17 Juli 2017

Kleist: Der Zweikampf

"Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gräfin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte. Freudiger, als während des ganzen Laufs seiner Regierung in die Zukunft blickend, hatte er schon den Park, der hinter seinem Schlosse lag, erreicht: als plötzlich ein Pfeilschuß aus dem Dunkel der Gebüsche hervorbrach, und ihm, dicht unter dem Brustknochen, den Leib durchbohrte. [...]" (H.v.Kleist)

Herr Rau hat mich auf diese mir recht ungeläufige Erzählung Kleists hingewiesen. (sieh Wikipediaartikel) Ich finde den ersten Satz, aber auch die Erzählung selbst, so bemerkenswert, dass ich gern meinerseits darauf hinweise.
Die Handlung ist nicht nur grob unwahrscheinlich, sondern auch von Gewalt und extremen Gefühlen geprägt. Dazu passt der gleichsam gewaltsame Stil mit seinen extrem geschachtelten Perioden. 

15 Juli 2017

Bill Bryson: Notes from a small Island

Bill Bryson (deutsch)

Notes from a small Island (englisch)

Kundenrezensionen (deutsch)

"Bryson also pays homage to the humble self-effacing fortitude of British people under trying times such as the world wars and Great Depression, as well as the various peculiarities of Britain and British English (such as not understanding, on his first arrival, what a counterpane was, and assuming it was something to do with a window. It is a British English word that means quilt.)" (en:Wikipedia)

Bryson über englischen Humor (S.227): Auf einem Bahnhof war totales Chaos, alle Anzeigetafeln waren leer, es kamen Gerüchte auf, aufgrund derer man hin und her hetzte und sich in Züge setzte, die nicht abfuhren.
Unsicher, ob er wieder auf einen dauerhaft geparkten Zug reinfallen könnte, fragte Bryson den einzigen Passagier, den er im Zug entdeckte und der sich durch einen langen roten Bart auszeichnete, 'mit dem man eine Matratze hätte füllen können', "Sind Sie schon lange hier?"
Der Bärtige: "Wie man's nimmt. Als ich einstieg, war ich jedenfalls frisch rasiert."


Wikipedia Commons, Strich von Fontanefan
"If you draw an angled line between Bristol and the Wash, you divide the country into two halves with roughly twenty-seven million people of each side. Between 1980 and 1985 the southern half lost 103,600 jobs. In the northern half in the same period they lost 1,032,000 jobs, alsmost exactly ten times as many. And still factories are shutting. [...] So I ask again: What do all those people in all those houses do - and what, more to the point, will their children do?" (Notes from a small Island, S. 212 Copyright 1995)

Die möglichen Folgen des Brexit sind dabei nicht eingerechnet. Ich möchte die Frage aber "more to the point" zu einer Linie west-östlich durch das Mittelmeer stellen und mich speziell auf den Handel der EU mit Afrika und auf Deutschlands Rolle als Exportweltmeister beziehen: Was werden die Menschen in 20 Jahren in Afrika tun, wenn wir an unserer Politik festhalten?


"Liverpool became the third richest city in the empire. Only Glasgow and London had more millionaires. By 1880 it was generating mor tax revenue than Birmingham, Bristol, Leeds and Sheffield together [...]" (S.239)

"Blackpool [...] attracts more visitors every year than Greece and has more holiday beds than the whole of Portugal." (S.268) "I read somewhere once that half of all visitors to Blackpool have been there at least ten times." (S.269)
"The town went into decline when cheap air travel arrived in the 1960s and the same workers decamped to the Mediterranean coastal resorts due to competitive prices and the more reliable weather.[28] Today Blackpool remains the most popular seaside resort in the UK; however, the town has suffered a serious drop in numbers of visitors which have fallen from 17 million in 1992 to 10 million today.[29] Similarly Pleasure Beach Blackpool was the country's most popular free attraction with 6 million visitors a year but has lost over a million visitors since 1998 and has recently introduced a £5 entrance fee. Today, many visitors stay for the weekend rather than for a week at a time." (Wikipedia zu Blackpool, 2017)

Saltaire (S.207) Coronation Street (S.226) Paul Theroux (S.244) Port Sunlight (S.241)  
Durham (S.294)  Ashington Group (S.296) Edinburgh (S.302)

Mehr zu diesem Buch und Brysons Fortsetzung 20 Jahre später.

14 Juli 2017

Marie von Ebner-Eschenbach

Wikipedia

Werke

Briefwechsel

"Sie folgte offenbar dem von ihr geprägten Aphorismus „Briefe von geliebten Menschen verbrennt man gleich oder nie“ – und entschied sich oft genug für „gleich“. Von den Angehörigen jener Freundinnen, die sie überlebte (und sie überlebte eigentlich alle), pflegte Marie von Ebner-Eschenbach ihre Briefe zurückzuverlangen und auch zu bekommen. Mit Josephine von Knorrs Erben hingegen stand sie nicht auf vertrautem Fuße, und so überdauerte dieser Schatz hundert Jahre hinter den Mauern von Schloss Stiebar.
Knapp achthundert der mehr als tausend Briefe, die die beiden Frauen – nach der Rekonstruktion der Herausgeberinnen – im Laufe ihrer Lebensfreundschaft gewechselt haben, sind erhalten. Der erste Brief, ein Brieflein, datiert von 1851; es geht um eine Verabredung zum Theater. Man kennt einander aus Wien, wo die Familien beider Damen den Winter zubringen, im Sommer weilt die verheiratete Baronin Ebner-Eschenbach, vormals Comtesse Dubsky, vorzugsweise auf dem mährischen Familiensitz Zdislawitz, ihrem Geburtsort, während die zeitlebens ledig gebliebene „Sephine“ Freiin von Knorr nach Gresten geht, ein Treffpunkt von Künstlern, Wissenschaftlern und Schauspielerinnen. „Löwenjägerei“ nennen die Freundinnen die Sammelleidenschaft für prominente Salon-Raubtiere.

Vergebliche Warnung vor freigeistiger Lektüre 
Für Ebner-Eschenbach wirkt die drei Jahre Ältere zunächst als Vorbild, als formsichere Lyrikerin ebenso wie als für eine Aristokratin außergewöhnlich gebildete junge Frau, die ihr Lektüretipps gibt, Dickens und Byron empfiehlt und durchaus Brisantes wie Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“. Die Dichterinnen schicken einander ihre Werke, bitten um strengste Kritik. Unablässig liest, lernt, studiert Marie Ebner, schreibt einen verlorengegangenen Gesellschaftsroman, „Die große Welt“. Sie beneidet „Sephine“ um ihre Bekanntschaft mit der berühmten Betty Paoli, einer „Dichterin vom Wirbel bis zur Zehe“, mit der sie sich später anfreunden sollte. Die Baronesse von Knorr stellt auch den Kontakt zu Grillparzer her, der Marie Ebners Mentor wird." (Briefe verbrennt man gleich oder nie)

Aphorismen
Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und Du bist unsterblich.

Geduld mit der Streitsucht der Einfältigen! Es ist nicht leicht zu begreifen, daß man nicht begreift.

Alt werden, heißt sehend werden.

Der Gescheitere giebt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründet die Weltherrschaft der Dummheit.

Wenn es einen Glauben giebt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.

Ehen werden im Himmel geschlossen, aber daß sie gut gerathen, darauf wird dort nicht gesehen.

Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.

Die Leute, denen man nie widerspricht, sind entweder die, welche man am meisten liebt, oder die, welche man am geringsten achtet.

Die eingebildeten Übel sind die unheilbarsten.

Wir sollen immer verzeihen, dem Reuigen um seinetwillen, dem Reuelosen um unseretwillen.

Wir entschuldigen nichts so leicht als Thorheiten, die uns zuliebe begangen wurden.

Unerreichbare Wünsche werden als »fromme« bezeichnet. Man scheint anzunehmen, daß nur die profanen in Erfüllung gehen.

Sich mit Wenigem begnügen ist schwer, sich mit Vielem begnügen noch schwerer.

Die Bescheidenheit, die zum Bewußtsein kommt, kommt ums Leben.

Man fordre nicht Wahrhaftigkeit von den Frauen, so lange man sie in dem Glauben erzieht, ihr vornehmster Lebenszweck sei – zu gefallen.

An das Gute glauben nur die Wenigen, die es üben. [daher: "Gutmensch"]

Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben.

In jede hohe Freude mischt sich eine Empfindung der Dankbarkeit.  

Nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.

Wenn mein Herz nicht spricht, dann schweigt auch mein Verstand, sagt die Frau. Schweige, Herz, damit der Verstand zu Worte komme, sagt der Mann.

Der Gläubige, der nie gezweifelt hat, wird schwerlich einen Zweifler bekehren.

Eltern verzeihen ihren Kindern die Fehler am schwersten, die sie selbst ihnen anerzogen haben.

Der herbste Tadel läßt sich ertragen, wenn man fühlt, daß Derjenige, der tadelt, lieber loben würde.

Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.

Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: – alle dummen Männer.  

Der alte Satz: Aller Anfang ist schwer, gilt nur für Fertigkeiten. In der Kunst ist nichts schwerer als Beenden und bedeutet zugleich Vollenden.

Eine Vernunftehe schließen, heißt in den meisten Fällen, alle seine Vernunft zusammennehmen, um die wahnsinnigste Handlung zu begehen, die ein Mensch begehen kann.

Wenn Du durchaus nur die Wahl hast zwischen einer Unwahrheit und einer Grobheit, dann wähle die Grobheit; wenn jedoch die Wahl getroffen werden muß zwischen einer Unwahrheit und einer Grausamkeit, dann wähle die Unwahrheit.

Verwöhnte Kinder sind die unglücklichsten; sie lernen schon in jungen Jahren die Leiden der Tyrannen kennen.

Er ist ein guter Mensch! sagen die Leute gedankenlos. Sie wären sparsamer mit diesem Lobe, wenn sie wüßten, daß sie kein höheres zu ertheilen haben.

Du wüßtest gern, was Deine Bekannten von Dir sagen? Höre, wie sie von Leuten sprechen, die mehr werth sind als Du.

Ausnahmen sind nicht immer Bestätigung der alten Regel; sie können auch die Vorboten einer neuen Regel sein.

Die Frau verliert in der Liebe zu einem ausgezeichneten Manne das Bewußtsein ihres eigenen Werthes; der Mann kommt erst recht zum Bewußtsein des seinen durch die Liebe einer edlen Frau.

Der Schwächling ist bereit, sogar seine Tugenden zu verleugnen, wenn sie Anstoß erregen sollten.

Ein wahrer Freund trägt mehr zu unserem Glück bei, als tausend Feinde zu unserem Unglück.

Wohl Jedem, der nur liebt, was er darf, und nur haßt, was er soll.

Wenn man nicht aufhören will, die Menschen zu lieben, muß man nicht aufhören, ihnen Gutes zu thun.

Nicht tödtlich, aber unheilbar, das sind die schlimmsten Krankheiten.

Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.

Soweit die Erde Himmel sein kann, soweit ist sie es in einer glücklichen Ehe.

Der Staat ist am tiefsten gesunken, dessen Regierung schweigend zuhören muß, wenn die offenkundige Schufterei ihr Sittlichkeit predigt.

weitere Aphorismen

Jane Austen

FAZ zu Jane Austen

z.B.:
Emma
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/jane-austens-sidekicks-mrs-elton-15076900.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Pride and Prejudice
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/jane-austens-sidekicks-lady-catherine-de-bourgh-15054243.html

Northanger Abbey
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/jane-austen-isabella-thorpe-aus-northanger-abbey-15089287.html

Mansfield Park

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/jane-austens-sidekicks-mrs-norris-15067963.html

08 Juli 2017

Kinderträume

"[...] Die thematische Verarbeitung dagegen und das Dichten versteht der Traum des Kindes besser. Tausend kleine Dinge und Vorkommnisse des wachen Lebens, die den abgestumpften Erwachsenen gänzlich kalt lassen, die er nicht einmal mehr sieht und, wenn er sie sieht, nicht bemerkt, rühren dem Kinde, weil es noch frisch fühlt und weil ihm die Erdendinge neu sind, bis in die Seele und erzeugen Traumspiegelungen im Schlafe. Ich kann aus meiner Erfahrung berichten, dass mir ein Eisengitter um ein Haus, ein flüchtiger Blick in ein Kellergeschoss in der darauffolgenden Nacht ernste, tiefsinnige Träume verursachten, dass auf grössere Neuigkeiten, zum Beispiel auf den erstmaligen Anblick strömenden Wassers, ein wahrer Traumsturm folgte. Und wie golden schon die Landschaftsbilder in den Träumen des Erwachsenen leuchten mögen, die Landschaften, die der Traum des Kindes malt, sind noch viel seliger und süßer. Die Träume meiner zwei ersten Lebensjahre sind meine schönste Bildersammlung und mein liebstes Poesiebuch. [...]"
(Carl Spitteler: Die Träume des Kindes)

26 Juni 2017

Lichtenberg: Aphorismen

Ich habe das Register der Krankheiten durchgegangen und habe die Sorgen und die traurigen Vorstellungen nicht darunter gefunden, das ist doch falsch. 
Ich sagte bei mir selbst: das kann ich unmöglich glauben, und während dem Sagen merkte ich, daß ich's schon zum zweiten Male geglaubt hatte. 
Wer sagt, er hasse alle Arten von Schmeicheleien, und es im Ernst sagt, der hat gewiß noch nicht alle Arten kennen gelernt, teils der Materie, teils der Form nach. Leute von Verstand hassen allerdings die gewöhnliche Schmeichelei, weil sie sich notwendig durch die Leichtgläubigkeit erniedrigt finden müssen, die ihnen der schmeichelnde Tropf zutraut. Sie hassen also die gewöhnliche Schmeichelei bloß deswegen, weil sie für sie keine ist. Ich glaube nach meiner Erfahrung schlechterdings an keinen großen Unterschied unter den Menschen. Es ist alles bloß Übersetzung. Ein jeder hat seine eigene Münze, mit der er bezahlt sein will. 
Die Kunst, sich zu verbergen, oder der Widerwille, sich geistig oder moralisch nackend sehen zu lassen, geht bis zum Erstaunen weit. 
Wie es denn wirklich an dem ist, daß Philosophie, wenn sie für den Menschen etwas mehr sein soll, als eine Sammlung von Materien zum Disputieren, nur indirekte gelehrt werden kann.
Es gibt wohl keinen Menschen in der Welt, der nicht, wenn er um tausend Taler willen zum Spitzbuben wird, lieber um das halbe Geld ein ehrlicher Mann geblieben wäre. [...]
Man kann nicht leicht über zu vielerlei denken, aber man kann über zu vielerlei lesen. Über je mehr Gegenstände ich denke, d. h. sie mit meinen Erfahrungen und meinem Gedankensystem in Verbindung zu bringen suche, desto mehr Kraft gewinne ich. Mit dem Lesen ist es umgekehrt: ich breite mich aus, ohne mich zu stärken. Merke ich bei meinem Denken Lücken, die ich nicht ausfüllen, und Schwierigkeiten, die ich nicht überwinden kann, so muß ich nachschlagen und lesen. Entweder dieses ist das Mittel, ein brauchbarer Mann zu werden, oder es gibt gar keines. 
Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht, ist, beständig zu sagen, was der größte Teil der Menschen denkt oder fühlt, ohne es zu wissen. Der mittelmäßige Schriftsteller sagt nur, was jeder würde gesagt haben. Hierin besteht ein großer Vorteil zumal der dramatischen und Romanendichter. 
Die Dichter sind vielleicht eben nie die weisesten unter den Menschen gewesen; allein es ist mehr als wahrscheinlich, daß sie uns das beste ihres Umgangs und ihrer Gesellschaft liefern. Da Horaz uns so viel Vortreffliches hinterlassen hat, so denke ich immer, wie viel Vortreffliches mag nicht in den Gesellschaften gesprochen worden sein; denn schwerlich haben die Wahrheiten den Dichtern mehr als das Kleid zu danken. 
Zur Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vortrefflich; und jeder, der je geschrieben hat, wird gefunden haben, daß Schreiben immer etwas erweckt, was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag. 

Ein alter Weiser hat schon gesagt, aus jedem Manne läßt sich ein Kastrat machen, aber aus keinem Kastraten ein Mann. 

Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche? 

Wenn die Menschen plötzlich tugendhaft würden, so müßten viele Tausende verhungern. 

Wenn Heiraten Frieden stiften können, so sollte man den Großen die Vielweiberei erlauben. 

Es kann nicht alles ganz richtig sein in der Welt, weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen. 

Aber was für eiteles, elendes Stückwerk ist nicht gleich unsere
Wetterweisheit? Und nun gar unsere prophetische Kunst! Trotz den Bänden meteorologischer Beobachtungen ganzer Akademien ist es noch immer so schwer vorher zu sagen, ob übermorgen die Sonne scheinen wird, als es vor einigen Jahrhunderten gewesen sein muß, den Glanz des Hohenzollerischen Hauses voraus zu sehen. 


Es ist eine kurrente Wahrheit: daß es wenig böse Taten gibt, die nicht aus Leidenschaften verübt worden wären, die, bei einem andern System von Umständen, der Grund großer und lobenswürdiger hätten werden können. So abgeschmackt freilich eine solche Entschuldigung nach vollbrachter Übeltat wäre, so sehr verdient sie bei dem noch unbescholtenen oder wenigstens unbekannten Mann erwogen zu werden, der eine Voraussetzung von meiner Vernunft von Gott und Rechts wegen fordern kann, die jener meiner Menschenliebe abbettelte. Ich glaube, wenn wir den Menschen genau kennten, so würden wir finden, daß die Auflösung selten unmöglich werden würde, und daß, wenn wir diejenigen meiden wollten, die unter einem gewissen System von Umständen gefährlich werden können, wir neunundneunzig in hundert meiden müßten.
Gewiß hat die Zollfreiheit unserer Gedanken und der geheimsten Regungen unseres Herzens bei uns nie auf schwächern Füßen gestanden als jetzt, wenn man aus der Emsigkeit, der Menge und dem Mut der Helden und Heldinnen, die sich wider sie auflehnen, auf ihren baldigen Umsturz schließen darf. Man dringt von allen Seiten auf die zukommlichsten Werke ihrer Befestigung, und wo man sonst geheimen Vorrat vermutet, mit einer Hitze ein, die mehr einem gotisch-vandalischen Sturm als einer überdachten Belagerung ähnlich sieht, und viele behaupten, eine förmliche Übergabe könne schlechterdings nicht mehr weit sein. Es gibt aber auch eine Menge sanguinischer Menschen, die dafür halten, die Seele liege über ihrem geheimsten Schatz noch jetzt so unzukommlich sicher, als vor Jahrtausenden, und lächle über die anwachsenden babylonischen Werke ihrer stolzen Stürmer, überzeugt, daß sich, lange vor ihrer Vollendung, die Sprachen der Arbeiter verwirren, und Meister und Gesellen auseinandergehen werden.
Über das Reisen
Ein anderer übler Umstand sind die leider nur allzuguten Gesellschaften in den bequemen Postkutschen in England, die immer voll schöner, wohlgekleideter Frauenzimmer stecken, und wo, welches das Parlament nicht leiden sollte, die Passagiere so sitzen, daß sie einander ansehen müssen; wodurch nicht allein eine höchst gefährliche Verwirrung der Augen, sondern zuweilen eine höchst schändliche zum Lächeln von beiden Seiten reizende Verwirrung der Beine, und daraus endlich eine oft nicht mehr aufzulösende Verwirrung der Seelen und Gedanken entstanden ist; so daß mancher ehrliche junge Mensch, der von London nach Oxford reisen wollte, statt dessen zum Teufel gereist ist. So etwas ist nun, dem Himmel sei Dank, auf unsern Postwagen nicht möglich. Denn erstlich können artige Frauenzimmer sich unmöglich auf einen solchen Wagen setzen, wenn sie sich nicht in der Jugend etwas im Zaunbeklettern, Elsternesterstechen, Apfelabnehmen und Nüsseprügeln umgesehen haben; denn der Schwung über die Seitenleiter erfordert eine besondere Gewandtheit, und wenige Frauenzimmer können ihn tun, ohne den untenstehenden Wagenmeister und die Stallknechte zum Lachen zu bringen. Für das zweite, so sitzt man, wenn man endlich sitzt, so, daß man sich nicht in das Gesicht sieht, und in dieser Stellung können, was man auch sonst dagegen sagen mag, wenigstens Intriguen nicht gut angefangen werden. Die Erzählung verliert ihre ganze Würze, und man kann höchstens nur verstehen, was man sagt, aber nicht was man sagen will. [...]
Wie Bedienstete schreiben
Im Schreiben sind die meisten wirklich unnachahmlich: Mein geehrtestes vom 15. dieses. Ich verbleibe Dero Hochedelgeborne Dienerin. Da sehen wir uns mündlich. Wenn Sie jetzt keine Zeit haben, so sehen wir uns im Dunkeln am Fenster. Eine schrieb: Ich weiß wohl, es kömmt alles daher, weil ich einmal den Willen des Herrn nicht tun wollen. (Sie meinte, dem Herrn vom Hause nicht zu Willen sein.) Es ist schade, daß man dergleichen Briefe so selten zu sehen bekommt, sie haben wirklich meistens etwas Auszeichnendes, und unterscheiden sich von Briefen gleich unstudierter Mannspersonen sehr. Man sollte glauben, ein besonderer Genius wache selbst über ihre Schreibfehler: Die kleine Fröhlen ist ganz von den Pocken verschönt worden (verschändet); statt Kniee schreiben die meisten Keine, doch weiß ich auch, daß eine Dame ein Keinstück statt Kniestück schrieb. In einer gewissen großen Stadt (vermutlich in mehren) sollen sie sogar gelehrte Briefwechsel führen, und ein paar solcher Briefe sind mir versprochen. Auch sollen sie da mitunter keinen Teufel mehr glauben, nämlich solange sie gesund sind, und das Licht brennt, und es nicht donnert. Wie sehr wohl und leicht sich Eine bei ihrer Atheisterei befunden haben muß, kann man aus einem Briefe an ihre Freundin sehen, worin sie ausdrücklich sagte: sie dankte Gott alle Morgen auf den Knien (vermutlich auf den Keinen) dafür, daß er sie zur Atheistin habe werden lassen. Die Postskripte zu ihren philosophischen Briefen handeln von Bändern, Spitzen, Schuhen etc. 

Hier verlinke ich einen Artikel, in dem ich diesen Artikel verlinkt habe.  Dort habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass unter diesen Aphorismen Lichtenbergs ein bekannter nicht vorkommt. Dieser bekannte ist nicht: "Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht."

Egon Friedell über Lichtenberg und Lessing

»Könnte ich das alles«, sagt Lichtenberg, »was ich zusammengedacht habe, so sagen, wie es mir ist, nicht getrennt, so würde es gewiß den Beifall der Welt erhalten. Wenn ich doch Kanäle in meinem Kopfe ziehen könnte, um den inländischen Handel zwischen meinem Gedankenvorrate zu befördern!« Aber das konnte er nicht, er konnte alles nur so sagen, »wie es ihm war«, er konnte eben darum Getrenntes nicht ungetrennt empfinden und nicht künstliche Kanäle zwischen Gedanken herstellen, die nicht von Natur aus verbunden waren; er konnte die Dinge nur so denken, wie sie in seinem Kopfe lagen. Zum Systematiker war er zu ehrlich. Jene Arbeit des Zurechtmachens und Verschleifens, die jeder Systembildung zugrunde liegt, verstand er nicht. Die zähe Energie, mit der Kant auf der Grundmauer seiner neuen seelenwissenschaftlichen Entdeckungen ein weithinragendes Systemgebäude aufrichtete, ist schon allein als geistige Kraftleistung anzustaunen, aber es steckt darin doch auch viel Entsagung, ein Verzicht auf die völlige Freiheit des Denkens: freilich ein heroischer Verzicht, den wir wiederum bewundern müssen. Aus denselben Gründen, aus denen Kant ein System schuf, ja schaffen mußte, war es für Lichtenberg unmöglich, seine philosophischen Erkenntnisse zu einer einheitlichen Gesamtkonstruktion zu ordnen. Denn er war ein völliger Impressionist, auch im Philosophischen. Für den Impressionisten aber gibt es nur eine Wahrheit: die des Augenblicks, und gerade unsere Zeit wird am wenigsten geneigt sein, diese Methode des Denkens unwissenschaftlich zu finden. Es liegt aber wiederum gerade in dieser besonderen Struktur seines Geistes, daß Lichtenberg imstande war, den Idealismus vollkommener zuendezudenken, als selbst Kant dies vermochte. »Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, sobald man es durch ich denke übersetzt.« Hier ist der Phänomenalismus bis an seine äußerste Grenze gedacht. Denker von einer so durchdringenden Schärfe und Konzessionslosigkeit sind immer der Mystik verwandt, weil sie Skeptiker sind. Der absolute Positivist ist ebensosehr der Gegenpol des wahren Denkers wie der abenteuernde Phantast. [...]
Richtete sich Lessings literarische Aktion mehr nach außen, so ging Lichtenbergs Polemik mehr nach innen. Beide haben gekämpft, der eine draußen im Leben und im Getümmel der Meinungen, der andere in der Stille und Einkehr, jener mit der Welt und ihren Vorurteilen, dieser mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken. Darum sollte man beide immer zusammen nennen. Sie bilden vereinigt die wahre geistige Signatur der deutschen »Aufklärung«, die in diesen beiden Männern eine wirkliche Aufklärung gewesen ist. [...]
Aber man kann nicht sagen, daß Lessings Name Lichtenberg verdunkelt hat, denn das deutsche Publikum weiß ja auch von Lessing nichts. (Egon Friedell)