22 Juli 2015

Nachruf für E.L. DOCTOROW

Kleists einziger Schüler von Hans Hütt, ZEIT, 22.7.15

"In seinen Romanen erschuf E.L. Doctorow eine eigene Zeitrechnung. Das Schreiben selbst empfand er als sozial akzeptierte Variante der Schizophrenie."
zu unterscheiden von: Cory Doctorow, von dem ich Little Brother mit Interesse gelesen habe.
Zitat der Wikipedia dazu:
"Cory Doctorow hat dieses Werk unter der Creative-Commons-Lizenz Attribution-Noncommercial-ShareAlike (CC-BY-NC-SA) veröffentlicht,[1] die es jedermann erlaubt, das Werk frei zu verbreiten und zu bearbeiten, solange dies nicht kommerziell geschieht und Bearbeitungen unter der gleichen Lizenz weitergegeben werden."

Ich habe sie noch vor kurzem verwechselt, so erstaunlich das klingen mag. 

18 Juli 2015

Byzanz und seine Nachbarn

"[...] die offiziellen Rechenschaftsberichte des Kalifats wurden bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts in Griechisch abgefaßt." (Runciman: Byzanz, S.355)

15 Juli 2015

Dave Eggers: DER CIRCLE

Der Roman ist 2013 auf Englisch erschienen, 2014 auf Deutsch herausgekommen und schildert Zustände, wie sie sich bei einer Verlängerung heutiger Entwicklung von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken in der Zukunft ergeben könnten. 
Ähnlichkeiten des Handlungsaufbaus ergeben sich mit den Dystopie1984, Schöne neue Welt, Corpus Delicti

Die Heldin heißt Mae. Der Inhalt ist in den Worten der Wikipedia der folgende:

"Mit Unterstützung ihrer Freundin Annie, die bereits einen einflussreichen Posten in der Firma hat, bekommt die 24-jährige Mae Holland einen Job bei dem weltweit dominierenden Internet-Unternehmen Circle. Das kalifornische Unternehmen hat die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter übernommen und will die gesamte Bevölkerung mit jeweils einer einzigen Internetidentität ausstatten, was zur umfassenden sozialen Kontrolle führen soll. Mae wird schnell zur Vorzeigemitarbeiterin, antizipiert die Pläne des Unternehmens und lebt die vollständige Transparenz vor. Sie wird zur Ideengeberin für die Unternehmensspitze, hat aber auch gegen Widerstände aus ihrer Familie, von ihrem Ex-Freund und von einem mysteriösen Fremden zu kämpfen."

Recht realistisch dargestellt empfinde ich als Teilnehmer sozialer Netzwerke, Blogger und Autor von Wikiartikeln die große Bedeutung, die Mae der Aufmerksamkeit zumisst, die sie erhält. Wenn innerhalb von Minuten die Zuschauerzahlen um mehrere Zehntausend anwachsen, schmeichelt das ihrem Ego. Umso mehr trifft es sie, wenn zwar 97% der Befragten sie großartig nennen, aber 968 ihr dies Prädikat verweigern. 
Da jeder diese Zahlen überprüfen kann, gewinnt sie durch ihre Popularität Macht, behält aber ein labiles Selbstbewusstsein. 
So bleibt es unklar, wofür sie sich entscheiden wird, als ihr plötzlich die Verantwortung für den Fortbestand des Circle in die Hand gelegt wird. 
Am Schluss bleibt offen, ob sie ihr Ziel erreicht hat.

Aus meiner Sicht ist der Roman eine lohnende Lektüre, nicht nur für leidenschaftliche Internetfreaks oder Internethasser, auch wenn die deutsche Übersetzung nicht immer ganz geglückt ist. "Sharing is caring" ist mit "Teilen ist Heilen" eben nicht treffend genug wiedergegeben.




12 Juli 2015

Aus Karl Mays Einleitung seiner Bücher zu Winnetou

Wenn man an Karl Mays Verherrlichung seines Helden Winnetou denkt, fallen einem gewiss nicht als erstes die Türken, Krankheit und Sterben ein, und doch handelt Mays Einleitung zunächst ganz wesentlich davon:
Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein; dies hat, so sonderbar es erscheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Punkte des Vergleichs geben, sie sind einander ähnlich in dem einen, daß man mit ihnen, allerdings mit dem Einen weniger als mit dem Andern, abgeschlossen hat: Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem ›kranken Mann‹, während Jeder, der die Verhältnisse kennt, den Indianer als den ›sterbenden Mann‹ bezeichnen muß. Ja, die rote Nation liegt im Sterben! Vom Feuerlande bis weit über die nordamerikanischen Seen hinauf liegt der riesige Patient ausgestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksale, welches kein Erbarmen kennt. Er hat sich mit allen Kräften gegen dasselbe gesträubt, doch vergeblich; seine Kräfte sind mehr und mehr geschwunden; er hat nur noch wenige Atemzüge zu tun, und die Zuckungen, die von Zeit zu Zeit seinen nackten Körper bewegen, sind die Konvulsionen, welche die Nähe des Todes verkündigen. Ist er schuld an diesem seinem frühen Ende? Hat er es verdient? Wenn es richtig ist, daß alles, was lebt, zum Leben berechtigt ist, und dies sich ebenso auf die Gesamtheit wie auf das Einzelwesen bezieht, so besitzt der Rote das Recht zu existieren, nicht weniger als der Weiße und darf wohl Anspruch erheben auf die Befugnis, sich in sozialer, in staatlicher Beziehung nach seiner Individualität zu entwickeln. Da behauptet man nun freilich, der Indianer besitze nicht die notwendigen staatenbildenden Eigenschaften. Ist das wahr? Ich sage: nein! will aber keine Behauptungen aufstellen, da es nicht meine Absicht ist, eine hierauf bezügliche gelehrte Abhandlung zu schreiben. Der Weiße fand Zeit, sich naturgemäß zu entwickeln; er hat sich nach und nach vom Jäger zum Hirten, von da zum Ackerbauer und Industriellen entwickelt; darüber sind viele Jahrhunderte vergangen; der Rote aber hat diese Zeit nicht gefunden, denn sie wurde ihm nicht gewährt. Er soll von der ersten und untersten Stufe, also als Jäger, einen Riesensprung nach der obersten machen, und man hat, als man dieses Verlangen an ihn stellte, nicht bedacht, daß er da zum Falle kommen und sich lebensgefährlich verletzen muß. [...]
Es war nicht nur eine gastliche Aufnahme, sondern eine beinahe göttliche Verehrung, welche die ersten ›Bleichgesichter‹ bei den Indsmen fanden. Welcher Lohn ist den Letzteren dafür geworden? Ganz unstreitig gehörte diesen das Land, welches sie bewohnten; es wurde ihnen genommen. Welche Ströme Blutes dabei geflossen und welche Grausamkeiten vorgekommen sind, das weiß ein Jeder, der die Geschichte der ›berühmten‹ Conquistadores gelesen hat. Nach dem Vorbilde derselben ist dann später weiter verfahren worden. Der Weiße kam mit süßen Worten auf den Lippen, aber zugleich mit dem geschärften Messer im Gürtel und dem geladenen Gewehre in der Hand. Er versprach Liebe und Frieden und gab Haß und Blut. Der Rote mußte weichen, Schritt um Schritt, immer weiter zurück. Von Zeit zu Zeit gewährleistete man ihm ›ewige‹ Rechte auf ›sein‹ Territorium, jagte ihn aber schon nach kurzer Zeit wieder aus demselben hinaus, weiter, immer weiter.

"Der Weiße fand Zeit, sich naturgemäß zu entwickeln; er hat sich nach und nach vom Jäger zum Hirten, von da zum Ackerbauer und Industriellen entwickelt; darüber sind viele Jahrhunderte vergangen; der Rote aber hat diese Zeit nicht gefunden, denn sie wurde ihm nicht gewährt."
Was Karl May hier dem rassistischen Überlegenheitsgefühl der Zeit des Imperialismus entgegenhält, darf man durchaus auch auf andere Bereiche beziehen, wo wir in Europa uns anderen gegenüber überlegen fühlen: Gönnen wir anderen die Zeit, sich zu entwickeln, oder tun wir so, als müssten sie alle mit einem "Riesensprung" das erreichen können, wofür unsere Vorfahren Jahrzehnte und Jahrhunderte gebraucht haben und was wir uns - unbedacht - als unseren eigenen Vorzug anrechnen.

10 Juli 2015

Gedichte





Das ästhetische Wiesel


Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tat's um des Reimes willen.


Fisches Nachtgesang
       -
    U U
    - - -
U U U U
    - - -
U U U U 
    - - -
U U U U
    - - -
U U U U 
    - - -
    U U
       -



08 Juli 2015

In der Leihbibliothek

Die Karl Achtermannsche Leihbibliothek gehört nicht zu den ersten der Stadt. In einer verhältnismäßig engen und wenig belebten Nebenstraße belegen, macht sie nicht den geringsten Anspruch auf äußerliche Eleganz, polierte Ladentische und Bücherbretter, Plüschsessel und Büsten berühmter Unterhaltungsschriftsteller vom alten Homer bis zum jüngsten – dem jüngsten – nun ja, lassen auch wir den Platz offen und allen noch mitstrebenden Kollegen die Gelegenheit, sich in Gips oder Biskuit an die Wand hinzuimaginieren!
»Einen recht schönen Sokrates hatte ich da oben; aber geschrieben hat der Mann ja eigentlich gar nichts, und als er vor anderthalb Jahren nächtlicherweile mit Nagel und Konsole herunterkam, habe ich es noch für ein Glück halten müssen, daß er das Attentat nicht bei Tage verübte und mir auf den Kopf fiel. Die augenblicklich beliebten Autoren von beiden Geschlechtern halte ich mir immer der Bequemlichkeit wegen handgerecht; und jetzt, bitte, kommen Sie einmal selbst hier hinter den Ladentisch und sehen Sie selber, in was für einer literarhistorischen Gefahr ich geschwebt habe. Er hing gerade drüber«, sagte mir der alte Achtermann; ich aber hatte ihm sogar noch dankbar dafür zu sein, daß er hinzufügte:
»Sie stehen dort auf der andern Seite, und darüber ist auch noch ein recht hübscher Platz, wenn es sich einmal wieder so macht, daß ich etwas für die Verschönerung des Lokals tun kann.« –
Leihbibliothek
von
Karl Achtermann
stand in halb verwischten Buchstaben über der Glastür, die auf die Straße hinausführte, und lud seit fast einem Menschenalter die Vorbeiwandelnden ein, billigst ihre laufenden geistigen Bedürfnisse zu befriedigen. Und – gottlob! – ein ziemlich anständiger Teil der Bevölkerung folgte der Einladung sogar »im Abonnement« – da war's noch billiger, abgesehen davon, daß der alte Achtermann dabei denn doch auch genauer wußte, wie er dran war. Ganz umsonst können es die Musen leider immer noch nicht tun; aber das muß man ihnen lassen, Rücksichten nehmen sie, und so billig wie die deutsche Nation ist noch keine andere auf Gottes Erdboden zu dem Rufe eines Kulturvolkes gekommen! So weit unsere Einsicht in die Sachlage reicht, ist Arthur Schopenhauer der allereinzige auf germanischem Geistesgebiete gewesen, dessen Freunde und gute Bekannte es nicht möglich machen konnten, seine Werke leihweise von ihm, und wenn auch nur »auf acht Tage«, zu erhalten. Zwei ganze Auflagen der »Welt als Wille und Vorstellung« hat der alte Bösewicht und »Egoist« dem Volke der Denker unter der Nase lieber zu Makulatur machen lassen! Reinewegs empörend bleibt es unter allen Umständen, und ein schwacher Trost kann für das deutsche Gemüt nur darin liegen, daß sich dieser Mensch auf seine holländische Abstammung stets viel zugute tat. –
Das Geschäftslokal der Firma K. Achtermann bestand aus zwei Räumen. Der vordere, größere wurde durch die schon erwähnte Glastür und das Fenster zur Rechten derselben wenigstens in einer nicht unangenehmen Dämmerung erhalten. Der zweite, kleinere war vollständig dunkel, enthielt aber den kleinen Kanonenofen, der das Lokal heizte, und neben dem Ofen ein kurzes, zersessenes Sofa, sowie einen niedrigen Schrank zur Aufbewahrung von allerhand Haushaltungsgerätschaften. Mit schöner Wissenschaft waren natürlich beide Räumlichkeiten vollgepfropft, die hintere dunkle freilich mehr mit der veralteten, der abgängigen. Nimmer aber hatte ein öffentlicher Bibliothekar mehr einem sich ausgesponnen habenden melancholischen Spinnrich geglichen als Achtermann an dem heutigen Tage auf seinem Sofa, neben seinem Ofen, unter der abgängigen Literatur der letzten dreißig Jahre!
Da saß er, kopfschüttelnd, vornübergebeugt, die Schultern aufwärts gezogen, die Hände zwischen den mageren Knieen zusammengelegt, die Zeitung des Tages unter die linke Achsel gekniffen.
»Vor Paris nichts Neues!... 
(Wilhelm Raabe: Deutscher Adel, 1. Kapitel)

01 Juli 2015

Erziehung und Bildung im oströmischen Reich

Eine gute Erziehung war das Ideal eines jeden Byzantiners. Apaideusia, Mangel an geistiger Vervollkommnung, galt als Mißgeschick und Nachteil, ja fast als Verbrechen. Ungebildete waren ständigen Spötteleien ausgesetzt [...]
Inhalte und Methoden der Erziehung blieben sich während der ganzen byzantinischen Geschichte ziemlich gleich. Das erste, worin ein etwa sechsjähriger Knabe unterrichtet wurde, war Grammatik, »um seine Sprache zu hellenisieren«. Darunter verstand man, außer Lesen und Schreiben sowie Grammatik und Syntax im heutigen Sinn des Wortes, die Kenntnis der Klassiker samt der dazugehörigen Kommentare, besonders Homers, dessen Werke jeder Schüler auswendig lernen mußte. Im 5. Jahrhundert erzählt Synesios, daß sein kleiner Neffe Homer aufsagen konnte (er lernte 50 Zeilen am Tag) [...]. So konnte jeder gebildete Byzantiner ein Homerzitat als solches erkennen: Anna Komnene schmückte ihre Alexiade mit sechsundsechzig Zitaten und fügte nur selten hinzu »wie Ho­mer sagt« — es war überflüssig. [...]
In den frühen Jahren des Imperiums erteilten wahrscheinlich Mönche den ersten Unterricht im Lesen; ziem­lich bald aber besuchte der Schüler eine Schule, in der er seine gesamte »weltliche« Bildung erhielt. Konstantin gründete eine Schule in der Stoa, Constantius verlegte sie ins Kapitol; Julianus Apostata erließ ein Gesetz, demzufolge keine Chri­sten an der Schule unterrichten durften, und auch nach Aufhebung des Verdikts scheinen die wichtigsten Lehrer im fünf­ten Jahrhundert heidnischen Glaubens gewesen zu sein. [...]
Alexios selbst stellte über alles andere Wissen
das Studium der Bibel, später erhielten unter den Komnenen die klassischen Fächer einen Vorrang, den sie in so deutlichem Maß noch nie besessen hatten. Dennoch läßt sich nur schwer etwas darüber sagen, welche Schichten der Gesellschaft vom Erziehungswesen noch erfaßt worden sind. Der mittellose Poet Prodromos studierte Grammatik, Rhetorik, Aristoteles und Platon, beklagt aber, daß der rauhe Ton der Märkte die elegante Rede vertrieben habe und die Armen keine Bibliothe­ken hätten, die sie benutzen könnten. Tatsächlich scheint das Nichtvorhandensein von Bibliotheken ständig zu Schwie­rigkeiten geführt zu haben, denn seit 476 existierte keine öffentliche Bibliothek mehr. Zwar besaßen Klöster und Kir­chen zumeist ihre Bibliothek, doch wenn die Bücher der Christodulos-Kirche in Patmos ein repräsentatives Bild für alle zeigen, standen darin vorwiegend theologische Werke: Von 330 Bänden waren 129 liturgischen und nur 15 weltlichen Inhalts. Ohne Zweifel gab es große Privatsammlungen, zu denen auch Studenten Zutritt erlangen konnten, ferner eine Vielzahl von Kopisten — meistens Laien, aber auch ein­zelne Mönche —, die Manuskripte abschrieben. Nicht um­sonst gehörten schöne Bücher zu den Exportgütern von Byzanz, aber sie waren teuer. [...]
1204 brachte die Plünderung der Hauptstadt die gesamte Organisation des Erziehungswesens zum Einsturz. Der Helle­nismus stand in vollster Blüte; Michael Choniates war eben nach Athen gegangen, erfüllt von dem Gedanken an die klas­sische Vergangenheit dieser Stadt, und der berühmte Kirchen­mann Eustathios von Thessalonike hatte vor kurzem erst seine Kommentare zu Pindar vollendet. Jetzt aber waren die Gelehrten in alle Winde zerstreut und finanziell mittellos, ihre Bücher in den lateinischen Flammen vernichtet. Doch die humanistische Gelehrsamkeit überlebte die Verwüstun­gen und fand bald ein neues Zentrum am exilierten Hof von Nikaia. [...] Trotz dieser wissenschaftsfreundlichen Hal­tung bei Hof existierte in Nikaia jedoch offensichtlich weder eine richtige Schule noch eine Universität, wohl auch deshalb nicht, weil die Regierung die erforderlichen Mittel nicht auf­bringen konnte. [...]
Ob es Bildungsstätten für Frauen gab, wissen wir nicht. Auf jeden Fall aber kennt die byzantinische Geschichte viele ge­lehrte Frauen, von der Professorin Hypatia oder Athenais, der Gemahlin Theodosios' II., die alle Wissenschaften stu­diert, Dichtungen verfaßt und Reden gehalten hatte, bis zu Kasia, der geistvollen Hymnendichterin, deren Schlagfertig­keit sie den Thron kostete, oder der großen Historikerin Anna Komnene und den übrigen gebildeten Prinzessinnen der Komnenen und Palaiologen. Ohne Zweifel gab es auch weibliche Doktoren, und die meisten Damen, mit denen die berühmten Briefschreiber korrespondierten, scheinen eine gute Erziehung genossen zu haben. Auf der anderen Seite wissen wir zum Beispiel, daß Psellos' Mutter keinerlei Unter­richt genossen hatte und diesen Nachteil bitter beklagte. Nir­gends in der byzantinischen Geschichte finden wir Mädchenschulen erwähnt. Aber es dürfte den Tatsachen ungefähr ent­sprechen, wenn wir sagen, daß die Mädchen der Oberschicht etwa die gleiche Erziehung genossen wie ihre Brüder; aller­dings wurden sie zuhause von Privatlehrern unterrichtet, während die Töchter der Mittelklassen gewöhnlich nichts lernten außer Lesen und Schreiben.
(Steven Runciman: Byzanz. Von der Gründung bis zum Fall, S.270-280)

Wolfgang Büscher: Drei Stunden Null

Wolfgang Büscher: "Drei Stunden Null. Deutsche Abenteuer", 1998, ist Büschers erste Buchveröffentlichung. Diese Sammlung von Reportagen hat zwar auch schon viele Qualitäten, reicht aber nicht an seine späteren Reiseberichte heran. 

Drei Stunden Null
Der erste Text "Der schöne Sommer" (S.7ff) handelt von der Schlacht um Breslau.

Auch ich war in Berlin (S.45-85)
"Rasend schnell, schneller als jeder andere, stürzt dieser Brocken Zeit [die Geschichte der DDR] in die Geschichte zurück, in die Schnurre, in die Hoffmanniade, die er immer gewesen war." (Auch ich war in Berlin, S.48)

"Das freie Land dehnte sich bis an die äußerste Kante der Hochhäuser heran. Westberlin war eine dunstige Wand, die ohne Vorwarnung, ohne ersichtlichen Grund aus dem Grasland aufstieg. [...] Berlin von innen war eine ignorante Insel und wollte von der Steppe nichts wissen. Berlin von außen war ein jähes Ereignis in einem leeren Land." (Auch ich war in Berlin, S.70)

Amerika!
Der letzte Flug der Betty Lou: Kampf zwischen von Italien kommender amerikanischer fliegender Festung und einem deutschen Jäger am 24.3.1945, unter Bezug auf das Kind Rudi Dutschke. (S.89-107)
Faust eins. Faust zwei: Konrad Henlein und Ferdinand Porsche, beide aus Maffersdorf an der Neiße, zwei unterschiedliche Schicksale. Beide mit einer selbst gewählten Lebensaufgabe (Sudetendeutschland nach Deutschland zu führen; Fahrzeuge zu konstruieren), die sie für einige Zeit für Hitlers Pläne arbeiten lässt. (S.100-107)
Porsche in Amerika: Ferdinand Porsche besichtigt amerikanische Autofabriken, insbesondere die von Henry Ford. - Bericht von Porsches (angeheiratetem Neffen*) Neffen Ghislaine Kaes: "Ford ist der einzige Große in den USA, der in seinen Werken, ohne Unterschied Neger und Weiße einstellt." (S.107-118)
* sieh: Aloisia Johanna Kaes (Stammbaum der VW-Dynastie)

Tief im Westen
Das Schicksal des Wuppertaler Metzgermeisters Karl Hans Rohn, genannt Charly, der sich nach dem Ende seiner geschäflichen Glanzzeit eine jüdische Herkunft andichtet und von einem Neonazi ermordet wird. (S.119-137)

Das Klavier in der Steppe (S.139-191)
Die Mennoniten, die aus ihrem Dorf an der Wolga aufbrechen, sind inspiriert von Jung-Stillings Roman "Das Heimweh" und biegen sich Bibelzitate so zurecht, dass sie zu ihrer Situation und ihren Hoffnungen passen.