Sunday, December 6, 2009

Die sachliche Schule

Mr. Gradgrind schwebte von der Schule hochzufrieden nach Hause. Es war seine Schule, und er hatte sie zu einem Muster bestimmt. Er wollte aus jedem Kinde darin ein Muster machen - ganz wie die jungen Gradgrinds sämtlich Muster waren.

Es gab fünf junge Gradgrinds und jedes von ihnen war ein Muster. Sie waren von ihrem zartesten Alter an gehofmeistert worden: gehetzt wie junge Hasen. Beinahe seit sie allein laufen konnten, wurden sie angehalten, in die Schule zu laufen. Der erste Gegenstand, mit dem sie in Berührung kamen, oder von dem sie eine Erinnerung hegten, war eine große schwarze Tafel, woran ein garstiger Oger schreckliche weiße Figuren mit Kreide malte.

Nicht daß sie etwas von der Natur oder dem Namen Oger wußten. Bewahre die Tatsächlichkeit! Ich bediene mich nur des Ausdrucks, um ein Ungeheuer in einem pädagogischen Kastell zu bezeichnen, das mit einem, der Himmel weiß aus wie vielen Köpfen bestehenden Haupt die Jugend gefangennahm und sie bei den Haaren in die düsteren statistischen Höhlen schleppte.

Kein Junges von den Gradgrinds hat je ein Gesicht im Monde gesehen. Es war schon oben im Mond, ehe es noch deutlich sprechen konnte. Kein Junges von den Gradgrinds hat je das einfältige Reimgeklingel gelernt: O schimmre, schimmre kleiner Stern. Was du denn bist, wie wüßt' ich's gern! es hat nie Bewunderung für diesen Gegenstand gehegt, da es schon mit fünf Jahren den großen Bären wie ein Professor Owen zergliedern und den Charles Wain wie ein Lokomotivführer treiben konnte. Kein Junges von Gradgrinds hat je eine Kuh auf dem Felde mit jener berühmten Kuh mit dem krummen Horn in Verbindung gebracht, die den Hund emporschleuderte, der die Katze erwürgte, die die Ratte tötete, die das Malz fraß, oder mit der noch berühmteren Kuh, die Tom Thumb verschlang. Es hatte nie von jenen Berühmtheiten vernommen und wurde mit der Kuh nur bekannt, als mit einem grasfressenden, wiederkäuenden, vierfüßigen Tier, das diverse Magen hatte.

Nein, unsere heutige Schule ist anders, und heutige Kinder dürfen spielen mit Gameboy, Handy, Play-station, aber doch bitte nicht in Pfützen oder auf Baugrundstücken. Schließlich schafft das keine Arbeitsplätze.
Dickens kannte noch nicht das Problem mit den Arbeitsplätzen, weil die Gemeinden jedem, der unverschuldet in Not geraten war, im Arbeitshaus Arbeit übergenug verschafften und Waisenkindern zumal. "Hard Times"

MR. GRADGRIND walked homeward from the school, in a state of considerable satisfaction. It was his school, and he intended it to be a model. He intended every child in it to be a model - just as the young Gradgrinds were all models.

There were five young Gradgrinds, and they were models every one. They had been lectured at, from their tenderest years; coursed, like little hares. Almost as soon as they could run alone, they had been made to run to the lecture-room. The first object with which they had an association, or of which they had a remembrance, was a large black board with a dry Ogre chalking ghastly white figures on it.

Not that they knew, by name or nature, anything about an Ogre Fact forbid! I only use the word to express a monster in a lecturing castle, with Heaven knows how many heads manipulated into one, taking childhood captive, and dragging it into gloomy statistical dens by the hair.

No little Gradgrind had ever seen a face in the moon; it was up in the moon before it could speak distinctly. No little Gradgrind had ever learnt the silly jingle, Twinkle, twinkle, little star; how I wonder what you are! No little Gradgrind had ever known wonder on the subject, each little Gradgrind having at five years old dissected the Great Bear like a Professor Owen, and driven Charles’s Wain like a locomotive engine-driver. No little Gradgrind had ever associated a cow in a field with that famous cow with the crumpled horn who tossed the dog who worried the cat who killed the rat who ate the malt, or with that yet more famous cow who swallowed Tom Thumb: it had never heard of those celebrities, and had only been introduced to a cow as a graminivorous ruminating quadruped with several stomachs.

Friday, October 23, 2009

Karl May kritisiert Nietzsches Sprache

Können Sie Jemanden bewundern, der es fertig bringt, zu schreiben: „Die Naturwissenschaft der Tiere bietet ein- Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen“? Statt „Naturwissenschaft der Tiere“ müßte es doch wohl zumindest „Naturwissenschaft von den Tieren“ heißen ; aber selbst so : wo lebt der Mensch, dem dafür nicht „Zoologie“ einfiele ? Dann weiter ; sie „bietet ein Mittel“ ? : er meint wohl : „sie bietet Material dar“? Auf gut Deutsch jedenfalls hieße Nietzsches Schwulst: „ Die Zoologie könnte vielleicht Beweismaterial liefern“ — und das ist Einer, der von sich rühmt, „an einer Seite Prosa zu arbeiten, wie an einer Bildsäule? !

Arno Schmidt, von dem ich die Stelle habe, fährt fort:
Und die — mit vollem Recht gerügte — Stelle ist unleugbar von Nietzsche : der Aphorismus 377 aus „Menschliches, Allzumenschliches“! (A. Schmidt: Der sanfte Unmensch, 1958, S.64)

Arno Schmidt kritisiert Stifter

"Sie hatte 2 große schwarze Augen" - bong; soll se - "unter der Stirn" ergänzt Stifter bauernschlau. (s.u. S.93)

A: [...] ein Evangelium gepflegten Stumpfsinns.

B.: Alle Gestalten im 'Nachsommer', von der ersten bis zur letzten, sind hinsichtlich Realität nur selektiv unterrichtet. Kein Konflikt der Generationen. Man bewegt sich zeitlupig ; denn: "Leidenschaft ist unsittlich", wie Stifter in unbegreiflicher Geistesverengung dekretiert, und sich damit selbst dichterisch entmannt hat. Der Würgengel vermeinter Sittsamkeit garantiert die stereotypste Starre und Kälte: im ganzen Buch lacht nicht ein Mensch!
A.: Ein Kabinettstück in seiner Art der chemisch gereinigte Liebeshandel Heinrichs und Nataliens: noch frostiger und pomadiger kann man sich nicht gerieren.


(Arno Schmidt in: Der sanfte Unmensch, 1958, S.85)

Tuesday, October 13, 2009

Drei kleine Mädchen

Eine ungeheuer überzeugende Schilderung von Kindheitsglück. Es hat 50 Jahre gedauert, bis ich den Untertitel "Erzählung" in dem Sinne ernst genommen habe, dass ich jetzt für möglich halte, dass die Darstellung nicht auf konkreten Kindheitserlebnissen, die stilisiert wurden, zu beruhen braucht, sondern dass die Kinderwelt erfunden sein könnte.
Die Welt der kleinen Sacha, der sicheren, strahlenden Lulu und der immer wieder von Ängsten geplagten ältesten Schwester Edele, die aber die Gabe der Phantasie hat und damit auch Macht über die Königin dieser Kinderwelt, Lulu. Diese Welt ist in ihrem Behütetsein, den kindlichen Ängsten und der von heute aus fast unfassbaren Wohlerzogenheit sehr dicht geschildert.
"Grenzenlos unerzogen" fühlen sich die drei Schwestern, als sie drei ungeliebte Puppen "Keile, Schwindla und Feixa" nennen (mit drei höchst verbotenen Wörtern), aber "sie genossen es".
Wie weit ist heute für Kinder dies Gefühl der Grenzüberschreitung möglich, ohne dass wirklich gefährliche Grenzen überschritten werden? Ist es ein Segen, wenn ein solches Gefühl kaum noch aufkommt?

Sehr kindgemäß die Unterscheidung der elterlichen Verbote. Das Herumspringen auf Stühlen war verboten, aber keine "Sünde". Sünde war es, sich so zu verstecken, dass das Kindermädchen Angst um einen bekam. Nur verboten war es, hinter dem Rücken des Kindermädchens die Zunge herauszustrecken. Sünde war dasselbe beim Schornsteinfeger, "denn er war taub".
Aber schlimmer noch als solche Sünde, wäre es gewesen, - unschuldige - Geheimnisse der Kinderwelt Erwachsenen zu verraten. Denn diese Kinderwelt hatte ihre eigenen Gesetze mit einer - bei aller Angst - eigenen Art von Geborgenheit.

Sunday, October 11, 2009

Herta Müller

Ich hatte ein wenig von Herta Müller gelesen, ein wenig über sie gelesen. Der Nobelpreis kam als große Überraschung, dann dachte ich an Jelinek. Man wusste noch nichts vom Friedensnobelpreis für Obama.

Den Eindruck etwas vertiefen?
Da ist ihre Erfahrung mit der Securitate
Die Atemschaukel (Ausschnitte zum Lesen) (Hinweis auf Besprechungen)
"Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt"
Heimat ist das, was gesprochen wird, ihre Abiturrede im Jahr 2001.

Eine sehr sympathische Autorin. Leider habe ich nicht oft genug die Energie, mich ihren Darstellungen auszusetzen. Mag sein, es gelingt mir nicht genug, was mir bei Johnson und Stifter gelingt, mich an der Sprache zu erfreuen, wo das Ausgesagte gerade nicht weiterträgt.

Tuesday, September 29, 2009

Garibaldi

Sie lässt den Mönch im Collosseum sprechen, den Tod die Feier der Anführer der Schlacht von Velletri belauschen, beobachtet am französischen Gedandten in Rom jene 'kindlich vornehme Sinnesart', "die nur gerade und ungerade Wege kennt und für welche die letzteren nicht einmal in Betracht kommen". Sie schreibt als Neo-Romantikerin mehr als als Historikerin, Ricarda Huch, in ihrem historischen Roman über den italienischen Freiheitskämpfer.
Mazzini lässt sie vom "Schmelz von den Flügeln meiner Freude" sprechen.

Was mir den Text zum historischen Roman macht, braucht nicht zu heißen, dass sie dafür nicht grundlegende Forschung betrieben hat. Im Ricarda-Huch -Artikel von Wikipedia heißt es dazu: "In dieser Zeit erarbeitete sie als erste die Geschichte der italienischen Einigung „Risorgimento“ unter der Führung von Giuseppe Garibaldi. Weil sie sich mit dieser Forschung Verdienste um Italien erworben hatte, wurde sie von den italienischen Faschisten geschätzt, weshalb sie im nationalsozialistischen Deutschland nicht verfolgt wurde."

Sunday, September 27, 2009

Owen Tudor

Owen Tudor, die sagen- und märchenhafte Erzählung des Romantikers Achim von Arnim, handelt von Owen Tudor dem Stammvater des englischen Königshauses Tudor. Sie ist in eine Rahmenerzählung eigebettet, die von einer Postkutschenfahhrt berichtet, auf der eine unbekannte Waliserin ihre Reisegefährten mit der Sage von Owen Tudor unterhält.

Owen Tudor wird in jungen Jahren an den französischen Hof bestellt, wo er der eigenwilligen Prinzessin Katharina (historisch: Catherine de Valois (1401–1437)) als Page zu dienen hat. Einerseits schlägt sie ihn, andererseits kann sie nicht aufhören, ausgiebig mit ihm zu tanzen. Als Katharina den englischen König Heinrich V. heiraten soll, nimmt sie beim Abschied Owen den Schwur lebenslanger Treue ab. Als Heinrich relativ bald darauf stirbt, trifft sie wieder auf Owen, als sie Heilung bei einer Wallfahrtsstätte des heiligen Benno sucht. Die Legende besagt, dass, wer in dem heiligen Teich statt seines Spiegelbildes das des Heiligen sehe, geheilt werde. An dieser Wallfahrtsstätte führt inzwischen Owen den frommen Betrag des vorigen Einsiedlers fort, der dort tauchend das Gesicht des Heiligen darstellte. Er entdeckt sich seiner früheren Herrin, und diese erreicht durch allerlei Täuschungen ihres Hofes, dass sie ihn heimlich als den Vertreter eines alten Adelsgeschlechtes heiraten kann.

In der Rahmenhandlung stellt sich die erzählende Waliserin als Betrügerin heraus, die im Auftrag einer hohen Adligen deren uneheliches Kind als ihr eigenes ausgibt, um deren Ruf zu retten. Sie gewinnt die Unterstützung der Mitreisenden, die den sie verfolgenden Konstabel in einem Tanzgottesdienst der Jumpers, einer methodistischen Sekte festhalten, bis die Waliserin mit ihrem Geliebten einen sicheren Vorsprung gewonnen hat.

Haupt- und Rahmenhandlung sind durch das Motiv des Tanzes verbunden. Erlebt Owen, der begnadete Tänzer, als junger Page zunächst die Tanzwut seiner Herrin als lästig, kann er sie später als Zeichen ihrer Zuneigung deuten. In der Rahmenhandlung will der Presbyterianer aus der Reisegruppe zunächst die Jumpers als gefährliche Sekte verfolgen und alle ihre Mitglieder hinrichten lassen, doch dann hält er den Konstabel im Gottesdienst der Jumpers fest, indem er ihn in das wilde Springen der Gottesdienstbesucher hineinzieht.
Ein weiteres verbbindendes Motiv sind die verkleideten Personen, die zunächst unerkannt den Lebensweg Owens lenken, und die verkleidete Waliserin, die ihre Mitreisenden zu ihren Helferinnen macht. Das Motiv der unerkannten Lebenslenker tritt in der Romantik häufiger auf, seine wohl bekannteste Ausformung hat es in der deutschen Literatur aber als Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahre erhalten.
Die Erzählung vom Stammvater des englischen Königsgeschlechtes erscheint mehrfach ironisch gebrochen. Zum einen verpflichtet die Herrin ihren Pagen genau in dem Augenblick zur Treue, wo sie selbst die Ehe mit einem ungeliebten Mann eingeht. Zum anderen gewinnt Owen sie zur Frau, weil er den Eremiten spielt, als solcher die Pilger ständig betrügt und seine geistliche Würde benutzt das Gefolge der Königin zum Narren zu halten. Schließlich wird diese Erzählung von der endlich erfüllten Lebensliebe von einer Frau vorgetragen, die eine außereheliche Beziehung deckt.
So wird nicht nur die Heiligenlegende von Benno ironisiert, sondern auch die der treuen Liebe Owen Tudors. Schließlich ist eine der Lebensregeln, die dem jungen Owen auf den Weg gegeben wird, sich nicht zu schämen. Der wird er gerecht, indem er sich nicht schämt, Pilger zu betrügen und die Königin aus dem Kreis ihrer Höflinge zu entführen.
Die Rahmenerzählung hat einige Ähnlichkeit mit der des weit bekannteren Wirtshaus im Spessart von Wilhelm Hauff, steht aber selbstverständlich in einer weit längeren Tradition, in der Giovanni Boccaccio eine wichtige Rolle gespielt hat.