29 September 2017

Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl
Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson


"Es gibt nichts Älteres, heißt es, als die Zeitung von gestern. Doch das kommt darauf an. Als der Schriftsteller Uwe Johnson im Sommersemester 1979 Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt war, erzählte er von seiner Zeit in New York und der Suche nach Material. Während seine Kollegen – Johnson war Angestellter eines Schulbuchverlags – auf einen Schlüsselroman im Verlagswesen hoffen, grast er 1966 und 1967 New York und dessen unmittelbare Umgebung nach etwas ab, wovon er selbst nicht weiß, was es sein kann. „Fast war das vereinbarte Jahr vorüber“, als Johnson am 12. April 1967 auf Gesine Cresspahl stößt: „Ob sie wohl in Restaurants in ihrem Mantel sitzt? die Brille im Haar traegt?“. In der nächsten Woche habe er sie dienstags in Richtung Sixth Avenue gehen sehen. „Meine Damen und Herren, Sie werden mir vorhalten, sicherlich sei ich der einzige gewesen auf der ganzen 42. Strasse einer Gesine Cresspahl zu begegnen“. Doch keine andere aus seinem erzählerischen Kosmos habe dort gehen können und nirgendwo hätte das „Mecklenburger Kind, aufgewachsen eine Stunde Fußweg von der Ostsee“ anders wohnen können als am Riverside Drive an der Westküste Manhattans, dort wo Johnson selbst lebte.
Dank der Rockefeller Foundation blieb Johnson noch bis zum August 1968 in New York. Vom 29. Januar an schrieb er an den „Jahrestagen“, die (undatiert) am 20. August 1967 an der Küste New Jerseys beginnen [...]
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"Nur wer Heimat ausschließlich mit Herkunft verknüpft, kann sie allein für die Herkommenden beanspruchen und sie den Ankommenden nicht gewähren wollen – gedanklich wie tatsächlich. Kann ausgrenzen, markieren und herabsetzen. Doch nicht einen Roman kann man in die Hand nehmen, kein Musikstück hören, keine Reise unternehmen, nicht eine Freundschaft pflegen, ohne zumindest eine Ahnung vom Glück einer Heimat des Ankommens zu haben." (Heimat als „Ort des Ankommens“)

Heimat als Ort des Ankommens“ ist im Deutschen nicht die naheliegendste Assoziation,
man kennt sie aber in der Redewendung des "Sichbeheimaten".

27 September 2017

Euripides: Iphigenie in Aulis (Klytämestra, Achilles, Iphigenie, Agamemnon)

Klytämestra hat Agamemnons zweiten Brief nicht erhalten und trifft mit Iphigenie und Orest im Heerlager der Griechen ein. Dort erfährt sie, dass Agamemnon Iphigenie opfern will. Sie teilt das Achilles mit. Der verspricht ihr zu helfen. 

Klytämestra: Und gibt's im Himmel Götter, mußt du, edler Mann,
              Lohn ernten – gibt es keine, was bemühn wir uns?

Obwohl immer wieder von der göttlichen Herkunft der adligen Helden gesprochen wird, zweifelt Klytämestra bei Euripides also an der Existenz der Götter, verwendet aber eine verkürzte Form der Pascalschen Wette, zur Rechtfertigung ihres Glaubens. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen Agamemnon.


KLYTAIMESTRA.
Nun denn, so höre: offen will ich reden und
Nicht, wie zum Vorspiel, mehr in Rätseln sprechen hier.
Fürs erste – um von diesem Vorwurf auszugehn –:
Du nahmst zur Frau mich wider Willen mit Gewalt,
Nachdem du Tantal, meinen ersten Mann, in Fehd
Erschlagen, mein Kind von der Brust mir mit Gewalt
Gerissen hattest und zur Beute hingetan.
Und Zeusens Zwillingssöhne, meine Brüder, zwar,
Zu Rosse blinkend, überzogen dich mit Krieg,
Allein mein alter Vater Tyndar schirmte dich,
Den Flehnden, und verlieh dir wieder meine Hand.
Mit dir versöhnt dann, wirst du selbst bezeugen, wie
Ich dir ein tadelloses Weib im Hause war,
In keuscher Treue sittsam, daß der Segen wuchs
In deiner Wohnung und du wiederkehrend stets
Froh und zufrieden, wenn du ausgingst, glücklich warst. [...]
Du opferst sie! Was sprichst du für Gebet' dabei?
Wie willst du Segen dir erflehn beim Kindesmord?
Und ziemt es mir, um Segen wohl für dich zu flehn?
Oh, dann für sinnlos hielt ich wohl die Götter, wenn
Ich dem gewogen wäre, der die Meinen schlug!
Und willst du deine Kinder herzen, heimgekehrt?
Du hast das Recht verscherzet! Keines blickt dich an,
Nachdem du ihrer eines hin zur Schlachtung gabst.
Sprich, hast du dieses schon erwogen? [...]

IPHIGENIE
Und statt des Ölzweigs leg ich flehend meinen Leib,
Den hier die Mutter dir geboren, dir ans Knie:
Vernichte meine Blüte nicht! Dies Licht zu schaun
Ist süß! Oh, stoß mich nicht hinab ins finstre Reich!
Ich war die erste, die dich Vater nannte, die
Du Tochter nanntest, die, gewiegt auf deinem Knie,
Liebkosung, holde, gab und hold entgegennahm.
Da sprachst du manchmal: »Werd ich dich, mein Kind, dereinst
In einem reichbeglückten Hause glücklich sehn,
Gesund und blühend, wie es meiner würdig ist?«
Und ich dagegen, deinen Wangen angeschmiegt,
Denselben, die jetzt bittend meine Hand berührt:
»Und ich, mein Vater, wenn du alt bist, werd ich dich
Mit holdem Willkomm grüßen unter meinem Dach,
Mit Pfleg und Wartung dir die Mühn vergelten wohl?«
Und diese Rede lebt in meinem Herzen noch –
Du hast sie nun vergessen, töten willst du mich!
[...]

Johnson: Jahrestage 22. September

22. September, 1967    Freitag
– Mrs. Cresspahl? Mrs. Cresspahl! Wie schön, Mrs. Cresspahl. Ich meine: daß wir uns nun telefonisch kennen lernen. Brewster. Ich meine: Mrs. Brewster, die Gattin. Die Gattin von Dr. Brewster. Ist Ihre Tochter da? Sehen Sie, sie ist nicht da. Sie ist unterwegs, sie kommt, aber sie ist nicht bei Ihnen, stimmts? Hier ist sie auch nicht. Sie war hier, ich meine: sie war nicht gleich hier. Sie war erst in der Praxis von Dr. Brewster an der Park Avenue, aber da war nur Miss Gibson, ja wie das Getränk, und ließ den Hausmeister die Geräte einpacken. Miss Gibson war ein bißchen in Tränen, ich wundere mich immer, meinen Mann mögen ganz unglaubliche Leute leiden, [...]

– so ein höfliches Kind, Mrs. Cresspahl ich beglückwünsche Sie, das war gewiß ihr Sonntagskleid, eine richtige Dame, Sie müssen mir die Adresse von der Schule sagen, wissen Sie meine Töchter so auf dem Lande, es kann ja teuer sein, wir denken nämlich an einen Umzug nach New York, Dr. Brewster bleibt mindestens zwei Jahre in Viet Nam, in Danang, oder Danghoi, gibt mir einer eine Landkarte, also Ihr Kind sieht sich um in unserer Suite, das Biltmore gibt mir immer eine Suite, sie hat nach Dr. Brewster gesucht, nicht wahr, und ich erkläre ihr daß wir ihn nach Newark gebracht haben und daß wir nach New York ziehen und ob sie lieber Cola will oder Sprite, es soll ja bessere Tests haben, und Ihre Tochter sieht mich an, wissen Sie, ich saß auf dem Sofa, Ihre Tochter sah mich an, so auf eine stille Art, als ob sie mich versteht in meinem Kummer, als ob sie es mir ansieht, und was soll ich Ihnen sagen Mrs. Cresspahl, sie dreht sich um, auf dem Absatz dreht sie sich um, weg ist sie, ich war noch auf dem Korridor, sie hätte ja bleiben können, so war es nicht gemeint, weg war sie, so ein taktvolles Kind, Mrs. Cresspahl, und so mutig, jetzt am Abend in der Ubahn, ich bin seit zehn Jahren nicht in der Ubahn gewesen, alle diese Betrunkenen und Neger und Ritualmorde, Sie müssen uns besuchen, ich gebe Ihnen meine Nummer, und natürlich darf Ihre Tochter an Dr. Brewster schreiben, die Briefe gehen dann über mich, und ich möchte Sie beglückwünschen zu einer solchen Tochter, ich rufe dann an Mrs. Cresspahl. Mrs. Cresspahl! Mrs. Cresspahl ich sagte nur noch: Besser rufen nicht Sie mich an. Ich rufe dann Sie an. Es war ein Vergnügen. Ich bin entzückt.

Heute will uns die New York Times endlich das letzte Problem im Gemüt von Swetlana Dshugashwili, Darstellungskünstlerin, zur Prüfung vorlegen: Kann, was gut ist, jemals vergessen werden?

22. September, 1967    Freitag
– Mrs. Cresspahl? Mrs. Cresspahl! Wie schön, Mrs. Cresspahl. Ich meine: daß wir uns nun telefonisch kennen lernen. Brewster. Ich meine: Mrs. Brewster, die Gattin. Die Gattin von Dr. Brewster. Ist Ihre Tochter da? Sehen Sie, sie ist nicht da. Sie ist unterwegs, sie kommt, aber sie ist nicht bei Ihnen, stimmts? Hier ist sie auch nicht. Sie war hier, ich meine: sie war nicht gleich hier. Sie war erst in der Praxis von Dr. Brewster an der Park Avenue, aber da war nur Miss Gibson, ja wie das Getränk, und ließ den Hausmeister die Geräte einpacken. Miss Gibson war ein bißchen in Tränen, ich wundere mich immer, meinen Mann mögen ganz unglaubliche Leute leiden, und eine Freundin von ihr hat einen Verlobten, der hat einen Bruder in Viet Nam, der hat ein Foto geschickt, da hat er so eine Kette von abgeschnittenen Ohren von Viet Congs schräg über der Schulter, und ich habe gesagt Unsinn, erstens sind wir eine zivilisierte Nation, und zweitens werden die Viet Cong nicht Rache an Ärzten nehmen, erst recht nicht an meinem Mann, den mögen ganz unglaubliche Leute gern, sagte ich, aber ich war ja nicht da, ich war schon im Biltmore, wir wohnen doch in Greenwich, Connecticut, kennen Sie Greenwich, Mrs. Cresspahl?

Der Außenminister hat seine Tochter einen Neger heiraten lassen, der überdies Leutnant der Luftwaffenreserve ist und sich um Verwendung in Viet Nam beworben hat.

– Sie müssen uns besuchen in Greenwich, natürlich wenn wir unseren Schmerz verwunden haben, zusammen mit Ihrer Tochter, ein Kind das ich behalten würde, so wie sie Miss Gibson getröstet hat und beim Einpacken half und mit einem Mal gegangen war, ein bescheidenes Kind sagt Miss Gibson, Miss Gibson rief hier an, lassen Sie doch das Gespräch durchstellen sagt sie, wir haben nämlich nichts mehr angenommen, ich bin hier mit meinen beiden Töchtern, sieben und neun Jahre, reizende Kinder, Sie müßten sie sehen, wir können es noch gar nicht fassen, Dr. Brewster, ein Arzt und doch so angesehen, wie er in Newark ins Flugzeug stieg, schon ganz Soldat, und übermorgen ist er in San Francisco und im Oktober in Viet Nam, schrecklich, und diese Flüchtlingskinderlager sollen durchaus unhygienisch sein, wenn er sich nun ansteckt, aber das ist eben unser Beitrag, die Pflicht gegenüber dem Vaterland, das muß auch Ihre Tochter verstehen, es kommt eine Patientin, zehn Jahre, sie will ihn noch einmal sehen, Dr. Brewster, vorher: sagt Miss Gibson.

Seit 1961 sind in Viet Nam, ungefähr, insgesamt 13 365 Bürger der U. S. A. in Kampfhandlungen gefallen.

– so ein höfliches Kind, Mrs. Cresspahl ich beglückwünsche Sie, das war gewiß ihr Sonntagskleid, eine richtige Dame, Sie müssen mir die Adresse von der Schule sagen, wissen Sie meine Töchter so auf dem Lande, es kann ja teuer sein, wir denken nämlich an einen Umzug nach New York, Dr. Brewster bleibt mindestens zwei Jahre in Viet Nam, in Danang, oder Danghoi, gibt mir einer eine Landkarte, also Ihr Kind sieht sich um in unserer Suite, das Biltmore gibt mir immer eine Suite, sie hat nach Dr. Brewster gesucht, nicht wahr, und ich erkläre ihr daß wir ihn nach Newark gebracht haben und daß wir nach New York ziehen und ob sie lieber Cola will oder Sprite, es soll ja bessere Tests haben, und Ihre Tochter sieht mich an, wissen Sie, ich saß auf dem Sofa, Ihre Tochter sah mich an, so auf eine stille Art, als ob sie mich versteht in meinem Kummer, als ob sie es mir ansieht, und was soll ich Ihnen sagen Mrs. Cresspahl, sie dreht sich um, auf dem Absatz dreht sie sich um, weg ist sie, ich war noch auf dem Korridor, sie hätte ja bleiben können, so war es nicht gemeint, weg war sie, so ein taktvolles Kind, Mrs. Cresspahl, und so mutig, jetzt am Abend in der Ubahn, ich bin seit zehn Jahren nicht in der Ubahn gewesen, alle diese Betrunkenen und Neger und Ritualmorde, Sie müssen uns besuchen, ich gebe Ihnen meine Nummer, und natürlich darf Ihre Tochter an Dr. Brewster schreiben, die Briefe gehen dann über mich, und ich möchte Sie beglückwünschen zu einer solchen Tochter, ich rufe dann an Mrs. Cresspahl. Mrs. Cresspahl! Mrs. Cresspahl ich sagte nur noch: Besser rufen nicht Sie mich an. Ich rufe dann Sie an. Es war ein Vergnügen. Ich bin entzückt.

Heute will uns die New York Times endlich das letzte Problem im Gemüt von Swetlana Dshugashwili, Darstellungskünstlerin, zur Prüfung vorlegen: Kann, was gut ist, jemals vergessen werden? (22.9.1967)

»Ich hatte in der Zwischenzeit einen Besuch in den Vereinigten Staaten von Amerika gemacht und muß meinen Gastgebern sehr danken dafür, daß sie meinen Aufenthalt für länger nötig hielten als bloß für drei Wochen, denn ich verfiel damals, 1961, in den üblichen Fehler, begriff in der ersten Woche gar nichts, in der zweiten Woche fast alles, und war am Ende der dritten Woche sicher, die ganze Sache Amerika, jedenfalls Nordamerika, in der Tasche zu haben. Das ist jener Zeitpunkt, in dem die Leute für gewöhnlich ihr Amerika-Buch schreiben – oder zumindest ihre Amerika-Erzählungen. Ich durfte also länger bleiben und mir den Eindruck erwerben, daß dieses Land überhaupt nicht zu begreifen ist.« (Uwe Johnson)

Ich danke dem Suhrkamp-Verlag, der mir über (jahrestage@suhrkamp.de über mail7.suw11.mcdlv.net) die ersten Tage der Jahrestage zugesandt hat.
Ich habe das benutzt, um daraus eine kleine Einführung in diesen vierbändigen Roman 
(1892 S.) zu gestalten. Der Verlag teilt mit "Aufgrund des großen Erfolgs dieser Jubiläumsaktion ist der Jahrestage-Schuber derzeit leider vergriffen." 
Ich habe meinerseits  wieder meine Ausgabe konsultiert, mir wieder eine Reihe von Fernsehsendungen, die ich früher aufgenommen habe, und Bernd Neumanns Biographie "Uwe Johnson" vorgenommen und dankbar auf Rolf Michaels "Kleines Adressbuch" zu den Jahrestagen sowie Johnsons "Begleitumstände" zurückgegriffen.
Hinweisen darf ich außer auf den Wikipediaartikel auch auf den Artikel im ZUM-Wiki zu Uwe Johnson, wo dessen Hommage an Fontanes Schach von Wuthenow vorgestellt wird. 
Hier geht's zur Umfrage des Suhrkamp Verlags zum Jahrestage-Abo. 

Dem Suhrkamp Verlag verdanke ich auch den Hinweis auf  Manfred Bierwischs Erinnerungen bei Youtube. 
Außerdem möchte ich auf Johnsons Kurzbiographie und den Kurzfilm anlässlich Johnsons 80. Geburtstag bei Youtube aufmerksam machen.

Die FAZ bietet an:  Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

26 September 2017

Johnson: Jahrestage 21. September

21. September, 1967    Donnerstag
Unser Haus am Riverside Drive hat einen anderen Eingang im Keller, wo die 96. Straße den Damm unterläuft, unvermutet eine bleigraue Tür nach den offenen Höhlen der drei Garagen, vor dem schwärzlichen Ansatz der Brücke, die Öffnung eines Ganges zwischen geknickten Wänden. Hinter der offenen Tür, die heute näßliches braunes Laub aus dem Park eingesogen hat, sind alle verschlossen: die zur inneren Feuertreppe, die zu den Fahrstühlen, die übrigen, hinter denen Werkzeug und Müllofen stecken. Heute abend ist Mrs. Cresspahl der niedrige Gang zu eng, drückt sie ohne Geduld auf den Knopf, der Mr. Robinson nach unten rufen soll: nicht weil sie eingeregnet ist, nicht weil sie mit Einkaufstüten in beiden Armen schlecht sich wehren könnte: an einem solchen Gang (berichtet die New York Times)
im Keller eines Hauses an der 181. Straße West [...] fand der Verwalter, Mr. Hartnett, gestern zwei Kabinenkoffer, laut Anhänger »Eigentum von Anne Solomon«. Ihr Witwer wußte von solchen Koffern nichts und stellte Mr. Hartnett frei, sie zu öffnen. Der eine war leer. Im anderen befanden sich die Leichen von drei Kindern, eingeschnürt in Dachpappe und Abendzeitungen vom Januar 1920, März 1922 und Oktober 1923, so gut wie Mumien erhalten. Nach Mr. Solomon, der seine Anne erst 1933 geheiratet hat, ist sie vorher Dienstmädchen in White Plains gewesen. Den Koffer kann sie erst 1935, nach dem Einzug in die 181. Straße, heimlich untergestellt haben, um darüber noch bis 1954, zu ihrem eigenen Tod zu leben.

– Eine amerikanische Mutter: sagt Mr. Robinson, denn er bemerkt Mrs. Cresspahls Blick auf die Daily News, die auf dem Hocker neben ihm im Fahrstuhl ausgebreitet ist. Er steht mit dem Gesicht zum Gitter, während er sie aus dem untersten Geschoß nach oben fährt. – Eine amerikanische Mutter: sagt er mit seiner dünnen harten spanischen Stimme: das erste Mal mit 14, dann mit 16, dann mit 17 Jahren, und hat doch noch mit 27 geheiratet. Was hatte sie Jacob Solomon zu sagen?
Mr. Robinson, »Robinson mit dem Profil des Adlers«, seit zwei Jahren einer der drei Fahrstuhlführer in diesem Haus, begann bald Mrs. Cresspahl zu grüßen mit Äußerungen, die klangen wie Auff’iddesen oder gudnmong’, und fand sich widerwillig ab mit ihren englischen Antworten. Mr. Robinson hat Jugendjahre in Deutschland verbracht. Er glaubt diese Ausländerin verstanden zu haben. [...]
Er geht Mrs. Cresspahl aus der Kabine voran und tippt auf ihren Klingelknopf, bis Marie die Tür aufzieht, heute nur bis zum Spielraum der Kette, vorsichtig und nicht ganz erleichtert bei seinem Anblick.
Es wurde gemacht wie du gesagt hast: verspricht er dem Kind, das ihn mit einem erinnernden, wartenden Blick aufhält: Wir haben nachgesehen. Puedes estar segura. En nuestra casa no hay cementerio* particular.
Im Umwenden zwinkert er Mrs. Cresspahl zu. Mitten im Zwinkern hebt er die Hand und betupft sich die Haut im linken Augenwinkel, mehrmals, mit behutsamen Fingern, wie immer, wenn wir sicher glauben daß er lügt. (21.9.1967)

*Friedhof

Euripides: Iphigenie in Aulis (Agamemnon und Menelaos)

AGAMEMNON mit einem Brief in der Hand.
Der Thestios-Tochter Leda blühten Mädchen drei:
Phoibe und meine Gattin Klytaimestra und
Helena, um welche werbend Griechensöhne viel
Erschienen, die mit Gut und Macht gesegnetsten.
Und heftige Drohung schwur man, Mord um Mord, sich zu,
Wenn man der Braut verlustig würde, gegenseits.
Das setzt' den Vater Tyndar in Verlegenheit:
Ob geben, ob nicht geben? Wie das Glück sodann
Anfassen und nicht brechen? Ihm fiel dieses bei:
Die Freier müssen gegenseits sich binden durch
Eidschwur und Handschlag und in heilge Opferglut
Weihspenden gießen und geloben feierlich,
Man wolle, wessen Braut die Tyndarstochter wird,
Dem Hilfe leisten, wenn ein andrer ihm vom Haus
Die Braut entführ und ihn verdräng aus ihrem Bett,
Mit Krieg ihn überziehen, schleifen seine Stadt,
Sei's Grieche oder welscher Mann, durch Waffenmacht.
Nachdem der Schwur gegeben ist und Tyndaros,
Der Greis, sie überschlichen hat mit schlauem Sinn,
Läßt seinem Kind er freie Wahl der Werberschar,
Zu wem sie hinzög Aphroditens holder Hauch:
Und sie erkor – o wär er niemals ihr genaht! –
Den Menelas. Da kam der Obmann – wie die Sag
In der Welt besteht – des Götterstreits aus Phrygien her
Nach Lakedaimon, bunt in blumiger Kleiderpracht,
Von Golde strahlend, voller welscher Üppigkeit,
Und führte, liebend und geliebt, Helenen fort
Im Raub zu Idas Rindertriften! Menelas
War eben auswärts. Dieser rast' sehnsüchtig dann
Umher in Hellas, mahnend an den alten Schwur
Bei Tyndar, daß dem Beraubten Hilfe werden muß.
Und jetzo stürzt das Griechenvolk zum Kriegessturm,[865]
Die Rüstung nehmend, kommt zur Reede am engen Paß
Von Aulis her, mit Schiffen, Schilden allzumal,
Mit Rossen, Waffen, Wagen ausgerüstet; und
Zum Heeresfeldherrn wählt man mich, dem Menelas
Zulieb, als Bruder. Wäre dieser Stab doch nur
In eines andern Hand gefallen, meine nicht!
Und nun das Heer versammelt und geordnet ist,
So liegt man, Fahrwind missend, hier in Aulis still.
Und da wir ratlos waren, sprach des Sehers Mund
Kalchas: Die Göttin, welche hier thront, Artemis,
Heische Iphigeniens Schlachtung, meines eignen Kinds;
Und Fahrt und Schleifung Trojas würd uns dann zuteil
Nach diesem Opfer; ohne solches nimmermehr!
Ich, als ich dies vernommen, wollte lauten Rufs
Das ganze Heer abdanken durch Talthybios,
Indem mein Herz sich sträubte wider Kindesmord,
Bis mich der Bruder, alle Gründ aufbietend, zwang,
Den Greuel geschehn zu lassen! Und ich schrieb ein Blatt
Und sandt es wohlversiegelt meiner Gattin hin,
Als Braut Achills die Tochter herzusenden mir,
Des Mannes Wert hochpreisend, der – so setzt ich bei –
Zu Schiff zu gehn sich weigre mit Achaias Volk,
Wenn nicht von uns ihm eine Braut nach Phthia kommt:
Zur Überredung meiner Gattin diente dies,
Und war die Heirat fälschlich vorgespiegelt nur.
Um dies Geheimnis wissen von den Griechen bloß
Kalchas, Odyß und Menelas: doch was ich schlimm
Damals beschlossen, widerruf und mach ich gut
In diesem Briefe, den ich heimlich durch die Nacht
(An Klytaimestren hinzutragen geb dem Greis,)
Der meinem Haus und meiner Gattin Treue hegt.
[...]
ALTER.
[...]
Was bedrängt dich? Was stieß dir, o König, denn zu?
Komm, teil es mir mit und vertraue dich mir,
Einem biederen, treu dir ergebenen Mann,
Den deinem Gemahl einst Tyndaros ja
Zur Mitgift und
Rechtschaffenem Wärter der Braut gab.
AGAMEMNON.
Nun, eben den Brief hier, den du mich sahst
Aufmachen und mehrmals siegeln, du sollst
Ihn meinem Gemahl hinbringen. Und was
Sein Umschlag birgt, das erfährst du von mir.
ALTER.
Sprich, zeig es mir an, daß das, was ich sag,
Im Einklang sei mit des Briefs Inhalt.
AGAMEMNON.
»Dir, Ledas Sprößling, meld ich
Auf Grund vorherigen Schreibens:
Send nicht dein blühendes Mädchen
Zur Jenseits-Bucht Euböas, dem sturm-
Ruhigen Aulis;
Denn der Tochter Vermählungsschmaus wird
Auf andere Fristen bereitet.«
ALTER.
Wird aber Achill, um die Gattin getäuscht,
Nicht stolzen Gemüts aufbrausen im Zorn
Der Gemahlin und dir?
Hier scheint mir Gefahr! Sag an, was du denkst!
AGAMEMNON.
Nur den Namen, die Tat nicht bietet Achill,
Weiß nichts von dem Plan, von der Heirat nichts,
Noch daß ich das Kind vorgeblich gelobt
Ihm selbst zu verleihn als Gattin
In des Brautbetts keusche Umarmung.
ALTER.
Ein fürchterlich Spiel, Agamemnon, Fürst!
So bringst du das Kind, angebliche Braut
Für den Göttinsohn, als Opfer dem Heer?!
AGAMEMNON.
O wehe! Wie war ich von Sinnen!
Und stürzte in Jammer und Qual mich!
Auf! Rühre den Fuß zu behenderem Lauf,
Und das Alter vergiß!
ALTER.
Sehr eil ich, mein Fürst!
AGAMEMNON.
Und setze dich nicht an buschigem Quell
Zur Ruh! Es beschleicht dich der Schlummer!
ALTER.
Oh, bewahre mich Gott!
AGAMEMNON.
Und wo du vorbei
Einen Scheidweg gehst, merk auf, gib acht,
Daß nicht ein Gespann mit rollendem Rad
Entgehe dem Blick, dich verfehle und her
Mir bringe das Kind zum Danaerheer!
Und wenn das Geleit dir begegnete nun,
Dann lenke zur Umkehr schüttelnd den Zaum
Und jage zurück zum Kyklopengemäur!
ALTER.
Das werd ich!
AGAMEMNON.
Und rasch zur Pforte hinaus!
ALTER.
Doch sage, mein Fürst, wie find ich Vertraun
Für diesen Bericht bei Tochter und Frau?
AGAMEMNON.
Dies Siegel bewahr hier, welches du trägst
Aufs Schreiben geprägt! Geh, schimmernd erhebt
Sich das Frührot schon, und der Morgen erscheint
Mit des Sonnengespanns helleuchtendem Feur!
Nimm mir die Last ab!
Kein Sterblicher freut sich beständigen Glücks
Und Wohlstands je:
Denn noch blieb keiner von Leid frei!
[...]


MENELAOS.
[...]
Als dir Kalchas dann aus Opfern kündet': Deine Tochter sei
Aufzuopfern, und die Flotte könne segeln, warst du froh
Und versprachst dein Kind zu opfern freudig, schriebst freiwillig auch,
Nicht gezwungen – sage das nicht! –, deiner Gattin, daß sie dir
Her die Tochter sende, scheinbar zur Vermählung mit Achill.
Dann entdeckt' sich's, daß du reuig andre Botschaft unterschobst,
Weil du nicht des Kindes Mörder werden willst. Ganz trefflich! Oh!
Dies ist noch derselbe Himmel, der es hörte, was du sprachst!
Tausend andren ging es also, wenn's zum Handeln kam, wie dir:
Willig erst zu jedem Opfer, zieht man dann sich feig zurück,
Teils vor unverständgem Urteil seiner Bürger, teils mit Recht,
Im Gefühl des Unvermögens, was die Pflicht gebeut, zu tun.
Leid nur tut es mir am meisten um das arme Vaterland.
Eine wackre Tat zu üben an den Welschen, diesem Nichts,
War's bereit, und höhnend, deinem Kind zulieb, entläßt es sie!
Setzt mir keinen seines Vorteils wegen ein zum Oberhaupt
Noch zum Waffenlenker: Einsicht sei des Feldherrn erste Kunst!
Herrscher ist ja überall auch, wer den Geist hat und Verstand!
CHOR(FÜHRERIN).
Wie schlimm ist immer zwischen Brüdern Wortgezank
Und Hader, wenn Entzweiung kommt und Zwist erzeugt!
AGAMEMNON.
Schelten will ich dich in Güte, kurz und schlicht, nicht hoch herab-
Sehend, nicht mit dreist erhobnen Blicken: nein, bescheidener,
Wie's dem Bruder ziemt; denn Achtung hegt und gibt ein edler Mann.
Sage mir: was glüht dein Auge blutgefärbt? Was schnaubst du so?
Kränkt man dich? Entzieht dir etwas? Eine Frau fehlt deinem Bett?
Nun, ich kann sie nicht verschaffen! Sie, die deine, hast du ja
Schlecht bewahrt: soll ich den Fehler büßen, der ihn nicht beging?
Wie, mein Ehrgeiz kränkt dich? Aber du begehrst in deinem Arm
Nur ein reizend Weib zu haben, setzest Tugend und Vernunft
Ganz beiseite? Niedre Neigung zeugt von niedrer Denkungsart!
Wenn ich frühre Übereilung nahm zurück mit beßrem Rat,
Bin ich toll? Du bist es eher, der ein schlechtes Weib verlor –
Was der Himmel wohl gemacht hat! – und sie wiederholen will.
Freilich schwur die sinnbetörte, liebestrunkne Freierschar
Jenen Eid dem Tyndar; doch die Göttin Hoffnung riß sie hin,
Mein ich, und bewirkt' es mehr als deine Gunst und deine Macht.

Nimm sie, zieh, wohin du willst! Dein töricht Tun bereust du bald.
[...]

(Euripides: Iphigenie in Aulis)

Wikipediaartikel Iphigenie in Aulis 

25 September 2017

Johnson: Jahrestage 20. September

20. September, 1967    Mittwoch
Gestern oder übermorgen vor sechsunddreißig Jahren bekam Papenbrocks jüngste Tochter die Einladung, Leslie Danzmann in Graal zu besuchen. Ihre Betten hatten in der rostocker Töchterschule Kopf an Kopf gestanden, und Leslie Danzmann machte tatsächlich Ferien in Graal. Sie war die Witwe eines Marineoffiziers, und von seiner Pension konnte sie nur die Nachsaison an der Ostsee bezahlen. Leslie Danzmann war gern gefällig.
Die Freundin aus Jerichow kam nach dem Frühstück in Graal an und schrieb im Speisesaal des Kurhauses Strandperle Ansichtskarten bis in den späten Nachmittag. Leslie sagte ihr die Ausflüge vor: Moorhof, Wallensteins Lager, Gespensterwald, Forsthaus Markgrafenheide. Als sie wieder auf dem Bahnsteig im Wald standen, umarmten sie einander unverhofft, ein ländliches Mädchen in einem zu groß karierten Jackenkleid und eine bleichhaarige Dame im Tennisdreß, beide überschwenglich, die eine wegen des Freundinnendienstes, die andere, weil sie die Ledige nicht hatte warnen mögen. Dann ging sie zur Post, setzte ihre Unterschrift auf die erste Karte an Papenbrock und steckte sie ein.
[...]
 Sie wollte gar nicht ihre Eltern hintergehen; sie wollte ein Geheimnis nicht ausliefern.
Am nächsten Morgen fuhr sie mit der Straßenbahn nach Fuhlsbüttel, holte den bestellten Flugschein ab, stieg in die londoner Maschine, landete in Bremen, landete in Amsterdam, landete neun Stunden später in Croydon bei London, und ließ sich in einer offenen Autodroschke nach Richmond fahren, eine mitgenommene, aufgeregte Touristin, die leicht offenen Mundes auf die vom Dunst des Nachmittags beschwerten rötlichen Straßenfarben starrte, fast überrascht, daß das New Star and Garter Hotel nicht nur in Griebens Reiseführer stand sondern auch am Richmond Hill (acht Schilling. Zwanzig Prozent Arbeitslose in England). Als der Chauffeur über das Trinkgeld verärgert abfuhr, wäre sie ihm am liebsten nachgelaufen. Sie wollte hier nicht mit Fehlern beginnen.
Es war schon dunkel, dicke aschige Nacht, als sie auf dem Hof vor Cresspahls Werkstatt stand. Sie ließ sich Zeit, ihm bei der Arbeit zuzusehen, einem derben Kerl in einem Hemd ohne Kragen, der seit Tagen nicht gegen seine gelben Bartstacheln angegangen ist und leise fluchend mit schweren Zwingen hantiert. Manchmal zwinkerte er in Gedanken, so allein glaubte er sich. Als er endlich mit einer Pfeife vor die Tür trat, konnte er ihr Gesicht nicht erkennen, und erkannte sie.
Sie waren sehr gerührt. Alle Worte, die er ihr über das Haus und über Salomon und über Richmond angeboten hatte, nahmen unverzüglich für sie die Gestalt seiner Treppe, seiner Küche, seines Zimmers und der Gaswerkschornsteine vor dem Fenster an. Sein Besuch in Jerichow nahm unaufhörlich an Wirklichkeit zu. Schon ängstigte sie sich davor, ihn zu verlieren; sie wünschte sich, vor ihm zu sterben.
Cresspahl war erschrocken. (Es war ihm nicht um das Geld, das sie auf diese Reise geworfen hatte; ihm war unbehaglich, da sie sich geeinigt hatten auf sparsames Wirtschaften.) Er war erschrocken über die Einfälle, die er nach diesem von ihr gewärtigen mußte. Ihm war unheimlich, wie blind sie sich in einem Schritt, in einer Zeit mit ihm glaubte; wo ihn noch Fremde und Entfernung scheuerten, bemerkte sie keinen Abstand mehr. Sie kam ihm vor wie das Kind, das beim Eierlaufen vor Überschwang vergißt, das auch die Spielgefährten die zerbrechliche Last ganz, zur Not mit feindseligen Tricks, ins Ziel bringen wollen; er fühlte sich verpflichtet, auch noch dafür zu sorgen, daß sie heil ankam. Jetzt war er ihr nicht nur durch sein Alter überlegen. Sie machte sich abhängig. Das hatte er nicht gewünscht. [...] (20.9.1967)

24 September 2017

Johnson: Jahrestage 19. September - Was Gesinde für Marie tut oder: Klassenschranken

19. September, 1967    Dienstag
Für dein Kind, Gesine Cresspahl, mußte es gleich ein privater Kindergarten sein, und es machte dir nichts aus, daß er veranstaltet wurde in einer Kirche, die Gott von einem Rockefeller zum Andenken an seine Mutter gestiftet war, in geräumigen, sauberen Klassenzimmern hoch über dem Riverside Park und dem Hudson, mit Erzieherinnen, denen es nicht an Lohn fehlte zur Geduld mit den Kindern des Mittelstands, Mrs. Jeuken, Mrs. Davidoff, die Marie glauben machten an eine Welt, in der Freundlichkeit und Mangel an Neid und Gehorsam sich auszahlen, dafür legtest du dich krumm mit anderthalb Monatsgehältern, und deine Entschuldigung war »sie soll es bequem haben beim Lernen der fremden Sprache«. Sollte dein Kind nicht Ansprüche lernen?

Die Briten haben den Sowjets ihren entlaufenen Physiker zurückgegeben. Jetzt sind beide Seiten noch darin einig, daß er ein kranker Mensch ist, und beide Mächte halten einander Mangel an Benehmen vor.

Dein Kind, Gesine Cresspahl, kam aber mit sechs Jahren immer noch nicht in eine städtische Schule, in einen der schäbigen Ziegelkästen, die stinken nach fiskalischem Geiz, in überfüllte Klassen, in denen die Kinder der Armen die Streite ihrer Eltern ausschlafen, in denen unterbezahlte Lehrer mehr auf die eigene Verteidigung bedacht sein müssen als auf den Unterricht, in eine Welt, in der Hieb gilt und Stich und Schlag. Gefielen dir nicht die zerbrochenen Bänke, die stinkenden Toiletten, die öden Zementhöfe hinter deftigem Maschendraht? Oder sollte das Kind nicht Lernen entbehren vor Streiks wie diesem seit sechs Tagen, der heute vier Fünftel der Lehrer von New York von den Schulen fernhält, in dem es nicht nur um ihre Gehälter geht sondern um neue Schulen, kleinere Klassen, disziplinarische Rechte gegen aufsässige Kinder? Sollte in einer Schule für Marie nicht die Polizei erscheinen und Abgesandte der farbigen Bevölkerung aus dem Gebäude prügeln? Gibt es für dich Kenntnisse, vor denen du dein Kind bewahren willst?

»Als Polizist Clarke mit verbundenem Kopf vom Flur heruntergeführt wurde, riefen einige der weiblichen Demonstranten: ›Hoffentlich wirst du sterben!‹«
[...]
Und dein Kind, Mrs. Cresspahl, geht zu den ärztlichen Untersuchungen nicht in eine städtische Klinik, muß nicht warten auf den verwanzten vergammelten Korridoren neben Blutenden, Bewußtlosen, Schwachsinnigen; dein Kind fährt zu einer Praxis an der Park Avenue, angemeldet wie eine Dame, begrüßt wie eine Freundin, ein Besuch fünfzehn Dollar, eine Blutzählung vierzig Dollar. Dein Kind kennt seinen Arzt bei Namen, schreibt ihm Briefe, wagt mit ihm zu telefonieren. Der Arzt deines Kindes hat seine extravaganten Zensuren nicht erworben an einer staatlichen Universität sondern an der von Harvard, und zu deinem Kind kommt der Arzt ins Haus. Wo gibt es das, ein Arzt in New York, jährlicher Umsatz über hunderttausend, kommt bei ein wenig Fieber ins Haus und beschließt die Behandlung mit einem uneiligen Gespräch, locker und müßig auf seinem Stuhl, nicht der freiberufliche Unternehmer, fast ein Freund bei privater Visite? Für dein Kind ist dir das Beste eben genug, Mrs. Cresspahl? Warum für dein Kind? Du hast auch Post, Gesine.

Liebe(r/s) Herr / Frau / Frl. Cresspahl
Ich bin plötzlich und kurzfristig zum aktiven Militärdienst einberufen worden. Bitte regeln Sie offenstehende Rechnungen mit meinem Rechtsvertreter. Seien Sie versichert, daß ich Sie benachrichtige, wenn ich zurückkomme …

Washington, 18. Sept. (AP)
Nach einer heutigen Mitteilung des Verteidigungsministeriums sind die folgenden Männer im Kampf in Viet Nam getötet worden: Leutnant William D. Huyler der Jüngere aus Short Hills, New Jersey; Fachsoldat 4. Grades Harald J. Canan aus Oceanside, Long Island; Gemeiner Laifeit Grier aus Brooklyn: von der Armee; Gefreiter James P. Braswell aus der Bronx und Gemeiner Robert C. Wallace aus Plattsburgh, New York: vom Marineinfanteriekorps. (19.9.1967)

22 September 2017

Johnson: Jahrestage 17. - 18. September

"[...] Cresspahl, zurück in London zu Beginn der 36. Steuerwoche 1931, richtete sich allen Ernstes auf ein Leben mit Papenbrocks jüngster Tochter ein. Die beiden Gesellen, mit denen er für gewöhnlich die Tischlerei unterhielt, sahen ihn nun öfters auf dem mit Hinterhöfen umbauten Hof stehen, den Blick gegen das Ziegelpflaster oder gegen den Schornstein des Gaswerks von Richmond, die Hand im Nacken, tief im Überlegen, ohne je den Kopf über sich zu schütteln. Da sie aber beide länger als ein Jahr für ihn und meistens neben ihm gearbeitet hatten, wiesen sie einander nur mit Lächeln hin auf den Alten, der in der Hitze stand wie ein Blinder, Minuten lang, bis er wieder hörte, daß innen gar kein Hobel mehr ging. Der jüngere, genannt Perceval, ging an einem späten Abend kundschaften und konnte doch nur erzählen, daß der Alte noch bis Mitternacht in der Werkstatt zu Gange gewesen war. Darauf boten sie ihm an, Überstunden zu arbeiten. Aber Cresspahl hatte gar keinen von ihnen entlassen wollen.
Die Firma gehörte Cresspahl nicht. [...]
Es mag drei Wochen gedauert haben, daß er den Anblick eines etwas kleinstädtischen Mädchens, winkend auf den Landungsbrücken von Sankt Pauli, im Gedächtnis fest behielt, die ganze Fahrt von Hamburg nach Kingston-on-Hull bis zum Bahnhof von King’s Cross, einen vollen Tag und zehn Stunden, und dann noch zwanzig Tage bei der Arbeit, noch bei dem letzten Abendessen mit Elizabeth Trowbridge. Dann schickte Lisbeth Papenbrock ihm ein Werk des gneezer Lichtbildners Horst Stellmann, Portraits seine Spezialität: ein nicht auffälliges Mädchen, das seine Haare mit einem Mittelscheitel geteilt hat und seitlich über die Ohren gelegt hat, Lisbeth Papenbrock mit den Händen vor dem Bauch aufgebaut vor Stellmanns eigenartig gerafften Vorhängen. Sie blickt vorsichtig und belustigt auf die Plattenkamera, an der Stellmann sich windet unter seinem schwarzen Tuch, und ihre Lippen waren ein wenig offen. Alle früheren Bilder vergaß Cresspahl sogleich." (17.9.1967)


18. September, 1967    Montag
Wo wir wohnen ist der Broadway alt. Wir sind weit von seinem legendären Stück oberhalb des Times Square, wo der rasche Umsatz den verwitterten Turm der New York Times mit Sandstrahlgebläsen weiß poliert hat, wo alte Häuser klammheimlich niedergemacht werden hinter mattenbehängten Gerüsten, wo die soliden Türgriffe und Schlösser und Treppengeländer des Astor Hotels versteigert werden, damit Platz wird für Glas und Kunststoff und eloxiertes Aluminium, wo die Straße ausgehängt ist mit ungeheuren Tüchern aus Licht, flackernd unter Kinobaldachinen, den unreinen Farben des Neongases, laufenden Schriftbändern, unter Punktstrahlern, unter Scheinwerfern und den kreisenden, springenden, platzenden Leuchtreklamen. Bei uns, auf der Oberen Westseite von Manhattan, sind die Lichter geringer, und hängen tiefer.
Unser Broadway beginnt an der 72. Straße, wo er auf die Amsterdam Avenue trifft und ihr den Verdipark abschneidet. Hier teilt ein geräumiger Mittelstreifen, an den Kreuzungen mit Querbänken und gelegentlich mit Gebüsch besetzt, ihn in zwei breite Fahrbahnen. Zu beiden Seiten der Straße sind Muster der Renaissance in elefantischen Baumassen aufgetürmt, und weit in den Norden hinein zeugen die vielfenstrigen Kästen unter ihren gefühlvollen Gesimsen von dem fiebrigen Vertrauen in den Baumarkt, der um 1900 zu galoppieren anfing, als die Ubahn unter den Broadway gelegt wurde. Es sind Hotels, Lichtspieltheater, Appartementhäuser einer Zeit, in der Gewinne angelegt wurden, als Jugendstil oder italienisches Gerank um Knie und Stirn der Häuser noch ihren Wert anzeigen sollte. Der Auftrieb hat nicht gereicht für eine geschlossene Kolonne dieser dekorierten Ungetüme, zwischen ihnen hocken ärmlich und vierstöckig die zaghafter kalkulierten Miethäuser, die sich weniger Mühe machten mit dem Verbergen ihrer Feuerleitern, nun stellt ihr Alter sie bloß. Wenige Hotels haben die vermögende Kundschaft halten und die Reputation wahren können, die die Fassade verspricht; vornehmlich beherbergen sie jetzt Dauergäste, verarmte Pensionäre, kaum Leute mit Kindern. Die Appartementhäuser müssen ihre Wohnungen nicht lange ausbieten, zwar hilft ihre Adresse nicht dem Ansehen, aber sie sind versorgt mit Ubahnstationen, Buslinien in alle vier Richtungen, und ihre unteren Geschosse sind in dichter, nicht gebrochener Kette vollgestopft mit Geschäften, mit Feinkostläden und Superhandlungen, mit Waschsalons, Friseurstuben, Imbißhallen, Gemüsemärkten, Bars, Ladenkirchen, Schuhbesohlanstalten, Reinigungsfilialen, Steuerberaterfirmen und Fahrschulen und Reisebüros, wenngleich die Auslagen mitunter verstaubt sind, die Textilien Ramsch und die Theken nicht so blitzblank wie auf der Ostseite.  (18.9.1967)

Uwe Johnson: Jahrestage

21 September 2017

Johnson: Jahrestage 16. September

Sonnabend ist der Tag der South Ferry. Der Tag der South Ferry gilt als wahrgenommen, wenn Marie mittags die Abfahrt zur Battery ankündigt.
Die Fähren zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island sah sie zum ersten Mal vom Touristendeck der »France« aus, da mußte sie noch über die Reeling gehoben werden. Sie starrte feindselig auf den Hochhauskaktus Manhattans, der zu Riesenmaßen wuchs, statt zu menschlichen abzunehmen; mit Neugier betrachtete sie die Fährboote, die neben dem Überseeschiff das new yorker Hafenbecken ausmaßen, mehrstöckige Häuser von blau abgesetztem Orange, rasch laufend wie die Feuerwehr. Sie nickte benommen, als Gesine ihr die Fahrzeuge nicht erklären konnte; bei einem Ausflug erkannte sie den Typ auf den zweiten Blick, obwohl die Fährportale ihr das Äußere mit Scheuklappen zugehängt hatten.
Die South Ferry war ihr erster Wunsch an New York, dringend genug, wieder und wieder seine Wirklichkeit ohne Nörgelei abzuwarten: die Fahrt mit dem Brooklyn-Expreß bis zur Chambers Street, die Bummelei auf der Lokalstrecke bis zur kreischenden Schleife der Ubahn um die Station South Ferry, der Aufstieg aus dem Untergrund in den weiträumigen Wartesaal, alles ohne Eifer und Eile. Wenn aber die großen Türen hinter die Wände gerollt wurden, begann sie an Gesines Hand zu ziehen über die Gänge und Brücken zum Schiff, als hätte sie da in all dem Platz für dreitausend Leute einen einzigen und eigenen zu verfehlen. Damals beschrieb sie New York in Zeichnungen für düsseldorfer Freunde als einen bloßen Hafen für orange vielfenstrige Schwimmhöhlen, in denen neben reichlich Autos ein Kindergarten versammelt war. Damals ließ sie sich noch fragen, warum sie Gesines arbeitsfreie Zeit aufgab für Ausfahrten mit der South Ferry: weil es ein Haus ist, das fährt; weil es eine Straße zwischen den Inseln ist, die sich selbst übersetzt; weil es ein Restaurant ist, in dem man reisen kann, ohne sich einen Abschied einzuhandeln.
Und an den Drehkreuzen der South Ferry durfte sie zum ersten Mal in der Stadt selbst eine Fahrt bezahlen; hier war sie unter die Bürger aufgenommen worden. [...] (16.9.1967)

20 September 2017

Dieser Sommer ist vorüber. (Johnson: Jahrestage 15. September 1967)

15. September, 1967    Freitag
Dieser Sommer ist vorüber.
In der letzten Woche sind in Viet Nam 2376 Menschen beruflich am Krieg gestorben. Gestern bestritten die Sowjets, daß sie einen ihrer Schriftsteller im Arbeitslager mißhandeln. Die Lehrer der öffentlichen Schulen streiken weiter. Südkorea will einen Zaun aus Draht und Elektronik an seiner Nordgrenze errichten. [...] Bei der Siegesparade auf dem Riverside Drive ging Marie neben Rebecca Ferwalter am Rande einer Reihe, als gehörte sie hinein, nicht im blauweißen Aufzug, aber winkend mit einem Fähnchen, dem Davidsstern. [...] Dieser Sommer ist vorüber. In diesem Sommer ist der milliardenfache Revolutionsgewinner Tschombe nach Algerien entführt worden, und seine ehemaligen Freunde schärfen das Fallbeil. In diesem Sommer begann der 33. militärische Konflikt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, [...] Dieser Sommer ist vorüber, das ist unsere zukünftige Vergangenheit, das sind unsere Lebenserwartungen. Aber noch unter dem Broadway, auf dem Bahnhof 86. Straße, auf dessen Mittelgleisen ein Expreß donnernd nach Norden durchfährt, sehen wir auf die erstarrten, blicklosen Leute in den ruckenden Fenstern des Zuges und ängstigen uns davor, einmal nicht mehr zu ihnen zu gehören, vor einer Zukunft, da wir nur noch mit dem Heimweh leben könnten in New York.(15.9.1967)