Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund (orig. Reunion)
Wikipedia: "Der sechzehnjährige Schüler Hans Schwarz ist Sohn eines erfolgreichen jüdischen Arztes und besucht das exklusive Karl-Alexander-Gymnasium in Stuttgart. Er träumt davon Dichter zu werden, gilt aber als „normaler“ Schüler mit durchschnittlichen Noten. Er passt nicht recht in die Klasse und hat keine richtigen Freunde. Hans und seine Familie sind zwar jüdisch, doch in erster Linie fühlen sie sich als Schwaben und Deutsche, der Vater hat sich sogar im Ersten Weltkrieg ein Eisernes Kreuz erster Klasse erkämpft.
Im Januar 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme durch die Nazis, erscheint ein neuer Schüler in der Klasse – als „Graf von Hohenfels, Konradin, geboren am 19. Januar 1916, Burg Hohenfels“ stellt er sich vor. Hans Schwarz erkennt, dass er mit niemand anderem als mit diesem faszinierenden Neuling befreundet sein möchte. Erfreut beobachtet er, wie von Hohenfels Avancen anderer Mitschüler zurückweist. Hans beginnt sich im Unterricht als Literaturkenner zu profilieren und beeindruckt Konradin mit einer schwierigen Übung am Reck. Mittels einer korinthischen Silberdrachme aus seiner Münzsammlung erweckt er Konradins Interesse, sie kommen ins Gespräch und werden Freunde.
Die beiden entwickeln eine tiefe Zuneigung zueinander, sie diskutieren über deutsche Literatur im Allgemeinen, Hans’ Lieblingsdichter Friedrich Hölderlin im Speziellen und weitere Themen. Auch unternehmen sie gemeinsam Ausflüge durch das Umland von Stuttgart. Dennoch – obwohl die beiden sich tiefe Geheimnisse offenbaren – bleibt eine Distanz, da Konradin zwar mehrmals in der Woche Gast bei Hans ist und seine Eltern kennenlernt, Hans aber lange Zeit nicht von Konradin nach Hause eingeladen wird. Die wenigen Male, wo Hans in das Haus von Konradin kommen darf, sind dessen Eltern nicht anwesend.
Auf Dauer lässt sich die Politik auch unter den Schülern nicht ignorieren und treibt einen Keil zwischen die beiden. Als Hans eine Aufführung von Fidelio besucht und auf die Familie Hohenfels trifft, ignoriert sein Freund ihn, als ob er ein Fremder wäre. [sieh Zitat 2] Hans erfährt, dass der Antisemitismus von Konradins Mutter der Grund dafür ist, dass er als Jude nie in ihrer Gegenwart nach Hause eingeladen wird. Als die antisemitische Hetze zunehmend auch in der Schule aufkommt und Hans von Mitschülern drangsaliert wird, ignoriert Konradin dies schweigend. Die Verabredungen zwischen Hans und Konradin werden seltener und hören schließlich ganz auf. So wird allmählich eine echte Freundschaft – stellvertretend für viele Millionen anderer – unwiederbringlich zerstört.
Auf Initiative seiner Eltern emigriert Hans im Januar 1933 zu Verwandten nach New York. In einem Abschiedsbrief schreibt Konradin, dass er vor kurzem mit seiner Mutter eine Rede Adolf Hitlers besucht habe und dieser hoffentlich Deutschland vor den Kommunisten retten könne. Konradin endet seinen Brief damit, dass er Hans alles Gute wünscht, und drückt seine Hoffnung aus, dass Hans in einigen Jahren wieder nach Deutschland zurückkehren könne. Der Kontakt zwischen den beiden reißt ab. Die Eltern von Hans wollen nicht emigrieren und bleiben zurück, werden zunehmend entrechtet und begehen schließlich Suizid.
Die Erzählung endet etwa 30 Jahre später: Hans lebt inzwischen als Familienvater und Anwalt in New York, er versucht seine deutsche Vergangenheit möglichst zu verdrängen. Überraschend erhält er von seiner ehemaligen Schule die Bitte, für eine Tafel zum Gedenken an die Kriegsopfer des Gymnasiums zu spenden. Eine beigefügte Liste zeigt Hans, dass mehr als die Hälfte seiner Klassenkameraden gefallen sind. Er zögert zunächst unter dem Buchstaben „H“ nachzuschauen, doch schließlich findet er den Eintrag „Hohenfels, Konradin, beteiligt am Attentat auf Hitler. Hingerichtet“. "
Zitate:
"[...] Und wir sprachen über Mädchen. Gemessen an der aufgeklärten heutigen Jugend war unsere Haltung unglaublich naiv. Für uns waren Mädchen höhere Wesen von märchenhafte Reinheit, denen man sich nur als Troubadour nähern durfte, mit ritterlicher Hingabe und Fernanbetung. Ich kannte sehr wenige Mädchen. Daheim tauchten gelegentlich zwei Cousinen auf, alberne Teenager, die nicht im mindesten Andromeda oder Antigone glichen. Von einer weiß ich nur noch, dass sie sich ständig mit Schokoladentorte vollstopfte, und der anderen erstarrte die Stimme, sobald ich mich sehen ließ.
Konradin hatte mehr Glück. Er traf wenigstens Mädchen mit so aufregenden Namen wie Gräfin von Plato oder Baronin Henckel von Donnersmarck. Sogar eine Montmorency war darunter – er gestand, dass er schon einige Male von ihr geträumt habe.
In der Schule wurde kaum über Mädchen/gesprochen, wenigstens nach unserem Eindruck. Vielleicht tat sich aber da aber einiges hinter unserem Rücken, denn wie der Kaviar Club hielten wir uns meist abseits. Im Rückblick will mir doch immer noch scheinen, als ob selbst die Jungen, die sich mit Abenteuern brüsteten, eher Angst vor Mädchen hatten. Schließlich gab es noch kein Fernsehen, das sexuellen Anschauungsunterricht bot.
Es geht mir jedoch nicht darum, diese Art von Unschuld zu werten. Ich konstatiere sie nur als einen Aspekt unseres Zusammenlebens. Wenn ich von unseren Hauptinteressen, unseren Sorgen, Freunden und Problemen erzähle, so deshalb, weil ich unsere Gemütsverfassung vergegenwärtigen und verständlich machen möchte. Unsere Probleme suchten wir selbstständig, ohne Beistand zu lösen. Nie fiel uns ein, unsere Eltern um Rat zu fragen. Nach unserer Überzeugung gehörten sie eine anderen Welt an, sie würden uns entweder nicht verstehen oder uns nicht ernst nehmen. Wir sprachen kaum über sie; sie schienen uns so fern wir die Spiralnebel; sie waren uns zu erwachsen, zu sehr in diesen oder jenen Konventionen erstarrt. Konradin wusste, dass mein Vater Arzt / war. Ich wusste, dass sein Vater Botschafter in Griechenland, in der Türkei und in Brasilien gewesen war. Mehr wollten wir eigentlich nicht wissen. Vielleicht erklärt dies, warum wir uns noch nie zu Hause besucht hatten." (S.51-53)
Dann lädt der Erzähler seinen Freund einmal zu sich nach Hause ein.
Zitat 2: "[...] Meine Mutter stammt aus einer vornehmen, ehemals königlichen polnischen Familie, und sie hasst die Juden. Jahrhundertelang waren die Juden für diese Familie einfach nicht vorhanden, sie gelten weniger als ihre Leibeigenen, waren Parias, Unberührbare, der Abschaum der Menschheit. Sie verabscheut die Juden. Sie hat Angst vor ihnen, obwohl sie nie einen näher kennengelernt hat. Wenn sie im Sterben liegen würde, und niemand könnte sie retten außer deinem Vater – selbst dann weiß ich nicht, ob sie ihn rufen lassen würde. Nie kam ihr auch der Gedanke, dich kennenlernen zu wollen. Sie ist eifersüchtig auf dich, weil du, ein Jude, der Freund ihres Sohnes bist. Dass ich mich mit dir sehen lasse, erscheint ihr als Schandfleck auf dem Wappen der Hohenfels. Sie meint, du hättest meinen Glauben untergraben. Sie sieht dich im Dienst des Weltjudentums, für sie, gleichbedeutend mit Bolschewismus, und in mir ein Opfer deiner teuflischen Machenschaften. Lache nicht, sie meint das ernst. Ich habe mit ihr gestritten, aber sie sagt/nur: 'Mein armer Junge, merkst du denn nicht, dass du schon in ihre Hände gefallen bist? Du sprichst schon wie ein Jude.' Und wenn du die ganze Wahrheit wissen willst: Ich musste um jede Stunde kämpfen, die ich mit dir verbracht habe. Und was das Schlimmste ist: Ich habe dich gestern Abend nur deswegen nicht angesprochen, weil ich nicht wollte, dass man dich beleidigt. Nein, du hast keinen Grund mir etwas vorzuwerfen, überhaupt keinen Grund, das musst du mir glauben.'
Ich starrte auf Konradin, der wie ich ganz aufgefüllt war. 'Und dein Vater?' stammelte ich.
'Ach, mein Vater! Das ist etwas anderes. Den kümmert es kaum, mit wem ich zusammen bin. Für ihn ist ein Hohenfels, stets ein Hohenfels, wo er auch sein mag und mit wem er auch umgeht. Vielleicht wäre das anders, wenn du ein Mädchen wärest, eine Jüdin. Bei einer Judin würde er argwöhnen, sie wolle mich einfangen. Und das würde ihm gar nicht behagen – außer sie wäre unermesslich reich. Dann würde er vielleicht, aber nur vielleicht eine Heirat erwägen. Doch selbst dann wäre es ihm peinlich, die Gefühle meiner Mutter zu verletzen. Er liebt sie immer noch.'
(S. 89/90)
Mein lieber Hans,
Dies wird ein schwieriger Brief. Lass mich zuerst sagen, wie sehr es mich bedrückt, dass du nach Amerika gehst. Es kann für dich, der du Deutschland liebst, nicht leicht sein, in Amerika neu anzufangen, in einem Land, mit dem du und ich nichts gemeinsam haben, nichts gemein haben. Ich kann mir vorstellen, wie bitter dich das ankommt und wie unglücklich du dich fühlst. Andererseits ist es wahrscheinlich das klügste, was du tun kannst. Das Deutschland von Morgen wird anders aussehen als das Deutschland, dass wir kennen. Es wird ein neues Deutschland sein unter der Führung des Mannes, der dabei ist, unser Schicksal in die Hand zu nehmen, und der für Jahrhunderte das Schicksal der Welt bestimmen wird. Es wird dich erschrecken, dass ich an diesem Mann glaube. Aber nur, er kann unser geliebtes Vaterland vor Materialismus und Bolschewismus retten, nur durch ihn kann Deutschland die moralische überlegene Hight zurückgewinnen, die es durch eigene Torheit verspielt hat. Du wirst nicht zustimmen. Aber ich sehe keine andere Hoffnung für Deutschland. Wir haben nur eine Wahl: zwischen Stalin und Hitler. Ich ziehe Hitler vor. Seine Persönlichkeit und seine Lauterkeit haben mich stärker beeindruckt, als ich dies je für möglich gehalten hätte. Ich erlebte ihn neulich, als ich mit meiner Mutter in München war. Äußerlich ist er ein unscheinbarer, kleiner Mann. Aber sobald man entsprechend wird, wird man mitgerissen von der reinen Kraft, seine Überzeugung, von seinem eisernen willen, seiner dämonischen Intensität und seinem prophetischen Schaf blikk. Als ich mit meiner Mutter weg ging, liefen ihr die Tränen über das Gesicht, und sie sagte immer wieder: Gott hat ihn uns gesandt.
Es betrügt mich mehr, als ich sagen kann, dass einige Zeit – vielleicht 1,2 Jahre – in diesem Deutschland kein Platz für dich sein wird. Aber ich sehe kein Hindernis für deine spätere Rückkehr. Deutschland braucht Menschen wie dich. Ich bin überzeugt, dass der Führer durchaus im Stand und Willens ist, zwischen erwünschten und unerwünschten jüdischen Elementen zu unterscheiden.
… Schwer verlässt,
Was nahe im Ursprung wohnt, den Ort.
Es freut mich, dass deine Eltern bleiben wollen. Selbstverständlich wird sie niemand belästigen – Sie können hier in Frieden und Sicherheit leben und sterben.
Vielleicht werden sich eines Tages unsere Wege wieder kreuzen. Ich werde immer an dich denken, liebe Hans! Du hast mich tief beeinflusst. Du hast mich denken geleert, denken und zweifeln, und durch den Zweifeln durch habe ich zu unserem Herrn und Retter Jesus Christus zurückgefunden.
Dein Konradin V. H. Seite 105-107
Eines Tages stand ein SA – Mann vor der Praxis meines Vaters mit einem Schild: Achtung, Deutsche! Meldet die Juden! Wer sich mit Juden einlässt, besudelt sich. Mein Vater zog seine Offiziersuniform an, mit dem eisernen Kreuz, erster Klasse, und stellte sich neben den Posten. Die Verlegenheit des SA – Mannes wuchs, als die Leute stehen blieben und allmählich einen Auflauf entstanden. Zuerst hielt die Menge still, aber mit ihrem Anwachsen wurde zuerst gemobbt, dann laut und aggressiv protestiert.
Die Feindseligkeit galt im SA – Mann, der es nicht mehr lange aussieht, sein Plakat nahm und Abzug. Bald darauf trete mein Vater den Kasan auf, während meine Mutter schlief. So starben sie/gemeinsam. Seitdem habe ich nach Möglichkeit vermieden, mit deutschen zusammen zu treffen, und habe kein einziges deutsches Buch mehr aufgeschlagen, nicht einmal Berlin. Ich habe versucht, alles zu vergessen.
Ein paar Deutsche sind mir natürlich trotzdem begegnet, anständige Leute, die im Gefängnis saßen, weil sie sich gegen Hitler auflehnen. Ich habe mich über ihre Vergangenheit unterrichtet, bevor ich ihm die Hand gab. Man muss da schon vorsichtig sein – es ist nicht auszuschließen, dass man sich mit jemanden einlässt, an dessen Händen das Blut von Freunden und Verwandten klebt. Gerade jene freilich, bei denen es nicht im geringsten Zweifel gab, deren Widerstand bezeugt war, wurden ihr Schuldbewusstsein nicht los. Sie hatten mein Mitgefühl. Aber selbst bei Ihnen gab ich vor, dass es mich anstrenge, Deutsch zu sprechen.
Das ist die Fassade, in die ich mich beinahe (doch nicht ganz) unbewusst zurückziehe, wenn ich mit einem deutschen zu tun habe. Selbstverständlich spreche ich noch immer fließend Deutsch, wenn auch mit leicht amerikanischen Akzent, aber ich mache nicht gerne Gebrauch/davon. Meine Wunden sind nicht verheilt, und die Erinnerungen an Deutschland reibt Salz in sie hinein. (Seite 110-112)
Zuletzt entschloss ich mich, das schreckliche Ding zu vernichten. Wollte oder musste ich wirklich Bescheid wissen? War es ein Unterschied, ob er tot war oder lebendig, wenn ich ihn weder tot noch lebendig jemals wieder sehen würde?
Aber war ich dessen sicher? War als zweifelsfrei ausgeschlossen, dass auf einmal die Tür aufging und er herein trat? Bräuchte ich nicht jetzt schon auf seine Schritte?
Ich nahm die kleine Broschüre in die Hand, drauf und dran, sie zu zerreißen, hielt aber im letzten Augenblick Ende. Auf alles gefasst, suchte ich zittern die Seite mit dem Buchstaben, H. Und Lars: von Hohenfels, Konradin, beteiligt am Attentat auf Hitler. Hingerichtet. (S.116).
Film: Der wiedergefundene Freund.
The Making of an Englishman, 1960
KI Gemini:
Fred Uhlmanns autobiografische Erzählung 'The Making of an Englishman' schildert die prägenden Jahre des deutsch-jüdischen Autors in England, wohin er nach der Flucht vor dem NS-Regime emigrierte. Das Werk beleuchtet sensibel den schwierigen Prozess des Ankommens, die Auseinandersetzung mit der neuen Kultur sowie die Herausforderungen, sich als Künstler und Mensch in einer fremden Gesellschaft zu behaupten.
Kulturelle Identität: Das Buch beschreibt den schmerzhaften Spagat zwischen der Herkunft aus Deutschland und der neuen Heimat England, wobei der Autor seine Erlebnisse als Beobachter und Außenseiter reflektiert.
Flucht und Exil: Es thematisiert die psychologischen Hürden und die Realität des Exils nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Literarischer Stil: Uhlmann, der vor allem für seinen autobiografischen Roman Der wiedergefundene Freund (Reunion) bekannt ist, schreibt in einem klaren, melancholischen und zugleich beobachtenden Ton.