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03 Januar 2021

Kalevala 16. Gesang: Wäinämöinens Fahrt in die Unterwelt Tuonela

Wäinämöinen alt und wahrhaft,
Er, der ew'ge Zaubersprecher, 
Zimmerte an seinem Boote,
Arbeitet' am neuen Fahrzeug

An der nebelreichen Spitze,

Auf dem dunstumwobnen Eiland;

Doch an Holz gebrach's dem Zimmrer,

Bretter fehlten ihm zum Boote.


Wer soll Bauholz ihm nun suchen,

Wer die Eichenstämme schaffen

Zu dem Boote Wäinämöinens,

Zu dem Boden seines Fahrzeugs?


Pellerwoinen, Sohn der Fluren,

Sampsa, er, der Kleingeratne,

Mußte wohl die Bäume suchen,

Mußt' die Eichenstämme schaffen

Zu dem Boote Wäinämöinens,

Zu dem Boden seines Fahrzeugs.


Er wird von allen Bäumen weiter verwiesen, bis die Eiche ihm erklärt, dass sie für den Bootsbau geeignet sei und daher gefällt und dafür verwendet wird. 

Wäinämöinen fährt damit zur Unterwelt und bittet die Wächterin, die Tochter Tuonis,  darum, ihn über den Grenzfluss zu bringen. Da er seine wahre Absicht (das Lernen neuer Zauberwörter für den Bootsbau) nicht zugibt, durchschaut sie ihn. Als er dann die Wahrheit sagt, warnt sie ihn, sein Wunsch sei töricht und ein Fehler, ermöglicht sie ihm die Überfahrt.


Tuonis Tochter zankte weidlich,

Manas Jungfrau schalt und schmähte:

Toller Mensch in deiner Narrheit,

Mann, von Schwachsinn du befallen!

Ohne Grund und ohne Krankheit

Nach Tuonis Reich zu kommen;

Besser wär' es dir gewesen

Nach dem eignen Land zu gehen,

Viele sind's, die hierher kommen,

Viele nicht, die heimwärts kehren.


Sprach der alte Wäinämöinen:

Alte Weiber mögen weichen,

Nicht ein Mann, sei's auch ein schlechter,

Nicht ein Held, sei's auch der schwächste;

Bring' dein Boot, Tuonis Tochter,

Deine Fähre, Kind Manalas.


Tuonis Tochter bringt den Nachen,

Führt den alten Wäinämöinen

Durch die Flut der Wasserenge,

Durch den Fluß zum andern Ufer,

Redet selber diese Worte:[215]

Wehe dir, o Wäinämöinen,

Kamst ins Reich Tuonis lebend,

Ungestorben nach Manala!


Tuonetar, die gute Wirtin,

Sie, die Alte von Manala,

Bringet Bier herbei in Krügen,

In Gefäßen mit zwei Henkeln,

Redet selber diese Worte:

Trink, o alter Wäinämöinen!


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Schaute lange auf den Bierkrug,

Frösche laichen in dem Innern,

Würmer ringeln an den Wänden;

Redet Worte solcher Weise:

Nicht bin ich hieher gekommen,

Daß Manalas Krug ich trinken,

Tuonis Becher leeren sollte,

Trunken wird des Bieres Trinker,

Wer die Kanne leert, geht unter.


Sprach die Wirtin von Tuonela:

O du alter Wäinämöinen,

Weshalb kamst du nach Manala,

In die Stuben von Tuonela,

Ehe Tuoni dich verlangte,

Eh' dich Mana abgerufen?


Sprach der alte Wäinämöinen:

Zimmerte an meinem Boote,

Baute an dem neuen Nachen,

Hatte nötig drei der Worte,

Um des Bootes Hintersteven

Und den Vorderstamm zu enden;

Da ich diese nicht gefunden,

Auf der Welt nicht hab' erlanget,[216]

Mußt' ich nach dem Reich Tuonis,

Mußt' ich nach Manala gehen,

Um die Worte zu erlangen,

Um die Sprüche zu erlernen.


Spricht die Wirtin von Tuonela,

Redet Worte solcher Weise:

Tuoni gibt die Worte nimmer,

Nicht gewährt die Sprüche Mana,

Kannst nicht wieder fort von hinnen,

Nie im Laufe deines Lebens

Nach der lieben Heimat wandern,

Nach dem eignen Lande ziehen.


Senkte dann in Schlaf den Helden,

Legt' zur Ruh' den Angekommnen

Auf Tuonis Lagerfellen;

Reglos lag der Mann in Schlummer,

Lag der Held in Schlaf versunken,

Schläft der Mann, die Kleider wachen.


War ein Weib im Reich Tuonis,

Eine wackelkinn'ge Alte,

Spinnerin von Eisenfäden,

Gießerin von Kupferdrähten,

Spann ein Netz von hundert Klaftern,

Strickte eins von tausend Maschen

Während einer Nacht des Sommers

Und auf einem Stein im Wasser.


War ein Greis im Reich Tuonis,

Drei der Finger hatt' der Alte,

Knüpfen konnt' er Eisennetze,

Kupfernetze er bereiten,

Knüpfte eins von hundert Klaftern,

Strickte eins von tausend Maschen[217]

In derselben Nacht des Sommers,

Auf demselben Stein im Wasser.


Tuonis Sohn mit Hakenfingern,

Eisenspitz'gen Hakenfingern

Zog das Netz von hundert Klaftern

Durch den Fluß im Reich Tuonis,

In die Breite, in die Länge,

Zog es hin in schräger Richtung,

Damit Wäinö nicht entkomme,

Nicht der Wogenfreund entschlüpfe,

Nimmer in dem Lauf der Zeiten,

Nie, solang das Mondlicht leuchtet,

Aus den Häusern von Tuoni,

Aus Manalas ew'gen Höfen.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Redet selber solche Worte:

Scheint nicht Unheil schon zu kommen,

Not auf mich hereinzubrechen

In den Stuben von Tuonela,

In Manalas ew'gen Höfen?


Rasch verwandelt er das Aussehn,

Nimmt er andere Gestalt an,

Gehet schwarzgefärbt zum Meere,

Geht als Riedgras in das Röhricht,

Kriechet als ein Wurm von Eisen,

Schlüpft als Schlangenleib behende

Durch den Fluß im Reich Tuonis,

Mitten durch Tuonis Fischgarn.


Tuonis Sohn mit Hakenfingern,

Eisenspitz'gen Hakenfingern,

Ging des Morgens in der Frühe

Seine Netze zu beschauen,[218]

Findet hundert Lachsforellen,

Tausende von kleinen Fischen,

Findet nur nicht Wäinämöinen,

Nicht den alten Freund der Wogen.


Als der alte Wäinämöinen

Aus Tuonis Reich gekommen,

Sprach er Worte solcher Weise,

Ließ auf diese Art sich hören:

Nimmer, Jumala, du Guter,

Magst du einen solchen dulden,

Der von selbst zu Mana gehet,

In Tuonis Reich sich dränget!

Viele sind's, die hingekommen,

Wen'ge die hinweggezogen

Aus den Häusern von Tuoni,

Aus Manalas ew'gen Höfen.


Sprach sodann noch diese Worte,

Ließ sich solcherart vernehmen

Zu der Jugend, die emporsteigt,

Zu dem wachsenden Geschlechte:

Übet nie, o Menschenkinder,

Nie im Laufe dieser Zeiten

Unrecht an den Schuldentblößten,

Schadet nie den Unschuldvollen,

Daß ihr nicht den Lohn empfanget

In den Häusern von Tuoni:

Dorten ist der Schuld'gen Stätte,

Dort der Lasterhaften Lager:

Unter glühend heißen Steinen,

Unter brennend hitz'gen Fliesen,

Eine Decke wird aus Schlangen,

Eklen Nattern dort gebreitet.


(Kalevala 16. Gesang)


Wäinämöinen trifft also - anders als Odysseus, Aeneas und Dante auf keine Verstorbenen, sondern nur auf die Herrscher des Totenreichs. So erfährt er nichts über die Vergangenheit oder die Zukunft seiner Welt, sondern nur, dass es ein großer Fehler ist, sich vor dem Tod in die Unterwelt zu begeben. Die Warnung von Tuonis Tochter war also berechtigt. Nur seine Zauberkunst half ihm, aus der Unterwelt zu fliehen, und er bittet die guten Gott Jumala, zu verhindern, dass  Menschen freiwillig dorthin gehen. 

Anders als bei Dante, der die antiken Vorstellungen der Unterwelt einbezieht, wird hier also nur vor der Unterwelt gewarnt. 


28 Dezember 2020

Dante: Göttliche Komödie, Hölle 4. Gesang

 Mein Meister sprach: Du unterläßt zu fragen,  [Vergil]

Was es für Geister sind, die du hier siehest;

Doch sollst Du, eh wir weiter gehn, vernehmen,

Daß sie nicht sündigten. Und wenn Verdienste

Sie hatten, g'nügt es nicht, weil ohne Taufe

Sie starben, welche deines Glaubens Teil ist.

Und lebten sie noch vor dem Christentume,

So beteten zu Gott sie falscher Weise;

Und diesen bin ich selber beizuzählen.

Ob solchen Mangels, nicht ob andren Fehles,[23]

Sind wir verloren, und nur dadurch leidend,

Daß, ohne Hoffnung, wir in Sehnsucht leben. –

Als ich's vernommen, faßte tiefer Schmerz mich

Denn ich begriff, wie Seelen höchsten Wertes

In dieses Vorhofs Mittelzustand schwebten.

Sag' an, mein Meister, sage mein Gebieter,

Begann ich, um Bestätigung zu finden

Des Glaubens, welcher jeden Wahn vernichtet:

Ward einer je von hier befreit und selig

Durch fremdes, oder eigenes Verdienst? –

Und er, verstehend die verhüllte Rede,

Entgegnete: Noch neu in diesem Zustand

War ich, als ein Gewaltiger daher kam,

Um dessen Haupt sich Siegeszeichen wanden.

Er raubte uns des ersten Vaters Schatten

Und Abel seinen Sohn, Noah und Moses,

Der die Gesetze schrieb, und doch gehorchte,

Abra'm den Patriarchen, König David,

Israel mit dem Vater und den Kindern

Und Rahel auch, um die er lang geworben,

Viel andre noch, und alle macht' er selig.

Doch wissen sollst du, daß niemals vor ihnen

Die Seele eines Menschen ward errettet. –

Nicht hemmten, weil er sprach, wir uns're Schritte

Rastlos durchschritten wir vielmehr den Wald;

Ich sage, Wald, von ungezählten Schatten.

Und als wir lange Zeit noch nicht gegangen

Seit mich der Schlaf befiel, sah ich ein Feuer,

Das eine Finsternishalbkugel hellte.

Obwohl noch mäß'ge Fern' uns von ihm trennte,

So glaubt' ich dennoch sicher zu erkennen,

Daß auserles'ne Seelen dort verweilten.

O Meister, der du Wissenschaft und Kunst ehrst

Warum genießen diese solches Vorrecht,

Das von dem Los der übrigen sie sondert? –

Drauf er zu mir: Der ehrenvolle Namen,[24]

Der ihnen nachklingt dort im Erdenleben,

Gewinnet solche Gunst im Himmel ihnen. –

Da hört' ich einer Stimme Ruf erschallen:

Erweiset dem erhabnen Dichter Ehre!

Sein Schatten kehrt zurück, der uns verlassen. –

Als nun die Stimme schwieg und nicht mehr tönte,

Sah ich vier hohe Schatten sich uns nahn;

Ihr Antlitz zeigte Trauer nicht, noch Freude.

Mein Meister aber sagte rasch zu mir:

Sieh jenen mit dem Schwert in seiner Hand,

Der vor den andren hergeht als ihr Meister!

Das ist Homer, der königliche Dichter

Der zweit' ist der Satiriker Horaz,

Als dritter folgt Ovid, Lucan als letzter.

Weil jeder nun mit mir den Namen teilt,

Den du die Einzelstimme nennen hörtest,

Tun sie mir Ehr' an, und so ist's geziemend. –

So sah versammelt ich die schöne Schule

Der Meister des erhabensten Gesanges,

Der ob den andren, gleich dem Adler, fliegt.

Als miteinander etwas sie gesprochen,

Da wandten sie zu mir sich, freundlich grüßend;

Mein Meister aber lächelte darob.

Und mehr der Ehr' erzeigten sie mir noch;

Denn ihrer Schar gesellten sie mich zu,

So daß ich Sechster ward im Kreis der Weisen.

Inzwischen näherten wir uns der Flamme,

Und sprachen, was sich zu verschweigen ziemet,

So wie sich's ziemte, dort es zu besprechen.

Zum Fuße einer stolzen Burg gedieh'n wir,

Die siebenfache Mauern rings beschließen

Und die zur Wehr ein schöner Bach umgibt.

Den überschritten wir gleich festem Boden;

Durch sieben Tore traten dann wir ein

Und fanden uns auf frisch begrünter Matte.

Die Geister dort, sie blickten ernst und ruhig,

Es lag in ihrem Ausdruck hohe Würde,

Sie sprachen selten und mit sanfter Stimme.

Wir wählten einen Platz, der licht und offen

Zur Seite sich erhob, so daß von dort aus

Wir all die Scharen deutlich überschauten.

Uns gegenüber auf dem grünen Teppich

Wies mir mein Führer dann die großen Geister;

Weshalb ich noch mich rühm, und glücklich preise.

Elektra sah ich unter viel Gefährten,

Wovon Aeneas ich erkannt' und Hektor,

Cäsar im Waffenschmuck mit Falkenaugen.

Ich sah Cammilla und Penthesilea,

Latinus auch den König, und die Tochter

Lavinia, welche fern den andren saßen.

Den Brutus sah ich, der Tarquin vertrieben,

Lucretia, Julia, Martia und Cornelia,

Und einsam und abseits den Saladin. –

Als etwas höher ich die Wimper hob,

Sah ich den Meister aller die da wissen,

Umgeben rings von Philosophen-Schülern;

Auf ihn nur schauen ehrerbietig alle.

Hier sah ich Sokrates sowohl als Plato,

Die vor den andren ihm am nächsten stehn.

Auch Demokrit, dem alles gilt für Zufall,

Und Thales, Anaxagoras, wie Zeno,

Empedokles und Heraklit, den dunklen,

Diogenes und Dioskorides,

Heilsamer Pflanzen Sammler, Orpheus, Linus,

Cicero, Seneca, den Sittenlehrer,

Euklid, den Geometer, Ptolemäus,

Hippokrates, Galen und Avicenna,

Averroës, den großen Kommentator.

Unmöglich kann ich einzeln alle nennen.

Zur Kürze treibt so sehr des Stoffes Länge,

Daß dem Geseh'nen oft mein Wort nicht nachkommt. –

Die Sechsgesellschaft mindert sich auf Zweie,

Und andre Pfade wählt der weise Führer.

Aus ruh'ger Luft komm' ich in die bewegte,

In ein Gebiet, wo nichts mehr ist, das leuchtet.

(Dante: Göttliche Komödie, Hölle  4. Gesang)

25 Dezember 2020

Mendelsohn: Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich.

Odyssee in der Wikipedia 

Zu Mendelsohns Roman:

Der größte Schmerz, den Odysseus in der Unterwelt erlebt: Dass er seine Mutter nicht umarmen kann (weil sie nur noch ein Schatten ist). Bezug auf Corona (S.201)

Odyssee:

Auch besiegten mich nicht Krankheiten, welche gewöhnlich

Mit verzehrendem Schmerze den Geist den Gliedern entreißen.

Bloß das Verlangen nach dir und die Angst, mein edler Odysseus,

Dein holdseliges Bild nahm deiner Mutter das Leben!

Also sprach sie; da schwoll mein Herz vor inniger Sehnsucht,

Sie zu umarmen, die Seele von meiner gestorbenen Mutter.

Dreimal sprang ich hinzu, an mein Herz die Geliebte zu drücken,

Dreimal entschwebte sie leicht wie ein Schatten oder ein Traumbild

Meinen umschlingenden Armen; [...] (Odyssee, 11. Gesang vgl. Vergils Aeneis*)

Begegnung mit Achilles. "Lieber der Kleinste unter den Lebenden als der Herrscher über die Toten." (S.204) 

drauf antwortete jener und sagte:

Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus.

Lieber möcht ich fürwahr dem unbegüterten Meier,

Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun,

Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen. (Odyssee 11. Gesang)*

*Parodistisch dazu Heinrich Heine

Der Vergleich der Ilias mit der Odyssee am Beispiel ihrer Helden scheint mir unwichtig. Wichtiger die Begegnung mit Agamemnon, die Warnung vor der Heimkehr, besser als Unbekannter kommen.

Zu Eindrücken bei der Lektüre:

Die Idee, die Interpretation der Odyssee in eine Erzählung einzukleiden, finde ich weiterhin gut: Natürlich macht es Spaß, am Rande der Erzählung in altes Bildungsgut eingeführt zu werden.
Ich habe mir die Ausgabe von Ilias und Odyssee meines Bruders (meine Taschenbuchausgaben habe ich fortgetan) geholt, um mir einen Überblick über den ersten Gesang zu verschaffen, und mich daran erfreut, wie genau Wolfs Theorie der Entstehung der Homerischen Epen zu dem historisch bezeugten Verfahren Lönnrots passt, mit dem er die Kalevala zusammengestellt hat. 
Aber als die Karikaturen von Studenten auftauchten, die der Professor mit den stehenden Epitheten versieht und als der Vater seinen ausführlichen Beitrag lieferte, da wurde mir das Ganze doch zu künstlich, allzu konstruiert, um eine angebliche Ähnlichkeit von heutiger Lebenswelt mit antiker Überlieferung aufzuzeigen.
Das ständige Eingreifen der Götter hatte sich mein Vater übrigens damit erklärt, dass zur Zeit Homers die Griechen sich ein Über-sich-hinaus-Wachsen eines einzelnen nicht ohne Eingreifen der Götter hätten erklären können.
Bei den Römern: vor der Entscheidung den Willen der Götter erkunden, weil man nicht gegen den Willen der Götter handeln darf, sonst wird man gestraft (Zeus über Ägisthos); Erklärung eines Scheiterns als Missgunst der Götter. (Weshalb hat Odysseus so viel Pech? Missgunst Poseidons. Weshalb schafft er es am Ende doch, nach Hause zu kommen? Hilfe Athenes und Begünstigung durch Zeus, der Poseidon beweisen will, dass immer noch er das Sagen hat.)
Und vermutlich wird mich die erzählerische Einkleidung noch durch die gesamte Interpretation tragen, obwohl mir die retardierenden Momente bei der Interpretation auf die Nerven gehen. 

Wie sehr Melville Homers Odyssee im Blick gehabt hat, weiß ich nicht. Die Ähnlichkeit und der Unterschied sind aber erstaunlich.

Teiresias' Weissagungen über das zukünftige Schicksal des Odysseus sie reichen weit über das Ende der Odyssee hinaus:

"Aber kommen wirst du und strafen den Trotz der Verräter.

Hast du jetzo die Freier, mit Klugheit oder gewaltsam

Mit der Schärfe des Schwerts, in deinem Palaste getötet,

Siehe, dann nimm in die Hand ein geglättetes Ruder und gehe

Fort in die Welt, bis du kommst zu Menschen, welche das Meer nicht

Kennen und keine Speise gewürzt mit Salze genießen,

Welchen auch Kenntnis fehlt von rotgeschnäbelten Schiffen

Und von geglätteten Rudern, den Fittichen eilender Schiffe.

Deutlich will ich sie dir bezeichnen, daß du nicht irrest.

Wenn ein Wanderer einst, der dir in der Fremde begegnet,

Sagt, du tragst eine Schaufel auf deiner rüstigen Schulter,

Siehe, dann steck in die Erde das schöngeglättete Ruder,

Bringe stattliche Opfer dem Meerbeherrscher Poseidon,

Einen Widder und Stier und einen mutigen Eber.

Und nun kehre zurück und opfere heilige Gaben

Allen unsterblichen Göttern, des weiten Himmels Bewohnern,

Nach der Reihe herum. Zuletzt wird außer dem Meere

Kommen der Tod und dich vom hohen behaglichen Alter

Aufgelöseten sanft hinnehmen, wann ringsum die Völker

Froh und glücklich sind. [...]"


Beim trotz Orpheus vielleicht berühmtesten Besuch der Unterwelt, bei Dante in der Göttlichen Komödie, sieht sich der noch Lebende dadurch geehrt, dass er zusammen mit seinem Führer Vergil* in den Kreis der illustrem Schatten aufgenommen wird, der von Homer, dem ersten, der in einem großen Epos einen Besuch der Unterwelt aufgenommen hat, angeführt wird:


"Mein Meister aber sagte rasch zu mir:
Sieh jenen mit dem Schwert in seiner Hand,
Der vor den andren hergeht als ihr Meister!
Das ist Homer, der königliche Dichter
Der zweit' ist der Satiriker Horaz,
Als dritter folgt Ovid, Lucan als letzter.
Weil jeder nun mit mir den Namen teilt,
Den du die Einzelstimme nennen hörtest,
Tun sie mir Ehr' an, und so ist's geziemend. –
So sah versammelt ich die schöne Schule
Der Meister des erhabensten Gesanges,
Der ob den andren, gleich dem Adler, fliegt.
Als miteinander etwas sie gesprochen,
Da wandten sie zu mir sich, freundlich grüßend;
Mein Meister aber lächelte darob.
Und mehr der Ehr' erzeigten sie mir noch;
Denn ihrer Schar gesellten sie mich zu,
So daß ich Sechster ward im Kreis der Weisen."

(Dante: Göttliche Komödie, 4. Gesang)


Vergil kann deshalb als Führer in die Unterwelt dienen, weil er im 6. Buch der Aeneis seinerseits (in Anknüpfung an Homer) einen Besuch in der Unterwelt beschrieben hat:

"Nach der Landung an der Westküste Italiens (Buch 6) steigt Aeneas mit der Sibylle von Cumae in die Unterwelt ab. Dort erfährt er durch Anchises von der künftigen Größe und dem Geschichtsauftrag Roms, der Stadt, die aus seiner Gründung entstehen wird. Außerdem begegnet er dort der durch Suizid gestorbenen Dido, die ihn jedoch ignoriert. Sie ist noch immer von der tiefen Wunde gezeichnet." (Wikipedia)

Anchises erläutert seinem Sohn die Gegebenheiten der Unterwelt:

"»Endlich kommst du! Die Liebe des Sohnes, erwartet vom Vater,

hat den beschwerlichen Weg überwunden. Ich darf jetzt dein Antlitz

sehen, bekannte Laute vernehmen und Antwort auch geben.[289]

War ich doch fest überzeugt, es werde so kommen, und zählte

sehnend die Tage. Mich trog nicht, trotz quälender Sorgen, mein Hoffen.

Was für Länder und Meere durchquertest du, bis ich dich heute

anschauen darf, und was für Gefahren hast du bestanden!

Was für Befürchtungen hegte ich, Libyen könnte dir schaden!«


Aber Aeneas erwiderte: »Vater, dein trauernder Schatten

ist wiederholt mir erschienen und trieb mich zum Gang in den Orkus.

Im Tyrrhenischen Meere liegen die Schiffe. Die Rechte

gib mir doch, bitte, Vater, entzieh dich nicht meiner Umarmung!«

Während der Worte strömten die Tränen ihm über das Antlitz.

Dreimal versuchte er jenem den Arm um den Nacken zu schlingen,

dreimal entwich den ins Leere greifenden Händen der Schatten,

ebenso leicht wie ein Windhauch, ebenso flüchtig wie Träume.*

(vgl. Odysseus' Versuch, seine Mutter zu umarmen in der Odyssee)

Nunmehr erblickte Aeneas im hinteren Teile des Tales

einen gesonderten Hain, ein Dickicht mit raschelnden Blättern,

und die Lethe, den Strom, der am Lande des Glückes entlangfließt.

Zahllos umdrängten Seelen das Ufer in wimmelnden Scharen,

wie auf den Wiesen bei wolkenlos heiterem Himmel im Sommer

Bienen auf vielerlei Blumen sich niederlassen und weiße

Lilien umschwärmen, die Landschaft erdröhnt vom lebhaften Summen.

Ahnungslos fühlte Aeneas bei diesem Anblick von jähem

Schreck sich durchzuckt, und er fragte, was dort für ein Fluß sich ergieße,

was für Leute in solcher Menge am Ufer sich drängten.

Antwort erteilte Anchises: »Die Seelen, die, göttlicher Weisung

fügsam, erneut sich verkörpern, trinken vom Wasser der Lethe,

schlürfen mit ihm Vergessenheit ein und Freiheit von Sorgen.

Lange schon möchte ich dir von ihnen erzählen, sie zeigen,

aufzählen dir die Nachkommen meines Geschlechtes: Mit größrer

Freude begrüßt du danach mit mir die Entdeckung Italiens.«
[290]

»Vater, so steigen denn wirklich von hier aus etliche Seelen

aufwärts und schlüpfen aufs neue in träge irdische Körper?

Weswegen streben die Elenden derart fanatisch zum Lichte?«


»Darlegen will ich es dir und deine Bedenken zerstreuen«,

gab Anchises zurück und erklärte der Reihe nach alles.

»Geistige Kraft durchdringt seit Beginn den Himmel, die Erde,

sämtliche Flächen des Wassers sowie die Titanengestirne

Sonne und Mond, sie durchflutet als Weltseele nährend die Teile,

treibt die gesamte Materie, verschmilzt mit dem riesigen Ganzen.

Diesem entstammen die Menschen, die Tiere, die fliegenden Wesen,

sämtliche Scheusale unter dem schimmernden Spiegel des Meeres.

Feurige Stärke und himmlischen Ursprung besitzen die Wesen,

werden beeinträchtigt nur von den schwachen, schädlichen Körpern,

werden entkräftet von irdischen Gliedern und sterblichen Leibern.

Daraus ergeben sich Furcht und Begierde, Kummer und Freude.

Düsterem Kerker verfallen, erkennen die Seelen die reine

Himmelsluft nicht. Sogar wenn das Leben erlosch an dem letzten

Tage, verloren die Armen nicht völlig das Übel, nicht restlos

wichen die Seuchen des Körpers. Es müssen in seltsamer Weise

viele lang haftende Schwächen des Leibes auch Wurzeln in Seelen

schlagen. So dulden die Seelen denn Qualen und sühnen durch Strafen

frühere Sünden: Ausgereckt hängen die einen im Luftraum,

Spielball der Winde; anderen werden die Flecken des Frevels

sauber getilgt in tiefen Gewässern oder im Feuer.

Jeder von uns unterliegt der eigenen Sühne. Im Anschluß

schickt man uns in das weite Elysium, wenige freilich,

die wir im Lande der Freude dann wohnen, bis uns der späte

Zeitpunkt nach Ablauf der Frist befreit von dem Schandfleck und unsre

himmlische Seele, das Feuer der reinen Höhe, zurückläßt.

Alle die Seelen hier ruft, sobald sie im Kreislaufe tausend

Jahre erfüllten, die Gottheit in Scharen zum Strome der Lethe.

Ohne Erinnerung sollen sie wieder die Wölbung des Himmels

sehen, den Wunsch zur Rückkehr in Körpergestalten empfinden.« [...]

(Aeneis 6. Gesang)


Das Büßen der Sünden fand Dante also bereits vorgebildet bei Vergil.


Vgl. dazu auch die Unterwelt in der finnischen Mythologie in der Kalevala.