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17 Januar 2016

Textbetrachtung

Stimmen die Bilder?
Gibt es ein Zuviel?

Ueber dem Teich, hoch im blauen Frühlingshimmel, hing lange und unbeweglich ein dunkler Punkt. Das blanke Gewässer wimmelte von Fischen; es lag immer so einsam, und wehrlos da, und die alten, nahe an seinen Spiegel gerückten Baumriesen konnten auch nicht helfen, wenn der graugefiederte Dieb, jäh aus den Lüften herabstürzend, nach Herzenslust das silberschuppige Leben im Wasser würgte. Heute nun traute er sich nicht herab, denn es waren Menschen da, große und kleine, und die kleinen schrieen und jubelten so ungebärdig und warfen im kindischen Vermessen ihre bunten Bälle nach ihm; rastende Pferde wieherten und stampften das Ufergeröll, und durch die Baumwipfel quollen Rauchwolken und fuhren mit zuckenden Armen gen Himmel. Menschenlärm und Rauch – das war nichts für den heimtückisch hereinbrechenden Räuber, nichts für den Segler des kristallenen Aethers; mißmutig zog der Reiher immer weitere Kreise und verschwand zuletzt unter einem gellenden Kinderhurra so spurlos, als sei sein gewichtiger Körper zerblasen und zerstoben.
(Eugenie Marlitt: Die zweite Frau - Kapitel 1)

Man kennt es schon von mir. Immer wieder zitiere ich Texte von Marlitt, wo sie beschreibt und sich nicht in klischeehaften Charakterzeichnungen ergeht. 

Hier ein Beispiel dafür:
"Ihre Mutter stieß einen gellenden Laut aus, dann warf sie sich rücklings auf ein Sopha und verfiel in Lachkrämpfe.
Ruhig, mit untergeschlagenen Armen, stand Ulrike zu Häupten der wie toll um sich schlagenden Frau und sah mit einem bitter-ironischen Lächeln auf sie nieder.
„Der arme Magnus!“ flüsterte Liane, nach der Thür des Nebenzimmers deutend. „Er ist drüben – wie wird er erschrecken über diesen Lärm! … Bitte, Mama, fasse Dich! Magnus darf Dich nicht so sehen – was soll er denken?“ wandte sie sich halb bittend, halb mit ernstem Nachdruck an ihre Mutter.
Die widerwärtige Scene, welcher die Töchter stets durch Nachgiebigkeit und möglichsten Gehorsam vorzubeugen suchten, spielte sich ja nun doch ab; nun machte sich der tiefe, gerechte Unwille geltend, den das charaktervolle Weib gegenüber den Ausschreitungen einer entarteten Frauennatur empfindet. Die junge Mädchengestalt zitterte nicht mehr vor Furcht – es sprach etwas unbewußt Ueberlegenes aus der Bewegung, mit welcher sie ernst mahnend die Hand hob. Sie predigte tauben Ohren – das Geschrei dauerte fort."

14 Dezember 2015

"jenes keusche, unentweihte innere Leben" (Marlitt:Goldelse)

Fräulein von Walde litt neben der Dame alle jene Qualen, die uns so manchmal die Konvenienz auferlegt; sie mußte mit zuvorkommender Aufmerksamkeit auf tausend Nichtigkeiten hören und antworten, während ein heißer Schmerz ihr Inneres zerriß. Aber auch nur eine Frau, wie die Oberhofmeisterin, die das höchste Erdenglück in einem Gnadenblicke aus fürstlichen Augen suchte und fand, eine Person, deren ganze Seelenthätigkeit sich darauf beschränkte, Schildwache vor dem Reiche der Etikette zu stehen und den Nimbus ihrer sauer genug errungenen Exzellenz ängstlich zu behüten, nur sie konnte wiederholt in das Gesicht der jungen Dame sehen, ohne die tiefe innere Erregung in den Zügen zu bemerken. [...]
Daß er dem jungen Mädchen in Wirklichkeit einen Widerwillen einflößen könne, das fiel ihm nicht im entferntesten ein, ihm, dem Vielbegehrten, von dem ein karges Wort, eine Aufforderung zum Tanze in der gesamten L.schen Damenwelt Sensation machte und oft zur Fackel der Zwietracht wurde. Ihm konnte ein solcher Gedanke gar nicht kommen. Es lag viel näher, daß die Forstschreiberstochter eine Kokette war, die ihm die Eroberung so schwer wie möglich zu machen suchte. An die jungfräuliche Reinheit der Seele, die Elisabeths ganze Erscheinung so unwiderstehlich machte, und deren Zauber gerade auf ihn, wenn auch von ihm unverstanden, hinreißend wirkte – an jenes keusche, unentweihte innere Leben glaubte er nicht, und deshalb konnte er auch nie zu dem Schlusse gelangen, daß das junge Mädchen instinktmäßig vor seiner inneren Zerrüttung und Verdorbenheit zurückbebe. [...]
»Gott behüte uns, daß wir es machen, wie jene, welche die Sünden ihrer Vorfahren aufgraben, um das Alter ihres Geschlechts zu beweisen und die den Adel dadurch unadlig machen: eine größere Widersinnigkeit hat die ganze Welt nicht . . . Mir ist, als müßten sich die Schatten aller derer, die jenes hochmütige, erbarmungslose Geschlecht gequält und durch das Leben gehetzt hat, anklagend erheben, wenn der Name wieder aufleben sollte, unter dessen Deckmantel jahrhundertelang alle erdenklichen Greuel verübt worden sind . . .
Während meine Zitate aus Goldelse, die ich im August vorgestellt habe, zeigten, dass Marlitt anschaulich und mit gelungenen Bildern schreiben kann, zeigen die voranstehenden Zitate, dass sie zwar sozial engagiert, aber mit ihrer Darstellung der Begegnung von Adels- und Bürgerwelt doch sehr trivial und klischeeverhaftet schreibt. 
Sie hat meine Sympathie. Für anspruchsvollere Texte hätte sie weit bessere Voraussetzungen haben müssen und hat auch so Ehrenwertes geleistet.

20 August 2015

E. Marlitt: Goldelse

Den ganzen Tag über hatte es geschneit, und zwar so recht mit Muße und Gemächlichkeit, so daß die Dächer und Fenstersimse dicke, fleckenlos weiße Polster angelegt hatten.  [...]
Nun brach ein früher Abend herein und mit ihm ein wilder Sturm, der heimtückisch in die niedertaumelnden Schneeflocken fuhr, wie ein Raubtier zwischen eine friedliche Taubenschar. Mag auch das Wetter derart sein, daß der gemütliche Kleinstädter nicht einmal seinen Hund, geschweige denn seine eigenen, edlen Gliedmaßen außerhalb der vier Wände wissen will, in der großen Hauptstadt B. merkt man abends zwischen sechs und sieben Uhr keinen auffallenden Unterschied hinsichtlich der Straßenfrequenz. Die Gasflammen ersetzen die Himmelslichter, die nicht kommen wollen; um die Ecken jagen die Equipagen in so wütender Eile, daß die Fußgänger nur durch einen kühnen Sprung an die Häuser Leben und Glieder retten; dafür folgt ein Schwall kräftiger Flüche dem pelzverbrämten Kutscher und dem eleganten Wagen, hinter dessen festgeschlossenen Scheiben reizende Damen ihr blumengeschmücktes Köpfchen mühsam über die ungeheuren Wogen des umfangreichen Gazekleides heben und keine Ahnung davon haben, daß in diesem Augenblicke Feuer und Schwefel auf ihre duftenden Locken herabgewünscht werden. [...]
Herr von Gnadewitz, der Letzte seines Stammes, war Kammerherr in Fürstlich X.schen Diensten, zudem Inhaber hoher Orden und verschiedener Rittergüter, wie auch Besitzer aller Charaktereigenschaften, die, seiner Ansicht nach, einem Hochgebornen zukommen, und die er »vornehm« nannte, weil dem gemeinen Manne bei der derben Hausmannskost der Moral und dem strengen Muß der Verhältnisse und Sitten jedwedes Verständnis für jene unnachahmliche Grazie und Eleganz des Lasters abgehe. [...]
Allein der angeregten Phantasie gegenüber spielt der Verstand oft eine klägliche Rolle. Mitten in der Untersuchung verschwinden plötzlich Ankläger und Zeugen, er sieht sich allein auf seinem Richterstuhle und muß es sich sogar gefallen lassen, daß er hinter die Kulissen gesteckt wird, während um und neben ihm die Spektakelstücke der Phantasie von vorn anheben. [...]
Sie überblickte den Garten und dachte an ihre Kinderjahre, an jene Momente voll unbezwingbarer Sehnsucht, wo sie beim Spaziergange hinter den Eltern zurückblieb und, ihr Gesicht an das festgeschlossene Gitter gepreßt, in fremde Gärten hineinsah. Dort tummelten sich glückliche Kinder ungezwungen auf den Rasenplätzen; sie durften die aufgeblühten Rosen am Stocke in ihre kleinen Hände nehmen und sich an dem Dufte erquicken, solange sie wollten . . . Und was mußte das für eine Lust sein, den kleinen Körper unter einen vollen Strauch zu ducken und gerade so im Grünen zu sitzen, wie die großen Leute in einer Laube! Damals blieb es bei Wunsch und Sehnsucht. Nie öffnete sich eine der geschlossenen Thüren vor dem Kinde mit den bittenden Augen, und es wäre doch schon zufrieden gewesen, wenn man durch das Gitter einige Blumen in seine kleinen Hände gelegt hätte. [...]
Bisweilen streckte ein Schwan seinen weißen Hals neugierig in den Schatten der Allee, wobei seine Flügel einen blitzenden Regenschauer an die alten Stämme schleuderten – ein klarer kleiner See schmiegte sich dicht an ihre Füße; er lag in diesem Augenblicke ziemlich melancholisch in seinem blumengeschmückten Ringe, denn ein bewölkter Himmel spiegelte sich in seiner Fläche. [...]
Die Dame hielt zwischen den feinen, fast durchsichtig mageren Fingern einige Aurikeln, welche sie gedankenlos unaufhörlich hin und her drehte. Nur auf den schmalen Lippen lag ein schwacher Anflug von Rot, sonst war das Gesicht lilienweiß, man hätte sich versucht fühlen können, seine Lebenswärme zu bezweifeln, hätten nicht die blauen Augen in einem wundersamen Ausdrucke geleuchtet. Diese Augen mit diesem Ausdrucke aber waren auf das Gesicht eines Mannes gerichtet, der, gegenüber sitzend, ihr vorzulesen schien. Elisabeth konnte sein Gesicht nicht sehen, denn er wendete ihr den Rücken zu. Er schien jung, groß und schlank zu sein und hatte üppiges dunkelblondes Haar. »Ist die reizende Dame da drunten die Baronin Lessen?« fragte Elisabeth gespannt. Der Oberförster nahm das Perspektiv. »Nein,« sagte er, »das ist Fräulein von Walde, die Schwester des Besitzers von Lindhof. Du nennst sie reizend, und ihr Kopf ist es auch, aber ihr Körper ist krüppelhaft – sie geht an der Krücke.« [...]
man hätte den Schatten der Lindenblätter auf dem hellbeleuchteten Rasen nachzeichnen können, so unbeweglich hingen sie droben.

04 Juli 2013

Marlitts Stärken

Die Fensterreihe im Erdgeschoß steckte hinter jenen dichten, bauchigen Eisengittern, die stets eine gewisse Achtung einflößen und erkennen lassen, daß es ihre Aufgabe sei, ansehnliche Vermögen und Wertgegenstände zu beschützen, zugleich aber auch deren gesichertes Vorhandensein verraten zu dürfen.
So plakativ die Gegenüberstellung von Reich und Arm sonst auch oft bei ihr sein mag, Marlitt versteht sich durchaus auf "Bilde, Künstler! Rede nicht!" Die "dichten bauchigen Eisengitter" rufen das Bild von mittelalterlichen Patrizierhäusern wach und das Gefühl der Notwendigkeit, dass sie in einer Zeit großer sozialer Unterschiede verteidigt werden müssen. Freilich, dass sie damit auch Reichtum zur Schau stellen, wird ausgesprochen, weil das beim Leser wohl nicht ohne weiteres assoziiert wird. Dafür spielt es in der Erzählung "Die Zwölf Apostel" von 1865, aus der das Zitat stammt, dann eine desto größere Rolle.

Ein zwanzigjähriger Mädchenkopf

[...] Bis ein zwanzigjähriger Mädchenkopf dem strengen Schicksal gegenüber mit sich selber fertig wird, dazu gehört viel, unaussprechlich viel. Aber sie hat sich ja doch hineingefunden.« [...]
[...] Was liegt daran, ob Sie die arme Magd des Amtmanns verachten oder nicht! Sie will nur für ein paar Menschen da sein – für sie ist die Beachtung von seiten anderer nur eine Pein.« [...]
Was gab jener Egoistin die Macht über den klaren Geist und das Lebensschicksal dieses wunderbaren Mädchens?... [...]
Wollte er es wirklich erleben, daß Amtmanns Magd in kurzen, dürren Worten erklärte, sie bedanke sich recht sehr dafür, Herrin im Hause Markus zu werden?

(Amtmanns Magd)

Versteckspiel

 Stumm reichte sie ihm den Brief hin. »Was der Tausend – er ist ja für mich!« rief er mit einem Blick auf die Aufschrift. »Von wem?« Sie bückte sich und nahm den Rechen auf. »Von deinem Herrn doch nicht?« forschte er weiter, da die Antwort nicht sofort erfolgte. »Ja, vom Amtmann,« bestätigte sie jetzt in der fast ängstlich knappen Redeweise, die er bereits an ihr kannte. Er wiegte lächelnd den Kopf. »Sieh, sieh, was der alte Herr für eine zierliche Damenhand schreibt!« »Das ist nicht seine Schrift – er leidet an Augenschwäche –« »Ach so, da hat er diktiert, und eine seiner Damen – wie ich vermute, das Fräulein Erzieherin – hat nachgeschrieben.« Er hielt die Aufschrift prüfend von sich ab. »Schöne, schlanke Züge, auf schneeweißem Papier, wie es sich für eine Dame gehört, die mit Küchengerät und Staubtuch rein gar nichts zu schaffen hat.« – Sie warf den Kopf auf, und er hoffte schon auf eine schneidige Antwort; aber umsonst, sie senkte das Kinn wieder auf die Brust und schwieg. »Du bist wohl für deine junge Dame sehr eingenommen?« fragte er, seine brennende Zigarre wieder zum Munde führend. »Ich glaube nicht!« versetzte sie und trat ein wenig zurück, als wolle sie den blauen Duftringeln ausweichen, die ihren Kopf plötzlich umschleierten. Lächerlich! Das Mädchen da, das in öffentlichen Vergnügungslokalen unter ihresgleichen den dicken Dampf unfeinen Knasters atmen mußte, tat verwöhnt und belästigt, als habe sie die feinsten Damennerven – sie kopierte höchst wahrscheinlich das Fräulein Erzieherin. Das ärgerte und reizte ihn – er tat nun erst recht ein paar kräftige Züge. »Du glaubst es nicht?« wiederholte er darauf. »Aber ihr vornehmes Wesen, gefällt dir trotz alledem, wie ich vermute – du möchtest wohl gar zu gern sein wie sie, nicht?« »Das wäre ein sonderbarer Wunsch –« »Ei warum denn? Die schönen Hände pflegen und sich im kühlen Zimmer bedienen zu lassen, ist doch tausendmal wünschenswerter, als ins Heu zu gehen und bei harter Arbeit von der Sonnenhitze ausgedörrt zu werden?« »Meinen Sie, das – das Fräulein arbeite nicht?« »Mein Gott, ja!« versetzte er in spöttischem Ton. »Ich bin sogar überzeugt, daß sie mit behandschuhten Händen sehr fleißig Feldblumen pflückt und sie als geschmackvolle Sträußchen für Albumblätter trocknet oder in Wasserfarben malt; sie wird Kanten sticken, schreiben und lesen und ihre Fingerübungen auf dem Klavier mit grausamer Pünktlichkeit zum Genuß aller nervengereizten Menschen herunterspielen. Nun, stimmt es!« »Zum Teil, ja!« bestätigte sie, wobei sie den Strohhut noch tiefer in die Stirn zog. Es waren hübsche, schlanke, aber tiefgebräunte Finger, die nach dem Hutrand griffen. »Siehst du?« sagte er mit mutwilligem Lächeln. »Ich glaube auch, daß sie sehr gut zu beurteilen versteht, ob du in ihrem Zimmer gründlich abgestäubt und die Ordnung wiederhergestellt hast, sie wird es ebensowohl zu würdigen wissen, wenn dir die süße Mehlspeise geraten und der Braten nicht angebrannt ist.« Ein leises Auflachen kam unter dem weißen Tuch hervor. »Ich weiß nur, daß sie selten zufrieden mit mir ist!« sagte das Mädchen gleich darauf mit Bestimmtheit. »Du wirst es an der gebührenden Unterwürfigkeit fehlen lassen, meine Kleine. – Quält dich das Fräulein Blaustrumpf dafür?« »Dafür nicht; aber sie macht mir oft die bittersten Vorwürfe, wenn meine Kraft mit dem Willen durchaus nicht Schritt halten will.« Er ließ die Hand mit der Zigarre sinken, und seine Augen suchten mit dem Ausdruck von Befremdung unter Tuch und Hutschirm zu dringen. 
(Amtmanns Magd)

20 Juni 2013

Marlitts "Amtsmanns Magd" zwischen "Stolz und Vorurteil" und "Irrungen, Wirrungen"

Jane Austen ist es in "Stolz und Vorurteil" gelungen, die Begegnung zwischen einer - relativ - armen Frau und einem reichen Mann zu einem Happyend zu führen, ohne dass dies Ende kitschig wirkt. Denn die Frau gibt nur ihr Vorurteil auf, nicht ihren Stolz. Der Mann gibt nur seinen Familienstolz auf und bleibt bei dem Gefühl, das ihn von Anfang an bestimmte. Die psychologischen Unwahrscheinlichkeiten versteht sie in meisterhafter Weise glaubhaft zu machen.
Natürlich lässt sich Austens Roman als Rührstück lesen und verfilmen, die Charakterzeichnung ist aber so differenziert, der Humor und die unterschiedlichen Sehweisen sind so geschickt eingesetzt, dass am Eindruck künstlerischer Meisterschaft kein Zweifel bleibt.
E. Marlitt dagegen, die in "Amtsmanns Magd" dem reichen Mann das Vorurteil (über Erzieherinnen) und der armen Frau den Stolz (auf Gleichberechtigung und wirtschaftliche Unabhängigkeit)  zuordnet, kann die Entwicklung ihrer Hauptpersonen nicht so überzeugend gestalten. Der Mann gibt nur sein Vorurteil über Erzieherinnen auf, kann aber aufgrund seiner wirtschaftlichen Überlegenheit bis zum Schluss an seiner Überlegenheitsrolle festhalten. Die Frau gibt ihre wirtschaftliche Selbständigkeit und angesichts der Frauenrolle in der Ehe des 19. Jahrhunderts auch ihre Gleichberechtigung auf.

Fontane verzichtet bei seiner Erzählung über die arme Frau und den reichen Mann ("Irrungen, Wirrungen") auf das Happyend und hat es damit leichter, eine realistische Geschichte zu erzählen, ohne dass er die Frau in eine ungleiche Ehe führen muss. Bis zum Schluss bleibt Lene die Person, die die Beziehung realistisch einschätzt und die ihre Haltung nicht zu korrigieren braucht. Und ihre Liebe zum reichen Mann nimmt ihr nichts weg, weil sie ihn nicht wegen seines Reichtums liebt, sondern trotz seiner Schwächen und weil sie trotz aller Einsicht und Selbstbescheidung leiden muss, doch dem Mann, der sie aus Schwäche fallen gelassen hat, das Geständnis abnötigt: "Gideon ist besser als Botho".

(Dass das vor allem heißt "Lene ist besser als Botho", kann man im verlinkten Text nachlesen.) Irgendwann will ich aber auch die literarischen Qualitäten E. Marlitts herausarbeiten.

01 Juni 2013

Die Begegnung

Hedwig:
Der Landvogt ist jetzt dort. Bleib weg von Altdorf.
Tell:
Er geht, noch heute.
Hedwig:
Drum lasst ihn erst fort sein.
Gemahn ihn nicht an dich, du weisst, er grollt uns.
Tell:
Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden,
Ich tue recht und scheue keinen Feind.
Hedwig:
Die recht tun, eben die hasst er am meisten.
Tell:
Weil er nicht an sie kommen kann – Mich wird
Der Ritter wohl in Frieden lassen, mein ich.
Hedwig:
So, weisst du das?
Tell:
Es ist nicht lange her,
Da ging ich jagen durch die wilden Gründe
Des Schächentals auf menschenleerer Spur,
Und da ich einsam einen Felsensteig
Verfolgte, wo nicht auszuweichen war,
Denn über mir hing schroff die Felswand her,
Und unten rauschte fürchterlich der Schächen,
Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn und sehen mit gespannter Neugier an ihm hinauf:
Da kam der Landvogt gegen mich daher,
Er ganz allein mit mir, der auch allein war,
Bloss Mensch zu Mensch und neben uns der Abgrund.
Und als der Herre mein ansichtig ward,
Und mich erkannte, den er kurz zuvor
Um kleiner Ursach willen schwer gebüsst,
Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr
Dahergeschritten kommen, da verblasst' er,
Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen,
Dass er jetzt an die Felswand würde sinken.
– Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm
Bescheidentlich und sprach: »Ich bin's, Herr Landvogt.«
Er aber konnte keinen armen Laut
Aus seinem Munde geben – Mit der Hand nur
Winkt' er mir schweigend, meines Wegs zu gehn,
Da ging ich fort, und sandt ihm sein Gefolge.
Hedwig:
Er hat vor dir gezittert – Wehe dir!
Dass du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.
Tell:
Drum meid ich ihn, und er wird mich nicht suchen.
Hedwig:
Bleib heute nur dort weg. Geh lieber jagen.
Tell:
Was fällt dir ein?
Hedwig:
Mich ängstigt's. Bleibe weg.
Tell:
Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen? [...]
Schiller: Wilhelm Tell, 3. Aufzug, 1. Szene

Hoch und niedrig treffen aufeinander. Der Hohe in einer Situation der Schwäche, der Niedrige kann helfen oder das Gegenteil tun. Wir wissen, wie es weitergeht und wie die folgenden Begegnungen für die Männer schicksalhaft werden.

Verändern wir nun die Situation ein wenig und lassen statt Mann und Mann Mann und Frau aufeinander treffen:
Er betrat den Steg, jedenfalls um den vollen Anblick des hübschen Landschaftsbildes zu gewinnen; aber er kannte wohl die Heimtücke solcher sorglos über die Bäche geschlagener Holzbrückchen nicht, denn während er die Augen gefesselt auf die Mühle richtete, versank sein Fuß plötzlich und sah wie eingekeilt zwischen dem den äußersten Rand bildenden Fichtenstamm und dem nächsten Brett. Eine Verwünschung auf den Lippen, mühte er sich unter allen Zeichen zorniger Ungeduld, den Fuß aus der Klemme zu ziehen; aber der Steg hatte kein Geländer, und dem Gefangenen stand nicht einmal ein Gehstock zur Verfügung, auf den er zu nachdrücklicher Kraftanwendung den Oberkörper hätte stützen können. Bebend vor Ärger und Erregung hielt er inne und schaute nach irgendeinem Beistand aus, der in dem einsamen Tale sehr fraglich schien. Just in dem Augenblick kam eine weibliche Gestalt um die Ecke der Schneidemühle und schritt geradeswegs auf den Steg zu. Sie trug ein Grasbündel auf dem Kopfe, das sie mit dem gehobenen Arme stützte. Allem Anschein nach war es eine Dienstmagd, ein junges blödes Bauernmädchen, das sich vor dem Fremden auf der Brücke fürchtete; denn ihr anfänglich sehr rascher Gang verlangsamte sich augenscheinlich bei seinem Erblicken. »Heda, spute dich ein wenig, mein Kind!« rief er ihr ungeduldig zu. Nun blieb sie gar wie festgemauert stehen. Er murmelte etwas von bodenloser Bauerndummheit zwischen den Zähnen und machte abermals einen verzweifelten Versuch, sich zu befreien. – Angesichts dieser Anstrengungen mochte es dem Mädchen doch wohl klar werden, daß er kein zu Fürchtender, vielmehr ein Hilfloser sei. Sie besann sich nicht länger und kam herbei. »So – weißt du nun, daß ich kein Menschenfresser bin?« sagte er, ohne sie weiter anzusehen. »Sieh her – du mußt mir aus dem Schraubstock da helfen! Stelle dich hierher, dicht neben mich, aber fest, damit ich meinen Arm auf deine Schulter legen kann.« Sie trat zu ihm, ohne ein Wort zu sagen; aber in dem Augenblick, wo er Miene machte, sich auf sie zu stützen, sah er, wie sie verstohlen in das Grasbündel hinaufgriff und einen dicken Halmbüschel zwischen ihre Schulter und seinen Arm niederzog – lächerlich! – das Bauernmädchen da war eine Prüde! Er hielt inne und zog den Arm zurück. »Möchtest du nicht?« fragte er belustigt. »Nein – eigentlich nicht! Aber der Sägemüller und sein Knecht kommen vor abends nicht heim, und die Müllerin ist schwach und krank.« »Ach so, da müßte ich ja wohl wie der Fuchs im Tellereisen hier verkommen, wenn du dich nicht erbarmtest?« – Er bog sich vor, um unter das weiße Tuch zu blicken, das sie gegen den Sonnenbrand über den Kopf gezogen und unter dem Kinn geknüpft hatte; es ragte weit vor wie ein umfangreicher Hutschirm und beschattete Stirn und Nase bis zur Unsichtbarkeit; die untere Gesichtshälfte verschwand noch mehr in den dicken Falten der verschlungenen Leinenzipfel – hübsch oder häßlich, das blieb unentschieden! »Ja, meine kleine Prüde, da kann ich dir freilich nicht helfen, du wirst dich herablassen müssen,« setzte er endlich mit verhaltenem Lachen hinzu. »Denke, du seiest eine barmherzige Schwester, und tue es um der christlichen Liebe willen.« Sie schwieg und stemmte die Linke auf die Hüfte, um ihrer Haltung mehr Festigkeit zu geben. Sie war ein großes, schlank und schön gebautes Mädchen und stand wie eine Mauer, als er, den Arm auf ihre Schulter pressend, mit einigen heftigen Rucken den Fuß aus der Klemme zu ziehen sich abmühte. Ein leises Ächzen, eine halbverbissene Verwünschung klangen an ihrem Ohr hin, dann sprang er plötzlich befreit mitten auf die Brücke und stampfte wiederholt auf, um sich zu vergewissern, daß das mißhandelte Glied unverletzt geblieben sei. Das Mädchen schritt unterdessen weiter. »Halt – auf ein Wort!« schrie er ihr nach. »Hab' keine Zeit! Der Fisch verdirbt!« antwortete sie, unbeirrt weitergehend. Sie zeigte ihm halb zurückgewendet, daß ihr ein Netz mit einer Forelle am Arme hing.[...]
»Mir scheint, unter dem häßlichen Tuch da steckt ein ganz verteufelt trotziger Kopf,« sagte er. »Wie aber, wenn ich nun ebenso trotzig bin wie du, und deine Hilfe durchaus nicht geschenkt haben will?« »Dann tun Sie wohl, an Ihren Platz auf der Brücke zurückzukehren.« Er lachte laut auf und suchte gespannt abermals einen Blick unter das verhüllende Tuch zu werfen. Das Mädchen hatte Mutterwitz – die »Bauerndummheit« hatte sie sicher so wenig im Gesicht wie auf den Lippen. Sie wandte flink den Kopf nach der anderen Seite, und ihm blieb nur die Musterung ihrer Gestalt. Sie war ärmlich gekleidet. Aus dem verschossenen Kleid waren die Ärmel getrennt und hatten den Hemdärmeln Platz machen müssen – sie fielen lang und schön weiß bis über die Ellbogen herab. Busen und Rücken umhüllte plump ein verwaschenes, hinten geknüpftes Baumwolltuch, und die starren Falten der steifgestärkten blauen Schürze umstanden steif ihre Hüften. Sie war ohne Zweifel eine Dienende. Das Kleid, wenn auch entstellt und zum Arbeitskittel umgeändert, war von städtischem Schnitt und stammte sicher aus den Sachen der Dienstherrin. (E. Marlitt: Amtsmanns Magd)

Sofort verändert sich das Verhältnis: "Spute dich" und "du mußt mir aus dem Schraubstock da helfen!" ruft der Mann. Nicht er gerät in Verlegenheit, sondern die Frau. Er reagiert "belustigt".  
Er schämt sich nicht seiner Schwäche, sondern will die Situation ausdehnen, zumal er bemerkt hat, dass sie der Frau peinlich war. 
Und jetzt kommt eine Besonderheit des 19. Jahrhunderts hinzu. Ihre Schamhaftigkeit deutet darauf hin, dass sie keine Bauernmagd ist, und das liegt an der besonderen Erziehung bürgerlicher Mädchen, wie Stefan Zweig sie eindrucksvoll beschrieben hat.  
Die Beschreibung der Kleidung weist zusätzlich darauf hin, auch wenn der Verweis auf die "Sachen der Dienstherrin" die Andeutung wieder zurücknimmt. Denn in der Tat kleideten sich Bauernmädchen, die in Dienst standen, oft in die abgelegte Kleidung ihrer "Herrschaften" und versorgten oft die ganze Familie damit. 
Im weiteren Verlauf der Erzählung wird dem Leser freilich nur allzu deutlich, dass hier eine Person aus der Stadt Magddienste tut, und nur die männliche Hauptperson, aus deren Sicht das Ganze geschildert wird, will es nicht wahrhaben.