22 Juni 2012

Selberlebensbeschreibung


An Jean Pauls Autobiographie ist schon der Titel ganz neu und originell, nämlich eine Wortschöpfung Jean Pauls: Selberlebensbeschreibung.
Er schreibt darin auch über sein Leben, doch erst einmal sehr lange über seine Eltern und immer wieder allgemeine Aphorismen wie die folgenden:

Reichtum lastet mehr das Talent als Armut und unter Goldbergen und Thronen liegt vielleicht mancher geistige Riese erdrückt begraben. [...]

Und so weiß er auch zu rechtfertigen, dass das Schicksal ihm lange die Möglichkeit zu dichterischer Arbeit vorenthielt:
Das Schicksal macht es mit Dichtern wie wir mit Vögeln und verhängt dem Sänger so lange den Bauer finster, bis er endlich die vorgespielten Töne behalten, die er singen soll. [...]

Als hätte er Gustav Freytags Romanzyklus Die Ahnen, lauter Angehörige einer Familie die Zeit von der Völkerwanderung bis in die Befreiungskriege erleben lässt, vorausgesehen, schreibt er:
Wie anders gestaltet sich die sonst uns fremdartige Vorzeit, wenn unsere Verwandten durch sie ziehen und sie mit unserer Gegenwart verbrüdern und verketten! Und zu beneiden ist der Mann, welchen die Geschichte von Voreltern zu Voreltern namentlich zurückbegleitet und ihm eine graue Zeit in eine grüne umfärbt. [...]

Als hätte er den Hype um die Massive Online Open Cources vorhergesehen, formuliert er schon 1818:
Ja dieses geistige Selberstillen der Kinder läßt eine solche Ausdehnung zu, daß ich mir getraue, durch die bloße Briefpost ganzen Schulen in Nordamerika vorzustehen oder in der alten Welt funfzig Tagreisen entfernten, indem ich meiner Schuljugend bloß schriebe, was sie täglich auswendig zu lernen hätte, und einen unbedeutenden Menschen hielte, dem sie es hersagte, und ich genösse das Bewußtsein ihrer schönen geistigen Fastensonntage reminiscere. [...]
Oder steckt darin doch vor allem eine ganz energische Kritik an der bloßen Paukerei, die ihm sein Vater zumutete?

Hier ein eindrucksvolles Plädoyer gegen die Redensart "Nichts ist so uninteressant wie die Zeitung von gestern.":
Eine politische Zeitung gewährt, nicht blatt- sondern heft- und bandweise gelesen, wahrhafte Berichte, weil sie erst im Spielraume eines ganzen Heftes Blätter genug zum Widerruf ihrer andern Blätter gewinnt, und sie kann gleich dem Winde ihre wahre Farbe nicht in einzelnen Stößen und Stücken zeigen, sondern nur in ihrem großen Umfang, wie eben gedachte Luft erst in Masse ihre himmelblaue Farbe. [...]

An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht »ich bin ein Ich« wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb: da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig.
(Jean Paul: Selberlebensbeschreibung)

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