13 Oktober 2019

Josephus

Flavius Josephus * 37 oder 38 in Jerusalem als Joseph ben Mathitjahu ha Kohen, Sohn des Matthias“[1]; † nach 100 vermutlich in Rom) war ein römisch-jüdischer Geschichtsschreiber. Er verfasste seine Werke in griechischer Sprache, zum Teil aber zunächst in seiner aramäischen Muttersprache.
Josephus ist neben Philon von Alexandria der wichtigste Autor des hellenistischen Judentums. Er schloss sich, obwohl seiner Herkunft nach den Sadduzäern nahestehend, früh den Pharisäern an. (Josephus)

Mir ist interessant, dass er in der Vorrede zu den Jüdischen Altertümern sich dagegen verwahrt, die Bücher Mose, an denen er seine Geschichtsschreibung der jüdischen Geschichte von der Einrichtung der Welt an orientiere, könne irgendwelche "Fabelei" enthalten, denn "unser Gesetzgeber [habe] die Natur Gottes geziemend aufgefasst und ihm nur solche Taten beigelegt [...], die seiner Macht würdig sind". (1. Buch Vorwort, S.16)

Außerdem fiel mir auf, dass Josephus, obwohl ihm die historischen Bücher der Bibel in der griechischen Fassung vorliegen und er selbst griechisch schreibt, eine ganze Reihe von Namen in einer anderen Lautform wiedergibt, als sie in unseren Bibelübersetzungen üblich ist. So ist es interessant von Jesus, dem "Feldherrn der Hebräer" (S.251/52), zu lesen (identisch mit dem biblischen Josua). Auch hatte ich nicht gewusst, dass Jesephus acht verschiedene Judasse erwähnt, von denen der späteste, Judas, der Galiläer, zur Zeit des Landpflegers Gessius Florus einen Aufstand organisiert habe (18. Buch 1,1 und 1,6).

Im 2. Kapitel des 12. Buches seiner Jüdischen Altertümer berichtet er, dass Ptolomäus Philadelphus die Gesetze der Juden in die alexandrinische Bibliothek habe aufnehmen wollen und im Gegenzug über 100 000 jüdische Sklaven freigekauft habe.
Diese Darstellung deckt sich weitgehend mit dem Aristeasbrief.
Die moderne Darstellung von Heinrich Graetz habe ich im vorigen Kapitel wiedergegeben. Der heutige Stand der Wissenschaft findet sich in der Wikipedia (Septuaginta). Graetz berichtet das Ganze aber weit anschaulicher, auch wenn er nicht so weit geht wie Josephus, der die Vorgänge durch (ngebliche) Dokumente und wörtliche Reden ausschmückt.

Natürlich ist auch die Stelle interessant, wo Josephus (in Buch 18 im 3. Kapitel, 3, S.515) im Zusammenhang mit einem jüdischen Aufstand gegen Pontius Pilatus noch einen Jesus erwähnt. (Die Nennung der Bezeichnung Christus gilt als nachträglich eingefügt.) Gleich im Anschluss daran erzählt er freilich eine Skandalgeschichte (S.516, schon er wusste: "Sex sells"), dann eine über eine Vertreibung von Juden aus Rom, auf die sich auch bei Tacitus und Sueton Hinweise finden.

sieh auch:
Zur Geschichte des jüdischen Krieges
Dort kommen sogar 7 Jesusse vor, freilich keiner aus Nazareth.
Berichtet wird u.a. von der Einnahme Jerusalems und dem großen Brand sowie von der Schleifung, aber auch von Judenverfolgungen außerhalb Israels.  

Heinrich Graetz: Geschichte der Juden

Der judäische Alexandrinismus. 160-143
Die judäische Kolonie in Ägypten und Kyrene; Auswanderung aus Judäa nach Ägypten. Innere Einrichtung der alexandrinischen Gemeinde. König Philometor, Gönner der Judäer. Die judäischen Feldherren Onias und Dositheos. Oniastempel. Übersetzung des Pentateuchs ins Griechische (Septuaginta). Die synagogale Predigt. Die judäisch-alexandrinische Literatur. Streit der Judäer und Samaritaner in Alexandrien. Der Samaritaner Theodotos und der Judäer Philo der ältere. Der König Ptolemäus VII. Physkon Euergetes II. und die Judäer. 
Das Wunderland des Nil, das einst die Wiege und Leidensschule des israelitischen Volkes gewesen war, wurde in diesem Zeitraum für die judäische Nation die Schule der Weisheit. Wie unter den Pharaonen, so ist auch unter den griechischen Beherrschern Ägyptens die Ansiedelung der Judäer in Ägypten gefördert worden. Sei es, daß Alexander, der Eroberer Asiens und Ägyptens, der Erbauer Alexandriens, eine judäische Kolonie nach Ägypten verpflanzt1, sei es, daß der erste Ptolemäer viele judäische Gefangene dorthin versetzt, denen sein Nachfolger die Freiheit gegeben hat2, oder daß sich gar noch ein Rest jener judäischen Auswanderer, welche nach der Zerstörung des Tempels unter Nebuchadnezar Zuflucht in Ägypten gesucht, daselbst erhalten hatte: genug, die judäische Bevölkerung Ägyptens war zahlreich. Sie verbreitete sich über den ganzen Landstrich von der lybischen Wüste im Norden bis an die Grenze Äthiopiens im Süden3. Ähnlich wie während des Aufenthaltes ihrer Stammväter in Ägypten vermehrten sich die ägyptischen Judäer von Tag zu Tage mehr durch Fruchtbarkeit und Zuzüge von Palästina aus, so daß ihre Zahl ein Jahrhundert später schon eine Million betragen haben soll4. Die Landschaft Kyrenaika sowie der bewohnbare Landstrich Lybiens hatten in den Städten eine judäische Bevölkerung, entstanden aus einer von Ptolemäus I.  dahin gesandten Kolonie5. In Ägypten und Kyrene genossen die Judäer dieselben Rechte6 wie die griechischen Bewohner, weil beide fast zu gleicher Zeit sich daselbst angesiedelt hatten, und waren sogar vor den ägyptischen Urbewohnern bevorzugt, welche die Herrscher als Besiegte behandelten. Auf diese Gleichstellung (ἰσοπολιτεία, ἰσονομία, ἰσοτιμία) waren die Judäer so stolz, daß sie dieselbe wie ihren Augapfel wahrten.[...]
 Es gab unter den alexandrinischen Judäern viele Handwerker und Künstler, die in einer Art Zunftgenossenschaft organisiert waren11. Brauchte man in Palästina Künstler für den Tempel, so berief man sie aus der alexandrinisch-judäischen Gemeinde12, wie man sie in früherer Zeit aus Phönizien verschrieb. Die alexandrinischen Judäer eigneten sich ferner die griechische Kriegs- und Staatskunst und die melodische griechische Sprache an trotz der Schwierigkeit, welche das an die hebräischen Kehllaute gewöhnte Organ in der Aussprache des Griechischen finden mußte. Sie vertieften sich endlich in die griechische Gelehrsamkeit und das Schrifttum so sehr, daß manche unter ihnen Homer und Plato ebenso gut verstanden wie ihren Mose und Salomon. Die Wohlhabenheit, die edlere Beschäftigung und die Bildung flößten den alexandrinischen Judäern Selbstbewußtsein und ein Hochgefühl ein, wie sie etwa in späterer Zeit die spanischen Juden besaßen. Die alexandrinische Gemeinde galt als Mittelpunkt der judäischen Kolonie in Ägypten, und auch die auswärtigen Judäer, selbst Judäa zu Zeiten, lehnten sich gerne an diese starke Säule des Judentums an.
Die alexandrinische Gemeinde besaß in allen Stadtteilen Gebethäuser, welche hier den Namen Proseuchen oder Proseukterien führten13, unter denen sich die Hauptsynagoge durch künstlerischen Bau, Zierlichkeit und glänzende Ausstattung besonders ausgezeichnet hat. Sie war in der Form einer Basilika mit doppeltem Säulengang (διπλῆ στοά) gebaut und hatte einen so weiten Umfang, daß, wie übertreibend erzählt wird, ein eigens dazu bestimmter Beamter mit einer Fahne das Zeichen gegeben habe, so oft die Gemeinde auf einen Segensspruch mit Amen einzufallen hatte. Die Bethäuser waren auch in Alexandrien und vermutlich ebenso in ganz Ägypten zugleich Lehrhäuser, indem an den Sabbaten und Festen derjenige, welcher in der Gesetzeskunde am meisten erfahren war, nach dem Vorlesen des Abschnittes aus dem Pentateuch sich erhob und über das Vorgelesene einen Vortrag hielt14.
Den rechten Glanz erhielt das alexandrinisch-judäische Leben erst durch hervorragende Flüchtlinge, welche während der syrischen Drangsale nach Alexandrien gekommen waren. Der bedeutendste unter ihnen war Onias, der junge Sohn des letzten, rechtmäßigen Hohenpriesters von der Linie Jesua b. Jozadak. Dieses hohepriesterliche Haus hatte in Palästina die ägyptischen Interessen gegen die Söhne des Tobias und die Griechlinge unterstützt, welche auf Seiten der Syrer standen, und darum war Onias III. den Tobia den so sehr verhaßt. Als dieser, weil er mit seinem ganzen Ansehen den Ausschreitungen der Hellenisten entgegengearbeitet und es mit dem ihnen verhaßten Hyrkanos gehalten hatte, durch deren Schuld meuchlings ermordet worden war15, hatte sich sein junger Sohn Onias IV. im Mutterlande nicht sicher gefühlt und in Ägypten Schutz gesucht, sei es unmittelbar nach dem Tode seines Vaters oder mehrere Jahre später. Er wurde von dem milden König Philometor aufs freundlichste aufgenommen, weil er eine große Partei hinter sich hatte, die ihn als den einzig berechtigten Nachfolger in der Hohenpriesterwürde betrachtete, und der sechste Ptolemäer, der noch immer Hoffnung hegte, Cölesyrien mit Judäa zurückzuerobern, sich auf diese Partei und die treuen Judäer in Syrien stützen zu können vermeinte. [...]
Man erzählte sich, schon der zweite Ptolemäer, der König Philadelphos, begierig, so viele Schriften als möglich in seine Büchersammlung aufzunehmen, sei von dem Aufseher derselben, Demetrios Phalereus, auf die Bücher Moses' aufmerksam gemacht worden, daß sie würdig seien, einen Platz in der königlichen Büchersammlung einzunehmen; nur müßten sie ins Griechische übersetzt werden. Darauf habe der König zwei Gesandte, Aristeas und Andreas, an den damaligen Hohenpriester Eleasar mit reichen Geschenken abgeordnet, ihn um würdige Männer zu bitten, die zugleich des Hebräischen und Griechischen kundig seien. Um sich den Judäern gefällig zu zeigen, habe er auf seine Kosten sämtlichen judäischen Sklaven in Ägypten, welche sein Vater, der erste Ptolemäer, als Gefangene dahin geschleppt haben soll, die Freiheit geben lassen. Der Hohepriester Eleasar, gerührt durch die Beweise der königlichen Huld, habe zwei und siebenzig der kundigsten Männer und zwar aus allen zwölf Stämmen ausgewählt, je sechs aus einem Stamme, und sie nach Alexandrien geschickt. Vom Könige auf das huldvollste empfangen, hätten diese zwei und siebenzig Männer in zwei und siebenzig Tagen die Übersetzung der Thora vollendet und sie dem Könige und allen anwesenden Judäern vorgelesen. Der König habe darauf ein Exemplar in seine Büchersammlung aufgenommen, und Demetrios Phalereus habe einen Fluch über diejenigen aussprechen lassen, welche etwas daran, sei es vermindernd oder erweiternd, verändern würden32. Von dieser Sage, die bis vor noch nicht langer Zeit allgemein für eine geschichtliche Tatsache gehalten wurde, hat die Übersetzung den Namen »der Zwei und Siebenzig« oder kurzweg »der Siebenzig« (Septuaginta) erhalten. Diese Sage erhielt später, ungewiß [40] ob von Judäern oder Christen, einen neuen Zusatz von Wunderhaftigkeit. Man fügte hinzu, der König habe jeden der zwei und siebenzig Übersetzer in ein besonderes Gemach einschließen und jede Verabredung untereinander verhindern lassen; dennoch seinen die Übersetzungen derselben bis auf Wort und Silbe so einstimmig ausgefallen, daß der König und alle Anwesenden nicht umhin gekonnt hätten, das Werk als ein von der Gottheit begünstigtes anzuerkennen33. Alle diese Züge gehören aber durchaus der Sage an.
War einmal der Anfang gemacht, so konnte es nicht fehlen, daß der Eifer, die Schriftdenkmäler des Judentums für griechische Leser zugänglich zu machen, sich regte, und so wurden nach und nach auch die Geschichtsbücher in griechisches Sprachgewand gehüllt. Die poetischen und prophetischen Schriften sind wohl keineswegs zugleich mit dem Pentateuch und den Geschichtsbüchern übersetzt worden, weil sie eine doppelte Schwierigkeit darboten. Das hebräische Original war nicht leicht verständlich, und die griechische Sprache, die einen ganz andern Geist und Satzbau hat als die hebräische, war nicht geeignet, den Gedankengang und die dichterischen Redewendungen jener Schriften wiederzugeben. Es gehörten dazu außerordentliche Sprachkenntnisse und Gewandtheit, welche die Judäer in Ägypten damals noch nicht besessen haben können. Diese Bücher sind gewiß erst ein Jahrhundert später verdolmetscht worden.
Die Verdolmetschung des pentateuchischen Gesetzbuches in die griechische Sprache schuf in der Mitte der ägyptischen Gemeinden eine neue Kunstgattung, die Kanzelberedsamkeit. War es vielleicht in Judäa Sitte, bei den Vorlesungen aus der Thora die Abschnitte in die dort übliche Volkssprache (die chaldäische oder aramäische) für Unkundige nicht bloß zu übersetzen, sondern auch zu erklären, und ist dieser Brauch auch in die Bethäuser der ägyptischen Judäer eingeführt worden? Oder ist er lediglich bei diesen aufgekommen, weil die hebräische Sprache ihnen am meisten fremd geworden war? Gleichviel, ob Nachahmung oder selbständige Einrichtung, diese Sitte, dunkle oder minder faßliche Verse aus dem Verlesenen für die Zuhörer zu übersetzen und zu erläutern, bildete eine neue Form aus. Die Übersetzer, unterstützt von dem, dem griechischen Wesen entlehnten Rededrang, blieben nicht beim Gegebenen, sondern spannen es weiter aus, pflegten Betrachtungen daran zu knüpfen, Nutzanwendungen für Lagen in der Gegenwart davon zu machen, Ermahnungen anzubringen. So entstand aus der [41] Schrifterklärung die Predigt34, welche allmählich nach der griechischen Art, allem und jedem eine gefällige, schöne Form aufzudrücken, kunstvoll ausgebaut wurde. Die Kanzelberedsamkeit ist eine Tochter der alexandrinisch-judäischen Gemeinde. Hier wurde sie geboren, großgezogen und vervollkommnet und diente später größern Kreisen als Muster.
Der Reiz, welchen die griechisch redenden Judäer an dem ihnen zugänglich gemachten biblischen Stoff fanden, weckte die Lust der Gebildeteren unter ihnen, diesen Stoff selbständig zu bearbeiten, ihn volkstümlich zu machen, die Lehren, welche darin liegen, hervorzuheben oder auch das scheinbar Auffällige und Widersprechende zu erklären und auszugleichen. So entstand ein eigenes judäisch-griechisches Schrifttum, das mit der Zeit einen großen Umfang erlangte und befruchtend auf große Kreise wirkte. Aus der Jugend dieser eigenartigen Literatur, in welcher die beiden Volksgeister, die sich im Leben abstießen, sich gewissermaßen brüderlich umarmten, ist nur wenig bekannt. Es scheint, daß auch an ihr sich der Erfahrungssatz bewährte, daß die gebundene und gehobene Rede der schlichten Prosa voranzugehen pflegt. Es sind noch Bruchstücke von Schriften vorhanden, welche die althebräische Geschichte in Versen erzählen. Veranlassung zu diesen [42] poetischen Schriften scheint die Feindseligkeit der Judäer und Samaritaner gegeben zu haben.
Die beiden in der Anerkennung des Gesetzbuches der Thora und des einigen Gottes und in der Verwerfung des Götzentums einigen, sonst aber gegeneinander erbitterten Nachbarvölker hatten ihren gegenseitigen Haß von alters her noch nicht fahren lassen. Der Religionszwang unter Antiochos Epiphanes, die Mäkkabäerkämpfe und die Veränderung, welche infolge derselben eingetreten war, hatten diese Abneigung nicht gemildert, vielleicht noch eher geschürt. Wenn auch die Samaritaner, die wohl ebenfalls von Antiochos' Schergen gezwungen worden waren, die Verehrung des Gottes Israels aufzugeben, diesem Zwange sich nur ungern fügten, so machten sie doch nicht gemeinsame Sache mit den Judäern, den gemeinschaftlichen Feind zu bekämpfen, standen vielmehr auf der Seite desselben gegen ihre halben Bekenntnisgenossen. Judäischerseits erhob man gegen sie die Anschuldigung, sie hätten zur Zeit des Zwanges ihr altes Bekenntnis abgeschworen, hätten freiwillig ihren Tempel auf dem Berge Garizim dem hellenischen Zeus geweiht und hätten angegeben, sie seinen keineswegs den Judäern stammverwandt, sondern ursprünglich Sidonier, und seien nur infolge einer Notlage gezwungen gewesen, den Sabbat zu feiern und andere judäische Gewohnheiten zu beobachten35. Es war aber eine falsche Anklage. Denn die Samaritaner fuhren fort, ihren dem Gotte Israels geweihten Tempel auf Garizim heilig zu halten und nach der Vorschrift der Thora zu leben. Während des Religionszwanges scheinen Samaritaner ebenfalls nach Ägypten ausgewandert zu sein und sich ihren Stammesgenossen, welche von Alexanders Zeit her dort angesiedelt waren, angeschlossen zu haben. Die ägyptischen Samaritaner eigneten sich gleich den Judäern die herrschende griechische Sprache und das griechische Wesen an.
Die gegenseitige Abneigung zwischen den Anhängern Jerusalems und Garizims folgte beiden auch ins Ausland nach, und sie befehdeten sich gegenseitig mit demjenigen Eifer, welchen Religionsgenossen in der Fremde für ihre heimischen Traditionen zu haben pflegen. Die Übersetzung der Thora ins Griechische, vom König Philometor begünstigt, scheint neuen Zündstoff zwischen beide geworfen zu haben. Wie sehr mußte es die Samaritaner kränken, daß durch die Septuaginta die Heiligkeit ihres Tempels an Beweiskraft eingebüßt hatte, indem im Griechischen der von ihnen geltend gemachte Vers »und du sollst einen Altar bauen auf Garizim«. nicht vorhanden war. Die Samaritaner in Alexandrien scheinen daher einen Protest gegen diese Übersetzung oder vielmehr gegen diese angebliche Fälschung des Textes beabsichtigt zu haben, und da von ihnen wohl auch einige bei Hofe in Gunst standen, wußten sie es dahin zu bringen, daß der milde Philometor ein Religionsgespräch zwischen beiden streitenden Religionsparteien veranstalten ließ, wodurch die Frage über die höhere Heiligkeit des samaritanischen oder jerusalemischen Tempels erledigt werden sollte36 – das erste Religionsgespräch dieser Art vor einem weltlichen Herrscher, das sich von den im Verlaufe der judäischen Geschichte vorgekommenen öfteren Fällen dadurch unterscheidet, daß der Schiedsrichter sich ganz unparteiisch zu der Frage verhielt und also den Streitenden die volle Freiheit vergönnte, ihre Gründe ohne Rückhalt und Rücksicht geltend zu machen.

Die beiden Parteien wählten aus ihrer Mitte die gelehrtesten Männer zu ihren Sprechern, deren Namen auf uns gekommen sind. Auf Seiten der Judäer sprach ein gewisser Andronikos, Sohn Messalams. Die Samaritaner hatten zwei Vertreter, Sabbai und Theodosios, zwei in der samaritanischen Geschichte nicht unbekannte Namen; sie galten bei ihnen als angesehene Weise, und Theodosios, dessen Name in Dositai, Dostai und Dostan37 umgewandelt wurde, galt als Gründer einer samaritanischen Sekte, deren Ansichten dem Judentume näher standen. Auf welche Weise das Religionsgespräch geführt wurde, und welchen Ausgang es hatte, läßt sich kaum mehr ermitteln, da die Berichte darüber einen durchweg sagenhaften Charakter angenommen haben. Jede Partei suchte sich den Sieg zuzuschreiben, und beide haben ihre Erfolge übertrieben. Religionsgespräche haben noch nie einen wesentlichen Erfolg erzielt. Die judäischen Quellenstellen die Sache so dar, als wenn die Bedingung gewesen wäre, der König sollte das Recht und die Pflicht haben, die Besiegten [44] umbringen zu lassen – eine gewiß unwahre Wendung – und als Andronikos auf die lange Reihe der Hohenpriester hingewiesen habe, die von Ahron bis auf die Gegenwart herab ununterbrochen im jerusalemischen Tempel fungiert haben, und ferner die Tatsache angeführt habe, daß die Könige von Asien denselben Tempel durch Weihegeschenke bereichert hätten, Vorzüge, deren sich der Tempel auf Garizim nicht rühmen konnte, seien die Samaritaner öffentlich für überwunden erklärt und der Verabredung gemäß getötet worden38. Die samaritanischen Berichte, welche viel jünger und trüber sind, schreiben ihrer Partei den Sieg zu durch die Beweisführung, daß der Gesetzgeber Mose wohl nicht einen so wichtigen Punkt, wie die Stätte für die Gottesverehrung (Kiblah) unbestimmt gelassen haben könne, vielmehr sei anzunehmen, er habe in dem Schlußsegen vor seinem Tode einen Berg im Stamme Joseph als Berg des Segens bezeichnet, nämlich den Garizim. [...]

10 Oktober 2019

Peter Handke Interviews von 2012 und Würdigung von 2019

"[...] Siegfried Unseld, meine Mutter und Nicolas Born sind die drei Menschen, die mir nach ihrem Tod erschienen sind. Das ist etwas mystisch, aber das waren keine Träume. Ich habe gedacht, die sind jetzt da und schauen mich an, ein Durch- und Durchgehen, wie wenn einer mit einem Schneidbrenner einem durch die Seele fährt. Alle drei hatten was Ermahnendes an sich, als ob man sich in einer gewaltigen Kathedrale befände, und ich würde von ihnen stumm mit den Augen zurechtgewiesen. [...]"
https://sz-magazin.sueddeutsche.de/literatur/peter-handke-nobelpreis-79280

"Was wollen Sie Ihren zwei Töchtern weitergeben?
HANDKE: Ernsthaftigkeit. Begeisterung. Dass sie erschütterbar sind. Begeisterung ist alles. Dass sie sich nicht schämen für ihre Begeisterung. Dass sie stehen zu dem, was sie lieben. Dass sie es verteidigen und weitergeben. Dass sie Traditionalisten sind, auf eine Weise auch Konservative. Und dass sie nicht zynisch werden. Ironie kann helfen, aber Zynismus nie. Selbstironie behütet auch die eigene Begeisterung. Wenn man zu sich selbst ironisch ist. Und ich will weitergeben, dass man auch zornig werden kann."

 "Alle meinen, ich schreibe das so einfach dahin, ich hätte so ein natürliches Schreibtalent", sagt er. "Und es ist eine ganz lange Arbeit, bis ich das Wort finde, das einfach und neuartig zugleich ist. Grad bei meinen Sachen besteht doch das Geheimnis in den Sätzen, die da stehen, die Bedeutung wird durch die ein bisschen veränderten Sätze dem Alltagsdeutsch gegenüber erzielt. Ich habe ja keine Ideologie, ich habe ja keine Weltanschauung, keine richtige Botschaft, die dann mitgeteilt wird. Meine Botschaft ist das Changieren der Sätze, dass die Sätze so dinglich werden, dass ich die Erfahrungen, die ich sprachlos habe, versuche, durch lange Arbeit mit der Sprache in einer Art zweiten Natur wiederherzustellen." 
Mit Sprache hat alles zu tun, von Ulrich Rüdenauer, ZEIT 10.10.19

01 Oktober 2019

Fontane als Theaterkritiker und mehr

"Über das Augenspiel des Schauspielers Maximilian Ludwig schreibt Fontane:
"Jetzt steht die Pupille in den rechten Augenwinkeln, wie der Mond im ersten Viertel; nun geht der Mond im vollen Glanze auf, aber, wie es in der Ballade heißt: 'Er geht nur auf, um unterzugehen.' Ein neues Fallen unter die Augenlider, als steige er in eine Versenkung, und alles ist wieder weiß, wie das Zifferblatt einer Emailleuhr."
So dienten ihm alle Darsteller als Spielpartner und -material. " (Peter Kümmel)
Fundstelle:
https://www.zeit.de/2019/41/theodor-fontane-theaterkritiken-stine-frau-jenny-treibel-der-stechlin/komplettansicht

29 September 2019

Kamila Shamsie, BDS und Nelly Sachs

Kamila Shamsie

"[...] Eigentlich sollte nämlich, so wurde vor rund zwei Wochen verkündet, die britisch-pakistanische Schriftstellerin Kamila Shamsie jenen nach Sachs benannten Literaturpreis erhalten, mit dem die Stadt Dortmund alle zwei Jahre Schriftsteller ehrt, die "überragende schöpferische Leistungen auf dem Gebiet des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen und die insbesondere eine Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern zum Ziel haben" [...]."
https://www.zeit.de/2019/40/kamila-shamsie-nelly-sachs-preis-israelkritik

https://www.zeit.de/kultur/2013-12/unterzeichner-ueberwachung-aufruf (aus Pakistan unterzeichnete Kamila Shamsie)

BDS:
"Boycott, Divestment and Sanctions (dt. „BoykottDesinvestitionen und Sanktionen“, abgekürzt BDS) ist eine transnationale politische Kampagne, die Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will, um ihre 2005 beschlossenen Ziele durchzusetzen: Israel müsse die Besetzung und Besiedlung „allen arabischen Landes“ beenden, seinen arabisch-palästinensischen Bürgern volle Gleichberechtigung gewähren und den palästinensischen Flüchtlingen und deren Nachkommen die Rückkehr in ihre frühere Heimat und zu ihrem Eigentum ermöglichen. 171 palästinensische zivilgesellschaftliche Organisationen unterzeichneten diesen Aufruf; viele Solidaritätsgruppen und Prominente unterstützen ihn. Manche BDS-Vertreter bestreiten das Existenzrecht Israels und wollen diesen Staat abschaffen.
Wissenschaftler ordnen die Ziele der Kampagne als antizionistisch (gegen einen jüdischen Staat gerichtet) und vielfach auch als antisemitisch ein. Der Deutsche Bundestag verurteilte im Mai 2019 Boykottaufrufe gegen Israel und bewertete BDS als antisemitisch. [...]" (Wikipedia)
https://www.zeit.de/2019/40/bds-bewegung-aktivismus-israel-antisemitismus-verfassungsschutz/komplettansicht

Nelly Sachs

Nelly-Sachs-Preis
"[...]2019 sollte der Preis an die Schriftstellerin Kamila Shamsie verliehen werden. Nach Protesten gegen die Vergabe kündigte die Jury an, die Preisvergabe zu überprüfen,[3] und teilte nach der Überprüfung mit, dass 2019 keine Preisvergabe erfolge. Als Begründung führte sie aus: „Die politische Positionierung von Kamila Shamsie, sich aktiv am Kulturboykott als Bestandteil der BDS-Kampagne (Boykott-Deinvestitionen-Sanktionen) gegen die israelische Regierung zu beteiligen, steht im deutlichen Widerspruch zu den Satzungszielen der Preisvergabe und zum Geist des Nelly-Sachs-Preises.[4] In einem offenen Brief in der London Review of Books wandten sich daraufhin 250 internationale Autoren gegen die Entscheidung der Jury. [...9" (Wikipedia) 
 Felix Stephan: Nelly-Sachs-Preis – Offener Brief an die Jury. In: Süddeutsche Zeitung. 23. September 2019, 
 The Right to Boycott. In: London Review of Books. 23. September 2019


Meine Meinung:
Die Begründung der Jury, Shamsie eigne sich für diesen Preis, weil ihre Romane "auf vielfache Weise Brücken schlagen". ist m.E. korrekt. Trotzdem war es für eine deutsche Jury problematisch ihr den Preis zuzusprechen. Ihn ihr abzusprechen sehe ich in Zusammenhang mit der Absprechung eines Preises für Kermani. Es wird ihr nicht gerecht. - Ich verzichte vorläufig auf eine nähere Begründung. 

Doch bereits jetzt eine Kurzkritik zum Artikel von Martin Eimermacher:
Wenn Eimermacher formuliert, dass Shamsie seit Jahren den BDS unterstütze, "also jene Kampagne, die den israelischen Staat wirtschaftlich, kulturell und politisch in Grund und Boden boykottieren möchte" (Hervorhebung von mir), so trifft das schwerlich zu. 
Boykott wird immer wieder als politisches Mittel eingesetzt, um einen Staat zu einem gewünschten Handeln zu bewegen. Der überzeugendste war gewiss der zur Freilassung Nelson Mandelas. Er lief viele Jahre erfolglos, hat aber letztlich zu dem höchst wünschenswerten Ergebnis geführt. Gewiss sind nicht alle solche Boykotte gleich berechtigt, aber sie haben stets begrenzte Ziele. Wenn man Shamsie unterstellt, sie billige höchst fragwürdige Äußerungen einzelner Mitglieder von BDS, hätte man vor eine Aberkennung das zunächst überprüfen müssen. Die Kennzeichen ihres Werks, die zur Verleihung des Preises geführt haben, sprechen dagegen.
Aber, wie ich oben schrieb, eine deutsche Jury sollte sorgfältig prüfen, ob sie möglicherweise Antisemiten einen Preis dafür verleiht, zur "Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern" verleiht. 

27 September 2019

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

"[...] Der eigentlichen Handlung geht ein Kapitel voran, das in Form einer historischen Abhandlung abgefasst ist und die Entwicklung der von Hesse entworfenen Welt darstellt 
(Das Glasperlenspiel. Versuch einer allgemeinverständlichen Einführung in seine Geschichte). Nach der Handlung (Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht) folgen kleinere literarische Werke, deren Autorschaft Hesse der Hauptfigur Josef Knecht zuschreibt: einige Gedichte (Die Gedichte des Schülers und Studenten) sowie Die drei Lebensläufe, die Knechts Leben in verschiedene geschichtliche Epochen zurückprojizieren sollen (Der RegenmacherDer Beichtvater und Indischer Lebenslauf). Wie auch im Hauptteil variiert Hesse hier sein altes Thema von Meister und Jünger, und zwar vorwiegend in der Form, dass der zeitweise ungetreue Jünger am Ende reuig zu seinem Meister zurückkehrt, um dessen Nachfolge anzutreten.[...]"

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Glasperlenspiel

"[...] Darum dürfen die Kastalier in keiner der Kulturdisziplinen, die sie so meisterhaft durchschreiten, Inhalte schaffen, denn solche würden erneute Fragmentierung bedeuten. Dem kastalischen Orden ist das archetypische Zeugungsverbot auferlegt³. Auf der Suche nach dem übergeordnet Gemeinsamen untersuchen die Ordensbrüder Musik oder Literatur von Epochen, komponieren selbst aber kein Blockflötenstück, und auch ernsthaftes Dichten ist seit Jahrhunderten verpönt. Den Studenten ist jede künstlerische Eigenschöpfung untersagt, mit Ausnahme des Schreibens fiktiver Lebensläufe. [...]
Gilt es ein Vorbild für Josef Knechts Lebenslauf zu finden, so ist es das Leben des Kung Fu Tse: Er lebte in einer Zeit der Auflösung, der sich bekämpfenden Reiche. Die Rettung sah er im Studium des Altertums, in dem er den zeitlosen Gehalt suchte und in ein Neues wandelte. Er war Zeremonienmeister; bekleidete hohe Ämter, entsagte ihnen und starb unbeachtet und zurückgezogen im Kreise seiner Schüler. Gegenüber Frauen war Kung Fu Tse gleichgültig; drei Dingen maß er höchsten Wert bei: der Pädagogie, der Musik und dem Spiel des I-Ging. Sein vornehmes Ziel galt der Heranbildung einer aristokratischen Elite; im Lernen sieht Kung Fu Tse den einzigen Weg zur Vollkommenheit, der Sinn alles Lernens ist die Praxis. Er glaubte an eine höchste Ordnung; nie glaubte er, dass vollendetes Wissen in der Welt möglich sei. Menschenliebe und Gerechtigkeitssinn hielten ihn an, über das Tao in einem Maße zu schweigen, dass ihn die Legende zum Kontrahenten von Laozi machte. [...]
Seine bemerkenswerte Komplexität verdankt das Glasperlenspiel zum guten Teil der sorglosen Versammlung verschiedener Philosophien. Stets bleibt Hesse unscharf, behauptet, wo er erweisen müsste, beschreibt, wo er gestalten sollte und woran sich die literarische Qualität eines Werkes bemisst. [...]
Hesses Romane erfuhren in den 60er Jahren eine zweite, unerwartete Rezeptionswelle. Was die Literaturwissenschaft so erstaunte, war, dass die euphorischsten Reaktionen nicht von Hesses traditioneller Zielgruppe kamen, sondern von Teenagern aus den Vereinigten Staaten bis Japan, denen der Bildungsroman und die deutsche romantische Subjektivität unbekannt waren. Was Hesse von anderen Autoren der Vor- und Nachkriegszeit jedoch abhebt und so modern macht, ist der Selbsterfahrungsstil seiner Werke.
    Die Selbstsuche und Selbsterfahrung, schon immer vorhanden als Privileg von wenigen, ist als Massenerscheinung ein Phänomen der Moderne. Wo der Glaube verloren geht, beginnt die Suche. [...]
Der überschwängliche Prophet Timothy Leary erkannte im Glasperlenspiel sogar die hellsichtig scharfe Vorwegnahme des digitalen Zeitalters. [...]
Damit hat die digitale Maschinerie in einer pervertierten Form erschaffen, wonach Platoniker und Mystiker sich Jahrhunderte gesehnt haben und was die alten „Spiele“ wie Astrologie oder I-Ging nur ungenügend vermochten: eine geistig erfahrbare Welt aus Symbolen und Regeln, in der nichts ohne Sinn ist. So wie der Glasperlenspieler, erlebt auch der zwanghafte Programmierer oder Computerspieler einen beglückenden Zustand der Versenkung – Syntax und Regeln seines magischen Kosmos sind alles, was er zur Lösung seiner Probleme benötigt, die äußere Welt wird zur Zwischenwelt. [...]"
(Ivor Joseph Dvorecky: Hermann Hesses „Glasperlenspiel“, 2015, signaturen-magazin.de)

Von Hesses Werken haben mich Demian und Siddharta am meisten beeindruckt, das war in meiner Jugend. Zu den anderen Werken habe ich nicht so den Kontakt gefunden. Das Glasperlenspiel habe ich zwar geduldig durchgelesen, aber ohne große Anteilnahme. 
Die Darstellung des "feuilletonistischen Zeitalters" konnte ich mit keiner mir bekannten Wirklichkeit in glaubhafte Verbindung bringen. Die digitale Repräsentation Welt durch Computersimulation und Computerspiel hat es zur Zeit meiner Lektüre noch nicht gegeben. Die Vorformen, die existierten, waren mir noch unbekannt, auch wenn ich übungshalber in der 9. Klasse eine Bewerbung als Programmierer bei der Zuse KG geschrieben habe.

Insgesamt habe ich die Hesse-Verehrung als Bewunderung für sein Werk nicht nachvollziehen können. Imponiert hat mir die persönliche Haltung, sein Pazifismus und seine - freilich recht einzelgängerische - Selbständigkeit.
Hesse hat keine lebensvollen Gestalten geschaffen wie etwa das Personal der Buddenbrooks oder das der Fontaneschen Romane, das einen als vertraute Bekannte durch das Leben begleitet. Schon gar nicht in seinem "Glasperlenspiel". Josef Knecht bleibt sehr abstrakt, so wie das Spiel, das er spielt.
Aber mit dem Älterwerden interessiert mich das Biographische und Autobiographische mehr. Und da hat Hesse viel zu bieten.
Bei Betrachtung eines Bildbandes über sein Leben und Werk beeindruckt mich sehr die Vielseitigkeit seiner Tätigkeit und seiner Kontakte. Und eindrucksvoll ist, wie offen er sein Lebensgefühl in allen Krisen dargestellt hat. Nicht als Vorbild, aber als Stärkung für seine Leser. Und dann seine Persönlichkeit und seine Bereitschaft, die Flüchtlinge der Nazizeit zu unterstützen und seine Leser ernst zu nehmen.
Nicht wegen der Sprachkraft, nicht wegen eines Realismus, aber wegen der Person, die dahinter steht, werde ich ihn wieder lesen. Auch weil ich sein Gedicht "Stufen" - ganz im goethe-epigonalem Stil geschrieben - halb widerwillig - wegen der Aussage mehr und mehr zu schätzen gelernt habe.

26 September 2019

Hermann Hesse: Siddaharta

Zu Hesses Siddaharta:
Das Buch ist inzwischen "in alle Kultursprachen übersetzt, u.a. in 12 indische Dialekte".(S.199)
Hesse schrieb darüber 1922 an Stefan Zweig:
"['Siddharta'] ist indisch gekleidet, seine Weisheit steht aber näher bei Lao-tse als bei Gotama [Buddha]." (S.203) - Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten suhrkamp taschenbuch 3218 hrsg. von Volker Michels

J. Weber: Der chinesische Siddharta (pdf)

Bemerkenswert, dass Hesse seine Arbeit am Siddharta anderthalb Jahre unterbrechen musste, bevor er sie beenden konnte. 

mehr zu Hesse:
https://fontanefan3.blogspot.com/2019/09/hermann-hesse-das-glasperlenspiel.html

20 September 2019

Jostein Gaarder: Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort

Jostein Gaarder: Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort (Wikipedia:)
"„I et speil, i en gåte“ ist ein Roman des norwegischen Schriftstellers und Philosophen Jostein Gaarder. Der Titel stammt aus dem Hohelied der Liebe im 1. Korintherbrief 13,12 (Lutherbibel 1912)[1] des Paulus von Tarsus. [...]
Das fünfzehnjährige norwegische Mädchen Cecilie Skotbu wird durch eine schwere Krankheit bettlägerig. Zu Beginn der Weihnachtszeit erscheint ihr ein Engel mit dem Namen Ariel, mit dem sie einen Pakt eingeht: Ariel will ihr die Geheimnisse des Kosmos enthüllen, wenn sie ihm dafür zeigt, wie es ist, als Mensch zu leben und Gefühle zu empfinden und ihm, der dies nur schwer nachempfinden kann, das menschliche Leben erklärt."

Zitate:
"Die Welt wird nämlich jedes Mal neu erschaffen, wenn ein Kind geboren wird.'
'Weil, wenn ein Kind zur Welt kommt, die Welt ganz neu ist für dieses Kind?'
Er nickte.
'Du kannst übrigens auch sagen, dass die Welt zum Kind kommt. Geboren zu werden bedeutet, dass wir die ganze Welt geschenkt bekommen -' " (S.34)
"Die ganze Schöpfung ist ein Spiegel, Cecilie. Und die ganze Welt ist ein dunkles Wort." (S.120)


sieh auch:
Gaarder: Das Leben ist kurz

18 September 2019

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers

"Norwegen, 2017. Die fast 70-jährige Umweltaktivistin Signe begibt sich auf eine riskante Reise: Mit einem Segelboot versucht sie die französische Küste zu erreichen. An Bord eine Fracht, die das Schicksal des blauen Planeten verändern kann. [...]"

https://www.elli-radinger.de/rezension-die-geschichte-des-wassers/


11 September 2019

Thomas Mann: Die Entstehung des Doktor Faustus

"Die Rundstedt-Offensive, ein letzter keck-verzweifelter und wohl vorbereiteter Versuch der Nazimacht, das Schicksal zu wenden, war in vollem Gange und zeitigte Schreckenserfolge.
Vom 'Rückzug auf günstigere Stellungen' hatte man lange nur in den Berichten des Feindes gelesen. Er war jetzt unser Teil in Ostfrankreich. Verlust aller Brückenköpfe auf einer 50-Meilen-Front, geblieben nur die Gegend um Aachen und ein Streifen Saargebiet, Straßburg, selbst Paris bedroht, Panik überall in Europa vor dem deutschen Wiederaufleben, das war das Bild, und es graute einem vor dem Schicksal der unseligen Belgier, die wieder in deutsche Hand gefallen. Nun, das Abenteuer versandete. Einige Tage nur, und wie die Blätter mochten meine täglichen Anmerkungen sich darüber ausschweigen." (Thomas Mann: Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S. 141)
"Ein ungewöhnlich schöner Brief erreichte mich damals; ein amerikanischer Soldat schrieb ihn mir von den Philippinen. "I envy you your swift, sure maturity, your heritage of culture, your relentles self-discipline. Such things are hard-won in European civilization. Here in America they are almost non-existent." Nicht sowohl meinetwegen, als um des unglücklichen und erniedrigten Europa willen tat es mir wohl. Ein Anhänger des 'American Century' schien dieser junge Yankee nicht zu sein."  (S. 143)

"Die seit dem Rheinübergang und der Forcierung der Oder sich überstürzenden Ereignisse in Deutschland wirkten schwer zerstreuend, ohne zu erheben. 'Sieghafte Hoffnungslosigkeit' ist ein Ausdruck des Tagebuches, den ich als Unglauben an die Fähigkeit der Sieger deute, nach dem Kriege den Frieden zu gewinnen. Ein Gespräch mit zwei Schweizern, die mich besuchten, einem Konsul und einem Journalisten, drehte sich um nichts als den amerikanisch-russischen Gegensatz und den bevorstehenden Wiederaufbau Deutschlands. 'Der Sieg wird ärger verspielt werden als das vorige Mal.' Unter Freunden war geradezu von dem 'heute schon so gut wie gewissen Vernichtungskrieg der Zukunft' die Rede." (Seite 143/144)


sieh auch:
https://fontanefan3.blogspot.com/2007/10/doktor-faustus-vereinnahmung.html

07 September 2019

Schillers Glocke

Das Lied von der Glocke

Vivos voco
Mortuos plango
Fulgura frango

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden,
Frisch, Gesellen, seid zur Hand.
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.[429]

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ists ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es sein,
Daß die eingepreßte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei, [...]

vollständiger Text:
http://www.zeno.org/Literatur/M/Schiller,+Friedrich/Gedichte/Gedichte+(1789-1805)/Das+Lied+von+der+Glocke

Erläuterungen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Lied_von_der_Glocke

Über Parodien:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/was-ist-nur-mit-dem-kloeppel-los-1283261.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

04 September 2019

Kafka und Trakl

Kafka in Zürau FAZ 6.9.19
"[...] Acht bis zehn Tage wollte er sich in Zürau, einem Nest in Nordwestböhmen, aufhalten; dass daraus am Ende acht Monate wurden, konnte Kafka nicht ahnen, doch der Umstand zeigt, wie befreiend das Patientendasein war. Endlich, endlich war das Büro mit seinen literaturfeindlichen Schreibaufgaben fern! Endlich war auch die Geliebte, Felice Bauer, abgewehrt, denn was konnte von einem Kranken in Liebesdingen billigerweise noch erwartet werden? Und endlich durfte sich dieser so zwanghaft in ein System von Schuldzuweisungen und Selbstrechtfertigungen verstrickte Autor mit vollem Recht zurücklehnen und den eigenen Krankheitszustand wie eine Trophäe herumreichen. [...]"

Siřem, Flöhau (Blšany)

Die Zürauer Aphorismen
Zitat:
„Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.“
Zitateauswahl
Volltext
Bertram Rohde: Studien zu Kafkas Bibellektüre
Der Nachlass von Franz Kafka wird digitalisiert

Franz Kafka

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/kafka-und-trakl-eine-verwandtschaft-ueber-bilder-16352811.html

Georg Trakl

27 August 2019

Texte als Hilfe in schwierigen Lebenslagen

"Sie kennen das wahrscheinlich auch: Wenn wir was brauchen, wir sind irritiert oder haben eine schwierige Entscheidung vor uns – und plötzlich fällt uns ein Buch auf, oder es fällt uns ein Gedicht auf. Mir ist es vor vielen, vielen Jahren so gegangen: Da war durch Krankenkassenreformen meine Praxis für drei Monate in Gefahr, überhaupt nicht mehr weiter zu existieren. Und ich bin einfach auf das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse gestoßen. Ich hatte das vorher schon gekannt, aber da hat es plötzlich gezündet.
Ellmenreich: Ein einzelnes Wort? Ein einzelnes Bild? Reicht das?
Wilhelm: Ja! Es war einfach dieses „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dass ich dachte: Ja, und im Notfall fängst du neu an. Diese Ermutigung war in diesem Fall mein Thema – und nicht zu resignieren. So kenne ich eigentlich sehr häufig bei Klientinnen und Klienten, dass sie irgendwie einen Umbruch im Leben haben, und die Literatur ihnen hilft – egal, ob die hohe Literatur oder die „Romänschen“ oder Gedichte – diese Situation zu meistern, weil es etwas Kontinuierliches ist." 
(Alexander Wilhelm über Bibliotherapie: Das richtige Buch zur richtigen Zeit, Deutschlandfunk 27.8.2019)

Hermann Hesse: Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

[...]

25 August 2019

Wilhelm Speyer: Der Kampf der Tertia revisited


Die Handlung spielt in einem Internat wie bei Harry Potter (übrigens einzügig).
Die 9. Klasse mit sehr guter Klassengemeinschaft, damals noch Obertertia genannt, stand in Konkurrenz zur 10. Klasse, der Untersekunda, die sich sehr viel erwachsener vorkam.

Bei der Klassensprecherwahl hatte Daniela, das einzige Mädchen der Klasse, nur zwei Stimmen bekommen, alle anderen der Große Kurfürst. Seinen Namen trug er nach dem Großen Kurfürsten von Brandenburg-Preußen, der dort den Absolutismus durchgesetzt hatte. Der Schüler der Große Kurfürst war redegewandt und diplomatisch und konnte Strategien entwickeln.

Daniela grollte nach dieser Wahlniederlage der Klasse, entzog sich der Klassengemeinschaft und lebte in ihrer Freizeit von da ab in einem selbst gebauten Baumhaus im Wald. Am Rande des Wäldchens hatte sie Schilder aufgehängt: "Wer weitergeht, wird erschossen." Sie verteidigte sich mit ihren zwei Doggen und Pfeil und Bogen.

Meine große Schwester Elisabeth identifizierte sich mit Daniela. Meine Schwester Gertrud schwärmte für Otto Kirchholtes, einen von den beiden, die Daniela gewählt hatten. Ich selbst identifizierte mich zum Teil mit Lüders, dem Stärksten aus der Klasse, zum Teil mit Borst, einem Namenlosen, der Daniela die andere Stimme gegeben hatte, weil ich wie er der Kleinste war und um Anerkennung lang. (Natürlich hatte Borst wie alle Schüler einen bürgerlichen Namen, aber er hatte sich in der Klassengemeinschaft noch keinen Namen gemacht. Freilich, im Unterschied zu den anderen Schülern, die in dieser Erzählung namenlos bleiben, hat er eine Sonderrolle, dank der ihm in der Erzählung eine Name zusteht.

Daniela liebte Otto Kirchholtes (wie er sie) und nahm Borst nicht ernst, doch benutzte sie ihn, um der Klasse Botschaften zu überbringen, und so wird er zu einem wichtigen Handlungsträger.

Daniela war naturverbunden wie die Indianer (Pfeil und Bogen) und genoss den Schutz des Doktors, des Leiters der Schulstaates.

Im Zentrum der Erzählung stehen ein Fußballspiel der Tertia gegen die 10. Klasse und eine Tierschutzaktion der Tertia, bei der die Schulregeln durchbrochen wurden (wie bei Fridays for Future), die Tertia aber das Wohlwollen der jüngeren Lehrer genießt und wohl die stillschweigende Billigung durch den Direktor.
(Die Tertianer retteten die Katzen von Maineweh, die alle getötet werden sollten, weil eine Tollwut vermutet wurde, die es aber nicht gab. Insofern "reagiert" Speyer schon auf das Töten von Millionen von Nutztieren, das heute bei Seuchen praktiziert wird.)
Folgendes möchte ich noch hinzufügen: Noch heute gefallen mir am Kampf der Tertia die Anspielungen auf die Indianer, auf Preußen, auf Napoleon und nicht zuletzt auf Shakespeare wie gegen Schluss der Folgeerzählung des Kampfes "Die goldene Horde", wo es heißt:

" 'Bestimme du, Borst! Du bist nun einmal unser Häuptling!'
'Sollte ich nicht doch erst Rechenschaft ablegen?' fragte Borst mit einem Blick zum Kurfürsten, und er war bescheiden wie Mark Anton vor den Römern am Sarge des großen Cäsar." 

Thomas Mann hat sich für Wilhem Speyer sehr eingesetzt und eins seiner Werke sehr gelobt, freilich nicht den Kampf der Tertia, sondern den 1947 erschienenen Roman "Das Glück der Andernachs".

Wer mehr über die Handlung des Buches erfahren will, kann hier nachlesen.

Zitate:
"Die Tertianer hatten sich noch eben gewaltig gestritten. [...]  Man stritt sich [...] aus Müßiggang, aus nichts und wieder nichts, sozusagen um einen Dreck. So hatten die Truppen des Hannibal in Capua* und die Ostgoten in der Romagna gehadert, wenn es nichts zu erschlagen, zu stürmen und zu plündern gab... (S.9)

* "Die Römer hatten ihre anfängliche Strategie unter Einfluss des „Zauderers“ Fabius Maximus gewechselt und griffen die Karthager in Italien und Spanien nur noch in Hannibals Abwesenheit an. Als Capua 211 v. Chr. durch römische Truppen belagert wurde, unternahm Hannibal doch noch einen Scheinangriff auf Rom, um dadurch die Belagerer Capuas zum Rückzug zu bewegen. Laut Cicero (der rund hundert Jahre später lebte) soll dabei der berühmte Ausruf Hannibal ad portas ertönt sein („Hannibal bei den Toren“), der meist als Hannibal ante portas zitiert wird („Hannibal vor den Toren“).[4]Hannibal konnte jedoch den Fall Capuas nicht verhindern, was schon von antiken Historikern als Wendepunkt des Krieges angesehen wurde." (Hannibal)