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18 Oktober 2023

Wieland: Aristipp - Lais

 Eurybates an Aristipp

"[...] Nun noch ein Wort von unsrer Freundin Lais. Auch ich nehme an der schönsten und liebreizendsten aller Weiber, die seit der schönen Helena die Männerwelt in Flammen gesetzt haben, zu warmen Antheil, um nicht zu wünschen, daß ich dir die angenehmsten Nachrichten von ihr zu geben haben möchte: aber mit allen möglichen Nachforschungen ist von ihrem dermaligen Aufenthalt und Zustand nichts Zuverlässiges zu erhalten gewesen, wiewohl es an allerlei einander widersprechenden und mehr oder weniger ungereimten Gerüchten nicht fehlt. Ich besorge sehr, die Moiren6 spinnen ihr nicht viel Gutes. So viel scheint gewiß, daß ihr Vorsatz, sich in Thessalien anzusiedeln, nicht zu Stande gekommen ist. Der heillose Mensch, der ihr ganzes Wesen auf eine so unbegreifliche Art überwältiget hat, scheint ihr nicht Zeit dazu gelassen zu[11] haben. Er führte sie wie im Triumph von einer Thessalischen und Epirotischen Stadt zur andern, machte überall großen Aufwand, und verließ sie endlich (sagt man) wie Theseus die arme Ariadne auf Naxos, ohne sich zu bekümmern was aus ihr werden könnte. Sobald ich diese Nachricht aus einer ziemlich sichern Hand erhielt, schickte ich einen meiner Freigelass'nen, auf dessen Verstand und Treue ich rechnen darf, mit dem Auftrag ab, wofern es nöthig wäre ganz Thessalien, Epirus und Akarnanien zu durchwandern, um sie aufzusuchen und Nachrichten von ihr einzuziehen. Learch zu Korinth that eben dasselbe, und unser Vorsatz war, sie, sobald sie gefunden wäre, mit möglichster Schonung ihres Zartgefühls zu bewegen, überall wo sie künftig zu leben gedächte, uns die Sorge für ihre Haushaltung zu überlassen. Aber, wie gesagt, bis itzt ist es unmöglich gewesen auf ihre Spur zu kommen. Wir geben indessen noch nicht alle Hoffnung auf, und sobald wir etwas entdecken, soll es dir unverzüglich mitgetheilt werden. Wenigstens haben wir so viel mit unsern Nachforschungen gewonnen, daß alle über ihren Tod und die Art ihres Todes herumlaufenden Gerüchte bei genauerer Untersuchung falsch befunden worden sind. Mit wie vielem Vergnügen würde ich sie in den Besitz des schönen Witthums wieder einsetzen, wo der edle Leontides ihr auf alle Fälle eine ruhige und angenehme Freistätte gegen alle Zufälle des Lebens zu hinterlassen glaubte! [...]

Wieland: Aristipp, 3.Band 2. Brief

17 Oktober 2023

Wieland: Aristipp

"[...] Mein Traum ist nur zu bald in Erfüllung gegangen, lieber Aristipp! Die höhern Mächte haben eine strenge Rache an mir ausgeübt: Adrasteia, daß ich vierundzwanzig Jahre lang gar zu glücklich war; die Götter der Liebe, daß ich ihnen so lange Trotz zu bieten wagte. Xenophons Cyrus hat Recht behalten; nur darin irrt er sich, wenn er glaubt, das was er für das einzige Rettungsmittel gegen den furchtbarsten aller Dämonen hält, die Flucht, stehe immer in unsrer Macht.

Aber, gesetzt er hätte auch in diesem Stücke Recht, so verzeiht mir, lieben Freunde, daß ich euch sagen muß, ihr habt nicht bedacht was ihr mir ansinnt. Nein, gute Musarion, nein, liebenswürdige Kleone! – Lais kann nie die Dritte unter euch seyn! – Ueberlaßt sie ihrem Schicksal, und bittet die Götter, daß es erträglich ausfalle. [...]"

Wieland: Aristipp, 2. Band 57.Brief

Wieland: Aristipp

 

Antipater an Aristipp: Über Athen 

"[...] Ich habe Bürger aus beinahe allen Griechischen Städten kennen gelernt, und keinen gefunden, der ihr die seinige ohne Schamröthe oder aus einem andern Grunde vorzuziehen vermocht hätte, als dem Zauber, der uns an den Ort fesselt, wo wir das goldne Alter des Menschenlebens zugebracht haben. Was muß Athen für den seyn, der das Glück hatte, in ihrem Schooß aufzublühen? Wie natürlich kommen mir alle jene weltgepriesenen Thaten vor, die jemals für eine solche Stadt von ihren Söhnen gethan wurden? – und wenn ich bedenke, was sie erst seyn könnte, wenn sie den Gesetzen und der Verfassung ihres eben so klugen als weisen Solons treu geblieben wäre! – Was sie jetzt noch werden könnte, wenn sie anstatt ihrer stürmischen Volksherrschaft sich eine wohlgeordnete Aristokratie gefallen lassen, und statt der gefährlichen Eitelkeit, auf ihre eigenen und der ganzen Hellas Kosten nach einer Obergewalt, die ihr nie gutwillig zugestanden wird, zu streben, sich an dem hohen Vorzug begnügen wollte, das zu seyn wozu ihr Name selbst sie bestimmt, der Hauptsitz aller Künste des Friedens und der Musen, das Muster der schönsten Ausbildung, die Besitzerin der weisesten[361] Gesetze, der mildesten Regierung, der menschlichsten Sitten, des feinsten Sinnes für alles Schöne und Große, der vollkommensten und zierlichsten Sprache, und der angenehmsten Art des Daseyns zu genießen, kurz, durch Vereinigung alles dessen, was des Menschen Leben veredelt und verschönert, die erste Stadt der Welt zu seyn: wer würde dann nicht das Glück in Athen zu leben allem andern vorziehen, und die Nothwendigkeit, sie zu verlassen, für das größte aller Uebel halten? – Platon und Isokrates haben wahrlich keine Schuld, wenn Athen nicht dieses Urbild einer vollkommenen und glücklichen Republik ist – Aber die Sterblichen scheinen weder aufgelegt noch geneigt zu seyn, den Idealen ihrer Weisen Wirklichkeit zu geben, und unter allen Erdebewohnern die Athener vielleicht am wenigsten. Indessen, wie sie sind, habe ich ihnen und ihrer Stadt viel zu danken; und dieses Gefühl war es auch, was alle übrigen verdrängte und verschlang, als ich von einer Anhöhe auf dem Wege nach Eleusis den letzten Blick auf den hellbesonnten Tempel der Athene Polias heftete. [...]"

Wieland: Aristipp, 2. Band, 51. Brief

Wieland: Aristipp - Der Traum von den geflügelten Köpfen

 Lais an Aristipp: Der Traum von den geflügelten Köpfen

"[...] ich würde dir meinen Traum nicht erzählen, wenn ich ihm nicht eine gewisse Wichtigkeit beilegte, die ein Traum, wie außerordentlich er auch seyn mag, bei keiner verständigen Person haben sollte. Sey es darum! – Hier ist der meinige mit allen seinen Umständen,[351] deren ich mich so lebhaft erinnere, als ob mir alles bei offnen Augen begegnet wäre.

Ich befand mich in einem von den anmuthigen, mit unzähligen schönen Bäumen besetzten Lustgärten, die man in dem Persischen Asien Paradiese147 zu nennen pflegt. Noch nie hatte ich mich so heiter und leicht gefühlt; mich däuchte als ob ich wie eine Flaumfeder auf einem Wölkchen daher schwimme. Und so war es auch beinahe; denn wie ich mich genauer betrachtete, zeigte sich's, daß ich ein bloßer Kopf mit zwei prächtigen Goldfasanen-Flügeln war. Ohne mich diese Verwandlung im geringsten befremden zu lassen, flog ich, so frei und unbefangen, als hätte ich nie eine andere Art zu seyn gekannt, in dem reizenden Paradiese umher, und setzte mich endlich auf einen Granatbaum, um mich an den Farben und Wohlgerüchen einer unendlichen Menge der schönsten Blumen zu ergötzen, die dem Boden unter meinen Blicken zu entsprießen schienen. Plötzlich sah ich mich von mehr als tausend gelb- braun- und schwarzlockigen Flügelköpfen umringt, die von allen Seiten auf mich zugeflogen kamen, und über meinen Anblick ganz entzückt zu seyn schienen. Die meisten schlossen in einiger Entfernung einen Kreis um mich her, so groß und schimmernd wie ein Regenbogen, wenn die Sonne schon tief in Westen steht. Einige kamen näher herbei, redeten mich an und thaten ihr Möglichstes, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und meiner Eigenliebe zu schmeicheln. Die mannichfaltigen Physiognomien dieser Köpfe, ihre Redseligkeit, das Feuer, womit jeder sich durch das, worauf er sich am meisten einbildete, bei mir geltend zu machen suchte, kurz alle die[352] lächerlichen Gestalten, in welchen ihre Eitelkeit und Selbstgefälligkeit sich mir zum Besten gab, belustigten mich eine ziemliche Weile; zumal da immer neue Köpfe aus dem Kreise herbeiflatterten, und die zuvorgekommenen durch allerlei kleine Kunstgriffe zu verdrängen suchten. Nach und nach erkannte ich beinahe alle meine Bekannten unter ihnen; nur nach dir sah ich mich vergebens um. Des schalen Spiels mit so vielen leeren Köpfen endlich überdrüssig, machte ich mich von ihnen los, durchstöberte, dich aufsuchend, alle Gänge und Lauben des Lusthains, und glaubte endlich deinen Kopf aus einem dunkeln Busch hervorragen zu sehen; wie ich aber hinzuflog, war es Arasambes, der mich in diesem Hinterhalte belauert zu haben schien, und mir über die Gefälligkeit, womit ich seine Nebenbuhler anhöre, die bittersten Vorwürfe machte. Unwillig wandt' ich mich von ihm weg, und sah mich auf einmal in meine Gärten zu Aegina versetzt, in einen deiner ehmaligen Lieblingsplätze, wo die Nymphe von Skopas am Abhang eines mit Epheu und wilden Reben bewachs'nen Felsen den kleinen Silberbach aus ihrer Urne gießt, der sich durch das benachbarte Myrtenwäldchen nach dem Tempel der Grazien hinschlängelt. Hier werd' ich ihn unfehlbar finden, dacht' ich, und wie ich mich umsehe, erblick' ich – den kleinen Gott der Liebe, schlummernd auf die Moosbank hingegossen, über welche (wenn du dich noch erinnerst) der hohe Busch mit den glühenden Essigrosen herabnickt. Sein goldner Bogen und etliche Pfeile lagen neben ihm. Ein nie gefühlter Schauer fuhr bei seinem Anblick durch mein ganzes Wesen; ich kannte mich selbst nicht mehr; es war mir als ob eine unsichtbare[353] Hand alle Bilder der Vergangenheit aus meiner Seele wegwische und ich erst jetzt zu leben anfange. Meine Augen unverwandt auf den schönen Schläfer geheftet, flog ich leise und schüchtern näher hinzu, um den süßen Athem seiner Purpurlippen einzusaugen, in Gefühlen zerschmelzend, die mir zu neu waren, als daß ich sie dir beschreiben könnte. Möcht' er doch, dacht' ich, wie Endymion auf der Stirn des Latmos,148 nie erwachen, damit ich ihn ewig ungestört anschauen könnte; aber indem ich es dachte, wacht' er auf. Ich fuhr zurück, aber mich zu entfernen war mir unmöglich. Unbeweglich blieb ich, wie eine in Elektron eingeschloss'ne Mücke, ihm gegen über in der Luft hangen. »Welch ein schöner Vogel! – rief er, mit einem schalkhaft lächelnden Blick einen Pfeil auf seinen Bogen legend – der soll mir nicht entgehen!« Indem er nach mir zielte, gab mir die Angst plötzlich die Bewegung wieder. Ich sank zu seinen Füßen und flehte ihm so rührend meiner zu schonen, daß er den Bogen von sich warf, und mich mit Blicken voll Zärtlichkeit betrachtete. Außer mir vor Entzücken flatterte ich mit ausgebreiteten Flügeln an seinem schönen Busen hinauf. Plötzlich verwandelte er sich in einen wunderschönen Jüngling, und ich selbst glaubte unter den Liebkosungen, womit er mich überhäufte, meine vorige Gestalt wieder zu erhalten. Aber der Grausame trieb nur sein Spiel mit mir. Wie ein Aal glitschte er aus meinen um ihn geschlungenen Armen, setzte sich in seiner ersten Amorsgestalt auf meinen Schooß, und begann die goldnen Schwingfedern eine nach der andern aus meinen Flügeln zu ziehen. Ich ließ es geschehen, weil ich sah, daß es ihm Vergnügen machte; denn[354] was hätte ich nicht für ihn gethan und gelitten? Aber sobald er die letzte ausgerupft hatte, spannte der Schalk seine Flügel aus, und flog lachend mit seiner Beute davon. Von unaussprechlichem Schmerz erdrückt, wollt' ich ihm nacheilen, aber fort waren meine Schwingen, ich sank zu Boden, und – erwachte, mit schrecklichem Herzklopfen, an dem ängstlichen Schrei womit ich dem Fliehenden nachgerufen hatte.

Was sagst du zu diesem Traum, Aristipp? Ist er nicht seltsam? Und wie komme ich zu einem solchen Traume? Bin ich abergläubig, wenn ich ihn für etwas mehr als ein bloßes Spiel der Phantasie halte? Ist es Ahnung oder Warnung von meinem guten Genius? Wenn das, was der Flügelkopf, der mir in diesem Traume mein Ich gestohlen hat, für den Sohn Cytherens fühlte, Liebe ist, so hab' ich nie geliebt; und wahrlich, nachdem ich mich meiner selbst wieder bemächtigt habe, wünsch' ich wachend nie etwas Aehnliches zu erfahren.

Wieland: Aristipp, 2. Band, 49. Brief

13 Oktober 2023

Platon: Symposion und Wielands Interpretation

 Symposion (Wikipedia)

Symposion (Das Gastmahl) Text

Über das Symposion:

Wieland schreibt in "Aristipp und einige seiner Zeitgenossen" über Platons Symposion. Er lobt darin die literarische Qualität des Werkes und kleidet seine philosophische Kritik an der Vorstellung einer absoluten Liebe in die Form einer literarischen Nachahmung des Gastmahls.

Mir als philosophisch Halbgebildeten fällt zu Platons Begriff des Urschönen Kants Definition von Schönheit als "interesseloses Wohlgefallen" ein. Offenbar kritisiert Wieland von Platos Text ausgehend auch Kants Auffassung. (Damit war er mit manchen seiner Zeitgenossen einig, so mit Herder. "Nichts könne ohne Interesse gefallen, erklärte Johann Gottfried Herder in seiner Schrift Kalligone. Gerade die Schönheit sei für den Empfindenden das „höchste Interesse“. - Wikipedia)

2. Band Kapitel 33 Aristipp an Eurybates

"Du verlangst, edler Eurybates, einen ausführlichen Bericht über ein symposisches Gespräch, welches vor einigen Tagen bei der schönen Lais vorfiel, und wovon dir, wie du sagst, dein Verwandter Neokles, der dabei gegenwärtig war,[262] gerade nur so viel habe sagen können, daß er dich nach einer vollständigern Erzählung lüstern gemacht. Da du selbst einer von den Unsrigen gewesen wärest, wenn die Pflichten der Würde, die du in diesem Jahre bekleidest, dich nicht an Athen gefesselt hätten, so ist es nicht mehr als billig, deinen Wünschen entgegen zu kommen, und ich freue mich, daß mir mein Gedächtniß treu genug ist, dir, was du ohne deine Schuld versäumtest, mit sehr wenigem Verlust ersetzen zu können.

Erwarte aber (was dir Neokles auch gesagt haben mag) nichts, was mit Platons berühmtem Symposion auch nur von fern in einige Vergleichung kommen, geschweige für ein Gegenstück zu diesem weitglänzenden Prachtwerke gelten könnte. Platons Symposion ist eine Art von Poem, wozu alle Musen beigetragen haben, und worin der Verfasser die ganze Fülle seiner Phantasie, seines Witzes und Attischen Salzes, seiner Wohlredenheit und Darstellungskunst, wie aus Amaltheens128 unerschöpflichem Zauberhorn, auf seine Leser herabschüttet; ein bei nächtlicher Lampe mit größtem Fleiß ausgemeißeltes, polirtes und vollendetes Werk, womit er uns zeigen wollte, daß es nur auf ihn ankomme, ob er unter den Rednern oder Dichtern, Sophisten oder Sehern seiner Zeit der Erste seyn wolle. Was ich hingegen dir mitzutheilen habe, ist ein zufälliges Tischgespräch unter einer kleinen Anzahl anspruchloser Freunde, denen es bloß um eine angenehme Unterhaltung, und (was in Rücksicht einer Vergleichung mit Platons Gastmahl noch schlimmer ist) nicht um Witzspiele, ironische Parodien, Milesische Mährchen, und Offenbarungen aus der Geister-und Götterwelt, sondern lediglich um schlichte nackte Wahrheit[263] zu thun war. Du siehst also leicht, wie unermeßlich weit ich hinter dem begeisterten Dichter des Agathonischen Siegesmahls129 zurückbleiben müßte, wenn ich der verwegenen Anmaßung fähig wäre, mich mit ihm in einen Wettstreit einzulassen. Ich werde, im eigentlichsten Sinn, ein bloßer Erzähler dessen seyn, was an der Tafel unsrer Freundin, während eines ziemlich frugalen Mahls und bei sehr kleinen, aber freilich desto öfter geleerten Bechern, gesprochen wurde. Nimm also vorlieb mit dem was ich zu geben habe, und ersetze dir selbst, indem du dich in Gedanken an den Platz deines Neokles nahe an die schöne Wirthin legst, das Einzige, was meiner Erzählung fehlt, um sie so anmuthig zu machen, als das Gespräch selbst, dieses kleinen Umstandes wegen, dem jungen Neokles vorkommen mußte.

Es traf sich damals eben glücklicherweise, daß die Gesellschaft viel kleiner war, als sie gewöhnlich bei unsrer gastfreien Freundin zu seyn pflegt. Außer ihr selbst und mir war niemand zugegen als Euphranor (den du kennst), dein Neokles, mein Landsmann Antipater, und der Arzt Praxagoras, der auf seiner Rückreise von Aspendus sich eine Pflicht daraus machte, zu Aegina anzulanden, und der schönen Lais von dem guten Fortgang ihrer an dem jungen Chariton verrichteten berühmten Wundercur Nachricht zu ertheilen. Lais hatte, um uns Stoff zu einem kurzweiligen Tischgespräch zu verschaffen, Platons Gastmahl von einem trefflichen Anagnosten130, den sie in Diensten hat, vorlesen lassen. Sie hätte bei keiner andern Leserei ihre Absicht weniger verfehlen können. Neokles und Euphranor eiferten ordentlich in die Wette mit ihr, wer es[264] dem andern in Lobpreisung der Schönheiten dieses Meisterstücks zuvorthun könnte; und es wurden eine Menge feiner Sachen gesagt, die ich dir nicht vorenthalten würde, wenn sie nicht, durch den Verlust des lebendigen Vortrags im Moment, auch zugleich ihre Grazie, und mit dieser ihren größten Werth verlieren würden. Unter andern wollte Lais, daß jedes von uns auf einem kleinen Täfelchen bemerken sollte, welches von den Stücken, woraus das Ganze, gleich einer großen Tapezerei, zusammengesetzt ist, ihm in Rücksicht auf die Kunst der Ausarbeitung am besten gefalle. Euphranor erklärte sich für die Rede des Aristophanes, in welcher er alle Züge, die den eigenen Charakter der Muse dieses komischen Dichters ausmachen, mit der feinen Schalkheit einer allenthalben durchschimmernden Ironie, so meisterlich nachgeahmt zu finden glaubte, daß Aristophanes selbst es schwerlich besser hätte machen können. Praxagoras stimmte für die Rede des Agathon, als die urbanste und launigste Verspottung der Manier des berühmten Rhetors Gorgias, welchen Agathon zum Muster genommen zu haben schien. Neokles war für den Pausanias, Lais für die Hierophantin Diotima, Antipater für den Alcibiades. Ich, um sicher zu seyn, daß ich mit keinem andern zusammenträfe, gab meine Stimme dem Eryximachus; mit der Einschränkung, daß ich seine Rede, in Ansehung des reichhaltigern und solidern Stoffes allen übrigen vorziehe, wiewohl ich gestehen müßte, daß sie der gezwungen witzigen Einkleidung und des flachen Ausdrucks wegen die schlechteste von allen sey. Jedes von uns hatte dieß und das zu Behauptung seiner Meinung vorzubringen, bis wir uns endlich alle vereinigten[265] dem Antipater Recht zu geben, und den letzten Act, wo der Sohn des Klinias, mit einem lärmenden Gefolge von lockern Zechgesellen, trunken und mit Blumenkränzen und Bändern behangen in den Saal hereingestürmt kommt, und alles was darauf folgt, bei weitem für das Beste am ganzen Werke zu erklären.

Von dem Augenblick an, sagte Antipater, da Alcibiades auftritt, weht sein Genius durch den Rest des Dialogs; alles ist freie zwanglose Natur, Feuer, Jugendkraft und üppige Lebensfülle; auch halt' ich es für unmöglich, von diesem außerordentlichen Jüngling, wie er wirklich war, und (nach allem, was wir von ihm wissen) gewesen seyn muß, ein Bild aufzustellen, das mit so viel Freiheit und Leichtigkeit richtiger und fester gezeichnet, lebhafter gefärbt, zärter schattiert und leichter gehalten wäre; wenn ich anders in Gegenwart eines Künstlers mich so kunstmäßig ausdrücken darf.

Das darfst du, versetzte Euphranor, indem er ihm traulich die Hand schüttelte; und wenn du hinzusetztest: diese Darstellung des Alcibiades verdiene der Kanon aller künftigen Dichter zu seyn, welche die Menschen, wie sie sind, schildern, und doch dem Gesetz der Schönheit, das alle Künstler bindet, nichts dabei vergeben wollen; so würde ich ohne Bedenken behaupten, daß du die Wahrheit gesagt hättest.

Lais. Indessen ist nicht zu läugnen, daß die Alcibiades und ihresgleichen durch diese künstliche und aufs feinste in einander verflößte Mischung der auffallendsten Unarten und Untugenden mit den schimmerndsten Naturgaben, ja sogar mit allem was das liebenswürdigste und schätzbarste am Menschen[266] ist, und durch diese unwiderstehliche Grazie, die ihren Lastern selbst etwas Gefälliges und Liebreizendes gibt, zu den gefährlichsten aller Menschen würden. Wofern uns also jemand einwendete: wenn die Dichter durch das Gesetz der Schönheit verpflichtet wären, die lasterhaften und hassenswürdigen Personen, die sie uns darstellen, immer so zu schildern, daß es uns unmöglich wäre, ihnen nicht, mehr oder weniger, gut zu seyn – wie der Fall wirklich beim Alcibiades des Plato ist so würden ihre Werke, je vortrefflicher sie in Ansicht der Kunst wären, desto verderblicher für die Sitten, und also, in Rücksicht auf das allgemeine Beste, desto verwerflicher werden; was könnten wir ihm antworten?

Praxagoras. Ich sollte denken, es wäre eben so möglich als der Humanität gemäß, das Laster, als das allein Hassenswürdige, von der Person, die als Mensch immer liebenswürdig ist, so zu trennen, daß die Liebe zur Tugend nichts dabei verlöre, wenn wir gleich (was ehmals der Fall des Sokrates war) sogar einen Alcibiades liebten.

Aristipp. Diese Trennung mag in der Speculation leicht genug seyn; aber ich zweifle daß im wirklichen Leben die Liebe zur Person uns nicht immer geneigt machen werde, ihre Untugenden zu übersehen, oder, wenn wir sie auch gewahr werden, zu entschuldigen; bis wir nach und nach so weit kommen, sie mit ihren guten Eigenschaften zu vermengen, oder für bloße Schattirungen derselben anzusehen, und unter dem Schleier der Grazie zuletzt sogar liebenswürdig zu finden. Wenn dieß wirklich der Fall wäre, möchte es wohl kaum möglich seyn, daß unser Abscheu vor der Untugend selbst sich nicht[267] eben so allmählich verminderte, oder wenigstens daß die Nachsicht gegen die Untugenden der geliebten Person uns eben so duldsam gegen unsre eigenen machte.

Neokles. Die Liebe wäre also nicht immer, wie Plato sagt, Liebe des Schönen, wofern es möglich wäre, auch das Häßliche an der geliebten Person zu lieben?

Aristipp. So scheint es, und ich denke nicht daß Platons Ansehen hier in Betrachtung kommen kann; denn es herrscht durch sein ganzes Symposion eine so auffallende Vieldeutigkeit in dem Sinne, worin er die Wörter Liebe und lieben gebraucht, daß es schwer ist, sich seiner wahren Meinung gewiß zu machen.

Diese Rede schien allen Anwesenden aufzufallen, und sie brachte uns unvermerkt auf die Frage: was denn eigentlich der Zweck des philosophischen Dichters des Symposions bei diesem aus so seltsam contrastirenden Theilen zusammengesetzten Werke gewesen seyn könne?

Der Versuch diese Frage zu beantworten, führte eine etwas genauere Zergliederung desselben herbei, die uns beinahe das einhellige Geständniß abdrang: daß diese so allgemein bewunderte Composition mehr einem bunten morgenröthlichen Duftgebilde als einem festen und bewohnbaren Gebäude ähnlich sey.

Da wir das Symposion diesen Abend – (vermuthlich nicht zum erstenmale) gehört und also noch ganz frisch im Gedächtniß haben, sagte Praxagoras, so laßt uns, jedes sich selbst, ehrlich und offenherzig gestehen, wie viel oder wenig Wahres, eine schärfere Prüfung Bestehendes und im Leben[268] Brauchbares wir darin gefunden? Ob uns alle diese Lobreden, Hypothesen und Allegorien auf und über den vorgeblichen Gott oder Dämon Eros, die uns in diesem Gastmahl131 in so mancherlei Tonarten vordeclamirt, vorgescherzt und vorprophetisirt werden, wirklich befriedigende Aufschlüsse über die Natur, die Eigenschaften und die Wirkungen der allgemeinsten und gewaltigsten, wohlthätigsten und verderblichsten, tragischsten und komischsten aller Leidenschaften geben? Ja, ob sich überall irgend ein aus dem Ganzen hervorgehendes Resultat, welches als der Zweck des Verfassers betrachtet werden könne, darin entdecken lasse? Laßt mich in dieser Rücksicht einen Versuch machen, ob ich diesen großen reich und zierlich gestickten Peplos132 unter einen Gesichtspunkt bringen könne, aus welchem er sich, wo nicht auf Einen Blick übersehen, doch wenigstens in der Vorstellung leichter zusammenfassen und beurtheilen lasse. – Alle nickten ihm ihre Einstimmung zu, und er begann folgendermaßen:

»Eine bei dem Dichter Agathon versammelte Gesellschaft, in welcher Sokrates (wie in allen Platonischen Dialogen) die Hauptfigur vorstellt, ist übereingekommen, eine von Rednern und Dichtern bisher vernachlässigte Lücke auszufüllen, und dem Liebesgott, Mann vor Mann, nach Vermögen eine Lobrede zu halten.

Die Rede des schönen Phädrus, der den Reihen anführt, ist beim Tageslichte besehen, nichts als eine spielerhafte rhetorische Schulübung, deren Tendenz noch zum Ueberfluß unsittlich ist, da sie lediglich darauf ausgeht, die Päderastie nur nicht gar zum höchsten Gute des Menschen, und die Willfährigkeit[269] des Geliebten gegen den Liebhaber zu einer in den Augen der Götter selbst höchst verdienstlichen Sache zu machen.

Der auf Phädrus folgende Pausanias scheint durch Unterscheidung eines zwiefachen Amors etwas Vernünftigeres auf die Bahn bringen zu wollen als sein Vorgänger; aber seine Rede dreht sich größtentheils um schwankende Begriffe. Auch ihm ist die Päderastie so sehr die einzig rechtmäßige Art von Liebe, daß er es seinem gemeinen Amor (Eros Pandemos) sogar zum Vorwurf macht, daß die Verehrer desselben Weiber nicht weniger als Männer liebten; und wenn er gleich – zu Hebung des anscheinenden Widerspruchs zwischen dem Gesetz und Herkommen, welche bei den Athenern den Knabenliebhaber auf alle Weise begünstigen, und der Sitte, die es dem Geliebten zur Schande macht dem Liebhaber zu willfahren – mit gutem Fug behauptet, die Liebe sey an sich weder gut und ehrsam, noch bös' und schändlich, sondern werde jenes bloß durch eine edle, dieses durch eine schändliche Art zu lieben: so verderbt er doch alles wieder, indem er will, daß die geliebten Jünglinge zwar nur tugendhaften Liebhabern willfahren sollen, aber ihnen dafür dieses Willfahren zu einer ordentlichen Pflicht macht, und also einen an sich selbst verwerflichen Mißbrauch zu veredeln, und sogar zu einer Belohnung der Tugend oder des Verdienstes zu machen sucht.

Die hierauf folgende Rede, worin der Arzt Eryximachus die Theorie des Pausanias von dem zwiefachen Eros mit vieler Spitzfindigkeit generalisirt, und überall, sowohl in der Natur als in den Künsten, sogar in der Arzneikunst, den Kampf und Sieg des himmlischen Amors oder der Liebe der[270] Muse Urania über den gemeinen, oder die Liebe der Muse Polymnia, zur wirkenden Ursache alles Schönen und Guten macht, diese ganze Rede ist von Anfang bis zu Ende ein gezwungenes Witzspiel mit doppelsinnigen Worten und Metaphern, wodurch nichts weder klar gemacht noch bewiesen wird. Man sieht nicht, womit die arme Muse Polymnia (die er eigenmächtig mit der Aphrodite Pandemos verwechselt) es verschuldet hat, daß er sie ich weiß nicht ob zur Mutter oder zur Buhlin seines Allerweltamors herabwürdigt; und wiewohl der redselige Arzt eine Menge bunter Luftblasen zu Lob und Ehren seines Uranischen Eros platzen läßt, so trägt doch auch er kein Bedenken, die Lehre seines Vormanns von der schuldigen Willfährigkeit des Geliebten gegen einen artigen und wohlgesitteten Liebhaber zu einer moralischen Maxime zu erheben; ja die geliebten Jünglinge haben, seiner Meinung nach, ihrer Pflicht schon genug gethan, wenn sie nur die Absicht hegen, die Liebhaber durch ihre Gefälligkeit tugendhafter zu machen.

An dem possierlich läppischen und nicht sehr züchtigen Mährchen von den ursprünglichen Doppelmenschen einerlei und beiderlei Geschlechts, und ihrem Uebermuth gegen die Götter, und dem glücklichen Einfall Jupiters sie in der Mitte von einander zu spalten, mit der Bedrohung, wenn sie noch nicht gut thun wollten, sie noch einmal zu spalten, so daß sie alle nur auf Einem Beine herum hinken müßten u.s.w., an dieser Posse, sage ich, ist schwerlich etwas anders zu rühmen, als daß sie (nebst der daraus abgeleiteten witzelnden Erklärung der verschiedenen Phänomene der Liebe, in der niedrigsten[271] Bedeutung dieses Wortes) mit vieler Schicklichkeit dem Aristophanes in den Mund gelegt wird; wiewohl wir nicht die mindeste Ursache haben, dem Plato die Ehre der Erfindung abzusprechen. Jedes ernsthafte Wort, das ich über diesen symposischen Spaß verlieren wollte, wäre zu viel; als Spaß mag er indessen bei einem Trinkgelag und unter lauter Männern von Athen, d.i. (nach der Behauptung des Aristophanischen Adikos Logos133) unter lauter Euryprokten134, an seinen Ort gestellt bleiben.

Bei dem prosaischen Lobgesang, welchen der Dichter und Gastmahlgeber Agathon nunmehr dem Liebesgott zu Ehren anstimmt, kann Plato schwerlich eine andere Absicht gehabt haben, als den Sophisten Gorgias durch eine bis zur Carricatur (wiewohl von der feinern Art) getriebene Nachahmung seiner Manier lächerlich zu machen; und daß er diese Absicht wirklich hatte, läßt das ironische Lob, welches Sokrates der so zierlich gedrechselten und prächtig herausgeputzten Puppe ertheilt, nicht bezweifeln.

Dieser, nachdem er seine Bedingungen mit den übrigen Symposiasten gemacht hat, nimmt nun das Wort, und verwandelt den ganzen, mit so schwärmerischem Beifall aufgenommenen Agathonischen Päan auf einmal in Rauch und Dampf, indem er ihm beweist, daß an allen den Tugenden, die er seinem Eros, als dem schönsten, gerechtesten, tapfersten, weisesten und besten aller Götter, nachgerühmt habe, kein wahres Wort sey. Denn Eros sey weder schön, noch gut, noch tapfer, noch weise, noch ein Gott, sondern[272] ein bloßer Dämon, den seine Mutter Penia (eine von Plato erschaffene Göttin der Dürftigkeit) im Drang des Bedürfnisses von dem nektartrunknen Gott der Betriebsamkeit Poros im Göttergarten aufgelesen; der, vermöge dieser Abstammung, alle guten und schlimmen Eigenschaften seiner Erzeuger in sich vereinige, und an welchem noch das Beste sey, daß er, von einem unwiderstehlichen Trieb zum Schönen und Guten hingerissen, weder Rast noch Ruhe habe, bis er sich mit demselben vereinige, und dadurch hinwieder der Erzeuger von schönen und guten Kindern, nämlich edeln Gesinnungen, Thaten und Bestrebungen, werde. Plato scheint sehr gut gefühlt zu haben, daß es sich nicht wohl geziemt hätte, einen Mann wie Sokrates diese schönen Dinge, zu deren Kenntniß ein Sterblicher mit bloßer Hülfe seiner fünf Sinne und seiner Vernunft nicht gelangen kann, in seiner eigenen Person vorbringen zu lassen. Er machte also, mit eben dem feinen Sinn für das Schickliche, womit er die komische Hypothese von den Doppelmenschen dem Aristophanes beilegt, den Sokrates zum bloßen Erzähler einiger zwischen ihm und einer gewissen Seherin Diotima vorgefallener Gespräche über die wahre Natur der Liebe, und die Art und Weise, wie dieser Dämon die Seelen auf der Leiter des materiellen Schönen zum Wissenschaftlichen und Sittlichen, und von diesem zum bloß Intelligibeln emporführe; denn das Meiste, was er diese Diotima (als seine vorgebliche Lehrmeisterin in Erotischen Dingen) vorbringen läßt, konnte mit Wahrscheinlichkeit und Füglichkeit keiner andern Person als einer Enthusiastin, die an übernatürliche Kenntnisse der göttlichen[273] Dinge Anspruch machte, in den Mund gelegt werden. Schade nur, daß wir in dem Unterricht, den diese Mystagogin135 ihrem gelehrigen Schüler ertheilt, eben denselben Doppelsinn wieder finden, worin (wie Aristipp bereits bemerkt hat) die Wörter Eros und erân in diesem ganzen Dialog zwischen den zwei sehr heterogenen Bedeutungen der reinen Liebe und des bloßen Begehrens immer hin und her schwanken; ein Doppelsinn, wodurch alles Wahre und Praktische, was sie uns zu lehren scheint, indem wir es erfassen wollen, uns unvermerkt wieder durch die Finger schlüpft. Das allerschlimmste indessen ist, daß nachdem die Seherin, die so viel sieht was sonst niemand sehen kann, uns zu Erwartung der herrlichsten Offenbarungen über das selbstständige Urschöne berechtigt hat, – zu welchem wir von einer ganz neuen Art von idealischer Päderastie, als der untersten Stufe, durch die ganze materielle und intellektuelle Welt emporsteigen sollen, – uns gleichwohl am Ende nichts geoffenbaret wird, als daß dieses Urschöne (welches Diotima doch für den eigentlichen Gegenstand und das höchste Ziel der Liebe ausgibt) weder mehr noch weniger als das Parmenideische Eins und All, das Platonische Wirklichwirkliche, der Hermetische Cirkel, dessen Mittelpunkt überall, und dessen Umkreis nirgends ist, mit Einem Worte, das Unendliche sey; welches aber erstens, da es keine Form hat, eben so wenig das Urschöne als der Urcirkel oder das Urdreieck seyn kann; und zweitens, da es (ihrem eigenen ehrlichen Geständniß nach) weder von den Sinnen erfaßt, noch von der Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande begriffen werden kann, gänzlich außer unserm Gesichtskreise[274] liegt, und also für uns eben so viel ist als ob es gar nicht wäre.«

»Ich will es nun euerm eigenen Scharfsinn und Urtheil überlassen, setzte Praxagoras hinzu, was für einen Zweck der göttliche Plato mit diesem geistigen Gastmahl beabsichtigt haben könne, und ob ihm großes Unrecht geschähe, wenn man es mit einem Zaubermahl vergliche, wo die Gäste, nachdem sie ihre Kinnbacken ein paar Stunden lang weidlich spielen ließen, und von einer Menge der köstlichsten Schüsseln gesättigt zu seyn glaubten, am Ende die Entdeckung machen, daß sie nichts als Luft gegessen haben, und hungriger von der prächtigen Tafel aufstehen, als sie sich um dieselbe gelagert hatten.«

Wenn dem so ist, wie ich selbst zu besorgen anfange sagte Lais lächelnd, so hätte der Zauberer wohl verdient, daß wir eine kleine Rache an ihm nähmen. Wie wenn wir unser heutiges Symposion zu einem Gegenstück des seinigen machten, und anstatt dem leidigen Amor Lobreden zu halten, uns vereinigten, ihm der Reihe nach alles Böse nachzusagen, was sich, ohne ihm das kleinste Unrecht zu thun, von ihm sagen läßt? Was meinst du, Euphranor?

Euphranor. Es hieße, däucht mich, die Rache, anstatt an Plato, an dem armen Amor nehmen, der eine so unfreundliche Behandlung am Ende doch weder an dir, schöne Lais, noch (wie ich hoffen will) an irgend einem von uns andern verschuldet hat.

Lais. Wie, Euphranor? Wenn nun auch wir für unsre Person uns nicht über ihn zu beklagen hätten, sollen wir so[275] selbstsüchtig seyn, ihm alles tragische Unheil und Elend zu verzeihen, das er seit dem Trojanischen Kriege, und lange vorher, da wir arme sterbliche Weiber noch so viel von den Nachstellungen und Gewaltthätigkeiten der Götter auszustehen hatten, im Himmel und auf Erden angerichtet hat? [...]"


Aristipp. Wenn in dem, was du sagtest, ein so tiefer Sinn liegt, als ich zu glauben versucht bin, so ist Plato auf einmal gerechtfertiget, und wir haben ihn durch die schmähliche Vermuthung, daß er keinen festen Zweck bei dem vollkommensten seiner Werke gehabt habe, großes Unrecht gethan. Alles in seinem Symposion wäre dann sehr verständig und absichtlich zusammengeordnet; die Reden des Phädrus, Pausanias, Eryximachus, Aristophanes und Agathon hätten dann, außer den bereits berührten Nebenzwecken, zur Absicht, die gemeinen Begriffe von der Liebe, die bei den Griechen von Alters her im Schwange gehen, in verschiedenem Lichte von[278] verschiedenen Seiten aufzustellen und zu berichtigen, und die gewöhnlichsten Erscheinungen und Wirkungen dieser Leidenschaft zu erklären; sie selbst aber dienten dem Gespräch des Sokrates und der Diotima bloß als heraushebende Schattenmassen, und der große Zweck des Symposions wäre, uns mit der Theorie einer von aller gröbern Sinnlichkeit und Leidenschaft gereinigten geistigen Liebe zu beschenken; einer Liebe, welche eben darum, weil sie bloß das vollkommenste Schöne zum Gegenstand hat, durch nichts Geringeres als das ewige, unwandelbare, unbegreifliche, unendliche Selbstständigschöne befriedigt werden kann.

Lais. Weißt du auch, daß ich dich wenn der leidige Tisch nicht zwischen uns stände, für diese großmüthige Rechtfertigung meines Lieblingsschriftstellers küssen möchte? Denn ich gestehe, daß ich es schmerzlich empfunden hätte, wenn der häßliche Vorwurf der Zwecklosigkeit auf ihm sitzen geblieben wäre.

Aristipp. Und doch darf ich mir noch nicht schmeicheln, die schöne Belohnung, die du mir in Gedanken geben wolltest, schon verdient zu haben. Denn wiewohl ich einen allerdings erheblichen Vorwurf von deinem Günstling abzulehnen suchte, so kann ich dir doch nicht verbergen, daß mir das Mährchen von Porus und Penia, und der Dämon-Eros, den die Bettelnymphe dem berauschten Gott hinter einer Hecke des Göttergartens im Schlaf abgeschlichen haben soll, und sein unersättlicher Heißhunger nach einem gestaltlosen Urschönen, das allenthalben und nirgend ist, ungeachtet der naiven Unbefangenheit, womit Diotima das alles vorbringt, um keinen Splitter eines[279] Strohhalms ehrwürdiger ist, als die Androgynen des muthwilligen Aristophanes. Lieber wollte ich mir noch die zweierlei Amorn des Pausanias gefallen lassen, wiewohl mich dünkt, daß der eine, den er Pandemos zubenennt, unter dem Namen Pothos (der seine Natur viel deutlicher bezeichnet) schon bekannt genug ist, um eine neue Benamsung überflüssig zu machen. Den eigentlichen Unterschied zwischen Eros und Pothos würde ich darein setzen: daß Pothos alles Schöne bloß des Genusses wegen begehrt, oder noch eigentlicher, daß die Schönheit einer Sache, von welcher er sich einen den Sinnen schmeichelnden Genuß verspricht, für ihn nur ein stärkerer Anreiz ist, sich in den Besitz derselben zu setzen: da hingegen Eros das Schöne oder Schöngute (was im Grund einerlei ist) ohne einen Blick auf sich selbst, bloß weil es schön ist, liebt, d.i. inniges Wohlgefallen daran hat, und daher im bloßen Anschauen desselben, ja sogar in dem bloßen Gedanken daß es ist, schon Nahrung genug findet, um ewig dabei ausdauern zu können; so wie die Götter ihre Unsterblichkeit zu unterhalten keiner andern Speise als Ambrosia bedürfen. Was uns Diotima von der Unersättlichkeit dieses Amors sagt, ist ein täuschendes Spiel mit den abgezogenen und daher unbestimmten formlosen Begriffen des Unendlichen, wobei die gute Seherin vergessen hat, daß ein abgezogener Begriff, als eine leere Hülse, kein Gegenstand der Liebe, und das Schöne, eben darum, weil es nur durch eine bestimmte Form schön ist, nicht unendlich seyn kann. Nicht wenig trägt auch zu dieser täuschenden Vorstellung bei, daß man gewohnt ist, die Unbeständigkeit der Menschen im Lieben auf Rechnung der Liebe[280] zu setzen, da sie doch bloß eine natürliche Folge theils der Unbeständigkeit der Dinge selbst, theils der organischen Einrichtung unsers Körpers ist; denn es ist so sehr Natur der Liebe durch das Anschauen oder den reinen geistigen Genuß des Schönen befriedigt zu werden, daß jeder einzelne schöne Gegenstand, wofern er immer derselbe bliebe, und die Seele im reinen Genuß desselben nicht von außen her gestört würde, hinlänglich wäre, sie ewig fest zu halten und völlig zu befriedigen. [...]

Praxagoras. Darf ich, ohne der Freiheit und Willkürlichkeit eines symposischen Gesprächs zu nahe zu treten, meine Gedanken von dem unsrigen sagen; so dünkt mich, Plato habe uns unvermerkt mit seinem Hang zum Symbolisiren und Allegorisiren angesteckt, und so sey es auch uns ergangen wie ihm, daß nämlich aus allen den schönen Sachen, die diesen Abend über die Liebe vorgebracht worden sind, zuletzt doch kein Resultat erfolgt, und wir aus einander gehen werden, ohne die wahre Auflösung des Problems gefunden zu haben. Wie, wenn mir erlaubt würde, die Sache bei einem andern Ende anzufassen, und – da wir doch alle wissen, daß die Liebe weder ein Gott noch ein Dämon, weder Uraniens, noch Polymniens noch Peniens Sohn, sondern eine menschliche Leidenschaft und die physische Wirkung gewisser Triebe und Neigungen unsrer[285] aus Thier und Geist sonderbar genug zusammengesetzten Natur ist – zu sehen, was es aus diesem Gesichtspunkt für eine Bewandtniß mit ihr habe? – Was von ihr auf Rechnung des sympathetischen Instincts der beiden Androgynischen Hälften zu setzen, was hingegen bloß aus dem unsrer edlern Natur wesentlichen reinen Wohlgefallen am materiellen, geistigen und sittlichen Schönen zu erklären sey; und endlich, welche von den Symptomen und Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden, auf die Verantwortung andrer selbstsüchtiger Leidenschaften kommen, die sich öfters zu ihr gesellen, und (wie z.B. der Ehrgeiz oder die Eifersucht) nicht nur ihre eigene Energie verstärken, sondern sogar ihre Natur dergestalt überwältigen, daß sie, aus der sanftesten, geschmeidigsten und humansten, die unbändigste und grausamste aller Leidenschaften wird. Auf diesem Wege, däucht mich –

Lais (ihm lächelnd ins Wort fallend). Würdest du uns, lieber Praxagoras, unfehlbar zu einer sehr gründlichen und vollständigen Philosophie der Liebe verhelfen; aber für ein kleines anspruchloses Symposion, wie dieses, möchte, wie du selbst siehest, eine solche Operation fast zu ernsthaft und methodisch scheinen, zumal da die Nacht schon weit vorgerückt ist. Gefällt es euch, so will ich unsre bisherige Unterhaltung mit einem Milesischen Mährchen schließen, welches ich unmittelbar aus der Quelle selbst, nämlich aus dem Mund einer der mährenreichsten Ammen in Milet geschöpft habe, und woran ihr wenigstens – die Kürze sehr preiswürdig finden werdet. Mich ließ die Milesische Amme nicht so leicht davon kommen.[286]

Es war einmal ein König und eine Königin, ich weiß nicht in welchem Lande, weit von hier, die hatten eine Tochter, Psyche genannt, von so übermenschlicher Schönheit, daß Aphrodite selbst eifersüchtig auf sie ward, und, um einer so gefährlichen Rivalin je eher je lieber los zu werden, ihrem Sohn befahl, ihr mit dem giftigsten seiner Pfeile irgend eine hoffnungslose Liebe in die Leber zu schießen, von welcher sie in kurzer Zeit zu einem so hagern blaßgrünen Gespenst abgezehrt würde, daß ihr die Eitelkeit, sich mit der Göttin der Schönheit vergleichen zu lassen, wohl vergehen müßte. Amor schickte sich an, seiner Mutter Befehl zu vollziehen; aber kaum hatte er einen Blick auf die schöne Psyche geworfen, die er im Garten ihres Vaters an einer murmelnden Quelle eingeschlummert fand, so verliebte er sich so heftig in sie, daß er von Stund an beschloß sich auf ewig mit ihr zu verbinden. Weil er aber seine Leidenschaft vor seiner Mutter auf alle Weise zu verbergen suchen mußte, bewog er seinen Freund und Spielgesellen, den Zephyr, durch vieles Bitten, sich seiner anzunehmen, und (nachdem ihm dieser beim Styx zugeschworen hatte sich recht ehrbar aufzuführen) die schlafende Psyche sanft aufzuheben, und auf einem gewissen Berg in einer menschenleeren Wildniß am Ende der Welt, wo niemand sie suchen würde, eben so sanft wieder niederzulegen. Psyche, die, während dieß mit ihr vorging, immer ruhig fortgeschlummert hatte, er wacht endlich und erstaunt nicht wenig, sich, ohne zu wissen wie, an einem Ort zu finden, wo ihr alles was sie sieht, neu und fremd ist. Mitten in einem unermeßlichen Lustgarten, der schon dem ersten Anblick[287] alle Schönheiten der Natur in der reizendsten Vereinigung darstellt, erblickt sie einen herrlichen Palast, dessen offne Pforten sie einladen, hineinzugehen, wiewohl die tiefste Stille, die um und in demselben herrscht, sie vermuthen läßt, daß er ohne Bewohner sey. Amor ist ein so großer Zauberer, daß es ihn nur einen Wink gekostet hatte, diesen Palast aufzuführen, und mit allem nur Ersinnlichen zu versehen, was zur Einrichtung und Ausschmückung einer eben so bequemen als prachtvollen Wohnung gehört; und da er in eigner Person, wiewohl unsichtbar, um seine junge Geliebte schwebte, vergaß er nicht, eine Art von Zauber auf sie zu legen, der die Schüchternheit vertrieb, von welcher sie natürlicherweise befangen seyn mußte. Um ihr noch mehr Muth zu machen, rief ihr eine liebliche Stimme aus der Luft herunter zu: sey getrost, schöne Psyche, dieser Palast und alles was du siehest, ist dein; du bist hier unumschränkte Gebieterin; unsichtbare Hände werden dich bedienen, deinen leisesten Wünschen zuvorzukommen suchen, und jeden deiner Winke aufs schleunigste vollziehen. Durch einen so schmeichelnden Zuruf beherzt gemacht, ging sie in den Palast hinein, und gerieth ganz außer sich vor Erstaunen und Freude, indem sie in den prächtigen Sälen und Zimmern umher irrte, in welchen alles von Silber und Gold und kostbaren Steinen dermaßen glänzte und funkelte, daß ihr die Augen davon übergingen. Unvermerkt befand sie sich in einem runden, auf Säulen von Jaspis ruhenden und mit großen Blumengewinden behangenen Saal, wo so eben in einer mit Elfenbein ausgelegten goldnen Kufe ein warmes Bad für sie zubereitet worden war. Sogleich[288] wurde sie von schwanenweichen unsichtbaren Händen ausgekleidet, ins Bad gehoben, mit köstlichen Wassern begossen, mit Rosenöl eingerieben, abgetrocknet, wieder angekleidet und aufgeschmückt, alles mit einer Leichtigkeit und Zierlichkeit, daß sie von den Grazien selbst bedient zu seyn glaubte. Als sie aus dem Bade hervor ging, öffnete sich ihr ein Speisezimmer, wo ein wahres Göttermahl auf sie wartete. Sie setzte sich, und aß von den köstlich zubereiteten Speisen, die von den Unsichtbaren aufgesetzt und wieder abgetragen wurden, während die lieblichste Musik, von gleich unsichtbaren Sängerinnen und Saitenspielern aufgeführt, ihr Gemüth wechselsweise bald in eine fröhliche bald wollüstig schmachtende und unbekannte Freuden ahnende Stimmung setzte. Endlich da die Nacht hereingebrochen war, und ihre Augenlieder zu sinken begannen, wurde sie von den Unsichtbaren in ein anderes Gemach geleitet, ausgekleidet und in das weichste und prallste aller Betten gelegt, wozu jemals Schwanen ihren Flaum und Kolchische Lämmer ihre Wolle hergegeben. Sie war eben im Begriff einzuschlummern, als ein leises Getön die Furchtsame wieder aufschreckte; aber in eben demselben Augenblick verlosch die Lampe, die von der Decke herab einen dämmernden Schein über das Schlafzimmer verbreitet hatte, und bald darauf blieb ihr keine Möglichkeit zu zweifeln, daß ein unbekanntes Wesen an ihrer Seite lag, und durch die zartesten Liebkosungen ihr zugleich seine Zuneigung, wiewohl stillschweigend, zu entdecken, und um ihre Gegengunst zu bitten schien. Wir wissen ungefähr alle, wie viel Bescheidenheit und Zurückhaltung sich unter solchen Umständen dem[289] verwegensten aller Götter zutrauen läßt, und ob von der zitternden, zwischen Grauen und Erwartung wie an einem Haare schwebenden Psyche etwas anders als ein leidendes Verhalten zu erwarten war.

Als sie des folgenden Tages gegen die Mittagsstunde aus den angenehmen Träumen, die ihr Amor zur Gesellschaft zurückgelassen hatte, erwachte, fand sie sich wieder allein, in einem Labyrinth von Gedanken und Erinnerungen verloren, aus welchem sie sich nicht zu helfen wußte. Endlich stand sie auf, die Unsichtbaren stellten sich wieder ein, sie ins Bad zu führen, und alles was die sorgfältigste Bedienung der Geliebten ihres Herrn erforderte, mit ihrer gewöhnlichen Zierlichkeit und Gewandtheit zu verrichten – kurz, der Tag ging unter mancherlei abwechselnden Vergnügungen unvermerkt vorüber; die Nacht, die ihm folgte, glich in allem der vorigen; und eben so war es mit einer Reihe folgender Tage und Nächte. Die unsichtbaren Dienerinnen wußten den Unterhaltungen, die sie ihr verschafften, immer den Reiz der Neuheit zu geben; der unsichtbare Liebhaber wurde immer verliebter, und Psyche gewöhnte sich unvermerkt an das Wunderbare ihres Zustandes so gut, daß sie ihn mit keinem andern in der Welt vertauscht hätte. Und dennoch hatte sie kaum zehn Tage in diesem glücklichen Zustande zugebracht, als sie zu fühlen begann, es fehle ihr etwas, ohne welches sie nicht glücklich seyn könne. Mit jedem Tage, mit jeder Stunde wurde dieß Gefühl schmerzlicher; es verbreitete Unruhe und Unbehaglichkeit über ihr ganzes Wesen; die Unsichtbaren konnten ihr nichts mehr recht machen;[290] sie fand die artigsten kleinen Feste, die man ihr gab, geschmacklos und langweilig, und es währte nicht lange, so verriethen übel verhaltene Seufzer ihrem Gemahl selbst, sogar in den süßesten Augenblicken der Zärtlichkeit, daß ihr etwas schwer auf dem Herzen liege. Er sah sich genöthiget, sein bisheriges Schweigen zu unterbrechen, und, da er sie einsmals ungewöhnlich kalt und zurückhaltend fand, sagte er zu ihr: »Liebste Psyche, du bist mißmüthig, und fühlst dich unglücklich. Ich kenne die Ursache deiner Unzufriedenheit, denn ich lese in deiner Seele. Der Vorwitz zu wissen wer ich bin, plagt dich; aber wenn du wüßtest, in welche Verlegenheit du mich durch die unglückliche Wißbegierde setzest, und welche Schmerzen du mir, welches Elend du dir selbst dadurch bereitest, du würdest sie mit Entsetzen und Abscheu aus deinem Gemüthe verbannen. Wisse also von dem Augenblick an, da du erfährst wer ich bin, hast du mich auf immer verloren, dein bisheriges Glück ist dahin, und Jammer und Leiden ohne Maß sind dein Loos, bis du dein unglückseliges Daseyn in Verzweiflung endigest. Glaube mir, liebe Psyche, und habe Mitleiden mit dir selbst; denn wenn du mein Geheimniß entdeckt hast, so steht es nicht in meiner Macht, wie groß sie auch ist, dich zu retten. Du kannst nicht zweifeln, daß ich dich liebe; ich thue alles Mögliche dich glücklich zu machen; du würdest es seyn, wenn du dir genügen ließest, mich und alles was ich für dich thue ruhig zu genießen, ohne mehr wissen zu wollen als dir erlaubt ist; und vielleicht ist dir noch ein viel herrlicheres Loos in der Zukunft aufbehalten, wenn du die Probe, worauf ich[291] deine Mäßigung zu setzen genöthigt bin, weislich bestehest. Also nochmals, Geliebte, verbanne den Vorwitz mich genauer zu kennen, beruhige dich im Genuß meiner Liebe, und erspare mir den endlosen Schmerz, dich elend zu sehen, und dir nicht helfen zu können.« So sprach Amor mit einem leisen traurigen Vorgefühl, daß sein Zureden fruchtlos seyn würde. Die geschreckte Psyche fuhr ihm in die Arme und gelobte ihm heilig, seiner Warnung immer eingedenk zu seyn. Aber kaum sah sie sich wieder allein, so kehrte das unruhige Verlangen, sich durch ihre Augen nach der Beschaffenheit ihres Gemahls zu erkundigen, mit dreifacher Stärke in ihren Busen zurück. Sie hatte sich ihn bisher unter einer liebenswürdigen Gestalt vorgebildet; jetzt regten seine eigenen Worte und die schrecklichen Drohungen, womit er sein Verbot begleitet hatte, tausend Zweifel in ihrer Seele auf, und es war ihr unmöglich den Gedanken los zu werden, daß er vielleicht in seiner wahren Gestalt ein häßlicher Zauberer oder sonst ein mißgeschaffner Unhold sey, der sie durch seine Unsichtbarkeit um ihre Liebe betrüge. Kurz, die Unglückliche faßte den Entschluß, die Qualen dieser Ungewißheit nicht länger zu ertragen, sondern noch in dieser Nacht zu erfahren, wer der Unsichtbare sey, dem sie bisher die Vorrechte und die Zuneigung, die einem Gemahl gebühren, so unbesonnen zugestanden; und sie hielt sich selbst Wort. Um ihn desto sicherer zu machen, erwiederte sie in der nächsten Nacht seine Liebkosungen mit heuchlerischer Innigkeit: aber kaum merkte sie, daß er eingeschlafen war, so stand sie von seiner Seite auf, schlich sich mit bloßen Füßen in ein Vorzimmer, wo sie wußte, daß eine brennende Lampe[292] stand, kam mit der Lampe in der Hand zurück, näherte sich dem Bette, und erblickte – den schlafenden Liebesgott in seiner ganzen ewig jugendlichen Schönheit. Mitten in ihrer Entzückung bei diesem unverhofften Anblick überfällt sie die Angst daß er erwachen möchte; ihre Hand zittert, die Lampe schwankt, ein Tropfen heißes Oel fällt auf Amors schöne Brust; er erwacht, wirft einen schmerzlich zürnenden Blick auf Psyche, und fliegt davon. Und hiermit, lieben Freunde, ist mein Mährchen zu Ende. Der Milesischen Amme ihres fing hier erst recht an; aber was weiter folgt, gehört nicht zu meinem Zweck138, und die Lehre aus meinem Mährchen zu ziehen, überlasse ich einem jeden selbst.

Mit diesen Worten erhob sie sich von ihren Polstern, und die ganze Gesellschaft stand auf, sagte ihr viel Schönes über ihr Milesisches Mährchen, und wünschte ihr gute Nacht.

Als die übrigen alle sich entfernten, blieb ich noch allein bei ihr zurück, um sie auf ihr Zimmer zu begleiten.

Wir waren kaum angelangt, so wandte sie sich mit einer unbeschreiblich reizenden Miene gegen mich, und sagte in einem leise spottenden Tone: du glaubst also im Ernst, daß Liebe ohne Begierde möglich ist?

Da ich sie sogleich errieth (was ich ohne Anspruch an eine große Scharfsinnigkeit oder Divinationsgabe gesagt haben will), so antwortete ich bescheiden aber zuversichtlich: allerdings, und desto gewisser, je schöner der Gegenstand ist.

Lais. Auch dann, wenn er unmittelbar vor uns steht?

Ich. Auch dann.

[293] Lais. Auch wenn Zeit und Ort und alle übrigen Umstände sich vereinigen den schlummernden Pothos zu wecken?

Ich. Allerdings.

Lais (schalkhaft lächelnd). Wir reden, denk' ich, im Ernst, Aristipp? Der arme Pothos könnte freilich auch aus Erschöpfung schlummern!

Ich. Es versteht sich, daß dieß nicht der Fall seyn darf.

Lais schwieg, und fing an eine Nadel, womit ein Theil ihres in kleine Zöpfe geflochtnen Haars zusammengesteckt war, heraus zu ziehen, die Perlenschnur um ihren Hals abzunehmen, und sich, so sorglos unbefangen als ob sie allein wäre, der Binde, die ihren Busen fesselte, zu entledigen; kehrte sich dann wieder zu mir und sagte: ich glaube wirklich, Sokrates hätte die Probe unfehlbar ausgehalten; meinst du nicht?

O Lais, Lais, rief ich in einer unfreiwilligen Bewegung aus, welch ein himmlischer Anblick würde dieser Busen einem einzigen Auserkornen seyn, wenn er die mütterliche Ruhestatt eines kleinen menschlichen Amorino wäre!

Grillenhafter Mensch! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab. Aber es ist Zeit zum Schlafengehen; gute Nacht, Aristipp! – und mit diesem Wort entschlüpfte sie in ihr Schlafgemach und zog die Thür sanft hinter sich nach. Ob sie auch den Riegel vorschob, weiß ich nicht; denn gleich darauf hörte ich etliche von ihren Mädchen, die zu ihr hereinkamen, und begab mich weg; unzufrieden mit mir selbst, daß es mir gleichwohl einige Anstrengung[294] kostete, mich von dieser allzu liebenswürdigen Sirene zu entfernen."

(2. Band Kapitel 33 Aristipp an Eurybates)

17 April 2016

Gespräch über das Schöne (Wieland: Aristipp)

Lais berichtet Aristipp über ein Gespräch bei ihren Einladungen:

Mich dünkt (sagte Epigenes, der zu dieser Erörterung den Anlaß gegeben hatte), ehe wir uns auf die Frage »was das Schöne sey?« einlassen, wäre wohl gethan, den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen, da es so vielerlei, zum Theil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird, daß der allgemeine Begriff, der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt, nicht leicht zu finden seyn dürfte. Wir sagen: ein schöner Himmel, eine schöne Gegend, ein schöner Baum, eine schöne Blume, ein schönes Pferd, ein schönes Gebäude, ein schönes Gedicht, eine schöne That. Man sagt: dieser Wein hat eine schöne Farbe, dieser Sänger eine schöne Stimme, diese Tänzerin tanzt schön, dieser Reiter sitzt schön zu Pferde. Ich würde nicht fertig, wenn ich alle die körperlichen, geistigen und sittlichen Gegenstände, Bewegungen und Handlungsweisen herzählen wollte, denen das Prädicat schön beigelegt wird. Was ist nun die ihnen allen zukommende gemeinsame Eigenschaft, um derentwillen sie schön genannt werden? Ich kenne keine allgemeinere als diese, daß sie uns gefallen. Die Menschen nennen alles schön was ihnen gefällt.
Speusipp. Ich gebe gern zu, daß das Schöne allen gefällt, deren äußerer und innerer Sinn gesund und unverdorben ist: aber daß alles, woran ein Mensch Wohlgefallen haben kann, darum auch schön sey, kann schwerlich deine Meinung seyn.
Lais. Sonst wäre nichts Schöneres als ein mit Fässern und Kisten wohl beladenes Lastschiff voll morgenländischer Waaren! wenigstens in den Augen des Korinthischen Kaufmanns, vor dessen Hause sie abgeladen werden, und der in diesem Augenblick gewiß mehr Wohlgefallen an seinen ohne Symmetrie über einander hergewälzten Fässern, Kisten und Säcken hat, als an dem schönsten Gemälde des Parrhasius.
Speusipp. Sollte damit zu Erhaltung des Begriffs vom Schönen etwas gewonnen seyn? Was gefällt, ist (deinem eigenen Geständniß nach) nicht immer schön; aber das Schöne gefällt immer, bloß weil es schön ist. Die Frage was ist schön? bleibt also noch unbeantwortet.
Euphranor. Könnte uns nicht irgend ein Werk der Kunst am leichtesten zu der Antwort verhelfen, die wir suchen?
Euphranor. Zum Beispiel, der junge Bacchus dort, dem der lachende Faun den rosenbekränzten Becher reicht, indem er mit dem linken Zeigefinger schalkhaft auf die neben ihm an einem Weinschlauch eingeschlafne Mänas hinweiset. Euphranor. Lassen wir diesen Bacchus für schön gelten, oder hat jemand etwas Wesentliches an ihm auszusetzen?
Speusipp. Ewige Jugend in ewig fröhlicher Wollusttrunkenheit kann unmöglich schöner dargestellt werden.
[78] Euphranor. Das möchte ich nun eben nicht behaupten; genug, wir alle geben zu, daß er nicht häßlich ist.
Alle. Unstreitig.
Euphranor. Was mag wohl die Ursache dieses einstimmigen Urtheils seyn?
Lais. Unser Gefühl vermuthlich.
Epigenes. Aber warum wir es alle fühlen, und fühlen müssen, wir mögen wollen oder nicht, das ist es wohl was Euphranor hören möchte?
Euphranor. Und worin könnte dieß liegen, als in der Gestalt des jungen Gottes, in der bestimmten Form eines jeden seiner Glieder, in ihren Verhältnissen gegen einander, und in ihrer Verbindung zur harmonischen Einheit des Ganzen?
Ich und Epigenes und die übrigen alle waren sogleich mit unserm Ja bei der Hand. Nur Speusipp lächelte beinahe unmerklich und schwieg.
Euphranor. Aber die schlummernde Mänas zu seinen Füßen – kann man läugnen daß sie schön ist?
Learchus. Ich glaube in aller Männer Namen kühnlich sagen zu dürfen, sie ist sehr schön.
Euphranor. Und der junge Faun?
Lais. Ich wenigstens habe noch keinen schönern gesehen.
Euphranor. Also der Gott ist schön, der Faun ist schön, die Bacchantin ist schön, ungeachtet das, warum wir jedes für schön halten, die Formen und Verhältnisse der einzelnen Theile und die Symmetrie des Ganzen, an allen dreien[79] die augenscheinlichste Verschiedenheit zeigt. Würden wir aber zufrieden seyn, wenn der Faun für den Weingott angesehen werden könnte, oder der Weingott für einen Faun? Mit der Form des schönsten Fauns würden wir den Bacchus nicht schön genug, mit den Formen des letztern hingegen jenen allzu schön finden. Und wenn die Mänas ihren hohen Busen gegen die breite Brust des Bacchus, er seine Schultern und Hüften gegen die ihrigen umtauschte, würden nicht beide dabei verlieren, wiewohl sie Schönes um Schönes gäben?
Epigenes. Ganz gewiß. Schön wäre demnach etwas so Verhältnißmäßiges, daß es unter veränderten Umständen häßlich werden könnte; wie z.B. ein schönes Weib einen mißgestalteten Mann, ein schöner Faun einen häßlichen Bacchus abgäbe? Euphranor. Dieß möchte doch wohl zu viel gesagt seyn. Ein Mann mit weiblichen Gliederformen wäre doch immer ein schönes Ungeheuer, und ein Bacchus mit den Formen eines schönen Fauns würde nur unedel, nicht häßlich seyn. Indessen könnte auch aus lauter schönen Theilen ein sehr widerliches Ganzes zusammengesetzt werden, ohne daß die Theile aufhörten schön zu seyn; es braucht dazu nichts weiter, als jedem eine unrechte Stelle zu geben. Der schönste Munde schief auf die Stirn, das schönste Auge an die Stelle des Mundes, und die zierlichste Nase an den Platz des Auges gesetzt, würde aus dem Gesicht einer Lais eine lächerliche Fratze machen.
das ist, was es seiner Natur und seinem Zwecke nach, seyn soll?
Epigenes. Wenn dieß keine Ausnahmen leidet, so würde der Elephant, der Dachs und die Fledermaus eben so wohl an Schönheit Anspruch zu machen haben, als der Onager, das Reh und der Fasan.
Lais. Warum nicht, wenn wir dem unerschöpflichen Erfindungsgeiste der göttlichen Bildnerin Natur nicht unbefugte Schranken setzen, und durch eigensinnige Vorliebe für gewisse uns vorzüglich gefällige Gestalten uns zu kleinlichen einseitigen Urtheilen verleiten lassen wollen?
Euphranor. Mit allem Respect, den ich dir und der göttlichen Bildnerin schuldig bin, verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen, daß mir die Fledermaus oder der Krokodil schön vorkomme, und ich glaube hierin die Augen aller Menschen, und die deinigen zuerst, auf meiner Seite zu haben. Auch sehe ich nicht, warum alles, was die Natur hervorbringt, gerade für unsern Schönheitssinn gebildet seyn müßte; und da es uns an Worten nicht mangelt, warum muß denn etwas, das nur dem Verstande schön ist, mit einem Worte bezeichnet werden, welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzüglich solchen Dingen zukommt, die durch Formen und Farben, harmonische Verhältnisse und Symmetrie unsre Augen, oder vielmehr den innern Sinn, dessen Werkzeug sie sind, vergnügen? Die meisten Schöpfungen der Natur haben diese Eigenschaft in höhern und mindern Graden. Ich zweifle sehr, daß ein Mensch in der Welt ist, der nicht auf den ersten Anblick die Gans schöner als die Ente,[81] den Schwan schöner als die Gans, den Pfau schöner als den Schwan finden sollte: aber vor der Fledermaus schaudert jeder, der sie erblickt, zurück.
Lais. Wiewohl die Unverschämtheit zu Athen eine Göttin ist, so verlasse ich mich doch nicht genug auf ihren Beistand, um dir hierin zu widersprechen; sie könnte mich häßlich im Stiche lassen, wenn einer dieser schönen Nachtvögel unversehens daher geschossen käme, um sich für die unverdiente Ehre zu bedanken, die ich ihm erwiesen habe.
Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft auf einen andern Ton.

(Wieland: Aristipp 2. Band 17.Brief)