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14 August 2021

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Eine Biographie Hannah Arendts in Form eines Romans

Was wir sind und scheinen,

ach wen geht es an.

Was wir tun und meinen,

niemand stoß sich dran. (Hannah Arendt, S.321)

Hannah-Arendt-Kanal auf Youtube    H. Arendt zu Palästina (und anderes)

Hannah Arendt, säkularisierte Jüdin,  wollte nach ihrer Aussage, vor allem verstehen, d.h. möglichst unverfälscht durch fremde Einflüsse, ihre Wahrheit herausfinden. Philosophin zu sein, hat sie bestritten, sie wollte weder Methode noch System für das Weltverständnis entwickeln, sondern politisches Handeln verstehen. So verstand sie sich als Vertreterin politischer Theorie.  (So erklärt sie es 1964 im Interview mit Günter Gaus.  - Zu diesem Interview im Roman S.486/87)

Die Schweizerin Hildegard E. Keller schildert sie weitgehend aus der Innensicht, indem sie ihren letzten Urlaub im Tessin (Tegna) darstellt und in regelmäßigen Rückblicken wichtige Lebensstationen aus Arendts Erinnerungen vergegenwärtigt. 

S

Das Hauptthema ist dabei ihre Erfahrung während des Eichmann-Prozesses in Israel, aus sie die kühne Formulierung von der Banalität des Bösen ableitet. Ihre Dissertation über Liebe bei Augustinus (bei Karl Jaspers) und ihre Habilitationsschrift über Rahel Varnhagen kommen ebenfalls wiederholt ins Spiel, am deutlichsten freilich ihr philosophische Hauptwerk Vita activa (The Human Condition), während ihre Totalitarismustheorie im Hintergrund bleibt.

Ihre eigene literarische Tätigkeit (Gedichte sieh oben, S.321, S.13, S.41, das Gedicht auf Benjamin, S.372, S.556f. ...; Märchen S.157-165 u. 397-404 Hier trifft das Mädchen im "Reich der weisen Tiere" den weißen Elefant aus Rilkes Gedicht, der ihr erklärt: "Ich bin der Elefant von dem Karussell aus dem Luxembourg-Garten in Paris. Ich bin extra für Kinder geschaffen worden, und nur Dichter haben noch ein richtiges Verständnis für mich gehabt.", S.397; S.521 "das hier ist mein letztes"):

Dann werd' ich laufen, wie ich einstens lief

Durch Gras und Wald und Feld;
Dann wirst du stehen, wie du einmal standst, 
Der innigste Gruß von der Welt.
Dann werden die Schritte gezählt sein
Durch die Ferne und durch die Näh;
Dann wird dieses Leben erzählt sein
Als der Traum von eh und je.

Die Gedichte von Alfonsina Storni (S.370-73)

Vor allem aber wird die lebensfreudige Person Hannah Arendt vorgestellt mit ihren vielen Freundschaften mit bedeutenden Personen, ihr Hang zum Rauchen ("Hier wollte sie ansetzen. Zuerst muss der Gehorsam nochmals kurz zur Rede kommen. Sie zog den Aschenbecher heran und schnippte die Asche ab."), ihre Freude am Essen und Kochen (mit Ingeborg Bachmann  Speck braten, S.380f.).

Politische Urteile:

Stets ihre Absicht: unabhängig beurteilen und urteilen. "Wie ist die Schuld zu ermessen, wenn eine Tat innerhalb eines Systems begangen wurde, das Unrechtmäßigkeit mit rechtmäßigen Mitteln zum Gesetz erhoben hat?" (S.214)

Über Kellers Gedicht: Die öffentlichen Verleumder:

"Erstaunlich genug, dass einer in Zürich die Zeilen aufgeschrieben hatte, die erst Jahrzehnte später in Deutschland Wirklichkeit worden. Hellsichtiger kann man nicht vom Unheil erzählen, das einer zum Leben erwecken kann, wenn ihm die anderen zum Propheten machen. Genau davon erzählte Kellers Gedicht. Nur zu gern wüsste sie, was ihn dazu veranlasst hatte. Hitler kann es jedenfalls nicht gewesen sein, der lag noch in den Windeln, als Keller starb, da war sie sich ganz sicher." (S.418)

"[...] die politischen Bösewichte der Geschichte müssen dem Lachen ausgesetzt werden. Sie sind nicht groß hatte er [Brecht] gesagt, sondern sie haben nur große politische Verbrechen begangen, und das ist wirklich etwas ganz anderes." (S.496)*

"Als ich über dem Eichmann-Material saß und die 3600 Seiten Verhörprotokolle las, musste ich lachen, ja, ich habe laut gelacht. [...] Ich habe über Eichmann gelacht und werde wieder lachen, sogar drei Minuten vor meinem sicheren Tod. Man muss lachen können, weil das Souveränität bedeutet." (S. 496)

Bei der Suche danach, was das Besondere an der scheinbaren Normalität Eichmanns ist, stößt Arendt auf das animal laborans, das sie in Human Condition als die Seinsform des Menschen herausgearbeitet hatte, das gleichsam nur wie eine Maschine funktioniert und nicht frei und verantwortlich handelt, es auch gar nicht will.(Vita activa) (S.329ff.)

In ihrer Verteidigung gegen die Angriffe auf ihr Eichmann-Buch lässt H. Keller sie etwas schreiben, was sie so stolz nur als wörtliches Zitat Arendts übernommen haben kann:

"Dass es gefährlich sein kann, die Wahrheit zu sagen ⁃ um das zu wissen, brauchen wir weder Hitler noch Stalin, welche die Lüge selbst zum Rang der Wahrheit erhoben. Dies ist immer so gewesen, und der Grund ist politisch: Es ist immer Einer gegen Alle. Nicht weil 'Einer' so klug ist und 'Alle' so dumm, sondern der Denk- und Suchprozess, der schließlich zur Wahrheit führt, immer nur von einem geleistet werden kann." (S.447)

Da durchweg aus ihrer Sicht geschildert wird, werden ihre Freunde und guten Bekannten fast nur mit Vornamen genannt: Martin (Heidegger), Karl (Jaspers),  Benji (Walter Benjamin), Heinrich oder Stupps (ihr zweiter Mann, Heinrich Blücher), Günter (Anders, ihr erster Mann), Kurt (Blumenfeld), Robert (Gilbert), Uwe (Johnson),  Dolf (Sternberger), ...

"Hefe der Erkenntnis" (fermenta cognitionis) (Lessing), S.498

Brief und Gedicht von Ingeborg Bachmann, S.505/07

20.8.1975 Treffen auf die junge Frau (Hippie-Mädchen??) bei der Kirche Ronco sopra Ascona - Lied von Janis Joplin: "Freedom is just another word for nothing left to lose."

Rahel musste das Beste, was sie hatte, fahren lassen. Natürlich hatte auch sie sich das Hoffen angelernt, dass gemeine, leere Hoffen, dass man etwas Besseres bekommt. Aber Rahel bekam nichts Besseres und kannte auch keine Heimat in der Welt, in die sie sich vor dem Schicksal hätte zurückziehen können. Nichts hatte sie ihm entgegen zu setzen. Nichts außer der Wahrheit. 'Vortrefflicher Ernte der Verzweiflung', sagte Rahel, als sie gegen Ende ihres Lebens die Erfahrungen einsammelte. Ohne Sarkasmus, denn sie war vom Leben bemerkt worden. (S. 517)

"Das ist kein Beiwerk meines Lebens, an dem ich unschuldig bin, das sich wie von selbst abwickelte. Ja, so hatte sie gesagt. Ich habe es voll zu verantworten als mein Schicksal. [...] Das Leben selbst zeichnet uns aus. Natürlich, auch Unglück ist eine Auszeichnung. Darauf bestand Rachel, und auch, dass es keinen Trost geben darf. Keinen Schleier vor der Wahrheit. Aber dafür musste sie sich zur Wand machen. Zu etwas Undurchdringlichem, Um der Welt entgegenstehen zu können. Sie versteinerte, um weiterleben zu können. Anders hätte sie sich mit dem Gang des Lebens nicht abfinden können." (S.518)

Sieh auch: Hannah Arendt, die Leidenschaft des Denkens von Martin Meyer in NZZ 14.10.2006

* Es zeugt natürlich nicht von Prophetie, sondern von strukturellen Ähnlichkeit von Vorgängen, die die Gesellschaft spalten, wenn Teile von G. Kellers Gedicht sich auf AfD und Donald Trump sowie andere sich auf die COVID-19 Pandemie beziehen lassen. ("Verborgen, wie die Flamme / In leichter Asche tut" - in der DDR verborgen fortglimmernder Rechtsradikalismus und der Coronavirus, der in den Sommermonaten weniger gefährlich ist, dann aber neue Ansteckungswellen hervorruft. - "Dann wird davon gesprochen / Wie von dem schwarzen Tod;" - ein Naturereignis, an dem niemand schuld ist. - "Wenn einstmals diese Not / Lang wie ein Eis gebrochen" - die Pandemie, die gesellschaftliches Leben erstarren lässt).

Und selbst das Lachen, das Brecht und Arendt sich beim Blick auf die politischen Verbrecher wünschen, wird von Keller im Blick auf die Verleumdungskampagne, auf die sich sein Gedicht bezog, angesprochen in seiner Novelle Das verlorne Lachen. Bei ihm bezieht es sich auf die gesellschaftliche Spaltung, die Freundschaften und Ehen zerstören kann, wenn es nicht gelingt, die menschliche Beziehung wichtiger zu nehmen als die ideologische Differenz. - Dass Keller dabei nicht an Massenmörder und ihre Helfershelfer und auf der anderen Seite die Opfer gedacht hat, ist klar, dazu braucht man die Erzählung nicht zu kennen.

Hier schon ein paar Stichworte zu Arendt im Zusammenhang mit dem Film über Arendt beim Eichmannprozess 1962:

Banalität des Bösen

Eichmanns Aussage, er hätte seinen eigenen Vater erschossen, wenn man ihm Belege für seine Schuld genannt hätte

Eichmann hat die Judenvernichtung weitergeführt, obwohl Hitler sie für beendet erklärt hatte. ("Er war so besessen, dass er sich sogar über Hitler hinwegsetzte", ZEIT online 19.4.2019)

Zitat daraus:

Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger, im Interview: "Hitler hatte mit den ungarischen Alliierten 1944 ein Abkommen geschlossen. Sie sollten weiter an der deutschen Seite kämpfen, dafür würde im Gegenzug 8.700 jüdischen Familien die Ausreise aus Budapest gestattet werden. Ich bekam eine Depesche des deutschen Botschafters in Budapest an den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Dieser schrieb, dass Eichmann wegen des Abkommens außer sich gewesen sei vor Wut: "Er glaubt, dass diese Familien wichtiges biologisches Material für den Wiederaufbau ihrer Rasse darstellen und befiehlt, sie noch schneller zu deportieren." Eichmann war also derart besessen von der Judenfrage, dass er sich sogar über Hitlers Entscheidungen hinwegsetzte." 

Judenräte (für einzelne von ihnen wies Arendt darauf hin, sie hätten den Nazis die Verfolgung erleichtert.)

Über die Rolle der Judenräte informieren u.a. ein Wikipediaartikel und ein Aufsatz von Wolf Murmelstein, des Sohnes von Benjamin Murmelstein. Bei allen Bemühungen um Aufklärung über den Holocaust kommen - verständlicherweise - die Rolle der Judenräte und des jüdischen Widerstandes zu kurz. Schließlich geht es dabei nicht um deutsche Schuld. - Judenräte wie Widerstandskämpfer haben völlig gegensätzliche Antworten auf die unlösbare Frage gefunden, wie man der Ausrottungsmaschinerie des deutschen NS-Regimes begegnen soll.

Zur Rahmenerzählung des Romans: Urlaub im Tessin, in Tegna bei Locarno.Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Sie ist zu dieser Zeit 69 Jahre alt, hatte schon einen leichten Herzinfarkt und wird im Dezember dieses Jahres sterben. Einige ihrer engsten Freunde, zum Beispiel Jaspers sind schon tot. Trotzdem wird in den Episoden dieses Urlaubs, ihre ungeheure Lebensfreude und Liebe zur Welt spürbar (essen, trinken, rauchen, Natur, Kultur, andere Menschen, mit denen sie in Austausch tritt). 

Zwischen den Kapitelabschnitten mit Rückblicken aus ihrem Leben, beginnend 1941 nach der Ankunft in den USA, Immigration über Frankreich – endet 1969.Drei Blöcke: wichtigster und Schwergewicht st4r der mittlere: Eichmann Prozess 1961 in Jerusalem, Wäschekörbe von Schmähbriefen, Verurteilung durch Rabbiner der Synagoge. Shitstorm. Arendt beklagt, dass es oft keine Auseinandersetzung in der Sache ist, sondern ein direkter Angriff auf ihre Person.

Über Eichmann: "das Menschliche im Unmenschlichen suchen" (S.214) Eichmann war dumm
 (Arendt hat oft gelacht, als sie die Verhörprotokolle studiert hat). "Der Täter hat nicht das Format der Tat" (S.496). Über Demokratie: "Konsens zur Uneinigkeit als Grundlage des demokratischen Staates" (S.484).

03 Januar 2021

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen

Eva von Redecker: Revolution für das Leben

Klappentext: "[...] In den neuen Protestformen erkennt Eva von Redecker, die als Philosophin zu Fragen der Kritischen Theorie forscht und auf einem Biohof aufgewachsen ist, die Anfänge einer Revolution für das Leben, die die zerstörerische kapitalistische Ordnung stürzen könnte und unseren grundlegenden Tätigkeiten eine neue solidarische Form verspricht: Wir könnten pflegen statt beherrschen, regenerieren statt ausbeuten, teilhaben statt verwerten."

Verlagsseite mit Leseprobe

Rezensionen bei Perlentaucher

Katharina Döbler im Deutschlandfunk: "[...] Entwurf einer neuen Graswurzelrevolution gegen die Sachherrschaft und die menschengemachte Zerstörung des Planeten. [...] Was die Philosophin dem entgegensetzt, einen "rebellischen Universalismus", eine "Gemeinschaft der Teilenden", kann Döbler nachvollziehen, wenn die Lektüre sie mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, den Ursachen des Klimawandels, der rassistischen Unterdrückung und der kapitalistischen Herrschaft konfrontiert und durch Redeckers Marx- , Arendt- und Adorno-Lektüren führt."

Meine Stichpunkte und Zitate:

"Eine neue Form der Herrschaft: 'Sachherrschaft' unter Menschen" Seite 27


"Dass es überhaupt möglich wurde, diesen Komplex menschlichen Wirkens als 'Weiblichkeit' einzuzirkeln, verdankt sich auch der modernen Sphärentrennung in häusliche Versorgungsarbeit und außerhäusige Lohnarbeit – ein bürgerliches Ideal, das mühsam gegen die Arbeiter_innenklasse durchgesetzt werden musste. Es war schließlich für Arbeiterinnen viel naheliegender, ihre Kleinkinder mit in die Fabrik zu bringen und dort zu stillen, als sie zu Hause in Obhut der Geschwister zu lassen oder sogar selbst ohne Lohn zu Hause zu bleiben. Räumliche Aufteilung ebenso wie bürgerlicher Moral und Sexualität halfen, die Reproduktionsfähigkeit abzugrenzen und mehr und mehr als Attribut vergeschlechtlichter Körper statt als Aufgabenbereich menschlicher Tätigkeit darzustellen. (S. 31)

Phantombesitz Seite 32 [Die Fiktion, dass man Menschen besitzen und genauso verwerten dürfe wie Materie, Pflanzen und Tiere.]


Verwerten (Güter) Seite 42
Justus Liebig:
"Großbritannien raubt allen Ländern die Bedingungen ihrer Fruchtbarkeit, es hat die Schlachtfelder von Leipzig, Waterloo und der Krim bereits nach Knochen umgewühlt, u. die in den Katakomben Siciliens angehäuften Gebeine viele Generationen verbraucht…, einem Vampyr gleich hängt es an dem Nacken Europas, man kann sagen der Welt, u. saugt ihr das Herzblut aus." (S. 43)

 v. Redecker setzt Marx voraus, kommt aber ohne Mehrwerttheorie und ohne Grenznutzen aus.

Sie stellt fest, dass mit dem Eigentum von Dingen als absolute Herrschaft über Dinge alles zur Ware werden kann. Die Ware bekommt ihren Wert nicht in ihrem Nutzen und nicht aufgrund der aufgewendeten Arbeit, sondern daraus, dass sie in Zukunft Profit schaffen kann. 

Das Ganze funktioniert,  

1. weil über Derivate selbst das Geld zur Ware werden kann (S.51) und 

2. weil die Daten, aus denen auf zukünftige Konsumentscheidungen geschlossen werden kann, zu Waren werden (S.53)

3. weil der Ausstoß an vernichteter Natur (z.B. Müll (inklusive abgenutzter Waren), CO2, verunreinigtes Wasser) nicht in die Profitrechnung eingeht. 

Grotesk werden die Bilder, wenn Menschen als Sklaven und Konsumdaten zu Waren werden, wenn Sklaven und Daten sich also "nach rückwirkender Rechtfertigung dafür," zur Ware gemacht worden zu sein, 'sehnen'. (S.48)

"[...] als Ware begehrt jedes Ding unstillbar dasselbe. Jedes sich nach rückwirkender Rechtfertigung dafür, produziert worden zu sein, also danach, mehr einzubringen, als es kostete." [sie herzustellen]. (S.48]. 

"Die Entscheidung über den Wert der Waren [...] misst sich an allem anderen, was in dieser Gesellschaft aufs Geratewohl der Profithoffnung hin produziert wurde. Auch alle unsere Konsumentscheidungen gehen in das Ergebnis ein"." (S.55) [Natürlich handelt es sich dabei nicht um einen Gebrauchswert, sondern nur einen Wert innerhalb der Logik der Profitmaximierung.]

"Die Herrschaft, die die Verwertung über uns errichtet, in dem sie Wertvolles von Nichtigem trennt, ist anonym und indirekt. Sie ist "kein persönliches Abhängigkeitsverhältnis. Man weiß gar nicht, dass man beherrscht wird. Oder selbst wenn man es vage spürt, weiß man nicht, wovon – jede Verschwörungstheorie [...] zehrt von dieser Undurchschaubarkeit." (S. 55)

"Aus der Sicht des planetaren Lebens besteht die sachliche Herrschaft, also die Tyrannei des Profits, vor allem darin, dass die kapitalistische Verwertung die Natur auf eine vollkommen blinde Weise reorganisiert. Sie behandelt, abgesehen von ihren eigenen Wertzuschreibungen, alles als entbehrlich. [...] So ist der Abbau von Phosphor zugleich der Aufbau von Mondlandschaften und das Ausbringen von Phosphor ist die Vermehrung ausgewaschener Äcker in der Zukunft. Aber diese Seite der Verwertung ereignet sich im Verborgenen, wie etwas, das gar nichts passiert. [...] wer hätte das gedacht, dass das Industriezeitalter die Erde in Treibhausgase hält. Marx auch nicht." (S.56)

"Nicht nur, ob man sich den angesagten Salat leisten kann, sondern ob man überhaupt ein Zuhause hat, hängt vom Marktwert ab, vom eigenen und von dem der Immobilien. Seite 59

Was den größten Scharlatanen die Wählergunst sichert, ist, dass sie offen so handeln, wie man selbst es doch noch eher verschämt und stümperhaft im Verborgenen tut. Alle Mittel einsetzen. Sonst wird man am Ende schließlich am Ende selbst eliminieret. (S. 60)

Wenn es so ist, dass die sachliche Herrschaft uns unerkannt bleibt, weil wir den Wert als dingliche Eigenschaft der Waren betrachten und nicht als Effekt des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs, dann kann sich der Hass auf diese Herrschaft immer nur auf Stellvertreter entladen. [...] Der horror vacui der scheiternden Selbstverwertung wird weitergereicht, so als solle an diesen Menschen persönlich Rache geübt werden für die stete Gefahr der Verwertung: Die Gefahr als nichtig abgespalten zu werden, während anderswo Wert eingesackt wird (S. 63)

"Der aufgewirbelte Wert-Staub verschleiert, wie viel Bruch, Überreste und Nutzlosigkeit da produziert wird. Die Menschen, deren Fähigkeiten und Daten nicht mehr verwertbar sind: Schutt. [...]

Der Biologe Bernd Heinrich fasst seine Forschungen zu natürlichen Nährstoffzyklen folgendermaßen zusammen: "… wir sind nicht aus Staub. Und wir kehren nicht zum Staub zurück. Wir sind aus Leben und wir sind ein Übergang in ein anderes Leben. Wir kommen von den unvergleichlichen Tieren und Pflanzen und kehren zu Ihnen zurück. In diesen Kreislauf hat sich der Kapitalismus als eine Lebensform eingefügt, die alles zu Staub zermahlt und die Erde als Schutthalde hinterlässt." (S.64)

Erschöpfen (Arbeit)
"Nicht die Aussicht auf Wert haucht der Ware ihr Leben ein, oder zumindest nicht diese Aussicht allein. Es muss auch etwas gezielt Tätiges dazukommen. Arbeit ist das Zwischenglied, das aus Herrschaft Wirtschaft macht." (S. 65)

"Das fiktive Eigentum an der eigenen Arbeitskraft ist eine besondere Ausprägung der modernen Sachherrschaft. [...] Und wenn auch der Arbeitsvertrag die Fiktion des Selbsteigentums voraussetzt, liegt diese doch bei den Besitzlosen immer nur schemenhaft vor. Volles Selbsteigentum gewährt die moderne Gesellschaft nur dem vermögenden bürgerlichen Individuum. Der Selbstbesitz der Arbeiter_innen bleibt doppelt gebrochen. Den ersten Bruch proletarischen Selbsteigentums bewirken die Besitzverhältnisse. Die materielle Besitzlosigkeit in einer Welt voller Eigentum schließt die Möglichkeit aus, sich selbst – oder in Gemeinschaft – zu versorgen." (S.70/71)

"Der Selbstbesitz des Arbeiters muss defizitär bleiben, ergänzungsbedürftig durch die Disziplin der Fabrik, der Volksschulen und des Militärs. Diese Disziplin besteht vor allen in neuen Regiment der zeitlichen Synchronisierung. Stechuhr und Appelle lehren den Körper, die Spontanität zu überwinden, mit der er lebendige Zeit füllen würde." (S. 74)
"Historisch war die weibliche Reproduktionsfähigkeit fiktives Eigentum der Ehemänner. Das verschleiert ihren Charakter als Arbeit zum Teil bis heute." (S. 77)
"Die Arbeitskraft der unteren Schichten muss Phantombesitz der Gesellschaft bleiben, und die Institutionen und Mitbürger_innen rächen sich an allen, die ihren sozialgesetzliche Solidarität in  Anspruch nehmen. Faulenzer! Sozialschmarotzer! Arbeit muss ich wieder lohnen! (S. 85)

 Burn out und Stehaufmännchen-Monster
Arbeit und Ressourcen erschöpfen sich, weil sie im Rahmen der Sachherrschaft vollends verfügbar gemacht und zum Missbrauch freigegeben werden. (S. 87)

"Eine kürzlich im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Studie, in der es darum ging, die vorzeitige Ergrauen von Haaren zu erklären, kam zu dem Ergebnis, dass Stress grundlegender als bisher angenommen in den Körper eingreift." (S. 88)

"Viren profitieren von durch Stress geschwächten Immunsystemen, besonders wenn sie durch den Zusammenbruch von Ökosystemen ihre tierischen Wirte verlieren und beginnen, auf Menschen zu mutieren." (S.89)


Zerstören (Leben)
"[...] die Hälfte unseres CO2-Ausstoßes wird von den reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung veranstaltet." (S.91)
"Das Konzept von Extinction Rebellion basiert auf der Diagnose, dass es sich beim drohenden Massenaussterben um etwas handele, dass nicht nur fahrlässig vernachlässigt werde, sondern vom Gehalt her kaum zu fassen sei." S.94
"Die Die-ins versuchen es mit eleganter Eindeutigkeit: Wir werden tot sein. [...] In den massiven Protesten Ende Mai 2020 legten sich die Demonstranten_innen für genau die 8 Minuten und 46 Sekunden auf den Boden, die der weiße Polizist auf dem Nacken von George Floyd kniete und ihn dadurch kaltblütig umbrachte." S.95
"Diese faszinierende Mischung aus ernsthafter Erschütterung und Erste-Welt-wattiertem Budenzauber könnte wohl nirgends einen größeren Kontrast finden als in der nüchternen Klarheit Von Fridays for Future." S.97 

"Gretas Auftritt auf dem Weltklimagipfel 2019 folgte sehr genau dem Skript der ebenfalls 17-jährigen Emma Gonzalez, die im Anschluss an das Schulmassaker in Parkland die Mobilisierung gegen die US-amerikanische Waffenlobby anführte und nicht nur mit ihrer sechsminütigen Schweigeperformance, sondern auch mit einem legendären Fluch auf die von der Rifle Association mitfinanzierten republikanische Politiker in Erinnerung blieb: "Shame on you!" "Schämt euch!" " S. 98

"Greta Thunberg als Kassandra" S.99

"Kassandrischer Kummer - die Wehrlosigkeit dagegen, alles sehen zu müssen – bildet den Gegenpol zur bewussten Blindheit der Mächtigen und Gemächlichen." Seite 101
"Dabei besteht der Realitätssinn der Katastrophenvergegenwärtigung gerade darin, dass für langsames Heranreifen gar keine Zeit mehr ist." S. 102
"Nun, wo viele christliche Institutionen nur noch als Phantombesitz der Leitkultur fungieren, liefert die Esoterik der Bevölkerung diverse Opiate. Und tatsächlich steigt der Bedarf nach ihr in den Kreisen, die sich der Realität von Artensterben, Erderwärmung und Umweltgiften stellen. Man sucht in der Auflösung nach feststehenden Zusammenhängen. Denn die Esoterik besteht einerseits aus eisernen Gesetzen und Symmetrien und andererseits aus der wunschdenkenden Beseelung aller möglichen natürlichen Dinge, denen wir das Leben zu rauben im Begriffe sind. [...] Denn was hier betrauert wird – ironischerweise übrigens in einer Performance, die dem Strecke-Verblassen nach einer Treibjagd sehr ähnelt –, soll ja nicht das Sterben sein, sondern das Aussterben." S. 103
"Der enttäuschte Mensch muss mehr tun, als sich selbst als Sonne zu setzen. Er muss lernen, besser um die Sonne zu kreisen." S. 104

Weiße Sachenherrenrassisten teilen die Menschheit in lebenswertes und unwertes Leben, fantasieren, welche Gruppen als dienend unterjocht, welche als Eindringlinge und Diebe eliminieret werden sollen – und wem die Erde gehört: Ihnen selbst oder ihren Führern. [...]
Der 'Ökofaschismus' [...] will die Erde für die Weißen reservieren. Das kann mit Aufrufen zu 'Umweltschutz' einhergehen. Die Nazis wollen ja so wie 'ihre Heimat' auch 'ihre' Frauen schützen. Aber nie vor sich selbst.
Der Faschismus operiert mit den Begriffen des Aussterbens und des Lebens, aber andersherum. Er organisiert das Aussterben der anderen im Namen des eigenen Lebens, wobei sich auch dieses eigene Leben zum viehischen Überlebenskampf degradiert [...]" (S.105/06)
Gerade weil die volle Herrschaft über Lebendiges immer unmöglich bleibt, muss sie sich mit der Verfolgung ihrer Widersacher beschäftigt halten.[...] Hannah Arendt hat immer wieder betont, dass die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auch gegen die 'eigene' Bevölkerung fortgesetzt worden wäre. Faschistische Politik ist erst 'fertig', wenn wirklich niemand mehr lebt. Denn voll besetzen kann man nur Totes. (S.107)

Der Verlust der Welt
"Wir sind daran gewöhnt, die Welt zu verlieren: das ist unsere Form, in ihr zu leben. Wir werden nicht plötzlich schockiert innehalten und alle Hebel umlegen, wenn der nächste Grenzwert überschritten ist oder eine noch süßere Tierart ausstirbt [...] Wir werden in Quarantäne und Verteilungskämpfen stecken und unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Verlust von Leben weiter an Obdachlosen und Migrantinnen  stärken. [...] Die einzige Perspektive, aus der man hoffen kann, im Angesicht der Katastrophe Orientierung zu gewinnen, ist die, die erkennt, dass die Katastrophe schon da ist." (S. 109)
Es liegt nicht am zukünftigen Ausmaß der Katastrophe, dass wir sie so schwer zu fassen vermögen, sondern an unserer hergebrachten Beziehung zu ihrem Objekt.
Es könnte also ein Weg zur besseren Kriseneinsicht sein, die Struktur dieses Weltverlustes nachzuzeichnen. In ihrem Werk Vita Activa entfaltete Hannah Arendt 1955 ihre Diagnose des Weltverlusts. Sie beschreibt die moderne Entfremdung von der geteilten Welt als Effekt dessen, dass sich in kapitalistischen Gesellschaften die Grenzen verschiedener Tätigkeiten verschieben. Diese Verschiebung besteht darin, dass die Logik eines Bereichs ausufert und auf einen anderen übergreift, der dadurch ruiniert wird. (S. 110) 

 Arendt beschreibt hier die Beziehungen zwischen menschlichen Tätigkeitsbereichen wie ein ökologisches Gleichgewicht. Sie definiert die drei grundlegenden Bereiche unseres aktiven Lebens auf zum Teil ungewöhnliche Weise. Das Arbeiten umfasst nur die Versorgungstätigkeiten, die ihre Ergebnisse immer wieder verbrauchen. Die Produktion von beständigen Gütern fasst sie als Herstellen [wo wir langlebige Güter gebrauchen] und Handeln ist eine besondere Form des öffentlichen Sprechens und Tuns. [...] Arendt versteht die Arbeit als einen zyklischen Austausch mit der Natur, einen Stoffwechsel im Zuge dessen wir Material aufgreifen und vorübergehend zu uns nehmen. Diese Sphäre [...] wird nun durch den Einbruch der Logik des Handelns ruiniert [...] Die Logik der von Menschen angestoßenen und absehbaren Kettenreaktionen ist aber nun in die Sphäre des Arbeitens in unseren Stoffwechsel mit der Natur eingebrochen und dort stiftet sie Unheil. [...]
Wir können Arendts Deutung des Weltverlust also eine dritte Dimension beisteuern: die Logik des Arbeitens zerstört die Güter des Herstellens; die Logik des Herstellens zerstört die Freiheit im Handeln; die Logik des Handelns zerstört die lebendige Grundlage der Arbeit. (S.111/12) (Hervorhebung von mir)

Es kommt mir unvermittelbar vor, dass ich in einer Zeit groß geworden bin, in der alles wimmelte vor Vögeln und Insekten. Eine Zeit, in der nicht ständig neue Schädlinge auftauchten. Ich kannte kein Jakobskreuzkraut und keine Eichenprozessionsspinner – weil es sie tatsächlich noch nicht gab. (S.113)


Bezug auf die kleine Eiszeit:
"Im neuzeitlichen Europa hat die so genannte kleine Eiszeit, eine Verringerung der Temperaturen um 1,5° zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, zu Missernten, Hungersnöten und Seuchen geführt. Die frühneuzeitliche Abkühlung war tatsächlich 'nur' eine Abkühlung und löste keine Kettenreaktion aus, die das ganze Wettersystem aus dem Gleichgewicht brachten, wie ist derzeit zu  geschehen beginnt." (S.117)

 "William Shakespeare hat diese Erfahrung offenbar inspiriert, sich ein umfassendes Aussetzen der Jahreszeitenzyklen vorzustellen. So präsentiert die Elfenkönigin Titania in einer Rede im Sommernachtstraum, die in späteren Inszenierungen oft gekürzt wurde, ein Bild der gebrochenen Zeit der Natur:
Drum sorgt der Wind, der uns vergeblich pfiff,/ Als wie zur Rache böse Nebel auf/Vom Grund des Meeres, die fielen auf das Land,/Und machten jeden winz'gen Bach so stolz,/Dass er des Bettes Dämme niederriss. [...] (S.118) *Original: 
Therefore the winds piping to us in vain  [...] 
That they have overborne their continents.

Unsere so genannte Zivilisation beruht darauf, mit der  Abzirkelung von Eigentum natürliche Kreisläufe zu kappen und sie in der spiralförmigen, die Zukunft anpumpenden Verwertung vollzumüllen. (S. 120)

Revolution (S. 127ff.)

"Der Kapitalismus hat uns ein Leben in der Hollywoodschaukel versprochen. Stattdessen sitzen wir in einer hochtourigen Achterbahn, deren Gerüst bröckelt. Unsere Aneignungszirkel und Verwertungsstrudel erschöpfen innere wie äußere Natur. Sie fressen sich blind in das Zusammenspiel der planetarischen Ökosysteme und der zärtlicheren sozialen Bezüge. Der Kapitalismus zerstört Leben, er zerstört das Leben selbst. [...] Kann man das Ding anhalten oder zum Entgleisen bringen? Was, wenn wir zu fest angeschnallt sind? Wie soll das aussehen, eine Revolution für das Leben? Es ist zum Allgemeinplatz geworden, dass das 1989 triumphal verändert verkündete 'Ende der Geschichte' eine Fehldiagnose darstellt [...] Aber es ist auch wichtig, festzuhalten dass die historisch einschneidenden Geschehnisse seither vom Westen kaum im Modus der Geschichte verarbeitet, sondern als unvermittelt einbrechendes Geschick erfahren werden. 9/11, Finanzkrise, Erstarken der Autoritarismus, Klimawandel, Migration, Covid-19 – wir starren gebannt und ungläubig auf die Ereignisse wie auf ein hypnotisches Glücksrad. Wir erkennen darin weder Sinn noch unser eigenes Wirken. Wenn die Turbulenzen fühlbar werden, dann können sich immer noch einige, verschanzt hinter Airbags, die Schleudertraumata der anderen vom Leib halten. [...] Der Zerstörungszusammenhang kommt zu uns zurück wie ein gauklerisches Mysterienspiel." (S.127/28)

"Derzeit sind in den USA mehr schwarze Männer im Gefängnis als bei Ausbruch des Bürgerkriegs versklavt waren, und sie verrichten in den häufig privat betriebenen Haftanstalten Zwangsarbeit für bekannte Unternehmen. [...]  Eine konsequente antirassistische Perspektive muss deshalb [...] auf die Abschaffung aller Einrichtungen zielen, die es ermöglichen, schwarzen Menschen Gewalt, Willkür und verfrühtem Sterben auszusetzen. Mit der Abolition der Sklaverei wurde diese Aufgabe begonnen, aber sie ist nicht beendet, solange Menschen aufgrund von Problemen, die zum allergrößten Teil sozialer Natur sind, individuell eingesperrt werden." (S. 163)

"Die Verwirklichung des nationalstaatlichen Prinzips in ganz Europa hatte nur eine weitere Diskreditierung des Nationalstaates zur Folge; es konnte nur einem Bruchteil der betroffenen Völker nationale Souveränität geben und zwang diese, da ihre Souveränität überall gegen die enttäuschten Aspirationen anderer nationaler Gruppen durchgesetzt war, von vornherein in die Rolle des Unterdrückers. Die unterdrückten Gruppen wiederum wurden gerade durch diese Regelung in ihrer Überzeugung bestärkt, dass Freiheit ohne nationales Selbstbestimmungsrecht und volle Souveränität nicht möglich sein und fühlten sich daher [...] um das, was sie für Menschenrechte hielten, betrogen. Und für dieses Gefühl konnten sie sich auf nichts Geringeres als die französische Revolution berufen, welche die Tradition des Nationalstaates eigentlich begründet hat. [...]

Hannah Arendt leitet vom Problem der nationalen Minderheiten über zu dem der Staatenlosen [...]. Sie hält die Staatenlosigkeit für ein fatales Produkt der Nationalstaatlichkeit und demonstriert daran ihre berühmt gewordene These eines 'Paradox der Menschenrechte'. 
Dieses Paradox besteht darin, dass uns Menschenrechte qua Menschsein zustehen, faktisch aber nur von Staaten sichergestellt werden können. Das führt dazu, dass ausgerechnet diejenigen, die Menschenrechte am nötigsten bräuchten – Staatenlose – am schlechtesten geschützt sind. Arendt ist der Meinung, dass nur ein 'Recht auf Rechte' diesem Missstand abhelfen könnte" (S. 170/171)

Sieh auch:

Eva von Redecker: Bleibefreiheit Fischer Verlage 2023 (mit Leseprobe)

(Perlentaucher)

04 Juli 2020

Meine Leseerfahrungen in Sachen Golo Mann

Golo Mann im Interview mit Friedrich Luft (1963)

Golo Mann ist mir seit Jahren der Liebste aus der Ausnahmefamilie der Manns. Die Gründe habe ich hier schon einmal - etwas ungeordnet - zusammengestellt.

In Hessen bekamen Abiturienten eine Zeit lang die Kurzversion von Golo Manns "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" vom Land Hessen geschenkt. !962 hatte der Kultusminister Schütte eine Sonderausgabe der Kapitel zu Weimarer Republik und NS-Zeit geschenkt. (Schütte bezeichnete Mann als den besten zeitgenössischen deutschsprachigen Historiker.) Meine Erinnerung an meine damalige Rezeption: Befremdlich fand ich, dass Hitler meist nur mit H bezeichnet war. Wie beeindruckt ich sonst war, besinne ich mich nicht. Vermutlich hat mich die auffallend subjektive Darstellungsweise, d.h. das Auftreten eines auktorialen Erzählers gestört.

Später habe ich mit Sicherheit einige seiner Beiträge gelesen, so weit sie in der ZEIT erschienen. Dann habe ich die Propyläen Weltgeschichte erworben und einiges darin gelesen. Ob ich jemals einen der Texte Golo Manns darin gelesen habe, bevor ich heute ausdrücklich nach welchen suchte, weiß ich nicht. Doch sagt das nicht, dass ich nicht welche geschätzt habe. Mit Sicherheit war mir Alfred Heuss, den ich als Universitätslehrer erlebt habe, interessanter.

Schätzen gelernt habe ich Golo Mann über den ersten Teil seiner Autobiographie Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland, noch mehr freilich durch die zwei Fernsehinterviews, über die ich mich seiner Person noch näher fühlte. Imponiert hat mir seine intellektuelle Redlichkeit ("Natürlich habe ich seinen Tod gewünscht." über das Schicksal eines Mannes, der deutscher Schriftsteller werden will, aber es im Schatten seines Vaters nicht kann/wagt (?)) und seine Bescheidenheit und Befangenheit, die dieser hochbegabte, hochgebildete Mann im Interview erkennen ließ. Dann,  dass er Karl Jaspers rückhaltlos lobte, den Mann, der ihm die Freundschaft aufkündigte, weil G. Mann Hannah Arendt scharf kritisiert hatte. Ja, G. Mann brachte dann sogar Verständnis für Jaspers' Reaktion auf, weil er erfuhr, dass Jaspers persönliche Loyalitäten sehr wichtig waren. (Er hatte Thomas Mann nicht öffentlich kritisiert, weil er das seinem Freund Golo Mann nicht antun wollte.)
"Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann" habe ich mit einiger Mühe gelesen, weil ich über meinen Bruder lange über das Buch wusste und es mir zugänglich wurde (ausgeliehen, Geschenk?). Ich habe dann einen Wikipediaartikel dazu verfasst.
Den literarischen Stil habe ich meiner Erinnerung nach wiederum nicht geschätzt.

Jetzt habe ich Tilmann Lahmes Biographie Golo Manns endlich lesen können. Ein großer Erkenntnisgewinn, der die schweren Erfahrungen Manns deutlich vor Augen führen.
Freilich, im Vergleich zu der Biographie lese ich die autobiographischen Golo Manns viel lieber. Da passt der persönliche Erzählton und es rührt mich an, was er erzählt und was er weglässt. Freilich, mein Verständnis für die Person ist durch Lahmes Informationen gewachsen.

Mehr zu Golo Mann
Marcel Reich-Ranicki über Golo Mann (Youtube 62,5 Min.) - sehr treffend, aber gewiss weniger bescheiden und nicht von vornehmer Zurückhaltung - wie auch!
mehr zur Familie Mann


13 Mai 2018

Gesine Cresspahl und ihre Tochter Marie streiten über mögliche Lösungen durch Protest.

"Ab dem 23. April 1968 besetzen die Studierenden der Columbia-Universität erst die Baustelle ihres neuen Sportzentrums in Morningside Park, dann fünf Gebäude der Universität und das Büro des Präsidenten Grayson Kirk. Der hatte bereits im März Demonstrationen auf dem Campus verboten und behauptet, die Studierenden seien dem Nihilismus anheimgefallen. Die Proteste richten sich zum einen unter dem Schlagwort „Gym Crow Must Go“ – einer Anspielung auf die rassistischen, als „Jim Crow“ bekannten Segregationsgesetze – gegen den Bau eines exklusiven Sportzentrums im Morningside Park, das den mehrheitlich afroamerikanischen Bewohner*innen Harlems ein wichtiges Erholungsgebiet nehmen würde.  [...]
Gebaut werden solle das Sportzentrum am Riverside Drive, findet Marie, und zusätzlich ein Schwimmbad im Morningside Park durch die Stadt. Zu ihrem Erstaunen ist die Mutter einverstanden mit ihrer Sicht auf die Dinge. Beim Urteil über die Mitarbeit von Wissenschaftler*innen bei der IDA hingegen bewertet die Mutter alle Proteste als hoffnungslos verspätet. Marie muss zugeben, dass es sich um Angehörige der weißen Mittelschicht handelt, tatsächlich hatte der SDS keinen Kontakt zu den ca. 70 afroamerikanischen Studierenden an der Columbia. Die Tochter will sie davon überzeugen, mit ihr zur Universität zu laufen und die Studierenden zu unterstützen. Sie kann nicht verstehen, dass die Mutter sich für „Sozialismus in einem fremden Land“ mit kapitalistischen Mitteln einsetzt und nicht in der Gesellschaft, die ihr zur Heimat geworden ist. Für Marie ist Protestieren wie Handeln im Arendtschen Sinne Veränderung, ihre Mutter ist skeptischer, als Grund nennt sie ihre Erfahrungen:
„Vielleicht habe ich zu lange an der Politik gelernt und kann es nun nicht mehr anwenden.“
Gesine Cresspahl wäre eine Angehörige jener mittleren Generation der Jahrgänge 1909 bis 1934 gewesen, wie jene Deutschen aller Schichten, mit denen 1968 Interviews an der Universität Bonn geführt wurden, die Christina von Hodenberg in ihrer gerade als Buch erschienenen Studie „Das andere Achtundsechzig“ ausgewertet hat. " (FAZ 5.5.18)