16 März 2019

Versuch mit Mosebach

Martin Mosebach: "Der Mond und das Mädchen" *

"Etwas Luftiges Leichtes" die Ankündigung durch Ijoma Mangold. 
Ein halbes schönes Frauengesicht auf dem Cover. Gekonnte Sprache, Beschreibung, aber weder Inhalt noch Stil. 

Neuer Blick auf das Cover: "Spiegel Bestseller". Wie das? Stifter erschreckt wenigstens bei aller Langeweile durch Stil. Aber hier? Welcher Spiegelleser mag so etwas lesen? [Erklärung: Büchner-Preis]

"Etwas Luftiges Leichtes" - wie war das doch? Fontane sprach vom englischen "Luftbrot" im Unterschied zu handfesten deutschen Schrippen. 
Dann doch lieber Raabe "Chronik der Sperlingsgasse", auch wenn der geschwätzige Erzähler-Greis des 25-jährigen Raabe auch viele Wörter macht. 
Also: nicht konservativ, sondern Epigon der Epigonen des 19. Jh. ist mein Eindruck nach den ersten Seiten.
Jetzt ein neuer Versuch ab S.76:
Das ist nicht trivial, das ist sprachlich gekonnte Inhaltsleere.
Bisher gibt es keine Person, nur flache Charaktere.

Doch hier: Ein originelles Bild habe ich gefunden. In dem dicken halslosen Mann Sieger stellt sich Ina seine Seele vor:
"Sie stellte sich vor, dass in seinem Leib eine kleine hochbewegliche Seele wie ein Flaschenteufelchen eingesperrt war, die zwischen seinen Füßen und dem Kopf auf sanftesten Druck hin auf- und abtanzte." (S.149/50)

Vielleicht habe ich mit einem anderen Buch Mosebachs mehr Glück. 

* Lesern, die sich durch meine verständnislose Lektüre nicht abschrecken lassen wollen, empfehle ich diesen sorgfältigen Wikipediaartikel. 

14 März 2019

Christoph Hein: Gegenlauschangriff

Eine Besprechung, der es gelingt, den Untertitel "Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege" unbeachtet zu lassen:
https://www.mdr.de/kultur/gegenlauschangriff-christoph-hein-100.html

Eine Besprechung, die die Anekdoten aus diesem Kriege übergeht, um einen Angriff gegen den Autor fahren zu können:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/christoph-hein-greift-donnersmarck-an-16012665.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Verharmlost der Schriftsteller Christoph Hein die DDR? ZEIT 31.1.19

Eine Leseprobe aus dem Buch
Auch hier nichts über den Gegensatz zwischen alten und neuen Bundesländern.



Eine Besprechung von Heins "Verwirrnis", wo seine Position noch besser zur Geltung kommt.

Christoph Hein in der Wikipedia

Tweets zu Christoph Hein

Hein im Interview über "Gegenlauschangriff" FR 12.3.2019, S. 32/33

10 März 2019

Ein Volksfest mit Stau an einer Engstelle, aber ohne Tote wie in Duisburg

"[...] Eine wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von Fußtritten, Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt. Der Unterschied der Stände ist verschwunden, Bürger und Soldat teilt die Bewegung. An den Toren der Stadt wächst der Drang. Genommen, verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkämpft. Aber die Donaubrücke bietet neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich, ziehen endlich zwei Ströme, die alte Donau und die geschwollnere Woge des Volks, sich kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem alten Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Brücke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender Überschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fände die Zeichen bedenklich. Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust.
Schon zwischen Stadt und Brücke haben sich Korbwagen aufgestellt für die eigentlichen Hierophanten dieses Weihfestes: die Kinder der Dienstbarkeit und der Arbeit. Überfüllt und dennoch im Galopp durchfliegen sie die Menschenmasse, die sich hart vor ihnen öffnet und hinter ihnen schließt, unbesorgt und unverletzt. Denn es ist in Wien ein stillschweigender Bund zwischen Wagen und Menschen: nicht zu überfahren, selbst im vollen Lauf; und nicht überfahren werden, auch ohne alle Aufmerksamkeit.
Von Sekunde zu Sekunde wird der Abstand zwischen Wagen und Wagen kleiner. Schon mischen sich einzelne Equipagen der Vornehmeren in den oft unterbrochenen Zug. Die Wagen fliegen nicht mehr. Bis endlich fünf bis sechs Stunden vor Nacht die einzelnen Pferde- und Kutschen-Atome sich zu einer kompakten Reihe verdichten, die sich selber hemmend und durch Zufahrende aus allen Quergassen gehemmt, das alte Sprichwort: »Besser schlecht gefahren, als zu Fuß gegangen«, offenbar zuschanden macht. Begafft, bedauert, bespottet, sitzen die geputzten Damen in den scheinbar stille stehenden Kutschen. Des immerwährenden Anhaltens ungewohnt, bäumt sich der Holsteiner Rappe, als wollte er seinen, durch den ihm vorgehenden Korbwagen gehemmten Weg obenhin über diesen hinaus nehmen, was auch die schreiende Weiber- und Kinderbevölkerung des Plebejer-Fuhrwerks offenbar zu befürchten scheint. Der schnell dahinschießende Fiaker, zum ersten Male seiner Natur ungetreu, berechnet ingrimmig den Verlust, auf einem Wege drei Stunden zubringen zu müssen, den er sonst in fünf Minuten durchflog. Zank, Geschrei, wechselseitige Ehrenangriffe der Kutscher, mitunter ein Peitschenhieb.
Endlich, wie wenn in dieser Welt jedes noch so hartnäckige Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrücken ist, erscheint auch diesem status quo ein Hoffnungsstrahl. Die ersten Bäume des Augartens und der Brigittenau werden sichtbar. Land! Land! Land! Alle Leiden sind vergessen. Die zu Wagen Gekommenen steigen aus und mischen sich unter die Fußgänger, Töne entfernter Tanzmusik schallen herüber, vom Jubel der neu Ankommenden beantwortet. [...]"
(Franz Grillparzer: Der arme Spielmann, Zeno, S.145/46)

Inhalt u.a. (Wikipedia)


Loveparade in Duisburg 2010

09 März 2019

Wilhelm Raabe: Holunderblüte

Text
Wikipediaartikel:
"[...] Den Kern der Erzählung bildet Jemimas Erzählung von der Tänzerin Mahalath, die auf dem jüdischen Friedhof in Prag begraben liegt. Jemima leitet die Kerngeschichte durch den Ausruf „Das bin ich“ ein, wobei sie auf das Grab deutet. Die tragische Geschichte über eine Jüdin folgt, die sich unglücklich in einen jungen Adligen verliebte und an einem kranken Herzen starb. Ein ebenso krankes Herz besitzt Jemima selbst, und sie weiß, dass sie – wie zuvor Mahalath – daran sterben wird.
Damit ist die Grundproblematik der Novelle dargelegt: In allen drei Figurenpaaren geht es um ein krankes Herz und um eine gesellschaftlich nicht legitimierbare (Liebes-)Beziehung. Der Tod der Frauen lässt die Männer mit dem Gefühl der Schuld zurück.[...]"

"Wenn aber Raabe vorgeworfen wurde, er habe im Hungerpastor ein einseitiges Bild des Judentums entworfen, konnte er seelenruhig erwidern, er habe das alte ehrwürdige Judentum, besonders im leidenden Getto, immer mit schuldigem Respekt behandelt: in Höxter und Corvey wie in Holunderblüte." (Walter Haußmann: Nachwort zu "Das letzte Recht - Holunderblüte" Reclam 8485, Stuttgart 1961, S.96)

Zitate:
"Doch das hat eigentlich nichts mit diesen Aufzeichnungen zu tun; ich will nur an einem neuen Beispiele zeigen, welch ein wunderliches Ding die menschliche Seele ist. Nicht ohne guten Grund überschreibe ich dieses Blatt: Holunderblüte; der Leser wird bald erfahren, was für einen Einfluß Syringa vulgaris auf mich hat." (Text)

Vom heutigen Sprachgebrauch ausgehend wird man verwirrt, wenn man von den weißen und blauen Blüten des Holunders liest, bis man bemerkt, dass für Raabe Holunder gleichbedeutend mit Flieder (Syringa vulgaris) ist.

Das Lied, das der alte Mann  auf dem Klavier vorfindet und das eine Vorausdeutung auf die zentrale Handlung darstellt:

"Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
Mit Trümmern überstreuet sie das Land,
Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören."


Wie Jemima Löw am Beispiel von Mahalath auf ihr eigenes Schicksal in der Zentralhandlung vorausdeutet:
"Jemima Löw las den Shakespeare nicht, hatte auch in ihrem Leben nichts von dem Mann gehört, und sie verstand aus meinen verworrenen Reden über diesen Punkt nur, daß ich sie mit allerlei christlichen und heidnischen Frauen vergleiche, und lächelte ungläubig, und eines Tages, um die Mitte des Herbstes, als die ersten winterlichen Ahnungen durch die Welt gingen, als die Blätter des Flieders nicht weniger wie alle andern Blätter sich bunt färbten, – eines Tages um die Mitte des Herbstes faßte sie meine Hand und zog mich durch einen düstern Gang nach der Mauer des Kirchhofs zu einem Grabstein, den wir bis jetzt noch nicht betrachtet hatten.
Auf diesen Stein deutete sie und sprach:
»Das bin ich!«
In hebräischer Schrift stand auf dieser Platte:
Mahalath
Und darunter die Jahreszahl:
1780.
Wie kam es, daß ich so sehr erschrak? War es nicht Torheit, daß ich so erstarrt, wortlos das Mädchen neben mir ansah?
Ja, es lachte nicht, es freute sich nicht eines gelungenen närrischen Einfalls. Ernst und traurig, mit gekreuzten Armen stand es da, lehnte sich über den Stein und sagte, ohne eine Frage abzuwarten:
»Sie hieß Mahalath, und sie war Mahalath, das ist eine Tänzerin. Sie hatte ein krankes Herz wie ich und ist die letzte gewesen, welche auf diesem unserm Beth-Chaim eingesenkt wurde, – die allerletzte. Nachher hat's der gute Kaiser Joseph verboten, daß sie noch einen aus unserm Volk hier zu Grabe brächten; die Mahalath ist die letzte gewesen. Der gute Kaiser hat auch die Mauern der Judenstadt niedergeworfen und hat ihr seinen eigenen milden und glorreichen Namen zu seiner und unserer Ehre gegeben. Er hat dies Gefängnis zerbrochen und uns atmen lassen mit dem andern Volk; der Gott Israels segne seine Asche.«
»Aber wer ist die Mahalath? Was hast du mit der Mahalath, Jemima?« rief ich.
»Sie hatte ein krankes Herz, und es zersprang.«
»Sei keine Törin, Mädchen, was weißt du von dieser Toten, die im Jahre siebenzehnhundertachtzig begraben wurde?«
»Wir gedenken lange unserer Leute. Ich kenne die Mahalath ganz genau und weiß, daß ihr Los das meinige sein wird.«
»Dummes Zeug!« rief ich; aber Jemima Löw drückte plötzlich die Hand auf das Herz, und über ihr Gesicht zuckte es, als erdulde sie einen großen physischen Schmerz.
Ich erschrak wiederum heftig, und als sie meine Hand nahm und dieselbe auf ihre Brust legte, erschrak ich noch mehr.
»Hörst du, wie es klopft und pocht, Hermann? Das ist die Totenglocke, welche mir zu Grabe läutet. Du bist ein großer Doktor und hast das nicht gemerkt?«
Dieses Letzte sagte sie mit einem so hellen Lächeln, daß die Idee dieses frühen Sterbens mir um so schrecklicher erschien. Ich faßte beide Hände des Mädchens und schrie sie zornig an: »Scherze nicht auf so tolle Weise! Alles will ich dir hingehen lassen, nur nicht solche Worte.«
»Es ist kein Scherz«, antwortete sie, »soll ich dir die Geschichte der Mahalath erzählen?«"
(Holunderblüte Kapitel 3)

zur Fortsetzung

Weitere Raabe-Lektüre:
"[...] Von den Dohlen bis zu den Glocken ist nur ein Schritt; – die Stadt hat, so viele Jahrhunderte hindurch sie existiert, sich noch nie und nimmer ihr Geläut zuwidergehört. Sie besitzt ein Theater und hat dann und wann ganz gute Gelegenheit, sich mit aller Vergangenheits- und Zukunftsmusik bekannt zu machen; aber ein Ohr für ihre Glocken hat sie sich unter allen Umständen bewahrt.[...]"
Wunnigel (Text)  Inhalt u.a. (Wikipedia)

07 März 2019

Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre

Wilhelm Meisters Wanderjahre (Wikipedia)

Goethes Wanderjahre aus A. Muschgs Sicht (Weites Feld 13.3.2011)

"Alles, worein der Mensch sich ernstlich einläßt, ist ein Unendliches; nur durch wetteifernde Tätigkeit weiß er sich dagegen zu helfen; auch kam Wilhelm bald über den Zustand vom Gefühl seines Unvermögens, welches immer eine Art von Verzweiflung ist, hinaus [...]" (W. Meister 3. Buch 3. Kapitel Zeno, S.326]

„Ich hoffe, meine Wanderjahre sind nun in Ihren Händen und haben Ihnen mancherlei zu denken gegeben; verschmähen Sie nicht einiges mitzutheilen. Unser Leben gleicht denn doch zuletzt den sibyllinischen Büchern; es wird immer kostbarer, je weniger davon übrig bleibt.“
– Brief Goethes vom 19. Juni 1829 an Christoph Ludwig Friedrich Schultz (Jurist, preußischer Staatsrat, 1781–1834)

03 März 2019

Wiedereröffnung des Reclam Verlages und Demontage seiner Produktionsmittel 1946-47 in der SBZ

14.3.1946 Lizenz der sowjet. Militärverwaltung zur Wiedereröffnung des Verlages an Ernst Reclam in Leipzig
Juni 1946 die ersten neu gedruckten Nummern der Universal-Bibliothek: Lessing: Nathan, Goethe: Iphigenie, Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag, Heine: harzreise, Puschkin: Dubrowski, Schiller: Fiesco.
November 1946 bis Anfang Januar 1947 Demontage der meisten Maschinen in "235 Kisten mit einem Gesamtgewicht von 500 Tonnen" (Reclam. Daten, Bilder und Dokumente zur Verlagsgeschichte 1828-2003, S.115)

Wiederaufbau des Reclam-Verlags in der Bundesrepublik ab 1949


"In den fünf Jahren 1949-1953 werden, um das Publikum wiederzugewinnen und die Universal-Bibliothek als Schullektüre mehr denn früher durchzusetzen, 44 Serien mit 360 Titeln in Abständen von 1 bis 2 Monaten auf den Markt gebracht. Es handelt sich zunächst um den klassischen Bestand von Lessing bis Storm, von Schiller bis Keller, also die deutsche Literatur zwischen Aufklärung und bürgerlichem Realismus, englische, französische, skandinavische und russische Weltliteratur, Philosophie von Platon bis Nietzsche, Operntextbücher – eine Restitution zunächst der Leipziger Universal-Bibliothek, der eine Modernisierung folgen wird. Anläßlich Goethes 200. Geburtstag bietet Stuttgart wieder 16 Goethe- Titel in der Universal-Bibliothek an, in Leipzig erscheinen 14 seiner Werke.
1950 tritt in Deutschland mit den ersten rororo-Taschenbüchern der Typus des angelsächsischen Pocket-book als preiswerte broschierte Ausgabe auf, in dessen Gefolge sich mit Taschenbuchreihen der Verlage Fischer (1952), Goldmann (1952), Ullstein (1953), Heyne (1958), dtv (1961), Suhrkamp (1963) und Diogenes (1971) ein eigener Markt entwickelt. Reclams Universal-Bibliothek hat Gemeinsames und Trennendes im Verhältnis zu diesen Reihen, die Textsammlung hebt sich ab durch den noch immer niedrigsten Preis für die Einfachnummer, das stärker beachtete Prinzip des ständigen Nachdrucks und der Lieferbarkeit eines einmal aufgenommenen Titels und durch das literarische stringentere Programm. So werden auch Unterhaltungsliteratur und Ratgeberbücher, die in der älteren Universal-Bibliothek eine gewisse Rolle gespielt haben, Beim Wiederaufbau nicht berücksichtigt, eine stärkere Konzentration auf Literatur, Philosophie und geisteswissenschaftliche Disziplinen eingehalten. Der Markt der Kioske und Bahnhofsbuchhandlungen, auf dem Reclam in den zwanziger Jahren zu finden war, wird aufgegeben, dafür die Wirkung im Bereich der Schulen, Universitäten und des Bildungswesens gegenüber früher ganz unvergleichlich verstärkt. (Reclam. Daten, Bilder und Dokumente zur Verlagsgeschichte 1828-2003, S.120)

Deutsche Rundschau

"Die Deutsche Rundschau hat die deutsche Politik sowie Literatur und Kultur zeitweilig maßgeblich beeinflusst und galt als eine der „bestgelungenen Journalgründungen“ in Deutschland. So veröffentlichten Theodor Fontane seine Effi Briest, Theodor Storm seinen Schimmelreiter sowie Zeitgenossen wie Paul Heyse, Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyeroder Ernst Robert Curtius ihre Werke in dieser Zeitschrift.
Nach Rodenbergs Tod wurde Bruno Hake ihr Herausgeber, dem 1919 Rudolf Pechel folgte. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Zeitschrift das Sprachrohr der Jungkonservativen und später der konservativen Gegner des Nationalsozialismus. Von 1933 bis 1942 war der Redakteur und Schriftsteller Paul Fechter Mitherausgeber der Zeitschrift.
Im April 1942 wurde Pechel verhaftet und die Zeitschrift vom Reichssicherheitshauptamt verboten. Vier Jahre später erschien die Deutsche Rundschau erneut mit Rudolf Pechel als Herausgeber. Nach Pechels Tod führten seine Söhne Jürgen und Peter Pechel sowie Harry Pross die Zeitschrift bis 1964 weiter." (Deutsche Rundschau (Wikipedia))
Von 1937 bis September 1939 wurde sie vom Reclam verlegt, danach in einem eigenen Verlag betreut, aber bis 1942 weiter von Reclam gedruckt und vertrieben,  Werner Bergengruen sagte, sie sei "nicht fortzudenken aus der Geschichte des deutschen Widerstandes" (zit. nach Reclam. Verlagsgeschichte 2001, S.106). Die Autoren entwickelten eine "Kunst der Verschleierung" (W. Röpke, zit. nach Reclam 2001, S.107), die es ermöglichte, dass "jeder Gebildete in jedem Lande [sie] mit Gewinn und Vergnügen lesen konnte" (Röpke ebd.). 

27 Februar 2019

Zur Ehrenrettung von Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss

Man hat an Schwanitz' Buch kritisiert, dass es nicht über Bildung, sondern über Allgemeinbildung handele und damit einer verfälschenden Gleichsetzung Vorschub leiste und dass er bei seiner Darstellung die Naturwissenschaften ausklammerte.
Dies zugegeben, ist dagegen anzuführen, dass er mit dem Untertitel "Alles, was man wissen muss" erstens sein Unternehmen selbst ironisiert und gleichzeitig mit den Worten "alles" und "wissen" auf den eigentlichen Gegenstand Allgemeinwissen verweist.
Mehr noch, im zweiten Teil seines Buches, der freilich nur etwa ein Füftel des Textes ausmacht und den Schwanitz mit "Können" überschreibt, stellt er klar, dass Bildung zum einen eine "Summe von Kenntnissen und Fähigkeiten" (S.395) ist und zum anderen etwas so Komplexes beschreibt, dass es sich der Definition weitgehend entzieht. Dann geht er noch weiter, indem er Bildung als "soziales Spiel" (S.396) bezeichnet.
Dass im Zeichen von Internet und Smartphone manche seiner Aussagen über dies Spiel überholt sind, bedeutet nicht, dass seine Ausführungen nicht Verständnishilfen dafür böten, was heute als Allgemeinbildung verstanden wird.
Wegen der aufgrund der Mathematisierung, der konsequent aufeinander aufbauenden Grundlagen und der großen Spezialisierung der Naturwissenschaften eignen sich diese nicht für dies 'soziale Spiel', bei dem man nur Teilkenntnisse braucht und das meiste schon vergessen haben kann, wenn man nur ein paar Grundkenntnisse hat und die Spielregeln kennt. Insofern ist es konsequent, wenn Schwanitz das naturwissenschaftliche Wissen ausklammert.

Was mir aber beim Hineinsehen knapp 20 Jahre nach der Erstlektüre auffällt:
die anschauliche Darstellung, die immer wieder anklingen lässt, dass es nicht um eine präzise Wiedergabe von Zusammenhängen, sondern nur um Vorverständnis schaffende Veranschaulichung geht und die Erläuterung zur Wissenschaftsentwicklung nach Thomas S. Kuhn, die verdeutlicht, dass alles wissenschaftliche Wissen nur vorläufig ist und dass es nach Kuhn keinen Weg zu immer besserer Erkenntnis darstellt, sondern eine Entwicklung, die immer wieder von kleinen Revolutionen unterbrochen wird, nach denen vorherige Gewissheiten aufgrund eines Paradigmenwechsels aufgehoben sind.

Als ich vor kurzem feststellte, dass Teenager das Buch mit Vergnügen lesen können, war mir noch nicht klar, wie viel von meinen Kenntnissen über Wissenschaftsentwicklung und Philosophie darin veranschaulicht werden.
Wenn Schwanitz diese Kenntnisse Teenagern nahe bringen konnte, dann sollte dies Buch keinesfalls in Vergessenheit geraten.

Link zu einer Rezension 
Meine erste Vorstellung des Buches

Zur Ergänzung:
Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte (Rezension)
Bildungskanon
Bildung und Lernen

16 Februar 2019

Botho und Lene in "Hankels Ablage"

Botho und Lene haben - um ihre Gemeinsamkeit ungestört zu genießen - auf ihren Ausflug zu Hankels Ablage* Frau Dörr nicht mitgenommen und sind nach ihrem Spaziergang zum Gasthaus zurückgekommen. Lene ist, während Botho noch mit dem Wirt spricht, schon auf das Zimmer gegangen: 

"Dicht neben der Eingangstür, über einem Rokokotisch, auf dem rote Gläser und eine Wasserkaraffe standen, hing noch eine buntfarbige, mit einer dreisprachigen Unterschrift versehene Lithographie: »Si jeunesse savait« – ein Bild, das sie sich entsann in der Dörrschen Wohnung gesehen zu haben. Dörr liebte dergleichen. Als sie's hier wiedersah, fuhr sie verstimmt zusammen. Ihre feine Sinnlichkeit fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres eigenen Gefühls beleidigt, und so ging sie denn, den Eindruck wieder loszuwerden, bis an das Giebelfenster und öffnete beide Flügel, um die Nachtluft einzulassen. Ach, wie sie das erquickte! Dabei setzte sie sich auf das Fensterbrett, das nur zwei Handbreit über der Diele war, schlang ihren linken Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda hinüber. Aber sie vernahm nichts. Eine tiefe Stille herrschte, nur in der alten Ulme ging ein Wehen und Rauschen, und alles, was eben noch von Verstimmung in ihrer Seele geruht haben mochte, das schwand jetzt hin, als sie den Blick immer eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete. Das Wasser flutete leise, der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dämmer, und der Mond, der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte, warf einen Lichtschein über den Strom und ließ das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen.
»Wie schön«, sagte Lene hochaufatmend. »Und ich bin doch glücklich«, setzte sie hinzu.
Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde. Zuletzt aber erhob sie sich, schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann ihr schönes Haar zu lösen und wieder einzuflechten. Als sie noch damit beschäftigt war, kam Botho.
»Lene, noch auf! Ich dachte, daß ich dich mit einem Kusse wecken müßte.«
»Dazu kommst du zu früh, so spät du kommst.«
Und sie stand auf und ging ihm entgegen. »Mein einziger Botho. Wie lange du bleibst...«
»Und das Fieber? Und der Anfall?«
»Ist vorüber, und ich bin wieder munter, seit einer halben Stunde schon. Und ebensolange hab ich dich erwartet.« Und sie zog ihn mit sich fort an das noch offenstehende Fenster: »Sieh nur. Ein armes Menschenherz, soll ihm keine Sehnsucht kommen bei solchem Anblick?«
Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, während sie die Augen schloß, mit einem Ausdruck höchsten Glückes zu ihm auf.

13. Kapitel


Beide waren früh auf, und die Sonne kämpfte noch mit dem Morgennebel, als sie schon die Stiege herabkamen, um unten ihr Frühstück zu nehmen. Ein leiser Wind ging, eine Frühbrise, die die Schiffer nicht gern ungenutzt lassen, und so glitt denn auch, als unser junges Paar eben ins Freie trat, eine ganze Flottille von Spreekähnen an ihnen vorüber.
Lene war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie nahm Bothos Arm und schlenderte mit ihm am Ufer entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schilf und Binsen stand. Er sah sie zärtlich an. »Lene, du siehst ja aus, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe. Ja, wie sag ich nur? Ich finde kein anderes Wort, du siehst so glücklich aus.«
Und so war es. Ja, sie war glücklich, ganz glücklich und sah die Welt in einem rosigen Lichte. Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm und genoß eine kostbare Stunde. War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun, so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag durchleben zu können? Und wenn auch nur einmal, ein einzig Mal.
So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge, die sonst wohl, ihr selbst zum Trotz, ihre Seele bedrückten, und alles, was sie fühlte, war Stolz, Freude, Dank. Aber sie sagte nichts, sie war abergläubisch und wollte das Glück nicht bereden, und nur an einem leisen Zittern ihres Arms gewahrte Botho, wie das Wort »Ich glaube, du bist glücklich, Lene« ihr das innerste Herz getroffen hatte.
Der Wirt kam und erkundigte sich artig, wenn auch mit einem Anfluge von Verlegenheit, nach ihrer Nachtruhe.
»Vorzüglich«, sagte Botho. »Der Melissentee, den Ihre liebe Frau verordnet, hat wahre Wunder getan, und die Mondsichel, die uns gerade ins Fenster schien, und die Nachtigallen, die leise schlugen, so leise, daß man sie nur eben noch hören konnte, ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese? Hoffentlich wird sich kein Spreedampfer mit 240 Gästen für heute nachmittag angemeldet haben. Das wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese. Sie lächeln und denken ›Wer weiß?‹, und vielleicht hab ich mit meinen Worten den Teufel schon an die Wand gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch seh ich keinen Schlot und keine Rauchfahne, noch ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs wäre, das Frühstück wenigstens können wir noch in Ruhe nehmen.
 [...] als sie nach einer Weile wieder zurück waren, wurde das Frühstück eben aufgetragen, mehr ein englisches als ein deutsches: Kaffee und Tee, samt Eiern und Fleisch und in einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von geröstetem Weißbrot.
»Ah, schau, Lene. Hier müssen wir öfter unser Frühstück nehmen. Was meinst du? Himmlisch. Und sieh nur da drüben auf der Werft, da kalfatern sie schon wieder, und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, solch Arbeits-Taktschlag ist doch eigentlich die schönste Musik.«
Lene nickte, war aber nur halb dabei, denn ihr Interesse galt auch heute wieder dem Wassersteg, freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern ihre Passion geweckt hatten, wohl aber einer hübschen Magd, die mitten auf dem Brettergange neben ihrem Küchen- und Kupfergeschirr kniete. Mit einer herzlichen Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrückte, scheuerte sie die Kannen, Kessel und Kasserollen, und immer wenn sie fertig war, ließ sie das plätschernde Wasser das blankgescheuerte Stück umspülen. Dann hob sie's in die Höh, ließ es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen nebenstehenden Korb.
Lene war wie benommen von dem Bild. »Sieh nur«, und sie wies auf die hübsche Person, die sich, so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte.
»Weißt du, Botho, das ist kein Zufall, daß sie da kniet, sie kniet da für mich, und ich fühle deutlich, daß es mir ein Zeichen ist und eine Fügung.«
»Aber was ist dir nur, Lene? Du veränderst dich ja, du bist ja mit einem Male ganz blaß geworden.«
»O nichts.«
»Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge, wie wenn dir das Weinen näher wäre als das Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch eine Köchin, die's blank scheuert. Es ist ja fast, als ob du das Mädchen beneidetest, daß sie da kniet und arbeitet wie für drei.«
Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gespräch, und Lene gewann ihre ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder."

Der Text ist voll von Unausgesprochenem.* Was ist ihr eigenes Gefühl, das beleidigt wird? Warum ist sie "doch" glücklich? Welche Sehnsucht hat ihr "armes Menschenherz"? Wie kann Lene, während sie die Augen schließt, mit einem Ausdruck höchsten Glücks aufblicken? Weshalb ist Lene glücklich? Weshalb fühlt sie sich ins "innerste Herz getroffen"? Weshalb sollte diese Stunde die letzte sein? Weshalb spricht Botho von "Vertreibung aus dem Paradies"? Worauf ist das eine Vorausdeutung?
Freilich kann man sich ohne allzu große Mühe Antworten darauf geben. Weshalb aber wird so viel angedeutet, ohne es auszusprechen?
Fontane will etwas deutlich machen, ohne es aussprechen zu müssen. Das ist das Programm des poetischen Realismus
Im folgenden Kapitel sagt Lene etwas, was dem widerspricht, was der Schluss des 12. und der Anfang des 13. Kapitels so beredt sagen und was dort nicht ausgesprochen wird:
»Du fühlst selbst, daß ich recht habe; dein gutes Herz sträubt sich nur, es zuzugestehen, und will es nicht wahrhaben. Aber ich weiß es: gestern, als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pflückte, das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde.«

Dennoch waren viele Leser im 19. Jahrhundert imstande, sich Fontanes Plädoyer für Lene zu entziehen, das er am Schluss des Romans in die Worte fasst:
"Gideon ist besser als Botho."*

* Auf dies Unausgespochene bezieht sich Günter Grass in seinem Roman "Ein weites Feld" im 19. Kapitel (S.393 meiner Ausgabe). Er spricht da freilich von Aussparungen und Lücken.
* Diesen Satz lässt Grass seinen Helden Fonty zusammen mit seiner Enkelin Madeleine (im 21. Kapitel "Beim Rudern geplaudert" S.430 in meiner Ausgabe) mal "lustig", "verzweifelt" und "höhnisch" rufen, und ausdrücklich spricht er dort von ihrem "weittragenden Doppelsinn". 

Wer sich über andere Schauplätze von "Irrungen Wirrungen" als Hankels Ablage informieren will, findet eine Reihe davon in dieser Karte eingezeichnet.  

08 Februar 2019

Briefe Paul Celans

Vom Fiepen der Zeit von Oliver Jungen FAZ 8.2.19

06 Februar 2019

Herr Helfer, der war gar nicht faul, ...

... Setzt' sich auf einen schwarzen Gaul,
Nahm einen Pfarrer hinter sich
[...]
Und ich behaglich unterdessen
Hatt' einen Hahnen aufgefressen.
[...]

Wer errät das Gedicht, ohne eine Suchmaschine zu befragen?

Hilfe: Herr Helfer war "zweiter Geistlicher an der Waisenhauskirche in Zürich"

Auflösung

05 Februar 2019

Goethe: Sprüche


Seh' ich die Werke der Meister an, 
So seh' ich das, was ich was sie getan; 
Betracht' ich meine Siebensachen, 
Seh' ich, was ich hätt' sollen machen.

"Die Feinde, sie bedrohen dich, 
Das mehrt von Tag zu Tag ist sich; 
Wie dir doch gar nicht graut!"
Das seh' ich alles unbewegt, 
Sie zerren an der Schlangenhaut,
Die jüngst ich abgelegt.
Und ist die nächste reif genung,
Abstreif' ich die sogleich,
Und wandle neu belebt und jung
Im frischen Götterreich.

"Sag nur, wie trägst du so behaglich
Der tollen Jugend anmaßliches Wesen?"
Fürwahr, sie wären unerträglich,
Wär' ich nicht auch unerträglich gewesen.

"Ist denn das klug und wohlgetan?
Was willst du Freund und Feinde kränken!"
Erwachsne gehn mich nichts mehr an,
Ich muß nun an die Enkel denken.

"Wie doch, betrügerischer Wicht,
Verträgst du dich mit allen?
Ich leugne die Talente nicht,
Wenn Sie mir auch mißfallen.

"So widerstrebe! Das wird ich adeln;
Willst vor der Feierstunde schon ruhen?"
Ich bin zu alt, um etwas zu tadeln,
Doch immer jung genug, etwas zu tun.

Bilde, Künstler! Rede nicht!
Nur ein Hauch sei dein Gedicht.

Die gute Sache kommt mir vor
Als wie Saturn, der Sünder:
Kaum sind sie an das Licht gebracht,
So frißt er seine Kinder

Dazu:
Das geflügelte Wort "Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder"
geht auf eine
"Textstelle in Georg Büchners Drama »Dantons Tod« zurück[1][2]. Dort heißt es:
„Ich weiß wohl, — die Revolution iſt wie Saturn, ſie frißt ihre eigenen Kinder.“[3][4]Danton äußert diesen Gedanken wie in Vorahnung seines eigenen gewaltsamen Endes.[1][2]Der diesem Zitat zugrunde liegende Ausspruch waren die letzten Worte des französischen Rechtsanwalts und Revolutionärs Pierre Vergniaud kurz vor seiner Hinrichtung am 31. Oktober 1793.[5] Er erlebte die Hinrichtung seiner politischen und persönlichen Freunde, wie BrissotGensonnéBoyer-Fonfréde oder Ducos und wurde als Letzter zum Schafott geführt.[5] Erschüttert sprach er diese berühmten letzten Worte[5]:
„Citoyens, il est à craindre que la révolution, comme Saturne, ne dévore successivement tous ses enfants et n’engendre enfin le despotisme avec les calamités qui l’accompagnent.“[6][7]„Bürger, es steht zu befürchten, daß die Revolution wie Saturn nach und nach all ihre Kinder verschlingt und am Ende den Despotismus mit allem seinem Unheil gebiert.“[8](https://de.wiktionary.org/wiki/die_Revolution_frisst_ihre_eigenen_Kinder)

02 Februar 2019

Siebenkäs wieder unterwegs

"Am Morgen macht' er kein Geheimnis vor den Trägern und vor Lenetten daraus, daß er den Leichnam mit großer Mühe mit seinen zwei Armen eingesargt. Sie wollte ihren sel. Herrn noch einmal sehen; aber Heinrich hatte den Hausschlüssel zum bunten Gehäuse in der Finsternis verworfen. Er half, indem er den Schlüssel herumtrug, darnach eifrig suchen – aber es war ganz vergeblich, und viele Umherstehende mutmaßten bald, Heinrich betrüge bloß und wolle nur den verweinten Augen der Witwe nicht gern noch einmal den zusammengehäuften Stoff des Schmerzes zeigen. Man zog mit dem blinden Passagier im Quasi-Sarg hinaus auf den Kirchhof, der im Tau unter dem frischen blauen Himmel glimmte. In Heinrichs Herz kroch eine eiskalte Empfindung herum, als er den Leichenstein durchlas. Er war vom herrnhutischen plattierten Grabe des Großvaters Siebenkäsens abgehoben und umgestürzt, und auf der glatten Seite glänzte die eingehauene Grabschrift: »Stan. Firmian Siebenkäs ging 1786 den 24. August...« Dieser Name war sonst Heinrichs seiner gewesen, und sein jetziger »Leibgeber« stand unten auf der Kehrseite des Monuments. Heinrich dachte daran, daß er in einigen Tagen mit weggeworfnem Namen als ein kleiner Bach in das Weltmeer falle und darin ohne Ufer fließe und in fremde Wellen zergehe – es kam ihm vor, daß er selber mit seinem alten und neuen Namen herunterkomme in die Grube; – da wurde ihm so gemischt zu Mute, als sei er auf dem eingefrorenen Strom des Lebens angewachsen, und droben steche eine heiße Sonne auf das Eisfeld herab, und er liege so zwischen Glut und Eis. – Noch dazu kam jetzt der Schulrat gelaufen, mit dem Schnupftuch an der Nase und an den Augen, und teilte im stotternden Schmerze die eben im Marktflecken eingelaufene Neuigkeit mit, daß der alte[513] König in Preußen den 17ten dieses verstorben sei. – Die erste Bewegung, die Leibgeber machte, war, daß er auf zur Morgensonne sah, als werfe aus ihr Friedrichs Auge Morgenfeuer über die Erde. – – Es ist leichter, ein großer als ein rechtschaffener König zu sein; es ist leichter, bewundert als gerechtfertigt zu werden; ein König legt den Ohrfinger an den längsten Arm des ungeheuern Hebels und hebt, wie Archimedes, mit Fingermuskeln Schiffe und Länder in die Höhe, aber nur die Maschine ist groß – und der Maschinist, das Schicksal – aber nicht der, der sie gebraucht. Der Laut eines Königs hallet in den unzähligen Tälern um ihm als ein Donner nach, und ein lauer Strahl, den er wirft, springt auf dem mit unzähligen Planspiegeln überdeckten Gerüste als glühender dichter Brennpunkt zurück. Aber Friedrich konnte durch einen Thron höchstens – erniedrigt werden, weil er darauf sitzen mußte, und ohne die so eng umschließende Krone, den Stachelgürtel und Zauberkreis des Kopfes, wäre dieser höchstens – größer geworden; und glücklich, du großer Geist, konntest du noch weniger werden; denn ob du gleich in deinem Innern die Bastille und die Zwinger der niedrigern Leidenschaften abgebrochen, ob du gleich deinem Geiste das gegeben, was Franklin der Erde, nämlich Gewitterableiter, Harmonika und Freiheit; ob du gleich kein Reich schöner fandest und lieber ausdehntest als das der Wahrheit; ob du dir gleich von der Hämlings-Philosophie der gallischen Enzyklopädisten nur die Ewigkeit, nicht die Gottheit verhängen ließest, nur den Glauben an Tugend, nicht deine eigene: so empfing doch deine liebende Brust von der Freundschaft und von der Menschheit nichts als den Widerhall ihrer Seufzer – die Flöte –, und dein Geist, der mit seinen großen Wurzeln, wie der Mahagonibaum, oft den Felsen zertrieb, worauf er wuchs, dein Geist litt am grellen Kampfe deiner Wünsche mit deinen Zweifeln, am Kampfe deiner idealen Welt mit der wirklichen und deiner geglaubten, ein Mißlaut, den kein milder Glaube an eine zweite sanft verschmelzte, und darum gab es auf und an deinem Thron keinen Ort zur Ruhe als den, den du nun hast. – –"
(Jean Paul: Siebenkäs, 4. Bändchen 21. Kapitel)

Wenn der Leser es noch nicht gemerkt haben sollte: Siebenkäs und Leibgeber haben den Tod des Armenadvokaten nur vorgespielt, damit Siebenkäs die Identität seines Freundes Leibgeber annehmen und eine einträgliche Stelle antreten kann, die Leibgeber angetragen wurde, die er aber nicht übernehmen will.
Siebenkäs verbindet damit eine weitere Absicht: Er will der Liebe seiner Frau Lenette zu dem Schulrat Stiefel nicht länger im Wege stehen. So ganz selbstlos ist das freilich nicht, weil er sich inzwischen in Natalie verliebt hat ...

"Ihm war, als durchwandle er als Abgeschiedner von den Sterblichen eine zweite verklärte Welt, wo die Gestalt seiner Natalie mit Augen der Liebe, mit Worten des Herzens frei ohne Erdenfesseln neben ihm gehen und ihm sagen durfte: »Hier hast du dankbar zur Sternennacht aufgeblickt – hier hab' ich dir mein wundes Herz gegeben – hier sprachen wir die irdische Trennung aus – und hier war ich oft allein und dachte mir das kurze Erscheinen.« – »Aber hier«, sagte er zu sich, als er vor dem schönen Schlosse stand, »hat sie zuletzt geweint im schönen Tale, weil sie von ihrer Freundin schied.« [...]

Auf dem ganzen kahlen Wege von Gefrees nach Münchberg gab sich der Advokat aus Dankbarkeit die größte Mühe, das Sonnenlicht der Heiterkeit, in das ihn Heinrich immer zu führen suchte, auf ihn zurückzuwerfen. Es wurd' ihm nicht leicht, besonders wenn er seinem Schreiten im langen Rock nachsah. Am meisten strengt' er sich in Münchberg an, der letzten Poststation vor Hof, wo ihnen die körperlichen Arme, womit sie sich aneinander schlossen, gleichsam abgenommen werden sollten durch ein langes Entfernen.
Indem sie mehr schweigend als bisher auf der Höfer Landstraße und Leibgeber vorausging: so hob dieser, den das Fichtelgebirge zur Rechten wieder erquickte, sein gewöhnliches Reisepfeifen an, frohe und trübe Melodieen des Volkes, die meisten in Molltönen. Er sagte selber, er halte sich nicht für den schlechtesten Stadt- und Straßenpfeifer und er führe, glaub' er, das angeborne Fußbotenposthorn mit Ehren. Aber für Firmian waren, so kurz vor dem Abschiede, diese Klänge, die gleichsam aus Heinrichs langen vorigen Reisen wiederzukommen und aus seinen künftigen einsamen entgegenzutönen schienen, eine Art von Schweizer Kuhreigen, die ihm ins Herz rissen; und er konnte, zum Glücke hinter ihm gehend, sich mit aller Gewalt nicht des Weinens enthalten. – O bringt die Töne weg, wenn das Herz voll ist und doch nicht überfließen soll!
Endlich brachte er so viel Ruhe in der Stimme zusammen, daß er ganz unbefangen fragen konnte: »Pfeifst du gern und oft unterwegs?« Im Fragtone lag aber so etwas, als mach' ihm das Flöten nicht so viele Freude als dem Musiker selber. »Stets«, versetzte Leibgeber, – »ich pfeife das Leben aus, das Welttheater und was so darauf ist und dergleichen – vielerlei aus dem Vergangenen auch pfeif' ich wie ein Karlsbader Türmer die Zukunft an. Mißfällts dir etwa? – Fugier' ich falsch, oder pfeif' ich gegen den reinen Satz?« – »O nur zu schön«, sagte Siebenkäs.

Darauf fing Leibgeber von neuem an, aber zehnmal kräftiger und trug ein so schönes schmelzendes Mundorgelstück vor, daß Siebenkäs ihm vier weite Schritte nachtat und – indem er zu gleicher Zeit mit der Linken das Tuch über seine nassen Augen deckte und die Rechte sanft auf Heinrichs Lippen legte – zu ihm fast stotternd sagte: »Heinrich, schone mich! Ich weiß nicht wie; aber heute ergreift mich jeder Ton gar zu stark.« Der Musiker sah ihn an – Leibgebers ganze innere Welt war im Augapfel dann nickte er stark und schritt schweigend heftig voraus, ohne sich umzuschauen oder angeschauet zu werden. Doch setzten die Hände, vielleicht unwillkürlich, in kleinen Taktregungen einiges von den Melodieen fort."
(Jean Paul: Siebenkäs, 4. Bändchen 22. Kapitel)

Der Armenadvokat Siebenkäs auf dem Totenbett

"Meine sämtlichen Schreibereien soll mein Freund Leibgeber einpacken und behalten, sobald ich selber eingepacket bin ins letzte Kuvert mit Adresse. – Ferner will und verordne ich, daß man sich nicht weigere – da ich die dänischen Könige, die alten österreichischen Herzoge und die vornehmen Spanier vor mir habe, wovon sich die ersten in ihrer Rüstung, die zweiten in Löwenfellen, die dritten in elenden Kapuzinerbälgen beisetzen lassen – man soll sich nicht weigern, sag ich, mich ins Beet der andern Welt mit der alten Hülse und Schote zu stecken, worin ich in der ersten grünte; kurz, so wie ich hier bin und testiere. – Diese Verordnung nötigt mich, die dritte zu machen, daß man die Totenfrau bezahle, aber sogleich fortweise, weil ich in meinem ganzen Leben zwei Weibern auffallend gram geblieben, der einen, die uns herein-, und der andern, die uns hinausspület, obwohl in einem größern Badezuber abscheuert als jene: der Hebamme und der Totenfrau; sie soll mit keinem Finger an mich tippen, und überhaupt gar niemand als mein Heinrich da.« – Sein Groll gegen diese Dienerschaft des Lebens und des Todes kann, wie ich vermute, aus demselben Anlaß fließen wie der meinige: nämlich aus dem herrischen und sportelsüchtigen Regiment, womit uns diese beiden Pflanzerinnen und Konviktoristinnen der Wiege und der Bahre gerade in den zwei entwaffneten Stunden der höchsten Freude und der höchsten Trauer keltern und pressen. »Weiter will ich, daß Heinrich mir mein Gesicht, sobald es die Zeichen meines Abschiedes gegeben, mit unserer langhälsigen Maske, die ich oben aus dem alten Kasten heruntergetragen, auf immer bedachen und bewaffnen soll. Auch will ich, wenn ich aus allen Fluren meiner Vergangenheit gehe und nichts hinter mir höre als rauschende Grummethügel, wenigstens an meine Brust noch den seidnen Strauß meiner Frau, als Spielmarke der verlornen Freuden, haben. Mit einer solchen Schein-Insignie geht man am schicklichsten aus dem Leben, das uns so viele Pappendeckelpasteten voll Windfülle vorsetzt. – Endlich soll man nicht, wenn ich fortgehe, hinter mir, wie hinter einem, der aus Karlsbad abreiset, vom Turm nachklingen, wie man uns sieche, flüchtige Brunnengäste des Lebens ebenso wie Karlsbader mit Musizieren auf den Türmen empfängt, zumal da die Kirchendienerschaft nicht so billig ist wie der Karlsbader Türmer, der für An- und Nachblasen nur auf 3 Kopfstücke aufsieht.« – – Er ließ sich nun Lenettens Schattenriß ins Bette reichen und sagte stammelnd: »Meinen guten Heinrich und den Hrn. Hausherrn ersuch' ich, nur auf eine Minute abzutreten und mich mit dem Hrn. Schulrate und meiner Frau allein zu lassen.« [...]
O Gott, kein Mensch auf der ganzen weiten Erde nimmt sich meiner guten Lenette an, wenn sie von Ihnen verlassen wird – Weine nur nicht so bitterlich, Gute, er sorgt für dich – O mein teuerster Freund, dieses hülflose, schuldlose Herz wird brechen in der einsamen Trauer, wenn Sie es nicht beschirmen und beruhigen: o verlassen Sie es nicht wie ich!« Der Rat schwur bei dem Allmächtigen, er verlasse sie nie, und nahm Lenettens Hand und drückte sie, ohne die Weinende anzusehen, und hing mit tropfenden Augen gebückt auf das Angesicht seines verstummenden Freundes herein – aber Lenette drängte ihn weg von der Brust ihres Gatten und machte ihre Hand frei und sank auf die Lippen nieder, die ihr Herz so sehr erschüttert hatten – und Firmian schloß sie mit dem linken Arm ans erquickte Herz und streckte überdeckt den rechten nach seinem Freunde aus – und nun hielt er an die gedrückte Brust die zwei nächsten Himmel der Erde geknüpft, die Freundschaft und die Liebe... – Und das ists eben, was mich an euch betörten und uneinigen Sterblichen ewig tröstet und freuet, daß ihr euch alle herzlich liebet, wenn ihr euch nur in reiner menschlicher Gestalt erblickt, ohne Binden und Nebel – daß wir alle nur erblinden, wenn wir fürchten, daß wir erkalten, und daß unser Herz, sobald der Tod unsere Geschwister über das Gewölke unserer Irrtümer hinausgehoben, selig und liebend zerfließet, wenn es sie im durchsichtigen Äther, ohne die Entstellung der hiesigen Hohlspiegel und Nebel, als schöne Menschen schweben sieht und seufzen muß: ach in dieser Gestalt hätt' ich euch nie verkannt! – Daher strecket jede gute Seele ihre Arme nach den Menschen aus, die der Dichter in seinem Wolkenhimmel wie Genien unsern tiefen Augen zeigt, und die doch, wenn er sie auf unsere Brust heruntersenken lassen könnte, in wenig Tagen auf dem schmutzigen Boden unserer Bedürfnisse und Irrtümer ihre schöne Verklärung verlören; wie man das kristallene Gletscherwasser, das, ohne zu erkälten, erfrischet, schwebend, wenn es vom Eis-Demante tropft, auffangen muß, weil es sich mit Luft verunreinigt, sobald es die Erde berührt. [...]
Letzter Wille des Armenadvokaten Siebenkäs 
»Endesunterschriebener, der mit andern Augustäpfeln jetzo gelbt und abfället, will, so nahe am Tode, der die körperliche Leibeigenschaft des Geistes aufhebt, noch einige frohe Rück- und Seitenpas und Großvatertänze machen, drei Minuten vor dem Basler Totentanz.« Der Landschreiber hielt innen und fragte staunend: »Mehr und dergleichen bring' ich zu Papier?« »Zuerst will und verordn' ich Firmian Siebenkäs, alias Heinrich Leibgeber, daß Hr. Heimlicher von Blaise, mein Tutor, die 1200 fl. rhnl. Vormundschaftgelder, die er mir, seinem Pupillen, gottlos abgeleugnet, binnen Jahr und Tag an meinen Freund, Hrn. Leibgeber, Inspektor in Vaduz[Fußnote: Das ist er selber. Er will darum seine Verlassenschaft an sich, und nicht an seine Frau ausgehändigt haben, um es genauer zu wissen, da sie vielleicht während dieses Termins könnte reich geheiratet haben; auch erfährt er so den Fall des Unterlassens leichter und kann also die Drohung erfüllen, die er sogleich ausstoßen wird, einhändigen solle und wolle, der sie nachher meiner lieben Frau wieder treulich übermachen wird. Weigert Hr. v. Blaise sich dessen, so heb' ich hier die Schwurfinger auf und leiste auf dem Totenbette den Eid ab: daß ich ihn nach meinem Ableben überall, nicht gerichtlich, sondern geistig, verfolgen und erschrecken werde, es sei nun, daß ich ihm als der Teufel erscheine oder als ein langer weißer Mann oder bloß mit meiner Stimme, wie es mir etwa meine Umstände nach dem Tode verstatten.« Der Landschreiber schwebte mit dem befederten Arme in der Luft und brachte seine Zeit mit bloßem schreckhaften Zusammenfahren hin: »Ich sorge nur, mich nehmen (sagt' er) der Herr Heimlicher, schreib' ich solche Sachen nieder, am Ende beim Flügel.« – Aber Leibgeber schnitt ihm mit seinem Körper und Gesicht die Flucht über das Höllentor der Kammer ab. »Ferner will und verordne ich, als regierender Schützenkönig, daß kein Sukzessionkrieg mein Testament zu einem Sukzessionpulver für unschuldige Leute mache – daß ferner die Republik Kuhschnappel, zu deren Gonfaloniere und Doge ich durch die Schützen-Kugeln ballotiert worden, keine Defensivkriege führen soll, weil sie sich nicht damit defendieren kann, sondern bloß Offensivkriege, um die Grenzen ihres Reichs, da sie schlecht zu decken sind, wenigstens zu mehren – und daß sie solche holzersparende Mitglieder sein sollen, wie ihr tödlich kranker Landes- und Reichsmarktflecken-Vater war. Jetzo, da mehr Wälder verkohlen als nachwachsen, ist das einzige Mittel dagegen, daß man das Klima selber einheize und in einen großen Brut-, Darr- und Feldofen umsetze, um die Stubenöfen zu ersparen; und dieses Mittel haben längst alle gute forstgerechte Kammern ergriffen, die vor allen Dingen die Forstmaterie, die Wälder, ausreuten, die voll Nachwinter stecken. Wenn man bedenkt, wie sehr schon das jetzige Deutschland gegen das von Tacitus mappierte absticht, bloß durch das Lichten der Wälder ausgewärmt: so kann man leicht schließen, daß wir doch endlich einmal zu einer Wärme, wo die Luft unsere Wildschur ist, gelangen werden, sobald es ganz und gar kein Holz mehr gibt. Daher wird der jetzige Überfluß daran, um die Flöße zu steigern – wie man 1760 in Amsterdam öffentlich für 8 Millionen Livres Muskatennüsse verbrannte, um ihren alten Preis zu erhalten –, gleichfalls eingeäschert. 
 Ich als König vom kuhschnappelischen Jerusalem will ferner, daß der Senat und das Volk, Senatus populusque Kuhschnappeliensis151, nicht verdammt werden, sondern selig, besonders auf dieser Welt – daß ferner die Stadt-Magnaten nicht die kuhschnappelischen Nester (Häuser) zugleich mit den indischen verschlucken – und daß die Abgaben, die durch die vier Mägen der Hebbedienten durch müssen, durch die Panse, durch die Mütze, den Psalter und den Fettmagen, am Ende doch aus Milchsaft zu rotem Blute (aus Silber zu Gold) verarbeitet, und wenn sie durch die Milchgefäße, den Milchsack und Milchgang geflossen, ordentlich ins Geäder des Staats-Körpers getrieben werden. – Ich will ferner und verordne ferner, daß der Große und der Kleine Rat...« Der Landschreiber wollte aufhören und schüttelte auffallend den Kopf; aber Leibgeber spielte scherzend mit der ausgehenkten Büchse, womit der Testator sich auf den Schützenthron geschwungen – anstatt daß andere sich an fremden Springstäben von Ladstöcken darauf heben –, und Börstel schrieb in seinen Morgenschweißen weiter nieder: 
»Daß also der Schultheiß, der Seckelmeister, der Heimlicher und die acht Ratherrn und der Großweibel mit sich reden lassen und keine andern Verdienste belohnen als die Verdienste fremder Leute, und daß der Schuft von Blaise und der Schuft von Meyern aneinander täglich prügelnde Hände als Verwandte legen sollen, damit doch einer da ist, der den andern bestraft....«[...]"
(Jean Paul: Siebenkäs, 4. Bändchen 20. Kapitel)

27 Januar 2019

Clark: Preußen - Zurück zu Brandenburg

Im Schlusskapitel "Das Ende" stellt Clark unter dem Titel "Zurück zu Brandenburg" auf den Seiten 773/74 Fontanes Aufsatz von 1894 "Mein Erstling: Das Schlachtfeld von Groß-Beeren" vor, dessen Schlussabsätze lauteten:
Und kaum in meine Berliner Pensionsöde zurückgekehrt, schrieb ich den unter meinen Schulsorgen obenanstehenden »Deutschen Aufsatz nach selbstgewähltem Thema« im Fluge nieder, ein phantastisches Skriptum, dem es, die Wahrheit zu gestehn, an Anklängen an die Zedlitzsche »Nächtliche Heerschau« nicht fehlte. Der Tambour ging in einem fort wirbelnd um, und die Knochenhände streckten, mehr als nötig, die langen Schwerter empor. Denn Kavallerie war kaum zur Aktion gekommen.
Nach acht Tagen erhielt ich aus den Händen Philipp Wackernagels, meines hochverehrten Lehrers, meinen Aufsatz zurück, und wer beschreibt mein Entzücken, als ich, der ich bis dahin über ein »vidi W.« nie hinausgekommen war, jetzt zum ersten und leider auch einzigen Male las: »Recht gut. W.«
Daß meine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« auf dieses »Recht gut« zurückzuführen seien, will ich nicht gerade behaupten, aber daß der Aufsatz, der den forschen Titel: »Auf dem Schlachtfelde von Groß-Beeren« führte, meine erste Wanderung durch die Mark Brandenburg gewesen ist, das ist richtig.
Dann urteilt Clark über diese Wanderungen: "ein einzigartiges Werk [...] Das vielleicht Bemerkenswerteste an den Wanderungen ist die ausschließliche Beschränkung auf die Regionen der Mark."
Er zitiert dann Fontanes Satz von 1848 "Preußen war eine Lüge." und schließt mit dem Blick auf die Situation nach der deutschen Einigung 1990: "Am Ende war nur noch Brandenburg."

24 Januar 2019

Michelle Obama: Becoming III

(Zu den vorhergehenden Teilen der Besprechung Becoming I und Becoming II)

Zunächst nur ein paar Stichpunkte:
Michelle bemüht sich, möglichst niemanden zu kritisieren. Umso auffallender die Ausnahmen: die Karriereberaterin, die Michelle sagte, sie sei wohl kaum Princeton material, und Donald Trump.
Die erste, weil sie beinah Michelles "Becoming" (Entwicklung) vorzeitig gestoppt hätte, und Trump, weil er dabei ist, die Erfolge der Präsidentschaft Obamas zunichte zu machen.
Dabei hat Trump freilich nur (?) die Unzufriedenheit der Weißen ausgenutzt, die sich durch die zunehmende Emanzipation der Schwarzen gefährdet sehen.

Michelle Obama: Becoming II

(zum ersten Teil der Besprechung)

Wie es nicht anders sein kann, die Autobiographie gliedert sich in zwei Teile: vor der Präsidentschaft Baracks und während der Präsidentschaft.
Während der erste Teil relativ authentisch wirkt, merkt man dem zweiten sehr stark die vielen Rücksichtnahmen an, die sie zu nehmen hatte und weiterhin zu nehmen hat.

Mir ist zunächst der Vergleich mit ihrem Beitrag zu Obamas Wahlkampagnen eingefallen: die Phase, wo sie vor allem versucht hat, deutlich zu machen, wer sie ist und weshalb es für Personen ihrer Herkunft wichtig ist, wenn jemand wie Barack Präsident wird
und die zweite, wo sie gemerkt hat, wie riskant das war.
Sie hatte dem Sinne nach immer wieder gesagt:
And let me tell you something, for the first time in my adult lifetime , I'm really proud of my country. Not just because Barack has done well, but because I think people are hungry for change. 
Kurz gesagt: Ich bin stolz auf mein Land, weil ich den Eindruck habe, dass die Leute einen Wechsel wollen. - Also, dass sie auf die Ankündigung "Yes, we can" regelrecht gewartet haben.
Plötzlich wurde das in der Presse verkürzt zu: "For the first time in my adult lifetime , I'm really proud of my country." (also: Ich bin erstmalig stolz auf mein Land.)
Und dann ausgelegt als: Michelle gehört auch zu den "angry black", zu den zornigen Schwarzen, die wegen ihrer Aggressivität den Weißen Angst einjagten.

Weil das für Baracks Kampagne gefährlich war, änderte sie danach ihr Wahlkampfverhalten, verzichtete möglichst auf impulsive Sätze und sprach - wie heute üblich - auch vom Teleprompter.

Mein Vergleich war: der erste Teil der Autobiographie ist weitgehend authentisch, der zweite wie vom Teleprompter abgelesen.
Dabei ist ja schon der erste Teil einer noch viel sorgfältigeren Prüfung unterworfen als damals die Texte vom Teleprompter. Denn sie hat jetzt darauf zu achten, dass sie ihren vielen Wahlkampfreden nicht widerspricht und die Erfahrungen von acht Jahren Präsidentschaft ihres Mannes mit zu berücksichtigen und ihr Bild in der Geschichte zu beeinflussen zu versuchen.

Der zweite Teil ist also doppelt weniger authentisch:
Erstens hat sie ihr Leben in ständiger Rücksicht auf "Was werden die Leute denken?" zu führen und es zweitens so wiederzugeben, dass dies Leben in der Blase (Weißes Haus und ständige Überwachung durch die Sicherheitskräfte) nicht zu sehr als Opfer erscheint, das sie ihrem Mann und ihrer beider Karriere gebracht hat.

Ihre Lösung: Sie stellt ganz darauf ab, dass sie ihre Hauptaufgabe darauf gesehen habe, ihre Kinder vor der Auswirkung des Blasendaseins zu schützen. Und weil das zu sehr nach "baby mom", auf `Deutsch Helikoptermutter, die nur um ihre Kinder kreist, klingen könnte, darauf, dass sie ihre Rolle als First Lady nicht nur dafür benutzt dafür benutzt habe, ihre Kinder zu schützen, sondern dass sie versucht habe, die Vorteile, die ihre eigenen Kinder hatten, weil sie im Unterschied zu ihr in einem Elitenmilieu aufwuchsen, so weit wie möglich möglichst vielen Kindern zukommen zu lassen.

Zusätzlich ironisiert sie die Stellung von Präsident und First Lady durch die Bezeichnung PLOTUS und FLOTUS (President of the United States und First Lady of  the United States).

Das heißt nicht, dass sie die Tatsachen falsch darstellte, sondern dass sie vieles weglässt,  was ihre Privatheit, die ihres Mannes und besonders die ihrer Kinder, die ja nach der Blase nicht auch noch unter einer mangelnden Diskretion ihrer Mutter leiden könnten, zu schützen.

Kein Wunder, dass der zweite Teil relativ blutleer wirkt, zumal er - verständlicherweise - auch noch die Funktion der Danksagung an ihr großes Team der Helfer ausfüllt und klar stellen will, dass die lästige Einschränkung durch die Sicherheitsbeamten keinesfalls den Personen, sondern nur der von ihr selbst gewählten Rolle entspricht zuzuschreiben ist.
Dennoch enthält er sehr viel Informatives, dazu bei anderer Gelegenheit.

Hier nur noch Folgendes:
Ziemlich spät im zweiten Teil kommt sie auf die Szene zurück, wo Barack seine achtjährige älteste Tochter Malia fragte, ob sie damit einverstanden sei, wenn er als Präsident kandidiere. Natürlich konnte Malia nicht wissen, wozu sie da ja sagte, schreibt Michelle. Doch beeilt sie sich hinzuzufügen, dass Barack und sie selbst es auch nicht wussten.
Freilich wussten sie beide schon so viel über das politische Geschäft, dass Michelle sehr viele innere Widerstände überwinden musste, um sich dennoch auf die Kandidatur einzulassen

Mir scheint, dass gegenwärtig Barack Obama - wie vor ihm Bill Clinton - versucht, seine Frau bei der Verwirklichung ihrer Ziele zu unterstützen, indem er sich an ihrer Arbeit der Unterstützung und Förderung vom Schicksal weniger Bevorzugter beteiligt.