18 August 2019

Mühlenweg: Großer Tiger und Christian

"Ein Junge, der in Peking auf die Welt gekommen ist, muß vieles wissen. Christian war zwölf Jahre alt, und er wußte schon allerlei. Er konnte Deutsch so gut sprechen wie Chinesisch, und obendrein kannte er Tom, mit dem er englisch redete. Weil er ihn aber selten traf, fehlte ihm manchmal ein Wort. Andere Dinge, wie Trense, Steigbügel und mexikanischer Sattel, kannte Christian gut, denn er war oft auf dem Glacis, wo man reiten konnte, wenn man ein Pferd hatte.
Die Hauptsache war, man kam eine oder zwei Stunden von daheim fort, und das war weit schwieriger als alles, weil die alte Ama aufpaßte. Die alte Ama war das Kindermädchen. Sie hatte Christian aufgezogen, und darum tat sie so, als ob er noch ein Baby wäre. Dabei war er ein Junge, der schon in die Lateinschule ging und sich in Peking auskannte.
„Die Ama ist nicht recht gescheit“, sagte Christian zu seinem Freund Großer-Tiger, mit dem er sich auf der Stadtmauer traf, „sie sollte lieber auf meine Schwester aufpassen; die ist noch klein.“
Hu-Ta, der Große-Tiger, nickte.
„Du mußt öfter Sie zu ihr sagen, oder: Ehrwürdiger Wagen.“
„Hilft das was?“
„Ja“, sagte Großer-Tiger, „du wirst sehen, das hilft.“ [...]
„Verbrecher fangen ist immer so“, beruhigte ihn Mondschein; „in einem Melonengarten kann man es nicht. Geh jetzt und sage deinen Männern, daß wir Grünmantel fangen wollen. Sie sollen die Gewehre laden und die Roßhaarbüsche aus den Läufen nehmen. Eine dicke Belohnung kannst du ihnen obendrein versprechen.“ [...]
„Grünmantel ist dicht vor uns“, flüsterte er frohlockend, „gleich reiten wir weiter, und dann haben wir ihn.“
„Aber unser Wagen?“ warf Großer-Tiger schüchtern ein.
„Keine Bedenken deswegen“, sagte Mondschein, „ich trete Schong-Ma die Rippen ein, bis er gesteht, wo er den Wagen hat.“
„Nichts von alledem geschieht“, sagte Dampignak streng. Er war unbemerkt herbeigekommen, und er stand aufrecht neben Mondschein. Er war der gleiche Uralte-Herr, wie Christian und Großer-Tiger ihn kannten, seit sie ihn zum erstenmal am Verdeckten-Brunnen im Zelt sitzen sahen, und doch war er ein anderer. Seine Hand lag ruhig am Gürtel, und seine Augen flackerten nicht, obwohl er geradeaus ins Helle blickte.
Der Zorn ist aus ihm gewichen, dachte Großer-Tiger.
(Mühlenweg: Großer Tiger und Christian  - leicht gekürzter Text des Buches)

Großvaterworte

„Räuber sein ist ein ehrenwerter Beruf“, sagte Großer-Tiger, „und Ehrenmännern muß man Wort halten. Zudem hat Glück Geheimnisse vor uns. Warum sollten wir nicht auch Geheimnisse vor Glück haben? Wir wollen warten; im Warten liegt Heil.“ „Sagt das dein Lehrer?“ „Nein, das sagt mein Großvater. Er sagte auch oft: Jugendtorheit ist rasch, sie bringt Durcheinander.“
„Meine Ama sagte anders“, warf Christian ein; „sie schüttelte vielmal den Kopf, wenn sie mich sah, und sie sprach: Kindliche Torheit hat Gelingen.“
„Das ist längst vorüber“, widersprach Großer-Tiger ernst, „jetzt sind wir Männer. Wir müssen tun, was Männern zu tun geziemt.“ [...]

Die Klugheit verbietet den Zorn“, wandte Großer-Tiger ein. „Das ist ein Spruch deines Großvaters“, höhnte Glück.
„Mein Großvater sagt, man bekommt keine jungen Tiger, wenn man die alten Tiger vorzeitig umbringt. [...]

„Es heißt“, sprach Großer-Tiger, „daß, wer sich nicht rühmt und wer sich seine Verdienste nicht anrechnet, wahrhaft bescheiden sei. Wer sich aber Untaten anrechnet, die er nicht begangen hat, frevelt an sich selbst.“
„Wer sagt das?“ knurrte Ohnezehen. „Mein Großvater sagt es“, erwiderte

Großer-Tiger. [...]



17 August 2019

Murakami nach einem Wagnererlebnis in Bayreuth


"Der verstorbene Wolfgang Wagner, Enkel des großen Richard Wagner und langjähriger Intendant der Bayreuther Festspiele, gab der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun vor 40 Jahren ein Interview über das Besondere an seiner Stadt. "Bayreuth ist eine Kleinstadt. Es gibt kaum Ablenkung, und die Besucher kommen allein in der Absicht, Wagners Stücke in sich aufzunehmen und zu verstehen. Deshalb sind wir hier in der Lage, uns ganz auf sein Werk zu konzentrieren, uns ihm fern aller alltäglichen Probleme zu widmen."
Aber warum habe ich diese Ausgabe der Yomiuri Shimbun von vor 40 Jahren so lange aufbewahrt? Wegen der kleinen Notiz, die daneben steht: "Haruki Murakami erhält für seinen Roman Wenn der Wind singt den 22. Gunzo-Preis für Nachwuchsschriftsteller. Herr Murakami ist 29 Jahre alt und hat an der Waseda-Universität Literatur studiert ..." Als ich kürzlich alte Unterlagen sortierte, fiel mir zufällig der Artikel mit dem Interview in die Hände. Wahrhaftig ein seltsamer Zufall. [...]

Herausragende Kunst, meine ich, besteht in originären Texten, die uns mit profunden Fragen konfrontieren. Und in den meisten Fällen steht keine eindeutige Antwort bereit. So bleibt uns nichts anderes übrig, als dass jeder für sich eine Antwort findet. Darüber hinaus ist ein Werk – wenn es gut ist – in ständiger Bewegung und verändert unablässig seine Form. Die Möglichkeiten der Deutung sind unendlich. Auch die Gefahr falscher Antworten ist stets gegeben. Schließlich sind die Begriffe "Möglichkeit" und "Gefahr" so etwas wie Synonyme. Mit tief greifenden Fragen, einigen persönlichen Antworten und ganz erfüllt von meinem starken musikalischen Erlebnis fliege ich nach Japan zurück.

Wahn, Wahn!
Überall Wahn!"




13 August 2019

anerkannte Flüchtlinge bei Mieten von Kommunen abgezockt?

Dieser Artikel war für meinen Schnipselblog gedacht, bleibt aber, weil er schon mehrmals gelesen wurde, auch hier stehen.
"Flüchtlinge mit eigenem Einkommen werden über Gebühren an den Wohnkosten in Großeinrichtungen beteiligt. Hunderte von Euro in einem Mehrbettzimmer sind normal.
Die Verwaltung nennt sie „Fehlbeleger“. Und bittet sie per Gebührensatzung zur Kasse: anerkannte Flüchtlinge, die auf dem Wohnungsmarkt keine Bleibe finden und deshalb weiter in den Gemeinschaftsunterkünften leben. Mehrere Hundert Euro für einen Schlafplatz im Vier-Bett-Zimmer sind keine Seltenheit. Zahlen, wie viele Personen bundesweit davon betroffen sind, gibt es nicht. „Dieses Spannungsfeld ist nicht neu“, sagte Bernd Mesovic, Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, dem epd.

Die Kommunen sind durch Landesrecht verpflichtet, von allen anerkannten Flüchtlingen und denen, die bereits in Arbeit sind, Gebühren für die Unterbringung in Heimen oder angemieteten Wohnungen zu verlangen. Die sind im Vergleich zu ortsüblichen Mieten sehr hoch, weil die meisten Satzungen Pauschalbeträge pro Person festlegen. Und wenn alle Kosten für den Betrieb umgelegt werden, etwa für den Sicherheitsdienst, Personalkosten, soziale Angebote, Instandhaltung und Abschreibung, wird es pro Kopf teuer. [...]
In Garbsen bei Hannover stehen bis zu 855 Euro in der Gebührensatzung, im nahen Hemmigen gar 930 Euro.  [...]
„Die Betroffenen haben gemäß des Landesaufnahmegesetzes keinerlei Einfluss darauf, wo und wie sie untergebracht werden“, rügt Timmo Scherenberg vom Hessischen Flüchtlingsrat. Weil sie in den Ballungsgebieten nur schwer eine eigene Wohnung fänden, „bleibt den Flüchtlingen häufig selbst nach einer Anerkennung keine andere Wahl als in der zugewiesenen Gemeinschaftsunterkunft wohnen zu bleiben - zu relativ absurden Preisen“.
Er plädierte dafür, als Kostenobergrenze den Betrag anzusetzen, den das Sozialamt im Hartz-IV-Bezug übernehmen würde. Die heutige Regelung sei ein „deutlicher Negativanreiz für eine Arbeitsaufnahme“. Denn warum sollte jemand versuchen, seinen Lebensunterhalt selbst zu sichern, wenn er den kompletten Verdienst für ein winziges Zimmer, das er mit anderen teilen muss, wieder abgezogen bekommt?
„Das Problem besteht in allen Bundesländern so lange, wie Geflüchtete in Unterkünften statt in Wohnungen untergebracht sind“, sagte die Berliner Sozialwissenschaftlerin Ulrike Hamann dem epd. Das liege am System selbst, „denn die Geflüchteten haben keine Mietrechte, sondern sind den undurchsichtigen Kosten, die der Betreiber veranschlagt, ausgeliefert, ohne eigene Rechte geltend machen zu können“. (Wohngebühren für Flüchtlinge: Monatlich bis zu 930 Euro, FR 12.8.19)

12 August 2019

Goethe: Italienische Reise

"J.W. Goethes Italienische Reise ist primär der Bericht über das BildungserlebnisWikipedia-logo.png, das er nach seiner ersten Weimarer Zeit suchte, um die Erfahrungen zu sammeln, die seine von Kindheit durch die Berichte des Vaters angeregte ItaliensehnsuchtWikipedia-logo.png zu befriedigen und die eine wichtige Voraussetzung für die Weimarer KlassikWikipedia-logo.png bedeutete.
Für diese Reise musste er seine Aufgaben als Minister seines Herzogs Karl AugustsWikipedia-logo.png im Stich lassen. Er entschied sich aber dafür, weil ihm klar geworden war, dass sein Ministeramt seine dichterische Produktivität lähmte. Er hatte zehn Jahre nichts Neues mehr veröffentlicht. Er erbat und erhielt vom Herzog Urlaub auf unbestimmte Zeit, doch hatte er ihm sein Reiseziel nicht verraten und reiste inkognito.
Eine Karte von Goethes Reise und der vollständige Text seines Reisebuchs findet sich bei Gutenberg.de." (ZUM-Unterrichten "Italienische Reise" - mit Auszügen von charakteristischen Passagen )

Zitate:

"Nun soll es gerade auf Innsbruck. Was lass' ich nicht alles rechts und links liegen, um den einen Gedanken auszuführen, der fast zu alt in meiner Seele geworden ist!" (München 6.9.1786)

"Von Innsbruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben" S. 16 (Auf dem Brenner, den 8.9..1786)

11 August 2019

Adalbert Stifter

Adalbert Stifter 1805 - 1868

  • Das unsanfte Gesetz - "Einer der bedeutendsten, rätselhaftesten und folgenreichsten Dichter des 19. Jahrhunderts. Zum 200. Geburtstag Adalbert Stifters" (Von Jochen Jung, www.zeit.de, 20.10.05)
  • Brüder im Schmerz Arnold Stadler macht seinem Kollegen Adalbert Stifter zu dessen 200. Geburtstag ein prächtiges Geschenk - ESSAY von HENRIETTE ÄRGERSTEIN (Rheinischer Merkur) über Arnold Stadlers Buch: Mein Stifter 2005

Das sanfte Gesetz

"Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des Einen und dadurch den aller. Wenn aber jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß er ein Mensch neben dem andern bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das getan haben, so fühlen wir uns befriedigt, wir fühlen uns noch viel höher und inniger, als wir uns als Einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zueinander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschlusse bringen."

"Vorrede" zu "Bunte Steine", 1853

Werke

Der beschriebene Tännling
Nachsommer
Bergkristall
Brigitta
Witiko
  • Witiko
  • Witiko - Roman Druckversion in der Bibliothek Gutenberg
  • Denken wie der Wald - "Stifters »Witiko« ist einer der unbekanntesten und erstaunlichsten Romane der Weltliteratur" (Von Ulrich Greiner, www.zeit.de 20.10.05)
"[...] Es gibt in der Erzählung Der Waldgänger eine sehr bezeichnende Passage. Noch bevor die Hauptfigur eingeführt ist, erscheint eine andere Figur, noch bevor das Subjekt der Handlung, eben der Waldgänger, sich der zu erzählenden Geschichte bemächtigt, ergreift ein anderes Subjekt die Macht, die Natur; hier in der Gestalt eines Baches, der vollkommen anthropomorph beschrieben wird, als ein schlüssig und bedacht Handelnder. Die Umkehrung finden wir im Hochwald , wo die drei Geschwister in der Einöde den politischen Grund ihres Exils (sie werden dorthin gebracht, weil das väterliche Schloss vom Dreißigjährigen Krieg bedroht ist) gewissermaßen vergessen, weil sie Teil der Natur werden, Teil des mit größter Inbrunst beschriebenen Hochwaldes. Er ist das eigentliche Subjekt der Geschichte.
Die fürchterliche Gewalt der Vergänglichkeit, die Stifter in seiner Vorrede zur Mappe meines Urgroßvaters so eindrucksvoll beschrieben hat – in der Natur reduziert sie sich auf den Kreislauf und die Wiederkehr der Jahreszeiten. Das ist in Wahrheit kein Trost, und Stifter behauptet das auch nicht. Was die Natur ihm und seinen Lesern aber beschert, ist das Sedativ der Verlangsamung, die meditative Kraft der Entschleunigung. Denken wie der Wald. [...]" (Hervorhebung von WB)

Nachkommenschaften
"So bin ich unversehens ein Landschaftsmaler geworden. Es ist entsetzlich. [...]"

Lyrik

Müdigkeit
Ich hab' geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab' verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt' ich, viel hab' ich errungen,
Auch Lieder hab' ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt' ich gern mich hin und schlief',
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, 's ist Schlafenszeit.

Siehe auch


07 August 2019

Fontane an Emilie 20.5.1868


Fontane an Emilie Thale Hotel Zehnpfund 20.5.1868 

"Nach Tisch, von 3-6, setz' ich mich in eine Weinlaube, die aber noch nicht zugewachsen ist und mir den Blick in die schöne Berglandschaft gönnt. In dieser Laube lese ich mit ungeschwächter Erbauung, W. Scotts Erzählungen eines Großvaters*. Er schrieb diese Erzählungen, die eine poetische Darstellung der Geschichte Schottlands sind, vor 50 Jahren für seinen siebenjährigen Enkel, der jetzt Abbotsford besitzt und dessen Bildnis im Husaren-Uniform ich gesehen habe. Der Enkel wird sich wohl damals und vielleicht auch später nicht viel daraus gemacht haben. Aber der große Waverly-Dichter schrieb es, noch weit tiefer hinunter, für einen Wickelkind, das damals eben geboren in der Löwen-Apotheke zu Neuen-Ruppin in einer Wiege lag und besagtes Wickelkind, jetzt leidlich ausgewachsen, liest es in einer Weinlaube am Fuße der Rosstrappe, entzückt sich ein jeder Zeile, an der Kindlichkeit, an der klassischen Einfachheit des Ausdrucks und ruft lauter denn je:"Hoch, Scott; – ihr andern seid doch alle nur Nachtwächter.« Dies ist der höchste Trumpf. Hiermit will ich schließen."

*Links zum Text

03 August 2019

Sapper: Die Familie Pfäffling - Der Leonidenschwarm

"[...] »Seht, seht da!« rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten. Ein heller, weißglänzender Stern schoß am Firmament in weitem Bogen dahin und war dann plötzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die riesige Bahn durchflogen, wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine Strecke gewesen sein, größer als das ganze Deutsche Reich. Staunend sahen die Kinder hinauf: da – schon wieder eine Sternschnuppe, größer als die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach wenigen Minuten wieder eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und flogen in gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zählen, aber als die Zeit vorrückte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die Sternschnuppen immer häufiger, oft waren zwei oder drei zugleich sichtbar, es war über alles Erwarten schön. Allmählich schoben sich aber von Westen herauf immer größere Wolkenmassen und fingen an, die Sterne zu verdunkeln. Endlich kam das Gewölk bis an die Himmelsgegend, von der die meisten Sternschnuppen ausgingen, und wie wenn den staunenden Blicken nicht länger das schöne Schauspiel vergönnt sein sollte, zog sich eine dichte Decke über die ganze Herrlichkeit. [...]"
(Sapper https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-familie-pfaffling-3076/4)