27 September 2026

Walter Isaacson: Steve Jobs

 Walter Isaacson: Steve Jobs,  2011, 700 S. 

Dass es "die autorisierte Biografie" ist, nimmt aus meiner Sicht der Lektüre etwas von ihrem Reiz. Das Lob überwiegt zu stark. Zum Inhalt des Buches kann man das Wichtigste den Wikipediaartikeln zu Buch und Leben entnehmen.

Zitate:
Publicityfeuerwerk
Im Laufe der Jahre wurde Steve Jobs zum Großmeister der Produkteinführung. [...] Jobs schaffte es jedes Mal, ein ein wahres Publicityfeuerwerk zu entzünden, das eine Art Kettenreaktion auslöste. Angefangen bei Macintosh im Jahr 1984 bis zum iPad im Jahr 2010 wiederholte sich das Spektakel in schöner Regelmäßigkeit. Ein um das andere Mal führte Jobs wie ein Zauberer seine Kunststücke vor, und die Journalisten fielen allesamt darauf rein, selbst wenn sie die Tricks schon unzählige Male gesehen hatten, und wussten, wie sie funktionierten. [... Er verfügte] über ein intuitives Gespür, wie man Sensationslust und Konkurrenzdenken unter Journalisten anheizte und exklusiven Zugang zur Informationen gegen großzügige Berichterstattung tauschte. (S.197)

Gates und Jobs: Wenn sich Umlaufbahn kreuzen
In der Astronomie spricht man von einem Doppelstern oder Binärsystem, .wenn sich die Umlaufbahn von zwei Sternen wegen der wechselseitigen Anziehung kreuzen [...]. 
Gates und Steve Jobs mochten ähnliche Ziele hinsichtlich der / kommerziellen Verwertung von Technik verfolgen, aber ihre Persönlichkeiten hätten kaum unterschiedlicher sein können, und auch ihr Background hatte nicht viel miteinander gemein. [...] 
'Jeder von ihnen hielt sich für den Klügeren. Aber Steve behandelte Gates im Allgemeinen, als wäre er nicht ganz ernst zu nehmen, besonders was Geschmacks- und Stilfragen angeht', sagte Andy Hertzfeld. 'Bill wiederum schaute auf Steve herab, weil er nicht richtig programmieren konnte.' Von Anfang an war Gates von Jobs fasziniert, beneidete ihn um seine hypnotische Wirkung auf andere. Gleichzeitig fand er ihn 'äußerst selbstsam' und 'menschlich gesehen, ziemlich übel', Jobs' Unhöflichkeit war ihm ebenso zuwider wie dessen Neigung 'einen /entweder wie einen Volltrottel zu behandeln oder sich anzubiedern'. Umgekehrt fand Jobs Gates enervierend engstirnig. [...] 
30 Jahre später zollte Gates Jobs widerwillig Respekt. 'Von Technik hatte er nie viel Ahnung, aber er hat einen unglaubliches Gespür für das, was man machen und erreichen kann', sagte er. Jobs ließ keine entsprechende Anerkennung von Gates Stärken verlauten. 'Bill hat keinerlei Fantasie und hat nie etwas erfunden, weshalb er sich jetzt wahrscheinlich auch lieber auf dem Gebiet der Philanthropie als auf dem der Technologie herumtreibt', beschied Jobs hämisch. 'Er hat schamlos die Ideen anderer Leute geklaut.' (S.206/207)
"Zu dieser Zeit war Jobs längst König und Gates noch Lakai: 1984 belief sich der Jahresumsatz von Apple auf 1,5 Milliarden Dollar gegenüber 100 Millionen bei Microsoft."
(S.208)

"Bald wusste beinah ganz Silicon Valley, dass Jobs heimlich, still und leise an Amelios Stuhl sägte. Es war weniger ein machiavellistisches Machtspiel als eben einfach Jobs. Es lag in seiner Natur, immer die Kontrolle haben zu wollen." Eine Redakteurin der Financial Times schrieb. "Mister Jobs hat eine Reihe früherer Apple-Kollegen dazu überredet, wieder in die Firma zurückzukehren, sie sagten, er habe deutlich gemacht, dass er das Ruder wieder übernehmen will. Der Aussage eines Vertrauten nach habe Jobs festgestellt, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass es Mister Amelio und seiner Gefolgschaft gelänge, Apple mit neuen Leben zu erfüllen, und er beabsichtige, sie abzulösen, um das Überleben 'seines Unternehmens' zu gewährleisten." (S.364). 
Der "Abgang Amelios" wird dann noch bis S.379 geschildert und als großer Erfolg dargestellt. Dass Jobs Amelio lange im Unklaren ließ, auch.
"Mehr als 5000 Leute versammelten sich schon Stunden vorher, um [...] Jobs als Hauptredner zu hören. Sie alle kamen, um ihren heimgekehrten Helden zu sehen – und um herauszufinden, ob er wirklich bereit war, wieder ihr Anführer zu sein.
Tosender Beifall brach aus, als ein Bild von Jobs aus dem Jahr 1984 auf dem Bildschirm erschienen. 'Steve! Steve! Steve!', begann die Menge zu skandieren, während er noch angekündigt wurde. Als er schließlich auf die Bühne schlenderte – in schwarzer Weste, kragenlosem weißem Hemd, in Jeans und mit einem lausbubenhaften Lächeln im Gesicht –, waren das Kreischen und Blitzlichtgewitter eines Rockstars würdig. Zunächst zuerst dämpfte er die Aufregung [...]dann erläuterte er seine Rolle bei Apple. 'Ich habe mich mit einigen Leuten zusammen getan, die Apple wieder auf eine gesunde Basis stellen wollen.'
Aber als Jobs auf der Bühne auf und ab schritt und mit der Fernbedienung in der Hand, ein Bild nach dem anderen auf dem großen Bildschirm erscheinen ließ, wurde allen klar, dass er bei Apple jetzt das Sagen hatte – und dass das vermutlich auch so bleiben würde." (S. 379).

26 September 2026

Lektüreanregungen: Manzoni: Die Verlobten und Rabelais: Gargantua und Pantagruel

 Aus einem öffentlichen Bücherregal nahm ich diese beiden Bücher, die ich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht zu Ende lesen werde. Ich will aber die Chance, etwas mehr darüber zu erfahren, als in der Wikipedia steht und was (von dort "gestohlen") manche KI berichtet, nutzen und für andere Leser nutzbar machen: Teile des Textes im Wortlaut kennenzulernen, wenn auch zunächst nur auf Deutsch. 

Alessandro Manzoni (Wikipedia): Die Verlobten (Text) (Wikipedia) (sieh unten!)

Das Exemplar des Buchs von 1988 mit 955 Seiten , das ich 2026 dem Bücherregal entnommen habe, wirkt wie neu und trägt jedenfalls fast keine Lesespuren, so dass ich die Verpflichtung spüre, es für mich und andere nutzbar zu machen, auch wenn ich ihm nur beschränkt gerecht werden kann.
Umberto Eco:„Ich liebe diesen Roman, weil ich das Glück hatte, ihn das erste Mal zu lesen, bevor ich in der Schule damit gequält wurde.“

Dem stark auf Allgemeinbildung ausgerichteten italienischen Unterrichtswesen, das bei der Behandlung der Renaissance auch dem Deutschen Dürer und bei der deutschen Klassik auch Herder gerecht zu werden versucht, bin ich in den 80er Jahren an der Europäischen Schule begegnet. Als Fontanefan weiß ich, dass Fontane, der das Anekdotische liebte, der Vollständigkeitsgelehrsamkeit abhold war und im "Stechlin" seinen Hauptmann von Czako mit seiner Panoptikumsbildung kokettieren lässt. Andererseits lässt Uwe Johnson den Lehrer gerade am Beispiel von Fontanes  "Schach von Wuthenow" vorexerzieren, was genaue Kenntnis von Einzelheiten zum Gesamtverständnis beitragen kann.

Aus dem Wikipediaartikel: "Nachdem Manzoni bis dahin nur Gedichte und Dramen geschrieben hatte, fasste er 1821 den Plan, angeregt durch den großen Erfolg der historischen Romane von Walter Scott, ein Buch nicht nur für die Bildungselite, sondern für das ganze italienische Volk zu schreiben. Es sollte sein Beitrag zur nationalen Einheit Italiens sein. Dazu brauchte er jedoch außer einer tragfähigen Geschichte auch eine in ganz Italien verständliche Sprache, die es damals – anders als in Frankreich, England oder im deutschsprachigen Raum – so noch nicht gab: Man schrieb entweder im jeweiligen Dialekt oder in einer noch stark vom Gelehrtenlatein geprägten Kunstsprache (Manzoni selbst sprach in Mailand lombardisch und sonst überwiegend französisch).

Eine erste Fassung mit dem Arbeitstitel Fermo e Lucia beendete er 1823, gab sie aber nicht zum Druck (sie wurde erst 1915 unter dem Titel Gli sposi promessi veröffentlicht), sondern begann sofort eine gründliche Um- und Neubearbeitung, deren Ergebnis dann 1827 in drei Bänden erschien, nun unter dem Titel I Promessi Sposi (die sogenannte „Ventisettana“). [...] Die Beschreibung der Pest, die als eigenständiger historischer Essay, für den Manzoni z. T. wörtlich zitierte zeitgenössische Dokumente und Darstellungen studiert hat, in den Roman eingebettet ist, gilt als einer der Höhepunkte der italienischen Prosa überhaupt[12]  [...]"

Einleitung:

Quel cielo di Lombardia, così bello quand' è bello, così splendido, così in pace. (Dieser lombardische Himmel, so schön, wenn er freundlich ist, so glanz-geschmückt, so friedlich-sanft.)

Manzoni, Die Verlobten, T. I, Kap. 17.

Wem es jemals vergönnt war, die Sonne des also gefeierten lombardischen Himmels zu fühlen, wer je die Wunder der oberitalienischen Seen, das Wunder des Mailänder Domes erlebt hat, wird die Landschaft, in der die mailändische Geschichte von den »Verlobten« spielt, niemals wieder vergessen. Sie bleibt die ewige Sehnsucht des Nordländers, der nach einem reineren Himmel, nach hellerer Klarheit und wärmerer Sonne verlangt; sie war aber in gleicher Weise das Land, das auch der Südländer von jeher mit besonderer Liebe umfing. Aus sehnsüchtiger Erinnerung heraus fragte Plinius d. J. in einem Briefe an Caninius Rufus: »Was macht Como, deine und meine Wonne? Was das reizende Landhaus? Was die Säulenhalle mit dem ewigen Frühling? Was der schattige Platanenhain? Was die grüne, kristallklare Flut? Was das sonnenbestrahlte Bad?«

Dieses Bild könnte auch heute noch ein moderner Italienfahrer im Gedächtnis haben, wenn er an Como und seinen See denkt: das ist ganz das Abbild des einen, südwestlichen Armes des dreizipfligen Sees mit seiner Perlenschnur von weißen Villen, die am Ufer entlang in das dunkle Grün der Gärten eingebettet liegen. Manzonis Werk nimmt seinen Ausgang aber vom Winkel des südöstlichen Armes, in dem die Seidenspinnerstadt Lecco liegt und die Adda aus dem See austritt. Dieser Teil, einsamer und weniger besucht von Fremden, aber darum nicht minder reich an landschaftlichen Schönheiten, trägt ein anderes Gepräge. Wer aus dem Comoarm kommend das Paradies von Bellaggio umfahren hat und in den See von Lecco kommt, ist überrascht von der Grelle dieser Gegensätze: eben noch anmutige Hügel, immergrünende Gärten in lieblicher Landschaft, jetzt eine ragende Bergwelt mit schroffen und kahlen Felswänden, die romantische Gebirgsszenerie einer Dolomitenkette, die nur schlichte Dörfer und Weiler am schmalen Seeufer duldet. Die künstliche Welt der Villen und Parks hat aufgehört, eine herbere, einfachere, aber in der Großartigkeit der Bergeinfassung um so eindrucksvollere beginnt. Dort, wo am Südende bei Lecco und Malgrate die Berge mehr zurücktreten und größeren Raum für die Olivenhaine und Weingärten der Dörfer lassen, lebt die Lieblichkeit des westlichen Armes noch einmal auf, aber sozusagen unvermischt, ohne die künstliche Zugabe prunkvoller Villen und Zierparks, in ihrer ganzen natürlichen Schönheit. Dort, in jener »lieblichen Mannigfaltigkeit«, die von der schroffen, sägenartig gezackten Felswand des Monte Resegone durch grünende Fluren an das helle Ufer des Leccosees, der Adda, des Sees von Pescarenico führt, dort sind die Gestalten Manzonis zu Hause.Dort ist auch des Dichters Familie beheimatet: Sie stammt aus der Valslássina und hatte sich im Gebiet von Lecco bei Pescarenico niedergelassen. Der Graf Alessandro Manzoni selbst wurde am 7. März 1785 in Mailand geboren und ist am 22. Mai 1873 dort gestorben. Seine Jugend verbrachte er in jenem Seengebiet, in Merate, Lugano und Mailand.

Das Leben Manzonis entbehrt größerer äußerer Begebenheiten. 1805 bis 1807 weilte er in Paris und geriet dort ganz ins klassizistische Fahrwasser. Die Jahre 1809/12 sind von entscheidender Bedeutung für Manzonis inneres Leben. Nach seiner Rückkehr aus Paris heiratete er die kalvinistische Schweizerin Henriette Blondel nach protestantischem Ritus; beide aber traten im Mai 1810 wieder zum katholischen Glauben über. In dieselbe Zeit fällt auch die Bekehrung Manzonis zur Romantik. Er schrieb die Inni sacri (Heilige Hymnen, 1812 begonnen, Gesamtausgabe 1823), die zu den herrlichsten Liedschöpfungen zum Preise des Katholizismus gehören, dazu gleichsam die erste lyrische Manifestation der Romantik in Italien sind; er verfaßte die ersten romantischen Dramen (1816/22), die sich über die klassischen Einheiten hinwegsetzen, aber heute, weil in ihnen die Geschichte die Poesie überwuchert, vergessen sind. Sein berühmtestes, noch heute lesenswertes Gedicht ist »Der fünfte Mai« (1821), eine Ode auf den Tod Napoleons, die von Goethe mit Recht gerühmt wird.

Sein Haupt- und Lebenswerk ist jedoch I promessi sposi, »Die Verlobten«, an dem er immer wieder arbeitete und verbesserte. Die erste Ausgabe in drei Bänden 1825/27 ist stark mit Lombardismen durchsetzt; nach einem Aufenthalt in Florenz machte er sich an die Ausmerzung derselben (1840) und schenkte damit seinem Volke ein Beispiel für reine Prosa, die von der Akademie der Crusca für vorbildlich erklärt wurde.

Den Rest seines Lebens verbrachte Manzoni, hochgeehrt von seinen Landsleuten, zum Teil in seinem vornehmen Hause in Mailand, zum Teil auf seinem Landgut Brusuglio in der Brianza. Wir hielten es für notwendig, die Leser umständlicher in die Landschaft des Romans einzuführen. Denn diese Landschaft ist der belebende Atem, der durch das ganze Werk weht. Klarheit, Lieblichkeit und einfache Größe, sie geben seinem Geschehen und seinen Personen das Gepräge. Daher ist das Werk echte Heimatkunst im besten Sinne des Wortes. Selten vielleicht stehen Landschaft und Dichtung in so engem Zusammenhange wie hier. Sie bedingen einander so sehr, daß sogar nachträglich Landschaft und Örtlichkeit nach dem Roman gedeutet wurden. Die eigentliche Handlung nämlich, die Geschichte der Verlobten Renzo und Lucia, deren Vereinigung ein gewalttätiger Machthaber Don Rodrigo zu hindern sucht, ist vom Dichter frei erfunden, aber das lesende Volk, das seine Welt in dem Werke wiederfindet, seine Örtlichkeiten und sein Denken und Fühlen mit solcher Meisterschaft und Naturwahrheit geschildert sieht, glaubt an die wirkliche Existenz der erfundenen Personen. Hier mußte Don Rodrigo in seinem Raubneste gehaust haben, dort standen die Hütten der unglücklichen Liebenden, hier mußten die Bravi dem furchtsamen Don Abbondio aufgelauert haben, dort mußten die flüchtigen Verlobten über die Adda gesetzt sein: So wird noch jetzt dem wissensdurstigen Reisenden berichtet.

Aber Manzonis Werk ist nicht nur Heimatkunst, es ist mehr als das. Echte Dichtung kann vielleicht nur in dem fruchtbaren Boden des – in weitestem Sinne – heimischen Volkstums keimen, aber sie muß darüber hinaus in allgemein menschliche Bezirke wachsen. Viele lieben mit uns diese so trefflich geschilderte Landschaft, übervölkische Bedeutung jedoch als ein Roman der Weltliteratur erhält es erst durch die Wahrheit der Empfindung und die Tiefe des Gefühls, die jeden Empfänglichen ergreifen, und durch die künstlerische Vollkommenheit, mit der sie in Sprache und Charakterschilderung zur Darstellung gebracht werden.

Daß diese Eigenschaften in schönster Harmonie unseren Roman schmücken, wird nicht nur durch seine Volkstümlichkeit in ganz Italien bewiesen, wo er eine Art Weltbibel, geistiger Besitz von fast jedermann ist, sondern vor allem durch die Wertschätzung, deren er sich in ganz Europa erfreut. Er ist sehr oft und in alle Kultursprachen übersetzt worden, er wird von vielen für ein schlechthin vollkommenes Buch gehalten, das den übrigen Romanen der Weltliteratur in nichts nachsteht und viele übertrifft. [...]"


Zitate:

Band I, 16. Kapitel

[...] Er gelangte auch glücklich aus Mailand heraus und machte sich, hier und dort mit aller Vorsicht fragend, nach der Grenze des mailändischen Staates auf den Weg. Die Furcht im Rücken, wanderte er den ganzen Tag hindurch und kam abends in Gorgonzola an, das auf der Straße nach Bergamo liegt, hart an der Grenze, aber immer noch im Mailändischen, welches der Lauf der Adda von dem venezianischen Gebiete scheidet. Schon unterwegs war's sein Entschluß, hier einen Stillstand zu machen und eine ausführlichere Mahlzeit zu sich zu nehmen. Der ermüdete Körper hätte sich gar gern auch ein Bette gefallen lassen; ehe er aber sich diese Befriedigung gewährte, wäre unser Wanderer lieber erschöpft auf der Landstraße niedergefallen. Indessen wollte er sich im Wirtshause über die Entfernung der Adda erkundigen, wollte sich sagen lassen, wie man über den Fluß hinübergelangte, und dann, gleich nach der Mahlzeit, sich auf den angegebenen Weg machen. Für den Augenblick dünkte es ihn das wichtigste, das jenseitige Ufer und damit fremdes Gebiet und Sicherheit zu erreichen. Wenn sich das an dem nämlichen Tage nicht mehr durchsetzen ließ, so war's sein Vorsatz weiterzuwandern, solange Nacht und Atem ihm gestatteten, und dann auf irgendeinem einsamen Anger, wo es Gott gefiele, die nächste Morgenröte zu erwarten.

Er hatte in Gorgonzola gerade einige Schritte getan, so fiel ihm das Schild eines Gasthauses ins Auge. Er trat hinein und forderte vom Wirt, der ihm entgegenkam, eine Abendmahlzeit und ein Nößel Wein. – »Ich bitt' Euch um Eile,« fügte er hinzu, »ich muß mich den Augenblick wieder auf den Weg machen.«

Der Wirt versprach es, und Renzo saß währenddessen dort, wo Verzagte gewöhnlich zu sitzen pflegen, am Ende des Tisches, dicht an der Türe.

Im Zimmer befanden sich einige müßige Leute aus dem Dorfe. Sie hatten über die großen Neuigkeiten aus Mailand vom vorigen Tage gesprochen, gestritten und ihre Bemerkungen zum besten gegeben; es lag ihnen am Herzen, zu wissen, wie es mit der Sache wohl auch an diesem Tage gegangen sein möchte; die Begierde war um so größer, je lebhafter die ersten Nachrichten die Neugier geweckt und gereizt hatten; eine Empörung, die weder unterdrückt noch siegreich, durch die Nacht mehr ausgesetzt als beendigt worden; eine verstümmelte Geschichte, eher das Ende eines Aufzuges als eines Schauspiels. Einer unter diesen Leuten trat aus der Gesellschaft hervor, machte sich an unsern Flüchtling und fragte ihn, ob er von Mailand käme.

»Ich?« sagte Renzo überrascht, um Zeit zur Antwort zu gewinnen.

»Ja, Ihr, wenn's erlaubt ist, zu fragen.«

Renzo schüttelte den Kopf, zuckte mit den Lippen und ließ einige undeutliche Worte hören. – »Mailand,« sagte er, »soviel ich höre, so ungefähr zu sagen ... das ist kein Ort, wo einer gegenwärtig hingehen sollte, wofern ihn nicht die größte Not dazu zwingt.«

»Dauert also auch heute der Lärm noch fort?« fragte der Neugierige und ward immer zudringlicher.

»Man müßte dort sein, um es zu wissen,« sagte Renzo.

»Aber Ihr, kommt Ihr denn nicht von Mailand?«

»Ich komme von Liscate,« antwortete der Jüngling, der indessen seine Antwort überlegt hatte, gerade heraus. Er sagte keine Lüge; er war durch das Dorf gekommen, und ein Reisender, welcher ihm den Weg nach Gorgonzola angab, hatte ihm den Namen gesagt.

»O!« rief der gute Mann, als wenn er sagen wollte: 's wär' gescheiter, du kämst von Mailand; aber Geduld. – »Und in Liscate wußte man nichts aus Mailand?« fügte er hinzu.

»'s ist sehr leicht möglich, daß einer da was wußte,« antwortete unser Jüngling aus dem Gebirge; »ich aber hab' nichts gehört.« – Er hatte in diese Worte einen gewissen Ausdruck gelegt, als wollte er damit andeuten: Nun hab' ich's satt. Der Neugierige ging zu seiner Gesellschaft zurück; einen Augenblick später kam der Wirt und tischte auf.

»Wie weit ist's denn wohl von hier bis zur Adda?« fragte Renzo mit halber Stimme. Dabei nahm er eine schläfrige Gleichgültigkeit an.

»Bis zur Adda, um hinüberzukommen?« fragte der Wirt.

»Ja, ja, das mein' ich ... zur Adda.«

»Wollt Ihr über die Brücke von Cassano, oder meint Ihr die Fähre von Canonica?« fragte jener.

»Wo es ist, gleichviel. Ich frag' so ... aus Neugier.«

»Eh, ich sag's nicht umsonst. Das sind so die Stellen, wo die ordentlichen Leute hinübergehen, die Rechnung von sich ablegen können.«

»Gut. Wie weit ist's also?«

»Wohlerwogen wird's nach dem einen wie nach dem andern Punkt sechs Miglien sein.«

»Sechs Miglien! Das wußt' ich nicht,« sagte Renzo. Er nahm eine auffallende Miene des Überdrusses an, daß sie ihm fast unnatürlich stand, und fragte weiter: »Und wenn's einem nun drum zu tun wäre, einen Richtweg zu nehmen, kommt er da wohl durch andere Ortschaften durch?«

»'s finden sich sicherlich welche,« antwortete der Wirt und sah ihm mit dem Blick boshafter Neugier scharf ins Gesicht. Und der Blick war scharf genug, um die übrigen Fragen, welche der Jüngling in Bereitschaft hatte, ihm auf der Zunge zurückzudrängen. Er zog die Schüssel an sich heran, betrachtete den Nößel, welchen der Wirt auf den Tisch gestellt hatte, und fragte, ob der Wein auch unverfälscht wäre.

»Wie Gold,« versicherte der Wirt. »Fragt alle Leute im Dorfe und in der Gegend herum, so könnt Ihr's hören. Und dann werdet Ihr ihn ja selber kosten.« – Mit diesen Worten trat er zur Gesellschaft hin.

Verdammte Wirte, hätte Renzo gern laut gesagt, je mehr ich deren kennen lerne, desto nichtswürdiger finde ich sie. – Indessen ließ er sich's tüchtig schmecken, hielt aber beständig, ohne danach auszusehen, das Ohr hin, um sich von seiner Lage zu überzeugen und zu erfahren, wie über die große Begebenheit, an welcher er selbst nicht unbedeutenden Teil genommen, die Leute hier dachten; zugleich wollte er auskundschaften, ob unter den Sprechern da sich vielleicht ein rechtschaffener Mann befände, welchen ein armer junger Mensch, ohne Furcht, in die Enge getrieben oder zum Schwatzen über sich selbst gezwungen zu werden, vertrauensvoll nach dem Wege fragen dürfte.

»Aber,« begann der eine, »diesmal scheint's doch gerade, als wenn die Mailänder einmal was Gutes hätten anstellen wollen. Genug, morgen spätestens werden wir etwas zu hören bekommen.«

»'s tut mir in der Seele leid, daß ich nicht diesen Morgen nach Mailand gegangen bin,« sagte ein andrer.

»Wenn du morgen gehst, gehe ich mit,« sprach ein dritter, ebenso ein vierter und ein fünfter.

In dem Augenblick ließ sich der Hufschlag eines nahenden Pferdes hören. Alle laufen nach der Türe, und kaum haben sie den Daherkommenden erkannt, eilen sie ihm sämtlich entgegen. Es war ein Kaufmann aus Mailand, welcher jährlich einigemal in Geschäften die Reise nach Bergamo machte und die Nacht in diesem Wirtshause zuzubringen pflegte; da er nun fast immer dieselbe Gesellschaft darin antraf, war er der Bekannte eines jeden geworden. So drängten sie sich denn um ihn her: der eine faßte die Zügel, der andre den Steigbügel. – »Willkommen!«

»Gott zum Gruß!« rief der Kaufmann ihnen als Antwort zu.

»Ist die Reise gut gegangen?«

»Vortrefflich. Und ihr hier, wie geht's euch?«

»Gut, gut. Was Neues aus Mailand?«

»Eh, da sind gleich die Neuigkeitskrämer bei der Hand!« sagte der Kaufmann, stieg ab und ließ sein Pferd in den Händen des Hausknechts. – »Und übrigens,« fuhr er fort, indem er mit der Gesellschaft zur Türe hineintrat, »und übrigens wißt ihr's um diese Stunde vielleicht schon besser als ich.«

»Nein, im Ernst, wir wissen ganz und gar nichts,« sagte mehr als einer und legte die Hand auf die Brust.

»Wie täte das zugehen?« fragte der Kaufmann. »Ihr sollt also gar schöne oder gar häßliche Geschichten zu hören bekommen. He, Wirt, steht mein gewöhnliches Bette leer für mich da? – Gut, einen Becher Wein und mein gewöhnliches Abendessen; geschwind, ich will mich beizeiten niederlegen und morgen in aller Frühe mich wieder auf die Beine machen, um gegen Mittag in Bergamo hineinreiten zu können. Und ihr, Leutchen,« fuhr er fort, indem er sich ans andre Ende des Tisches setzte und von Renzo mit schweigender Aufmerksamkeit beobachtet ward, »von allen verteufelten Geschichten, die gestern vorgefallen, wißt ihr nichts?«

»Von gestern haben wir wohl sprechen hören.«

»Da seht ihr nun, ob ihr die Neuigkeiten wißt,« entgegnete der Kaufmann. »Ich hab's gleich sagen wollen, ihr steht hier immer auf Wache und mustert einen jeden, der durchkommt ...«

»Aber heute! Wie ist's denn heute gegangen?«

»Ah, heute; von heute wißt ihr nichts?«

»Nicht das Geringste,« war die Antwort; »'s ist noch niemand durchgekommen.«

»Laßt mich also die Lippen erst ein wenig anfeuchten, und dann wollen wir ein Wörtchen von heute sprechen. Ihr sollt zu hören kriegen.« – Darauf füllte er den Becher, nahm ihn in die rechte Hand, hob mit den beiden Fingern der andern den Schnauzbart in die Höhe, strich mit der Fläche den Bart am Kinn nieder, trank und nahm wieder das Wort: »Heute, liebe Freunde, hat wenig gefehlt, so wär' der Tag ebenso stürmisch wie gestern oder noch schlimmer abgelaufen. Und es kommt mir gar nicht wahrscheinlich vor, daß ich hier sitze und euch davon erzähle; denn ich hatte alle Gedanken an die Reise schon beiseite gesetzt, wollte zu Hause bleiben und auf meinen armen Kram achthaben.«

»Was hat's denn gegeben?« fragte einer der Zuhörer.

»Was es gegeben hat? Ihr werdet's hören!« Indem er darauf das Fleisch, das ihm vorgesetzt worden war, schnitt und sich's schmecken ließ, fuhr er in seiner Erzählung fort. Die Gesellschaft, zur Rechten und Linken des Tisches auf den Beinen, hörte ihm mit offenem Munde zu; Renzo, welcher am andern Ende eben den letzten Bissen zu sich nahm, schien am wenigsten teilzunehmen und saß doch in der gespanntesten Aufmerksamkeit da.

»Die Schurken, die gestern so einen entsetzlichen Lärm gemacht hatten, fanden sich heute früh auf ihren verabredeten Posten ein; sie verstanden sich untereinander, 's war alles vorbereitet. Und so kamen sie denn zusammen und fingen dieselbe saubere Geschichte wieder an, zogen von Straße zu Straße und machten ein lautes Geschrei, um Volk zusammenzurufen. Ihr wißt, 's ist gerade, mit Verlaub zu sagen, als wenn das Haus ausgefegt wird; der zusammengekehrte Müllhaufe wird immer größer, je weiter der Besen vorrückt. Wie sie nun glaubten, es seien Leute genug da, machten sie sich auf den Weg nach dem Hause des Herrn Speichervogts; als wenn's an den Unmenschlichkeiten, die sie gestern mit ihm vorgenommen, noch nicht genug wäre, mit 'nem Herrn von solchem Range! Die Schurken die! Und was sie für Nichtswürdigkeiten gegen ihn ausstießen! Lauter Erfindungen; ein rechtschaffener, pünktlicher Herr! Ich kann's sagen, bin sein alles in allem und verkauf' ihm das Tuch zur Livree für seine ganze Dienerschaft. Sie strömten also nach dem Hause, in der hübschen Absicht, eine Plünderung vorzunehmen; aber ...« Hier hob der Redner die linke Hand in die Höhe und setzte die Spitze des Daumens an die Nasenspitze.

»Aber?« riefen beinahe sämtliche Zuhörer.

»Aber,« fuhr der Kaufmann fort, »sie fanden die Straße mit Balken und Karren verrammelt und hinter der Wagenburg eine hübsche Reihe von Soldaten; hatten die Flintenhähne gespannt und die Kolben dicht an den Schnauzbart angelegt. Wie sie sich mit dem Gruß empfangen sahen ... Was hättet ihr in dem Fall getan?«

»Zurückgegangen.«

»Sehr vernünftig, und so machten sie's auch. Seht aber einmal, ob's nicht der leibhaftige Teufel war, der sie regierte. Sie stehen auf dem Cordusio, sie sehen die Bäckerei vor sich, die sie schon gestern hatten auskramen wollen – und was geschah eben in dem Laden? Man teilte den Kunden das Brot aus; 's standen Edelleute da, der wahre Kern des Adels, und hatten acht, daß alles in guter Ordnung zuginge – und die Kerle ... sie hatten den Teufel im Leibe, sag' ich euch, und dann mußt' es ihnen einer ins Ohr flüstern – in den Laden hinein, wie wütende Stiere; nimm du, ich nehm' auch; in einem Augenblick Edelleute, Bäcker, Kunden, Brote, Kasse, Bänke, Backtröge, Kisten, Säcke, Mehlbeutel, Kleie, Mehl, Teig, alles von unterst zu oberst!«

»Und die Soldaten?«

»Die Soldaten, die hatten das Haus des Speichervogts zu bewachen; 's kann einer nicht singen und zu gleicher Zeit das Kreuz tragen. In einem Augenblick, sag' ich euch; sie raffen und raffen zusammen; was sich nur packen läßt, wird fortgeschleppt. Und darauf rückt der schöne Zug von gestern wieder ins Feld, um die Trümmer auf den Platz zu tragen und sein Freudenfeuer wieder anzuzünden. Und die Halunken fingen schon an, Sachen herauszuschleppen; und einer unter ihnen, ein Haupthalunke, was meint ihr wohl, mit was für 'nem saubern Vorschlag er sich hören ließ?«

»Mit was für einem?«

»Mit was für einem? Aus allem, was in der Bude zu finden, einen Haufen zu machen, Feuer darunter zu legen und so den Haufen mitsamt dem Hause anzustecken. Gesagt, getan ...«

»Haben sie's angesteckt?«

»Geduld. Nebenbei stand ein rechtschaffener Mann, dem gab der Himmel einen prächtigen Gedanken ein. Er lief hinauf in die Zimmer oben, suchte nach einem Kruzifix, fand es, hängte es an den Querbogen eines Fensters, nahm über einem Bette zwei geweihte Lichter fort, steckte sie an und stellte sie zur Rechten und Linken vom Kruzifix auf die Brüstung. Das Volk guckt hinauf. In einem Mailand, das muß man sagen, ist noch immer Gottesfurcht vorhanden – sie gingen also in sich. Der größte Teil, will ich sagen; 's standen freilich Höllenkerle da, die um des Raubes willen selbst das Paradies in Brand gesteckt hätten; wie sie aber sahen, daß das Volk anders dachte, mußten sie wieder zurück und sich ruhig verhalten. Nun ratet einmal, wer dazukam! Alle geistlichen Herren vom Dom, in Prozession, mit aufgerichtetem Kreuze, in Chorkleidern; Seine Ehrwürden der Erzbischof fing von der einen Seite zu predigen an, Seine Ehrwürden der Oberbeichtvater von der andern, und dann wieder andre, hier und dort: ›Aber gutes Volk! Aber was habt ihr vor? Ist das das Beispiel, das ihr euren Kindern geben wollt? Geht nach Hause, ihr sollt wohlfeiles Brot haben; geht hin und seht, der feste Preis ist an die Ecken angeschlagen.‹«

»War's wahr?« fragten die Zuhörer.

»Wie? Ob's wahr war? Meint ihr etwa, die geistlichen Herren vom Dom wären in vollem Staatskleid hergekommen, um den Bürgern mit Märchen aufzuwarten?«

»Und die Leute? Was taten die?«

»Nach und nach gingen sie weg; sie liefen an die Straßenecken, und wer nur lesen konnte, der fand richtig die Taxe angeschlagen. Denkt euch mal, das Groschenbrot zu acht Unzen an Gewicht!«

»Das heißt ein Stich!«

»Der Gewinst ist schön; es kommt nur darauf an, ob er lange dauern wird. Wißt ihr, wieviel Mehl sie von gestern und heute früh verschleppt haben? Auf zwei Monate könnte man das ganze Herzogtum damit versehen.«

»Und für uns hier draußen ist kein gutes Gesetz gemacht worden?«

»Was für Mailand geschehen ist, das ist alles auf Kosten der Stadt geschehen. Ich kann euch weiter nichts sagen; für euch wird geschehen, was Gott will. Einstweilen hat's mit dem Lärm glücklich sein Ende; denn ich hab' euch noch nicht alles gesagt; jetzt kommt erst das Gute.«

»Was hat sich denn noch weiter begeben?«

»Gestern abend oder heute früh sind viele von den Rädelsführern festgenommen worden, und auf der Stelle hat man gewußt, daß viere an den Galgen kommen. Kaum lief das Gerücht herum, so machten sich die übrigen alle auf dem kürzesten Wege nach Hause, um nicht Numero fünf zu sein. Wie ich zum Tor herausritt, sah euch ganz Mailand gerade wie ein Mönchskloster aus.«

»Und werden sie sie wirklich aufhängen?«

»Gar kein Zweifel, und das bald,« antwortete der Kaufmann, »'s sind Kerle, die 's verdient haben, 's ist Gottes Schickung, seht ihr; 's war 'ne notwendige Sache. Hatten schon mit 'ner wahren Jubellust angefangen, in die Läden einzubrechen und sich zu nehmen, was da war, ohne mit der Hand in den Geldbeutel zu greifen; hätt' man ihnen den Zügel schießen lassen, so wär' nach dem Brot der Wein an die Reihe gekommen, und so eins nach dem andern ...; könnt also selbst denken, ob die Bösewichter eine so vorteilhafte Manier aus freiem Willen beiseitesetzen wollten, und ich kann euch versichern, für einen rechtschaffenen Mann, der seinen Laden offen stehen hat, roch der Spuk nicht nach Rosen.«

»Eh, sicher,« sagte einer der Zuhörer. – »Sicher, sicher,« wiederholten die übrigen in der Runde.

»Und die Sache war seit langer Zeit angelegt,« fuhr der Kaufmann fort, sich den Bart mit dem Tischtuch abwischend, »'s war 'ne Verbrüderung, wißt ihr?«

»Eine Verbrüderung?«

»Eine Verbrüderung, ja. Lauter Kabalen, die von den Navarrinern ausgingen, von dem Kardinal dort in Frankreich, der 'nen halb türkischen Namen hat und tagtäglich eine neue List zusammenspinnt, um der Krone von Spanien eins auszuwischen.«

»Der Tausend!«

»Wollt ihr den Beweis sehen? Die das meiste Gepolter getrieben haben, das waren Fremde; es schlichen Gesichter herum, die man nimmermehr in Mailand gesehen hatte. Da hab' ich eben euch eine Geschichte zu erzählen vergessen, welche mir als ganz sicher mitgeteilt wurde. Die Gerechtigkeit hatte einen in einem Wirtshause ertappt ...« Renzo, welcher kein Jota von dem ganzen Gespräche verloren, wurde beim Berühren dieser Saite von einem Schauder überrieselt und zuckte auf, ehe er daran dachte, sich ruhig in Schranken zu halten. Indessen ward es keiner gewahr, und der Redner sprach, ohne seine Erzählung einen Augenblick zu unterbrechen, weiter. – »Man weiß noch nicht eigentlich, aus welcher Gegend er hergekommen, von wem er geschickt worden oder was für 'ne Art Kerl es gewesen; aber auf jeden Fall war er eins von den Häuptern. Schon gestern hatte er, mitten im Getümmel, den Teufel gespielt, und damit nicht zufrieden, hatte er zu predigen angefangen und so eine lustige Artigkeit in Vorschlag gebracht: den hohen Herren nämlich sollte allen der Hals abgeschnitten werden. Der Spitzbube! Wer täte den armen Leuten zu leben verschaffen, wenn die hohen Herren umgebracht würden? Die Gerechtigkeit war hinter ihm her und packte ihn beim Kragen; ein ganzes Paket von Briefen fanden sie bei ihm, und so zogen sie ins Gefängnis mit ihm ab. Aber was geschah? Seine Spießgesellen, die um den Gasthof als Wache standen, kamen in großer Masse an und setzten ihn in Freiheit, den Halunken.«

»Und was ist aus ihm geworden?«

»Man weiß nicht,« erklärte der Kaufmann. »Er wird sich aus dem Staub gemacht haben oder in Mailand versteckt sitzen, 's sind Kerle, die weder Dach noch Fach haben, und finden allerorten ein Unterkommen, um sich zu verkriechen; aber nur solange der Teufel kann und ihnen beistehen mag; wenn sie's nachher am wenigsten sich vermuten, fallen sie ins Netz; denn wenn der Apfel reif ist, so fällt er an die Erde. Für jetzt weiß man gewiß, daß die Briefe in den Händen der Gerechtigkeit zurückgeblieben und die ganze Kabale darin auseinandergesetzt ist: man sagt, es werden viele Menschen daran müssen. Geschieht ihnen recht, haben halb Mailand umgewälzt und führten noch was Schlimmeres im Schilde.« Unserm Flüchtling war das schmale Abendbrot in giftige Pillen verwandelt. Tausend Jahre deuchten es ihm, ehe er aus dem Gasthofe, aus dem Dorfe hinauskam und sich erst weit davon befand; mehr als zehnmal hatte er zu sich selbst: Laß uns gehen, laß uns gehen! gesagt. Aber die Besorgnis, Anlaß zum Verdachte zu geben, welche soeben über alle Maßen gestiegen und die Tyrannin aller seiner übrigen Gedanken geworden war, hielt ihn immer noch wie an die Bank festgenagelt zurück. In dieser Verlegenheit dachte er, der Schwätzer würde damit endigen, von sich selbst zu sprechen; sobald er also merken würde, daß ein andres Gespräch angeknüpft wurde, wollte er augenblicklich sich aufmachen. [...] Hier ging der Wirt, der ebenfalls ein fleißiger Zuhörer gewesen, nach der andern Seite des Tisches, um nach dem Fremden zu sehen. Renzo benutzte die Gelegenheit, winkte ihn herbei, fragte nach seiner Rechnung und zahlte, ohne Umstände zu machen. Er sprach kein Wort weiter, ging in gerader Richtung dem Ende der Straße zu, sah sich wohl vor, nicht dorthin, woher er gekommen, wieder zurückzukehren, und hielt sich, die Vorsehung zur Führerin wählend, nach der entgegengesetzten Seite.

17. Kapitel

Eine einzige Neigung hat bisweilen über das Gemüt des Menschen Macht genug, um seiner Lage jeden erfreulichen Trost zu nehmen; man denke nun, wenn zwei ihn beherrschen und die eine mit der andern im Kampfe liegt. Der arme Renzo war soeben das Schlachtfeld zweier solcher Neigungen; er wollte vorwärts eilen und zugleich sich niemandem verraten. Die unglücklichen Worte des Kaufmanns hatten zur Steigerung beider Wünsche über alle Maßen beigetragen. Sein Abenteuer hatte also Lärm gemacht, man bemühte sich, ihn zu erhaschen; wer weiß, wie viele Häscher auf den Beinen waren, um ihn zu hetzen? [...]"

Band II, 12. Kapitel

Die Pest, deren Eintritt ins Mailändische mit den deutschen Scharen der Gesundheitsausschuß gefürchtet hatte, war wirklich eingetreten; sie beschränkte sich nicht nur auf das Herzogtum, sondern entkräftete und überfiel einen bedeutenden Teil von Italien. Indem wir uns vom Faden unserer Geschichte leiten lassen, werden wir jetzt die vorzüglichsten Ereignisse dieses Unglücks in Mailand darstellen; denn die Denkschriften aus jener Zeit handeln, wie es fast immer und überall der Fall, aus guten oder schlechten Beweggründen ausschließlich: von der Hauptstadt.

Durch den ganzen Landstrich, welchen die Kriegsscharen durchzogen, hatten sich in Häusern und auf Straßen Leichname, gefunden. Bald verrieten sich an diesem oder jenem Orte Krankheiten; einzelne wie ganze Familien starben an gewaltsamen, außerordentlichen Übeln, deren Zeichen dem größten Teile des lebenden Geschlechtes unbekannt waren. Nur einige gab es, welche vor Zeiten einmal sie gesehen; sie erinnerten sich der Pest, die dreiundfünfzig Jahre vorher einen großen Teil von Italien, vorzüglich aber das Mailändische verwüstet hatte und die Pest des heiligen Carlo genannt ward, nach jenem einzigen Manne, der als Führer, Helfer, Muster und freiwilliges Opfer im Gedenken der Menschen fortlebte.

Der oberste Arzt Ludovico Settala, welcher diese Pest nicht nur gesehen hatte, sondern schön damals ein tätiger, unerschrockener, und wiewohl noch sehr jung, doch schon ein hochberühmter Heilkünstler gewesen war, zog aufmerksam, da er bereits Verdacht schöpfte, Erkundigungen ein und berichtete am zwanzigsten Oktober, daß in der Gegend von Chiuso, dem äußersten Dorfe des Gebietes um Lecco an der bergamaskischen Grenze, unbezweiflich eine Ansteckung ausgebrochen sei. Darauf kam es im Gesundheitsausschusse zu keinem Entschluß.

Aber ähnliche Nachrichten langten aus Lecco und Bellano an. Man begnügte sich, einen Beauftragten abzuschicken, der unterwegs zu Como einen Arzt mitnehmen und mit ihm die angegebenen Ortschaften besuchen sollte. Beide, erzählt der Arzt Tadino, der einen Bericht über diese größte Pest des Jahrhunderts erscheinen ließ (1648), ließen sich zu Bellano von einem alten, unwissenden Barbier überreden, daß diese Art des Übels keine Pest sei; an manchen Orten entstünde es, wie gewöhnlich, durch die herbstlichen Ausdünstungen der Sümpfe, an den übrigen durch das Elend und die Mühseligkeiten, die der Durchzug der Deutschen mit sich gebracht hätte. Solch eine Versicherung ward dem Ausschuß zugetragen, und dieser schien sich damit zu beruhigen.

Da jedoch unaufhörlich andre Todesnachrichten von verschiedenen Seiten anlangten, wurden zwei Abgeordnete, darunter der genannte Tadino, hinausgeschickt, um sich zu überzeugen und Vorkehrungen zu treffen. [...]

Briefe gaben die grauenvolle Kunde dem Ausschuß. Dieser fertigte Zettel nach allen Toren ab, um den Menschen, welche aus den Gegenden der Ansteckung kämen, den Eintritt in die Stadt zu untersagen. Während diese Zettel geschrieben wurden, erhielten die Zollbedienten die vorläufige Anweisung; die eigentliche Verordnung aber ward erst einen vollen Monat später erlassen. Aber schon hatte die Pest in Mailand sich eingeschlichen.

Ein unglücklicher Soldat war der Bringer des Unglücks; er trat mit einem großen Bündel von Kleidungsstücken, welche er von deutschen Soldaten gekauft oder gestohlen hatte, in die Stadt, ging in der Vorstadt des Tores gegen Morgen nach dem Hause eines Verwandten, dicht bei dem Kapuzinerkloster, und ward bald nach seiner Ankunft krank. Man brachte ihn nach dem Hospital. Eine Beule, welche in der Achselhöhle sich binnen kurzem an ihm verriet, erregte bei seinem Arzte den Verdacht des Übels, das in der Tat sich dadurch verkündigte. Am vierten Tage darauf starb der Kranke. Der Gesundheitsausschuß untersagte seiner Familie, das Haus zu verlassen. Seine Kleider und das Bett, worin er im Krankenhause gelegen, wurden verbrannt. Zwei Krankenwärter, die ihn daselbst gepflegt, und ein Mönch, der ihm Beistand geleistet, wurden alle drei nach wenigen Tagen gleichfalls pestkrank. Die Bedenklichkeit, welche man gleich anfangs in dem Hospital gehegt, und die Vorsichtsmaßregeln, die man aus diesem Grunde angewandt hatte, wirkten so glücklich, daß dort die Ansteckung nicht weiter um sich griff.

Aber der Soldat hatte außerhalb einen Keim hinterlassen, der gar bald sich zu entwickeln begann. Der erste, an welchem er zum Vorschein kam, war der Herr des Hauses, worin der verderbliche Gast gewohnt hatte, Carlo Colonna, ein Lautenspieler. Darauf wurden alle Bewohner jenes Hauses, nach Verordnung des Ausschusses, in das Lazarett geschafft; fast alle legten sich hier nieder, einige starben bald: ihre Krankheit war förmliche Pest.

Die Unheilstoffe verbreiteten sich indessen durch den Umgang dieser Leute in der Stadt. Doch nur verdeckt und langsam schlich den übrigen Teil des Jahres hindurch und während der ersten Monate des nächsten das gefährliche Übel unter der Bevölkerung umher. Von Zeit zu Zeit ergriff es bald in diesem, bald in jenem Stadtviertel einen Menschen und führte manches Opfer zum Grabe; aber die Seltenheit der Erscheinung entfernte noch immer den Verdacht einer Pest und bestätigte die Einwohner sämtlich in dem blödsinnigen, mörderischen Wahne, daß keine vorhanden oder daß sie nur auf einen Augenblick dagewesen sei. Viele Ärzte sprachen nach, was die Stimme des Volkes – war sie auch hier die Stimme Gottes? – versicherte; sie verspotteten die schwarzen Prophezeiungen, die drohenden Winke, die einige wenige nicht unterdrücken mochten, und hatten Namen von gewöhnlichen Krankheiten bei der Hand, um jedes Pestübel, zu dessen Heilung sie herbeigerufen wurden, zu bezeichnen; alle Symptome, alle sprechenden Erscheinungen waren nicht mächtig genug, ihrem Eigensinn die Augen zu öffnen.

Gegen das Ende des Märzes aber vervielfältigten sich, anfangs in der Vorstadt des Tores gegen Morgen, dann in allen Vierteln der Stadt Krankheiten und Todesfälle, von seltsamen Erscheinungen, von Krämpfen, vom Zucken aller Glieder, vom Starrschlafe, von Irrereden begleitet; dabei mißfarbige Flecken und Beulen; meistens ein schnelles gewaltsames Hinsterben, nicht selten auch plötzlich, ohne eine vorhergehende Anzeige von Krankheit. Die Ärzte, welche sich bisher gegen alle Ansteckung erklärt hatten, mochten jetzt nicht gestehen, was sie früher verspottet; da sie aber für das neue Übel, das bereits zu allgemein und zu weltkundig geworden, um unbezeichnet zu bleiben, einen eigenen Namen ausfindig machen mußten, sprachen sie von bösen pestartigen Fiebern; ein jämmerliches Ausweichungsmittel, ein Gaunerspiel mit Worten, welches bei alledem viel Unheil stiftete; denn indem sie die Wahrheit zu erkennen scheinen wollten, entkräfteten sie die Behauptung, welche Glauben hätte finden müssen, und verheimlichten die Erfahrung, daß das Übel auf dem Wege der Ansteckung sich fortpflanzte. Die Obrigkeit erwachte wie aus einem tiefen Schlafe; sie fing an, den Aufforderungen und Vorschlägen des Ausschusses ein geneigteres Ohr zu leihen, auf ihre Verordnungen nachdrücklicher zu bestehen, die Schließung der Häuser und die befohlene Absonderung verdächtiger Gegenstände gewissenhafter beobachten zu lassen. Der Ausschuß verlangte Geld, um die täglichen Ausgaben im Hospital und bei andern Dienstleistungen bestreiten zu können, und während entschieden ward, ob diese Kosten der Stadt oder der Königlichen Schatzkammer zur Last fallen müßten, verlangte er sie von den Dekurionen. Bei diesen kam auch auf Befehl des Statthalters, welcher die Belagerung des armen Casale von neuem unternommen hatte, der Großkanzler und der Senat ein, daß sie darauf denken möchten, die Stadt mit Lebensmitteln aller Art zu versehen, ehe sie nach fortgeschrittener Ausbreitung der Pest um allen Verkehr mit andern Ländern gebracht wäre; zugleich möchten sie Mittel ersinnen, um einen großen Teil der Bevölkerung, welchem es an Arbeit fehlte, zu unterhalten. Die Dekurionen suchten durch Anleihen und Auflagen Geld herbeizuschaffen; von der Summe, die sie dadurch zusammengebracht, gaben sie einen Teil dem Gesundheitsausschusse, einen Teil den Armen, auch kauften sie Getreide an und sorgten so etwas für das Bedürfnis. Die Tage des großen Drangsals waren aber noch nicht erschienen.

Im Krankenhause, wo die Menschenzahl, obgleich täglich hinwegsterbend, dennoch täglich zunahm, entstand eine andre Schwierigkeit. Man mußte den Dienst und den Gehorsam sichern, auf die Beobachtung der vorgeschriebenen Absonderungen wachen und das Verfahren, welches der Ausschuß verlangte, in Anwendung bringen; denn von den ersten Augenblicken an hatte dort durch die Zügellosigkeit vieler Eingeschlossenen, durch das sorglose Nachgeben der Beamten in jeder Rücksicht eine empörende Verwirrung geherrscht. Der Ausschuß und die Dekurionen wußten nicht, wo sie anfangen sollten; sie wandten sich daher an die Kapuziner und ersuchten den Pater Kommissar, der an die Stelle des unlängst gestorbenen Provinzials getreten, er möchte ihnen einen gewandten Mann schicken, um jenes Reich der Trostlosigkeit zu regieren. Dazu empfahl ihnen der Kommissar vorzüglich einen Pater Felice Casati, einen bejahrten Mann, welcher im Rufe großer Menschenliebe und Tätigkeit stand; er war sanfter Sitte und zugleich festen Sinnes. Seinen Ruf bestätigte nachher der Erfolg. Ihm ward als Gefährte und Diener Michele Pozzobonelli gesellt, ein junger Mönch, aber ernst und streng an Gesinnungen wie an Ansehen. Beide wurden bereitwillig aufgenommen und traten am 30. März ins Krankenhaus. Der Vorsitzer im Gesundheitsausschusse führte sie umher, gleichsam als sollten sie es in Besitz nehmen; er rief die Wärter und die übrigen Beamten herbei und erklärte in ihrem Beisein den Pater Felice als den Vorsteher des Hauses mit unumschränkter Gewalt. Je zahlreicher die bejammernswürdige Menge sich vermehrte, desto mehr Kapuziner kamen herbei und wurden nach Bedarf Aufseher, Beichtväter, Verwalter, Krankenwärter, Köche, Kleiderwächter und Wäscher. Jederzeit bemüht und bekümmert, wanderte Pater Felice bei Tag und Nacht durch die Hallen, durch die Zimmer, durch den Hofraum umher, bisweilen mit einer kurzen Lanze bewaffnet, bisweilen bloß im härenen Gewande; er ermutigte und ordnete den Dienst, beschwichtigte jeden Lärm, hörte auf Klagen, drohte, bestrafte, gab Verweise, tröstete, trocknete und vergoß Tränen. Es ergriff ihn anfangs die Pest; doch genas er und übte bald in neuer Tätigkeit die frühere Sorgfalt. Seine Mitbrüder ließen größtenteils, aber alle mit freudiger Ergebung, das Leben daselbst.

Begreiflicherweise verlor sich allmählich auch im Volke der Eigensinn, die Pest leugnen zu wollen; das Übel griff um sich, griff vor aller Welt Augen durch Berührung und Umgang um sich. Es hatte sich eine Zeitlang auf die Armen beschränkt, überfiel bald aber auch bekannte Personen. [...]

Band II,13. Kapitel

Gegen Ende des Augusts, gerade als die Pest ihre furchtbarste Ernte hielt, kehrte in Mailand Don Rodrigo nach seinem Hause zurück. Ihn begleitete der treue Graue, einer von den dreien oder vieren, welche unter der ganzen Dienerschaft am Leben geblieben waren. Er kam aus einer Gesellschaft von Freunden, die sich gewöhnlich zu schwelgerischem Schmause versammelten, um durch die finstere Betrübnis der Zeit hindurchzugleiten; jedesmal stellten sich neue Freunde ein, jedesmal vermißte man alte. Diesen Abend war er einer der fröhlichsten gewesen und hatte unter anderm durch eine Art von lobpreisender Leichenrede auf den Grafen Attilio, welcher zwei Tage vorher von der Pest weggerafft worden war, die Versammlung weidlich lachen gemacht.

Während er aber vorwärtsschritt, empfand er ein unfreundliches Mißbehagen, eine Niedergeschlagenheit, eine Schwäche in den Beinen, eine Beschwerde beim Atemholen, eine innere Hitze, die er gern ganz und gar auf Rechnung des Weines, der durchwachten Nacht oder der Jahreszeit setzen wollte. Er sprach den ganzen Weg entlang nicht ein einziges Wort; erst als sie nach Hause gekommen waren, gab er einen Laut von sich, indem er dem Grauen befahl, ihm im Zimmer Licht anzuzünden. Nachdem dieses, geschehen, betrachtete der Bravo das Gesicht seines Herrn: es war verzerrt, entflammt, die Augen hervorgetreten und glänzend. Und so hielt er sich fern; denn in solchen Tagen hatte der gemeinste Knecht sich bereits das Auge eines Arztes angewöhnt.

»Ich bin gesund, geh!« sagte Don Rodrigo, da er in der Gebärde des Grauen den Gedanken las, welcher ihm durch den Kopf flog. »Ich bin ganz gesund; ich hab' aber getrunken, hab' vielleicht ein wenig zu viel getrunken, 's war so ein süßer Wein. Mit einem tüchtigen Schlaf ist alles abgemacht. Er liegt mir in den Gliedern. Bring mir das Licht aus den Augen, es blendet mich, ich kann's nicht leiden!«

»Das sind die Streiche des süßen Weins!« sagte der Graue, während er sich dessenungeachtet immer außer dem Schuß hielt. »Legen Sie sich aber rasch nieder; Bett und Schlaf werden Ihnen gut tun.«

»Hast recht – wenn ich schlafen kann. Übrigens . . . bin ich wohl. Stell' auf alle Fälle die Klingel auf den Tisch; es kann doch sein, daß ich die Nacht was nötig habe, und sei bei der Hand, verstehst du mich? sobald du schellen hörst. Ich werde aber nichts nötig haben. Schaff mir im Augenblick das verdammte Licht fort!« rief er, während der Bravo seinem Gebote Gehorsam leistete und so wenig wie möglich in seine Nähe kam. »Weiß der Teufel, warum's mir so zuwider ist!«

Der Graue nahm das Licht, wünschte seinem Herrn gute Nacht und ging, während dieser sich die Kissen unter dem Kopf ordnete, eilig hinaus.

Aber das Kissen dünkte ihn ein Gebirge. Er warf es weg und krümmte sich zusammen, um einzuschlafen; denn er kam vor Schlafsucht fast um. – Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, so wachte er ungestüm auf, als wenn ein Mensch in heftigem Ärger ihn geschüttelt hätte; er fühlte die Hitze steigen, die innere Unruhe vermehrte sich. [...]

Band II, 18. Kapitel

An einem schönen Abend hörte Agnese vor ihrer Türe ein Fuhrwerk stillhalten. – »Sie ist's! Kein andrer!« – Sie war's wirklich, die gute Witwe an ihrer Seite; Empfang und Grüße überlassen wir auch hier der Einbildungskraft unserer Leser.

Am folgenden Morgen stellte sich Renzo, ohne von der Ankunft etwas zu ahnen, beizeiten ein und hatte keine andre Absicht, als sich über Luciens langes Ausbleiben mit einigen tüchtigen Floskeln der ärgerlichen Ungeduld gegen Agnesen auszulassen. Die Luftsprünge, die er machte, da er die Angekommene plötzlich vor sich sah, die Worte, die er sprach oder sprechen wollte, finden in diesem Kapitel gleichfalls keinen Raum. Luciens Äußerungen gegen ihn aber können in wenigen Worten mitgeteilt werden. – »Sei gegrüßt; wie geht's?« fragte sie mit gesenkten Blicken, ohne ihre Stellung zu verändern. – Glaube man nicht, daß Renzo diese Art der Begegnung zu trocken und sich dadurch etwa beleidigt fand. Er nahm die Sache ganz vernünftig, wie sie genommen werden mußte; und wie in den gebildeten Ständen die Menschen von allen Höflichkeiten den gehörigen Abzug zu machen verstehen, sah er sehr wohl ein, welch ein Nebenbegriff sich aus diesen Worten entnehmen ließ. Übrigens konnte er sehr leicht merken, daß seine Lucia zwei Regeln des Benehmens vor Augen hatte, die eine für den Bräutigam, die andre für alle Leute, mit welchen sie sonst in Bekanntschaft stand.

»Mir geht's gut, wenn ich dich sehe,« antwortete der Jüngling mit einer Redensart, die nach gedruckten Büchern schmeckte, die er selbst aber in diesem Augenblick erfunden haben würde.

»Unser armer Pater Cristoforo!« sagte Lucia, »bete für seine Seele, Renzo; obgleich wir so gut wie sicher sein können, daß er in diesem Augenblick schon für uns dort oben betet.«

»Ich hab's gefürchtet,« sagte Renzo, »nur zu sehr hab' ich's gefürchtet.« – Und das war nicht die einzige Saite, welche in diesem Gespräch mit traurigem Tone sich hören ließ. Indessen, welchen Gegenstand es auch immer betraf, so war dennoch das Gespräch eine Lust, ein Balsam für seine harrende Ungeduld. Wie die ungebärdigen Rosse, welche, den Kopf zurückdrehend und sich aufschwingend, bald den einen, bald den andern Fuß in die Höhe heben und auf dieselbe Stelle wieder aufsetzen, tausend Bewegungen machen, ehe sie einen Schritt tun, dann aber mit einem Zug in Galopp geraten und vom Winde gleichsam getragen werden, so machte es die Zeit mit unsrem Renzo; früher dünkten ihn die Minuten Stunden, jetzt wurden die Stunden zu Minuten.

Die Witwe machte nicht bloß in dem geselligen Kreise keine Störung, sie paßte sogar ganz vortrefflich hinein. Als Renzo sie im Hospital auf dem Bette liegen sah, hätte er nimmermehr erraten, daß sie eine so umgängliche und fröhliche Laune besaß. Aber ein Hospital und eine Spazierfahrt, der Tod und eine Hochzeit sind freilich ganz verschiedene Dinge. Mit Agnesen ging sie im Augenblick Freundschaft ein; sie mit Lucien zu sehen, war eine Freude; zärtlich und scherzhaft zugleich hechelte sie das Mädchen lustig durch, übertrieb aber ihre Stichelreden nicht und ließ den freundschaftlichen Spott bloß ihre Bewegungen und ihre Worte beleben.

Renzo sagte endlich, er gehe zu Don Abbondio, um mit ihm sich über die Vermählung zu verabreden. Er tat's auch sogleich. – »Herr Pfarrer,« sagte er mit der Miene scherzender Ehrerbietung, »hat sich wohl endlich der Kopfschmerz, um dessentwillen Sie uns nicht trauen konnten, bei Ihnen verloren? Jetzt ist's Zeit, die Braut ist da, und ich stehe hier vor Ihnen, um zu hören, wann's Ihnen gelegen ist; aber diesmal möcht' ich Sie denn doch bitten, die Sache ein bißchen rasch abzumachen.«

Don Abbondio ließ es sich nicht gerade merken, daß er nicht wollte; indessen fing er an zu zaudern, brachte verschiedene Entschuldigungen zum Vorschein und suchte sich aus dem Handel zu ziehen. Er sehe nicht ein, gab er zu verstehen, warum Renzo sich so vor die Scheibe hinstelle und bei der Acht auf dem Kopfe seinen Namen mit Gewalt auf neuen Verordnungen lesen wolle; die Sache könnte ebensogut wo anders geschehen; kurz, einem Don Abbondio fehlte es in Sachen der Furcht an Ausflüchten nicht so leicht.

»Versteh,« sagte Renzo. »'s ist noch immer was von dem Kopfschmerz bei Ihnen zurückgeblieben. Aber hören Sie, Herr Pfarrer.« – Und nun beschrieb er ihm den Zustand, in welchem er den armen Don Rodrigo gesehen. – »Seine Stunde,« schloß er, »hat in diesem Augenblick sicherlich schon geschlagen; wir wollen hoffen, daß der Herr in seiner Barmherzigkeit ihn gnädig zu sich genommen hat, Herr Pfarrer.«

»Das hat hiermit nichts zu schaffen,« erwiderte Don Abbondio. »Hab' ich's Euch denn etwa abgeschlagen? Ich sage nicht nein; ich spreche ... ich spreche aus guten Gründen. Übrigens bedenkt, solange der Mensch noch einen Atemzug tut ... Seht mich an, ich bin ein hinfälliger alter Mann, bin auch schon mehr jenseits als hier auf Erden gewesen, und jetzo steh' ich aufrecht, und ... wenn mir dergleichen schlimme Geschichten nicht auf den Hals kommen, genug, so kann ich hoffen, noch ein paar Jahre mich bei warmem Blute zu erhalten. Nun stellt Euch gewisse starke Naturen vor ... Aber, wie gesagt, das hat hiermit nicht das geringste zu schaffen.«

Nach einem weiteren Gespräche, welches weder mehr noch weniger entschied, machte Renzo seinen höflichen Kratzfuß, ging zu seiner Gesellschaft zurück und stattete Bericht ab. – »Ich bin weggegangen,« sagte er, »weil ich das Herz voll hatte, und mocht' es nicht darauf ankommen lassen, die Geduld zu verlieren und in ein böses Wort auszubrechen. Bei manchen Worten sah er ganz wie der alte aus; ganz dieselbe Hasenfüßigkeit, dieselben ungewaschenen Ausreden; ich bin gewiß, wenn's noch etliche Minuten länger gedauert hätte, wär' er mir wieder mit ein paar lateinischen Brocken gekommen. Ich merk', daß die Sache sich noch einmal in die Länge ziehen will; besser, wir machen's geradeswegs, wie ich gesagt habe, gehen hin und lassen uns da trauen, wo wir zu leben und zu wohnen gedenken.«

»Wißt ihr, was wir tun wollen?« sprach die Witwe. »Wir Frauen wollen hingehen und auch einmal die Probe machen; vielleicht wissen wir ihn bei der rechten Schleife zu fassen. So hab' ich zugleich das Vergnügen, den Mann kennenzulernen, und kann mich überzeugen, ob er so ein jämmerlicher Kauz ist, wie Ihr sagt. Nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Weg und lassen ihn so geschwind nicht wieder aus dem Garn.« – Und so geschah es.

Da sind sie! sagte Don Abbondio zu sich selbst. Indessen griff er zu einem freundlichen Gesichte; freute sich über die Maßen mit Lucien, begrüßte Agnesen und stattete der Fremden seine Artigkeiten ab. Nachdem er ihnen Stühle angeboten, vertiefte er sich in ein breites Gespräch über die Pest. Von Lucien ließ er sich sagen, wie sie unter all dem Elend dort sie überstanden habe. Nachher verbreitete sich Don Abbondio, wie billig, auch über seine Stürme; zugleich erlabte er sich höchst freundschaftlich an Agnesens Anblick, welche die schlimme Zeit unangegriffen durchgemacht hatte. Die Sache zog sich in die Länge. Schon vom ersten Augenblick an hatten die beiden älteren Frauen eine Gelegenheit erspäht, auf die Hauptsache zu kommen; endlich brach eine von beiden die Gelegenheit vom Zaun. Aber was half's? Auf dem Ohr hörte Don Abbondio nicht. Er hütete sich wohl, ein Nein zum Vorschein zu bringen; aber ehe man sich's versah, hatte er wieder seine Ausflüchte [...]

»Befinden sich die jungen Leutchen denn hier?«

»Hier, und sobald es nur angeht, sollen sie Mann und Weib sein.«

»Ich bitte Sie, Herr Pfarrer, lassen Sie mich's wissen, wenn man ihnen was Gutes tun kann, und wie sich's am schicklichsten anfangen läßt. Bei der Landesplage hab' ich die beiden einzigen Söhne, die ich hatte, verloren, und ihre Mutter dazu. Ich habe drei beträchtliche Erbschaften gemacht und bin schon vorher mehr als hinlänglich vom Himmel gesegnet worden. Sie sehen also, wenn Sie mir eine Gelegenheit verschaffen, mein Hab und Gut anzuwenden, zumal eine Gelegenheit wie diese, so tun Sie mir in der Tat einen Gefallen.«

»Der Himmel schenke Ihnen seinen Segen. Denn die Herren sehen nicht alle Ihnen ähnlich. Genug, auch ich danke Ihnen für diese meine Kinder. Und sintemal Eure erlauchte Gnaden mich also ermutigen, so kann ich Ihnen, Herr, allerdings ein Mittel an die Hand geben, das Ihnen nicht mißfallen wird. Die guten Leute sind entschlossen, anderswo ihre Hütte aufzuschlagen, und wollen das bißchen Acker, das sie hier haben, verkaufen; der junge Mann hat einen Weingarten von etwa neun bis zehn Ruten, freilich ganz vernachlässigt und verwildert; man muß auf den Raum dabei sehen, auf weiter nichts; dabei ein Häuschen, desgleichen die Braut, zwei Rattenlöcher, sehen Sie. Ein Herr wie Eure Gnaden weiß nicht, wie schlimm arme Leute dran sind, wenn sie das Ihrige verkaufen wollen. Das Ende vom Lied ist immer, daß irgendein Schuft es in den Rachen bekommt, der, wenn's der Zufall so fügt, lange Zeit hindurch ein Auge auf so ein Landgütchen hat, und wenn er weiß, daß der andre verkaufen muß, zieht er sich zurück, tut, als wenn er sich anders besonnen habe; zuletzt muß der arme Verkäufer hinter ihm herlaufen und es ihm für ein Stück Brot an den Hals hängen, zumal unter Umständen wie diesen. Der Herr Marchese haben wohl schon gemerkt, wo meine Rede hinauswill. Die lohnendste Menschenliebe, die Eure erlauchte Gnaden gegen diese guten Leute bezeugen können, besteht darin, daß Sie dieselben aus dieser Verlegenheit glücklich herausziehen und das bißchen liegenden Grund kaufen.«

Der Marchese gab dem Vorschlag seinen vollkommenen Beifall und bat Don Abbondio, als Schiedsrichter den Preis zu bestimmen und diesen tüchtig in die Höhe zu schrauben. Das hatte der Pfarrer erwartet; schier versteinert aber stand er, als jener vorschlug, mit ihm zusammen sofort nach dem Hause der Braut zu gehen, wo vermutlich auch der Bräutigam zu finden sei.

Unterwegs machte dem Pfarrer sein Herz, das von Freude überströmte, wirklich zu schaffen; in diesem Jubel verfiel er auf einen andern Gedanken und hatte kein Bedenken, ihn mitzuteilen. – »Da Eure erlauchte Gnaden so geneigt sind, den Leuten da einen guten Tag zu machen, so wüßt' ich wohl noch eine andre Wohltat, die hier vortrefflich angebracht wäre. Der junge Verlobte hat eine Acht auf sich sitzen, eine Art von Landesverweisung, weil er in Mailand vor zwei Jahren an einem garstigen Spektakeltage sich zu laut aufgeführt hat; ein Jungenstreich, der unbesonnene Ausbruch eines Guckindiewelts; einen bösen Schritt zu tun, ist er nicht imstande, nimmermehr; ich kann's sagen, ich hab' ihn getauft, ich, und ihn heranwachsen sehen, und wenn Eure Gnaden sich die Zeit dazu nehmen wollen, so können Sie sich die Geschichte erzählen lassen und werden's dann selbst erfahren. Jetzt, da sich's um eine so alte Sache handelt, setzt ihm keiner zu, und wie ich gesagt habe, er gedenkt außer Landes zu gehen; aber mit der Zeit, wenn er einmal morgen oder übermorgen wieder zurückkommt – 's ist doch immer besser, wenn's klar und rein mit einem steht. Der Herr Marchese gelten was in Mailand, wie billig, und da Sie ein Edelmann von solcher Bedeutung, ein so ausgezeichneter Herr ... Nein, nein, lassen Sie mich reden; die Wahrheit soll zur rechten Zeit über die Lippen. Eine Empfehlung, ein Wort von Ihresgleichen ist mehr als genügend, alles glatt zu machen.«

»Gibt's keine schwerere Beschuldigungen gegen den jungen Mann?« fragte der Marchese.

»Ei, ich sollte nicht meinen. Sie haben ihm gleich glühende Kohlen unters Kopfkissen gelegt; jetzt aber glaub' ich, ist bloß noch die gesetzliche Formalität vorhanden.«

»Wenn es sich so verhält, so soll bei der Sache sich keine Schwierigkeit finden, und ich befasse mich von Herzen gern damit.«

»Und dabei wollen Eure Gnaden dennoch nicht, daß man Sie einen ausgezeichneten Herrn nennt. Ich sag' es und will es sagen; Ihnen zum Trotz nenn' ich Sie so. Und wenn ich auch schweigen wollte, so war' die Sache deswegen um nichts anders; denn es sind alle der nämlichen Meinung, und vox populi, vox Dei.«

Sie fanden die beiden Witwen mit den Verlobten zusammen. Überraschung und Unbegreiflichkeit verwandelten das Zimmer plötzlich in eine Künstlerwerkstatt; vier bewegungslose Steinbilder standen da, die nackten, rauhen Wände selbst, die Vorhänge, die Tische und die Tischtücher konnten vor Erstaunen nicht zu sich kommen, da sie einen so außerordentlichen Gast über die Schwelle treten sahen. Dieser aber brachte das Gespräch in Gang, indem er mit offener Herzlichkeit und feinem Zartsinne zugleich des Kardinals und der übrigen Gegenstände Erwähnung tat. Bald kam er auf den Vorschlag. Don Abbondio wurde nochmals von ihm ersucht, den Preis zu bestimmen, und machte sich mit vielsagender Schiedsrichtermiene an den Ausspruch; nach einigem Sträuben und Ausweichen, er verstehe nicht solch Mehl zu mahlen, er könne bei solchen Dingen nur tappend sich zurechtfinden, spräche aus Gehorsam und bescheide sich der besseren Meinung eines Sachkundigen, rückte er endlich mit einer nach seinem Dafürhalten unvernünftigen Summe heraus. Der Käufer versicherte, seinerseits vollkommen zufrieden zu sein, und wiederholte, als wenn er den Pfarrer unrecht verstanden hätte, einen doppelten Preis. Er mochte durchaus von keiner Berichtigung seines Mißverständnisses hören und bog jedem Anlauf dieser Art aus, indem er die Gesellschaft auf den Tag nach der Hochzeit zu einem Mittagsmahl in seinem Palaste einlud. Dort sollte der Kauf in aller Form abgemacht werden.

Ei, dachte nachher Don Abbondio in seinem Hause, wenn die Pest immer auf solche Weise zu Werke ginge, so war's meiner Seele eine Sünde, ihr ein böses Wort nachzureden. [...]

Was wird nun der Leser sagen, wenn er erfährt, daß Renzo, gleich nachdem sie im Bergamaskischen angekommen und in ihrer Wohnung sich eingerichtet hatten, Verdrießlichkeiten antraf? Kleinigkeiten, aber genug, um in einem glücklichen Zustande sieh empfindlich bemerkbar zu machen. Hier ist in wenigen Worten die Geschichte:

Man hatte in jener Gegend lange vor ihrer Ankunft schon von Lucien gesprochen; man wußte, daß Renzo mehrere Jahre hindurch, immer treu, immer standhaft, sich um sie bemüht hatte; ein Wörtchen, das ein parteiischer Freund geäußert, mochte die Neugier geweckt haben, die junge Frau zu sehen, und so versprach man sich von ihrer Schönheit etwas ganz Außergewöhnliches. Nun weiß man, wie die Erwartung ist; leichtgläubig, an Hirngespinsten erfinderisch und zuversichtlich; bei der Erfüllung hernach mäkelsüchtig und spröde, und fast nie wird sie zufriedengestellt.

Als Lucia erschien, fingen viele, die sich vielleicht eingeredet hatten, sie müsse im strengsten Sinne des Wortes goldene Locken, rosige Wangen und ein Aug' immer schöner als das andre haben, diese Leutchen fingen an, die Achseln zu zucken und die Nasen zu rümpfen. – »Das ist sie?« hieß es. »Nach so langer Zeit, nach so vielem Gerede versprach man sich ganz was andres. Und was kommt am Ende heraus? Eine Bauernfrau wie so viele andre. Solche Weiber, und wohl schönere, gibt's überall.« – Dann ließ man sich auf einzelne Bemerkungen ein; der eine entdeckte dieses, der andre jenes Gebrechen, und am Ende fehlte es auch nicht an Kennern, welche die Fremde aus Lecco durchaus häßlich finden wollten.

Indessen sagte keiner dergleichen Dinge unsrem Renzo ins Gesicht; bis so weit war also kein großes Unglück dabei. Wer die Sache schlimm und den Riß weiter machte, das waren die guten Freunde, die es ihm hinterbrachten, und den jungen Ehemann wurmte es. Er fing an, mit sich darüber zu Rate zu gehen, und spann den schlimmen Faden immer weiter aus. Hin und wieder machte er sich auch wohl in einem Wörtchen Luft. – »Was geht's euch an? Wer hat euch ein Wunder erwarten geheißen? Hab' ich hier je von ihr gesprochen? Euch gesagt, daß sie schön ist? Und wenn ihr davon schwatztet, hab' ich nicht jedesmal zu verstehen gegeben, daß sie ein gutes Mädchen ist? 'ne Bauernfrau! Hab' ich je gesagt, daß ich euch 'ne Prinzessin herführen werde? Sie gefällt euch nicht? Seht sie nicht an. Ihr habt hübschere Weiber hier? Guckt nach diesen.«

Man sehe aber einmal, wie eine Kinderposse bisweilen das ganze Leben eines Menschen zu entscheiden vermag. Wenn Renzo immer in dem neuen Vaterlande hätte bleiben sollen, würde es nicht gut gegangen sein. Wie man es ihm verleidet hatte, verleidete er andern seinen Umgang. Er wurde gegen jeden unhöflich, weil jeder ein Kunstrichter an seiner Lucia werden konnte. Freilich lief er nicht mit der Faust auf die Leute los; aber man weiß, wie viel ein Mensch tun kann, ohne eigentlich die Regeln der guten Höflichkeit zu beleidigen. Renzo verriet bald bei jedem Schritte eine bittere Spottlust, an einem jeden fand auch er was zu tadeln; es kam so weit, daß er, wenn es zwei Tage hintereinander schlechtes Wetter war, verdrießlich sagte: »Ein garstiges Land das!«

So war er allmählich auch mit einer Anzahl von Leuten, die ihm früher wohlgewollt, auf schlimmen Fuß geraten. Mit der Zeit hätte er sich, ohne selbst einmal die erste Ursache eigentlich angeben oder die Wurzel eines so großen Übels auffinden zu können, gegen die ganze Bevölkerung vielleicht in feindseliger Verfassung befunden.

Es war aber, als hätte die Pest die Verpflichtung auf sich genommen, jedes Ungemach, welches unsern Renzo traf, zu heben. Sie hatte dem Herrn einer andern Spinnerei, dicht vorm Tore von Bergamo, das Leben gekostet; der Erbe, ein junger Brausewind, dem es in dem Hause durchaus nicht behagen wollte, war entschlossen, selbst zu halbem Preise es zu verkaufen; er wünschte es, aber er verlangte, das Geld auf den Tisch hingezählt zu bekommen, damit er es sogleich nach seinem Gefallen vertun konnte. Bortolo erfuhr es und lief, sich persönlich zu überzeugen. Er unterhandelte, und ein fetterer Schnitt ließ sich nicht denken. Nur die Bedingung, auf der Stelle das Geld zu zahlen, verdarb alles; denn sein Vermögen, durch langsame Ersparungen entstanden, war dazu nicht beträchtlich genug. Er hielt also den jungen Mann hin, kehrte eilig zurück, teilte die Sache seinem Vetter mit und forderte ihn zur Gemeinschaft auf. Renzo trug kein Bedenken, er entschloß sich und sagte ja. Man ging, und der Handel ward abgemacht. Als nun die neuen Gefährten in ihrem eigenen Hause beisammen wohnten, war Lucia, welche hier nicht erwartet worden war, keinen Beurteilungen ausgesetzt und mißfiel durchaus nicht. Renzo vernahm sogar, daß mehr als einer sich hatte verlauten lassen: »Habt Ihr die schöne Frau gesehen, die hier angekommen ist?«

Die Verdrießlichkeiten im vorigen Wohnorte gereichten ihm selbst zur guten Lehre. Früher war er in seinen Meinungen ziemlich vorlaut gewesen und mochte gern die Frauen andrer, oder was sie sonst besaßen, tadeln. Jetzt begriff er, daß die Worte im Munde ganz anders als im Ohre schmecken, und hörte daher seine Rede, ehe er sie vorbrachte, immer erst ein wenig ab.

Die Geschäfte gingen ganz vortrefflich. Anfangs gab's einige Verlegenheit; es fanden sich wenig Arbeiter, und diese wenigen machten manchmal unbillige Forderungen. Bald erschienen indessen Verordnungen, welche den Lohn der Arbeiter festsetzten; dadurch kam alles ins alte Geleise, wie es am Ende immer der Fall sein muß. Auch erschien von Venedig ein neues Gebot: die eingewanderten Ausländer sollten auf zehn Jahre von allen Steuern und persönlichen Pflichten befreit bleiben. – Für unsre Leutchen ein neues Glückslos.

Bevor noch das erste Jahr der Ehe zu Ende ging, kam ein holdes Geschöpfchen zur Welt, und als hätt' es ausdrücklich sich so gefügt, um Renzos Versprechen zu erfüllen, war's ein Mädchen. Es erhielt also den Namen Maria. Dem ersten folgten mehrere; Agnese hatte alle Hände voll zu tun, sie herumzutragen, Taugenichtse zu heißen und ihnen manchen derben Schmatz aufzudrücken, der lange Zeit eine weiße Spur hinterließ. Die Kinder hatten alle einen guten Hang; Renzo bestand ernstlich darauf, daß sie lesen und schreiben lernten; »denn da doch einmal die Schurkerei,« sagte er, »just hierin besteht, sollen sie auch damit umzugehen wissen.«

Eine Lust war's, ihn seine Abenteuer erzählen zu hören. »Ich habe gelernt,« schloß er gewöhnlich, »mich in keine Händel einzulassen, keine Predigt auf offenem Platz mehr zu halten, nicht mehr als nötig zu trinken und nicht mit dem Klopfer in der Hand an der Türe zu stehen, wenn Hitzköpfe in der Nähe sind; ich werde mich künftig hüten, mir eine Klingel an die Füße zu binden, ohne vorher zu bedenken, was daraus entstehen kann.« – Und hundert andre Dinge der Art.

Lucia dagegen fand diese Lehren nicht gerade an sich falsch, war aber damit nicht befriedigt; es schien ihr etwas daran zu fehlen. Da sie nun dasselbe Lied oft singen hörte und jedesmal darüber nachdachte, sagte sie einst zu ihrem ehelichen Sittenprediger: »Und ich, was hab' ich gelernt? Ich habe die Leiden nicht aufgesucht, sie haben mich gefunden; wenn du nicht etwa sagen willst,« fügte sie lächelnd hinzu, »mein Mißgriff habe darin bestanden, daß ich dir wohlwollte und mich dir versprochen habe.«

Renzo wußte mit der Sache nicht ins reine zu kommen. Nach langem Suchen und Reden verständigten sich endlich beide darüber, daß das Unglück oft sich einstellt, weil der Mensch ihm die Gelegenheit gibt; daß aber auch das vorsichtigste und unschuldigste Benehmen nicht immer gegen dasselbe schützt; die Leiden mögen indessen mit oder ohne eigene Schuld daherziehen, das Vertrauen in Gott mildert sie und macht sie zu einem besseren Leben brauchbar. Diese Folgerung, wenn auch nur von ungebildeten Leuten herausgebracht, dünkte uns so passend, daß wir sogleich darauf bedacht waren, sie als die Quintessenz unserer ganzen Geschichte hierherzusetzen.

Hat diese Geschichte euch leidlich gemundet, ihr Leser, so meint es mit dem Anonymus und zugleich ein wenig mit seinem Nacherzähler gut. Sollte sie euch aber gelangweilt haben, so seid überzeugt, daß es gegen unsre Absicht geschehen ist.

Rabelais: Gargantua und Pantagruel (Text) (Wikipedia)

»Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder – denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben ...« Mit diesen Worten wendet sich Maistre Alcofribas Nasier (Anagramm von François Rabelais) im Vorwort zu seinem Höchst erstaunlichen Leben des großen Gargantua (1534) an seine Zeitgenossen. Eine Anrede von zweifelhafter Herzlichkeit! Die »sehr trefflichen Zecher« von 1534 aber waren weniger zimperlich. Lockere Sitten in Liebesangelegenheiten waren in den besten Familien an der Tagesordnung, und was das Zechen betrifft, so hat es noch nie als ehrenrührig gegolten, ein trinkfester Saufbruder zu sein. Nein, die damaligen Leser der unerhörten Heldentaten des Gargantua und Pantagruel waren entzückt. Da war endlich jemand, der ihre Sprache redete – eine Sprache, die die Dinge beim Namen nannte, so unverhohlen und eindeutig, daß die gelehrten ›Abstraktoren‹ jener Zeit es mit der Angst bekamen: »Euch aber soll Antonius' Feuer brennen, soll fallende Sucht zu Boden werfen, Krebs fressen, Blutfluß abzapfen, Aussatz, fein wie Kuhhaar, mit Quecksilber verfeuert, in den Hintern fahren, und ihr sollt wie Sodom und Gomorrha in Schwefel, Feuersglut und Höllengestank umkommen, wenn ihr nicht getreulich alles glauben werdet, was ich euch in dieser gegenwärtigen Chronik berichten tue.«

Das war ein ganz neuer Ton, ein Stil, der sich den Teufel scherte um jede erzieherische oder bildende Absicht einer Ars Poetica. Die Gebildeten, die echten wie die falschen, fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Der Sorbonne, der allmächtigen Regentin über Wissen und Gewissen, fiel es nicht schwer, schockiert zu sein. Ihr genügten die Freiheiten des Pantagruel (1532), um das Buch in Grund und Boden zu verdammen. Doch auch die Humanisten sahen zunächst in Pantagruel nicht viel mehr als einen groben, unanständigen Ulk. »Was fällt dir ein, Rabelais?« schreibt 1533 der Dichter Nicolas Bourbon, ein Freund Rabelais'. »Immer mehr lenkst du unsere Scholaren von ihren Pflichten ab, vom Studium der Literatur und von der Liebe zu den heiligen Büchern. Willst du denn zusehen, wie sie ihre schöne Jugend ... in deinen frivolen und finsteren Volksmären ... in unwürdigen Gemeinheiten, im Mist, im Schlamm verlieren? « Erst zwei Jahre, später, nach der Veröffentlichung des Gargantua, entdeckte man »la sustantificque mouelle«, das »substantialische Mark« dieser anscheinend so groben Knochen. Die hochgelehrte Welt der Sorbonnisten und Scholastiker verdarb sich daran gründlich den Magen. Die Humanisten und Reformatoren aber wußten den Nährwert zu schätzen.

Und was empfindet der unbefangene Leser von heute? Mehr an Ordnung gewöhnt, wird ihn die wild wuchernde Sprache, die Unförmigkeit des Ganzen verwirren. Geschult am pointierten Stil, an der diskreten Formulierung, die mehr andeutet als ausspricht, wird es ihm manchmal schwerfallen, über Rabelais' grobkörnigen Witz zu lachen. Andererseits entschädigt ihn die Fülle für die mangelnde Form. Dies ist kein Spaziergang durch den wohlproportionierten Park von Versailles – dazu ist es noch ein Jahrhundert zu früh –, sondern ein rauher Marsch durch die Wildnis, voller Überraschungen und nicht immer angenehm. Denn daß in der freien Natur nicht alles nach Eau de Cologne riecht, weiß jeder Naturfreund, und dem Philosophen ist klar, daß dies eben in der Freiheit der Natur begründet ist. Mit anderen Worten: es geht – um das Ärgernis gleich vorwegzunehmen – nicht darum, Rabelais' berühmte Unanständigkeit zu entschuldigen. Es geht darum, sie zu verstehen, aus der Zeit, aus der Anlage des Gesamtwerkes.

Man hat Rabelais' gesunde Schamlosigkeit mit der eines großen, nackten Babys verglichen. Damit ist im Grunde nicht viel gesagt. Urwüchsigkeit und Infantilität sind ja hier nicht Gegenstand, sondern Form der Auseinandersetzung. Man vergißt über den Spaßmacher zu leicht den Gelehrten. Der gleiche Rabelais, der über »Gargantua, Pantagruel, Saufaus, die Würdigkeit des Hosenlatzes, Speckerbsen cum commento etc.« schrieb und zu schreiben sich vornahm, hat Galenus ex cathedra gelehrt und die Aphorismen des Hippokrates nach dem griechischen Urtext kommentiert. In seinen fünf Büchern ist ein Wissen von enzyklopädischer Breite aufgespeichert. Die zahllosen Zitate, Anspielungen, Reminiszenzen aus der Antike und dem Mittelalter, geschöpft aus allen Wissensbereichen, vermag heute kaum noch jemand ohne einen wissenschaftlichen Kommentar zu verstehen. Rabelais' Gelehrsamkeit will ernst genommen sein. Sie ist nicht, wie etwa das romantische Rittertum des Don Quichotte, sich selbst ein Gegenstand überlegener Ironie. [...]"

Kommentar

Die Digression (Abschweifung) von Gegenstand der Erzählung hat von den deutschen Autoren am stärksten Jean Paul von Rabelais aufgegriffen.

Zitate:

Von des Gargantua Antiquität und Stammbaum

Wollt' Gott, ein jeder wüßt' seinen Stammbaum vom Kasten Noah bis diese Stund! Ich halt dafür, es sind gar manche heutzutag Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten und Papst auf Erden, welche von einigen Ablaßhausierern und Ballenbindern das Leben haben. Und wiederum gar manche sind Spitalbrüder, elende Lumpen und Hungerleider, die vom Geschlecht und Blute großer Könige und Kaiser entsprossen sind, hinsichtlich der erstaunlichen Versetzung der Staaten und Königreiche:

Assyriens in Medien,
Mediens in Persien,
Persiens in Mazedonien,
Mazedoniens in Rom,
Roms in Griechenland,
Griechenlands in Frankreich.

Und daß ich mich, der ich's euch sag', allein zu einem Exempel aufwerf', so glaub' ich gänzlich, daß ich etwa von einem reichen König oder Fürsten der Vorzeit herkomm'; denn ihr habt euer lebelang keinen Menschen gesehen, der einen stärkern Trieb, König und reich zu sein, in sich verspürt hätt', als mich: auf daß ich auch im Saus könnt' leben, nix schaffen noch sorgen dürft' und meine Freunde und alle frommen und geschickten Leut daneben auch stattlich reich machen möcht'. Aber ich tröst' mich wiederum damit: ist es nit hie, so ist es dort; ja wohl weit mehr, als ich mir jetzt zu wünschen erkühnt. Tröstet auch ihr euch in euerm Unglück mit diesen oder besseren Gedanken, und ist es tunlich, habt allzeit frisches Getränk bei euch.

Um jetzt wieder auf besagten Hammel zu kommen, sag' ich, daß uns durch höchste Schenkung des Himmels die Antiquität und Stammbaum Gargantuas vollständiger sind erhalten worden als irgendeiner, ohn des Messias Stammbaum, von welchem ich nicht sprechen mag, denn es geziemt mir nicht: auch sind die Teufel (das sind die Heuchler und falschen Betbrüder) dawider. Er ward gefunden durch Hans Audeau auf einer Wiesen, so er hätt unweit der Gualeauer Schleusen unter Olive auf der Seit gen Narsoy
. Wie der die Gräben dort stechen ließ, da stießen die Gräber mit ihren Hacken auf ein großes Grab von Erz; lang ohnemaßen, denn sie konnten nimmer ein End davon finden, weil es bis weit in die Vienner Gemarkung strich. Als sie solches an einem Ort erbrochen hatten, wo ein Becher gezeichnet war und mit etruskischen Lettern rings umhergeschrieben: ›Hic bibitur‹, fanden sie da neun Flaschen in Ordnung stehen, wie man die Kegel in Gasconien zu setzen pflegt, und unter deren mittelster lag ein klein graugrün, artig, schartig, ziemlich schimmelig Büchlein, das stärker denn Rosen, aber nicht besser roch.

In selbigem hat man ermeldten Stammbaum der Läng nach mit Kanzellarschrift geschrieben funden, nicht auf Papier noch Pergament, auch nicht auf Wachs, sondern geschrieben auf Ulmenrinden, wenn schon vor Alter so abgenützt, daß man davon mit Müh drei Ziffern in gleicher Reih gewahren mocht.

Ich nun (wiewohl der Ehr unwürdig) ward dazu hin berufen, wo ich sodann mit guter Brillenhilfe die Kunst des Aristoteles, wie man unscheinbare Lettern liest, ausgeübt und, so wie ihr hie sehen könnt, verdolmetscht hab' zum Frommen aller Pantagruelleser,
nämlich der becherschwingenden frohen Leser der schauderhaften Pantagruelstaten. [...]

Von der Geburt des gestrengen Pantagruel

Gargantua erzeugte in seinem 524. Jahr seinen Sohn Pantagruel mit seinem Weibe Hängemunden, der Tochter des Amaurotenkönigs in Utopien, die im Kindbett starb; denn er war so unmäßig groß und stämmig, daß er nicht zur Welt kommen konnt', ohne seine Mutter mit zu ersticken. Aber damit ihr die Ursach und Bedeutung seines Namens, der ihm in der Tauf erteilet ward, gründlich verstehen mögt, so sollt ihr wissen: es war im ganzen Land Afrika dasselbe Jahr so große Dürre, daß sechsunddreißig Monat, drei Wochen, vier Tag, dreizehn Stunden und etwas weniges darüber ohne Regen verstrichen, bei so erschrecklicher Sonnenglut, daß die ganze Erd davon verdorrte.

Das ganze Land saß auf dem Trockenen. Die Müh und Angst der Sterblichen, dem schauderhaften Verdursten zu steuern, war kläglich anzusehen. Denn man hatt' alle Händ voll zu tun, daß nicht gar der Weihbrunn in den Kirchen aufgeleckt ward. Doch wußten die Herren Kardinäle und der Heilige Vater dafür bald so guten Rat, daß niemand mehr denn einen Segen davon zu nehmen sich getrauet'. Ja, wenn ein Mensch in die Kirche kam, hättet ihr wohl an zwanzig arme Durster hinter dem, der das Wasser austeilt', offenen Mundes daherziehn sehen, ob sie ein Tröpflein erschnappen möchten, wie der reiche Mann, auf daß nichts umkäm. O selig, wer in diesem Jahr einen kühlen und vollen Keller hatt'!

Eines Freitags nun, als alle Welt der Andacht pflog, und ein schöner Umgang mit Litaneien und Inprofundis schockscheffelweis' gehalten ward, Gott den Allmächtigen beschwörend, daß er in solchem Mißgeschick mit seinem Auge der Erbarmung sie gnädiglich ansehn wollt' – da sah man handgreiflich dicke Wassertropfen der Erd entquellen, wie wann eins stark schwitzet. Das arme Volk fing sich schon an zu freuen, als wenn es ihnen zum Heil und Labsal gewesen wär. Denn etliche sprachen, weil die Luft nicht einen Tropfen Feuchtigkeit mehr hätt', davon noch Regen zu hoffen stünde, hilf nun die Erde dem Mangel nach. Andre Leut, die Studierten, meinten, es wär halt Antipodenregen. Aber sie waren angeführt. Denn als nach abgehaltenem Umgang alles den Tau zu schöpfen lief und in vollen Zügen trinken wollt', fanden sie, daß es nichts andres war denn Heringslake, so bitter und salzig wie kein Seewasser nimmermehr. Und weil auf eben diesen Tag Pantagruel geboren ward, gab ihm sein Vater diesen Namen; denn Panta bedeutet auf Griechisch alles, und Gruel in arabischer Sprach so viel als durstig – anzuzeigen, daß alle Welt in seiner Geburtsstunde durstig gewesen; auch weil er zugleich im prophetischen Geist zum voraus sah, daß er dereinst Beherrscher der Durstigen sein würd, welches ihm außerdem noch durch ein offenbares Zeichen in eben der Stund erwiesen ward. Denn als seine Mutter Hängemunde mit ihm im Kreißen begriffen war und die Hebammen seines Empfanges harrten, kamen aus ihrem Leib voraus achtundsechzig Saumroßtreiber, und jeder führt' am Halfter ein Maultier mit eitel Salz beladen nach. Auf diese folgten neun Dromedare mit Schinken und geräucherten Rindszungen, sieben Kamele voll kleiner Aale, drauf fünfundzwanzig Karren mit Zwiebeln, Lauch, Porree, Knobloch und Schalotten. Die Hebammen waren baß erschrocken, und ihrer etliche sprachen zusammen: »Hie hat's gut Futter, weil wir zeither im Trinken zu schüchtern und allzu nüchtern waren. Dies Zeichen bedeutet uns nur Glück. Danach läßt sich's saufen.« – Und wie sie so noch untereinander plauderten, siehe! da trat heraus Pantagruel, über und über rauh wie ein Bär. Und eine prophezeiet' und sprach: »Er kommt mitsamt dem Haar zur Welt, er wird erstaunliche Dinge tun und, wenn er lang lebt, zu Jahren kommen.« [...]

Fortsetzung