17 September 2018

Stephan Thome: "Gott der Barbaren"

Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß SZ 14.9.18

Ich halte die Überschrift für falsch und auch das Urteil über den Roman nicht für ganz überzeugend. 
Aber ich bin dankbar für den Hinweis.

 Burkhard Müller schreibt:
"30 Millionen Tote soll der Taiping-Aufstand gekostet haben, der ein großer Bürgerkrieg war, nach dem Zweiten Weltkrieg der verlustreichste Konflikt der Menschheitsgeschichte. Dennoch wissen außerhalb von China nur wenige etwas von dieser historischen Großkatastrophe.
Stephan Thome, der 1972 im hessischen Biedenkopf geboren wurde, wohnhaft in Taipeh, Autor und Sinologe, hat sich vorgenommen, das zu ändern. Er geht an diesen gewaltigen Brocken mit der Form des Romans heran. Das ist eine gewagte Entscheidung: Denn bei Stoffen dieser Art ist der Roman fast immer im Hintertreffen gegenüber seiner Rivalin, der historischen Monografie." 
Gerade wenn ich einen wichtigen Stoff noch nicht kenne, hilft mir Identifikation mehr dazu, mich darauf einzulassen als ein abgewogenes Urteil. Das Interesse daran, wie es wirklich war, wird erst durch die Einfühlung geweckt.
Aber ich habe das Buch noch nicht gelesen und weiß nicht, ob mir die Einfühlung gelingt. Mein persönliches Problem ist freilich, dass ich nach zunächst oberflächlichen Informationen jetzt schon ein etwas differenzierteres Urteil über den Taiping-Aufstand habe. 

Wedma hat das Buch hervorragend gefallen.

14 September 2018

TERÉZIA MORA

IM GESPRÄCH: AUTORIN TERÉZIA MORA: „Es gibt bessere Lösungen als den Tod“ FAZ 11.2.14

"Ich arbeite mit dem, was da ist, mit der Welt, die ich anders zusammensetze, um etwas in der Welt sichtbarer zu machen, was ich gesehen habe.
Mein Bedürfnis ist, etwas zu finden, was mir erklärt, was mich umgibt. Auch durch seine Form."

13 September 2018

Antiqua, Bastarda, Fraktur

"Die Vollbibeln ab 1534 erschienen später in Frakturschrift, einer weiter Entwicklung oder auch Vollendung der Bastarda, die sich an der Schriftkunst am Hofe Maximilians I orientierte und wesentlich von Dürer geprägt wurde. Sie verläuft enger als die Bastarda, wirkt damit eleganter und spart nebenbei ein Zehntel der Papierkosten. Diese Fraktur sollte zur "evangelischen" Schrift werden, die als die Schrift der Bibel dann die bevorzugte Schrift für deutschsprachige Texte überhaupt wurde – Lateinisches druckte man weiter in der "runden" Antiqua. Während Luther mit seiner Bibel Deutschland auf den Weg zu einem sprachlich geeinten Land brachte, machte er es drucktechnisch "zweischriftig" – bis zum "Führerbefehl" vom Januar 1941, mit dem die Fraktur in Deutschland abgeschafft wurde." (Göttert: Deutsch. Biografie einer Sprache, S 142/43)

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10 September 2018

Fontane: Der Stechlin

Lesung im MDR vom 10.9. bis 5.10. 2018
"Zum 120. Todestag des großen märkischen Dichters senden wir den Roman auf MDR Kultur. Es liest Otto Mellies."

Audios

08 September 2018

Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert

Ich lese dies Buch gerade ein drittes Mal. (Hier meine Reaktion auf die zweite Lektüre.) Bevor ich hier Zitate herausstelle, verweise ich auf die sehr informative Besprechung durch norberto42.
Hier der Schluss:
"Zum Schluss reflektiert Marcuse, warum einer sein Leben erzählt (S. 383 ff.). Dazu findet er mehrere Gründe, wie es sich für einen Skeptiker gehört, und er legt sich für sich selber auf keinen fest.
Fazit: ein Buch, das zu lesen sich lohnt, wenn man viel Zeit aufwendet und immer wieder in der Wikipedia unbekannte Namen nachschlägt."

Meine Überzeugung ist, die Lektüre lohnt auch, wenn man nicht " immer wieder in der Wikipedia unbekannte Namen nachschlägt".  
Denn die Haltung mit der Marcuse auf die beiden vergangenen Jahrhunderte zurückblickt, eröffnet Einsichten, die man ohne Zeitgenossenschaft sonst auch durch die Lektüre vieler anderer Werke kaum erwerben kann.  Denn Marcuse versucht gerade nicht, mit vielen berühmten Namen zu imponieren, sondern macht seine ganz persönliche Beziehung zu wichtigen Persönlichkeiten deutlich. 

Mehr dazu bei norberto42 und in den folgenden Zitaten:

"Ich erzähle aber nicht weiter, weil das Leben bisweilen eine hässliche Neigung zeigt, nach dem Happy End nicht den Vorhang fallen zu lassen." (S.202)
"In einem populären Führer las ich: "Vor der Ankunft der Missionare aus Neu-England hatten die Hawaiier eine Religion, die wir für Aberglauben halten."  
Die amtliche Skepsis gegenüber dem Unterschied von Glauben und Aberglauben verlockt mich, zu denken, dass sogar die offizielle Touristen-Literatur sich dem Paradiesischen nähert." (S. 323)
"Der fünfzigste amerikanische Staat hat zwei Vorgeschichten und eine Historie. Was noch auf die Zeit vor Adam zurückgeht, sieht man sehr gut vom Flugzeug aus und noch besser im Museum. Man schaut aus dem Flugzeug: tote Krater, erloschene Lava, ausgestorben, nackt, eine Felsen-Wüste. Im Museum, vor dem Glaskasten, sieht man tiefer: über dem Glas unsere Inselchen 
 I-Pünktchen im Verhältnis zu dem, was vom Meeresgrund heraufwuchs: ein gewaltiges vulkanisches Gebirgsmassiv, 1600 Meilen lang, das nur an einigen winzigen Stellen das Licht des Tages erblickte.
Vorgeschichte zwei: Auf diesen I-Pünktchen, die sich inzwischen ganz gut herausgemacht hatten, landeten vor tausend Jahren Leute aus Tahiti [...]
Ein Volk aber, das keine Historiker hat, hat auch keine Geschichte. (S. 324)

"Die Weltgeschichte scheint die Insulaner fast tausend Jahre lang in Frieden gelassen zu haben, bis ein Engländer entdeckte, auf was er gar nicht aus war (wie Kolumbus und manche andere große Entdecker). Im Jahre 1778 segelte Kapitän Cook, der so angesehen war, dass während des englisch-amerikanischen Krieges die Feinde seines Landes seine Schiffe unbehelligt ließen, im Pazifik herum. Er suchte, wie mancher Zeitgenosse, die Nordwest-Passage, die nördliche Durchfahrt zwischen der Neuen Welt und Asien. Da stieß er aus Versehen auf die Insel Kauai. Man ist also erst kurze Zeit in dem Bereich, den wir reichlich übertrieben Weltgeschichte nennen." (S. 325)
"Der Stille Ozean ist immer noch das weiteste Wasser der Welt, auch wenn ich mit einer Studentin aus Indochina über Max Scheler spreche. Aber da gibt es neun Inseln zwischen Kalifornien und Korea – sie sind nicht ein Treffpunkt, sondern eine Lebensgemeinschaft der Rassen. Und es ist vielleicht nicht ganz unerlaubt, auf diesen Inseln in der vorwegnehmenden Phantasie eine Welt anzusiedeln, die schon einmal da war: vor dem Turmbau zu Babel." (S.327)

"Wie sehr die individuelle Geschichte des Körpers eines der tabuisiertesten Themen der Darstellung und Selbstdarstellung ist, zeigt gerade Sigmund Freud. Indem er die genitale Sphäre nobilisierte zugunsten [gemeint: zuungunsten]  der anderen Körperlichkeiten, trug er nicht wenig  dazu / bei, das literarische Ignorieren zu rechtfertigen, das den nicht-genitalen Funktionen zuteil geworden ist. Und selbst die Literatur, die dem Sexus gewidmet wurde  von Apulejus und Lukian bis zu Wieland, D.H. Lawrence und Henry Müller – ist recht ähnlich. Bisweilen wurden die kräftigsten Vokabeln der kräftigsten Brautnächte gedruckt; aber das ist doch nicht mehr, als was auf Alt-Herren-Abenden (und nicht nur dort) in ewiger Monotonie herausgelassen worden ist. Das sehr profilierte Leben eines individuellen Geschlechts findet sich auch bei den Klassikern der erotischen Literatur kaum. Mich aber hat es nicht gelockt, orgiastisches Geflüster wieder einmal gedruckt zu sehen – und mehr habe ich nicht gewagt.

Ich hab’s erst recht nicht gewagt, die soziale Geschichte meines Fleisches aufzuschreiben: seine Wirkung mit zehn, zwanzig, dreißig, vierzig ... auf Männer, Frauen und Kinder, auf Aristokraten, Bürger und Dienstmädchen. Die Wirkung (vielmehr: die Vorstellung davon) ist eine der mächtigsten Triebkräfte in jedem Leben." (S.387/389) [Seitenangaben nach der gebundenen Ausgabe von 1960]

02 September 2018

Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor

"Es war der vierundzwanzigste Dezember, und alle die jungen Damen, welche Pantoffeln und Zigarrentaschen und Polster und Kissen für den Rücken gestickt hatten, die Seelen der Männer, der jungen und alten, zu fangen, nach dem Wort des Propheten Ezechiel im dreizehnten Kapitel, Vers siebenzehn und achtzehn, waren fertig mit ihrer Arbeit und erwarteten ihrerseits die Dinge, die da kommen sollten. Es warteten sehr viele Leute – große und kleine – auf kommende gute Dinge; – der Himmel war am Morgen und Mittag so blau, wie man es sich nur wünschen mochte, die Sonne bestrahlte glitzernd die weiße[407] Weihnachtswelt und färbte sich erst am Nachmittag blutrot, als sie in den aufsteigenden Nebel hinabsank. Es schien, als ob die Sonne es wisse, daß hunderttausend Christbäume auf ihren Niedergang warteten, und es schien, als ob sie gutmütig-froh ihren Lauf beschleunige. Um fünf Minuten nach vier Uhr war das letzte Stückchen feuriges Gold hinter dem Horizont versunken – der Heilige Abend war da, war endlich gekommen, nachdem sich Millionen Kinderherzen so lange nach ihm gesehnt hatten. Um fünf Uhr läuteten alle Glocken im Lande den morgenden Festtag ein, und die Kuchen waren fertig; es wurde Friede in der Brust auch der scheuereifrigsten Hausfrau, Um sechs Uhr stand jeder festlich geschmückte Tannenbaum in vollem Lichterglanz, und wer noch froh und glücklich sein konnte, der war es gewißlich um diese Stunde, in welcher sich das Himmelreich derer, die da sind wie die Kinder, auch dem trübsten Blick öffnet und das dunkelste Herz hell macht.
Das war ein Reisetag! Das war ein Tag, um der Heimat zuzueilen! Hans Unwirrsch und Fränzchen Götz bedurften keines Zaubermantels, keines übernatürlichen Beförderungsmittels mehr; der Postwagen oder vielmehr Postschlitten, der sie gen Freudenstadt führte, war selber ein zauberhaftes Vehikel, das dreist mit Oberons fliegender Muschel, mit dem fliegenden Koffer der arabischen Märchen, mit dem hölzernen Gaul, auf welchem der Ritter Peter mit dem silbernen Schlüssel und die schöne Magelone ritten, es aufnehmen konnte. " (Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor 33. Kapitel, S.406/407)