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16 Mai 2017

Frisch: "Ich habe das Gegenteil gelebt"

“JOURNAL INTIME: Wenn ich einmal darin lese, zum Beispiel weil ich ein Datum brauche für unser Gespräch, so bin ich bestürzt: daß ich vor zwei oder fünf Jahren genau zu derselben Einsicht gekommen bin – nur habe ich sie dann wieder vergessen, weil es mir nicht gelungen ist, nach meiner Einsicht zu leben; ich habe das Gegenteil gelebt mit zäher Energie.” (Max Frisch: Montauk, Copyright 1975, Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge 6. Band, S.672)

Uwe Johnson war mit seinem Freund Max Frisch in intensivem Austausch über "Montauk" und hat aufgrund seiner Eifersucht gegenüber seiner Frau seine größte Lebenskrise erlebt. Max Frisch hat - zumindest seiner Frau Marianne - erheblichen Anlass zu Eifersucht gegeben und in "Montauk" das noch dazu öffentlich gemacht. 

"1978 trennte sich Elisabeth Johnson von ihrem Ehemann, der ihre frühe Liebesbeziehung mit dem Prager Mozart-Forscher Tomislav Volek, die sie im Rahmen eines Briefwechsels noch zu Anfang der Ehe unterhalten hatte, nicht verwinden konnte. Zudem war Johnson (irrtümlich) davon überzeugt, dass es sich bei dem Prager Liebhaber seiner Frau um einen Geheimagenten der tschechischen oder DDR-Staatssicherheit handeln müsse." (Seite „Uwe Johnson“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. April 2017, 13:00 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Uwe_Johnson&oldid=164361547 (Abgerufen: 16. Mai 2017, 06:50 UTC))

Auf das Frisch-Zitat aufmerksam gemacht wurde ich durch Thomas Bockelmanns Text Montauk II. in der Frankfurter Rundschau vom 16.5.17, S.33.
Er berichtet, dass er dieses Zitat vor 20 Jahren auf einer Karteikarte über seinen Schreibtisch gehängt habe. Sein Bericht schließt "Aber nach irgendeinem Umzug hängte ich sie dann nicht mehr auf und hatte sie vergessen ... ."

Vergesslichkeit? ...

Dass Johnson von der Stasi überwacht wurde, steht fest. Heute würde man sagen: ist ein Fakt.
Als Motto zu "Montauk" zitiert Frisch Montaigne "Dies ist ein aufrichtiges Buch".
Dietrich Bonhoeffer hat einen kurzen Text geschrieben: "Was heißt die Wahrheit sagen?"
Daraus ein Zitat (das man aus dem Kontext verstehen muss):
»Die Wahrheit sagen« ist also nicht nur eine Sache der Gesinnung, sondern auch der richtigen Erkenntnis und des ernsthaften Bedenkens der wirklichen Verhältnisse. Je mannigfaltiger die Lebensverhältnisse eines Menschen sind, desto verantwortlicher und schwerer wird es für ihn, »die Wahrheit zu sagen«.

Ist Johnson allein schuld an den Fake News, die er sich produziert hat?

All dies ist nichts Neues. Aber wir tendieren dazu, so manches zu vergessen.

Übrigens, der NSA sollen die Lücken, die den großen Cyberangriff im Mai 2017 ermöglicht haben, bekannt gewesen sein.
Was soll das hier? Die NSA hatte doch nichts mit dem Ehepaar Johnson zu tun.
Allerdings. Freilich, bei der Erfüllung ihrer Aufgaben produzieren Geheimdienste manchmal Kollateralschäden. In diesem Fall, weil sie sich Zugänge zu Software offen gehalten haben. Sich und anderen.

Hier erhält man vielfältige nützliche Informationen über Johnson und seine Jahrestage. Und über den Link  https://blogs.faz.net/cresspahl/  http://www.suhrkamp.de/jahrestage_1448.html 
53 Blogartikel von Birte Förster über die "Jahrestage".

21 April 2017

Fontane als Pionier der Fake News

Theodor Fontane war mehr als vier Jahrzehnte Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Ausgerechnet er nahm es mit der Wahrheit nicht so genau, sagt die Germanistin Petra McGillen. [...]
Für ein paar Jahre war er als Korrespondent in London.
Er war dort Presseattaché der preußischen Regierung. Mit seiner Berichterstattung sollte er ein Gegengewicht bilden zum sehr erfolgreichen österreichischen Korrespondenten Max Schlesinger, der in vielen deutschen Zeitungen gedruckt wurde und Preußen zu einflussreich geworden war. Aber es gelang Fontane nicht – Schlesinger war einfach zu gut.
War das der Grund, warum er begann, Dinge zu erfinden?
Fontane war immer klar, dass Journalisten im Wettbewerb stehen um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. Tatsächlich hat er damals schon gelegentlich die Augenzeugenperspektive fingiert. Damit fiel er aber nicht völlig aus dem Rahmen. Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus. [...]
Können Sie ein Beispiel für seine unechte Berichterstattung nennen?
1861 hat er über ein verheerendes Feuer in der Londoner Tooley Street geschrieben. Nachdem es bereits seit Tagen wütete, hat Fontane die wichtigsten Passagen aus verschiedenen Zeitungen übernommen und aneinandergereiht, heute würde man sagen: copy and paste. Das Ganze hat er dann dramatisiert durch ausgedachte Details. Er erfand zum Beispiel einen Freund, der angeblich gute Beziehungen zur Londoner Polizei hatte und der es ihm ermöglicht hätte, näher als andere Journalisten an den Unglücksort zu kommen. Durch diesen Trick hat er seine Schilderungen gewissermaßen der Nachprüfbarkeit durch Kollegen entzogen.
Als Fontanefan nehme ich ihn natürlich in Schutz:
1. "Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus."
2. Er war ein Lohnschreiber. Als er eine Chance sah, freiberuflich durchzukommen, nutzte er sie. Sehr zum Missfallen seiner Frau, die die finanzielle Unsicherheit der neuen Situation nur schwer ertrug und außerdem ständig damit beschäftigt war, seine Texte ins Reine zu schreiben. - Wenn sie sich etwas Gutes tun wollte, las sie Wilhelm Raabe
Ich lese auch gern Raabe, aber ich finde nicht, dass die erfundenen Menschen anderer deutscher Autoren mehr zum Verständnis der Zeit und menschlichen Wesens beitragen als die Fontanes.