09 Oktober 2017

Stifter: Brigitta (Steppenvergangenheit und Steppengegenwart)

Es liegt im menschlichen Geschlechte das wundervolle Ding der Schönheit. Wir alle sind gezogen von der Süßigkeit der Erscheinung, und können nicht immer sagen, wo das Holde liegt. Es ist im Weltall, es ist in einem Auge, dann ist es wieder nicht in Zügen, die nach jeder Regel der Verständigen gebildet sind. Oft wird die Schönheit nicht gesehen, weil sie in der Wüste ist, oder weil das rechte Auge nicht gekommen ist – oft wird sie angebetet und vergöttert, und ist nicht da: aber fehlen darf sie nirgends, wo ein Herz in Inbrunst und Entzücken schlägt, oder wo zwei Seelen an einander glühen; denn sonst steht das Herz stille, und die Liebe der Seelen ist todt. Aus welchem Boden aber diese Blume bricht, ist in tausend Fällen tausendmal anders; wenn sie aber da ist, darf man ihr jede Stelle des Keimens nehmen, und sie bricht doch an einer andern hervor, wo man es gar nicht geahnet hatte. Es ist nur dem Menschen eigen, und adelt nur den Menschen, daß er vor ihr kniet – und alles, was sich in dem Leben lohnt und preiset, gießt sie allein in das zitternde beseligte Herz. Es ist traurig für einen, der sie nicht hat, oder nicht kennt, oder an dem sie kein fremdes Auge finden kann. Selbst das Herz der Mutter wendet sich von dem Kinde ab, wenn sie nicht mehr, ob auch nur einen einzigen Schimmer dieses Strahles an ihm zu entdecken vermag. So war es mit dem Kinde Brigitta geschehen. Als es geboren ward, zeigte es sich nicht als der schöne Engel, als der das Kind gewöhnlich der Mutter erscheint. Später lag es in dem schönen goldenen Prunkbettchen in den schneeweißen Linnen mit einem nicht angenehmen verdüsterten Gesichtchen, gleichsam als hätte es ein Dämon angehaucht. Die Mutter wandte, von sich selber unbemerkt, das Auge ab, und heftete es auf zwei kleine schöne Engel, die auf dem reichen Teppiche des Bodens spielten. [...]
Als sie in ihren Spielen vorrückte und behender ward, verdrehte sie oft die großen wilden Augen, wie Knaben thun, die innerlich bereits dunkle Thaten spielen. Auf die Schwestern schlug sie, wenn sie sich in ihre Spiele einmischen wollten – und wenn jetzt die Mutter in einer Anwandlung verspäteter Liebe und Barmherzigkeit das kleine Wesen in die Arme schloß, und mit Thränen benetzte, so zeigte dasselbe keineswegs Freude, sondern weinte, und wand sich aus den umfassenden Händen. Die Mutter aber wurde dadurch noch mehr zugleich liebend und erbittert, weil sie nicht wußte, daß die kleinen Würzlein, als sie einst den warmen Boden der Mutterliebe suchten und nicht fanden, in den Fels des eigenen Herzens schlagen mußten, und da trotzen. [...]
Musik machen lernte sie nicht, aber sie ritt gut und kühn, wie ein Mann, lag oft mit dem schönsten Kleide auf dem Rasen des Gartens, und that halbe Reden und Ausrufungen in das Laub der Büsche.
[...]
Wenn nur einer gewesen wäre, für die verhüllte Seele ein Auge zu haben, und ihre Schönheit zu sehen, daß sie sich nicht verachte. – Aber es war keiner: die andern konnten es nicht, und sie konnte es auch nicht. [...]
An jenem Abende saß sie in ihrem gewöhnlichen schwarzseidenen Kleide da. Um das Haupt hatte sie einen Kopfputz, den sie selber gemacht hatte, und den ihre Schwestern häßlich nannten. Wenigstens war es in der ganzen Stadt nicht Sitte, einen solchen zu tragen, aber er stand zu ihrer dunklen Farbe sehr gut. Es waren viele Menschen zugegen, und da sie einmal durch eine Gruppe derselben hindurch blickte, sah sie zwei dunkle sanfte Jünglingsaugen auf sie geheftet. Sie blickte gleich wieder weg. Da sie später noch einmal hin schaute, sah sie, daß die Augen wieder gegen sie gerichtet gewesen seien. Es war Stephan Murai, der sie angeblickt hatte. [...]
Als nun in der Folge öfters Gesellschaften waren, und Brigitta denselben beiwohnte, wurde sie wieder von Murai bemerkt, sie wurde von ihm sehr ehrfurchtsvoll gegrüßt, und wenn sie ging, brachte er ihr das Tuch, und wenn sie fort war, hörte man auch gleich darauf seinen Wagen unten rollen, der ihn nach Hause führte. Dies dauerte längere Zeit. Einmal war sie wieder bei dem Oheime, und da sie wegen der großen Hitze, die in dem Saale herrschte, auf den Balkon, dessen Thüren immer offen standen, hinaus getreten war, und dichte Nacht um sie lag: vernahm sie seinen Tritt zu ihr, und sah dann auch in der Dunkelheit, daß er sich neben sie stellte. Er sprach nichts, als gewöhnliche Dinge, aber wenn man auf seine Stimme horchte, so war es, als sei etwas Furchtsames in derselben. Er lobte die Nacht, und sagte, daß man ihr Unrecht thue, wenn man sie schelte, da sie doch so schön und milde sei, sie allein umhülle, sänftige und beruhige das Herz. Dann schwieg er, und sie schwieg auch. Als sie wieder in das Zimmer getreten war, ging er auch hinein, und stand lange an einem Fenster. Da Brigitta in dieser Nacht zu Hause angelangt war, da sie sich in ihr Zimmer begeben hatte, und den Putzflitter Stück um Stück von dem Leibe nahm, trat sie im Nachtgewande vor den Spiegel, und sah lange, lange hinein. Es kamen ihr Thränen in die Augen, die nicht versiegten, sondern mehreren Platz machten, die hervor drangen und herab rannen. Es waren die ersten Seelenthränen in ihrem ganzen Leben gewesen. Sie weinte immer mehr und immer heftiger, es war, als müßte sie das ganze versäumte Leben nachholen, und als müßte ihr um vieles leichter werden, wenn sie das Herz heraus geweint hätte. [...]
Endlich schöpfte sie ein paar Mal frischen Athem, fuhr mit der flachen Hand über die Augenwimpern und ging zu Bette. Als sie lag, und die Nachtlampe, die sie nach ausgelöschten Kerzen hinter einen kleinen Schirm gestellt hatte, düster brannte, sagte sie noch die Worte: »Es ist ja nicht möglich, es ist ja nicht möglich!« [...]
»Nicht abgeneigt, Murai,« antwortete sie, »o nein, nicht abgeneigt; aber ich habe auch eine Bitte an Sie: thun Sie es nicht, thun Sie es nicht, werben Sie nicht um mich, Sie würden es bereuen.« »Warum denn, Brigitta, warum denn?« »Weil ich,« antwortete sie leise, »keine andere Liebe fordern kann, als die allerhöchste. Ich weiß, daß ich häßlich bin, darum würde ich eine höhere Liebe fordern, als das schönste Mädchen dieser Erde. Ich weiß es nicht, wie hoch, aber mir ist, als sollte sie ohne Maß und Ende sein. Seh'n Sie – da nun dies unmöglich ist, so werben Sie nicht um mich. Sie sind der Einzige, der darnach fragte, ob ich auch ein Herz habe, gegen Sie kann ich nicht falsch sein.« [...]
Eines Tages, in einem einsamen Zimmer, da die Musik, zu deren Anhörung man zusammen gekommen war, von ferne her erscholl, da er vor ihr stand und nichts redete, da er ihre Hand faßte, sie sanft gegen sich ziehend, widerstand sie nicht, und da er sein Angesicht immer mehr gegen sie neigte, und sie seine Lippen plötzlich auf den ihrigen empfand, drückte sie süß entgegen. Sie hatte noch nie einen Kuß gefühlt, da sie selbst von ihrer Mutter und ihren Schwestern nie geküßt worden war – und Murai hat nach vielen Jahren einmal gesagt, daß er nie mehr eine solche reine Freude erlebt habe, als damals, da er zum ersten Male diese vereinsamten unberührten Lippen auf seinem Munde empfand. Der Vorhang zwischen den Beiden war nun zerrissen, und das Schicksal ging seine Wege. In wenigen Tagen war Brigitta die erklärte Braut des gefeierten Mannes, die Eltern beider Theile hatten eingewilligt. Es wurde nun ein freundlicher Umgang. Aus dem tiefen Herzen des bisher unbekannten Mädchens ging ein warmes Dasein hervor, [...]
Der Instinkt, der den Mann an dieses Weib gezogen, hatte ihn nicht getäuscht. Sie war stark und keusch, wie kein anderes Weib. Weil sie ihr Herz nicht durch Liebesgedanken und Liebesbilder vor der Zeit entkräftet hatte, wehte der Odem eines ungeschwächten Lebens in seine Seele. [...]
Brigitta's Herz aber war zu Ende. Es war ein Weltball von Scham in ihrem Busen empor gewachsen, wie sie so schwieg, und wie eine schattende Wolke in den Räumen des Hauses herum ging. Aber endlich nahm sie das aufgequollne schreiende Herz gleichsam in ihre Hand, und zerdrückte es. Als er von seinen Umänderungen auf dem entfernten Landgute zurück kam, ging sie in sein Zimmer, und trug ihm mit sanften Worten die Scheidung an.
(Stifter: Brigitta, Steppenvergangenheit)

Es war schon sehr spät im Herbste, man könnte sagen, zu Anfang Winters, ein dichter Nebel lag eines Tages auf der bereits fest gefrornen Haide, und ich ritt eben mit dem Major auf jenem neugebauten Wege mit der jungen Pappelallee, wir hatten vor, vielleicht ein wenig zu jagen, – als wir plötzlich durch den Nebel herüber zwei dumpfe Schüsse fallen hörten. »Das sind meine Pistolen, und keine andern,« rief der Major. Ehe ich etwas begreifen und fragen konnte, sprengte er schon die Allee entlang, so furchtbar, wie ich nie ein Pferd habe laufen gesehen, ich folgte ihm nach, weil ich ein Unglück ahnete, und als ich wieder zu ihm kam, traf ich auf ein Schauspiel, so gräßlich und so herrlich, daß noch jetzt meine Seele schaudert und jauchzt: an der Stelle, wo der Galgen steht, und der Binsenbach schillert, hatte der Major den Knaben Gustav gefunden, der sich nur noch matt gegen ein Rudel Wölfe wehrte. Zwei hatte er erschossen, einen, der vorne an sein Pferd gesprungen war, wehrte er mit seinem Eisen, die andern bannte er für den Augenblick mit der Wuth seiner vor Angst und Wildheit leuchtenden Augen, die er auf sie bohrte; aber harrend und lechzend umstanden sie ihn, daß eine Wendung, ein Augenzucken, ein Nichts Grund werden könne, mit eins auf ihn zu fallen – da, im Augenblicke der höchsten Noth, erschien der Major. Als ich ankam, war er schon wie ein verderblich Wunder, wie ein Meteor, mitten unter ihnen – der Mann war fast entsetzlich anzuschauen, ohne Rücksicht auf sich, fast selber wie ein Raubthier warf er sich ihnen entgegen. Wie er von dem Pferde gekommen war, hatte ich nicht gesehen, da ich später ankam; den Knall seiner Doppelpistolen hatte ich gehört, und wie ich auf dem Schauplatze erschien, glänzte sein Hirschfänger gegen die Wölfe, und er war zu Fuß. Drei – vier Sekunden mochte es gedauert haben, ich hatte blos Zeit, mein Jagdgewehr unter sie abzudrücken, und die unheimlichen Thiere waren in den Nebel zerstoben, als wären sie von ihm eingetrunken worden. [...]

»Sitzt alle auf,« rief der Major den entgegen eilenden Knechten zu, »laßt alle Wolfshunde los, daß meine armen Doggen nichts leiden. Bietet die Nachbarn auf und jagt, so viel Tage ihr wollt. Ich gebe für jeden toten Wolf das doppelte Schußgeld, die ausgenommen, die an der Galgeneiche liegen; denn die haben wir selbst getötet An der Eiche liegt vielleicht auch eine der Pistolen, die ich voriges Jahr an Gustav geschenkt habe, denn ich sehe nur eine in seiner Hand, und das Sattelfach der andern ist leer; seht zu, ob es so ist«
»Seit fünf Jahren«, sagte er zu mir gewendet, da wir im Parke weiter ritten, »hat sich kein Wolf so nahe zu uns gewagt, und es war sonst ganz sicher hier. Es muß einen harten Winter geben, und er muß in den nördlichen Ländern schon begonnen haben, daß sie sich bereits so weit herabdrücken.«
Die Knechte hatten den Befehl des Herrn vernommen, und in weniger Zeit, als es mir glaublich schien, war ein Haufen Jäger ausgerüstet, und das Geschlecht jener schönen zottigen Hunde war neben ihnen, das den ungarischen Haiden eigen und für sie so unentbehrlich ist. Man beredete sich, wie man die Nachbarn abholen wolle, und dann gingen sie fort, um eine Jagd einzuleiten, von der sie erst in acht, vierzehn oder noch mehreren Tagen zurückkehren wurden.
Wir hatten alle drei, ohne von den Pferden zu steigen, dem größten Teil dieser Anstalten zugeschaut. Als wir uns aber von den Wirtschaftsgebäuden dem Schlosse zuwendeten, sahen wir, daß Gustav doch verwundet sei. Als wir nämlich unter dem Torbogen anlangten, von wo wir in unsere Zimmer wollten, wandelte ihn eine Übelkeit an, und er drohte von dem Pferde zu sinken. Einer von den Leuten fing ihn auf und hob ihn herunter, da sahen wir, daß die Lenden des Tieres von Blut gefärbt waren. Wir brachten ihn in eine Wohnung des Erdgeschosses, die gegen den Garten hinaus ging, der Major befahl sogleich, Feuer in den Kamin zu machen und das Bett zu bereiten. Als indessen die schmerzende Stelle entblößt worden war, untersuchte er selber die Wunde. [...]
Gegen Abend erschien Brigitta, und nach ihrer entschlossenen Art ruhte sie nicht eher, als bis sie den Körper ihres Sohnes Glied um Glied geprüft und sich überzeugt hatte, daß außer der Bißwunde nichts vorhanden sei, das ein Übel drohen könnte. Als die Untersuchung vorüber war, blieb sie doch noch an dem Bette sitzen und reichte nach der Vorschrift des Arztes die Arznei. Für die Nacht mußte ihr ein schnell zusammengerafftes Bette in dem Krankenzimmer gemacht werden. Am andern Morgen saß sie wieder neben dem Jünglinge und horchte auf seinen Atem, da er schlief und so süß und erquickend schlief, als wolle er nie mehr erwachen. – Da geschah ein herzerschütternder Auftritt. [...] Im Krankengemache, durch dessen Tür ich hinein schaute, und dessen Fenster durch ganz leichte Vorhänge etwas verdunkelt war, saß Brigitta und sah auf ihren Sohn. Plötzlich entrang sich ihren Lippen ein freudiger Seufzer, ich blickte genauer hin und sah, daß ihr Auge mit Süßigkeit an dem Antlitze des Knaben hänge, der die seinigen offen hatte; denn er war nach langem Schlafe aufgewacht und schaute heiter um sich. Aber auch auf der Stelle, wo der Major gestanden war, hatte ich ein leichtes Geräusch vernommen, und wie ich hinblickte, sah ich, daß er sich halb umgewendet hatte, und daß an seinen Wimpern zwei harte Tropfen hingen. Ich ging gegen ihn und fragte ihn, was ihm sei. Er antwortete leise: »Ich habe kein Kind.«
Brigitta mußte mit ihrem scharfen Gehöre die Worte vernommen haben; denn sie erschien in diesem Augenblicke unter der Tür des Zimmers, sah sehr scheu auf meinen Freund, und mit einem Blicke, den ich nicht beschreiben kann, und der sich gleichsam in der zaghaftesten Angst nicht getraute, eine Bitte auszusprechen, sagte sie nichts als das einzige Wort: »Stephan.«
Der Major wendete sich vollends herum – beide starrten sich eine Sekunde an – nur eine Sekunde – dann aber vorwärts tretend lag er eines Sturzes in ihren Armen, die sich mit maßloser Heftigkeit um ihn schlossen. Ich hörte nichts als das tiefe, leise Schluchzen des Mannes, wobei das Weib ihn immer fester umschlang und immer fester an sich drückte.
»Nun keine Trennung mehr, Brigitta, für hier und die Ewigkeit.«
»Keine, mein teurer Freund!« [...]
(Stifter: Brigitta, Steppengegenwart)

08 Oktober 2017

Adalbert Stifter: Brigitta

[...] Drei Meilen, drei Meilen – so hatte ich fast den ganzen Nachmittag gehört, wenn ich nach Uwar fragte – so hieß das Schloß des Majors – drei Meilen: aber da ich die ungarischen Meilen aus Erfahrung kannte, so war ich gewiß ihrer fünfe gegangen, und wünschte daher sehnlich, das Haus möchte Uwar heißen. In nicht großer Ferne stiegen Felder gegen einen Erddamm empor, auf denen ich Menschen sah. Diese wollte ich fragen, und durchschritt zu dem Zwecke einen Flügel des Kastanienwaldes. Hier sah ich nun, was ich, durch die vielen Gesichtstäuschungen dieses Landes belehrt, sogleich geahnet hatte, nämlich, daß das Haus nicht an dem Walde liege, sondern erst hinter einer Ebene, die von den Kastanien weg lief, und daß es ein sehr großes Gebäude sein müsse. Ueber die Ebene aber sah ich eine Gestalt herüber sprengen, gerade auf jene Felder zu, auf denen die Leute arbeiteten. Auch sammelten sich alle Arbeiter um die Gestalt, da sie bei ihnen angekommen war, wie um einen Herrn – aber meinem Major sah das Wesen ganz und gar nicht ähnlich. Ich ging langsam gegen die Erdlehne empor, die auch weiter entfernt war, als ich dachte, und kam eben an, als bereits die ganze Glut der Abendröthe um die dunkeln wogenden Maisfelder und die Gruppe bärtiger Knechte, und um den Reiter loderte. Dieser aber war nichts anderes, als ein Weib, etwa vierzig Jahre alt, welches sonderbar genug die weiten landesmäßigen Beinkleider an hatte, und auch wie ein Mann zu Pferde saß. Da die Knechte schon auseinander gingen, und sie fast allein auf dem Flecke war, richtete ich mein Anliegen an sie. Meinen Wanderstab unter das Ränzlein stützend, zu ihr empor schauend, und mir gleichsam die Strahlen der Abendröthe, die schief herein kamen, aus dem Gesichte streichend, sagte ich deutsch zu ihr: »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend,« antwortete sie in derselben Sprache. »Gewährt mir eine Bitte, und sagt: heißt jenes Gebäude Uwar?« »Jenes Gebäude heißt nicht Uwar. Seid ihr nach Uwar bestellt?« »Allerdings. Ich habe dort meinen Reisefreund, den Major, zu besuchen, der mich dahin eingeladen hat.« »So geht nur ein wenig neben meinem Rosse her.« Mit diesen Worten setzte sie ihr Pferd in Schritt und ritt langsam, damit ich ihr folgen konnte, zwischen den hohen grünen Maisbüscheln den Abhang hinan. Ich ging hinter ihr her und hatte Gelegenheit, meine Blicke auf die Umgebung richten zu können – und in der That, ich bekam immer mehr Ursache, mich zu verwundern.
[...]
Indessen waren wir zu einem jener weißen Häuschen gelangt, wie ich mehrere im Grün der Rebengelände zerstreut wahrgenommen hatte, und das Weib sagte zu einem jungen Manne, der trotz des heißen Juniabends in seinem zottigen Pelze stack, und vor der Thür des Häuschens allerlei hantirte: »Milosch, der Herr will heute noch nach Uwar, wenn du etwa die zwei Weidebraunen nähmest, ihm einen gäbest, und ihn bis zum Galgen geleitetest.« »Ja,« erwiederte der Bursche, und stand auf. »Jetzt geht nur mit ihm, er wird euch schon richtig führen,« sagte das Weib, und wendete ihr Pferd, um des Weges zurück zu reiten, den sie mit mir gekommen war. Ich hielt sie für eine Art Schaffnerin und wollte ihr ein namhaftes Geldstück für den Dienst geben, den sie mir so eben geleistet hatte. Sie aber lachte nur und zeigte hiebei eine Reihe sehr schöner Zähne. Durch den Weinberg ritt sie langsam hinab, dann hörten wir aber bald darauf die schnellen Hufschläge ihres Pferdes, wie sie über die Ebene flog.
[...]
An dem Gitter war ein Glockengriff, ich zog, und es schellte von Innen. Gleich darauf ertönte nicht etwa ein Bellen, sondern zwei Stöße jenes tiefen, entschloßnen und neugierigen Schnaufens edler Hunde – ein dumpfer Sprung – und der größte schönste Hund, den ich in meinem Leben gesehen habe, stand von Innen an dem Gitter. Er stellte sich auf die Hinterfüße, faßte mit den vorderen die eisernen Stangen, und sah auf mich heraus, ohne nur den geringsten Laut zu geben, wie es die ernste Art dieser Thiere gewohnt ist. Bald kamen murrend und jagend noch zwei kleinere und jüngere derselben Gattung, glatte Bulldoggen, und alle schauten unverwandt auf mich. Nach einer Weile hörte ich auch nahende Menschentritte, und ein Mann im zottigen Pelze kam und fragte um mein Begehren. Ich entgegnete, ob ich in Uwar sei, und nannte meinen Namen. Er mußte Weisung haben; denn sofort beschwichtigte er mit ungarischen Worten die Hunde, und öffnete dann das Gitter. »Der Herr hat Briefe von euch und erwartet euch schon lange,« sagte der Mann, als wir weiter gingen. »Ich habe ihm ja geschrieben, daß ich mir euer Land ansehen wolle,« antwortete ich. »Und das habt ihr lange angesehen,« sagte er. »Freilich,« antwortete ich. »Ist der Herr Major noch wach?« »Er ist gar nicht zu Hause, sondern in der Sitzung. Morgen früh wird er herüber reiten. Für euch hat er drei Zimmer richten lassen, und gesagt, daß wir euch hinein führen sollen, wenn ihr in seiner Abwesenheit kämet.« »Nun so führt mich hinein.« »Wohl.« Diese Worte waren die einzigen, die wir auf dem langen Wege wechselten, den wir meiner Meinung nach eher durch einen Urwald, als durch einen Garten machten.
[...]
Als ich mit meinem Nachtmahle fertig war, ging ich in die zwei Nebenzimmer, die auf diesen Saal folgten. Sie waren kleiner, und wie ich gleich bei dem ersten Blicke, da ich eingeführt wurde, bemerkt hatte, wohnlicher eingerichtet, als der Saal. Es waren Stühle, Tische, Schränke, Waschgeräthe, Schreibzeug und alles da, was ein einsamer Wanderer in seiner Wohnung nur immer wünschen kann. Selbst Bücher lagen auf dem Nachttische, und sie waren sämmtlich in deutscher Sprache. In jedem der zwei Zimmer stand ein Bett, aber statt der Decke war auf ein jedes das weite volksthümliche Kleidungsstück gebreitet, welches sie Bunda heißen. Es ist dies gewöhnlich ein Mantel aus Fellen, wobei die rauhe Seite nach Innen, die glatte weiße nach Außen gekehrt ist. Letztere hat häufig allerlei farbiges Riemzeug, und ist mit aufgenähten farbigen Zeichnungen von Leder verziert. Ehe ich mich schlafen legte, ging ich noch, wie es immer an fremden Orten meine Gewohnheit ist, an das Fenster um zu schauen, wie es draußen aussähe. Es war nicht viel zu sehen. Das aber erkannte ich im Mondlichte, daß die Landschaft nicht deutsch sei. Wie eine andere, nur riesengroße Bunda lag der dunkle Fleck des Waldes oder Gartens unten auf die Steppe gebreitet – draußen schillerte das Grau der Haide – dann waren allerlei Streifen, ich wußte nicht, waren es Gegenstände dieser Erde, oder Schichten von Wolken. Nachdem ich meine Augen eine Weile über diese Dinge hatte gehen lassen, wendete ich mich wieder ab, schloß die Fenster, entkleidete mich, ging zu dem nächst besten Bette und legte mich nieder. Als ich das weiche Pelzwerk der Bunda über meine ermüdeten Glieder zog, und als ich schon fast die Augen zuthat, dachte ich noch: »So bin ich nun begierig, was ich in dieser Wohnung Freundliches oder Häßliches erleben werde.« Dann entschlummerte ich, und alles war todt, was schon in meinem Leben gewesen ist, und was ich sehnlichst wünschte, daß noch in dasselbe eintreten möchte. (Adalbert Stifter: Brigitta, 1. Steppenwanderung)

[...]
Den Rückweg nahmen wir auf einer andern Seite, und hier zeigte er mir seine Gärten, seine Obstanlagen und seine Glashäuser. Ehe wir dazu kamen, ritten wir an einem sehr unansehnlichen Landstriche vorbei, auf dem bedeutend viele Menschen beschäftigt waren. Auf meine Frage sagte er, dies seien Bettler, Herumstreicher, selbst Gesindel, die er durch pünktliche Bezahlung gewonnen habe, daß sie ihm arbeiten. Sie trocknen eben einen sumpfigen Strich, und legen eine Straße an.
[...]
Abends zeigte mir mein Gastfreund das Abendroth der Haide. Wir ritten eigens zu dem Zwecke hinaus, nachdem er mir gerathen hatte, so wie er, gegen die Fieberluft der Ebene einen Pelz um zu thun, wenn ihn auch die noch warme Luft entbehrlich zu machen scheint. Wir warteten, da wir hinaus gekommen waren, an dem von ihm angegebenen Punkte, bis die Sonne untergegangen war. Und in der That, es war ein prachtvoller Anblick, der nun folgte: auf der ganzen schwarzen Scheibe der Haide war die Riesenglocke des brennend gelben, flammenden Himmels gestellt, so sehr in die Augen wogend und sie beherrschend, daß jedes Ding der Erde schwarz und fremd wird. Ein Grashalm der Haide steht wie ein Balken gegen die Glut, ein gelegentlich vorüber gehendes Thier zeichnet ein schwarzes Ungeheuer auf den Goldgrund, und arme Wachholder und Schlehenbüsche malen ferne Dome und Palläste. Im Osten fängt dann nach wenigen Augenblicken das feuchte kalte Blau der Nacht herauf zu steigen an, und schneidet mit trübem und undurchsichtigem Dunste den einheitlichen Glanz der Kuppel des Himmels.
[...]
Bei diesen Thieren bleiben die Menschen, die ihnen zugegeben sind, ebenfalls im Freien, und haben oft gar nichts über sich als den Himmel und die Sterne der Haide, oft nur, wie wir eben gesehen hatten, einige Stangen, oder eine gegrabene Hütte von Erde. Sie standen vor dem Major, dem Grundherrn, wie sie ihn hier hießen, und hörten seinen Anordnungen zu. Als er wieder aufstieg, hielt ihm einer, der blitzende Augen aus dem Schwarz seines Gesichtes und seiner Braunen herauszeigte, das Pferd, während sich ein anderer mit langen Haaren und dichtem Schnurbarte bückte, und ihm die Steigbügel hielt.
[...]
»Lebt wohl, Kinder,« sagte er beim Fortreiten, »ich werde euch bald wieder besuchen, und wenn die Nachbarn herüber kommen, werden wir einen Nachmittag auf der Haide liegen und bei euch essen.«
[...]
Im Fortreiten sagte er zu mir: »Wenn es euch ergötzt, diese Haidewirthschaft einmal im Einzelnen genau anzuschauen, und ihr etwa einmal allein heraus kommen wolltet, um mit diesen Leuten gleichsam zu leben, müßt ihr auf die Hunde achten, die sie haben. Sie sind nicht immer so zahm und geduldig, wie ihr sie heute gesehen habt, sondern sie würden euch strenge mit fahren. Ihr müßt es mir vorher sagen, daß ich euch hin geleite, oder wenn ich nicht kann, daß ich euch einen bekannten Hirten mit gebe, der euch führe, und den die Hunde lieben.« Ich hatte in der That, da wir bei dem Hirtenfeuer waren, die ungemein großen, schlanken, zottigen Hunde bewundert, derlei ich auf meiner ganzen Wanderung nicht angetroffen habe, und die so sittsam neben und unter uns am Feuer herum saßen, als verstünden sie etwas von der Verhandlung und nähmen daran Theil.
[...]
Diese Haiden sind der feinste schwarze Ackergrund, in diesen Anhöhen voll glitzernden Gesteins bis zu jenen blauen Bergen hin, die ihr im Norden sehet, schläft der feurige Fluß des Weines, und dämmert von Erde umflort der Glanzblick des Metalles. Zwei sehr edle Ströme ziehen durch unser Land, über ihnen ist so zu sagen, die Luft noch todt, und harret, daß unzählige bunte Wimpel in ihr flattern. Vielerlei Volk ist in dem Lande, manches ist ein Kind, dem man vormachen muß, was es beginnen soll. Seit ich in der Mitte meiner Leute lebe, über die ich eigentlich mehr Rechte habe, als ihr euch denket, seit ich mit ihnen in ihrer Kleidung gehe, ihre Sitten theile, und mir ihre Achtung erworben habe, ist es mir eigentlich, als hätte ich dieses und jenes Glück errungen, das ich sonst immer in der einen oder der andern Entfernung gesucht habe.«

[...] sagte der Major im Nachhausefahren zu mir: »Diese würde ich sogar zum Blutvergießen führen können, sobald ich mich nur an ihre Spitze stellte. Sie sind mir unbedingt zugethan. Auch die andern, die Knechte und die Arbeiter, die ich zu Hause habe, würden sich eher ihre Glieder zerschlagen lassen, ehe einer zugäbe, daß mir ein Haar gekrümmt würde. Wenn ich nun die dazu rechne, die mir wegen dem Verhältnisse der Grundherrlichkeit unterthan sind, und die mir, wie ich bei vielen Gelegenheiten erfahren konnte, vom Grunde des Herzens zugethan sind, so würde ich, wie ich glaube, eine ziemlich große Zahl von Menschen zusammen bringen, die mich lieben. – – Seht nur, und ich bin erst zu ihnen gekommen, als mein Haupt schon grau geworden war, und als ich viele Jahre auf sie vergessen hatte. Wie müßte es sein, so Hunderttausende zu leiten, und sie zum Guten zu führen; denn meistens, wenn sie vertrauen, sind sie wie Kinder, und folgen zum Guten, wie zum Bösen.«
[...] sagte der Major eines Tages zu mir: »Weil wir jetzt ein wenig Muße bekommen werden, werden wir in der nächsten Woche zu meiner Nachbarin Brigitta Marosheli hinüber reiten, und ihr einen Besuch machen. Sie werden in meiner Nachbarin Marosheli das herrlichste Weib auf dieser Erde kennen lernen.« [...] (Adalbert Stifter: Brigitta, 2. Steppenhaus)

Adalbert Stifter: Brigitta

05 Oktober 2017

Nobelpreis für Kazuo Ishiguro

Ishiguro ist "ein Schriftsteller, der ein großes internationales Publikum hat. Und dazu haben nicht zuletzt – neben dem Drehbuch zum Film „The White Countess“ – die Verfilmungen von zwei Büchern beigetragen: des berühmten Romans „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrigblieb) und zuletzt „Never Let Me Go“ (Alles, was wir geben mussten). Diese Verfilmung ist sieben Jahre her, das Buch schon zwölf Jahre alt, und doch war es der vorletzte Roman; 2015 erschien der bislang jüngste, „The Buried Giant“, der noch im selben Jahr als „Der begrabene Riese“ auch auf Deutsch erschien." (faz.net .1.17)

Interview mit Ishiguro faz.net 4.9.2009

02 Oktober 2017

Joseph Conrad: Heart of Darkness / Das Herz der Finsternis

Textausschnitte aus Original und Übersetzung

Heart of Darkness (vollständiger Text bei Wikisource) (deutscher Text bei gutenberg.spiegel.de)
Wikipediaartikel: englisch                                                  deutsch

“[...] And this also,” said Marlow suddenly, “has been one of the dark places of the earth.” He was the only man of us who still “followed the sea.” The worst that could be said of him was that he did not represent his class. He was a seaman, but he was a wanderer, too, while most seamen lead, if one may so express it, a sedentary life. Their minds are of the stay-at-home order, and their home is always with them—the ship; and so is their country—the sea. One ship is very much like another, and the sea is always the same. In the immutability of their surroundings the foreign shores, the foreign faces, the changing immensity of life, glide past, veiled not by a sense of mystery but by a slightly disdainful ignorance; for there is nothing mysterious to a seaman unless it be the sea itself, which is the mistress of his existence and as inscrutable as Destiny. For the rest, after his hours of work, a casual stroll or a casual spree on shore suffices to unfold for him the secret of a whole continent, and generally he finds the secret not worth knowing.
[...]
“I was thinking of very old times, when the Romans first came here, nineteen hundred years ago—the other day . . .
[...]
here—the very end of the world, a sea the color of lead, a sky the color of smoke, a kind of ship about as rigid as a concertina—and going up this river with stores, or orders, or what you like. Sandbanks, marshes, forests, savages,—precious little to eat fit for a civilized man, nothing but Thames water to drink. No Falernian wine here, no going ashore. Here and there a military camp lost in a wilderness, like a needle in a bundle of hay—cold, fog, tempests, disease, exile, and death,—death skulking in the air, in the water, in the bush.
[...]
Mind, none of us would feel exactly like this. What saves us is efficiency—the devotion to efficiency. But these chaps were not much account, really. They were no colonists; their administration was merely a squeeze, and nothing more, I suspect. They were conquerors, and for that you want only brute force—nothing to boast of, when you have it, since your strength is just an accident arising from the weakness of others. They grabbed what they could get for the sake of what was to be got. It was just robbery with violence, aggravated murder on a great scale, and men going at it blind—as is very proper for those who tackle a darkness. The conquest of the earth, which mostly means the taking it away from those who have a different complexion or slightly flatter noses than ourselves, is not a pretty thing when you look into it too much. What redeems it is the idea only. An idea at the back of it; not a sentimental pretense but an idea; and an unselfish belief in the idea—something you can set up, and bow down before, and offer a sacrifice to . . . ”
[...]
“Now when I was a little chap I had a passion for maps. I would look for hours at South America, or Africa, or Australia, and lose myself in all the glories of exploration. At that time there were many blank spaces on the earth, and when I saw one that looked particularly inviting on a map (but they all look that) I would put my finger on it and say, ‘When I grow up I will go there.’ The North Pole was one of these places, I remember. Well, I haven’t been there yet, and shall not try now. The glamour’s off.
[...]
The best way I can explain it to you is by saying that, for a second or two, I felt as though, instead of going to the center of a continent, I were about to set off for the center of the earth.
[...]
Some, I heard, got drowned in the surf; but whether they did or not, nobody seemed particularly to care. They were just flung out there, and on we went.
[...]
Now and then a boat from the shore gave one a momentary contact with reality. It was paddled by black fellows. You could see from afar the white of their eyeballs glistening. They shouted, sang; their bodies streamed with perspiration; they had faces like grotesque masks—these chaps; but they had bone, muscle, a wild vitality, an intense energy of movement, that was as natural and true as the surf along their coast. They wanted no excuse for being there. They were a great comfort to look at. For a time I would feel I belonged still to a world of straightforward facts; but the feeling would not last long. Something would turn up to scare it away. Once, I remember, we came upon a man-of-war anchored off the coast. There wasn’t even a shed there, and she was shelling the bush. It appears the French had one of their wars going on thereabouts.
[...]
In the empty immensity of earth, sky, and water, there she was, incomprehensible, firing into a continent. Pop, would go one of the eight-inch guns; a small flame would dart and vanish, a little white smoke would disappear, a tiny projectile would give a feeble screech—and nothing happened. Nothing could happen. There was a touch of insanity in the proceeding, a sense of lugubrious drollery in the sight; and it was not dissipated by somebody on board assuring me earnestly there was a camp of natives—he called them enemies!—hidden out of sight somewhere.
[...]
I could see every rib, the joints of their limbs were like knots in a rope; each had an iron collar on his neck, and all were connected together with a chain whose bights swung between them, rhythmically clinking. Another report from the cliff made me think suddenly of that ship of war I had seen firing into a continent. It was the same kind of ominous voice; but these men could by no stretch of imagination be called enemies. They were called criminals, and the outraged law, like the bursting shells, had come to them, an insoluble mystery from over the sea. All their meager breasts panted together, the violently dilated nostrils quivered, the eyes stared stonily uphill. They passed me within six inches, without a glance, with that complete, deathlike indifference of unhappy savages.
[...]
“Black shapes crouched, lay, sat between the trees, leaning against the trunks, clinging to the earth, half coming out, half effaced within the dim light, in all the attitudes of pain, abandonment, and despair. Another mine on the cliff went off, followed by a slight shudder of the soil under my feet. The work was going on. The work! And this was the place where some of the helpers had withdrawn to die. “They were dying slowly—it was very clear. They were not enemies, they were not criminals, they were nothing earthly now,—nothing but black shadows of disease and starvation, lying confusedly in the greenish gloom. Brought from all the recesses of the coast in all the legality of time contracts, lost in uncongenial surroundings, fed on unfamiliar food, they sickened, became inefficient, and were then allowed to crawl away and rest. These moribund shapes were free as air—and nearly as thin. I began to distinguish the gleam of eyes under the trees. Then, glancing down, I saw a face near my hand. The black bones reclined at full length with one shoulder against the tree, and slowly the eyelids rose and the sunken eyes looked up at me, enormous and vacant, a kind of blind, white flicker in the depths of the orbs, which died out slowly. The man seemed young—almost a boy—but you know with them it’s hard to tell. I found nothing else to do but to offer him one of my good Swede’s ship’s biscuits I had in my pocket. The fingers closed slowly on it and held—there was no other movement and no other glance. He had tied a bit of white worsted round his neck—Why? Where did he get it? Was it a badge—an ornament—a charm—a propitiatory act? Was there any idea at all connected with it? It looked startling round his black neck, this bit of white thread from beyond the seas.
[...]
“One day he remarked, without lifting his head, ‘In the interior you will no doubt meet Mr. Kurtz.’ On my asking who Mr. Kurtz was, he said he was a first-class agent; and seeing my disappointment at this information, he added slowly, laying down his pen, ‘He is a very remarkable person.’ Further questions elicited from him that Mr. Kurtz was at present in charge of a trading post, a very important one, in the true ivory-country, at ‘the very bottom of there. Sends in as much ivory as all the others put together . . . ’
[...]
‘When you see Mr. Kurtz,’ he went on, ‘tell him from me that everything here’—he glanced at the desk—‘is very satisfactory. I don’t like to write to him—with those messengers of ours you never know who may get hold of your letter—at that Central Station.’ He stared at me for a moment with his mild, bulging eyes. ‘Oh, he will go far, very far,’ he began again. ‘He will be a somebody in the Administration before long.
[...]
On the fifteenth day I came in sight of the big river again, and hobbled into the Central Station. It was on a back water surrounded by scrub and forest, with a pretty border of smelly mud on one side, and on the three others inclosed by a crazy fence of rushes. A neglected gap was all the gate it had, and the first glance at the place was enough to let you see the flabby devil was running that show. White men with long staves in their hands appeared languidly from amongst the buildings, strolling up to take a look at me, and then retired out of sight somewhere. One of them, a stout, excitable chap with black mustaches, informed me with great volubility and many digressions, as soon as I told him who I was, that my steamer was at the bottom of the river.
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The steamer was sunk. They had started two days before in a sudden hurry up the river with the manager on board, in charge of some volunteer skipper, and before they had been out three hours they tore the bottom out of her on stones, and she sank near the south bank. I asked myself what I was to do there, now my boat was lost. As a matter of fact, I had plenty to do in fishing my command out of the river. I had to set about it the very next day. That, and the repairs when I brought the pieces to the station, took some months.
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“My first interview with the manager was curious.
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He had no learning, and no intelligence. His position had come to him—why? Perhaps because he was never ill . . . He had served three terms of three years out there . . . Because triumphant health in the general rout of constitutions is a kind of power in itself.
[...]
He paid no attention to my explanations, and, playing with a stick of sealing-wax, repeated several times that the situation was ‘very grave, very grave.’ There were rumors that a very important station was in jeopardy, and its chief, Mr. Kurtz, was ill. Hoped it was not true. Mr. Kurtz was . . . I felt weary and irritable. Hang Kurtz, I thought. I interrupted him by saying I had heard of Mr. Kurtz on the coast. ‘Ah! So they talk of him down there,’ he murmured to himself. Then he began again, assuring me Mr. Kurtz was the best agent he had, an exceptional man, of the greatest importance to the Company; therefore I could understand his anxiety. He was, he said, ‘very, very uneasy.’
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He struck a match, and I perceived that this young aristocrat had not only a silver-mounted dressing-case but also a whole candle all to himself. Just at that time the manager was the only man supposed to have any right to candles. Native mats covered the clay walls; a collection of spears, assegais, shields, knives was hung up in trophies. The business intrusted to this fellow was the making of bricks—so I had been informed; but there wasn’t a fragment of a brick anywhere in the station, and he had been there more than a year—waiting. It seems he could not make bricks without something, I don’t know what—straw maybe. Anyways, it could not be found there, and as it was not likely to be sent from Europe, it did not appear clear to me what he was waiting for. An act of special creation perhaps.
[...]
Then I noticed a small sketch in oils, on a panel, representing a woman, draped and blindfolded, carrying a lighted torch. The background was somber—almost black. The movement of the woman was stately, and the effect of the torchlight on the face was sinister. “It arrested me, and he stood by civilly, holding a half-pint champagne bottle (medical comforts) with the candle stuck in it. To my question he said Mr. Kurtz had painted this—in this very station more than a year ago—while waiting for means to go to his trading-post. ‘Tell me, pray,’ said I, ‘who is this Mr. Kurtz?’
[...]
‘He is a prodigy,’ he said at last. ‘He is an emissary of pity, and science, and progress, and devil knows what else. We want,’ he began to declaim suddenly, ‘for the guidance of the cause intrusted to us by Europe, so to speak, higher intelligence, wide sympathies, a singleness of purpose.’ ‘Who says that?’ I asked. ‘Lots of them,’ he replied. ‘Some even write that; and so he comes here, a special being, as you ought to know.’ ‘Why ought I to know?’ I interrupted, really surprised. He paid no attention. ‘Yes. To-day he is chief of the best station, next year he will be assistant-manager, two years more and . . . but I dare say you know what he will be in two years’ time. You are of the new gang—the gang of virtue. The same people who sent him specially also recommended you. Oh, don’t say no. I’ve my own eyes to trust.’
[...]
What I really wanted was rivets, by heaven! Rivets. To get on with the work—to stop the hole. Rivets I wanted. There were cases of them down at the coast—cases—piled up—burst—split! You kicked a loose rivet at every second step in that station yard on the hillside. Rivets had rolled into the grove of death. You could fill your pockets with rivets for the trouble of stooping down—and there wasn’t one rivet to be found where it was wanted. We had plates that would do, but nothing to fasten them with. And every week the messenger, a lone negro, letter-bag on shoulder and staff in hand, left our station for the coast. And several times a week a coast caravan came in with trade goods,—ghastly glazed calico that made you shudder only to look at it, glass beads value about a penny a quart, confounded spotted cotton handkerchiefs. And no rivets. Three carriers could have brought all that was wanted to set that steamboat afloat.
[...]
No, I don’t like work. I had rather laze about and think of all the fine things that can be done. I don’t like work—no man does—but I like what is in the work,—the chance to find yourself. Your own reality—for yourself, not for others—what no other man can ever know. They can only see the mere show, and never can tell what it really means.
[...]
“I had given up worrying myself about the rivets. One’s capacity for that kind of folly is more limited than you would suppose. I said Hang!—and let things slide. I had plenty of time for meditation, and now and then I would give some thought to Kurtz. I wasn’t very interested in him. No. Still, I was curious to see whether this man, who had come out equipped with moral ideas of some sort, would climb to the top after all, and how he would set about his work when there.”
[...]
“One evening as I was lying flat on the deck of my steamboat, I heard voices approaching—and there were the nephew and the uncle strolling along the bank. I laid my head on my arm again, and had nearly lost myself in a doze, when somebody said in my ear, as it were: ‘I am as harmless as a little child, but I don’t like to be dictated to. Am I the manager—or am I not? I was ordered to send him there. It’s incredible.’ . . . I became aware that the two were standing on the shore alongside the forepart of the steamboat, just below my head. I did not move; it did not occur to me to move: I was sleepy.
[...]
‘How did that ivory come all this way?’ growled the elder man, who seemed very vexed. The other explained that it had come with a fleet of canoes in charge of an English half-caste clerk Kurtz had with him; that Kurtz had apparently intended to return himself, the station being by that time bare of goods and stores, but after coming three hundred miles, had suddenly decided to go back, which he started to do alone in a small dug-out with four paddlers, leaving the half-caste to continue down the river with the ivory. The two fellows there seemed astounded at anybody attempting such a thing. They were at a loss for an adequate motive. As to me, I seemed to see Kurtz for the first time. It was a distinct glimpse: the dug-out, four paddling savages, and the lone white man turning his back suddenly on the headquarters, on relief, on thoughts of home—perhaps; setting his face towards the depths of the wilderness, towards his empty and desolate station. I did not know the motive. Perhaps he was just simply a fine fellow who stuck to his work for its own sake. His name, you understand, had not been pronounced once. He was ‘that man.’ The half-caste, who, as far as I could see, had conducted a difficult trip with great prudence and pluck, was invariably alluded to as ‘that scoundrel.’
[...]
“In a few days the Eldorado Expedition went into the patient wilderness, that closed upon it as the sea closes over a diver. Long afterwards the news came that all the donkeys were dead. I know nothing as to the fate of the less valuable animals. They, no doubt, like the rest of us, found what they deserved. I did not inquire. I was then rather excited at the prospect of meeting Kurtz very soon. When I say very soon I mean it comparatively. It was just two months from the day we left the creek when we came to the bank below Kurtz’s station. “Going up that river was like traveling back to the earliest beginnings of the world, when vegetation rioted on the earth and the big trees were kings. An empty stream, a great silence, an impenetrable forest. The air was warm, thick, heavy, sluggish. There was no joy in the brilliance of sunshine. The long stretches of the waterway ran on, deserted, into the gloom of overshadowed distances. On silvery sandbanks hippos and alligators sunned themselves side by side. The broadening waters flowed through a mob of wooded islands; you lost your way on that river as you would in a desert, and butted all day long against shoals, trying to find the channel, till you thought yourself bewitched and cut off for ever from everything you had known once—somewhere—far away—in another existence perhaps. There were moments when one’s past came back to one, as it will sometimes when you have not a moment to spare to yourself; but it came in the shape of an unrestful and noisy dream, remembered with wonder amongst the overwhelming realities of this strange world of plants, and water, and silence. And this stillness of life did not in the least resemble a peace. It was the stillness of an implacable force brooding over an inscrutable intention. It looked at you with a vengeful aspect. I got used to it afterwards; I did not see it any more; I had no time. I had to keep guessing at the channel; I had to discern, mostly by inspiration, the signs of hidden banks; I watched for sunken stones; I was learning to clap my teeth smartly before my heart flew out, when I shaved by a fluke some infernal sly old snag that would have ripped the life out of the tin-pot steamboat and drowned all the pilgrims; I had to keep a look-out for the signs of dead wood we could cut up in the night for next day’s steaming. When you have to attend to things of that sort, to the mere incidents of the surface, the reality—the reality, I tell you—fades. The inner truth is hidden—luckily, luckily. But I felt it all the same; I felt often its mysterious stillness watching me at my monkey tricks, just as it watches you fellows performing on your respective tight-ropes for—what is it? half-a-crown a tumble—”
[...]
The steamer toiled along slowly on the edge of a black and incomprehensible frenzy. The prehistoric man was cursing us, praying to us, welcoming us—who could tell? We were cut off from the comprehension of our surroundings; we glided past like phantoms, wondering and secretly appalled, as sane men would be before an enthusiastic outbreak in a madhouse. We could not understand, because we were too far and could not remember, because we were traveling in the night of first ages, of those ages that are gone, leaving hardly a sign—and no memories. “The earth seemed unearthly. We are accustomed to look upon the shackled form of a conquered monster, but there—there you could look at a thing monstrous and free. It was unearthly, and the men were—No, they were not inhuman. Well, you know, that was the worst of it—this suspicion of their not being inhuman. It would come slowly to one. They howled, and leaped, and spun, and made horrid faces; but what thrilled you was just the thought of their humanity—like yours—the thought of your remote kinship with this wild and passionate uproar. Ugly. Yes, it was ugly enough; but if you were man enough you would admit to yourself that there was in you just the faintest trace of a response to the terrible frankness of that noise, a dim suspicion of there being a meaning in it which you—you so remote from the night of first ages—could comprehend. And why not? The mind of man is capable of anything—because everything is in it, all the past as well as all the future. What was there after all? Joy, fear, sorrow, devotion, valor, rage—who can tell?—but truth—truth stripped of its cloak of time. Let the fool gape and shudder—the man knows, and can look on without a wink. But he must at least be as much of a man as these on the shore. He must meet that truth with his own true stuff—with his own inborn strength. Principles? Principles won’t do. Acquisitions, clothes, pretty rags—rags that would fly off at the first good shake. No; you want a deliberate belief. An appeal to me in this fiendish row—is there? Very well; I hear; I admit, but I have a voice too, and for good or evil mine is the speech that cannot be silenced. Of course, a fool, what with sheer fright and fine sentiments, is always safe. Who’s that grunting? You wonder I didn’t go ashore for a howl and a dance? Well, no—I didn’t. Fine sentiments, you say? Fine sentiments, be hanged! I had no time. I had to mess about with white-lead and strips of woolen blanket helping to put bandages on those leaky steam-pipes—I tell you. I had to watch the steering, and circumvent those snags, and get the tin-pot along by hook or by crook. There was surface-truth enough in these things to save a wiser man. And between whiles I had to look after the savage who was fireman. He was an improved specimen; he could fire up a vertical boiler. [...]

Das Herz der Finsternis (deutscher Text bei gutenberg.spiegel.de)

Darin lag Scheinwahrheit genug, um auch einen weiseren Mann als mich retten zu können. Und zwischendurch hatte ich auch nach dem Wilden zu sehen, der als Heizer diente. Er war ein bewährter Vertreter seines Berufes; er konnte einen senkrechten Kessel heizen. Er arbeitete dort unter mir, und – auf mein Wort! – ihm zuzusehen war ebenso erbaulich, als wenn man einen Hund betrachtet, der, in Hosen und Federhut gekleidet, auf den Hinterbeinen spazierengeht. Wenige Monate der Abrichtung hatten bei dem wirklich feinen Kerl genügt. Er schielte nach dem Dampf- und Wassermesser, in augenscheinlicher Anstrengung, unbefangen zu erscheinen, und dabei hatte er noch spitzgefeilte Zähne, der arme Teufel, hatte die Wolle auf seinem Kopf in absonderlichem Muster geschoren und drei Ziernarben auf jeder Wange. Von Rechts wegen hätte er auf dem Ufer oben in die Hände klatschen und mit den Füßen trampeln sollen. Statt dessen war er hart an der Arbeit, ein Sklave fremden Zauberwerks und voll höheren Wissens. Er war nützlich, weil er unterrichtet worden war. Und was er wußte, war, daß, wenn das Wasser in dem durchsichtigen Ding verschwinden sollte, der böse Geist drinnen im Kessel infolge der Größe seines Durstes böse werden und furchtbare Rache nehmen würde. So schwitzte er und heizte und beobachtete dabei furchtsam das Glas; er trug ein aus Fetzen schnell zurechtgemachtes Zauberamulett um den Arm gebunden und hatte sich ein poliertes Knochenstück, so groß wie eine Taschenuhr, flach durch die Unterlippe gezogen. Unterdessen glitten die waldigen Ufer langsam an uns vorbei, der kurze Lärm blieb zurück, die endlosen Meilen des Schweigens – und wir krochen weiter, auf Kurtz zu. Aber die Baumstämme waren dick, das Wasser war heimtückisch und seicht, der Kessel schien tatsächlich einen boshaften Teufel im Leibe zu haben, und so hatten weder der Feuermann noch ich Zeit, unseren trüben Gedanken nachzuhängen. [...]
Am Abend des nächsten Tages glaubten wir noch etwa acht Meilen von Kurtz' Station weg zu sein. Ich wollte weiterfahren; aber der Direktor machte ein ernstes Gesicht und sagte mir, die Schiffahrt dort oben sei so gefährlich, daß es ratsam scheine, weil die Sonne schon recht tief stehe, da, wo wir eben waren, den nächsten Morgen abzuwarten. Er hob auch hervor, daß wir uns, wenn wir die Warnung, uns vorsichtig zu nähern, ernst nehmen wollten, bei Tage nähern müßten, nicht in der Dämmerung oder im Dunkeln. Das klang vernünftig genug. Acht Meilen bedeuteten für uns fast drei Stunden Fahrt, und überdies konnte ich am Ende der Stromstrecke verdächtige Kabbelwellen sehen. Trotzdem ärgerte mich der Aufschub über alle Maßen und auch ganz unsinnig, da ja nach so viel Monaten eine Nacht mehr nicht viel ausmachen konnte. Da wir Holz zur Genüge hatten und Vorsicht geboten war, ließ ich das Schiff mitten im Strom vor Anker gehen. Das Fahrwasser war eng und gerade, mit Seitenwänden wie ein Eisenbahneinschnitt. Das Dämmern glitt herein, bevor noch die Sonne untergegangen war. Der Strom rann glatt und schnell, die Ufer lagen in dumpfer Reglosigkeit. Die lebenden Bäume, die die Schlingpflanzen untereinander verknüpften, jeder lebende Busch des Unterwuchses, alles hätte in Stein verwandelt sein können, bis zum dünnsten Zweig, zum kleinsten Blättchen hinunter. Es war nicht Schlaf – es wirkte unnatürlich, wie in einem Traum. Kein noch so leiser Laut war zu hören, man starrte verwundert vor sich hin und begann zu fürchten, man sei plötzlich taub geworden – dann fiel unvermittelt die Nacht ein und machte einen überdies noch blind. 

Gegen drei Uhr morgens sprang ein großer Fisch hoch, und das laute Aufklatschen ließ mich auffahren, als wäre ein Geschütz abgefeuert worden. Als die Sonne aufging, herrschte ein weißer Nebel, ganz warm und klebrig, bei dem noch weniger zu sehen war als während der Nacht. Er wallte nicht, trieb auch nicht, war nur einfach da und stand rings um einen, wie eine feste Mauer. Gegen acht oder neun Uhr etwa ging er in die Höhe, wie ein Vorhang aufgeht. Wir konnten einen kurzen Blick auf die turmhohen Bäume tun, auf das ungeheure, zusammengeballte Dschungel, auf die weißglühende, kleine Sonnenkugel, die darüber aufgegangen war – alles reglos still –, dann senkte sich der weiße Vorhang wieder nieder, als glitte er in geölten Schienen. Ich ordnete an, daß die Kette, die wir anzuhieven begonnen hatten, wieder nachgelassen würde. Bevor sie noch aufgehört hatte, mit gedämpftem Rasseln auszulaufen, kam ein Schrei, ein überlauter Schrei, wie von unendlicher Trostlosigkeit, durch die opalfarbene Luft. Er brach ab. Dann klang uns ein Wehklagen, rauh abgestimmt, in die Ohren. Das war so unerwartet, daß sich mir vor lauter Überraschung die Haare unter der Mütze sträubten. Ich weiß nicht, wie es die anderen empfanden: mir schien es, als hätte der Nebel selbst aufgeschrien, so plötzlich und offenbar von allen Seiten hatte sich der wüste Trauerlärm erhoben. Er gipfelte in einem überstürzten, fast unerträglichen Kreischen, das plötzlich abbrach und uns erstarrt in allerlei törichten Stellungen zurückließ, hartnäckig weiter dem fast ebenso bedrückenden, übermäßigen Schweigen lauschend. [...]

Wir waren gerade langsam um eine Krümmung herumgepaddelt, als ich mitten im Strom eine Insel sah, die kaum mehr als ein strahlend grüner Grashügel schien, die einzige ihrer Art; als wir aber weiter um die Biegung herumkamen, bemerkte ich, daß sie die Spitze einer Sandbank bildete, oder vielmehr einer Kette von Untiefen, die sich in der Mitte des Stromes hinzogen. Sie waren farblos und alle hart an der Oberfläche zu sehen, gerade wie das Rückgrat eines Menschen inmitten des Rückens unter der Haut kenntlich ist. Soviel ich nun sah, konnte ich rechts oder links daran vorbeifahren. Ich kannte natürlich keine der beiden Durchfahrten. Die Ufer sahen auf beiden Seiten ziemlich gleich aus, auch die Tiefe schien die gleiche; da mir aber gesagt worden war, die Station liege auf dem Westufer, so hielt ich natürlich auf die westliche Durchfahrt zu.
Kaum waren wir richtig drin, da merkte ich, daß sie viel enger war, als ich angenommen hatte. Zu unserer Linken lag die ununterbrochene Kette von Untiefen, und rechts das hohe Steilufer, dicht mit Unterwuchs bestanden. Über den Unterwuchs erhoben sich die Bäume in gedrängter Masse. Die Zweige hingen dicht über dem Strom, und da und dort ragte auch ein großer Ast waagrecht hinaus. Es war schon spät am Nachmittag, der Wald stand düster da, und ein breiter Schattenstreifen hatte sich über das Wasser gelegt. In diesem Schattenstreifen dampften wir hinauf – sehr langsam, wie ihr euch vorstellen könnt. Ich hielt das Schiff hart am Ufer, da dort das Wasser am tiefsten war, wie mir das Lot bewies. [...]
Merkt es euch, ich versuche weder zu entschuldigen, noch zu erklären – ich versuche nur mir selbst Rechenschaft zu geben über – über – Herrn Kurtz – den Schatten des Herrn Kurtz. Dieser Wiedergänger aus dem großen Nirgends, in die letzten Geheimnisse eingeweiht, beehrte mich mit seinem überwältigenden Vertrauen, bevor er endgültig verschwand. Der Grund dafür war, daß er Englisch mit mir sprechen konnte. Der ursprüngliche Kurtz war teilweise in England erzogen worden, und wie er sich wohl am besten selbst sagen konnte: seine Zuneigung war am rechten Platz. Seine Mutter war halbe Engländerin gewesen, sein Vater halber Franzose. Ganz Europa hatte bei der Erzeugung von Kurtz mitgeholfen; und nach und nach erfuhr ich auch, daß die Internationale Gesellschaft zur Unterdrückung wilder Sitten ihn sinnigerweise mit der Abfassung eines Berichtes betraut hatte, der in Zukunft als Richtschnur dienen sollte. Diesen Bericht hatte er auch geschrieben. Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn gelesen. Er war schwungvoll beredt, aber vielleicht doch etwas überspannt, denke ich. Er hatte Zeit gefunden, siebzehn Seiten eng vollzuschreiben! Doch das muß geschehen sein, bevor er es, sagen wir, mit den Nerven zu tun bekam und er dazu überging, bei gewissen mitternächtlichen Tänzen den Vorsitz zu führen; diese Tänze endeten mit unaussprechlichen Riten, die, soviel ich widerstrebend nach und nach aus verschiedenen Mitteilungen entnehmen konnte, ihm dargebracht wurden – versteht ihr mich – Herrn Kurtz persönlich. Aber der Bericht war prachtvoll geschrieben. Heute allerdings, auf Grund der Mitteilungen, die ich seither erhalten habe, erscheint mir die Einleitung von übler Vorbedeutung. Er begann mit der Behauptung, daß wir Weißen, auf der Höhe der Entwicklung, die wir erreicht hätten, ihnen (den Wilden) notwendig als übernatürliche Wesen erscheinen, – ihnen mit göttlicher Machtvollkommenheit entgegentreten müßten, und so weiter, und so weiter. Durch einfache Anspannung unseres Willens könnten wir tatsächlich eine unbeschränkte Macht zum Guten ausüben, und so weiter, und so weiter. Von diesem Ausgangspunkt erhob er sich in die Lüfte und riß mich mit sich. Die Ausführungen waren prachtvoll, wenn auch nicht leicht zu behalten. Sie gaben mir die Vorstellung exotischer Weiten, über die ein erhabenes Wohlwollen herrscht. Ich bebte vor Begeisterung. Das war die schrankenlose Macht der Beredsamkeit – der Worte – der glühenden, schönen Worte. Keine praktischen Winke unterbrachen den Zauberstrom der Phrasen, wenn man nicht eine Art Fußnote am Ende der letzten Seite, offenbar viel später und mit zitteriger Hand mit Bleistift hingekritzelt, als Ausführungsbestimmung gelten lassen wollte. Sie war sehr kurz gefaßt und traf einen, am Ende dieses ergreifenden Mahnrufes zur Nächstenliebe, völlig unerwartet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel: ›Alle die Hunde ausrotten!‹ Das Merkwürdige dabei war, daß er diese gewichtige Nachschrift augenscheinlich ganz vergessen hatte; denn später, als er teilweise wieder zu sich kam, beschwor er mich wiederholt, auf sein ›Pamphlet‹, wie er es nannte, zu achten, da er sich davon den günstigsten Einfluß auf seine künftige Laufbahn versprach. Ich war über alle diese Dinge genau unterrichtet und sollte, wie sich später zeigte, überdies auch sein Andenken hüten. Ich habe genug dafür getan, um das unbestreitbare Recht für mich in Anspruch nehmen zu können, daß ich es nach Gutdünken auch im Mülleimer des Fortschritts hätte zu ewiger Ruhe bestatten dürfen, mitten unter dem Kehricht und den, bildlich gesprochen, toten Katzen der Zivilisation. Aber seht ihr, ich kann ja nicht nach meinem Gutdünken handeln. Er wird nicht vergessen werden. Was immer er auch war, er war nicht alltäglich. Er hatte die Macht, unverdorbene Gemüter so zu bezaubern oder zu erschrecken, daß sie ihm zu Ehren einen Teufelstanz mit erschwerenden Begleitumständen aufführten. [...]
.›Was ist das?‹ fragte ich. Er schlug verwundert die Hände zusammen.›Die Station‹, rief er. Ich hielt sofort darauf zu, immer noch mit halber Kraft. Durch mein Glas sah ich einen Hügelhang, mit wenigen Bäumen bestanden und ganz frei von Unterwuchs. Ein langes, verfallenes Gebäude auf dem Gipfel war halb in dem hohen Gras begraben; die großen Löcher in dem spitzen Dach gähnten von weitem schwarz her; das Dschungel und die Wälder bildeten den Hintergrund. Es gab keine Umzäunung oder Abgrenzung irgendwelcher Art. Doch war augenscheinlich eine dagewesen, denn nahe beim Hause standen noch ein halb Dutzend dünner Pfähle in einer Reihe, roh behauen und an ihrem oberen Ende mit runden, geschnitzten Kugeln geschmückt. Das Gitter, oder was sonst sie untereinander verbunden hatte, war verschwunden. Natürlich schloß der Wald das alles ein. Das Ufer war geräumt, und hart am Wasser sah ich einen weißen Mann unter einem Hut von der Größe eines Wagenrades, der unermüdlich mit dem ganzen Arm winkte. Während ich die Waldkante oben und unten beobachtete, glaubte ich ganz gewiß Bewegungen zu sehen, menschliche Formen, die da- und dorthinglitten. Ich dampfte vorsichtig vorbei, stoppte dann die Maschine und ließ das Schiff zurücktreiben. Der Mann am Ufer begann zu brüllen und forderte uns dringend auf, zu landen.›Wir sind angegriffen worden‹ schrie der Direktor. ›Ich weiß, ich weiß. Schon recht‹, kreischte der andere zurück, so herzlich wie möglich. ›Kommt nur, es ist schon recht, ich freue mich.‹
Sein Anblick erinnerte mich an etwas, das ich gesehen hatte – etwas Lustiges, das ich irgendwo gesehen hatte. Während ich manövrierte, um anlegen zu können, überlegte ich,›wie sieht der Bursche aus?‹ Plötzlich hatte ich es. Er sah aus wie ein Harlekin. Seine Kleider waren aus einem Zeug gemacht, das ursprünglich wohl braunes Leinen gewesen, jetzt aber über und über mit Flicken besetzt war, mit bunten Flicken, blau, rot und gelb, hinten und vorn, an den Ellbogen und den Knien; eine farbige Kante rings um seine Jacke, ein scharlachroter Besatz an den Hosensäumen; und im Sonnenschein sah er unendlich lustig und dabei sehr sauber aus, und man merkte genau, wie sorgfältig die Flickarbeit gemacht worden war. [...]
Kapitel 3:
Der Zauber der Jugend überglänzte seine bunten Flicken, seine Verkommenheit und Einsamkeit, die trostlosen Male seines ziellosen Wanderns. Monate lang – Jahre lang, war sein Leben keinen Pfifferling wert gewesen; und da stand er nun vor mir, ganz springlebendig, hochherzig, unbekümmert und allem Anschein nach unantastbar, nur infolge seiner jungen Jahre und seiner bedenkenlosen Kühnheit. Ich fühlte mich zu etwas wie Bewunderung, ja Neid verleitet. Ein Zauber trieb ihn voran, ein Zauber hielt ihn unversehrt. Er verlangte sicher nichts weiter von der Wildnis als Raum, um atmen und immer weiter wandern zu können. Er wollte leben und unter den denkbar größten Gefahren und schlimmsten Entbehrungen sich weiterbewegen. Wenn je der völlig reine, nicht berechnende, wirklichkeitsfremde Abenteurergeist ein menschliches Wesen beherrscht hatte, so diesen flickenbesäten Jungen. Ich beneidete ihn beinahe um den Besitz der kleinen, klaren Flamme. Sie schien alle Gedanken an ihn selbst so gründlich aufgezehrt zu haben, daß man sogar, während er mit einem sprach, völlig vergaß, er selbst – der Mann da vor einem – sei durch alle diese Dinge gegangen. Seine Ergebenheit für Kurtz allerdings neidete ich ihm nicht. Darüber hatte er nicht gegrübelt. Die hatte ihn überkommen, und er hatte sie mit übereifrigem Fatalismus hingenommen. Ich muß sagen, daß mir diese Ergebenheit das weitaus Gefährlichste schien, was ihm je begegnen konnte. [...]

Euripides: Iphigenie in Aulis (Iphigenie)

Als deutlich wird, dass das gesamte Griechenheer von Agememnon fordert, er solle Iphigenie opfern, damit sie guten Wind für die Fahrt nach Troja bekommen, ringt sich Iphigenie zu einer neuen Haltung durch. Sie rät Klytämestra und Achilles, dem Heer keinen Widerstand zu leisten, und sagt:

"Mutter, höre mich,
Höret meine Wort: ich seh dich deinem Gatten ohne Grund
Aufgebracht sein, und erzwingen läßt sich nichts Unmögliches.
Dieses Freundes edler Eifer zwar ist alles Lobes wert,
Doch auch du mußt dies verhüten, daß das Heer ihn nicht verkenn
Und wir doch nichts weiter wirken, während er es büßen muß.
Nun vernimm, was Überlegung mir in meine Seele gab:
Sieh, ich bin zu sterben willens; aber dieses eben soll
Schön und rühmlich, mit Verbannung niedrer Sinnesart, geschehn.
Komm und prüf, o Mutter, mit mir, wie mein Ratschluß richtig sei!
Sieh, das ganze große Hellas richtet seine Blick auf mich;
Denn die Überfahrt der Flotte ruht auf mir und Trojas Sturz,
Und daß künftig keine Frauen aus dem seligen Hellas mehr
Werden weggeführt, wenn diese Leides tun den Welschen dort
Und den Raub Helenens strafen mit des Landes Untergang.
Allem diesem bring ich sterbend Schutz und Heil, und herrlich wird
So mein Tod sein; denn ich heiße Griechenlands Befreierin.
Ja, auch ich darf nicht am Leben hängen, Mutter, gar zu fest;
Dir allein gehör ich nicht an, sondern auch dem Vaterland.
Wo so viele tausend Männer, angetan mit Stahl und Erz,
Viele tausend Ruderschwinger sind bereit, des Vaterlands
Schmach zu rächen an den Feinden und zu sterben für sein Wohl,
Dürfte da mein einzig Leben allem dem im Wege stehn?"
[...]
IPHIGENIE.
Weinen sollst du nicht!
Ihr aber, Jungfraun, stimmet an ein Jubellied
Bei meinem Untergange! »Singet Artemis,
Zeus' Tochter!« schalle Segensruf im Danaerheer!
Herbei die Opferkörbe, laßt die Flamme glühn
Vom Sühnungsguß des Grieses! Und mein Vater soll
Rechtshin den Herd umwandeln! Denn Triumph und Heil
Dem Vaterland und Ruhm zu bringen, zieh ich hin!

So führt mich hin, mich, der Burg, Trojas Überwinderin!
Bringt Binden her – hier ist die Locke! –, bringt den Kranz
Und die Weihungssprengen!
Schlingt Reigen um den Altar,
Tanzt der Fürstin Artemis, der selgen!
Perlentau von Vaters Hand
Und heilige Sprenge harrt mein,
Daß mein Blut, mein Opfertod, weil es sein
Muß, den Schicksalsbeschluß entrolle!
[...]

Der echte Schluß des Dramas ist verloren. In unseren Handschriften folgt ein Botenbericht, der mindestens größtenteils Ergänzung ist. Durch ein antikes Zitat ist gesichert – was ohnehin von der Anlage des Stücks gefordert wird –, daß Artemis erschien und die Rettung Iphigenies ankündigte. Aus ihrer Rede, in der sie zweifellos auch begründete, warum sie gerade Agamemnons Tochter als Opfer verlangt habe, werden folgende Verse angeführt.

(ARTEMIS.)
Und einen hochgehörnten Hirsch den Griechen will
Ich in die Hände spielen, welchen schlachtend, sie
Dein Kind zu schlachten träumen ..."



Offensichtlich gibt es Gemeinsamkeiten von dieser Forderung eines Kindesopfers zu der Forderung an Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern, bis hin zu dem Opfertier, das der Gott im letzten Augenblick als Ersatz für das Kind zur Verfügung stellt.

Wie weit Schiller in seiner Darstellung der bewussten Annahme des Todesurteils durch Maria Stuart von Euripides beeinflusst war, möchte ich nicht bestimmen. Sicher ist, dass er dessen Iphigenie bereits 12 Jahre vor Abfassung seiner Maria Stuart übersetzt hat.

29 September 2017

Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl
Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson


"Es gibt nichts Älteres, heißt es, als die Zeitung von gestern. Doch das kommt darauf an. Als der Schriftsteller Uwe Johnson im Sommersemester 1979 Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt war, erzählte er von seiner Zeit in New York und der Suche nach Material. Während seine Kollegen – Johnson war Angestellter eines Schulbuchverlags – auf einen Schlüsselroman im Verlagswesen hoffen, grast er 1966 und 1967 New York und dessen unmittelbare Umgebung nach etwas ab, wovon er selbst nicht weiß, was es sein kann. „Fast war das vereinbarte Jahr vorüber“, als Johnson am 12. April 1967 auf Gesine Cresspahl stößt: „Ob sie wohl in Restaurants in ihrem Mantel sitzt? die Brille im Haar traegt?“. In der nächsten Woche habe er sie dienstags in Richtung Sixth Avenue gehen sehen. „Meine Damen und Herren, Sie werden mir vorhalten, sicherlich sei ich der einzige gewesen auf der ganzen 42. Strasse einer Gesine Cresspahl zu begegnen“. Doch keine andere aus seinem erzählerischen Kosmos habe dort gehen können und nirgendwo hätte das „Mecklenburger Kind, aufgewachsen eine Stunde Fußweg von der Ostsee“ anders wohnen können als am Riverside Drive an der Westküste Manhattans, dort wo Johnson selbst lebte.
Dank der Rockefeller Foundation blieb Johnson noch bis zum August 1968 in New York. Vom 29. Januar an schrieb er an den „Jahrestagen“, die (undatiert) am 20. August 1967 an der Küste New Jerseys beginnen [...]
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"Nur wer Heimat ausschließlich mit Herkunft verknüpft, kann sie allein für die Herkommenden beanspruchen und sie den Ankommenden nicht gewähren wollen – gedanklich wie tatsächlich. Kann ausgrenzen, markieren und herabsetzen. Doch nicht einen Roman kann man in die Hand nehmen, kein Musikstück hören, keine Reise unternehmen, nicht eine Freundschaft pflegen, ohne zumindest eine Ahnung vom Glück einer Heimat des Ankommens zu haben." (Heimat als „Ort des Ankommens“)

Heimat als Ort des Ankommens“ ist im Deutschen nicht die naheliegendste Assoziation,
man kennt sie aber in der Redewendung des "Sichbeheimaten".

27 September 2017

Euripides: Iphigenie in Aulis (Klytämestra, Achilles, Iphigenie, Agamemnon)

Klytämestra hat Agamemnons zweiten Brief nicht erhalten und trifft mit Iphigenie und Orest im Heerlager der Griechen ein. Dort erfährt sie, dass Agamemnon Iphigenie opfern will. Sie teilt das Achilles mit. Der verspricht ihr zu helfen. 

Klytämestra: Und gibt's im Himmel Götter, mußt du, edler Mann,
              Lohn ernten – gibt es keine, was bemühn wir uns?

Obwohl immer wieder von der göttlichen Herkunft der adligen Helden gesprochen wird, zweifelt Klytämestra bei Euripides also an der Existenz der Götter, verwendet aber eine verkürzte Form der Pascalschen Wette, zur Rechtfertigung ihres Glaubens. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen Agamemnon.


KLYTAIMESTRA.
Nun denn, so höre: offen will ich reden und
Nicht, wie zum Vorspiel, mehr in Rätseln sprechen hier.
Fürs erste – um von diesem Vorwurf auszugehn –:
Du nahmst zur Frau mich wider Willen mit Gewalt,
Nachdem du Tantal, meinen ersten Mann, in Fehd
Erschlagen, mein Kind von der Brust mir mit Gewalt
Gerissen hattest und zur Beute hingetan.
Und Zeusens Zwillingssöhne, meine Brüder, zwar,
Zu Rosse blinkend, überzogen dich mit Krieg,
Allein mein alter Vater Tyndar schirmte dich,
Den Flehnden, und verlieh dir wieder meine Hand.
Mit dir versöhnt dann, wirst du selbst bezeugen, wie
Ich dir ein tadelloses Weib im Hause war,
In keuscher Treue sittsam, daß der Segen wuchs
In deiner Wohnung und du wiederkehrend stets
Froh und zufrieden, wenn du ausgingst, glücklich warst. [...]
Du opferst sie! Was sprichst du für Gebet' dabei?
Wie willst du Segen dir erflehn beim Kindesmord?
Und ziemt es mir, um Segen wohl für dich zu flehn?
Oh, dann für sinnlos hielt ich wohl die Götter, wenn
Ich dem gewogen wäre, der die Meinen schlug!
Und willst du deine Kinder herzen, heimgekehrt?
Du hast das Recht verscherzet! Keines blickt dich an,
Nachdem du ihrer eines hin zur Schlachtung gabst.
Sprich, hast du dieses schon erwogen? [...]

IPHIGENIE
Und statt des Ölzweigs leg ich flehend meinen Leib,
Den hier die Mutter dir geboren, dir ans Knie:
Vernichte meine Blüte nicht! Dies Licht zu schaun
Ist süß! Oh, stoß mich nicht hinab ins finstre Reich!
Ich war die erste, die dich Vater nannte, die
Du Tochter nanntest, die, gewiegt auf deinem Knie,
Liebkosung, holde, gab und hold entgegennahm.
Da sprachst du manchmal: »Werd ich dich, mein Kind, dereinst
In einem reichbeglückten Hause glücklich sehn,
Gesund und blühend, wie es meiner würdig ist?«
Und ich dagegen, deinen Wangen angeschmiegt,
Denselben, die jetzt bittend meine Hand berührt:
»Und ich, mein Vater, wenn du alt bist, werd ich dich
Mit holdem Willkomm grüßen unter meinem Dach,
Mit Pfleg und Wartung dir die Mühn vergelten wohl?«
Und diese Rede lebt in meinem Herzen noch –
Du hast sie nun vergessen, töten willst du mich!
[...]