Zeitblom bedauert, dass der Abschied von Adrian recht formlos war, weil es für ihn ein ganz wesentlicher Abschnitt war
Zitat:
"[...] erst jetzt, so schien es mir, lösten sich unsere Existenzen voneinander ab, begann für jeden von uns das Leben auf den eigenen zwei Beinen, und ein Ende sollte es haben mit dem, was mir doch so notwendig (wenn auch zwecklos) erschien, und was ich wieder nur mit denselben Worten, wie weiter oben, bezeichnen kann: nicht mehr sollte ich wissen, was er tat und erfuhr, nicht mehr mich neben ihm halten können, auf ihn acht-, ein unverwandtes Auge ihm auf ihn zu haben, sondern musste ihm von der Seite gehen gerade in dem Augenblick, wo mir die Beobachtung seines Lebens, obgleich sie gewiss an diesen nichts ändern konnte, am allerwünschenswertesten schien, nämlich wo er die gelehrte Laufbahn verließ, 'die Heilige Schrift unter die Bank legte', um mich seines Ausdrucks zu bedienen, und sich ganz der Musik in die Arme warf. [...] /
Hier lasse ich einen Brief folgen, den ich zwei Monate nach meinem Dienstantritt in Naumburg von ihm erhielt, und den ich mit Empfindungen las, wie sie wohl eine Mutter bei solchen Mitteilungen eines Kindes bewegen mögen, – nur dass man freilich einer Mutter dergleichen schicklich vorenthält. [...] Seiner Antwort schicke ich nur noch voraus, dass ihre altertümliche Ausdrucksweise natürlich parodisch gemeint und Anspielung auf skurrile Hallenser Erfahrungen, das sprachliche Gebaren Ehrenfried Kumpfs ["Theologie-Professor Kumpf in Halle, der überdies zur Lutherparodie wird, als er mit der Semmel nach dem Teufel wirft, den er in der Zimmerecke zu sehen meint" (Wikipedia: Inkarnationen des Teufels)] ist, – zugleich aber auch Persönlichkeitsausdruck und Selbststilisierung, Kundgebung eigener innerer Form und Neigung, die auf eine höchst kennzeichnende Weise das Parodische* verwendet, sich dahinter verbirgt und verhüllt. *[das die Parodie mit ihren Mitteln umwandelnd - mit diesem ungebräuchlichen Ausdruck macht Zeitblom darauf aufmerksam, dass es dabei nicht um einfache Satire handelt, sondern, dass Adrian dabei - unabsichtlich -die Sprache einer Inkarnation des Teufels als 'Persönlichkeitsausdruck und Selbststilisierung' verwendet - vgl. H.-P.Haack: Zweideutigkeit als System]
Er schrieb: [...] /
H.-P. Haack: Zweideutigkeit als System (zu Doktor Faustus)
"Als letzter großer Roman gedacht, ist in Doktor Faustus die Vielschichtigkeit der Bedeutungsebenen in bis dahin unerreichte Höhe getrieben. Vordergründig ein Künstlerroman, ordnet ihn Thomas Mann weiteren Romangattungen zu ist. In seinen Selbstkommentaren spricht er von einem "religiöse[n] Buch", [1] "einer Lebensbeichte", [2] einem "Epochen-Roman", [3], einem "Roman der Musik", [4] einem "Gesellschaftsroman", [5] einem "verkappten Nietzsche-Roman" [6] und dem Versuch, Musik mit Sprache wiederzugeben . [7] Seine "essayistischen Teile" [8] – eine weitere Bezugsebene - enthalten Begriffsbestimmungen zur Kunst.
Thomas Manns pointierte Formel "Zweideutigkeit als System" [9] wurde zu seiner bekanntesten Forderung an die Kunst. Adrian Leverkühn äußert sie, bezogen auf die Musik und am Beispiel der enharmonischen Verwechslung. Musik ist hier eine Chiffre für Kunst. [10]"