13 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch Kapitel 1-4) Kunstschule, Hunger, Leihhaus, Hermannslied,

Zweites Buch
Das zweite Buch des Abenteuers meiner Jugend umfasst 41 Kapitel und ein Nachwort. Es führt ans Ende der 80er Jahre, als er mit seinem Stück "Vor Sonnenaufgang" seinen Durchbruch als Dramatiker erlebte.

Erstes Kapitel 
Der äußerste Tiefstand meines Jugendringens war damit überwunden. Von Stund an bewegte mich innerlich ein ganz neues Sein. Der Auftrieb nahm beinahe bedenkliche Formen an. Wachend und schlafend träumte ich nur noch in marmornen Bildsäulen. Wenn ich aus Träumen ins wirkliche Leben erwachte, erschrak ich fast vor mir selbst, weil die Fülle und überwältigende Größe der inneren Gestaltungen nicht aus Eigenem zu stammen schien, sondern von einer fremden Macht, die mich unterjocht hatte. [...]
Abermals war ich eines Erlebnisses gewürdigt, in gewissem Sinne dem verwandt, das mich angesichts der kleinen Beatrice Schütz überkommen hatte. [...]
Diesmal war das Göttliche von einer solchen Gewalt in mir, daß ich es nicht verkennen konnte. Ich selber, mein schweres irdisches Wesen war davon fast aufgezehrt und hinweggeglüht. Was übrigblieb, war bereit, sich in Verwechslung irdisch bedingten Seins mit der Gottheit selbst zu vergöttern. Es geschah, und so gebar sich der Größenwahn. Damals schrieb ich nach Jena an meinen Bruder Carl Worte, denen mein tatsächlicher äußerer Zustand so wenig entsprach, daß man sie für Zeichen schwerer Verrücktheit halten konnte. Und doch lag ihnen ein Gefühl zugrunde. In dem Briefe, der sie enthielt, war mein Entschluß, Bildhauer zu werden, mitgeteilt, und nachdem ich gesagt, was ich alles vorhätte, hieß es zum Schluß: »Aus dem ganzen Gebirge von Carrara will ich ein Monument meiner Größe meißeln.« [...]
Freilich, jene erhabene Idee großer Kunst, die wie der Morgenstern in mir aufgegangen war, konnte nach außen hin sich nicht manifestieren. Sie verschloß sich, ja sie widersetzte sich der äußeren Verwirklichung. Man glaubt eine Fata Morgana mit Händen zu greifen und verschmachtet vielleicht auf dem endlos weiten Wege zu ihr im Wüstensand.
 Leider muß man die reine Idee vergessen, bevor man die ersten Schritte zu ihrer Verwirklichung unternehmen kann. Mit ihnen beginnt ein endloser Kampf. Die Kongruenz zwischen Idee und irdischem Abbild wird nie erreicht. [...]
Hier nicht verzweifeln heißt sich bescheiden einerseits, andererseits das Unmögliche weiter wollen und weiter begehren. Tasten, versuchen und wieder versuchen, Stürze nicht fürchten, sich durch sie nicht entmutigen lassen, Wunden und Beulen als unumgänglich hinnehmen, ja als Ehrenmale betrachten. Ein Dichter und Denker nennt unter den Werkzeugen, die man bei diesem Brückenbauversuch gebrauchen muß: Vernunft, Verstand, Einbildungskraft, Glauben – Wahn und Albernheit nicht zu vergessen.   
Ich begann, nach Breslau zurückgekehrt, mit der Albernheit. Ich überwand mich eines Tages so weit, wirklich in den Laden eines Gipsfigurenhändlers in der Taschenstraße, eines gewissen Tagliazoni, einzutreten, um Modellierton zu kaufen. Der unangenehme, schwarze, mit einem stechenden Blick behaftete bleiche Mensch brachte mir einen kindskopfgroßen Ballen feuchten Lehms so mit Gipsstückchen untermengt, daß es unmöglich war, ihn zu reinigen. Ich gab die geforderte unverschämte Summe dafür. Mit diesem Raub begab ich mich in das längliche Zimmer meiner neuen Pension, das ich mit einem andern jungen Menschen teilte, um mir in vollendeter Ratlosigkeit mit diesem unsinnigen Material zu schaffen zu machen: einem verunreinigten Erdenkloß, dem ich einen lebendigen Odem einblasen wollte und der aller meiner Bemühungen spottete. 
Dieser Fehlschlag entmutigte mich für lange Zeit, wozu die Verhältnisse in der neuen Pension, mein Stubenkamerad, mein überflüssiger Lehrer Dallwitz, mein trauriger Geldmangel, mein schlechter Körperzustand das Ihrige beitrugen. 
Ich hatte mich jetzt nicht etwa von meiner Idee abgekehrt, um das Handwerk blind zu beginnen, sondern ich war des heiligen Aufleuchtens meiner letzten Sorgauer Zeit hier nicht mehr gewürdigt worden. Wenn ich, wie oft, im Bierdunst lungernd hinter meinem Tische saß, beschäftigten mich ganz andere Gedanken, die mit göttlichen Dingen nichts zu tun hatten. Der Kunstschule konnte ich noch nicht sicher sein, da es fraglich geworden war, ob mein Vater das Schulgeld bezahlen konnte. Selbst dann, wenn ich aufgenommen würde, was ebenfalls fraglich blieb. Schließlich aber hatte dieses Hocken und Stocken, dieses Wollen und Nichtwollen, Nichtleben- und Nichtsterbenkönnen eines Tages doch sein Ende erreicht, und ich stand in dem hallenden Hausflur der Kunstschule, von wo wir zur Prüfung in die verschiedenen Klassenräume verteilt werden sollten.
 So war ich denn in die Propyläen der Kunst eingetreten. Der Augenblick berührte mich ernst und feierlich. Der Widerhall, den die Tritte und Stimmen der halblaut redenden Gruppen junger Leute in dem steinernen Treppenhaus weckten, war anders als anderswo. Ich trat an diesen, trat an jenen Kreis nicht ohne Scheu heran, weil ich meinte, daß alle Anwesenden mit größerem Recht als ich hier waren. Namen wie Velazquez, Makart, Michelangelo, die in den Gesprächen fielen und mir neu waren, schienen das vollauf zu bestätigen. [...]
Ich wurde in die Kunstschule aufgenommen, obgleich die Probeblätter, die wir zu zeichnen hatten, mich als blutigen Anfänger zeigten und diesen Beschluß gewiß nicht rechtfertigten. [...]
Die Leuchten der Kunstschule waren damals Professor Haertel, der Bildhauer, Professor James Marshall und Professor Bräuer, die Maler. Ich wurde keinem von ihnen zugeteilt, sondern kam in die Hände eines gewiß recht braven Handwerkers, der wohl ein mäßiger Stukkateur und sonst Gipsformer war. An Schulpulten sitzend, beschmierten wir Schüler schräggestellte Bretter mit feuchtem Ton und kopierten Flachreliefs von Mäanderbändern. Bei Baurat Stieler trieb man Bauzeichnen. [...]
Trotzdem, wenn auch vielleicht nicht im wesentlichen Teil meines Studiums, blieb ich vom lebendigen Fortschritt nicht ausgeschlossen. Hauptsächlich fördernd war ein Kolleg, das Professor Schultz über Kunstgeschichte zweimal zweistündig jede Woche las und das von Hugo Schmidt und mir jedesmal wie ein Fest genossen wurde. Und wie hätte das anders sein sollen! Tat sich doch das Italien des Cinquecento und des Secento vor unseren schönheitsgierigen jungen Augen auf und füllte unsere Seelen mit Feuer. [...]
Diese Vorträge von Professor Alwin Schultz verbreiteten eine Art warmen Goldlichtes durch die steinernen Räume der Schule. Aber noch mehr: sie hüllten die Schule selbst von außen in diese golden leuchtende, südliche Wärme ein, so daß sie gleichsam ihr Klima für sich hatte. [...]
Es wurde natürlich beinahe Tag und Nacht über Kunst philosophiert. Die Studierenden untereinander traktierten sich mit Rechthaberei und Überheblichkeit, wovon allein der Kreis um Hugo Schmidt, zu dem ich gehörte, eine Ausnahme machte. Mehrere Maler, Puschmann und Max Fleischer, hatten sich ebenfalls dieser Gruppe angeschlossen. Puschmann, ehemals herumziehender Photograph, trug schwarzes Gelock und stets eine Samtjacke. Es war jener etwa siebenundzwanzigjährige Mensch mit dem stechenden Blick und der hektischen Röte auf den Wangen, der Miniaturkopien nach weiblichen Akten von Makart am Tage der Prüfung vorzeigen konnte, die ihm denn auch die Pforten der Schule geöffnet hatten. 
In corpore wohnten wir eines Tages dem Begräbnis Karl von Holteis bei. Ich hatte die schöne, auffällige Greisenerscheinung mit dem weißen, bis auf die Schultern hängenden, wohlgepflegten Haar einmal auf der Straße gesehen. Ein unauslöschlicher Eindruck ist mir davon zurückgeblieben.
 [...]
»Im Munde der Unmündigen hast du dir dein Lob zugerichtet!« Ich war gerührt, als ich einen Jungen, der auf einem Lattenzaune saß, immer wieder sagen hörte: »Das ist der größte deutsche Dichter gewesen! Das ist der größte deutsche Dichter gewesen!« wiederholte er, unter eigener Rührung lehrhaft umherblickend.

Zweites Kapitel 
Ich wohnte bei einem Ehepaar – der Mann war Schuster – im dritten Stock eines alten Mietshauses der Seminargasse. Die Wohnung bestand aus einem zum Schlafzimmer umgewandelten hübschen Salon, den ich innehatte, aus einem Schlitz, der Werkstatt und Wohnraum der schusterlichen Vermieter war, außerdem aus Küche und Schlafzimmer. Meinen Monatswechsel von dreißig Mark gab ich für Miete und Frühstück aus, bezeichnend für die mir damals eigene, dem Leichtsinn recht nahe Sorglosigkeit. Schließlich jedoch, ohne Borg und Bettel wäre ich auch sonst mit diesem Wechsel nicht ausgekommen. Jedenfalls, es bleibt ein Rätsel, wie sich mein Vater, der früher, wenn es um unsere Erziehung ging, so freigebig war, meinen Unterhalt vorstellen mochte. Noch holte ich allerdings zweimal die Woche die mit Proviant gefüllte Reisetasche vom Freiburger Bahnhof ab, aber weder das Brot noch das kalte Fleisch war immer das frischeste. Die Soleier wurden erst dann an mich gesandt, wenn sie die Salzlake nicht mehr vertrugen und hart wie Stein waren. Einen Vorwurf mache ich meiner guten Mutter nicht, die mir gewiß auch manchen guten Bissen beipackte. Im übrigen ging es hier wie in der Feldstraße: aßen dort Primaner meistens gleich nach der Ankunft die ganze Bescherung auf, so tat es hier die kleine, geschlossene Kunstgruppe, von der die Rede gewesen ist.   
Hier sei eine kleine, schicksalhafte, schmerzliche Episode eingeschaltet. Ich brauchte seit einiger Zeit den Weg vom Freiburger Bahnhof bis zur Seminargasse mit der nahrungsmittelhaltigen Reisetasche nicht mehr per pedes apostolorum zu machen. Eines Tages hatte man Schienen gelegt und die erste Breslauer Pferdebahn eingerichtet. Sie beförderte gegen ein Zehnpfennigstück nunmehr meine Tasche sowie mich. Als ich dieses Zehnpfennigstück eines Tages wieder einmal an den Schaffner ablieferte, sagte jemand: »Nun, Framper, wie geht's?« 
Der Stotterer Gustav Hauptmann, Halbbruder meines Vaters, der in der Krone gelebt, dort seine pomphafte Hochzeit gehalten und endlich Wirt und Besitzer des Gasthofs Zum schwarzen Roß in Waldenburg war, hatte mich immer so genannt.
Ich begriff nicht sogleich, daß der Schaffner die Worte gesprochen hatte, noch schwerer, daß dieser kein anderer als eben Onkel Gustav selber war.
»Ich bin's, mein Junge!« bestätigte er. »Du siehst, so k...kann m...man allmählich emp...p...pork...kommen!«
Der Arme hatte alles verloren, bewohnte mit seiner Frau ein Bodengelaß; sie verdang sich als Wäscherin.
Onkel Gustav, der gute, der Kinderfreund, ist nicht lange danach von seinem verfehlten Leben und einer widersinnigen glücklosen Ehe durch den Tod erlöst worden. [...]

Die Vita nuova, in der ich stand, der endliche Durchbruch in mein wahres und eigentliches Lebenselement, machte mich nahezu unempfindlich für die Gefahren, denen ich im übrigen ausgeliefert war. [...] Mir war das stundenlange Hocken, Bierhinunterschütten, heftige Debattieren und Kneipliedergrölen unbekannt, und ich fand einen großen Reiz darin, mich mit meinen Genossen auszutoben. 
Wie kam es, daß bei dem hohen Ideal, das mich damals beherrschte, das, jung, rein und hell, mein sicherer Leitstern war, mich gleichzeitig ein so schlechter Instinkt unterjochen konnte? Oder unterlag man nur einer plötzlich freigewordenen, gesunden Gier, die, losgelassen, lechzend, soviel nur immer möglich Leben an sich raffen wollte und die man, unerfahren, noch nicht beherrschen gelernt hatte? Nein, daran, daß man sie beherrschen solle und könne, dachte ich damals nicht. Es war das Glück der Kameradschaft, das neue Erlebnis, unter gleichen ein gleicher zu sein, es war der Stolz, in eine Gilde aufgenommen zu sein, was irgendwie die gemeine Umgebung heiligte. Wie viele Nächte wurden hier um die Ohren geschlagen! Man mag erwägen, wie das meine zarte Konstitution ertragen sollte und wie es mit meiner Mittellosigkeit zu vereinen war. 
In diesen Nächten war ich der am meisten verbummelte Anfänger. Um ihre Kosten zu bestreiten, mußten Bettelbriefe an meinen ältesten Bruder Georg, der krank in Sorgau lag, nach Jena an Carl und vor allem an Tante Mathilde Jaschke herhalten. Ich habe mich nicht entblödet, auch den frommen Onkel Schubert mit einer Bitte um Geld brieflich anzugehen. Was nur immer einlief, wurde auf den Schenktisch der Frau Müller geschüttet, der Kellnerin in den Busen gesteckt oder sonst mit Freunden vertan. So kam denn sehr schnell der Augenblick, wo ich in meinen Zahlungen an Frau Müller mit einer für meine Verhältnisse übermäßig großen Summe in Rückstand war. [...]
Der erste Winter auf der Kunstschule war, in Betrachtung meiner äußeren Lebensumstände, wohl das übelste halbe Jahr, das ich je durchgemacht habe. Mitunter stand ich frierend, ohne Paletot, von oben bis unten durchnäßt, mit durchgelaufenen Sohlen im Straßenschlamm vor dem Schaufenster eines Wurstladens, die halberfrorenen Hände in die Taschen meines fadenscheinigen Röckchens vergraben, und überlegte, ob mir die Schlachterfrau wohl für zehn Pfennig Knoblauchwurst mit Semmel auf Borg geben würde. Gab ich dann meiner Seele einen Ruck und wagte mich unter die Menge der Käufer, so bin ich seltsamerweise nie enttäuscht worden. Aber das ergatterte Stückchen Wurst war durch den schweren Akt der Opferung meines Stolzes und die Gefahr einer schweren Demütigung ziemlich hoch bezahlt.   
Unsere Gesellschaft in der Stammkneipe war allmählich in eine ziemlich wüste Kumpanei ausgeartet, in deren Mittelpunkt schließlich der durch Trunk damals ziemlich heruntergekommene Professor James Marshall saß. [...]
Durch einen nächtlichen Vorgang wird erwiesen, zu welchem Tiefstand, welchem Grade von Roheit wir damals gesunken waren und welche niedrigen Elemente sich bei uns aufhielten.
Wir hatten bis nach ein Uhr diskutierend, lärmend, saufend, rauchend um James Marshall herumgesessen und beschlossen einen Lokalwechsel. Ein Kunstschüler namens W., der Seminarbildung hinter sich hatte und mit dem ich kaum je ins Gespräch gekommen war, ging in der Prozession durch die nächtlich verödeten Gassen hinter mir her. Da sah ich Feuer, fühlte mich taub und hörte im rechten Ohr ein feines Klingen. Aber ich hatte blitzschnell begriffen, daß dieser mir nahezu fremde Mensch von rückwärts mit aller möglichen Wucht mir einen Schlag gegen den Kopf versetzt hatte. 
Den Augenblick später hatte ich ihn zu Boden geworfen und wälzte mich mit ihm im Rinnstein herum. Schließlich wurde er still, aber ich war nicht brutal genug, um ihm in gleicher Münze heimzuzahlen. [...]
Dieser sinnlos tückische Mensch war viel stärker als ich. Aber auf meiner Seite war Intelligenz, schnelles Denken und augenblickliche, rückhaltlose Entschlossenheit. Ewig konnte ich nicht auf der Brust dieses hinterhältigen Feiglings knien, und als sich die Kameraden einmischten und erklärten, er habe nun seine Lektion, schwor er auf ihre Veranlassung sozusagen Urfehde und gab, daß alle es hörten, sein Ehrenwort, von nun ab friedlich zu sein. Er bat um Verzeihung – was man von ihm verlangte –, und als es geschehen war, gab ich seine Gelenke frei. 
Sofort hatte ich einen mit aller Kraft geführten Faustschlag im Gesicht und glaubte, mein Auge sei verloren. Wer war von uns beiden nun der Besiegte? Ganz genau entscheiden könnte ich die Frage noch heute nicht. Er hatte den Sieg der Brutalität, den Sieg des Wortbruchs, den Sieg des Unrechts in jedem Betracht, kurz, er hatte den Sieg der Niederträchtigkeit. Ich dagegen war schuldlos überfallen worden, hatte den Sieg der Kraft, den Sieg der Ritterlichkeit, den Sieg der Milde, den Sieg der Versöhnlichkeit. Aber ich war für drei Wochen einäugig, da ich das andere Auge unter der Binde tragen mußte, und vor der Kunstschule doch der Gezeichnete. 
Was war der Grund dafür, daß sich in diesem Menschen ein solcher Haß bilden konnte und losbrechen mußte? Man bleibt auf Vermutungen angewiesen. 
Es ist gesagt worden, in wie hohem Maße Kritik im Elternhaus geübt wurde. Nannte mein Vater jemand einen Menschen, der denkt, so erteilte er ihm sein höchstes Lob. Irgendwie neigten wir alle zu Wortkämpfen und waren nicht willens, uns eine Ansicht aufzwingen zu lassen. Vielleicht hatte die Erkenntnis, wonach der Richterstuhl der eigenen, gottgegebenen Vernunft der höchste ist, es mit sich gebracht, daß ich frisch, frei, fromm und froh in den Tag hinein redete, was ganz allgemein meine Gegner gereizt haben mag. [...]
Die Schüchternheit meiner Lederoser Tage war also abgestreift. In Gesprächen beherrschte mich eher eine oft gefährlichen Freimut in sich schließende Furchtlosigkeit. Sollte ich aber etwas wie ein Krakeeler gewesen sein, so sah ich keineswegs danach aus. Denn als ich einst im Café unter meinen Kameraden saß, kam ein älterer Herr bescheiden an mich heran und wollte wissen, ob ich es übelnehmen würde, wenn er mir eine Frage vorlegte. Ich sagte nein. Er wies auf einen Tisch von bürgerlichen Damen und Herren hin, die verstohlen herüberblickten, und erklärte, es sei eine Wette gemacht worden, weil einige seiner Freunde behaupteten, daß ich ein junger Mann, andere, daß ich ein verkleidetes junges Mädchen sei.

Drittes Kapitel 
Vielfach war es jedoch berechtigte Notwehr, wodurch ich unbeliebt wurde. Ein häßlicher Gemeingeist des rettungslos Mittelmäßigen in der Schule wirkte sich in dem Bestreben aus, nach Möglichkeit alles zu entmutigen, herabzustimmen, zu hindern, zu lähmen, was einen höherstrebenden Zug mit Hoffnung zu verbinden schien. Man konnte sich seiner nur schwer erwehren. Da hieß es: »Sie wollen ein Rauch, Sie wollen ein Hähnel werden! Bilden Sie sich nur das nicht ein! Sagen Sie nur gleich Michelangelo!« Immer wieder vernahm man die Worte: »Sie werden sich schön in die Nesseln setzen!« oder: »Bilden Sie sich nur das nicht ein! Machen Sie sich nur keine Hoffnungen!« – Die Nesseln aber, sie waren das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Das, was man sich nicht einbilden sollte, war: ein großer Künstler zu werden, will heißen, überhaupt ein Künstler zu werden, da doch, genaugenommen, man entweder ein großer Künstler oder gar keiner ist. »Sagen Sie nur gleich Michelangelo!« sollte eine allgemeine Höhe bezeichnen, in die hinaufzustreben erwiesener- und anerkanntermaßen für einen Menschen unserer Tage Irrsinn sei. »Machen Sie sich nur keine Hoffnungen«: »Lasciate ogni speranza!« Dante hat diese Worte über dem Eingang zur Hölle gefunden.
[...]
Ich ahnte damals nicht, und wer ahnte es, der mich sah, daß ich einen heroischen Kampf um die höchsten moralischen Güter des Lebens, und noch dazu in Elend, Armut und Verlumpung, zu kämpfen hatte! Von allen Seiten sprangen die dämonischen Mächte der Zerstörung meine ringende Seele und meinen ringenden Körper an, und ich dachte nicht einmal darüber nach, ob ich Aussicht hatte, mit ihnen fertig zu werden. 
Damals kam ich mir verbummelt vor. Aber ich rechnete mir nicht an, was ich tat, was mein Ehrgeiz an Plänen schmiedete, wohin sich mein Wille, meine Hoffnung verstieg, ebensowenig, daß ich bei aller Unordentlichkeit meines Lebens außer Dickens und Thackeray Wilhelm Jordans »Nibelungen« in mich aufgenommen und zwei Gesänge eines »Hermannsliedes« in Stabreimen nach seinem Vorbild gedichtet hatte.
[...]
Als die Schustersfrau, meine Wirtin, die einigen Anteil an mir nahm, mit der Frage »Was soll denn um Gottes willen aus Ihnen werden?!« die Hände rang und mir andere Mieter als Beispiel nannte, Referendare, die bei ihr den Assessor erbüffelt hatten, erwiderte ich, sie möge das mir und Gott überlassen. Dabei hatte ich, ich weiß nicht wieso, eine geradezu frevelhafte Sicherheit. [...]
Ich lag nachts auf einer Roßhaarmatratze, einem Urväterhausrat, der mich vor Jahren nach Breslau in die Wanzen-, Schwaben- und Flohpension begleitet hatte. Als mich wieder einmal der Hunger nicht schlafen ließ, brachte mir der Stich eines Roßhaars das alte Familienstück in Erinnerung und ließ zugleich den Doppelgedanken aufblitzen, daß es eigentlich überflüssig und daß es verkäuflich sei. Mein Entschluß war sogleich gefaßt. Aber als bereits am nächsten Morgen mein Vertrauensmann, ein Packträger, die Matratze auf dem Kopf, durch die Straße schritt, von mir in gemessener Entfernung begleitet, glaubte ich, im Verkehr des Bürgersteiges verborgen, daß alle Welt sich gegen einen öffentlichen Skandal entrüsten müßte. 
Übte ich nicht an meiner Mutter Verrat? War es nicht Mutterliebe, die ich, ein zweiter Judas, für dreißig Silberlinge zu verkaufen mich erniedrigte? 
Meine Wirtin war außer sich, als sie von der Sache erfuhr und von dem Trinkgeld, das man mir für das große Wertobjekt hingeworfen hatte. Ihr Mann, der Schuster, sah sich seit Jahren nach einer solchen Unterlage um, da sein Arzt ihm auf Roßhaar zu liegen als Mittel gegen die Gicht empfohlen hatte. Vielleicht hatte mir die Matratze allein bei den Schustersleuten Kredit verschafft, weil sie ihnen als ein dereinst verfallenes Pfand vorschwebte. Die Schustersfrau war also außer sich. Alle meine Schulden bei ihr, sagte sie, wären durch die Matratze beglichen gewesen, und ich hätte noch Geld herausgekriegt.
[...]
Nach dem von fruchtbaren und gefährlichen Gärungen trächtigen Winter kündigte sich der ereignisreichste Sommer mit einer dramatischen Katastrophe an, als ich auf meinem Tisch bei den Schustersleuten einen großen Brief mit staatlichem Stempel entdecken mußte, in dem man mir meine Verweisung aus der Kunstschule mitteilte. Man nannte als Ursache dieser harten Maßnahme schlechtes Betragen, unzureichenden Fleiß und Schulbesuch. Mein Ausbleiben nach Ferienschluß hatte dem Faß den Boden ausgestoßen. 
Ich war erschrocken und ziemlich erregt. Aber da ich die Sache wesentlich mit mir selbst auszumachen hatte und meinen Vater, der mich aus seiner Vormundschaft entlassen hatte, nicht hineinzuziehen brauchte, machte es keinen niederschmetternden Eindruck auf mich.
Es zeigte sich, daß mein Ausschluß von der alten Partei im Lehrerkollegium durchgesetzt, von der neuen nicht gebilligt war und bei klugem Vorgehen möglicherweise rückgängig gemacht werden konnte. Brave Freunde, Hugo Schmidt, Max Fleischer und Puschmann, hinterbrachten mir das. 
Professor Haertel sei empört. Er habe geäußert, ich möge ihn aufsuchen. Möglicherweise laufe diese ganze sinnlose Angelegenheit auf einen Glücksfall für mich hinaus. Wahrscheinlich nehme mich Haertel als Privatschüler. Und in der Tat würde damit mein leidenschaftlich gehegter Wunsch erfüllt worden sein. Schon am Tage darauf war diese Vermutung Wirklichkeit.
[...]
Es war damit für mich eine neue Ära auf der Kunstschule angebrochen. Die Werkstatt des ausgezeichneten Bildhauers wurde das Fundament, auf das mein Wachstum sich stützen konnte. Eine große Dürerstatue, daran der Meister jetzt arbeitete, wurde von mir naßgehalten, aus ihren Lappen gewickelt, wenn der Professor erschien, und sorgfältig wieder damit bedeckt, wenn er die Werkstatt verlassen hatte. Auf diese Art war ich, was ich mit Stolz empfand, ein Gehilfe und eines Meisters Lehrling geworden.

Viertes Kapitel
 Ich wurde der ganzen Schule merkwürdig. Es war ein Kampf um mich entbrannt und eine Spaltung sichtbar geworden. Viele, die mich früher verhöhnt und gemieden hatten, drängten sich nunmehr an mich heran. Auf alle Fälle hatte ich ja, wie sie sahen, mich durchgesetzt, wenn es auch fraglich war, ob man mich in den Schulkonzern wieder aufnehmen würde. Ausgeschlossen, durfte ich auch den Vorlesungen von Professor Schultz nicht mehr beiwohnen. Die Pause zwischen der ersten und zweiten Stunde pflegte der Kunsthistoriker bei Haertel im Atelier zuzubringen. Um diese Zeit fanden sich gewöhnlich James Marshall und Architekt Rhenius, Junggeselle und eleganter Lebemann, bei uns ein, auch wohl dieser und jener mit Haertel befreundete Breslauer Künstler. Es wurde geraucht und debattiert. 
Eines Tages, als sich diese Gesellschaft besonders zahlreich versammelt hatte, sagte Haertel plötzlich zu mir: »Man hat mir gesagt, daß Sie eine recht nette kleine Dichtung verfaßt hätten. Lesen Sie uns doch mal was vor!« 
Mein Erstaunen war groß, denn ich hatte wirklich nicht angenommen, daß sich etwas dergleichen ereignen könne. Noch heute wüßte ich nicht zu sagen, wer Haertel diesen Gedanken gesteckt haben mochte. Möglicherweise mein Mitschüler Max Fleischer, der sich in letzter Zeit dem Kreise um Hugo Schmidt angeschlossen und einer Vorlesung der zwei oder drei Gesänge meines »Hermannsliedes« beigewohnt hatte. Er war wohl der einzige, dem man es zutrauen kann. 
Auf der Drehscheibe meines dreibeinigen Modellierstuhles stand ein Muskelmann. Ich hatte die Hände sinken lassen, das Modellierholz weggelegt, fühlte wie immer den harten Einband meines Oktavbüchelchens in der Brusttasche und war entschlossen, mich nicht zu zieren, falls Haertel seinen Wunsch, meinen poetischen Versuch zu hören, wiederholen sollte. Ungefähr drückte ich ihm das aus. 
Die Herren waren sehr aufgeräumt. Ein heiter-ironisches Zwischenspiel wurde von Schultz mit erhabenen Vergleichungen, in denen der Name Tasso fiel, von James Marshall durch Witzeleien bestritten. Rhenius fügte besänftigende Äußerungen des Mitleids ein und nahm Anlaß, mir ermutigend auf die Schulter zu klopfen. »Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas!« sagte er. 
Nun trotzdem, es kam plötzlich etwas Musisches in den Raum. Die Vögel sangen im kleinen Vorgarten. Die Statue Dürers war enthüllt und blickte geruhig auf mich herunter. Das war, ich begriff es sofort, ein vielleicht gottgesandter Augenblick, ganz ausdrücklich für mich beschlossen. Die hochmögenden Herren und Richter aber waren wohl auch für die glücklichen Gegebenheiten an Raum, Stunde und schöner Identität mit großen musischen Ereignissen der Vergangenheit nicht unempfindlich. Sie fügten sich gern dem schönen Schein, ob er auch bald durch das Fiasko eines blutigen Anfängertums, einer Versündigung am Geiste der Poesie, zerstört werden mochte.
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz!
Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz!
Dies ungefähr drückt mein Empfinden aus, als ich mein Oktavbüchelchen aufgeschlagen in der Linken hielt, mit der Rechten die Platte des Modellierstuhls gefaßt hatte, mich räusperte und zu lesen begann.
Da wurde es still, stiller und blieb auch still, nachdem der letzte Hall meines letzten Wortes, von den Wänden des hohen Ateliers zurückgeworfen, verklungen war.
War ich selber der Urheber dessen, was jetzt vor sich ging? War meine Dichtung der Begeisterung würdig, die sie auslöste? Möglich, daß sie nur der Art meines Vortrags galt. Möglich auch, daß schon ein Mittelmäßiges unerwartet und also überraschend kam, weil man ein Nichts oder eine Lächerlichkeit voraussetzte. Dann hätte ich den Beifall, der mich umgab, einer Urteilsüberrumpelung zu verdanken. Eine andere Erklärung schwebt mir vor. Meine menschliche Gegenwart, mein Vortrag, mein Gedicht, die außergewöhnliche Art, die mich in einen Wirbel von Konflikten gezogen hatte: dies alles hat zusammengewirkt, um meinen Hörern im Nu einen Begriff meines Wesens zu geben. Mein ganzes Sein wurde aufgeschlossen, die Zukunft wie die Vergangenheit. Und so war ich allerdings von dem Verhalten der Herren der wahre Urheber. Aber eben in meiner Ganzheit war ich es und nicht durch Dichtung und Vortrag allein. [...]
Haertel und Marshall rannten umher. Der Kunsthistoriker Schultz war der ruhigste. Er nickte nur mit dem Kopf. Rhenius tobte vor meinen Ohren: »Und solch einen Menschen wollen die Esel hinausschmeißen!« – »Ein Dichter von Gottes Gnaden! Ein Dichter von Gottes Gnaden! Ein Dichter von Gottes Gnaden!« wiederholte Marshall immerzu. Haertel aber, dessen unbegreifliches Vertrauen zu meinen dichterischen Gaben keinerlei Unterlagen gehabt hatte, schritt wie ein Triumphator, brummelnd und Zigaretten qualmend, in seinem Studio hin und her oder stand wohl auch still und schüttelte die Faust gegen die Decke, als ob er über irgendwen, vielleicht den Direktor, das Jüngste Gericht herabrufen wolle. 
Am folgenden Tage war ich zum ersten Male ein berühmter Mann. Die Kunstschülerinnen – es gab auch solche – umschwärmten mich. Ich mußte in ihre Stammbücher einschreiben. Einige unter ihnen waren schön. Man fragte mich,wann und um welche Tageszeit ich am besten dichte, ob ich rauche, Tee oder Kaffee trinke, kurz, die Kunstschule hatte in diesen Tagen keinen Schüler, berühmt wie ich.

So hatten wir uns denn viel zu erzählen, Carl und ich, als wir um Pfingsten in Sorgau zusammentrafen. [...] Natürlich schlug auch die Nähe Weimars in Carls Berichte hinein, da von dort aus noch die fortlebende Seelenwärme Goethes in die berühmte Universitätsstadt herüberdrang. Hatte sich doch überdies ein sehr wesentlicher Teil seines Lebens und Wirkens in Jena vollzogen. [...]
Sokrates würde in uns zwei echte Schüler erkannt haben. Wir spürten seine Aura um uns.
 [...]
Irgendwie nahmen auch meine Eltern teil an unserer fortreißenden Euphorie und Eudämonie. Sie hatten uns lieb, spürten den Aufschwung in uns und wurden von unserer festlich frohen Erregung mitgenommen. Die lächelnd erwärmte Teilnahme meiner Mutter verlor dennoch nicht ganz einen nachdenklich sorgenvollen Zug.
 [...]

Man hatte mich am letzten Tage vor den Ferien wiederum feierlich in die Kunstschule aufgenommen. [...]

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.52-53)

Zweiundfünfzigstes Kapitel
Seltsam, ich hatte die Lehre verlassen, um in Proskau Ökonomie zu studieren. Die Schuberts, die Eltern, ich selber, wir hatten keinen anderen Gedanken. Kaum war ich in Sorgau, als von Landwirtschaft, die ich noch tags zuvor für meinen fest bestimmten Lebensberuf gehalten hatte, mit keinem Wort mehr die Rede war. Mein Vater, ich fühlte es, hatte mich freigegeben. Stillschweigend war die Berufswahl wieder in meine Hand gelegt. 

Ich durchlebte zunächst eine Muluszeit, konnte mich nach Belieben bewegen, Ausflüge machen oder auch ruhen, ohne daß sich jemand um mich kümmerte. Es wurde kaum laut davon gesprochen, aber es fand gerade damals ein bedeutungsvolles Ereignis statt. Die alte Krone war unter den Hammer gekommen. Man spürte, daß mein Vater dadurch nicht überrascht worden war. Die vernichtende Wirkung auf die Familie war durch die Bahnhofspachtung, die auf den Namen der Mutter lief, einigermaßen paralysiert. Was Vater dachte, war schwer zu sagen. Die Mutter, wenn man ihr glauben wollte, war, getreu ihrer früheren Haltung, froh, daß es endlich so weit gekommen war. [...]

Es war für mich ein Tag von hoher Bedeutsamkeit, nicht nur durch den neuen Rhythmus, den er mir gab, sondern durch eine Erkenntnis, die plötzlich im Laufe des heiteren Disputierens in mir aufleuchtete. Sie hat mich zu einem neuen, einem selbstbewußten Menschen gemacht und ist mir bis heut nicht verlorengegangen. Es wurde mit ihr gewissermaßen das gesunde und gerade Wachstum meiner Knabenjahre wieder aufgenommen und nach jahrelangem Siechtum auf höherer Stufe fortgesetzt: eine Möglichkeit, an der ich noch jüngst in Salzbrunn verzweifeln wollte. [...]

Nun war ich frei, denn ich wurde von der neugeborenen Göttin für frei erklärt. Es ist der Mensch, der den Staat, die Kirche, die Schule für seine Zwecke geschaffen hat. Ich bin solch ein Mensch, ich bin der Mensch. Und weil ich der Mensch bin, bin ich der Schöpfer. Feste Bildungen, im Sinne von ein für allemal gegebener, unveränderlicher Art, sind menschliche Institutionen nicht. Es sind veränderliche Gebilde. Nur dadurch sind sie wachstumsfähig, nur darin besteht die Möglichkeit, sie zu vervollkommnen, und ich bin berufen, ich möchte sagen mit jedem meiner Gedanken, daran mitzuarbeiten. Es gibt in dieser Beziehung nur Menschen gleichen Berufes neben mir, nicht über mir. Und so habe ich mich an jenem Tage, indem ich mir dies alles sagte, bewußt und klar zum Ritter geschlagen. Die Stunde dieser Erkenntnis war der Zeitpunkt meiner Geburt als Persönlichkeit. [...]

Was auf der Ohlewiese vor sich gehen sollte, war nach altgermanischem Muster die Zeremonie der Blutsbrüderschaft. Schweigend wurde ein Rasenstreifen ausgehoben und mit vieler Mühe durch abgebrochene Zweiggabeln gestützt und in die Höhe gehalten. Unter ihn tretend, leisteten wir einander den Blutsbruderschwur. So waren wir denn verbunden, mit Gut und Blut und auf Lebenszeit, sowohl der Idee wie untereinander. 
Der mystische Pate dieses mystischen Vorgangs war Felix Dahn, der besonders auf den tüchtigen, sonst so nüchternen Alfred Ploetz durch seine Romane »Odhins Trost«, »Kampf um Rom« und anderes den entscheidenden Einfluß ausübte. Bald danach und den ganzen Winter hindurch trat die Beschäftigung mit dem pangermanischen Ideal in den Hintergrund. 
Die Blutsbrüder, in der Mehrzahl Primaner außer mir, büffelten für das Abiturium, das zu Ostern steigen sollte. Mich besuchte alle drei Tage ein Lehrer, der Dallwitz hieß, kaum das Ende der Stunde erwarten konnte und ebensowenig wußte wie ich, was zu meinem Examen notwendig war oder was er mit mir anfangen sollte. In diesem Betrachte war nun wieder der Winter, war der kommende Sommer zusammengenommen ein verlorenes Jahr.

Dreiundfünfzigstes Kapitel 
Auch sonst war es eine tote Epoche, wie ich sie nach dem vielversprechenden Anfang nicht erwartet hätte. Vor meinen Fenstern hinter dem Stadtgraben lag das burgartig bekuppelte Gebäude der Liebichshöhe, und da ich die meiste Zeit mit pflichtgemäßem Nichtstun im Zimmer verbrachte, konnte ich mich an der immerhin schönen Aussicht erlaben bis zum Überdruß. [...]
Mein Vater lud die Malerfamilie gelegentlich zu Tische ein, und da es in seiner Jugend üblich war, sich von reisenden Malern malen zu lassen, empfahl er Herrn Glitschmann hie und da einem der Honoratioren des Kreises Waldenburg, von denen er diesen und jenen kannte. Glitschmann blickte mich, als ich im Sommer in Sorgau zu Besuch erschien, mit besonderen Augen an, und ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Wie er schnell und sicher mit der Feder sprechende Züge auf einen Briefbogen warf, konnte ich gar nicht genug bestaunen. Diese Kunstübung sah ich zum erstenmal und gestand mir ein, daß meine Versuche in dieser Beziehung Stümperei seien. [...]
Noch war ich damals so rein, so unverdorben oder so unwissend, daß mir die Kunst als etwas Unerreichbares, schlechthin Göttliches vorschwebte. Kaiser, Könige, Fürsten sagten mir nichts, wogegen ich mir die Schöpfer der von mir genannten Kunstwerke ohne weiteres nur als Götter oder mindestens als im Besitz übernatürlicher Kräfte vorstellen konnte. Daran, daß die hohen Gebiete ihres Wirkens für einen niederen und gemeinen Sterblichen, der ich war, je in Betracht kommen könnten, bis zu diesem Gedanken hatte sich meine Seele nie und nimmer zu erheben gewagt. [...]
Es war gewiß der Dichter in mir, dem ich einen so hohen Begriff von bildender Kunst verdanke. Er hatte mir aber seltsamerweise einstweilen noch nicht den gleichen Begriff von der eigenen Kunst zu geben vermocht. [...]
Obgleich ich sommersüber nur die Stunden mit Dallwitz fortführte, machte ich im Juli große Ferien. In Salzbrunn, das ich von Sorgau aus wie immer besuchte, tauchte die Familie Weigelt auf, die Konsistorialrätin, die freundliche Tochter und Konrad, der Sohn. War ich diesen Menschen in meiner Knabenzeit unauslöschlichen Dank schuldig geworden, als sie mich armen, unbeachteten, gleichsam vergessenen Jungen in ihren hochbürgerlichen Kreis zogen, so bewahrten sie mir jetzt eine unveränderte Anhänglichkeit und folgten meiner Entwicklung mit Teilnahme. [...]
Nun ritt ich bereits mein Steckenpferd; Hoffnung, Freude und Eitelkeit bewirkten es, daß ich mich den Konsistorialratsdamen gegenüber bereits als werdender Künstler aufspielte. Sie sowohl wie Konrad Weigelt, mein Freund, schienen davon sehr angetan. Heute weiß ich nicht mehr, was ich ihnen, sicher in überstiegener Weise, damals vorfabelte. [...]
Noch wußte ich nicht, wie der Vater meine Absicht, Künstler, und zwar Bildhauer, zu werden, aufnehmen würde. Seit meiner Rückkehr von Lederose hatte er sich in Schweigen gehüllt. [...]
Mir schienen die Aussichten, die mein Plan in den Augen des Vaters hatte, nicht sehr ermutigend. Aber ich konnte nicht ewig damit hinterm Berge halten. Die Gelegenheit, mich zu eröffnen, ergab sich bei einem unserer Gänge nach Fürstenstein, den ich mit ihm allein machte. Ich faßte Mut und rückte mit meiner Absicht heraus. Da er immer nur schwieg, stellte ich mich, als würde ich wärmer und wärmer, bis ich schließlich wirklich in Hitze geriet. [...]
Ich schwieg, als mein Latein zu Ende war, und war auf die kalte Dusche gefaßt, die mich abkühlen und mein Strohfeuer löschen sollte. Diesmal aber täuschte ich mich. 
»Das ist ein guter Gedanke von dir«, sagte mein Vater, »dem ich vollkommen zustimme.« Ich fragte: »Wie?« Und er wiederholte das schon Gesagte Wort für Wort. Dann fuhr er fort: »Es kommt darauf an, daß du das wirklich willst, wovon du gesprochen hast. Wenn du es wirklich willst, wenn ein Mensch wirklich etwas will, so erreicht er es, er mag sich sein Ziel noch so hoch stecken. Ich finde übrigens, daß man sich ein Ziel nicht zu hoch stecken kann. Nur, wie gesagt, man muß es erreichen wollen, muß einen festen Glauben daran behalten, darf nicht rechts und links abschweifen, sich durch keine Querschläge und Fehlschläge entmutigen lassen. Es ist immer ein Segen, wenn ein junger Mensch auf diese Art etwas will. Ich freue mich, daß dieser Wille so klar und bestimmt in dir aufgestiegen ist, und man kann dir dazu nur gratulieren.«
Damit klopfte er mir auf die Schulter. Ich aber schwieg. Ich war so bewegt, ich hätte kein Wort des Dankes, kein Wort der Freude hervorbringen können.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

12 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.49-51)

Neunundvierzigstes Kapitel 
Ich hatte einen Blick in das Reich der ewigen Schönheit getan, hatte, wie der indische Weise, nicht nur irdische, sondern auch die himmlische Musik gehört, aber ich fiel trotzdem in die schleppenden, stockenden Düsternisse meines muffigen Alltags zurück. Mechanisch hielt ich eine Richtung ein, mechanisch ließ ich ihr Ziel gelten. Wohl dachte ich über manches nach, war aber doch weit entfernt davon, meinen Willen, mein Denken und meine Phantasie dem Aufbau meines eigenen Lebens unabhängig zu widmen. Ich hatte von vornherein, wie ich glaubte, dazu kein Recht. [...]
Die Überlastung meiner Seele mit Träumen nahm mir schließlich besonders im Dunkeln das sichere Unterscheidungsvermögen zwischen eingebildeten Dingen und der Wirklichkeit. Ich glaubte an Gespenstergeschichten, an den Teufel in allerlei Gestalt, an Geister, die den Kopf unterm Arm tragen. An die Prophezeiungen eines Schäfers Thomas glaubte ich, an die nahen Schrecken der Apokalypse und, damit verbunden, den Weltuntergang. 
Wanderprediger, innere Missionare Zinzendorfscher Observanz tauchten auf, die mit mir leichtes Spiel hatten. Sie machten uns allen die Hölle heiß. Die Schriften, Wunder und Gebetsheilungen einer Schweizerin, einer gewissen Dorothea Trudel in Männedorf am Zürichsee, wurden viel diskutiert. Sie heilte Krankheiten des Leibes sowie vor allem der Seele. Ihren Beistand zu brauchen war ich nahe daran.
Heut habe ich den Eindruck, daß damals der religiöse Wahnsinn an meine Tür klopfte. Den somatischen Vorgängen meines Reifens zur Vivipotenz ohne Rat und Beistand ausgeliefert, näherte sich mein Nervensystem einem Zusammenbruch. Ich hatte periodische Anfälle. Es stellte sich, wo ich auch war, ein kleiner, dunkler Punkt vor meinem rechten Auge ein. Ich konnte dann, wenn ich im Felde war, nichts weiter tun, als so schnell wie möglich heimzueilen.  Inzwischen hatte sich auch vor dem linken Auge der dunkle Fleck eingestellt. Beide lösten sich in Wolken auf, die mir nur hie und da einen flüchtigen Blick, um mich zu orientieren, ins Freie gestatteten. Manchmal war die Erblindung eine völlige, bevor ich das Gutshaus erreicht hatte. Ich setzte mich dann gewöhnlich und wartete, bis ich Schritte hörte und jemand auf meinen Anruf zu mir kam und mich heimleitete. 
Ich machte dann im Zimmer völlige Dunkelheit oder bat das Hausmädchen, es zu tun, legte mich zu Bett und hatte einen wütenden Kopfschmerz zu bestehen, der mir den Kopf zu zerreißen drohte. Es folgte dann immer ein tiefer Schlaf, aus dem ich sehend und freien Hauptes erwachte.   

Zu meinem Glück setzte ich durch, daß ich Pfingsten bei meinen Eltern verbringen durfte. Nicht Heimweh und Sehnsucht, sie wiederzusehen, war diesmal der alleinige Grund, sondern ich wurde von einer Seelenangst heimgetrieben, sie könnten, ohne sich vorher bekehrt zu haben, vom Weltuntergang überfallen werden. Ich hielt diesen wahren Grund meiner Reise geheim, weil ich auch jetzt noch den Zustand meines Gemütes den Verwandten nicht aufdeckte. Ich hatte also, und wies sie mir zu, die heilige Mission, die Meinigen vor der Verdammnis zu retten.
Als ich auf dem Bahnhof in Striegau die schwere Dampfmaschine mit ihrem Wagenzuge brausend herankommen sah, wurde mir meine Mission bereits zweifelhaft.  [...]
Vor Sorgau war Freiburg die letzte Station, der Ort, an dem ich mit Geisler in den Fürstensteiner Grund abgebogen war. Diesmal saß ich im Zug und fuhr mit ihm eine der kurvenreichsten Strecken, deren Heimatnähe auf der Heimfahrt von Breslau mich immer überglücklich gemacht hatte. Es gab ein Geräusch, das mir wie Musik erschien, als wenn bei den Kehren durch die Räder lange Späne von den eisernen Gleisen geschält würden. Dies übte auch diesmal eine bezaubernde Wirkung aus, bis nach einem hohen Durchstich der Zug in den Bahnhof Sorgau hineinrollte.
 Carl war zu Hause; ich hatte an ihn seit Monaten nicht gedacht. Er hatte Alfred Ploetz mitgebracht. Die Eltern machten vergnügte Gesichter. Der Vorfeiertagsbetrieb war im Gang. Man hörte das Gold im Kasten klingen. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen: wer dachte noch an Weltuntergang?
In einer Sekunde hatte ein Frühlingssturm aus blauem Himmel allen Lederoser Druck, Muff, Qualm, alles himmlisch-irdische Brunstfieber und was an Ängsten und Nöten damit verbunden war, in alle Winde davongejagt.
Die Betten von Alfred Ploetz und Carl waren in einer Bodenkammer des Bahnhofs aufgeschlagen. Man hatte von hier aus eine Weite unter sich, einen Blick über Berg und Tal. Die beiden Freunde waren Naturforscher, ihr Schlafraum war zugleich ihr Laboratorium. Eine Fremdheit dem Freunde gegenüber konnte von Anfang an nicht aufkommen. Der knochige Pommer sprach mit mir, als wären wir, seit wir uns zuletzt gesehen, keine Stunde getrennt gewesen. Er zeigte mir Käfer und Schmetterlinge auf einer Korkplatte aufgespießt und das Netz, mit dem er sie jüngst gefangen hatte. Er las mir ein Privatissimum. Man betäubte das Insekt mit Äther, bevor man es aufspießte. Den Staub der Flügel unverletzt zu erhalten, mußte man äußerst vorsichtig sein. Carl betreute ein kleines Herbarium. Frisch gesammelte Pflanzenbündel lagen um eine grüne Botanisiertrommel. Das sah alles so gesund, frohgelaunt und zuversichtlich aus: es war Spiel, es war Jagd, es schmeckte nach prächtigen Wiesen und Sonnenschein, und man fühlte, wie sehr die beiden sich wohlfühlten. Ich wurde sofort als der Dritte im Bunde eingereiht. Diese Dachkammer, dieses Laboratorium, wir drei jungen Menschen im Glanz der Pfingsttage umschlossen das Höchste, was sich an Jugend und Werdeglück verwirklichen kann. Wir sprachen laut. Wollüstig wie der Schwimmer im lauen See kosteten wir unser Leben aus und bewegten uns lachend und unser Behagen nicht verbergend in seinen Fluten. Mir selber war dies kaum so bewußt.
Alles an diesen jungen Männern war ungeduldiger Mut, gleichsam von edlen Pferden, die darauf warteten, daß die Schranken zur Rennbahn geöffnet würden. Und alles an ihnen war Siegessicherheit. Es gab keine menschliche Autorität und ebensowenig eine Institution, vor der sie sich geduckt oder die Segel gestrichen hätten. Zu einem Staunen darüber kam ich nicht, denn ich wurde von diesem Sturm und Drang sogleich ohne allen Widerstand in derselben Richtung fortgerissen. So gab ich zunächst den Schäfer Thomas preis und entfesselte mit seinen Weltuntergangsprophezeiungen dröhnende Lachsalven. Ich selber lachte am lautesten mit. Ich sprach von den inneren Missionaren und der Höllenfurcht, die sie den Leuten einjagten, und es wurde gesagt, man solle sie ausstopfen, einmotten und als Monstra in einem Museum aufheben.
Nein, hier wehte kein pietistischer Wind! Und derselbe Carl, der einstmals wutweinend aufgestampft und dabei geschworen hatte: »Jesus Christus ist Gottes Sohn!«, wurde jetzt nicht müde, Stellen aus Ludwig Büchners »Kraft und Stoff« und aus Schriften anderer Materialisten und Atheisten vorzutragen. [...]
Seltsam, wie diese Bahnhofsatmosphäre, das Wiedersehen mit Eltern, Bruder und Freund mich im Handumdrehen an Körper und Geist gesund machte. [...]
Vom Bahnhof Sorgau hatte man nicht weit bis in den Fürstensteiner Grund und die an seinem Ende gelegene Neue Schweizerei. Der erste flache Weg durch die Felder gestaltet sich immer genußreicher, bis man durch liebliche Tälchen die Felsenschlucht, den wunderbarsten Naturpark, betritt.
Früh um fünf Uhr eines Tages erhoben wir uns, um mit Vater, von ihm dazu eingeladen, die Wanderung dorthin anzutreten. [...]
Was hatte doch – ich mußte darüber staunen – die Natur für mich wieder ein so anderes Gesicht! Nicht nur, daß ich aus mystischer Neigung zum Dunkel den Tag in Lederose nicht gern hatte, ich hatte sogar die Sonne dort wie einen grausamen Fronvogt betrachten gelernt. Ich wandte mich ab, wenn sie im Osten auftauchte und durch eine bestimmte offene Durchfahrt mit grellem Licht in den Gutshof brach. Des Sonntags – es mochte der schönste Tag im Sommer sein – steckte ich nicht einmal die Nase freiwillig aus dem Fenster heraus und ließ sogar die Rouleaus herunter. Nun hatte der Sommer wieder sein Festliches. Das Grün der Wiesen und Erlen begleiteten Bäche; die mächtigen Baumgruppen, die sausenden Flüge der Schwalben, der Vogeljubel, das Himmelsblau und die frische, stählerne Morgenluft waren eine einzige Glückseligkeit. [...]
Den Rückweg zeichnete ein unvergessenes Gespräch mit dem Vater aus. Er kam auf geschlechtliche Dinge zu sprechen. Wenn ein junger Mensch in die Jahre der Geschlechtsreife träte, müsse er doppelt auf sich achtgeben. Seine Beziehung zum Weibe erhalte dadurch ein anderes Gesicht. Die allgemeine Erfahrung lehre, daß ein gesunder junger Mann auf die Dauer ohne den körperlichen Verkehr mit dem andern Geschlecht nicht auskomme. Es sei besser, damit zu rechnen, als umgekehrt, da auf die sichere Wirkung von Tugendlehren kein Verlaß bestünde. Man könne nicht einmal sagen, ob im Hinblick auf eine gesunde körperliche Entwicklung Enthaltsamkeit zu empfehlen sei. »Du hast einen Fall in nächster Nähe«, sagte mein Vater, »der immerhin lehrreich ist. Warum sollte ich davon gegen dich schweigen? Onkel Schubert in seiner Reinheit, seiner echten Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit hat sich bis ins vierzigste Jahr jedes geschlechtlichen Umgangs enthalten und sich nach dem Urteil der Ärzte einen dauernden Schaden zugefügt. Als er die Schwester deiner Mutter heiratete, zeigte es sich, daß sein Sexualempfinden verkümmert war. Es mußten allerhand Kuren gebraucht werden, bevor dein verstorbener Vetter Georg ins Leben treten konnte. Das Glück und Unglück dieser Ehe ist damit gekennzeichnet. Du wirst, es kann nicht ausbleiben, eines Tages das getan haben, was die meisten, wenn sie dein Alter überschritten haben, eben tun. Bevor du dich aber zu einem solchen Entschluß hinreißen läßt, versichere dich nach Möglichkeit, daß du einen gesunden Menschen vor dir hast, denn ...« Und nun trat er in die Beschreibung jener beiden Krankheiten ein, die man als Geißel der Menschheit bezeichnet. Er sagte: »Zeigt sich einmal bei dir, was Gott verhüte, ein noch so leichtes, so und so geartetes Symptom, dann verfalle nicht etwa in den Fehler, es aus falscher Scham zu verheimlichen! Das ist der Grund, weshalb viele der gleichen Fälle sich schließlich als unheilbar erweisen. Also nichts verschleppen, verstehst du mich, sondern du wirst dich beim leisesten Verdacht mir oder, koste es, was es wolle, sofort dem bedeutendsten Spezialarzt, den du finden kannst, anvertrauen.« Der so sprach, war nicht mehr nur mein Vater, er war mein Freund. Er betonte das auch, indem er sagte: »Du bist in ein Alter getreten, in dem ich dir nichts mehr befehlen oder verbieten, sondern nur noch als Freund nahe sein und dir aus dem Schatz meiner älteren Erfahrungen Ratschläge geben kann.«

Fünfzigstes Kapitel
 Nach Lederose zurückgekehrt, war ich ein anderer Mensch. Ich lebte auf einer höheren Ebene, zu der mich der Verkehr mit Carl und Ploetz, das Gespräch mit meinem Vater erhoben hatten. Besonders dieses, durch das mir von dem auf Erden höchst verehrten Menschen die Lebensrechte eines Erwachsenen zugebilligt worden waren, wirkte auf meine innere, meine äußere Haltung ein. Als ich freilich in der gewohnten Weise mir selbst überlassen dahinlebte, mich die alte Tretmühle Woche um Woche mehr und mehr abgestumpft hatte, erwies sich die neue Ebene nicht immer als tragfähig. Wie auf einer zu dünnen Eisdecke brach ich wieder und wieder ein und mußte mir zu Gemüte führen, daß die Gefahr des Ertrinkens noch keineswegs überwunden war. [...]
Insbesondere war es der Landmann, dessen Wesensart und Lebensform mich lebhaft beschäftigten. Sein Vertrauen gewinnen war schwer, ja etwas im guten aus ihm herauszubringen, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Frauen besaßen mehr Intelligenz, und ihre Freude am Reden bedeutete eine natürliche Aufgeschlossenheit. Was ich auf diese Weise erfuhr, überraschte mich und erweckte in mir einen Drang, auf die meiner Meinung nach verblendete Denkungsart der Dorfbewohner einzuwirken, die gegen so ziemlich alles und alles außer dem engen Kreise bäuerlicher Tätigkeit ablehnend war. Die Verstrickung in eine Art Demagogie erregte und belebte mich. Ich, der ich vor allem der Belehrung bedürftig war, verfiel dem Zwang, belehren zu wollen. Aber docendo discimus – ich habe auch durch Lehren gelernt.   Ich brachte diesmal nach Lederose die Freude am neuen Deutschen Reich, übernommen von meinem Vater, in das ärmliche Gutsleben mit. Das Echo im besten Fall war Gleichgültigkeit. Wenn ich mit übernommenem Enthusiasmus von Bismarck, Moltke und anderen sprach, war entweder ein tückisches Schweigen die Antwort, oder Moltke wurde ein Feigling genannt, der sich immer wohlweislich hinterm Berge gehalten und andere ins höllische Feuer geschickt habe. Da war ein lebhafter, etwas stotternder Gutsarbeiter, der drei oder vier bildschöne Töchter hatte. Er besaß ein kleines Anwesen und stand in Arbeit auf unserem Hofe. Er sprach überstürzt, wenn er das Wort ergriff, und ebenso düster verbittert, wie seine schweigende Miene meist düster verbittert war. Er hatte im Kriege von siebzig eine Enttäuschung gehabt, aber sie war es nicht, die seiner Feindschaft gegen alles und alles, den Kaiser, das Reich, die Regierung, das Parlament, zugrunde lag. Dazu war diese Feindschaft in dieser Gegend zu allgemein. [...]
Übrigens verbreitete sich die Lästerchronik über alles, was mit Regierung und Behörde, mit Kirche und Gerichtsbarkeit zusammenhing. Hier sei alles auf die Bedrückung und Beraubung des gemeinen Mannes angelegt. Ähnliche Urteile hörte man unter den Weibern beim Rübenhacken hin und her gehen. Die Arbeiter riefen sie einander beim Düngerladen oder Garbenreichen zu. Die Siegesfreude, die deutsche Einheit, durch die Reichsfahne dargestellt, der Taumel des Erfolges, kurz alles; was die Lehrer in den Schulen, das Bürgertum und einen Teil des Adels begeisterte, hatte hier nur stille Wut und dumpf entschlossenen Haß ausgelöst. Diese Volksseele ließ sich durch nichts erweichen. [...]
Von der erbitterten Feindschaft aller dieser Menschen gegen die andere Schicht, der auch der gütige Onkel Schubert und ich angehörten, hatte ich nichts gewußt. Da Knechte, Mägde, Tagelöhner und Tagelöhnerfrauen ihre Arbeit nicht freiwillig, sondern durch die Not gezwungen mit knirschendem Ingrimm verrichteten, lebten sie ja in Sklaverei. Die Sklaverei war nicht abgeschafft, ich wollte das aber im Grunde nicht Wort haben. Unzählige Fragen, die in mir aufstiegen und die ich zunächst nicht beantworten konnte, vermehrten meine innere Unruhe. [...]
Mein Bemühen, die verhaßte obere Schicht als notwendig, ja verdienstlich hinzustellen, fruchtete nichts. Diese sturen und harten Köpfe wollten im Grunde keine Wissenschaft, weder die niederen noch die höheren Schulen, ja überhaupt die Städte nicht gelten lassen. Da wohnten für sie nur unnütze Fresser und Faulenzer. Bismarck, Moltke und der Kaiser, hieß es, täten für die armen Leute nichts. Den Eltern würden die Kinder, das heißt die Arbeitskräfte, genommen, und diese müßten sich drei Jahre lang um nichts und wieder nichts beim Militär kujonieren lassen und abrackern. Der Reichstag bestehe aus einem Haufen von Betrügern und Nichtstuern. In dieser Art, die Welt zu betrachten, die vaterländischen Dinge zu beurteilen, herrschte völlige Einigkeit, und niemand war davon abzubringen. Man hatte mir »Menschenschinder!« nachgerufen. Ich mußte erkennen, daß in den Augen dieses Volkstums jeder Gutsbesitzer, jeder Bürger einer war, ohne daß eine solche Verblendung auf demagogische Umtriebe zurückzuführen gewesen wäre. Auch für Agitatoren, die sie ebenfalls für Betrüger erklärt hätten, waren sie völlig unzugänglich. In dem Bestreben, sie in versöhnlichem Sinne zu beeinflussen, in der natürlichen Neigung für sie und in dem Wunsch, ihr Fassungsvermögen zu ergründen, sprach ich eines Tages einer Arbeitskolonne, die ich im Feld zu beaufsichtigen hatte – es waren ältere Männer, Weiber und Kinder darin vertreten –, den »Taucher« von Schiller vor. Hier endlich kam die Stunde zu Ehren, in der mir mein Vater vor Jahren diese Ballade eingeprägt hatte. Ich konnte mich überzeugen, daß sie von Anfang bis zu Ende mit Spannung gehört und verstanden wurde. Ihr Inhalt lief noch tagelang während der Arbeit von Mund zu Mund. Der Edelknecht war der Liebling aller geworden. Zur Beschimpfung des Königs, der den Becher zum zweitenmal ins Meer geworfen hatte, mußte der herrschende Dialekt die allerkräftigsten Ausdrücke hergeben. Es war schön, zu sehen, wie die Augen dieses oder jenes lebhaften alten Weibchens funkelten, und kluge Bemerkungen aller Art aufspringen zu hören, die bewiesen, welche Macht die unsterbliche Dichtung auf diese gesunden Gemüter ausübte. Ich weiß seitdem, daß der Durst nach dem Schönen in den meisten unverbildeten Menschen verborgen ist. Beiläufig sei gesagt, daß unter diesen Leuten, die täglich elf Stunden mit gekrümmten Rücken Rüben hackten oder eine andere Arbeit taten, die Weiber fünfzig Pfennige, die Männer eine Mark Tagelohn erhielten, einen Lohn, bei dem selbst die christliche Seele meines allgütigen Onkels Schubert nichts zu erinnern fand.

Einundfünfzigstes Kapitel
Die Sorgauer Pfingsttage brachten mir unter anderem Fördersamen auch die Erneuerung meiner ornithologischen Neigungen. Eines Tages fand ich auf der Post ein Paket, dessen Inhalt mich in einen kleinen Glückstaumel versetzte. Es enthielt ein mit schönen Illustrationen versehenes Buch, dessen Titel »Deutschlands Tierleben von Professor Gustav Jäger« lautete. Bruder Carl hatte es von seinem Taschengeld gekauft und mir zum Präsent gemacht.  [...]
Carl, der mich mit dem Buche erfreuen und fördern wollte, konnte unmöglich wissen, in welchem hohen Maße er es wirklich tat. In meinen Augen war dieses Buch ein Pfand, aus besseren Welten herabgefallen. Ich trieb mit ihm förmliche Abgötterei. Es war mein letzter Gedanke beim Einschlafen und mein erster, wenn ich, wie immer, morgens um drei aus dem Bette sprang. [...]
Ich war ein Sünder, der Sünden beging. Von dieser Meinung konnte mein Gewissen nicht ablassen. Der Wunsch, der Wille, das Streben, ihrer Herr zu werden, erwies sich immer wieder als trügerisch. Das vernichtete mich vor mir selbst und vor Gott. Es ließ mich an mir selbst verzweifeln. Wo ich mich aber davon losmachen wollte, geriet ich nur immer tiefer ins Sündengestrüpp. Warum half mir nicht Gott, wo er doch sah, wie sehr ich litt! Also war er nicht gut, oder war er nur nicht allmächtig? So zweifeln hieß aber wiederum sündigen! Man mußte glauben! Konnte man aber den Glauben nicht finden, so mußte man wiederum Gott darum bitten. Da war wieder die Frage, ob er ihn geben wollte, konnte oder nicht. Warum sollte er ihn nicht geben wollen, da er doch wollte, daß man ihn hat? Und da man doch andererseits wissen soll, der Mensch habe nichts, aber auch gar nichts aus sich selbst, er kann und vermag nichts aus eigener Macht, war es nicht seltsam, wenn selbst die Frömmsten der Frommen gegen die Anfechtungen des Unglaubens täglich zu ringen hatten? Selbst Tante Julie lebte in dieser Beziehung in einem dauernden inneren Kampf. [...]
Warum sage ich diese Worte: »Herr, führe uns nicht in Versuchung!« zu Gott? Wenn er das tut, so kann man nicht anders als meinen, er unternehme zuweilen etwas, was sonst nur des Teufels Sache ist. Und jemand in Versuchung zu führen, von einem selbst abzufallen, der einem aus ehrlichem Herzen treu bleiben will, ist das nicht, menschlich genommen, Bosheit und Tücke? Selbst der Frömmste, der täglich zugegebenermaßen um seinen Glauben an Jesum Christum und also um seine Seligkeit kämpfen muß, lebt also einen Teil seiner Zeit in Gottlosigkeit. Er ist zeitweise Atheist. Gott will es so, er würde sich sonst ihm nicht verbergen. Warum aber, fragt man, will er das? Soll man aber auf ein Wissen von Gott hoffen, wo selbst der Glaube erbeten werden muß und jederzeit hinfällig ist? Sind wir also vielleicht verdammt und suchen uns auf verzweifelte Weise durch Selbstbetrug zu trösten? Ich weiß nicht, gingen solche Gedanken aus meinem Trübsinn hervor oder mein Trübsinn aus solchen Gedanken?  [...]
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

10 November 2017

Ein Kanzler mit NS-Vergangenheit (zu Johnson: Jahrestage)

Ein Kanzler mit NS-Vergangenheit  von Birte Förster (http://blogs.faz.net/cresspahl/)
In New York trifft Gesine Cresspahl auf Uwe Johnson, in Jerichow ihr Vater Heinrich auf die missbilligende Frau des Pastors, in Rande wird ein Mann namens Voss von Nazis erschlagen. Über die Entgrenzung von Gewalt und die Unfähigkeit eines Schriftstellers, Kiesinger und dessen Regierungssprecher, Freund aus dem NS-Außenministerium, zu erklären. [...]
Im Januar 1967 ist Gesine Cresspahl Zeugin, wie der „Schriftsteller Johnson“ bei einer Veranstaltung des American Jewish Congress daran scheitert, die Wahl Kurt Georg Kiesingers zum Bundeskanzler zu kommentieren. Sie beobachtet, wie sich erst Technik und fremde Sprache, dann auch das Publikum gegen ihn wenden, als er umständlich nach Erklärungen sucht. Geschichtsvergessenheit als Argument seiner Kritik an der Deutschen Regierung kam bei seinen Zuhörer*innen nicht gut an. Der gutmeinende Schriftsteller „hatte noch nicht begriffen, daß Zeit und Adresse ihm die Schuldlosigkeit des Fremdenführers aus der Hand genommen hatten“. Mit der Blauäugigkeit dieser Annahme konfrontiert das Publikum seinen Gast bei der Diskussion. Angesichts der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie ist für sie ein Vergessen nicht möglich:
„Und sie sagten: Meine Mutter. Theresienstadt. Meine ganze Familie. Treblinka. Meine Kinder. Birkenau. Mein Leben. Auschwitz. Meine Schwester. Bergen-Belsen. Mit siebenundneunzig Jahren. Mauthausen. Im Alter von zwei, vier und fünf Jahren. Maidanek.“

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.44-48)

Vierundvierzigstes Kapitel
Von Zeit zu Zeit ging ich mit Onkel Gustav in das nahe Dorf Lederose. Dort, an der Straße, gegenüber dem Hoftor seines neuerworbenen Bauerngutes, wurde für ihn und die Tante ein Wohnhaus errichtet. Der Maurermeister aus Großbaudiß, der es baute, stand Onkel und Tante nahe durch schlichte Güte und Frömmigkeit. [...]
Mein Selbstbewußtsein hatte sich an der Seite Brinkes mit dem wachsenden Verständnis für meine Arbeit und allerlei kleinen Erfolgen darin wiederhergestellt. Ein unterbundener Zug meines Wesens, die Neigung, auf andere bestimmend einzuwirken, wie es mir als Knaben gegenüber meinen Gespielen gewöhnlich war, trat wieder hervor. Was damals aber gegeben war, erwuchs hier in einem aufgezwungenen Kampf, in dem es die härtesten aller Widerstände zu überwinden galt. Ich hatte, unreif wie ich mit sechzehn Jahren sein mußte, dieses ungleiche Ringen herausgefordert. Nicht ohne alles Rüstzeug, aber ohne alle Erfahrung ging ich gegen die Mächte der Gewohnheit, des Hasses der Unterdrückten und der Trägheit an: Mächte, die ich so nur gegen mich aufstachelte.
Ich glaubte zu erkennen, daß man gewisse Verrichtungen, wenn man sie anders angriffe, in einem Bruchteil der sonst darauf verwendeten Zeit durchführen könne. Es gelang mir zum dumpfen Ärger der alten Arbeiter durch Anfeuern meiner Kinderarmee mit überraschender Schnelligkeit noch vor Ausbruch eines Gewitters Heu in Haufen zu bringen, ich gewöhnte mir das Kommandieren an und wußte meinen Willen, oft einen gewiß recht dilettantischen, allmählich rücksichtslos durchzusetzen. Der Anfänger wollte bereits Reformer sein, wie denn Voreiligkeit in dieser Beziehung meine Schwäche geblieben ist.
 Dieser Sommer, in dem sich übrigens bei mir der Stimmbruch vollzog und der mich in allen meinen Wesensteilen um und um gekehrt und fast gewaltsam erneuert hatte, endete im Herbst mit einer achttägigen Urlaubszeit. Und diese acht Tage überraschten mich wieder mit einer Fülle verschiedenartig aufwühlender Eindrücke.
Am Morgen meines Urlaubsantritts stand ich um vier Uhr auf, denn ich hatte beschlossen, den ganzen Weg bis Salzbrunn per pedes apostolorum zurückzulegen. Einer von den Hofejungens, über das schulpflichtige Alter hinaus, der sich besonders an mich angeschlossen hatte, erwartete mich, um mich zu begleiten. Der Junge war klug, und ich hatte den Wunsch, ihm bei seinem Fortkommen nützlich zu werden. Es gefiel mir, daß er aus dem Druck und Trott des Hörigendaseins heraus wollte. Wir wanderten viele Stunden lang erst im Dunkel und dann, bis die Sonne im Mittag stand, und Geisler, wie mein Begleiter hieß, mußte mir einen Käfig mit mehreren jungen Elstern nachtragen.
Wir pilgerten über Striegau, wo ich Geisler und mir Kaffee und Kuchen in einer Konditorei gönnte und am Staunen des Jungen mich erletzen konnte, der weder bisher eine Stadt gesehen noch von der Einrichtung einer Konditorei und ihren Leckerbissen einen Begriff hatte. Er kam aus dem Lachen nicht heraus, als er sich Apfelkuchen mit Schlagsahne schmecken ließ, eine Himmelsspeise, an die der kühnste Traum seiner Jugend nicht heranreichte.
Im weiteren ließen wir unter dem klaren Licht der Herbstsonne Dörfer um Dörfer hinter uns; über abgeerntete Felder der weiten Ebene flogen die Herbstfäden. Hatten wir vor Striegau den Streitberg mit seinem Kreuz und seinen Granitbrüchen im Blick, so sahen wir jetzt überall den Zobten, diesen aus dem flachen Gelände steigenden, sagenumwobenen Berg, der mich, in Erinnerung an die mit Schlossermeister Mehnert unternommenen nächtlichen Wagenfahrten, bewog, meine Fabulierkunst vor Geisler glänzen zu lassen: daß im Innern des Berges alte Männer seit Jahrtausenden um einen runden, steinernen Tisch säßen, durch den ihre Bärte gewachsen seien, wurde mir mit Staunen wortwörtlich geglaubt, wenn auch über die Art und Weise, wie das möglich sei, zögernd schüchterne Fragen laut wurden. [...]

Fünfundvierzigstes Kapitel 
Lederose schluckte mich also für ein Jahr gleichsam ein. Man sah das Dorf, obgleich es Lohnig benachbart war, da es eine Bodenfalte verbarg, von dort aus nicht. Seine Lage an einem von Erlen verhüllten, still fließenden Wasser war recht anmutig. An einem Ende der geraden Dorfstraße lag der Kretscham, am andern der Hof des Dominiums. Ihn wieder beherrschte ein Herrenhaus, das rückwärts in einen alten, gepflegten Park blickte, in dem sogar ein kleiner See mit Schwänen vorhanden war. [...]
Der ganze Ort war in Bäume und Büsche gebettet, so daß vor dem Lärm aller Arten von Vögeln manchmal das eigene Wort nicht zu hören war. Aber nun gerade, hier in Lederose, bedeckte mich allmählich irgend etwas ähnlich einem Leichentuch. Es fehlte Brinke, es fehlte das weitverzweigte Gutsleben. [...]
Das neue Dasein schien mir anfangs idyllisch und recht angenehm. Ich unterdrückte das Gefühl der Beängstigung, sooft es in mir aufsteigen wollte. Gewiß, um mich in die neue Lage zu finden, mußte ich mir einen kleinen Ruck geben. Unausgesprochen, nur halb bewußt, war irgendein Widerstreben in mir, verbunden mit einer Empfindung von Sinnlosigkeit. Der Sohn eines Bauern war ich nicht, ebensowenig wie Onkel Schubert ein Bauer. Und doch war dies Gütchen, das erkannte ich selbst sofort, nur von einem Bauern und seinem Sohne, Leuten, die selber zugriffen, zu bewirtschaften. Und ebendiese Erkenntnis mit dem Schluß, daß wir beide nun wirkliche Bauern werden müßten, wurde mir eines Tages von Onkel Schubert vorgetragen. Dabei mußte ich merken, wie wenig er mit mir zufrieden war. »Wenn du nicht das und das und das und das und das und das gelegentlich verrichtest«, sagte er, »muß ich mir einen Großknecht anschaffen.« Seltsam fiel es mir in den Sinn, daß ich nun nach den Ausblicken des Dominialbetriebes, den ornithologischen Anfängen, den Bestrebungen zur Wiedererweckung der Reiherbeize und Falkenjagd als höchstes Ziel den vollendeten Großknecht in mir sehen sollte, eine Möglichkeit, die mir zu keiner Zeit ins Bewußtsein getreten war. [...]
Aber um ernsthaft über die Torheit einer solchen Bestimmung bei meiner knabenhaft zarten Konstitution nachzudenken und dagegen zu protestieren, ruhte ich noch zu sehr im Gefühl blinder Anhänglichkeit. Es dauerte noch geraume Zeit, bevor ich das Selbstbestimmungsrecht des Menschen erkannte und mir zubilligte. Ich versuchte zu einem Großknecht heranzureifen. Um Onkel und Vater nicht zu enttäuschen und mich womöglich untauglich zu erweisen für einen Beruf, an den ich mich nun für immer gebunden glaubte, unterzog ich mich einer strengen, selbstgesetzten Disziplin: einer Regel, die einzuhalten nicht weniger anstrengend war als die irgendeines Mönchsklosters. Überm Bett meines ebenerdigen Schlafzimmers, eines dumpfen Raumes des alten bäuerlichen Wohnhauses – der Neubau war noch nicht ausgetrocknet –, brachte ich eine Schelle an, deren Schnur durchs Fenster auf die Straße ging, wo sie, und zwar um dreiviertel drei des Nachts, der Nachtwächter, um mich zu wecken, ziehen mußte. Dann stand ich auf – es war Spätherbst und kalt –, in welcher Verfassung ist leicht zu ermessen, und machte mich durch das Wecken von Knechten und Mägden unbeliebt. Nun gab ich im Dunkel fröstelnd und frierend Heu und Hafer in vorgeschriebenen Mengen heraus und mußte mich von den mißgelaunten und geärgerten Leuten angrobsen lassen. Um fünf Uhr waren die Pferde angeschirrt, die Gespanne begannen ihre Tätigkeit. Die Knechte bestiegen jeder sein Sattelpferd und ritten auf die Felder, um zu pflügen, oder es wurde Dünger geladen und hinausgebracht. Jetzt begann das Melken, dem ich gelangweilt beiwohnte. Die Mägde zogen im Halbschlaf die Zitzen oder brachen, wenn die Kuh sich unangemessen bewegte, in unflätiges Schimpfen aus. Der Stall war dunkel bis auf das Licht einer kleinen Ölfunsel. Diese Frühstunden waren überhaupt in Nacht getaucht. Aber im Kuhstall war es warm, und man konnte womöglich ein kleines Nickerchen nachholen. [...]
Meine Stimme veränderte sich, ich war nicht wenig erstaunt darüber. Mein ganzer Körper unterlag einer Umwandlung. Es war in mir eine seltsame Unruhe, die mit vielen sonderbaren Symptomen befremdend in mein Leben trat. Eine gewisse Scheu stieg in mir auf. Es zog mich überall ins Verborgene. Hatte ich ein schlechtes Gewissen, oder wurde mir halb bewußt, daß der eigene Körper in seinen heimlichen Tiefen schöpferisch ward? Noch war nichts Denken, alles Instinkt, alles Gären, Drängen und Werden im Dunkeln. Das vielleicht größte Wunder des Lebens kam in schwülen Spannungen, irdisch-überirdischen Ahnungen, Süchten und Sehnsüchten über mich. Zugleich eine Furcht, eine Angst, der Ansturm des Neuen könne meine Kraft übersteigen. Natürlich litt ich an heftigem Herzpochen. Diese Zustände hatten ihre Gefährlichkeit. Sie konnten den Sinn des Lebens einleiten, aber ebensogut den Tod. Was da vorging, in mir rang, ich spürte das, war keine Geringfügigkeit. Ich behielt es für mich, ich hätte es niemand verraten mögen. Auf den Gedanken, mein Zustand könne nach außen bemerkbar sein, kam ich nicht. Ich sah überall Dinge, die mir neu waren: die Waden und nackten Arme der Mägde, wenn sie mit Gabeln an langen Stielen das Grünfutter abluden, seltsam reizende Formen in der Natur, betörende Münder, lockende Augen; Kühe wurden zum Stiere gebracht, ein landwirtschaftlicher Akt, dem ich beiwohnen mußte. Er hatte jedesmal etwas Spannendes. Schwüle Träume kamen des Nachts. Es herrschte darin eine im Anfang bestürzende Zuchtlosigkeit. Morgens tauchte die Frage auf, ob das, woran ich mich klar erinnerte, wirklich geschehen sein konnte und wie es überhaupt möglich war. Dem Teufel diese frappanten Ereignisse zuzuschreiben, darauf verfiel ich nicht. Aber ich hatte Gewissensbisse. Körperliche Arbeit ging nebenher. Da ich mir schon in Lohnig die meisten technischen Handgriffe im Bereich des Hof- und Feldbetriebs angeeignet hatte, konnte ich sie auf dem Gütchen ausüben. Ich verstand mit dem Pfluge, der Sense, der Zuckerrübenhacke umzugehen, konnte dreschen und Garben binden und übte nach Maßgabe meiner allerdings schwachen Kräfte dies alles je nach Bedürfnis aus. Ein wirkliches Eingreifen in den Betrieb des Gütchens war das nicht. Und da Knechte, Mägde und Gutsarbeiter das Ihre gewohnheitsmäßig taten, quälte mich allenthalben ein Gefühl der eigenen Überflüssigkeit. Zum Großknecht konnte ich mich nicht entwickeln. Ich hätte nötig gehabt, es als Schwerarbeiter allen voran zu tun. Aber wie hätte ich können einen Sack voll Weizen, der etwa zwei Zentner wog, auf den Oberboden hinaufbuckeln? [...]
Die Jahreszeit wurde immer unwirtlicher. Wir kamen in den Dezember hinein. Onkel Schubert hatte eine Dreschmaschine mit Dampfbetrieb angeschafft, die im ganzen Striegauer Kreise herumreiste. Zuweilen, was eine Art Fest bedeutete, arbeitete die Maschine bei uns. Da war das eiserne Schwungrad, da war der Treibriemen, da war das Geratter und Geklapper, das alle erregte, die Leute schreien und lachen machte, und nicht zuletzt der Lokomotivenpfiff, der die große Welt des Verkehrs vortäuschte. Ich drängte mich zu der wichtigen Arbeit des Einlegens und übte sie eine Weile aus. Eine vom Bunde frei gemachte Garbe wird einem in die Arme gelegt, und man muß sie dem brausenden Maul der Maschine, auf bestimmte Weise gelockert, einschütten. Wieviel die Maschinentrommel in einer Stunde verarbeitet, das hängt von der Schnelligkeit, der Ausdauer und Geschicklichkeit des Einlegers ab. Die Arbeit strengt an, man muß viel Staub schlucken, und da man sie nicht lange hintereinander ausüben kann, wird nach einer mehr oder weniger langen Zeit der Ersatzmann nötig. Aber die Stellung auf dem Maschinendach, der Reiz des Vorgangs und seine Wichtigkeit machten die Arbeit begehrenswert. [...]
Das wachsende Dunkel war in seiner Wirkung recht vielfältig und ebenso mein Verhältnis dazu. Es machte mich traurig einerseits und hatte doch auch mit jenem fruchtbaren Dunkel zu tun, in dem sich Keime aus Samen entwickeln. So sehnte ich mich immer mehr aus dem Dunkel zum Licht, noch mehr aber aus dem Licht zum Dunkel, so daß der Tag und besonders jegliche Art von Geselligkeit als Störung, ja manchmal als Raub empfunden wurden.   Die Essenz und der Kern meines Lebens war Heimlichkeit. Das wahre große Ereignis, in dem ich stand, war das Erwachen des Geschlechtslebens. Eros nistet sich in uns ein. Er nimmt Quartier, gestaltet sich seine neue Wohnung. Der Jüngling fühlt und erkennt und begreift schließlich seine unabwendbare Gegenwart. Er parlamentiert, er verhandelt mit ihm, muß aber schließlich fühlen, daß er diesem Gast gegenüber ohnmächtig ist. Er sieht sich zu unbedingtem Gehorsam gezwungen, zum willenlosen Sklaven gemacht. Nun beugt sich der Sklave und huldigt dem Gott. Und wie er in seinen Mysterien fortschreitet, verachtet er endlich jedes andere irgendwie geartete Glück in der Welt. [...]
Ich sah das Leiden der Kreatur: der Kühe, wenn das Kalb seine Hinterhufe wie zwei Stöcke aus der Mutter hervorstreckte. Daß ein ganzes, großes, vierbeiniges Tier durch eine so kleine Öffnung nachdringen sollte, schien ein Ding der Unmöglichkeit. Einige Stunden später war es da, lag neben der Mutter und wurde von ihr zärtlich und eifrig abgeleckt. Dann stand es auf, dann wurde es an das Euter gelegt und wieder einige Tage später vom Fleischergesellen abgeholt und zur Schlachtbank geführt. Der ganze Kuhstall geriet außer sich. Die verwaiste Mutter tobte, riß an der Kette und brüllte verzweifelt tagelang. Ich konnte beobachten, ich hatte Zeit, über die Mysterien der Zeugung, der Geburt und des Todes nachzudenken, da mir der ganze Tag dafür zu Gebote stand. Natürlich bewegte sich mein Denken nicht über den mir zugewiesenen Raum. Dagegen sah ich mich eines Tages auf dem Wege meiner Beobachtungen wiederum dahin gedrängt, Eindrücke, die sich mir immer wiederholten, mit Papier und Bleistift festzuhalten, was mir mit den Kühen sowie den übrigen landwirtschaftlichen Haustieren über alles Erwarten gelang. Das Zeichnen brachte meinen dumpfen Stunden Erleichterung. Es kam mir vor, als könne diese mir in den Schoß gefallene Tätigkeit irgendwie und -wann ein Glück für mich sein, ganz abgesehen von der Freude, die mir schon jetzt dadurch zuteil wurde. Eine schwache Regung von Ehrgeiz mochte dabei im Spiele sein. Er würde sich dann auf meine Zukunft als Landwirt nicht bezogen haben, und schon darum gehörte, das Zeichnen ins Gebiet meiner Heimlichkeit. In ihrem Schutze habe ich auch meine ersten Gedichte gemacht, die gleich den Zeichnungen unerwartet und plötzlich da waren. Ich sage deshalb, daß es meine ersten gewesen sind, weil ich die früheren nicht dafür halte.   Lederose war für mich eine Sackgasse. Ich empfand es dumpf, ohne mir dessen bewußt zu sein. Sicher ist, daß der kurze Vorstoß von Rittergut Lohnig ins Große, Freie in sie mündete. Leider brachen in ihrem Halblicht, ihrer Aussichtslosigkeit alle überwunden geglaubten hemmenden Mächte, die Erbschaft der Schule, wieder herein. Der Schlag, den mir die ersten Breslauer Schulstunden versetzt hatten, brachte sich durch eine Schwäche des Rückgrats in Erinnerung. Ich unterlag, womöglich verstärkt, meinem Kleinheitswahn. Ich hielt nichts von mir. Und wann hätte ich mir auch während der Breslauer Schulzeit irgend etwas diese Überzeugung Entkräftendes beweisen können? Noch sah ich die Schule als etwas Gottgegebenes, Infallibles, etwas furchtbar Vollkommenes an, dessen Anforderungen ich ganz einfach nicht gewachsen war. Ich wurde mit Recht deshalb ausgeschieden. [...]
Da ich, auch wenn ich gewollt hätte – einen Freund oder Kameraden hatte ich nicht –, mich niemand eröffnen konnte, wühlte ich mich immer tiefer in mich selbst hinein, in dem gefährlichsten Zeitraum zwischen Knaben- und Jünglingsalter allen Zwiespältigkeiten seelisch-sinnlicher Regungen preisgegeben. Dem natürlichen Zustand der Vereinsamung folgte die Verfinsterung.

Sechsundvierzigstes Kapitel 
Ein harter Winter brach herein. Da mein Zimmer ohne Ofen war, gefror das Wasser in der Waschschüssel. Ein übler Husten quälte mich, der aber von den Verwandten nicht beachtet wurde.  [...]
Einer meiner Träume von damals bleibt mir besonders merkwürdig und, weil er die Aufgestörtheit meines Seelenlebens zeigt, erwähnenswert. Da ich mich um drei des Morgens wecken ließ, schlief ich sehr unruhig. Das alte Gutshaus, in dem ich noch immer aushalten mußte, war recht unheimlich. Der Bauer und letzte Besitzer des Hauses sollte sich an einem Balken des Oberbodens aufgehängt haben. Bei der Arbeit wurde davon erzählt, wie denn überhaupt die alten Tagelöhnerweiber die lebende Chronik des ganzen Landbezirkes sind. Ratten und Mäuse sind von Ställen, Scheunen, Getreideböden und Milchkellern nicht auszuschließen. Sie sprangen, tanzten, quiekten des Nachts auf der niedrigen Decke über meinem Kopf. Es ist von der Schelle die Rede gewesen, die ich mir übers Bett gehängt hatte, um mich von der Dorfstraße aus durch den Nachtwächter wecken zu lassen. Das geschah wie immer eines Nachts. Ich warf wieder die Beine aus dem Bett, während die Schelle noch schrie und schepperte. Mit den Phosphorhölzern zündete ich meine Kerze an. Ich fror, ich zog mir die Beinkleider über, zwängte die Füße in die Schaftstiefel, die noch vom vorigen Tage naß und beschmutzt waren, und erhob mich, die übliche Katzenwäsche zu bewerkstelligen. Als das getan war, noch das klägliche Läppchen Handtuch in der Hand, bemerkte ich in dem herzförmig ausgeschnittenen Loch des Fensterlädchens ein schwaches Licht. Gleich darauf war mir, ich hörte entferntes Singen. Das alles überraschte mich, denn schließlich war es ja draußen tiefe, mondlose Nacht, und ein solcher Gesang – es schien kindlicher Chorgesang – war selbst am Tage in diesem entlegenen Ackerdörfchen kaum je gehört worden. Ich zog die Weste, die Jacke und eine zweite, dickere darüber an, umwickelte meinen Hals mit einem Schal, stülpte mir eine Baschlikmütze auf den Kopf und wollte dann sehen, was draußen los wäre. Ich machte das Lädchen, das Fensterchen auf und sah zu meinem wirklichen Staunen, wie sich ein Kinderfestzug, wie sie bei Schulspaziergängen üblich sind, von der Kretschamseite aus die Dorfstraße herauf bewegte. Das Unwahrscheinliche dieser Tatsache konnte nicht hindern, daß sie eine war. Ich fragte den Wächter, der in altertümlicher Weise mit Horn, Spieß, Schaffell und Schaffellmütze ausgerüstet war und noch wartend vor meinem Fenster stand, wie er sich diesen Aufzug erklären könne. Er fand nichts Sonderbares darin. Ich selbst aber ward durch die Begrüßung eines Salzbrunner Jugendgespielen in unbefangener Weise in eine natürliche Verbindung mit dem seltsamen Vorgang gebracht. Wie kommst du hierher? fragte ich, als mir der Freund in schalkhafter Wiedersehensfreude durchs Fenster die Hand reichte. Es schien, die Sache war, etwa um mir eine Freude zu bereiten, abgekartet. Denn nun erkannte ich Alfred Linke, Gustav Krause, den Fuhrmannssohn; Ida Krause, die längst Verstorbene, schritt unter den Schulkindern, und diese führte, es war kein Zweifel, wie ein Hirt die Herde, der alte Salzbrunner Schullehrer Brendel an,  [...]
So wurden wir denn von Frau Kirchner außen herum um die alte Burg geführt. Der Anblick des Felsentales, auf dessen Klippe sie thronte, war großartig. Wir erreichten eine kleine, versteckte Spitzbogentür, wo Frau Kirchner mit knochigen Händen anpochte. Eine Antwort von innen erfolgte nicht. Da schrie sie mehrmals: Kastellan! Kastellan!, während ich fast verzweifelt erklärte, daß ich auf das Bett der Kaiserin nicht den allergeringsten Wert lege. Ich fühlte, wie ich heftiger wurde. Mich ginge die Kaiserin gar nichts an, die Kaiserin sei mir mehr als gleichgültig, ich hätte wahrhaft anderes zu tun, als das Bett einer Kaiserin anzuglotzen. Ich raste, ich schrie: einer der albernen, kläglichen Gaffer, wie sie Frau Kirchner gewöhnt sei, wäre ich nicht! Ich müsse zu meinem Kinderfest, und wenn sie mich jetzt in Dreiteufelsnamen nicht loslasse – bei diesen Worten entdeckte ich plötzlich einen alten, verrosteten, kunstreich geschmiedeten Klingelzug, der mir eine Erlösung deuchte. Ich hängte mich daran, ich riß daran, um wenigstens den Kastellan zu wecken, um wenigstens zu dem verdammten Bett zu gelangen und dann im Laufschritt davonzustürmen. Ein Donner erscholl, die Schelle schallte durch die Räume der alten Burg, daß der Kalk von den Wänden rieselte. Nie habe ich eine Schelle so ohrenzerreißend schmettern hören ...   Und, bei Gott! es war keine andere Schelle als die über meinem Bett, die der Nachtwächter auf der Dorfstraße zog und die mich eben jetzt erst wirklich aufweckte.   
Unter den Traumerlebnissen, die ich gehabt habe, ist dies wohl das seltsamste. Es unterschied sich zunächst kaum von einer greifbaren Wirklichkeit. Die Schelle des Wächters weckte mich, wie verabredet. Ich erwachte dort, wo ich wirklich lag, machte Licht, stand auf, befand mich in meinem eigenen Zimmer, trat ans Fenster, das ich geöffnet hatte, sprach mit dem Nachtwächter und sah, hörte und fühlte nun alles ganz wie im Leben, was ich geträumt habe. Aber bis ich die Schelle des alten Burgturmes zog, waren höchstens fünf oder sechs Sekunden vergangen. So lange hatte der Wächter gelauscht, ob ich antworte, bevor er die Schelle zum zweiten Male in Bewegung setzte, wo ich denn mit einem lauten »Jawohl!« diesmal wirklich erwachte und aus dem Bette sprang.

Siebenundvierzigstes Kapitel 
Es war wie der Sturz in eine eisige Gruft. Ich tastete um mich, griff die Zündhölzer, erlebte, was ich schon einmal erlebt hatte, indem es in meinem Grabe Licht wurde. Und nun hielt ich ein langes, erstauntes, mit Flüsterstimme geführtes Selbstgespräch. Das war mir denn doch noch nicht vorgekommen! Ich habe in den folgenden Wochen immer wieder über dies Ereignis nachgedacht, von dem ich natürlich Onkel und Tante, denen ich davon sprach, keinen Begriff geben konnte. Sie sahen in der Sache nichts Merkwürdiges. Überhaupt: wir verstanden uns nicht. Auch was ich sonst hie und da von meinen Gedanken merken ließ, verschwand ohne Widerhall.  [...]
Eines Tages – es war schon im neuen Haus, ich bewohnte bereits mein Zimmer in der Frontspitze – suchte der Onkel nach dem Kaffee ein Gespräch mit mir. Ich war betroffen. Er sagte das Folgende: »Mein lieber Gerhart, ich möchte dir etwas in allem Guten anheimgeben. Du mußt dich auf den nun einmal ergriffenen Beruf beschränken. Es gibt da unendlich viel zu lernen und zu tun, und du mußt es lernen und mußt es tun, wenn du die Hoffnung hast, einmal ein großes Gut etwa als Verwalter oder Inspektor leiten zu können. Ich mache aber gewisse Bemerkungen, die mich befürchten lassen, du zerstreust, du zersplitterst dich.« – Er griff in die Tasche und holte eine große Menge kleiner Zettel heraus, deren Charakter und Bestimmung ich zunächst nicht verstehen konnte. – »Kennst du diese Zettel? Kannst du dir denken, welcher Art diese Zettel sind? und weshalb ich sie nach und nach gesammelt habe?« Nein, wahrhaftig, das wußte ich nicht. Er wiederholte: »Du weißt das wirklich nicht?« Ich konnte das abermals versichern. »Nun, so laß dir sagen«, fuhr er fort, »wo überall wir diese Zettel gefunden haben. Denn auch Julchen, die Tante, hat ihrer fünf oder sechs an den allerverschiedensten Orten entdeckt: in der Mangelkammer, unter der schmutzigen Bettwäsche, im Kehricht, wenn das Mädchen aufräumte. Ich fand den ersten im Futterkasten unter dem Hafer für die Pferde, wo er Gott weiß wie hingekommen ist.« Es dauerte noch eine gute Weile, bevor der Onkel zur Sache kam. Das tat er etwa mit diesen Worten: »Die Kunst des Dichtens ist eine Gnadengabe von Gott. Ein Dichter, der einer ist, ist immer von Gottes Gnaden. Auf allen diesen Papierschnitzeln sind mit Bleistift Verschen geschrieben, deren Autorschaft du gewiß nicht leugnen wirst.« – Ja, nun wußte ich Bescheid, und wahrscheinlich bin ich nicht wenig erschrocken und über und über rot geworden. »Ach, das sind so Scherze, das sind so Späßchen«, sagte ich. »Nein, das sind keine Scherze, das sind keine Späßchen, das ist eine äußerst ernste Sache, die mit dir äußerst ernsthaft durchzusprechen ich mich für verpflichtet halte. Wären in diesen Gedichtchen Talentproben, ich wäre der erste, dich zu ermuntern, auf diesem Wege weiterzugehn. Andernfalls ist dies ein falscher Weg, durch den viel Zeit vertan werden kann und der nicht selten dazu führt, daß der, der ihn geht, in die schlimmste Selbsttäuschung hineingerät, dem Dünkel verfällt und als nutzloses Glied der menschlichen Gesellschaft durch Müßiggang im Elend endet.« Diese Drohung des Onkels ließ mich gleichgültig. Das Weitere ließ mich ebenso gleichgültig. Er könne es mir nicht vorenthalten, erklärte er, daß in diesem Geschreibsel nicht das geringste, nicht das allergeringste Zeichen von Begabung festzustellen sei. Vielmehr springe das Gegenteil in die Augen ..., und so fort, weshalb er mir dringend rate, lieber Berechnungen anzustellen über den und den und diesen und diesen Zweig der Landwirtschaft. Damit ging die Besprechung zu Ende.  [...]
Mit der Einfachheit und Selbstverständlichkeit des höheren Sinns, der belanglose Eingriffsversuche aus unebenbürtiger Sphäre keiner ernsten Beachtung würdigen kann, ging ich über den überflüssigen Vorstoß des Onkels hinweg und las Tante Julien ein Gedicht vor, das ich nicht lange danach gemacht hatte. Das Poem war lang. Nur wenige Zeilen, nämlich die Schlußzeilen, hat mein Gedächtnis aufbewahrt. Es sprach, soviel ist gewiß, Sehnsucht nach der ewigen Heimat aus, wo verklärte Seelen in Liebe vereint in unendlichen Wonnen dahinleben, wo der Kampf, der Schmerz, das Trennende, das häßlich Sündhafte sich in Reinheit, wie Gewölk im Blau des Himmels, verflüchtigt hatte. Dort ist das Nichterkennen in reine Erkenntnis, die Betäubung und Verwirrung in wache Freude, träge Mühe in alldurchdringende glückselige Kraft aufgelöst. Davon heißt es dann:
...
wo aus dem Dumpfen, Hohlen, Leeren
der reinste Harfenton ersteht,
in jener Schöpfung herrlicher Fülle,
wo liebend alles sich umschlingt
und nur ein einziger hoher Wille
mit Donnerton das All durchdringt.
Auch in diesem Gedicht erkannte Frau Julie Schubert, geborene Straehler, nicht das religiöse Gefühl, aus dem es entsprungen war; die so durch und durch musikalische Natur mit der göttlichen Stimme ward von der sehnsuchtsvollen Musik dieser Verse nicht berührt, die sie für unverständlich und überstiegen erklärte.
Ich füge das folgende arme Elaborat dazu, das mit anderen der Konfiskation meines Lehrherrn verfallen war. Es zeigte mich auf dem Wege zu einer allen Philosophen gemeinsamen letzten und höchsten Vorstellung, woraus erhellt, daß schon in jungen Jahren ein Menschenwesen aus sich an der irdischen Zerschiedenheit leiden und den Rückweg zur All-Einheit mit Hilfe einer zunächst irdischen Synthese suchen kann.
Es ist da von einem Gott die Rede, von dem gesagt worden ist:
...
daß, als er Wahrheit schuf, das Götterganze,
sie in Myriaden Splitter ihm zersprungen,
die sich zerstreueten im Wirbeltanze.
Und schließlich heißt es:
›Wenn, Menschen, ihr des Werkes Splitter findet‹,
so sprach der Gott, ›sorgt, daß ihr sie verbindet!‹

Achtundvierzigstes Kapitel 
Der harte Winter ging vorüber. Meine Milchkur und manche hypochondrische Gegenmaßnahme kamen nicht gegen den Husten auf, der mich quälte. Das Frühjahr brachte eine Linderung. Mit den Besuchen von den näheren und ferneren Pastoreien und Gütern kamen jetzt helle Sommerkleider und große Schäferhüte mit Bändern in Sicht, hübsche Mädchen, die sich in Hof, Haus und Garten lachend tummelten. Ich erschrak vor ihnen, ich wich ihnen aus. Ihrem Übermut hatte ich nur die Beängstigungen einer krankhaften Schüchternheit entgegenzusetzen. Sie würden, dachte ich, einen Menschen wie mich verachten, dem seine Verdorbenheit, im Sinne von Untauglichkeit, bis zur Nichtsnutzigkeit, will heißen: seine Jämmerlichkeit, auf der Stirn geschrieben stand. 
Man hat mir später gesagt, daß die Mädchen ihrerseits sich nicht an den sich seltsam isolierenden Träumer heranwagten. Ich wäre gestorben in ihrer Gegenwart. Der überschäumende, allenthalben frei und selbstsicher auftretende Knabe von einst hatte allen heiteren Freimut verloren, das Lachen verlernt und die Fähigkeit, sich in Unschuld zu freuen. 
Da kam etwa zwischen Ostern und Pfingsten das Ehepaar Schütz mit seinem wohl noch nicht siebenjährigen Töchterchen, Annchen Schütz, zu Besuch. Sie waren zwei Wochen unsere Hausgäste. Das Kind erweckte in mir eine heimliche, tief verschlossene Leidenschaft. Gut gehalten und hübsch herausgeputzt, war das Bergratstöchterchen immer von einer würdigen Frau begleitet, mit der ich in gutem Vernehmen stand. 
Von meinem Zustand ahnte sie nichts und konnte natürlich davon nichts ahnen. Ich sah in dieser Siebenjährigen den lichten Boten aus einer anderen Welt, aus jener, auf die meine Verse hindeuteten. Ich genoß ihren Anblick mit ganz gewiß nicht geringerem Staunen, als Dante den der kleinen Beatrice genossen hat. Ich konnte sie öfter und immer wieder sehen, im Schutze meiner erheuchelten Gleichgültigkeit, die mich hinreichend deckte, wie ich vermuten durfte. Dabei vermochte ich nicht zu begreifen, wie alle, die Eltern, die Wärterin, Onkel und Tante, nicht bemerkten, wer sie war, und mit ihr, wenn auch freundlich, so doch wie mit einem gewöhnlichen kleinen Mädchen umgingen. Denn da sie sichtbar und fühlbar aus himmlischem Stoff bestand, gehörte sie nicht unter niedere Menschen. Man mußte ihr einen Tempel errichten und ihr mit Gesängen, Tänzen und heiligem Altarfeuer huldigen. 
Im Grunde war ich dann wieder froh, ihre wahre Natur unerkannt zu wissen. Wenn sie ihr gnadenvoll beseligendes Auge mit zuwandte, überredete ich mich, es wäre der heimliche Sinn ihrer Sendung, mir allein erkennbar zu sein. Dies war vielleicht ihr eigener göttlicher Wille. Und so blieb es ihr auch wohl nicht verborgen, welche Hymnen in mir klangen, und ebensowenig die Opferfeuer, die unablässig in mir loderten. Nein, sie war gewiß keine Sterbliche.  [...]
Das engelhafte Kind, das mit irgendeinem bürgerlichen Vor- und Familiennamen zu benennen in meinen Augen schon anstößig war, schien niemand in seiner Umgebung, und so auch nicht mich, eigentlich zu beachten. Es zeigte keinerlei Lebhaftigkeit. Von den Drolerien anmutig zutraulicher Erscheinungen gleichen Alters haftete ihm nichts an. Es war zu schön, um eitel, aus zu reinem Stoff gebildet, um selbst stolz zu sein. Man konnte sein liebliches Antlitz weder heiter noch ernst nennen. Es war wie ein überirdisches Licht, das dem vergleichsweise blinden irdischen Auge das außerirdische Schöne erschloß und dabei den Betrachter auf eine unnennbare Weise beseligte. 
Man sprach kaum von ihm. Geschichten wurden von ihm nicht zum besten gegeben. Wenn auch nicht mit dem tiefen Wissen, das ich besaß, wurde es von seinen Eltern sowie von Onkel und Tante mit einer Art Zurückhaltung, nicht eigentlich wie ein Kind behandelt, sondern wie etwas, dessen besondere Würde nicht unberücksichtigt bleiben kann.   
Dante sah das Kind Beatrice schlafend in Amors Arm. Der Gott hielt dabei ein flammendes Herz in der Hand und sagte zu Dante: »Vide cor tuum!« Ich zögere nicht, diesen altgeheiligten Vorgang auch auf diese Kleine, mich einst Beseligende, und mich selbst umzudeuten. Hätte ich wie Dante vollinnerlich damals im Mysterium einer großen Kirche gestanden, ich hätte dieses Kind, wie er die Tochter Folco Portinaris, zur Tochter Gottes gemacht. [...]
Ich lebte in einer Betäubung, in einer Bestürzung dahin und wußte kaum, was ich aus dieser Begnadung machen sollte. Sicher ist, eine Vita nuova hob damit ebenfalls in mir an. War ich einer solchen Begnadung gewürdigt worden, so hatte das ganz gewiß den Sinn, daß ich im Schlamme des Finsteren und des Gewöhnlichen nicht versinken solle, und selbst die Verdammnis, von der in den religiösen Gesprächen der Verwandten viel die Rede war, konnte mich nicht mehr unglücklich machen. Das hier Angeführte gibt ganz gewiß gefühlsmäßig Richtiges jener himmlischen Liebeserfahrung wieder, die mich mitten in meinen Fegefeuersnöten beglückte. Nur daß ich den Namen Dante weder gehört hatte, noch also mir aus einem ähnlichen altgeheiligten Fall den meinigen zu erklären vermochte. So versuchte ich überhaupt irgendeine Erklärung nicht, hätte sie auch niemand, nicht einmal mir selbst zu geben vermocht. Mir würde dazu jedes Mittel gefehlt haben. Die bloße Beschreibung meiner Zustände ging über mein damaliges Mitteilungsvermögen weit hinaus. Im Gefolge dieser Vita nuova, die allerdings eine unstillbar verzehrende Sehnsucht in sich schloß, richtete sich mein Ehrgeiz auf. Er war immer da, aber nach seinem halben Erwachen auf Lohnig wiederum, wie nach dem ersten Breslauer Schultag, ohnmächtig. Eine Abart davon freilich, wenn auch in verkümmertem Zustand, lebte noch. Eine Art Ingrimm war seine Grundlage. Ich hätte gewünscht und wünschte es brennend, doch hoffnungslos, besonders Tante Auguste und Tante Elisabeth die Geringschätzung heimzuzahlen, die Verachtung zu vergelten, die sie immer noch mir gegenüber an den Tag legten. Hatte ich doch noch beim Begräbnis des kleinen Vetters Georg gespürt, wie ihre Augen mit Kopfschütteln auf mir ruhten, weil sie sich nicht enthalten konnten, den Ratschluß Gottes unbegreiflich zu finden, der jenem den Lebensfaden abgeschnitten und mich, den Hoffnungslosen, am Leben erhielt. Um sie zu demütigen, immer tiefer und tiefst zu demütigen, geriet ich in wahrhaft ausschweifende Vorstellungen von Glanz und Erfolg hinein. Der Zustand war peinlich, war ungesund. Der neue, in dem sich ein anderer Ehrgeiz freilich auch nur in Wünschen und Träumen auslebte, hatte den kindlichen Engel und mein Liebeswerben um ihn zum Gegenstand: ein göttliches Ziel, das unzählige Male in der blühenden Märchenwelt meines Innern erreicht wurde. Bald ritt ich als fahrender Ritter in goldener, bald in schwarzer Rüstung aus, um jeden niederzuwerfen, der meiner glorreichen Herrin nicht huldigen wollte. Auch Bilder aus verflossenen Kriegszeiten tauchten auf, glänzende Reiterregimenter, wobei die Gardekürassiere, deren stolze Umzüge ich in Breslau erlebt hatte, obenan standen. Ich gehörte dazu nicht gerade als Regimentskommandeur, aber doch als Rittmeister, der sich im Kriege besonders mit Ruhm bedeckt hatte. So ritt ich am Hause der Geliebten vorbei, die mir beglückt, ja begeistert zunickte und deren Ja mir nun sicher war. Weil ich mich so ganz einem Zustand der Schwäche verfallen wußte, war es Kraft und wiederum Kraft, was ich mir andichtete. Etwas, das ich nicht überwand und der Gebenedeiten zu Füßen legen konnte, gab es nicht: Königreiche, Juwelen, Gold, Schlösser, Sklaven, fremde Vögel, Gewänder aus Scharlach und Hermelin.
Es war eine schwere Prüfung für mich, als eines Tages mein gnädig-gnadenloses Idol entschwunden war. Doch erhielt sie bald in meinem Innern eine zweite Gegenwart, die ihre wirkliche Abwesenheit verbarg. Das Gnadenbildchen herrschte in mir. Sie mußte ja schließlich doch heranwachsen. Ich überredete mich, zu glauben, daß ich nach höchstens zehn Jahren um sie werben und sie zu der Meinigen machen würde. Wieso ich etwas so Unwahrscheinliches annehmen konnte, weiß ich nicht. Mein augenblicklicher Zustand bot weniger Aussichten als mancher frühere, den ich durchlebt hatte. Mein geistiges Vermögen reichte nicht an die Zeit meiner Kindheit hinan oder an jene, in der ich die Meininger Truppe gesehen und hernach vieles von Shakespeare, Schiller und Kleist in mich aufgenommen hatte. Als mir Pastor Gauda den Herder gleichsam aus den Händen nahm und ich Chamisso lieben gelernt hatte, war ich, verglichen mit heut, ein ganz anderer gewesen: geweckt und hell und nicht von schläfrigen Dünsten verfinstert.
Gewissermaßen von Vergangenheit und von Zukunft losgerissen, lebte ich ohne Zusammenhang. Breslau, die Schule, die Familie Gauda, die Familie Mehnert, die Familie Weigelt waren nicht mehr. Mit allen Lichtern und Schatten des Breslauer Lebens waren Shakespeare, Kleist, Schiller, Chamisso, der Zirkus und was sonst unter die Schwelle des Bewußtseins gesunken, gleichsam begraben von einer undurchdringlichen Erdenschicht. Nicht einmal mein Bruder Carl war für mich noch unter den Lebenden. Wie ein Nachtwandler schlich ich dahin.

In diesen fieberhaften Wechsellichtern meiner Aprilzeit, darin Regen, Hagel und Finsternis mit blauem Aufleuchten und stechenden Sonnenblicken abwechselten, wurde meinem Gemüt durch ein gänzlich unerwartetes Erlebnis noch überdies ein harter Stoß versetzt. Eines Sonntags hatte mich mein Weg in die Felder zwischen Lohnig und Dromsdorf geführt, wo mir einige junge Burschen begegneten. Ich traute meinen Ohren nicht, als sie mir klar und deutlich die Worte »Das ist der verfluchte Menschenschinder!« nachschrieen. Einen Zweifel, daß sie mich meinten, gab es nicht, da weit und breit außer uns niemand zu sehen war. Dem Anruf folgten die üblichen Drohungen.
Es waren Verheerungen, die dieser mir zunächst unbegreifliche Schimpf bei meiner Zerflossenheit und meinem Kleinmut in mir anrichtete. Ich hatte mich zu fragen, wie ich zu einem so schrecklichen Ruf unter der ländlichen Bevölkerung kommen, so viel Haß auf mich ziehen konnte. Und wenn ich fand, daß ich eine solche Schande wirklich verdient hatte, so blieb mir nur noch übrig, auf den Rest von Selbstachtung zu verzichten, der mir noch geblieben war, und, trotzdem mein Vater Feigheit darin sah, aus der Welt zu gehen.
Nun wurde mir freilich klar, daß mein übler Ruf mit meinen Versuchen, einem gewissen Schlendrian auf Dominium Lohnig zu steuern, und mit meinem Frühaufstehen in Lederose zusammenhing. Was in Lohnig geschah, entsprang schließlich einer gesunden Tatkraft auf dem naiven Grunde von Unerfahrenheit. Meine Lederoser Praxis, die vor allem doch wohl über meine eigenen Kräfte ging, war Folge eines von meinem Lehrherrn geschürten übereifrigen Pflichtgefühls, da ich ja doch einen Großknecht ersetzen sollte. [...]

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)