14 Dezember 2017

Hermann Löns: Mümmelmann

Hermann Löns ist bekannt als Dichter von Tier- und Jagdgeschichten, als Dichter von Heide- und Liebeslyrik. Weniger bekannt ist, dass er jahrzehntelang journalistisch tätig war, zum Chefredakteur aufstieg und sich für einen Naturpark Lüneburger Heide einsetzte.
Noch deutlich unbekannter sind seine sozialkritischen Texte und Balladen, doch dazu später.

Hier einige Auszüge au einem Tierbuch Mümmelmann.

Mümmelmann (1909) Ein Tierbuch.

Mümmelmann
Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die dreitausend, an die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen in ihrem Kriegsschmucke. Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite hing ein Ränzlein, strotzend von braunen, grünen, roten oder gelben Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend das nicht minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor dem Magen trugen sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen, und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen Kalibers. Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit schallenden Tritten, drei Kupees mit Zigarrendampf und die Schaffner mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von canis familiaris hinter sich her und verlangte Platz dafür nächst sich. Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzulange beim geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein. [...]
Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger Mensch verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, Schweiß und Wolle, Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, Kesseln und Suchen, Stokeln und Strecke, meinten aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin durch die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus dem Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer warf.
Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von Knubbendorf die Nase eines alten Rammlers, der langsam und hochläufig über die Landstraße hinkte, Haanrich Mümmelmann genannt in seiner Sippe. Er machte einen Kegel, putzte sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er noch nach der reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von jungen Apfelbäumen in den Gärten von Knubbendorf zu sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher sei, einige vorjährige Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte einen Druck im Magen. Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem er auf einem plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht von den Hesperiden, sondern von dem edlen Rosse stammte, mit, daß ein Wagen sich nähere. [...]
Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei Läufe über die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt entlang. Auf dem großen Schlehbusch saß der Neuntöter. Den fragte er, ob er nicht sähe, was da die Straße entlang komme, seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach der Dieme, denn da hatte er eine Maus gesehen. Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln und hoppelte weiter, bis an den großen Stein, der an der Sandkuhle lag. Dort klopfte er dreimal mit dem linken Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den rechten fraßen nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei sauber gekämmte Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume. »'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage gifft dat Drievjagd. Eck weit blot noch nich, wenn sei in Holte drieven oder inn'e Feldmark. Seih deck vör!«  [...]
Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte, daß der Mensch doch das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke Rotvoß und Griepto Heuhnerdeiw, dem Habicht, und daß es Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte er von weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und der wiederholte sich immer wieder. Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte nach der Gegend hin, aber seine Lichter trugen so weit nicht. So rückte er wieder zusammen und wartete. [...]
Na, sein Testament hatte der Olle schon lange gemacht, er war nun fast zehn Jahre alt, und ewig kann man nicht leben. So philosophierte er. Auf einmal spielohrte er.
Er hörte den Mordschrei der Nebelkrähe. [...]
Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein Gepolter und sah die Krähen abstieben. Er richtete sich ein bißchen hoch und sah einen großmächtigen Köter einen kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das sah der Alte, war der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige Hund ihn bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, Natz Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen werden. »Natz«, knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett di dahl!« Der kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, fuhr in das warme Lager, und mit einem Hui, eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte Feldhase aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß der Hund ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, schlug wieder Haken, machte einen Kegel, nahm wieder das Feld hinter sich, bis dem Hunde die Zunge aus dem Halse hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete sich wieder ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe. [...]
Aber zwischen dem langen Schnellschießer und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und da richtete sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader Linie voran, gerade auf die Lücke zwischen den beiden Schützen zu, ganz langsam, bis er fast in Schußnähe war, witschte dann nach links, schlug einen Haken nach rechts, einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie zwei Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von Kühen, um die die Bremsen sind, und dann gab er her, was er in sich hatte, fuhr durch die Lücke, schlug sieben Haken, hörte einen Knall, einen Schrei, einen Fluch, nähte aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er ein Männchen und äugte zurück. Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die Jäger liefen nach einem Fleck, hoben etwas auf und gingen nach dem Dorfe. Und es war doch erst Mittag. Als sie alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach dem Kessel. [...]
Und als sie alle zusammen waren, da hielt Natz Klewersitter eine Rede und sagte allen, wie Haanrich Mümmelmann ihm das Leben gerettet hatte, und alle zweihundert klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre Nase an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein Männchen und erzählte, daß der Alte vom großen Stein sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe gesehen, daß Mümmelmann durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch gemacht habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. [...]

Hasendämmerung 
Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem Lager auf dem blanken Heidberg, ließ sich die Mittagssonne auf den billigen Balg scheinen und dachte nach über Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen. Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen war. Auf grünen Feldern hatte sich seine Jugendzeit abgespielt; seine Jünglingsjahre hatte er im Walde verlebt; die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte er in der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt hatten, und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten sehnte, verließ er die Öde. Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung war mager, aber es stand nicht, wie beim Klee im Felde und bei der üppigen Wiese im Walde, die Angst bleichwangig und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande des Heidhügels die rheumatischen Glieder baden und dem Gesange der Heidelerchen lauschen. Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas Abwechslung in seine Nahrung bringen müsse. Keine Philosophie der Welt tröstet den Magen, und keine Weltweisheit befestigt die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe gab es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war da, ferner Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der Klee war schon hoch genug, an den Gräben wuchs allerlei winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das Wasser hinter den gelben Zähnen zusammen. [...]
Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig Männer waren gekommen, bis an die Zähne bewaffnet, schrecklich anzusehen in ihrem Kriegsschmuck. Sie waren in den Krug gegangen, aßen und tranken, was es gab, machten sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und blau, erzählten sich mehr oder minder starke, neuaufgewärmte alte Witze und zogen dann los, die reine Winterluft mit dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille mit dem Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den klaren, windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für den Hasenmassenmord. [...]
Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es ging zum zweiten Kessel. Und als der abgetrieben war, kam der dritte an die Reihe, und dann ging es zum Jagdhause vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen Töchtern Bohnensuppe auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr Markwart, der Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt abstoben und es weit und breit herumbrachten, daß die Jäger wieder einmal da wären und schon hundertundsiebzig Hasen ermordet hätten. [...]
»Schwerenot noch einmal«, knurrte Jans unter seinem bereiften Bart her, »noch ein Kessel? Die Sonne geht ja schon in ihr Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf uns zu.« Ein furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte rief: »Bliw liggen, du Döskopp«; denn wenn er erregt wurde, sprach er Platt, was er sich sonst als unfein abgewöhnt hatte, und dann setzte er hinzu: »Man kann nicht wissen, was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob ich die Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: Falle ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, bis du an den Heidberg kommst, wo die großmächtigen Steine aufeinanderliegen. Da bist du das ganze Jahr sicher, da kommt niemand hin als die dämlichen Schafe und höchstens einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der erzählt ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritte vom Leibe. Einem Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.«
[...] ein zweiter Hund kam an und wollte ihn gerade fassen: »Da löppt noch een!« schrien die Treiber. Aber Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug einen Haken über den anderen und hielt sich immer dicht vor dem Hunde, so daß kein Schütze zu schießen wagte. Auf einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote schlugen pfeifend auf das Eis, der Hund jaulte auf, und wütende Stimmen erhoben sich. »Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« brüllte ein dicker Herr. [...]
So ging es weiter, und keiner achtete auf Mümmelmann. Der machte, daß er fortkam, denn er haßte Zank und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um den Jungen hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heiderand kam, und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen nicht kümmern, da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe auf einmal fühlte er es in Rücken und Keulen. Das war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen aufrollen wollte. Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam doch noch vom Fleck und tauchte in der Dämmerung unter. Ihm war sehr schwach zumute, obgleich er gar keine Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer und das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf dem Heidberg, und da wühlte er sich in den weichen Sand, lag ganz still und äugte nach dem hellen Sternenbilde, das über dem fernen Walde stand und ganz wie ein riesenhafter Hase aussah. Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch Ludjen Flinkfoot heran. Er hatte, so schwer es ihm bei seiner Angst auch wurde, seines Oheims Ratschläge befolgt und war gesund davongekommen. Der gute Junge war sehr betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn heran und wärmte den Fiebernden. Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher groß und starr; er sah die Zukunft vor sich: »Der Mensch ist auf die Erde gekommen«, sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genugsamen, wird er übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Menschen sich kehren, und sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. [...]
Der Hase wird Herr der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste Herz.«
Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!«, und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme«, und seine Seher brachen.

11 Dezember 2017

Wilhelm Raabe: Das Odfeld

Wilhelm Raabe: Das Odfeld

Raabe berichtet über die Schrecken de 7-jährigen Krieges; doch er versteht es, trotz durchaus realistischer Schilderung einzelner Vorgänge den Leser in so weitem Abstand von den handelnden und vom Geschehen betroffenen Personen fernzuhalten, dass er Grausamkeiten, Gefahren, Ängste und Verzweiflung gleichsam vom Lehnstuhl am Kamin zur Kenntnis nehmen kann, aber nicht ins Geschehen hineingezogen wird. 
Das beginnt schon damit, dass er in einer schier endlos langen Einleitung die Hauptperson, den Magister Buchius als einen der Unwichtigsten eines umfassenden historischen Vorgangs einführt.
Außerdem betont er fortwährend, dass seine Schüler und seine Kollegen ihn nicht ernst genommen haben, ohne nur an einer einzigen Situation den Leser mitfühlen zu lassen, weshalb er darunter so gelitten hat, dass er immer wieder aus der Schule in den Wald geflohen ist, um sich vor seiner Umwelt sicher zu fühlen. 
Weitere Techniken, dem Leser einen beruhigenden Abstand vom Geschehen kann man im Text in großer Zahl nachweisen.

Volltext

Ausschnitte:

1. Kapitel
Die Äbte von Amelungsborn
[...] Herrn Theodoro folgte auf dem jetzt ziemlich unbehaglichen Stuhl noch Dr. Statius Fabricius, der im Grunde als der letzte wirkliche Abt von Amelungsborn zu rechnen ist; denn nach ihm hatte das herzogliche Konsistorium zu Wolfenbüttel einen der Zeitenklemme angemessenen Gedanken. Es schlug zwei schwarze Brummer mit einer Klappe. »Wozu brauche ich noch einen Abt zu Amelungsborn, wenn ich schon einen Generalsuperintendenten zu Holzminden sitzen habe?« fragte es, – und: »Dich will ich belehnen mit Ring und mit Stabe, Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe«, summte es noch vor Gottfried August Bürger, und Herr Hermannus Topp rückte als der erste Generalsuperintendent in Holzminden und Abt von Amelungsborn auf die Prälatenbank der Lande Braunschweig-Wolfenbüttel. [...]
Er war ein Mann der Ordnung, dieser Klosteramtmann von Amelungsborn; aber halte einmal einer Ordnung im Hause in Zeiten wie die eben vorhandenen! [...]

2. Kapitel
Magister Noah Buchius
[...] Für's erste haben wir es vor allen Dingen mit dem Magister Noah Buchius zu tun, den die Klosterschule bei ihrer Auswanderung allein zurückgelassen hatte auf dem Auerberge, wie man beim Auszug, halb des Spaßes wegen, einen alten, zerrissenen Rock am Nagel, einen alten, bodenlosen Korb im Winkel, ein altes, vermorschtes Faß im Keller zurückläßt, und das alles dem von seinen Nachfolgern schenkt, der es haben will oder es mit in den Kauf nehmen muß. Der Amtmann hatte den letzten Magister von Amelungsborn mit in den Kauf zu nehmen, nur auf allerhöchsten Spezialbefehl von Braunschweig aus, auf Gutachten herzoglichen Consistorii zu Wolfenbüttel. Wir aber heute, wir würden wohl nicht nach dem Herrn Amtmann in die Tage der Vergangenheit zurück gehorcht haben, wenn dem nicht so der Fall gewesen wäre. Wir haben dann und wann eine Vorliebe für das, was Abziehende als gänzlich unbrauchbar und im Handel der Erde nimmer mehr verwendbar hinter sich zurückzulassen pflegen. Wir nehmen manchmal das auch etwas ernster, was die Menschheit in ihrer Tagesaufregung nur für einen guten Spaß hält. O, wir können sehr ernsthaft sein bei Dingen, die den Leuten höchst komisch vorkommen. [...]
Wenn er ein Held war, so war er ein vollkommen passiver; und diese pflegen es dann und wann vor allen anderen Menschenkindern zu einem hohen Alter zu bringen, wenn auch nicht immer zu einem gesegneten.
Dreißig Jahre Schuldienst als der Sündenbock und Komikus der Schule! Der gute Mann mit dem ernsthaften Kinderherzen! Der von Mutterbrüsten an alte Mann mit der scheuen, glückseligen Seele der guten Kinder!
Wer in Kloster Amelungsborn hätte ihn missen mögen, da er einmal da war? Wer hätte nicht sein Behagen an ihm genommen? Wer hätte nicht seinen Ärger oder seinen Witz an ihm ausgelassen, und zwar ohne sich vorher nach seinen Stimmungen für beides ein wenig umzusehen? Im Lehrerkonvent wie im gesamten Cötus wußten sie, was sie an ihm hatten und wußten ihn danach zu schätzen. [...]

3. Kapitel
[...] Ein trüber Tag des Novembers Siebenzehnhunderteinundsechzig neigte sich seinem Ende zu, als sie auf der alten Köln-Berliner Landstraße zusammentrafen, der Klosteramtmann von Amelungsborn und sein Hausgenosse, der Magister Buchius, der Ex-Kollaborator am alten Ort der alten Klosterschule. [...]
Vom Südwesten her über den Solling stieg es schwarz herauf in den düstern Abendhimmel. Nicht ein finsteres Sturmgewölk, sondern ein Krähenschwarm, kreischend, flügelschlagend, ein unzählbares Heer des Gevögels, ein Zug, der nimmer ein Ende zu nehmen schien. Und vom Norden, über den Vogler und den Ith zog es in gleicher Weise heran in den Lüften, wie in Geschwader geordnet, ein Zug hinter dem anderen, denen vom Süden entgegen.
»Ich bitte Ihn, Herr,« rief der Amtmann. »Sie fliegen wohl ihrer Natur nach zu Haufen; aber hat Er je dergleichen Vergadderung des Gezüchts wahrgenommen?«
»Wahrlich nicht! O sehe der Herr doch, es ist, als würden sie von kriegserfahrenen Feldherren geführt. Sie halten an. Sie schwenken wie zur Schlachtordnung ein. Sie rüsten sich wie zur Bataille.«
»Bei uns! Herr, bei uns! Dort über dem Odfelde, über dem Quadhagen! So sehe Er doch, sehe Er doch, Magister! Soll man denn hier seinen leiblichen Augen trauen dürfen? Sie fahren wahrhaftig auf sich los, sie brechen aufeinander ein, dort dem Quadhagen zu und über dem Odfelde!« [...]
Der Magister hatte nicht den kleinsten Augenblick Zeit für seinen hochgewaltigen Haus- und Brotherrn übrig. Seine Aufmerksamkeit war ganz allein auf diese mirakulöse Schlacht der Raben, der Vögel Wodans, über Wodans Felde, über dem Odfelde, gerichtet. Mit erhobenen Armen und Stock focht er die Schlacht mit. In seinem gelehrten Gehirn drehte es sich im Tummel wie dort in den Lüften dem Mons Fugleri zu. Armin und Germanicus, Sachse und Franke, die Liga und der Schwed' sie lagen sich, in einen Knäuel verbissen, wiederum im Haar im Gau Tilithi, dem Ithgau, und der Magister Noah Buchius war von seiner Schule hinter sich gelassen worden, hatte so lange das Leben gehabt, um dieses Portentums mit eigenen Augen und bei vollen, klaren übrigen Sinnen teilhaftig zu werden, und die Anwendung daraus zu ziehen für den eben vorhandenen Tag und die gegenwärtigen schrecken- und sorgenvollen Zeitläufte.
Es wäre sicherlich aber auch für den nüchterneren und in den exakten, den empirischen Wissenschaften besser beschlagenen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts dieser Luftkampf nicht ohne Interesse gewesen und es hätte sich für ihn, wenn er den schreibenden Ständen angehörte, wohl verlohnt, einen Artikel darüber an die nächste Zeitung einzusenden und ornithologische Aufklärung in der Sache zu erbitten. Wir aber halten uns mit dem letzten gelehrten Erben der Cistercienser von Amelungsborn einzig an das Prodigium, das Wunderzeichen, und danken für alle fachwissenschaftliche Belehrung: wir lassen uns heute noch gern da an den Zeichen in der Welt genügen, wo besser Unterrichtete ganz genau das – Genauere wissen. [...]
Der Magister, immerfort aufwärts in das schaurige Luftkriegsspiel starrend – zuckte die Achseln. Zugleich aber griff er zu und hielt den Stockschlag auf, den der Klosteramtmann nach einem der aus der Schlacht herabgestürzten und verwundet vor seinen Stiefeln flatternden Kämpfer tun wollte. [...]

Wodurch schafft der Erzähler Abstand von seinem Gegenstand, dem 7-jährigen Krieg?

4. Kapitel
Die Unglückskrähe
 [...]  Der Magister hielt seinen Gehstock unterm Arm und den schwarzen, leise zappelnden und erschöpft sich wehrenden Streiter zwischen beiden Händen, behutsam und mit allem Mitleid gegen die Kreatur, betrachtend vor sich. Nun zog er sein Sacktuch und an den geschickten Griffen, mit welchen er den Vogel hineinband, erwies sich einleuchtend, daß er nicht nur aus seinen Büchern, sondern auch von seinen Scholaren etwas gelernt habe; daß er nicht umsonst an einer hohen Wald- und Wildnisschule zum Katheder hinan- und von demselben herabgestiegen war.
Der Amtmann sah seinem Beginnen anfangs verwundert stumm, sodann aber mit ängstlich-unwilliger Remonstranz zu und meinte zuletzt:
»Er wird mir doch das Untier nicht gar mit sich nach Hause schleppen wollen?«
»Ich möchte es wohl, mit des Herrn Amtmanns gütiger Permission. Sei es ad memoriam dieses seltsamen Abends sei es zur Genossenschaft in der Einsamkeit der Winterstube.« [...]

5. Kapitel
Sie blickten alle auch dem Magister nach, wie er seiner Tür zustapfte, die nicht in das Amts- und Wirtschaftsgebäude führte, sondern in den Flügel des Klosters, der einst hauptsächlich der berühmten Schule und ihren Lehrern Unterkunft gegeben hatte. Bemerkungen machten sie nicht hinter ihm drein, sie schüttelten höchstens die Köpfe. [...]

8. Kapitel
Monsieur Thedel von Münchhausen
[...] Monsieur Thedel von Münchhausen, der neuen Hohen Schule zu Holzminden erster – »noch zu Amelungsborn oft genug verwarneter« – Relegatus!... Ach, der Magister Buchius kannte ihn schon!... Daß er, Monsieur Thedel, der tolle Thedel, die Gegend zwischen der Weser und der Homburg auch bei Nacht kannte, das war diesmal wirklich sein Glück. Wäre es bei Tage gewesen, so hätte man es ihm wohl angesehen, daß ihm das Gezweig im Dickicht häufig genug den Hut vom Kopfe gestoßen habe, daß er nicht selten der ausgefahrenen Heerstraße aus dem Wege gegangen sei und einen Umweg durch die Wildnis nicht gescheut habe, um einem unnötigen oder gar niederträchtigen Aufenthalt auf seinem Marsche auszuweichen. Mehr denn einmal hatte ihn das Marodevolk von Auvergne, Pikardie oder hatten ihn welche von den Freiwilligen von Austrasien zum Führer brauchen wollen; doch auf die Gefahr hin, am nächsten Baum zu baumeln, war er den Zumutungen entgangen. Auf Stunden Weges wenigstens hatte er, wie er vermeinte, den Herrn Herzog von Broglio hinter sich gelassen und seine blauen, weißen und gelben Dragoner oft recht nahe auf den Fersen gehabt. Wie konnte der holzmindensche Schüler genau wissen, wo der große französische Oberfeldherr in diesen Tagen sich persönlich aufhielt? Hinter Lobach unter dem Eberstein hatte er aber seinetwegen jeden gebahnten Weg ganz aufgegeben und sich ganz im Walde verloren. Verloren? Das nun wohl nicht im wörtlichsten Sinne des Wortes. Dazu kannte er – leider Gottes – das Revier zu gut als der schlimmste nächtliche Wilderer der Sekunda und der Prima der frommen und hochgelahrten Klosterschule von Amelungsborn. Daß er dem Strick des Herrn Generals von Poyanne entging, war eigentlich gar kein Wunder, da ihn seinerzeit die Büchsenkugeln der Herzoglich Braunschweigischen Kammerförster der ganzen lustigen grünen Wildnis auch höchstens nur geschrammt hatten. [...]
Herr Thedel von Münchhausen ging lieber auch um Negenborn herum, eben wegen zu guter Bekanntschaft mit dem Förster dort, und schlug sich rechts durch den Wald, in welchem er von hier an jeden Baum, Stein, Stock, Stuken und Erdfall so genau kannte wie nur irgend Fuchs, Dachs, Hirsch, Reh und Wildschwein, sowie herzogliche grünröckige Beamtenschaft im Revier. So kam er ein wenig außer Atem und mit fressendem Hunger, aber bei sonst gesunden Gliedmaßen an auf dem südlichen Rande des Hooptals gegenüber dem Küchenbrink und Auerberge und saß, mitten in der Novembernacht den Schweiß von der Stirn mit dem Ärmel trocknend, einen Augenblick auf einem Stein und meinte: »Guck, er hat immer noch Licht!« Nach dem kurzen Augenblick des Verschnaufens nun hinunter zum Forstbach und auf der andern Seite des Tals wiederum in die Höhe, den steilen Abhang empor, zu dem Lichtschein aus der Zelle des Bruders Philemon und des Magisters Noah Buchius! Auch da ging am Gestein und im Gestrüpp ein Schlupfweg, den nicht alle Leute im Kloster so gut kannten wie der Junker Thedel von Münchhausen, welcher aber sicher doch schon seit manchem lieben Jahrhundert von Geschlecht zu Geschlecht durch die Leute von Amelungsborn hinter der Hand zu nützlicher Kenntnis weitergegeben worden war. »Der Schrecken, wenn ich ihn jetzt von hier aus auf sein: Qui vive? anschriee: France!« lachte der wilde, junge, nächtliche Wanderer, die flache Hand an die Mauern von Kloster Amelungsborn legend. »Aber wissen möchte ich wohl, wie spät es eigentlich am Tage ist. O Selinde, Selinde, du wirst nicht mehr Licht haben wie der Magister! Mein Herz, ach, wenn du wüßtest, wer jetzo hier um die Mauern schleicht!« Er schlich oder tastete in Wahrheit jetzt die Mauer des Klosters entlang. Wo andere um diese dunkle Stunde Hals und Beine gebrochen haben würden, ging er sicher wie – ein Nachtwandler. Jawohl, es war auch nicht das erstemal, daß er auch hier über dem Hooptal verbotene Wege gewandelt war. Der Baumast, der dort, wo die Gebäude zu Ende sind und die Hofmauer anfängt, an diese Mauer reicht, hängt seit der Tertia seiner nächtlichen Abenteuer voll. Er reitet auf diesem Ast, als der erste Hund von Amelungsborn seine Visite merkt und anschlägt. Und – bum – bum – bum, da ist auch die Turmuhr. Wie dem Magister Buchius zählt sie dem Junker Thedel von Münchhausen die elfte Stunde des Abends zu; aber dem Junker fehlt freilich die Muße, die feierlichen, langsamen Schläge gelassen nachzuzählen. »Verfluchte Köter!« murmelte er auf seinem Zweige zwischen den Zähnen. »Das ganze Nest machen sie mir rebellisch! Da hätte ich ebensogut morgen früh mit dem Herrn Marquis von Poyanne einrücken können! O Selinde, Mademoisell Selinde, mein Stern, meine Fackel, mein Herzbrand!« Und trotz allem Gekläff und Gebelfer in allen Tonarten der Hundekehle aus allen Gehöften der weiland Brüder Zisterzienser mit einem letzten Schwung vom Ast auf die Mauer! Erst rittlings da und dann mit beiden Beinen in den Klostergarten hinunter baumelnd:… [...]
Der Hund, der den Alarm gegeben hatte, stand innerhalb des umfriedeten Bezirks mit den Vorderpfoten hochaufgerichtet an der Mauer und blaffte immer wütender zu dem nächtlichen Eindringling empor.
»Kotz Blitz,« rief dieser. »Ich bin's, Erdmann! Pfü–it!« Und ein langgezogener Pfiff verwandelte das Gebell des treuen Wächters zuerst in ein erstauntes Schweigen, sodann in ein zärtlich Winseln und freudig Hin- und Herspringen. Schon stand der Schüler unten im Hof –
»Hund! Spitzbube, hab' ich dich!« schrie's ihm im Ohr, und ein schwerer Prügel wurde ihm um den Kopf geschwungen.
»Diesmal bin ich's noch einmal, Heinrich!« flüsterte der Junge lachend. »Hand vom Kamisol; und – wer ist außer dir noch wach zu Amelungsborn?«
»Herr Gott, unser Musjeh Thedel!« stammelte der Knecht Heinrich Schelze. »Der Herr Junker von Münchhausen. I du meine Güte – nu, nu, – also noch einmal so mitten in der Nacht? Ach je, ach herrje!«
»Kerl, so bring' doch zuerst die andern verdammten Bestien zur Ruhe. 's ist doch nicht das erstemal, daß wir uns so treffen hier an der Mauer? Diesmal aber habe ich nicht die Förster, sondern die Franschen auf den Hacken. Und der Herzog Ferdinand ist über die Weser, und ich bin auf dem Wege zum Herzog Ferdinand –.«
»Auch der!« murmelte der Knecht. [...]

Was erfahren wir über den Junker? Was hat er mit dem Krieg zu tun? Womit vergleicht er den Krieg?

9. Kapitel
[...] Thedel von Münchhausen zuckte greinend die Achseln: [...]
Ach ja, was ganz Besonderes ist nicht weiter vorgefallen, das Faß ist übergelaufen und damit basta. Sie haben mir in Zärtlichkeit geraten, nunmehro das Vaterland nicht länger warten zu lassen, sondern zum Kalbfell zu schwören, wie es mir in der Wiege gesungen worden sei, und zumal da der Herr Vormund in Wolfenbüttel ja selber dazu rate. Daß sie mir mit dem Herrn Vormund und Oheim rieten, doch meinen Herrn Vetter von Bodenwerder unter den hannöverschen Jägern, den hohen Alliierten und dem Herzog Ferdinand aufzusuchen, das traf wohl meine Meinung auch; aber – ohne meine Sehnsucht nach Ihm, Herr Magister, hätte ich sie doch noch einmal persuadiert, es noch einmal, zum allerletztenmal mit der lateinischen Stallfütterung bei mir armen Corydon zu probieren. Aber das Verlangen nach dem Herrn Magister –«
»Nach mir?« rief der gute alte Herr, die magern Hände zusammenschlagend. »O Theodorice, Theodorice, Er wird wohl noch auf Seinem Sterbebette Seinen Jokus treiben wollen! Ist denn dies eine Zeit zum Scherzen? So nehme Er jetzo doch für eine Viertelstunde Vernunft an und rede Er verständig, Monsieur. Er siehet doch meinen Kummer um Ihn, und – wir sind hier nicht mehr auf der Großen Schule zu Kloster Amelungsborn – sondern nur in der Kammer des alten, verbrauchten, unnützen Buchius, und – morgen früh ruft weder Ihn noch mich die Glocke zu den Lektionen, und Er hat an mir keine Materia mehr, sich zu präparieren zu einem neuen Spaß, mit dem Er die Herren Kommilitonen über den närrischen Magister Buchius zum Lachen bringen möchte!«
Dies kam nun in einer Weise zum Vorschein, die den jungen Menschen vollständig duckte. Es war keine Dumme-Jungen-Komödie in dem Ausdruck der Betroffenheit, der Reue, mit dem er sich auf die Hände des alten, vor Erregung zitternden Schulmeisters niederbeugte, sie ergriff und zwischen Verlegenheit und – ja, auch zwischen Tränen stotterte: »Der Herr Magister haben recht, Sie haben recht! Wir haben es alle, Konvent und Cötus, nicht um den Herrn Magister verdient, daß Sie einen einzigen freundlichen Gedanken für uns haben. Da; gleich und wie ein Lamm gutwillig lege ich mich da vor dem Herrn über den Stuhl – holen der Herr Magister Buchius Ihr spanisch Rohr und zahlen Sie mir nachträglich durch den Rest der Nacht, was ich an Ihnen pekziert und meritiert habe, und geben Sie's mir für das ganze Kloster, Abt, Amtmann, Rektor, Doktoren und Kollaboratoren mit. Haue Er sie nach Herzenslust in meiner Person. Lasse Er mich in dieser Nacht den wohlverdienten Sündenbock sein für Seine armen, elenden dreißig unbelohnten, übelbelohnten Jahre am Schuldienst zu Amelungsborn. Nachher brauche ich nur noch einen andern Abschied hier am Ort zu nehmen; dann werd ich ja auch wohl den Herrn Vetter auf dem Marsche durch den Ith irgendwo tot oder lebendig treffen, oder wenn den nicht, so doch ohnzweifelhaft den Herrn Herzog Ferdinand und – nachher werd ich's an die Franzosen weitergeben, was Er mir, liebster Herr Magister, in dieser Nacht an Restanten ausgezahlet hat. Da verlasse Er sich drauf! Vivat Ferdinandus dux! imperator! victor! Sie belieben zuzuhauen und mir den meritierten Lohn zu verabreichen.«
Der reuige Sünder hatte wahrhaftig sich den Stuhl vor dem Magister zurecht gerückt und holte wirklich und im vollen Ernst den Stock aus dem Winkel und bot ihn dem guten Herrn hin; aber dieser sprach, die gefalteten Hände vor sich hinstreckend und so mit ihnen abwehrend und mit einer durch Erregung und Rührung erstickten Stimme:
»Mein lieber Junker von Münchhausen!?« ...
»Sie belieben nicht? Der allerbeste Herr wollen alles mir boshaften Kujon und Halunken hingehen lassen? (ein Blick des Bösewichts streifte hier auch ganz unwillkürlich die Kuriositätensammlung des wackern Gelehrten), der Herr Magister will nicht an Thedel Münchhausen nachholen, was Er in dreißig Jahren an der ganzen hohen Schule von Amelungsborn, Cötus und Lehrerkonvent, hat verabsäumet? Dann – gebe Er mir Seine gute Hand und glaube mir, im ganzen römischen Reich, ja, im Universo lebet außer dem Herzog Ferdinand kein anderer außer Ihm, nach dem der wilde Münchhausen solch ein Desir und Verlangen gespürt hat in den letzten Zeiten!« [...]

10. Kapitel
»Woraus denn deutlich zu ersehen, wieviel diese barbarisch scheinenden Wörter bedeuten und wie geschickt sie besonders sind, alle sowohl allgemeine als besondere Schlußregeln zu übersehen und in jeder Figur sich alle richtigen Schlußarten einzuprägen. – Davon zeigt barbara die allgemein bejahenden, celarent die allgemein verneinenden, darii die besonders bejahenden und ferio die besonders verneinenden an usw.«
Also sagte dagegen, nämlich gegen die Lieder des siebenzehnten Jahrhunderts in Schweinsleder, die Deutliche und praktische Vernunftlehre für Schulen insgemein und also auch für die weiland hohe Kloster-, Wald- und Wildnis-Schule zu Amelungsborn. Aber wer gar nichts im Wachen und im Traum auf: Cacresen, bamalip, dimatis, fesapo, fresison hielt, das war des Herrn Klosteramtmanns Vetterstochter Mademoiselle Selinde Fegebanck. Sie war seinerzeit mit der Schule auch ohne die Logika der Scholastiker ganz gut ausgekommen und fertig geworden. Schlüsse wie:

Wer nicht gelehrt ist, ist kein Mensch,
Kein Bauer ist gelehrt, also
Ist kein Bauer ein Mensch,

mochten nach Paragraph Einundneunzig den Herren Primanern zum warnenden Muster diktiert werden, für Mamsell hatten sie nicht den geringsten Sinn. Die brauchte kein Muster, die wußte von ihrer Mutter her schon ganz genau, wo der Mensch anfängt und wo er aufhört. Sie hatte einfach gekreischt unter den Eichen im Sundern über die Konklusion:

Kein Mensch ist ein Engel,
Kein Vieh ist ein Engel, also
Kein Vieh ist ein Mensch.

»Musjeh von Münchhausen«, hatte sie gelacht, »wenn Er mich künftig wieder einmal einen Engel nennen will, bleibe Er mir nachher mit Seinem Buche und Seiner Gelehrsamkeit vom Leibe. Und dazu weiß ich auch gar nicht, was daraus werden sollte, wenn ich so dumm wäre wie Er. Aber ein guter Mensch ist Er, und ich sitze ganz gern mit Ihm hier im Grünen und bei der Hitze im Schatten im Hoop, und daß Er voll Lieder und Singsang steckt, wie der Buchenbaum voll Maikäfer, das gefällt mir auch schon; aber – Musjeh Thedel, wo wollte Er wohl mit mir hin? über die Eichbäume hinaus! ins Himmelblau und gar jetzo mitten im Kriege! und wie mein Onkel und Seine Herren Lehrer über Ihn denken, das weiß Er doch auch; und – Herr von Münchhausen, Er närrischer Eulenspiegel, zu früh soll doch niemand erfahren, wo Barthel Most holt. Das hat mir meine selige Mutter zu zehntausend Malen gesagt und hat noch auf ihrem Totenbett gesagt: Mädchen, daß du mir nicht dumme Dinge machst in Amelungsborn unter den Herren Scholaren und jungen Herren Magistern. – Da, küsse Er mir denn die Hand, wenn Er durchaus es nicht lassen kann!« ... [...]

Und auf den Lippen mit den Reimen:
»Ist es möglich, daß du weinest?
Ist es möglich, daß du meinest,
Daß ich dich verlassen kann?«
war sie guten Gewissens und gesund eingeschlafen, um im Traum ihr Dasein und Wesen in der Welt weiter zu spielen wie im Wachen. Kloster Amelungsborn, sein Amt und seine Schule, der Siebenjährige Krieg, die schwarzen Lateiner, die preußischen Husaren, die französischen Dragoner vertrugen sich in Mademoiselle Selindens harmloser, alberner Seele besser miteinander, als es die meisten Geschichtsschreiber für möglich halten. Und wenn die Leute auf der Letzteren Schrift doch bauen und trauen und ihr auch gern nachgehen haufenweise, so ist das recht gut aus mehrfachen Gründen.
Das gute Mädchen flog ebenfalls die ganze Nacht durch. Von der Rabenschlacht hatte sie natürlich auch vernommen und auch den Kämpfer aus derselben, den Magister Buchius mit nach Hause brachte, betrachtet. Von der Rabenschlacht hatte sie natürlich auch vernommen und auch den Kämpfer aus derselben, den Magister Buchius mit nach Hause brachte, betrachtet. Sie hatte wie die meisten andern ihrem Ekel über das Untier Worte verliehen, und nun rächte sich der Spuk, so gut er konnte, und ließ sie im Traum erleben, was der Justizamtmann Bürger zu Alten-Gleichen im Calenbergischen, zehn oder elf Jahre später, in die deutsche Literaturgeschichte als großer neuer Poet hineinsang nach dem Dorfmädchenliede:



Sie hatte wie die meisten andern ihrem Ekel über das Untier Worte verliehen, und nun rächte sich der Spuk, so gut er konnte, und ließ sie im Traum erleben, was der Justizamtmann Bürger zu Altengleichen im Calenbergischen, zehn oder elf Jahre später, in die deutsche Literaturgeschichte als großer neuer Poet hineinsang nach dem Dorfmädchenliede:
»Der Mond, der scheint so helle,
Die Toten reiten so schnelle:
Feines Liebchen, graut dir nicht?«
Und an den an der Gartenmauer den ewigen Schlaf schlafenden Königsdragoner Unterleutnant Seraphin hatte sie auch nicht ohne Gefährde beim Zubettesteigen gedacht. Sie hatte einen feinen Traum; und man hebt einen Zipfel von der Decke vor dem großen Mysterium der Welt, wenn man bedenkt und ganz genau in Betrachtung zieht, daß die Dummen und Armen im Geiste die allerwundervollsten und geistreichsten Träume haben können, ebenso geistreiche und sonderbare als wie die Klugen, die Weisen, sowohl am Tage wie bei Nacht. Mamsell Selinde wurde auch im November 1761 abgeholt von ihrem toten Dragoner wie Lenore von ihrem Wilhelm. Es stand aber ein weißes Roß an der Mauer des Gemüsegartens, und der Himmel war hellblau, die Sonne stand im Mittage, Wald, Feld und Wiesen waren grün, und es kam ein lustiges, frisches Windeswehen dazu her vom Hils, vom Ith, vom Vogler über die alte Ringmauer der Zisterziensermönche von Kloster Amelungsborn. Lustige Musik von nah und von fern klang der Jungfer ins Ohr. Als ob es sich von selbst so verstünde, war sie in ihrem allerbesten Sonntagsstaat mit Bändern und Reifrock und Stöckelschuhen, mit Puder und Handschuhen – eben noch in ihrer Kammer auf dem Bettrande und nun draußen im Garten, im blühenden Garten voll von Bienen und Buttervögeln. Über die Klosterringmauer sah der weiße Pferdekopf und winkte der junge lachende Reiterleutnant im weißen Rock und Silber der Dragons de Ferronays mit dem Federhut: Wir reiten, wir reiten, Mademoiselle! – Ich wollt Ihm aber doch noch ein Zweiglein Rosmarin an die Kokarde stecken, Monsieur, sagte die Jungfer, hat er es denn gar so eilig, Monsieur Seraphin?... Die wilde Rose, la fleur d'églantine, dort vom Busch, Mademoiselle! Wir reiten, wir reiten – Sattel und Steigbügel! – Unsere Zeit ist hin im deutschen Lande – westwärts, südwärts, durch Nebel und Schnee, durch Regen und Sturm über den Rhein in die Sonne, ins warme lustige Frankreich zurück! Es ist Platz im Sattel, Mademoiselle, ma belle, ma jolie fleur de romarin – wir reiten, Mademoiselle Selinde! [...]
Alles im Sonnenschein – der Garten, das alte Kloster – weiße Tauben in Schwärmen um die Dächer und den Kirchturm und – mit einem Male in den Lüften über der grünen Welt – im Sattel vor dem Reiter des Königs Ludwigs des Fünfzehnten, mitten im Tilithigau: La France! Vive la France! Mamsell Selinde verstand im Wachen kein Französisch, aber im Traume verstand sie es: »Frankreich, Frankreich!« rief und jauchzte es um sie her tausendstimmig. Zu Hunderten, zu Tausenden ritten sie – ritten sie westwärts der Weser zu – alle die törichten Kinder der belle France, die ihr Grab ostwärts des gelben Stromes, diesmal im lieben kleinen Kriege der Madame de Pompadour gefunden hatten. Auf Wodans Felde, über dem Odfelde, über dem Quadhagen, wo gestern die schwarzen Vögel gestritten hatten, sammelten sich die luftigen, lustigen Geschwader in Gold und Rot und Blau, in Silber und Weiß und Grün und Gelb: Champagne und Limousin, Dragoner von Ferronays und du Roy, Freiwillige von Austrasien, Grenadiers von Beaufremont, Grenadiers royaux, Carabiniers von Castella, Carabiniers von Provence. Wer zählt es im Wachen, was Mamsell Selinde nicht im Traume zählen konnte – alles das, was in den beiden letzten Jahren nur zwischen dem Harz und der Weser der Mutter Erde und dem Bauernspaden anheimgefallen war? Ja, hurre, hurre, hop hop hop, aber beim hellichten Tagesschein und ohne alles gespenstische Grauen! Mademoisell Selinde fand nicht das geringste Sonderbare dabei, daß sie den linken Arm um den hübschen jungen Dragoner vom Regiment Ferronays geschlungen hielt und mit der rechten Hand hoch aus den Lüften über dem Campus Odini des Magisters Buchius deuten konnte: da unten geht ja die Frau Tante übern Hof, und in der Milchkammer sollte ich eigentlich auch jetzo sein, Musjeh Seraphin! – [...]

11.Kapitel
 »Herr Magister!«
Das wurde wie in einen tiefen Brunnen hinuntergerufen, und es dauerte seine Weile, ehe Antwort heraufkam.
»Herr Magister Buchius!«
»Eh – eh – heu! Si fractus illabatur –«
»Jawohl – orbis! wenn der Erdball einfällt, den Weisen weckt's nicht! Eben schlagen sie das Hoftor ein, und der alte Impavidus nimmt's bloß für den Weltuntergang und schnarcht weiter, weil ihn die Ruinierung nichts angeht. Einen famosen Schlaf mit gutem Gewissen muß der alte Herr bei dem Lärm haben! Aber auf muß er. Herr Magister! Herr Magister Buchius – die Schulglocke!«
Beim letzten Wort saß der alte Schulmeister aufrecht auf seinem Bett, mit beiden Händen hastig um sich herumgreifend wie nach seinen nötigsten Kleidungsstücken, seinen Büchern, seinem nur zu harmlosen Bakel. Dem jungen grinsenden Bösewicht zitterte in seiner Lust an dem Witz der Stunde die Lampe, mit der er dem erschreckten Kollaborator ins Gesicht leuchtete, in der Hand.
»Ecce! ehem! hem! papae! um Gottes willen, wie spät –«
»Beruhige sich der Herr Magister nur. Zu spät ist's noch nicht. Wir haben das ganze Pläsier noch vor uns. Der Tag bricht eben erst an, und es ist nicht der Herr Rektor von Amelungsborn, der an der Tür trommelt, sondern es sind nur die lieben Herren Franzosen, die wieder das Tor einschlagen und nochmal Quartier verlangen. Der Herr Prior und Rektor liegen hoffentlich zu Holzminden im Frieden und in den Federn und lassen höchstens im Traum den Herrn Magister grüßen.«
Diese ausführlicheren Benachrichtigungen waren wirklich nicht nötig. Zu halbem Bewußtsein gelangt, merkte es der alte Herr schon, daß es nicht sein früherer Scholarch sei, der ihm auf den Hacken sitze, sondern daß nur der Krieg der Krone Preußen mit der ganzen Welt augenblicklich noch fortdauere und Kanada immer noch in Deutschland erobert werde. Die Trommeln der ziehenden Truppen, das Krachen des eingeschlagenen Klostertores, das Gebrüll und Hallo auf den Höfen, auf den Treppen und in den Korridoren sprachen laut und deutlich genug für sich selber. Nur die Anwesenheit, die Gegenwärtigkeit des Junkers von Münchhausen war dem aus tiefstem Schlaf Erweckten für einige Momente noch unbegreifbar.
»Die Franzosen! Ei, ei. Aber – nae ego – Er, Monsieur Thedel? Ja, aber ist Er – wie kommt Er?... Ja so!«
Mit den letzten zwei Worten war Magister Buchius wieder vollkommen bei sich und mit allen vom Himmel gespendeten Seelenkräften beim laufenden Tage: »So hat Er recht gehabt, Musjeh Thedel; und uns möge Gott noch einmal gnädig sein, wie er uns schon so oft geholfen hat.« [...]

12. Kapitel
[...] Magister Buchius nahm seinen Hut vom Haken und drückte ihn fest auf die Perücke. Er nahm seinen Stock aus dem Winkel. Wie ein richtiger alter Römer beim Einbruch der Gallier wollte er auf alles gerüstet und gefaßt sein. Es war auch nur ein Unterschied in der Zeitenfolge und im Kostüm, wie er so dasaß an seinem Tische auf seinem Stuhl in seinem Museo, Wohn- und Studiergemach – aufrecht, das hispanische Rohr fest aufgestellt auf den Boden zwischen den Knieen, den Hut auf dem Haupte. Wenn Kloster Amelungsborn heute im Abgrunde des Zornes des Höchsten versank, den Magister Buchius fand und empfing der Abyssus in voller Erkenntnis seiner Sündhaftigkeit vor dem Herrn; aber auch außer durch den Trost auf die Barmherzigkeit desselbigen Herrn für alles aufs wackerste gewappnet durch die tagtägliche, erfreuliche Beschäftigung mit dem Altertum! Dem klassischen nämlich. Fast mit einem süßen Grauen wartete er darauf, daß ihn der Neugallier an der Nase in Ermangelung eines Bartes zupfe. Er hatte sein volltönend Wort dafür in Bereitschaft; aber – er hatte zu warten. Während der Lärm drunten fortdauerte und drüben von Augenblick zu Augenblick ärger wurde, ließ sich in seinem abgelegenen Winkel keine Seele blicken. Er wartete auf den barbarischen Feind ebenso vergeblich wie auf seine Morgensuppe. Es blieb ihm wahrhaftig nichts anderes übrig, als wie in ruhigeren Zeiten so auch heute zuerst »in das Wetter« zu sehen. Er tat's, indem er sich mit einem Seufzer von seinem Stuhl erhob. Sein Stubengenoß hüpfte ihm dicht auf den Fersen nach und hob sich wie von demselben Gedanken getrieben und sprang neben ihm in die Fensterbank, gleich einem, der auch wohl in dieser Hinsicht sein Urteil abzugeben habe. Es war nunmehr ein wenig heller geworden, wenngleich noch lange nicht Tag. Der Regen hatte aufgehört, aber ein dichter Nebel füllte nicht bloß das Hooptal, sondern bedeckte die Welt um Amelungsborn überhaupt, als habe das alte Kloster seine weiland Mönchskappe nochmals ob dem Greuel der Welt bis über die Ohren hinuntergezogen. [...]
Es kracht dort tüchtig in den Bergen, sowohl Gewitterdonner wie Kanonendonner. Für die Mord- und Raubbande auf dem Klosteramtshofe war das Gekrach vom Ith wie ein neuer Stein; aber diesmal wie ein Stein in einen Spatzenhaufen. »L'ennemi! l'ennemi! Der Feind, der Feind! Les Prussiens, les Prussiens! Les Anglais! les Anglais! Le duc Ferdinand!« Die wüste Menschenwelle, die sich eben gegen das Haus gewälzt hatte und über den Magister Buchius und den Herrn Amtmann, ohne sich um ihre Knochen zu kümmern, weggegangen war, schlug jetzt zurück. Im panischen Schrecken stürzte alles Kriegsdiebsgesindel, mit sich schleppend, was es in der Morgendämmerung und Hast gegriffen hatte, aus allen Türen und wälzte sich, wiederum über die beiden zu Boden liegenden Herren weg, gegen das Hof- und Klostertor. Binnen fünf Minuten war Amelungsborn rein von ihm bis auf den vom Faustschlag Thedels von Münchhausen immer noch besinnungslos auf dem Stroh liegenden Korporal oder Sergeanten Ribaudin. Also so frei von Einquartierung, als das an einem Tage wie dieser und an einer so nahe beim Schlachtfelde gelegenen Wohnstätte nur irgend der Fall sein konnte! [...]


13. Kapitel
Trotz aller Bedrängnis vorhin hatte Magister Buchius sein hispanisch Rohr nicht fahren lassen. [...]
Von irgendwelchem Unrecht, so ihm im Leben geschah, kam ihm die genauere Empfindung erst nach genauerer Überlegung. Ja, wochenlang, mondenlang hatte er sich in solchen Fällen über die Frage abzuquälen und abzuängsten: ob das Unrecht nicht auf seiner Seite liege und er also den Lohn dafür in Geduld hinnehmen müsse. Dieses tat dem Faktum, daß er ein tapferer Mann, ein seiner gelehrten römischen und griechischen Ahnen gar würdiger Mann war, nicht den mindesten Abbruch. Er bleibt deshalb doch diesmal unser Held – unser Heros, und wir kennen unter unseren lebenden Bekannten nicht viele, mit denen wir lieber betäubt, verwirrt, unfähig zu begreifen, uns zu fassen im Kreise taumelten und – wieder fest auf die Füße gelangten. Wir greifen mit ihm nach dem Hut, den ihm wie im äußersten Bedürfnis, nichts von ihm in seinem Hof- und Hausbezirk bei sich zu behalten, der Klosteramtmann von Amelungsborn vermittelst seines bestiefelten Fußes in der wirklichen Unzurechnungsfähigkeit aus der Tür auf die Landstraße nachschickt; und wir drücken ihn uns mit ihm auf die zerzauste Perücke und – suchen uns mit dem Magister zu fassen. [...]


14. Kapitel
[...] Faß Er zu, Thedel. Dei providentia mundus administratur, sagt Marcus Tullius: wer weiß, wozu Er gestern nacht nach Amelungsborn gesendet worden ist, lieber Münchhausen. Hat Er den Invaliden fest? Hoch mit ihm und – sursum corda, hat der Herr uns bis hieher in seinem Nebel geführt, so wird er uns auch im Lichte seines Morgens nicht verlassen. Siehst du, es ging, Wieschen. Da hast du deinen Schatz sicher im Arm. Der Herr Amtmann werden uns auch diesen Notgebrauch seines wackern Gauls verzeihen. Nehme Er den Hans am Zügel, und, Mademoisell, Sie nehmen gütigst meinen Arm. Das nennet man in Wahrheit vasa colligere, lieber von Münchhausen, und itzo dieses im bittern Ernst ein agmen compositum. Nun denn, signa canunt! Wir können leider keine Speculatores voraufschicken. Gradaus! vorwärts! Vivat der Herr Herzog Ferdinand! Grad seinem Kanon zu, hin unter des Löwen schützende, großmütige Tatzen. Ihr Berge fallet über uns und decket uns, daß die Heere über uns wegtreten und wir ihren Fußtritt über uns hören, so wir uns bergen im Schoße der Erden!« »Wer sein Testamente noch in procinctu machen will, der tue es«, lachte der tolle Thedel, und Magister Buchius meinte verwundert: »Siehe, siehe, Er hat doch dann und wann in denen Lektionen besser acht gegeben, als man hat glauben dürfen.« Sie machten nämlich dann und wann vor dem Angriff ihr Testament, die alten Römer: in procinctu, auf dem Sprunge. Mit einem Seufzer dachte der Magister an sein wunderlich Hab und Gut in der Zelle des Mönchs Philemon und mit einem Schulterzusammenziehen an die, so sich in gegenwärtiger Stunde wohl schon selber zu Erben seiner Reichtümer eingesetzt haben mochten.

15. Kapitel
Vom achten September siebenzehnhunderteinundsechzig war die Verordnung des Marschalls Duc de Broglio datiert, durch welche »allen Behörden, Beamten, Untertanen der von den Truppen Sr. Allerchristlichsten Majestät in Besitz genommenen Hannöverschen und Braunschweigischen Lande befohlen wurde, in ihren bisherigen Aufenthaltsorten zu verbleiben und sich vor allen Dingen nicht mit ihren Pferden und Vieh in die Wälder und auf die Berge und auch nicht – unter die Erde zu flüchten«. Der Strick stand drauf, wie schon gesagt worden ist, und das Edikt war am fünften November des genannten Jahres mehr denn je in Kraft zwischen der Weser und der Hube bei Einbeck. Magister Buchius, der letzte Kollaborator von Kloster Amelungsborn, hatte aber dessenohngeachtet die feste Absicht, ihm zu trotzen, alle Consequentien auf sich zu nehmen und sich so tief als möglich bei den Unterirdischen zu verkriechen. Er hatte mit seinen Begleitern wohl ebenso guten, triftigen Grund dazu wie jeder arme Bauer mit Weib und Kind und der letzten magern Kuh. [...]


16. Kapitel
Magister Buchius überhörte diese Frage und den laut hinausgejauchzten Weidmannsruf wie alles andere, was eben geschwatzt worden war. Er stand auf sein spanisch Rohr gelehnt und sah auf die Schlacht hin und hinunter, wie er am gestrigen Abend zu ihr emporgeschaut hatte. Nun wimmelte das Odfeld von streifenden Reitertrupps beider kämpfender Heere, und die Pferdehufe stampften die Leichname der schwarzen geflügelten Sieger und überwundenen von gestern in Sumpf und Moor und den Heideboden. Den Ith entlang scholl die Trommel und der Dudelsack ununterbrochen in das Kleingewehrfeuer hinein, und über den Quadhagen und den Eschershausener Stadtberg hinaus hörte man wohl, daß General Conway und Mylord Granby den Herrn von Poyanne scharf in der Schere hielten, um dem Herrn Generalleutnant von Hardenberg so lange als möglich Zeit zu lassen, auch an ihn heranzukommen und möglicherweise das Beste zum Tage zu tun. Man vermochte es nicht mehr zu unterscheiden, was als Nebeldampf noch an den Bergen hing und aus den Tälern aufstieg, oder was Dampf der Schlacht war. Aber auf ruhige Zuschauer war nicht gerechnet, und langes Besinnen galt nicht für Leute, die unbemerkt durchschlüpfen und ihren Leib – einerlei wo, ob über der Erde, ob unter der Erde, in Sicherheit während der Bataille zu bringen wünschten. Wer wußte jetzt einen Unterschlupf? Sie taten die Frage und – »Ich!« sagte Magister Buchius, und er hatte noch niemals in seinem an die Seite gedrückten, scheuen, schweigsamen, überschrieenen, überlächelten, überlachten Dasein den Accentus so kraftvoll auf das persönlichste aller Fürwörter gelegt wie jetzt. [...]

Der Magister führt seine Gefährten in eine Höhle, die er sich in den Zeiten, als sich Schüler und Lehrer über ihn lustig gemacht hatten, als geheimen Rückzugsort eingerichtet hat.


18. Kapitel
[...] »Der alte Buchius!... er ist ein Held, ein Heros – ein Heros! Und die Große Schule zu Kloster Amelungsborn war der richtige Eselstall. Vivat der alte Buchius, der Magister Buchius! Aber wundern soll's mich, was für ein Nest er sich verstohlen und heimlich, selbst hinter meinem Rücken, hier in der Wildnis ausgebaut hat. Sehe ein Mensche – nur mutig, Courage, Mamsell, Allerschönste – es geht ja ganz hübsch in die Tiefe – o ihr unsterblichen Götter, na, dies ist denn wirklich ganz riesig, ganz famos und das Kuriöseste, was mir heute passieren konnte.« [...]
»'s ist wie lebendig begraben! Lange halte ich das nicht aus«, wimmerte Mamsell. »Ich auch nicht«, rief Thedel Münchhausen, und dann erlosch das Licht in der Laterne, und Magister Buchius ergriff das Wort. Er – er – er versuchte es wenigstens, die Angst der gejagten Menschenkreatur im Finstern zu beschwichtigen; er, der so oft in seinem kümmerlichen Dasein, im dunkeln Winkel verkrochen, vor dem lustigen Leben der Welt den Vogel Strauß hatte agieren müssen. »Liebe Freunde, liebe Kinder«, sagte er und riet er, »einen Augenblick, nur eine kurze Weile die Augen zumachen! Nachher scheinen die Sterne wieder in den Brunnen, oder, ich sage es besser, wir sehen noch ferner das angenehme Licht auch dieses schlimmen Tages.« Wie die Kinder taten sie, was ihnen geraten wurde, und saßen eine geraume Weile still, auf die Schlacht draußen horchend, auf diesen Donner, der nur wie ein ununterbrochenes leises Murren durch die Felsenspalten zu ihnen in die Tiefe hinabdrang. Als sie wiederum aufblickten, merkten sie, daß der schwache Schimmer des Tageslichtes, welcher durch dieselben Steinritzen in ihren Zufluchtsort einsickerte, genügte, sie »lebendig im Grabe« bei Besinnung zu erhalten. Nach fünf weiteren Minuten seufzte Thedel wahrhaft kläglich vor sich hin: »Und das hat Er, Er, Er herausgefunden?!... Er! Und wir haben gemeint, der Wald und der Berg vier Stunden um Amelungsborn sei nur für uns in die Welt hingestellt worden! Jetzt steckt Er uns alle in die Tasche, und der Bauerochse Schelze kann ihm nur verstohlen auf der Fährte folgen. Es ist eine Blamage für die ganze Schule, und es war die allerhöchste Zeit, daß sie aus der lichtgrünen Waldgloria nach Holzminden zu den Schustern, Schneidern und Leinewebern verlegt wurde.« Laut rief er – im rand- und bandlos hervorbrechenden Enthusiasmo schrie er: »Vivat der Herr Magister Buchius! Der Herzog Ferdinand und die Canaillen, der Poyanne und der Chabot, müssen sich am Ith treffen, daß der letzte vom richtigen Amelungsborner Cötus nun, da es zu spät ist, seinen besten, liebsten, tapfersten, klügsten Herrn Magister ganz kennenlerne.« [...]

19. Kapitel
Sie saßen ja wohl nunmehr in verhältnismäßiger Sicherheit. Wie lange aber der Jüngste unter ihnen, der wahrlich nicht hierum in vergangener Nacht von Holzminden herübergelaufen war, es in solcher Sicherheit aushält, das werden wir wohl auch erfahren. Zuerst gefiel es ihm in diesem dunkeln Loch nur allzu gut, wenn auch aus einem Grunde, den Magister Buchius wenig oder gar nicht billigen konnte. Er, Junker Thedel von Münchhausen, hatte es wahrlich auch so weit im Virgilius gebracht auf der Großen Schule zu Amelungsborn, daß er grinsend in dem saubern unterirdischen Cachot das Wort des in solchen Sachen ganz erfahrenen Vaters Zeus, nein, seiner tugendsamen Gattin, der auf Sitte, Zucht und Anstand sehr haltenden Frau Juno, zitieren konnte: »Weil die geschäftigen Rotten die Tal umstellen mit Fanggarn, Schütt ich hinab und errege mit haltendem Donner den Himmel Dann zur selbigen Kluft gehn Dido und der Gebieter Trojas ein.«... »Jeses, man kriegt so schon keine Luft vor Angst und in der Pechrabenschwärze – dichter braucht Er mir nicht auf den Leib zu rücken, Thedel. So lasse Er doch das Drängeln, Herr von Münchhausen!« klang es plötzlich aus einem Winkel der Spelunca, weinerlich, verdrießlich, abwehrend. »Münchhausen!« erscholl es von der andern Seite her, vermahnend, abmahnend; »aber lieber Münchhausen, wenn Er da drüben keinen Platz findet, so krieche Er hier herüber zu mir her und belästige Er nicht Mademoisell unnotwendigerweise. Hier ist des Raumes zur Genüge für Ihn und mich.« »Mademoisell Selinde, o mein Licht im Dunkel«, flüsterte es drüben, während Magister Buchius vergeblich auf Antwort und Folgsamkeit wartete. »Mein Wiesenstern, mein Rosenstrauch, mein Schönheitsspiegel, je tiefer der Abgrund, desto höher meine Seligkeit; je finsterer die Hölle, desto heller meine Sonne; je kälter der Keller, desto heißer meine Amour!...« »Er ist ein ganz dummer Kerl, Herr von Münchhausen, und wenn mir nicht alle Glieder vor Nässe, Frost und Ängsten beberten, so sollte Er schon – jetzt aber lasse Er ab – ist das ein Ort und eine Stunde für dumme Flattusen und Dummejungens-Kindereien? So höre Er doch auf Seinen alten verrückten Schulmeister, Thedel!« flüsterte es zurück. [...]
Verhältnismäßig sicher ist es zwar in der Höhle, aber dunkel, feucht und ausgesprochen ungemütlich. Da Thedel von Münchhausen aufgrund des Widerstandes der von ihm geliebten Mamsell Fegebank das Dunkel nicht für seine Zwecke nutzen kann, sondern sogar erheblich im Gesicht gekratzt wird, und weil es draußen ruhiger geworden ist, wagen sich die ersten, aus der Höhle zu gehen. Dort fallen sie aber alle in die Hände der alliierten Soldaten, die unter Herzog Ferdinand kämpfen. Als sie in die Nähe des Herzogs kommen, wird dieser aufgrund der Hilferufe von Wieschen auf sie aufmerksam. Thedel von Münchhausen bietet sich als ortskundiger Führer der Vorhut an, und der Herzog befiehlt seinen Soldaten, die Übrigen so weit in Richtung des Klosters zu bringen, dass sie nicht mehr in die Hände von Marodeuren fallen können. Sie verstecken sich im Dickicht und warten ab, bis sich der Schlachtenlärm verzogen hat. Als sie herauskommen, finden sie auf dem Odfeld unter den Leichen von Freund und Feind Thedel von Münchhausen.

23. Kapitel
Er, der Junker Thedel von Münchhausen, lag mit einem letzten im Tode erstarrten lustigen Lachen auf dem Knabengesicht unter dem schweren engländischen Reiterpferd. Man sah es ihm an, daß er noch sein fröhlich Teil an der Franzosenjagd genommen hatte und weggenommen war von der Erde im vollsten Triumphe, die Elliots gut geführt und sie nach bestem Wissen und Kräften und zur Zufriedenheit Seiner Durchlaucht des Herzogs Ferdinand heute noch einmal an den Feind gebracht zu haben. Aber der Magister Buchius kniete wortlos unter den Leichnamen von Menschen und Vieh auf dem Odfelde und hielt das Haupt seines bösesten und besten Schülers, seines liebsten, liebsten Schülers in den Armen; und mit einem Male fing er an, bitterlich zu weinen, als ob alles, was er an Kummer und Verdruß in seinem langen Leben und am heutigen kurzen Tage still hintergeschluckt hatte, in einem Strom sich Bahn breche aus seiner tiefsten Seele heraus. [...]
»Herr, Herre, lieber Herre, Schlimmeres hätte auch mir heute nicht passieren können, ausgenommen wenn ich nicht mein Mädchen bei Leben, gesunden Gliedern und bei Ehren hätte behalten können. So reden der Herr Magister doch nur ein Wort! Ach Gott, so ein junger Herr und Menschensohn! Was ist es uns für ein Trost, daß es ihm doch noch besser zuteil geworden ist als tausend andern heute? Guck, da richtet sich wieder einer im Röhricht auf und jammert nach uns herüber auf engelländisch, ohne daß wir ihm nach Hause helfen können.« »Nach Hause!« murmelte Magister Buchius. »Ja, nach Hause!« rief Knecht Heinrich, seine Pudelmütze zwischen den harten Fäusten zerknüllend. »Ein schönes Nach-Hause für alles, was heute hier um den Ith herum gern nach Hause möchte aus Frankreich, England, Bückeburg und dem Hessischen, Braunschweig und allem, was sonst so zu uns ortsangeborenem deutschen Volke gehört. Herr Magister, lieber Herr Magister, da haben der Herr Junker doch wieder ihren Willen gekriegt. Die wollten immerdar nur von Hause weg – von Schulen und von Hause weg – und sie haben einen sanften Tod gehabt, liebster bester Herr Magister, und brauchen sich nicht mehr zu sorgen wie wir andern, was ihnen zu Hause für den Abend aufgehoben ist, liebster, bester Herr Magister. Ach, lasse Er mich Ihm wieder aufhelfen, lieber Herre!« »Ach Gott ja, es hilft ja nun weiter nichts! lasse Er uns doch nur Ihm wieder aufhelfen, liebster Herr Magister«, schluchzte auch das Wieschen. Magister Buchius ließ das Haupt Thedels von Münchhausen sanft aus seinem Schoße in das triefende Gras und Kraut des Odfeldes niedersinken: »Du bist freilich jetzt zu Hause, mein wilder, guter Sohn, und brauchst nicht mehr auf der Welt Schulbänke auf und ab zu rücken. Dir ist es wahrlich einerlei, ob die Katheder von Kloster Amelungsborn noch stehen oder ob sie übereinandergestürzt worden sind.« [...]

Im Kloster finden sie den Klosteramtmann und seine Leute schwer getroffen durch die Plünderung und die Misshandlungen völlig apathisch vor. Obwohl Amtmann Magister Buchius zuvor aus dem Kloster gewiesen hatte, ist er jetzt zufrieden, dass der wieder zurückgekommen ist. Der Magister findet seine Zelle verschlossen vor, die Marodeure sind nicht eingedrungen. Freilich, trotzdem ist vieles zerstört. Das Unheil hat der Rabe verursacht, als er bei seiner vergeblichen Nahrungssuche immer aufgeregter wurde.

25. Kapitel
[...] »Krah!« rief der Vogel, als wolle er bemerken, daß er noch immer da sei. Und er flatterte auf und ungeduldig in der Zelle des Bruders Philemon im Kreise umher und schlug noch einen letzten germanischen Aschenkrug dem Gastfreund vom Brette. Man merkte es ihm wahrlich nicht mehr an, daß er gestern seinerseits eine Wunde aus der Schlacht über dem Odfelde davongetragen habe. »Du? Du? Du?« murmelte der Magister Buchius. »Du willst hinaus? Du willst helfen von der Weser bis zum Hils? Du willst mir, mir helfen auf dem Odfelde?« Er hielt den Fensterriegel, wie um ihn gegen Gott, Teufel und Welt festzuhalten, und das Fenster zu. Und er reichte in seinem Grauen mit seiner Kraft doch nicht aus. Der wilde, schwarze Bote und Streiter Wodans wurde immer ungebärdiger, wurde wie toll in seinem Willen. Er flog gegen den Kopf des Magisters, er stieß mit seinem Kopf gegen die kleinen runden Scheiben, daß sie in ihren Bleieinfassungen erklirrten. Vergebens wehrte sich der alte Schulmeister der weiland Großen Schule von Amelungsborn mit vorgehaltenem linken Arm und Ellenbogen: das Tier setzte seinen Willen durch. »Fahre zu!« ächzte der Greis, das Fenster öffnend und seinem dunkeln Gast den Ausgang aus seiner Zelle freigebend. »Ich weiß nicht, von wannen du gekommen bist, ich weiß nicht, wohin du gehst; aber gehe denn – in Gottes Namen – auch nach dem Odfelde. Im Namen Gottes, des Herrn Himmels und der Erden, fliege zu, fliege hin und her und richte ferner aus, wozu du mit uns andern in die Angst der Welt hineingerufen worden bist.«


09 Dezember 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 37.- 41. Kapitel und Nachwort)

Siebenunddreißigstes Kapitel
Im Sommer fiel ein dunkler Schatten weniger auf mich als auf Mary. Hohenhaus war inzwischen verkauft worden, Frida Thienemann und Olga hinunter nach Kötzschenbroda gezogen. Da kam die Nachricht, Frida sei erkrankt, die Krankheit sei ernst, hieß es nach einigen Wochen, und schließlich trat Mary die Reise zu einer hoffnungslos dem Tode geweihten Schwester an. Ich war egoistisch genug, sie nicht zu begleiten.   Dagegen kam mir mit wunderlicher Plötzlichkeit die Idee, die Abwesenheit meiner jungen Frau zu einem Ausflug zu benutzen. Und plötzlich stand Schlesien, meine alte Heimat, die ich mit allem, was sie barg, nahezu vergessen hatte, wie ein Wunder vor mir auf: das Wunder daran war meine Jugend, meine Vergangenheit. Das zweite Wunder: man konnte dorthin, also in seine Jugend, seine Vergangenheit, zurückreisen. Gedacht, getan: ich holte Schmidt aus der Wohnung seines Bruders, des Postsekretärs, in Berlin. Gern genug war er bereit, die Reise mitzumachen, und bald danach fuhren wir in heiterster Stimmung vom Görlitzer Bahnhof ab. In Hirschberg stiegen wir aus dem Zug. Wir gingen bis Bad Warmbrunn zu Fuß. Dort im Preußischen Hof nahmen wir unseren ersten Halt. [...]
Nach Erkner zurückgekehrt, empfing ich die Nachricht vom Tode Frida Thienemanns. Vier oder fünf Tage später war meine junge Frau wieder daheim, der Schmerz hatte eine neue berückende Schönheit über sie ausgegossen. Wenn ich Schmidt vor der Ehe gewarnt habe, so galt diese Warnung nur für ihn. Mich selber hat sie gerettet, ja glücklich gemacht. [...]
Der Winter wurde uns wohl zu lang. Darum siedelten wir, ich glaube im Januar 87, mit Kind und Kegel nach Hamburg über, das heißt, wir luden uns bei den Eltern ein. Die Wohnung war eng. Ich schlief auf dem Sofa in der Wohnstube. Romanideen wühlten und spukten in meinem Kopf. Daß ich zu einer ernsthaften Arbeit gekommen bin, glaube ich nicht. Es fehlte zunächst ein Arbeitsraum, ich konnte mich in dem kleinen Quartier nicht absondern. Außerdem war mein Gesundheitszustand während dieses Hamburger Winters jämmerlich. [...]
Nach einiger Zeit brach bei Ivo, dem Säugling, infolge der damals schlechten Milchverhältnisse der Hansestadt Brechdurchfall aus, was unseren Zustand noch trostloser machte. Der gelbe Hamburger Nebel drang in die Zimmer und legte sich einem auf die Lungen. Vergeblich wehrte sich das Gemüt gegen tagelange, bedrückende Finsternis. [...]
Wenn ich einerseits Hypochonder war, medizinische Handbücher wälzte, mir die schwersten Krankheiten andichtete, war ich bei meinen nächtlichen Omnibusfahrten in Kälte und Nässe wiederum gegen mich selbst ganz rücksichtslos. Ein solches Verhalten war widerspruchsvoll. Da aber mein künstlerischer Trieb in mir gleichsam das Leben selber war, so mußte er mich schließlich immer wieder, allen Hindernissen durch Krankheitsbeschwerden und Hypochondrien zum Trotz, fort- und emporreißen.   Auf meinen morgendlichen Fahrten nahm ich zuweilen meinen sechs- oder siebenjährigen Neffen Peter mit. [...]
Die Sinne sind reger in der Nacht. Wer wüßte nicht, daß das Wasser lauter rauscht, der eigene Atem, das eigene Herz stärker hörbar wird oder wieviel Licht und phantastisch gestaltende Helle man aus einer kleinen Kerze saugen kann. Der Tag nimmt dem Leben das Wunderbare. [...]
Kinder haben den genialen Zug, sie sehen wesentlich künstlerisch. So sehen heißt, nichts als bekannt voraussetzen. Mein kleiner Neffe vermochte das besser als ich und brauchte dazu nicht wie ich eine Verstandesoperation, weshalb ich mich seiner wie eines Zauberspiegels bediente. Seine Bemerkungen warfen überallhin schnelle Strahlungen eigenen Lichts, das vieles mit seltsamer Kraft erschloß. Dafür fand er dann auch überraschend treffende Ausdrücke. So zu sehen, das heißt, zu beleuchten und die sprachliche Prägung des Erkannten zu finden, war – naiverweise bei ihm, bei mir bewußt – unsere gemeinsame Leidenschaft. [...]
Ob ich mit dem Leben davongekommen wäre, weiß ich nicht, der kleine Ivo sicherlich nicht, wenn der Arzt uns nicht Knall und Fall aus Hamburg verwiesen und nach Erkner geschickt hätte. Wir flüchteten also nach Erkner zurück. Wirklich, wie durch ein Wunder behielt der Säugling in Erkner die erste Flasche Milch, die ihm gereicht wurde. Ja, er war von Stund an gesund. In Erkner nahm ich mein altes Leben mit Wanderungen und Beobachtungen aller Art wieder auf. Ich machte mich mit den kleinen Leuten bekannt, Förstern, Fischern, Kätnerfamilien und Bahnwärtern, betrachtete eine Waschfrau, ein Spitalmütterchen eingehend und mit der gleichen Liebe, als wenn sie eine Trägerin von Szepter und Krone gewesen wäre. Ich unterhielt mich mit den Arbeitern einer nahen chemischen Fabrik über ihre Leiden, Freuden und Hoffnungen und fand hier, in nächster Nähe Berlins, besonders auf den einsamen Dörfern, ein Menschenwesen, das sich seit einem halben Jahrtausend und länger unverändert erhalten hatte. Daß es ein geeinigtes Deutschland gab, wußten sie nicht. Davon, daß ein Königreich Sachsen, ein Königreich Bayern, ein Königreich Württemberg bestand, hatten sie nie gehört. Es gab einen Kaiser in Berlin: viele wußten noch nichts davon. [...]
Man hörte im Winter das Krachen im Eise der Seen weit über Land und das sogenannte Seegebrüll, das Tönen des Wassers unter dem Eise, »wie Tubaruf nach verlorener Schlacht. Es klang wie dumpfer Titanenzorn, wie Rolandsruf aus geborstenem Horn«. Und die Seen verlangten alljährlich Opfer. Da schilderte ich in einer kleinen Novelle, wie der Segelmacher Kielblock mit seiner Frau und seinem Kinde in einer Mondnacht einbrach und unterging. [...]
Während mein zweiter Sohn geboren wurde, schrieb ich an einer Novelle »Bahnwärter Thiel«, die ich im späteren Frühjahr beendete. [...]
Damit war ich als Schriftsteller in die Welt getreten. Die arme Mary hatte unseren zweiten Sohn, wie den ersten, ohne alle ärztliche Hilfe am 22. April 1887 zur Welt gebracht. Nur die Norne aus dem Waldinnern hatte sich wieder eingefunden. Die Mutter, stumm, schweigend, ohne Laut, war ein Vorbild an Tapferkeit. [...]
Ich entdeckte im Walde ein Nest von alten Kleidern. Sie mußten von Strolchen stammen, die sich hier umgezogen hatten. Törichterweise und in der Vermutung, dies könnte die Spur eines damals gesuchten Einbrechers sein, machte ich dem Herrn Amtsvorsteher persönlich Anzeige. Wie er das aufnahm, die Geringschätzung, die er meinem Bericht entgegenbrachte, die hochmütige Ablehnung, die er mir zuteil werden ließ, fand in einer Komödie, »Der Biberpelz«, die ich später schrieb, ihren Niederschlag. [...]


Achtunddreißigstes Kapitel
Ich will nun summarisch zusammenfassen, was über die Zeit in Erkner, insonderheit jene vor einer gewissen epochemachenden Reise nach Zürich, etwa nachzuholen ist. Es kommt dazu noch ein Hamburger Aufenthalt und einer in Putbus auf der Insel Rügen. [...]
Der Anfall in Kötzschenbroda schien in der Tat eine Krise in meinem Krankheitszustand gewesen zu sein. Es ist von da ab aufwärtsgegangen. Wie ich damals glaubte, infolge einer gewissen Bewegungskur. Damals war die Epoche des Hochrades. Aber es wurden schon niedere Räder und ein Dreirad auf den Markt gebracht. Ein solches Dreirad hab' ich erworben. Ich benutzte es täglich und verlängerte damit meinen Aktionsradius. Dabei fühlte ich mich von Woche zu Woche heiterer, stärker und widerstandsfähiger. Auch in mein literarisches Wirken kam Ruhe und Stetigkeit. [...]
Die Einzigkeit meines Wesens war es, auf der ich bestand und die ich gegen alles mit verzweifeltem Mut verteidigte. [...]
Jahre hindurch wußte ich nichts anderes, als daß mein vereinzeltes, absonderliches Streben mich hoffnungslos vereinsame. Der Gedanke, es könne andere geben, die ein ähnliches Schicksal zu tragen hätten, kam mir nicht. Mit einem Male aber tauchten solche Naturen an allen Ecken und Enden in Deutschland auf. Sie begrüßten einander durch Zurufe, Leuten ähnlich, die auf Verabredung einen Marsch zu einem bestimmten Treffpunkt unternommen haben und nun angekommen sind. [...]
Eines Tages – das Haus war voll, es wurde gegessen und billiger Mosel getrunken – kam die Nachricht, daß der ehemalige Vormund der Schwestern Thienemann, ein Naumburger Thienemann, ihre Depots veruntreut habe. Das hieß so viel als: wir waren von Stund an mittellos, waren arm. Ich kann nicht sagen, daß ich durch diese Hiobspost außer Fassung geraten bin. Ich glaube, meine Frau ebensowenig. Ich fühlte eben allbereits unter den Flügeln den frischen, den tragenden Wind. Aber ich glaube, der nächste Tag brachte die Nachricht vom Hinscheiden der Augsburger Großmama, deren Nachlaß, wir wußten es, das Verlorene reichlich ersetzte. [...]

Neununddreißigstes Kapitel
Wir wurden von meinem Bruder und meiner Schwägerin Martha nach Zürich zu kommen eingeladen. Wir sollten samt den zwei Söhnchen, die wir mitbrachten, Gäste ihres Hauses sein. Die Freie Straße – nomen est omen! –, wo die Geschwister wohnten, liegt am Zürichberg und ist umgeben von Wiesen und Wäldern. Natürlich war das Wiedersehen mit Carl, Martha und meinen Freunden Ploetz und Simon das glücklichste. Simon, der ebenfalls an die Universität Zürich übergesiedelt war, steckte, durch Alfred Ploetz angeregt, bereits wie dieser tief im medizinischen Studium. [...]
Mein Bruder Georg aus Hamburg schrieb: Wir haben hier einen Explosionsmotor konstruiert. Sobald er einwandfrei gebrauchsfähig ist, brauchen wir keine Pferde mehr vor dem Wagen. Wir haben den lenkbaren Luftballon, wir haben blitzschnelle kleine Boote, ruderlos. Ja, wir werden wahrscheinlich ohne Ballon fliegen. Es schien Wahnsinn, aber wir glaubten daran. Es schien Wahnsinn, aber wir glaubten daran.
Beinahe täglich brachten Ploetz und Simon Nachrichten in die Freie Straße über den märchenhaften Fortschritt teils der Chirurgie, teils der Bakteriologie. Bald werde man von den Geißeln der Menschen, den Seuchen, nur noch vom Hörensagen wissen. Diphtheritis, Blattern, Cholera, Lues würden binnen kurzem ausgestorben sein, ebenso die Tuberkulose, die verbreitetste aller Krankheiten. Man sei dem Erreger des Übels auf der Spur, weshalb ihre Schreckenstage gezählt seien.

Vierzigstes Kapitel
Es ist selbstverständlich, daß ein Verfolgen des eignen Lebensganges durch fünfundzwanzig Jahre, wie hier, Stückwerk bleiben muß. Seine sprachliche Darstellung um so mehr. Die stärksten unserer Erinnerungen werden aneinandergereiht, darunter jedoch liegt das eigentliche Wachstum unsichtbar, liegt das Unbewußte. Die Reihung selbst geschieht sozusagen auf dem Faden der Zeit. Könnten die darauf gereihten Gegenstände nach Art von Perlen, Steinen und allen Arten von Früchten sichtbar gemacht werden, so würde die Kette sehr ungleich sein und einen harmonischen Anblick nicht abgeben.
Dies ist auch auf meinen Rückblick zutreffend. [...]
Georg Büchners Werke, über die ich im Verein »Durch!« einen Vortrag gehalten habe, hatten mir gewaltigen Eindruck gemacht. Das unvergleichliche Denkmal, das er nach nur dreiundzwanzig Lebensjahren hinterlassen hat, die Novelle »Lenz«, das Wozzeck-Fragment hatten für mich die Bedeutung von großen Entdeckungen. Bei dem Kultus, den ich in Hamburg sowohl wie in Erkner mit Büchner trieb, kam in meine Reise nach Zürich etwas von der sakralen Vergeistigung einer Pilgerfahrt. Hier hatte Büchner gewirkt, und hier war er begraben. [...]
Georg Büchners Geist lebte nun mit uns, in uns, unter uns. Und wer ihn kennt, diesen wie glühende Lava aus chthonischen Tiefen emporgeschleuderten Dichtergeist, der darf sich vorstellen, daß er, bei allem Abstand seiner Einmaligkeit, ein Verwandter von uns gewesen ist. Er ward zum Heros unseres Heroons erhoben.
Vererbungsfragen sind schon damals in der Medizin und darüber hinaus viel diskutiert worden. Unter Forels und Ploetzens Führung auch in unserem Kreis. Die Degeneration im Bilde der Familien wurde, meines Erachtens zu Unrecht, meist auf den übertriebenen Genuß von Alkohol zurückgeführt. Aber der Kampf ums Dasein hat doch wohl andere Schädigungen in unendlicher Menge aufzuweisen, die den Kämpfer und also auch seine Nachkommen schwächen. Der Idealismus Ploetzens überschlug sich eines Tags, und er teilte uns mit, daß er sich nach halbjähriger freier Abstinenz persönlich Forel gegenüber verpflichtet habe, alkoholische Getränke für immer zu meiden. Ich vermute, daß er dies Gelübde, das uns mit Bestürzung erfüllte, bis heut nicht gebrochen hat. Gelübde dieser Art abzulegen, wäre mir ebenso vorgekommen, als ob ich mich für das ganze Leben an eine Kette gelegt hätte. [...]
Jede Art von Gefangenschaft hätte ich immer als gegen die Ehre meines freien Willens gerichtet empfunden. [...]
Der Reformator Zwingli ist es gewesen, der über die letzten Lebenstage des Märtyrers Ulrich von Hutten seine helfende Hand gehalten hat. Er hat ihn zum Abt von Pfäffers gesandt, um die dortigen heißen Quellen gegen sein gallisches Leiden zu gebrauchen. Aber heftiger Regen, heißt es, habe sie kalt gemacht, und sie brachten ihm keine Linderung. Der Mittellose kehrte, ausgestattet vom Abt, nach Zürich zurück, um sich bald darauf in die Hut eines Arztes und Pfarrers namens Hans Schneg, der die Ufenau einsam bewohnte, zu geben, wohin ihm der Tod auf dem Fuße nachfolgte. Hier also auf diesem weltvergessenen Fleck grüner Erde, der sich kaum über das Wasser erhob – wir betraten ihn mit Erschütterung –, hat ein unsterblicher Kämpfergeist sein zeitliches Ende gefunden. Wir hörten das nie mehr verstummende Echo seines Wortes »Ich hab's gewagt!« über Wasser und Erde. [...]
Zwar sahen wir Hutten, selbst Lutheraner, als solchen an, aber als einen, der wie wir das Lutherium, wie wir sagten, objektiviert hatte. [...]
Mochte sein wie unser Herz mit den deutschen Pulsen des Reformators gemeinsam schlagen – römische Dogmen durch deutsche Dogmen ersetzen wollten wir nicht! Wir sahen in ihm den Kämpfer für eine reine, unabhängige deutsche Geistigkeit: also für freie Forschung, freies Denken und freie Kunst. [...]
Theologengezänk mochten wir ebensowenig wie er. Freilich ahnte ich damals nichts von der gnadenlosen Wut sogenannter philosophischer Kämpfe. [...]
Eines Frühlingsmorgens von unsäglicher Lichtfülle, Jugend und Heiterkeit bestieg ich mein Dreirad, das mich gesund gemacht hatte, um auf dem linken Ufer bis Rapperswyl und zum Ende des Zürichsees vorzudringen. Es wurde von allen, die ich gemacht habe, wohl die lustigste Fahrt:. Ich trat die Pedale, ich sang, ich jauchzte. [...]

Einundvierzigstes Kapitel
Der Grundzug unseres damaligen Wesens und Lebens war Gläubigkeit. So glaubten wir an den unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit. Wir glaubten an den Sieg der Naturwissenschaft und damit an die letzte Entschleierung der Natur. Der Sieg der Wahrheit, so glaubten wir, würde die Wahn- und Truggebilde auch auf den Gebieten religiöser Verblendung zunichte machen. Binnen kurzem, war unser Glaube, würde die Selbstzerfleischung der Menschheit durch Krieg nur noch ein überwundenes Kapitel der Geschichte sein. [...]
Dieser Optimismus war schlechthin Wirklichkeit. Man mag sich durch den scheinbar verzweifelten Pessimismus der »Modernen Dichter-Charaktere« nicht täuschen lassen. Aber nicht nur wir, die ganze Epoche Ende der achtziger Jahre des vorigen Säkulums atmete Gläubigkeit. [...]
Wo vom Glauben die Rede war, darf nicht vergessen werden, daß wir vor allem an uns selbst glaubten. Machte Carl davon eine Ausnahme? Ploetz, Simon und die anderen glaubten an sich. An die sieghafte medizinische Wissenschaft, die sie sieghaft handhaben würden. Ich glaubte an mich und den Sieg meiner Kunst, obgleich ich keinerlei Trümpfe vorerst in der Hand hatte. Zwar ich schrieb an einem Roman, in dem ich wahrhaftig und bekenntnishaft, ähnlich wie Rousseau, auftreten wollte, auch auf sexuellem Gebiet. Die Krisen der Pubertät und der Jugend in diesem Betracht wollten mich gleichsam zum Ankläger, wenn nicht zum Retter aufrufen. Wir diskutierten zuweilen darüber. Ein Niederschlag jener Zeit und jenes Bereichs ist »Frühlings Erwachen« von Wedekind. Er übertrifft mich an rücksichtsloser Wahrhaftigkeit. [...]
Man wird sich erinnern, wie man mich bedrängt hatte mit der Prophezeiung eines rettungslosen Epigonentums. Hatte doch der famose Gervinus gesagt, das Kapitel der Poesie in Deutschland sei durch Goethe ganz und gar abgeschlossen. Diesen Irrwahn der meinen Weg wie eine Mauer versperren wollte, hinwegzuräumen, mühte mein Geist sich Tag und Nacht. Ich sah wohl das Epigonentum, sah alle die unfruchtbaren Nachahmer und grübelte nach über die Ursachen ihrer Unfruchtbarkeit. War ich nicht auch auf dem besten Wege dazu? [...]
Wie steht es mit dir nun? fragte ich mich.
Auch du bist ins Himmelblaue entrückt und hast höchstens einige kurze Luftwurzeln. Ob sie die Erde jemals erreichen und gar in sie eindringen können, weißt du nicht.
Jetzt aber hatte ich plötzlich die Kühnheit, nach allem Profanen, Humus- und Düngerartigen um mich zu greifen, das ich bisher nicht gesehen, weil ich es nicht für würdig erachtet hatte, in Bereiche der Dichtkunst einzugehen. Und abermals wie im Blitz erkannte ich meine weite und tiefe Lebensverwurzelung und daß es ebendieselbe sei, aus der mein Dichten sich nähren könne.
Auch fielen mir zur rechten Zeit die niederländischen Bilder in den Sälen der Krone ein.
So und nicht anders verlief der innere Zauber, der mich zu einem gesunden, verwurzelten Baum machte.
Und als ich »Die Macht der Finsternis« von Leo Tolstoi gelesen hatte, erkannte ich den Mann, der im Bodenständigen dort begonnen, womit ich nach langsam gewonnener Meisterschaft im Alter aufhören wollte.
Und wie man eine Statue, die auf dem Kopfe steht, auf die Füße stellt, so war es mir klar, daß ich mit der Scholle und ihren Produkten sogleich mein Werk beginnen müsse, statt im Alter es so zu vollenden.
Was ging das Geschwätz vom Naturalismus mich an? Aus Erde ist ja der Mensch gemacht, und es gibt keine Dichtung, ebensowenig wie eine Blüte und Frucht, sie sauge denn ihre Kraft aus der Erde!
Dieser Gedanke stand kaum gefestigt in mir, als ich aus einem Borger, ja Bettler ein recht wohlsituierter Gutsbesitzer geworden war. Ein immer wachsendes inneres, bisher unsichtbares Kapital gewann Sichtbarkeit. Meine Knabenzeit, die mir so gut wie entschwunden war, tauchte wieder auf, und in der Erinnerung an sie machte ich fast von Minute zu Minute neue Entdeckungen. Das ganze Ober-, Mittel- und Nieder-Salzbrunn entfaltete sich, durch die Salzbach getrennt in die Große und Kleine Seite. Der Gasthof zur Krone tauchte auf, das benachbarte Haus Elisenhof, die Brunnenhalle mit ihren Brunnenschöpfern. Die Schwestern der Mutter und der Großvater, somit der ganze Dachrödenshof. Die Schweizerei und ihre Pächterin und Schafferin, die der Fürst hineingesetzt hatte, ob verheiratet oder ledig, weiß ich nicht. Eine der eindrucksvollsten unter den Brunnenschöpfergestalten war ihr stattlicher, blondbärtiger Sohn, von dem man sagte, daß er zur Hälfte blaues Blut habe. Das herrliche Fürstensteiner Schloß tauchte auf mit seinen Bewohnern und seiner unvergleichlichen Lage. Aber vor allen Dingen die Dorfstraße, die Weberhütten und Bergmannsquartiere, diese das Ärmlichste vom Ärmlichen. [...]
Die drängende Armut der Hintertreppe und mit alledem der Volksdialekt, der mir, wie ich mit Freuden erkannte, tief im Blute saß. Ich merkte nun, wo ich, schon eh ich die Sexta der Zwingerschule betrat, meine wahrhafte Lehrzeit vollendet hatte. Hätte ich nicht beinahe gehandelt wie der Bauer, der das moorige Laub aus dem Korbe schüttelte, das Rübezahl hineingetan hat, und, nach Hause gekommen, nur noch einige Blättchen fand, aber sie waren von purem Golde? Vor dieser Torheit bin ich bewahrt worden. Der alte, neuentdeckte Reichtum hat ausgehalten ein Leben lang und ist bis heute längst nicht verbraucht worden. [...]
Die reichen Kohlenbauern von Weißstein drängten sich ein, meine Landwirtszeit fing an, sich zu melden, es regten sich die Gestalten der Kunstschule. Es regte sich meine Verlobungsepoche, es regte sich Rom. Und ich bin fünfundsiebzig Jahre geworden, um, wie bereits angedeutet, zu erkennen: auch nur das erste Vierteljahrhundert meines Lebens im Sinne der Kunst auszuwerten, war mir eine Unmöglichkeit.
Die reichen Kohlenbauern von Weißstein drängten sich ein, meine Landwirtszeit fing an, sich zu melden, es regten sich die Gestalten der Kunstschule. Es regte sich meine Verlobungsepoche, es regte sich Rom. Und ich bin fünfundsiebzig Jahre geworden, um, wie bereits angedeutet, zu erkennen: auch nur das erste Vierteljahrhundert meines Lebens im Sinne der Kunst auszuwerten, war mir eine Unmöglichkeit.
Ich habe ein Stück »Die Weber« geschrieben. In Zürich regte sich bereits sein embryonales Leben zugleich mit dem eines Bauerndramas, dem ich den Titel »Der Säemann« zu geben gedachte.
In und um Zürich blühte damals noch, und zwar seit dreihundert Jahren, die Seidenweberei. An den Stühlen saßen Handweber. An dem Hüttchen eines von ihnen ging ich mehrmals die Woche vorbei, wenn ich die Psychiatrische Klinik in der Irrenanstalt Burghölzli besuchte. Das Wuchten des Webstuhles hörte man durch die Wand dringen. Und eines sonnigen Morgens, erinnere ich mich, überfiel mich bei diesem Geräusch der Gedanke: du bist berufen, »Die Weber« zu schreiben! Der Gedanke führte sofort zum Entschluß.
Die schlesischen Weber von Langenbielau, die Ärmsten der Armen, und ihr Aufstand in den vierziger Jahren waren damals noch unvergessen in der Welt.
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
wir weben hinein den dreifachen Fluch,
wir weben, wir weben!

Meine Auffassung der Geschehnisse wich nun zwar von der des Liedes ab. Aber es gehörte immerhin Mut dazu, dieser in Preußen übel vermerkten Erinnerung, statt sie völlig auszulöschen, in einer Gestaltung neue Gegenwart, ja möglicherweise Dauer zu geben. Aber das soziale Drama, wenn auch zunächst nur ein leeres Schema, lag als Postulat in der Luft.
Es real ins Leben zu rufen war damals eine Preisaufgabe, die gelöst zu haben so viel hieß wie der Initiator einer neuen Epoche sein. Bei diesem der alten Zeit konträren Beginnen – wir standen nach Karl Bleibtreu mitten in einer Revolution der Literatur – waren Zivilcourage und Bekennermut eine Selbstverständlichkeit. So konnten denn auch die glücklichste Ehe, in der ich lebte, die Rücksicht auf meine alten Eltern und meine Kinder keinerlei Hemmungen meiner Berufung, mit der verwachsen ich fiel oder stand, bei mir einschalten.
Ich konnte »Die Weber«, ich konnte das Bauerndrama schreiben, denn wie gesagt, ich beherrschte den Volksdialekt. Ich würde ihn also, war mein Beschluß, in die Literatur einführen. Dabei dachte ich nicht an sogenannte Heimatkunst oder Dichtung, die den Dialekt als Kuriosum benützt und meistens von oben herab humoristisch auswertet, sondern dieser Volkston war mir die natur- und kunstgegebene, dem Hochdeutsch ebenbürtige Ausdrucksform, durch die das große Drama, die Tragödie ebenso wie durch Verse Goethes oder Schillers Gestalt gewinnen konnte. Ich wollte dem Dialekt seine Würde zurückgeben. Man mag entscheiden, ob es geschehen ist.
Friedrich Nietzsche rückt entschieden vom Mitleid ab, während Schopenhauer Mitleid für Liebe, Liebe für Mitleid hält. Diese Art Mitleid wird mir später »Die Weber« diktiert haben. Aber ebensosehr der Zwangsgedanke sozialer Gerechtigkeit.
Wie entsteht ein Gedanke dieser Art? Und wie entsteht er zugleich in aber und abermals Hunderttausenden? Vielleicht hat sich innerhalb einer Volksgemeinschaft durch die unkontrollierte millionenfache und aber millionenfache Seelenverletzung der schwächeren Volksteile ein gemeinsames heimliches Trauma gebildet, das auch bis in den stärkeren Volksteil hinein fühlbar wird. Dieses schmerzhafte Fühlen war allgemein. Auch wir wären ohne dies Fühlen nicht als Dichter zugleich gewissermaßen Bekenner geworden. [...]
Bei einer Pfingsttour ist mir die ganze unaussprechliche Schönheit und Größe alpiner Natur aufgegangen. Zunächst das Wunder der Gotthardbahn, die uns bis nach Göschenen, dem Eingang des Gotthardtunnels, trug. Der Eindruck Luzerns mit seinem Pilatusberg und des betäubend grünen Vierwaldstätter Sees auf meine jugendlich empfänglichen Sinne machte mich glauben, nicht mehr auf der Erde, sondern auf einem anderen, paradiesnahen Planeten zu sein. Man war in Schönheit und Farbe ertrunken, man ging nicht, man schwebte vielmehr im Licht. [...]


Nachwort

Gegen Mitte des Sommers sind wir, Mary und ich, wieder in Erkner eingezogen. Es ist nur wenig nachzuholen, bevor ich die Notizen über mein erstes Vierteljahrhundert abschließen kann. [...]

Dem Geschick sei Dank, daß meine Arbeit auch durch die am 8. Juli 1889 erfolgte Geburt meines dritten Sohnes nicht gestört wurde. Wieder kam die Weise Frau, die Norne, aus der Tiefe des Kiefernwalds, und wieder bin ich selbst durch die Not zum hauptsächlichsten Geburtshelfer ernannt worden.
Ein gelegentlicher Verkehr mit Arno Holz und Johannes Schlaf wurde aufgenommen, aber es tauchten nun viele andere Gestalten auf, darunter Bruno Wille und Wilhelm Bölsche, die in regem Verkehr mit Damen aus allen Kreisen standen und sie gelegentlich von Berlin aus zu uns aufs Land mit herausbrachten. Auch die Gebrüder Hart waren da. Es wurden gemeinsam Sommernächte durchwacht, es wurde gelebt, geliebt und getrunken, Pläne wurden geschmiedet und diskutiert, und eines Tages konnte ich am Waldrand dieser gleichstrebenden Jugend mein Drama vorlesen, durch Arno Holz »Vor Sonnenaufgang« genannt. Es wurde damit in der Tat eine eigenartige, kräftige deutsche Literaturepoche eingeleitet.
Mich aber warf es schließlich in die breite und weite Öffentlichkeit, wo ich nun auf einer ganz anderen Ebene, wenn es mir beschieden wäre, die Erinnerungen an weiteres Kämpfen und weiteres Ringen im zweiten Vierteljahrhundert fortsetzen müßte.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)