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03 Januar 2021

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen

Eva von Redecker: Revolution für das Leben

Klappentext: "[...] In den neuen Protestformen erkennt Eva von Redecker, die als Philosophin zu Fragen der Kritischen Theorie forscht und auf einem Biohof aufgewachsen ist, die Anfänge einer Revolution für das Leben, die die zerstörerische kapitalistische Ordnung stürzen könnte und unseren grundlegenden Tätigkeiten eine neue solidarische Form verspricht: Wir könnten pflegen statt beherrschen, regenerieren statt ausbeuten, teilhaben statt verwerten."

Verlagsseite mit Leseprobe

Rezensionen bei Perlentaucher

Katharina Döbler im Deutschlandfunk: "[...] Entwurf einer neuen Graswurzelrevolution gegen die Sachherrschaft und die menschengemachte Zerstörung des Planeten. [...] Was die Philosophin dem entgegensetzt, einen "rebellischen Universalismus", eine "Gemeinschaft der Teilenden", kann Döbler nachvollziehen, wenn die Lektüre sie mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, den Ursachen des Klimawandels, der rassistischen Unterdrückung und der kapitalistischen Herrschaft konfrontiert und durch Redeckers Marx- , Arendt- und Adorno-Lektüren führt."

Meine Stichpunkte und Zitate:

"Eine neue Form der Herrschaft: 'Sachherrschaft' unter Menschen" Seite 27


"Dass es überhaupt möglich wurde, diesen Komplex menschlichen Wirkens als 'Weiblichkeit' einzuzirkeln, verdankt sich auch der modernen Sphärentrennung in häusliche Versorgungsarbeit und außerhäusige Lohnarbeit – ein bürgerliches Ideal, das mühsam gegen die Arbeiter_innenklasse durchgesetzt werden musste. Es war schließlich für Arbeiterinnen viel naheliegender, ihre Kleinkinder mit in die Fabrik zu bringen und dort zu stillen, als sie zu Hause in Obhut der Geschwister zu lassen oder sogar selbst ohne Lohn zu Hause zu bleiben. Räumliche Aufteilung ebenso wie bürgerlicher Moral und Sexualität halfen, die Reproduktionsfähigkeit abzugrenzen und mehr und mehr als Attribut vergeschlechtlichter Körper statt als Aufgabenbereich menschlicher Tätigkeit darzustellen. (S. 31)

Phantombesitz Seite 32 [Die Fiktion, dass man Menschen besitzen und genauso verwerten dürfe wie Materie, Pflanzen und Tiere.]


Verwerten (Güter) Seite 42
Justus Liebig:
"Großbritannien raubt allen Ländern die Bedingungen ihrer Fruchtbarkeit, es hat die Schlachtfelder von Leipzig, Waterloo und der Krim bereits nach Knochen umgewühlt, u. die in den Katakomben Siciliens angehäuften Gebeine viele Generationen verbraucht…, einem Vampyr gleich hängt es an dem Nacken Europas, man kann sagen der Welt, u. saugt ihr das Herzblut aus." (S. 43)

 v. Redecker setzt Marx voraus, kommt aber ohne Mehrwerttheorie und ohne Grenznutzen aus.

Sie stellt fest, dass mit dem Eigentum von Dingen als absolute Herrschaft über Dinge alles zur Ware werden kann. Die Ware bekommt ihren Wert nicht in ihrem Nutzen und nicht aufgrund der aufgewendeten Arbeit, sondern daraus, dass sie in Zukunft Profit schaffen kann. 

Das Ganze funktioniert,  

1. weil über Derivate selbst das Geld zur Ware werden kann (S.51) und 

2. weil die Daten, aus denen auf zukünftige Konsumentscheidungen geschlossen werden kann, zu Waren werden (S.53)

3. weil der Ausstoß an vernichteter Natur (z.B. Müll (inklusive abgenutzter Waren), CO2, verunreinigtes Wasser) nicht in die Profitrechnung eingeht. 

Grotesk werden die Bilder, wenn Menschen als Sklaven und Konsumdaten zu Waren werden, wenn Sklaven und Daten sich also "nach rückwirkender Rechtfertigung dafür," zur Ware gemacht worden zu sein, 'sehnen'. (S.48)

"[...] als Ware begehrt jedes Ding unstillbar dasselbe. Jedes sich nach rückwirkender Rechtfertigung dafür, produziert worden zu sein, also danach, mehr einzubringen, als es kostete." [sie herzustellen]. (S.48]. 

"Die Entscheidung über den Wert der Waren [...] misst sich an allem anderen, was in dieser Gesellschaft aufs Geratewohl der Profithoffnung hin produziert wurde. Auch alle unsere Konsumentscheidungen gehen in das Ergebnis ein"." (S.55) [Natürlich handelt es sich dabei nicht um einen Gebrauchswert, sondern nur einen Wert innerhalb der Logik der Profitmaximierung.]

"Die Herrschaft, die die Verwertung über uns errichtet, in dem sie Wertvolles von Nichtigem trennt, ist anonym und indirekt. Sie ist "kein persönliches Abhängigkeitsverhältnis. Man weiß gar nicht, dass man beherrscht wird. Oder selbst wenn man es vage spürt, weiß man nicht, wovon – jede Verschwörungstheorie [...] zehrt von dieser Undurchschaubarkeit." (S. 55)

"Aus der Sicht des planetaren Lebens besteht die sachliche Herrschaft, also die Tyrannei des Profits, vor allem darin, dass die kapitalistische Verwertung die Natur auf eine vollkommen blinde Weise reorganisiert. Sie behandelt, abgesehen von ihren eigenen Wertzuschreibungen, alles als entbehrlich. [...] So ist der Abbau von Phosphor zugleich der Aufbau von Mondlandschaften und das Ausbringen von Phosphor ist die Vermehrung ausgewaschener Äcker in der Zukunft. Aber diese Seite der Verwertung ereignet sich im Verborgenen, wie etwas, das gar nichts passiert. [...] wer hätte das gedacht, dass das Industriezeitalter die Erde in Treibhausgase hält. Marx auch nicht." (S.56)

"Nicht nur, ob man sich den angesagten Salat leisten kann, sondern ob man überhaupt ein Zuhause hat, hängt vom Marktwert ab, vom eigenen und von dem der Immobilien. Seite 59

Was den größten Scharlatanen die Wählergunst sichert, ist, dass sie offen so handeln, wie man selbst es doch noch eher verschämt und stümperhaft im Verborgenen tut. Alle Mittel einsetzen. Sonst wird man am Ende schließlich am Ende selbst eliminieret. (S. 60)

Wenn es so ist, dass die sachliche Herrschaft uns unerkannt bleibt, weil wir den Wert als dingliche Eigenschaft der Waren betrachten und nicht als Effekt des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs, dann kann sich der Hass auf diese Herrschaft immer nur auf Stellvertreter entladen. [...] Der horror vacui der scheiternden Selbstverwertung wird weitergereicht, so als solle an diesen Menschen persönlich Rache geübt werden für die stete Gefahr der Verwertung: Die Gefahr als nichtig abgespalten zu werden, während anderswo Wert eingesackt wird (S. 63)

"Der aufgewirbelte Wert-Staub verschleiert, wie viel Bruch, Überreste und Nutzlosigkeit da produziert wird. Die Menschen, deren Fähigkeiten und Daten nicht mehr verwertbar sind: Schutt. [...]

Der Biologe Bernd Heinrich fasst seine Forschungen zu natürlichen Nährstoffzyklen folgendermaßen zusammen: "… wir sind nicht aus Staub. Und wir kehren nicht zum Staub zurück. Wir sind aus Leben und wir sind ein Übergang in ein anderes Leben. Wir kommen von den unvergleichlichen Tieren und Pflanzen und kehren zu Ihnen zurück. In diesen Kreislauf hat sich der Kapitalismus als eine Lebensform eingefügt, die alles zu Staub zermahlt und die Erde als Schutthalde hinterlässt." (S.64)

Erschöpfen (Arbeit)
"Nicht die Aussicht auf Wert haucht der Ware ihr Leben ein, oder zumindest nicht diese Aussicht allein. Es muss auch etwas gezielt Tätiges dazukommen. Arbeit ist das Zwischenglied, das aus Herrschaft Wirtschaft macht." (S. 65)

"Das fiktive Eigentum an der eigenen Arbeitskraft ist eine besondere Ausprägung der modernen Sachherrschaft. [...] Und wenn auch der Arbeitsvertrag die Fiktion des Selbsteigentums voraussetzt, liegt diese doch bei den Besitzlosen immer nur schemenhaft vor. Volles Selbsteigentum gewährt die moderne Gesellschaft nur dem vermögenden bürgerlichen Individuum. Der Selbstbesitz der Arbeiter_innen bleibt doppelt gebrochen. Den ersten Bruch proletarischen Selbsteigentums bewirken die Besitzverhältnisse. Die materielle Besitzlosigkeit in einer Welt voller Eigentum schließt die Möglichkeit aus, sich selbst – oder in Gemeinschaft – zu versorgen." (S.70/71)

"Der Selbstbesitz des Arbeiters muss defizitär bleiben, ergänzungsbedürftig durch die Disziplin der Fabrik, der Volksschulen und des Militärs. Diese Disziplin besteht vor allen in neuen Regiment der zeitlichen Synchronisierung. Stechuhr und Appelle lehren den Körper, die Spontanität zu überwinden, mit der er lebendige Zeit füllen würde." (S. 74)
"Historisch war die weibliche Reproduktionsfähigkeit fiktives Eigentum der Ehemänner. Das verschleiert ihren Charakter als Arbeit zum Teil bis heute." (S. 77)
"Die Arbeitskraft der unteren Schichten muss Phantombesitz der Gesellschaft bleiben, und die Institutionen und Mitbürger_innen rächen sich an allen, die ihren sozialgesetzliche Solidarität in  Anspruch nehmen. Faulenzer! Sozialschmarotzer! Arbeit muss ich wieder lohnen! (S. 85)

 Burn out und Stehaufmännchen-Monster
Arbeit und Ressourcen erschöpfen sich, weil sie im Rahmen der Sachherrschaft vollends verfügbar gemacht und zum Missbrauch freigegeben werden. (S. 87)

"Eine kürzlich im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Studie, in der es darum ging, die vorzeitige Ergrauen von Haaren zu erklären, kam zu dem Ergebnis, dass Stress grundlegender als bisher angenommen in den Körper eingreift." (S. 88)

"Viren profitieren von durch Stress geschwächten Immunsystemen, besonders wenn sie durch den Zusammenbruch von Ökosystemen ihre tierischen Wirte verlieren und beginnen, auf Menschen zu mutieren." (S.89)


Zerstören (Leben)
"[...] die Hälfte unseres CO2-Ausstoßes wird von den reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung veranstaltet." (S.91)
"Das Konzept von Extinction Rebellion basiert auf der Diagnose, dass es sich beim drohenden Massenaussterben um etwas handele, dass nicht nur fahrlässig vernachlässigt werde, sondern vom Gehalt her kaum zu fassen sei." S.94
"Die Die-ins versuchen es mit eleganter Eindeutigkeit: Wir werden tot sein. [...] In den massiven Protesten Ende Mai 2020 legten sich die Demonstranten_innen für genau die 8 Minuten und 46 Sekunden auf den Boden, die der weiße Polizist auf dem Nacken von George Floyd kniete und ihn dadurch kaltblütig umbrachte." S.95
"Diese faszinierende Mischung aus ernsthafter Erschütterung und Erste-Welt-wattiertem Budenzauber könnte wohl nirgends einen größeren Kontrast finden als in der nüchternen Klarheit Von Fridays for Future." S.97 

"Gretas Auftritt auf dem Weltklimagipfel 2019 folgte sehr genau dem Skript der ebenfalls 17-jährigen Emma Gonzalez, die im Anschluss an das Schulmassaker in Parkland die Mobilisierung gegen die US-amerikanische Waffenlobby anführte und nicht nur mit ihrer sechsminütigen Schweigeperformance, sondern auch mit einem legendären Fluch auf die von der Rifle Association mitfinanzierten republikanische Politiker in Erinnerung blieb: "Shame on you!" "Schämt euch!" " S. 98

"Greta Thunberg als Kassandra" S.99

"Kassandrischer Kummer - die Wehrlosigkeit dagegen, alles sehen zu müssen – bildet den Gegenpol zur bewussten Blindheit der Mächtigen und Gemächlichen." Seite 101
"Dabei besteht der Realitätssinn der Katastrophenvergegenwärtigung gerade darin, dass für langsames Heranreifen gar keine Zeit mehr ist." S. 102
"Nun, wo viele christliche Institutionen nur noch als Phantombesitz der Leitkultur fungieren, liefert die Esoterik der Bevölkerung diverse Opiate. Und tatsächlich steigt der Bedarf nach ihr in den Kreisen, die sich der Realität von Artensterben, Erderwärmung und Umweltgiften stellen. Man sucht in der Auflösung nach feststehenden Zusammenhängen. Denn die Esoterik besteht einerseits aus eisernen Gesetzen und Symmetrien und andererseits aus der wunschdenkenden Beseelung aller möglichen natürlichen Dinge, denen wir das Leben zu rauben im Begriffe sind. [...] Denn was hier betrauert wird – ironischerweise übrigens in einer Performance, die dem Strecke-Verblassen nach einer Treibjagd sehr ähnelt –, soll ja nicht das Sterben sein, sondern das Aussterben." S. 103
"Der enttäuschte Mensch muss mehr tun, als sich selbst als Sonne zu setzen. Er muss lernen, besser um die Sonne zu kreisen." S. 104

Weiße Sachenherrenrassisten teilen die Menschheit in lebenswertes und unwertes Leben, fantasieren, welche Gruppen als dienend unterjocht, welche als Eindringlinge und Diebe eliminieret werden sollen – und wem die Erde gehört: Ihnen selbst oder ihren Führern. [...]
Der 'Ökofaschismus' [...] will die Erde für die Weißen reservieren. Das kann mit Aufrufen zu 'Umweltschutz' einhergehen. Die Nazis wollen ja so wie 'ihre Heimat' auch 'ihre' Frauen schützen. Aber nie vor sich selbst.
Der Faschismus operiert mit den Begriffen des Aussterbens und des Lebens, aber andersherum. Er organisiert das Aussterben der anderen im Namen des eigenen Lebens, wobei sich auch dieses eigene Leben zum viehischen Überlebenskampf degradiert [...]" (S.105/06)
Gerade weil die volle Herrschaft über Lebendiges immer unmöglich bleibt, muss sie sich mit der Verfolgung ihrer Widersacher beschäftigt halten.[...] Hannah Arendt hat immer wieder betont, dass die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auch gegen die 'eigene' Bevölkerung fortgesetzt worden wäre. Faschistische Politik ist erst 'fertig', wenn wirklich niemand mehr lebt. Denn voll besetzen kann man nur Totes. (S.107)

Der Verlust der Welt
"Wir sind daran gewöhnt, die Welt zu verlieren: das ist unsere Form, in ihr zu leben. Wir werden nicht plötzlich schockiert innehalten und alle Hebel umlegen, wenn der nächste Grenzwert überschritten ist oder eine noch süßere Tierart ausstirbt [...] Wir werden in Quarantäne und Verteilungskämpfen stecken und unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Verlust von Leben weiter an Obdachlosen und Migrantinnen  stärken. [...] Die einzige Perspektive, aus der man hoffen kann, im Angesicht der Katastrophe Orientierung zu gewinnen, ist die, die erkennt, dass die Katastrophe schon da ist." (S. 109)
Es liegt nicht am zukünftigen Ausmaß der Katastrophe, dass wir sie so schwer zu fassen vermögen, sondern an unserer hergebrachten Beziehung zu ihrem Objekt.
Es könnte also ein Weg zur besseren Kriseneinsicht sein, die Struktur dieses Weltverlustes nachzuzeichnen. In ihrem Werk Vita Activa entfaltete Hannah Arendt 1955 ihre Diagnose des Weltverlusts. Sie beschreibt die moderne Entfremdung von der geteilten Welt als Effekt dessen, dass sich in kapitalistischen Gesellschaften die Grenzen verschiedener Tätigkeiten verschieben. Diese Verschiebung besteht darin, dass die Logik eines Bereichs ausufert und auf einen anderen übergreift, der dadurch ruiniert wird. (S. 110) 

 Arendt beschreibt hier die Beziehungen zwischen menschlichen Tätigkeitsbereichen wie ein ökologisches Gleichgewicht. Sie definiert die drei grundlegenden Bereiche unseres aktiven Lebens auf zum Teil ungewöhnliche Weise. Das Arbeiten umfasst nur die Versorgungstätigkeiten, die ihre Ergebnisse immer wieder verbrauchen. Die Produktion von beständigen Gütern fasst sie als Herstellen [wo wir langlebige Güter gebrauchen] und Handeln ist eine besondere Form des öffentlichen Sprechens und Tuns. [...] Arendt versteht die Arbeit als einen zyklischen Austausch mit der Natur, einen Stoffwechsel im Zuge dessen wir Material aufgreifen und vorübergehend zu uns nehmen. Diese Sphäre [...] wird nun durch den Einbruch der Logik des Handelns ruiniert [...] Die Logik der von Menschen angestoßenen und absehbaren Kettenreaktionen ist aber nun in die Sphäre des Arbeitens in unseren Stoffwechsel mit der Natur eingebrochen und dort stiftet sie Unheil. [...]
Wir können Arendts Deutung des Weltverlust also eine dritte Dimension beisteuern: die Logik des Arbeitens zerstört die Güter des Herstellens; die Logik des Herstellens zerstört die Freiheit im Handeln; die Logik des Handelns zerstört die lebendige Grundlage der Arbeit. (S.111/12) (Hervorhebung von mir)

Es kommt mir unvermittelbar vor, dass ich in einer Zeit groß geworden bin, in der alles wimmelte vor Vögeln und Insekten. Eine Zeit, in der nicht ständig neue Schädlinge auftauchten. Ich kannte kein Jakobskreuzkraut und keine Eichenprozessionsspinner – weil es sie tatsächlich noch nicht gab. (S.113)


Bezug auf die kleine Eiszeit:
"Im neuzeitlichen Europa hat die so genannte kleine Eiszeit, eine Verringerung der Temperaturen um 1,5° zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, zu Missernten, Hungersnöten und Seuchen geführt. Die frühneuzeitliche Abkühlung war tatsächlich 'nur' eine Abkühlung und löste keine Kettenreaktion aus, die das ganze Wettersystem aus dem Gleichgewicht brachten, wie ist derzeit zu  geschehen beginnt." (S.117)

 "William Shakespeare hat diese Erfahrung offenbar inspiriert, sich ein umfassendes Aussetzen der Jahreszeitenzyklen vorzustellen. So präsentiert die Elfenkönigin Titania in einer Rede im Sommernachtstraum, die in späteren Inszenierungen oft gekürzt wurde, ein Bild der gebrochenen Zeit der Natur:
Drum sorgt der Wind, der uns vergeblich pfiff,/ Als wie zur Rache böse Nebel auf/Vom Grund des Meeres, die fielen auf das Land,/Und machten jeden winz'gen Bach so stolz,/Dass er des Bettes Dämme niederriss. [...] (S.118) *Original: 
Therefore the winds piping to us in vain  [...] 
That they have overborne their continents.

Unsere so genannte Zivilisation beruht darauf, mit der  Abzirkelung von Eigentum natürliche Kreisläufe zu kappen und sie in der spiralförmigen, die Zukunft anpumpenden Verwertung vollzumüllen. (S. 120)

Revolution (S. 127ff.)

"Der Kapitalismus hat uns ein Leben in der Hollywoodschaukel versprochen. Stattdessen sitzen wir in einer hochtourigen Achterbahn, deren Gerüst bröckelt. Unsere Aneignungszirkel und Verwertungsstrudel erschöpfen innere wie äußere Natur. Sie fressen sich blind in das Zusammenspiel der planetarischen Ökosysteme und der zärtlicheren sozialen Bezüge. Der Kapitalismus zerstört Leben, er zerstört das Leben selbst. [...] Kann man das Ding anhalten oder zum Entgleisen bringen? Was, wenn wir zu fest angeschnallt sind? Wie soll das aussehen, eine Revolution für das Leben? Es ist zum Allgemeinplatz geworden, dass das 1989 triumphal verändert verkündete 'Ende der Geschichte' eine Fehldiagnose darstellt [...] Aber es ist auch wichtig, festzuhalten dass die historisch einschneidenden Geschehnisse seither vom Westen kaum im Modus der Geschichte verarbeitet, sondern als unvermittelt einbrechendes Geschick erfahren werden. 9/11, Finanzkrise, Erstarken der Autoritarismus, Klimawandel, Migration, Covid-19 – wir starren gebannt und ungläubig auf die Ereignisse wie auf ein hypnotisches Glücksrad. Wir erkennen darin weder Sinn noch unser eigenes Wirken. Wenn die Turbulenzen fühlbar werden, dann können sich immer noch einige, verschanzt hinter Airbags, die Schleudertraumata der anderen vom Leib halten. [...] Der Zerstörungszusammenhang kommt zu uns zurück wie ein gauklerisches Mysterienspiel." (S.127/28)

"Derzeit sind in den USA mehr schwarze Männer im Gefängnis als bei Ausbruch des Bürgerkriegs versklavt waren, und sie verrichten in den häufig privat betriebenen Haftanstalten Zwangsarbeit für bekannte Unternehmen. [...]  Eine konsequente antirassistische Perspektive muss deshalb [...] auf die Abschaffung aller Einrichtungen zielen, die es ermöglichen, schwarzen Menschen Gewalt, Willkür und verfrühtem Sterben auszusetzen. Mit der Abolition der Sklaverei wurde diese Aufgabe begonnen, aber sie ist nicht beendet, solange Menschen aufgrund von Problemen, die zum allergrößten Teil sozialer Natur sind, individuell eingesperrt werden." (S. 163)

"Die Verwirklichung des nationalstaatlichen Prinzips in ganz Europa hatte nur eine weitere Diskreditierung des Nationalstaates zur Folge; es konnte nur einem Bruchteil der betroffenen Völker nationale Souveränität geben und zwang diese, da ihre Souveränität überall gegen die enttäuschten Aspirationen anderer nationaler Gruppen durchgesetzt war, von vornherein in die Rolle des Unterdrückers. Die unterdrückten Gruppen wiederum wurden gerade durch diese Regelung in ihrer Überzeugung bestärkt, dass Freiheit ohne nationales Selbstbestimmungsrecht und volle Souveränität nicht möglich sein und fühlten sich daher [...] um das, was sie für Menschenrechte hielten, betrogen. Und für dieses Gefühl konnten sie sich auf nichts Geringeres als die französische Revolution berufen, welche die Tradition des Nationalstaates eigentlich begründet hat. [...]

Hannah Arendt leitet vom Problem der nationalen Minderheiten über zu dem der Staatenlosen [...]. Sie hält die Staatenlosigkeit für ein fatales Produkt der Nationalstaatlichkeit und demonstriert daran ihre berühmt gewordene These eines 'Paradox der Menschenrechte'. 
Dieses Paradox besteht darin, dass uns Menschenrechte qua Menschsein zustehen, faktisch aber nur von Staaten sichergestellt werden können. Das führt dazu, dass ausgerechnet diejenigen, die Menschenrechte am nötigsten bräuchten – Staatenlose – am schlechtesten geschützt sind. Arendt ist der Meinung, dass nur ein 'Recht auf Rechte' diesem Missstand abhelfen könnte" (S. 170/171)

Sieh auch:

Eva von Redecker: Bleibefreiheit Fischer Verlage 2023 (mit Leseprobe)

(Perlentaucher)

24 März 2019

Christentum und Kapitalismus

"Bucher, Rainer: CHRISTENTUM IM KAPITALISMUS Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt

"Gegen die „gewinnorientierte Verwaltung der Welt“ hat das Christentum die paradoxalen Spannungen menschlicher Existenz freizulegen: zwischen Jetzt und Noch-nicht, Individuellem und Gesellschaftlichem, Freiheit und Gnadenbedürftigkeit."

http://www.libinst.ch/?i=christentum-und-kapitalismus-ein-pladoyer-wider-die-instrumentalisierung

http://www.balkanforum.info/f26/christentum-kapitalismus-jesus-befuerworter-kapitalismus-223007/

11 Juli 2018

Terry Eagleton: Kultur

Terry Eagleton: Kultur 

"Der moderne Kulturbegriff hat viele Ursprünge. Bedeutung erlangte er erstmals Ende des 18. Jahrhundert als Kritik am industrialisiert muss, aber auch als Gegenpol zum Revolutionsbegriff. (S.134)
Für Jane Austen beispielsweise bis Kultur im wesentlichen eine Sache der individuellen Kultivierung. [...]
Anfang des 18. Jahrhunderts [...] hieß der Begriff, der später "Kultur" genannt wurde, noch "Höflichkeit" (politeness). Und Höflichkeit als eine Form des taktvollen, soziale Eintracht fördernden Verhaltens vereinigt Moral und Ästhetik auf eine ganz ähnliche Weise wie bei den nachfolgenden Denkern der Kulturbegriff.
Der Impetus, der dem Konzept Höflichkeit – wie später dem Kulturbegriff – zugrunde lag, war politischer Natur. (S.137)

Die Philosophie verließ Studierzimmer und Kloster und wirkte an dem neuen Projekt der moralischen und gesellschaftlichen Selbstgestaltung mit. Die Vernunft wurde neu definiert – fortan war sie eine Angelegenheit des Gesprächs, eines freien, gleichen und offenen Dialogs zwischen Gentlemen über Fragen der Ethik, des Geschmacks, der Umgangsformen und der guten Erziehung. (S.138)

Schillers Schrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen ist unter anderem ein politisches Gleichnis, in dem – wie so oft in der Geschichte der Philosophie – die Beziehung zwischen Denken und Sinneserfahrung große Ähnlichkeit mit der Beziehung zwischen der herrschenden Klasse und dem Volk aufweist. Es ist, als wäre das gemeine Volk ein Gesindel von ungeordneten Sinneswahrnehmungen, die dem Formwillen des Kunstwerkes unterworfen werden müssten, und als wäre die Kultur der Prozess, durch den dieses Erlösungswerk verrichtet werden könne. (S.139)

Tatsächlich wurde im Laufe des 19. Jahrhundert die Klasse der Industriearbeiter zunehmend als dunkler Kontinent im Herzen Europas angesehen, eine potentiell rebellische Macht, von der Zivilisation hervorgebracht, aber durch aus in der Lage, ihren vollkommenen Untergang herbeizuführen." (S.141)
"Nach Freuds Auffassung verinnerlichen wir das Gesetz in Gestalt des Über-Ichs, das heißt, wenn wir uns über seine Anweisung hinwegsetzen, laufen wir Gefahr, uns selbst zu schaden. Auch Burke ist sich bewusst, dass die einzige echte Souveränität diejenige ist, die wir zu unserer eigenen machen."
Seite 144/45 
"Denn wir sind – anders als die Anhänger des freien Willens glaubten – nicht transparent für uns selbst. [...]
Nach Freuds Auffassung wohnt im Herzen des Verlangens ein kleiner Fehler oder Störimpuls, der vom Ziel ablenkt und das Unterfangen zum Scheitern verurteilt. Außerdem bleibt immer ein Rest des Begehrens und erfüllt, ganz egal, wie vollständig und frei wir uns selber ausleben. [...]
Solche Überlegungen sind der romantisch-humanistischen Tradition, zu der auch Karl Marx gehört, weitgehend fremd."
Seite 145
"Nach Marx gibt es nichts Verworrenes und Unauflösliches im Inneren des Menschen, während Freud seine eigene Version der Erbsünde entwirft. Nichtsdestotrotz gibt Marx der romantischen Sichtweise eine neue Richtung. Er macht sie nutzbar für eine reale politische Kraft: die Arbeiterbewegung und den Sozialismus. [...] Seine implizite Empfehlung lautet: Verwirkliche das Selbst nur in einer Weise, die für andere die Möglichkeit schafft, dasselbe in völliger Freiheit zu tun. [...]" S.146
"Dies ist jedoch keine Patentlösung für das Problem, und der Gedanke stammt auch nicht von Marx selbst. Wie so vieles hat er ihn von Hegel übernommen. Aber er enthält eine überaus sinnvolle Moral."
Seite 146/147
"Der Kulturbegriff, der um die Wende zum 18. Jahrhundert zu einer Kritik am Industrialismus wurde, legte auch die Grundlagen zum romantischen Nationalismus."
Seite 147
"Der Nationalismus sollte sich als die erfolgreichste revolutionäre Bewegung der Moderne erweisen, sollte Reiche zu Fall bringen, Tyrannen stürzen und zur Gründung einer Vielzahl neuer politischer Staaten führen."
Seite 148
"Es gibt unzählige nationalistische Helden und ein Pantheon voller nationalistischer Heiliger und Märtyrer. Wie die Religion, so verbindet auch der Nationalismus die alltägliche Existenz mit visionärem Idealismus. Die Nation sei, so schrieb Herders Kollege Johann Gottlieb Fichte, ein Werk Gottes."
Seite 149
"Für Shelley waren Dichter die nicht anerkannten Gesetzgeber der Menschheit, eine Beschreibung, die laut W.H. Auden eher auf Geheimpolizisten zutrifft; doch mit Beginn der Krieg gegen den Kolonialismus wurden zahlreiche nationalistische Künstler echte Gesetzgeber."
Seite 149/150

"Romantische Nationalisten wie Herder begriffen Nationen als einheitlich, selbsterschaffend und selbstbestimmt. In dieser Hinsicht kann man meinen, sie ähnelten Kunstwerken. Es lässt sich kaum überschätzen, wie viel Unheil diese Lehre über die moderne Welt gebracht hat. Zunächst einmal gibt es keine einheitlichen Nationen. Die meisten Gesellschaften sind ethnisch vielfältig, und alle sind sie sozial gespalten. Nationen sind politische Konstrukte, keine Naturerscheinungen."
Seite 150
"Die Kulturindustrie zeugt weniger von der zentralen Bedeutung der Kultur als vielmehr von den expansionstischen Ambitionen des spätkapitalistischen Systems, dass nun Phantasie und Unterhaltung so umfassend kolonisieren kann, wie es einst Kenia und die Philippinen kolonisierte. Paradoxerweise büßt die Kultur ihre Autonomie umso stärker ein,  je mehr Bedeutung sie als Massenkultur gewinnt und je mehr sie als eigenständiges Phänomen erscheint. Je größer der Einfluss dieser Art Kultur, desto mehr stärkt sie ein globales System, dessen Ziele der Kultur in der normativen Bedeutung des Wortes größtenteils feindselig gegenüberstehen." (S. 176/77)
"Es gibt kein deutlicheres Beispiel für die Art und Weise, wie der Kapitalismus alles zu assimilieren bestrebt ist, was ihm einst entgegengesetzt zu sein schien ("Kultur"), als der weltweite Niedergang der Universitäten.
 Seiner Natur nach zwar etwas weniger spektakulär, zählt er doch gemeinsam mit dem Fall des Kommunismus und der Twin Towers zu den folgenschwersten Ereignissen unserer Zeit. Gegenwärtig werden die jahrhundertealten, traditionsreichen Universitäten als Zentren humaner Kritik zerschlagen, indem sie unter der Herrschaft einer philisterhaften Managerideologie in pseudokapitalistische Unternehmen umgewandelt werden. [...] (S.177/78)
Der Wert des neuen intellektuellen Proletariats der Universitätslehrkräfte wird daran gemessen, in wie weit deren Platon- oder Kopernikus-Vorlesungen der Wirtschaft zugutekommen, während arbeitslose Akademiker eine Art Lumpen-Intelligenzja bilden. [...]
Die Vorstellung, über eine persönliche Büchersammlung zu verfügen, ist so antiquiert geworden wie Bill Haley oder Röhrenhosen. [...] (S.178)
Bezeichnenderweise beginnen unter dem Eindruck solcher Krisen selbst diejenigen, von denen man meint, sie seien für das System verantwortlich, zum ersten Mal das Wort "Kapitalismus" in den Mund nehmen, statt wie sonst euphemistisch von der westlichen Demokratie oder der freien Welt zu sprechen. (S.179)
Wir stecken noch immer in einer Welt von Massenarbeitslosigkeit, skandalös überbezahlten Managern, großen Ungleichheiten und heruntergewirtschafteten öffentlichen Diensten, in einer Welt, in der der Staat immer noch als willfähriges Werkzeug derart den Interessen der herrschenden Klasse dient, wie es sich kein überzeugter Vulgärmarxist kruder hätte ausmalen können." (S.180)

05 Januar 2018

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig, 2017

Rezensionen: 
Perlentaucher
ZEIT
Deutschlandfunk

"Langeweile ist die zurückeroberte Zeit. Du schaust um neun auf die Uhr, nach drei Stunden noch einmal - und es ist erst zehn nach neun." (S.58)

Gysi berichtet darüber, dass er im Arbeitszimmer von Schabowski gleichsam am "Katzentisch" ein neues Reisegesetz erarbeitet habe. Dies habe er Schabowski übergeben:

"An jenem Sonntag kündigte er an, meinen Entwurf abends in Wandlitz Egon Krenz zu übergeben. Telefonisch würde er mich über die weitere Verwendung meines Textes informieren. Tatsächlich, der Anruf kam, spät abends, Schabowski teilte mir mit, Egon Krenz habe sich für meine Arbeit nicht interessiert, veröffentlicht würde also der ursprüngliche Entwurf. Da waren sie wieder, die langsam mahlenden Mühlen, zwischen deren Steinen man sich selber zerreiben kann. Die DDR hatte gewiss viele Gegner, aber einer der kräftigsten, der im Wege stand, war das System selber.
Schade, dass es meinen Entwurf nicht mehr gibt, zumindest mich würde interessieren, was ich damals so geschrieben habe.

Von jenem Sommer und Herbst 1989 kann ich mit Fug und Recht sagen: im Grunde geschah beinahe jeden Tag etwas Neues in meinem Leben. Mein Bewegungsraum war bisher hauptsächlich der Gerichtssaal, war das vertraute Gespräch im Kollegen- und Mandantenkreis, nun aber wurde aus einer begrenzten eine ziemlich große Öffentlichkeit." (S. 263) [Hervorhebungen von Fontanefan]

"Die Öffentlichkeit wurde nun mein unmittelbares Arbeitsfeld. Öffentlichkeit inspiriert mich, sie fordert mich, sie hat meine Tätigkeit als Anwalt im Laufe der Jahre um weitere drei Berufsleben erweitert: Politiker, Autor, Moderator. Ich genieße diese Vielfalt, sie bewahrt mich vor langweiliger Einseitigkeit, sie entspricht meinem Naturell. Aber wie gesagt, was mir alles bevorstehen würde, ahnte ich anfangs keineswegs." (S. 280)

Zur Rede von Rudolf Bahro vor dem SED Parteitag: 

Er sagte zum Beispiel, auch die Sozialisten seien einer "welthistorischen Korruption" verfallen, einem "ökonomischen Materialismus und prinzipiellen Ökonomismus", den die SED offenbar weiter betreiben wollen. Er nannte das ein "Hase-und-Igel-Spiel, dieses Autorennen Trabi-Wirtschaft gegen Mercedes-Wirtschaft, bei dem unsere Wirtschaft auf der Strecke bleiben muss." Das war der Aufruf zur umfassenden Umkehr zu Abkehr vom kapitalistischen Wachstumswahn, und dann entwarf er das Bild einer wahrhaft grünen Landwirtschaft, sie sei zu "entindustrialisierten, entbetonieren, entspezialisieren. Das Dorf wird das Zusammengehörige wieder vereinen. Die Riesenflächen werden verschwinden, die schweren Maschinen auch. Es wird wieder Platz für Raine, Hecken, Büsche, Bäume, Teiche usw. sein." [...]
Die Rede ist für mich heute mehr denn je ein Beispiel für das schwierige Verhältnis von Pragmatismus und Utopie. Wann ist Zeit für den weit ausgreifenden Traum? Denn ein konsequenter Träumer war Rudolf Bahro. Er sprach auf jedem Parteitag das aus, was heute vielfach antikapitalistische Denken und Fühlen prägt. Er entwarf Zukunft, und das mit offener, radikaler Romantik, ohne Rücksicht auf die Zwänge der Realität, ohne Rücksicht darauf, was die Menschen gegenwärtig bewegte. (S. 285/86)


"Es waren Worte im Sinne dessen, was der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, einer der prägenden deutschen Publizisten, 2009 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" fragte: Wieso bei der Mauereröffnung im Grenzgebiet nicht geschossen wurde. "Wenn die Antwort auch einkalkulieren muss, dass die Fußtruppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewalt durchdrungen waren, so bleibt als Faktum: weil Kranz es verboten hatte." Es sei noch immer nicht leicht die Geschichte  so zu erzählen, dass dem letzten, wochenbefristeten SED-Chef Gerechtigkeit schon heute wiederführe. Aber, so Schirrmacher, solange diese Geschichte nicht erzählt sei, "haben wir die wundersamen, beglückend and Ereignisse vom 9. November 1989 nicht verstanden". (S.334/35)

"Tolerierung darf im Kräftemessen der politischen Kräfte nur eine Ausnahme sein, sie schwächt den eigenen Charakter, sie schleift das eigene Profil. Entweder man übernimmt Verantwortung in der Regierung oder man übernimmt Verantwortung in der Opposition. Der Mittelweg jedoch das Dazwischen, das Bindeglied gewissermaßen zwischen Macht und Widerpart – das ist keine wirkliche Option außerhalb vorübergehender Lösungsnöte.
In all den Jahren meiner politischen Tätigkeit habe ich es nie mit der reinen Lehre gehalten. Demokratie ist Beteiligung. Sich unter keinen Bedingungen mit den politischen Gegner gemein zu machen, das mag sehr stolz gelingen, es kann aber auch verhängnisvolle, unfruchtbare Abkehr von der Realität bedeuten.
Wer nicht kompromissfähig ist, ist nicht demokratiefähig – wer allerdings zu viele Kompromisse schließt, gibt seinen Charakter auf. Den richtigen Weg dazwischen zu finden, dies macht den schwierigen Weg politischer Kunst aus. "(S. 439)


"Demokratie baut darauf, dass sich Unanfechtbarkeiten auflösen: Den Weg der Grünen ins Kompatible muss man heftig kritisieren, aber man darf ihn auch sehen als eine Erfahrung mit dem Gesetz des Demokratischen: Man wird verführt, eigene Positionen anderen Kräften auszusetzen – und verändert sich so auch selber. Nie einzig zum Guten, aber auch nie nur zum Schlechten
Frieden machen bedeutet nicht, keine demokratisch–sozialistische Gesellschaft anzustreben. Es schließt aber ein, was gerade uns oft schwer fällt: Frieden zu machen mit dem Menschen, wie er ist. Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch." (S.453/54)


"Ende des Jahres 1997 entschloss ich mich, in der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken den früheren Spion der DDR Rainer Rupp aufzusuchen. Warum? Diejenigen, die in der Bundesrepublik Deutschland für die DDR spioniert hatten, besaßen überhaupt keine Ansprechpartner mehr. Der Staat, dem sie gedient hatten, war untergegangen. Verurteilt wurden sie in dem Staat, gegen den sie gehandelt hatten. [...]
Diese Frage traf den Anwalt in mir, und so fuhr ich nach Saarbrücken. Bei Rainer Rupp kam noch hinzu: Er war Spion bei der NATO, das Gericht musste ihm im Urteil zugutehalten, die Sorgen der Sowjetunion vor einem Atomangriff der NATO real abgebaut zu haben. Denn er überzeugte seine Auftraggeber davon, dass die NATO keinen solchen Plan verfolge. Ihm glaubten sie, den offiziellen Beteuerungen der NATO nicht. Er arbeitete also nachgewiesenermaßen friedensfördernd.
Die zurecht viel diskutierte und auch kritisierte Friedenspreisrede 1996 in der Frankfurter Paulskirche hatte Martin Walser mit einem unvermittelten – von vielen Medien geflissentlich unterschlagenen – Gesuch geschlossen: "Jetzt sage ich nur noch: Ach, verehrter Herr Bundespräsident, lassen Sie doch Herrn Rainer Rupp gehen. Um des lieben Friedens willen." " (S.468/69)


Gysi schlug dem Präsidenten von Serbien vor, sich "an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu wenden; er könne den Sicherheitsrat erklären, die Situation in diesem Krisen- und Kriegsgebiet nicht mehr zu beherrschen und deshalb für Kosovo um eine Ordnungsmacht der UNO zu bitten. Eine Bitte ohne Vorgabe von Soldatenzahl, Bewaffnung und der Befugnisse. Nur eines müsse gewährleistet sein: keine Soldaten aus jenen Ländern die gerade Krieg gegen sein Land führten. [...]"
Er "hörte sich meinen Vorschlag an, auch meine kritische Einschätzung der Menschenrechtslage im Kosovo. Das Gespräch dauerte lange, aber er wirkte unzugänglich. Er war leider davon überzeugt, dass die NATO scheitere, wenn sie gegen seinen Willen im Kosovo einmarschierte. [...]" (S.478/79)
Die Medien schossen sich auf Gysi ein: "Obwohl nicht wirklich zu bestreiten war, dass dieser Krieg auf dem Balkan  völkerrechtswidrig geschah. Es hatte keinen Angriff von Jugoslawien gegen andere Staaten gegeben. Es existierte kein Beschluss des Sicherheitsrates der Organisation der Vereinten Nationen. Ein solcher Entscheid wäre am Veto Russlands geschaltet. Jelzin erklärte sogar, wenn das Völker recht bei Jugoslawien verletzt werde, gelte es auch nicht mehr für Russland. Auch der spätere russische Präsident 
Dmitri Medwedew  wies auf die Konsequenzen hin, die Russland ziehen werde, wenn einige EU-Staaten den Kosovo als unabhängigen Staat an erkannten. Eine dieser Konsequenzen war die spätere völkerrechtswidrige Vereinnahmung der Krim durch Russland.
Der Westen hatte so eindeutig über den Staatssozialismus gesiegt, dass er sich zu der gefährlichen Arroganz verstieg, das Völkerrecht, diesen wichtigen, friedensfördernden Ost-West-Ausgleich seit 1945, nicht mehr zu benötigen. Es gab den Osten nicht mehr. Man ignorierte das Völker recht – indem man es ungerührt selber verletzte. Immerhin war zu merken, wie wirkungslos rechtliche Regeln sind, wenn Starke kein Gegengewicht spüren. Um den Völkerrechtsbruch zu rechtfertigen, griff man mehr und mehr zu moralischen Anschuldigungen. (Seite 478-480)

"Ich habe beim Schreiben dieses Buchs versucht, möglichst persönlich zu werden, ohne privat zu sein." (S.573)

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Aufbau Verlag, Berlin 2017(Rezension in der ZEIT vom 7.12.17)