30 Mai 2023

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel (ein weiterer Blick in das Werk)

 R.W. Leonhardt, Feuilletonchef der ZEIT, schrieb 1962 kurz nach Hesses Tod: "Mit Hesse [...] ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen", machte aber deutlich, dass er das zeitgenössische Urteil nicht für endgültig halte, und verwies auf mehrere Entdeckungen, die dieser Autor schon damals erfahren hatte.

dazu in der Wikipedia:

"So ähnelt die Hesse-Rezeption einer Pendelbewegung: Kaum war sie in den 1960er Jahren in Deutschland auf einem Tiefpunkt angelangt, brach unter den Jugendlichen in den USA ein „Hesse-Boom“ ohnegleichen aus, der dann auch wieder nach Deutschland übergriff; insbesondere Der Steppenwolf (nach dem sich die gleichnamige Rockband benannte) wurde international zum Bestseller und Hesse zu einem der meistübersetzten und -gelesenen deutschen Autoren. Weltweit wurden über 120 Millionen seiner Bücher verkauft (Stand Anfang 2007). " (Hermann Hesse)

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel (Wikipedia)

In meinem Artikel von 2019 habe ich schon manches angeführt, was an dem Autor, aber auch an dem Roman heute noch interessieren kann. Ausdrücklich verweise ich auch hier auf den Text von Dvorecky, der eine sehr lesenswerte und weit tiefer greifende Behandlung des Glasperlenspiels bietet als meine Texte dazu

Hier ein paar weitere Notizen:

"Ein wesentlicher Schritt auf der Karriereleiter ist weiterhin Knechts Gesandtschaft in ein katholisches Kloster. Auch dies ein Stück Außenwelt, das er kennenlernt, zumal ihn ein Pater in die Geschichtswissenschaft einweist, die als zutiefst „weltliches“, in der Materialität verhaftetes Fach im kastalischen Kanon keinen Platz hat." (Wikipedia)

Meister Jakobus, der Historiker, S.215 ff.

der Pietist Bengel als eine Art Vorläufer des Glasperlenspiels, S. 220-23

Geschichtswissenschaft, S.226

die "Seele" eines Mönchsordens, S.228

Das "Misstrauen" von Samen von Gebirgspflanzen, S.230, spricht da der Schweizer?

Tegularius, Ferromonte (S.266, 270)

Erwachsensein, S.240

"Nach eigenen Angaben hat Hesse Ende 1930 mit der Arbeit an seinem Opus magnum begonnen. Am 29. April 1942 schloss er diese ab, im Februar 1943 arbeitete er aber nochmals ein Kapitel um. Allein von der Einleitung existieren vier Fassungen: die letzte wurde im Dezember 1934 in der Neuen Rundschau vorabgedruckt, die drei vorherigen wurden 1977 erstmals veröffentlicht. Am 18. November 1943 erschien die Erstausgabe in Zürich, nachdem Peter Suhrkamp vom deutschen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Sommer 1942 ein definitives Druckverbot für den S. Fischer Verlag erhalten hatte. Der geplante Buchtitel lautete noch im Frühling 1943 bei Vertragsabschluss mit dem Schweizer Verlag Der Glasperlenspielmeister. Nach der Nobelpreisverleihung an Hesse durfte Suhrkamp im Dezember 1946 das Werk in Lizenz in Deutschland herausgeben, allerdings im Gegensatz zur Zürcher Ausgabe in Fraktur gesetzt. "  (Wikipedia)

23 Mai 2023

Erzählungen aus 1001 Nacht

 https://web.archive.org/web/20171213095738/http://www.kuehnle-online.de/literatur/habicht/1001/index.htm

Heinrich Heine: Französische Zustände - Techniken des Umgangs mit der Zensur

 Da die Zensur ihm keine freie Meinungsäußerung erlaubt, schreibt Heine in Widersprüchen, so dass er immer behaupten kann, er habe etwas anderes gemeint. Der Leser, der endlich etwas anderes als die vorgeschriebenen Meinungen lesen will, kann aber klar erkennen, was gemeint ist.

Ihr braucht euch nicht zu fürchten.

Nur vor einem möchte ich euch warnen, nämlich vor dem »Moniteur« von 1793. Das ist ein Höllenzwang, den ihr nicht an die Kette legen könnt, und es sind Beschwörungsworte darin, die viel mächtiger sind als Gold und Flinten, Worte, womit man die Toten aus den Gräbern ruft und die Lebenden in den Tod schickt, Worte, womit man die Zwerge zu Riesen macht und die Riesen zerschmettert, Worte, die eure ganze Macht zerschneiden wie das Fallbeil einen Königshals.

Ich will euch die Wahrheit gestehen. Es gibt Leute, die Mut genug besitzen, jene Worte auszusprechen, und die sich nicht gefürchtet hätten vor den grauenhaftesten Geistererscheinungen; aber sie wußten eben nicht das rechte Wort im Buche zu finden und hätten es auch mit ihren dicken Lippen nicht aussprechen können; sie sind keine Hexenmeister. Andere, die, vertraut mit der geheimnisvollen Wünschelrute, das rechte Wort wohl aufzufinden wüßten und auch mit zauberkundiger Zunge es auszusprechen vermöchten: diese waren zagen Herzens und fürchteten sich vor den Geistern, die sie beschwören sollten; – denn ach! wir wissen nicht das Sprüchlein, womit man die Geister wieder zähmt, wenn der Spuk allzu toll wird; wir wissen nicht, wie man die begeisterten Besenstiele wieder in ihre hölzerne Ruhe zurückbannt, wenn sie mit allzuviel rotem Wasser das Haus überschwemmen; wir wissen nicht, wie man das Feuer wieder bespricht, wenn es allzu rasend umherleckt! wir fürchteten uns.

Verlaßt euch aber nicht auf Ohnmacht und Furcht von unserer Seite. Der verhüllte Mann der Zeit, der ebenso kühnen Herzens wie kundiger Zunge ist, und der das große Beschwörungswort weiß und es auch auszusprechen vermag, er steht vielleicht schon in eurer Nähe. Vielleicht ist er in knechtischer Livree oder gar in Harlekinstracht vermummt, und ihr ahnet nicht, daß es euer Verderber ist, welcher euch untertänig die Stiefel auszieht oder durch seine Schnurren euer Zwerchfell erschüttert. Graut euch nicht manchmal, wenn euch die servilen Gestalten mit fast ironischer Demut umwedeln und euch plötzlich in den Sinn kommt: das ist vielleicht eine List, dieser Elende, der sich so blödsinnig absolutistisch, so viehisch gehorsam gebärdet, der ist vielleicht ein geheimer Brutus? Habt ihr nicht nachts zuweilen Träume, die euch vor den kleinsten, windigsten Würmern warnen, die ihr des Tags zufällig kriechen gesehen? Ängstigt euch nicht! Ich scherze nur, ihr seid ganz sicher. Unsere dummen Teufel von Servilen verstellen sich durchaus nicht. Sogar der Jarcke ist nicht gefährlich. Seid auch außer Sorge in betreff der kleinen Narren, die euch zuweilen mit bedenklichen Späßen umgaukeln. Der große Narr schützt euch vor den kleinen. Der große Narr ist ein sehr großer Narr, riesengroß, und er nennt sich deutsches Volk. Oh, das ist ein sehr großer Narr! Seine buntscheckige Jacke besteht aus sechsunddreißig Flicken. An seiner Kappe hängen statt der Schellen lauter zentnerschwere Kirchenglocken, und in der Hand trägt er eine ungeheure Pritsche von Eisen. Seine Brust aber ist voll Schmerzen. Nur will er an diese Schmerzen nicht denken, und er reißt deshalb um so lustigere Possen, und er lacht manchmal, um nicht zu weinen. Treten ihm seine Schmerzen allzu brennend in den Sinn, dann schüttelt er wie toll den Kopf und betäubt sich selber mit dem christlich-frommen Glockengeläute seiner Kappe. Kommt ein guter Freund zu ihm, der teilnehmend über seine Schmerzen mit ihm reden will oder gar ihm ein Hausmittelchen dagegen anrät, dann wird ein rein wütend und schlägt nach ihm mit der eisernen Pritsche. Er ist überhaupt wütend gegen jeden, der es gut mit ihm meint. Er ist der schlimmste Feind seiner Freunde und der beste Freund seiner Feinde. Oh, der große Narr wird euch immer treu und unterwürfig bleiben, mit seinen Riesenspäßchen wird er immer eure Junkerlein ergötzen, er wird täglich zu ihrem Vergnügen seine alten Kunststücke machen und unzählige Lasten auf der Nase balancieren und viele hunderttausend Soldaten auf seinem Bauche herumtrampeln lassen. Aber habt ihr gar keine Furcht, daß dem Narren mal all die Lasten zu schwer werden, und daß er eure Soldaten von sich abschüttelt und euch selber aus Überspaß mit dem kleinen Finger den Kopf eindrückt, so daß euer Hirn bis an die Sterne spritzt?

Fürchtet euch nicht, ich scherze nur. Der große Narr bleibt euch untertänigst gehorsam, und wollen euch die kleinen Narren ein Leid zufügen, der große schlägt sie tot.

Geschrieben zu Paris, den 18. Oktober 1832"


Eine andere Technik ist, die kurzen Phasen einer großzügigeren Zensur zu nutzen, um zuvor von der Zensur verstümmelte Text, dem Leser nachträglich in ihrer ursprünglichen Form zukommen zu lassen.

So erklärt sich, dass er, auch schon mal eine Vorrede zu einer Vorrede schreibt, um zu erklären, weshalb er einen Text noch einmal veröffentlicht, obwohl er es schon einmal versucht hat:

"Vorrede zur Vorrede

"Wie ich vernehme, ist die Vorrede zu den »Französischen Zuständen« in einer so verstümmelten Gestalt erschienen, daß mir wohl die Pflicht obliegt, sie in ihrer ursprünglichen Ganzheit herauszugeben. Indem ich nun hier einen besondern Abdruck davon liefere, bitte ich mir keineswegs die Absicht beizumessen, als wollte ich die jetzigen Machthaber in Deutschland ganz besonders reizen oder gar beleidigen. Ich habe vielmehr meine Ausdrücke, so viel es die Wahrheit erlaubte, zu mäßigen gesucht. Ich war deshalb nicht wenig verwundert, als ich merkte, daß man jene Vorrede in Deutschland noch immer für zu herbe gehalten. Lieber Gott! was soll das erst geben, wenn ich mal dem freien Herzen erlaube, in entfesselter Rede sich ganz frei auszusprechen! Und es kann dazu kommen. Die widerwärtigen Nachrichten, die täglich über den Rhein zu uns herüberseufzen, dürfen mich wohl dazu bewegen." [...]


Artikel II

Paris, 19. Januar 1832

Der »Temps« bemerkt heute, daß die »Allgemeine Zeitung« jetzt Artikel liefere, die feindselig gegen die königliche Familie gerichtet seien, und daß die deutsche Zensur, die nicht die geringste Äußerung gegen absolute Könige erlaube, gegen einen Bürgerkönig nicht die mindeste Schonung ausübe. Der »Temps« ist doch die gescheiteste Zeitschrift der Welt! Mit wenigen milden Worten erreicht er seine Zwecke viel schneller als andere mit ihrer lautesten Polemik. Sein schlauer Wink ist hinreichend verstanden worden, und ich weiß wenigstens einen liberalen Schriftsteller, der es jetzt seiner Ehre nicht angemessen hält, unter Zensurerlaubnis gegen einen Bürgerkönig die feindliche Sprache zu führen, die man ihm gegen einen absoluten König nicht gestatten würde. Aber dafür tue uns Ludwig Philipp auch den einzigen Gefallen, ein Bürgerkönig zu bleiben. Eben weil er den absoluten Königen täglich ähnlicher wird, müssen wir ihm grollen. Er ist gewiß als Mensch ganz ehrenfest und ein achtungswerter Familienvater, zärtlicher Gatte und guter Ökonom; aber es ist verdrießlich, daß er alle Freiheitsbäume abschlagen läßt und sie ihres hübschen Laubwerks entkleidet, um daraus Stützbalken zu zimmern für das wackelnde Haus Orléans. Deshalb, nur deshalb zürnt ihm die liberale Presse, und die Geister der Wahrheit verschmähen sogar die Lüge nicht, um ihn damit zu befehden. Es ist traurig, bejammernswert, daß durch diese Taktik sogar die Familie des Königs leiden muß, die ebenso schuldlos wie liebenswürdig ist. Von dieser Seite wird die deutsche liberale Presse, minder geistreich, aber gemütvoller als ihre französische ältere Schwester, sich keine Grausamkeiten zuschulden kommen lassen. »Ihr solltet wenigstens mit dem Könige Mitleid haben!« rief jüngst das sanftlebende »Journal des Débats«. »Mitleid mit Ludwig Philipp!« entgegnete die »Tribüne«, »dieser Mann verlangt fünfzehn Millionen und unser Mitleid! Hat er Mitleid gehabt mit Italien, mit Polen usw.?« – Ich sah diese Tage die unmündige Waise des Menotti, der in Modena gehenkt worden. Auch sah ich unlängst Sennora Luisa de Torrijos, eine arme todblasse Dame, die schnell wieder nach Paris zurückgekehrt ist, als sie an der spanischen Grenze die Nachricht von der Hinrichtung ihres Gatten und seiner zweiundfünfzig Unglücksgefährten erfuhr. Ach, ich habe wirklich Mitleid mit Ludwig Philipp!

Die »Tribüne«, das Organ der offen republikanischen Partei, ist unerbittlich gegen ihren königlichen Feind und predigt täglich die Republik. Der »National«, das rücksichtsloseste und unabhängigste Journal Frankreichs, hat unlängst auf eine befremdende Art in diesen Ton eingestimmt. Furchtbar, wie ein Echo aus den blutigsten Tagen der Konvention, klangen die Reden jener Häuptlinge der Société des amis du peuple, die vorige Woche vor den Assisen standen, angeklagt, »gegen die bestehende Regierung konspiriert zu haben, um dieselbe zu stürzen und eine Republik zu errichten«. Sie wurden von der Jury freigesprochen, weil sie bewiesen, daß sie keineswegs konspiriert, sondern ihre Gesinnungen im Angesichte des ganzen Publikums ausgesprochen hätten. »Ja, wir wünschen den Umsturz dieser schwachen Regierung, wir wollen eine Republik«, war der Refrain aller ihrer Reden vor Gericht.

Während auf der einen Seite die ernsthaften Republikaner das Schwert ziehen und mit Donnerworten grollen, blitzt und lacht »Figaro« und schwingt am wirksamsten seine leichte Geißel. Er ist unerschöpflich in Witzen über »die beste Republik«, ein Ausdruck, wodurch zugleich der arme Lafayette geneckt wird, weil er bekanntlich einst vor dem Hôtel de Ville den Ludwig Philipp umarmt und ausgerufen: »Vous êtes la meilleure république!« Dieser Tage bemerkte »Figaro«, man verlange keine Republik, seit man die beste gesehen. Ebenso sanglant sagt er bei Gelegenheit der Debatten über die Zivilliste: »La meilleure république coute quinze millions.« [...]


Tagesberichte

[...] Ich kann nicht umhin, zu erwähnen, daß der Ruf: »Vive la liberté!« der häufigste war, und wenn diese Worte von so vielen tausend bewaffneten Leuten aus voller Brust hervorgejauchzt wurden, fühlte man sich ganz heiter beruhigt, trotz des Belagerungsstandes und der instituierten Kriegsgerichte. Aber das ist es eben, Ludwig Philipp wird sich nie selbstwillig der öffentlichen Meinung entgegenstellen, er wird immer ihre dringendsten Gebote zu erlauschen suchen und immer danach handeln. Das ist die wichtigste Bedeutung der gestrigen Revue. Ludwig Philipp fühlte das Bedürfnis, das Volk in Masse zu sehen, um sich zu überzeugen, daß es ihm seine Kanonenschüsse und Ordonnanzen nicht übelgenommen und ihn nicht für einen argen Gewaltkönig hält, und kein sonstiges Mißverständnis stattfindet. Das Volk wollte sich aber auch seinen Ludwig Philipp genau betrachten, um sich zu überzeugen, daß er noch immer der untertänige Höfling seines souveränen Willens ist, und ihm noch immer gehorsam und ergeben geblieben. Man konnte deshalb ebenfalls sagen, das Volk habe den König die Revue passieren lassen, es habe Königschau gehalten und habe bei dessen Manöver seine allerhöchste Zufriedenheit geäußert.

Paris, 12. Juni

Die große Revue war gestern das allgemeine Tagesgespräch. Die Gemäßigten sahen darin das beste Einverständnis zwischen dem König und den Bürgern. Viele erfahrne Leute wollen jedoch diesem schönen Bunde nicht trauen und weissagen ein Zerwürfnis, das leicht stattfinden kann, sobald einmal die Interessen des Thrones mit den Interessen der Butike in Konflikt geraten. Jetzt freilich stützen sie sich wechselseitig, und König und Bürger sind miteinander zufrieden. Wie man mir erzählt, war die Place Vendôme vorgestern nachmittag der Schauplatz, wo man jene schöne Übereinstimmung am besten bemerken konnte ; der König war erheitert durch den Jubel, womit er auf den Boulevards empfangen worden; und als die Kolonnen der Nationalgarden ihm vorbeidefilierten, traten einzelne derselben ohne Umstände aus der Reihe hervor, reichten auch ihm die Hand, sagten ihm dabei ein freundliches Wort, oder sagten ihm bündigst ihre Meinung über die letzten Ereignisse oder erklärten ihm unumwunden, daß sie ihn unterstützen werden, solange er seine Macht nicht mißbrauche. Daß dieses nie geschehe, daß er nur die Unruhestifter unterdrücken wolle, daß er die Freiheit und Gleichheit der Franzosen um so kräftiger verfechten werde, beteuerte Ludwig Philipp aufs heiligste, und sein Wort begründete vieles Vertrauen. Ich habe der Unparteilichkeit wegen diese Umstände nachträglich erwähnen müssen. Ja, ich gestehe es, das mißtrauende Herz ward mir dadurch etwas besänftigt. [...]

(Heine: Französische Zustände, Tagesberichte)


20 Mai 2023

Bertolt Brecht

 Über Brecht habe ich in diesem Blog des öfteren geschrieben, aber noch nie über ein einzelnes Werk von ihm. Zwar ist sein literarischer Rang unbestreitbar, drei seiner Gedichte gehörten bei einer Umfrage im Jahr 2000 zu den "Lieblingsgedichten der Deutschen" und lange, bevor ich diesen Blog begann, hatte ich seine gesammelten Werke in 20 Bänden erworben und oft herangezogen. Freilich in einer Ausgabe, die so empfindlich war, dass ich das "Leben des Galilei gesondert binden lassen musste, damit ich keine Seiten verlor, und daneben 12 weitere Bände seiner Werke erworben habe, die benutzerfreundlicher sind. 

Außerdem haben seine Werke im Laufe der Jahre immer seltener im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gestanden, so dass ich 2014 über ihn schrieb:   "Eine Figur, von der man kaum glauben kann, dass sie heute - wo viele seiner Texte so aktuell sind - im literarischen Leben so wenig Aufmerksamkeit findet."

Ich möchte ich ihm wieder mehr zuwenden, auch wenn ich nicht weiß, ob ich das Bedürfnis haben werde, auf eins seiner Werke besonders hinzuweisen.

Goethe, Shakespeare, Thomas Mann und Fontane stehen bei mir im Wohnzimmer, so dass ich bei kurzen Wartezeiten immer wieder dazu greifen kann Hesse dort nur in der 2. Reihe. Fontanes Romane und die Wanderungen sowie Schiller, Doubletten von Goethe und Werke des 19. bis 21. Jahrhunderts im Arbeitszimmer, freilich unterschiedlich gut greifbar.

Ein Blick in Me-Ti: Die Aphorismen über Revolutionäre und Revolution erscheinen mir in der Tat weitgehend überholt. Die Form ist gelungen, doch der Inhalt aufgrund der Erfahrungen mit 40 Jahren realexistierendem Sozialismus nicht mehr glaubwürdig. 

Aus seinen frühen Gedichten: 700 Intellektuelle beten einen Öltank an    irgendwie ziemlich aktuell.




15 Mai 2023

Judith Jannenberg: Ich bin ich

"Ich bin Ich" von Judith Jannenberg habe ich um 1983 herum erstmals gelesen zusammen mit Svende Merian: Der Tod des Märchenprinzen. Damals habe ich auch Susanna Agnelli: "Wir trugen immer Matrosenkleider" zu meinem Unterricht über Frauenrollen in der aktuellen Literatur herangezogen. Das war im muttersprachlichen Unterricht an der Europäischen Schule Culham

"Ich bin Ich" imponierte mir wegen der couragierten Selbstdarstellung und des herausfordernden Titels. In diesen Tagen habe ich es nach 40 Jahren mit Interesse aus einem Austauschbücherregal gezogen. Inzwischen erscheint es weniger originell, doch scheint es mir die damalige Frauenrolle und den Protest dagegen recht gut zu beschreiben, und ich halte es gut für möglich, dass noch heute Frauen etwas prominenterer Politiker sich in einer - mit Ausnahme der Exzesse des Mannes in Beleidigungen und Gewalttätigkeiten - recht ähnlichen Situation der Abwertung befinden.

Das Buch von Agnelli steht noch heute in meinem Bücherregal, wohl wegen der prominenteren Person und dem originelleren Schicksal. Doch ich habe es seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen. Aus "Ich bin Ich" würde ich gern ein paar charakteristische Zitate wiedergeben, doch es gibt Dringlicheres. 

Der Tod des Märchenprinzen erschien mir schon damals nicht so originell, doch habe ich auch die Erwiderung von Henning Venske, die damals unter einem Pseudonym erschien. Diese Bücher gehören für mich ganz einer überholten Zeit an. Die Klage Svende Merian fand ich (meiner Erinnerung nach) etwas übertrieben. (Warum hast du ihn denn zum Märchenprinz gemacht?) Aber ich habe kein Bedürfnis mehr, dem nachzugehen, während "Ich bin Ich" mich durchaus noch in meiner Männerrolle als alter weißer Mann herausfordert. 

Die Rolle der Generationen nach den Baby-Boomern scheinen mir mehr durch eine Überforderung der Frauen in der Doppelrolle gekennzeichnet als durch eine Herabwürdigung der Frau. Bedauerlich, dass aufgrund der doppelten Vereinnahmung der Eltern durch die Arbeitgeber das politische Engagement zurückgegangen zu sein scheint, während mit dem Klimaaktivismus wichtiges neues politisches Engagement geweckt zu sein scheint.

Zum Inhalt von "Ich bin ich" und jetzt auch einige ausführliche Zitate:

Ich bin eine einzige Wunde

"Ich war in Sportvereinen aktiv, als Leistungsschwimmerin und bei den Bergsteigern als Spezialistin für gefährliches Klettern geschätzt. Ich fühlte mich so wie ich war akzeptiert: Alle mochten mich im Handpuppenlehrgang, niemand fragte im Theaterkurs nach meiner Herkunft, in den Volkstanzgruppen war das Heimkind Judith die begehrteste Partnerin.

Ich stand in dem Ruf, eine zu sein, die auf jeden Fall jeden abblitzen lässt." (S.9)

Von meinen Verehrern gefiel mir Wolfgang am besten. Wir hatten uns im Schwimmbad kennengelernt. Er hat zugeschaut, wie ich den mir anvertrauten schwer erziehbaren Jungen Salto vorwärts und rückwärts vorgeführt und mit ihnen Fangen unter Wasser gespielt habe. Er hat mein 'pädagogisches Geschick' gelobt: Es sei mir gelungen, aus den gefürchteten Bengeln die jugendliche Prestigegruppe im Schwimmbad zu machen. Er hat mit mir von Kamerad zu Kamerad gesprochen und sich an den Schwimmspielen meiner Gruppe von Heimkindern beteiligt. Ich sei eine einmalig gute Erzieherin, hat er mir immer wieder versichert. Und es hat mir gefallen, dass seine Anerkennung meinen beruflichen Fähigkeiten und nicht etwa, wie die der meisten anderen Verehrer, meiner 'tollen Figur' galt." (S.10)

"Immer wieder hat er das Gespräch auf meine Familie gebracht. 'Was haben sich deine Eltern eigentlich dabei gedacht, ein so begabtes Mädchen wie dich in die Hauptschule zu tun?'

Ich habe allmählich den Eindruck gewonnen, dass er mir nicht auf billige Weise schmeicheln wollte, wenn er mir etwas Gutes über mich sagte. 'Wolfgang schätzt mich wirklich', habe ich in mein Tagebuch geschrieben, 'ihm kann ich vertrauen.' (S.11)

" 'Wolfgang ist ein aufrichtiger und guter Mensch', habe ich in mein Tagebuch geschrieben, 'mit ihm kannst du es tun.' 

Es habe ich geschrieben, und ich habe mich nicht darauf gefreut. Ich war verliebt in Wolfgang, und ich wollte es lieber mit ihm als mit einem anderen tun, aber am liebsten hätte ich es unterlassen und ihn weiterhin als meinen besten Freund getroffen. [...]

Schon als kleines Kind habe ich begriffen, dass mit 'Männern was haben' etwas Unanständiges ist.

Der Leitfaden meiner Kindheit war die Scharm. Ich habe mich meiner Mutter geschämt, ich habe mich unserer Armut geschämt, ich habe mich meines rissigen Rockes geschämt, ich habe mich meiner schlechten Zensuren wegen geschämt. Ich habe mich geschämt, geschämt, geschämt, und ich habe mich schuldig gefühlt.

Als wir es begannen, habe ich mich entsetzlich meiner Nacktheit geschämt. Noch nie hatte ich jemanden erlaubt, mich anzufassen, immer hatte ich das Herumschmusen als meiner unwürdig abgelehnt. Ich war vollkommen unberührt, und mein Körper hat sich wahnsinnig verkrampft. Es ist uns nicht gelungen. (S. 12/13)

Nach diesem Misserfolg, den ich selbstverständlich mir angelastet habe, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Frauenarzt aufgesucht. [...Er meinte beruhigend] "Er werde mir eine Gleitflüssigkeit verschreiben: 'Was mir schon eher Sorgen macht, das ist ihre unterentwickelte Gebärmutter. Wenn sie mal ein Kind haben wollen, kommen Sie bitte vorher zu einer kleinen Voruntersuchung.'

Aus dieser Empfehlung habe ich mit meiner Naivität die Schlussfolgerung gezogen, dass ich ohne 'Vorbehandlung' nicht schwanger werden könne und dass deswegen keine Vorsichtsmaßnahmen zu treffen seien. Zwei Monate später blieb meine Regel aus. Meine Schwangerschaft war ein Irrtum." (S.13)

Sie und Wolfgang heiraten. Wegen des Kindes ist sie zu Hause angebunden. Er führt uneingeschränkt durch die Erwartungen seiner Familie ein ungebundenes Studentenleben. Nur selten gehen sie gemeinsam aus. Als sie einmal nach der Rückkehr das Kind verkrochen unter dem Bett auffinden fühlt sich sich schuldig. Doch das Kind, das ihr jede Freiheit nimmt, kann sie nicht annehmen. Sie denkt an Scheidung, weil sie sich ihm dann nicht mehr unterordnen müsste. Als sie mitbekommt, dass er fremdgeht, ist ihr Selbstbewusstsein so getroffen, dass sie versucht, ihn zu halten. Doch bekommt sie Depressionen.

Als sie einmal gemeinsam ausgehen wollen, die Tochter ist bei der Großmutter, kommt er nicht, wie angekündigt, sie sucht ihn und sieht ihn, wie er sich von einer Freundin verabschiedet. Sie flieht nach Hause, wird ohnmächtig. Als er zurückkommt und sie fragt, was sei, gibt sie ihm eine Ohrfeige und sagt: "Ich bin eine einzige Wunde" und setzt hinzu: "So, und jetzt kannst du gehen. Ich möchte mit meinem Kind in geordneten Verhältnissen leben." (S.35)

Betäubung

Sie bleiben zusammen, er gibt sich Mühe, sie zu halten, und reduziert sein Fremdgehen, kümmert sich "ab und zu" um ihre Tochter Pia. Sie hilft ihm bei der Korrektur seiner Referate. Er nimmt fast alle Verbesserungsvorschläge an. Sie wünschen sich beide ein zweites Kind. Da geht alles gut. Sie kann sich endlich entspannt der kleinen Sarah zuwenden und wendet sich auch Pia mehr zu. Die, dankbar für die Veränderung, "hat sich nie eifersüchtig gezeigt, sondern sich eifrig an Sarahs Betreuung beteiligt. Noch heute fühlt sie sich für 'die Kleinen' verantwortlich." (S.41)

Einschub:

Nachzuholen ist hier, was auch im Buch - freilich an früherer Stelle - nachgeholt wurde, in der Fassung, die Elisabeth Dessai nach Judith Jannenbergs Tonbandbericht aufgezeichnet hat. 

Auch wenn Judith unter dem Makel des "Heimkindes" litt, ging es ihr objektiv besser als vielen Kindern in schwierigen Familien. Denn als sie - wegen der Kosten für das Heim - von ihrem Vater in dessen neue Familie aufgenommen wird, fühlt sie sich "mißachtet und fremd". (S.16)  Sie bekommt Lungentuberkulose und verbringt ein Jahr im Lungensanatorium. Dort werden alle  als gleichberechtigte Patienten behandelt. "Wenn differenziert wurde, dann nach dem Untersuchungsbefund. [...] Ich habe mich in philosophische Bücher hineingekniet und einen siebzigjährigen Herrn gefunden, der bereit war, mit mir Hegel durchzunehmen und sich ohne Ironie mit meinen mystischen Anwandlungen auseinanderzusetzen." (S.16)

Gesundet überspringt Judith eine Klasse, trainiert eisern Rückenschwimmen und wird so zur Leistungssportlerin. 

"Ich war froh, dass mein Vater nach meiner Tuberkulose den Plan, mich in seine neue Familie aufzunehmen, aufgegeben hatte. Tante Alberta hat mich in ihre großen Arme geschlossen: 'Wie froh bin ich, dass du wieder bei uns bist.'
Als ich mich gerade wieder eingelebt hatte, erschien meine Mutter am Heimtor, um mich in ein Eiscafe einzuladen. Die Heimleiterin hat nur genickt: der Sonntagsspaziergang mit den Eltern stand uns zu. Aber ich habe meine Mutter abgewiesen: 'Du hast dich nie um mich gekümmert, lass mich jetzt in Ruhe!" Ich habe ihr erklärt, dass meine Familie das Heim sei und dass ich sie nie wieder sehen wolle.
Meine Mutter hat geweint, aber sie hat mir nicht leid getan. Ihre Klagen über den unerträglichen Ehemann haben mich nicht beeindruckt: 'Warum warst du denn auch tagsüber weg, wenn er in der Arbeit war?!' Ich wollte ein 'sauberes' Leben führen und mit dieser 'lockeren' Person nichts mehr zu tun haben. 'Scher dich zum Teufel!' habe ich geschrien als sie mich unterhaken und mitziehen wollte, 'ich habe keine Zeit für Ballsängerinnen!''
Als Jugendlicher habe ich jeden zu tiefst verachtet, der mit mir zu einem 'Wochenendtanz' gehen wollte.[...] 
Ich bin Volkstanzen gegangen. Der Volkstanz war für mich eine Form des 'sauberen Tanzens'. In der Volkstanzgruppe konnte ich meine Musikalität und meine Bewegungslust ausleben, ohne in eine schwüle Atmosphäre zu geraten. [...] es ging um das Tanzen als solches, ich brauchte keine Angst zu haben, sexuell belästigt zu werden." (S.16/17)

In der Phase, als sie sich trotz ihrer Depressionen bemüht, sich ihrer Tochter zuzuwenden und zu ihrem Mann "lieb" zu sein, versetzt ihr eine erneute Schwangerschaft einen Schock, und sie beschließt, unbedingt abzutreiben. Ihrem "tief religiös"em 'Frauenarzt sagt sie:  "Ich werde mich eher umbringen, als noch ein Kind in die Welt zu setzen!" (S.31) Daraufhin vermittelt er sie einem Kollegen, der sie fast kostenlos behandelt. Nach der Abtreibung wartet sie vergeblich auf ihren Mann, nimmt ein Taxi und fährt nach Hause. Während sie in der Kindheit auf irgend etwas Gutes gewartet hatte, verkehrte sich dieses Warten "nach meiner Heirat in ein Warten auf die Angst". (S.33)
Ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Sarah war Judith wieder schwanger und dachte sofort an Abbruch. Doch nach den positiven Erfahrungen mit Sarah ist ihr "der Gedanke, drei Kinder zu haben, nicht unangenehm". (S.41) Ihr Mann freut sich. "Wir haben auf unser drittes Kind ein Glas Sekt getrunken. Wolfgang hat mich lieb in die Arme genommen: "Wir sind eine glückliche Familie." (S.41)

Vernichtung

Nach dem dritten Kind gibt Judith ihre Arbeit auf. So wird sie von ihrem Mann ökonomisch abhängig.
"Seitdem ich nur noch Ehefrau war, wurde ich immer deutlicher als Zubehör behandelt." (S.43)
Mit drei Kindern und am Stadtrand im 9. Stock ohne Auto fühlt sich Judith isoliert und verliert die Selbstachtung. Ihr Mann steigert sich in immer größere Beleidigung hinein und beginnt, sie zu verprügeln. Als sie erfährt, dass er ein dauerhaftes Verhältnis hat, bietet sie ihm an, 
"sich eine Woche Zeit zu lassen für die Entscheidung zwischen der Geliebten und der Familie.

Ich bin mit den Kindern in die Berge gefahren, und meine Wohnungsnachbarin hat mich begleitet.

Nicole war nach meiner ersten körperlichen Züchtigung meine Vertraute geworden. Ich war schon früher manchmal mit meinen Sorgen zu ihr gegangen, worüber sich mein Mann jedes Mal maßlos empört hatte [...]

Nicole ist mit mir und den Kindern in die Berge gefahren. Ich habe geweint und geweint, aber sie hat mich nicht tröstend zu stoppen versucht. Sie hat mich geduldig ausweinen lassen und dann angefangen, meinen Ehemann zu zerpflücken" (S.58/59)

Und dann versucht sie, sie aufzubauen.

Während dieser Woche Urlaub ist der Mann ausgezogen und zu seiner Freundin gezogen.

Belebung

Ihre Freundin Nicole bringt sie trotz dieses Schocks dazu, wieder aktiv zu werden und Mütterschulungen zu halten. Die darauf folgende Anerkennung baut sie weiter auf. Auch die Kinder freuen sich über die Veränderung. Ein Referent des katholischen Bildungswerks, der über die "Rechte von Ehefrauen und Geschiedenen" spricht, trifft sich danach mit ihr bis in die Nacht. Es folgt ein achtjähriger Briefaustausch, in dem sie statt ihrem Tagebuch jetzt ihm ihre Sorgen und Selbstbetrachtungen anvertraut. (S.76)

Hier ist der Platz, auf eine Besprechung des Buches zu verweisen, die spätere Passagen des Buches zitiert und das Pseudonym Judith Jannenberg auflöst.

Die weiteren Kapitel:

Aufbruch, S.79-126

Kampf, S.127-178

Ich bin Ich, S.179-199

Nachwort von Judith Jannenberg, S. 201-203

Darin: Alles Private ist politisch

Frauenrolle  Die Männerrolle kommt in meinen Blogartikeln auch vor, aber weit seltener. Hier etwas zu Männerphantasien und die Fragwürdigkeit der hehren Formulierung "Die Würde des Menschen ist unantastbar" (GG Art.1 (1))

In Gottfried Kellers Roman mit stark autobiographischen Zügen  "Der grüne Heinrich" findet sich eine drastische "Erzählung dazu, wie es sich auswirkt, wenn eine Frau die Männerrolle übernehmen will: Ein Henkersknecht hat den Scharfrichter vergiftet, so dass der schwer krank darnieder liegt. Dessen Frau verkleidet sich als Mann, um den Auftrag, der an ihren Mann ergangen ist, zu übernehmen. Sie wird aber erkannt und schimpflich aus der Stadt vertrieben. Um sich ein Auskommen zu sichern, heiratet sie, als ihr Mann stirbt,  den Henkersknecht, der ihren Mann vergiftet hatte." (Keller: Der grüne Heinrich)

Gottfried Keller lebte, unverheiratet, mit seiner Schwester zusammen. In seinen Briefen an Storm schildert er, was für Ärger seine Schwester hat, wenn Storm einen unterfrankierten Brief an Keller schickt, weil er nicht daran gedacht hat, dass die Schweiz Ausland ist.

Hier einige Namen:

Rut Brandt

Herbert Wehner

Margaret Thatcher

Joschka Fischer

Gerhard Schröder

Hillary Clinton

Michelle Obama

Angela Merkel

Ob ich noch mehr zum Buch und zum Thema schreibe, wird sich zeigen.

14 Mai 2023

Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan

 Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan. Luchterhand, München 2000


Ortheil kann schreiben, und das Buch eignet sich sicher als Mustertext an einer Schreibschule.

Ich habe mich gefragt, warum ich zu keiner Person ein Verhältnis gewonnen habe und an keiner Stelle des Bedürfnis hatte, eine Passage festzuhalten.
Ich denke, es ist die Figur Casanova, der alle der Charaktere des Romans beherrscht und wie Figuren auf der Bühne auftreten lässt, Ihnen aber kein Eigenleben gönnt, weil er alle besser kennt als sie sich selbst.
Er ist so aalglatt und ohne wirklich menschliche Erregung. Liebe ist für ihn eine Technik, die er besser beherrscht als alle anderen. Er spielt mit ihr wie auf einer Klaviatur, und so spielt er mit den Menschen.
Auch dem Erzähler traue ich kein menschliches Gefühl für die Personen, die er auftreten lässt, zu. Am abstoßendsten ist, wie er da Ponte in eine Falle laufen lässt, indem er Johanna als Lockvogel benutzt und Paul als Beschützer ihrer Tugend auftreten lässt, der aber falsche Indizien für etwas zu produzieren hat, was nicht geschehen ist.
So könnte eine böswillige Rezension lauten. 
Ich lasse es bei dieser Version, weil es mir schwer fällt, nach Vorzügen des Textes zu suchen.
Dabei las sich der Text ganz flüssig und unterhaltsam