29 Dezember 2009

Der Teufel in der Buche

Ein Feuermann lässt sich auf einen Kampf mit dem Teufel ein, und es gelingt ihm, ihn in eine Buche zu stecken und dort festzubannen.
Als der Teufel nach langer Zeit wieder loskam und in die Hölle zurückkehrte
war alles leer darin, wie es in der Kirche in der Woche ist, und war keine Seele Seele mehr zu hören noch zu sehen. Seit der Teufel damals fortgegangen und nicht wiedergekommen war und auch kein Mensch nicht gewußt hatte, wo er hingekommen war, da war nicht eine einzige Seele wieder in die Hölle gekommen. Und da war seine Großmutter aus Herzeleid gestorben
(Hermann Kletke: Märchen aller Völker für Jung und Alt, 1845 Band 2‎, Seite 343)

Doch es gelingt dem Teufel, mit Hilfe der Bewohner von Nordhausen, seine Hölle wieder voll zu bekommen. Denn in der Buche ist ihm ein Rezept für die Schnapsherstellung eingefallen, und die Nordhäuser haben davon so viel gebrannt, dass die Menschen im Suff fluchten und sich dem Teufel verschworen
und es dauerte kein Jahr, da war die Hölle zu klein geworden, und konnte der Teufel die Seelen nicht mehr unterbringen und mußte ein ganz neues Stück lassen anbauen an die Hölle.

Das klingt mir wie die Finanzkrise, ist aber ein Märchen von Bechstein. Wer weitere von seinen von den Grimmschen Versionen oft deutlich abweichenden Versionen finden will, kann hier nachlesen.

13 Dezember 2009

Meine Freundin Tamara

Er ist Kriegsgefangener, doch beim Einholen des Heus darf er bei einer russischen Familie übernachten. Freundlich ist die Begrüßung, es gibt Kapustasuppe, Speck und das dunkle russische Brot.
Rasch freundet sich die Tochter des (Holz)hauses mit ihm an. Der Großvater mit Erinnerungen an seine Amerikafahrt 1910, wo er über Bremen kam, erinnert sich jetzt noch an die Kirchen und den Roland und hilft bei der Verständigung zwischen Enkelin und Gast aus. Der Vater, Tischler, "sah allerdings das freundschaftliche Verhältnis nicht gern".
Dann der schwere Abschied. "Als ich mich an der Biegung des Weges noch einmal im Sattel umdrehte und winkte, sah ich Tamara einsam am Gartenzaun stehen. Ihr rotes Kopftuch leuchtete in der Wintersonne."
Diese kurze Erzählung von Friedrich Rudolf Hohberg erinnert in manchem an Hartungs "Ich denke oft an Piroschka". Genauso wie dort bringt die Tochter dem Besucher große Herzlichkeit entgegen, ist recht die "Unschuld vom Lande". Freilich, Tamara ist vier Jahre alt.
Die Erzählung habe ich - zusammen mit anderen eindrucksvollen Texten aus russischer Kriegsgefangenschaft - in dem Band "Und bringen ihre Garben", Stuttgart 1956, herausgegeben von H. Gollwitzer, J. Krahe und K. Rauch gefunden.

06 Dezember 2009

Die sachliche Schule

Mr. Gradgrind schwebte von der Schule hochzufrieden nach Hause. Es war seine Schule, und er hatte sie zu einem Muster bestimmt. Er wollte aus jedem Kinde darin ein Muster machen - ganz wie die jungen Gradgrinds sämtlich Muster waren.

Es gab fünf junge Gradgrinds und jedes von ihnen war ein Muster. Sie waren von ihrem zartesten Alter an gehofmeistert worden: gehetzt wie junge Hasen. Beinahe seit sie allein laufen konnten, wurden sie angehalten, in die Schule zu laufen. Der erste Gegenstand, mit dem sie in Berührung kamen, oder von dem sie eine Erinnerung hegten, war eine große schwarze Tafel, woran ein garstiger Oger schreckliche weiße Figuren mit Kreide malte.

Nicht daß sie etwas von der Natur oder dem Namen Oger wußten. Bewahre die Tatsächlichkeit! Ich bediene mich nur des Ausdrucks, um ein Ungeheuer in einem pädagogischen Kastell zu bezeichnen, das mit einem, der Himmel weiß aus wie vielen Köpfen bestehenden Haupt die Jugend gefangennahm und sie bei den Haaren in die düsteren statistischen Höhlen schleppte.

Kein Junges von den Gradgrinds hat je ein Gesicht im Monde gesehen. Es war schon oben im Mond, ehe es noch deutlich sprechen konnte. Kein Junges von den Gradgrinds hat je das einfältige Reimgeklingel gelernt: O schimmre, schimmre kleiner Stern. Was du denn bist, wie wüßt' ich's gern! es hat nie Bewunderung für diesen Gegenstand gehegt, da es schon mit fünf Jahren den großen Bären wie ein Professor Owen zergliedern und den Charles Wain wie ein Lokomotivführer treiben konnte. Kein Junges von Gradgrinds hat je eine Kuh auf dem Felde mit jener berühmten Kuh mit dem krummen Horn in Verbindung gebracht, die den Hund emporschleuderte, der die Katze erwürgte, die die Ratte tötete, die das Malz fraß, oder mit der noch berühmteren Kuh, die Tom Thumb verschlang. Es hatte nie von jenen Berühmtheiten vernommen und wurde mit der Kuh nur bekannt, als mit einem grasfressenden, wiederkäuenden, vierfüßigen Tier, das diverse Magen hatte.

Nein, unsere heutige Schule ist anders, und heutige Kinder dürfen spielen mit Gameboy, Handy, Play-station, aber doch bitte nicht in Pfützen oder auf Baugrundstücken. Schließlich schafft das keine Arbeitsplätze.
Dickens kannte noch nicht das Problem mit den Arbeitsplätzen, weil die Gemeinden jedem, der unverschuldet in Not geraten war, im Arbeitshaus Arbeit übergenug verschafften und Waisenkindern zumal. "Hard Times"

MR. GRADGRIND walked homeward from the school, in a state of considerable satisfaction. It was his school, and he intended it to be a model. He intended every child in it to be a model - just as the young Gradgrinds were all models.

There were five young Gradgrinds, and they were models every one. They had been lectured at, from their tenderest years; coursed, like little hares. Almost as soon as they could run alone, they had been made to run to the lecture-room. The first object with which they had an association, or of which they had a remembrance, was a large black board with a dry Ogre chalking ghastly white figures on it.

Not that they knew, by name or nature, anything about an Ogre Fact forbid! I only use the word to express a monster in a lecturing castle, with Heaven knows how many heads manipulated into one, taking childhood captive, and dragging it into gloomy statistical dens by the hair.

No little Gradgrind had ever seen a face in the moon; it was up in the moon before it could speak distinctly. No little Gradgrind had ever learnt the silly jingle, Twinkle, twinkle, little star; how I wonder what you are! No little Gradgrind had ever known wonder on the subject, each little Gradgrind having at five years old dissected the Great Bear like a Professor Owen, and driven Charles’s Wain like a locomotive engine-driver. No little Gradgrind had ever associated a cow in a field with that famous cow with the crumpled horn who tossed the dog who worried the cat who killed the rat who ate the malt, or with that yet more famous cow who swallowed Tom Thumb: it had never heard of those celebrities, and had only been introduced to a cow as a graminivorous ruminating quadruped with several stomachs.

23 Oktober 2009

Karl May kritisiert Nietzsches Sprache

Können Sie Jemanden bewundern, der es fertig bringt, zu schreiben: „Die Naturwissenschaft der Tiere bietet ein- Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen“? Statt „Naturwissenschaft der Tiere“ müßte es doch wohl zumindest „Naturwissenschaft von den Tieren“ heißen ; aber selbst so : wo lebt der Mensch, dem dafür nicht „Zoologie“ einfiele ? Dann weiter ; sie „bietet ein Mittel“ ? : er meint wohl : „sie bietet Material dar“? Auf gut Deutsch jedenfalls hieße Nietzsches Schwulst: „ Die Zoologie könnte vielleicht Beweismaterial liefern“ — und das ist Einer, der von sich rühmt, „an einer Seite Prosa zu arbeiten, wie an einer Bildsäule? !

Arno Schmidt, von dem ich die Stelle habe, fährt fort:
Und die — mit vollem Recht gerügte — Stelle ist unleugbar von Nietzsche : der Aphorismus 377 aus „Menschliches, Allzumenschliches“! (A. Schmidt: Der sanfte Unmensch, 1958, S.64)

Mehr von Karl May kann man bis zum 3. Mai hier hören.
So kann Karl May selbst für May-Liebhaber zur Strafe werden.
Aber gewiss regt er dazu an, selbst zu lesen.

Arno Schmidt kritisiert Stifter

"Sie hatte 2 große schwarze Augen" - bong; soll se - "unter der Stirn" ergänzt Stifter bauernschlau. (s.u. S.93)

A: [...] ein Evangelium gepflegten Stumpfsinns.

B.: Alle Gestalten im 'Nachsommer', von der ersten bis zur letzten, sind hinsichtlich Realität nur selektiv unterrichtet. Kein Konflikt der Generationen. Man bewegt sich zeitlupig ; denn: "Leidenschaft ist unsittlich", wie Stifter in unbegreiflicher Geistesverengung dekretiert, und sich damit selbst dichterisch entmannt hat. Der Würgengel vermeinter Sittsamkeit garantiert die stereotypste Starre und Kälte: im ganzen Buch lacht nicht ein Mensch!
A.: Ein Kabinettstück in seiner Art der chemisch gereinigte Liebeshandel Heinrichs und Nataliens: noch frostiger und pomadiger kann man sich nicht gerieren.


(Arno Schmidt in: Der sanfte Unmensch, 1958, S.85)

14 Oktober 2009

Drei kleine Mädchen

Eine ungeheuer überzeugende Schilderung von Kindheitsglück. Es hat 50 Jahre gedauert, bis ich den Untertitel "Erzählung" in dem Sinne ernst genommen habe, dass ich jetzt für möglich halte, dass die Darstellung nicht auf konkreten Kindheitserlebnissen, die stilisiert wurden, zu beruhen braucht, sondern dass die Kinderwelt erfunden sein könnte.
Die Welt der kleinen Sacha, der sicheren, strahlenden Lulu und der immer wieder von Ängsten geplagten ältesten Schwester Edele, die aber die Gabe der Phantasie hat und damit auch Macht über die Königin dieser Kinderwelt, Lulu. Diese Welt ist in ihrem Behütetsein, den kindlichen Ängsten und der von heute aus fast unfassbaren Wohlerzogenheit sehr dicht geschildert.
"Grenzenlos unerzogen" fühlen sich die drei Schwestern, als sie drei ungeliebte Puppen "Keile, Schwindla und Feixa" nennen (mit drei höchst verbotenen Wörtern), aber "sie genossen es".
Wie weit ist heute für Kinder dies Gefühl der Grenzüberschreitung möglich, ohne dass wirklich gefährliche Grenzen überschritten werden? Ist es ein Segen, wenn ein solches Gefühl kaum noch aufkommt?

Sehr kindgemäß die Unterscheidung der elterlichen Verbote. Das Herumspringen auf Stühlen war verboten, aber keine "Sünde". Sünde war es, sich so zu verstecken, dass das Kindermädchen Angst um einen bekam. Nur verboten war es, hinter dem Rücken des Kindermädchens die Zunge herauszustrecken. Sünde war dasselbe beim Schornsteinfeger, "denn er war taub".
Aber schlimmer noch als solche Sünde, wäre es gewesen, - unschuldige - Geheimnisse der Kinderwelt Erwachsenen zu verraten. Denn diese Kinderwelt hatte ihre eigenen Gesetze mit einer - bei aller Angst - eigenen Art von Geborgenheit.

11 Oktober 2009

Herta Müller

Ich hatte ein wenig von Herta Müller gelesen, ein wenig über sie gelesen. Der Nobelpreis kam als große Überraschung, dann dachte ich an Jelinek. Man wusste noch nichts vom Friedensnobelpreis für Obama.

Den Eindruck etwas vertiefen?
Da ist ihre Erfahrung mit der Securitate
Die Atemschaukel (Ausschnitte zum Lesen) (Hinweis auf Besprechungen)
"Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt"
Heimat ist das, was gesprochen wird, ihre Abiturrede im Jahr 2001.

Eine sehr sympathische Autorin. Leider habe ich nicht oft genug die Energie, mich ihren Darstellungen auszusetzen. Mag sein, es gelingt mir nicht genug, was mir bei Johnson und Stifter gelingt, mich an der Sprache zu erfreuen, wo das Ausgesagte gerade nicht weiterträgt.

29 September 2009

Garibaldi

Sie lässt den Mönch im Collosseum sprechen, den Tod die Feier der Anführer der Schlacht von Velletri belauschen, beobachtet am französischen Gedandten in Rom jene 'kindlich vornehme Sinnesart', "die nur gerade und ungerade Wege kennt und für welche die letzteren nicht einmal in Betracht kommen". Sie schreibt als Neo-Romantikerin mehr als als Historikerin, Ricarda Huch, in ihrem historischen Roman über den italienischen Freiheitskämpfer.
Mazzini lässt sie vom "Schmelz von den Flügeln meiner Freude" sprechen.

Was mir den Text zum historischen Roman macht, braucht nicht zu heißen, dass sie dafür nicht grundlegende Forschung betrieben hat. Im Ricarda-Huch -Artikel von Wikipedia heißt es dazu: "In dieser Zeit erarbeitete sie als erste die Geschichte der italienischen Einigung „Risorgimento“ unter der Führung von Giuseppe Garibaldi. Weil sie sich mit dieser Forschung Verdienste um Italien erworben hatte, wurde sie von den italienischen Faschisten geschätzt, weshalb sie im nationalsozialistischen Deutschland nicht verfolgt wurde."

27 September 2009

Owen Tudor

Owen Tudor, die sagen- und märchenhafte Erzählung des Romantikers Achim von Arnim, handelt von Owen Tudor dem Stammvater des englischen Königshauses Tudor. Sie ist in eine Rahmenerzählung eigebettet, die von einer Postkutschenfahrt berichtet, auf der eine unbekannte Waliserin ihre Reisegefährten mit der Sage von Owen Tudor unterhält.

Owen Tudor wird in jungen Jahren an den französischen Hof bestellt, wo er der eigenwilligen Prinzessin Katharina (historisch: Catherine de Valois (1401–1437)) als Page zu dienen hat. Einerseits schlägt sie ihn, andererseits kann sie nicht aufhören, ausgiebig mit ihm zu tanzen. Als Katharina den englischen König Heinrich V. heiraten soll, nimmt sie beim Abschied Owen den Schwur lebenslanger Treue ab. Als Heinrich relativ bald darauf stirbt, trifft sie wieder auf Owen, als sie Heilung bei einer Wallfahrtsstätte des heiligen Benno sucht. Die Legende besagt, dass, wer in dem heiligen Teich statt seines Spiegelbildes das des Heiligen sehe, geheilt werde. An dieser Wallfahrtsstätte führt inzwischen Owen den frommen Betrag des vorigen Einsiedlers fort, der dort tauchend das Gesicht des Heiligen darstellte. Er entdeckt sich seiner früheren Herrin, und diese erreicht durch allerlei Täuschungen ihres Hofes, dass sie ihn heimlich als den Vertreter eines alten Adelsgeschlechtes heiraten kann.

In der Rahmenhandlung stellt sich die erzählende Waliserin als Betrügerin heraus, die im Auftrag einer hohen Adligen deren uneheliches Kind als ihr eigenes ausgibt, um deren Ruf zu retten. Sie gewinnt die Unterstützung der Mitreisenden, die den sie verfolgenden Konstabel in einem Tanzgottesdienst der Jumpers, einer methodistischen Sekte, festhalten, bis die Waliserin mit ihrem Geliebten einen sicheren Vorsprung gewonnen hat.

Haupt- und Rahmenhandlung sind durch das Motiv des Tanzes verbunden. Erlebt Owen, der begnadete Tänzer, als junger Page zunächst die Tanzwut seiner Herrin als lästig, kann er sie später als Zeichen ihrer Zuneigung deuten. In der Rahmenhandlung will der Presbyterianer aus der Reisegruppe zunächst die Jumpers als gefährliche Sekte verfolgen und alle ihre Mitglieder hinrichten lassen, doch dann hält er den Konstabel im Gottesdienst der Jumpers fest, indem er ihn in das wilde Springen der Gottesdienstbesucher hineinzieht.
Ein weiteres verbindendes Motiv sind die verkleideten Personen, die zunächst unerkannt den Lebensweg Owens lenken, und die verkleidete Waliserin, die ihre Mitreisenden zu ihren Helferinnen macht. Das Motiv der unerkannten Lebenslenker tritt in der Romantik häufiger auf, seine wohl bekannteste Ausformung hat es in der deutschen Literatur aber als Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahre erhalten.
Die Erzählung vom Stammvater des englischen Königsgeschlechtes erscheint mehrfach ironisch gebrochen. Zum einen verpflichtet die Herrin ihren Pagen genau in dem Augenblick zur Treue, wo sie selbst die Ehe mit einem ungeliebten Mann eingeht. Zum anderen gewinnt Owen sie zur Frau, weil er den Eremiten spielt, als solcher die Pilger ständig betrügt und seine geistliche Würde benutzt das Gefolge der Königin zum Narren zu halten. Schließlich wird diese Erzählung von der endlich erfüllten Lebensliebe von einer Frau vorgetragen, die eine außereheliche Beziehung deckt.
So wird nicht nur die Heiligenlegende von Benno ironisiert, sondern auch die der treuen Liebe Owen Tudors. Schließlich ist eine der Lebensregeln, die dem jungen Owen auf den Weg gegeben wird, sich nicht zu schämen. Der wird er gerecht, indem er sich nicht schämt, Pilger zu betrügen und die Königin aus dem Kreis ihrer Höflinge zu entführen.
Die Rahmenerzählung hat einige Ähnlichkeit mit der des weit bekannteren Wirtshaus im Spessart von Wilhelm Hauff, steht aber selbstverständlich in einer weit längeren Tradition, in der Giovanni Boccaccio eine wichtige Rolle gespielt hat.

23 September 2009

Der Ägypter

Sie "halten das, was die Reichen wünschen, für Recht, und das, was die Armen wünschen für Unrecht" sagt der hethitische Archivar dem reisenden Ägypter Sinhue. Und damit spricht er aus, was in fast allen Gesellschaften der Erde zu fast jeder Zeit gegolten hat.
Wenn er hinzufügt "Für uns ist Recht, was wir wünschen, und Unrecht, was die Nachbarvölker wünschen", so ist auch das eine Aussage, die für viele Völker in der Geschichte gegolten hat und selbst in der Europäischen Union immer wieder einmal hervorgeholt wird, wenn es sich über den Agrarhaushalt oder über Umwelschutzregeln zu einigen gilt.
Freilich wenn er seinen Herrscher zitiert "Gebt mir dreißig Jahre - und ich mache aus dem Lande [...] das mächtigste Reich, das die Welt je geschaut hat", so erinnert uns das an eine ganz bestimmte Person und ihre Herrschaftspläne.
In der Tat ist der Roman Sinhue der Ägypter des Finnen Mika Waltari 1945 erschienen, zu einem Zeitpunkt, als klar war, was aus den "vier Jahre Zeit", die Hitler bei der Durchsetzung des Ermächtigungsgesetzes im deutschen Reichstag gefordert hatte, für Deutschland und die Welt geworden war.
Resigniert, ungläubig und altersweise ist der Erzähler dieses Romans, der von einer altägyptischen Erzählung angeregt wurde.
Man kann den Roman als Kulturgeschichte der antiken Welt lesen, aber er enthält auch Treffenderes über unsere Gesellschaft, als mancher hochgelobte zeitgenössische Bestseller zu bieten hat.
Comic Relief verschafft der Sancho-Pansa-artige Sklave Kaptah, der zudem wie Obelix über die Fähigkeit verfügt, seinen Herrn aus den schwierigsten Situationen letzlich unbeschadet entkommen zu lassen und anders als Don Quichote allen Rückschlägen und altruistischer Eskapaden zum Trotz reich zu bleiben.
Den konkreten historischen Hintergrund bietet der Versuch des Pharao Amenophis IV. als Echnaton (Acheaton) den Gott Aton an die Stelle des Obergottes Amun (Ammon) zu setzen. In diesem Zusammenhang wird der spätere Pharao Haremhab in seiner Rolle als oberster Feldherr eingeführt.

11 September 2009

Wie Spucke im Sand

Munli, die Heldin von Klaus Kordons Roman "Wie Spucke im Sand", hat manche Gemeinsamkeit mit Barrak Obama. Das wäre mir in dem 1987 erschienenen Buch nicht aufgefallen, wenn nicht an zentraler Stelle im Buch die Heldin bekennen würde, dass sie so von Hass erfüllt war, dass sie bereit war, einen fremden Menschen ohne weiteres Motiv als Hass schwer zu verletzen. "Da erwachte ein so tiefer Hass in mir, dass ich ihm Luft verschaffen musste", berichtet Munli (S.137) und fährt fort "Es fiel mir schwer, das aufzuschreiben. Doch nun ist es heraus, und ich bin froh darüber."

"Ich könnte einer von ihnen sein", heißt es in Obamas "Ein amerikanischer Traum" (S.278), als er sich vier ihn bedrohenden Jugendlichen gegenüber der "selbstgerechten Empörung" seiner Jugend erinnert. Und als entscheidenden Unterschied sieht er: "Ich habe diese schwierigen Jahre in einer nachsichtigeren Welt verbracht. Diese Jungen können sich keinen Fehler leisten."

29 August 2009

The Widows of Eastwick

Dieser sein letzter Roman ist der erste, den ich von John Updike gelesen habe. Offenkundig ist vieles mir nicht zugänglich, weil ich die Witches of Eastwick nicht gelesen habe. Was fassbar wird, ist das Gefühl der Frauen, in ihrem Eheleben eingesperrt gewesen zu sein, etwas von ihren frühen Träumen wieder aufnehmen und verwirklichen zu wollen; der Gedanke, dass das mit den alten Freundinnen möglich sein könne.

Heißt es bei Storm
Immer schwerer wird das Päckchen,
Kaum noch trägt es sich allein;
Und in immer engre Fesseln
Schlinget uns die Heimat eln.

Und an seines Hauses Schwelle
Wird ein jeder festgebannt;
Aber Liebesfäden spinnen
Heimlich sich von Land zu Land.

so setzen sie dem ein neues Ausfliegen entgegen.
Endend mit dem Gefühl des "Nie wieder" und doch der letzte Satz: "Where shall we go together this year?"

Amerikanisches Leben ist mir freilich doch fremd, und ich weiß nicht, ob ich es Updikes Spuren folgend entdecken will.

28 August 2009

Paradise News

Hawai, moderne Theologie, Krankheit und Sterben sind Themen von Paradise News, dem Roman, den David Lodge 1991 schrieb.
Darin zitiert er Miguel de Unamuno mit einer Passage aus Del sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos (Das tragische Lebensgefühl), 1913: Wer nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, wird doch ein ganz ganz kleinen Zweifel haben: "Wer weiß?". Und wer an das Leben nach dem Tod glaubt, wird doch eine ganz ganz kleine Unsicherheit spüren: "Wer weiß?".
Wie könnten wir es fertigbringen zu leben, wenn es diese Unsicherheit nicht gäbe?


Typisch für Lodge: Witzig, voller geistreicher Satire über Eitelkeiten und Schwächen seiner Personen und auch ganz ernst und mit liebevollem Verständnis.

05 Juli 2009

deaf sentence

Taubheit ist komisch, Blindsein ist tragisch, schreibt David Lodge in seinem Roman über einen schwerhörigen Linguisten, bei dem er aus der eigenen Erfahrung schöpft. Der Titel deaf sentence spielt darauf an, dass ein Schwerhöriger deaf leicht als death missverstehen kann, so dass Todesstrafe für ihn genauso klingt wie gestraft mit Taubheit und umgekehrt.
Der Roman handelt davon, wie irritierend solche fortwährenden Missverständnisse von Schwerhörigen für sie selbst und für ihre Angehörigen sein können, auch wenn manche Missverständnisse von großer Komik sind.
Dann berichtet er von den Schwierigkeiten des Alterns und dem Stress, der bei der Betreuung seniler Eltern entsteht. Alles geschieht mit sehr viel Verständnis und mit viel Sinn für die komischen Seiten dieser Schwierigkeiten. Eine Liebes/Kriminalgeschichte sorgt für die nötige Spannung. So lässt sich der Roman leicht lesen, und doch bleiben Moral, Ernst und der Blick auf Tragik und letzte Dinge nicht ausgespart. So zitiert David Lodge einen Satz aus einem Brief, den Chaim Herzog, ein Mitglied eines Sonderkommandos aus Auschwitz, in der Asche der verbrannten Juden versteckt hat. (Die Mitglieder der Sonderkommandos hatten die vergasten Juden aus den Gaskammern in die Verbrennungsöfen zu schaffen und wurden nach einigen Wochen oder Monaten selbst vergast und verbrannt.)
Der Brief war an seine Frau gerichtet und der Satz lautet (in meiner Übersetzung aus dem Englischen)
Wenn es zu verschiedenen Zeiten kleine Missverständnisse in unserem Leben gegeben hat; jetzt sehe ich, wie unfähig man war, die Gegenwart richtig zu schätzen.

30 Juni 2009

Klepper: Der König und die Stillen im Land

Wie ein Deserteur Pardon erhält

Der Lieblingssohn Friedrich Wilelms I., August Wilhelm, etwa fünf Jahre alt, kommt beim Essen zum König und küsst und streichelt ihn, bis dieser ihn fragt, was er den wolle. "Lass doch den Langen Kerl, der weggelaufen ist, nicht anhängen." - Auf die zusätzlich Fürsprache zweier Generäle und des Leiters der Franckeschen Anstalten Freylinghausen lässt sich der König schließlich dazu überreden.
Am Vortag hatte August Wilhem den König auch schon umschmeichelt, sich aber trotz Einrede von Generälen nicht getraut, etwas zu sagen. Erst als die Königin ihm gedroht hatte, ihn mit der Rute schlagen zu lassen, hatte er es getan.

Königin, Kind und Geistlicher waren nötig für das Erreichen des Pardons. Und dem Kind musste die Rute angedroht werden.

Im übrigen wird Freylinghausen immer wieder gefragt, ob Jagd und Komödie erlaubt seien. Jagd, die Leidenschaft des Königs, Komödie, das Bedürfnis der Königin. Der Geistliche soll die Position der Ehepartner gegeneinander stärken.

Wenn der Soldatenkönig nicht anwesend ist, spricht die Königin Französisch und der 16jährige Kronprinz, der spätere Friedrich II., der in Anwesenheit der Königs stumm ist, geht aus sich heraus.

29 Juni 2009

Preußen

Unter Friedrich I. waren knapp 6000 km² an abgabepflichtigem Land den Behörden entgangen und nicht besteuert worden. (S.119) Ungenügende Vorratshaltung und der Ausbruch der Pest (vermutlich wegen Durchzug sächsischer, schwedischer und russischer Truppen) kosteten 250 000 Menschen, etwa ein Drittel der ostpreußischen Bevölkerung das Leben. (S.114) Daher forderte Friedrichs Sohn, der später als Soldatenkönig bekannt wurde, die Mitregierung und erhielt sie auch zugestanden. Freilich, die aufwändige Hofhaltung seines Vaters schaffte er erst nach dessen Tode ab.
Friedrich I. hatte allerdings geholfen, dass sein aufsässiger Sohn, der seine Lehrer schier zum Wahnsinn trieb, sich schon früh in Verwaltung eingearbeitet hatte. Schon mit 9 Jahren erhielt er sein Gut Wusterhausen zur eigenen Verwaltung. (S.114)
Doch so unterschiedlich die preußischen Herrscher von Anlage und Interessen auch waren, sie verstanden sich doch als Mitwirkende an einem generationenübergreifenden Projekt, wie Christopher Clark es beschreibt:
Wenn man die Geschichte der Dynastie der Hohenzollern nach dem Dreißigjährigen Krieg genauer betrachtet, dann stößt man auf einen Widerspruch. Einerseits ist von Generation zu Generation eine bemer­kenswerte Kontinuität der politischen Ziele zu beobachten. Zwischen 1640 und 1797 gab es keine einzige Regentschaft, in der keine Gebietsge­winne zu verzeichnen waren. Wie aus den politischen Testamenten des Großen Kurfürsten, Friedrichs L, Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen hervorgeht, sahen sich diese Landesherren als Teil eines generationenübergreifenden historischen Projekts, bei dem jeder Herr­scher die unerreichten Ziele seiner Vorgänger als seine eigenen betrach­tete. Daher die Kontinuität der Ziele, die der brandenburgischen Expan­sion zugrunde lag, daher das weit zurückreichende Gedächtnis dieser Dynastie, mit dessen Hilfe alte Ansprüche reaktiviert wurden, sobald die Zeit dafür reif war.
Im Widerspruch zu dieser scheinbar nahtlosen Kontinuität von einer Generation zur nächsten stand der immer wiederkehrende Konflikt zwi­schen Vater und Sohn.
(Ch. Clark: Preußen, 2007, S.130)

20 Juni 2009

Ortega y Gasset

Ortega y Gasset setzt sich in seinem Werk Der Aufstand der Massen von Spenglers "Untergang des Abendlandes" ab und betont, inwiefern im 20. Jahrhundert kein Niedergang, sondern eine Steigerung vorliege:
"[...] die Lebensmöglichkeiten, die heute den Massen offenstehen, decken sich zum großen Teil mit denen, die früher den wenigen vorbehalten schienen. (S.162/63)
[...] Nun stellt aber der Durchschnittsmensch den Boden dar, über dem sich die Geschichte des Zeitalters bewegt; [...] Wenn also das mittlere Niveau jetzt da liegt, wohin sonst nur Eliten gelangten, besagt das schlicht und einfach, daß sich das geschichtliche Niveau plötzlich erhöht hat - (S.165) [...]
Dann beginnt er das 19. Jahrhundert in einer Weise zu schmähen, wie wir es im Blick auf die zwei Weltkriege und mehrfachen Völkermorde des 20. Jahrhundert uns wohl nicht trauen würde:
Es gibt Jahrhunderte, die ihre Wünsche nicht zu erneuern wissen und an Zufriedenheit sterben wie die Drohne nach dem Hochzeitsflug. (S.171)
Nun stellt er das 20. Jahrhundert geradezu als eine Art Jahrhundert des Übermenschen dar:
[...] ein immer offener Horizont von Möglichkeiten zu sein, ist das Wesen des echten Lebens, die wahrhafte Fülle des Lebens. (S.172) [...] Das heißt der Lebensinhalt eines Menschen von mittlerer Art ist heute der ganze Planet; [...]
Indem wir Raum und Zeit aufheben, verlebendigen wir sie, nutzen sie vital aus. Wir können an Mehr Orten sein als früher, Ankunft und Abreise öfter genießen und in kürzerer kosmischer Zeit mehr gelebte zusammendrängen. (S.177)
Auf physischem und sportlichem Gebiet werden heute bekanntlich Leistungen erzielt, die alles aus der Vergangenheit Bekannte in den Schatten stellen. Es genügt nicht, jede einzeln zu bewundern und den Rekord, den sie aufstellt, zu buchen; man muß den Eindruck beachten, den ihre Häufigkeit in uns hinterläßt: sie bringt uns die Überzeugung bei, daß der menschliche Organismus heute über Fähigkeiten und Kräfte verfügt wie nie zuvor. Denn etwas Ähnliches geschieht in der Wissenschaft. Einige Jahrzehnte - nicht länger - brauchte die Forschung, um ihren kosmischen Horizont unwahrscheinlich auszudehnen. Einsteins Physik bewegt sich in so weiten Räumen, daß die alte Newtonsche darin nur eine Bodenkammer einnimmt. [...] Ich lege den Ton nicht darauf, daß Einsteins Physik exakter ist als Newtons, sondern daß der Mensch Einstein von größerer Geistesschärfe und -freiheit ist als der Mensch Newton; genau wie der Boxer heute Faustschläge von besserem Kaliber austeilt als alle seine Vorgänger.(S.179)
Danach nimmt er direkter, aber nicht ganz deutlich auf Spengler Bezug:
Diese Schilderung war notwendig, um dem Gerede vom Niedergang und besonders den Niedergang des Abendlandes zu begegnen, das im letzten Jahrzehnt unter uns umging. Man erinnere sich der Überlegung, die ich anstellte und die mir so einfach wie einleuchtend scheint. Es ist nicht angängig, von einem Niedergang zu reden, bevor man nicht genau gesagt hat, was es denn ist, das niedergeht. (S.180) [...]
Schließlich aber spricht er schließlich auch kritischer von der Anmaßung des Menschen im 20. Jh.:
Das brachte uns darauf, von der Fülle zu sprechen, [...] Und ich schloß damit, daß unsere Zeit durch eine sonderbare Anmaßung ausgezeichnet ist, die sich mehr dünkt als jede Vergangenheit, ja das Gewesene nicht beachtet, keine klassischen und normativen Epochen anerkennt, sondern sich selbst als ein neues, allem Früheren überlegenes und nicht darauf zurückführbares Leben ansieht. (S.180/81)
Und nun kommt er zu dem - angesichts der vorherigen Preisungen der neuen Möglichkeiten - vernichtenden Urteil:
"Sie beherrscht die Welt, aber sich selbst nicht. Sie fühlt sich verloren in ihrem eigenen Überfluß." (S.181)
Schließlich kommt er (1929/30) zu einer Kritik an den Massen, die offenbar schon die Erfahrungen mit dem italienischen Faschismus einbezieht. Der Massenmensch glaube, die gesteigerten Möglichkeiten der Zivilisation seien gleichsam naturhaft vorhanden und es bedürfe keiner kulturellen Anstrengungen, das Niveau der Technik zu wahren, das beim gegenwärtigen Umfang der Weltbevölkerung die Voraussetzung für das Überleben sei.
Die verwöhnten Massen sind nun harmlos genug, zu glauben, daß diese materielle und soziale Organisation [...] auch nie versagt und fast so vollkommen ist wie Naturdinge. (S.193) [...] So läßt sich der absurde Seelenzustand, den sie verraten, zugleich erklären und beschreiben: nichts beschäftigt sie so sehr wie ihr Wohlbefinden, und zugleich arbeiten sie den Ursachen dieses Wohlbefindens entgegen." (S.193/94)
"[...] für mich ist das Unverhältnis zwischen dem Vorteil, den der Durchschnittsmensch aus der Wissenschaft zieht, und der Erkenntlichkeit, die er ihr entgegenbringt - ihr vielmehr nicht entgegenbringt -, das Besorgniserregendste." (S.215)
[...] es erweist sich, daß der heutige Wissenschaftler das Urbild des Massenmenschen ist [...] weil die Wissenschaft selbst, die Wurzel der Zivilisation ihn unentrinnbar zum Massenmenschen, das heißt zum Primitiven, zu einem modernen Barbaren macht. (S.233) [...] Die direkte Folge des einseitigen Spezialistentums ist es, daß heute, obwohl es mehr "Gelehrte" gibt als je, die Anzahl der "Gebildeten" viel kleiner ist als zum Beispiel um 1750." (S.237)
"Erhebt die Masse Anspruch auf selbständiges Handeln, so steht sie gegen ihr eigenes Schicksal auf; da es eben dies ist, was sie jetzt tut, spreche ich vom Aufstand der Massen." (S.239 Hervorhebungen von mir)
Für den Menschen, der sich in einer Welt des Überflusses eingerichtet hat, findet Gasset die Formel vom zufriedenen jungen Herrn und fährt fort: "Die Leute erklären sich lächerlicherweise für jung, weil sie gehört haben, daß die Jugend mehr Rechte als Pflichten besitzt; (S.302) [...]
Dem Massenmenschen geht die Sittlichkeit schlechtweg ab; [...] das ist nicht Amoral, sondern Unmoral. [...} Europa [...] hat sich vorbehaltlos einer glänzenden, aber wurzellosen Kultur verschrieben. (S.303)

(Der Aufstand der Massen, 1929, deutsch 1936)

17 Juni 2009

Michelle Obama

What I notice about men, all men, is that their order is me, my family, God is in there somewhere, but me is first. And for women, me is fourth, and that's not healthy.
Das sagt Michelle Obama über ihren Mann und alle Männer. Nach einigem Streit mit ihrem Mann, während er Senator im Staat Illinois war, hat sie dann aber Frieden mit seinem extremen politischen Engagement und Ehrgeiz geschlossen und nicht mehr versucht, ihn zu ändern, sondern sich ein Unterstützungssystem aufgebaut, das ihr ermöglichte, die Priorität Familie mit beruflicher Tätigkeit in hoher Position zu verbinden. Ganz realistisch gesehen brauchte sie die berufliche Absicherung, um zu verhindern, dass ihre Kinder im Falle der Ermordung ihres Mannes oder im Falle des Auseinanderbrechens der Ehe den notwendigen emotionalen und materiellen Rückhalt behalten hätten.
Dass Ermordung und Fremdgehen für schwarze Politiker in Washington eine ernsthafte Gefahr darstellen wurde bzgl. der Ermordung von ihr sehr deutlich angesprochen (Kritiker sahen sogar eine rassistische Äußerung darin, weil sie meinte, dass die Gefahr ähnlich für alle schwarzen Männer gelte). Bzgl. der Gefährdung der Ehe stellt Barack Obama illusionslos fest, dass diese statistisch gesehen für alle Washingtoner Politiker hoch sei.
Michelle hat viel dafür getan, die Ehe zu bewahren: zum einen dadurch, dass sie vom Ehestreit zum Aufbau des Unterstützungssystems überging, zum anderen aber dadurch, dass sie Obama vermittelt, dass sie sich im Fall seines Fremdgehens auf jeden Fall von ihm trennen werde. Dafür spricht nicht nur, dass Obama meint, sie sei der Boss, sondern auch, dass ein Vertrauter der Familie meint, Obama habe Angst, dass Michelle ihn verlassen könnte.
Doch die Biographie von Liza Mundy vermittelt nicht nur diese bemerkenswerten persönlichen Hintergünde, sondern insbesondere eine recht genaue Analyse des gesellschaftlichen Umfeldes, aus dem Michelle in einem schwarzen Viertel mit viel nachbarschaftlichen Zusammenhalt und einer sehr niedrigen Kriminalitätsrate wohlbehütet und im Bewusstsein persönlicher Verantwortung und Verpflichtung hervorgegangen ist.
Zwei Studien an zwei Universitäten der Ivy League (Princeton und Harvard), die Anstellung an einer hochangesehenen Anwaltsfirma, in der sie den Starpraktikanten Barack Obama anzuleiten hatte, dann eine Karriere in immer verantwortlicheren und für das soziale Umfeld wichtigeren Positionen, die freilich mit immer niedrigeren Vergütungen einhergingen, dann die Entscheidung, bei der Kommune Karriere zu machen, die dazu führte, dass sie deutlich mehr als ihr Mann verdiente, bis der durch den Erfolg seiner beiden Bücher zum Millionär wurde. (Erst dann gelang es ihnen, ihre Studienkredite abzuzahlen, die bis dahin höhere Monatsraten verschlangen als die für den Kredit für den Hausbau.)
Vielleicht das Wichtigste aber ist, dass die Biographie verdeutlicht, weshalb bei Michelle das Gefühl, die Nachkommin von Sklaven zu sein und gegen die Diskriminierung der Schwarzen bei ihr bis heute so virulent ist, dass sie glaubhaft vermitteln kann, dass trotz Baracks Rede von der Empathie für alle, auch für die sich bedroht fühlenden Banker und Waffenbesitzer, dieses Ehepaar an dem Kampf für Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß weiterhin festhalten wird.

16 Juni 2009

Obamas Hoffnungen

Obama schafft es, in seinem zweiten Buch (Audacity of Hope) den Eindruck zu vermitteln, er sei genauso ehrlich wie in seinem ersten; und das, obwohl in diesem Buch von der ersten bis zur letzten Seite klar ist, dass er als Politiker schreibt.
Über seinen Plan, US-Senator zu werden, schreibt er zunächst, was der Vorteil war, nicht gewählt zu werden:
Auch bewahrte ich mir meine Unabhängigkeit, meinen guten Namen und meine Ehe, drei Dinge, die statistisch gesehen gefährdet waren, sobald ich den Fuß in die Landeshauptstadt setzte.(S.11)

Bevor er berichtet, was alles einen US-Senator daran hindert, die Politik zu verfolgen, die er nach seiner Überzeugung vertreten will, beginnt er mit einem eigentümlichen Statement:
Ich verstehe Politik als eine Kontaktsportart, bei der man Ellenbogenstöße und auch mal einen unverhofften Schlag wegstecken muss.(S.29)

Und er fährt fort, dass er
in Springfield an der Idee festhielt, dass Politik anders sein kann und die Wähler sie anders wollen; dass sie die Tatsachenverdrehungen, die Beschimpfungen und die Patentlösungen für komplizierte Probleme satthatten; dass ihr intuitives Gefühl für Fairness und ihr gesunder Menschenverstand sich durchsetzen würden, wenn ich es nur schaffte, sie direkt anzusprechen, ihnen die Probleme zu erklären, wie ich sie sah, und ihnen die möglichen Alternativen ehrlich vor Augen zu führen. Wenn genug Politiker dieses Risiko eingehen würden, könnte sich meiner Ansicht nach nicht nur das politische Klima in den Vereinigten Staaten, sondern auch die Politik selbst verbessern.(S.29)

Seine Sicht als US-Senator ist eine ganz andere. Er zeigt diese Spitzenpolitiker nämlich als von einer ganz starken Emotion getrieben: der Angst, nicht wiedergewählt zu werden. Und er macht klar, dass er diese Angst auch kennt.

Als er dann dazu kommt, seinen großen Widersacher, den Zerstörer des demokratischen Systems in den USA zu schildern, charakterisiert er ihn als liebenswürdig, offen und schlau (S.65). Und das, nachdem all die Peinlichkeiten von Bushs Unfähigkeit, selbständig zu formulieren, seit Jahren wieder und wieder im Fernsehen vorgeführt worden sind und schon fünf Jahre lang ein Bush Dyslexikon auf dem Markt ist, das diese Unfähigkeit auf über 300 Seiten dokumentiert von Vertrauenswürdigkeit bedeutet, nicht das zu tun, was man vorher angekündigt hat über die Exekutive hat die Aufgabe das Gesetz auszulegen bis zu They misunderestimated me (Sie missunterschätzten mich). (S.17 und Titelseite)
Freilich macht er klar, dass er ein "beharrlicher und gelegentlich scharfer Kritiker der Regierung Bush" ist (S.68). Doch dann aber fährt er fort:
Angesichts meiner Haltung sind demokratische Zuhörer of überrascht, wenn ich sage, dass ich George Bush nicht für einen schlechten Menschen halte und annehme, dass er und seine Regierungsmannschaft tun, was ihrer Ansicht nach das Beste für das Land ist. [...] Gleichgültig, wie verbohrt mir ihre Politik auch vorkommen mag [...], halte ich es immer noch für möglich, die Motive dieser Männer und Frauen zu verstehen, wenn ich mit ihnen rede, und in ihren Motiven Werte zu erkennen, die wir teilen. (S.68/69)
Aus diesen Worten wird deutlich, dass er in einem Sinne weit stärker von Bush abweicht als die meisten anderen Kritiker Bushs; denn er zielt darauf ab, das Land wieder zu versöhnen, statt es wie Bush durch seinen rechthaberischen Kurs zu spalten. Deshalb betont er, dass er in Bushs "Motiven Werte erkenne, die wir teilen", und das ist auch der Grund, weshalb die deutsche Ausgabe dieses Buches den Untertitel "Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream" trägt.
Während Obama in Dreams from my Father (im deutschen Titel "Ein amerikanischer Traum" schon den American Dream aufnehmend) noch seinen persönlichen Lebensweg beschrieb, der ihm seine afrikanischen Wurzeln immer bewusster machte und der ihm den Einsatz für den Kampf um Chancengleichheit für die Schwarzen in Amerika nahelegte, wird in Audacity of Hope seine nationale Zielsetzung der Überwindung der Spaltungen durch Ethnien und parteipolitische Zuordnungen deutlich. Dabei knüpft er bewusst an die Werte der Gründungsväter an, freilich versucht er, nicht einen neuen Schmelztiegel zu schaffen, sondern vertritt die Möglichkeit der Integration aufgrund der gemeinsamen Werte und Interessen.
Den Titel seines Buches Audacity of Hope hat er aus seiner Parteitagsrede von 2004 (als er für John Kerry sprach) übernommen. Schon damals nahm er auch den American Dream auf, z.B. mit der Formulierung this country will reclaim its promise.

03 Juni 2009

Jürgen Habermas

Als "unzweifelhaft der bedeutendste zeitgenössische deutsche Philosoph" bezeichnet ihn Michael Funken. Habermas selbst meint dazu: "Bekanntheit ist etwas anderes als Bedeutung. Und eine gewisse Selbstdistanz, um die ich mich unter den Augen einer kritischen Ehefrau wenigstens bemühen muss, ist nicht Bescheidenheit. Eitel sind wir alle." (S.189)
"Habermas adelt Themen" meint Funken und begründet es mit der Aussage "Ein Thema steigt in der öffentlichen Beachtung, sobald Habermas sich dazu geäußert hat." (S.8)
Wolfgang Thierse macht aufmerksam: "Habermas artikuliert eine ganz wichtige Wahrnehmung: dass auch politisch-moralisch-intellektuell die Fronten ganz andere geworden sind. [...] Menschenwürde und ihre Definition zu verteidigen [...], die sonst der Markt zunichte macht." (S.66) (Ich ergänze: und nicht, wie man es von 1945-1989 zu Recht sah: der totalitäre Staat.)
Diese Zitate aus Michael Funken (Hrsg.): Über Habermas. Gespräche mit Zeitgenossen, Darmstadt 2008 möchte ich zum Ausgangspunkt einiger eigener Beobachtungen machen.

Habermas mit seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit war für mich zunächst der Gipfel der Unverständlichkeit. Da gefiel mir Enzensbergers Kritik der Bewusstseinsindustrie weit mehr.
Dann ärgerte ich mich, dass in der Studie Student und Politik, an der er mitgearbeitet hatte, eine Äußerung, die von mir hätte stammen können, als irrational von Politik distanziert eingeordnet wurde. Ich hielt sie nur für intellektuell redlich und hielt mich durchaus für politisch interessiert.
Habermas war schon sehr früh ein energischer Kritiker der Studentenbewegung und hat mit seinem Wort vom "linken Faschismus" vor dem Liebäugeln mit der Gewalt und von totalitären Tendenzen in Führungskadern gewarnt. Das habe ich ambivalent erlebt. Einerseits fühlte ich mich als Teil der Studentenbewegung und insofern falsch eingeordnet, andererseits widerstanden mir gefühlsmäßig sowohl die gepredigte Gewaltbereitschaft wie die völlige Unduldsamkeit gegenüber anderen Meinungen und sogenannten "Scheißliberalen" der maßgeblichen Vertreter der Bewegung, auch wenn ich der scheinbaren Rationalität mancher Argumentation intellektuell nicht gewachsen war und ihr daher oft hilflos gegenüber stand.

Andererseits hat Habermas schon kurz nach den gewalttätigen Osterunruhen von 1968 mit ihren Versuchen, die Auslieferung von Springerzeitungen zu verhindern, darauf hingewiesen, "dass die neuen Formen der Provokation ein sinnvolles, legitimes und sogar notwendiges Mittel sind, um Diskussionen dort, wo sie verweigert werden, zu erzwingen". (in einem Brief vom 13.5.68) Das hatte ich bei allem Unbehagen an den Formen des Protest vorher auch so gesehen, doch wandte ich mich wegen der Gewaltanwendung damals von der SDS-Position ab.
Überzeugt hat mich Habermas mit der Vorstellung, dass Wahrheit (für uns) sich nur aus einem herrschaftsfreien Diskurs entwickeln könne. Und in der Idee der Wikipedia - nicht in der Praxis im Einzelfall - finde ich dies Diskursprinzip erfreulich weit entwickelt.
Im Historikerstreit 1986/87 hat er kurz vor der Wende zu Nationalismus und Neoliberalismus, die mit dem Zusammenbruch des Ostblocks kam, in der Bundesrepublik die Rückkehr zu einem Nationalismus der Selbstrechtfertigung verbaut.
Leider hat niemand die katastrophale Selbstrechtfertigung der Umverteilung zugunsten der Reichen verhindert.
Die ZEIT titelt heute (10.6.09) "Weltmacht Habermas" und Th. Assheuer schreibt eine schöne Würdigung. Besonders gefällt mir, dass er herausstellt, Habermas' Gedanke, dass die Moderne (Kapitalismus, Technik und Wissenschaften) die Lebenswelt bedrohe, heiße auf heutige Verhältnisse übertragen: "Eine Form ökonomischer "Kolonialisierung" steckt in der Forderung, die Gesellschaft müsse von der Wiege bis zur Bahre als Profitcenter organisiert werden."
Noch mehr gefällt mir aber die Seite 50, wo Wissenschaftler aus aller Welt über die Bedeutung sprechen, die Habermas in ihrem Lande habe. Natürlich freue ich mich über die Wertschätzung in China und Japan und werde beschämt von dem Hinweis, an spanischen Gymnasien lerne im Pflichtfach Philosophie jeder den Namen Habermas. Denn ich habe zwar in der Oberstufe in letzter Zeit auf Habermas hingewiesen, aber nie den Eindruck gewonnen, echtes Interesse wecken zu können.
Warum freut mich die weltweite Anerkennung? Sein Versuch, Denkergebnisse unterschiedlicher Schulen einzubeziehen, imponiert mir. Und der Mensch Habermas mit seinem starken politischen Engagement und seinem gar nicht hoheitsvollen Auftreten ist mir einfach sympathisch.
Was ich nicht wusste, war, dass nicht Adorno, sondern Horkheimer seine Habilitation in Frankfurt hintertrieb und dass es Gadamer war, der ihm ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft besorgte. Geläufig war mir, dass Abendroth die Habilitation betreute.

02 Juni 2009

Maeve Binchy: Light a Penny Candle

Wie tüchtige Frauen das Leben meistern, obwohl es Männer gibt. Oder: eine Sicht, aus der Jane Austens Romane wie Kitsch erscheinen können.
Angesiedelt in einem Londoner Vorort der Nachkriegszeit und der irischen Provinz. Zwei Mädchen werden Frauen.
In der ersten Phase (1940 - 1945) ist Elizabeth White wegen der Bomben auf London von ihrer Mutter zu ihrer alten irischen Schulfreundin nach Irland aufs Land geschickt worden. Die Darstellung dieser Zeit wird beherrscht von der Supermutter Eileen, die die warme Familienatmosphäre schafft, in der Elizabeth mit der gleichaltrigen Aisling, Tochter von Eileen, eine Freundschaft fürs Leben schließen kann.
Diese Phase schließt mit der Todesnachricht, die Eileen über ihren 20-jährigen Sohn erhält, der für England kämpfend in Italien gefallen ist. Eileens Stärke beruht auf ihrer Glaubensgewissheit. Diese macht allerdings auch die Verständigung mit der moderner denkenden Tochter und ihrer Freundin Elizabeth schwerer. Doch werden die beiden Frauen der jüngeren Generation mit ihrer freieren Auffassung des Zusammenlebens der Geschlechter nicht glücklich.
Kurz nachdem Elizabeth White mit 15 Jahren nach Hause gekommen ist, trennt sich ihre Mutter von ihrem Mann. Das lässt Elizabeth vorzeitig erwachsen werden, ihr Vater wird es nie.
Die männlichen Figuren sind durchweg defizitär, aber ich kann alle Beschränkungen ihrer Weltsicht bei mir entdecken. Eine durchaus fesselnde Lektüre. Von mir erst entdeckt, als meine Tochter darüber hinaus gewachsen ist.
Hypothese: Der Durchschnittsmann ist nicht drei oder fünf, sondern dreißig Jahre hinter der Entwicklung einer Durchschnittsfrau zurück. Bei einem Ausnahmemann wie Klausner, waren es nach der Darstellung von Amos Oz eher 60 Jahre.
Bevor ich die aussortierten Binchy-Romane ins Antiquariat gebe, habe ich noch etwas zu lesen.

Die Formel von tüchtige Frauen/defizitäre Männer stimmte bis Seite 200 so halbwegs. Dann gibt es auch deutlich weniger defizitäre Männer und recht defizitäre Frauen, sogar die Heldinnen machen nicht alles richtig, und bei den Männern kommen alles in allem so viele Defizite zusammen, dass ich besser nicht behaupte, alle in mir zu vereinen. Die Jungmädchengeschichte weitet sich zu Geburt und Tod, um dem Epischen Raum zu geben.

09 Mai 2009

Identität und Veränderung

"Manchmal, nach einer Unterredung mit japanischen Finanziers oder deutschen Börsianern, sah ich mein Spiegelbild in der Aufzugstür - Anzug und Krawatte, eine Aktenmappe unter dem Arm -, und für den Bruchteil einer Sekunde sah ich mich als Industrieboss, der Anweisungen erteilt und Verträge unterschreibt, bevor ich mir in Erinnerung rief, was mein Ziel war, und mir wegen meiner Willensschwäche Vorwürfe machte. (S.150) [...]
Manchmal wundere ich mich noch heute, wie sehr dieser erste Kontakt mit [...] mein Leben verändert hat." (S.151)

Heute ist der damals 22jährige Boss, "der Anweisungen erteilt und Verträge unterschreibt", und doch scheint es, dass er das nur werden konnte, weil er seinem Ziel treu blieb und weil sein Leben so verändert wurde.

13 April 2009

Peter Schneider zu 1968

Peter Schneider berichtet in Rebellion und Wahn. Mein '68 (Kapitel 31, S. 203ff) Interessantes zu Dutschkes Bombenattentatsversuch.
Dutschke flog mit Bahman Nirumand von Berlin nach Frankfurt. In einem Koffer führten sie eine Bombe mit sich, um einen Sendemast des AFN in Saarbrücken in die Luft zu sprengen. Im Franfurter Flughafen wurden sie von der Polizei vernommen, ihnen wurde jedoch gestattet, vorher den Koffer in die Gepäckaufbewahrung zu geben. In Saarbrücken fanden sie den zu sprengenden Sendemast nicht. Sie flogen mit dem Koffer nach Berlin zurück und gaben ihn einem Freund in Verwahrung. Es gibt das Gerücht, dieser habe den Koffer mit der Bombe unter sein Bett geschoben und wochenlang so geschlafen.
Eine ähnlich Geschichte erzählt man sich von Dynamit, das ein reicher Bekannter überraschend mitbrachte. Dies wurde im Kinderwagen zu Bekannten gebracht. Rudi und Gretchen Dutschkes Sohn Hosea Che lag über dem Sprengstoff.
Im Herbst 1967 entwickelten Christian Semler, Bernd Rabehl und Wolfgang Lefèvre den Plan, einen Staatsanwalt zu entführen, doch konnten sie sich nicht über die genauen Regelungen für die Durchführung einigen (S.206f.)
Bemerkenswert auch, dass Schneider in Trient das intensivste Verhältnis zum zweiten Mann in der Hierarchie der revoltierenden Studenten hatte (S.322), zu Renato Curcio, dem späteren Führer der roten Brigaden.

04 April 2009

Keine Geschichte Indiens

Unter dem Titel "Eine kleine Geschichte Indiens" wird ein engagiertes Plädoyer für ein pluralistisches Indien von Shashi Tharoor vertrieben. Leider ist es eine Mogelpackung. Zwar ist ihm eine Tabelle zur Geschichte Indiens beigefügt, aber selbst die beginnt erst 1947.
Wer glaubte, anhand dieses über 400 Seiten starken Werkes seine Kenntnisse über die Geschichte Indiens deutlich erweitern zu können, wird bitter enttäuscht.

29 März 2009

Tellkamps Turm

Uwe Tellkamp: Der Turm:
Die Fahrt mit der Standseilbahn erinnert mich an das erste Kapitel von Musils "Mann ohne Eigenschaften". Dazu passend die vielen genau beschriebenen Wege durch das Viertel und nach und in Ostrom. Autoren als Zensoren. Der Alte vom Berg. (Dazu: Turm als Schlüsselroman)
Arbogast. Die ausführlich beschriebene naturwissenschaftlich angereicherte Pracht in historischem Stil. Das Ausfragen auf der Basis von vorherigen Erkundigungen. Ähnlich der Allwissenheit der Stasi. Die wilden Hunde. Der Schreck am Tor. Hier etwas von Kafkas Prozess, der sonst dem Bewilligungsgebäude mit seinen vielen buchstabenkodierten Abteilungen seine Schrecken leiht. Die Rechtfertigung der Niederwerfung des Prager Frühlings.
Christian als der Sympathieträger.
Stasi "Dialog über Kinder": "Wenn diese Kinder nun bestimmte Talente besitzen, wäre es doch fahrlässig für einen Vater, sie nicht zu fördern, so gut er kann." (S.257f.)
Flüstergespräche der Ehepaare auf der Straße, das Gelächter der Angst.
Die Karavelle (Wikipediaartikel: "Vorbild für das Haus „Karavelle“ sei die Jugendstilvilla, in der Uwe Tellkamp aufgewachsen ist"), Falter im Treppenhaus, Meno: "Laß uns ein wenig sehen üben." (S.270) - Freut sich Christian wirklich?

24 Februar 2009

Der Bumerang, der vom Herzen fällt

Mariaschwarz langweilt mit dem Aufbau seiner Kunstwelt mit dem schwarzen See und dem weißen Haus, dem Unfall, der keiner war und dem Geheimnis, das niemand aufzudecken sucht.
Es langweilt mit seiner Auflösung, gefühlte 50 Seiten vor Schluss, und auch mit dem Happy End.
Dazwischen aber gelingt es Julia Roberts, dem Ermittler, der "Maschine, die fühlen kann" im Film des neben ihm sitzenden Nachbarn im Flugzeug, dem Ermittler doch ein wenig Empathie für die Person zu vermitteln, die für ihn der Schlüssel zu seinem Kriminalfall ist.
Von da ab zeigt der Autor, der Leser ist auf Seite 130 angelangt, dass er an sich erzählen kann.
Marionettenhaft werden die Personen wieder, sobald der Ermittler wieder in die Kunstwelt zurückkehrt.
"Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Aber es war ein Bumerang", heißt es an einem Kapitelende.
Sollte das ein Bild für den Leser sein, der nach der Lektüre noch im Literaturzirkel über das Buch sprechen muss?
"Heinrich Steinfests Kriminalroman "Mariaschwarz" amüsiert nicht nur, sondern vermittelt mit seinem behutsamen Umfassen des Auseinanderbrechenden Geborgenheit. Und das ist etwas Seltenes in der Literatur geworden", heißt es in der Besprechung der Stuttgarter Zeitung.
Ja, damit wird der Leser das Buch chrakterisieren und loben, dass der Erzähler ein Loblied auf Thomas Bernhard singt.

03 Februar 2009

Marschall Keith bei Hochkirch

Es gelingt Keith nicht, Friedrich davon zu überzeugen, dass die ausgewählte Stellung so schlecht ist, dass sie, koste es, was es wolle, verlassen werden muss. In einer der beiden schwersten Niederlagen Friedrichs II. findet Keith den Tod.
Friedrich rechtfertigte sich später, es habe noch nicht genug Brot als Marschverpflegung gegeben. De Catts Darstellung seiner Gespräche mit Friedrich macht wahrscheinlich, dass dieser von den Nachrichten über den schlechten Gesundheitszustand seiner Schwester so niedergedrückt war, dass er die Mängel seiner Stellung nicht zu sehen im Stinde war.

27 Januar 2009

Friedrich II., Helmut Schmidt, Barack Obama

Alle drei sind durch ein hohes Verantwortungsgefühl gekennzeichnet.
Sie unterscheiden sich darin, wem und wofür sie sich verantwortlich fühlen.
Friedrich II. fühlte sich, wie sein Wort "Ich bin der erste Diener meines Staates" klar macht, für den preußischen Staat verantwortlich, nicht für das Volk. Die Instanz, vor der er sich verantwortlich fühlt, könnte aus seiner Sicht die Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger auf dem preußischen Thron gewesen sein, vielleicht hätte er sie aber auch, wie wir heute es tun würden, die Geschichte genannt.
Helmut Schmidt hat immer wieder betont, er sorge sich nicht um seinen Platz in der Geschichte, sondern um die Menschen, für die er verantwortlich sei. Demnach wäre es nicht der Staat, sondern die Gesamtheit seiner Bewohner, denen gegenüber er sich verantwortlich fühlte. Das ist gut demokratisch gedacht. Dennoch fühlte er sich verpflichtet, auch rechtlich nicht vorgesehene Schritte zu ergreifen, wenn er es für das Retten von Menschenleben für erfolgreich hielt (Hamburger Flutkatastrophe und seine Kommentare dazu).
Barack Obama scheint sich nicht allein für sein Volk, sondern auch den Schwarzen allgemein, vielleicht der Menschheit insgesamt verantwortlich zu fühlen.
Meine Einschätzungen gewinne ich aus de Catt: Gespräche mit Friedrich dem Großen; den zahlreichen Veröffentlichungen aus Anlass von Schmidts 90. Geburtstag, nicht zuletzt einigen Fernsehinterviews aus früherer Zeit; und schließlich aus Obamas "Ein amerikanischer Traum".

24 Januar 2009

Schläft ein Lied ...

Eichendorffs Wünschelrute wird im Blog Romantische Schule besprochen. Die Schüler konzentrieren sich bei ihrer Diskussion nicht zu Unrecht auf das Wort triffst.

Ich denke, Eichendorff hält sich schlicht an den Sprachgebrauch. Wenn man das einzig richtige Wort meint, spricht man vom treffenden Wort, nicht vom gefundenen oder gesprochenen. Und wenn man mit einer Charakterisierung den Nagel auf den Kopf getroffen hat, fühlt sich der andere getroffen (manchmal auch betroffen) und nicht gefunden oder besprochen.
Aber natürlich hat eine Diskussionsteilnehmerin es meiner Meinung nach getroffen, wenn sie darauf verweist, dass man bei Treffen Zufall oder Glück assoziiert: Ein treffendes Wort kann man finden. Das Zauberwort zu treffen ist Glück oder Gnade.

Dass ein Wünschelrutengänger die Wasserader nicht spricht und nicht einmal über eine Suchstrategie findet, sondern auf sie trifft, braucht man dabei noch nicht einmal heranzuziehen.

10 Januar 2009

Ludwig Marcuse: Mein 20. Jahhundert

"Ich habe manchem Schriftsteller, den ich kennenlernte, seine Werke verziehen." (S.147)

"Die Ökonomie, Technik und Politik Rußlands in den dreißiger Jahren ist eine ferne Vergangen heit. Nicht vergangen ist die eherne Philosophie des Industrie-Staats: das Ersetzen alles dessen, was je "Bildung" war, durch das nützliche Wissen." (S.239)

Ende der 50er Jahre als Professor in den USA ist er enttäuscht von magelnder Leidenschaft der Jungen Generation. Kluges schreibt er zu einem amerikanischen Campus im Unterschied zur traditionellen deutschen Universität der zwanziger Jahre des 20. J.

08 Januar 2009

Die Straßen werden zu Staub, bevor sie zu Sand werden

Peter Kurzeck erzählt vom Ackerbürgerstädtchen Stauffenberg, in dem er als Flüchtlingskind seine ersten Kindheitseindrücke gesammelt hat und das er deshalb das Dorf nennt, in einer so eindrucksvollen Lebendigkeit, dass er anders als bei geschriebenen oder erfundenen Texten als Erzähler vor einem steht. Ein Hörbuch, in dem man Erzählen als mündliche Ausdrucksform intensiv erlebt und sich an Erzähltes, das man in der Kindheit von Erwachsenen gehört hat, erinnert fühlt.