14 Juli 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Die Taufe


Quint streichelte plötzlich seine Hand, als habe er etwas von dem, was Kurt Simon bewegte, erraten: »Mein Joch ist sanft; meine Last ist leicht! Und es ist und bleibt eine frohe Botschaft«, sagte er dann mit dem Klange froher Zuversicht und Fröhlichkeit, ohne daß seine Stimme die melodiöse Ruhe verlor oder heftig und laut wurde.
Der Bruder, als er zurückkam, kniete ins Gras – ein Beispiel, dem Quint und Kurt Simon nachfolgten –, faltete seine Hände und betete: »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!« – Hierauf brach er das Brot, und während sie aßen, wurde erörtert, wie das Sakrament des Abendmahls den Sinn einer täglichen Handlung habe, nicht nur zu einer Erinnerung. Sogar das kleine Gebet besage dies schon. Jede Mahlzeit sei ein tierisches Mahl, wo Jesus, der Herr, nicht zugegen wäre. Sofern er aber zugegen sei, werde es eine heilige Handlung, man genieße dann Himmelsbrot und Himmelswein. [...]
Und so genossen sie wirklich himmlisches Brot und himmlischen Wein in jener Verklärung, darin schon Quint und die Brüder Scharf miteinander gegessen hatten, nur daß diese Verklärung im Lichte des Frühlings unter dem ehrfürchtigen Flüstern und im Schatten des weitverbreiteten Eichenwipfels diesmal eine noch hochgestimmtere war als bei tiefer Nacht in dem Hüttchen der Brüder. Wer will entscheiden, ob diese drei mit ihren Gedanken und Taten Unrecht begingen und schwere Sündenschuld auf sich luden, indem sie die Kirche gemieden hatten, deren Glocken soeben in der Ferne zu läuten begannen, und dadurch, daß sie etwas vom Regiment der Kirche Verbotenes aus kindlicher Liebe zu Jesu und ganz einfältiger Gläubigkeit unternommen hatten? Jedenfalls bemächtigte sich der drei eine reine und gleichsam bebende Fröhlichkeit, die sie weit über alles Gemeine erhob, ja fast zu weit von dem nüchternen Grunde der Erde entrückte. Das Wort des Herrn: »Wenn zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, so bin ich mitten unter ihnen« vereinte sie; denn sie zweifelten nicht an diesem Wort, und es kam ihnen auch der Gedanke nicht, es wäre irgend dahin zu deuten, als müßte der Heiland, um zu seinen verirrten Schäflein zu kommen, durchaus erst den Weg über eine Kanzel, eine Abendmahlszeremonie und durch den Mund eines Bischofs, Pastors oder besonders geprüften Gottesgelahrten gehn. Sie waren einig, und dieses Gefühl der Einigkeit war zugleich ein Gefühl verbindender Wärme. Die Liebe in ihren Herzen war befreit, die Liebe zu einem unsichtbar Gegenwärtigen, darin sie sich trafen und genugtaten. [...]
Es muß gesagt werden, daß der zu Taufende gleichwie der Täufer – denn eine Taufe sollte vollzogen werden –, weit entfernt von jeglicher Frivolität, ein Gefühl erhabenster Weihe empfanden. Es ist nicht zu billigen, ganz gewiß, daß sie sich hier verleiten ließen, etwas Unerhörtes zu tun, eine Blasphemie, die das Gesetz unter Strafe stellt. Aber wenn man bedenkt, wie Jesus die Armen an Geist und die Einfältigen, wenn sie nur reines Herzens waren, besonders liebte, so wird man nicht ohne Nachsicht sein. Die Absichten der Männer waren lautere. Sie weinten in tiefer Ergriffenheit: der Täufling bis zur Ohnmacht verzückt und verzehrt. Nur freilich, sie waren in einem Irrtum. Das Gottesreich, welches die große und gewaltige, wenn auch zerspaltete christliche Kirche verwirklicht hat, sahen ihre verblendeten Augen als Babel an. Sie glaubten ein anderes Gottesreich und meinten, es ahnend zu begreifen. Ringsum lag die Welt. Diese, wußten sie, war die Feindin des Reichs. Darüber hinaus war sie ihnen fremd, und sie kannten sie kaum vom Hörensagen; aber sie wollten mit ihr nichts gemein haben und einzig Bekenner des Wortes Jesu und seines zukünftigen Reichs auf Erden sein. [...]
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Kapitel 2)


12 Juli 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint


An einem Sonntagmorgen im Monat Mai erhob sich Emanuel Quint von seiner Lagerstätte auf dem Boden des kleinen Hüttchens, das der Vater mit sehr geringem Recht sein eigen nannte. Er wusch sich mit klarem Gebirgswasser, draußen am Steintrog, indem er die hohlen Hände unter den kristallenen Strahl hielt, der aus einer hölzernen, vermorschten und bemoosten Rinne floß. Er hatte die Nacht kaum ein wenig geschlafen und schritt nun, ohne die Seinen zu wecken oder etwas zu sich zu nehmen, in der Richtung gegen Reichenbach. Ein altes Weib, das auf einem Feldweg ihm entgegenkam, blieb stehen, als sie von fern seiner ansichtig wurde. Denn Emanuel ging mit seinem langen, wiegenden Schritt und in einer sonderbar würdigen Haltung, die mit seinen unbekleideten Füßen, seinem unbedeckten Kopf sowie mit der Armseligkeit seiner Bekleidung überhaupt im Widerspruch stand.
Bis gegen die elfte Stunde hielt Emanuel sich fern von den Menschen in den Feldern auf. Alsdann überschritt er die kleine Holzbrücke, die über den Bach führte, und ging geradezu bis zum Marktplatz des kleinen Fleckens, der sehr belebt war, weil die protestantische Kirche sich eben leerte. Der arme Mensch stieg nun auf einen Stein, wobei er sich mit der Linken an einem Laternenpfahl festhielt, und nachdem er sich so und durch Zeichen der Menge bemerklich gemacht hatte und alles erstaunt, belustigt oder neugierig herzukam oder wenigstens von fern herübersah, begann er mit lauter Stimme zu sagen: »Ihr Männer, lieben Brüder, ihr Frauen, liebe Schwestern! Tut Buße! Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.« [...]
Über die ganze, mit Sommersprossen bedeckte Gesichtshaut, von der klaren Stirn bis zum Kinn herab, gingen die inneren Bewegungen des Gemütes, wie unsichtbare Winde über einen ruhigen, den gelblichen Abendhimmel widerspiegelnden See. »Wie heißt du?« fragte der Pfarrer. Quint sah zu dem Pfarrer hin und sagte, mit einer hohen, klangvollen Stimme, seinen Namen. »Was ist dein Beruf, mein Sohn?« Quint schwieg einen Augenblick. Alsdann begann er, Satz um Satz ruhig hervorbringend, durch kleine Pausen der Überlegung getrennt: »Ich bin ein Werkzeug. Es ist mein Beruf, die Menschen zur Buße zu leiten! – Ich bin ein Arbeiter im Weinberge Gottes! – Ich bin ein Diener am Wort! – Ich bin ein Prediger in der Wüste! – Ein Bekenner des Evangeliums Jesu Christi, unseres Heilands und Herrn, der gen Himmel ist aufgefahren und welcher dereinst wird wiederkehren, wie uns verheißen ist.« [...]
Mit leuchtenden Augen, die von Tränen des tiefsten Glückes feucht waren, ging er mitten durch die rohe Menge dahin und bemerkte nicht, daß zwei Männer, die unter den Leuten verborgen gestanden hatten, sich loslösten und ihm nachfolgten. Diese beiden, ein Brüderpaar namens Scharf, noch jung und ehrsame Leinweber, hatten der Predigt auf dem Markt beigewohnt. Aber während alles in ihrer Umgebung lachte und Possen trieb, hatte der ganze Vorgang auf sie einen tief bewegenden Eindruck gemacht. Man nannte die beiden in ihrem Dorfe die Betbrüder. Und auch sie, ähnlich wie Quint, weil sie mit ihrem alten Vater ein Sonderlingsleben führten und in ihrer verfallenen Hütte öfters laut sangen und beteten, galten nicht für ganz richtig im Kopfe. Emanuel Quint schritt seines Weges, ohne sich umzublicken. Sobald er aus dem Städtchen heraus über die Bahngleise auf die Landstraße gelangt war, traten die Brüder Scharf ihn an. Sie fragten ihn, ob er nicht derjenige sei, der vor einigen Stunden auf dem Markt von der Buße gepredigt habe und von dem Nahen des himmlischen Reiches. Emanuel bejahte das alles, und nachdem alle drei eine Zeitlang stumm durch die öde Tallandschaft gewandert waren, fing der ältere von den Brüdern, Martin Scharf, an, allerhand ängstliche Fragen zu tun und mit sichtlicher Bangigkeit, indem er zuweilen die grauen, drohenden Wolken des Himmels betrachtete, danach zu forschen, was man tun müsse, um, vor den Schrecken des Letzten Tages geschützt, der künftigen ewigen Wonnen sicher zu sein. Anton Scharf, der zur Linken neben dem Narren ging und ebenso blaß und rothaarig wie sein Bruder war, streifte, wie dieser, Quint gespannt mit Blicken. Der seltsam gravitätische Mensch, der den meisten ein Lachen abnötigte, hatte vom Augenblick seiner Predigt an auf die ihm in geistiger Armut und Not verwandten Brüder eine ernstliche Macht ausgeübt und, ohne davon zu wissen, beide mit Banden der Liebe an sich gefesselt. [...]
An einem bestimmten Punkte des Weges, schon zwischen Bergen, in die sie aufstiegen, brachte nach einigem Zögern und Stottern Martin Scharf eine Bitte vor. In der rauhen und rohen Mundart der Gegend und sich, wie alle im Volke, des Du zur Anrede bedienend, legte er Emanuel nahe, er möge doch mit ihnen gehen und ihren alten Vater womöglich gesund machen, der das Fieber habe und bettlägerig sei. Emanuel sagte, das stehe bei Gott. Aber an dem Kreuzwege, obgleich in seiner Antwort etwas gelegen hatte, was einer Abweisung glich, folgte er doch den Brüdern auf vieles bittliches Drängen hin und weil ein sonderbares Zutrauen aus ihren Blicken und Bitten sich auf ihn übertrug und seine nun einmal vom Schwarmgeiste in Besitz genommene Seele fast widerwillig zum Rausche des Wunders zog. Während sie sich zwischen Granitblöcken auf einem holprigen Wege dem Wohnort der Brüder näherten, betete Emanuel innerlich. Nach seiner ersten Prüfung sah er sich plötzlich vor eine zweite, größere hingestellt. Er war dem Rufe des Heilands gefolgt. Er hatte öffentlich Zeugnis abgelegt für die Wahrheit des Evangelii, jetzt aber sollte er den Beweis dafür antreten, daß er der vollen Nachfolge Jesu durch Gott gewürdigt sei, indem er Kranke gesund und Tote lebendig mache. [...]
Der alte Scharf, ins Stroh seiner ärmlichen Bettstatt gekrümmt, stöhnte, als seine Söhne hereintraten. Mühsam die kleinen, tränenden, rotgeränderten Augen aufmachend, bewegte der Greis den zahnlosen Mund, und ohne, wie es schien, zu erfassen, wer zu ihm kam, griff er mit den vertrockneten und erstarrten Händen irr in die Luft, aufs neue wimmernd, röchelnd und stöhnend. Der Jüngere, Anton Scharf, trat nun zu dem Vater heran, und nachdem er eine lange Weile in ihn hineingeredet hatte, was mit außergewöhnlich erregter Stimme geschah, schienen die Schmerzen des alten Mannes sich zu verdoppeln, und bange, hilfeflehende Laute entrangen sich seiner Brust, die rasselnd und krampfhaft auf- und abwogte. Auch Emanuel trat nun hinzu. Aber ihn hatte der alte Scharf kaum ins Auge gefaßt, als er mit gurgelnden Lauten des Schreckens und Grausens auf- und zurückfuhr und, wie versteinert den Narren anblickend, ein »Hilf, Herr Jesus Christus!« hervorstieß. Er schien den leibhaftigen Satan zu sehen. Und soviel auch immer die Brüder sich mühten, den Alten von seiner Angst zu befreien: er schob sich nur immer zitternd zurück, bis endlich die Angst in Entsetzen umschlug, das Entsetzen in Wut und er, erst gleichsam eine Erscheinung wegwischend, am Ende verzweifelt nach Emanuel schlug. Aber dieser, die langen, brandroten Wimpern über die Augen gesenkt, blickte nur in sich hinein. Er hob seine lange, blasse, nicht unschöne Hand ein wenig empor, und wie der Alte nach seinem Ausbruch wider Erwarten schwieg und starr der Bewegung seiner Rechten zu folgen schien, legte er diese ihm weich und leise auf die mit Runzeln und Falten bedeckte Stirn: darunter entschlief der Alte sogleich. Vor dieser Wirkung – an sich nicht wunderbarer als irgendeine in dieser Welt – verstummten die Brüder Scharf vor Schreck. Sie, die doch selber, von einem jähen Aberglauben gepackt, den fremden Burschen ans Bett des Vaters genötigt hatten, waren in ihrer Einfalt nun ganz entsetzt, als das vermeintliche Wunder sich wirklich vollzogen hatte. Der Alte schlief, wie es schien, einen ruhigen Schlaf. [...]
Je mehr sich die Brüder dieser erstaunlichen Wendung bewußt wurden, die mit dem Vater zugleich sie selbst von einer höllischen Folter losband, um so heftiger wurde in ihnen der Drang, überreizt wie sie waren durch Arbeit und Nachtwachen, dem Bringer der Hilfe die Hände zu küssen, der ihnen nun ganz ein göttlicher Bote schien. Auch Quint, durch das vermeintliche Wunder, und zwar noch mehr als die beiden Brüder, bewegt, konnte, wie sie, nur mühsam des Aufruhrs Herr werden, den es in seinem Innern erregt hatte; aber während es laut in ihm schrie, weil seine Beseligung bis zum physischen Schmerze ging, und während er um sich und in sich das Brausen des Heiligen Geistes zu hören glaubte, stand er doch aufrecht und stumm am Bett des Kranken still, nur daß er, den Kopf ein wenig nach rückwärts geneigt, die Augen nach oben gegen die Decke, wie gegen den Himmel, gerichtet hatte, wobei eine große Träne ihm langsam die Wange herunterrann. [...]
Der Weber in seinem Stübchen für sich, nur an den Umgang mit vertrauten Menschen, meist Gliedern der eigenen Familie, gewöhnt und darum empfindlich und leicht verletzt bei Berührung mit Fremden – ein Stubenhocker, durch sein Gewerbe zum Träumer gemacht, in dem der Hunger, die Sorge, die Not zum Dichter wird und, nicht zu vergessen, die Sehnsucht nach allem, was draußen ist: nach Sonne, nach Luft, nach Himmelsblau –, der Weber, in sich zurückgedrängt und gleichsam in eine zweite Welt, entschädigt sich in der Welt der Träume für seine irdische Trübsal und Not: und wenn er, an ein nach innen gekehrtes Dasein gewöhnt, zum Buche gleichwie zum Hausbrunnen hingedrängt, aus ihm den Durst des Geistes zu stillen gewohnt ist und die Bibel das einzige Buch des Webers ist, so kann es nicht fehlen, daß seine Seele die biblische Welt mehr als die wirkliche Welt erfüllt. Emanuel Quint erschien diesen beiden Männern nun deshalb als geradezu aus dem Bibelbuch hervorgestiegen. [...]

Und weiter sagte er: »Seht mich an« – und dabei schien der Jammer verborgenen, schweren Leides auf seine verhärmten, plötzlich verfallenen Züge getreten zu sein –, »ihr werdet am Ende zu mir sagen: Arzt, hilf dir selbst! Wenn ihr mich kennt, wie euer Vater mich kannte, was er durch seinen Ausruf bewiesen hat, so wißt ihr, daß ich ein von den Menschen Verstoßener bin. Ich war verachtet von Jugend auf. Ich war mit Schwären behaftet als Kind. Ich habe längere Zeit auf dem Stroh des Krankenlagers gelegen, als euch, da ich lebe, möglich scheint. Aber die Schmach hat mich nicht erniedrigt, und die Krankheit hat meine Seele lebendig gelassen. [...]
Wenn ihr nun heut wolltet zu mir sagen: Arzt, hilf dir selbst, so sage ich euch, daß ich das Kleid der Schmach und der Krankheit dieser Welt nicht eher will ausziehen als bei Gott. Auf dieser Welt hier ist Leiden Glück. Ich segne den Vater für jede Qual, die er mir geschenkt, für jede Marter, die er mir bescheret hat. Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Ich will das Kleid der irdischen Drangsal nicht von den Schultern lassen, bevor der letzte von meinen armen Menschenbrüdern es abgelegt. [...]
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 1)

11 Juli 2018

Terry Eaglleton: Kultur

"Der moderne Kulturbegriff hat viele Ursprünge. Bedeutung erlangte er erstmals Ende des 18. Jahrhundert als Kritik am industrialisiert muss, aber auch als Gegenpol zum Revolutionsbegriff. (S.134)
Für Jane Austen beispielsweise bis Kultur im wesentlichen eine Sache der individuellen Kultivierung. [...]
Anfang des 18. Jahrhunderts [...] hieß der Begriff, der später "Kultur" genannt wurde, noch "Höflichkeit" (politeness). Und Höflichkeit als eine Form des taktvollen, soziale Eintracht fördernden Verhaltens vereinigt Moral und Ästhetik auf eine ganz ähnliche Weise wie bei den nachfolgenden Denkern der Kulturbegriff.
Der Impetus, der dem Konzept Höflichkeit – wie später dem Kulturbegriff – zugrunde lag, war politischer Natur. (S.137)

Die Philosophie verließ Studierzimmer und Kloster und wirkte an dem neuen Projekt der moralischen und gesellschaftlichen Selbstgestaltung mit. Die Vernunft wurde neu definiert – fortan war sie eine Angelegenheit des Gesprächs, eines freien, gleichen und offenen Dialogs zwischen Gentlemen über Fragen der Ethik, des Geschmacks, der Umgangsformen und der guten Erziehung. (S.138)

Schillers Schrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen ist unter anderem ein politisches Gleichnis, in dem – wie so oft in der Geschichte der Philosophie – die Beziehung zwischen Denken und Sinneserfahrung große Ähnlichkeit mit der Beziehung zwischen der herrschenden Klasse und dem Volk aufweist. Es ist, als wäre das gemeine Volk ein Gesindel von ungeordneten Sinneswahrnehmungen, die dem Formwillen des Kunstwerkes unterworfen werden müssten, und als wäre die Kultur der Prozess, durch den dieses Erlösungswerk verrichtet werden könne. (S.139)

Tatsächlich wurde im Laufe des 19. Jahrhundert die Klasse der Industriearbeiter zunehmend als dunkler Kontinent im Herzen Europas angesehen, eine potentiell rebellische Macht, von der Zivilisation hervorgebracht, aber durch aus in der Lage, ihren vollkommenen Untergang herbeizuführen." (S.141)
"Nach Freuds Auffassung verinnerlichen wir das Gesetz in Gestalt des Über-Ichs, das heißt, wenn wir uns über seine Anweisung hinwegsetzen, laufen wir Gefahr, uns selbst zu schaden. Auch Burke ist sich bewusst, dass die einzige echte Souveränität diejenige ist, die wir zu unserer eigenen machen."
Seite 144/45 
"Denn wir sind – anders als die Anhänger des freien Willens glaubten – nicht transparent für uns selbst. [...]
Nach Freuds Auffassung wohnt im Herzen des Verlangens ein kleiner Fehler oder Störimpuls, der vom Ziel ablenkt und das Unterfangen zum Scheitern verurteilt. Außerdem bleibt immer ein Rest des Begehrens und erfüllt, ganz egal, wie vollständig und frei wir uns selber ausleben. [...]
Solche Überlegungen sind der romantisch-humanistischen Tradition, zu der auch Karl Marx gehört, weitgehend fremd."
Seite 145
"Nach Marx gibt es nichts Verworrenes und Unauflösliches im Inneren des Menschen, während Freud seine eigene Version der Erbsünde entwirft. Nichtsdestotrotz gibt Marx der romantischen Sichtweise eine neue Richtung. Er macht sie nutzbar für eine reale politische Kraft: die Arbeiterbewegung und den Sozialismus. [...] Seine implizite Empfehlung lautet: Verwirkliche das Selbst nur in einer Weise, die für andere die Möglichkeit schafft, dasselbe in völliger Freiheit zu tun. [...]" S.146
"Dies ist jedoch keine Patentlösung für das Problem, und der Gedanke stammt auch nicht von Marx selbst. Wie so vieles hat er ihn von Hegel übernommen. Aber er enthält eine überaus sinnvolle Moral."
Seite 146/147
"Der Kulturbegriff, der um die Wende zum 18. Jahrhundert zu einer Kritik am Industrialismus wurde, legte auch die Grundlagen zum romantischen Nationalismus."
Seite 147
"Der Nationalismus sollte sich als die erfolgreichste revolutionäre Bewegung der Moderne erweisen, sollte Reiche zu Fall bringen, Tyrannen stürzen und zur Gründung einer Vielzahl neuer politischer Staaten führen."
Seite 148
"Es gibt unzählige nationalistische Helden und ein Pantheon voller nationalistischer Heiliger und Märtyrer. Wie die Religion, so verbindet auch der Nationalismus die alltägliche Existenz mit visionärem Idealismus. Die Nation sei, so schrieb Herders Kollege Johann Gottlieb Fichte, ein Werk Gottes."
Seite 149
"Für Shelley waren Dichter die nicht anerkannten Gesetzgeber der Menschheit, eine Beschreibung, die laut W.H. Auden eher auf Geheimpolizisten zutrifft; doch mit Beginn der Krieg gegen den Kolonialismus wurden zahlreiche nationalistische Künstler echte Gesetzgeber."
Seite 149/150

"Romantische Nationalisten wie Herder begriffen Nationen als einheitlich, selbsterschaffend und selbstbestimmt. In dieser Hinsicht kann man meinen, sie ähnelten Kunstwerken. Es lässt sich kaum überschätzen, wie viel Unheil diese Lehre über die moderne Welt gebracht hat. Zunächst einmal gibt es keine einheitlichen Nationen. Die meisten Gesellschaften sind ethnisch vielfältig, und alle sind sie sozial gespalten. Nationen sind politische Konstrukte, keine Naturerscheinungen."
Seite 150

10 Juli 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Rückkehr


61. Rückkehr nach Konstantinopel 

Konstantinopel, den 10. August 1839
Der Großherrliche Ferman, welcher Hafiz-Pascha vom Oberbefehl entband und ihn vorläufig nach Sivas beschied, wurde am 28. Juli feierlich verlesen. Mehmed-Aly-Bey, der kaiserliche Abgesandte, hatte uns eingeladen ihn auf seiner Reise zu Lande nach Konstantinopel zu begleiten, da er aber noch in Angora und Kutahia verweilen sollte, so zogen wir es vor, mit dem am 3. August von Samsun abgehenden Dampfboot uns einzuschiffen. Ich begleitete meinen Pascha nach Sivas und es kam nun darauf an, jenen Hafen noch frühzeitig genug zu erreichen, was nur durch einen Gewaltritt geschehen konnte.
Laue und ich beschlossen den Versuch zu wagen, Vincke war zwei Tage früher abgereist; wir nahmen einen Tataren, dem wir die Bedingung stellten, dass, wenn wir vor Abgang des Schiffes ankämen, er einen Beutel oder 50 Gulden als Belohnung, wenn wir aber nur eine Minute später einträfen, er gar nichts bekommen solle. Der Mann überlegte sich die Sache, denn vor uns her zogen eine Menge türkischer Beys und Agas, welche wahrscheinlich alle Postpferde schon in Beschlag genommen hatten, dann sagte er: »Eyi söiledin!« – »Du hast gut gesprochen!« – »Bakalum...« – »Wir wollen es versuchen; bei meinem Kopf, wir werden ankommen!« – »... basch üstüne!« Nach einer Stunde saßen wir im Sattel und jagten über die Hochebene auf den Jildis-Dagh oder »Sternberg« zu. Am folgenden Morgen stiegen wir die steilen Waldschluchten nach Tokat hinab und erreichten spätabends Turhall; dort waren nun aber keine Pferde mehr zu beschaffen, erst am folgenden Morgen kamen einige aus Amasia zurück; wir nahmen sie sogleich in Beschlag, aber die Tiere waren so ermüdet, dass wir fürchten mussten liegen zu bleiben, ehe wir den zwölf Stunden weiten Ritt vollendet haben würden; deshalb entschlossen wir uns zu einem Umweg über Sileh, dem alten Zehlah, wo wir Pferde zu finden hofften. Die Stadt hat eine schöne Lage in einer fruchtbaren Ebene am Fuß des Gebirges; ein hoher künstlicher Berg trägt die alte Zitadelle und Mauern mit Türmen umschließen den Ort; dieser ist fast zugrunde gerichtet durch die Bedrückungen Hassan-Beys, welcher sich dafür ein prachtvolles Konak zu Sivas erbaut hat. Obwohl die Einwohner drohten sich gegen die Pforte zu erheben, fanden wir eine gute Aufnahme und treffliche Pferde; es fing schon an dunkel zu werden, als wir in das tiefe schöne Tal des Tokat-suj hinabstiegen, und erst um Mitternacht erreichten wir Amasia. Obwohl uns die Temperatur nördlich des Taurus um vieles gemildert erschien, so war doch die Nacht drückend heiß; in eine dichte Staubwolke gehüllt, ging es in der Dunkelheit auf dem holprigen, steinigen Pfad in vollem Rennen vorwärts; aber auf dem Hof des Müsselims fanden wir das ganze Gefolge Mehmed-Aly-Beys und nicht ein Pferd war zu haben. Unser Tatar war selbst sehr ermüdet und glaubte, dass es wohl nicht solche Eile haben werde: »Ne japalym?« – »Was können wir tun?« –, fragte er, zündete seine Pfeife an und fasste sich in Geduld. Das war nun unsere Absicht nicht, wir forderten durchaus Pferde. » Olmaz!« – »Es ist unmöglich!« –, sagte der Türke; »Olur!« – »Es wird gehen!«–, wir. Der Mann zuckte die Achseln und blieb bei »ne japalym«. Jetzt gab ich die Hoffnung auf, aber Laue hatte einen trefflichen Gedanken: Er eröffnete dem Tataren, dass, nachdem er sein Versprechen nicht erfüllt habe, er auch nicht weiter mit uns zu gehen brauche, und dass er sich vor Hafiz-Pascha in Acht nehmen möge, den wir von seinem Mangel an Eifer benachrichtigen würden. »Dann werdet ihr gar keine Pferde bekommen, auch morgen und übermorgen noch nicht.« – »Nichts ist leichter als das, wir haben dir 500 Piaster versprochen, die wir jetzt sparen; ich werde sogleich 250 davon auf dieser, die übrigen 250 auf der nächsten Station dem Imrahor bieten und heute Abend sind wir in Samsum.« Wirklich würde der türkische Postmeister für ein so bedeutendes Trinkgeld dem Bey selbst ein Pferd gestohlen und uns zugewendet haben, und eine einfache Algebra lehrte unseren Tataren, dass er wohl tun werde, sich selbst mit dem Mann für ein Geringeres zu arrangieren. Die Reise ging nun unaufgehalten weiter, nur dass wir alle aufs Äußerste ermüdet und erschöpft waren; in den letzten 36 Stunden hatten wir 38 Wegstunden zurückgelegt. Von einem Bergrücken mit prächtigem Laubwald erblickten wir endlich das flimmernde Meer und brachen, wie die xenophontischen Griechen, in lautes Freudengeschrei aus; in gestrecktem Galopp ging es zwei Stunden den steilen Hang hinunter in die Quarantäne von Samsun. Aber eine türkische Quarantäne dauert nicht länger, als nötig ist, um ein Empfehlungsschreiben des Paschas zu lesen oder 50 Piaster auf ein Sofakissen hinzuzählen. Zu unserer großen Freude trafen wir Vincke noch an, der nicht mehr gehofft hatte, dass wir ihn einholen würden, und schifften uns am folgenden Morgen zusammen ein.
Der eine Schritt von Samsun auf das österreichische Dampfboot führte uns in die europäische Verfeinerung. Wir forderten zuallererst Kartoffeln, die wir anderthalb Jahre am schmerzlichsten entbehrt hatten, und eine Flasche Champagner, um auf unseres Königs Gesundheit an seinem Geburtstag hier auf den Wellen des Schwarzen Meeres zu trinken. In unserer zerlumpten türkischen Kleidung, mager und abgezehrt, mit langen Bärten und türkischem Gefolge, wollte man uns erst gar nicht in die erste Kabine lassen, bis wir den Kapitän auf Französisch anredeten. Es ist nicht zu beschreiben, wie behaglich uns alles vorkam; da gab es Stühle, Tische und Spiegel, Bücher, Messer und Gabeln, kurz, lauter Bequemlichkeiten und Genüsse, deren Gebrauch wir fast verlernt hatten. [...]

62. Sultan Mahmud II.

Konstantinopel, den 1. September 1839
Heute besuchte ich das Grab des verstorbenen Großherrn. Auf dem Bergrücken zwischen dem Marmarameer und dem Hafen, unfern der Moschee Nuri-Osman, überschaut man das ganze Panorama von Städten und Meeren, Gebirgen, Inseln, Schlössern und Flotten, das sich an keinem anderen Punkt des Erdballs so reich zusammenstellt; dort, hatte einst Sultan Mahmud geäußert, wolle er begraben sein und dahin hatte man seinen Sarg gebracht; ein Zelt war über demselben aufgeschlagen und das Türbeh oder Grabmal wird nun über das Zelt gewölbt, denn die Asche des hingeschiedenen Herrschers darf nicht noch einmal gestört werden. Ruhe und Friede sei mit ihr! Sultan Mahmud hat ein tiefes Leid durchs Leben getragen: Die Wiedergeburt seines Volkes war die große Aufgabe seines Daseins und das Misslingen dieses Planes sein Tod.
Man hat erzählt, die Mutter Sultan Mahmuds sei eine Europäerin gewesen: Diese Behauptung möchte sehr schwer zu beweisen sein; so viel ist gewiss, dass der Großherr nicht eine Silbe Englisch, Französisch oder Deutsch verstand; er konnte daher auch die Kenntnis der Weltverhältnisse aus Büchern nicht schöpfen und seine wissenschaftliche Bildung beschränkte sich auf den Koran und auf die Kenntnis der arabischen und persischen Sprache, so weit beide nötig sind, um türkisch zu schreiben. Der osmanische Prinz verkehrte nur mit den wenigen Personen, welchen die Eifersucht des Despotismus Zutritt gestattete, und dies waren Weiber, Verschnittene oder Mullahs.
So war Mahmud 23 Jahre alt geworden, als eine Empörung ihn in die Welt hinausrief, die er bisher nur durch die vergoldeten Gitter des Serajs erblickt hatte. Als man ihn in dem weißen Kiosk über dem Eingangstor an der Gartenseite des Serajs unter einem Haufen Binsenmatten hervorzog, glaubte er, es geschehe, um ihn auf Geheiß seines Bruders zu erdrosseln; stattdessen umgürtete man ihn mit dem Säbel Ejubs und machte ihn zum unumschränkten Beherrscher eines weiten Reichs, von dem er gerade nur die Lustgärten am Bosporus kannte.
Was der neue Großherr überhaupt von den inneren und äußeren Angelegenheiten seines Landes wusste, das verdankte er unstreitig seinem unglücklichen Oheim, dem entthronten Sultan Selim, zu dessen Gunsten eben die Empörung eingeleitet war, welche ihm das Leben kostete und Mahmud zum Padischah erhob. Von Selim hatte dieser unstreitig die Anerkennung europäischer Überlegenheit, die Liebe zur Reform, den Hass gegen die Janitscharen geerbt.
Sultan Mahmud erkaufte den Thron durch Unterhandlung mit Empörern, denen er alle Forderungen bewilligen musste, und durch das Todesurteil seines Bruders. Die Familienbande sind im Orient lockerer als bei uns und zerreißen auf dem Thron leichter als in der Hütte; Mustapha war für Sultan Mahmud nur der Sohn seines Vaters mit irgendeiner Sklavin und sein Todfeind; selbst wenn er ihm das Leben hätte schenken wollen, so würde er es gegen den Willen des empörten Volkes nicht vermocht haben. Indem Mahmud nachgab, opferte er den Mustapha seiner Sicherheit und war der letzte und einzige noch übrige Sprössling vom Stamm Osmans.
Die Regierungsperiode Sultan Mahmuds ist bezeichnet durch das Erwachen zum Selbstbewusstsein der christlichen Völkerschaften, die seit Jahrhunderten unter dem Druck der Türkenherrschaft geschmachtet hatten, und der neunundzwanzigste Enkel Osmans büßte für das Unrecht seiner Vorfahren. Die Rajahs in Serbien, Moldau, der Walachei und Hellas griffen zu den Waffen; unter den Moslems selbst tauchte eine puritanische Sekte (die Wachabiten) feindselig auf; der Erbfeind, der Moskowiter, bedrängte die Nordgrenzen des Reiches, und die Paschas von Rumelien und Widdin, von Bagdad, Trapezunt und Akre, von Damaskus und Aleppo, von Latakia und Janina pflanzten einer nach dem anderen das Banner der Empörung auf, während die Hauptstadt selbst von den Meutereien der Janitscharen unaufhörlich bedroht war.
Die herbe Erfahrung von achtzehn Regierungsjahren hatte in Sultan Mahmud die innige Überzeugung erweckt, dass er bei den bestehenden Staatseinrichtungen nicht fortregieren könne und dass er Herrschaft und Leben an eine Umgestaltung der Verhältnisse setzen müsse, zu welcher er die Muster in den Einrichtungen des glücklichen Abendlandes suchte. Wie unvorbereitet er auch die Bahn der Reformen betrat, so hatte er gesunden Verstand genug, um ihre unabwendbare Notwendigkeit zu erkennen, und Mut genug sie durchzuführen. Zur Erreichung seines Zieles gehörte unerlässlich, dass er jede zweite Gewalt im Reich zu Boden warf und die ganze Fülle der Macht in seiner Hand vereinte; dass er den Bauplatz freimachte, bevor er sein neues Gebäude errichtete. Den ersten Teil seiner großen Aufgabe hat der Sultan mit Klugheit und Festigkeit gelöst, an dem anderen ist er zugrunde gegangen.
Zunächst war es die zügellose, mutwillige Gewalt der Janitscharen, die gebeugt werden musste. Dieses Unternehmen, bei dem bereits vier Großherren Thron und Leben eingebüßt hatten, wurde durch Sultan Mahmud jahrelang klug und beharrlich vorbereitet und an einem Tag, in einer Stunde kühn und glücklich vollendet. Am Mittag des 14. Juni 1826 hörte man in Pera den Donner der Kanonen von Konstantinopel herüberschallen und die nächste Nachricht war schon, dass die türkischen Strelitzen, die Prätorianer des Islam, nicht mehr existierten. Gestützt auf die unter allerlei Namen und Verkappungen gebildeten regulären Truppen und ganz besonders auf einen großen Teil der türkischen Bewohner der Hauptstadt selbst, ausgerüstet mit dem heiligen Banner des Propheten und einer Verdammungsfetwa des Scheich-ül-Islam, trat der Großherr aus dem Seraj hervor; Hussein-Pascha, der Janitscharen-Aga, war das tätigste Werkzeug ihrer Vertilgung. Aber während man die Kaserne auf dem Atmeidan frontal mit Kanonen beschoss, ließ man die Türen der Rückseite zur Flucht offen, und obwohl Ströme von Blut innerhalb der alten Mauern von Rumeli-Hissar und an vielen anderen Punkten des Reiches flossen, war man froh, die Kinder Hadschi-Becktaschs nicht zu sehen, welche sich verbergen wollten; denn die Janitscharen, die 199 Orta oder Bataillone zählten, bildeten den streitbarsten Teil des osmanischen Volkes selbst. Nur die am höchsten Stehenden, die Gefährlichsten und Trotzigsten wurden mit schonungsloser Strenge geopfert, so die berüchtigte Otuss-bir oder 31. Orta, welche in den europäischen Dörfern am Bosporus hauste, bis auf den letzten Mann vertilgt. Die bei weitem größere Menge der Janitscharen blieb im Land verborgen und noch heute siehst du in allen Provinzen des Reiches alte, kräftige Gestalten, denen das Abzeichen ihrer Orta auf dem rechten Arm mit unverlöschlichen blauen Zügen eingeätzt ist. Die Individuen blieben, aber das Korps ist vernichtet. [...] 
Seitdem der Großherr mit einem Schlag das Gewicht vernichtet hat, das die Türkei bisher in die politische Waagschale Europas geworfen, seit der Vernichtung der Janitscharen, büßte er Länder und Reiche an Feinden und Untertanen ein. Hellas, Serbien, Moldau und die Walachei entzogen sich seiner Macht, Ägypten, Syrien, Kreta, Adana und Arabien fielen einem aufrührerischen Vasallen zu; Besarabien und das nordöstliche Kleinasien wurden von den Russen erobert; Algier durch die Franzosen besetzt; Tunis machte sich unabhängig; Bosnien, Albanien und Tripolis gehorchten fast nur noch dem Namen nach; zwei Flotten gingen verloren, die eine im Kampf, die andere durch Verrat; ein russisches Heer überschritt den Balkan und erschien unter den Mauern der zweiten Hauptstadt des Landes; ja, um das Unglück voll zu machen, mussten die Waffen der Ungläubigen den Padischah in seiner eigenen Residenz gegen ein moslemisches Heer beschützen. [...]
Sultan Mahmud hinterließ seinem jungen Nachfolger das Land im traurigsten Zustand, denn abgesehen von der augenblicklichen Verwicklung, ist das Osmanische Reich mit Bezug auf die neuen Einrichtungen, die noch nicht Wurzel geschlagen haben, schwach wie ein Kind und hinfällig wie ein Greis in den älteren Institutionen, welche sich überlebt haben. Die unparteiische Beurteilung wird Peter dem Großen einen sehr viel höheren Platz in der Geschichte anweisen als Mahmud dem Zweiten; sie wird aber auch einräumen müssen, dass die Aufgabe des Sultans, wenn sie überhaupt zu lösen, noch unendlich schwieriger war als die des Zaren. [...]

63. Reise durchs Schwarze Meer und auf der Donau bis Orsowa

Ibrail, am Bord des »Fernandos«, den 13. September 1839
Wir verließen Konstantinopel am 9. September mittags; es blies ein ziemlich frischer Nordostwind und unser Kalk hatte Mühe, an das Dampfschiff das in Bujukdere zu unserer Aufnahme anhielt, heranzukommen.
Kaum waren wir über die Leuchttürme hinaus, so schaukelte das Schiff so gewaltig, dass ein Reisender nach dem anderen krank wurde, und erst am folgenden Morgen, nachdem das Wetter ruhiger geworden war, sah man sich wieder; wir erreichten um Mittag Varna, wo wir dem Pascha einen Besuch machten, und setzten bei ziemlich ruhiger See und klarem Himmel unsere Reise fort. [...]
Die Festung Neu-Orsowa mit dem gegenüberliegenden Fort Elisabeth gewährt einen sehr schönen Anblick. Die Festung ist, soviel ich weiß, unter Kaiser Leopold I. von den Österreichern erbaut worden; kaum fertig, ging sie nach dem Fall von Belgrad ohne Widerstand an die Türken verloren, die sich damit begnügt haben, der Kirche ein hölzernes Minarett anzufügen und alles Übrige zu lassen, wie sie es vorgefunden haben.
Den Serben können wir das Zeugnis geben, dass sie ihre neuen Quarantänevorschriften gewissenhaft befolgen: Als wir beim Eisernen Tor an Land stiegen, waren wir von Wachen umgeben; jedes Läppchen Leinwand, jede Feder wurde aus unserem Weg entfernt, weil, wenn sie unseren Fuß berührte, das Eiserne Tor kompromittiert werden konnte. Der Posten, der mit geladenem Gewehr vor uns herging, uns also den Rücken kehrte, befand sich in einer schwierigen Lage, und die mit Silber- und Goldmünzen und Blumen geputzten serbischen Mädchen, die zu einer Hochzeit nach Fekie gingen, liefen schnell und in einem weiten Bogen um unsere verdächtige Gesellschaft herum. Uns kam diese Ängstlichkeit sehr komisch vor, aber wenn man den Zweck bedenkt, kann man sie doch nur loben.
Als wir in Alt-Orsowa österreichischen Boden betraten, sah man, dass hier die Sache nicht mehr so neu war; wir wurden ohne Pedanterie, aber doch mit Vorsicht in die eine Viertelstunde entfernte Quarantäne von Schupaneck abgeführt. Als Vorsichtsmaßregel waren aber doch die Schwänze der Zugochsen festgebunden, damit sie nicht etwa einen der Fremden und gleich darauf den Fuhrmann anwedeln möchten. In der Quarantäne wurden wir zu einem zehntägigen Zwangsaufenthalt verurteilt.
(Moltke: Unter dem Halbmond, Kapitel 61 - 63)

09 Juli 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Die Schlacht bis Nisib Asbusu

60. Die Schlacht bis Nisib Asbusu
bei Malatia, den 12. Juni 1839
Du bist sehr lange ohne direkte Nachricht von mir geblieben, weil in der letzten Zeit die Ereignisse sich so drängten, dass kein Augenblick zum Schreiben blieb. Jetzt sitze ich wieder in meinem schattigen Quartier auf der Brücke unter dem Corneliuskirschbaum in Asbusu; aber manches hat sich geändert, seit ich diesen Ort verließ. Zu unserem festen Lager zu Biradschik standen wir so unbeweglich den ganzen Monat Juni still, dass die Schwalben anfingen sich Nester an meinen Zeltstangen zu bauen und Zeit und Weile uns lang wurde. Ein furchtbares Ereignis unterbrach jedoch die Einförmigkeit, als am 29. Mai mittags unser Pulvermagazin mit mehr als 1000 Zentner fertiger Munition in die Luft flog; man hatte zur Unterbringung derselben ein Hann oder gewölbtes steinernes Gebäude am Ufer des Murad innerhalb unserer Stellung gewählt. Nur auf wiederholte Vorstellung war es mir gelungen, sechzig Mann Wache aus dem inneren Hof des vierseitigen Gebäudes zu entfernen, die dort kochten und rauchten; es ging aber später noch, wie bei allen türkischen Pulvermagazinen, so arg her, dass ich bei dem ersten Knall keinen Augenblick im Zweifel war, welches Unglück uns betroffen hatte. Mein Zelt stand etwa tausend Schritt weit auf einer Höhe, die Tür gegen das Hann gewendet, entfernt genug, um außer aller Gefahr zu sein, nahe genug, um das Schauspiel deutlich mit anzusehen. Sobald der erste heftige Knall meine Aufmerksamkeit erregte, sah ich eine Feuergarbe aus dem inneren Hof emporsteigen, wo man eben Kisten mit Infanteriemunition öffnete; unmittelbar darauf flog das Hann selbst auf. Eine dichte Rauchsäule erhob sich bis zu einer unglaublichen Höhe in die klare blaue Luft, aus ihr aber zuckten helle Blitze, und ein Regen von Gewölbsteinen und Kugeln rasselte herab; das Platzen mehrerer hunderter gefüllter Granaten in derselben Minute verursachte ein Getöse, das viele Stunden weit in den Bergen widerhallte. Nun musst du wissen, dass in einer Entfernung von 80 Schritt zu beiden Seiten des Hanns 200 geladene Munitions- und Granatwagen standen; eine Protze flog wirklich in die Luft, und doch wurde wunderbarerweise der ganze Rest des Fuhrwerks gerettet. Einer meiner Kameraden, der Hauptmann Laue, war in größter Gefahr gewesen; er arbeitete zur Zeit der Explosion nur einige hundert Schritt weit vom Magazin und wurde an drei Stellen leicht verwundet; dennoch war er der Erste, der mit Hilfe einiger Artilleristen eine bereits brennende Granatprotze wieder löschte. Als wir mit der Infanterie herbeikamen, wurden schnell alle Munitionswagen aus der Nähe des Vulkans fortgezogen;
[...]
Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs war auf der Seite der Pforte, aller Vorteil aber wurde aufgehoben durch einen Kardinalfehler: In Syrien befehligte ein Mann, um dessen Existenz es sich handelte; in Asien vier unabhängige Feldherren, jeder mit besonderen Interessen und einer eifersüchtig auf den anderen. So kam es, dass wir schon in Scharmützel verwickelt waren mit dem Gegner, als das Korps Isset-Paschas noch in Kalsarieh 150 Stunden rückwärts stand und das Hadschi-Aly-Paschas zu Konieh sich in einer solchen Passivität verhielt, dass Ibrahim diese Pässe fast von allen Verteidigern entblößen und sich dadurch verstärken konnte. Hafiz-Pascha wollte den Krieg und war gewiss, dadurch den geheimsten Wünschen seines Gebieters zu entsprechen; den Vorwand suchte er in einigen Plänkeleien der Araber. Es war mir zu jener Zeit sehr peinlich, immer abzuwehren, stets der Hemmschuh für alle Unternehmungen zu sein, immer auf die Ankunft der übrigen Korps zu verweisen und es blieb mir, um meinen Kredit zu retten, nur übrig, den tätigsten Anteil an solchen Expeditionen zu nehmen, deren Ausführung zu hintertreiben mir nicht gelungen. Ibrahim-Pascha hatte offenbar nicht die mindeste Lust den Streit anzufangen, er ließ sich viel gefallen. In einem Gefecht der irregulären Truppen hatten wir ihm achtzig Gefangene abgenommen und unsere Rekognoszierungen, bei der die Kavallerie ihre gänzliche Untauglichkeit dokumentierte, überschritten fünf Stunden weit die Grenzen; in Aintab hatten die Einwohner ihre Garnison in die Zitadelle gesperrt; diese hielt eine sehr schwache Kanonade aus, ergab sich aber nicht nur gegen Zusicherung ihres rückständigen Soldes von achtzehn Monaten, sondern nahm sogar Dienst bei uns. Das war nun mehr, als der syrische Generalissimus vertragen konnte, und am 20. Juni erschien er mit seinem ganzen Heer, überschritt gegen Mittag das Defilee von Misar und lagerte in dichten Haufen diesseits desselben, nur anderthalb Stunden vor unserer Front. [...]
Nachdem wir einmal auf unsere gute Stellung von Biradschik freiwillig verzichtet hatten, mussten wir die Schlacht da annehmen, wo Ibrahim sie uns bot. Es kam jetzt darauf an, schnell eine neue Front herzustellen, deshalb ließ ich den rechten Flügel, die große Batterie und die Garden stehen, sie bildeten den rechten der neu zu nehmenden Aufstellung; links von ihnen kamen drei Linien-Infanteriebrigaden; die Rediffs oder Landwehrbrigaden blieben in Reserve, eine hinter dem rechten, eine hinter dem linken Flügel und zwei hinter der Mitte. In der ersten Linie standen 14 Bataillone und 92 Geschütze, in der zweiten Linie 13 Bataillone, in der Reserve 24 Bataillone, 9 Kavallerieregimenter und 13 Geschütze. Vor der Front befanden sich zwei während der Nacht durch den Hauptmann von Mühlbach aufgeworfene Schanzen, der rechte Flügel lehnte an Ravins, der linke stand in einem lichten Olivenwald; die Reserve befand sich in einer Vertiefung des Terrains, ungesehen, die irregulären Truppen waren ganz links in das Gehölz gestellt.
Nachdem jedes Bataillon, jede Batterie und jedes einzelne Kavallerieregiment auf seinen Platz gestellt war, befand sich der Gegner noch auf dem Marsch in Richtung Biradschik. Ich hatte Zeit, mit dem Hauptmann Laue ein Huhn gemächlich zu verzehren, wobei die Umstehenden unseren guten Appetit bewunderten: Dann ritt ich noch etwa tausend Schritt vor die Stellung und brachte dem Pascha, der noch immer um seine linke Flanke besorgt war, die Versicherung zurück, dass dem rechten ebenso bedeutende Massen gegenüberstanden wie dem linken Flügel. Ibrahim-Pascha hatte in allen früheren Schlachten diesen Flügel umgangen und sein Marsch am Morgen deutete dieselbe Ansicht an. In der Schlacht am 24. Juni aber fand durchaus kein Überfall statt, und der Umgehung war vor Anfang des Gefechtes bereits durch eine neue Aufstellung begegnet. Alles stand seit einer Stunde bereit und die Soldaten hatten ihre Tornister hinter sich gelegt, um bequemer zu feuern. Die Bataillone der ersten Linie hatten deployiert, die des linken Flügels ihre Tirailleurs vorgezogen, die Reserveinfanterie stand in Kolonne nach der Mitte.
Im gerechten Vertrauen auf die Untüchtigkeit unserer Kavallerie hatte der Feind in Entfernung von einer Stunde vor unserer Front seinen Flankenmarsch ausgeführt; uns zunächst marschierte der größte Teil seiner Kavallerie und Artillerie, wohl 120 Geschütze, rechts derselben die Infanterie und die Reserve von allen Waffen; die Tiefe dieser Kolonne betrug wohl drei Viertelstunden. Es wurde ein kurzer Halt gemacht, dann ging die Artillerie im Trab vor und eröffnete ihr Feuer; die Infanterie blieb anfangs ganz aus unserer Schussweite zurück, zur Deckung der Artillerie ging die Kavallerie mit vor. Diese Anordnung war sehr verständig, sie hatte die Folge, dass unser sehr lebhaftes Feuer sich auf einen weiten Raum zersplitterte und die feindliche Reserve gar nicht erreichte, während das des Gegners den ganzen Raum unserer Aufstellung mit Kugeln überschüttete. Die feindliche Artillerie war in sehr großer Entfernung abgeprotzt, von unserem rechten Flügel war sie gewiss 2000 Schritt entfernt, auf dem linken etwas näher, sie schoss daher mit einem großen Erhöhungswinkel. Die Kanonenkugeln kamen wie die Granaten von oben herab, auch so matt, dass man sie mit den Augen verfolgen konnte; dieser Umstand war besonders ungünstig für uns: Rückte der Feind gleich nahe heran, so konnte die erste Linie allerdings noch mehr leiden, die zweite aber stand schon zum Teil, die Reserve ganz gegen den geraden Schuss gedeckt; so aber hatten wir schon in wenig Minuten kaum ein einziges Bataillon, das nicht durch Verluste moralisch erschüttert worden wäre. Sieben Achtel dieser Leute hatten noch nie eine Kugel sausen gehört; wenn zuweilen eine Granate in eine Kolonne einschlug und dort krepierte, so stäubten ganze Kompanien auseinander. [...]
Unter dem Vorwand, Verwundete wegzubringen, entfernten sich Trupps von vier, fünf Mann; die Reserve rückte hin und her, um dem Strichfeuer auszuweichen; kurz, moralisch war die Schlacht schon verloren. Eine lebhafte Kanonade war allerdings das Unangenehmste, was dieser Truppe begegnen konnte. Ein Bataillon von 480 Mann hatte nach Aussage des Kommandeurs 60 Tote. Die des linken Flügels werden wohl ebenso viel gehabt haben, dennoch glaube ich nicht, dass wir auf dem Schlachtfeld mehr als 1000 Tote und Verwundete gehabt haben.
In dem Augenblick, als ich den Pascha aufmerksam darauf machte, dass es unerlässlich sei, den linken Flügel wieder vorzunehmen, stürzte die Gardekavalleriebrigade ohne Befehl, wohl nur aus Unbehagen, aus der Reserve zu einem Angriff vor, der nicht einmal bis über unsere erste Infanterielinie hinaus gekommen ist; einige Granaten schlugen in diese Massen ein, sie kehrten in wilder Eile um und brachten die Infanterie in Verwirrung. Der Pascha war nach dem rechten Flügel geritten, wo er wohl den Tod suchte. Er selbst führte die Fahne eines Garderediffbataillons vor, aber das Bataillon folgte nicht. Von dem weiteren Verlauf der Schlacht lässt sich wenig sagen: Die Brigade Halid-Paschas wurde durch den Tod ihres tapferen Anführers erschüttert, dem eine Kugel den Kopf fortriss, während er vor der Front durch sein Fernglas sah; die Brigaden Ismael und Mustapha wichen zuletzt zurück, nachdem sie einen Kavallerieangriff abgeschlagen hatten; das erste Regiment der Brigade Heider-Pascha, das zuerst seinen Platz auf dem linken Flügel verlassen hatte, hielt nachher am längsten stand gegen die feindliche Infanterie, und sein Anführer wurde gefangen genommen; sonst aber ist ein eigentliches Nahgefecht gar nicht vorgekommen. Die Infanterie feuerte in ungeheurer Entfernung, oft aus der Kolonne, das Gewehr in die Höhe ab, die Kavallerie zerstreute sich und bald löste sich alles auf. Die Artillerie hatte sich eigentlich noch am besten gewehrt.
Da ich so glücklich gewesen war mit meinen zwei Kameraden gegen Ende des Gefechts im Zentrum zusammenzutreffen, so beschlossen wir uns aneinander zu halten. Uns kam es besonders darauf an, einen Vorsprung vor den Flüchtlingen zu gewinnen, denn sobald der Rückzug angefangen hatte, waren alle Bande der Disziplin gelöst. Die Kurden, und diese bildeten die größere Hälfte unseres Korps, waren unsere Feinde; sie schossen auf ihre eigenen Offiziere und Kameraden, sperrten die Gebirgswege und machten mehrere Angriffe auf Hafiz-Pascha persönlich. Andere Flüchtlinge warfen die Gewehre weg, streiften die lästige Uniform ab und wanderten fröhlich und singend ihren Dörfern zu. Wir gelangten am Abend bis Aintab, neun Stunden weit; dort aber ergriffen noch in derselben Nacht sämtliche Einwohner die Flucht aus Frucht vor Ibrahims Rache; wir mussten daher auch diese Nacht noch mit unseren müden Pferden aufbrechen, ritten den ganzen folgenden Tag ohne Lebensmittel für uns und ohne Gerste für die Tiere und trafen abends an einem Bach, vier Stunden vor Marasch ein, wo sich wenigstens Wasser und Gras vorfand.
Ich selbst war bis zur gänzlichen Kraftlosigkeit erschöpft, als wir am 26. morgens in Marasch eintrafen, wo wir einige Erholung fanden. Mein Pferd hatte ich in der Nacht vor der Schlacht, dann während derselben und zwei Tage und eine Nacht danach geritten, ohne dass das Tier etwas anderes als dürres Gras zu fressen bekam.
In Marasch sammelten sich allmählich viele Flüchtlinge. Bemerkenswert schienen mir die Äußerungen der Offiziere, welche die früheren Schlachten von Homs, Baylan und Konieh mitgemacht hatten, wo die Türken ihren Gegnern an Zahl weit überlegen gewesen waren; sie behaupteten, dass die von Nisib weit blutiger und der Widerstand besser und kräftiger als in allen vorhergehenden Gefechten gewesen sei!! Der Rückzug aber kostete fünf Sechstel des ganzen Korps und außerdem das ganze Material der Artillerie; die Landwehr ging fast in corpore nach Hause. Die Brigade Mahmud-Paschas besteht heute aus 65 Mann, die von Bekir-Pascha, welche 5800 Mann stark war, aus 351 usw. Nur die Kavallerie, welche aus Spahis (Lehnsmänner) besteht, ist größtenteils beisammen. Du siehst hieraus, mit was für Elementen wir zu tun hatten.
Die Unordnung in Ibrahims Korps muss indes fast ebenso groß gewesen sein. Am Tage einer siegreichen Schlacht gingen zwei Bataillone zu uns über und ägyptische Kürassiere begleiteten unsere Reiter auf ihrer Flucht; 3000 Gewehre wurden an diesem Tag im Lager von Biradschik von Flüchtlingen abgeliefert, die sich dort über den Euphrat retteten, und es wurde behauptet, dass Ibrahim auf seine eigenen zurückweichenden Bataillone gefeuert habe, was ich jedoch nicht für bestimmt ausgeben kann. So hing die Entscheidung an einem Fädchen, und so kam es, dass der Sieger auch nicht die kleinste Verfolgung unternahm. Bei der Disposition unserer Truppen schien dies freilich kaum noch nötig, aber dadurch wurde es möglich, dass der größte Teil der Flüchtlinge sich rechts in die Berge warf und auch Hafiz-Pascha den Weg nach Rumkaleh und Bohesne einschlug, auf dem aber kein einziges Geschütz fortgebracht werden konnte.
Mein Weg vom Schlachtfeld hatte mich durch unser altes Lager geführt und ich ritt heran, um zu sehen, was aus meinen Leuten und Pferden geworden war. Vor meinem von einer Kugel durchlöcherten Zelt fand ich einen meiner Maulesel erschossen, in dem Zelt meine sämtlichen Sachen zum Aufladen bereit und einen fremden Menschen; die Dienerschaft aber mit acht Pferden war davon. Unsere eigene irreguläre Reiterei war die erste gewesen, welche die Zelte plünderte, wobei sie von feindlicher Kavallerie gestört worden zu sein scheint. Der Tschausch, der mich im Gefecht begleitete, hatte sich auch etwas früh fortgemacht, ich traf ihn aber glücklicherweise später wieder, und unter diesen Umständen war eine türkische Bedeckung für unsere Sicherheit unentbehrlich. Ich bedauere hauptsächlich den Verlust eines Teils meiner Karten, von denen ich keine Kopien besitze. [...]
Nachdem ich zwei Tage in Marasch der Ruhe genossen, die unentbehrlich war, und wir erfahren hatten, dass Hafiz-Pascha nach Malatia gegangen sei , brachen wir dahin auf. Alle direkte Kommunikationen waren jedoch durch die Kurden und durch die turkmenischen Wanderstämme unterbrochen; wir schlossen uns daher 80 Reitern an, die unter Mystik-Bey in Payas einen kleinen Insurgentenkrieg geführt hatten und auf dem Umweg durchs Gebirge zur Armee zurückzukehren suchten. [...] 
Nachdem ich zwei Tage in Marasch der Ruhe genossen, die unentbehrlich war, und wir erfahren hatten, dass Hafiz-Pascha nach Malatia gegangen sei , brachen wir dahin auf. Alle direkte Kommunikationen waren jedoch durch die Kurden und durch die turkmenischen Wanderstämme unterbrochen; wir schlossen uns daher 80 Reitern an, die unter Mystik-Bey in Payas einen kleinen Insurgentenkrieg geführt hatten und auf dem Umweg durchs Gebirge zur Armee zurückzukehren suchten."
(Moltke: Unter dem Halbmond, Kapitel 60)

J. D. Vance: Hillbilly Elegie: Bevölkerungswanderung von den Appalachen nach Norden

Sicher ist aber, dass Millionen von Menschen auf diesem  "Hillbilly Highway" unterwegs waren ein metaphorischer Ausdruck, der die Perspektive der Nordstaatler einfängt: ihren Eindruck, dass ihre Städte und Dörfer von Menschen wie meinen Großeltern überschwemmt wurden. Das Ausrnaß der Bewegung war gigantisch . In den fünfziger Jahren verließen dreizehn von hundert Bewohnern von Kentucky den Staat. [...]
Ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung eines ganzen Landstrichs machte sich auf den Weg nach Norden. Noch Beweise gefällig? Fahren Sie am Tag nach Thanksgiving oder Weihnachten in Kentucky oder Tennessee auf die Autobahn Richtung Norden, und Sie werden sehen, dass beinahe alle Nummernschilder aus Ohio, Indiana oder Michigan sind .Die Autos sind voller verpflanzter Hillbillys, die nach den Feiertagen nach Hause zurückkehren. Mamaws Familie nahm an dieser Auswanderungsflut begeistert teil. (S.38/39)
Aber wenn Mamaw und Papaw auch von ihrer Familie getrennt waren, so waren sie doch keineswegs von der Bevölkerung der Stadt getrennt. Die meisten Einwohner der Stadt waren zugezogen , um in den neuen Fabriken zu arbeiten, und die Mehrheit dieser neuen Arbeiter kam aus den Appalachen. Dass die Anwerber sich die Familienstrukturen zu nutze machten, hatte den erwünschten Effekt; die Ergebnisse waren vorhersehbar. Im gesamten Mittleren Westen entstanden förmlich über Nacht neue Gemeinschaften von Urnsiedlern aus den Appalachen. Wie eine Studie festhält: "Migration hat die Wohnviertel und Familien nicht so sehr auseinander gerissen, sondern eher verfrachtet." In den fünfziger Jahren in Middletown fanden sich meine Großeltern in einer Situation wieder, die neu und vertraut zugleich war. Neu, weil sie zum ersten Mal vom weiteren Umfeld in den Appalachen, das sie bisher gestützt hatte, getrennt waren; vertraut, weil sie immer noch von Hillbillys umgeben waren." (S.40)
J. D. VanceHillbilly Elegie, 2017

08 Juli 2018

Wie Shakepeare "Love’s Labour’s Lost" mich an Dr. Fautus heranführte

So sehr ich Shakespeare schätze, die bloße Lektüre seiner Komödien hat sie mir selten näher gebracht. Es mussten Aufführungen sein.

Das war bei Erich Frieds Übersetzung von Love’s Labour’s Lost jetzt anders. Die Sprachspiele waren aktueller als das mir unvergessene "Bohrst du mir einen Esel" der Schlegelschen Übersetzung von Romeo und Julia und die Handlung nicht so verwirrend wie im Sommernachtstraum.
Doch als ich dann in Kindlers Literaturlexikon erfuhr, dass dieses Stück Thomas Mann dazu angeregt hat, es im 24. Kapitel seines Doktor Faustus aufzugreifen und von Adrian Leverkühn vertonen zu lassen, da habe ich auch wieder dieses für mich sperrige Werk aufgeschlagen und entdeckt, wie er auf Birons 'wütend ausgelassene Selbstverhöhnung' wegen seiner "Verfallenheit an die verdächtige black beauty" eingeht und dann "By the Lord, this love is mad as Ajax; it kills sheep, it kills sheep, I a sheep" zitiert und auf die karikierenden Elemente der Komposition gerade dieser Textstelle zu sprechen kommt.
Der Erzähler Serenus Zeitblom findet in diesem Zusammenhang Worte zur Charakterisierung Leverkühns, die Mann gewiss als Kritik gemeint hat: "Diese Künstler geben wenig acht auf eine umgebende Gegenwart, die zu der Arbeitswelt, die sie umgibt, nicht in direkter Beziehung steht". Denn er hat sich in dieser Zeit - nicht zuletzt durch seine Radiosendungen Deutsche Hörer! - ja sehr wohl politisch engagiert. Aber dennoch enthält sie auch ein Stück Selbstkritik, nicht zuletzt durch den folgenden Halbsatz "und in der sie folglich nicht mehr als einen indifferenten, der Produktion mehr oder minder günstigen Lebensrahmen sehen."* Denn dass Manns Umwelt, nicht zuletzt seine Frau Katja, trotz ihres eigenen unermüdlichen Engagements zur Schaffung einer günstigen Arbeitsatmosphäre für ihn diese Vernachlässigung der Familie zugunsten der Konzentration auf sein Werk auch als Belastung empfunden hat, war ihm sicher klar. Und der letzte Satz des Kapitels ist gewiss auf Thomas Mann selbst gemünzt. Im ersten Halbsatz als Selbstkritik und im zweiten als Wunsch für sein Verhältnis zu Katja: 
"Es gibt Menschen, mit denen zu leben nicht leicht, und die zu lassen unmöglich ist."

So weit ich in der Gestalt Leverkühns nicht nur eine Allegorie auf das deutsche Volk sehen muss, das einen Teufelspakt mit Hitler eingegangen ist, sondern (über den Bezug auf Nietzsche hinaus) auch ein Stück kritisches Selbstporträt, fällt es mir leichter, mit diesem Text umzugehen. 


Zu herb habe ich die Kritik Max Frischs in Erinnerung, der mir sehr einfühlsam Brecht nahe gebracht hat, aber bei einer Lesung in Oxford über Mann sagte: Er habe jahrelang mehr oder minder in der Nachbarschaft Manns gelebt, aber nie das Bedürfnis nach geistigem Austausch mit ihm gehabt. 


*Thomas Mann hat selbst in der "Entstehung" [des Doktor Faustus] von der "mich dauernd bestürzenden Rücksichtslosigkeit im Aufmontieren von faktischen, historischen, persönlichen, ja literarischen Gegebenheiten" gesprochen, wobei diese "Montage-Technik" aber zur "Idee des Buches" gehört habe. Möglich sei ihm diese Technik geworden, wegen des Charakters des Buches "als Geheimwerk und Lebensbeichte, der die Vorstellung seines öffentlichen Daseins überhaupt von mir fernhielt, solange ich daran schrieb". (Weites Feld 31.10. 2007)

Mehr zu Thomas Mann: 
Hans-Peter Haack: Zweideutigkeit als System - Thomas Manns Forderung an die Kunst