, un de Franzosen röken't in de Luft; sei fäuhlten bi jeden Schritt un Tritt, dat de Bodden, up den sei marschierten, unner sei bäwern ded as 'ne Ruhrplag: sei müßten erfohren, dat de süs so demäudigen Beamten un Magistratspersonen anfungen, sick tau winnen un tau strüben un katthorig tau warden, sei segen, dat Börger un Bur unnod worden was, un sei läden ehr Hand sworer up dat Land. Dat was nu nich dat Middel, den upsternatschen Sinn sachter tau stimmen, dat Volk würd ümmer wedderhoriger; de Befehle von un för de Franzosen würden mit Afsicht falsch verstahn; wat süs glatt gahn was, würd nu 'ne Tüderi. Tag as en Reimen wehrte sick dat Volk mit Listen allerlei Ort, un de Franzosen, de woll marken müggten, dat ehr Regiment hir bald sin Endschaft hadd, nemen, wat sei mit de Tähnen dorvon wegtrecken können, denn de Soldat wüßt, dat sin Offizierers dat nich beter makten.
(Fritz Reuter: Ut de Franzosentid, Kapitel 11)

Liebesszenen (Literatur des 19. Jh.)

Sei seten nu all, blot Hinrich nich. »Hinrich«, säd Möller Voß, »wo? Du wardst jo doch woll up dinen eigen Wagen tau sitten kamen! Fiken, rück bet ran un mak den Vedder Platz.« – Äwer Hinrich led dat nich, hei slog Fiken de Pirddeck üm de Fäut un säd: hei wull gahn. Hei gung, un as hei nu so gung un hir äwer'n Graben sprung un denn wedder taurügg, ümmer vörup, dat hei Fiken in de Ogen kiken kunn, säd Möller Voß: »Herr Ratsherr, 't is min Vedder, Jochen Vossen sin Sähn; is't nich en schiren Kirl?« – Un Ratsherr Hers' säd: »Dat is hei, Möller; hei's en smucken Kirl.« – Un Bäcker Witt säd: »Hei's en dägten Kirl.« – Fiken säd nicks; äwer sei dacht: »Hei's en gauden Kirl un en trugen Kirl«, un sei hadd möglicher Wis' noch mihr von em dacht, äwer Hinrich stunn mit einmal bi ehr un kek ehr so fründlich an un frog, ob ehr ok friren ded, dunn was dat mit dat Denken vörbi, un sei gaww em de Hand: »Fat mi blot an, ick bün ganz warm.« (Fritz Reuter: Ut de Franzosentid 15. Kapitel)

»Und ich habe schöne Jungfrauen und Mädchen vor dir gesehen, und keine war mir lieb«, sagte Witiko.
»Siehst du?« sprach Bertha.
»Und weil ich dir lieb war, hast du mit mir geredet?« fragte Witiko.
»Weil du mir lieb warst, habe ich mit dir geredet«, antwortete Bertha.
»Und weil ich dir lieb war, bist du mit mir zu den Sitzsteinen an den Ahornen gegangen?« fragte Witiko.
»Weil du mir lieb warst, bin ich mit dir zu den Sitzsteinen an den Ahornen gegangen«, antwortete Bertha.
»Und bist neben mir auf den Steinen gesessen«, sagte Witiko.
»Und bin neben dir auf den Steinen gesessen«, sprach Bertha.
»Und mir bist du so lieb gewesen«, sagte Witiko, »daß ich immer bei dir hätte sitzen, und immer mit dir hätte reden mögen. Du bist heute wie damals gekleidet, Bertha.«
»Es ist das nämliche Gewand, welches ich an jenem Sonntage an gehabt hatte«, antwortete Bertha, »nur das schwarze Röcklein ist mir ein wenig kürzer geworden.«
»Mir ist alles wie in jener Zeit«, sagte Witiko. [...]
Da sie bei den Steinen angekommen waren, sagte Witiko: »Bertha, setze dich nieder.«
»Ich bin auf diesem gesessen«, sagte Bertha.
»So setze dich wieder auf ihn«, sprach Witiko.
Sie tat es.
»Und ich bin neben dir auf diesem gesessen«, sagte Witiko, »er ist niederer, und ich setze mich wieder auf ihn.«
Er tat es.
»Siehst du, Bertha«, sagte er, »unsere Angesichter sind nun wieder in gleicher Höhe, wie damals, da ich dich angeblickt hatte, und da du mich angeblickt hattest.«
»Bist du größer geworden, Witiko?« fragte Bertha.
»Es muß ein wenig sein«, antwortete Witiko, »da ich dir hier wieder gleich bin, und da du gesagt hast, daß dir dein Röcklein kürzer geworden ist. Mein Lederkleid dehnt sich.«
»Und so wie damals ragt dein Schwert in die niedreren Steine«, sagte Bertha, »und in den nämlichen Gewändern sitzen wir hier wie vor sechs Jahren.«
»Nur die Bäume, die jenseits der hellen Wiese stehen, an deren Rande wir sitzen«, sprach Witiko, »glänzen nun im Sonnenscheine, da sie damals im Schatten waren, und die Blätter der Ahorne über uns sind dunkel, die damals geschimmert hatten.« 
(Adalbert Stifter: Witiko)

An dieser Stelle sah ich jetzt, daß mir eine Gestalt, welche mir früher durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte, entgegen kam, welche die Gestalt Nataliens war. [...]
»Es ist recht schön«, sprach sie, »daß wir gleichzeitig einen Weg gehen, den ich heute schon einmal gehen wollte, und den ich jetzt wirklich gehe.«
»Wie habt ihr denn die Nacht zugebracht, Natalie?« fragte ich. »Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden«, antwortete sie, »dann kam er doch in sehr leichter, flüchtiger Gestalt. Ich erwachte bald und stand auf. Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis über die Felderanhöhe fortsetzen; aber ich hatte ein Kleid angezogen, welches zu einem Gange außer dem Hause nicht tauglich war. Ich mußte mich daher später umkleiden und ging jetzt heraus, um die Morgenluft zu genießen.« [...]
Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin, an einem Baumstamme nach dem andern vorüber, und die Schatten, welche die Bäume auf den Weg warfen, und die Lichter, welche die Sonne dazwischen legte, wichen hinter uns zurück. Anfangs sprachen wir gar nicht, dann aber sagte Natalie: »Und habt ihr die Nacht in Ruhe und Wohlsein zugebracht?« »Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden; aber ich habe es nicht unangenehm empfunden«, entgegnete ich, »die Fenster meiner Wohnung, welche mir eure Mutter so freundlich hatte einrichten lassen, gehen in das Freie, ein großer Teil des Sternenhimmels sah zu mir herein. Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet. Am Morgen stand ich frühe auf, und da ich glaubte, daß ich niemand in dem Schlosse mehr stören würde, ging ich in das Freie, um die milde Luft zu genießen.«
»Es ist ein eigenes erquickendes Labsal, die reine Luft des heiteren Sommers zu atmen«, erwiderte sie. »Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat«, antwortete ich.
(Adalbert Stifter: Der Nachsommer, Die Entfaltung)

Und nun begann ein Jagen und Haschen, bei dem Lene wirklich nicht gefangen werden konnte, bis sie zuletzt vor Lachen und Aufregung so abgeäschert war, daß sie sich hinter die stattliche Frau Dörr flüchtete.
»Nun hab' ich meinen Baum«, lachte sie, »nun kriegst du mich erst recht nicht.« Und dabei hielt sie sich an Frau Dörrs etwas abstehender Schoßjacke fest und schob die gute Frau so geschickt nach rechts und links, daß sie sich eine Zeitlang mit Hilfe derselben deckte. Plötzlich aber war Botho neben ihr, hielt sie fest und gab ihr einen Kuß.
»Das ist gegen die Regel; wir haben nichts ausgemacht.« Aber trotz solcher Abweisung hing sie sich doch an seinen Arm und kommandierte, während sie die Gardeschnarrstimme nachahmte: »Parademarsch... frei weg« und ergötzte sich an den bewundernden und nicht endenwollenden Ausrufen, womit die gute Frau Dörr das Spiel begleitete.
»Is es zu glauben?« sagte diese. »Nein, es is nich zu glauben. Un immer so un nie anders. Un wenn ich denn an meinen denke! Nicht zu glauben, sag' ich. Un war doch auch einer. Un tat auch immer so.«
»Was meint sie nur?« fragte Botho leise.
»Oh, sie denkt wieder... Aber, du weißt ja... Ich habe dir ja davon erzählt.«
»Ah, das ist es. Der. Nun, er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein.«
»Wer weiß. Zuletzt ist einer wie der andere.«
»Meinst du?«
»Nein.« Und dabei schüttelte sie den Kopf, und in ihrem Auge lag etwas von Weichheit und Rührung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen und sagte deshalb rasch: »Singen wir, Frau Dörr. Singen wir. Aber was?«
»Morgenrot...«
»Nein, das nicht... ›Morgen in das kühle Grab‹, das ist mir zu traurig. Nein, singen wir ›Übers Jahr, übers Jahr‹, oder noch lieber ›Denkst du daran‹.«
»Ja, das is recht, das is schön; das is mein Leib- und Magenlied.«
Und mit gut eingeübter Stimme sangen alle drei das Lieblingslied der Frau Dörr, und man war schon bis in die Nähe der Gärtnerei gekommen, als es noch immer über das Feld hinklang: »Ich denke dran... ich danke dir mein Leben« und dann von der andren Wegseite her, wo die lange Reihe der Schuppen und Remisen stand, im Echo widerhallte.
Die Dörr war überglücklich. Aber Lene und Botho waren ernst geworden.
(Theodor Fontane: Irrungen Wirrungen)

Gehe ich recht in der Annahme, dass sich Schriftsteller des 19. Jahrhunderts auf die Kunst der Aussparung verstanden, auch wenn sie viele Worte machten?

Äwer in twei Harten funn de Sorg' keinen Platz, dor was de Leiw' inkihrt mit ehren Hofstaat von heimliche Wünsch un Hoffnung un Vertrugen, un de heimlichen Wünsch lepen as flinke Brutjumfern dörch't ganze Hus un all sin Kamern, rümten up, wat in den Weg stunn, un wischten den Stoff von den Disch un von de Bänk un putzten de Finstern, dat ein wid rut seihn kunn in't schöne Lewensland, un deckten den Disch in den hellen Saal un makten dat Bedd in de stille Kamer un hüngen frische Kränz' von Low un Blaumen äwer Dör un Finster un an de Wand de buntsten Biller. Un de Hoffnung stek ehre dusend Lichter an un set't sick dunn heimlich still in de Eck, as wir sei't gor nich west, as hadd't ehr Steifswester dahn, de Würklichkeit; un dat Vertrugen stunn an de Dör un let keinen rin, de kein Hochtidskled anhadd, un säd tau de Sorg', as sei nah Fiken frog: »Gah din Weg', de oll Möller danzt up uns' Hochtid«, un säd tau dat Bedenken, as dat nah Hinrichen frog: »Gah din Weg', 't is allens in Richtigkeit.«
(Fritz Reuter: Ut de Franzosentid 15. Kapitel)

Hier spricht Reuter einmal von den Gefühlen seiner Personen - während er sonst fast nur die äußere Handlung vorträgt und Gefühle nur erschließen lässt. Aber er spricht durchweg in Bildern. So bleibt es im Grunde wieder nur bei recht indirekten Anspielungen auf die "heimliche Wünsch".

»In jenen Monaten bat jemand, der Ihnen von Herzen ergeben ist und der gern sein Leben für Sie hingeben würde, durch Ihren Vater, daß Sie ihm Ihr Vertrauen gewähren.«
»Dem Mitgefühl des Arztes hatte ich nichts zu vertrauen«, antwortete Henriette stolz, »und einem Manne, an dessen Freundschaft ich gern dachte, sah ich bei der Begegnung an seinen Augen an, daß für ihn das Mädchen, welches die fremden Soldaten an sich gerissen hatten, nicht mehr denselben Wert hatte wie das unschuldige Pfarrkind, das ihm die Kleeblätter pflückte.«
»Henriette!« rief der Mann wieder – »zu dem Leid, das ich trage, fügen Sie ein neues, wenn Sie mich so grausam verkennen. Da ich Sie zuerst sah, wurde ich Ihnen gut, wie ich noch keinem Weibe gewesen, es war in meinem einsamen Leben die erste Liebe, und ich war selig, wenn ich an Sie dachte und mich an Ihre Seite. Da kam die Erzählung des Vaters; aus seinen Worten klang vieles, was mir wie Grabgeläut meines stillen Wunsches erschien. Welches Recht hatte ich auf Ihre Neigung? Was wußte ich davon? Sie hatten sich mir herzlich zugeneigt in froher Stunde, aber zweifelnd fragte ich mich, welchen Wert meine Liebe für Sie haben könne; und die Antwort, die ich mir selbst gab, war: daß ich noch wenig für Ihr Herz bedeuten konnte. Als ich von dem letzten Besuch nach Hause kam, habe ich mit dem Gedanken gerungen, ob ich es wagen dürfe, Ihnen zu schreiben und Sie von meiner Leidenschaft zu unterhalten. Ich war mutlos, Henriette, denn nicht ich hatte Sie an dem Schurken gerächt. Seitdem erst habe ich selbst erkannt, wie heiß und stark das Gefühl ist, das ich in mir herumtrage. Lassen Sie sich gefallen, daß ich Ihnen dies heut sage: Fürchterlich und unerträglich ist mir der Gedanke, daß Sie mir fremd werden können.«
Sie saß aufgerichtet im Kahne und zwang sich, fest zu scheinen, aber die Tränen rollten von ihren Augen.
»Ich wage in dieser Stunde nicht davon zu reden«, fuhr der Liebende fort, »was geschehen muß, um die Last einer unmenschlichen Verpflichtung von Ihnen zu nehmen. Vielleicht vermag ich dies, aber nur mit Ihrer Hilfe. Und darum flehe ich nur um das eine: daß Sie sich meine stille Verehrung gefallen lassen und daß Sie zuweilen daran denken, wie in Ihrer Nähe ein Mann lebt, dem Ihr Glück weit teurer ist als sein Leben, und dessen höchster Lebenswunsch ist, Ihre Liebe und Ihre Hand für sich zu erringen.«
Sie bewegte abweisend das Haupt, als sie traurig sagte: »Es ist an meinem Unglück genug; vergessen Sie mich.« Aber als sie ihn einen Augenblick ansah, drang ein heller Strahl ihm in die Seele. Dann blickte sie wieder abwärts und weinte still vor sich hin, er [1266] aber bewegte leise das Ruder und führte den Kahn dem Lande zu, wo die Hausfrau sie bereits erwartete.
(Gustav Freytag: Die Ahnen. Aus einer kleinen Stadt. Kapitel: Die Begegnung, S.1265f.)

Geschildert wird eine ungewöhnliche Konstellation - ich frage mich, was Jane Austen daraus gemacht hätte. Aber hier bleibt alles konventionell.


"Sie standen an einem Garbenhaufen. Ilse bog einige Aehrenbündel zum Sitz zurecht und sah über die Felder nach den fernen Bergen.
»So ist's mit uns gerade umgekehrt und anders, als man denken sollte,« begann sie nach einer Weile, »wir sind hier wie die Vögel, die Jahr aus, Jahr ein lustig mit den Flügeln schlagen, Sie aber denken und sorgen um andere Zeiten und andere Menschen, die lange vor uns waren; Ihnen ist das Fremde so vertraut, wie uns der Aufgang der Sonne und die Sternbilder. Und wie Ihnen wehmüthig ist, daß der Sommer endet, ebenso wird es mir schmerzlich, wenn ich einmal von vergangener Zeit höre und lese, und am traurigsten machen mich die Geschichtsbücher. So viel Unglück auf Erden, und gerade die Guten nehmen so oft ein Ende mit Leid. Ich werde dann vermessen und frage, warum hat der liebe Gott das so gewollt? Und es ist wohl recht thöricht, wenn ich das sage, ich lese deshalb nicht gern in der Geschichte.«
»Diese Stimmung begreife ich,« erwiederte der Professor. »Denn wo die Menschen ihren Willen durchzusetzen streben gegen ihr Volk und gegen ihre Zeit, werden sie am Ende fast immer als die Schwächeren widerlegt; auch was der Stärkste etwa siegreich durchsetzt, hat keinen ewigen Bestand. Und wie die Menschen und ihre Werke, vergehen auch die Völker. [...]

Viel Schwaches, viel Verdorbenes und Absterbendes umgibt uns, aber dazwischen wächst eine unendliche Fülle von junger Kraft herauf. Wurzeln und Stamm unseres Volkslebens sind gesund. Innigkeit in der Familie, Ehrfurcht vor Sitte und Recht, harte, aber tüchtige Arbeit, kräftige Rührigkeit auf jedem Gebiet. In vielen Tausenden das Bewußtsein, daß sie ihre Volkskraft steigern, in Millionen, die noch zurückgeblieben sind, die Empfindung, daß auch sie zu ringen haben nach unserer Bildung. Das ist uns Modernen Freude und Ehre, das hilft wacker und stolz machen. Und wir wissen wohl, die frohe Empfindung dieses Besitzes kann auch uns einmal getrübt werden, denn jeder Nation kommen zeitweise Störungen ihrer Entwicklung, aber das Gedeihen ist nicht zu ertöten und nicht auf die Dauer zurückzuhalten, solange diese letzten Bürgschaften der Kraft und Gesundheit vorhanden sind. Deshalb ist jetzt auch glücklich, wer den Beruf hat, längst Vergangenes zu durchsuchen, denn er blickt von der gesunden Luft der Höhe hinab in die dunkle Tiefe.«
Ilse sah hingerissen in das Antlitz des Mannes; er aber bog sich über die Garbe, welche zwischen ihm und ihr lehnte, und fuhr begeistert fort: »Jeder von uns holt aus dem Kreise seiner persönlichen Erfahrungen Urtheil und Stimmung, welche er bei Betrachtung großer Weltverhältnisse verwendet. Blicken Sie um sich her auf die lachende Sommerlandschaft, dort in der Ferne auf die thätigen Menschen, und was Ihrem Herzen näher liegt, auf Ihr eigenes Haus und den Kreis, in dem Sie aufgewachsen sind. So mild das Licht, so warm das Herz, verständig, gut und treu der Sinn der Menschen, die Sie umgeben. Und denken Sie, welchen Werth auch für mich hat, das zu sehen und an Ihrer Seite zu genießen. Und wenn ich über meinen Büchern recht innig empfinde, wie wacker und tüchtig das Leben meines Volkes ist, welches mich umgibt, so werde ich fortan auch Ihnen zu danken haben.« Er streckte seine Hand aus über die Garben, Ilse faßte sie, hielt sie mit beiden Händen fest, und eine warme Thräne fiel darauf. So sah sie mit feuchten Augen zu ihm hin, eine ganze Welt von Seligkeit lag in ihrem Antlitz. Allmählich ergoß sich ein helles Roth über ihre Wangen, sie stand auf, noch ein Blick voll hingebender Zärtlichkeit fiel auf ihn, dann schritt sie flüchtig von ihm abwärts, den Rain entlang. [...]
Der ihr so groß gegenüberstand, er hatte sich zu ihr hinabgeneigt, sie hatte seinen warmen Atem, den schnellen Druck seiner Hand gefühlt. Als sie dahinging durch das Feld, strömte ihr die Glut in die Wangen, und was sie umgab, Erde und Himmel, Flur und sonniger Waldessaum, das floß vor ihr in leuchtende Wolken zusammen. Mit beflügeltem Fuß eilte sie hinab in den Waldgrund, wo das Baumlaub sie umhüllte. Jetzt erst fühlte sie sich allein, und ohne es zu wissen, faßte sie einen schlanken Birkenstamm und schüttelte ihn mit voller Kraft, daß der Baum laut rauschte und seine Blätter auf sie herabstreute. Und sie hob die Hände zu dem goldenen Licht des Himmels und warf sich nieder auf den Moosgrund. In heftigen Atemzügen hob sich ihre Brust und die kräftigen Glieder zuckten von der inneren Erregung. Wie vom Himmel herab war die Leidenschaft in das junge Weib gesunken und faßte ihr Leib und Seele mit unwiderstehlicher Gewalt."
(Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift, 1. Teil, S.156-164)

Während die Liebesszene in den "Ahnen" konventionell wirkt, wirkt die aus Freytags "Die verlorene Handschrift" auf mich unecht. Ein Professor redet auf die Tochter eines Landwirts ein, die ihrem Vater den Haushalt führt. Er tut es in langen recht abstrakten - von mir erheblich gekürzten - Ausführungen und rührt sie damit zu Tränen. Als dann noch ihre "kräftigen Glieder zuckten von der inneren Erregung" und die Leidenschaft in sie "wie vom Himmel herab" in sie sank, fühlte ich mich endgültig im Trivialroman angekommen.

Zum Vergleich eine Liebesszene aus dem 18. Jahrhundert:


Ja, dann brach sein überfülltes Herz entzwei. – Dann quollen alle mit alten Tränen vollgegossenen Tiefen seiner Seele auf und hoben aus den Wurzeln sein schwimmendes Herz, und er sank vor Klotilden nieder, glänzend in himmlischer Liebe und rinnendem Schmerz – von der Tugend überflammt – vom Mondenlicht verklärt – mit der treuen erliegenden Brust, mit den überhüllten Augen, und die zerrinnende Stimme konnte nur die Worte sagen: »Engel des Himmels! endlich bricht vor dir das[957] Herz, das dich unaussprechlich liebt – o ich habe ja lange geschwiegen. – Nein, du edle Gestalt weichest nie aus meiner Seele. – O Seele vom Himmel, warum haben deine Leiden und deine Güte und alles, was du bist, mir eine ewige Liebe gegeben, und keine Hoffnung und einen ewigen Schmerz?« – Von ihm weggebogen lag ihr erschrocknes Angesicht in ihrer rechten Hand, und die linke deckte nur die Augen, aber nicht die Tränen zu. Ein sterbender Laut flehete ihn an, aufzustehen. Man hörte den zweiten Schlitten von ferne. – »Unvergeßliche! ich martere Sie, aber ich bleibe, bis Sie mir ein Zeichen der Vergebung geben.« – Sie reichte ihm die linke Hand hinaus, und ein heiliges Angesicht voll Rührung wurde aufgedeckt. Er preßte die warme Hand an sein flammendes Angesicht, in seine heißen Tränengüsse. Er fragte zitternd wieder: »O mein Fehler wird immer größer, werden Sie ihn denn ganz verzeihen?«...
Da verhüllte sie das errötende Angesicht in den verdoppelten Schleier und stammelte abgewandt: »Ach dann muß ich ihn teilen, edler Freund meines Lehrers.« – –
Seliger, seliger Mensch! nach diesem Wort bietet dir das ganze Erdenleben keinen größern Himmel an! Ruhe nun in stillem Entzücken mit dem überwältigten Angesicht auf der Engelhand, in die das edelste Herz das für die Tugend wallende Blut ausgießet! Weine alle deine Freudentränen auf die gute Hand, die dir sie gegeben hat! Und dann: wenn du es vermagst vor Entzücken oder vor Ehrfurcht, denn hebe dein reines glänzendes Auge auf und zeig ihr darin den Blick der erhabnen Liebe, den Blick der ewigen Liebe und der stummen und der seligen und der unaussprechlichen! –

Jean Paul: Hesperus, 3. Heftlein, 28. HundposttagS.956-957

19 März 2011

Eine Powerpointpräsentation von Buchrücken das Bildungsideal der Zukunft?

In der Kindheit das "Klassikerregal" mit einer einheitlichen Aufmachung aller bedeutenderer Autoren von Klopstock bis - ja, wo hörte die auf? Einige Romantiker jedenfalls hatten eine andere Aufmachung, freilich auch die einheitlich. Alles ohne bibliographische Angaben, ohne Register. Und so lasen die Kinder nicht nur im dreibändigen Lexikon (das 20 oder 25-bändige stand für die Kinder zu weit oben, hatte auch nicht das Glanzpapier und die schönen Bilder), sondern auch in "den Klassikern", was sich gerade so ergab. Immer waren es - freilich unvollständige - Gesamtausgaben, nicht gesammelte Werke. Der Anspruch der Ausgaben war, was nicht drin ist, zählt nicht.
Bücher, immer vorhanden, immer bereit, aber nur nach und nach erschließbar. Mit Liebe dann erste eigene Bücher. Mein Lektüretagebuch nennt als erste Titel "Burri", ein Wildesel, "James Cook, der Weltumsegler", "Tom Sawyer".
In der Jugend dann ein vorläufiges Verstehen. Im Studium Fach- und Taschenbücher.

Jetzt ein Zeitungsartikel mit der Überschrift "Bühne für Bücher", Unterüberschrift: "Zeig deine Bildung [...] für die Präsentation seiner Sammlung gibt es viele Möglichkeiten".
Präsentation?! Eine Powerpointpräsentation von Buchrücken das Bildungsideal der Zukunft?
Bücher "sammeln" wie Zigarettenbildchen und Briefmarken?
"In der Privatbibliothek spiegelt sich [...] die eigene Biografie. Diese will gut dargestellt sein [...]."

Nun denn, dann habe ich aufgrund der verschiedenen Formathöhen von Büchern und Regalfächern ein unordentliches Leben geführt. - Wie ordentlich ist ein Klassikerregal. Alles, was man lesen muss, in einheitlichem Format, einheitlicher Aufmachung.
Aber natürlich, es gibt eine Lesebiografie, und die spiegelt sich auch in den Büchern, die man nicht hergeben will. Doch wie viel nicht prägende Zufälligkeiten gibt es daneben.

13 März 2011

Goethes Wanderjahre aus Muschgs Sicht

Es ist sehr geistvoll, wie Adolf Muschg uns Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre vorstellt. Aufgrund ihrer offenen Form seien sie bereits die Meisterjahre, die  in der Folge von Lehr- und Wanderjahren dem Lebensbild Wilhelm Meisters noch fehlten. So schreibt er:
Die moderne Machart der "Wanderjahre" mag vom Autor her gesehen viel Unfreiwilliges haben. Ebenso ist sie [...] ein Zeugnis des Widerstands gegen ein oberflächliches Verständnis der Zeit. ( "Bis zum Durchsichtigen gebildet". Nachwort zu "Goethe Wilhelm Meisters Wanderjahre", Insel Taschenbuch Frankfurt 1982, S.522)
Das Motto "Die Entsagenden" deutet er im Sinne des Jesuswortes Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden. (Matthäus 10,39)
Passend dazu sieht er Goethe "die Kunst-Herrschaft über seine Figuren" aufgeben, um eine neue Kunst zu ermöglichen, die "dem Leser ein Repertoire zu eigenem Freiheitsgebrauch anbietet".
Sicher ist, dass Goethe seinen Lesern viel zugemutet hat und dass er den Wanderjahren "eine Art Unendlichkeit" wie dem Leben selbst zuschrieb und meinte, das Werk fordere, "daß jeder sich zueigne was ihm gemäß ist, was in seiner Lage zur Beherzigung aufrief und sich harmonisch wohltätig erweisen mochte".
Dem folgend werde ich bei meiner nächsten Lektüre dem Werk weniger Respekt als bei früheren Lektüren entgegenbringen und versuchen, ob sich mit dieser Freiheit mehr aneignen lässt.
Ich bin freilich durchaus nicht sicher, ob das gelingen wird.

(Zur Rezeption der Wanderjahre sieh Wikipedia.)

12 März 2011

Reuters Erzählerreflexion

Wenn einer 'ne Geschieht richtig vertellen will, denn möt hei 't grad so maken as de Häkers un de Pläugers, wenn s' en Acker bestellen, hei möt ümmer gradut haken, allens mitnemen un kein Balken stahn laten. Äwer wenn hei dit ok all befolgt, so bliwwt doch hir un dor en En'n liggen, un hei möt taurügg trecken un hir en Kiel utspitzen un dor 'ne Ahnwenning nahhalen. So geiht mi dat denn nu ok, ick möt en Strämel taurügg trecken un möt Herr Droin un Mamsell Westphalen ehr En'n heranholen, dormit ick wedder in eine Flucht weghaken kann.
Fritz Reuter: Ut de Franzosentid, 6. Kapitel

11 März 2011

Französisch-mecklenburgische Verständigung

Äwer, Herr Droi, dat is en swor Stück för mi, hir tau sitten as 'ne einsame Person un tautauhüren, wo de Stormwind üm dat Sloß rümme brus't, de Regen ankloppt an de Finstern, de Ulen schri'n un de Togwind dörch de Gäng' hult, as wiren de bösen Geister los. – Nu hüren S' blot, wat is dat wedder för en' Weder! – Herr Droi, Sei grugen sick woll gor nich?« – »Ah, nong«, seggt Herr Droi, sitt äwer still un horkt nah dat Weder rut un seggt endlich: »Attangdeh, dü Tonnähr!« – »Wat Pommdetähr?« fröggt Mamsell Westphalen, »wat hett dat Weder in dese Johrstid mit de Tüften tau dauhn?« – »Ick meinen nich die kleine Garßong mit die graue Jack, ick meinen« – un hei rückt mit den Finger krüz un quer in de Luft – »ick meinen der helle Szik-Szak mit Rumpel, Pumpel, Rattetetah.« – »Denn hewwen Sei recht, Herr Droi«, seggt Mamsell Westphalen, »denn bute geiht dat würklich: Rumpel, Pumpel, Rattetetah.« – »Ah«, seggt Herr Droi, »das sein deh Tambur, das sein meine Kamerad, die Grenadier«, un sprung up un marschiert up un dal mit de Borenmütz up den Kopp, denn hir was't hoch naug dortau, un stunn denn wedder still: »Hork! Sie marschier auf die Marsché, auf die Markt!« un »Hork! Das sein die grang Kanong, die swere Geßütz!« Un Mamsell Westphalen sitt dor un hett de Hän'n in den Schot un kickt em an un schüddelt den Kopp un seggt: »Wo dat doch einmal insitt! Hei 's süs en orndlich Minsch, üm wat stellt hei sick denn nu so wütig an? 't is as mit de ollen Fuhrlüd', wenn sei nich mihr führen känen, mägen sei noch ümmer klappen.«
Fritz Reuter: Ut de Franzosentid Kapittel 3

10 März 2011

Wie Wein und Uniform vor Marodeuren retten - Ut de Franzosentid

Erst mit seinen plattdeutschen Werken setzte Fritz Reuter sich als Schriftsteller durch. Die Kaltblütigkeit, wie hier der Gewalt der Vorteil abgerungen wird, wird durch die Volkssprache erst recht glaubwürdig.

Der Amtshauptmann wird von Franzosen unter Waffen bedroht:
Un as hei noch so rute kickt ut dat Finster, dunn ward dat buten so lewig up den Hof, un säben französche Schassürs riden in't Dur rin, un de ein stiggt af un binnt sin Pird an de Klink von Mamsell Westphalen ehren Häuhnerstall un geiht stracks rinne nah den ollen Herrn sin Stuw' un fangt dor an, em wat vör tau ßackerieren un mit de Arm tau fuchteln, wobi de oll Herr ganz ruhig stahn bliwwt un em ankickt. – As dat äwer düller ward un de Franzos' de Plämp blank treckt, geiht de oll Herr an de Klingel un röppt nah Fritz Sahlmannen, wat sin Klafakter (Kalfaktorwas un de lopenden Geschäfte besorgen müßt, un hei seggt: »Fritz«, seggt hei, »lop runne nah den Herrn Burmeister, ob hei nich glik en beten kamen wull, denn min Latin wir wedder mal tau En'n.«
Un Fritz Sahlmann kümmt nu dal nah minen Vader un seggt: »Herr Burmeister, kamen S' fixing ruppe nah't Sloß; dat geiht süs allmeindag nich gaud!« – »Wat is 'e denn los?« fröggt min Oll. – »Up den Sloßhof hollen söß entfahmtige französche Spitzbauwen-Schassürs, un wat de Öbberst von ehr is, de is binnen bi den ollen Herrn un hett allen Respekt vergeten un hett blank treckt un fackelt em mit de nackte Plämp vör de Ogen, un de oll Herr steiht vör em steidel in En'n un rüppelt un rögt sick nich, denn hei versteiht so vel von't Französch as de Kauh von'n Sünndag.« – »Dat wir der Deuwel!« seggt min Oll un sprung up, denn hei was en kräsigen resolvierten Mann, un Furcht hadd hei nich so vel as dat Swart' unner'n Nagel, un lep up't Sloß. [...]
Bürgermeister Reuter setzt Wein ein, um den französischen Offizier von seinen Forderungen abzulenken. Da der Franzose aber trinkfester ist als seine mecklenburgischen Gegenüber, muss ein Bauer kommen, um ihm Bescheid zu geben, bis er nicht mehr Herr seiner Sinne ist.
»Je, Herr, ick kam noch mal in min Sak.« – »Dor is hüt kein Tid dortau«, seggt de oll Herr, »denn Hei süht woll, in wat för Ümstän'n wi uns befinnen.« – Un min Vader röppt: »Min leiw' Voß, kam Hei her un dau Hei en christlich Wark un legg Hei sick dwars vör den Franzosen in't Geschirr un nehm Hei'n mal tau Protokoll, äwer scharp.« – Un Möller Voß kickt minen Ollen an un kickt den Herrn Amtshauptmann an un denkt sin Deil as jenne Kuhnhahn un seggt tau sick: up so'n Gerichtsdag bün 'ck noch nich west, find't sick äwer licht in de Sak.
Min Vader geiht nu an den Herrn Amtshauptmann ran un seggt: »Herr Amtshauptmann, dit is uns' Mann, de ward mit em farig, ick kenn em.« – »Schön«, seggt de oll Herr, »min Herzenskindting, wo warden wi äwer mit de söß Kirls hir buten up den Sloßplatz farig?« – »Dit is man so'ne Marodür- und Ströper-Ban'n«, seggt min Oll, »laten S' mi man minen Willen, ick mak sei grugen«; un hei röppt Fritz Sahlmannen un seggt: »Fritz, min Sähn, gah hinnen dörch den Sloßgoren, dat di keiner süht, un lop nah den Uhrkenmaker Droz, un hei süll stantepeh sin Unneform antrecken mit de langen swarten Stifeletten un de Borenmütz un Obergewehr un Unnergewehr un süll sick dörch de lütt gräun Purt dörch den Goren sliken bet unner dat Eckfinster, un denn süll hei hausten.«
Uhrmacher Droz hat noch eine französische Uniform aus seinen Tagen in Neuchâtel und kann daher den marodierenden Soldaten Angst einjagen.
Wat nu den Uhrkenmaker Droz anbedrapen deiht, so was hei von Geburt en Nöffschandeller, hadd vele Potentaten deint un ok de Franzosen un was nahsten in min Vaderstadt hacken blewen, indem dat hei 'ne Wittfru frigen ded. Sine französche Unneform hadd hei uphegt, un wenn hei des Abends in de Schummerstun'n tau'n Uhrenflicken nich mihr seihn kunn, denn treckt hei sick sin Mondierung an un gung ümmer in sin lütt Kamer up un dal; äwer in'n Horen, denn mit de Borenmütz gung't nich, de schrammt an'n Bähn. Un denn redte hei von »la grang Nationg« un »lö grang Amperör« un kommandierte dat ganze Batteljon un let rechts inswenken un links inhau'n, dat sick Fru un Kinner achter't Bedd verkröpen. Hei was äwer en gauden Mann un ded kein Kind wat, un Dags äwer lagg »la grang Nationg« in'n Kuffert, un hei flickte Uhren un puste un smerte sei un att meckelbörgsch Pölltüften un stippte sei in meckelbörgsch Speck.
Na, während des nu also de Uhrkenmaker sick de Stifeletten anknöpt un de Borenmütz upset't, satt Möller Voß mit den Franzosen tausam un let sick dat in den Herrn Amtshauptmannen sinen Rotwin sur warden, un de Franzos' stödd mit den Möller an un säd: »A Wuh!«, un de Möller namm denn sin Glas, drunk un säd: »Na nu!«, un denn stödd de Möller wedder mit den Franzosen an, un de Franzos' bedankte sick un säd: »Serwitör!«, un de Möller drunk denn ok un säd: »Sett en vör de Dör!«, un so redten sei französch mit enanner un drunken. [...]

Todenhöfer: Teile dein Glück ...

und du veränderst die Welt

Besprechung in FAZnet.de und Leseprobe

Leseprobe

Nach einem ersten Eindruck möchte ich auf das Buch von Jürgen Todenhöfer aufmerksam machen.
Eine feste Meinung habe ich mir noch nicht gebildet.

08 März 2011

Müller: Der Fuchs war damals schon der Jäger

Als wir in dem Dorf ankamen, war kein Mensch auf der Straße. In allen Fenstern standen Weihnachtsbäume. Ihre Äste waren so dicht an die Scheiben gedrückt, daß man die einzelnen Nadeln sah, als wären sie für die Gehenden draußen und nicht für die Leute im Haus. [...] Meine Mutter merkte das nicht. Ich trug die Bäume allein von einem Fenster zum anderen. [...]
Der Jäger legte den Fuchs auf den Tisch und strich ihm das Haar glatt. Er sagte, auf Füchse schießt man icht, Füchse gehen in die Falle. Sein Haar und sein Bart und seine Haare auf den Händen waren rot wie der Fuchs. Auch seine Wangen. Der Fuchs war damals schon der Jäger.
Herta Müller sucht die Sprache, die zum Geschehen passt. Die Securitate ist mir fremd. Kein Wunder, dass die aussparende Sprache mir vieles nicht sagt, was ich zum Verständnis brauchte.
Es ist keine "gesuchte" Sprache im gängigen Sinne, keine Sprache, wie man sie in Literatur, die modern sein will, findet. Sie ist gesucht und gefunden. Nur nicht für mich.

Rezensionen:
Protokoll eines Seelenterrors (bei litde.com)
readers edition
Noch etwas zur Sprache. In der ZEIT-Beilage zum 3.3.2011 wird ihr Text aus der Ausgabe vom 3.1.1986 wieder zitiert, den sie schrieb, als sie aus Rumänien nicht zu einer Jurysitzung nach Bremen fahren durfte. Darin heißt es u.a.:
Wer zwischen Menschen geht, der hat den Eigensinn, als wär der Tag in ihm. Der hat sich Tag um Tag und neben Jahren her ein Leben.
Mein Knöchel hält sich an der Straße fest. So ist unter der Sohle noch ein Schuh. [...]
Und wenn ich reden könnte, flüstern, sagen, schrein. Und wenn ich rufen könnte, winken, schweigen, schaun. Was würde sich, wenn ich mich tragen könnte, unterm Knöchel ändern und nicht noch einmal derselbe Schuh für meinen Körper sein.
So sucht sie, mit ihrer Sprache sich zu tragen wie das Kind die Weihnachtsbäume.