Posts mit dem Label China werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label China werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

27 Mai 2026

Erwin Wickert: China von innen gesehen

 Erwin Wickert: China von innen gesehen, 1982 (Jahreskapitel 1976-80)

KI Ecosia: Erwin Wickert: China von innen gesehen

China von innen gesehen ist ein Buch des deutschen Diplomaten und Schriftstellers Erwin Wickert (1915–2008), das 1982 erschien. Es gilt als eines seiner bekanntesten Werke und bietet ein persönliches Porträt Chinas aus der Perspektive eines langjährigen Beobachters und Diplomaten www.penguin.de.

Wickert beschreibt in seinem Buch die chinesische Gesellschaft, Kultur und Politik aus eigener Erfahrung. Er lebte mehrere Jahre in China und schildert darin nicht nur politische Strukturen, sondern auch den Alltag der Menschen, ihre Mentalität und die gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er- und frühen 1980er-Jahre opacplus.bsb-muenchen.de www.spiegel.de. Besonders hervorgehoben wird seine Fähigkeit, die chinesische Kultur und die Eigenheiten der Bevölkerung einfühlsam und authentisch darzustellen www.amazon.de.

Das Buch wurde sowohl in Deutschland als auch international wahrgenommen und gilt bis heute als wertvolle Quelle für alle, die sich für das China dieser Zeit interessieren www.penguin.de. Es erschien im Bertelsmann Verlag und wurde später auch als Lizenzausgabe im Bertelsmann Club veröffentlicht www.ebay.de www.booklooker.de

Das Buch ist - zumindest am Anfang - sehr im Erzählstil geschrieben, dadurch flüssig zu lesen.

"Auch neu: Maos Leibwächter pflegte seinem Herrn hübsche Mädchen zuzuführen, im Schlafwagen (Wickert: »Wo habe ich so etwas schon einmal gehört? Gab es so etwas nicht schon einmal? ... Später fiel es mir ein"), die Sekretärin Zhang Yufeng bekam gar ein Kind vom greisen Revolutionär." (Spiegel 4.4.82)

01 Juni 2024

Han Suyin: Alle Herrlichkeit auf Erden

 Alle Herrlichkeit auf Erden ist ein Roman von Han Suyin, der schon im Erscheinungsjahr 1952 zum Bestseller wurde. 1955 wurde der Film Love Is a Many-Splendored Thing herausgebracht. 

Der Roman handelt von dem britischen Auslandskorrespondenten Mark Elliot, der sich in Hongkong in eine eurasische Ärztin verliebt, die ursprünglich aus Festlandchina stammt. 

Es ist eine Liebesgeschichte mit autobiographischem Hintergrund [Suyin heiratete 1952 Leon Comber und wurde 1958 von ihm geschieden]. Sie schildert China, Hongkong mit seiner multiethnischen Gesellschaft. In der Endphase des chinesischen Bürgerkriegs war es übervölkert mit Flüchtlingen, Chinesen und Europäern, die dem kommunistischen Vormarsch ausgewichen waren.



Zitate:

Ein Missionar spricht: "Wir haben Euren ästhetisierenden Gelehrten das Versemachen abgewöhnt und ihnen beigebracht, Feder und Sprache statt zur Freude des Einzelnen zum Nutzen von Millionen zu gebrauchen. Wir haben in engster Nachbarschaft der dicht bevölkerten Städte, neben all ihrer Unzufriedenheit und Unruhe große Universitäten gebaut. Wir haben Euch aus euren Häusern geholt und in moderne hygienische Schlafsäle gepfercht. [...] Wir haben in Euch ein Pflichtgefühl gegen euer Vaterland angeregt und entwickelt, so lange, bis ihr von einem wahren Sendungsbewusstsein besessen wart.
Die Erziehung, die wir Euch angedeihen ließen, löste Euch von euren Traditionen ab – so wurdet ihr, nun entwurzelt, zum Nährboden für jenen sehr weitläufigen und sehr verwaschenen Humanismus, mit dem die Menschheit sich zu trösten versucht. Ihr lerntet von uns eine Menge abstrakter Begriffe, für die es in Eurer Sprache nicht einmal ein Wort / gibt: Demokratie, Freiheit, Gleichheit – ohne dass wir uns darum kümmerten, was sie für Euch bedeuten, oder auch nur, was sie für uns bedeuten." (S.19/20)
"Überall wird gebaut. Hongkongs Bevölkerung hat sich nahezu verdreifacht, und jede Woche strömen etwa zehntausend Flüchtlinge aus China herein. Tag und Nacht hört man das Springen, Bohren und Hämmern. Selbst die stillen Hügel hallen vom Klirren menschlicher Geschäftigkeit wieder. Auf den Vorgebirgen, Hängen und Hügeln, die sich in der Mitte der Insel erheben, bauen die Reichen ihre Behausungen. Bevor mit dem Bau begonnen werden kann, muss die Auffahrt zu der geplanten Stelle tief in den Berg geschnitten werden. Die Hügelkuppe muss abgetragen werden, um eine genügend große ebene Fläche für den Unterbau zu schaffen. An mehr als einem Dutzend Stellen wird gleichzeitig gebaut. Eine Unzahl schwarzgekleideter Hakka-Frauen unter deren breitbandigen flachen Strohhüten die Fransen schwarzer Tücher vorschauen, trägt in Ameisenprozession einen Korb Humus nach dem anderen fort. Der Gipfel des Hügels wird langsam weggefressen, die nackte Erde erscheint – ein ockerfarbener Fleck zwischen grünen Büschen. Hier und dort auf der ebenen Fläche lassen die Frauen kleine Erdkegel stehen, wie Finger, die zum Himmel zeigen. Ihre Höhe bestimmt die Menge der fortgeschafften Erdmassen und die Bezahlung der Frauen. Zuletzt wird der Boden mit bloßen Füßen und Handpaddeln glatt gestampft – und dann können die Fundamente gelegt werden.
Weil man so viele Bäume gefällt hat, sind die Hänge kahl, und im Sommerregen rutschen große Stücke davon ab. Der / freigelegte Felsen, vom Wasser ausgewaschen und von der Sonne verbrannt, ist verwittert und bröckelt, wenn man ihn belastet. Damit das Haus festen Halt bekommt, muss ein großer pyramidenförmigen Stein- oder Betonuntergrund angelegt werden. Diese Konstruktion ist oft zwei bis drei  Stockwerke hoch und lässt eine gepflasterte Terrasse oder einen flachen Garten entstehen, in die dann das Haus gesetzt wird. [...] Wie sie so gewichtig dastehen, hoch über den Palmen und Bambusstauden ihrer Gärten, beschützt von ihrer blühenden Brustwehr, haben die Häuser der Reichen den Zauber ferner Schlösser. Die älteren rundbogig und pfeilerverziert, durch Feuchtigkeit und Moder sanft ergraut, verschmelzen mit den Linien der sie umgebenden Hügel. Den neuen fehlt die Milderung durch Alter und Witterung, und sie stehen in hartem Rosa und Weiß grell und nackt in der Sonne." (S.23/24)

[Bau- und Umweltsünden in Hongkong von 1949 und von erschreckender Ähnlichkeit mit Bauen in Deutschland 2024, nur dass bei dem verschwindenden Humus die Ameisenprozession der Frauen fehlt.]

"Ich blickte auf. Der Mann war nicht sehr groß, er war schlank, und sein weißer Anzug ließ ihn fast schmächtig erscheinen. Er ging vorsichtig, tastete sich mit seinen Füßen vor, als ob sie Hände seien. Er hob das Bein bei jedem Schritt im Kniegelenk etwas an, wie es Hirsche tun. Und plötzlich wurde ich mir intensiv des Teppichgewebes unter seinen Schuhen bewusst. Als ob ich darauf läge und als ob mir jedes rauhe Haar in den Rücken stäche.  Ich fühlte, über ein genaueres Erkennen hinaus, die blauen Muster auf dem rehfarbenen Grund, die Sinnbilder glücklicher Vorbedeutung, die darin eingewebt waren, die Fledermäuse und Päonien, die Lotosblüten und endlosen knoten, die Pfirsiche und die Welle der Ewigkeit, die den Teppich rundherum einfassten. Es war, als ob sich etwas in mir im Schlafe bewegt und geseufzt habe. Wie ein schüchterner Finger, der mein Herz berührt, oder wie ein schläfriger Vogel, der die Flügel ein wenig spreizt und wieder einschläft, so rührte und bewegte ich mich in mir selbst und ruhte dann wieder. Unerklärlicherweise überkam mich wortlos ein Gefühl für die Materie, aus der die Dinge gemacht sind – in diesem Falle war es der Teppich. Einen Augenblick lang verlor ich, während der Fremde durch das Zimmer auf mich zu ging, den Kontakt zu dem, was wir Wirklichkeit nennen, zu dem Stuhl, auf dem ich saß, zu der Tasse, die ich in der Hand hielt, zu James' Worten. Dann schnellte die Welt zurück an ihren Platz, und ich saß da und lächelte, und Mark setzte sich in den Sessel an meiner Seite." (S. 33)
Hier gerät Han mit dem Auftauchen Marks in einen anderen Seinszustand, wie es die buddhistische Achtsamkeit anstrebt.
Als ein anderes Liebesmodell wird Suzanne angeführt (S.72 ff.), die keine Liebe fürs Leben anstrebt, sondern nach dem französischen Modell in Ehen als Dritte einbricht und unter Lachen stolz berichtet, dass sie - wie Han aus der Klosterschule kommend -  10 Liebhaber gehabt habe.

Schatzsuche: Eine Cocktail und Dinner Party bei Palmer-Jones gerät zu einer Präsentation und Kritik an der Ansammlung der Reichen in Hongkong. (S.79 ff.)

"Wir saßen auf einem breiten, flachen Stein am Weg oberhalb der Leichenhalle. Es war dies der einzige Platz in Hongkong, wo wir uns treffen konnten, um einander in Ruhe kennenzulernen, um zu lernen, was lieben ist, und um einander lieben zu lernen. Denn Liebe ist keineswegs an dem Tage, an dem sie entsteht, vollendet, Liebe ist ein langsam wachsender Baum, ein lebendiges Wesen, und wie bei allem Lebendigen gibt es da keinen Stillstand. Und so ließen wir sie getrost zu einem stark verwurzelten Baum aufwachsen. Mit jedem Tag lernten wir uns noch etwas besser lieben.
Der weiße Stein am Wege oberhalb der Leichenhalle sollte das einzige Zuhause sein, das wir jemals hatten." (S. 117)

"Auf diesem Stein verließen mich die Schatten, vor denen ich mich gefürchtet hatte, für immer. Ich saß bei ihm, durchströmt von Zärtlichkeit. Mein Inneres schmolz, ich spürte seine Leidenschaft, und wie er sie beherrschte, ich unterwarf mich ihr – meine Ängste machten sich davon, lösten sich im Mondlicht, schwanden in der Nacht. Ich blühte auf zu neuer Lust wie die kleinen Papierkügelchen, die die Kinder in eine Schüssel mit Wasser werfen, die sich öffnen und sich entfalten zu vielfarbigen Blumen. Mark erweckte mich zu neuem Leben. (S.121)
"Ich küsste seine Hand, endlich demütig, endlich besänftigt, weil ich mein eigenes Ich gefunden hatte. Zeit und Raum hatten aufgehört.  Nur noch der Himmel war über uns der leichte Lufthauch, das Mondlicht und dieser Stein auf unserer Erde. Wir brauchten nichts weiter. Wir waren überreich. Wir schliefen weder noch wachten wir. Wir lebten. (S.122) 
"In deiner Provinz Sze-tschwan", sagte Mark, "wird das Chinesische in dir Oberhand gewinnen und alles andere ausschließen. Du wirst mich dann ganz mit chinesischen Augen sehen und dir überlegen, ob du überhaupt noch zu mir halten sollst."
"Ja, das werde ich tun, ich will dich von dort aus sehen. Sehen, wie du wirklich bist. Denn wir müssen ja zusammen leben, man chinesisches Ich und dein englisches Du." (S.127)
"Und dann geschah die Umwandlung:  mein Hongkong-Ich war verschwunden, aufgelöst wie eine Wolke, und ich hatte diesen Ort nie verlassen. Ich kannte diesen Flugplatz besser / als mein Zimmer in der Klinik. Meine Zunge begann die Silben zu rollen, meine Stimme war verändert, als ich nach der Rechnung fragte. Ich hatte meine angenommene kantonesische Sprechweise vergessen. Diese Hügel waren die einzigen, die ich je gesehen, mit einem Pelz von Bäumen, wie mit zierlichen Kräutern überwachsen, nicht kahl wie die Hügel von Kaulun, die ich heute morgen verlassen hatte. Das tiefe Schmutzgeleise, das sich Weg nannte und zwischen den Hängen in stetem Auf und Nieder zur fünfundzwanzig Kilometer entfernten Stadt führte, war der einzige Weg, den ich mir überhaupt vorstellen konnte." (S.128/129)
"Der Bus war seit Kriegsende noch nicht wieder gestrichen worden. Nicht nur die Farbe, sondern ganze Teile seiner hölzernen Karosserie splitterte ab. Er hatte sich längst von seinen Fensterscheiben, Türen und Sitzen, ja selbst vom halben Steuerrad trennen müssen. Auch Kühlerhaube, Scheinwerfer und Kotflügel fehlten. Wir sahen uns alle nach etwas anderem um, denn keiner glaubte, dass dieses Wrack uns fahren könnte. Aber es war das einzig vorhandene Transportmittel. Wir wurden von einem fetten Beamten hineingeschnauzt, so wie widerstrebende Gefangene zur Hinrichtung. Und wir hoben und drücken uns gegenseitig hinein, denn es gab keine Trittbretter, saßen auf unserem Gepäck, das auf dem morschen Boden aufgetürmt war  und die Löcher in den Brettern nur ungenügend verdeckte. Als wir alle eingestiegen waren, zu einem wirren Konglomerat zusammengepresst, wurden einige Holzstangen vor die breite Einstiegöffnung gelegt und mit / Stricken festgebunden. Dies besorgten zwei Soldaten mit aufgeschwemmte Gesichtern, Opfer der Hakenwurmkrankheit. (S.129/130)  

Rückkehr nach Tschung-king

"Der Ladeninhaber brachte schwarze Lackschemel herbei und gab uns rauchigen Tsing- Cheng-Tee, der so aromatisch ist, dass er den Durst löscht, ehe man noch davon getrunken hat. Ich war wieder hier. Ich hatte nicht gewusst, dass man so vollständig heimkehren kann. Die Dinge haben sich verändert, aber ich bin wieder da, so fest verwurzelt, so tief eingepflanzt wie immer. Hier bewegt sich mein Leben harmonisch, angeschirrt an die gleiche unendliche Geduld, mit der der langsame Fluss dahinzieht. Ich bin daheim." (S.131)

Meine Schwester Suchen
"Ihre langen Brauen waren sehr dunkel und liefen in Spitzen aus. Ihre großen, sanften Augen, in denen das Licht sich vielfach spiegelte, zeigten um die Iris, das Weiß kostbaren Porzellans. Die gerade Nase war wohlgeformt und ohne den grausamen Schwung der Nüstern, die Dritter Onkel und ich von einem Ahn geerbt hatten, der bestimmt ein Bösewicht gewesen. Ihre Nase war freundlich, ihr Mund weit und großzügig. Er lag weich um ihre tadellosen Zähne. [...] Ich wusste, sie war freundlich, gut und anschmiegsam, für ein normales Leben voller Liebe zu einem guten Mann und vielen Kindern wie geschaffen. Nicht wie ich, die ich herb, und sentimental und voll wilden Lebens war, seit Mark mich aufgeweckt hatte – sie war eine Frau, für die man sorgen musste.  Kein Wunder, dass Dritter Onkel sie nicht mochte und sie ihn dafür hasste." (S.145 )

"Ich ging zurück zu Der Familie. Ich stieg die Verandastufen hinauf. Alle waren aufgeblieben, Dritter Onkel, Dritte Tante und meine zahlreichen Vettern. Dritte Tante schenkte einen ganz besonderen Tee ein. Dritter Onkel nahm eigenhändig eine Uhr aus dem Schrank, wo sie jahrelang gelegen, zog sie extra für mich auf, ging ins Schlafzimmer und stellte sie mir auf den Nachttisch. Ich war sofort eingehüllt in Zuneigung, die niemals zu viel wurde, niemals demonstrativ wirkte und / immer zurückhaltend und höflich ohne große Gesten blieb. Sie liebten mich, sie trösteten mich. Sie erzählten mir komische Geschichten, ebenso wie Mark damals in Macao, als er mich so zart in die in den Armen gehalten.  Damals hatte ich sogar vergessen, dass wir im selben Bett lagen." (S.146/147 )

Acedia

"Sie trug ein europäisches Kleid, rot mit weitem Ausschnitt, und es fiel mir wieder auf, wie schön sie war und wie fehl am Platz auf dem englisch geschorenen Rasen, während der gewaltige, chinesische Fluss zweihundert Schritte entfernt, dahinströmte und die massigen Hügel und den trüben Himmel auf seinen Schultern trug. Sie gehörte nicht hierher. Sie war eine zerbrechliche Natur trotz ihrer Größe. Ich verstand im Bruchteil eines Augenblicks, wie fremd sie hier bleiben musste, obgleich sie hier geboren und meine Schwester war. Sie konnte nichts dafür. Sie war nicht hart genug. 

Für sie war das starke, erschreckend lebensstarke China, unwirklich und weit weg. Eine langweilige, langatmige Geschichte in schmutzigen Einband. Wo ich mit leidenschaftlichem Herzen die Gewalt des monotonen Flusses wahrnahm, sah sie nur trübes und unbequem breites Wasser. Wo ich im mürrischen Warten der Menschen, in ihren Umherlungern, an den Straßenecken ihre wortlose Hingabe an das Schicksal sah, bemerkte sie nur Schmutz und Gefahr. Während die Familie für mich Zuneigung, Respekt und gegenseitige Hilfe bedeutete, sah sie nur feindliche Absicht, Übelwollen und Zurechtweisung." (S. 154)


"Dies ist disziplinierte Freiheit! Dies ist neue Volksdemokratie! Die Freiheit, nicht mitzumachen, war allerdings dahin. Sie war eingetauscht gegen die Freiheit, auf der Grundlage des Dogmas Kritik zu üben. Sobald es sich um Fragen der allgemeinen Politik handelte, durfte es nur eine Meinung geben. Wo es aber um lokale, näherliegende Fragen ging, wurde zu öffentlicher Diskussion beständig ermutigt.
Es war niemandem möglich, sich auszuschließen Niemand konnte zu Hause bleiben und schweigen. [...] Dies ist die Gerichtsbarkeit des Volkes. In der Vergangenheit wurde die Ungerechtigkeit hinter verschlossenen Türen verhandelt. Wir aber fürchten, die Wahrheit nicht. Das Volk wird richten!
In vielen Fällen wurde tatsächlich Gerechtigkeit geübt, fair und richtig. Aber in anderen Fällen wieder keineswegs. Da war der Fall eines Arztes, der durch seine Nachlässigkeit den Tod zweier Patienten verursacht hatte.  Nun, wurde er vor Gericht gestellt. Die Verhandlung wurde öffentlich geführt, andere Ärzte wurden als Zeugen hinzugezogen. Er wurde verurteilt und bestraft. Es war sehr eindrucksvoll. Da war der Fall eines Patienten, der infolge natürlicher Ursachen gestorben war. Aber er war in einem Missionshospital gestorben. Das Hospital wurde der Nachlässigkeit angeklagt.
"Das bedeutet uns alles nichts", sagte der Volksgerichtshof, als die Fachärzte den Beweis erbrachten, dass der Patient an einer unheilbaren Krankheit gestorben war.
 "Wir verstehen von diesen Dingen nichts. Er ist an Vernachlässigung gestorben." (S.316)

"Wir zogen fröhlich los, als sie [Amah] erzählte, dass wir eine Hinrichtung vor dem Tor des Himmelsfriedens ansehen durften.
"Erzählt es aber nicht eurer Mutter!"
"Sind das schlimme Leute, Amah? 
"Sehr schlimm!" Amah schüttelte den Kopf und rollte die Augen. "Es sind böse Kommunisten. Man wird sie langsam töten."
Ja, man tötete sie langsam, denn sie wurden gefoltert, und ich erinnere mich noch immer an das Brüllen der Menge, an den Geruch nach Schweiß, und an den sauren Geschmack meines Erbrochenen, als man den Verurteilten noch einmal hochhob, damit auch damit alle ihn auch sehen konnten, bevor man ihm den Kopf abschlug. Von Zeit zu Zeit sah ich dann weiter. Hinrichtungen. Sie waren Erinnerungsmale in meinem Leben. Kommunisten, immer Kommunisten, rote Banditen, die in all diesen Jahren in Peking hingerichtet worden. In Peking, in Nanking, in Tschung-king, überall. Und nun hatte er das Rad sich einmal ganz um seine Achse gedreht. [...]
 Doch jetzt waren wir nicht mehr bloße Zuschauer – wir wurden Handelnde, mitsprechende Teilnehmer. Wir waren alle mit einbezogen. Solange die Gerichtsverhandlungen dem Volke unbekannt geblieben waren, hatte es den Kopf geschüttelt und gedacht: "Es war eben nicht genügend Geld da, um dieses Leben zu retten." So tief eingewechselt ist die Gewöhnung an Ungerechtigkeit. Doch nun rettete Geld kein Leben mehr, es brachte das Leben sogar in Gefahr. Geld würde kein Ersatzopfer mehr kaufen können, aber es war / selbst verhängnisvoll für seine Besitzer geworden. Drei Jahrzehnte, Bürgerkrieg, viel vergossenes Blut, das wiederum mit Blut vergolten wurde. Die Parteijustiz hatte viele Ziele: das Entsetzen in den Herzen der noch in Freiheit Lebenden zu schüren,  Die Unerwünschten zu beseitigen, aber auch die letzten Gegner der neuen Ordnung in Reinigungsaktionen auszumerzen, unter dem Druck der Furcht, alles zu einem ergebenen Einverständnis zu zwingen. Das rief eine Flut von den Denunziationen hervor, bis schließlich jedwede Treue zweifelhaft wurde." (S. 317/318) . 

"So ist der Kreislauf der Dinge, und so wächst unsere Welt der Zukunft entgegen. Sie tut es nicht geradeswegs und ungestört, sondern wie ein Baum wächst: im Zusammenwirken von Regen und Sturm, Hitze und Kälte, Licht und Dunkelheit. So müssen wir denn allen Dingen gegenüber Geduld und Zurückhaltung üben und die Vorstellung jener Harmonie in uns tragen, die die Gegensätze verschmelzen wird und das Entgegengesetzte als verschiedene Aspekte der gleichen Sache erkennen lässt. Wie bei einem Rade auch die leeren Zwischenräume und nicht nur die Speichen zur Eigenschaft des Rades gehören, so ist es mit allen Dingen unter dem Himmel, unter dem alle Dinge gleich sind. Daran denke." (S.351/352)





























(Seitenangaben nach der Ausgabe im Bertelsmann Lesering 1957)

Sieh auch: Han Suyin: Bis der Tag erwacht, 1982 (Schilderung Chinas in der Mitte den 20. Jhs)

Die Liebesgeschichte hat mich nicht interessiert, beeindruckt bin ich von der Darstellung der Situation in der Kulturrevolution und Han Suyins Schreibtechnik.
Sie schildert immer wieder anschauliche Szenen aus der Sicht einzelner Personen.
Indem sie die Namen wechselnd mit der Übersetzung bildhafter chinesischer Namen und einzelnen chinesischen Silben wiedergibt (und damit abwechselnd auch jeweils nur mit einem der beiden Bestandteile), erreicht sie einerseits leichte Wiedererkennbarkeit "Hsu Ragende Wolke", "Hsu", "Ragende Wolke" und andererseits Verfremdung. 
Die Heldin ist Mrs. Jen, Frühlingsschnee und Stephanie. Stephanie heißt sie, wenn aus ihrer Sicht geschildert wird. Ihr Sohn heißt Winterschatz, wenn er aus ihrer Sicht geschildert wird.
So ermüdend mir das Liebesverhältnis ist, so sehr berühren mich die Vergegenwärtigungen von Situationen aus der Kulturrevolution. Große Teile des Romans während des Krieges und des Bürgerkrieges spielen in Tschungking.
Inzwischen habe ich doch mitfühlend eine längere Passage zu Stephanies Mann Dr. Jen Yong gelesen. (ab S.563) Gehalten in sozialistischem Realismus. Ganz Pflichterfüllung und Tragen von Schwierigkeiten mit äußerster Disziplin, Bewunderung seiner Leistungen durch die einfacheren Leute von Lingfu. Dann seine Rehabilitierung von seiner vorherigen Stellung als Rechtsabweichler. Zu Stephanie in gefühligem Stil wie in Alle Herrlichkeit, aber nicht wirklich kitschig. Winterschatz, jetzt erwachsen als der in China Gebliebene jetzt Jen Lin genannt, Schwalbe, die Tochter von Jen Yong, kommen nach China im Zuge der Aussöhnung mit den USA. Dass Jen Yong von einer Bande ermordet worden ist, erfahren sie erst jetzt (damit sie nicht allein trauern muss, sondern zusammen mit der chinesischen  Verwandtschaft.) (S.640)
Da Han Suyin 95 oder 96 Jhre alt geworden ist (1916 oder 1917 bis 2012), interessiert mich ihre 7-teilige Autobiographie, auch ihre historische Studie Eldest Son: Zhou Enlai and the Making of Modern China* (1898-1976) von 1994. Wie hat die Autorin von Liebesromanen mit 87 Jahren über selbst erlebte Geschichte berichtet?
* "In den Jahren, als die Kommunistische Partei ihre Basis in Yan’an hatte, kämpfte Zhou für eine vereinigte Front gegen Japan. So spielte Zhou eine wichtige Rolle im Zwischenfall von Xi’an. Er verhandelte im chinesischen Bürgerkrieg mit den Nationalisten. Während des Chinesisch-japanischen Krieges war Zhou Botschafter bei der Kuomintang in deren Übergangshauptstadt Chongqing. Er nahm auch an den gescheiterten Verhandlungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs teil.

Im Jahre 1949, nach der Errichtung der Volksrepublik China, war Zhou Premierminister und Außenminister. Im Juni 1953 verkündete er die Fünf Deklarationen für Frieden. Er war Vorsitzender der kommunistischen chinesischen Delegation bei der Genfer Konferenz von 1954 und der Bandung-Konferenz 1955." (Wikipedia) *

*"Zhou ermöglichte die Aufnahme von Beziehungen mit dem Westen in den 1970er Jahren.[6] Er begrüßte im Februar 1972 den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon zu seinem Besuch in China und unterzeichnete mit ihm das Shanghai-Kommuniqué.

Bei Zhou wurde erstmals im November 1972 Blasenkrebs diagnostiziert. Das Ärzteteam berichtete, dass er bei sofortiger Behandlung eine 80- bis 90-prozentige Heilungschance hätte, aber die medizinische Behandlung für die höchsten Parteimitglieder musste von Mao genehmigt werden. Mao befahl, dass Zhou und seine Frau nicht von der Diagnose erfahren sollten, keine Operation sollte durchgeführt werden und keine weiteren Untersuchungen sollten erfolgen.[7] Im Jahr darauf hatte Zhou erhebliche Blutungen im Urin. Nach Druck von anderen chinesischen Führern, die von Zhous Zustand erfahren hatten, ordnete Mao schließlich im Juni 1974 eine chirurgische Behandlung an, jedoch hatten sich bereits Metastasen in anderen Organen gebildet.

Daraufhin gab er viele seiner Funktionen an Deng Xiaoping ab. Am 8. Januar 1976 starb Zhou einige Monate vor Mao Zedong. Im April 1976, einen Tag vor dem chinesischen Totengedenktag, wurden Kränze und Blumen zum Gedenken an Zhou von der Polizei entfernt, was allgemein als Tian’anmen-Zwischenfall bezeichnet wird."

Zu diesem Zwischenfall: Dass 100 000 nach einer von der Polizei bekämpften Ehrung Zhou En Lais am 4.4.1976 Regierungsgebäude stürmten, führte zum Vorgehen der Polizei gegen Deng Xiaoping:
"Am 7. April wurde Deng Xiaoping im Namen Maos und des Zentralkomitees aller Parteiposten enthoben und unter Hausarrest gestellt. In den kommenden Monaten wurde die Kampagne gegen ihn fortgesetzt und Deng wurde als ein neuer Imre Nagy attackiert und der Zwischenfall auf dem Tian’anmen-Platz in negativer Weise mit dem ungarischen Aufstand von 1956 verglichen." (Wikipedia) 

Das Schicksal Imre Nagys, der die ungarische Revolution gebilligt hatte, hatte ich vergessen. Als die sowjetischen Truppen anrückten, ließ er "in Westungarn den Widerstand organisieren und einige Fluchtwege nach Österreich offenhalten, auf denen bis zum 21. November 1956 etwa 210.000 Ungarn fliehen konnten. Er selbst floh in die jugoslawische Botschaft" (Wikipedia) Er wurde, nachdem ihm freies Geleit zugesichert worden war, verhaftet und nach einem Geheimprozess hingerichtet. 


15 April 2022

Niall Ferguson: Doom. Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft

Niall Ferguson: Doom. Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft 


Ferguson liefert - darin sind sich die Rezensionen einig - eine Fülle von Einzelheiten zu allen möglichen Katastrophen, aber kein Instrument, sie vorherzusagen. Das erste hat auch mich enttäuscht. Das zweite versteht sich von selbst. 
Besonders Kapitel 6: 'Die Psychologie der politischen Unfähigkeit'(S.235-278) liefert mir interessante historische Zusammenhänge. So war mir nicht bekannt, dass Churchill die Schuld am Verlust der Schlacht von Singapur 1942 gegeben wurde (S.268) und dass die Schuld an den britischen Verlusten (419654 Tote) bei der Schlacht an der Somme der Strategie von Douglas Haig (mehr Angriff als Verteidigung) angelastet wurde, auch wenn namhafte britische Militärhistoriker ihn verteidigen. 
Dabei interessierte mich besonders der Blick auf den Zusammenbruch von Imperien (S.270ff).

Zitate
John Lipsky: " 'Der Aufbau einer produktiven und verlässlichen Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und China ist das sine qua non für die Stärkung der Institutionen der Global Governance'. Nach Ansicht des früheren stellvertretenden US-Außenminister James Steinberg hat der letzte kalte Krieg 'auf Jahrzehnte hinaus den Schatten eines globalen Holocaust geworfen'." (S.470)
Niall Ferguson: "Als ich 2019 zum ersten Mal auf Konferenzen von einem zweiten Kalten Krieg sprach, widersprach mir zu meiner Verwunderung keiner der chinesischen Teilnehmer. Im September jenes Jahres fragte ich den chinesischen Leiter einer internationalen Institution nach dem Grund. 'Weil ich Ihnen zustimme!', erwiderte er lächelnd.
Als Gastprofessor an der Tsinghua Universität von Peking habe ich die ideologische Wende unter Xi mit eigenen Augen gesehen. Akademiker, die sich kritish mit sensiblen Themen wie der Kulturrevolution beschäftigen, werden Gegenstand von geheimdienstlicher Überwachung oder Schlimmerem. Wer an die Annäherung an China anknüpfen will, sollte den Einfluss von Wang Huning nicht unterschätzen, der seit 2017 dem ständigen Ausschuss des Politbüros angehört und Xis einflussreichster Berater ist. Im August 1988 verbrachte Wang sechs Monate in den Vereinigten Staaten und bereiste mehr als dreißig Städte und zwanzig Universitäten. Sein Bericht America Against America (veröffentlicht 1991) ist eine zum Teil beißende Kritik an der Demokratie, dem Kapitalismus und der Kultur der Vereinigten Staaten; im Mittelpunkt des dritten Kapitels steht der Rassismus. (S. 471)
"Für Ben Thomsen, Autor des Newsletters Stratechery waren die Ereignisse der Jahre 2019 und 2020 ein Augenöffner. Nachdem er die politische und ideologische Motivation der chinesischen Regierung heruntergespielt hatte, wandelte er sich 2019 zum neuen Kalten Krieger. China habe ein vollkommen anderes Technologieverständnis als der Westen, so Thompson, und es habe die Absicht, seine antifreiheitliche Sichtweise in den Rest der Welt zu exportieren. Als Trump im August 2020 auf ein Verbot der albernen chinesischen App TikTok drängte, stimmte er zu; im Juli hatte er geschrieben: 'Wenn China das freiheitliche Denken nicht nur im eigenen Land angreift, sondern auch bei uns, dann muss es im Interesse des westlichen Liberalismus sein, einen Vektor abzuschneiden, der nur deshalb Wurzeln geschlagen hat, weil er so genial darauf zugeschnitten ist, den Menschen genau das zu geben, was sie wollen.' Um zu verstehen, wie gefährlich es ist, wenn die Hälfte der Jugendlichen in den Vereinigten Staaten ihre persönlichen Daten an eine chinesische App gibt, muss man sich nur ansehen, wie die Kommunistische Partei mithilfe der künstlichen Intelligenz einen Überwachungsstaat aufbaut, neben dem George Orwells Big Brother vorsintflutlich wirkt. (Wie wir sehen werden, hat Xis  Panoptikum mehr gemein mit der Dystopie in Jewgeni Samjatins Roman Wir aus dem Jahr 1920.) [...]
Viele der prominenten KI-Start-ups in China sind 'willige Geschäftspartner'  der Kommunistischen Partei, und das ist schon schlimm genug. Doch wie Andersen deutlich macht. ist diese Technologie zum Export bestimmt, und zu den Käufern gehören Äthiopien, Bolivien, Ekuador, Kenia, Malaysia [...]" (S. 473)
"In einem aufschlussreichen Artikel von April 2020 hatte der Politologe und Juraprofessor Jiang Shigong bereits die Folgen des Niedergangs der Vereinigten Staaten ausbuchstabiert: 'Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte des Konkurrenzkampfes um imperiale Vorherrschaft, der aus den einstmals regionalen immer globalere Reiche gemacht hat und mit einem einzigen großen Weltreich enden wird.' Die Globalisierung ist seiner Ansicht nach das 'Imperium 1.0, ein Modell des Weltreichs, wie es von England und den Vereinigten Staaten geschaffen wurde'. Zitat Ende. Doch das anglo-amerikanische Imperium zerfalle von innen heraus, denn es habe 'drei unlösbare Probleme: die von der liberalen Wirtschaft erzeugte, größer werdende Ungleichheit… Die ineffiziente Regierungsführung des politischen Liberalismus sowie die Dekadenz und der Nihilismus des kulturellen Liberalismus.' [...] Es gehe jedoch nicht darum, ein alternatives eurasisches Imperium zu begründen, sondern um 'den Kampf, die Mitte des Weltimperiums zu werden'. (S.473)
"Eine der vielen Methoden, mit denen die Vereinigten Staaten während des ersten Kalten Krieges die Sowjetunion zu schwächen suchten, war der 'Kalte Kulturkrieg'. Dabei ging es zum Beispiel darum, die Sowjets bei ihrem eigenen Spiel zu schlagen, ob im Schach (Fischer gegen Spasski) [...] Vor allem aber ging es darum, die Menschen in der Sowjetunion mit den unwiderstehlichen Verlockungen der westlichen Pop-Kultur zu verführen. 1986 klagte der französische Philosoph Régis Debray, einstiger Weggefährte von Che Guevara: 'Rockmusik, Videos, Bluejeans, Fast Food, Nachrichtensender und TV-Satelliten haben mehr Macht als die gesamte Rote Armee.' [...] Der Tech-Milliardär Peter Thiel prägte "den bemerkenswerten Aphorismus: 'KI ist kommunistisch, Krypto ist libertär.' Tik Tok bestätigt die erste Hälfte dieses Satzes. Während der Kulturrevolution der späten 1960er Jahre denunzierten chinesische Kinder ihre Eltern wegen vermeintlicher rechter Ansichten. Und als amerikanische Jugendliche 2020 ihre Eltern des Rassismus bezichtigten, taten Sie dies auf TikTok. [...] Das Buch, das den besten Einblick in das chinesische Verständnis der Vereinigten Staaten und der heutigen Welt bietet, ist allerdings kein politischer Text, sondern ein Science-Fiction-Roman. Der dunkle Wald 2008 ist  Liu Cixins Fortsetzung seines Romans Die drei Sonnen. Sein Einfluss im heutigen China ist kaum zu unterschätzen [....]  Darin führt Liu Cixin "drei Axiome der Kosmosoziologie ein. 'Erstens: Überleben ist das erste Gebot jeder Zivilisation. Zweitens: 'Zivilisationen wachsen und dehnen sich ununterbrochen aus, aber die im Kosmos verfügbare Materie bleibt konstant.' Und drittens führen die 'Zweifelsketten' und das Risiko einer technologischen Explosion dazu, dass im Kosmos nur das Gesetz des Dschungels herrschen kann. Wie es der Held, der 'Wandschauer' Luo Ji, ausdrückt: 'Das Universum ist ein dunkler Wald. [...] Der Jäger muss vorsichtig sein, denn überall im Wald lauern andere Jäger wie er. Stößt er auf anderes Leben, [...] bleibt ihm nichts anderes übrig als es auszuschalten. In diesem Wald sind die Hölle die anderen Lebewesen. Es herrscht das ungeschriebene Gesetz, dass jedes Leben, das sich einem offenbart, umgehend eliminieret werden muss.' " (S.474/75)
Ferguson dazu: "Das ist intergalaktischer Darwinismus. Es ist nicht an uns zu entscheiden, ob wir einen kalten Krieg mit China wollen oder nicht. China hat uns diesen kalten Krieg längst erklärt." (S.475/76)

"Wer die Regierungen der Welt dazu aufruft, sich gegen die Gefahren der Menschheit zu verbünden, sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass diese Vebündung selbst die größere Gefahr ist." (Bryan Caplan:The Totalitarian Threat in Nick Bostrom und Milan Ćirković (eds.): Global Catastrophic Risks. Oxford: Oxford University Press, 504–519.) (S.488)

Zukünftige Schrecken
Im Anschluss an Huxleys "Schöne neue Welt", Orwells "1984" und Samyatins Wir stellt Ferguson Dystopien vor, die seiner Meinung der heutigen Welt ähnlicher sind als diese drei berühmten Utopien: John Brunner Morgenwelt (1968), William Gibson Neuromancer (1984), Neal Stephenson Snow Crash (1992) Chan Koonchung Die fetten Jahre (2009) [The Fat Years], Han Song 2066 (2000) Darin "wird das World Trade Center von einem Terroranschlag zerstört, und Manhattan versinkt in den steigenden Fluten des Meeres." Liu Cixin Die drei Sonnen [...]" (S.494-495)

17 September 2018

Stephan Thome: "Gott der Barbaren"

Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß SZ 14.9.18

Ich halte die Überschrift für falsch und auch das Urteil über den Roman nicht für ganz überzeugend. 
Aber ich bin dankbar für den Hinweis.

 Burkhard Müller schreibt:
"30 Millionen Tote soll der Taiping-Aufstand gekostet haben, der ein großer Bürgerkrieg war, nach dem Zweiten Weltkrieg der verlustreichste Konflikt der Menschheitsgeschichte. Dennoch wissen außerhalb von China nur wenige etwas von dieser historischen Großkatastrophe.
Stephan Thome, der 1972 im hessischen Biedenkopf geboren wurde, wohnhaft in Taipeh, Autor und Sinologe, hat sich vorgenommen, das zu ändern. Er geht an diesen gewaltigen Brocken mit der Form des Romans heran. Das ist eine gewagte Entscheidung: Denn bei Stoffen dieser Art ist der Roman fast immer im Hintertreffen gegenüber seiner Rivalin, der historischen Monografie." 
Gerade wenn ich einen wichtigen Stoff noch nicht kenne, hilft mir Identifikation mehr dazu, mich darauf einzulassen als ein abgewogenes Urteil. Das Interesse daran, wie es wirklich war, wird erst durch die Einfühlung geweckt.
Aber ich habe das Buch noch nicht gelesen und weiß nicht, ob mir die Einfühlung gelingt. Mein persönliches Problem ist freilich, dass ich nach zunächst oberflächlichen Informationen jetzt schon ein etwas differenzierteres Urteil über den Taiping-Aufstand habe. 

Wedma hat das Buch hervorragend gefallen.

30 April 2018

Han Han und andere Jungstars

Ich bin überzeugt, als Lehrer hätte ich ihn unerträglich gefunden, als Vater wäre ich unglücklich über seine Entwicklung und dennoch muss ich zugeben, dass er für mich eine Hoffnung darstellt, Han Han, der regimekritische bekannteste Blogger Chinas, von dem ich keinen einzigen Post gelesen habe, weil ich kein Chinesisch kann, der Verfasser von Popliteratur, die mir vermutlich durch ihren zynischen Ton auf die Nerven gehen würde, und der Rennfahrer, der um des Nervenkitzels sein Leben riskiert, bei meinem Sohn wäre es mir ein Horror.
Und doch, in einem diktatorischen Regime wie in China bedarf es seiner Popularität, damit er halbwegs sicher Kritik üben und damit den Geist der Kritik in der jungen Generation bewahren kann. Er kann "Avatar" einen von den Behörden abgesetzten Film, loben "Es kann nur auf einem anderen Planeten oder aber in China stattfinden". Andere würden nicht so leicht davonkommen - der Film kritisiert unter dem Vorwand, von Außerirdischen zu handeln, die brutalen Räumungen, die in China vor den Olympischen Spielen durchgeführt wurden. ("Viele Bewohner der Volksrepublik fühlen sich bei der Vertreibung des "Na’vi" genannten Volkes in dem Film an ihr eigenes Schicksal erinnert", berichtet die Süddeutsche am 19.1.2010.)
Schlimm finde ich es, dass Eltern eine 16-jährige die Welt umsegeln lassen oder ihren 13-jährigen Sohn zu einer Mount-Everest-Besteigung mitnehmen wollen.

28 Januar 2017

Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit

Cox oder Der Lauf der Zeit, S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

Christoph Ransmayr
James Cox
Rezensionen bei Perlentaucher
I. Mangold: Zum Roman wird hier die Zeit, ZEIT 47/2016

"Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.
Nebelbänke zogen an diesem milden Herbsttag über das glatte Wasser des Qiántáng, dessen sandiges in Nebelarmen zerfließendes Bett von mehr als zweihunderttausend Zwangsarbeitern mit Schaufeln und Körben vertieft worden war, damit gemäß den Wünschen des Kaisers ein Fehler der Natur korrigiert werde [...]" (S.9)

"Ransmayrs zarte Bildlichkeit", "eine ausgewogene Exotik in dieser west-fernöstlichen Begegnung" (Sternburg)

"Cox oder Der Lauf der Zeit ist kein realistisch historischer Roman, sondern eher ein allegorisches Märchen, in dem sich das Figurenpersonal so choreografisch bewegt wie im japanischen No-Theater: Hier ist alles Künstlichkeit und Bedeutung. Man könnte sagen: Indem Cox von Europa nach Asien kommt, verlässt er eine Welt des psychologischen Realismus, um in eine Welt der Zeremonien und Protokolle einzutreten, eine Kunstwelt von despotischer Unerbittlichkeit." (Mangold) 

Ransmayr: "Daß ausgerechnet im Schatten eines Walls, der den Fortschritt und den Luxus einer imperialen Zivilisation vor den inneren und äußeren Wüsten der Barbarei schützen sollte, ein einziger Pfeil genügte, um den Rückzug eines kaiserlichen Reitertrupps zu erzwingen, verwandelte diese unvorstellbar lange Mauer in eine bis an den Horizont reichende Aschespur, die unter den Windstößen der Jahreszeit in grauen Flockenwirbeln zerstob." (S.140)

Alles ist Atmosphäre, Bild, Stimmung, Sprache. Es ist typisch postmodern in einer Welt, wo der Sprachgebrauch sich längst dem "Postfaktischen" zugewendet hat. 
Ich sage das absichtlich so übertreibend: Alles, weil mir von der Lektüre von "Die letzte Welt" nichts von der Handlung geblieben ist als der einsame Eine in einer fremden Welt in einer höchst eigenen Atmosphäre.
Natürlich gibt es dort wie auch hier im "Lauf der Zeit" Handlung: so den Pfeil, die Rossbremse, das Pferd, das auf die Hinterhand steigt. Aber wichtiger ist doch das Bild: die große Mauer, das "Paradies" von Jehol. Selbst für Cox, den letztlich einsamen Einen in der fremden Welt, bedeutet der Tod  Bradshaws nicht einen unerträglichen Verlust wie der seiner Tochter Abigail, denn Bradshaw ist ersetzbar, der Weg zu seiner Grabstätte wird für Cox zum Weg zur Sonnenuhr.

Natürlich denke ich bei all dem Prunk, bei der Ichbezogenheit des Herrschers, bei der absoluten Geltung seines Willens, bei dem Wert, der allem erst zukommt, wenn der Blick seiner Liebe darauf fällt, auch die Partnerin (bezeichnenderweise nicht seine Frau, sondern eine Konkubine) an Trump. Dabei glaube ich nicht, dass Ransmayr auch nur kurzfristig an eine Politiksatire gedacht hat. Nichts läge seiner fremden, höchst eigenen Welt ferner. 
Schließlich denkt Ransmayr auch viel zu hoch von seiner Kunst, als dass er den Kaiser, der sich jeden Morgen der Kunst widmet, als Allegorie des kulturlosen Trump geschaffen hätte, des Mannes, der Bücher zwar schreibt, der Fama nach aber keines liest. 

Dies Urteil wage ich auf Seite 214 von 298. Ob mich eine Wendung des Geschehens zu einer anderen Deutung führt?)
Es kommt eine Wendung, und es folgt eine Art Krimi. Meine Deutung ändert sich aber für die Seiten bis 214 nicht; doch gegen Schluss ändert sich auch die Erzählperspektive. Aber ein satirischer Bezug auf Trump bleibt bis zum Schluss ausgeschlossen.
Viel Spaß beim Lesen!