16 März 2019

Versuch mit Mosebach

Martin Mosebach: "Der Mond und das Mädchen" *

"Etwas Luftiges Leichtes" die Ankündigung durch Ijoma Mangold. 
Ein halbes schönes Frauengesicht auf dem Cover. Gekonnte Sprache, Beschreibung, aber weder Inhalt noch Stil. 

Neuer Blick auf das Cover: "Spiegel Bestseller". Wie das? Stifter erschreckt wenigstens bei aller Langeweile durch Stil. Aber hier? Welcher Spiegelleser mag so etwas lesen? [Erklärung: Büchner-Preis]

"Etwas Luftiges Leichtes" - wie war das doch? Fontane sprach vom englischen "Luftbrot" im Unterschied zu handfesten deutschen Schrippen. 
Dann doch lieber Raabe "Chronik der Sperlingsgasse", auch wenn der geschwätzige Erzähler-Greis des 25-jährigen Raabe auch viele Wörter macht. 
Also: nicht konservativ, sondern Epigon der Epigonen des 19. Jh. ist mein Eindruck nach den ersten Seiten.
Jetzt ein neuer Versuch ab S.76:
Das ist nicht trivial, das ist sprachlich gekonnte Inhaltsleere.
Bisher gibt es keine Person, nur flache Charaktere.

Doch hier: Ein originelles Bild habe ich gefunden. In dem dicken halslosen Mann Sieger stellt sich Ina seine Seele vor:
"Sie stellte sich vor, dass in seinem Leib eine kleine hochbewegliche Seele wie ein Flaschenteufelchen eingesperrt war, die zwischen seinen Füßen und dem Kopf auf sanftesten Druck hin auf- und abtanzte." (S.149/50)

Vielleicht habe ich mit einem anderen Buch Mosebachs mehr Glück. 

* Lesern, die sich durch meine verständnislose Lektüre nicht abschrecken lassen wollen, empfehle ich diesen sorgfältigen Wikipediaartikel. 

14 März 2019

Christoph Hein: Gegenlauschangriff

Eine Besprechung, der es gelingt, den Untertitel "Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege" unbeachtet zu lassen:
https://www.mdr.de/kultur/gegenlauschangriff-christoph-hein-100.html

Eine Besprechung, die die Anekdoten aus diesem Kriege übergeht, um einen Angriff gegen den Autor fahren zu können:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/christoph-hein-greift-donnersmarck-an-16012665.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Verharmlost der Schriftsteller Christoph Hein die DDR? ZEIT 31.1.19

Eine Leseprobe aus dem Buch
Auch hier nichts über den Gegensatz zwischen alten und neuen Bundesländern.



Eine Besprechung von Heins "Verwirrnis", wo seine Position noch besser zur Geltung kommt.

Christoph Hein in der Wikipedia

Tweets zu Christoph Hein

Hein im Interview über "Gegenlauschangriff" FR 12.3.2019, S. 32/33

10 März 2019

Ein Volksfest mit Stau an einer Engstelle, aber ohne Tote wie in Duisburg

"[...] Eine wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von Fußtritten, Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt. Der Unterschied der Stände ist verschwunden, Bürger und Soldat teilt die Bewegung. An den Toren der Stadt wächst der Drang. Genommen, verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkämpft. Aber die Donaubrücke bietet neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich, ziehen endlich zwei Ströme, die alte Donau und die geschwollnere Woge des Volks, sich kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem alten Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Brücke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender Überschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fände die Zeichen bedenklich. Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust.
Schon zwischen Stadt und Brücke haben sich Korbwagen aufgestellt für die eigentlichen Hierophanten dieses Weihfestes: die Kinder der Dienstbarkeit und der Arbeit. Überfüllt und dennoch im Galopp durchfliegen sie die Menschenmasse, die sich hart vor ihnen öffnet und hinter ihnen schließt, unbesorgt und unverletzt. Denn es ist in Wien ein stillschweigender Bund zwischen Wagen und Menschen: nicht zu überfahren, selbst im vollen Lauf; und nicht überfahren werden, auch ohne alle Aufmerksamkeit.
Von Sekunde zu Sekunde wird der Abstand zwischen Wagen und Wagen kleiner. Schon mischen sich einzelne Equipagen der Vornehmeren in den oft unterbrochenen Zug. Die Wagen fliegen nicht mehr. Bis endlich fünf bis sechs Stunden vor Nacht die einzelnen Pferde- und Kutschen-Atome sich zu einer kompakten Reihe verdichten, die sich selber hemmend und durch Zufahrende aus allen Quergassen gehemmt, das alte Sprichwort: »Besser schlecht gefahren, als zu Fuß gegangen«, offenbar zuschanden macht. Begafft, bedauert, bespottet, sitzen die geputzten Damen in den scheinbar stille stehenden Kutschen. Des immerwährenden Anhaltens ungewohnt, bäumt sich der Holsteiner Rappe, als wollte er seinen, durch den ihm vorgehenden Korbwagen gehemmten Weg obenhin über diesen hinaus nehmen, was auch die schreiende Weiber- und Kinderbevölkerung des Plebejer-Fuhrwerks offenbar zu befürchten scheint. Der schnell dahinschießende Fiaker, zum ersten Male seiner Natur ungetreu, berechnet ingrimmig den Verlust, auf einem Wege drei Stunden zubringen zu müssen, den er sonst in fünf Minuten durchflog. Zank, Geschrei, wechselseitige Ehrenangriffe der Kutscher, mitunter ein Peitschenhieb.
Endlich, wie wenn in dieser Welt jedes noch so hartnäckige Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrücken ist, erscheint auch diesem status quo ein Hoffnungsstrahl. Die ersten Bäume des Augartens und der Brigittenau werden sichtbar. Land! Land! Land! Alle Leiden sind vergessen. Die zu Wagen Gekommenen steigen aus und mischen sich unter die Fußgänger, Töne entfernter Tanzmusik schallen herüber, vom Jubel der neu Ankommenden beantwortet. [...]"
(Franz Grillparzer: Der arme Spielmann, Zeno, S.145/46)

Inhalt u.a. (Wikipedia)


Loveparade in Duisburg 2010

09 März 2019

Wilhelm Raabe: Holunderblüte

Text
Wikipediaartikel:
"[...] Den Kern der Erzählung bildet Jemimas Erzählung von der Tänzerin Mahalath, die auf dem jüdischen Friedhof in Prag begraben liegt. Jemima leitet die Kerngeschichte durch den Ausruf „Das bin ich“ ein, wobei sie auf das Grab deutet. Die tragische Geschichte über eine Jüdin folgt, die sich unglücklich in einen jungen Adligen verliebte und an einem kranken Herzen starb. Ein ebenso krankes Herz besitzt Jemima selbst, und sie weiß, dass sie – wie zuvor Mahalath – daran sterben wird.
Damit ist die Grundproblematik der Novelle dargelegt: In allen drei Figurenpaaren geht es um ein krankes Herz und um eine gesellschaftlich nicht legitimierbare (Liebes-)Beziehung. Der Tod der Frauen lässt die Männer mit dem Gefühl der Schuld zurück.[...]"

"Wenn aber Raabe vorgeworfen wurde, er habe im Hungerpastor ein einseitiges Bild des Judentums entworfen, konnte er seelenruhig erwidern, er habe das alte ehrwürdige Judentum, besonders im leidenden Getto, immer mit schuldigem Respekt behandelt: in Höxter und Corvey wie in Holunderblüte." (Walter Haußmann: Nachwort zu "Das letzte Recht - Holunderblüte" Reclam 8485, Stuttgart 1961, S.96)

Zitate:
"Doch das hat eigentlich nichts mit diesen Aufzeichnungen zu tun; ich will nur an einem neuen Beispiele zeigen, welch ein wunderliches Ding die menschliche Seele ist. Nicht ohne guten Grund überschreibe ich dieses Blatt: Holunderblüte; der Leser wird bald erfahren, was für einen Einfluß Syringa vulgaris auf mich hat." (Text)

Vom heutigen Sprachgebrauch ausgehend wird man verwirrt, wenn man von den weißen und blauen Blüten des Holunders liest, bis man bemerkt, dass für Raabe Holunder gleichbedeutend mit Flieder (Syringa vulgaris) ist.

Das Lied, das der alte Mann  auf dem Klavier vorfindet und das eine Vorausdeutung auf die zentrale Handlung darstellt:

"Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
Mit Trümmern überstreuet sie das Land,
Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören."


Wie Jemima Löw am Beispiel von Mahalath auf ihr eigenes Schicksal in der Zentralhandlung vorausdeutet:
"Jemima Löw las den Shakespeare nicht, hatte auch in ihrem Leben nichts von dem Mann gehört, und sie verstand aus meinen verworrenen Reden über diesen Punkt nur, daß ich sie mit allerlei christlichen und heidnischen Frauen vergleiche, und lächelte ungläubig, und eines Tages, um die Mitte des Herbstes, als die ersten winterlichen Ahnungen durch die Welt gingen, als die Blätter des Flieders nicht weniger wie alle andern Blätter sich bunt färbten, – eines Tages um die Mitte des Herbstes faßte sie meine Hand und zog mich durch einen düstern Gang nach der Mauer des Kirchhofs zu einem Grabstein, den wir bis jetzt noch nicht betrachtet hatten.
Auf diesen Stein deutete sie und sprach:
»Das bin ich!«
In hebräischer Schrift stand auf dieser Platte:
Mahalath
Und darunter die Jahreszahl:
1780.
Wie kam es, daß ich so sehr erschrak? War es nicht Torheit, daß ich so erstarrt, wortlos das Mädchen neben mir ansah?
Ja, es lachte nicht, es freute sich nicht eines gelungenen närrischen Einfalls. Ernst und traurig, mit gekreuzten Armen stand es da, lehnte sich über den Stein und sagte, ohne eine Frage abzuwarten:
»Sie hieß Mahalath, und sie war Mahalath, das ist eine Tänzerin. Sie hatte ein krankes Herz wie ich und ist die letzte gewesen, welche auf diesem unserm Beth-Chaim eingesenkt wurde, – die allerletzte. Nachher hat's der gute Kaiser Joseph verboten, daß sie noch einen aus unserm Volk hier zu Grabe brächten; die Mahalath ist die letzte gewesen. Der gute Kaiser hat auch die Mauern der Judenstadt niedergeworfen und hat ihr seinen eigenen milden und glorreichen Namen zu seiner und unserer Ehre gegeben. Er hat dies Gefängnis zerbrochen und uns atmen lassen mit dem andern Volk; der Gott Israels segne seine Asche.«
»Aber wer ist die Mahalath? Was hast du mit der Mahalath, Jemima?« rief ich.
»Sie hatte ein krankes Herz, und es zersprang.«
»Sei keine Törin, Mädchen, was weißt du von dieser Toten, die im Jahre siebenzehnhundertachtzig begraben wurde?«
»Wir gedenken lange unserer Leute. Ich kenne die Mahalath ganz genau und weiß, daß ihr Los das meinige sein wird.«
»Dummes Zeug!« rief ich; aber Jemima Löw drückte plötzlich die Hand auf das Herz, und über ihr Gesicht zuckte es, als erdulde sie einen großen physischen Schmerz.
Ich erschrak wiederum heftig, und als sie meine Hand nahm und dieselbe auf ihre Brust legte, erschrak ich noch mehr.
»Hörst du, wie es klopft und pocht, Hermann? Das ist die Totenglocke, welche mir zu Grabe läutet. Du bist ein großer Doktor und hast das nicht gemerkt?«
Dieses Letzte sagte sie mit einem so hellen Lächeln, daß die Idee dieses frühen Sterbens mir um so schrecklicher erschien. Ich faßte beide Hände des Mädchens und schrie sie zornig an: »Scherze nicht auf so tolle Weise! Alles will ich dir hingehen lassen, nur nicht solche Worte.«
»Es ist kein Scherz«, antwortete sie, »soll ich dir die Geschichte der Mahalath erzählen?«"
(Holunderblüte Kapitel 3)

zur Fortsetzung

Weitere Raabe-Lektüre:
"[...] Von den Dohlen bis zu den Glocken ist nur ein Schritt; – die Stadt hat, so viele Jahrhunderte hindurch sie existiert, sich noch nie und nimmer ihr Geläut zuwidergehört. Sie besitzt ein Theater und hat dann und wann ganz gute Gelegenheit, sich mit aller Vergangenheits- und Zukunftsmusik bekannt zu machen; aber ein Ohr für ihre Glocken hat sie sich unter allen Umständen bewahrt.[...]"
Wunnigel (Text)  Inhalt u.a. (Wikipedia)

07 März 2019

Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre

Wilhelm Meisters Wanderjahre (Wikipedia)

Goethes Wanderjahre aus A. Muschgs Sicht (Weites Feld 13.3.2011)

"Alles, worein der Mensch sich ernstlich einläßt, ist ein Unendliches; nur durch wetteifernde Tätigkeit weiß er sich dagegen zu helfen; auch kam Wilhelm bald über den Zustand vom Gefühl seines Unvermögens, welches immer eine Art von Verzweiflung ist, hinaus [...]" (W. Meister 3. Buch 3. Kapitel Zeno, S.326]

„Ich hoffe, meine Wanderjahre sind nun in Ihren Händen und haben Ihnen mancherlei zu denken gegeben; verschmähen Sie nicht einiges mitzutheilen. Unser Leben gleicht denn doch zuletzt den sibyllinischen Büchern; es wird immer kostbarer, je weniger davon übrig bleibt.“
– Brief Goethes vom 19. Juni 1829 an Christoph Ludwig Friedrich Schultz (Jurist, preußischer Staatsrat, 1781–1834)

03 März 2019

Wiedereröffnung des Reclam Verlages und Demontage seiner Produktionsmittel 1946-47 in der SBZ

14.3.1946 Lizenz der sowjet. Militärverwaltung zur Wiedereröffnung des Verlages an Ernst Reclam in Leipzig
Juni 1946 die ersten neu gedruckten Nummern der Universal-Bibliothek: Lessing: Nathan, Goethe: Iphigenie, Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag, Heine: harzreise, Puschkin: Dubrowski, Schiller: Fiesco.
November 1946 bis Anfang Januar 1947 Demontage der meisten Maschinen in "235 Kisten mit einem Gesamtgewicht von 500 Tonnen" (Reclam. Daten, Bilder und Dokumente zur Verlagsgeschichte 1828-2003, S.115)

Wiederaufbau des Reclam-Verlags in der Bundesrepublik ab 1949


"In den fünf Jahren 1949-1953 werden, um das Publikum wiederzugewinnen und die Universal-Bibliothek als Schullektüre mehr denn früher durchzusetzen, 44 Serien mit 360 Titeln in Abständen von 1 bis 2 Monaten auf den Markt gebracht. Es handelt sich zunächst um den klassischen Bestand von Lessing bis Storm, von Schiller bis Keller, also die deutsche Literatur zwischen Aufklärung und bürgerlichem Realismus, englische, französische, skandinavische und russische Weltliteratur, Philosophie von Platon bis Nietzsche, Operntextbücher – eine Restitution zunächst der Leipziger Universal-Bibliothek, der eine Modernisierung folgen wird. Anläßlich Goethes 200. Geburtstag bietet Stuttgart wieder 16 Goethe- Titel in der Universal-Bibliothek an, in Leipzig erscheinen 14 seiner Werke.
1950 tritt in Deutschland mit den ersten rororo-Taschenbüchern der Typus des angelsächsischen Pocket-book als preiswerte broschierte Ausgabe auf, in dessen Gefolge sich mit Taschenbuchreihen der Verlage Fischer (1952), Goldmann (1952), Ullstein (1953), Heyne (1958), dtv (1961), Suhrkamp (1963) und Diogenes (1971) ein eigener Markt entwickelt. Reclams Universal-Bibliothek hat Gemeinsames und Trennendes im Verhältnis zu diesen Reihen, die Textsammlung hebt sich ab durch den noch immer niedrigsten Preis für die Einfachnummer, das stärker beachtete Prinzip des ständigen Nachdrucks und der Lieferbarkeit eines einmal aufgenommenen Titels und durch das literarische stringentere Programm. So werden auch Unterhaltungsliteratur und Ratgeberbücher, die in der älteren Universal-Bibliothek eine gewisse Rolle gespielt haben, Beim Wiederaufbau nicht berücksichtigt, eine stärkere Konzentration auf Literatur, Philosophie und geisteswissenschaftliche Disziplinen eingehalten. Der Markt der Kioske und Bahnhofsbuchhandlungen, auf dem Reclam in den zwanziger Jahren zu finden war, wird aufgegeben, dafür die Wirkung im Bereich der Schulen, Universitäten und des Bildungswesens gegenüber früher ganz unvergleichlich verstärkt. (Reclam. Daten, Bilder und Dokumente zur Verlagsgeschichte 1828-2003, S.120)