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06 Juli 2024

Meron Mendel: Über Israel reden

 Meron Mendel: Über Israel reden. Eine deutsche Debatte, 2023

Die große Leistung dieses Buches ist, dass Mendel klarstellt, dass nicht die Forderung eines Endes der israelischen Besetzung der Palästinensischen Gebiete, antisemitisch ist, sondern dass der Boykott aller israelischen Initiativen die Palästinensisch-israelische Verständigung behindert. Nicht die Ziele des BDS seien falsch, sondern die Methode des Boykotts. Denn so entstehe de Möglichkeit, eine Unterstützung der Ziele als antisemitisch zu bezeichnen. (S.69-111)
"Solange die eine Seite Israelboykott immer als Form des Antisemitismus sieht und die andere Seite Boykott immer als legitimes Mittel im palästinensischen Kampf für Freiheitsrechte, werden wir von einem Skandal zum nächsten stolpern. Solange in Deutschland beide Seiten, den Konflikt zwischen Israel und den Palästinenser nur als Projektionsfläche nutzen, um ihre eigene moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen, wird keine aufgeklärte Diskussion möglich sein." (S. 111) 
"Anfang der 90er-Jahre entwickelte sich mit den so genannten "Antideutschen" eine politische Strömung, die der nahezu kompromisslosen Unterstützung der Palästinenser eine nahezu kompromisslose Unterstützung von Israel entgegensetzte. Zwei Ereignisse trugen zur Bildung dieser Strömung bei: die deutsche Einheit 1990 und der Golfkrieg 1991. Die Wiedervereinigung war auf der radikalen Linken verknüpft mit der Furcht vor neuem Großmachtstreben Deutschlands und einem neu erstarken Nationalismus – zwei Weltkriege inklusive Völkermord sollten Grund genug sein, sich einem 'Vierten Reich' entgegenzusetzen. Schon am 3. Oktober 1990 demonstrierten Linke unter dem Motto "Deutschland, halt’s Maul" gegen die Vereinigung, später wurde auch der Slogan "Nie wieder Deutschland" populär. Diese Parolen zeigen eine klar gegen Deutschland gerichtete, also im Wortsinne antideutsche Positionierung. Der Konflikt im Nahost spielte zunächst noch keine große Rolle, Israel war vor allem in Rückgriff auf Erinnerungen Thema, die auch eine inhaltliche Beschäftigung mit der Shoah und Antisemitismus beinhalteten." (S.118/119) 
Wikipedia: "Das Buch kam in der Sachbuch-Bestenliste von Deutschlandfunk Kultur, dem ZDF und Die Zeit für April 2023 auf Anhieb auf Platz 1[25] und wurde für den Deutschen Sachbuchpreis 2023 nominiert.[26] In der Süddeutschen Zeitung schrieb Ronen Steinke, es sei „ein großes, in großer geistiger Unabhängigkeit geschriebenes Essay eines Autors, der an billigem Applaus und muffigem Zugehörigkeitsgefühl offenbar so fantastisch desinteressiert ist, wie es auf diesem Gebiet leider sehr, sehr selten geworden ist.“[27] 

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Israel 2026

13 November 2023

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

 Harper Lee: 

Wer die Nachtigall stört, 1960

Natürlich kannte ich schon lange den Titel, als ich das Buch in der nachgelassenen Bibliothek meiner Schwester fand. Aber selbst die Veröffentlichung der Erstfassung im Jahr 2015, bei der auf den ungewöhnlichen Erfolg des Buches hingewiesen wurde und darauf, dass Sensitivity Reader selbstverständlich unter heutigen Umständen die Verwendung des Wortes nigger/Neger verhindert hätten, nötigte mir nicht genügend Interesse ab, dass ich das Buch gekauft hätte. 

Erst als ich aufgrund des Titels aufmerksam geworden, das Buch mit nach Hause genommen und angelesen hatte, fiel mir auf, wie ungewöhnlich leicht es - für ein Buch mit hoher literarischen Qualität - zu lesen ist.

Die Bestsellerqualitäten und eine fast kitschhafte Schwarz-weiß-Malerei  werden unaufdringlich dadurch, dass aus der Perspektive  eines Vorschulmädchens erzählt wird, das keine Weiblichkeitsrolle akzeptieren will und sein Ideal in der Durchsetzung gegen Aggression ansieht, so dass die nahezu übermenschliche Selbstbeherrschung des Protagonisten zunächst als Schwäche und gar nicht als Tugend angesehen wird.

Ein sehr erfolgreiches Kunstmittel in diesem sprachlich scheinbar kunstlosen, fast methaphernfreien Text.

Die Schwarz-Weiß-Zeichnung der Personen erinnert an Märchen. Märchenhaft ist auch der Schluss, der dem Leser trotz dem problematischen Ausgang der Handlung ein Happy End bietet. 

Scout sagt dazu:

"Boo war unser Nachbar. Er hat uns zwei Seifenpuppen, eine kaputte Uhr mit Kette, zwei Glückspfennig, eine Medaille und unser Leben geschenkt. 

Und die Gegengeschenke, die unter Nachbarn üblich sind? Nie hatten wir ihm als Dank für das, was wir nahmen, etwas gegeben. Nie hatten wir Gleiches mit Gleichem vergolten, und das macht mich traurig."

29 Mai 2021

Lewis Wallace: Ben Hur - Anklage gegen Rassismus

"[...]  »Es gibt kein Gesetz, das einem Volke einen Vorrang vor anderen zugesteht. Hat ein Volk sich zur Macht erhoben und seine Aufgabe vollbracht, so geht es zu Grunde, um einem andern Platz zu machen, das seine Macht erbt und neue Namen auf die alten Denkmäler schreibt. Das ist die Weltgeschichte. Ich will nicht behaupten, daß es im Fortschritt der Nationen keinen Unterschied gibt, kein Volk gleicht vollkommen dem andern. Das größte Volk ist aber jenes, das Gott am nächsten steht. Dein Freund – oder dein ehemaliger Freund – hat, wenn ich dich recht verstehe, behauptet, wir hätten keine Dichter, Künstler und Krieger, damit wollte er, glaube ich, sagen, wir hätten überhaupt keine großen Männer. Fehlt es uns nun wirklich an großen Männern? Ein großer Mann, mein Kind, ist derjenige, dessen Leben den Beweis liefert, daß er von Gott, wenn nicht ausdrücklich berufen, so doch in seinem Wirken geleitet wurde. Ein Perser ward das Werkzeug Gottes zur Bestrafung unserer Väter, da sie von ihm abfielen, er führte sie in die Gefangenschaft. Ein anderer Perser wurde auserwählt, ihre Kinder in das heilige Land zurückzuführen. Größer als beide indes war Alexander, durch den der Herr die Verwüstung Judäas und die Zerstörung des Tempels rächte. Der besondere Vorzug dieser Männer bestand darin, daß sie von Gott zur Vollstreckung seines Willens ausersehen wurden; daß sie Heiden waren, kann ihren Ruhm nicht schmälern.

Allgemein herrscht die Ansicht, daß der Krieg die edelste Beschäftigung des Mannes sei, daß der höchste Ruhm nur auf dem Schlachtfelde errungen werden könne. Wenn auch die Welt diese Ansicht angenommen hat, laß dich durch sie nicht täuschen. Der Mensch muß etwas Höheres über sich anerkennen und verehren; das ist ein Gesetz, das so lange gelten wird, als es Dinge gibt, die seinem Verstande unfaßbar sind. Das Gebet des Barbaren ist ein Aufschrei der Furcht vor einer überlegenen Kraft, der einzigen göttlichen Eigenschaft, die er klar erkennt. Wir aber waren die ersten, die über diesen rohen, barbarischen Glauben hinausgingen. An die Stelle der rohen Kraft setzten unsere Väter Gott, der Erguß der Furcht wich in unserem Kult dem Hosiannagesang und den Psalmen. Die Herrschaft der Römer ist weiter nichts als ein Rückfall in die alte Barbarei. Die Römer setzen den Krieg über alles, und nirgends außer im Kriegswesen hat Rom Selbständiges geschaffen. Seine Spiele und Schaustellungen sind griechische Einrichtungen, denen nur die Grausamkeit der Römer einen blutigen Charakter gegeben hat. Roms Religion – wenn man von einer solchen überhaupt sprechen kann – setzt sich aus Gebräuchen und Lehren aller anderen Nationen zusammen. Seine höchst verehrten Götter – Mars und selbst Jupiter nicht ausgenommen – entstammen dem griechischen Olymp. Der Römer ist gegen die Vorzüge anderer Völker blind, seine Selbstsucht verhüllt sein Auge wie mit einem dichten Schleier, der ebenso undurchdringlich ist wie sein Brustpanzer. O die ruchlosen Räuber! Unter ihrem Tritte erdröhnt die Erde wie eine mit Dreschflegeln bearbeitete Tenne. Unter anderen Völkern – ach, daß ich es dir sagen muß, mein Sohn! – sind auch wir gefallen. [...]"

(Lewis Wallace: Ben Hur, 7. Kapitel )

04 November 2013

Ist "Jeff, der Schwarze" ein angemessener Titel für Theodore Dreisers Erzählung?

Im Original heißt Dreisers Erzählung über den Lynchmord an einem Schwarzen "Nigger Jeff", in der Übersetzung von Marianne Schön, Copyright 1950, "Neger Jeff". Was ist für unsere Zeit der korrekte Titel, die korrekte Übersetzung?
Dreiser beschrieb im Januar 1894 den Fall von Lynchjustiz an John Buckner. Ein oder zwei Jahre später schrieb er die (fiktionale) Erzählung "A Victim of Justice" ("Ein Opfer der Justiz"). Die veröffentlichte er nicht. 1899 schrieb er die Kurzgeschichte "Nigger Jeff", die 1901 veröffentlicht wurde. !918 schrieb er diese Geschichte um. Der Titel blieb "Nigger Jeff".
Darf man, sollte man den Titel heute anders ins Deutsche übersetzen als mit "Neger Jeff"?

22 April 2013

Rassereinheitswahn

Zum erstenmal sah ich die Pest des Rassenreinheitswahns, der unserer Welt verhängnisvoller geworden ist als die wirkliche Pest in früheren Jahrhunderten. Durch diese erste Begegnung war mir der Blick von Anfang an geschärft. Mit einiger Beschämung genoß ich die – durch unsere eigene Schuld längst entschwundene – Ehrfurcht vor dem Europäer als eine Art weißen Gotts, der, wenn er eine touristische Expedition machte wie jene auf den Adamspik von Ceylon, unweigerlich von zwölf bis vierzehn Dienern begleitet wurde; alles andere wäre unter seiner „Würde“ gewesen. Ich wurde das unheimliche Gefühl nicht los, daß die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte Verwandlungen und Umstellungen dieses absurden Verhältnisses bringen müßten, von dem wir in unserem behaglichen und sich sicher wähnenden Europa gar nichts zu ahnen wagten. Dank dieser Beobachtungen sah ich in Indien nicht, wie etwa Pierre Loti, in Rosenrot als etwas „Romantisches“, sondern als eine Mahnung; und es waren nicht die herrlichen Tempel, die verwitterten Paläste, nicht die Himalayalandschaften, die mir auf dieser Reise im Sinne der inneren Ausbildung das meiste gaben, sondern die Menschen, die ich kennenlernte, Menschen einer anderen Art und Welt, als sie im europäischen Binnenland einem Schriftsteller zu begegnen pflegten. Wer damals, als man sparsamer rechnete und als Cooks Vergnügungstourneen noch nicht organisiert waren, über Europa hinaus reiste, war fast immer in seinem Stande und seiner Stellung ein Mann besonderer Art, der Kaufmann kein kleiner Krämer mit engem Blick, sondern ein Großhändler, der Arzt ein wirklicher Forscher, der Unternehmer von der Rasse der Conquistadoren, verwegen, großzügig, rücksichtslos, selbst der Schriftsteller ein Mann mit höherer geistiger Neugierde. In den langen Tagen, den langen Nächten der Reise, die damals noch nicht das Radio mit Schwatz erfüllte, lernte ich im Umgang mit dieser anderen Art von Menschen mehr von den Kräften und Spannungen, die unsere Welt bewegen, als aus hundert Büchern.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Über Europa hinaus