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23 Juli 2026

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (wiederholte Lektüre)

 Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Kurze Übersicht über den Inhalt und die von Mann geplante Fortsetzung 

Ausführlichere Inhaltsangabe

Meine erste Lektüre des Romans lässt sich nicht mehr datieren. Mit Sicherheit  nach "Lotte in Weimar" und "Der Erwählte" (beide 1959). Vermutlich habe ich aber in meiner Studentenzeit bereits große Teile davon gekannt. Die Lektüre von 2022 war sicher sehr lückenhaft. Wieder bin ich beeindruckt davon, dass er die Arbeit so viel Jahre, nachdem das erste Fragment schon herausgekommen war, wieder aufgegriffen hat, vergleichbar mit Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und seinem Faust, nur dass er an der Konzeption so wenig geändert hat.

25 Mai 2026

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder - Joseph in Ägypten

 Anke-Marie Lohmeier

Lexikon zu Thomas Manns »Joseph und seine Brüder« (1933-1943)

Namen, Schauplätze, Sachen

Nach der Geburt von Joseph ist Rahel ein zweites Mal schwanger geworden, hat aber kaum Kraft zu pressen. Dagegen wird über das Kind gesagt: "Rege war es, das einzig wichtige Ding.
Aufs entschiedenste erachtete es seine Stunde für gekommen, strebte heraus ans Licht und wollte abwerfen die Mutterhülle. Es gebar sich gleichsam selbst, ungeduldig den schmalen Schoß bestürmend, kaum unterstützt, trotz herzlicher Willensbereitschaft von der, die es selig empfangen und mit ihrem Leben herangenährt hatte, aber es nicht hervorzubringen wusste.
[...]  Als es Nacht geworden [...] sagte sie, aus einer Ohnmacht erwachend' Rahel wird sterben.' Alle schrien auf [...]" (S.285)
Jaakob erkennt, dass Rahel mit Mami sowohl sich als Ischtar meint:









Im Alten Testament heißt es im 1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 35, Vers 16–20: 

16Und sie brachen auf von Bethel. Und als es noch eine Strecke Weges war bis Efrata, da gebar Rahel. Und es kam sie hart an über der Geburt. 17Da ihr aber die Geburt so schwer wurde, sprach die Hebamme zu ihr: Fürchte dich nicht, denn auch diesmal wirst du einen Sohn haben. 18Als ihr aber das Leben entwich und sie sterben musste, nannte sie ihn Ben-Oni, aber sein Vater nannte ihn Ben-Jamin. 19So starb Rahel und wurde begraben an dem Wege nach Efrata, das nun Bethlehem heißt. 

Diese 5 Verse nehmen in Th. Manns Darstellung etwa vier Seiten ein, von denen hier nur zwei Seiten und 6 1/2 Zeilenhier wiedergegeben sind. Dagegen heißt es über die Verse 22-26 bei Mann nur: "Da sündigte Ruben mit Bilha der Kebse, und ward verflucht." Vom Fluch ist in der Bibel nicht die Rede. Da heißt es nur "Und das Kam vor Israel." Danach werden die 12 Söhne Jaakobs genannt.

 Abraham Laban Jaakob  Rahel Teraphim Joseph Benjamin  Ruben  Bilha









Huij und Tuij

S.642-643: Die alten Eltern des Höflings Peteprê, ein Ehepaar von Geschwistern wie auch bei den Pharaonen nicht unüblich, glauben sich unbeachtet und unterhalten sich in leichtem Streit über ihr Schicksal, wie es ihnen nach ägyptischer Vorstellung bevorsteht.

Die Frau Tuij versichert ihrem Mann, der nicht immer geschickt zu reden versteht (Demenz ist eine allzu technische Beschreibung), dass sie ihm beim Totengericht beistehen wird und dafür sich schnell vergiften wird, damit sie gemeinsam vor dem Richter stehen.

Für den Erfolg Peteprês ist sein Hausmeier Mont-kaw verantwortlich.

Joseph Hebron Himmelstraum Potiphars Weib                                            Namensregister



10 September 2025

Tilmann Lahme: Thomas Mann

 Tilmann Lahme: Thomas Mann  (Perlentaucher)

Für die Forschung ist diese Studie gewiss wertvoll. Für den informierten Thomas-Mann-Leser enthält sie aber nur die Information, dass Manns Leistung nicht wirklich ein "strenges Glück" (Königliche Hoheit) war, sondern auch von ihm selbst teurer bezahlt war, als dass sie ein Glück hätte bedeuten können. Für Katja Pringsheim, die statt sich selbst verwirklichen zu können, zu "Frau Thomas Mann" wurde, ihre enormen Anstrengungen und ihren Verzicht mit Gesundheitsverlusten bezahlen musste; aber auch von den Kindern. (Selbsttötung ist kein Zeichen für ein glückliches Leben.)

Für Deutschland und seine Literatur war diese Familie freilich ein Gewinn. Für die unfreiwilligen Opfer sehr hart, für die Literatur , die Geschichtsschreibung (Golo) und die Ozeanographie (Elisabeth) ein Gewinn.

Klappentext
Er ist der literarische Magier des 20. Jahrhunderts: Nobelpreisträger und gefeiertes Genie und zugleich so unglücklich, wie man nur sein kann. Er liebt und darf nicht lieben, die Vorstellungen seiner Zeit stehen ihm im Weg. Was für ein Antrieb zu großer Literatur - und was für ein leidvolles Leben. Seit seinem frühen Welterfolg mit den 'Buddenbrooks' und zwei Jahrzehnte später mit dem 'Zauberberg' öffnen sich ihm alle Türen, bis hin zu der im Weißen Haus. Keine deutsche Stimme kämpft so hörbar gegen Hitler wie seine, kein anderer häuft Ehrungen auf sich wie er. Seine Frau Katia und seine sechs Kinder umringen ihn dabei wie eine Festung. Doch der Abgrund ist immer nur einen Schritt entfernt.

Leseprobe (bis S.59)

INHALT

Vorspiel, 1903, S. 7

I Anfänge und frühe Schrecken (1875–1894) S.12

II Die Hunde im Souterrain (1894-1896) S.70

III Liebe, Geld und ein Blick in den Abgrund (1897-1901) S.128

IV Das Herz in der Hand (1901–1905) S.188

V Die große Gereiztheit (1905–1924) S.244

In 3 Jahren und 3 Monaten notiert TM 6 Mal erfolgreichen Sex und 4 Beischlafversuche, die misslingen. (S.277)

Masturbation (S.278o)

Prozesse u. Oscar Wilde (S.279)

VI Glanz und Finsternis (1925–1941) S.322

VII  Letzte Dinge (1942–1955) S. 406

Nachspiel oder Der geopferte Freund S.490

ANHANG

Susan Sontag: Bei Thomas MannS.510  Thomas Mann an Otto Grautoff S.522 Hinweise zur Literatur über Thomas Mann S.529



26 August 2025

Thomas Mann: Königliche Hoheit

 Wenn man die Namenswahl, Titel und Berufsbezeichnungen der handelnden Personen in diesem Großherzogtum von 8000 km² und 1 Mill. Einwohnern betrachtet: Hauptmann Lichterloh,  Graf Schmettern, Doktorin Gnadebusch, die Hebamme, den Hofprediger Oberkirchenratspräsident D.W. so fühlt man sogleich die ironische Distanz des Erzählers. Man könnte an eine Satire denken. 

Das ist es nicht. Doch die "unrentable" Eisenbahn, die Zerstörung der Finanzkraft des Landes durch Umweltzerstörung, die Kritik an der Torheit von falschen Schulzuweisungen, all das ist ernst gemeint. Dennoch dieser ironische Abstand von der  Wilheminischen Ära, mit dem diesem an zweiter Stelle Thronberechtigten, der äußerlich sehr deutlich Wilhelm II.  nachgebildet ist, aber in seiner seelischen Situation ein wenig verfremdetes Bild des damaligen Verfassers Thomas Mann ist (zweiter Sohn und zunächst weit hinter seinem Bruder Heinrich zurückstehend). 

Die märchenhafte Begegnung dieses Erben, der unter Verpflichtungen der Tradition leidet wie Hanno Buddenbrook (und Thomas Mann), mit der Erbin eines Superreichtums entfernt sich dann vom satirischen Einschlag und ähnelt sehr dem, was Thomas Mann sehr bewusst angesteuert hat, um ganz seiner Bestimmung als Schriftsteller zu leben, ohne wie Oscar Wilde die Ächtung durch die Gesellschaft fürchten zu müssen (dennoch hat er nie ein Outing für möglich gehalten, wie sein ältester Sohn es ihm vorlebte).

Er wählte ein "strenges Glück" (die letzten Worte des Buches). 

Schon vor seiner Hochzeit (Königliche Hoheit erschien erst 1907, nach der Geburt seines 3. Kindes) wählt er in einem Brief an seinen Bruder Heinrich diese Verknüpfung, wenn auch nicht in dieser einem Oxymoron ähnlichen Verkürzung:

"Es geht ihm einmal darum, den Bruder zu versichern, dass er 'das nicht ganz simple Problem unseres Verhältnisses' nicht vergessen habe und dass er nicht nur an das eigene Glück denke; in der Hauptsache, aber wolle er erklären, dass das neue Leben nicht so ganz dem Schlaraffenland, das Heinrich so geschmäht hatte, entspreche. Was war schließlich Glück? 'Nie habe ich das Glück für etwas Leichtes und Heiteres gehalten, sondern stets für etwas so Ernstes, Schweres und Strenges wie das Leben selbst… Ich habe es mir nicht 'gewonnen', es ist mir nicht 'zugefallen'.Ich habe mich ihm unterzogen: aus einer Art Pflichtgefühl, einer Art von Moral, einem mir eingeborenen Imperativ… Das 'Glück' ist ein Dienst…  ich betone das nicht, weil ich irgendwas wie Neid bei dir voraussetze, sondern weil ich argwöhne, dass du im Gegenteil sogar mit Geringschätzung auf mein Neues Sein und Wesen blickst. Tu das nicht. Ich habe es mir nicht leichter gemacht. Das Glück, mein Glück ist zu in zu hohen Maße ist in zu hohem Grade Erlebnis, Bewegung, Erkenntnis, Qual, es ist zu wenig dem Frieden und zu nahe dem Leiden verwandt, als dass es meinem Künstlertum dauernd gefährlich werden könnte… Das Leben, das Leben! Es bleibt eine Drangsal, und so wird es mich denn wohl auch mit der Zeit zu ein paar guten Büchern veranlassen." (zitiert nach: Donald Prater: Thomas Mann, 1995, S.95)

Die Strenge des Hofzeremoniells, die Klaus Heinrich erlebt, erfährt Thomas erst, als er in die Sphäre der finanziellen und gesellschaftlichen Elite eintritt und sich dort behaupten muss, um zu rechtfertigen, dass er die hochbegabte Mathematikerin von einer Promotion fernhalten will, um sie zu seiner Gattin und folglich zur Hausfrau (später "selbsternannte" "Frau Thomas Mann") zu machen. Aus Pflichtgefühl seiner Begabung und seiner seelischen Empfindsamkeit, die ihm ein Künstlerleben und Werk zur moralischen Pflicht macht.

Wer schon vor dem 1. Weltkrieg an der Wilhelminischen Gesellschaft das kritisierte, was seit der Coronazeit Kritiker dem vereinigten Deutschland nachsagten, hat trotzdem während des Weltkriegs die Abfassung der Betrachtungen eines Unpolitischen für seine moralische Pflicht gehalten, die ihn für geraume Zeit von seinem Bruder, dem von ihm so bezeichneten "Zivilisationsliteraten", entfremden sollte. 

04 Januar 2025

Thomas Mann: Der Zauberberg

 Thomas Mann: Der Zauberberg

Kapitel Enzyklopädie: Settembrinis "Internationaler Bund für Organisierung des Fortschritts", der seine Arbeit mit einer Enzyklopädie des Leidens beginnt, um dann gezielt alle Leiden zu beseitigen. 

Dagegen Naphta, der mit gekonnter Sophistik Settembrini Paroli bietet.

Hans Castorps Schneetraum führt ihn zu dem lebenszugewandten Satz: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“. (Das entspricht Manns Lebenshaltung mit Bejahung der Weimarer Republik.)

Doch er verlässt die morbide Atmosphäre des Zauberbergs nur, um in den Krieg zu ziehen: "Und so, im Getümmel [...] kommt er uns aus den Augen." 

Streng genommen ist das kein Bericht vom Untergang; aber dem Leser bleibt kein Anknüpfungspunkt für einen glücklichen Schluss.

Der letzte Satz: "Wird auch aus diesem Weltfest des Todes [...] einmal die Liebe steigen?" bietet dafür nicht mehr als das Fragezeichen. 

Zum Personal: 

10 Dezember 2024

Thomas Mann: Buddenbrooks und der Nobelpreis

 Die Buddenbrooks waren nicht nur die Familiengeschichte eines begabten Schreibers, der unbedenklich das Material aus seiner Familiengeschichte verarbeitete.

Sie waren auch das Werk eines mit 25 Jahren reifen Autors, der in den Überlegungen des 42-jährigen Senators Thomas Buddenbrook ("rechte Hand" des Bürgermeisters) vor dem Kauf der Poppenröder Ernte schildert, was der gut 50-jährige Nobelpreisträger 1929 empfunden haben mag: Den Nobelpreis für meinen ersten Roman und nicht für das Meisterwerk des reifen Mannes, den Zauberberg (und was Günter Grass empfand, wenn man die Blechtrommel über die Maßen lobte, was ihn immer wieder herausforderte, auf die "Hundejahre" hinzuweisen.).

Nicht mehr der Elan des Anfangs, dessen, für den alles noch vor ihm liegt. - Und dann dass Mann über 80 Jahre werden würde, seine gewaltige Josephstetralogie noch vor ihm lag und seine dichterische Gestaltung der NS-Herrschaft, die in die Welttragödie des Zweiten Weltkriegs mündete. 

Und danach noch der Aufschwung seines Alterswerks in den humorvollen, ironiegesättigten Werken Der Erwählte und Felix Krull.

Vom 25-Jährigen dichterisch gestaltet eine Midlife-Crisis, bevor sie 1957 benannt (erfunden?)  wurde. 

Prophetisch und dann doch ganz widerlegt durch das Leben, das sich eben nicht im "Zwischenhändlerdasein" erschöpfte, sondern in bewusstem Antagonismus zum Terror sein Gegendeutschland  ("Deutsche Hörer") schuf.

10 Oktober 2023

Volker Weidemann: Mann vom Meer

 "[...] Weidermann schreibt sogar von einer "Meeresdroge", dem sozusagen auf Papier gebannten "Ruf des Strandhorns". Es fallen einem auf Anhieb viele maritime Bezüge im Werk Thomas Manns ein: Morten Schwarzkopf und Tony Buddenbrook am Strand von Travemünde, die auf einer Transatlantik-Schiffspassage entstandene "Meerfahrt mit Don Quijote" des Literaturnobelpreisträgers, sein Sommerhaus in Nidden an der Kurischen Nehrung, und dann natürlich die vielen Fotos von Thomas Mann im Strandkorb, in Bademantel oder Ganzkörperbadeanzug.

Es dürfte keinen anderen deutschen Schriftsteller geben, der – egal ob an Ost- oder Nordsee – sich so oft am und im Strandkorb (gern rauchend) hat ablichten lassen. Weidermann zeigt aber auch anhand des "Schnee"-Kapitels im "Zauberberg", wie sehr selbst die Davoser Bergwelt metaphorisch von Meeresströmungen durchzogen ist. Das "Schnee"-Kapitel ist eigentlich recht besehen auch ein See-Kapitel.

Das Meer als Sinnbild von Verlangen und Vergänglichkeit

Das Mittelmeer, an dessen französischem Teil in Sanary-sur-mer der Emigrant Mann mit seiner Frau Katia im Sommer 1933 einige Woche verbrachte, scheint ihn weniger angesprochen zu haben. Zumindest findet das träge italienische Meer im "Tod in Venedig" als "ödes Meer" Erwähnung. An anderer Stelle spricht Mann mal von der "Großwildnis" des Atlantiks oder von der Nordsee als einem "erschütternden Meere" nach einem Sylt-Aufenthalt. [...]

Als Thomas Buddenbrook anfängt, Ferien am Meer machen zu wollen, ahnen die kundigen Leser schon, dass es mit ihm zu Ende gehen könnte." Nach der Lektüre dieses Buches versteht man viel besser, warum Thomas Mann einst festhielt:

"Meine Liebe zum Meer, dessen ungeheure Einfachheit ich der anspruchsvollen Vielgestalt des Gebirges immer vorgezogen habe, ist so alt wie meine Liebe zum Schlaf.""

https://www.br.de/nachrichten/kultur/mann-vom-meer-volker-weidermann-und-sein-thomas-mann-roman,Tgxr5hs BR24 12.6.2023

22 Februar 2023

Heinrich Mann

 "Heinrich Mann ist nicht imstande, sich in die Gesellschaft zu integrieren, bleibt außen vor, findet keine Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Kurz, er ist genau der Migrant, der selbst die Mindestanforderungen an einen Migranten der ersten Generation nicht erbringt." (H. u. Th. Mann)

So habe ich Heinrich Mann im Gegensatz zu Thomas Mann charakterisiert. Gewiss in Kenntnis der Biographie von Manfred Flügge (2006). Diese Kennzeichnung trifft insbesondere für den Heinrich Mann als werdender Schriftsteller (konservativ, Symbolist, den Naturalismus zurückweisend) und für den alternden Schriftsteller in den USA, der von seiner Leserschaft und dem zeitgenössischen literarischen Diskurs weitgehend  isoliert lebt.

Bestimmend war für mich freilich immer der Blick auf den politischen Autor gegen Ende der Kaiserzeit (Professor Unrat und Der Untertan) im Gegensatz zu dem betont unpolitischen Thomas Mann der Betrachtungen eines Unpolitischen. 

Dass Heinrich kurzzeitig (April 1895 bis April 1896) Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift "Das Zwanzigste Jahrhundert" war (Flügge, S.53/54) habe ich rasch vergessen.

Dazu Flügge: "Er selbst steuerte jeden Monat mindestens zwei umfangreiche Artikel bei und schrieb insgesamt etwa 50 Beiträge, davon 33 unter seinem Namen. Auch sein Bruder Thomas wurde von ihm zur Mitarbeit herangezogen. Das Erstaunen von Thomas über die spätere politische Wandlung des Bruders bezog sich auch auf diese gemeinsame, etwas peinliche Vergangenheit." (S.54)

"Das Programm der Publikation hatte Erwin Bauer in der allerersten Ausgabe formuliert. Heinrich Mann schien nichts gegen diese Ziele zu haben und sprach sich für einen starken Monarchen aus, für eine Ständeverfassung, er sah die Gesellschaft als Pyramide mit dem Kaiser an der Spitze. Er war gegen Demokratie und Sozialismus, für Volksgemeinschaft und Kleinstaaat, für die gesunde Volksseele. Im August 1895 schrieb er: 'Die bürgerliche Republik [...] liegt in Wirklichkeit [...] überhaupt nicht auf unserem Entwicklungswege, der eben anders verläuft als der anderer Nationen.'  Im Oktober 1895  glorifizierte der wehruntüchtige Klient von Sanatorien den Krieg als metaphysische Tatsache, als eine heimliche Lebenskraft. 'Gerade im Kriege werden die Gefühle Aller voll und einfach. Eine kriegerische Epoche erhebt ihre Kinder auf eine für gewöhnlich unerreichbarer Höhe.' Auch für die ‘Einnahme gesunder und fruchtbare Kolonien' in Übersee und die Eroberung von Lebensraum im Osten trat er ein, um das Problem der Überbevölkerung zu lösen. 

In gesellschaftspolitischen Fragen hatte er eine klare Linie: Frauen gehören nicht in die Politik. Er vertrat die Idee der gesunden Familie als Basis der Gesellschaft. Arbeiter waren für ihn nur gesinnungsloser Pöbel. Nietzsches Übermenschen deutete er als ein neues Ideal für die Vervollkommnung von Rasse und Gesellschaft. Und wenn er sich in dieser Zeit für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich einsetzte, so mit der Begründung auch in französischen Adern fließe die genügend germanisches Blut. Mit dieser originellen Sicht stand er innerhalb der völkischen Rechten allein, in der Frankreich als Erbfeind galt.

Von allen rabiatem Meinungsäußerungen und dem ausgesprochenen Antihumanismus dieser Phase ist der Antisemitismus des jungen Heinrich Mann am schwersten erträglich. Kenntnis von jüdischer Religion, jüdischem Leben oder der realen Lage der im deutschen Reich lebenden Juden besaß er nicht. Er begnügte sich mit Variationen über gängige Vorurteile. Die Position, die er vertrat lässt sich definieren (soweit man solche Verirrungen des Denkens überhaupt rational behandeln will) als völkischer Antisemitismus. Zwei wesentliche Vorstellungen kennzeichnen diese Ideologie: 1. Es gebe Personen, die an negativen Entwicklungen des deutschen Volkes schuldig sind ('die Juden'); 2. man könne die Harmonie wiederherstellen, in dem man das orientalische Gift aus dem deutschen Organismus entfernte, wie es in der blumig-brutalen Sprache jener Kreise hieß. [...] Die beiden 'großen staatserhaltenden Stände der Landleute und Handwerker' stünden vor dem Untergang. Nur 'die tiefe und mächtige Volksbewegung, die man Antisemitismus nennt', könne die Probleme lösen.

Alle Gebildeten, behauptete er, seien Feinde der jüdischen Intelligenz, welche die Wurzeln des Volkes ausreißen wolle und ein luftiges 'Menschentum' propagiere. Es gebe weder einen jüdischen Glauben, noch ein jüdisches Volk, die Juden seien der 'sichtbare Begriff alles dessen, was zerstört und niedrig macht'. " (S.54/55)
"Deshalb müsse man auch für die 'Unterdrückung der Judenschaft' eintreten. In dem Artikel 'Zur Psychologie des Juden' bedauerte er, 'dass sich in Deutschland die höhere Erzählkunst noch kaum der Judenfrage angenommen hat.' Das kann man als erstes Indiz für eigene Pläne ansehen, aus denen später der Roman Im Schlaraffenland hervorging. In einer Passage war die Rede davon, dass man die jüdische Hochfinanz wie eine unheilvolle Bestie in Käfige sperren oder ausrotten müsse." (S.55/56)

07 November 2022

Thomas Mann: Deutsche Hörer

Deutsche Hörer! ist der Titel einer Reihe von 55 Radioansprachen Thomas Manns, die das deutsche Programm der BBC zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 meist regelmäßig einmal monatlich ausstrahlte. Hinzu kamen einzelne Sondersendungen sowie eine letzte Ansprache zu Neujahr 1946.

Es handelte sich um fünf- bis achtminütige, pointiert formulierte Reden, in denen der Autor sich mit der politischen Lage Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus befasste, das Kriegsgeschehen kommentierte und mahnende Worte an seine Landsleute richtete. Eine erste Sammlung mit 25 Sendungen wurde 1942 als Buch veröffentlicht, ein zweites Buch umfasste 1955 55 Texte. [...]" (Wikipedia)

 25. Mai 1943

Deutsche Hörer!
Als ich mich im Sommer 1932 an der Ostsee aufhielt, bekam ich ein Paket zugeschickt, aus dem mir, als ich es öffnete, schwarze Asche, verkohltes Papier entgegenfiel. Der Inhalt bestand aus einem verbrannten, nur gerade noch erkennbaren Exemplar eines Buches von mir, des Buches 'Buddenbrooks', – mir übersandt vom Besitzer zur Strafe dafür, dass ich meinem Grauen vor dem heraufkommenden Nazi-Verhängnis öffentlich Ausdruck gegeben hatte.
Das war das individuelle Vorspiel zu der ein Jahr später, am 10. Mai 1933, vom Naziregime überall in Deutschland in großem Stil veranstalteten symbolischen Handlung: der zeremoniellen Massenverbrennung von Büchern freiheitlicher Schriftsteller, – nicht  deutscher nur oder nur jüdischer, sondern amerikanischer, tschechischer, österreichischer, französischer und vor allem russischer; kurzum auf dem Scheiterhaufen qualmte die Weltliteratur, – ein wüster, trauriger und ungeheuer ominöser Jux, den übrigens viele daran Beteiligte jungen Leuten sich guter Dinge zu Nutze machen, um von den Büchern, die sie heranschleppten, möglichst viele zu mausen und so auf billige Art zu förderlicher Lektüre zu kommen.
Es ist merkwürdig genug, daß unter allen Schandtaten des Nationalsozialismus, die sich in so langer, blutiger Kette daranreihten, diese blödsinnige Feierlichkeit der Welt am meisten Eindruck gemacht hat und wahrscheinlich am allerlängsten im Gedächtnis der Menschen fortLeben wird. Das Hitler-Regime ist das Regime der Bücherverbrennungen und wird es bleiben. Der Choc für das europäische Kulturgewissen war heftig und wird unaufhörlich nach, – während in Deutschland dieser Akt nationalistischer Betrunkenheit wohl schon so gut wie aus der Erinnerung verdrängt ist. [...]
Das amerikanische Propaganda-Amt hatte künstlerische Plakate herstellen und verbreiten lassen, die Symbol mit Symbol beantworten: Man sieht darauf, wie Rauch und Flammen aus dem Bücher-Scheiterhaufen den Kulturschänder Hitler ersticken. Ein 'Komitee für die Wiederherstellung verbrannter und verbannter Bücher in Europa', zu dessen Sponsoren erste Namen des Landes gehören, gab eine Liste der Werke in Auftrag, die als erste wieder in die Bibliotheken eines befreiten Europas eingereiht oder neu aufgelegt werden sollen. [...]"


Büchnerpreis für Emine Sevgi Özdamar und Thomas Manns "Bruder Hitler"

 Frage: Weihnachten, alles war gefroren – das war gar nicht so? 

Özdamar: Nein, natürlich nicht. Dass es kalt war, dass es in der WG sehr kalt war, dass die Heizungen ausgestellt waren, ja das ist wahr. Da musst du aber die Kälte inszenieren. Weil, dein Leben ist ja für dich interessant, aber nicht für die anderen, die musst du inszenieren, die musst du herstellen, dass jede gerne liest, dass es Spaß macht den Menschen.

Zitat aus:

Mit geteilter Zunge – Zum Werk der Georg-BüchnerPreisträgerin Emine Sevgi Özdamar

In diesem Blog kommt Özdamar erstmalig im Artikel Mutterzunge vor. 

An diesem Text ist mir wieder einmal deutlich geworden, dass mich an Literatur nicht so sehr die Sprache interessiert, sondern das andere Leben. So ist mir Özdamar erst wieder über die Berichte über ihren Büchnerpreis nahe gekommen. 

"Mein Bruder Büchner" ("Georg Büchner war mein Bruder, der mir auf meinem Weg leuchtete.") - Wusste sie, als sie das schrieb, dass Thomas Mann einen Text "Bruder Hitler" geschrieben hat?

Der beginnt mit den Worten:

"Ohne die entsetzlichen Opfer, welche unausgesetzt dem fatalen Seelenleben dieses Menschen fallen, ohne die umfassenden moralischen Verwüstungen, die davon ausgehen, fiele es leichter, zugestehen, daß man sein Lebensphänomen fesselnd findet. Man kann nicht umhin, das zu tun; niemand ist der Beschäftigung mit seiner trüben Figur überhoben – das liegt in der grob effektvollen und verstärkenden (amplifizierenden) Natur der Politik, des Handwerks also, das er nun einmal gewählt hat, – man weiß, wie sehr nur eben in Ermangelung der Fähigkeit zu irgendeinem anderen. Desto schlimmer für uns, desto beschämender für das hilflose Europa von heute, das er fasziniert, worin er den Mann des Schicksals, den Allesbezwinger spielen darf, und dank einer Verkettung fantastisch glücklicher – das heißt unglückseliger – Umstände, da zufällig kein Wasser fließt, das nicht seine Mühlen triebe, von einem Siege über das Nichts, über die vollendete Widerstandslosigkeit zum anderen getragen wird."

Ich leugne nicht, dass mich auch bei den Buddenbrooks, die ich meiner Erinnerung nach, angeregt durch den Film gelesen habe, nicht nur die Menschen, sondern auch die Sprache interessiert hat. (In meiner Charakterisierung des ersten Teils des Films vom 16.1.1960 heißt es "Da das Buch gut war, wurde der Film nicht schlecht.")

So fasziniert mich am Anfang dieses Textes die Sprache, obwohl mir der Text nur aufgrund seines ungewöhnlichen Titels in Erinnerung geblieben ist. Zu dem Thomas Mann, der die Rundfunkansprachen "Deutsche Hörer" geschrieben hat, will dieser Titel des Textes vom März 1939 nicht recht passen.

Doch weiter in Manns Text:

"Die politische Willenlosigkeit des deutschen Kulturbegriffs, sein Mangel an Demokratie hat sich fürchterlich gerächt: er hat den deutschen Geist zum Opfer einer Staatstotalität gemacht, die ihn der sittlichen Freiheit zugleich mit der bürgerlichen beraubt. [...]

Er konnte sich anti-demokratisch gebärden, weil er nicht wußte, daß Demokratie identisch ist mit jenen Gründen und Stützen, daß sie nichts ist als die politische Ausprägung abendländischer Christlichkeit, und Politik selbst nichts anderes als die Moralität des Geistes, ohne die er verdirbt. Wir wollen feststellen: während im äußeren Völkerleben eine Epoche des zivilisatorischen Rückschlages, der Vertrauensunwürdigkeit, Gesetzlosigkeit und des Dahinfallens von Treu und Glauben angebrochen zu sein scheint, ist der Geist in ein moralisches Zeitalter eingetreten, will sagen: in ein Zeitalter der Vereinfachung und der hochmutlosen Unterscheidung von Gut und Böse. Das ist seine Art, sich zu rebarbarisieren und zu verjüngen. Ja, wir wissen wieder, was Gut und Böse ist. Das Böse hat sich uns in seiner Nacktheit und Gemeinheit offenbart, daß uns die Augen aufgegangen sind für die wilde und schlichte Schönheit des Guten, daß wir uns ein Herz dazu gefaßt haben und es für keinen Raub an unserer Finesse erachten, es zu bekennen. Wir wagen es wieder, Worte wie Freiheit, Wahrheit und Recht in den Mund zu nehmen; ein Übermaß von Niedertracht hat uns der skeptischen Schüchternheit davor entwöhnt. Wir halten sie dem Feinde der Menschheit entgegen, wie einst der Mönch dem leidigen Satan das Kruzifix; und alles, was die Zeit uns erdulden lässt, wird überwogen von dem jungen Glück des Geistes, sich in der ihm ewig zugedachten Rolle wiederzufinden, in der Rolle Davids gegen Goliath, im Bilde Sankt Georgs gegen den Lindwurm der Lüge und der Gewalt."

Das ist geschrieben zwar nach der Reichpogromnacht vom 9.11.1938, aber noch vor dem Holocaust.
Hannah Arendt hat beim Eichmannprozess ihrerseits dieses Pathos der Unterscheidung von Gut und Böse zurückgenommen und als Holocaustüberlebende ihr Erstaunen über die "Banalität des Bösen" ausgesprochen*. Golo Mann hat das im Gedanken an Hitler mit Schärfe zurückgewiesen. Das ist ein weiteres Kapitel im Umgang mit "Bruder Hitler" und mit Sprache im Allgemeinen.
*Ihr ging es darum, deutlich zu machen, dass nicht einmal ungeheure kriminelle Energie vorhanden sein muss, damit ein Menschheitsverbrechen zustande kommt. - Dass im Falle Eichmanns wohl doch ein "Werkstolz" vorlag, da er die Judenvernichtung noch weiter durchführen ließ, obwohl sie von Hitler bereits abgesagt worden war, ist vermutlich während des Prozesses nicht deutlich geworden.

13 August 2022

Thomas Manns Ansprachen an die Deutschen im 2. Weltkrieg

PODCAST-PIONIER THOMAS MANN „Mannsplaining“ mit positivsten Folgen

    FAZ 12.8.22

"[...]  Unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ entstanden in Pacific Palisades zwischen fünf und acht Minuten lange Stellungnahmen, mit denen der exilierte Schriftsteller die Bevölkerung seiner Heimat erreichen wollte. Anders als heute gestalteten sich Aufnahme und Verbreitung allerdings sehr viel komplizierter: Zu­nächst verfasste Mann die Texte, schickte sie nach London, und ein deutschsprachiger BBC-Mitarbeiter las sie dann zur Ausstrahlung vor. Die transatlantische Übermittlung fand damals per Telegramm statt, die erste Rede wurde als 500-Wort-Botschaft nach London „gekabelt“. Ursprünglich hatte Erika Mann, die für die BBC als Kriegsberichterstatterin tätige Tochter des Schriftstellers, das Einsprechen übernehmen wollen.

Von März 1941 an übernahm dann Thomas Mann selbst diese Aufgabe. [...] Unter diesen vordigitalen Produktionsbedingungen hat die Übertragungsqualität deutlich gelitten, und dennoch machen die erhaltenen Ansprachen deutlich, dass sich Thomas Mann seiner Wirkung sehr bewusst war – gerade auch des Klanges seiner eigenen Stimme. Die Sprachmelodie ist gleichmäßig und selbstbewusst, die Betonungen sind präzise, der Spott und die gar nicht seltenen Sottisen gegen Hitler und dessen Schergen treffen exakt. Und natürlich ist die Sprache bemerkenswert – alles andere wäre bei einem Literaturnobelpreisträger ja auch verwunderlich, Thomas Mann machte seinem Ruf als Influencer von Weltgeltung alle Ehre.

Der Historiker Tobias Boes widmet in seinem Buch „Thomas Manns Krieg“ den Ansprachen eine längere Passage – unter dem passend gewählten Titel „The Voice of Germany“. Gleich mit dem ersten Satz der ersten Rede im Oktober 1940 klärte Mann die Lage: „Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person von euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn sie vom Deutschesten handeln, von Goethe zum Beispiel, nur noch zu fremden freien Völkern in ihrer Sprache reden können, während sie euch stumm und unbekannt bleiben müssen.“ Das Reden in der dritten Person über sich selbst mochte zunächst nach Zurückhaltung klingen (und tatsächlich wurde die Auftaktrede ja auch nicht von Mann persönlich vorgetragen), aber gleich darauf wurde deutlich: Da sprach ein deutscher Autor, der in der Welt bekannt war, dessen Werke gelesen wurden und der sich mit den Nazis anlegte. Auch der Verweis auf Goethe als den „anderen“ Großdichter fiel keineswegs zufällig – das war „Mannsplaining“. [...]"

04 Juli 2022

Über die Rolle von Mythen am Beispiel Eliesers und der Brautwerbung Isaaks und Jakobs

 Die überzeitliche Bedeutung eines Mythos (in diesem Fall der Person Elieser (Gen 15,2 EU) in der Brautwerbungsgeschichte) wird erst verständlich, wenn man sich klar macht, dass sie über Jahrhunderte hin immer wieder erzählt und gehört wurde wie bei uns etwa die Weihnachtsgeschichte oder die vom verlorenen Sohn. Solche Erzählungen werden Teil unseres Selbstverständnisses wie bei den Juden der Gedanke, dass nur eine Mutter aus demselben Geschlecht wie Abraham einen zum richtigen Juden (nicht zum bloßen Vaterjuden) machen kann. Deshalb der Riesenaufwand, Rebekka als Frau von Isaak zu gewinnen und die 14 Jahre, die Jakob Laban dient, bis er endlich Rahel bekommt. Wie sollte mir auch anders nahe gebracht werden, dass ich nicht die mir sympathischste, sondern die richtige Frau zu heiraten habe, damit Gottes Heilsgeschichte  weitergehen und in "schönen Gesprächen" an Kinder und Kindeskinder weitergegeben werden kann

Und Thomas Mann hat mit seinem Werk einiges dafür getan, auch "religiös Unmusikalischen" ein Verständnis für die Bedeutung religiöser Traditionen zu vermitteln. 

02 Juli 2022

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder: Eliezer

 In dem 'Schönen' Gespräch*, das zu belauschen wir Gelegenheit hatten, jenem abendlichen Wechselgesang zwischen Jaakob und seinem fehlhaften Liebling am Brunnen, hatte der Alte beiläufig auch des Eliezer Erwähnung getan, der dem Ahnen während seines und seines Anhanges Aufenthalt in Damaschki von einer Sklavin geboren worden sei. Nichts ist klarer, als dass er mit diesem Eliezer nicht denjenigen gemeint haben konnte, der – ein gelehrter Greis und freilich ebenfalls der freigelassene Sohn einer Sklavin, wahrscheinlich sogar ein Halbbruder Jaakobs – auf dessen eigenem Hofe lebte, auch allerdings zwei Söhne namens Damasek und Elinos hatte und den Knaben Joseph unter dem Unterweisungsbaum in vielen nützlichen und übernützlichen Kenntnissen zu fördern pflegte. Man kann es wohl sonnenklar nennen, dass er, den er meinte, der Eliezer war, dessen erstgeborenen Sohn Abraham, der Wanderer aus Ur oder Charran, lange Zeit als seinen Erben hatte betrachten müssen: so lange nämlich, bis zuerst Ismael, dann aber, gelächtervollerweise, obgleich es der Sarai schon nicht mehr nach der Weiberart gegangen und Abraham selbst so alt gewesen war, dass man ihn einen Hundertjährigen nennen konnte, ich Jizchack oder Isaak, der wahrhafte Sohn, das Licht erblickt hatte. Aber die Klarheit der Sonne ist eine und eine andere des Mondes Klarheit, die ja bei jenem übernützlichen Gespräch wunderbar obgewaltet hatte. In ihr nehmen die Dinge sich anders aus als in jener, und sie mochte diejenige sein, die damals und dort dem Geist als die wahre Klarheit erschien. Darum sei unter uns gesagt und zugegeben, dass Jakob mit 'Eliezer' dennoch seinen eigenen Hausvogt und ersten Knecht gemeint hatte, – ihn nämlich, beide auf einmal also, und nicht nur beide, sondern den Eliezer überhaupt: denn seit dem ältesten zu seiner Zeit hatte es auf den Höfen der Häupter ihn, den freigelassenen Eliezer oft gegeben, und oft hatte er Söhne mit Namen Damasek und Elinos gehabt.

Diese Meinung und Gesinnung Jaakobs war denn auch – des hatte der Alte sicher sein können – durchaus die Meinung und Gesinnung Josephs gewesen, der weit entfernt war, zwischen Eliezer, dem Ur-Knecht, und seinem alten Lehrer sonnenklar zu unterscheiden, und umso weniger Ursache dazu hatte, als dieser selbst es nicht tat, sondern, wenn er von 'sich' sprach / zu einem guten Teil Eliezer, den Knecht Abrahams, meinte. So zum Beispiel hatte er dem Joseph mehr als einmal die Geschichte, wie er Eliezer, bei des Hauses Verwandten in Mesopatamien Rebekka, die Tochter Bethuels und Labans Schwester, für Jizhak gefreit hatte, haargenau bis auf die kleinen Monde und Mondsicheln, die an den Hälsen der zehn Dromedare geklingelt, bis auf den präzisen Schekelwert der Nasenringe, Armspangen, Festkleider und Gewürze, die den Mahlschatz und Kaufpreis für Rebekka, die Jungfrau, gebildet hatten, als seine eigene Geschichte und Lebenserinnerungen erzählt und sich nicht genugtun können in der Beschreibung von Rebekka's liebreizender Milde, als sie an jenem Abend am Brunnen vor Nahors Stadt den Krug vom Kopf auf die Hand herab gelassen und und ihn zum Trunke geneigt hatte für ihn, den Durstigen, den sie, was er ihr besonders hoch anrechnete, 'Herr' genannt; von dem züchtigen Anstand, mit dem sie beim ersten Anblick Isaaks, der zur Klage um seine kürzlich geschiedene Mutter aufs Feld gegangen, von ihrem Kamel gesprungen war und sich verschleiert hatte. Dem hörte Joseph mit einem Ergötzen zu, das durch keinerlei Befremdung über die grammatische Form beeinträchtigt wurde, in der Eliezer es zum Besten gab, und dem jede Anstoßnahme fern blieb daran, dass des Alten Ich sich nicht als ganz fest umzirkt erwies, sondern gleichsam nach hinten offen stand, ins Frühere, außer als seiner eigenen Individualität Gelegene überfloss und sich Erlebnisstoff einverleibte, dessen Erinnerungs- und Wiedererzeugungsform eigentlich und bei Sonnenlicht betrachtet die dritte Person statt der ersten hätte sein müssen. Aber was heißt denn hier 'eigentlich', und ist etwa des Menschen Ich überhaupt ein handfest in sich geschlossen und streng in seine zeitlich- fleischlichen Grenzen abgedichtetes Ding? Gehören nicht viele der Elemente, aus denen es sich aufbaut, der Welt vor und außer ihm an, und ist die Aufstellung, dass jemand kein anderer sei und sonst niemand, nicht nur eine Ordnungs- und Bequemlichkeitsannahme, welche geflissentlich alle Übergänge außer Acht lässt, die das Einzelbewusstsein mit dem allgemeinen verbinden? Der Gedanke der Individualität steht zuletzt in derselben Begriffsreihe wie derjenige der Einheit und Ganzheit, der Gesamtheit, des Alls, und die Unterscheidung zwischen Geist überhaupt und individuellen Geist besaß bei weitem nicht immer solche Gewalt über die Gemüter wie in dem Heute, dass wir verlassen haben, um von einem anderen zu erzählen, dessen Ausdrucksweise ein getreues Bild seiner Einsicht gab, wenn es für die Idee der 'Persönlichkeit' und 'Individualität' nur dermaßen sachliche Bezeichnungen kannte wie 'Religion' und 'Bekenntnis'. 

(Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. Die Geschichten Jaakobs Zweites Hauptstück Jaakob und Esau. Mondgrammatik, S.89/90)

* "Joseph verstand, dass das Gespräch 'schön' werden sollte, ein 'Schönes Gespräch', das hieß: ein solches, das nicht mehr dem nützlichen Austausch diente und der Verständigung über praktische oder geistliche Fragen, sondern der bloßen Aufführung und Aussagung des beiderseits Bekannten, der Erinnerung, Bestätigung und Erbauung, und ein redender Wechselsang war, wie die Hirtenknechte ihn tauschten des Nachts auf den Feldern und anfingen: 'Weißt du davon? Ich weiß es genau.' "(Am Brunnen. Zwiegesang)

Namenslexikon zu Joseph und seine Brüder: Eliezer