21 November 2007

Der Freund und der Fremde

Ich bin am Bücher aussortieren. Bisher etwa 20 Kisten. Nicht aussortieren werde ich das Buch, über das ich nach dem Lesen schrieb:

Ich werde es kaufen. Und sei es wegen des Landauerzitats vom Krähen und dem Kikeriki. („Es ist etwas anderes, ob ich das Krähen nachahme oder Kikeriki sage.“ – „So wie ich es heute lese, ist es die kürzeste Beschreibung des Realismusproblems, also dessen, was das Delirium der Nichtadäquanz von Sprache und Dingen ausmacht.“, sagt dazu Uwe Timm.)

Dies Buch, das mich informiert, dass mein Buch über die Studentenbewegung überflüssig ist. Dass ein anderer das verarbeitet hat, was zu verarbeiten ich mir für später einmal vorgenommen hatte.

Der Timm (Uwe Timm: Der Freund und der Fremde – autobiographisch und über seinen Schulfreund Benno Ohnesorg, das Todesopfer vom 2.6. 1967) bietet - seltener geworden - mal wieder das Leseerlebnis, "mehr", "besser", "tiefer" geworden zu sein durch Lektüre.

17 November 2007

Schopenhauer

Safranski hat in Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie eine Erklärung dafür gegeben, wieso für Schopenhauer der Wille das Grundlegende sei. Unabhängig von jeder Anschauungsform, unabhängig von jeder äußeren Welt erlebe der Mensch ihn in sich selbt.
Die Motive, die Bestimmungsgründe, seien von außen beeinflusst. Weil aber der Mensch den Willen als vor und unabhängig von den Reizen der Außenwelt erlebe, könne er sich auch durch noch so zwingende äußere Motivation vor sich selbst nicht als unfrei, von äußeren Zwängen bestimmt sehen, auch wenn es es zur Verteidigung nach außen gern so darstellen werde. Dabei ist der Wille freilich etwas durch den Charakter des Menschen Vorherbestimmtes, so dass Schopenhauer formulieren kann: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

14 November 2007

Auf den Straßen Roms


Eine junge Frau allein in Rom, nachdem sie drei Tage nach dem Zusammentreffen mit ihrem Mann, erfahren hat, dass er, der Soldat, zum Afrikakorps muss.
Schwanger, vom Arzt aufgefordert, viel zu gehen, immer unterwegs. Mit Blick auf die vielen Adler. Was sollen die deutschen Adler hier? Aber sie sind auch weniger militärisch, natürlicher, streng freilich auch.
Im evangelischen Diakonissenheim auf die Geburt wartend, so war das Arrangement gewesen. Er als Soldat eine halbe Stunde entfert, sie im Heim. Er jetzt in Afrika.

So geht die Mutter von Friedrich Christian Delius durch die Stadt.
Er nennt sein Buch "Bildnis der Mutter als junge Frau". Die Gedanken der jungen Frau bei ihren ständigen Spaziergängen durch eine Stadt, deren Landessprache sie nicht versteht, deren Geschichte sie nur verschwommen kennt, deren Kunstwerke sie nicht einordnen kann, bezeichnet als Bildnis wie das Werk eines Tizian, Botticelli, Lippi oder Cranach.

Dabei sieht sie viele Bilder, den grüngrauen Tiber mit prächtigen hellen Mauern gerahmt. Aber ein Bild ihrer selbst?

Rezension von Katharina Döbler
in der ZEIT, 8.11.2006

01 November 2007

Entstehung des Doktor Faustus

"Ich muß darin Bescheid gewußt haben, so weit, daß es mir möglich war, sofort mit seinem Motiv-Komplex in toto zu arbeiten, den Anfängen gleich die Tiefenperspektive des Ganzen zu geben ..." (Th. Mann)

Während der Vordingens der Alliierten - nach Abfassung seines Vortrages "Deutschland und die Deutschen" - ist Mann durchaus nicht euphorisch. "Sieghafte Hoffnungslosigkeit" notiert er im Tagebuch und über ein Gespräch mit zwei Schweizern die Befürchtung "Der Sieg wird ärger verspielt werden als das vorige Mal."

31 Oktober 2007

Doktor Faustus: Vereinnahmung - Montage-Technik

Kunstvoll, viele Ebenen ineinanderschiebend, anspruchsvoll in der Verabeitung des politischen Gegenstandes, der ethischen Frage, der der dämonisch-religiösen-antichristlichen Dimension der Kunst ist Thomas Manns Doktor Faustus auch ein Werk, das in manchem die Herübernahme des im realen Leben Geliebten in die Sphäre des literarisch Teuflischen sehr weit treibt.
Der geliebte Enkel, den er im Roman unter gräßlichen Schmerzen sterben lässt, seine Geliebten, die er porträtiert und durch die Art seiner Darstellung auch wieder herabsetzt, schließlich die Zwölftonmusik Schönbergs, von der er in der "Entstehung des Doktor Faustus" zu Recht sagt, dass es "fast etwas von Kränkung gehabt hätte, im Text seinen Namen zu nennen".
Ob mit Namen oder ohne Namen, der Zusammenhang, in den ein Mensch oder das Lebenswerk eines Menschen hier gestellt wird, hat etwas Kränkendes. Auch wenn Kunstnotwendigkeit es befiehlt und hohe Kunst das Ergebnis ist.
Ist aber nicht das Auslassen des Holocaust, die Parallelisierung des deutschen Geschehens von 1933 bis 1945 mit dem Teufelspakt eines Künstlers eine unzulässige Stilisierung des Banal-Bösen?
Doch darf andererseits die Verarbeitung (nicht die "Bewältigung") von Gegenwart durch Kunst dem Künstler verboten sein? Wenn die Satire alles darf, sollte die Kunst es nicht auch dürfen?
Was dürfen Satire und Kunst wirklich?

Thomas Mann hat selbst in der "Entstehung" von der "mich dauernd bestürzenden Rücksichtslosigkeit im Aufmontieren von faktischen, historischen, persönlichen, ja literarischen Gegebenheiten" gesprochen, wobei diese "Montage-Technik" aber zur "Idee des Buches" gehört habe. Möglich sei ihm diese Technik geworden, wegen des Charakters des Buches "als Geheimwerk und Lebensbeichte, der die Vorstellung seines öffentlichen Daseins überhaupt von mir fernhielt, solange ich daran schrieb".
Wir brauchen diese Äußerung freilich nicht für mehr zu nehmen als als Rechtfertigung der Kunstnotwendigkeit. Denn vorher hat er schon gesagt, dass sein "Lebensplan, der immer ein Arbeitsplan gewesen war" dies Thema "an das Ende gestellt hatte".
Alle seine vollendeten Arbeiten hatte er veröffentlicht. Der Plan sah mit der Verschränkung der Zeitebenen von Biographie und Erzählzeit Zeitblooms eine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vor. Die sollte der Öffentlichkeit vorenthalten werden?
Das ist nicht zu glauben, eher, dass Thomas Mann den Gedanken an die Veröffentlichung fernhielt, damit er "Gegebenheiten" einbringen könne, die bewusst der Öffentlichkeit vorzustellen, er sich nicht gestattet hätte. Wusste er doch, dass er die Episode mit Frido, "die Geschichte des Gotteskindes" in einer Sphäre der "Unmenschlichkeit" erzählen würde.

27 Oktober 2007

Tallhover

Tallhover ist in Preußen für die politische Polizei tätig. Er versucht im Prozeß gegen die neue rheinische Zeitung Zeugen gegen Marx zu finden. In der DDR ist er immer noch tätig und zwar bei der Stasi. Er droht einem, der im damaligen Prozeß keine Aussage machen wollte, damit, ihn zu bestrafen, weil er gegen "uns" war.
Hauptteil des Buches sind freilich Tallhovers Beobachtungen Lenins während eines Deutschlandaufenthalts, seine Kritik an Lenins Fahrt durch Deutschland auf Abmachung mit der OHL, weil die Revolutionäre Gelegenheit bekamen, die Revolution auch in Deutschland voranzutreiben. Sein Bericht über Radek, seine Verhaftung und seine Kontakte. Wichtig sind auch die Berichte über seine Tätigkeit unter dem NS-Regime.
Immer dient er der Obrigkeit: dem preußischen König, der NS-Diktatur und der SED. Dass er sich dafür nicht zu verändern braucht, ist Schädlichs Aussage über die Rolle von SED und DDR.
Der Gedanke des ewigen Spions ist nicht schlecht (vgl. Grass). Außerdem gefällt auch die historische (?), jedenfalls Atmosphäre gebende Darstellung zu Uljanow (Lenin), der Fahrt durch Deutschland und zu Radek. Tallhover selbst bleibt blutleer. Der Vorwurf gegen Grass' Weites Feld trifft hier noch mehr. (Hans Joachim Schädlich)

10 Oktober 2007

Gesetze im Leben der Völker

Paul Schmidt sieht unabhängig von jeder Regierungsform moralische und wirtschaftliche Gesetze das Leben der Völker bestimmen:
Neben dem unerbittlichen Walten dieser moralischen Gesetze im Leben der Völker ist mir noch ein zweites während dieses Vierteljahrhunderts in den Konferenzsälen deutlich vor Augen getreten: die unwiderstehliche Macht der Wirtschaftsgesetze. [...] In dem Maße, wie die Völker und ihre politischen Führer in kurzsichtigem Egoismus von den Empfehlungen der unsentimentalen Wirtschaftssachverständigen abwichen und sich aus gefühlsmäßigen und politischen Gründen über die in unserem Zeitalter der Technik und des Verkehrs immer ausschlaggebender werdenden Gesetze des wirtschaftlichen Zusammenlebens hinwegsetzen, trieben sie die verelendeten Massen in die Arme der Fanatiker [...]

Statist auf diplomatischer Bühne, S.586f.

Das britische Ultimatum 1939

Paul Schmidt berichtet, Ribbentrop habe das britische Ultimatum am 3.9.1939 nicht selbst entgegennehmen wollen, sondern dies seinem Chefdolmetscher überlassen.
Als Schmit Hitler das Ultimatum übersetzt habe, habe dieser zunächst versteinert dagesessen und dann Ribbentrop wütend gefragt "Was nun?", weil dieser ihm immer angekündigt hatte, Großbritannien werde keinen Krieg wagen.
Göring habe seinerseits gesagt: "Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann möge uns der Himmel gnädig sein!" Und über Goebbels sagt Schmidt: Er "sah buchstäblich aus wie der bewußte begossene Pudel". (S.464)

Hitlers große Enttäuschungen 1940

Paul Schmidt weist in seinen Memoiren darauf hin, dass Hitler nach seinem Sieg über Frankreich vier große Enttäuschungen erlebte: Franco und Marschall Pétain ließen sich nicht dafür gewinnen, ein Bündnis gegen England einzugehen. (Franco knüpfte seine angebliche Bereitschaft an so anspruchsvolle Bedingungen - Waffen- und Getreidelieferungen (S.501) -, dass Hitler sie kaum erfüllen konnte. Ribbentrop scheiterte bei dem Versuch, dem spanischen Außenminister nachträglich durch Druck den Deutschen passendere Bedingungen aufzudrängen. (S.503))
Die dritte Enttäuschung erlebte Hitler, als Mussolini ihn mit seinem Angriff auf Griechenland vor vollendete Tatsachen stellte (so wie Hitler es zuvor immer wieder Mussolini gegenüber getan hatte).
Von Gesprächen zwischen Hitler und Mussolini bekam dieser übrigens nur von Hitler persönlich gekürzte Fassungen der Protokolle Paul Schmidts, die Schmidt freilich ebenfalls zu unterzeichnen hatte. (S.481)

Die vierte Enttäuschung, das "unendlich viel folgenschwerere Fiasko" (S.515) war nach Schmidt das Ergebnis der Gespräche mit Molotow im November 1940. Schmidt ist der Überzeugung*, dass Hitler aufgrund des Ausgangs dieser Gespräche sich für den Angriff auf die Sowjetunion entschloss (S.525) (und sieht sich darin durch die Memoiren des ehemaligen amerikanischen Außenministers Byrnes bestätigt).
Auf die vagen Angebote Hitlers forderte Molotow so konkrete Zusagen zur freien Hand in Finnland und zu freiem Zugang zur Nordsee - und viele andere - ein, dass Hitler den drohenden Fliegeralarm (wegen britischer Bomber) zum Anlass nahm, das Gespräch abzubrechen. (S.524)

"Ich erkannte daraus, daß zwischen November 1940 und März 1941 die Schicksalsentscheidung Hitlers getroffen wurde, Rußland anzugreifen, die das Ende Deutschlands besiegelte." (S.517)

Hitler zuckte zurück

"Unter diesen Umständen ist es das beste, wenn ich gleich wieder abreise." (S.397) Diese Worte hat Neville Chamberlain nach der Darstellung des deutschen Chefdolmetschers Paul Schmidt am 15.9.1938 Hitler entgegengehalten, als er den Eindruck gewann, Hitler wolle auf jeden Fall gegen die Tschechoslowakei vorgehen. Daraufhin sei Hitler zurückgezuckt.

Insgesamt stellt Schmidt Chamberlain weit energischer vor, als das heutige Bild von der Appeasement-Politik ihn erscheinen lässt.

08 Oktober 2007

Kavallerieattacke von Borodino

Erst im Anreiten sahen wir, wo wir waren. Keine dreihundert Schritt' vor uns brannte Dorf Semenowskoi; zwischen uns und dem Dorfe aber und dann wieder über dasselbe hinaus standen schachbrettartig sechs russische Karrees, Gardegrenadierbataillone, die berühmten Regimenter Ismailoff, Litauen und Finnland. Ihr Feuer empfing uns aus nächster Nähe, aber ehe eine zweite Salve folgen konnte, waren die diesseits des Dorfes stehenden Vierecke niedergeritten, und durch das brennende Semenowskoi hindurch ging die Attacke, ohne Signal oder Kommandowort, aus sich selber heraus im Fluge weiter. Innerhalb des Dorfes freilich stürzten viele der vordersten Reiter in die den ehemaligen Wohnungen als Korn- und Vorratsräume dienenden, jetzt mit glühendem Schutt gefüllten Kellerlöcher, aber die nachfolgenden Rotten passierten glücklich die gefährlichen Stellen, und alles, was jenseits stand, teilte das Schicksal derer, die diesseits gestanden hatten. Das Regiment Litauen verlor in zehn Minuten die Hälfte seiner Mannschaften.

Aber nicht die ganze Brigade Thielmann war durch das brennende Dorf geritten; ein kleines Häuflein derselben, nicht hundert Mann stark und aus Bruchteilen beider Regimenter gemischt, hatte sich vielmehr, gleich nach dem Niederreiten der ersten Karrees, nach rechts hin tiefer in die russische Schlachtordnung hineingewagt, um hier dem Angriff einer eben hervorbrechenden feindlichen Kavallerieabteilung zu begegnen. Es glückte; die feindlichen Kürassiere wurden geworfen, und in Ausbeutung des auch an dieser Stelle beinahe unerwartet errungenen Erfolges jagten wir – ich selber gehörte dieser Abteilung zu – zwischen den massiert dahinterstehenden Bataillonskolonnen hindurch und erwachten erst wieder zu voller Besinnung, als wir uns plötzlich im Rücken der gesamten russischen Aufstellung sahen. Wir hätten von dieser Stelle aus leichter bis Moskau reiten können als bis an den Semenowskagrund zurück. Und doch mußten wir diesen Grund, die Scheidelinie zwischen Freund und Feind, wiederzugewinnen suchen.
Fontane: Vor dem Sturm, 3. Band, 11. Kapitel (Borodino)

07 Oktober 2007

Napoleons Große Armee

Sie trugen graue Mäntel samt einem Tschako und konnten auf den ersten Blick noch als eine uniformierte Truppe gelten, aber bei genauerer Musterung zeigte sich der ganze Jammer ihres Zustandes. Die Stiefel, soweit sie deren hatten, waren aufgeschnitten, um die verschwollenen Füße minder schmerzvoll hineinzuzwängen, und wenn der Wind den Mantel auseinanderschlug, sah man, wie die Gamaschen herabhingen oder völlig fehlten. Alles desolat. Ihre teils froststarren, teils längst erfrorenen Hände waren in Tuch- und Zeuglappen gewickelt, und von Waffen hatten sie nichts mehr als das Seitengewehr. Sie sahen nach Lewin hin und grüßten ihn artig, aber scheu.
Nach dieser Infanterieabteilung kam Kavallerie, Kürassiere, zehn Mann oder zwölf, die Reste ganzer Regimenter. Sie waren in besserem Aufzug, hatten noch ihre weißen Mäntel, zum Teil auch noch die hohen Reiterstiefel und trugen zum Zeichen, daß sie durch Mißgeschick und nicht durch Schuld ihre Pferde verloren hätten, die Sättel derselben über die eigenen Schultern gelegt. Einige hatten noch ihre Helme mit den langen Roßschweifen, und diese wider Willen herausfordernden Überbleibsel aus den Tagen ihres Glanzes gaben ihrer Erscheinung etwas besonders Grausiges.
Den Schluß machte wieder Infanterie, die von einem am linken Flügel marschierenden Korporal in zerschlissener, aber noch vollständiger Equipierung geführt wurde. Es war ein großer, hagerer Mann mit schwarzem Kinnbart und tiefliegenden Augen, unverkennbar ein Südfranzose. Lewin faßte sich ein Herz, trat an ihn heran und sagte: »Vous venez...«, aber die Stimme versagte ihm, und: »de la Russie«, ergänzte der Korporal, während er die Hand an den Tschako legte. [...]
Ein tiefes Mitleid überkam ihn, zugleich ein unendliches Verlangen, diesen Unglücklichen ein Rat, eine Hülfe zu sein, und Rendezvous und Schnatermann, Dahlwitzer Forst und Dachsgraben leichten Herzens aufgebend, beschloß er, wieder in die Stadt zurückzukehren.
Der Vorsprung, den der kleine Trupp gewonnen hatte, war nicht groß, und schon am Ausgang der Frankfurter Linden holte er die letzte Sektion desselben wieder ein. Er sah hier, daß viel Volks um die einzelnen her war, beruhigte sich aber, als er wahrnahm, daß es meist Neugier und Teilnahme war, was sie begleitete. Nur einzelne Hassesworte wurden laut; Hohn und Spott schwiegen. Er hielt sich deshalb zurück und folgte nur in einiger Entfernung dem Zuge, der erst über den Alexanderplatz in die Königsstraße, dann über den Schloßplatz in die Behrenstraße ging. Hier befand sich die französische Kommandantur, in deren großen Hof, nachdem man zuvor leise gepocht, diese Rückzugsavantgarde der ehemaligen »Großen Armee« eingelassen wurde. Die Menge draußen, die bald ermüdete, verlief sich in die Nachbarstraßen.
Nur Lewin blieb. Er mochte eine Viertelstunde vor dem Hause auf und ab geschritten sein, als die große Portaltür sich von innen her öffnete und fünf von den weißmäntligen Kürassieren wieder auf die Straße traten. Die Sättel hatten sie in der Kommandantur zurückgelassen. Mit dem scharfen Auge, das die Not gibt, erkannten sie Lewin sofort wieder, traten an ihn heran und hielten ihm fragend und bittend die Quartierbillets entgegen, mit deren Inhalt sie nichts anzufangen wußten. Lewin las die Zettel, die sämtlich auf ein und dasselbe kasernenartige Haus am »Rondel«, wie damals noch der jetzige Belle-Alliance-Platz hieß, ausgestellt waren.
»Suivez-moi«, sagte er und trat rechts neben den Vordersten. Sie folgten ruhig, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Als sie den Wilhelmsplatz fast schon passiert und den Eckpunkt erreicht hatten, wo die Statue Winterfeldts steht, hörten sie kriegerische Musik, die, wenn das Ohr nicht täuschte, vom Potsdamer Tor oder aus der Nähe desselben herkommen mußte. [...]
Mittlerweile waren sie bis an die Ecke der Wilhelms- und Leipzigerstraße gekommen und sahen vom Tore her, denn der Zug schien endlos, eine ganze französische Division im Anmarsch. Die Musik schwieg eben, wahrscheinlich um Atem zu schöpfen; auf dem Bürgersteige aber, zu beiden Seiten der heranmarschierenden Kolonne, drängten sich dichte Volksmassen, ja waren teilweis' weit voraus, um rascher nach dem Lustgarten zu kommen, wo, wie man wußte, Truppeneinzüge und andere militärische Schauspiele abzuschließen pflegten. Lewin samt seinen Schutzbefohlenen war unter einen Torweg getreten und konnte den lauten Äußerungen der dicht an ihm vorüberflutenden Menge mit Leichtigkeit entnehmen, daß es die von Italien her frisch eingetroffene Division Grenier sei, was da jetzt in allem militärischem Pomp die Leipzigerstraße heraufkomme. Er hörte auch, daß General Augereau, der Gouverneur von Berlin, der Division bis Schöneberg entgegengeritten sei, um sie feierlich einzuholen und den Berlinern in beherzigenswerter Weise zu zeigen, daß der Kaiser nach wie vor unerschöpfte Hilfsquellen und trotz Moskau noch immer Armeen habe. [...]
Es war italienische junge Garde. Vorauf ein Tambourmajor, klein und mager, aber mit einem fuchsfarbenen Schnurrbart, der bis an die roten Epauletten reichte. Fünf Schritt hinter ihm ein riesiger Mohr, nur mit Kopf und Hals über die hochaufgeschnallte Regimentspauke hinwegragend, und neben demselben ein vierzehnjähriger Hornist, ein bildschöner und, wie sich leicht erkennen ließ, von allen Weibern verhätschelter Junge, der lachend und kokett seine weißen Zähne zeigte. Er trug ein kleines, silbernes Clairon in der Rechten und sah nach den Fenstern hinauf, um wahrzunehmen, ob er auch beobachtet werde. [...]
Als Lewin sich nach seinen Gefährten umsah, standen sie abgewandt. Von ihrem alten Stolze war nichts übriggeblieben als die Scham über ihr Elend. Er wollte nicht sehen, was er nicht sehen sollte, und richtete deshalb sein Auge wieder auf die Kolonne, die jetzt mit dem letzten ihrer Bataillone defilierte. Erst als auch dieses vorüber war, legte er seine Hand leise auf die Schulter des ihm Zunächststehenden und sagte: »Eh bien, hâtons-nous!«
So schritten sie, ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre, die Wilhelmsstraße bis nach dem Rondell hinunter.
Als sie eine Viertelstunde später hier schieden, stellten sich die fünf Weißmäntel wie in Reih und Glied nebeneinander und legten salutierend die Hand an den Korb ihres Pallasch. In ihrem Auge aber lag, was ein edles Herz am meisten erschüttert: der Dank des Unglücks.
Fontane: Vor dem Sturm, 3. Buch 12. Kapitel (Durch zwei Tore)

29 September 2007

Baniane

10 000 Menschen sollen unter ihrem Laubdach Platz finden, Hindus und Buddhisten ist sie heilig, die Baniana, Pappel-Feige, auch Buddhabaum genannt. So berichtet Pauline Helfer.
Als historisch gesichert gilt, dass ein Ableger des Baumes, unter dem Buddha seine Erleuchtung gehabt haben soll, in Sri Lanke steht. Und die vielen Ableger, die man von dort genommen hat, um sie in buddhistische Tempelbauten zu integrieren, gehen also alle auf diesen Baum zurück. Die Bilder, die man von solchen Bäumen finden kann, lassen freilich nur den Schluss zu, dass Frau Helfer einen Pappelfeigenwald meint, der sich aus einer einzelnen Pappelfeige entwickelt hat.

Uns weniger erstaunlich als ihr, die unvorbereitet mit diesem Brauch konfrontiert wurde, ist uns freilich, was sie von angeschwemmten Toten zu berichten hat, die im Ganges ihr fließendes Grab erhalten haben, und von Alten, die sich auf Familienbeschluss ans Gangesufer begeben, um beim Hochwasser mitgerissen zu werden.

23 September 2007

Kalkutta

Kalkutta, eine Stadt, in der das Geld "nicht gezählt, sondern gemessen" wird und Europäer es nicht anfassen, sondern diese Aufgabe ihrem Sirkar, ihrem obersten Bediensteten, überlassen, empfängt das Ehepaar Helfer bei ihrem Aufenthalt 1836. (Kalkutta galt damals wegen der Verbindung von asiatischem und europäischem Luxus als teuerste der Welt.)
Eine beiläufige Empfehlung von Oberst Chesney, dem Leiter der Euphratexpedition, an Mr. Hutchinson reicht aus, um dem mittellos in Kalkutta eintreffenden Ehepaar einen sorglosen Aufenthalt, umhegt von der Gastfreundschaft des Direktors eine Kanonengießerei in Cassipoor, zu verschaffen.

22 September 2007

Helfers Reisen

"Johann Helfer's Reisen in Vorderasien und Indien" von 1835 bis 1836 sind der Gegenstand der Reiseberichte seiner Frau Gräfin Pauline Nostitz.
Das Ehepaar Helfer begleitete Oberst Chensney bei seiner Euphratexpedition, bei der er 1836 die Schiffbarkeit des Euphrats erproben sollte und tatsächlich - trotz mancher erheblicher Rückschläge - den Transport von zwei Dampfschiffen 140 Meilen über Land und die Fahrt bis zur Mündung des Euphrat erfolgreich abschloss.
Helfer seinerseits betreibt bei dieser Reise zoologische Forschungen, vornehmlich Insektenkunde, doch gehen seine Forschungsergebnisse verloren. Erhalten sind nur Tagebuchaufzeichnungen von dieser Reise, die seine Frau über 30 Jahre später in ihren Bericht einbaut.
Auf Araber, die über das Fällen von Bäumen in ihrem heiligen Hain empört waren, wurde mit Kanonen geschossen.
Pauline Helfer besucht den Harem des Imams von Maskat und trägt dort eine - reich verzierte - Gesichtsmaske, um das Schamgefühl der Frauen nicht zu verletzen, denn selbst die Mutter darf ihre Tochter von derem 12. Lebensjahr an nicht mehr ohne Gesichtsmaske sehen.
Auch ist man so rücksichtsvoll, den Gast beim Essen allein zu lassen, damit er nicht die ihm ungewohnten Essensbräuche einhalten muss. Schließlich hat man in der Wüste nicht selten Gäste, die nach ihrer Reise erst einmal ausgehungert und halb verdurstet eintreffen.

20 September 2007

Danzig

[...] ei, ist denn Hochzeit heute?
Da stehen die hohen Häuser, schlank und steil wie vornehme Damen und haben ihren schönsten Staat angezogen. In vielen Farben prangen sie und jedes hat sein besonderes Schmuckstück. Das eine graue eine grellleuchtende grüne Tüt mit feiner Schnitzerei, ein anderes leuchtende Messingklopfer, ein drittes einen besonders verzierten Giebel. Ein viertes und fünftes bildhafte Darstellungen auf der ganzen Front und alle haben die schönen Beischläge. Das sind weit ausgebaute breite Treppen, die zum Hauseingang führen. Meistens steht vor dem Aus oben auf dem Beischlag eine Laube oder doch eine Bank. Das haben die Danziger Häuser als ihren ganz besonderen Schmuck. Und nur ungern hat man in den Verkehrsstraßen die Beischläge abgerissen. Die neuen Häuser haben jetzt keine Beischläge, nur die alten hatten sie.
Aber die Krone des Hochzeitssaales ist doch das Rathaus mit seinem leichten, zierlichen Turm. Und dahinter taucht ernst und schweigsam der große eckige Turm der Marienkirche auf. Der Rathausturm aber kümmert sich nicht um seine ernste Nachbarin, sondern spielt laut und freudig bei jeder vollen Stunde einen herzhaften Choral. Die Katharinenkirche bei der großen Mühle tut es ihm nach und spielt ihr "Befiehl du deine Wege". 76 m ist der Marienturm hoch, der Rathausturm steigt aber luftig noch 6 m höher.
Seht Euch nun die Marienkirche an. Backsteingotik nennt man den Stil, in dem sie gebaut ist. Nur kleine Steine sind aufeinandergeführt und - welche Wucht, welche Einheit spricht aus dem Ganzen! Ein Sinnbild der Kraft, der Einheit und Festigkeit und Schönheit. Das Gewaltige wird durch die feinen neun anderen Türmchen zur veredelten Kraft.
(1927)

Witikos Ansprache

Da alle aufgestanden waren, hieß Witiko die Krieger sich in eine Reihe aufstellen. Da sie aufgestellt waren, ritt er an der ganzen Reihe hin, und wieder an der ganzen Reihe zurück, und grüßte vor dem Angesichte aller Menschen mit seinem Schwerte ehrerbietig die Krieger. Sie grüßten mit ihren Zeichen und mit Schwertern, Lanzen, und Bogen zurück. Dann stellte er sich mit seinem Pferde vor die Reihe, und rief: »Männer und Krieger, wir stehen wieder auf der Erde der Heimat. Wir sind ausgezogen, um eine Schar in dem Heere des hocherlauchten Herzoges Wladislaw zu sein, der die Reichen nicht durch Raub noch reicher werden, und die Armen bedrücken lassen will, wir sind ausgezogen, daß nicht ein Feind zu uns komme, und unsere Greise, unsere Weiber und Kinder schädige, und unsere Habe nehme, wir sind ausgezogen, daß nicht ein Herr kommt, der unsere Arbeit und unser Gut zu seinem Bedarfe und zu seiner Lust verwendet. Wie wir gedacht haben, so haben viele Scharen des Landes Böhmen gedacht, und sind zu dem Herzoge gegangen. Und es ist eine Macht geworden, durch welche die Feinde niedergeworfen worden sind. Unsere Greise und Weiber und Kinder sind gesichert, es ist kein fremder Herr zu euch gekommen, und der gekommen ist, der wird mit euch leben wie ihr, er wird schonen, was ihr tut, und habt. Ihr seid zu dem, was geschehen ist, kein kleiner Teil gewesen. Ihr habt die Schar des Herzoges Wratislaw besiegt, ihr habt in dem Kampfe bei Znaim durch euer Geschick und durch euern Mut den Sieg erringen geholfen. Freut euch dessen unter unsern grünen Bäumen, redet von euern Taten, und erzählet sie denen, die heran wachsen, daß sie einmal Gleiches tun. [...]

Die Worte Witikos, als er sie sprach, sind von denen, die sie gehört hatten, teilweise an die nächsten gesagt worden, von diesen wieder an die nächsten, und es ist auch etwas davon zu den Leuten gedrungen, die vor den Schranken standen.

Als er geendet hatte, riefen die Männer: »Heil, Glück, Segen Witiko.«

»Heil, Glück, Segen Witiko«, riefen dann auch die andern, die auf der Weide versammelt waren.
(Stifter: Witiko. Im hohen Walde)

19 September 2007

Geschichte der BRD

Deutschland aus der Vogelperspektive ist interessant zu lesen. Die Mischung von Dokumentarischem und Meinung überzeugend.

Das Buch führte mir aber auch vor Augen, wie gut Heute und die 30 Jahre davor als Dokumentation über die 3 Jahre von 1949 bis 1979 war.

Stadt Land Fluß

"Ich kann mich an keine Zeit meines Lebens erinnern, in der ich nicht verliebt gewesen wäre, aber fast alle diese Lieben erstarben, sobald ihr jeweiliges Objekt länger als eine Stunde abwesend war."
Die Liebe zur Zahnärztin und die Schwierigkeiten einer Ehe, die Christoph Peters schildert, sollten mich eigentlich genauso interessieren wie das Leben auf dem Land, aus dem der Erzähler herkommt.
Ich ziehe Fontane und Stifter vor.

18 September 2007

Reiter und Pferd

[...] Als er fertig war, kam der Wirt, und wollte den Krug wieder füllen; der Reiter aber legte die Hand auf den Rand des Gefäßes, und sagte: »Es ist genug, ich habe meinen Durst gestillt. Sendet mir jetzt den Knecht, daß mein Pferd sein Obsorge erhalte.«

Von dem Nebentische streckte der Rotbart dem Wirte den blaugeblümten Krug hin, daß er ihn wieder fülle. Der Wirt ging mit dem Kruge in das Haus.

Als der Knecht zu dem Tische des Reiters gekommen war, und nach seinem Begehr gefragt hatte, sagte dieser: »Mache, daß eine Magd mit Wasser Stroh und Sand ein wenig eine Pferdekufe reinige.«

Da der Knecht den Reitersmann ansah, als habe er ihn nicht recht verstanden, sprach dieser neuerdings: »Ich muß meinem Pferde Reinlichkeit geben, darum lasse mir eine Kufe auswaschen.«

Der Knecht holte nun eine Magd, welche in einem Kübel Wasser, dann Stroh und Sand brachte, um damit eine der hölzernen Kufen zu scheuern, die als Pferdefuttertrog vor dem Hause standen. Der Reiter war von seinem Tische aufgestanden, sah der Arbeit zu, und leitete sie. Als sie fertig war, wurde die Kufe vor sein Pferd gestellt. Der Reiter nahm nun selber den flachen länglich runden Korb, in dem der Knecht Haber gebracht hatte, in seine Hände, schüttelte den Haber, und gab dann einen Teil davon, mit seinen Händen abgemessen, dem Pferde in die Kufe. Als dieses davon fraß, und in seinem Fressen fortfuhr, ging der Reiter wieder zu seinem Tische, setzte sich dort nieder, und sah vor sich hin.

Nachdem eine gehörige Zeit vergangen war, stand der Reiter wieder auf, und ging zu seinem Pferde. Er ordnete ihm neuerdings sein Futter, und gab ihm jetzt auch Heu, welches der Knecht gebracht hatte. Er blieb nun bei dem Pferde stehen.

[...]

Der alte Mann rief: »Witiko, Ihr seid es, um Gott, welch eine Freude. Da müssen wir ja gleich das Pferd versorgen.«

Sie führten das Pferd in den Stall, befreiten es von Sattel und Zaum, hingen es mit einer Halfter an, und deckten, daß es sich langsam abkühle, eine große Wolldecke, die da war, über den Leib. Dann schlossen sie die Stalltür gut zu, und gingen in die Stube. [...]
Witiko sprach auch nicht, und so saßen sie eine Weile schweigend da.

Dann sagte Witiko: »Wir müssen nun weiter zu dem Pferde sehen.«

Sie standen auf und gingen in den Stall. Witiko befühlte mit der Hand das Tier, ob es gut ausgekühlt sei. Dann gab er ihm reinen Haber in den Born. Der alte Mann streute frisches Stroh, wenn es sich später zur Ruhe legen wollte. Auch brachte er ihm nach einer Zeit Wasser zum Trinken. So gingen sie öfter zu dem Tiere, bis es versorgt war. [...]
Es war indessen Abend geworden. Witiko besorgte sein Pferd mit der Hilfe Martins, aß noch etwas von der Suppe, die ihm Lucia gebracht hatte, sperrte, als sich Martin entfernt hatte, die Stubentür, und legte sich in der Kammer auf seinem Tannengestelle zur Ruhe. [...]
Als er sein Morgenmahl, das Lucia aus Milch und Mehl bereitet hatte, verzehrt, als er die Besorgung seines Pferdes beendet hatte, [...]

17 September 2007

Preußen und König Friedrich II.

Der Lauf unserer Erzählung führt uns während der nächsten Kapitel von Hohen-Vietz und dem östlichen Teile des Oderbruchs an den westlichen Höhenzug desselben, zu dessen Füßen, heute wie damals, die historischen Dörfer dieser Gegenden gelegen sind, altadelige Güter, deren meist wendische Namen sich schon in unseren ältesten Urkunden finden. Hier saßen, um Wrietzen und Freienwalde herum, die Sparrs und Uchtenhagens, von denen noch jetzt die Lieder und Sagen erzählen, hier hatten zur Reformations- und Schwedenzeit die Barfus, die Pfuels, die Ihlows ihre Sitze, und hier, in den Tagen, die dem Siebenjährigen Kriege unmittelbar folgten, lebten die Lestwitz und Prittwitz freundnachbarlich beieinander; Prittwitz, der bei Kunersdorf den König, Lestwitz, der bei Torgau das Vaterland gerettet hatte. Oder wie es damals in einem Kurrentausdruck des wenigstens sprachlich französierten Hofes hieß: »Prittwitz a sauvé le roi, Lestwitz a sauvé l'état.«
(Fontane: Vor dem Sturm 18. Kapitel: Schloß Guse)

13 September 2007

Tintentod

Im Unterschied zu Rowlings Harry-Potter-Welt, in der reale und Zauberwelt nebeneinander existieren, sind es bei Cornelia Funke wie bei Michael Endes Unendlicher Geschichte reale Welt und Buchwelt. Der Autor aus der realen Welt hat Macht über die Buchwelt, kann allerdings in sie hineingezogen werden.
In einer Leseprobe zu dem Ende September erscheinenden dritten Band ihrer Tintenwelttrilogie lässt Funke Meggies Eltern über der Frage, ob sie in die reale Welt zurückkehren sollen, in Konflikt geraten.
»Was ist mit deinem zweiten Kind?«, fuhr Resa fort. »Willst du, dass es in diese Welt geboren wird?«
Mo blickte sich um, und Meggie spürte erneut, was sie schon lange wusste: dass ihr Vater diese Welt inzwischen ebenso sehr liebte, wie sie und Resa es einst getan hatten. Vielleicht liebte er sie sogar noch mehr.
»Warum nicht?«, fragte er zurück. »Willst du, dass es in eine Welt geboren wird, in der es das, wonach es sich sehnt, nur in Büchern findet?«
Resas Stimme bebte, als sie antwortete, doch nun war es Zorn, der herausklang. »Wie kannst du so etwas sagen? Alles, was du hier findest, wurde in unserer Welt geboren. Wo sonst soll Fenoglio es herhaben?«
»Was weiß ich? Glaubst du tatsächlich immer noch, dass es nur eine wirkliche Welt gibt und die anderen nichts als blasse Ableger sind?«

07 September 2007

Kain - Sohn Adams oder des satanischen Engels Semael?

"Semael, der Engel, der Schlange Reiter, ging zu Eva ein, und sie ward schwanger und gebar den Kain."

"Als der Herr die Welt erschaffen hatte, war die Erde breit und eben. Aber da stand Kain auf und tötete seinen Bruder Abel; und Abels Blut gärte im Innern der Erde. Da verfluchte der Herr die Erde, und sie ward uneben, und Berge und Höhen traten aus ihr hervor."

aus Micha Josef bin Gorion: Die Sagen der Juden

Traumpfade

Songlines oder Traumpfade nennen die Einwanderer Australiens die in Lieder gefassten Nachschöpfungen der Natur (Landschaftsbeschreibungen) der Aborigines. (Diese nennen ihre Beschreibungen "Fußspuren der Ahnen" oder "Weg des Gesetzes".)
Neben der Kodierung der äußeren Natur im Lied steht für die Aborigines die Verkörperung der Seelen der Ahnen in Tschuringas oder Tjurungas, die in Höhlen aufbewahrt werden.
Bei seinen Reflexionen über das Nomadentum verweist Bruce Chatwin, der Verfasser des Buches "The Songlines" (deutsch: Traumpfade), darauf, dass Kain, der Ackerbauer, zum Mörder an Abel, dem Hirten, wurde und Gott von ihm als Sühne verlangt, dass er seinerseits zum Umherziehenden wird, im Lande Nod, dem Bereich des Umherwanderns, der Wildnis oder Wüste.

31 August 2007

Vogel Chol

Als Eva im Paradies von der verbotenen Frucht gegessen hatte, gab sie auch allen Tieren etwas davon zu essen.
Nur der Vogel Chol weigerte sich. So blieb er unsterblich.
Er lebt 1000 Jahre. Dann kommt ein Feuer, das ihn und sein Nest verbrennt. Doch aus der Asche lebt er wieder auf.

König David

König David gönnte sich kaum Schlaf.
Über seinem Bett hing eine Harfe, die jede Nacht um Mitternacht von selbst zu spielen anfing.
Dann stand David auf, widmete sich der Gotteslehre und schrieb seine Psalmen.

30 August 2007

Wie die 10 Gebote zu den Juden kamen

Als die 10 Gebote fertig waren, kamen die Engel auf die Erde, um sie den Menschen anzubieten.
Zuerst kamen sie zu den deutschen Rittern und Edelfrauen.
Hier haben wir die 10 Gebote, eine gute Lebenslehre.
Lasst hören!
Das erste Gebot: Du sollst nicht töten!
Was, wir sollen absagen edlem Kampf und Streit, nimmermehr!

Dann kamen sie zu den Russen.
Hier haben wir die 10 Gebote, eine gute Lebenslehre.
Lasst hören!
Das erste Gebot: Du sollst dich nicht betrinken!
Was, wir sollen vom Wodka lassen, der unserem Leben Lust und Freude schenkt, nimmermehr!

Dann kamen sie zu den Juden.
Hier haben wir die 10 Gebote, eine gute Lebenslehre.
Lasst hören!
Das erste Gebot: ...
Halt! Bevor ihr weiterredet, sagt erst, ob es etwas kostet!
Etwas kosten, nein, wieso auch? Sie sind ein Geschenk von Gott.
Dann ist alles klar. Gebt her!

So kamen die Juden zu den 10 Geboten.


Mein Bruder schuldet ihnen seit drei Jahren Geld für einen Anzug.
Ah, endlich will er bezahlen!
Das weiß ich nicht. Ich wollte bloß fragen, ob Sie zu den gleichen Konditionen für mich arbeiten wollen.


Was hast du für einen schönen Anzug! Was hat er gekostet?
Was heißt "hat er gekostet"? Er kostet noch.


Lehrer: Wie vermehren sich die Linden?
Schüler: Das speziell weiß ich nicht.


Lehrer: Schaut, wie herrlich der liebe Gott den See hat zufrieren lassen!
Moritz: Kunststück! Im Winter.

29 August 2007

Jüdische Sagen 2

"Semael, der Engel, der Schlange Reiter, ging zu Eva ein, und sie ward schwanger und gebar den Kain. Sie blickte in sein Angesicht, und siehe, er glich nicht den Irdischen, sondern den Himmlischen; ..."

"Als der Herr die Welt erschaffen hatte, war die Erde breit und eben. Aber da stand Kain auf und tötete seinen Bruder Abel; und Abels Blut gärte im Innern der Erde. Da verfluchte der Herr die Erde, und sie ward uneben, und Berge und Höhen traten aus ihr hervor."

"Da sprach Seth: Adam war mein Vater.
Wer aber war Adams Vater, fragte wiederum Enos.
Sprach Seth: Nicht hatte Adam einen Vater, noch hatte er eine Mutter, sondern Gott hat ihn aus dem Acker geknetet.
Da ging Enos fort und nahm einen Klumpen Erde und machte ein Bild daraus [...] da kam der Satan und schlüpfte in die Erdgestalt. Und Enos' Geschlecht folgte dem Satan, und des Herrn Name wurde entweiht."
(bin Gorion: Jüdische Sagen)

Haikus

Die Neujahrsgabe:
Vom Kind am Busen nichts als -
die beiden Händchen.
Issa

Zum Fest der Blumen
ging an der Mutter Hand
das blinde Kind.

Für alle Türen
Ist der Dreck der Holzschuhe
der Frühlingsanfang.
Issa

Beim Jahresabschied
verbarg das weiße Haar ich
vor meinen Eltern
Etsujin

28 August 2007

Jüdische Sagen 1

"Der Herr sprach zu der Schrift: Wir wollen einen Menschen machen, daß er unserem Bilde gleiche. Und die Schrift erwiderte dem Herrn: Herr der Welten! Dein ist das All, aber der Mensch, den du schaffen willst, seiner Tage werden nicht viele sein auf Erden, und voll Gram wird sein Herz sein, und gewisslich wird er der Sünde verfallen; so du nun nicht mit ihm Langmut übest, ist es wohl besser, er käme gar nicht auf die Welt. Da sprach der Herr: Heiße ich denn umsonst ein Gott, der Langmut übt und barmherzig ist?
Und Gott fing an, die Erde zu sammeln für Adams Leib an einem reinen Orte geschah dies, der Nabel der Welt war es; und er formete ihn und richtete ihn zu, aber es war noch kein Odem und keine Seele in dem Menschen. Was tat der Herr? Er blies ihm einen lebendigen Odem ein und gab ihm eine Seele [...]
Der Mensch stand da und war herrlich anzuschauen als ein Bild Gottes; da sahen ihn die Geschöpfe und fürchteten sich vor ihm, denn sie dachten, dies wäre ihr Schöpfer. Und sie kamen alle zu ihm und bückten sich vor ihm. Da sprach der Mensch zu ihnen: Ihr seid zu mir gekommen und wollet euch vor mir bücken, wohlauf, lasset uns zusammen gehen, mich und euch, wir wollen gehen und uns in Stolz und Stärke kleiden und über uns zum König machen, der uns alle schuf, gleich wie ein Volk sich einen zum König macht. Denn wahrlich immer ruft das Volk sich einen König aus, nicht aber ruft der König selbst sich zum König aus.
Und Adam schritt voran und rief zuerst den Herrn als König aus, und nach ihm kamen alle Geschöpfe und schrien: Der Herr ist König und herrlich geschmückt!"

"Adam, der erste Mensch war auch Gottes erste Schöpfung. Gott schuf die ganze Welt durch sein Wort, aber den Menschen machte er mit seinen eigenen Händen.
Am Anfang reichte Adam von der Erde bis zum Himmel. Als ihn aber die Heerscharen erblickten, erschauerten sie in Furcht [...]"
"Als der Herr an das Erschaffen der Welt ging, war sein erstes, daß er den Menschen machte, aber er formte zuerst nur seinen Leib. Schon war er dabei, ihm seinen Odem einzublasen, als er zu sich selber sprach: Wenn ich den Menschen jetzt lebendig vor mich hinstelle, so wird man ihn als Mitschöpfer der Welt ansehen. Ich will ihn noch als Erdklumpen daliegen lassen, bis ich alles erschaffen habe. [...]"
"Von den Menschen ist nur einer erschaffen worden. Warum denn nur einer? Auf daß die Gerechten nicht sagen sollten: Wir sind Kinder eines Gerechten; und auf dass die Gottlosen nicht sagen sollten: Wir sind Kinder eines Gottlosen, [...]"
"Der Herr offenbarte ihnen [den Heerscharen] nur, daß Gerechte von dem Menschen herkommen würden, er sagte ihnen aber nicht, daß auch Böse von ihm herkommen würden. Hätte er's ihnen verraten, so wäre vom Reich der Strenge die Erschaffung des Menschen nicht zugelassen worden."
"Der Herr verlieh Adam - so lesen wir - eine Übermacht, die ewig währen sollte, und wies ihm einen Raum zu, der inwendiger war denn der, darin die Engel saßen. Als aber Adam den Willen des Herrn brach und dem Willen der Schlange folgte, veränderte der Herr sein Antlitz und ließ ihn fahren. Wie er ihn jedoch von sich fortschickte, fing der Herr an zu klagen über ihn und sprach: War doch der Mensch wie unser eins, wie ein einziger in der Welt!"

"Es war Adams Leib aus Babylons Erde genommen, sein Kopf war aus der des Landes Israel, seine Glieder waren aus der Erde aller übrigen Länder gemacht.
Der Herr faßte Adam bei der Hand und führte ihn duch die Welt und sprach zu ihm: Schau, hie ist ein Acker zu bauen, hie ist ein Feld zu säen.
Jedes Land, so Adam darüber bestimmte, daß es besetzt werde, ward auch besetzt; jedes Land aber, das Adam nicht zum Wohlstand bestimmte, blieb unbewohnt.
Man sagt, die Palmenwälder Babylons seien die Urwälder aus der Zeit Adams her."

"Der Herr vertrieb Adam aus dem Garten Eden und lagerte davor die Cherubim mit dem bloßen hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zum Baum des Lebens."
"Die Weisen Mazedoniens waren die ersten, welche die Heilkunst ausübten, [...] und als Asklepios, einer der Weisen Mazedoniens, aufstand, zog er im Lande umher und mit ihm vierzig Mann von den Schriftkennern, welche alle in den niedergeschriebenen Büchern Bescheide wußten; sie wanderten durch das Inderland nach dem Lande, das jenseits Eden gen Morgen lag, und dort eine Spur vom Baume des Lebens aufzufinden, wodurch ihr Ruhm größer würde, denn der aller Weisen im Lande.
Und es geschah, als sie an diesen Ort kamen, da fanden sie auch die heilbringenden Gewächse und auch den Baum des Lebens; wie sie aber die Hand ausstreckten, um davon zu nehmen, da zückte der Herr die Flamme des zweischneidigen Schwertes über sie, und sie loheten alle auf in den Funken des Blitzes, und keiner von ihnen entkam.
So ging die Heilkunst den Ärzten verloren, und es war ein Stillstand in der Heilkunde sechshundertdreißig Jahre lang, bis dann der König Arthasasta kam. In seinen Tagen war ein sehr weiser und verständiger Mann, der in den Büchern der Heilkunde sich auskannte [...] namens Hippokrates der Mazedonier; auch kamen dazu mal anderer Völker Weise wie Asaph der Judäer, Dioskorides der Baalathäer, Galenos, der Kaphtorite und noch viele andere Weise; die brachten die Heilkunst wieder zu Ehren, daß sie noch heutigen Tages besteht."
(bin Gorion: Die Sagen der Juden)

Jüdische Sagen berichten, dass Moses in Äthiopien (Kusch) gelebt, eine Kuschitin geheiratet, Krieg geführt und ein Zerwürfnis mit dem Pharao gehabt habe:
"Mose [...] trat die Herrschaft über das Volk der Mohren an. Siebenundzwanzig Jahre war er damals alt, und er regierte über das Land vierzig Jahre. Der Herr ließ ihn Gnade und Wohlgefallen finden in den Augen aller seiner Untertanen, und es herrschte eitel Güte zwischen Mose und Gott, zwischen Mose und seinem Volk." (bin Gorion: Die Sagen der Juden)
Der redende Fisch
Der Jude Simeon fing eines Tages einen großen fetten Fisch und freute sich schon auf das Mahl. Doch am Küchentisch hob der Fisch den Kopf und rief: "Schema Israel!", jene Worte also, die man im Sterbemoment sagen soll. Aber es war schon zu spät, der Kopf war bereits abgeschlagen und der Fisch starb. Der um Rat gefragte Rabbi meinte, es sei wohl ein "Dibbuk", eine wandelnde Seele und der Fisch gehöre daher beerdigt. Das tat Simeon und setzte ihm einen Grabstein in der oben angeführten Gestalt.

Bin Gorion hat seine Sagen weitgehend der lange Zeit rein mündlichen Überlieferung, der Aggada, und anderer rabbinischer Literatur entnommen.
In dem Kontext ist auch Ehrmanns Sagensammlung aus Talmud und Midrasch interessant.

22 August 2007

Harry Potter und Fantasy

Zweifellos kommt Harry Potter u.a. von der Fantasyliteratur her, und so werden Potterleser zum Teil vielleicht an Fantasyromane wie Herr der Ringe, Das Lied von Eis und Feuer und Das Spiel der Götter herangeführt, auch wenn Philip Roth sich wohl einige Jahre gedulden muss, bis aus einem primären Potterleser ein Leser anspruchsvoller Erwachsenenliteratur wird. (Roth hat sich – vielleicht nicht ganz ernsthaft – beklagt, die Harry-Potter-Begeisterung habe noch nicht dazu geführt, dass Literatur beliebter geworden sei.) Schließlich liest mancher auch Der menschliche Makel, ohne dadurch zu Potter zu finden.
Ich persönlich finde Preußlers Krabat zwar lesenswerter als alle Harry Potters zusammen, habe aber wieder mit Genuss den 7. Potterband gelesen, obwohl mir Human Stain (Makel) einen größeren Eindruck gemacht hat.

Inzwischen gibt es auf dem Bahnhof King's Cross auch das Gleis 9 3/4, freilich ist es hinter einer Mauer versteckt. Es kommt nur darauf an, mit dem nötigen Mut auf die Mauer zuzugehen und - natürlich - kein Muggel zu sein.

20 August 2007

Rummelplatz

Bräunig hat einen Roman über Bergarbeiter in der Wismut AG geschrieben, ohne die bewusste Verstrahlung der Bergarbeiter und diese als Voraussetzung für die rasche Entwicklung der sowjetischen Atombombe in den Mittelpunkt zu stellen. Dennoch fiel er in der politischen Kritik durch. Erst über 30 Jahre nach seinem Tod kam der Roman schließlich dieses Jahr heraus.

Leidige Freiheit

"Ich bitte bloß um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank sein zu dürfen." Darum bittet Schiller vor seiner ersten Einladung bei Goethe. Es sollten trotz zunehmender Krankheit die fruchtbarsten Jahre seines Lebens folgen.
Dies, weil er den Mut gehabt hatte, auf Goethe zuzugehen. Auf Goethe, der später über die Zeit vor ihrer Begegnung sagen sollte: "die ungeheure Kluft zwischen unseren Denkweisen klaffte nur umso entschiedener". Schiller wagte es, in einem Brief (mit Goethes Worten:) "mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz" zu ziehen. So erreicht er, dass Goethe innerhalb von drei Wochen sein Urteil völlig wandelt und - jedenfalls an Schiller - schreibt "daß uns nicht allein dieselben Gegenstände interessiren, sondern daß wir auch in der Art sie anzusehen meistens übereinkommen".
Ein bemerkenswertes Stück Einfühlung Schillers, die ihm dann drei Tage später die Einladung bringt, auf die er dann schon mit der Bitte um Gewährung der "leidigen Freiheit" reagieren kann.

Warlords

Karzai in Afghanistan, aber auch Pakistan in der Grenzregion nicht Herr im eigenen Lande. Paschtunenstämme haben die Grenzgebiete bis 20 m an die große Straße zum Khaiberpass in ihrer Hand.
Die Amerikaner arbeiten auf der Suche nach Osama bin Laden mit den Gegnern Karsais zusammen.

Zusatz:
Terrorbekämpfung (Mai 2011)

17 August 2007

Der Buchhändler von Kabul

Sehr überzeugend gestaltet Seierstad ihre Dokumentation einer Familie in Afghanistan. Der Buchhändler selbst wird als sehr aufgeschlossen und gastfreundlich, mutig und engagiert für die Bewahrung der Kultur in Afghanistan (und das Drucken von 113 Schulbüchern) dargestellt. Andererseits wird aber auch deutlich, was Männer- und Frauenrolle in Afghanistan unterscheidet. Statt einer Zweitehe kann sich der Mann, als seine Frau 50 geworden ist, eine 16jährige Zweitfrau leisten.
Die Mutter von 12 (oder 14 ?) Kindern ist bereit, einer kinderlosen Verwandten ein Kind abzutreten. Sie stillt es nur zwanzig Tage und gibt es dann her.
Die Tatsache, dass sie Wochen danach noch Milch hatte, aber kein Kind, traf sie aber so schwer, dass sie sich zum Ausgleich mit Essen zu befriedigen suchte.

15 August 2007

Franz und Dubslav - Freiheit und rote Strümpfe

So waren denn noch keine acht Tage um, als es für Dubslav feststand, daß Adelheid wieder fort müsse. Zugleich sann er nach, wie das wohl am besten zu machen sei. Das war aber keine ganz leichte Sache, da die »Kündigung« notwendig von ihr ausgehen mußte. So wenig er sich aus ihr machte, so war er doch zu sehr Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit, als daß er's zuwege gebracht hätte, seinerseits auf Abreise zu dringen.
»Engelke«, sagte er, »du könntest in die Küche gehn und die Marie zur Buschen schicken. Die Marie weiß ja Bescheid da. Und da kann sie denn der alten Hexe sagen, lütt Agnes solle heute abend mit heraufkommen und hier schlafen und immer da sein, wenn ich was brauche.« [...]
Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spät, als sich Adelheid schon zurückgezogen hatte, dabei nicht ahnend, welche Ränke mittlerweile gegen sie gesponnen waren. Auf diese Verheimlichung kam es aber gerade an. Dubslav hatte sich nämlich wie Franz Moor - an den er sonst wenig erinnerte - herausgeklügelt, daß Überraschung und Schreck bei seinem Plan mitwirken müßten. [...]
Die Nacht verging still; niemand war gestört worden. Um sieben erst kam Engelke und sagte: »Nu, lütt Deern, steih upp, is all seben.« Agnes war auch wirklich wie der Wind aus dem Bett, fuhr mit einem mitgebrachten Hornkamm, dem ein paar Zähne fehlten, durch ihr etwas gekraustes langes Blondhaar, putzte sich wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen Hänger, die roten Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel an. Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf mit Milchkaffee, und als sie damit fertig war, nahm sie ihr Strickzeug und ging in das große Zimmer nebenan, wo Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf seine Schwester wartete. Denn um acht nahmen sie das erste Frühstück gemeinschaftlich.
»So, Agnes, das is recht, daß du da bist. Hast du denn schon deinen Kaffee gehabt?«
Agnes knickste.
»Nu setz dich da mal ans Fenster, daß du bei deiner Arbeit besser sehn kannst; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand. Solch junges Ding wie du muß immer was zu tun haben, sonst kommt sie auf dumme Gedanken. Nicht wahr?«
Agnes knickste wieder, und da sie sah, daß ihr der Alte weiter nichts zu sagen hatte, ging sie bis an das ihr bezeichnete Fenster, dran ein länglicher Eichentisch stand, und fing an zu stricken. Es war ein sehr langer Strumpf, brandrot und, nach seiner Schmalheit zu schließen, für sie selbst bestimmt. [...]
»Und hältst deine Reden für König und Vaterland und für die alten Güter und sprichst gegen die Freiheit. Ich versteh' dich nicht mit deinem ewigen ›gegen die Freiheit‹. Laß sie doch mit ihrer ganzen dummen Freiheit machen, was sie wollen. Was heißt Freiheit? Freiheit ist gar nichts; Freiheit ist, wenn sie sich versammeln und Bier trinken und ein Blatt gründen. [...] Aber wenn erst der Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon mehrere haben, ihre Knöpfstiefel und ihre roten Strümpfe tragen, als müßt' es nur so sein, ja, Dubslav, dann ist es vorbei. Mit der Freiheit, laß mich das wiederholen, hat es nicht viel auf sich; aber die roten Strümpfe, das ist was. [...]
Und in großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am selben Nachmittag aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz zurück.

(Fontane: Stechlin, 39. Kapitel)

10 August 2007

Stifter: Nachsommer

Es fällt relativ leicht, die Nähe des Textes zum Kitsch zu erkennen. Die Komik mancher Formulierungen, das Gesuchte und zugleich von Wiederholungen Bestimmte der Sprache bemerken wir auch.
Und doch scheint mir auch erkennbar, dass etwas darüber hinausweist, dass der Stilwille zur geradezu manierierten Einfachheit und andererseits zur höchst künstlichen (ja uns gekünstelt erscheinenden) Gefühlsdarstellung nicht einfach nur unecht ist, auch wenn der Autor sein eigenes Leben nicht nach diesen ästhetischen Idealen zu gestalten vermochte.

"Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, dass er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen," meinte Friedrich Hebbel 1858 über diesen Roman.
Nun war die Krone Polens schon damals nichts wert. Doch langweilig ist der Roman gewiss. So langweilig, dass er mich immer wieder dazu bringt, darin zu lesen, während die meisten spannenden Bücher für Erwachsene nur für einmaliges Lesen taugen.
Mit Flauberts Madame Bovary und Baudelaires Les Fleurs du Mal, die alle 1857 erschienen, hat man den Roman als ein frühes Beispiel der Moderne gesehen.

Wasser und -

Endlich sagte sie: »Wir haben von dem Angenehmen dieses Ortes gesprochen und sind von dem edlen Steine des Marmors auf die Edelsteine gekommen; aber eines Dinges wäre noch Erwähnung zu tun, das diesen Ort ganz besonders auszeichnet.«
»Welches Dinges?«
»Des Wassers. Nicht bloß, daß dieses Wasser vor vielen, die ich kenne, gut zur Erquickung gegen den Durst ist, so hat sein Spielen und sein Fließen gerade an dieser Stelle und durch diese Vorrichtungen etwas Besänftigendes und etwas Beachtungswertes.«
»Ich fühle wie ihr«, antwortete ich, »und wie oft habe ich dem schönen Glänzen und dem schattenden Dunkel dieses lebendigen flüchtigen Körpers an dieser Stelle zugesehen, eines Körpers, der wie die Luft wohl viel bewunderungswürdiger wäre als es die Menschen zu erkennen scheinen.«
»Ich halte auch das Wasser und die Luft für bewunderungswürdig«, entgegnete sie, [...]

»Was kann euch denn an diesem Orte Schmerz erregen?« fragte sie.
»Natalie«, antwortete ich, »es ist jetzt ein Jahr, daß ihr mich an dieser Halle absichtlich gemieden habt. Ihr saßet auf derselben Bank, auf welcher ihr jetzt sitzet, ich stand im Garten, ihr tratet heraus und ginget von mir mit beeiligten Schritten in das Gebüsch.«
Sie wendete ihr Angesicht gegen mich, sah mich mit den dunklen Augen an und sagte: »Dessen erinnert ihr euch, und das macht euch Schmerz?«
»Es macht mir jetzt im Rückblicke Schmerz und hat ihn mir damals gemacht«, antwortete ich.
»Ihr habt mich ja aber auch gemieden«, sagte sie.
»Ich hielt mich ferne, um nicht den Schein zu haben, als dränge ich mich zu euch«, entgegnete ich.
»War ich euch denn von einer Bedeutung?« fragte sie.
»Natalie«, antwortete ich, »ich habe eine Schwester, die ich im höchsten Maße liebe, ich habe viele Mädchen in unserer Stadt und in dem Lande kennen gelernt; aber keines, selbst nicht meine Schwester, achte ich so hoch wie euch, keines ist mir stets so gegenwärtig und erfüllt mein ganzes Wesen wie ihr.«
Bei diesen Worten traten die Tränen aus ihren Augen und flossen über ihre Wangen herab.
Ich erstaunte, ich blickte sie an und sagte: »Wenn diese schönen Tropfen sprechen, Natalie, sagen sie, daß ihr mir auch ein wenig gut seid?«
»Wie meinem Leben«, antwortete sie.
Ich erstaunte noch mehr und sprach: »Wie kann es denn sein, ich habe es nicht geglaubt.«
»Ich habe es auch von euch nicht geglaubt«, erwiderte sie.
»Ihr konntet es leicht wissen«, sagte ich. »Ihr seid so gut, so rein, so einfach. So seid ihr vor mir gewandelt, ihr waret mir begreiflich wie das Blau des Himmels, und eure Seele erschien mir so tief wie das Blau des Himmels tief ist. [...]

»Und nun hat sich alles recht gelöset.«
»Es hat sich wohl gelöset, meine liebe, liebe Natalie.«
»Mein teurer Freund!«
Wir reichten uns bei diesen Worten die Hände wieder und saßen schweigend da.

Stifter: Der Nachsommer - Der Bund

Der Weg

An dieser Stelle sah ich jetzt, daß mir eine Gestalt, welche mir früher durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte, entgegen kam, welche die Gestalt Nataliens war. [...]
»Es ist recht schön«, sprach sie, »daß wir gleichzeitig einen Weg gehen, den ich heute schon einmal gehen wollte, und den ich jetzt wirklich gehe.«

»Wie habt ihr denn die Nacht zugebracht, Natalie?« fragte ich.
»Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden«, antwortete sie, »dann kam er doch in sehr leichter, flüchtiger Gestalt. Ich erwachte bald und stand auf. Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis über die Felderanhöhe fortsetzen; aber ich hatte ein Kleid angezogen, welches zu einem Gange außer dem Hause nicht tauglich war. Ich mußte mich daher später umkleiden und ging jetzt heraus, um die Morgenluft zu genießen.« [...]

Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin, an einem Baumstamme nach dem andern vorüber, und die Schatten, welche die Bäume auf den Weg warfen, und die Lichter, welche die Sonne dazwischen legte, wichen hinter uns zurück. Anfangs sprachen wir gar nicht, dann aber sagte Natalie: »Und habt ihr die Nacht in Ruhe und Wohlsein zugebracht?«
»Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden; aber ich habe es nicht unangenehm empfunden«, entgegnete ich, »die Fenster meiner Wohnung, welche mir eure Mutter so freundlich hatte einrichten lassen, gehen in das Freie, ein großer Teil des Sternenhimmels sah zu mir herein. Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet. Am Morgen stand ich frühe auf, und da ich glaubte, daß ich niemand in dem Schlosse mehr stören würde, ging ich in das Freie, um die milde Luft zu genießen.«

»Es ist ein eigenes erquickendes Labsal, die reine Luft des heiteren Sommers zu atmen«, erwiderte sie.
»Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat«, antwortete ich.

Stifter: Der Nachsommer - Die Entfaltung

Grasso Lucido

Wer kann aber nun dem Grasso Lucido entrinnen? Eine Volksgruppe steht auf irgendeiner Straße, eine deklamierende Stimme erschallt es aus ihrem Kreise. Wir eilen herbei: Was gibt es hier? «Il legittimo Grasso Lucido.» Ein ganz frischer, blutroter Maueranschlag dort an der Ecke - wir eilen ihn zu lesen, denn was mag es geben? «Il legittimo Grasso Lucido.» Wir sitzen im Café Ruspoli - ein Zettelträger verteilt Zettel - was gibt es? «Il legittimo Grasso Lucido.» Dieser legitime Grasso Lucido hat also auch ein unbestrittenes Recht, die Augen aller Welt auf sich zu ziehen, ja er ist nichts Geringeres als die im Jahre 185o nach Christi Geburt mit einer silbernen Medaille patentierte Glanzwichse, welche gar keine korrosiven Zumischungen von Vitriol oder andern Säuren enthält, sondern jedes beliebige Leder nicht allein im höchsten Maß geschmeidig, sondern auch in einer ganz wunderbaren und unglaublichen Weise dauerhaft macht.

Sehen wir also einer solchen Vorstellung des Grasso Lucido unter dem Obelisk vor dem Pantheon zu. Dort stehen neben einem Tisch, welcher mit blechernen Wichsbüchsen überladen ist, zwei dieser Straßensophisten und reden stundenlang in nie endendem Redefluß über die Vortrefflichkeit des Grasso Lucido. Sollte man dem größten Philosophen die Aufgabe stellen, etwas zum Lob einer Glanzwichse zu sagen, so würde er in ein paar Sätzen damit zu Ende sein; aber dieser Mann dort, in schmierigem Rock und langer Samtweste, welche beide gleichsam mit Glanzwichse überzogen sind, spricht über die Materie des Grasso Lucido ohne Aufhören mehrere Stunden fort, immer zur Sache und immer mit ganz neuen Argumenten und genialen Ansichten von dem, was eigentlich der Grasso Lucido sei, und was er für ein Verhältnis zur Ökonomie, zur menschlichen Gesellschaft, zum verschiedenartigsten Leder, zur Kultur, zur Witterung, zur Sonne und zu den Sternen habe, und welches sein Einfluß auf das menschliche Gemüt sei.

In der ersten halben Stunde fallen dem Zuhörer die Schuppen von den Augen, er wird von der Vortrefflichkeit des Grasso Lucido beinahe überzeugt; allmählich aber beginnt er die Einzigkeit und ungeheuere Wichtigkeit des Grasso Lucido zu begreifen und gerät in Verwunderung, wie er bisher ohne ihn nur habe existieren können. Immerfort aber peroriert der Sophist vor dem Pantheon. Gorgias, Protagoras und Karneades sprachen nie schöner über die Gerechtigkeit als dieser Mann über den Grasso Lucido. Er verdient, daß man ihm in Padua einen eigenen Katheder über den Grasso Lucido stifte; er selbst nennt sich bereits Professor und wahrscheinlich auch Mitglied mehrerer gelehrter Akademien, und seinen Kollegen desgleichen; denn, sagt er, seht diesen Professore, er hat elf Bände über den Grasso Lucido geschrieben. «Nicht wahr, Professore, hast du es nicht in deinem zehnten Bande auseinandergesetzt, daß dieser echte und in ganz Europa einzige Grasso Lucido eine so wunderbare Eigenschaft habe, daß er selbst das härteste Ochsenleder durchdringt und so weich macht wie ein Stück Samt?» Der Professor bejaht es, daß er dies im neunten Bande von dem Grasso Lucido geschrieben habe, und ergießt sich nun, da jener heiser geworden ist, von neuem in das Lob dieses erstaunlichen Produkts.

Er demonstriert zuerst, was der Grasso Lucido an sich sei. «Man will behaupten», sagt er, «daß in diesem Grasso Lucido vernichtende Säuren und korrosive Substanzen enthalten seien - ich frage euch nun: Kann ein lebendiger Mensch Vitriol verschlucken? Glaubt ihr wirklich, daß es einen Mann gebe, der sich mit Schwefelsäure den Magen anfüllen könne? Seht her, ich will euch den Beweis liefern, denn ich will vor euren Augen diesen Grasso Lucido essen, und er wird mir weder den Tod geben noch Übelkeit zuziehen, vielmehr einen solchen Wohlgeschmack erregen, als wäre es die allersüßeste Polenta.» Hierauf verschlingt der Professore vor aller Augen eine ziemliche Quantität von Grasso Lucido, die Zuhörer aber sind bis in die Eingeweide hinein überzeugt, daß in diesem Präparat kein Vitriol enthalten sei. «Kauft also», ruft der große Philosoph, «profitiert von diesem höchst ökonomischen, genießbaren, unschuldigen und einzigen Grasso Lucido, das Schächtelchen nur zu 13 Bajocci. Sagte ich 13? Nein, nehmt es für 12. Sagte ich 12? Seht, ich gebe es für 10.»

Um nun zu beweisen, daß der Grasso Lucido alle ledernen Dinge blank mache, und zwar ohne Anstrengung, nimmt er zuerst ein Stück Papier und wichst dasselbe mit der größten Gemächlichkeit und mit einem Lächeln des Wohlbehagens; dann ergreift er einen Jungen und wichst ihm unter beständigem Deklamieren einen Stiefel. Der Junge strahlt im Antlitz vor Freude, denn es ist ihm noch nicht passiert, daß ihm jemand die Stiefel gewichst hat, noch hat er überhaupt, solange er lebt, gewichste Stiefel getragen. «Seht», sagt der Professore, «dieser Stiefel war eben erst gleichsam der Stiefel eines Schweins, und jetzt erglänzt er wie das reinste Silber, ja, ein kaum geborenes Kind könnte ihn mit leichtester Mühe blank machen.» Der Junge geht mit einem gewichsten und einem ungewichsten Stiefel von dannen, und drei Straßen entlang läßt er kein Auge von seinem blanken Stiefel und scheint sich und sein Glück darin zu spiegeln.
(Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Römische Figuren

Kinderpredigten

Ich wollte nun meine Freunde in das Volkstheater auf die Piazza Navona führen aber ich höre die Stimme eines predigenden Kindes, und diese lockt mich in die alte schöne Basilika Ara Celi auf dem Kapitol. Dort predigen vormittags und nachmittags kleine Kinder, Buben und Mädchen, mehr als eine Woche lang bis zum Fest der Heiligen Drei Könige, an dem die Kinderpredigten endigen. Aus einem Marionettentheater ist es kein weiter Sprung zu einer Predigt kleiner Mädchen von sechs oder acht Jahren. Auch ist der Mittelpunkt dieser Schauspiele eine Puppe, eine mit Edelsteinen und flimmernder Krone reich gezierte, der heilige Bambino von Ara Celi.
In einer Kapelle dieser Kirche ist die Grotte zu Bethlehem und die Verehrung der drei Könige vom Morgenland auf das zierlichste dargestellt; es sind Wachsfiguren mit Staffagen von Schäferei und landwirtschaftlichem Zubehör. Die Jungfrau sitzt in der Grotte und hält auf ihrem Schoß den Bambino, welchem die Könige die Geschenke kniend darreichen. Draußen kniet am Pfeiler eine stattliche Figur im scharlachnen Mantel, mit türkischen Pantalons und einem Kopfbunde; anbetend hält sie die Arme zum Bambinello erhoben. Ihr gegenüber steht an dem andern Pfeiler ein großes und erhabenes Weib, welches dem knienden Halbtürken das Jesuskind zu zeigen scheint. Dieser Halbtürke ist kein anderer als der Kaiser Augustus, und das Weib ist die Sibylle. So hat man hier die Sage dargestellt, daß die Seherin dem Octavian in einer Vision das Jesuskind gezeigt habe, welches in die Welt gekommen sei, sie zu beherrschen. Sie ist eine der tiefsinnigsten Legenden des Christentums.
Der Grotte gegenüber steht auf der andern Seite des Kirchenschiffes ein Predigtpult, auf welches Kinder im Alter von sechs bis zu zehn Jahren steigen, eins nach dem andern, jedes etwa fünf Minuten lang predigend; und das geht etwa zwei Stunden vor einigen tausend Menschen so fort.
Ein kleiner hübscher Junge stieg zuerst auf das Pult, schlug ein Kreuz und fing mit Gebärden, wie Kinder handbewegend zu deklamieren pflegen, eine wohlgesetzte Predigt von dem in die Welt gekommenen Heil an. Sein Nachfolger, ein größerer Knabe im Chorhemd, verstand es noch besser. Er schrie mit komischem Pathos, donnerte seine Predigt gleich einem Kapuzinermönch herunter und gestikulierte gleich einem tragischen Schauspieler. Man sah ihm an, daß er ein angebotenes Talent zur Mimik besaß; kam in seiner Predigt das Wort Kopf vor, so faßte er nachdrucksvoll nach dem Kopfe, Auge, nach dem Auge, Ohr, nach dem Ohr. Als er einmal Harfenspiel sagte, machte er sofort mit beiden Händen die Griffe eines Harfenspielers. Diese kindliche Art, mit der Mimik die Dinge selbst in ihrer Leiblichkeit zu geben, fand den lebhaftesten Beifall bei allen Zuhörern, welche die Predigt teils andächtig aufnahmen, weil Kinder die Wahrheit sagen, teils sich an ihr vergnügten wie an einem Marionettenspiel.
Keines der Kinder war im mindesten verlegen, die meisten schienen stolz zu sein, daß sie vor Tausenden sprechen durften, und mit dem zunehmenden Sicherheitsgefühl nach überwundenem Anfang schwoll ihre Stimme immer höher und wurden ihre Gebärden immer theatralischer. Mancher Redner vor dem Parlament würde sich die Unbefangenheit eines solchen predigenden Kindes zu wünschen Ursache haben, und nur wenige möchten ein so großes, aus vielen Nationen zusammengesetztes Publikum vor sich sehen, als hier in Ara Celi sich zusammenfindet.
Auf die Knaben folgten Mädchen, zierliche kleine Fräulein mit Locken, im Federhütchen und im atlasnen Jäckchen. Sie machten einen Knix, schlugen ein Kreuz und begannen ihre Predigt. Es ist seltsam genug, zu hören, wenn ein so kleines Ding von der Sünde Adams spricht, die der Herr von uns genommen hat, von dem Glauben an das Heil und das Wort, welches Fleisch geworden ist durch Jesum Christum, und von dessen Opfertod, wodurch er die Menschheit gereinigt hat. Es ist nicht anders, als ob die Puppen auf der Montanara zu reden anfangen und die kleinen Marionettenpaladine mit dem ernstesten Pathos ungeheure Dinge sagen, zur Ehre Christi gegen die Mohren das Schwert ziehen und die gesamte Heidenschaft herausfordern, oder als ob die Marionettendämchen in Federhut und Mäntelchen in die herzbewegendsten Deklamationen ausbrechen und bei den Sternen ewige Liebe schwören.

Betrachtet man diese predigende Kinderwelt, so möchte man glauben, daß auch ihre Predigten und die Dinge, welche sie darin sagen, rnarionettenhaft sein müssen, und daß es sich hier um einen ganz kleinen Puppenkultus und kleine Gefühle handelt, die der Zuhörer mit dem Mikroskop besehen muß. Aber dem ist keineswegs so; es sind vielmehr sehr gewichtige Predigten im großen Stil, und keiner fehlt der grundgelehrte Anstrich der Zitate. Und so hört man fast ein jedes Mädchen, unter denen auch Kinder von sechs Jahren predigen, einzelne Glaubenswahrheiten durch Anführung von Kirchenvätern bekräftigen und sagen: So sagt der heilige Paulus, così dice San Bernardo, dice Sant'Agostino, und so sagt der heilige Tertullian.
Ich glaube, irgendwo steht geschrieben: «Wenn die Propheten schweigen, werden die Kinder reden, und wenn die Kinder schweigen, werden die Steine sagen: Amen!» Geschahen doch selbst Wunder in Bremen, wo die Tische anfingen zu wandeln. Aber der ernste und wahrhaft religiöse Mensch wendet sich mit Erstaunen von diesem Kinderkultus in Ara Celi und überdenkt die Metamorphosen des Christentums. Was würden Paulus und Petrus sagen, träten sie in jene Kirche und sähen sie, was aus ihrer Predigt geworden ist!
Die Kinder nun, die das Jesuskind im Schoß der Maria wie ein Püppchen anlächelten, knieten am Schluß ihrer Predigt nieder und richteten ein Gebet an den Bambinello. Ein kleines Mädchen betete also: «Allerliebstes kleines Knäblein, schlag doch deine kleinen Augen auf und wirf auf uns Sünder einen Blick der Gnade.»
(Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Römische Figuren, S.88-90)

Juden in Rom

Und bis ins 16. Jahrhundert finden sich jüdische Leibärzte im Vatikan trotz aller Bannbullen dieses oder jenes judenfeindlichen Papstes. Als Orientalen, als Verwandte der Araber standen die Juden überhaupt in aller Welt, auch bei Fürsten und Kaisern, im höchsten Ansehen ärztlicher Wissenschaft. Samuel Sarfadi, ein spanischer Rabbiner, war Leos X. Arzt, ein grundgelehrter und beredter Mann.
Natürlich fiel ein Schimmer der päpstlichen Gnade, wenn sich der jüdische Arzt ihrer erfreute, auch auf das Judenvolk in Trastevere zurück. Aber bei der Natur des kirchlichen Regiments, welches persönlich ist, sah die römische Judenschaft ihr Los lediglich vom Charakter der jeweiligen Päpste abhängen, und diese wechselnde Behandlungsweise hielt sie in beständiger Aufregung, nährte oder erschlug ihre Hoffnung und gab sie einem fast gesetzlosen Zustande preis.
Es hatten schon viele Konzilien im frühesten Mittelalter die Trennung der Juden von den Christen anbefohlen und ihnen ein Schandabzeichen zu tragen auferlegt; dies Gebot erneute Innocenz III. im Jahre 1215, ebenso andere Päpste. Solche Edikte umgingen die Juden meistens, oder sie kauften sich davon los. Bald auch stieß ein gnädiger Papst um, was ein feindlicher verordnet hatte. Johann XXII. hatte die Juden verfolgt, endlich auch ihren Talmud untersagt und öffentlich verbrennen lassen. Innocenz VII. dagegen war ihnen gnädig, und am meisten schützte sie Martin V., ein Römer von Geburt. Er gewährte ihnen wieder das Privilegium, Ärzte sein zu können, [...]
(Wanderjahre in Italien - Der Ghetto und die Juden in Rom, S.33 - Hervorhebung von Fontanefan)

07 August 2007

Bündische Jugend

Wie weit 1927 von uns sprachlich entfernt ist, wird deutlich, wenn wir in Else Frobenius Darstellung der Jugendbewegung lesen: ich "habe versucht, als schlichter Chronist eine Geschichte der Jugendbewegung zu schreiben" und dann, wenn sie von der bündischen Jugend spricht, zu lesen: "Neues Seelentum wird geboren, das sich bündigen will in neuen Gemeinschaften, um in ihnen seine Werke zu schaffen." (S.280) "Die Vorstellung eines selbständigen deutschen Jugendlebens, das Form gewinnen soll, schreitet durch die Jugendbünde." (S.281)
Selbst wenn wie von Joachim Boeckh (im "Weißen Ritter") "eine unglaublich nüchterne Arbeit: die Politisierung der jungen Männer" gefordert wird, geschieht es mit Worten wie diesen: "Ich kann mir kein männlicheres und stolzeres Ziel für eine nicht von Idealismen und Lyrismen umnebelte Jungmannschaft vorstellen, als aus dem rohen Block unseres Staates mit unermüdlicher Hand ein gerundetes Werk herauszuschlagen" (S.285)
Zu Recht hat man bei einem Rückblick auf 100 Jahre Wandervogel von "Affinitäten zu einer rückwärtsgewandten Romantik von Volk und Heimat, Volksgenossenschaft und "blutsmäßiger" Bindung an die "Scholle" als eines Verblendungszusammenhangs, der kaum Widerstandskräfte gegen Ausgeburten wie den "germanischen Herrenmenschen" und eine auf ethnische "Säuberungen" zielende "Blut-und-Boden"-Politik enthalten konnte" gesprochen und dennoch oder gerade deswegen den Titel der Darstellung von Else Frobenius wieder aufgegriffen: "Mit uns zieht die neue Zeit"

05 August 2007

Helena und Gretchen - Annäherung in Sprache

So wie Helena sich später Faust annähert, indem sie von ihm statt des jambischen Trimeter seine reimgebundene Sprache verwendet (Z.9380ff), so verwandelt sich auch Gretchens Sprache nach dem Fund des Kästchens (Z.2783ff) von kurzen Knittelversen in längere Verszeilen (vgl. dazu den Kommentar von Albrecht Schöne: "hier wie häufig: das Metrum als Indiz einer Annäherung zwischen den Figuren").

01 August 2007

Tanzende Türme

In Ferdinand Gregorovius Wanderjahren in Italien haben mich besonders die Abschnitte zu Wallfahrten, zum Betteln aus Gefängnissen und zu den "tanzenden Türmen" interessiert.

"Kaum war ich in die wimmelnde Stadt eingetreten, als mich ein nie gesehener Anblick verwirrte. Rauschende Musik drang aus einer Seitenstraße, ein sonderbares Ungetüm kam dahergewandelt, dessen Erscheinung mich aus Campanien geradezu nach Indien versetzte. Ich sah einen hohen, grell mit Gold, Silber und Rot überkleideten Turm von Lastträgern herbeitragen; er war fünf Stockwerke hoch, aus Säulen aufgebaut, mit Frontispizen, Friesen, Nischen, Bogen, Figuren geschmückt, zu beiden Seiten mit bunten Fähnchen besteckt, mit Goldpapier, roten Decken und jeglichen Farben überzogen. Die Säulen metallglänzend rot, die Nischen goldgrundig mit den ausschweifendsten Arabesken verziert; die Figuren, Genien, Engel, Heilige, Ritter, in buntesten Kostümen; sie standen stockwerkweise übereinander, hielten Füllhörner in den Händen oder Blumenbüsche, Girlanden oder Fahnen, Alles rauschte, knitterte, flatterte in der Luft, da der Turm selber auf den Schultern von etwa dreißig Lastträgern hin und her schwankte. Es saßen in seinem untersten Stockwerk blumenbekränzte Mädchen, mitten inne ein Chor von Musikanten, mit Trompeten, Pauken, Triangeln, Zinken eine sinnverwirrende Musik erhebend.

So bewegte sich dieser Turm langsam weiter, über die Häuser der Straße wegragend und oben auf der Spitze einen sonnenstrahlenden Heiligen gen Himmel haltend; nun hörte ich auch von einer andern Seite her schallende Musik und sah über den Häusern weg hie und da noch einen, und wieder einen, und immer wieder mehrere solcher Wandeltürme hervorragen. «Mein Gott», fragte ich einen neben mir stehenden Mann, «was ist denn dieses?» Er antwortete mir in einer unverständlichen Sprache, von der ich nichts begriff als die Worte «guglia di San Paolino». «Ihr müßt wissen», bemerkte hierauf ein Neapolitaner, welcher sich zu mir wandte, «daß dies die Festobelisken für den Heiligen sind; denn als er aus der Barbarei nach Nola zurückkehrte, gingen ihm die Bürger dieser Stadt tanzend entgegen und trugen ebensolche Obelisken vor sich her. Da könnt Ihr auch die andern sehen, sie alle ziehen nach der Kathedrale, um zu tanzen.» [...]
Jedes Stockwerk hat korinthische Säulen, zwischen ihnen Nischen, darüber einen Fries. Man füllt die Nischen mit Gestalten aus; in die des untersten Stockwerks stellt man lebende Figuren: Mädchen oder Knaben, welche kurze Röcke und goldpapierene Helme tragen. In der mittleren Nische steht das Hauptbild: auf dem Obelisken der Landbauern oder Schnitter war es eine kolossale Judith in prachtvollem Gewande, das Haupt des Holofernes in der Hand erhebend; in andern Obelisken Heilige oder Schutzpatrone. Nun folgen über dem Mittelbilde und an den verschiedenartigsten Emblemen: Engel, welche Fahnen, andere, welche Harfen tragen, Genien mit Blumenkränzen und Füllhörnern. In der Mittelnische des obern Stockwerks steht ein Engel, der ein Weihrauchfaß schwingt; dann folgt die goldene Kuppel, die das Ganze krönt, oder eine lilienartige Ausschweifung, über der sich das oberste Heiligenbild abschließend erhebt. Auf dem Obelisken der Schnitter war dies der heilige Georg mit dem Malteserkreuz und einer weißen Fahne in der Hand. [...]
Die Obelisken zogen, ein jeder mit dem Musikchor im untersten Stockwerk, nach der Kathedrale. Die rauschenden Klänge, die bunte wogende Menschenmasse mit den zahllosen Fähnchen von Gold- und Silberpapier, die von Blumen und Mädchen lachenden Balkone der Häuser, die hereintaumelnden bizarren Türme, die flimmernde Sonnenglut des campanischen Himmels - dies war ein so sonderbares, grelles, schreiendes Schauspiel, daß es mich betäubte und mitten in das Heidentum zurückversetzte. Den Zug des Hauptobelisken eröffneten zwei sehr kleine, in deren Unterstock bekränzte Kinder saßen; dann folgte ein Schiff, worauf ein als Türke gekleideter Knabe saß, eine Granatblume in der Hand. Hinter diesem Schiff trug man ein großes Kriegsfahrzeug mit einem Stück Meer, das ihm als Fundament diente; die Galeere war auf das vollendetste ausgerüstet. Auf dem Bugspriet stand ein junger Mensch in maurischer Tracht, vergnüglich eine Zigarre rauchend, auf dem Steuerbord aber kniete vor einem Altar die Figur des heiligen Paulinus selber.

Sobald nun ein Obelisk vor dem Dom anlangte, begann das seltsamste Schauspiel; denn der ungeheure Turm begann zu schallender Musik zu tanzen. Vor den Trägern her schritt einer mit dem Stab, und indem er den Takt angab, bewegten sich jene im Rhythmus hin und her. Der Koloß schwankte, er schien fallen zu wollen; die Figuren bewegten sich, die Fahnen rauschten. Und so stellte sich jeder Obelisk tanzend vor dem Dome dar; dann und wann tanzte einer gegen den andern. Der Einzeltanz und Gegentanz währte etwa fünf Minuten. Hierauf blieb der Obelisk vor der Kathedrale stehen, und sobald er dort Posto gefaßt hatte, begann vor ihm ein Ringeltanz von Jünglingen und Männern. [...]
All dies heidnische Wesen vollzog sich vor dem Dom, während drinnen der Bischof von Nola in unerschütterter Seelenruhe die christliche Messe las, und die Gläubigen ungestört auf den Knien lagen."

Boswell

James Boswells Grand Tour nach Deutschland und Schweiz habe ich jetzt zum Teil nachgelesen (Boswells Große Reise. Deutschland und die Schweiz 1764. Diana Verlag, Stuttgart, Konstanz 1955), besonders sein Gespräch mit Rousseau, auf dessen Einfädelung er besonders stolz war.
Was er am 28.12.1764 an seinen Freund Temple darüber schreibt, wirft nicht nur ein Licht auf eine damalige Grand Tour, sondern auch auf die damalige Gefühlssprache und zwar deshalb, weil er sich an einer Stelle ungewöhnlich deutlich davon distanziert:

"... Nachdem ich Dir für Deine beiden Briefe vom November gedankt habe, muss ich Dir mein Herz ausschütten, das sich vor Freude und Frohlocken weitet. Nenne es Schwärmerei. Nenne es, wie Du willst, aber lass mich die Sprache führen, die allein einen entfernten Begriff davon vermitteln kann, was Boswell empfindet. Wenn ich Dir lächerlich vorkomme, liegt es an der Unzulänglichkeit der Sprache als solcher. Meine Reise durch die deutsche Hofwelt habe ich abgeschlossen. Überall fand ich große und feine Form. [...] Was für ergiebige Aussichten eröffnen sich mir damit! Mein Brief ist bereits so lang geraten, dass ich auf Ausbrüche der Begeisterung verzichte. Meine Freude kannst Du Dir denken."

30 Juli 2007

Aus dem Gefängnis heraus betteln

Ich erinnere mich nicht, in Alatri von Bettlern angesprochen worden zu sein, wie man sie überall in der Sabina und im Albanergebirge scharenweise nach sich zieht. Doch dort betteln aus ihrem Kerker heraus Gefangene - ein wunderlicher Anblick, den man übrigens in fast allen römischen Orten haben kann. Während unsere strengen Systeme des Gefängniswesens darauf hinzielen, den Schuldigen soviel als möglich von der Welt abzusondern, ja ihn wie einen verpesteten Gegenstand in die Zelle einzumauern, gönnt ihm hier die Toleranz des Südens wieder einen zu großen Spielraum. Ich hörte oft Gefangene in römischen Städten die heitersten Lieder hinter ihren Gittern singen, in Ritornellen denen auf der Straße antworten, oder ich sah sie mit der Gebärdensprache zum Fenster hinaus Geschichten erzählen, die der Fremde freilich nicht versteht. Nun aber ist ihnen selbst das Betteln noch im Kerker gestattet. Diese Verbrecher, oft nur um geringe Vergehen bestrafte Nichtstuer, strecken ein langes Rohr aus dem Gitter heraus, an welchem mittels eines Fadens ein leinenes Beutelchen befestigt ist. Zwei, drei, vier solcher Rohrstangen sieht man zu gleicher Zeit in Bewegung, und die sie herausstrecken, gleichen den Anglern, welche mit der größten Seelenruhe ihr Rohr in den Händen halten, um es heraufzuziehen, wenn der Fisch angebissen hat. So baumeln dort die leeren Beutelchen in der Luft hin und her; geht nun jemand an dem Gefängnis vorüber, so senkt sich Angelrohr und Beutel ihm vor der Nase nieder, und der Gefangene bittet um der Madonna willen, ihm ein Geldstück hineinzulegen. Er ist nicht minder vergnügt, wenn man ihm eine Zigarre hineinsteckt, die er dann mit Wohlbehagen hinter den Eisenstäben rauchen wird; hat er aber ein paar Bajocci erhascht, so läßt er sich Wein holen, oder was ihm sonst wünschenswert erscheint. Ich konnte diese klassische Art zu betteln niemals ohne Heiterkeit betrachten und mußte mich stets der Sage erinnern, welche von Belisar erzählt, daß er aus dem Fenster seines Turms die Vorübergehenden angebettelt habe - wenigstens zeigt diese Fabel, daß jene Toleranz sehr alt ist, und vielleicht streckten die Gefangenen aus den Kerkern schon in alten Römerzeiten solche Rohrangeln hervor.

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien, Aus den Bergen der Herniker (nach gutenberg.de)

29 Juli 2007

"Der letzte Mohikaner" revisited

Wie Hawk-eye, ich kannte ihn bisher nur als Falkenauge, über das Kampffeld geht und sicherheitshalber alle Indianer ins Herz sticht. Der kurze Aufenthalt, der sich dadurch ergibt, dass Chingachgook den französischen Posten, den man durch französische Anrede geschickt getäuscht und damit umgangen hat, nebenbei doch noch tötet und skalpiert. (14. Kapitel) Ich glaube, ich habe die Vorgänge in meiner Jugendausgabe des "Lederstrumpf" damals wohl nicht überlesen, sondern wohl gar nicht vorgefunden, genauso wie die Bewunderung Hawk-eyes für die Expertise, mit der Chingachgook den noch rauchenden Skalp, den sein Sohn Unkas erbeutet hat, völlig sicher seinem Indianerstamm zuordnet.
Die Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert, die ich jetzt gelesen habe, beeindruckt andererseits auch durch große Genauigkeit und deutliche Hinweise auf den Rassismus Hawk-eyes und des schottischen Majors.

Harry Potter Band 7

Der siebte Band von Harry Potter lässt deutlicher als vorhergehende erkennen, welche Elemente der Erzählung für Kinderunterhaltung gedacht sind und welche den Entwicklungsroman enthalten.
Dabei bin ich aber überzeugt, dass Rowling sich nicht überwinden muss, die Kinderteile zu schreiben.
Die Aktionsszenen, Verfolgungsjagd, Entkommen, überraschende technische/zauberische Möglichkeiten machen gewiss auch ihr selbst Spaß. (Da ist James-Bond-Faszination für die kleinen und großen Jungen in uns wirksam.)
Schilderungen des Schullebens (im 7. Band der Hochzeit und ihrer Vorbereitungen) mit ihrer Entwicklung sozialer Konstellationen, dem Aufzeigen ungeliebter Zwänge und den verschiedenen Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind wohl für das Mädchen in uns.
Das Verhältnis zur Pflegefamilie, die nicht pflegt, die Unsicherheiten gegenüber der Aufgabe, von der man nur weiß, dass sie da ist, aber "keinen Peil hat", wie sie angegangen werden soll, das ist typische Konstellation für Pubertierende. So wie auch Freundschaften und Feindschaften, Spannungen innerhalb einer Freundschaft und die Probleme einer Dreierkonstellation wie die von Harry, Hermione und Ron.
Das Verhältnis von Gut und Böse. Das Böse in uns. Der Umgang mit dem Tod von Freunden und Verwandten und mit dem eigenen. Die Einsamkeit vor einer Aufgabe. Das sind die Probleme von Erwachsenen, damit freilich auch die von Jugendlichen, deren Hauptherausforderung nun einmal darin liegt, erwachsen zu werden.

Jugendbewegung

Das Buch von Else Frobenius (Mit uns zieht die neue Zeit : eine Geschichte der deutschen Jugendbewegung, Berlin 1927) habe ich erst vor kurzem entdeckt. (Der Titel ist eine Zeile aus dem Lied "Wann wir schreiten Seit an Seit" von Hermann Claudius (1916).)
Im Unterschied zu anderen Büchern über die Jugendbewegung ist es einerseits um eine möglichst unparteiische, umfassende Darstellung der Bewegung bemüht, andererseits aber noch aus unmittelbarer Beziehung zur Jugendbewegung geprägt. So ist es in einer Sprache gehalten, die für uns Heutige starke Anklänge an die Zeit des Nationalsozialismus hat. Und mit Paul de Lagarde und Julius Langbehn werden außer Friedrich Nietzsche Personen als geistige Vorbilder genannt, die mit mehr oder weniger Recht auch als Vorbereiter der nationalsozialistischen Ideologie gesehen werden.
Anders steht es mit Ellen Key, von deren Buch "Jahrhundert des Kindes" Frobenius sagt, dass es "die Heiligkeit der Generationen predigt" (S.34).
Den Wandervogel sieht Frobenius als "Zeitphänomen", "Menschheitsphänomen" und "urdeutsches Phänomen" (S.45) sowie als "Weltanschauung" (S.92).
Für das Deutschland vor dem Krieg habe er eine höchst wichtige Verjüngung bedeutet. Die Situation bei der Gründung des Wandervogels sieht sie so: "Die Unterrichtsmethode in den Schulen beruht auf einer mechanischen Aneignung des Lehrstoffs, die das jugendliche Empfinden leer läßt und den Charakter nicht bildet." (S.31) Dies sei in Deutschland besonders schlimm, denn: "Deutschland ist das Land der alten Leute. Offiziere und Beamte gelangen erst mit 40 Jahren, also mit dem Alter, wo die Franzosen sich schon als Rentner zur Ruhe setzen zu einer Lebensstellung, die die Gründung einer Familie ermöglicht." (S.33)
(Anklänge an heutige Sehweisen von Schule und Altersstruktur Deutschlands sind wohl nicht rein zufällig. Das Verhältnis der Jugendlichen zum Wandergedanken, zur Natur und zu deutschem Liedgut ist freilich heute ein deutlich anderes als 1896. Die Unterscheidung von der vorhergehenden Generation läuft heute nicht auf dieser Schiene.)
Als Einführung in den Geist des Wandervogels, z.B. des Nerother Wandervogels, der sich auf Karl Fischer, den Gründer des ersten Wandervogels, beruft, scheint es mir gerade aufgrund seiner Sprache geeignet.

16 Juli 2007

Tür an Tür mit einem anderen Leben

Außerirdische im Weißen Haus (S.30) in "eingerollter" Dimension, Klecker-Lieschens Seelenwanderung (S.25) nach Kanada. Chen Kaiges, des Cannes-Preisträgers Film "Die Ritter des Winds" zugelassen trotz Kunstmärchencharakters und Allzeitshochs in Produktionskosten beim chinesischen Film wegen Oskarhoffnung und der Möglichkeit, eine gesellschaftliche Interpretation unterzulegen der Gestalt, die schneller laufen kann "als das Schicksal folgen kann". (S.19)
Eine japanische Bank beleiht eine rumänische Höhle mit Schwefeloxidierern, die seit 5 Millionen Jahren nur Luftaustausch, aber kein Sonnenlicht mit der Außenwelt verband. (S.23)
Absonderliches jeder Art beobachtet Alexander Kluge. Auf den ersten dreißig Seiten findet sich weit mehr, als hier angesprochen werden kann: Chinas Boom, ein Mädchen im 1. Weltkrieg, das Drängen des Westens auf den Balkan, sol invictus, Homer und Attentate im Irak und Globalisierung sind als Themenanlass oder Bildungszitat in einander verwoben. Die Süddeutsche Zeitung spürt da den "metaphysischen Rausch des Neuen".
Ich rufe innerlich nach dem - was ich als Forderung für Wikipedia für ambivalent halte - nach Belegen. Zu sehr bleibt mir die Aussagekraft bisher noch an den Realitätscharakter gebunden.
Ich vermisse bisher die gestaltende Einheit der künstlerischen Komposition. Genauso, wie es mir mit dem Mann ohne Eigenschaften geht, nur dass mir dort mehr Stellen mit Eigenwert begegnen. Bin freilich noch am Anfang der Lektüre.