15 November 2018

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall"

Diesen Satz aus den Bremer Stadtmusikanten (Text von 1857) hat Zuckmayer zum Motto seines Hauptmanns von Köpenick gewählt und er ist immer wieder literarisch aufgegriffen worden.
Das Gefühl des Nutzlosseins steht als Motto über all den vielen Fluchtversuchen nach Europa und führt aufgrund der Abschottung Europas zu den vielen Toten in der Wüste, in den Folterlagern Libyens und im Mittelmeer.
Und die, die keine Nachrichten von den Aufgebrochenen erhalten, klammern sich an die Hoffnung "Etwas Besseres als den Tod findest du überall".
Darauf zielt der Schlusssatz von Roger Willemsens "Timbuktu": "In dieser ganzen Zone der Sahara ist nichts als diese Bewegung, die Bewegung einer Flucht ohne Fluchtpunkt, die von nichts angetrieben wird, als von der Möglichkeit zu fliehen."

Es ist ein Exodus auf der Suche nach dem "gelobten Land". Nicht ohne Grund ist Exodus immer wieder als Ausdruck für den Ausbruch aus unerträglichen Verhältnissen gewählt worden. 
Im Märchen wird immer wieder aufgebrochen zu einer Suche "bis ans Ende der Welt". Roger Willemsen sucht und findet solche Enden immer wieder.
Doch das gelobte Land wurde schon in der Geschichte immer wieder zum Land der großen Konflikte: Nahostkonflikt, Völkermord an Ureinwohnern. 

Davon ist die Literatur fast so voll wie von Geschichten des Aufbruchs zu einer Suche nach einer besseren Welt. 

14 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Timbuktu

Timbuktu 
Der Junge Indigo 
 "Da liegt es, das Land der Sahara mit seinen Schorfschichten in Gelb, Hellrosa, Blutrot, die Siedlungen gepfercht, umzingelt von irgendeiner Natur, die aus den schütteren Wäldern, den flachen Bergen, den dürren Ebenen Gefahren schicken könnte, der Niger breit und mürrisch, in einem opulenten Becken von kleinen Inseln besetzt, briefmarkengroße Felder darauf. [...] Ja, so trumpft sie auf, diese Übermacht an Landschaft, die nicht eigentlich schön, eher wie strapazierte Haut wirkt, wie ein interessant ab gearbeitetes Gesicht. 
Man wird hier keine moderne Physiognomie finden. Die Menschen haben die Züge vorzeitlicher Propheten oder Götzen, deren Augen hellgrau in einem wässrigen Hof liegen, und auch der Fluss ist nicht blau, nicht grün, sondern graugelb in seinem rissigen Uferstreifen aus Hornhaut. (S.161)
"Der Niger, ein Delta aus zahllosen Rinnsalen, Einzelläufen, Strömen, Kanälen und Seebecken wird immer neu zur Demarkationslinie zwischen Schwemmland und roter Wüste. Dann wieder schwindet sein Einfluss, und er trägt das Grün seiner Ufer allenfalls ein paar Meter weit ins Land. Orte wie Wüstenfriedhöfe liegen zu seinen Seiten." (S.162) "Doch hier, am legendären Ort, im Innern der Verwahrlosung, wird Indigo gewonnen. Als sei dieses Blau die Farbe des Blutes dieser Stadt, deren Menschen selbst blau häutig wirken. Warum fliehen sie nicht? Anderswo wäre Wasser, Versorgung, Unterstützung, Schutz. Doch bis man dahin gelangt wäre, müsste man durch die Wüste, die Hitze, das Massaker, den Überfall, man müsste sich als lebende Beute durch ein Inferno retten." (S.163)
"Timbuktu ist Sand, vor allem Sand, alles sinkt in Sand, ist aus Sand gemacht oder nimmt seine Farbe, selbst seinen Geruch an. Der Sand strahlt die Hitze ab, der Sand holt sich die Stadt, zu Sand soll sie werden. Das einzige, dem Verfall offenbar entzogene Objekt ist auf einer Fassade die bronzene Tafel mit der Aufschrift: »Hier lebte der Afrikaforscher Heinrich Barth. Dieses Haus besuchte im Jahre 1956 Präsident Heinrich Lübke.« Dies wird bleiben." (S.164/65)
" Sein Charme ist leise, aber unwiderstehlich. Er weiß nicht von sich, nicht von seiner Grazie, die noch betont wird, wenn er lachend den Wildwuchs seiner Zähne entblößt. Doch im nächsten Augenblick sitzt er da wie der antike Dorn-Auszieher mit den zerschundenen Beinen, dem Handgelenk mit der offenen, kaum angeheilten Lochwunde, mal in sich selbst versunken, mal ein Verhältnis suchend wie das des Zöglings zum Mentor, eine Geheimbeziehung, eine diskrete, von Unterwerfung und Achtung getragene Beziehung.
Seine Augen sind immer schon da. Wann immer ich schaue, hat er schon geschaut. Manchmal legt er sein Knabengesicht in die Falten eines Herrn und reibt sich die nackten Fußsohlen im Sitzen. Anders als andere bietet er keine Dienste an, fragt nicht nach unserer Herkunft, um wirbt nicht »Madame« und sucht auch keine Kenntnisse über unser Land, unseren Sport. Nur einmal zuckt er bedauernd die Achseln: Ja, die bettelnden Kinder seien lästig. Aber ohne sie abzuwerten, meint er das, eher mit Verständnis für mich, der sie anstrengend finden könnte." (S.179)
"Wir bewegen uns auf die Propellermaschine zu: das Rudel der tobenden Kinder rund um Anna, der Junge ernst und stumm an meiner Seite. Er schreitet routiniert barfuß über den Sand, dessen Hitze ich durch die Sohlen meiner Schuhe fühle, und lässt meine Hand nicht los. In meiner Linken habe ich einen Schein vorbereitet, einen großen, für ihn sehr großen Schein, die einzige Möglichkeit des Augenblicks, seinem Leben einen Effet zu geben, etwas zu bewirken, das bleibt. Ich gebe ihm die Hand zum Abschied, dann schiebe ich den Schein nach.
Er blickt mir seelenruhig in die Augen mit diesem cremigen Blick, der so ambitionslos kommt, als wolle er nur verweilen. Dann brechen seine Augen für einen Wimpernschlag aus, schnellen hinab auf die Hand, dann noch einmal hoch zu mir: Ob ich weiß, was ich tue? Ob ich mich geirrt haben und gleich alles rückgängig machen könnte?
Er lässt mich fahren, den Schein in der Faust, und läuft - nicht zurück, wo noch die Passagiere mit ihren Begleitern und Angehörigen nachdrängen, sondern voraus, an der Gangway vorbei, unter der Maschine hindurch, über die Landebahn, auf der anderen Seite die Böschung aufwärts und wieder abwärts in den Dünensand, er läuft und läuft, sieht sich keinmal um. Seine Sohlen klöppeln den Wüstensand, helle Wölkchen steigen unter jedem Tritt hoch, seine beiden jüngeren Vasallen sind ihm jetzt auf den Fersen, doch er dreht sich nicht um, er läuft, er läuft, er läuft.
Ich lasse Anna und die anderen Passagiere an mir vor bei die Gangway hochsteigen und blicke ihm weiter nach, bis er zuletzt nur noch ein Partikel in der Land schaft ist, der sich immer langsamer fortbewegt, über die Dünen, in die Senken. Erst als ich dann am Fenster sitze, die Maschine abhebt und Höhe gewinnt, kann ich erkennen, dass er ins Nichts läuft mit keinem Haus, keiner Hütte, keiner Siedlung als Ziel. In dieser ganzen Zone der Sahara ist nichts als diese Bewegung, die Bewegung einer Flucht ohne Fluchtpunkt, die von nichts angetrieben wird, als von der Möglichkeit zu fliehen." (S.180/181)

13 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Orvieto

Orvieto 
Die fixe Idee 
"Die Trattoria Giusti in der Via Giuseppe Giusti war die Küche vieler, die in den späten siebziger Jahren in Florenz studierten oder als Langzeitreisende in der Stadt gestrandet waren. Ich studierte am Kunsthistorischen Institut und verdiente mein Geld als Reiseleiter. Meine Freunde waren zwei weitere Studenten, ein Uffizien-Wärter, eine sienesische Apothekertochter und ein kanadisches Journalistenpärchen. In der Trattoria standen nur zwei lange Tische, und eine Speisekarte gab es nicht. Man nahm an einem der Tische Platz, saß oft unter Fremden oder mischte Freunde mit Fremden, wählte zwischen Fisch oder Huhn und überließ den Rest dem Wirt." (S.472)
"Eine der jungen Frauen, die wie wir zwischen die Linien der beiden feindlichen Fronten geraten war, fiel unmittelbar vor unseren Füßen in Ohnmacht. Wir er griffen sie rechtzeitig, stellten sie hinter uns aufrecht an der Wand ab und warteten, bis die Kämpfenden an uns vorbeigezogen waren. Das Gewühl verlief sich, das Mädchen erwachte, und auf beiden Seiten eingehakt, ließ sie sich zu einem Cafe in einer Seitenstraße bugsieren.
 Bernadette war als amerikanisches Au-pair nach Rom gekommen, auf der Suche nach etwas Künstlerischem. Gefunden hatte sie die Liebe, verloren hatte sie sie auch. In ihren Erzählungen gab diese Liebe nur noch schwache Aromastoffe ab, und indem sie ihre langen braunen Locken in Bahnen zwischen den Fingern striegelte und mit ihren Augen unsere Augen festhielt, war ihr selbst klar, dass das Leben wieder in eine Romanze einbiegen sollte, einen Coup de foudre, eine Verrücktheit, wie sie nach einer Straßenschlacht im sommerlichen Siena, an der Seite zweier Fremder, geradezu auf der Hand lag.
 Als die Nacht herunterkam, hatte Bernadette keinen Schritt getan, bei dem sie nicht von uns zu beiden Seiten untergehakt gewesen wäre. Sie hatte uns paritätisch geküsst, und kaum verschwand einer auch nur kurz in einem Laden oder auf der Toilette, gab sie dem anderen einen Kuss so heftig und nass, dass er sich auserwählt fühlen musste. Ja, ihre Küsse waren verschwenderisch und maßlos, sie stürzte sich mit einem Kopfsprung in je den einzelnen von ihnen und legte einem dabei noch die nackte Armbeuge um den Nacken, damit der Kopf ja nicht ausweichen und sie alles noch besser genießen konnte. Wenn sie einen Kuss abgeschlossen hatte, warf sie den Kopf in den Nacken und lachte guttural, was ein bisschen irr, ein bisschen schmutzig, ein bisschen stolz klang, und manchmal wischte sie sich selbst mit dem Handrücken die Lippen ab. Sie wollte uns verrückt machen, beide, und wir sollten fühlen, wie an diesen Küssen noch dieser Mädchenkörper hing, der sich schmiegte, während die Zungen sich im Rachenraum umeinander wälzten.
 Kurz vor Mitternacht hatte sich die Geschichte so weit entwickelt, dass an Trennung nicht mehr zu denken war. Bernadette machte jetzt kein Hehl daraus, dass sie am liebsten unzertrennlich geblieben wäre. Wir sollten uns eine Wiese außerhalb der Stadt suchen und dort gemein sam die Nacht verbringen. Als wir zögerten, lief sie ein paar Schritte voraus, hob ihr T-Shirt fast auf Höhe ihrer Brüste, beugte sich vor und fragte:
 »Na, wer will mich?«
Männer mögen und fürchten solche Frauen, und ein wenig verachten sie sie auch. Aus Bernadette aber strahlte das Versprechen der Sommernacht heraus, und es war Verlangen genug in ihr für zwei. Peter war der Hund, der, zu allem bereit, mit den geöffneten Armen eines Jesus mir die Entscheidung überließ. Ich aber war der Feige, der mit einem »Macht ihr nur!« den Rückzug antrat und in Bernadettes Blick zweierlei erkennen konnte: ein Bedauern über den Verzicht und eine in Freundlichkeit auf gelöste Verachtung über den schamhaften Mann, der vielleicht auch nur die Konkurrenz scheute.
 Unser Abschied fiel deshalb von ihrer Seite so mütterlich aus, dass es fast verletzend war. Peter gab noch rasch den loyalen Freund, der immer noch bereit sei zu verzichten, schließlich gebe es Wichtigeres. Aber da waren wir schon verabredet für zwölf Uhr mittags am nächsten Tag vor dem Dom von Orvieto [OrvietoSignorelli (S.490ff.)], und seine Begierde war jetzt schamlos und direkt. Ich bog zum Bahnhof ab. Als ich mich zum letzten Mal nach den beiden umsah, griff Peters Hand in ihren Hintern, als wolle er sagen: So macht man das, und sie warf im Gehen den Kopf in den Nacken und lachte den Nachthimmel an.(S.479/81)

 "Jahre später erhielt ich einen Luftpostbrief aus den USA. Meine Adresse war so angestrengt in Druckbuchstaben auf das Kuvert gemalt worden, wie Kinder es tun, die den Stift in der Faust führen. Im Innern befand sich allein Signorellis Teufel mit den breiten Schwingen, der eine nackte langhaarige Frau über die ringende Menge hinweg ins Höllenfeuer fliegt. Der Krakel darunter las sich: »Saturn passing«. Der rettende Engel in der Rüstung zur Rechten war nicht mit im Bild." (S.501)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Chiang Mai

Chiang Mai
Opium
"Ich fuhr nach Chiang Mai zum »Opiumessen«. Seit Thomas De Quincey ist das der geläufige Ausdruck. Auch, wenn man es längst nicht mehr isst, im Hustensaft zu sich nimmt oder gegen die Grippe schluckt wie noch zur vorletzten Jahrhundertwende. Man raucht, man inhaliert es, man nimmt es sich zur Brust und lässt es schwärmen, und ich denke, jeder sollte in seinem Leben einmal Opium geraucht haben. Jeder sollte wissen, was das Gehirn kann, und wer sagt: Dafür muss ich nur Berge er klimmen, Marathon laufen, von Klippen springen oder ganz schnell die Treppe hoch steigen, der weiß nicht, wie viele Metamorphosen das wilde Tier durchmachen kann, das wir in unserem Schädel beherbergen." (S.457)
"Wer ein Pfeifchen wollte, legte sich im rechten Winkel zum Medizinmann, der selbst anrauchte. Der Dorfälteste sah abseits zu, wie zuerst das Opium aus einem Döschen genommen, portioniert, zwischen den Fingern erwärmt, gerollt und dann als Kügelchen auf den kleinen Trichter der langen Pfeife gesetzt wurde. Ein, zwei Atemzüge nur, dann war das Klümpchen, blasenwerfend und siedend, durchgeschmurgelt und in den Abendhimmel entkommen. Sein Aroma aber blieb, dieses frische, Kräuter und Blätter sanft und würzig mischende Aroma ohne jede rauchige Note, es blieb und weitete sich zu einem Wohlgefühl aus, einem Behagen, nicht mehr. Nein, dieser Rausch würde keine Geiseln nehmen, er würde nicht mit halluzinatorischen Schwärmen und Phantasmagorien kommen, nicht rücklings über das Bewusstsein herfallen, er war im ersten Augenblick vollentfaltet da, schwach, aber klar und freundlich. [...]  Mit der zweiten Pfeife vergrößerte sich der Abstand vom Boden, und der Überblick wurde besser. Wir waren Freunde. Alle Lebenslinien trafen unter diesem Dach auf ihrem einzigen möglichen Schnittpunkt zusammen. Da war kein Jenseits zu diesem Moment. Man musste nur in die Tiefe des Wohlwollens hinuntersteigen und bleiben." (S.462/63)
"Auf allen vieren erreichen wir unsere Hütte, krauchen die Bretter zu den Einstiegsöffnungen hinauf in die schwindelerregende Drei-Meter-Höhe und legen uns auf unsere Matten, Helen und Mark in die eine, ich in die andere Ecke.
Der direkte Niederschlag des Behagens kommt im Lächeln. Das heißt, die Mundwinkel auseinanderweichen zu lassen, ihre Bewegung nachzuvollziehen, und als eine Folge der Bewegung froh zu sein, leise amüsiert. Zufrieden, dass die Mimik der Erregung folgt, nein, einverstanden, dass die Erregung der Mimik folgt, nein, glücklich, dass die Bewegung der Bewegung folgt, denn es gibt kein Früher und Später, kein Motiv und keine Folge, es liegt alles auf dieser Amplitude des Glücks, die weiter und weiter ausschlägt, die Mundwinkel über die Grenzen des Gesichts hinaustreibt, so dass man jetzt, außerhalb seiner selbst Mundwinkel hat, die sich jenseits der Konturen des Gesichts weiter dehnen und heben wollen, bis sie allein in der Nachtluft flattern. Ah, die Nachtluft! Schon befand ich mich in den Abgründen einer Illusion.
 Der Rausch, das ist auch das Abziehen der Oberfläche. Die Gebrauchsseite der Welt zerfällt. Wie sollte man also und mehr noch, warum sollte man in ihr handeln? War um sollte man zu etwas nutze sein? Was ist das überhaupt: ein Nutzen?
 Aus dem Dorf klingen ein paar Fetzen Musik. Musik ohne den Charakter der Begleitung. Das Subjekt der Musik sind in diesem Augenblick nicht die Musiker, eher die Instrumente. Sie singen sich ihr Innenleben aus dem Leib." (S.463/64)
"Es ist Jetzt: Endlich ist das Auge angekommen in der Vogelperspektive über dem Baukasten des eigenen Innenlebens. Nichts wie Intelligenz existiert da noch. Was bleibt, ist allein das Konstruktionsprinzip unpersönlicher Verbindungen, die ihre Wege nehmen, und in einem wohlwollenden, von keiner Einschränkung bedrohten Anerkennen wird man gewahr: Das Persönliche ist unpersönlich, Angst leitet oder etwas, das den Namen Angst erhalten hat, Angst führt die Regie über Lust und Unlust, sie sagt: Geh nicht von A nach B, der direkte Weg ist nicht die Luftlinie, sondern der Fluchtweg. Alles vermeintlich Inspirierte ist nichts als eine Art, Umwege ein zuschlagen, auszuweichen.
Und so lag das Modell, das chemische Modell meiner persönlichen Unvernunft unter mir und gebar das Wort  »Ich« als das Symptom einer Störung. Was »Bewusst sein« hieß, war jetzt nichts als eine in ihrer Einzigartigkeit faszinierende Wunde, die kein Trägermedium hatte und auch nicht heilte. Erst sieben Stunden später lösten sich die Phantasmen ab, und ich erwachte aus dem »Es denkt« in die Illusion des »Ich denke«. (S.470/71)

(Roger Willemsen: Die Enden der Welt, Chiang Mai)

Roger Willemsen:Die Enden der Welt - Kinshasa

"Ich war für einen Musiker in die Demokratische Republik Kongo, das ehemalige Zaire, gereist. Den wichtigsten Musiker des Landes wollte ich filmisch porträtieren, den Vater der urbanen, kosmopolitischen Jugend, die nachts auch in den Clubs von Kinshasa zu seiner Musik tanzt und davon träumt, wie er eines Tages nur noch aus dem Pariser Exil anzureisen: Papa Wemba, weniger als ein Leidensgefährte, mehr als ein Tourist, der Miterfinder des »Soukous«, jener panafrikanischen, auch »Rumba-Rock« genannten Musik, die in den siebziger Jahren von Kinshasa aus den ganzen Kontinent eroberte die musikalische Sprache für das Selbstbewusstsein einer Jugend, die heute, ein paar Kriege weiter, keines mehr hat, nur noch die Musik." (S.440)
"Er, der ungeliebte, angeschlagene Präsident droht im Straßenbild von hohen Transparenten herab. Doch so ab wesend der Krieg in Kinshasa auch wirkt, so präsent ist die Gewalt des kriegführenden Präsidenten. Sieben Menschen sollen von seinen Leuten allein deshalb erschossen worden sein, weil sie seiner Autokolonne nicht schnell genug die Straßenkreuzung räumten. Die Angst vor seiner Willkür sitzt tief. Wir begreifen zunächst: Der Krieg liebt keine westlichen Augenzeugen, keine Rechercheure von Massakern. Aber sind wir hier nicht im Dienst der Musik?
Erst später werden wir auch das Zweite begreifen: die langsame Umkehr des Rassismus. Man verachtet die Weißen, schikaniert sie, unterwirft sie immer neuen Autoritäten, lässt an der Grenze ihre Pässe zu Boden fallen, danach sind sie stundenlang verschwunden oder nur mit Geld wie der auszulösen. Wer als Weißer unter diesen Umständen trotzdem noch im Land ist, hat oft altruistische Gründe und nicht selten sogar ein gewisses Verständnis für solche Formen später Revanche. Doch selbst dies mühsam erworbene und gegen die Ressentiments verteidigte Verständnis findet man hier zum Kotzen.
Papa Wemba dagegen wird geliebt. In seinen Gesprächen mit Freunden, lokalen Musikern oder Anhängern kommt der Krieg nicht vor und der Präsident auch nicht. Stattdessen fährt Wemba in der tiefgekühlten Mercedes-Limousine durch die Stadt, telefoniert dabei mit Paris, lässt sich Obst und Zeitungen in den Wagen reichen, hört pausenlos die eigenen Alben, und manchmal winkt er auch in die nie abreißende Menge der Enthusiasten an der Straße, die vor Begeisterung fast seinen Wagen demolieren.
 »Das sollten Sie filmen«, sagt er. Sofort!
Von jetzt an filmen wir stundenlang seine Triumphfahrten durch die Außenbezirke von Kinshasa, geschützt von seinem Ruhm. Jetzt winkt er auch häufiger.
Widerspricht die Musik dem Krieg oder ist sie eine zweite Welt? Ist sie das Kontinuierliche in der Geschichte des Landes, oder bricht ihr Stammbaum jetzt ab? Spricht sie von den Opfern, den Armen, oder will sie nur von ihnen gekauft werden?
 »Die Armen soll man in Frieden lassen«, sagt Papa Wemba.
 Die Wahrheit ist, dass sie natürlich keinen Frieden haben, sondern den Krieg bezahlen. Ja, das bekümmere ihn auch, sagt er und bürstet sich ein paar Flusen von den großblumigen Mustern seines Bubus. 
»Ich bin zwar Künstler, aber ich rede durchaus über Politik«, fügt er hinzu. Doch als ich es genauer wissen will, ergänzt er: »Eine politische Position werde ich allerdings nicht beziehen.«" (S.447/48)
"Im zehnten Stock des Ministeriums, hat man uns gesagt, werden wir unser Dokument bekommen, das al les entscheidende Dokument, ohne das unsere Kamera arbeit ein Verbrechen ist. Jeden Tag gehe ich nun ins Ministerium auf der Suche nach dem Verantwortlichen und seiner Unterschrift. Vor dem Fahrstuhl im Parterre schleppt ein Arbeiter auf seinem Rücken immer neue Zementsäcke heran.
 »Sie bauen?«, frage ich ihn, als der sechste Sack donnernd auf dem Stapel gelandet ist.
 Er lacht, beugt sich mit verschwörerischer Miene hinunter und öffnet einen Riss in der Verpackung mit zwei Fingern. 
»Nein«, antwortet er, »es ist nur Geld«, und sein Finger krault die Spitzen der Banknoten. »Alles in Cent?«
 »Ich bringe die Gehälter der Angestellten, ja, sie sind zahlbar in Cent.«
 Das Geld reist mit im Aufzug. Aber auf jedem Stockwerk öffnen sich die Türen ins Dunkel. Menschen steigen aus und verschwinden in völliger Finsternis, das Geld geht denselben Weg. Von Büro zu Büro werden die Bündel mit der Waage abgemessen - angesichts der Inflation die einfachste Zahlungsform.
 »Sie verdienen ein Pfund?«
 »So etwa.«" (S.452/53)
"Ein paar Jahre später hat die Politik beide eingeholt: Kabila wird von seinen Anhängern, seiner Palastwache, dem Sicherheitsdienst, möglicherweise Teilen seiner Familie in seinen Räumlichkeiten hingerichtet. Eine zuverlässige Darstellung der Umstände steht aus, der Sohn Joseph Kabila kommt an die Macht.
 Papa Wembas musikalische Laufbahn explodiert nicht. In Interviews bietet er sich zwar als politische Kraft der Integration an, doch ist die Zeit über seine Stimme hin weggegangen. In Paris wird er stattdessen inhaftiert, als bekannt wird, dass er Landsleuten für viel Geld die illegale Einreise nach Frankreich ermöglicht haben und einen ganzen Schleuserring unterhalten haben soll.
 Als wir aber an jenem Herbstnachmittag Kinshasa verlassen, sind der Präsident und der Popstar noch auf ihren Positionen. Nie habe ich ein Land so gerne verlassen wie dieses, [...]" (S.456)
(Roger Willemsen: Die Enden der Welt)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Minsk

Minsk 
Der Fremde im Bett 

"Der Flughafen von Minsk sieht aus, als sei er aus einem Haufen von Dunstabzugshauben zusammengeschweißt. Vor seinen Toren protzt die Monumentalarchitektur Weißrusslands, und wie im alten Sowjetreich gibt es noch immer diese imaginären Geländer. Man muss ge leitet, geführt, Befehle müssen erwartet und befolgt wer den, Verbote müssen sich aufrichten." (S.103)
Minsk wurde nach der Zerstörung durch deutsche Bomben im 2. Weltkrieg  ab 1958 historisch getreu wieder aufgebaut; aber die Architektur wirkt im Sozialismus nicht glaubwürdig 'hochherschaftlich'."
"Minsk liegt an einem Fluss, einem Verkehrsfluss, der achtspurig die Stadt teilt, über sechzehn Kilometer." (S.109)
"Überall unterbindet die Stadtplanung Ensemblebildung, nur die Wohnsilos am Stadtrand ballen sich." (S,111)
Willemsen geht in ein Krankenhaus, ohne beachtet zu werden. Schließlich geht er in ein Krankenzimmer, in dem, einem Zweibettzimmer, nur ein einzelner Sterbender liegt. Er setzt sich zu ihm und macht sich seine Gedanken. 
"Erst als ich schon wieder auf der großen Straße war, fielen mir die beiden Gurken ein, die ich auf der Kante dieses Sterbebetts vergessen hatte." (S.117)

Im Kapitel "Minsk" ist vielleicht am stärksten aus geprägt, was sich durch die ersten Kapitel hindurch zieht. Willemsen wirkt wie ausgesetzt. Ich bin froh, dass ich es nicht wie er an einem Orte aushalten muss, der so wenig Anziehendes bietet. Wo die Natur einmal unüberhörbar spricht, stören ihn die Menschen, die dort auftauchen. Am wenigsten stört ihn in Minsk der Sterbende, der sich betrachten lässt, ohne ihn wahrzunehmen.

Natürlich trifft diese Charakterisierung nicht jedes Kapitel. Gerade in Tonga, wo er die "Klaustrophobie der Weite" und sich "eingepfercht in dieser Weite" fühlt, beweist er bemerkenswerte Einfühlung in das völlig Fremde. Und in Kinshasa ist sein Überleben so offenkundig von der Willkür des Übergangspräsidenten Kabila und der Aura von Papa Wemba abhängig, dass er nicht umhin kann, ihre Rolle in diesem Lande genau in den Blick zu nehmen. 

Beim "Opiumessen" und in Orvieto (Signorelli [S.490ff.], Bernadette [479ff.]) wollte ich zwar auch nicht dabei sein. Dort kommt er mir aber als Experimentierender Erfahrungssucher in seinem Element  vor.

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - God's Window

God's Window 
Letzter Vorhang 
"[...] Irgendwo vor Kapstadt weicht Afrika zurück und wird Allerweltsland, adrett und appetitlich, mit Straßenkeh rern und Weinfarmen, Freizeitvergnügen und Golfplät zen. Aus diesem Schweizer Ambiente erhebt sich Kap stadt mit seinen »Served Apartments« und »Guarded Communities« [...]. Von Kapstadt aus betrachtet, liegt Afrika so fern wie Indien. » (S.86)  [...] Pilates-Turnerinnen rumpfbeugen sich auf der Wiese [...] Die Weißen kultivieren jetzt defensives Sonnenba den, so geschützt wie dosiert. Die Sonne ist feindlicher und der Mensch pragmatischer geworden [...] Auf älteren Fotos dagegen räkeln sich die Menschen noch einladend ins Licht, ja, ihre Hingabe hat etwas so Obszönes, als wollten sie von der Sonne regelrecht »ge nommen« werden. So lustvoll war das in den alten Zei ten des Sonnenbadens. Dieses Beinespreizen, Alle-Viere von-sich-strecken, diese Willenlosigkeit! Junge Menschen drücken vor der Sonne noch immer Bereitwilligkeit aus, einen verschwenderischen Umgang mit ihrer Nacktheit, die Alten dagegen kauern sich heute nur noch gebückt und vom Licht abgewandt. (S.87)
[Willemsen versucht, das Kap zu erreichen, aber das Gatter ist verschlossen.]
Am Ende blieb dies Ende der Welt geschlossen. Doch von einem günstigen Blickpunkt aus, von einer Biegung der Straße Richtung Westen, sahen wir die ominöse Kuppe liegen. Sie hatte nichts von dem Kontinent, der hier auslief, nein, sie war eine Irgendwie-Kuppe auf einem Irgendwo-Hügel, eine einzige Verweigerung, Bel vedere und Bellavista, Land's End und Finistere zu sein. So ersparten wir uns die Verlegenheit der Touristen vor der Aussicht. (S.94)
W. über das Kennzeichen einer eindrucksvolle Aussicht: "der Besucher verlangsamt, hält inne und ernährt sich vom Blick. Die Aussicht sagt ihm, dass er die richtige Höhe, den passenden Einfallswinkel gefunden hat, und dass »der große Derdiedas« seine Hand eben erst aus der Natur gezogen hat. Sein Atem geht noch darüber. Eine Aussicht ist immer dann schön, wenn der Betrachter vor ihr klein wird. Dann ist sie erhaben, denn er selbst ist bloß eine Bagatelle." (S.95)
"An den offensichtlichen Enden der Welt liegt oft Niemandsland, besetzt mit Buden. [...] »Ich bringe dich an einen Ort, wo die Welt wirklich zu Ende ist«, sagt Pierre. »Er heißt God's Window [...]" (S.96) 
"»God's Window« ist ein Balkon über einer rasant abfal lenden Schlucht, etwa tausend Meter tief, geformt aus glänzenden Felswänden, von Flechten und Ranken be wachsen, vom fallenden Quellwasser bespült, von zir penden Grillen und schreienden Vögeln beschallt. Eine Schlucht, deren Flanken aufeinander zu streben, als wolle sich ein felsiger Vorhang schließen über dem Blick in die Tiefe, über die Wälder und Ströme, über den Weitblick nach Mosambik." (S.98)
" Ja, hier spielt das Drama einer Landschaft, der der Mensch bloß zugestoßen ist." (S.99)