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28 Juni 2022

Thomas Mann: Doktor Faustus - Adrian Leverkühn

 Zeitblom bedauert, dass der Abschied von Adrian recht formlos war, weil es für ihn ein ganz wesentlicher Abschnitt war 

Zitat: 

"[...] erst jetzt, so schien es mir, lösten sich unsere Existenzen voneinander ab, begann für jeden von uns das Leben auf den eigenen zwei Beinen, und ein Ende sollte es haben mit dem, was mir doch so notwendig (wenn auch zwecklos) erschien, und was ich wieder nur mit denselben Worten, wie weiter oben, bezeichnen kann: nicht mehr sollte ich wissen, was er tat und erfuhr, nicht mehr mich neben ihm halten können, auf ihn acht-, ein unverwandtes Auge ihm auf ihn zu haben, sondern musste ihm von der Seite gehen gerade in dem Augenblick, wo mir die Beobachtung seines Lebens, obgleich sie gewiss an diesen nichts ändern konnte, am allerwünschenswertesten schien, nämlich wo er die gelehrte Laufbahn verließ, 'die Heilige Schrift unter die Bank legte', um mich seines Ausdrucks zu bedienen, und sich ganz der Musik in die Arme warf. [...] / 

Hier lasse ich einen Brief folgen, den ich zwei Monate nach meinem Dienstantritt in Naumburg von ihm erhielt, und den ich mit Empfindungen las, wie sie wohl eine Mutter bei solchen Mitteilungen eines Kindes bewegen mögen, – nur dass man freilich einer Mutter dergleichen schicklich vorenthält. [...] Seiner Antwort schicke ich nur noch voraus, dass ihre altertümliche Ausdrucksweise natürlich parodisch gemeint und Anspielung auf skurrile Hallenser Erfahrungen, das sprachliche Gebaren Ehrenfried Kumpfs ["Theologie-Professor Kumpf in Halle, der überdies zur Lutherparodie wird, als er mit der Semmel nach dem Teufel wirft, den er in der Zimmerecke zu sehen meint" (Wikipedia: Inkarnationen des Teufels)] ist, – zugleich aber auch Persönlichkeitsausdruck und Selbststilisierung, Kundgebung eigener innerer Form und Neigung, die auf eine höchst kennzeichnende Weise das Parodische* verwendet, sich dahinter verbirgt und verhüllt. *[das die Parodie mit ihren Mitteln umwandelnd - mit diesem ungebräuchlichen Ausdruck macht Zeitblom darauf aufmerksam, dass es dabei nicht um einfache Satire handelt, sondern, dass Adrian dabei - unabsichtlich -die Sprache einer Inkarnation des Teufels als 'Persönlichkeitsausdruck und Selbststilisierung' verwendet - vgl. H.-P.Haack: Zweideutigkeit als System]

Er schrieb: [...] /

Hier nun heißt es: 'Gott vertrauen, landt und leut beschauen, thut niemand gerauen.' [...] geht ein anderer Puls an als an der Saala, weil nämlich ein ziemlich Volk hier versammelt ist, mehr als siebenhunderttausend, was von vornherein zu einer gewissen Sympathie und Duldung stimmt, wie der Prophet schon für Ninive Sünde ein wissend und humorhaft verstehend Herz hat, wenn er entschuldigend sagt: 'Solche große Stadt, darinnen mehr als hunderttausend Menschen.' Da magstu denken, wie es erst bei siebenhunderttausend Nachsicht erheischend zugeht, wo sie in den Messe-Zeiten, von deren herbstlicher ich als Neu-Kömmling eben noch eine Probe hatte, aus allen Teilen Europas, dazu aus Persien, Armenien und anderen asiatischen Ländern noch erklecklichen Zustrom haben.
Nicht als ob mir dies Ninive sonderlich gefiele, [...]" (16. Kapitel, S.148-150)

"darauf sitzen dir Nymphen und Töchter der Wüste, sechs oder sieben, wie soll ich sagen, Morphos, Glasflügler, Esmeralden, wenig gekleidet, durchsichtig gekleidet, in Tüll, Gaze und Glitzerwerk, das Haar lang offen, kurzlockig das Haar, gepuderte Halbkugeln, Arme mit Spangen, und sehen dich mit erwartungsvollen, vom Lüster gleißenden Augen an.
Mich sehen Sie an, nicht dich. Hat mich der Kerl, der Gose-Schleppfuß ["mit seinen Vorlesungen, in denen er das Geschlechtliche verteufelt" (Wikipedia: Inkarnationen des Teufels)] in eine Schlupfbude geführt! Ich stand und verbarg meine Affecten, sehe mir gegenüber ein offen Klavier, einen Freund, geh über den Teppich drauf los und schlage im Stehen zwei, drei Akkorde an, weiß noch, was es war, weil mir das Klangphänomen gerade im Sinne lag, Modulation von H- nach C-Dur, aufhellender Halbton-Abstand wie im Gebet des Eremiten im Freischütz-Finale, bei dem Eintritt von Pauke, Trompeten und Oboen auf dem Quartsextakkord von C. Weiß es im Nachher, wusste es aber damals nicht, sondern schlug eben nur an. Neben mich stellt sich dabei eine Bräunliche, in spanischem Jäckchen, mit großem Mund, Stumpfnase und Mandelaugen, Esmeralda, die streicht mir mit dem Arm die Wange. Kehre ich mich um, stoße mit dem Knie die Sitzbank beiseite und schlage mich über den Teppich zurück durch die Lusthöhle, an der schwadronierenden Zatzenmutter vorbei, durch den Flur und die Stufen hinab auf die Straße, ohne das Messinggeländer nur anzufassen." (16. Kapitel, S.153)

"Neben dieser äußeren geistig-künstlerischen Entwicklung durchläuft Leverkühn während des Leipzig-Aufenthalts auch eine innere seelische Entwicklung. Insbesondere der Kontakt zu einer Prostituierten („Esmeralda“), die der Komponist scheinbar zufällig kennenlernt, bewirkt – wie später die geheimen Aufzeichnungen Leverkühns offenbaren –, dass dieser sich immer mehr zum Teufel hingezogen fühlt. Der Ruf „hetaera esmeralda“, den Leverkühn als Tonfolge „h-e-a-e-es“ motivisch wiederkehrend in seine Werke einbaut, wird zum Ausdruck jener Verlockung. Um musikalische Genialität zu erlangen und neuartige, die alte klassische Harmonie sprengende Musikwerke schreiben zu können, lässt sich Adrian von Esmeralda bewusst und trotz deren Warnung mit Syphilis infizieren und zahlt so seinen Tribut an den Teufel." (Wikipedia)

17. Kapitel

Zeitblom: "Der kategorischen Weisung, diesen Brief zu vernichten, bin ich nicht gefolgt - wer will es einer Freundschaft verargen, welche das darin auf Delacroix' Freundschaft für Chopin gemünzte Beiwort 'tief aufmerksam' für sich in Anspruch nehmen darf? [...]  ich lernte, es als ein Dokument zu betrachten, von dem der Vernichtungsbefehl ein Bestandteil war, so dass er eben durch seinen dokumentarischen Charakter sozusagen sich selber aufhob." (S.155) (Zweideutigkeit als System)

H.-P. Haack: Zweideutigkeit als System (zu Doktor Faustus)

"Als letzter großer Roman gedacht, ist in Doktor Faustus die Vielschichtigkeit der Bedeutungsebenen in bis dahin unerreichte Höhe getrieben. Vordergründig ein Künstlerroman, ordnet ihn Thomas Mann weiteren Romangattungen zu ist. In seinen Selbstkommentaren spricht er von einem "religiöse[n] Buch", [1] "einer Lebensbeichte", [2] einem "Epochen-Roman", [3], einem "Roman der Musik", [4] einem "Gesellschaftsroman", [5] einem "verkappten Nietzsche-Roman" [6] und dem Versuch, Musik mit Sprache wiederzugeben . [7] Seine "essayistischen Teile" [8] – eine weitere Bezugsebene - enthalten Begriffsbestimmungen zur Kunst.

Thomas Manns pointierte Formel "Zweideutigkeit als System" [9] wurde zu seiner bekanntesten Forderung an die Kunst. Adrian Leverkühn äußert sie, bezogen auf die Musik und am Beispiel der enharmonischen Verwechslung. Musik ist hier eine Chiffre für Kunst. [10]"

27 Juni 2022

Thomas Mann: Doktor Faustus - Aufklärung und Volk

 Zeitblom spricht statt von Aufklärung lieber als von Aufhellung (Enlightenment), als er sich dem Begriff "Volk" nähert.

"Hier ein ungescheutes Wort, das aus den Erfahrungen unserer Tage kommt. Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des 'Volkes' selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives,  und er weiß, dass man die Menge nur als 'Volk' anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen, im Namen des 'Volkes' nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können! - Tatsache nun aber ist, dass wirklich Volk immer Volk bleibt, wenigstens in einer bestimmten Schicht seines Wesens, eben der archaischen, und dass Leute und Nachbarn vom Kleinen Gelbgießer-Gang –, die am Wahltage einen sozialdemokratischen Stimmzettel abgaben, gleichzeitig imstande waren, in der Armut eines Mütterchens, das sich keine oberirdische Wohnung leisten konnte, etwas Dämonisches zu sehen und bei ihrer Annäherung nach ihren Kindern zu greifen, um sie vor dem bösen Blick der Hexe zu schützen." (S.42)

26 Juni 2022

Thomas Mann: Doktor Faustus - Ines

  " 'Serenus, schelten, verachten, verwerfen Sie mich?' 'Mitnichten, Ines', erwiderte ich. 'Bewahre Gott, ich habe es mir immer gesagt sein lassen jenes 'Die Rache ist mein, ich will vergelten'. Ich weiß, Er senkt die Strafe schon in das Vergehen hinein und tränkt es ganz mit ihr, so dass das eine nicht vom anderen zu unterscheiden ist und Glück und Strafe dasselbe sind. Sie müssen sehr leiden. Säße ich hier, wenn ich zum Sittenrichter gemacht wäre? Dass ich für Sie fürchte, das leugne ich nicht. Aber Ich hätte auch das für mich behalten ohne Ihre Frage, ob ich Sie schelte.'

'Was ist Leiden, was sind Furcht und demütigende Gefahr', sagte sie, 'im Vergleich mit dem einen, süßen, unentbehrlichen Triumph, ohne den man nicht leben wollte: das leichtfertige, Entgleitende, das Weltliche, die Seele mit uns fahrlässiger Nettigkeit Quälende, das aber dennoch wahren menschlichen Wert hat, an diesem seinem ernsten Werte festzuhalten, sein Stutzertum zum Ernst zu zwingen, das Lose zu besitzen und es endlich, endlich, nicht einmal nur, sondern zur Bestätigung und Versicherung nie oft genug, in dem Zustand zu sehen, der seinem Wert gebührt, im Zustand der Hingebung, der tief seufzenden Leidenschaft!'
Ich sage nicht, dass die Frau sich genau dieser Worte bediente, aber sehr annähernd so drückte sie sich aus. Sie war ja belesen und gewohnt, / ihr inneres Leben nicht stumm zu führen, sondern es zu artikulieren, und hatte sich als Mädchen sogar in der Dichtkunst versucht. Ihre Worte besaßen gebildete Präzision und etwas von der Kühnheit, die immer entsteht, wenn die Sprache Gefühl und Leben ernstlich zu erreichen und in sich aufgehen zu lassen, sie in sich erst wahrhaft leben zu lassen bestrebt ist. Dies ist kein alltäglicher Wunsch, sondern ein Erzeugnis des Affektes, und insofern sind Affekt und Geist verwandt, insofern aber auch ist der Geist ergreifend." (S.357/58)

"Ines Rodde, Helmut Institoris

Ines ist die Tochter der verwitweten Senatorin Rodde. Der fiktive Biograph Zeitblom beschreibt sie als nicht ohne weiblichen Reiz mit ihrem schweren Haar, mit ihren kleinen, Grübchen bildenden Händen und ihrer vornehm auf sich haltenden Jugend. Er deutet auch die Kehrseite ihres Wesens an, „in ihrer seelischen Gebrechlichkeit, mit ihrem verhängten Blick voll distinguierter Trauer, ihrem schräg vorgeschobenen Hälschen und ihrem zu schwacher und prekärer Schelmerei gespitzten Mund.“

Von „patrizischer Abkunft“, aber ohne Mitgift, heiratet sie den von Haus aus reichen Privatdozenten Dr. Helmut Institoris, der in seinen kunsttheoretischen Vorlesungen zur Renaissance für alles Starke und Rücksichtslose schwärmt, selbst aber keine Kraftnatur ist. Eher klein, leise und lispelnd sprechend, zart und nervös, ist er Stammgast in einem Sanatorium für reiche Leute in Meran.

Aus der lieblosen, nur als bürgerliche Fassade geführten Ehe gehen drei Kinder hervor, die Ines Institoris von ihren Kindermädchen aufziehen lässt. Schon vor der Heirat war sie von dem „knabenhaften Frauenliebling“ Rudi Schwerdtfeger fasziniert, den sie nun zu ihrem Geliebten macht. Sie führt fortan ein Doppelleben, aber diese Beziehung vermag bei aller Leidenschaftlichkeit nicht ihre Leere zu füllen, zumal Rudi ihre Liebe nur „aus Kavalierspflicht“ erwidert. Ines wird zur Morphinistin. Als Schwerdtfeger schließlich, eingefädelt von Leverkühn, eine andere heiraten und nach Paris ziehen will, erschießt Ines den treulosen Liebhaber, als dieser nach seinem erfolgreichen Münchener Abschiedskonzert mit der Straßenbahn nach Hause fährt, und besiegelt damit zugleich ihr eigenes bürgerliches Schicksal." (Wikipedia)

mehr zu Doktor Faustus in diesem Blog

Doktor Faustus (Wikipedia)

Die Entstehung des Doktor Faustus* (Wikipedia) 

*Mit einer gewissen Verwunderung entdecke ich, dass etwas über 60 Prozent des gegenwärtig vorliegenden Artikels zur 'Entstehung' von mir stammen, fast alles im November 2007 eingestellt. Das scheint mir ein guter Beleg dafür, eigene Texte zur freien Verfügung ins Internet zu stellen. Hätte ich den Text irgendwo in meinem Lektüretagebuch festgehalten, wäre ich jetzt vermutlich nicht auf ihn gestoßen. Außerdem hätte H.-P.Haack dort nicht seine Überlegungen zu Zweideutigkeit als System verlinken können. Ich benutze diese persönliche Anmerkung auf diese scharfsinnigen Beobachtungen hinzuweisen.



11 September 2019

Thomas Mann: Die Entstehung des Doktor Faustus

"Die Rundstedt-Offensive, ein letzter keck-verzweifelter und wohl vorbereiteter Versuch der Nazimacht, das Schicksal zu wenden, war in vollem Gange und zeitigte Schreckenserfolge.
Vom 'Rückzug auf günstigere Stellungen' hatte man lange nur in den Berichten des Feindes gelesen. Er war jetzt unser Teil in Ostfrankreich. Verlust aller Brückenköpfe auf einer 50-Meilen-Front, geblieben nur die Gegend um Aachen und ein Streifen Saargebiet, Straßburg, selbst Paris bedroht, Panik überall in Europa vor dem deutschen Wiederaufleben, das war das Bild, und es graute einem vor dem Schicksal der unseligen Belgier, die wieder in deutsche Hand gefallen. Nun, das Abenteuer versandete. Einige Tage nur, und wie die Blätter mochten meine täglichen Anmerkungen sich darüber ausschweigen." (Thomas Mann: Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S. 141)
"Ein ungewöhnlich schöner Brief erreichte mich damals; ein amerikanischer Soldat schrieb ihn mir von den Philippinen. "I envy you your swift, sure maturity, your heritage of culture, your relentles self-discipline. Such things are hard-won in European civilization. Here in America they are almost non-existent." Nicht sowohl meinetwegen, als um des unglücklichen und erniedrigten Europa willen tat es mir wohl. Ein Anhänger des 'American Century' schien dieser junge Yankee nicht zu sein."  (S. 143)

"Die seit dem Rheinübergang und der Forcierung der Oder sich überstürzenden Ereignisse in Deutschland wirkten schwer zerstreuend, ohne zu erheben. 'Sieghafte Hoffnungslosigkeit' ist ein Ausdruck des Tagebuches, den ich als Unglauben an die Fähigkeit der Sieger deute, nach dem Kriege den Frieden zu gewinnen. Ein Gespräch mit zwei Schweizern, die mich besuchten, einem Konsul und einem Journalisten, drehte sich um nichts als den amerikanisch-russischen Gegensatz und den bevorstehenden Wiederaufbau Deutschlands. 'Der Sieg wird ärger verspielt werden als das vorige Mal.' Unter Freunden war geradezu von dem 'heute schon so gut wie gewissen Vernichtungskrieg der Zukunft' die Rede." (Seite 143/144)


sieh auch:
https://fontanefan3.blogspot.com/2007/10/doktor-faustus-vereinnahmung.html

08 Juli 2018

Wie Shakepeare: "Love’s Labour’s Lost" mich an Doktor Faustus heranführte

So sehr ich Shakespeare schätze, die bloße Lektüre seiner Komödien hat sie mir selten näher gebracht. Es mussten Aufführungen sein.

Das war bei Erich Frieds Übersetzung von Love’s Labour’s Lost jetzt anders. Die Sprachspiele waren aktueller als das mir unvergessene "Bohrst du mir einen Esel" der Schlegelschen Übersetzung von Romeo und Julia und die Handlung nicht so verwirrend wie im Sommernachtstraum.
Doch als ich dann in Kindlers Literaturlexikon erfuhr, dass dieses Stück Thomas Mann dazu angeregt hat, es im 24. Kapitel seines Doktor Faustus aufzugreifen und von Adrian Leverkühn vertonen zu lassen, da habe ich auch wieder dieses für mich sperrige Werk aufgeschlagen und entdeckt, wie er auf Birons 'wütend ausgelassene Selbstverhöhnung' wegen seiner "Verfallenheit an die verdächtige black beauty" eingeht und dann "By the Lord, this love is mad as Ajax; it kills sheep, it kills sheep, I a sheep"* zitiert und auf die karikierenden Elemente der Komposition gerade dieser Textstelle zu sprechen kommt.
Der Erzähler Serenus Zeitblom findet in diesem Zusammenhang Worte zur Charakterisierung Leverkühns, die Mann gewiss als Kritik gemeint hat: "Diese Künstler geben wenig acht auf eine umgebende Gegenwart, die zu der Arbeitswelt, die sie umgibt, nicht in direkter Beziehung steht". Denn er hat sich in dieser Zeit - nicht zuletzt durch seine Radiosendungen Deutsche Hörer! - ja sehr wohl politisch engagiert. Aber dennoch enthält sie auch ein Stück Selbstkritik, nicht zuletzt durch den folgenden Halbsatz "und in der sie folglich nicht mehr als einen indifferenten, der Produktion mehr oder minder günstigen Lebensrahmen sehen."* Denn dass Manns Umwelt, nicht zuletzt seine Frau Katja, trotz ihres eigenen unermüdlichen Engagements zur Schaffung einer günstigen Arbeitsatmosphäre für ihn diese Vernachlässigung der Familie zugunsten der Konzentration auf sein Werk auch als Belastung empfunden hat, war ihm sicher klar. Und der letzte Satz des Kapitels ist gewiss auf Thomas Mann selbst gemünzt. Im ersten Halbsatz als Selbstkritik und im zweiten als Wunsch für sein Verhältnis zu Katja: 
"Es gibt Menschen, mit denen zu leben nicht leicht, und die zu lassen unmöglich ist."

So weit ich in der Gestalt Leverkühns nicht nur eine Allegorie auf das deutsche Volk sehen muss, das einen Teufelspakt mit Hitler eingegangen ist, sondern (über den Bezug auf Nietzsche hinaus) auch ein Stück kritisches Selbstporträt, fällt es mir leichter, mit diesem Text umzugehen. 


Zu herb habe ich die Kritik Max Frischs in Erinnerung, der mir sehr einfühlsam Brecht nahe gebracht hat, aber bei einer Lesung in Oxford über Mann sagte: Er habe jahrelang mehr oder minder in der Nachbarschaft Manns gelebt, aber nie das Bedürfnis nach geistigem Austausch mit ihm gehabt. 

*BIRON. "Der König jagt das Wild, ich hetze mich selbst; sie sind erpicht auf ihre Netze, ich bin umnetzt von Pech; Pech, welches besudelt; besudelt! ein garstiges Wort! – Nun, setze dich, Gram! – denn so, sagt man, sprach der Narr; und so sag' ich, ich, der Narr. Wohl bewiesen mein Witz! – Beim Himmel, diese Liebe ist so toll, wie Ajax, sie tötet Schafe: sie tötet mich, mich das Schaf. Abermals wohl bewiesen meinerseits! – Ich will nicht lieben: wenn ich's tue, hängt mich auf; auf Ehre, ich will's nicht. Ach, aber ihr Auge! Beim Sonnenlicht, wär's nicht um ihres Auges willen, ich würde sie nicht lieben; ja, um ihrer beiden Augen willen; wahrhaftig, ich tue nichts in der Welt als lügen, und in meinen Hals hineinlügen. Beim Himmel, ich liebe, und das lehrt mich reimen und schwermütig sein, und hier ist ein Stück von meinem Gereim und von meiner Schwermut. Nun, eins von meinen Sonetten hat sie schon: der Tölpel bracht' es, der Narr sandt' es, und das Fräulein hat es: süßer Tölpel, süßerer Narr, süßestes Fräulein! Bei Gott, ich wollte alles drum geben, wenn die drei andern auch soweit wären. Hier kommt einer mit einem Papier: gebe der Himmel, daß er seufzen möge!" (Shakespeare: Love’s Labour’s Lost 4. Akt)

Birons Lob der Liebe
"Biron.                                         Wahrlich, die thut not.
Auf, ins Gewehr, streitbare Liebesritter! –
Erwägt, was ihr zuerst beschworen habt; –
Fasten, studiren, keine Frauen sehn; –
Klarer Verrat am Königtum der Jugend.
Sagt, könnt ihr fasten? Ihr seid all zu jung;
Und die Enthaltsamkeit zeugt Krankheit nur;
Und als ihr zu studiren habt gelobt,
Da habt ihr euerm Buch schon abgeschworen.
Könnt ihr stets träumen, grübeln, darauf starren?
Wie hättet ihr, o Herr, und ihr, und ihr
Erforscht die Herrlichkeit der Wissenschaft,
Half euch die Schönheit nicht der Fraungesichter?
Aus Frauenaugen zieh' ich diese Lehre;
Sie sind der Grund, das Buch, die hohe Schule,
Aus der Prometheus echtes Feu'r entglüht.
Ei, stets sich abarbeiten, kerkert ein
Die raschen Lebensgeister im Geblüt,
Wie rastlos angestrengtes Wandern endlich
Die Sehnenkraft des Reisenden ermüdet.
Nun, wollt ihr nie ein Frauenantlitz schaun,
Habt den Gebrauch der Augen ihr verschworen,
Und auch das Studium, dem ihr euch gelobt.
Denn, welcher Autor in der ganzen Welt
Lehrt solches Wissen, wie ein Frauenauge?
Das Wissen ist ein Anhang nur zu uns,
Und wo wir sind, ist unser Wissen auch.
Drum, wenn wir uns in Mädchenaugen sehn,
Sehn wir nicht gleichfalls unser Wissen dort? –
O, wir gelobten Studien, werte Lords;
Mit dem Gelübd' entsagten wir den Büchern.
Wie hättet ihr, o Herr, und ihr und ihr,
Durch bleierne Betrachtung je ersonnen
So glüh'nden Vers, als den begeisternd Augen
Von Schönheitspflegerinnen euch gespendet? –
Das andre träge Wissen bleibt im Hirn,
Und deshalb finden seine dürren Knechte
Mühsel'ge Ernte kaum nach schwerem Dienst.
Doch Lieb', in Frauenaugen erst gelernt,
Lebt nicht allein vermauert im Gehirn,
Nein, mit der Regung aller edlen Geister
Strömt sie gedankenschnell durch jede Kraft,
Und zeugt jedweder Kraft zwiefache Kraft,
Weit höher als ihr Wirken und ihr Amt.
Die feinste Schärfe leiht sie dem Gesicht;
Wer liebt, dess' Auge schaut den Adler blind.
Wer liebt, dess' Ohr vernimmt den schwächsten Laut,
Wo selbst des Diebs argwöhnisch Horchen taub ist.
Die Liebe fühlt empfindlicher und feiner,
Als der beschalten Schnecke zartes Horn;
Schmeckt sie, wird Bacchus leckre Zunge stumpf;
Ist Lieb' an Kühnheit nicht ein Herkules,
Der stets der Hesperiden Bäum' erklimmt? –
Schlau wie die Sphinx, so süß und musikalisch
Wie Phöbus Lei'r, bespannt mit seinem Haar? –
Wenn Liebe spricht, dann lullt der Götter Stimme
Den Himmel ein durch ihre Harmonie;
Nie wagt's ein Dichter und ergriff die Feder,
Eh' er sie eingetaucht in Liebesseufzer! –
Dann erst entzückt sein Lied des Wilden Ohr,
Pflanzt in Tyrannen holde Menschlichkeit.
Drum wart ihr Thoren, diesen Fraun entsagend,
Und haltet ihr den Schwur, so bleibt ihr Thoren.
Der Weisheit halb, – ein Wort, das jeder liebt, –
Der Liebe halb, – ein Wort, das jeden liebt, –
Der Männer halb, die Schöpfer sind der Fraun, –
Der Frauen halb, durch die wir Männer sind,
Laßt uns den Eid vernichten, uns zu retten,
Sonst retten wir den Eid, vernichten uns.
's ist Religion, meineidig so zu werden,
Denn Gnade selber schrieb uns das Gebot;
Und wer mag Liebe trennen von der Gnade?"

Übersetzung von Schlegel/Tieck. Erich Fried übersetzt in den letzten beiden Zeilen statt 'Gnade' Nächstenliebe.

*Thomas Mann hat selbst in der "Entstehung" [des Doktor Faustus] von der "mich dauernd bestürzenden Rücksichtslosigkeit im Aufmontieren von faktischen, historischen, persönlichen, ja literarischen Gegebenheiten" gesprochen, wobei diese "Montage-Technik" aber zur "Idee des Buches" gehört habe. Möglich sei ihm diese Technik geworden, wegen des Charakters des Buches "als Geheimwerk und Lebensbeichte, der die Vorstellung seines öffentlichen Daseins überhaupt von mir fernhielt, solange ich daran schrieb". (Weites Feld 31.10. 2007)


Mehr zu Thomas Mann: 

01 November 2007

Entstehung des Doktor Faustus

"[...] ich muß darin Bescheid gewußt haben, so weit, daß es mir möglich war, sofort mit seinem Motiv-Komplex in toto zu arbeiten, den Anfängen gleich die Tiefenperspektive des Ganzen zu geben ..." (Thomas Mann: Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S. 105)

Während des Vordringens der Alliierten - nach Abfassung seines Vortrages "Deutschland und die Deutschen" - ist Mann durchaus nicht euphorisch. "Sieghafte Hoffnungslosigkeit" notiert er im Tagebuch und über ein Gespräch mit zwei Schweizern die Befürchtung "Der Sieg wird ärger verspielt werden als das vorige Mal." (S.144)

31 Oktober 2007

Doktor Faustus: Vereinnahmung - Montage-Technik

Kunstvoll, viele Ebenen ineinanderschiebend, anspruchsvoll in der Verabeitung des politischen Gegenstandes, der ethischen Frage, sowie der dämonisch-religiösen-antichristlichen Dimension der Kunst ist Thomas Manns Doktor Faustus auch ein Werk, das in manchem die Herübernahme des im realen Leben Geliebten in die Sphäre des literarisch Teuflischen sehr weit treibt.
Der geliebte Enkel, den er im Roman unter gräßlichen Schmerzen sterben lässt, seine Geliebten, die er porträtiert und durch die Art seiner Darstellung auch wieder herabsetzt, schließlich die Zwölftonmusik Schönbergs, von der er in der "Entstehung des Doktor Faustus" zu Recht sagt, dass es "fast etwas von Kränkung gehabt hätte, im Text seinen Namen zu nennen".
Ob mit Namen oder ohne Namen, der Zusammenhang, in den ein Mensch oder das Lebenswerk eines Menschen hier gestellt wird, hat etwas Kränkendes. Auch wenn Kunstnotwendigkeit es befiehlt und hohe Kunst das Ergebnis ist.
Ist aber nicht das Auslassen des Holocaust, die Parallelisierung des deutschen Geschehens von 1933 bis 1945 mit dem Teufelspakt eines Künstlers eine unzulässige Stilisierung des Banal-Bösen?
Doch darf andererseits die Verarbeitung (nicht die "Bewältigung") von Gegenwart durch Kunst dem Künstler verboten sein? Wenn die Satire alles darf, sollte die Kunst es nicht auch dürfen?
Was dürfen Satire und Kunst wirklich?

Thomas Mann hat selbst in der "Entstehung" von der "mich dauernd bestürzenden Rücksichtslosigkeit im Aufmontieren von faktischen, historischen, persönlichen, ja literarischen Gegebenheiten" gesprochen, wobei diese "Montage-Technik" aber zur "Idee des Buches" gehört habe. Möglich sei ihm diese Technik geworden, wegen des Charakters des Buches "als Geheimwerk und Lebensbeichte, der die Vorstellung seines öffentlichen Daseins überhaupt von mir fernhielt, solange ich daran schrieb". (Die Entstehung des Doktor Faustus, Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S.103)
Wir brauchen diese Äußerung freilich nicht für mehr zu nehmen als als Rechtfertigung der Kunstnotwendigkeit. Denn vorher hat er schon gesagt, dass sein "Lebensplan, der immer ein Arbeitsplan gewesen war" dies Thema "an das Ende gestellt hatte".
Alle seine vollendeten Arbeiten hatte er veröffentlicht. Der Plan sah mit der Verschränkung der Zeitebenen von Biographie und Erzählzeit Zeitblooms eine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vor. Die sollte der Öffentlichkeit vorenthalten werden?
Das ist nicht zu glauben, eher, dass Thomas Mann den Gedanken an die Veröffentlichung fernhielt, damit er "Gegebenheiten" einbringen könne, die bewusst der Öffentlichkeit vorzustellen, er sich nicht gestattet hätte. Wusste er doch, dass er die Episode mit Frido, "die Geschichte des Gotteskindes" in einer Sphäre der "Unmenschlichkeit" ("Entstehung des Doktor Faustus", S.101) erzählen würde.