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09 Dezember 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 37.- 41. Kapitel und Nachwort)

Siebenunddreißigstes Kapitel
Im Sommer fiel ein dunkler Schatten weniger auf mich als auf Mary. Hohenhaus war inzwischen verkauft worden, Frida Thienemann und Olga hinunter nach Kötzschenbroda gezogen. Da kam die Nachricht, Frida sei erkrankt, die Krankheit sei ernst, hieß es nach einigen Wochen, und schließlich trat Mary die Reise zu einer hoffnungslos dem Tode geweihten Schwester an. Ich war egoistisch genug, sie nicht zu begleiten.   Dagegen kam mir mit wunderlicher Plötzlichkeit die Idee, die Abwesenheit meiner jungen Frau zu einem Ausflug zu benutzen. Und plötzlich stand Schlesien, meine alte Heimat, die ich mit allem, was sie barg, nahezu vergessen hatte, wie ein Wunder vor mir auf: das Wunder daran war meine Jugend, meine Vergangenheit. Das zweite Wunder: man konnte dorthin, also in seine Jugend, seine Vergangenheit, zurückreisen. Gedacht, getan: ich holte Schmidt aus der Wohnung seines Bruders, des Postsekretärs, in Berlin. Gern genug war er bereit, die Reise mitzumachen, und bald danach fuhren wir in heiterster Stimmung vom Görlitzer Bahnhof ab. In Hirschberg stiegen wir aus dem Zug. Wir gingen bis Bad Warmbrunn zu Fuß. Dort im Preußischen Hof nahmen wir unseren ersten Halt. [...]
Nach Erkner zurückgekehrt, empfing ich die Nachricht vom Tode Frida Thienemanns. Vier oder fünf Tage später war meine junge Frau wieder daheim, der Schmerz hatte eine neue berückende Schönheit über sie ausgegossen. Wenn ich Schmidt vor der Ehe gewarnt habe, so galt diese Warnung nur für ihn. Mich selber hat sie gerettet, ja glücklich gemacht. [...]
Der Winter wurde uns wohl zu lang. Darum siedelten wir, ich glaube im Januar 87, mit Kind und Kegel nach Hamburg über, das heißt, wir luden uns bei den Eltern ein. Die Wohnung war eng. Ich schlief auf dem Sofa in der Wohnstube. Romanideen wühlten und spukten in meinem Kopf. Daß ich zu einer ernsthaften Arbeit gekommen bin, glaube ich nicht. Es fehlte zunächst ein Arbeitsraum, ich konnte mich in dem kleinen Quartier nicht absondern. Außerdem war mein Gesundheitszustand während dieses Hamburger Winters jämmerlich. [...]
Nach einiger Zeit brach bei Ivo, dem Säugling, infolge der damals schlechten Milchverhältnisse der Hansestadt Brechdurchfall aus, was unseren Zustand noch trostloser machte. Der gelbe Hamburger Nebel drang in die Zimmer und legte sich einem auf die Lungen. Vergeblich wehrte sich das Gemüt gegen tagelange, bedrückende Finsternis. [...]
Wenn ich einerseits Hypochonder war, medizinische Handbücher wälzte, mir die schwersten Krankheiten andichtete, war ich bei meinen nächtlichen Omnibusfahrten in Kälte und Nässe wiederum gegen mich selbst ganz rücksichtslos. Ein solches Verhalten war widerspruchsvoll. Da aber mein künstlerischer Trieb in mir gleichsam das Leben selber war, so mußte er mich schließlich immer wieder, allen Hindernissen durch Krankheitsbeschwerden und Hypochondrien zum Trotz, fort- und emporreißen.   Auf meinen morgendlichen Fahrten nahm ich zuweilen meinen sechs- oder siebenjährigen Neffen Peter mit. [...]
Die Sinne sind reger in der Nacht. Wer wüßte nicht, daß das Wasser lauter rauscht, der eigene Atem, das eigene Herz stärker hörbar wird oder wieviel Licht und phantastisch gestaltende Helle man aus einer kleinen Kerze saugen kann. Der Tag nimmt dem Leben das Wunderbare. [...]
Kinder haben den genialen Zug, sie sehen wesentlich künstlerisch. So sehen heißt, nichts als bekannt voraussetzen. Mein kleiner Neffe vermochte das besser als ich und brauchte dazu nicht wie ich eine Verstandesoperation, weshalb ich mich seiner wie eines Zauberspiegels bediente. Seine Bemerkungen warfen überallhin schnelle Strahlungen eigenen Lichts, das vieles mit seltsamer Kraft erschloß. Dafür fand er dann auch überraschend treffende Ausdrücke. So zu sehen, das heißt, zu beleuchten und die sprachliche Prägung des Erkannten zu finden, war – naiverweise bei ihm, bei mir bewußt – unsere gemeinsame Leidenschaft. [...]
Ob ich mit dem Leben davongekommen wäre, weiß ich nicht, der kleine Ivo sicherlich nicht, wenn der Arzt uns nicht Knall und Fall aus Hamburg verwiesen und nach Erkner geschickt hätte. Wir flüchteten also nach Erkner zurück. Wirklich, wie durch ein Wunder behielt der Säugling in Erkner die erste Flasche Milch, die ihm gereicht wurde. Ja, er war von Stund an gesund. In Erkner nahm ich mein altes Leben mit Wanderungen und Beobachtungen aller Art wieder auf. Ich machte mich mit den kleinen Leuten bekannt, Förstern, Fischern, Kätnerfamilien und Bahnwärtern, betrachtete eine Waschfrau, ein Spitalmütterchen eingehend und mit der gleichen Liebe, als wenn sie eine Trägerin von Szepter und Krone gewesen wäre. Ich unterhielt mich mit den Arbeitern einer nahen chemischen Fabrik über ihre Leiden, Freuden und Hoffnungen und fand hier, in nächster Nähe Berlins, besonders auf den einsamen Dörfern, ein Menschenwesen, das sich seit einem halben Jahrtausend und länger unverändert erhalten hatte. Daß es ein geeinigtes Deutschland gab, wußten sie nicht. Davon, daß ein Königreich Sachsen, ein Königreich Bayern, ein Königreich Württemberg bestand, hatten sie nie gehört. Es gab einen Kaiser in Berlin: viele wußten noch nichts davon. [...]
Man hörte im Winter das Krachen im Eise der Seen weit über Land und das sogenannte Seegebrüll, das Tönen des Wassers unter dem Eise, »wie Tubaruf nach verlorener Schlacht. Es klang wie dumpfer Titanenzorn, wie Rolandsruf aus geborstenem Horn«. Und die Seen verlangten alljährlich Opfer. Da schilderte ich in einer kleinen Novelle, wie der Segelmacher Kielblock mit seiner Frau und seinem Kinde in einer Mondnacht einbrach und unterging. [...]
Während mein zweiter Sohn geboren wurde, schrieb ich an einer Novelle »Bahnwärter Thiel«, die ich im späteren Frühjahr beendete. [...]
Damit war ich als Schriftsteller in die Welt getreten. Die arme Mary hatte unseren zweiten Sohn, wie den ersten, ohne alle ärztliche Hilfe am 22. April 1887 zur Welt gebracht. Nur die Norne aus dem Waldinnern hatte sich wieder eingefunden. Die Mutter, stumm, schweigend, ohne Laut, war ein Vorbild an Tapferkeit. [...]
Ich entdeckte im Walde ein Nest von alten Kleidern. Sie mußten von Strolchen stammen, die sich hier umgezogen hatten. Törichterweise und in der Vermutung, dies könnte die Spur eines damals gesuchten Einbrechers sein, machte ich dem Herrn Amtsvorsteher persönlich Anzeige. Wie er das aufnahm, die Geringschätzung, die er meinem Bericht entgegenbrachte, die hochmütige Ablehnung, die er mir zuteil werden ließ, fand in einer Komödie, »Der Biberpelz«, die ich später schrieb, ihren Niederschlag. [...]


Achtunddreißigstes Kapitel
Ich will nun summarisch zusammenfassen, was über die Zeit in Erkner, insonderheit jene vor einer gewissen epochemachenden Reise nach Zürich, etwa nachzuholen ist. Es kommt dazu noch ein Hamburger Aufenthalt und einer in Putbus auf der Insel Rügen. [...]
Der Anfall in Kötzschenbroda schien in der Tat eine Krise in meinem Krankheitszustand gewesen zu sein. Es ist von da ab aufwärtsgegangen. Wie ich damals glaubte, infolge einer gewissen Bewegungskur. Damals war die Epoche des Hochrades. Aber es wurden schon niedere Räder und ein Dreirad auf den Markt gebracht. Ein solches Dreirad hab' ich erworben. Ich benutzte es täglich und verlängerte damit meinen Aktionsradius. Dabei fühlte ich mich von Woche zu Woche heiterer, stärker und widerstandsfähiger. Auch in mein literarisches Wirken kam Ruhe und Stetigkeit. [...]
Die Einzigkeit meines Wesens war es, auf der ich bestand und die ich gegen alles mit verzweifeltem Mut verteidigte. [...]
Jahre hindurch wußte ich nichts anderes, als daß mein vereinzeltes, absonderliches Streben mich hoffnungslos vereinsame. Der Gedanke, es könne andere geben, die ein ähnliches Schicksal zu tragen hätten, kam mir nicht. Mit einem Male aber tauchten solche Naturen an allen Ecken und Enden in Deutschland auf. Sie begrüßten einander durch Zurufe, Leuten ähnlich, die auf Verabredung einen Marsch zu einem bestimmten Treffpunkt unternommen haben und nun angekommen sind. [...]
Eines Tages – das Haus war voll, es wurde gegessen und billiger Mosel getrunken – kam die Nachricht, daß der ehemalige Vormund der Schwestern Thienemann, ein Naumburger Thienemann, ihre Depots veruntreut habe. Das hieß so viel als: wir waren von Stund an mittellos, waren arm. Ich kann nicht sagen, daß ich durch diese Hiobspost außer Fassung geraten bin. Ich glaube, meine Frau ebensowenig. Ich fühlte eben allbereits unter den Flügeln den frischen, den tragenden Wind. Aber ich glaube, der nächste Tag brachte die Nachricht vom Hinscheiden der Augsburger Großmama, deren Nachlaß, wir wußten es, das Verlorene reichlich ersetzte. [...]

Neununddreißigstes Kapitel
Wir wurden von meinem Bruder und meiner Schwägerin Martha nach Zürich zu kommen eingeladen. Wir sollten samt den zwei Söhnchen, die wir mitbrachten, Gäste ihres Hauses sein. Die Freie Straße – nomen est omen! –, wo die Geschwister wohnten, liegt am Zürichberg und ist umgeben von Wiesen und Wäldern. Natürlich war das Wiedersehen mit Carl, Martha und meinen Freunden Ploetz und Simon das glücklichste. Simon, der ebenfalls an die Universität Zürich übergesiedelt war, steckte, durch Alfred Ploetz angeregt, bereits wie dieser tief im medizinischen Studium. [...]
Mein Bruder Georg aus Hamburg schrieb: Wir haben hier einen Explosionsmotor konstruiert. Sobald er einwandfrei gebrauchsfähig ist, brauchen wir keine Pferde mehr vor dem Wagen. Wir haben den lenkbaren Luftballon, wir haben blitzschnelle kleine Boote, ruderlos. Ja, wir werden wahrscheinlich ohne Ballon fliegen. Es schien Wahnsinn, aber wir glaubten daran. Es schien Wahnsinn, aber wir glaubten daran.
Beinahe täglich brachten Ploetz und Simon Nachrichten in die Freie Straße über den märchenhaften Fortschritt teils der Chirurgie, teils der Bakteriologie. Bald werde man von den Geißeln der Menschen, den Seuchen, nur noch vom Hörensagen wissen. Diphtheritis, Blattern, Cholera, Lues würden binnen kurzem ausgestorben sein, ebenso die Tuberkulose, die verbreitetste aller Krankheiten. Man sei dem Erreger des Übels auf der Spur, weshalb ihre Schreckenstage gezählt seien.

Vierzigstes Kapitel
Es ist selbstverständlich, daß ein Verfolgen des eignen Lebensganges durch fünfundzwanzig Jahre, wie hier, Stückwerk bleiben muß. Seine sprachliche Darstellung um so mehr. Die stärksten unserer Erinnerungen werden aneinandergereiht, darunter jedoch liegt das eigentliche Wachstum unsichtbar, liegt das Unbewußte. Die Reihung selbst geschieht sozusagen auf dem Faden der Zeit. Könnten die darauf gereihten Gegenstände nach Art von Perlen, Steinen und allen Arten von Früchten sichtbar gemacht werden, so würde die Kette sehr ungleich sein und einen harmonischen Anblick nicht abgeben.
Dies ist auch auf meinen Rückblick zutreffend. [...]
Georg Büchners Werke, über die ich im Verein »Durch!« einen Vortrag gehalten habe, hatten mir gewaltigen Eindruck gemacht. Das unvergleichliche Denkmal, das er nach nur dreiundzwanzig Lebensjahren hinterlassen hat, die Novelle »Lenz«, das Wozzeck-Fragment hatten für mich die Bedeutung von großen Entdeckungen. Bei dem Kultus, den ich in Hamburg sowohl wie in Erkner mit Büchner trieb, kam in meine Reise nach Zürich etwas von der sakralen Vergeistigung einer Pilgerfahrt. Hier hatte Büchner gewirkt, und hier war er begraben. [...]
Georg Büchners Geist lebte nun mit uns, in uns, unter uns. Und wer ihn kennt, diesen wie glühende Lava aus chthonischen Tiefen emporgeschleuderten Dichtergeist, der darf sich vorstellen, daß er, bei allem Abstand seiner Einmaligkeit, ein Verwandter von uns gewesen ist. Er ward zum Heros unseres Heroons erhoben.
Vererbungsfragen sind schon damals in der Medizin und darüber hinaus viel diskutiert worden. Unter Forels und Ploetzens Führung auch in unserem Kreis. Die Degeneration im Bilde der Familien wurde, meines Erachtens zu Unrecht, meist auf den übertriebenen Genuß von Alkohol zurückgeführt. Aber der Kampf ums Dasein hat doch wohl andere Schädigungen in unendlicher Menge aufzuweisen, die den Kämpfer und also auch seine Nachkommen schwächen. Der Idealismus Ploetzens überschlug sich eines Tags, und er teilte uns mit, daß er sich nach halbjähriger freier Abstinenz persönlich Forel gegenüber verpflichtet habe, alkoholische Getränke für immer zu meiden. Ich vermute, daß er dies Gelübde, das uns mit Bestürzung erfüllte, bis heut nicht gebrochen hat. Gelübde dieser Art abzulegen, wäre mir ebenso vorgekommen, als ob ich mich für das ganze Leben an eine Kette gelegt hätte. [...]
Jede Art von Gefangenschaft hätte ich immer als gegen die Ehre meines freien Willens gerichtet empfunden. [...]
Der Reformator Zwingli ist es gewesen, der über die letzten Lebenstage des Märtyrers Ulrich von Hutten seine helfende Hand gehalten hat. Er hat ihn zum Abt von Pfäffers gesandt, um die dortigen heißen Quellen gegen sein gallisches Leiden zu gebrauchen. Aber heftiger Regen, heißt es, habe sie kalt gemacht, und sie brachten ihm keine Linderung. Der Mittellose kehrte, ausgestattet vom Abt, nach Zürich zurück, um sich bald darauf in die Hut eines Arztes und Pfarrers namens Hans Schneg, der die Ufenau einsam bewohnte, zu geben, wohin ihm der Tod auf dem Fuße nachfolgte. Hier also auf diesem weltvergessenen Fleck grüner Erde, der sich kaum über das Wasser erhob – wir betraten ihn mit Erschütterung –, hat ein unsterblicher Kämpfergeist sein zeitliches Ende gefunden. Wir hörten das nie mehr verstummende Echo seines Wortes »Ich hab's gewagt!« über Wasser und Erde. [...]
Zwar sahen wir Hutten, selbst Lutheraner, als solchen an, aber als einen, der wie wir das Lutherium, wie wir sagten, objektiviert hatte. [...]
Mochte sein wie unser Herz mit den deutschen Pulsen des Reformators gemeinsam schlagen – römische Dogmen durch deutsche Dogmen ersetzen wollten wir nicht! Wir sahen in ihm den Kämpfer für eine reine, unabhängige deutsche Geistigkeit: also für freie Forschung, freies Denken und freie Kunst. [...]
Theologengezänk mochten wir ebensowenig wie er. Freilich ahnte ich damals nichts von der gnadenlosen Wut sogenannter philosophischer Kämpfe. [...]
Eines Frühlingsmorgens von unsäglicher Lichtfülle, Jugend und Heiterkeit bestieg ich mein Dreirad, das mich gesund gemacht hatte, um auf dem linken Ufer bis Rapperswyl und zum Ende des Zürichsees vorzudringen. Es wurde von allen, die ich gemacht habe, wohl die lustigste Fahrt:. Ich trat die Pedale, ich sang, ich jauchzte. [...]

Einundvierzigstes Kapitel
Der Grundzug unseres damaligen Wesens und Lebens war Gläubigkeit. So glaubten wir an den unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit. Wir glaubten an den Sieg der Naturwissenschaft und damit an die letzte Entschleierung der Natur. Der Sieg der Wahrheit, so glaubten wir, würde die Wahn- und Truggebilde auch auf den Gebieten religiöser Verblendung zunichte machen. Binnen kurzem, war unser Glaube, würde die Selbstzerfleischung der Menschheit durch Krieg nur noch ein überwundenes Kapitel der Geschichte sein. [...]
Dieser Optimismus war schlechthin Wirklichkeit. Man mag sich durch den scheinbar verzweifelten Pessimismus der »Modernen Dichter-Charaktere« nicht täuschen lassen. Aber nicht nur wir, die ganze Epoche Ende der achtziger Jahre des vorigen Säkulums atmete Gläubigkeit. [...]
Wo vom Glauben die Rede war, darf nicht vergessen werden, daß wir vor allem an uns selbst glaubten. Machte Carl davon eine Ausnahme? Ploetz, Simon und die anderen glaubten an sich. An die sieghafte medizinische Wissenschaft, die sie sieghaft handhaben würden. Ich glaubte an mich und den Sieg meiner Kunst, obgleich ich keinerlei Trümpfe vorerst in der Hand hatte. Zwar ich schrieb an einem Roman, in dem ich wahrhaftig und bekenntnishaft, ähnlich wie Rousseau, auftreten wollte, auch auf sexuellem Gebiet. Die Krisen der Pubertät und der Jugend in diesem Betracht wollten mich gleichsam zum Ankläger, wenn nicht zum Retter aufrufen. Wir diskutierten zuweilen darüber. Ein Niederschlag jener Zeit und jenes Bereichs ist »Frühlings Erwachen« von Wedekind. Er übertrifft mich an rücksichtsloser Wahrhaftigkeit. [...]
Man wird sich erinnern, wie man mich bedrängt hatte mit der Prophezeiung eines rettungslosen Epigonentums. Hatte doch der famose Gervinus gesagt, das Kapitel der Poesie in Deutschland sei durch Goethe ganz und gar abgeschlossen. Diesen Irrwahn der meinen Weg wie eine Mauer versperren wollte, hinwegzuräumen, mühte mein Geist sich Tag und Nacht. Ich sah wohl das Epigonentum, sah alle die unfruchtbaren Nachahmer und grübelte nach über die Ursachen ihrer Unfruchtbarkeit. War ich nicht auch auf dem besten Wege dazu? [...]
Wie steht es mit dir nun? fragte ich mich.
Auch du bist ins Himmelblaue entrückt und hast höchstens einige kurze Luftwurzeln. Ob sie die Erde jemals erreichen und gar in sie eindringen können, weißt du nicht.
Jetzt aber hatte ich plötzlich die Kühnheit, nach allem Profanen, Humus- und Düngerartigen um mich zu greifen, das ich bisher nicht gesehen, weil ich es nicht für würdig erachtet hatte, in Bereiche der Dichtkunst einzugehen. Und abermals wie im Blitz erkannte ich meine weite und tiefe Lebensverwurzelung und daß es ebendieselbe sei, aus der mein Dichten sich nähren könne.
Auch fielen mir zur rechten Zeit die niederländischen Bilder in den Sälen der Krone ein.
So und nicht anders verlief der innere Zauber, der mich zu einem gesunden, verwurzelten Baum machte.
Und als ich »Die Macht der Finsternis« von Leo Tolstoi gelesen hatte, erkannte ich den Mann, der im Bodenständigen dort begonnen, womit ich nach langsam gewonnener Meisterschaft im Alter aufhören wollte.
Und wie man eine Statue, die auf dem Kopfe steht, auf die Füße stellt, so war es mir klar, daß ich mit der Scholle und ihren Produkten sogleich mein Werk beginnen müsse, statt im Alter es so zu vollenden.
Was ging das Geschwätz vom Naturalismus mich an? Aus Erde ist ja der Mensch gemacht, und es gibt keine Dichtung, ebensowenig wie eine Blüte und Frucht, sie sauge denn ihre Kraft aus der Erde!
Dieser Gedanke stand kaum gefestigt in mir, als ich aus einem Borger, ja Bettler ein recht wohlsituierter Gutsbesitzer geworden war. Ein immer wachsendes inneres, bisher unsichtbares Kapital gewann Sichtbarkeit. Meine Knabenzeit, die mir so gut wie entschwunden war, tauchte wieder auf, und in der Erinnerung an sie machte ich fast von Minute zu Minute neue Entdeckungen. Das ganze Ober-, Mittel- und Nieder-Salzbrunn entfaltete sich, durch die Salzbach getrennt in die Große und Kleine Seite. Der Gasthof zur Krone tauchte auf, das benachbarte Haus Elisenhof, die Brunnenhalle mit ihren Brunnenschöpfern. Die Schwestern der Mutter und der Großvater, somit der ganze Dachrödenshof. Die Schweizerei und ihre Pächterin und Schafferin, die der Fürst hineingesetzt hatte, ob verheiratet oder ledig, weiß ich nicht. Eine der eindrucksvollsten unter den Brunnenschöpfergestalten war ihr stattlicher, blondbärtiger Sohn, von dem man sagte, daß er zur Hälfte blaues Blut habe. Das herrliche Fürstensteiner Schloß tauchte auf mit seinen Bewohnern und seiner unvergleichlichen Lage. Aber vor allen Dingen die Dorfstraße, die Weberhütten und Bergmannsquartiere, diese das Ärmlichste vom Ärmlichen. [...]
Die drängende Armut der Hintertreppe und mit alledem der Volksdialekt, der mir, wie ich mit Freuden erkannte, tief im Blute saß. Ich merkte nun, wo ich, schon eh ich die Sexta der Zwingerschule betrat, meine wahrhafte Lehrzeit vollendet hatte. Hätte ich nicht beinahe gehandelt wie der Bauer, der das moorige Laub aus dem Korbe schüttelte, das Rübezahl hineingetan hat, und, nach Hause gekommen, nur noch einige Blättchen fand, aber sie waren von purem Golde? Vor dieser Torheit bin ich bewahrt worden. Der alte, neuentdeckte Reichtum hat ausgehalten ein Leben lang und ist bis heute längst nicht verbraucht worden. [...]
Die reichen Kohlenbauern von Weißstein drängten sich ein, meine Landwirtszeit fing an, sich zu melden, es regten sich die Gestalten der Kunstschule. Es regte sich meine Verlobungsepoche, es regte sich Rom. Und ich bin fünfundsiebzig Jahre geworden, um, wie bereits angedeutet, zu erkennen: auch nur das erste Vierteljahrhundert meines Lebens im Sinne der Kunst auszuwerten, war mir eine Unmöglichkeit.
Die reichen Kohlenbauern von Weißstein drängten sich ein, meine Landwirtszeit fing an, sich zu melden, es regten sich die Gestalten der Kunstschule. Es regte sich meine Verlobungsepoche, es regte sich Rom. Und ich bin fünfundsiebzig Jahre geworden, um, wie bereits angedeutet, zu erkennen: auch nur das erste Vierteljahrhundert meines Lebens im Sinne der Kunst auszuwerten, war mir eine Unmöglichkeit.
Ich habe ein Stück »Die Weber« geschrieben. In Zürich regte sich bereits sein embryonales Leben zugleich mit dem eines Bauerndramas, dem ich den Titel »Der Säemann« zu geben gedachte.
In und um Zürich blühte damals noch, und zwar seit dreihundert Jahren, die Seidenweberei. An den Stühlen saßen Handweber. An dem Hüttchen eines von ihnen ging ich mehrmals die Woche vorbei, wenn ich die Psychiatrische Klinik in der Irrenanstalt Burghölzli besuchte. Das Wuchten des Webstuhles hörte man durch die Wand dringen. Und eines sonnigen Morgens, erinnere ich mich, überfiel mich bei diesem Geräusch der Gedanke: du bist berufen, »Die Weber« zu schreiben! Der Gedanke führte sofort zum Entschluß.
Die schlesischen Weber von Langenbielau, die Ärmsten der Armen, und ihr Aufstand in den vierziger Jahren waren damals noch unvergessen in der Welt.
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
wir weben hinein den dreifachen Fluch,
wir weben, wir weben!

Meine Auffassung der Geschehnisse wich nun zwar von der des Liedes ab. Aber es gehörte immerhin Mut dazu, dieser in Preußen übel vermerkten Erinnerung, statt sie völlig auszulöschen, in einer Gestaltung neue Gegenwart, ja möglicherweise Dauer zu geben. Aber das soziale Drama, wenn auch zunächst nur ein leeres Schema, lag als Postulat in der Luft.
Es real ins Leben zu rufen war damals eine Preisaufgabe, die gelöst zu haben so viel hieß wie der Initiator einer neuen Epoche sein. Bei diesem der alten Zeit konträren Beginnen – wir standen nach Karl Bleibtreu mitten in einer Revolution der Literatur – waren Zivilcourage und Bekennermut eine Selbstverständlichkeit. So konnten denn auch die glücklichste Ehe, in der ich lebte, die Rücksicht auf meine alten Eltern und meine Kinder keinerlei Hemmungen meiner Berufung, mit der verwachsen ich fiel oder stand, bei mir einschalten.
Ich konnte »Die Weber«, ich konnte das Bauerndrama schreiben, denn wie gesagt, ich beherrschte den Volksdialekt. Ich würde ihn also, war mein Beschluß, in die Literatur einführen. Dabei dachte ich nicht an sogenannte Heimatkunst oder Dichtung, die den Dialekt als Kuriosum benützt und meistens von oben herab humoristisch auswertet, sondern dieser Volkston war mir die natur- und kunstgegebene, dem Hochdeutsch ebenbürtige Ausdrucksform, durch die das große Drama, die Tragödie ebenso wie durch Verse Goethes oder Schillers Gestalt gewinnen konnte. Ich wollte dem Dialekt seine Würde zurückgeben. Man mag entscheiden, ob es geschehen ist.
Friedrich Nietzsche rückt entschieden vom Mitleid ab, während Schopenhauer Mitleid für Liebe, Liebe für Mitleid hält. Diese Art Mitleid wird mir später »Die Weber« diktiert haben. Aber ebensosehr der Zwangsgedanke sozialer Gerechtigkeit.
Wie entsteht ein Gedanke dieser Art? Und wie entsteht er zugleich in aber und abermals Hunderttausenden? Vielleicht hat sich innerhalb einer Volksgemeinschaft durch die unkontrollierte millionenfache und aber millionenfache Seelenverletzung der schwächeren Volksteile ein gemeinsames heimliches Trauma gebildet, das auch bis in den stärkeren Volksteil hinein fühlbar wird. Dieses schmerzhafte Fühlen war allgemein. Auch wir wären ohne dies Fühlen nicht als Dichter zugleich gewissermaßen Bekenner geworden. [...]
Bei einer Pfingsttour ist mir die ganze unaussprechliche Schönheit und Größe alpiner Natur aufgegangen. Zunächst das Wunder der Gotthardbahn, die uns bis nach Göschenen, dem Eingang des Gotthardtunnels, trug. Der Eindruck Luzerns mit seinem Pilatusberg und des betäubend grünen Vierwaldstätter Sees auf meine jugendlich empfänglichen Sinne machte mich glauben, nicht mehr auf der Erde, sondern auf einem anderen, paradiesnahen Planeten zu sein. Man war in Schönheit und Farbe ertrunken, man ging nicht, man schwebte vielmehr im Licht. [...]


Nachwort

Gegen Mitte des Sommers sind wir, Mary und ich, wieder in Erkner eingezogen. Es ist nur wenig nachzuholen, bevor ich die Notizen über mein erstes Vierteljahrhundert abschließen kann. [...]

Dem Geschick sei Dank, daß meine Arbeit auch durch die am 8. Juli 1889 erfolgte Geburt meines dritten Sohnes nicht gestört wurde. Wieder kam die Weise Frau, die Norne, aus der Tiefe des Kiefernwalds, und wieder bin ich selbst durch die Not zum hauptsächlichsten Geburtshelfer ernannt worden.
Ein gelegentlicher Verkehr mit Arno Holz und Johannes Schlaf wurde aufgenommen, aber es tauchten nun viele andere Gestalten auf, darunter Bruno Wille und Wilhelm Bölsche, die in regem Verkehr mit Damen aus allen Kreisen standen und sie gelegentlich von Berlin aus zu uns aufs Land mit herausbrachten. Auch die Gebrüder Hart waren da. Es wurden gemeinsam Sommernächte durchwacht, es wurde gelebt, geliebt und getrunken, Pläne wurden geschmiedet und diskutiert, und eines Tages konnte ich am Waldrand dieser gleichstrebenden Jugend mein Drama vorlesen, durch Arno Holz »Vor Sonnenaufgang« genannt. Es wurde damit in der Tat eine eigenartige, kräftige deutsche Literaturepoche eingeleitet.
Mich aber warf es schließlich in die breite und weite Öffentlichkeit, wo ich nun auf einer ganz anderen Ebene, wenn es mir beschieden wäre, die Erinnerungen an weiteres Kämpfen und weiteres Ringen im zweiten Vierteljahrhundert fortsetzen müßte.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)



07 Dezember 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 33.- 36. Kapitel)


Dreiunddreißigstes Kapitel
Ferdinand Simon begleitete mich mit einem Stipendium der Schwestern nach Berlin. Unterwegs dorthin im Abteil dritter Klasse lernten wir einen originellen Reisenden kennen. Er war bedeutend älter als wir. Der große Zoologe Brehm war sein Freund. Er hatte an einigen von dessen Forschungsreisen teilgenommen, auch an jener, die Kronprinz Rudolf von Österreich mitmachte. Die Erzählungen des breiten, kerngesunden Forschers, Jägers und Gelehrten steigerten sich zu wirklicher Kunst. Als ich seine Gabe bewunderte, erklärte er, daß Brehm, der große Tierforscher, selbst sie in einem viel höheren Maße besessen habe. Sein »Tierleben« möge gut geschrieben sein, aber an seinen mündlichen Vortrag reiche es nicht heran. [...]
Wir kamen im Rosenthaler Viertel unter. Es ist eine Gegend, die man kennen muß, um zu wissen, daß sie mit dem Westen Berlins nicht in einem Atem zu nennen ist. [...]

Wir besuchten die Bilse-Konzerte. Dort saßen die Männer hinter Bierseideln, die Frauen hinter Strickstrumpf und Kaffeetasse, Mütter brachten die Kinder mit. Aber Bilse, ehemals Militärkapellmeister, hatte ein von ihm gut geschultes Orchester in der Hand. Es hatte im Reich den besten Namen. [...]
Durch den befrackten, ordenbesternten Militärkapellmeister, der sogar den Bogenstrich seiner Geiger exakt und einheitlich regelte, haben wir Haydn, Mozart, Gluck, Beethoven, Schubert, Weber, Wagner und Brahms kennengelernt. Und manche der Sinfonien, Ouvertüren und sonstigen Musikstücke konnten wir wieder und wieder genießen, bis sie uns vertraut waren.
Von allen Meistern war uns Beethoven am nächsten gegenwärtig. Wir sahen in ihm den erhaben ringenden Geist der Zeit. Er wurde uns damals mehr als ein Faust und überragte diesen an mythischer Kraft und kosmischer Dämonie. Er war uns der gigantische Rebell, der Blitze warf und Donner erregte gleich dem Wolkenversammler. Und zum viertenmal stieß ich wieder auf das Prometheische: den »Entfesselten Prometheus« von Lipiner hatte ich zuerst kennengelernt, den Goethischen etwa gleichzeitig, ihm folgte »Der gefesselte Prometheus« des Aischylos und diesem dann, in Menschennähe, Beethoven.
Und dieser Prometheus sang, obgleich gefesselt, doch frei in Not, Kampf, Sieg und Untergang das große Menschheitslied. Es klang in mir und weckte sein Echo ebenso in Ferdinand Simon und Hugo Schmidt.
Wo blieb da dein Atheismus, mein lieber Ferdinand? Antworte mir, wenn du kannst, aus dem Jenseits, in das du längst hinübergewechselt bist!
Eine größere Erschließung als diese gab es nicht. Und wie sie sich plötzlich auftat im Osten Berlins, glich einem Wunder.
Eines Tages krönte sich diese Erschließung dann im Erlebnis der Neunten Sinfonie. Es war uns geglückt, zu einem der großen Konzerte in der Königlichen Oper Galerieplätze zu erobern, Ferdinand Simon, Schmidt und mir. Wir haben uns die Hände gepreßt, und während unsere bis zum Springen erschütterten jungen Seelen uns mit einer himmlischen Offenbarung gleichsam töten wollten, rannen uns Feuertränen über die Wangen: »Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!«
Unaussprechlich, wie uns zumute war, als endlich Wort und Stimme, aus dem Chaos geboren, erklang und die Gottheit endlich mit der ersehnten Offenbarung ihr Schweigen brach: »Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder – überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen!« – Was fühltest du damals, mein lieber atheistischer Ferdinand, als du mir fast bewußtlos die Hand drücktest? Und nun, wie die Heere der Erlösten in einer Marcia trionfale daherziehen und das »Freude, schöner Götterfunken!« jauchzend aufjubelt! Und dann der Schrei! und wieder der abreißende Schrei: »Freude! Freude!«
Die göttlich tönende Kuppel über dem Tempel der Menschheit heißt Beethoven. [...]

Eines Tages brachte Simon ein kleines Heftchen der Reclambibliothek, »Nora« von Ibsen, mit. Er war vor Begeisterung außer sich. Das Drama wurde uns eine helle Fanfare. 
Zugleich war es das erste Henrik-Ibsen-Wetterleuchten. Mit fruchtbarem Regen und Wachstum sollte sein Werk dann später als Frühlingsgewitter heraufsteigen. [...]
Die Tradition des Meiningischen Theaters nahm das Deutsche gewissermaßen wieder auf, und mir ging es ebenso. Auf höherer Stufe durfte sich nun fortsetzen, was sich während einer Breslauer Knabenzeit so glorreich begonnen hatte. Förster, Friedmann, Kainz hießen die großen Darsteller, die ich sah, Agnes Sorma, die Jürgens und die Geßner standen in ihrer Blüte.
Hohe Feste waren es, die damals im Deutschen Theater gefeiert wurden.
»Romeo und Julia« war eines davon. Heute habe ich Kainz als Romeo in bester Erinnerung, damals hat er mir nicht gefallen. Der junge Mensch wollte immer noch mehr gesehen werden, als er gesehen wurde. Er entschloß sich schwer, die Mitte der Bühne zu verlassen, und seine besondere Eitelkeit war sogar dem historischen Kostüm anzumerken, das er immer noch besonders herausputzte.
Auch schien mir dieser Romeo in der Lyrik der Liebe nicht lyrisch genug, nicht erschüttert genug vom Elementaren der Leidenschaft.
Ich lernte den »Richter von Zalamea« kennen. Der reiche Bauer Pedro Crespo wurde von Förster dargestellt, Don Lope, der General, durch Friedmann zu einem unvergeßlichen Kabinettstück großer Schauspielkunst gemacht. Die unvergleichliche Gestalt des stämmigen Bauern Crespo mit seinem stämmigen Verstand, seiner stämmigen Moral, seiner stämmigen Männlichkeit, der den adligen Schänder seiner Tochter umbringen läßt, mußte sich unvergeßlich einprägen.
Nach dem echten Calderon folgte »Weh dem, der lügt!« von Grillparzer. Kainz als Küchenjunge Leon brillierte darin.
Von Schiller habe ich besonders den »Fiesko« in Erinnerung. Carl und ich liebten das Stück von je um seines Verrina willen.
In dieser nahen Beziehung zum Deutschen Theater, das wir mit Studentenbilletts zu ermäßigten Preisen oft besuchen konnten, sammelte sich das Ganze hie und da früher aufgenommener theatralischer Eindrücke. Ich mag meinen Freunden durch Reminiszenzen dieser Art, die, schauspielerisch vorgetragen, von mir vielfach ins Gespräch gemischt wurden, recht beschwerlich geworden sein. [...]

Vierunddreißigstes Kapitel
Die stärkste Warnung, die einem Menschen widerfahren kann, warnte mich nicht: der arme Pastorsohn Schidewitz wurde dicht an meiner Seite von den vergifteten Wässern hinweggespült.
Wir hatten am Abend den treuherzig-komischen Burschen wieder einmal unter uns. Er aß und trank mit besonderer Hingabe. Am Mittag des folgenden Tages rief mich ein Briefchen seiner Wirtin an sein Krankenbett. Ich traf ihn ohne Bewußtsein im Fieber.
Die Zeit meines römischen Niederbruchs jährte sich, als ich Schidewitz mit aufgesprungenen Lippen, wirre Worte ausstoßend, von hohem Fieber brennend, vor mir sich hilflos im Bette winden sah. Ich glaubte augenblicklich zu erkennen, daß er von derselben Krankheit befallen war wie damals ich. Ich fragte, ob man nicht einen Arzt geholt habe. Es war geschehen, der Arzt erschienen, aber er hatte nach kurzem Anblicken des Kranken nur gefragt, wer die Behandlung bezahlen würde, und, weil man darüber Auskunft nicht geben konnte, die Tür von außen zugemacht.
Ich verordnete kalte Umschläge, legte sie ihm selber mit Hilfe der Wirtin auf und beruhigte sie, als sie nun ihrerseits, den Verlust der fälligen Miete und kleiner Auslagen fürchtend, zu jammern begann.
Irgendwie war es mir möglich, aus den Briefschaften des armen Jungen seinen Heimatort und die Adresse des Vaters auszumitteln, so daß ich einen telegraphischen Notschrei an ihn richten konnte.
Ich sandte die Wirtin nach einem anderen Arzt, sie fand aber keinen, der ihr nach Erkenntnis der Sachlage folgen wollte. Der Abend brachte im Zustand des Kranken eine Verschlimmerung. Leider dachte ich nicht an ein Krankenhaus, als ich den Kranken verlassen mußte. Die Nacht bei ihm durchzuwachen hätte mir den Verstand geraubt. Der Vater käme ja morgen früh, dachte ich und sagte der Wirtin, sie möge für kalte Umschläge sorgen, bis er erscheine und sie für ihre Mühe belohnen werde. Ich selber wolle auch wieder beizeiten zur Stelle sein.
Der Kranke war bereits fortgeschafft, als ich am nächsten Morgen erschien. Etwas Fürchterliches war vor sich gegangen: man hatte Schidewitz im bloßen Hemd auf den Steinfliesen des Hauseingangs aufgefunden. Er mußte im Anfall eines Fieberdeliriums aufgesprungen sein, die eigene Tür und die des Entrees gefunden und aufgerissen haben und dann bei der herrschenden Winterkälte das Treppenhaus drei Stockwerke tief gelaufen, gestürzt, gerollt, zerschunden und halb totgeschlagen unten bewußtlos gelandet sein.[...]
Dieses schwere Erlebnis kam einer äußersten Tiefenlotung gleich, die eine Stelle in meiner Seele wie einen jederzeit zu erweckenden schmerzhaften Grundklang zurückgelassen hat. Lange wurden wir den Duft der Verwesung nicht los, und das Bewußtsein von der unvoraussehbaren Schnelligkeit eines unsichtbaren Nachrichters fuhr fort, uns zu beunruhigen. Heut, Montag, dachten wir, sitzen wir um den runden Tisch, haben Pläne, arbeiten, denken darauf hin, setzen ein langes Leben voraus, hoffen auf Glückseligkeit, Begegnungen mit Freunden und schönen Frauen, und Freitag können wir bereits unter der Erde sein ... Es war, als ob wir uns jetzt erst recht ins Leben hineinwühlen, vom Leben nicht eine Stunde ablassen sollten. »Lasset uns essen, trinken und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot!« Es war, als wenn eine Stimme diesen Grundsatz in uns einbohren wollte. Ein dumpfer und finsterer Lebenshunger kam über uns. Er zog uns nicht nach oben, ins Licht, sondern schien uns dem Abgrund zu überantworten. [...]
»Sie führen ein unverantwortliches Bummelleben, junger Mann! Ihre Gesundheit ist nicht die stärkste, junger Mann! Wenn Sie es auch nur ein halbes Jahr so forttreiben, sind Sie nicht mehr ein junger, sondern ein toter Mann!« Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Straße gekommen bin, ich sah dicht vor meinen Füßen den Abgrund klaffen. Und doch ist in diesem Winter meine erste epische Dichtung »Promethidenlos« beendet worden. 
Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Straße gekommen bin, ich sah dicht vor meinen Füßen den Abgrund klaffen. Und doch ist in diesem Winter meine erste epische Dichtung »Promethidenlos« beendet worden.
Jetzt wurde die Hochzeit vorbereitet.
Ein gesunder Mensch war ich damals also nicht. Die schlimmen Folgen des Typhus, hatte mein gefühlvoller kapitolinischer Krankenwärter gesagt, zeigen sich erst in den folgenden Jahren. Hatte ich irgend etwas getan, um dem vorzubeugen? Ich hatte sie eher mit aller Gewalt herbeigeführt.

Fünfunddreißigstes Kapitel
So ging ich mit meiner Braut aufs Standesamt, so wurde ich mit ihr in Dresden, am Altar der Frauenkirche, zusammengegeben. Der Geistliche nannte mich einen Meister der hohen Bildhauerkunst, der sich in Rom einen Namen gemacht habe und dem noch Großes bevorstehe. Wir waren darüber erstaunt: so hatte er meine nüchternen Unterlagen für seine Rede aufgebauscht.
Der Frack, den ich anhatte, war mir im letzten Augenblick vom Onkelchen Thienemann geliehen worden, natürlich paßte er mir nicht.
Es war im Mai. Das Hochzeitsdiner fand in einem besonderen Raume des Belvedere auf der Brühlschen Terrasse statt. Frida und Olga, die Schwestern der Braut, waren zugegen, dazu ein Onkel und ein Vetter Thienemann. Am Schlusse des Frühstücks erschien Max Müller wie zufällig.
Der Tag war schön. Ganz Dresden hatte sich auf den Terrassen und in den Sälen des Restaurants zusammengefunden. Militärs, Garden aller Waffengattungen strömten mit ihren Damen aus und ein.
Einen Augenblick trat ich auf den Gang. Es mochte bekanntgeworden sein, daß hier eine kleine Hochzeit gefeiert wurde und ich der überjugendliche Bräutigam war. So nahm man mich allgemein aufs Korn. Das tat ein Rittmeister, brauner Husar, ebenfalls, der mit seiner Dame vorüberging. Dann sagte er lachend und laut, zu ihr gewandt, so daß ich sie hören mußte, die unvergeßlichen Worte: »Der Kerl krepiert ja in den ersten acht Tagen!«
Man kann sich denken, in welcher Stimmung der Rest des Festes vorüberging.
Vierzehn Tage darauf bekam ich Bluthusten. [...]
Noch war eine Klippe zu umschiffen, bevor ich meine neue Ehe in größerer Ruhe genießen konnte: die Gestellung beim Militär.
Man kann sich denken, welche Unruhe sich meiner und Marys bemächtigen mußte, als der Termin dafür herannahte. Er kam. Man erklärte mich für untauglich.
Leider trat, als diese große Sorge endlich beseitigt war, wieder Bluthusten bei mir auf, woraus sich ergab, daß die ärztliche Verfügung, die mich glücklich vom Militär befreite, auch eine düstere Seite hatte.
Ich mußte aufs Land, das war mir klar, sofern es mit mir nicht schnell bergab gehen sollte. So gaben wir denn die Wohnung auf, ohne Rücksicht auf einen langen Vertrag, und zogen in den Berliner Vorort Erkner.

Sechsunddreißigstes Kapitel
Diesem Wechsel des Wohnorts verdanke ich es nicht nur, daß ich mein Wesen bis zu seinen reifen Geistesleistungen entwickeln konnte, sondern daß ich überhaupt noch am Leben bin. Nicht nur meine ersten Geisteskinder, sondern auch drei von meinen vier Söhnen sind in Erkner geboren. [...]
Damals lebte man ohne elektrisches Licht, und die schwarze Nacht preßte sich unmittelbar um die Glocke der Petroleumlampe. [...]

Ich weiß, daß die Flucht in die märkische Waldeinsamkeit meine Rettung war. Ich fühlte das bei jedem Atemzuge, bei jeder Wanderung, die ich unternahm, ich spürte es, wenn ich als einziger bei Mondschein auf dem verlassenen Karutzsee Schlittschuh lief. Alles wirkte zusammen zur Besinnung und Läuterung, selbst die tiefe Resignation, wie sie etwa in diesem Gedicht zum Ausdruck kommt:  
Verlohnt's der Müh'? – Ich bleibe stehn.
Verlohnt's der Mühe, weiterzugehn?
Meine Hand ist wund, mein Herz ist matt;
für zu viel des Wahns es geschlagen hat.
Wohin? Wohin? ... »Zum Licht! Zum Licht!«
Was soll das Suchen? Ihr findet's nicht.
Wohin? Wohin? ... »Den Weg zum Ruhm!«
O beifallgieriges Märtyrertum!
Ihr stürmt vorbei, ihr lockt mich nach;
ich bin ein Falk, der nicht fliegen mag.
Oder auch in den folgenden Versen:
Die alte Nacht drückt stumm und schwer.
Ich will nicht klagen.
Denn wollt' ich klagen noch so sehr,
es wird nicht tagen.
Schwarz hängt der Birke Trauerflor
auf mich herunter.
Der Nachtwind klagt; es wird im Rohr
ein Fröschlein munter.
Das ist die Liebe: Aus dem Laub
der Birke sinken
kühlfeuchte Tränen, die im Staub
verloren blinken.
Das ist das Wissen: Glühwurm schwimmt
im eignen Glänze,
und was sein Lichtlein ihm beglimmt,
ihm ist's das Ganze.
O Menschengeist, Glühwürmelein,
die Welt erhellen,
du kannst es nicht, nur wunderklein
verlorne Stellen.
Das ist die Hoffnung: die im Moor,
ein Irrwisch, hüpfet,
bald in den Grund, bald draus hervor
von neuem schlüpfet. [...]
Sie tanzt und gaukelt ruhlos schier;
drum will es scheinen,
und leider, leider scheint es mir,
sie lohne keinen.

Lichtbringer drei, wie sprüht ihr doch
so matte Funken.
Ach, eh ihr sterbet, seid ihr noch
in Nacht versunken.
Denn euer Leben ist allein
ein kurzes Blinken:
ein Ringen in der Todespein
vor dem Ertrinken.

Aber das wüste und wirre Kneipendasein, die Atmosphäre von Zigarren- und Bierdunst, lag für immer hinter mir, und das angefügte, aufschwunghafte Gedichtchen »Eislauf« spricht davon: 
Auf spiegelndem Teiche
zieh' ich spiegelnde Gleise.
Der Kauz ruft leise.
Der Mond, der bleiche,
liegt über dem Teiche.

Im raschelnden Schilfe,
da weben die Mären,
da lachet der Sylphe
in silbernen Zähren,
tief innen im Schilfe.
Hei, fröhliches Kreisen,
dem Winde befohlen!
Glückseliges Reisen,
die Welt an den Sohlen,
in eigenen Kreisen!
Vergessen, vergeben,
im Mondlicht baden;
hingaukeln und schweben
auf nächtigen Pfaden!
Sich selber nur leben!

Als ich das erstemal von Italien zurückkehrte, kam es mir vor, als ob Deutschland in einer Kunstferne und Kunstfremde lebe. Die Atmosphäre, gehalten gegen den Reichtum Neapels, Roms, den von Florenz und Pisa, war leer. Man war gezwungen, gleichsam nach Luft zu schnappen. Bei der zweiten Rückkehr hatte die Atemnot erheblich nachgelassen. Nun aber, in Erkner, war das unmittelbare Leben in Haus und Natur vor alles getreten. Es zog mich nicht mehr nach Eindrücken großer bildender Kunst. Nichts war mehr da von meiner unstillbaren Ungeduld, die Werke der großen Gestalter zu sehen und ihnen nachzuringen. Keinen Moses von Michelangelo brauchte ich mehr, kein Griechenland suchte ich mehr mit der Seele. Wie nie gewesen war alles das. [...]


In diese Zeit fiel am neunten Februar eines harten Winters die Geburt meines ersten Sohnes. Der furchtbare Ernst eines solchen Ereignisses ist bekannt. Die lautlose Standhaftigkeit der Mutter war bewunderungswert. Hatten wir wohl in Hohenhaus, als wir uns fanden, in den acht glücklichen Breslauer Tagen, in den seligen Zeiten von Nieder-Salzbrunn diese furchtbare Stunde vorausgeahnt? War unser angeblich freier Willensentschluß nicht auf das Ziel eines fast übermenschlichen Glückes, einer Eudämonie, gerichtet gewesen? Und nun hatte, fast gegen unseren Willen, eine ganz andere Macht uns zu ihren Zwecken, zur Erhaltung der Gattung, gebraucht!
Die Weise Frau kam aus irgendeinem Waldwinkel. Sie half arme Schiffer- und Waldarbeiterweibern entbinden. Ich vergesse nie ihr zerknittertes Nornengesicht: es war hart und ernst und doch wiederum meist dem Weinen nahe. Diese Frau, die recht wohl eine Abgesandte der Erdmutter sein konnte, hat in der Tat alle Mütter, denen sie Hilfe brachte, und alle Kinder beweint, die sie ins erste Bad legte.
Nun, es ist mir also beschieden gewesen, in dem abgelegenen Hause am Waldrand das ohne Vergleich größte menschliche Mysterium zu erleben, das man voll erkannt und gefühlsmäßig erfaßt haben muß, ehe man von der Größe und dem Wesen des Daseins etwas begreifen kann. [...] 
Mir war die Aufgabe eines Vaters zugeteilt. Wochen- und monatelang wurde meine Sorge und Tätigkeit fast allein von dem Kinde in Anspruch genommen. Es gemeinsam mit seiner Mutter zu betreuen war meine erste vollwertig soziale Tätigkeit.
Ich entzog mich dieser Aufgabe nicht.

Ich entwickelte, auf eigenes Denken angewiesen, recht gesunde Grundsätze. Es schien, als ob die Erfahrung überwundener Vorleben aus mir wirke. Das Kind in mir liebte außerdem das Kind. Allerdings nicht mehr in dem Sinne, in dem ich schon als Knabe bei den kleinen Krauses und hernach bei Pastor Gauda sozusagen die Kinderfrau gemacht habe. Ich behandelte meinen kleinen Sohn Ivo resolut: fast bei jedem Wetter wurde sein Kinderwagen ins Freie geschoben. Er gewöhnte sich bald, nachts zu schlafen, da ich die Mutter gewaltsam hinderte, sein nächtliches Schreien zu beachten.
Mit einemmal umgab mich eine nüchterne, phantasmagorienbefreite Luft. Die intelligible Welt hatte der nackten Wirklichkeit Platz gemacht. Illusionen waren durch Pflichten verdrängt: nicht mehr durch jene der Einbildung, sondern durch andere, die in der unmittelbaren Not ihre Voraussetzung hatten. [...]
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

01 Dezember 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 28.- 32. Kapitel)

Achtundzwanzigstes Kapitel
Um die Mitte des Januar hatte ich bereits zehn Wochen heißer Arbeit daran gewendet. Es hingen viele Zentner nasser Ton an einem vom Schmied nach meinen dilettantischen Angaben hergestellten Eisengerüst, das ich mit Bleiröhren, Draht und Holzzwickeln zu einem Skelett gebildet hatte. Es dauerte Wochen, bevor ich die Tonmassen in ungefährem Verhältnis vom Scheitel bis zu den Sohlen festgemacht hatte und wenigstens eine Art menschlicher Popanz zu erkennen war. Schon allein physisch ging diese Arbeit beinah über meine Kraft. Einen Handlanger zu bezahlen, dazu reichte mein Wechsel nicht, den ich selbst zu gering bemessen hatte. Nachdem die amorphe Masse nun insoweit bewältigt war, mußte die Bewegung fixiert werden, was wieder nur unter Mühe und Not, im Schweiße des Angesichts, bei unaufhörlichem Turnen an der Steigeleiter durchzusetzen war. Ich blieb guten Mutes, denn ich wurde im ewigen Anschauen, Sinnen und Formgeben von einem zum andern geführt und schmeichelte mir in geflüsterten Selbstgesprächen, etwas zustande zu bringen, das sich gewaschen hatte. Ich wußte nicht, daß ich mich nutzlos und zwecklos übernahm und daß ich auf falschem Wege war. Es hätte genügt, meinen Cherusker erst im kleinen auszuarbeiten. Ich wollte jedoch nun einmal einem Riesen das Leben geben. Wer ihn sah, sollte erkennen, daß der Schöpfer dieser athletischen Glieder von Nippesfigürchen nichts wissen wollte. Dabei dachte ich aber auch Mary zu imponieren, die ich brieflich zu einer Winterreise nach Rom in Gesellschaft ihrer Schwestern bewogen hatte und für Anfang Februar erwartete. Meine Arbeit beflügelte sich, wenn ich an diesen Besuch dachte. Ich hatte doch schließlich Boden gewonnen in der Ewigen Stadt und fühlte, obgleich ich kaum andere als abgezirkelte Wege ging, den Boden magisch in mich hineinwirken. Wenn ich mir ausmalte, wie ich die Schwestern am Bahnhof empfangen würde, mit den heimlich gedachten Worten: »Civis Romanus sum!«, zitterte ich. Und dann wollte ich sie sobald wie möglich vor den Koloß führen. Die Geliebte würde dann vielleicht eine Ahnung davon bekommen, wer ich war. Träume wie diese spornten mich an. Sie machten mich gegen mich rücksichtslos. Sie ließen mich das Allergrößte von meiner Arbeit hoffen, glauben, ja bestimmt voraussetzen. Und meine Braut würde sehen, daß ich meine Zeit nicht nutzlos vertan hatte. Meister sind Meister, aber die größten unter ihnen sind es weniger als die kleineren. Bei Michelangelo wird das Ringen fühlbarer als das Können. Was immer er plant, grenzt ans Unmögliche. Was er erreicht, steht außer und über der Meisterschaft. Was ich bei meinem Koloß endlich doch erzielte, erzwang sich durch Dämonie. Im Praktischen fehlte fast jede Grundlage, da ich kein Meister, sondern ein Lehrling war. Im Fieber wurde ich vorwärtsgetrieben. Das lebendige, brüllende Haupt, der Nacken, der mächtige Brustkorb, die athletischen Arme, Hüften, Schenkel, Füße, kurz alles, was zu meinem eigenen Staunen nach und nach entstand, [...]
Mit dem Gesicht voran klatschten zehn Zentner Ton auf die Steinfliesen. Die hintere Seite, wie zum Hohn, zeigte noch einige Festigkeit. Das Eisengestell war bloßgelegt, die leidlich geformten Hände hingen noch an den Zwickeln. [...]

Neunundzwanzigstes Kapitel
Eigentlich war mir recht schlimm zumute. Gerade jetzt krank zu werden, sträubte ich mich. Ich hatte geschuftet, hatte gedarbt, hatte die Geliebte entbehrt, hatte fast gar nichts von Rom gesehen. Und nun, als etwas wie Lohn, Aufatmen, Lebenslust, Befreiung, beglückende Erfüllung, göttliche Pflichtpause eingetreten war, sollte an mir Raub geschehen und mich womöglich der kläglichste Niederbruch überkommen? Nein, ich kämpfte dagegen, ich steifte, ich sträubte mich gegen das, ich ging nicht darauf ein, ich mochte das nicht. [...]
Beide zogen mich an, eine Droschke wurde bestellt, und der kräftige brave Nußbaum hat mich buchstäblich auf seinen Armen die Treppe hinunter und in den Wagen getragen. So erreichte ich dann mit Mary und ihm an der Seite das Krankenhaus. [...]
Meine Krankheit wurde als Typhus erkannt. Der verständige Arzt, Doktor Faber, ein nerviger, schlanker, etwa fünfundvierzigjähriger Mann, verhehlte es nicht. Er sagte, es sei ein leichterer Fall, was ich ihm ohne weiteres glaubte, denn ich fand nicht, daß mir schwer zumute war. [...]
Vielleicht war diese Krankheit eine Maßnahme der Natur und nicht allein von den Bakterien meines Freundes Dietrich von Sehlen hervorgerufen. Vielleicht war sie eine Notwendigkeit, die mein ferneres Dasein möglich machte. Die Geliebte sah, wie ich vermute, das römische Intermezzo als einen Fehlschlag an: ich ebenfalls – und auch wieder nicht. Ich war ein Narr, der sich selbst bei weitem überforderte. Es fing mir aber langsam zu dämmern an, daß man ohne alle Hast einer Kunst Jahre und Jahrzehnte opfern muß, wenn man ihr wahrhaft dienen will. Es war viel erreicht, wenn allein nur diese Erkenntnis erreicht wurde. [...]
Erwägungen dieser Art wurden von mir erst längere Zeit nach meiner Gesundung angestellt. Den Weg zum Krankenbett fanden sie nicht. Es war, als wenn ich vor ihnen durch eine Wache von Engeln geschützt wäre. Anscheinend hatten diese Engel keine weitere Macht über mich, sie waren unfähig, einen liebenswerten Patienten aus mir zu machen. Nach dem Schlußzeugnis von Schwester Balbine, einem pausbäckigen Tiroler Bauernmädchen, war ich das nicht. [...]
Nun erst, seit die Krise hinter mir lag und ich mich nur noch durch Schonung zu stärken hatte, begriff ich langsam, was mit mir vorgefallen war. Und nun erst kam mich im Rückblick auf die Todesnähe, in der ich gestanden, Schaudern an. Meine Gedanken umkreisten den Tod. Es war, als habe er mich besucht und, nachdem er gegangen, irgend etwas, sagen wir: einen Strauß von Asphodelosblüten, im Krankenzimmer zurückgelassen. Alles, was ich vom Tode wußte, fiel mir ein. [...]
Von den Ereignissen des vergangenen Winters hatte mich die Hand des Schicksals durch meine Krankheit losgelöst. Ohne Freud und Leid konnte ich auf sie zurückblicken. Was ich dabei gewonnen, was verloren hatte, berührte mich weiter nicht. [...]
Zwar wurde ich immer wieder durch die Lektüre des »Titan« von Jean Paul weit entrückt, lebte in und mit seiner göttlichen Seele und Schöne, aber schließlich wurde auch dieses Buch, das ich damals an die Seite von Goethes »Faust« stellte, zugeklappt. Ich habe es nie mehr aufgeschlagen. [...]

Dreißigstes Kapitel
Den ersten wahrhaft erneuernden und beglückenden Atemzug sog ich, vor dem Waggon auf und ab schreitend, in der Schneeluft des Brenner ein. Nun wollte ich erst mein Leben anfangen. Wollte es anfangen, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt der Heimat und nur der Heimat gehörend. [...]
Selbsttätig, gleichsam unbewußt, drängte alles in mir nach Enge, Beschränkung, Konzentration. Meine seit Jahren von Eindrücken, jähen Schicksalswechseln überlastete und überweitete Seele zog sich zusammen in einem Prozeß, in dem sie ihre noch vorhandene Elastizität bewies. Mir war zumute wie Hans im Glück, nachdem er seinen Mühlstein in den Brunnen geworfen hat. Ich war nicht mehr der ächzende Lastträger, der einen fast unerreichbaren Gipfel zu ersteigen sich vorgenommen hat. [...]

Einunddreißigstes Kapitel
So wurde denn Hugo Schmidt gleichsam ausgegraben. Als wirklich auf mein Telegramm nach Breslau seine Zusage kam, war es mir, als ob ich von einem Verschiedenen aus dem Jenseits Antwort erhielte. Als er in Dresden auftauchte, schien etwas wie eine Totenerweckung im Spiele zu sein. Gruben hieß der kleine Ort unweit Meißen am linken Elbufer, wo wir drei frohsinnigen jungen Menschen, Oskar Müller, Hugo Schmidt und ich, alsbald Fuß faßten. [...]
War es Sünde gegen Mary oder Verrat an ihr, wenn ich es duldete, daß die übermütigste Roggenmuhme sich bei mir einhenkelte und an mich anschmiegte? Wenn es Sommer war und der Weizen volle Ähren neigte, die goldene Hitze des Mittags alles ineinanderschmolz, warum sollten da Jugend und Jugend, Übermut und Übermut, Frohsinn und Lust sich durch eine eisige Trennungsschicht auseinanderhalten? Nein, dafür bestand weder im Himmel noch auf Erden eine Notwendigkeit. Ja, wir waren frei und gewissenlos. [...]
Und diese Gewissenlosigkeit, die uns im Lebens- und Selbstgenuß sicher machte, einen Schuldbegriff überhaupt nicht aufkommen ließ, war mit das schönste Geschenk dieser Zeit.
[...]
In Meißen, auf einem Felsen über der Elbe, liegt die Albrechtsburg. Bis dorthin war es eine angenehme Fußwanderung am linken Elbufer. Wir besuchten den mittelalterlichen Bau, um geistig ein Wiedersehen mit James Marshall zu feiern, dem trunkenen Faun und Maler der Breslauer Kunstschule, der dort einige Wände mit historischen Szenen geschmückt hat. Ob und wie der Meister damals vor unserem kritischen Urteil bestand, weiß ich nicht.
[...]
Kläre, Käthe und Ännchen waren so herrlich unbeschwert, so ganz ohne geistiges Gepäck. Weil sie lebten, lebten sie! Sie liebten, weil eben eine Blume nicht anders kann und blühen muß. Fragliches gab es bei ihnen nicht. So heiter, feurig und fertig waren sie aus Gottes Händen hervorgegangen, zur Liebe bestimmt, zur Liebe gemacht und keiner anderen Glückseligkeit weder im Himmel noch auf der Erde gewärtig: begnadet mit der Bestimmung eines durch den Sommermorgen gaukelnden bunten Schmetterlings. [...]

Zweiunddreißigstes Kapitel
Wir wurden von Kläre, Käthe und Ännchen bis an die Fähre der Elbe gebracht, deren Wasser für mich eine Lethe war. Ich hatte, wenn ich vom Jenseits herüberkam, einen Strom des Vergessens überquert, so daß mein Hohenhauser Glück meine Grubener Freuden nicht stören konnte. Fährmann und Boot brachten mich nun dorthin zurück. Kläre, Käthe und Ännchen winkten mit Locken und weißen Tüchelchen. Dann trank sie der Glanz des Sommers ein. Keiner von uns drei Burschen, die den Fuß aus dem Boot an das grüne Ufer setzten, hat eines der hübschen Kinder wiedergesehen. [...]
Ich lebte also, wie ich mir eingestehen muß, gedankenlos meinen Urinstinkten hingegeben: Spiel, Jagd, Liebeslust. [...]

Weil ich die See gefürchtet hatte, war ich in Hamburg zur See gegangen. Weil sich Berlin wie ein ungeheurer, rätselhafter, düsterer Wirbel vor meine Seele gedrängt hatte, zog es mich unwiderstehlich dorthin. Dort mußte man schwimmen, kämpfen, bestehen lernen: oder man mochte untergehn. Wie konnte dies aber über mich kommen, nachdem ich doch eben noch wunschlos gewesen war und mein Glück in bloßer Naturnähe, Liebe und Einfalt gesehen hatte? Hatte ich nicht vermieden, auch nur einen Seitenblick auf die Anmaßungen meiner bildnerischen Ziele zurückzuwerfen? Und kam mich, wenn es von ungefähr geschah, nicht ein Zittern an? Brachte mir nicht der Gedanke an das ewige Blau eines Himmels die schwärzeste Melancholie und einen Schauder, als ob ich mir, dem Pygmäen, eine der Arbeiten des Herakles zugemutet hätte? O nein, ich wollte nicht mehr den Gefesselten Prometheus spielen! Vielmehr graute mir vor ihm. Jetzt stürzte ich mich blind in diese mir Furcht erregende Stadt hinein, wo ich nur Großes und Arges ahnte. Und ich war des gewiß: es mußte sein. Und wirklich: der Wirbel packte mich fürchterlich. Ich wußte nicht, als ich Mary verließ, welche gefährliche Spanne Zeit ich vor mir hatte. Und ebensowenig wußte Mary, daß sie, anstatt mich schon jetzt mit kluger Vorsicht im Häuslichen einzufangen, nochmals mein Leben aufs Spiel setzte. 
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend , 1937)

30 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 22.- 27. Kapitel)

Zweiundzwanzigstes Kapitel
Ohne es noch zu ahnen, fuhren wir einem Paradiese zu. Capri glich dem echten sogar insoweit, als auch in ihm eine Schlange war. Ich bin ihr auf den Kopf getreten, aber die Vergiftung durch einen Fersenstich ist nicht ausgeblieben, und ich habe damit, solange ich in Italien war, zu schaffen gehabt. Vom Dampfer aus wurden wir zunächst in die Blaue Grotte geführt, die, im Altertum bekannt, von den Deutschen Kopisch, dem Dichter-Maler, und dem Maler Fries neu entdeckt wurde. [...]
Mit Sorgen quälten wir uns in Capri nicht. [...]

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wie nach einem metallenen Kruzifix, das auf den Grund des Meeres gesunken ist, hätte ich aussichtslose Tauchversuche unternehmen müssen, um die religiösen Zustände von Lederose wiederzufinden. Alle diese krankhaften Ängste und Selbstquälereien waren mir unzugänglich geworden. Stufe für Stufe war ich aus einer Welt ohne Kunst die Leiter der Schönheit emporgeklommen, bis mir das Glück in Gestalt Marys die Hand reichte und mir mit dem Zauberstabe der Liebe die Mauern meines Kerkers öffnete. Da war ich nun, mein Bruder mit mir in der gleichen Lage. Sieghaft standen wir hoch im Glanz. Aber war es nicht überaus seltsam, wenn wir, fast betäubt von schönen Erfüllungen, unsere Freunde und nicht unsere Bräute hierherwünschten? [...]
Was Capri trotz dieser und anderer Verdrießlichkeiten uns war, empfanden wir erst ganz, als wir uns nach Wochen, schweren Herzens, selbst aus diesem Paradies verstoßen hatten.
Und doch waren wir nur in das wundervolle Sorrent übergesetzt.
Aber selbst hier spürte man überall den Einbruch einer fremden, einer feindlichen Welt, die so wenig wie das Meer über die Insel Macht hatte. Wirkliches Heimweh nach Capri überwältigte uns, und wir dachten daran, sogleich wieder umzukehren und alle noch verfügbare Zeit dem unvergleichlichen Orte zu schenken, wo wir, wie nirgend, unsere eigene Jugend gefühlt und in Schönheit genossen hatten.
Alles indessen hat seine Zeit, und so gehorchten wir einer anderen Stimme, die uns vor dem Gedanken, einmal Gewesenes erneuern zu wollen, abmahnte. Diese Stimme wollte auch wissen, daß uns ein solcher Versuch nur enttäuschen würde.


Vierundzwanzigstes Kapitel
Carls und mein Zusammensein stand von nun ab geradezu unter einem bösen Stern. Wir waren schon tief im Mai, die Wärme wuchs und mit ihr Carls Reizbarkeit. Ich wünschte Amalfi und Salerno zu sehen, die Tempel von Paestum zu besuchen, Pompeji und Herkulanum kennenzulernen, den Vesuv zu besteigen und anderes mehr. Gegen alles das sträubte er sich. Es gelang mir schließlich mit großer Mühe, ihn zu bewegen, wenigstens eine Fahrt nach Amalfi mitzumachen. Aber weder Carl noch ich hatten Freude davon. Die Gluten des Himmels drückten auf Carl. Er ersehnte den Norden, er wollte heimreisen. Daß ich es aber nicht wollte, nahm ihm die Kraft zu diesem Entschluß. Konnte er sich als Schwächling preisgeben? So saßen wir nebeneinander im Landauer, und mein Bruder betrug sich so, als würde er gegen seinen Willen fortgeschleppt. Was zu sehen war, Landschaft, Örtlichkeit und Menschen, wurde von ihm in Bausch und Bogen abgelehnt. Wenn ich auf Schritt und Tritt bewunderte, schwieg er gereizt oder versuchte, meine Empfindungen zu entwerten. [...]


Besteigung des Vesuvs
Eine Vesuvbesteigung kam hinzu, deren Schilderung ihr wohl Gruseln erzeugen konnte.

Es standen Gewitter am Horizont, als wir bei stechender Sonnenglut vom Albergo del Sole abritten. Vor dem Aufbruchhatten wir lange geschwankt. Nach längerem Ritt, aber bevor wir Bosco Trecase erreicht hatten, sauste der erste Platzregen auf uns herab. [...]
Es war notwendig, unsere Kleider zu trocknen, wenn unser kleiner Reisetrupp die Vesuvbesteigung durchsetzen wollte. Aber auch weil man bei dem ewigen Murren des Donners darüber noch beraten wollte, wurde in einer kleinen Osteria Station gemacht.
Auf den Steinen unserer Wirtsstube trugen die Führer, die wie Abruzzenräuber aussahen, Reisig zusammen und machten ein Feuer an. Was ich heute noch nicht begreife: wieso, bei der niedrigen Decke, ging nicht das Haus in Flammen auf? wie war es möglich, daß Menschen in dem weißen, beizenden Qualme atmeten, der mich bereits nach Sekunden ins Freie trieb?
Ich drängte zum Aufbruch, nachdem der Entschluß, den Aufstieg fortzusetzen, gefaßt worden war, und bald saßen wir wieder in den Sätteln.
Es ging nun rücksichtslos bergan. Noch einige Häuser und Hütten wurden passiert. Auf halber Höhe des Berges herrschte bereits Dunkelheit. Groß war das Schauspiel, dem wir nun auf dem Rücken der mit Anspannung aller Kräfte ausgreifenden Pferde beiwohnten.


Wiederum hatte sich schweres Gewölk diesmal um den Gipfel des Berges gelegt, das murrte und grollte und aus dem Innern des Kraters rot beschienen wurde. Von dorther wurde außerdem ununterbrochen Glutgestein dawider emporgeschleudert. Höher hinauf nahm das Grollen und die Mächtigkeit der Blitze zu, sie folgten einander in kurzen Zwischenräumen. Endlich, als wir den glühenden und knisternden Rand eines Lavastromes erreicht hatten, war nur ein einziges ununterbrochenes Krachen in der Luft, und von Wolke zu Krater und Krater zu Wolke sprangen ununterbrochen die blauen Funken.
Bis zum Krater selbst zu gelangen, mußten wir wohl unter solchen Umständen aufgeben. Ein Versuch dazu wurde trotzdem gemacht.
Wir saßen ab und traversierten mehrere Schlackenfelder, nur von Blitzen und vom Widerschein des Vesuvs erhellt, bis wir durch unsere beinah versengten Sohlen und einige furchtbare Einschläge in der Nähe zur Umkehr gezwungen wurden. Glühende Steine sausten herab.
An den Fuß des Vesuvs zurückgekehrt, wollte ich nicht in Trecase bleiben. Das Gasthaus war eine allzu bedenkliche Unterkunft. Als ich aber meine Absicht, weiterzureiten, um nachts noch Pompeji zu erreichen, den Führern und Pferdetreibern mitteilte, rieten sie einstimmig davon ab.
Als ich auf meinem Entschluß beharrte, ließen sie merken, daß die Straße nicht sicher sei. Um den Ort Castellamare herum sei in letzter Zeit allerlei vorgekommen. Keinesfalls wollte mich einer von ihnen begleiten.
Trotzdem galoppierte ich kurz darauf durch die stockschwarze Nacht, neben mir ein mutiger Junge, den ich mich zu begleiten bewogen hatte. Wir jagten beinah in Karriere dahin. Noch erinnere ich mich, wie mir bewußt wurde, daß ich verloren wäre, wenn irgendein kleines Hindernis das Pferd zum Stolpern gebracht hätte. Auch an die hallenden Geräusche der Hufe, wenn wir durch die Dörfer jagten, erinnere ich mich. Das Ganze in fremder, unsicherer Gegend, zwischen ziemlich verrufenen Ortschaften, war wohl geeignet, mich zu veranlassen, meine Seele Gott zu empfehlen. Aus Torre Annunziata, wo unsere Pferde zu Hause waren, wollten sie nicht mehr heraus. Wir mußten fortwährend auf- und abspringen, da sie bäumten und dann sich leicht überwarfen. Mein kleiner Begleiter übte dieses Turnen mit Meisterschaft. Er hätte auch sonst schlimm enden mögen, da wir sein kleines, lebhaftes Pferd mehrmals aus einem tiefen Straßengraben herausholen mußten, wo es zappelnd auf dem Rücken lag. Nach alledem kamen wir aber doch wohlbehalten in Pompeji vor meinem Gasthof Zur Sonne an. [...]

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Ohne Carl würde Neapel nur ein Durchgangspunkt für mich gewesen sein. Capri würde ich nicht besucht haben. Ich hätte das große Museum in Neapel, hätte Herkulanum und Pompeji gesehen und wäre über Brindisi, Korfu, Patras nach Athen weitergereist. Dieser Plan war zunichte geworden, aber nicht allein wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit: er hatte in einer Überfülle neuer Eindrücke ertrinken müssen.
Meine hauptsächlich für Griechenland bestimmte Kofferbibliothek: Overbeck, Curtius, Perikles von Adolf Schmidt, Pausanias, Hettners Reise durch Griechenland und andere Werke, lag unberührt, freilich auch – ich hatte den ganzen Crowe und Cavalcaselle mit –, was sich auf italienische Kunst bezog.
Aber nun, zum schönen Schluß, wurde mir doch noch das Glück zuteil, eines der schönsten Denkmäler Großgriechenlands zu erblicken: die dorischen Tempel von Poseidonia. So hatte meine Reise denn doch auf griechischem Boden zwischen den Säulen griechischer Tempel ihre Weihen erhalten. Vielleicht ist es gut, daß ich die Tempelburg und den Tempelberg der jungfräulichen Göttin Athene nicht erreicht habe, deren Trümmerwelt meine Seele damals vielleicht nicht mit so tiefer und fruchtbarer Trauer erfüllt haben würde wie diese verlassenen rostroten Säulentempel, durch die man das Blau des Mittelmeeres leuchten sieht. Sie heben sich aus einer dichten grünen Wildnis von Farnkraut und Akanthus empor, jener Distelart, die das klassische Blatt für das Kapitell der korinthischen Säule gegeben hat, das vor noch gar nicht langer Zeit im Zeichensaal meine Vorlage war. Als ich den Akanthus nun als lebendige Pflanze vor mir sah, hatte dies etwas Traumhaftes: es hätte können auch Asphodelos sein. War doch um mich trotz allem Brennen der Sonne eine Art Versunkenheit und Verstorbenheit. [...]
Ich gelangte nach Rom, weil es auf meinem Wege lag. Kaum aber war ich da, glaubte ich, daß ich nur diese und diese Stadt gesucht hätte. Ich fühlte nach wenigen Tagen, daß ich ihrer Atmosphäre erlegen und bereits darin heimisch war. [...]
Zerzaust, ramponiert und äußerlich elend kam ich heim, aber im Innern aufs höchste bereichert. Mary erschrak, als ich in Hohenhaus auftauchte. Aber nach kurzer Zeit haben mich die Hohenhauser Fleischtöpfe und das Hohenhauser Glück wieder instand gesetzt. Es wollte mir freilich nicht mehr gelingen, in dem schönen Elbtal so viel Glanz und Farbe wie früher zu sehen. Nach der Farbenschwelgerei im Süden erschien mir die Landschaft wie ausgebleicht und abgeblaßt. Das änderte sich, als eine, als die zweite Woche vorüber war; Auge und Seele hatten ihre angeborene Empfänglichkeit und Reizempfindlichkeit der schlichteren Heimatwelt gegenüber wiedergewonnen. Ja, ein wahrer Heimatrausch kam dann über mich: es war etwas Fröhlich-Sinnenfrohes, Unbesorgt-Barbarisches! Schon in München bei der Durchreise hatte ich es gefühlt. Selbst der letzte Schüttelfrost, den ich dort im Hotel zu bestehen hatte, unterbrach ihn nicht. [...]

Sechsundzwanzigstes Kapitel


»Hic Rhodus, hic salta!« hieß es nun. Ich war jung, unerfahren und hatte noch keineswegs über das Wesen der Kunst, die ich ausüben wollte, genügend nachgedacht: ich hätte sonst mein unschätzbares Selbstbestimmungsrecht besser verwerten müssen. Denn statt nun mit Bewußtsein mein eigener Schüler zu sein, ungeduldige Hast, Sprunghaftigkeit, Wunderglauben und Ruhmesgier aus meinem Wesen zu tilgen, gab ich mich der Verblendung hin, ich könne das Große im ersten Anlauf hinstellen. Ich weiß nicht, ob ein Wort, das mein Vater immer wieder als Warnung zu gebrauchen pflegte, von ihm richtig zitiert wurde: »Wer alles will, will nichts.« Wäre ich dem, was es sagen will, damals getreulich nachgegangen, hätte ich mich in meinem jetzigen Falle mit dem l'art pour l'art begnügt. Ich würde mich, ohne anderes zu wollen, als nur zu lernen, am besten vor die Natur, das Modell gestellt haben. Alle Wucherungen der Phantasie, die ja überhaupt bei dieser Kunst, wie ich bald erkannte, nur mit Vorsicht zu verwenden ist, hätte ich gänzlich ausgeschaltet. Statt also Phantasien beleben zu wollen und von innen nach außen zu bilden, hätte ich von außen nach innen gebildet als ein zwar lebendiger, aber fast unpersönlicher, fast willenloser Spiegel der Natur. Weit entfernt davon, habe ich unreifes Wollen durch unreifes Hoffen zu manchmal übergroßen, nutzlosen Mühen aufgerufen. [...]

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Noch heut ist das gleiche Exemplar des von Donner übersetzten Aischylos in meiner Hand,
aus dem ich damals den »Gefesselten Prometheus« studierte. Es war mein Gedanke, in dieser Rolle aufzutreten. Und ich bin fest überzeugt, daß, wenn eine Liebhabervorstellung im Saal des Künstlervereins zustande gekommen wäre, ich keineswegs Fiasko damit gemacht hätte. Ich war mir dessen so sicher, wie ich mit dem Vortrag des »Tauchers« von Schiller alle meine Mitschüler sicher übertroffen hätte. Aber man rief mich dazu in der Klasse nicht auf, wo ich dann immer das selbstgefällige Gestümper der Mitschüler, innerlich knirschend, anhören mußte. Was liegt jedoch im Grunde daran, ob ich in jenem kindlichen Falle oder in dem neuen, vielleicht ähnlich kindlichen meinen Willen durchsetzen konnte? Dagegen ist mein unlösliches Ergreifen der Aischyleischen Dichtung selbst in so jungen Jahren von Bedeutsamkeit. Der Doppelband, den ich immer mit mir trug und der den »Agamemnon«, »Das Todesopfer«, »Die Eumeniden«, »Die Sieben gegen Theben«, »Die Perser«, »Die Schutzflehenden« und den »Prometheus« enthält, ist bis auf diesen ungelesen, was die nur hier vorhandenen Marginalien zeigen, woraus erhellt, wie mich der »Prometheus«, immer wieder der »Prometheus«, an sich sog.
Meine Knabenzeit, so glücklich sie war, machte mich in einem ungewöhnlichen Maße mit der angeborenen menschlichen Eristik vertraut. Wer wüßte nicht, daß Eristik das innerste Wesen des Dramas ist. Also war es das Drama, als das ich das Leben zu leben gewöhnt ward. Anders verstand ich das Leben nicht. Ob mich das glücklich machte oder nicht, zog ich nicht in Betracht. Ich werde mich oft nach Ruhe, nach Frieden gesehnt haben. Aber das Drama, das ich später Urdrama nannte, lebte nun einmal in mir. Der Vater, die Mutter, die Geschwister, die engere und weitere Familie agierten zunächst darin. Wie schon einmal erwähnt, wurden auf das innere Forum, wo diese Schatten Eristik übten, alle wichtigen Fragen gebracht und unter Affekten ausgekämpft. Ich hatte meine Einmaligkeit gegen sie durchzusetzen. Das war es, worin mir der »Gefesselte Prometheus« entgegenkam. Wie er, war auch ich von Feinden umgeben, da sich mein inneres Forum und meine innere Menschenwelt inzwischen geweitet und vervielfältigt hatten. Ich spürte um mich »Kraft« und »Gewalt« am Werk und ihre von höchsten Stellen gestützte Überlegenheit.
Gern machte ich mich glauben, daß meine Gefangenschaft wie die des Prometheus, damit er »seiner Menschenlieb' Einhalt gebeut«, verhängt werde. [...]
Man mißbraucht dieses Wort Größenwahn, wenn man es auf die erbärmliche Lafferei ehrgeiziger Dummköpfe anwendet. Die große Empfindung dieser Art, die ich damals hatte und die sich ins unaussprechlich Erhabene weitete, verführte mich zu irgendeinem äußeren Dünkel nicht. Meinethalben war es Wahn; aber ist dann nicht alles Wahn? Weiß man nicht, daß jede Empfindung nur ihre eigene Realität bedeutet und flüchtig ist, und hat nicht Immanuel Kant trocken festgestellt, das Ding an sich bleibe ewig von unserer Erkenntnis geschieden? [...]
Meine Angriffslust, mein Trotz, mein Größenwahn mochten allerdings mitunter einen schwer erträglichen Grad erreichen. Aber man mußte doch vor den Ideen Achtung haben, die ich vertrat. Das prometheische Göttergeschenk der Kunst sollte als göttlich betrachtet werden. Ich vertrat die Heiligkeit der Natur, vor der jeder Ehrfurcht und Andacht empfinden müsse. Ich stellte paradoxe Behauptungen auf: ein schmutziger Kerl, der sich mit seinem Modell herumwische, könne etwas Großes und Reines nicht hervorbringen. [...]

Schöne Frauen und junge Damen waren plötzlich in großer Menge hereingeschneit. Den Preis erhielten zwei Schwestern Dohm aus Berlin, die mit ihrer Mutter, Hedwig Dohm, gekommen waren. Ihr Vater war Chefredakteur des »Kladderadatsch«. [...]
Bei alledem blieb ich ein eigensinniger Frühaufsteher, besuchte die Frühmessen und dabei im Halblicht immer wieder das Grabmal Julius des Zweiten, trank meinen Umbra im Arbeitercafé und eilte zu meiner Kolossalfigur des Germanenkriegers zurück, mit der ich mich unsäglich abquälte.
Ob diese Riesenfigur von jemand bestellt sei, fragte man mich, und wenn ich verneinend geantwortet hatte, so wollte man nicht begreifen, weshalb ich sie ausführte. Nun begriff ich wieder, als ein eigenen Ideen frei hingegebener Künstler, dieses Nichtbegreifen nicht und ließ mich's nicht im geringsten anfechten.
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend , 1937)