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24 März 2023

Herfried Münkler: Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch (2021)

Vorstellung durch den Verlag

Deutschlandfunk

Drei sehr unterschiedliche Menschen, die nicht viel miteinander zu tun haben. Die "Knoten", die Münkler in ihren Lebensgeschichten feststellt, sind, was Marx betrifft, eher zufällige Berührungen. Die intensive Freundschaft und intensive Feindschaft von Nietzche und Wagner sind bekannt.

Nicht so üblich der Blick auf Wagner und Marx, wo Wagner als der Revolutionär erscheint, der Handgranaten im Garten versteckt und vom Kirchturm Truppenbewegungen beobachtet, während Marx stets Kommentator von der Seitenlinie bleibt, erst in Köln, dann Paris und schließlich, dauerhaft in London. Wagner will und erreicht eine Kunstrevolution, die von ihrem ideologischen Gehalt her von heute aus gesehen reichlich verstaubtes 19. Jahrhundert ist (nicht zufällig der Rückgriff auf die Antike (Gesamtkunstwerk, die Zeit der Völkerwanderung mit den germanischen Mythen und das Mittelalter mit Parzival/Parsifal). Bei ihm geht es um Gold, bei Marx um Kapital.

Marx dagegen gewinnt mit seiner Kapitalismusanalyse immer wieder neue Aktualität, etwa bei der Finanzkrise 2007/08 oder im Zusammenhang mit dem Klimawandel (vgl. Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima).

Nietzsches Umwertung aller Werte und Kritik der Moral war revolutionär in den Zeiten der viktorianischen Doppelmoral und bleibt höchst originell in Zeiten, wo die Profitlogik und die Wachstumsforderung des Kapitalismus herrschend geworden ist. Problematisch bleibt die radikale Sicht des Einzelnen, der Gerechtigkeit als Hemmnis der Selbstverwirklichung sieht.  

Während deutlich ist, dass Marx mit Wagner und Nietzsche nichts anzufangen wusste, arbeitet Münkler bei hinsichtlich ihres Verhältnisses zu Religionskritik und Religionsstiftung (S.209-288)  interessante Gemeinsamkeiten und Gegensätze heraus. 

Wagner und Nietzsche gehen von einer junghegelianischen und Feuerbachschen Religionskritik aus. Wagner lehnt die kirchlichen Institutionen ab und beschäftigt sich in seiner Kunstreligion (nicht künstlichen, sondern nur im Gesamtkunstwerk verwirklichbaren) intensiv mit dem Erlösungsgedanken (Fliegender Holländer, Tannhäuser, Tristan und Isolde, Parsifal). Nietzsche lehnt die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen völlig ab. Nötig sei, dass die Starken sich über das Allzumenschliche zum Übermenschen entwickelten. Für ihre Herrschaft über die schlechten kleinen Menschen sei ihnen Religion als Mittel (Sklavvenmoral) nützlich (S.288 ff.). Marx dagegen sieht die Möglichkeit, dass alle Menschen in einer von Menschen erschaffenen neuen Gesellschaft zur Selbstverwirklichung finden. 

Süddeutsche Zeitung:

"[...] Herfried Münkler, selber gewiss kein Marxist im ideologischen Sinne, war seit 1993 mit der Fortführung der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betraut. In diese Zeit, besonders nach dem Finanzcrash 2007/2008, fällt das Wieder-Ernstnehmen von Marx als Beschreiber der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus, bei allen Fehlern seiner Prophetie. Zugleich hat Münkler zusammen mit Musikwissenschaftlern Seminare über Richard Wagner an der Humboldt-Universität veranstaltet. Aus diesem Material ergeben sich die ergiebigsten Vergleiche in diesem Buch.

Bei Wagner entdeckt Münkler "klasseninterne Auseinandersetzungen"

So ist es faszinierend zuzuschauen, wie Münkler nicht nur Wagners Schriften, sondern auch dessen Musikdramen als politischer Denker durchforstet und etwa im mythischen Kosmos der Nibelungen "klasseninterne Auseinandersetzungen" entdeckt - ein schönes Changieren zwischen Opernführer und politischer Ideengeschichte. Zum Beispiel stellt Münkler Wagners "Ring" und Marx so gegenüber: "Wagners Bourgeoisie ist zu konservativ, um unter den von ihr geschaffenen Verhältnissen politisch überleben zu können; Marx' Bourgeoisie hingegen ist zu revolutionär, um nicht der von ihr selbst angestoßenen Entwicklung zum Opfer zu fallen."

Beide, Marx und Wagner, erlebten das Scheitern der deutschen Revolution von 1848/49 als prägende Erfahrung ihrer Generation. (Für den jüngeren Nietzsche waren es die Einigungskriege und die Reichsgründung 1871, die er erst patriotisch begrüßte, aber sehr bald als Bedrohung der Kultur ablehnte.) Dieses Trauma - Wagner war selbst in Dresden gegen die Fürstenherrschaft auf die Barrikaden gegangen - verarbeiteten beide aber sehr unterschiedlich: "Wagner hat auf den Umsturz der Gesellschaft verzichtet", schreibt Münkler, "um an der Revolutionierung der Kunst festhalten zu können; Marx dagegen hat an der sozialen Revolution festgehalten, indem er den Umsturz in kleine Portionen zerlegte und in den sozioökonomischen Prozess einschrieb." "

Perlentaucher:

"Auch wenn sich die drei nie wirklich nahegekommen sind, kann der Autor anhand "zentraler Themen" und Ereignisse (Antisemitismus, Fortschritt, "Ring"-Uraufführung etc.) ein Gespräch der drei untereinander entfachen und sie in einem Spiel aus Distanz und Nähe zueinander ins Verhältnis setzen, staunt Thomä." (FAZ)

Münkler im Interview zum Buch

Münkler: Vortrag über sein Buch (Youtube) (mit Einführung 1h 40 min)

Zitate aus dem Buch:

"Volk ist für Wagner ein semantischer Container, den er braucht, um für die Einheit vor Beginn von Arbeitsteilung und sozialer Diversifikation einen Begriff zu haben." (S. 68)

"Nietzsche hat in Ecce homo [...] davon gesprochen [...] dass Zarathustra das verkörpert, was er sonst ex negativ wo – nämlich gegen den Menschen abgesetzt – beschreibt. "Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff 'Übermensch' ward hier höchste Realität, - in einer unendlichen Ferne liegt alles das, was bisher gross am Menschen hieß, unter ihm. In Zarathustra sei "die höchste Art alles Seienden" verkörpert, und das bezeichnet Nietzsche als den "Begriff des Dionysischen selbst". [...] Im Zarathustra hat Nietzsche einen neuen Mythos erfunden: den des Übermenschen und der ewigen Wiederkehr. Dahinter verbirgt sich eine psychologisch-pädagogische Absicht: die Menschen zum vollen ihrer selbst zu erziehen. Aber nicht nur das: der Mythos ist zumindest für den frühen Nietzsche, auch die belebende und erneuernde Kraft einer jeden Kultur: "Ohne Mythos [...] geht jede Cultur ihrer gesunden schöpferischen Naturkraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab." Das war ganz aus dem Geiste Wagners gedacht." (S. 307)

"Wagner erfindet keine neuen Mythen, aber er übernimmt die in der Edda und in den deutschen Heldensagen aufgefundenen auch nicht einfach, sondern ordnet und erzählt sie neu. Dabei orientiert er sich zumeist am Vorbild der griechischen Tragödie, die ja ebenfalls verbreitete Mythen der griechischen Vorstellungswelt aufgegriffen und für die Bühne aufbereitet hat. [...] Die Mythen werden von Wagner als eine Forterzählung durch das Volk verstanden, das er als deren eigentlichen Schöpfer ansieht. Nicht einzelne Ereignisse sind das Thema des Mythos, sondern das Wesen der sozialpolitischen Konstellationen, auf denen die Mythen basieren [...] In Oper und Drama schreibt Wagner: "Aller Gestaltungstrieb des Volkes geht im Mythos somit dahin, den weitesten Zusammenhang der mannigfaltigsten Erscheinungen in gedrängtester Gestalt sich zu versinnlichen [...Es ] wird das Volk im Mythos daher zum Schöpfer der Kunst; denn künstlerischen Gehalt und Form müssen notwendig diese Gestalten gewinnen, wenn, wie es wiederum ihre Eigentümlichkeit ist, sie nur dem Verlangen nach faßbarer Darstellung der Erscheinungen, somit dem sehnsüchtigen Wunsche, sich und sein eigenstes Wesen [...] selbst in dem dargestellten Gegenstande wieder zu erkennen, ja überhaupt erst zu erkennen, entsprungen ist." " (S.308)

"Diese Herausstellung des Bürgers als Citoyen, nicht zu verwechseln mit dem Bourgeois, findet sich auch, wenn Max im Rückblick auf Abraham Lincoln zu sprechen kommt. Und, ganz im Hegelschen Tonfall, dessen geschichtliche Rolle zusammenfasst: "Die Vernunft siegt dennoch in der Weltgeschichte." Lincoln werde "in der Geschichte der Vereinigten Staaten und der Menschheit unmittelbar Platz nehmen nach Washington." Max beschreibt den amerikanischen Präsidenten als genaues Gegenteil von Louis Bonaparte, als einen der ganz ohne historische Draperie Paris auskommt. "Zögernd, widerstrebend, unwillig singt er die Bravour- Arie seiner Rolle, als ob er um Verzeihung bäte, dass / die Umstände ihn nötigen, 'Löwe zu sein'. Die furchtbarsten geschichtlich ewig merkwürdigen Dekrete, die er dem Feind entgegenschleudert sehen alle aus und bestreben sich auszusehen wie alltägliche Ladungen, die ein Anwalt dem Anwalt der Gegenpartei zustellt, Rechtsschikanen, engherzig verklausulierte actiones juris [Rechtsakte]. Denselben Charakter trägt seine jüngste Proklamation, das bedeutendste Aktenstück der amerikanischen Geschichte seit der Gründung der Union, die Zerreißung der alten amerikanischen Verfassung, sein Manifest für die Abschaffung der Sklaverei." Fast sieht es so aus, als würde Max hier von seinem Geschichtsmodell der sozialen Klassen als Träger des revolutionären Fortschritts Abstand nehmen, Um an deren Stelle den zielstrebig handelnden Einzelnen zu setzen [...] der weder Uniform noch historisches Kostüm trägt, sondern bescheiden und unscheinbar daherkommt." (S. 417/418)

Nietzsche sieht in seiner Basler Zeit als Voraussetzung für Kultur eine besondere Art von Gesellschaftsaufbau (das Nietzschezitat in heutiger Rechtschreibung):

"Nietzsche hingegen war bereits zu seiner Basler Zeit zu der Auffassung gelangt, eine Ethik des Mitleids könne politisch nicht folgenlos bleiben. Deswegen forderte er dazu auf, sich vom Elend nicht erweichen zu lassen, sondern es eher noch zu verstärken, um die Möglichkeit von Kultur offen zu halten. Eine Politik der Macht wie eine Ethik des Mitleids saugten die Aufmerksamkeit und die Energie der Menschen auf, die der Kultur dann fehlten. Deren Höherentwicklung erfordere Grausamkeit und Härte: 'Deshalb dürfen wir auch die herrliche Kultur mit einem bluttriefenden Sieger vergleichen', erklärte er seinem Basler Publikum, 'der bei seinem Triumphzuge die an seinen Wagen gefesselten Besiegten als Sklaven mitschleppt: als welchen eine wohltätige Macht die Augen verblendet hat, so dass sie, von den Rädern des Wagens fast zermalmt, doch noch rufen: 'Würde der Arbeit!' 'Würde des Menschen' [...] Aus der Verzärtelung des neueren Menschen sind die ungeheuren soziale Notstände der Gegenwart geboren, nicht aus dem wahren und tiefen Erbarmen mit jenem Elende' - welches für Nietzsche offenbar nur dann 'wahr und tief' war, wenn es politisch folgenlos blieb. Deswegen fährt er fort: 'Wenn es wahr sein sollte, dass die Griechen an ihrem Sklaventurm zu Grunde gegangen sind, so ist das andere viel gewisser, dass wir an dem Mangel des Sklaventums zu Grunde gehen werden.' " (S.422)

Zum Gesellschaftsaufbau:

Zunächst zu denen ganz oben, an der Spitze der Gesellschaft. Bei Nietzsche sind das nicht die Mächtigen und Reichen, sondern 'die Geistigsten', die um der Vergeblichkeit großer Mühen und Anstrengungen wissen und diese dennoch auf sich nehmen, die das Leben bejahen, obwohl ihnen klar ist, wie es verläuft, Die somit soziologisch dem am nächsten kommen, was in philosophische Hinsicht von Nietzsche 'Übermensch' genannt wird. Was er hier vorträgt, ist keine wie auch immer empirisch rückgebundene Betrachtung der tatsächlichen gesellschaftlichen Ordnung, sondern eine an Platons Politeia und deren ständischen Vorstellungen angelegte Projektion, mit der er die Tiefenstrukturen der zeitgenössischen Gesellschaft sichtbar machen will." (S.424)

Ich habe mich daran gewöhnt, Nietzsche gegen die auf den Willen zur Macht von seiner Schwester zugespitzten Überlieferung in Schutz zu nehmen. In der Tat hat sich seine Vorstellung von Gesellschaft noch gewandelt (Münkler, S.425). Diese frühen Zitate lassen sich durchaus als Vorbereitung der Terrorherschaftt im Nationalsozialismus verstehen. 

Kap. 8

Die europäischen Juden bei Marx, Wagner und Nietzsche (S 435ff.)

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass es in Deutschland einen Antisemitismus im strikt rassistischen Sinn er ist seit 1879, dem Gründungsjahr der Antisemiten-Liga durch Wilhelm Marr, gegeben habe, doch steht das Jahr 1879 vor allem für die politische vor Formierung des Antisemitismus. Antisemitisches Denken., also eine Judenfeindschaft, die sich nicht auf das religiöse Bekenntnis und die zeremonielle Praxis konzentriert, sondern eine selbst durch die christliche Taufe nicht ablösbare Identität der Juden behauptet, hat es schon lange davor gegeben. 1879 wird freilich auch deswegen als die entscheidende Zäsur angesehen, weil im Jahr darauf der Berliner Antisemitismusstreit stattfand, eine im wesentlichen unter Universitätsprofessoren ausgetragene Kontroverse, die für erhebliches Aufsehen sorgte und auf die dann eine breite Welle antisemitischer Schriften auch und gerade aus dem akademischen Milieu folgte." (S. 437)

In Marxens Schrift 'Zur Judenfrage' von 1843, so kritisch er sich dort über die Juden äußert, ist aber nach Münkler kein rassistischer Antisemitismus zu finden, vielmehr kritisiert er an den Juden, dass sie die ihnen aufgedrängte Rolle als Kapitalisten akzeptiert hätten und dass es ihnen nur um 'Schacher' gehe, also um Profit und kapitalistische Akkumulation. Privat konnte Marx freilich, wenn er ein Ressentiment gegen jemanden hatte freilich sehr scharfe Formeln des Alltagsantisemitismus verwenden. Insbesondere gegen den 'jüdischen Nigger Lasalle' (S.648), mit dem er wegen dessen Rednergabe aber zusammenarbeiten musste. Aber den Juden Moses Heß (S.450) akzeptierte er ohne weiteres.

Bei Wagner aber findet sich 'manifester Antisemitismus' (S.453) 

Wenn die im Sinne der Wagnerschen Definition als Juden Bezeichneten ihre Fähigkeiten in die Kultur des Landes einbringen, dann verderben sie, so Wagners Vorwurf, diese Kultur nur. Sie seien dabei, wie Wagner am Beispiel von Mendelssohn Bartholdy und Meyerbeer meint zeigen zu können, die gewachsene Kultur Europas zu 'zersetzen' " (S.460)

"In den knapp zwei Jahrzehnten seit Wagners ersten öffentlichen Angriff hatte sich seine Judenfeindschaft zu einer Verschwörungsobsession gesteigert, die sich durch gegenläufige Beispiele aus der realen Welt, an denen es kaum gefehlt hätte, nicht mehr erschüttern ließ. Es war ein durchweg antisemitisches Weltbild, aus dem heraus Wagner im letzten Lebensjahrzehnt seine 'Regenerationsschriften' verfasste. (S. 461) (ausführlich auf S.462-471)

Die Frage, ob sich in Wagners Werk Judenkarikaturen finden, wie Adorno es angedeutet hat, hält Münkler nicht für relevant. "Wie man sie beantwortet, ändert aber nichts an dem Eingeständnis, dass Wagner zu den bösartigsten Antisemiten in Deutschland zu rechnen ist." (S476)

Nietzsches Anti-Antisemitismus (S.476)
"Während seiner engen persönlichen Verbindung mit Wagner hat Nietzsche dessen antijüdische Grundeinstellung weitgehend geteilt. [...]  Er sei, schrieb er später, 'bei einem Aufenthalt auf völlig infizirtem Gebiete nicht von der Krankheit verschont' geblieben. Der Bruch mit Wagner hat er für ihn zur Folge, dass er alles, was ihn mit Wagner verbunden hatte, einer eingehenden Prüfung unterzogen und in fast allem eine Gegenposition zur vormaligen Sichtweise entwickelte." (S. 476) Dann aber setzt er sich scharf vom Antisemitismus Wagners und Bernhard Försters, dem Mann seiner Schwester ab und formuliert sogar: Diese verfluchten Antisemiten-Fratzen sollen nicht an mein Ideal greifen.!!" (S477)
Er stellt "die Juden nunmehr als da eigentliche Bindeglied zwischen Antike und neuzeitlichem Europa heraus."

Die europäische Führungsrolle der Juden (S.480)
"Entgegen dem, was ist das Nietzsche-Archiv unter der Leitung seiner Schwester aus ihm gemacht hat, nämlich eine nationalistischen Denker mit stark rassistischer Prägung, war Nietzsche zutiefst davon überzeugt, dass Europa nur jenseits des Nationalismus eine Zukunft habe – und diese Zukunft können nur eine gemeinsame mit den Juden/ sein." (S. 480/481)

Die Juden als Urheber der "Sklavenaufstandes der Moral"(S.486)
Verfolgt man Nietzsches weiteren Denkweg, hat es den Anschein, als habe die Phase seiner Hoffnung auf die Juden als Retter Europas mit Wagners Tod geendet. Dessen Antisemitismus hatte ihn offenbar provoziert, eine Eloge nach der anderen auf die Juden zu schreiben und überall dort, wo Wagner die Juden verachtete, das genaue Gegenteil zu vertreten". (S,486)
"Die Juden [...] haben jenes Wunderstück von Umkehrung der Werthe zu Stande gebracht, dank welchem das Leben auf der Erde für ein paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat: – ihre Propheten haben 'reich', 'gottlos', 'böse', 'gewaltthätig', 'sinnlich' in Eins geschmolzen und zum ersten Mal das Wort 'Welt' zum Schandwort gemünzt. In dieser Umkehrung der Werthe [...] liegt die Bedeutung des jüdischen Volkes: mit ihm beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral.'
Dieser Aufstand, so Nietzsche, sei einer der wenigen, wenn nicht der einzige, der 'siegreich gewesen ist'. Die jüdisch-christliche Moral, so Nietzsche im Antichrist, sei das ressentimentgesteuerte Wein zur vornehmen Moral, zur aufsteigenden Bewegung des Lebens, von der er annimmt, dass sie' die Wohlgerathenheit, die Macht, die Schönheit, die Selbstbejahung auf Erden darstellt'. Der 'Genie gewordene Instinkt des ressentiment habe darin eine andere Welt erfunden, von wo aus jene Lebens-Bejahung als das Böse, als das Verwerfliche an sich erschien.' " (S. 486)

Marx, Wagner, Nietzsche sind alle drei antibürgerliche Denker und lehnen die Bürer, die sie als Philister bezeichnen, ab. (S.493/94) Marx unterscheidet sich freilich von den beiden anderen. 
„Von den dreien hat er am stärksten einer bürgerlichen Lebensführung angehangen, auch wenn ihm das aufgrund seiner finanziellen Lage nicht immer möglich war.

Bei Wagner war das in vieler Hinsicht genau umgekehrt: er hat sich im Frühjahr 1849 mit einer Intensität am revolutionären Kampf beteiligt, wie das bei Max nie der Fall war. Marx hat immer die Distanz des kommentierenden Beobachters zum gewaltsamen Geschehen gewahrt. [...im Gegensatz zu Wagner:] Während der Dresdner Mai-Revolution 1849 spielte Wagner bei der Bereithaltung von Waffen und der Koordinierung von Maßnahmen zur Verteidigung der Revolution eine zentrale Rolle." (S.495)

Unterschiedlich reagierten Wagner und Marx auf die Einsicht, dass die Revolution nicht so zustande kam, wie angenommen:

"Mit der Konsolidierung der Herrschaft Louis Bonapartes wurde Wagner skeptisch und konzentrierte seinen revolutionären Impuls zunehmend aufs Ästhetische, wo er das Musiktheater zu einem Ort für das machte, was in der sozialpolitischen Welt nicht mehr zu erwarten war. Marx dagegen ließ sich auf den mühsamen Weg der Umarbeitung seiner revolutionären Naherwartung in eine enttäuschungsresistente Theorie lange währender revolutionäre Prozesse ein. In ihr wurde die Revolution als ein Vorgang beschrieben, der sich fortwährend in den sozioökonomischen Konstellationen und nur gelegentlich an der politischen Oberfläche vollzog." (S.501)

"Für die Absicherung seiner Theorie hatte Max also einen hohen Preis zu entrichten. Insofern kommt es nicht von ungefähr, dass die 'Wiederentdeckungen' der Marxschen Theorie und die 'Revitalisierungen' des Marxismus im Verlauf des 20. Jahrhunderts unter Rückgriff auf den jungen Marx erfolgten." (S.503)

"Im Unterschied zu Wagner und Marx war Nietzsche ein dezidierter Gegner politischer wie sozialer Revolutionen. Er hat sich von der Revolution nichts versprochen und sie sogar als Unglück und Verhängnis beschrieben, weil sie dem, was er als das eigentliche Problem seiner Zeit ansah – der Entstehung von Massengesellschaft –, nicht entgegenwirkte, sondern es im Gegenteil noch beförderte." (S.505)

Er glaubte nicht an die Revolutionäre als an eine Avantgarde, "die als Erste einen Weg beschritt, auf dem ihm die anderen dann folgen würden. Nietzsches neue Aristokratie pflegte vielmehr das 'Pathos der Distanz', hielt Abstand zu den Massen und ließ sich weder durch soziale Forderungen noch moralische Erwartungen beeindrucken. Aus dem Umsturz der Gesellschaft wurde bei Nietzsche das Projekt einer 'Umwertung aller Werte', bei der die überkommenden Vorstellungen von Gut und Böse geprüft und an ihren Folgen gemessen werden sollten. Was bei Marx die Expropiation der Expropiateure durch die Expropiierten war, war  für Nietzsche die Evaluation des Evaluierten nach Austausch der Evaluateure. Seinen provokantesten Ausdruck fand das in seiner Feier des Papstsohns Cesare Borgia, der weder vor Lüge noch Betrug, weder vor Gewalt noch Verbrechen zurückgeschreckt war, wenn es um das Ausleben seiner Wünsche ging. Nicht die Gesellschaft sollte überwunden werden, sondern der auf Glücks- und Sinnsuche befindliche Mensch." (S.505/506)

Zur Situation der Konkurrenz von englischen und irischen Arbeitern: Die irischen Arbeiter, die zu weit niedrigeren Löhnen zu arbeiten bereit sind, drücken die Löhne für die englischen Arbeiter.

Marx: "Schließlich wiederholt sich im England unserer Tage das, was uns das Alte Rom in ungeheurem Maßstab zeigte. Das Volk, dass ein anderes Volk unterjocht, schmiedet seine eigenen Ketten." (S.562)

Sassulitsch-Brief  (S.567-572) Nach Marx könnte "eine quasi sozialistische Revolution im ökonomisch rückständigeren Russland [...] die Voraussetzungen für einen historischen Sprung aus einer vor- in eine nachkapitalistische Gesellschaftsformation schaffen. Das ist eine weitere Variante der Revolutionsvorstellungen, über die Marx nach der Verabschiedung des französischen Models nachgedacht hat. Er scheint es jedoch für unwahrscheinlich gehalten zu haben, dass die von ihm aufgeführten Bedingungen erfüllt werden, so dass auch Russland den Gang werde gehen müssen, den die westlichen Gesellschaftsgeschichte gegangen ist. (S.572)

Landlordismus (S.581f.)

Zusammenfassung /  Engführung (S.550-621)

Münkler hat bis hierher Marx, Wagner und Nietzsche zwar immer wieder verglichen und dabei wesentliche Unterschiede herausgestellt. In seiner Engführung betont er aber das Gemeinsame der drei antibürgerlichen und revolutionären Denker und unterstellt ihnen, dass sie auf ihrem jeweiligen Feld Ähnliches angestrebt hätten, was aber aufgrund des Arbeitsfeldes zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt habe. eine Engführung sieht Münkler auch insofern, als alle drei Denker ihre Vereinfacher gefunden hätten, die die Ergebnisse ideologiekompatibel gemacht und damit verfälscht hätten.

Mit meiner Darstellung verkürze ich Münklers Darstellung (notgedrungen) noch weiter und verfälsche sie insofern. Das versuche ich durch Rückbindung an Zitate und Textabschnitte wieder aufzubrechen, so dass Leser angerecht werden, zu Münklers und Marx', Wagners' und Nietzsches Texten selbst zurück zu gehen.

Marx' Revolutionierung des revolutionären Denkens: vom katastrophischen Umsturz zur strukturellen Umwälzung (S.550-572)

Marx stellte fest, dass seine Naherwartung eines politischen Umsturzes immer wieder enttäuscht wurde, deshalb erklärt er die politischen Umbrüche zu Oberflächenphänomenen, die auf die grundlegenden sozioökonomischen Veränderungen zurückzuführen seien, die sich ihrerseits relativ gleichmäßig in einer immer gleichen Richtung entwickelten.

Engels habe die sozio-ökonomische Theorie zu einer umfassenden Theorie der Entwicklung der Welt und damit ideologiefähig gemacht. 

Wagners Revolutionierung der Musik (S.572-590)

Wagner, im Unterschied zu Marx praktischer Revolutionär, wurde durch die Entwicklung der Revolution in Frankreich 1848 zum zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. so enttäuscht, dass er nicht mehr die Gesellschaft, sondern sein spezifisches eigenes Feld Musik, Dichtung und Schauspiel revolutionieren wollte, indem er die unterhaltsame Bühnenkunst durch enge Verbindung von Dichtung, Musik und Schauspiel so umgestaltete, dass tiefste - in Worte nicht zu fassende - Erkenntnisse durch das Zusammenwirken der Künste im Gesamtkunstwerk den Hörer erreichen sollten. Er sah darin einen Rückgriff auf das Theater der griechischen Antike (weshalb er wie die frühen Tragödienschreiber auf Mythen, die sich in seinem Sinne umdeuten ließen, zurückgriff.

Cosima und in ihrer Nachfolge Winifred Wagner hätten sein Werk durch ihre Interpretation dauernd im Gespräch gehalten und ideologiefähig und für Hitler verwendbar gestaltet. 

Nietzsches stille Revolution: Die Umwertung aller Werte (S.590-602)

Nietzsche wollte die paulinische Revolution rückgängig machen. (S.595) Nach Nietzsche (zumindest in Münklers Interpretation) war Paulus unglücklich, weil er das jüdische Gesetz nicht erfüllen konnte. In seinem Damaskuserlebnis hat er Jesus als 'Vernichter des [jüdischen] Gesetzes' (S.596) und insofern als Befreier erlebt. Was für Paulus Befreiung war, bedeutete für die Christen freilich Knechtschaft. Denn als Machtmittel der Kirche wurde die Unsterblichkeit zur 'Bekehrungswaffe'. Der Tod, der vielen Heiden gar nicht so beängstigend erschien, wurde durch die Unsterblichkeit auch der Sünder, die in der Hölle ewige Qualen zu erleiden hätten, tatsächlich unerträglich. Insofern menschliche Leidenschaften, insbesondere die Sexualität als streng zu vermeidende Sünde erklärt wurden und insofern jedes Unglück als göttliche Strafe interpretiert wurde, war damit drei wirksame Machtmittel geschaffen, mit denen Gläubige geknechtet werden konnten.

Nietzsches Umwertung aller Werte  sollte die Menschen von diesen unnatürlichen Forderungen befreien. Da Nietzsches Schwester (dank Nietzsches Rückkauf der Rechte an seinem Werk) seine Werk ganz entsprechend ihrer Interpretation umordnen und damit interpretieren konnte, konnte sie ihrerseits dies Werk ideologiefähig machen. 

Im Kapitel Nachspiel (S.603-621) spricht Münkler davon, Elisabeths Zusammenstellung von Äußerungen zu seinem - angeblichen - Hauptwerk  Der Wille zur Macht sei "mehr als eine Verfälschung, das war eine feindliche Übernahme" (S.613)

"Auch darin sind alle drei, Max, Wagner und Nietzsche bei sich angekommen: Sie haben ihre Theorien, Aphorismen und kreativen Innovationen als Schutzschild gegen die eigenen Unsicherheiten genutzt. In einem Jahrhundert der schwindendenden Gewissheiten haben sie diese Unsicherheit durch gelegentliche Hyperaffimativität im Denk- und Sprechduktus verborgen. Aber gleichzeitig haben sie dann doch auch wieder die fortbestehende Unsicherheit erkennbar werden lassen: Marx in Gestalt der vielfältigen Revisionen seiner Theorie sowie den Korrekturen und Hinzufügungen seiner Schriften, die der Ausbildung eines Systems entgegenwirkten; Wagner durch die Polyperspektivität seiner Musikdramen, die den Sehenden und Hörenden in ein Psychodrama hineinzieht, das eher in Ratlosigkeit als in kathartisch gewonnener Selbstsicherheit endet; und Nietzsche durch die kataklysmische Steigerung eines Gedankens, die den nach Gewissheiten greifenden Leser gerade durch die wirbelnde Verdichtung dieses Gedankens in neuerliche Ungewissheit stößt. Nur wer die Gewissheiten des jeweiligen Werks dekonstruiert, gelangt zur Person des Autors; nur wer das Dekonstruierte nutzt, um die Gegenwart in ihrer irritierenden Vielgestaltigkeit zu erfassen, kann die Vorzüge dieser Wegbegleitung für sich in Anspruch nehmen."   (S. 621)

03 August 2020

Deutsche Freunde - Zwölf Doppelporträts

Deutsche Freunde - Zwölf Doppelporträts herausgegeben von Thomas Karlauf stellt 12 durchaus bemerkenswerte Freundschaften vor. Was aber gewiss nicht stimmt, ist, dass es, wie die Verlagsreklame es darstellt, die "schönsten Beispiele" für Freundschaft unter Männern wären. Zumindest die Beiträge über Metternich und Friedrich von Gentz sowie über die Fußballweltmeisterschaftsmannschaft von 1954 arbeiten deutlich heraus, dass es sich nicht um wirkliche Freundschaften handelte. 

"In zwölf Essays beschäftigt sich dieser Band mit dem facettenreichen Begriff Freundschaft. Inwieweit sind Freundschaften aus der Schul- oder Studienzeit prägend für die Entwicklung eines Menschen (Hegel, Schelling, Hölderlin)?; Warum suchen sich Politiker ihre Freunde unter Industriellen oder Bankiers (Adenauer, Heinemann)?; Die Altersfreundschaft zwischen Goethe und Zelter; Das Zweckbündnis von Metternich und Gentz; Die Bedeutung von Freundschaften unter Philosophen (Heidegger und Jaspers) und Naturwissenschaftlern (Einstein und Haber)"
(https://www.goodreads.com/book/show/5111471-deutsche-freunde-zw-lf-doppelportr-ts)

Am bemerkenswertesten erscheinen mir die Freundschaft Adenauers mit Dannie Heinemann, die eben nicht - wie bei goodreads angegeben - eine typische Freundschaft zwischen Politiker und Bankier mit gemeinsamen Interessen (wie etwa bei Adenauer und Robert Pferdmenges, dem Mitbegründer der CDU im Rheinland) war, sondern eine persönliche Freundschaft, die auch lange Perioden äußerer Entfernung und unterschiedlicher Interessen überstand. Und andererseits die zwischen Einstein und Fritz Haber dem "Vater des Gaskriegs" im Ersten Weltkrieg.
Über die beiden schreibt Fritz Stern unter dem Titel "Freunde im Widerspruch" (S.222ff.) Als Gemeinsamkeit der beiden sieht er ihre große Hingabe an die Wissenschaft an, die Einstein einmal folgendermaßen erklärte: "Der Gefühlszustand, der zu solchen Leistungen befähigt, ist dem des Religiösen oder Verliebten ähnlich; das tägliche Streben entspringt keinen Vorsatz oder Programm, sondern einen unmittelbaren Bedürfnis." 
Beide Männer besaßen diese Sendungsbewusstsein, diese Auffassung von Wissenschaft als Berufung zu einem besonderen Priestertum für einen Glauben, der gerade erst entstanden war. Haber und Einstein gehörten einer Generation an, die an den Grenzen des Wissens stand. [...] Noch gab es wenig Riesen, und diese verfügten souverän über ein breites Wissen." (S.228)
Haber und Einstein wählten in Übereinstimmung mit ihrer jeweiligen Herkunft, ihrem Charakter und ihrem Streben entgegengesetzte Wege. [...] Einsteins Entscheidungen waren ungewöhnlich und bestätigten seiner Außenseiterposition" (S.230/31)
"Einstein verließ Deutschland als freiwilliger Flüchtling und verzichtete gleichfalls auf seine Staatsbürgerschaft. Er verhielt sich so, um nicht in der deutschen Armee dienen zu müssen und aus Abneigung gegen das deutsche Leben. (S. 233)
Haber glaubte, die Wissenschaft habe in Kriegszeiten vielerlei Aufgaben, unter anderem auch, die Kampfkraft der Armee zu verbessern. [...] Haber erwies sich als glänzender Organisator, ja als Erbauer eines kriegswirtschaftlichen Imperiums, und er trieb rastlos seine Untergebenen ebenso an wie sich selber." ( S. 238) 

Der Krieg trennte Haber und Einstein zeitweilig; sie hatten an entgegengesetzten extremen Polen gestanden. Beide Männer waren – wie die Nation überhaupt durch den Krieg von Grund auf politisiert worden. [...] für Einstein bedeutete die Niederlage Befreiung, für Haber bedeutete sie Zerstörung [...] Haber und Einstein – wie auch ihre nächsten Freunde, darunter Plank, Laue und Nernst – akzeptierten, freilich oft mit tiefen Zweifeln, die neue Lage und versuchten, mit der neuen Regierung zu arbeiten, um das zu retten, was sie retten konnten. [...] zwischen den beiden Gruppen, zwischen der kleinen Gruppe vernünftiger Männer und der großen Masse vorurteilsgeladener Unzufriedener, gab es wiederholte Konflikte, die schließlich Haber, Einstein und ihren Freundeskreis wieder enger zusammen brachten." (S.240/41)
Über Einstein: "Nach dem Krieg und gewissermaßen durch den Krieg gerechtfertigt verschrieb er sich mehreren Idealen: dem Pazifismus, dem Internationalismus, dem Zionismus und einem gemäßigten Sozialismus, Ideale, die ihn der deutsche Imperialismus gelehrt hatte." (S.243)
"Rechtsstehende Kollegen und verschreckte Bürger verabscheuten Einstein. Dieser ließ sich nicht abschrecken. Er hielt Reden, schrieb Artikel und verwandte dabei einen eigenartigen, philosophisch-polemischen Stil, durchzogen von ironischen Bedauern über die Wahnvorstellungen und Schwäche der Menschen im allgemeinen und der Deutschen im besonderen. Er wusste, wie die deutsche Seele zu verletzen sei, und wurde oft genug provoziert, um sich dieser Fähigkeit zu bedienen. [...] Die gegen ihn gerichteten Angriffe bestätigten Einstein nur in seinem Misstrauen gegen die Deutschen und ihren – wie er es auch jetzt noch nannte – 'angeborenen Untertanengeist'. Haber teilte solche Verdächtigungen nicht. Auch er traf jedoch auf den dunklen Untergrund des deutschen Lebens durch die Verleumdungen, denen seine Freunde und zeitweilig ebenso er selbst ausgesetzt waren.
Die ersten Monate, nachdem Einstein zu Weltruhm aufgestiegen war, ließen die Zwiespältigkeit seiner öffentlichen Existenz in Deutschland hervortreten. Im Februar 1920 wurde seine Universitätsvorlesung unterbrochen. Der äußere Anlass war, dass Studenten gegen die Anwesenheit von Nicht-Studenten protestierten, die Presse hob jedoch antisemitische Untertöne hervor. (Seite 243/44)
"Haber und Einstein trafen einander in den Versammlungen der preußischen Akademie, welche Einstein mit erstaunlicher Regelmäßigkeit besuchte, und bei anderen beruflichen Anlässen. Des weiteren trafen sie sich bei halb-amtlichen oder geselligen Veranstaltungen und verbrachten manchmal ihre Ferien zusammen. [...] In den Jahren 1919/20 wurde Haber erneut der väterliche, praktische Freund, den Einstein brauchte und suchte. Einstein brauchte Haber als Vermittler in den Beziehungen zu seiner früheren Frau. Haber sagte Einstein, welche Beträge er an Mileva zu senden habe und wie er dies bewerkstelligen solle." (S. 245)
Einstein: "Keiner könne ihn beschuldigen, gegenüber seinen deutschen Freunden untreu zu sein, nachdem er Angebote aus aller Welt abgelehnt habe. 'Dies tat ich übrigens nicht aus Anhänglichkeit an Deutschland, sondern an meine lieben deutschen Freunde, von denen sie einer der ausgezeichnetsten und wohlwollensten sind.' " (S. 247)
"In den zwanziger Jahren war Einsteins pure Existenz ein Aktivposten für Deutschland, so zumindest sah es das Auswärtige Amt des Reiches. Seine Reisen nach Nord- und Südamerika, Asien und in Europa kamen einem Siegeszug gleich, der unvermeidlich auch den Deutschen zugute kam. (S. 247/48)
"Für Fritz Haber bedeutete der Aufstieg der Nazis das Ende seines aktiven Lebens." (S. 250) 

"Haber litt Seelenqualen, wie seine Briefe aus dieser Zeit erkennen lassen. Er fühlte sich zerrissen: Sorgen über die eigene materielle Existenz und seine Verpflichtung anderen gegenüber standen im Widerstreit mit seinem Gefühl, dass es für ihn unvereinbar war, jüdische Kollegen zu entlassen und gleichwohl in seinem Amt auszuharren. [...]
Habers Amtsniederlegung haftet etwas Ergreifendes und Beispielhaftes an. Es mag falsch sein, das Unglück eines Mannes in einer Zeit des Unheils hervorzuheben. Aber Habers Schicksal lässt exemplarisch die psychische (und insofern in einem gewissen Ausmaß auch die physische) Zerstörung dessen erkennen, was das Leben der deutschen Juden bestimmt hatte." (S. 251)


Eine besondere Rolle spielt auch Nietzsche Beziehung zu Erwin Rohde, der ohne Nietzsche wohl nur noch in Fachkreisen bekannt wäre, aber den Vorzug hatte, der erste wichtige Freund zu sein, auch wenn im späteren Leben auch Frauen wie Lou Andreas-Salomé, Malvidia von Meysenbug und nicht zuletzt auch der zeitweise mit  Lou Andreas-Salomé liierte Paul Rée für Nietzsche eine wichtige Rolle spielten.

09 Juni 2020

Über die Liebe


363 Wie jedes Geschlecht über die Liebe sein Vorurteil hat. – 
Bei allem Zugeständnisse, welches ich dem monogamischen Vorurteile zu machen willens bin, werde ich doch niemals zulassen, daß man bei Mann und Weib von gleichen Rechten in der Liebe rede: diese gibt es nicht. Das macht, Mann und Weib verstehen unter Liebe jeder etwas anderes – und es gehört mit unter die Bedingungen der Liebe bei beiden Geschlechtern, daß das eine Geschlecht beim andren Geschlecht nicht das gleiche Gefühl, den gleichen Begriff »Liebe« voraussetzt. Was das Weib unter Liebe versteht, ist klar genug: vollkommne Hingabe (nicht nur Hingebung) mit Seele und Leib, ohne jede Rücksicht, jeden Vorbehalt, mit Scham und Schrecken vielmehr vor dem Gedanken einer verklausulierten, an Bedingungen geknüpften Hingabe. In dieser Abwesenheit von Bedingungen ist eben seine Liebe ein Glaube: das Weib hat keinen anderen. – Der Mann, wenn er ein Weib liebt, will von ihm eben diese Liebe, ist folglich für seine Person selbst am entferntesten von der Voraussetzung der weiblichen Liebe; gesetzt aber, daß es auch Männer geben sollte, denen ihrerseits das Verlangen nach vollkommner Hingebung nicht fremd ist, nun, so sind das eben – keine Männer. Ein Mann, der liebt wie ein Weib, wird damit Sklave; ein Weib aber, das liebt wie ein Weib, wird damit ein vollkommneres Weib... Die Leidenschaft des Weibes, in ihrem unbedingten Verzichtleisten auf eigne Rechte, hat gerade zur Voraussetzung, daß auf der andren Seite nicht ein gleiches Pathos, ein gleiches Verzichtleisten-Wollen besteht: denn wenn beide aus Liebe auf sich selbst verzichteten, so entstünde daraus – nun, ich weiß nicht was, vielleicht ein leerer Raum? – Das Weib will genommen, angenommen werden als Besitz, will aufgehn in den Begriff »Besitz«, »besessen«; folglich will es einen, der nimmt, der sich nicht selbst gibt und weggibt, der umgekehrt vielmehr gerade reicher an »sich« gemacht werden soll – durch den Zuwachs an Kraft, Glück, Glaube, als welchen ihm das Weib sich selbst gibt. Das Weib gibt sich weg, der Mann nimmt hinzu – ich denke, über diesen Natur-Gegensatz wird man durch keine sozialen Verträge, auch nicht durch den allerbesten Willen zur Gerechtigkeit hinwegkommen: so wünschenswert es sein mag, daß man das Harte, Schreckliche, Rätselhafte, Unmoralische dieses Antagonismus sich nicht beständig vor Augen stellt. Denn die Liebe, ganz, groß, voll gedacht, ist Natur und als Natur in alle Ewigkeit etwas »Unmoralisches«. – Die Treue ist demgemäß in die Liebe des Weibes eingeschlossen, sie folgt aus deren Definition; bei dem Manne kann sie leicht im Gefolge seiner Liebe entstehn, etwa als Dankbarkeit oder als Idiosynkrasie des Geschmacks und sogenannte Wahlverwandschaft, aber sie gehört nicht ins Wesen seiner Liebe – und zwar so wenig, daß man beinahe mit einigem Rechte von einem natürlichen Widerspiel zwischen Liebe und Treue beim Manne reden dürfte: welche Liebe eben ein Haben-Wollen ist und nicht ein Verzichtleisten und Weggeben;das Haben-Wollen geht aber jedesmal mit dem Haben zu Ende... Tatsächlich ist es der feinere und argwöhnischere Besitzdurst des Mannes, der dies »Haben« sich selten und spät eingesteht, was seine Liebe fortbestehn macht; insofern ist es selbst möglich, daß sie noch nach der Hingebung wächst – er gibt nicht leicht zu, daß ein Weib für ihn nichts mehr »hinzugeben« hätte."
(Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft, 5. Buch Nr.363)

Vom heutigen Standpunkt aus gesehen würde man sagen: Männerphantasie.
Eine - durchaus auf Emanzipation bedachte Frau hat - ebenfalls im 19. Jahrhundert - Folgendes geschrieben:


"Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet, erkennt seinen Besieger in dem Manne, fühlt sich ihm untertan, als Sklavin seines Willens, und möchte doch aus angeborenem Schamgefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft blutig drückt und selbst zerbrochen unvertilgbare Narben zurücklässt. Geliebt werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen können, unglücklich lieben, eine Kränkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze Entwicklung der weiblichen Seele auf dem Verhältnis zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen, wenn es den geheimnisvollen Prozess seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte. (S.201)
Es schien ihr leichter, Unrecht zu haben, sich selbst eines Fehlers zu bezichtigen, als Reinhard eine Schuld beizumessen: denn wahre Frauenliebe klagt lieber sich als den Geliebten an." (Fanny Lewald: Jenny, S.302)

Nietzsche: Aphorismen

Morgenröte:
297 Verderblich. – Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten als den Andersdenkenden.

552 Die idealische Selbstsucht. – Gibt es einen weihevolleren Zustand als den der Schwangerschaft? Alles, was man tut, in dem stillen Glauben tun, es müsse irgendwie dem Werdenden in uns zugute kommen! Es müsse seinen geheimnisvollen Wert, an den wir mit Entzücken denken, erhöhen! Da geht man vielem aus dem Wege, ohne hart sich zwingen zu müssen! Da unterdrückt man ein heftiges Wort, man gibt versöhnlich die Hand: aus dem Mildesten und Besten soll das Kind hervorwachsen. Es schaudert uns vor unsrer Schärfe und Plötzlichkeit: wie wenn sie dem geliebtesten Unbekannten einen Tropfen Unheil in den Becher seines Lebens gösse! Alles ist verschleiert, ahnungsvoll, man weiß von nichts, wie es zugeht, man wartet ab und sucht bereit zu sein. Dabei waltet ein reines und reinigendes Gefühl tiefer Unverantwortlichkeit in uns, fast wie es ein Zuschauer vor dem geschlossenen Vorhange hat – es wächst, es tritt an den Tag: wir haben nichts in der Hand, zu bestimmen, weder seinen Wert noch seine Stunde. Einzig auf jeden mittelbaren segnenden und wehrenden Einfluß sind wir angewiesen. »Es ist etwas Größeres, das hier wächst, als wir sind« ist unsere geheimste Hoffnung: ihm legen wir alles zurecht, daß es gedeihlich zur Welt komme: nicht nur alles Nützliche, sondern auch die Herzlichkeiten und Kränze unserer Seele. – In dieser Weihe soll man leben! Kann man leben! Und sei das Erwartete ein Gedanke, eine Tat – wir haben zu allem wesentlichen Vollbringen kein anderes Verhältnis als das der Schwangerschaft und sollten das anmaßliche Reden von »Wollen« und »Schaffen« in den Wind blasen! Dies ist die rechte idealische Selbstsucht: immer zu sorgen und zu wachen und die Seele still zu halten, daß unsere Fruchtbarkeit schön zu Ende gehe! So, in dieser mittelbaren Art, sorgen und wachen wir für den Nutzen aller; und die Stimmung, in der wir leben, diese stolze und milde Stimmung, ist ein Öl, welches sich weit um uns her auch auf die unruhigen Seelen ausbreitet. – Aber wunderlich sind die Schwangeren! Seien wir also auch wunderlich und verargen wir es den anderen nicht, wenn sie es sein müssen! Und selbst, wo dies ins Schlimme und Gefährliche sich verläuft: bleiben wir in der Ehrfurcht vor dem Werdenden nicht hinter der weltlichen Gerechtigkeit zurück, welche dem Richter und dem Henker nicht erlaubt, eine Schwangere zu berühren!


Im Süden
So häng ich denn auf krummem Aste
Und schaukle meine Müdigkeit.
Ein Vogel lud mich her zu Gaste,
Ein Vogelnest ists, drin ich raste.
Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit!


Das weiße Meer liegt eingeschlafen,
Und purpurn steht ein Segel drauf.
Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen,
Idylle rings, Geblök von Schafen, –
Unschuld des Südens, nimm mich auf!


Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,
Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,
Ich lernte mit den Vögeln schweben, –
Nach Süden flog ich übers Meer.


Vernunft! Verdrießliches Geschäfte!
Das bringt uns allzubald ans Ziel!
Im Fliegen lernt ich, was mich äffte, –
Schon fühl ich Mut und Blut und Säfte
Zu neuem Leben, neuem Spiel...


Einsam zu denken nenn ich weise,
Doch einsam singen – wäre dumm!
So hört ein Lied zu eurem Preise
Und setzt euch still um mich im Kreise,
Ihr schlimmen Vögelchen, herum!

So jung, so falsch, so umgetrieben
Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben
Und jedem schönen Zeitvertreib?
Im Norden – ich gestehs mit Zaudern –
Liebt ich ein Weibchen, alt zum Schaudern:
»Die Wahrheit« hieß dies alte Weib...

Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft,  Lieder des Prinzen Vogelfrei, Im Süden


Andere Version

Prinz Vogelfrei

So hang ich denn auf krummem Aste
Hoch über Meer und Hügelchen:
Ein Vogel lud mich her zu Gaste
Ich flog ihm nach und rast’ und raste
Und schlage mit den Flügelchen.
Das weisse Meer ist eingeschlafen,
Es schläft mir jedes Weh und Ach.
Vergessen hab’ ich Ziel und Hafen,
Vergessen Furcht und Lob und Strafen:
Jetzt flieg ich jedem Vogel nach.
Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben!
Stäts Bein vor Bein macht müd und schwer!
Ich lass mich von den Winden heben,
Ich liebe es, mit Flügeln schweben
Und hinter jedem Vogel her.
Vernunft? - das ist ein bös Geschäfte:
Vernunft und Zunge stolpern viel!
Das Fliegen gab mir neue Kräfte
Und lehrt’ mich schönere Geschäfte,
Gesang und Scherz und Liederspiel.
Einsam zu denken - das ist weise.
Einsam zu singen - das ist dumm!
So horcht mir denn auf meine Weise
Und setzt euch still um mich im Kreise,
Ihr schönen Vögelchen, herum!

Friedrich Nietzsche: Prinz Vogelfrei

09 November 2015

Martin Walser und Nietzsche

„Also sprach Zarathustra“ faz.net 8.11.15
"[...] Dem Zarathustra-Ton bin ich sofort und, wie sich dann herausstellte, für immer verfallen. Zum Beispiel: „Das Nachtlied. Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.“ Daraus wurde bei mir immerhin ein Romantitel. Alles, was Zarathustra singt und sagt, ist feierlich, anmaßend, betörend, zärtlich, rücksichtslos, verletzend, heilend. Was Zarathustra singt und sagt, ist, was du brauchen kannst. Das ist die wirkliche Kraft dieser Dichtung, du kannst damit machen, was du kannst. Du kannst bloß genießen. Du kannst dich erheben lassen in Höhen, in denen du nicht zuhause bist. Du kannst diese Sprache nicht lesen wie eine Mitteilung. Zarathustra ist ein großer Tänzer, und du bist unwillkürlich aufgefordert, mitzutanzen. [...]
Der Autor, der mir am meisten galt, verkündet: Gott ist tot. Ich hatte immer das Gefühl, dieser Satz sei unter Nietzsches Niveau. Dass Nietzsche bisweilen lustvoll unter seinem Niveau agiert, wusste ich ja. Trotzdem: gottlos!? Das war doch zu simpel für diesen Ausbund der Feinheit. Also: Gott ist tot als eine Verlegenheit bis zu dem Tag, an dem ich Karl Barths Buch „Der Römerbrief“ las. Ein Buch, das in der Welt des Gedruckten nur eine Verwandtschaft hat: Nietzsches „Zarathustra“.
Es scheint mir erwähnenswert zu sein, dass beide, Nietzsche und Karl Barth, Pfarrerssöhne sind. Und dass Gott tot sei, heißt bei Karl Barth: „ Als der unbekannte Gott wird Gott erkannt ... Als der, an den man nur ohne Hoffnung auf Hoffnung glauben kann.“ Und glauben, heißt es auch bei ihm, ist „der Sprung ins Leere“.
Beide, Nietzsche und Karl Barth, kennen keine datierbare, erreichbare Zukunft.
Und das ist der andauernde Zarathustra-Refrain: „Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen: der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.“ Mir wurde durch die spürbare Nähe der Pfarrerssöhne die Gottlosigkeit Nietzsches neu erlebbar. [...]"

13 März 2012

Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke, Sigmund Freud

Was war ihnen gemeinsam?

Alle drei mussten sich eingestehen, was Freud den "Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle" nannte.
Die Person, die er mit dieser Formulierung ansprach, war Lou Andreas-Salomé, eine Frau, die ihrerseits formulierte:
„Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten 'unübersteiglichen Schranken' die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!“
(in einem Brief an Guillot - zitiert nach dem oben verlinkten Wikipediaartikel)

Schon bevor Lou Nietzsche kannte, hatte sie "das Wunschbild einer intensiven Arbeitsgemeinschaft (der von ihr so genannten „Dreieinigkeit“) mit Nietzsche, Rée  und sich selbst entworfen." (Wikipedia)






"das bekannte Foto, von Nietzsche selbst in allen Einzelheiten arrangiert, auf dem von Salomé ihn und Rée vor ihren Karren spannt"
(Wikipedia)

"In ihrem Buch „Nietzsche in seinen Werken“ von 1894 versuchte von Salomé, auf der Grundlage ihrer genauen Textkenntnis und ihrer persönlichen Erfahrungen mit dem schwierigen Freund, den „Denker durch den Menschen zu erläutern“. Anna Freud sprach später davon, Lou Andreas-Salomé habe mit diesem Buch über Nietzsche die Psychoanalyse vorweggenommen." (Wikipedia)






Dass Lou eine intensive Beziehung zum jungen Rilke hatte, über die Freud später schrieb,  „dass sie dem großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter Rainer Maria Rilke zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen war“ (Wikipedia), und schon bald eine platonische Beziehung zu Sigmund Freud begann, "der zur entscheidenden Bezugsperson ihrer letzten 25 Lebensjahre"  (Wikipedia) wurde und seinerseits einmal bekannte  „Es ist gewiss nicht oft vorgekommen, dass ich eine psa. [psychoanalytische] Arbeit bewundert habe, anstatt sie zu kritisieren. Das muss ich diesmal tun. Es ist das Schönste, was ich von Ihnen gelesen habe, ein unfreiwilliger Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle.“[8] Das lässt es bedauerlich erscheinen, dass ihr Lebenswerk keine größere Rolle im kollektiven Gedächtnis spielt. 

Hier der Verweis auf ihren "Dank an Freud" (Digitalisat) und eine Zusammenstellung ihres Gesamtwerkes, so weit es über das Internet zugänglich ist.