07 Juni 2026

Adelbert von Chamisso

 Adelbert von Chamisso

Ich bilde mir nicht ein, einem Mann wie Chamisso gerecht zu werden, wenn ich hier au ihn hinweise. Es geht mir nur darum, dem Buch gerecht zu werden, das ich in einem öffentlichen Bücherregal fand und dem Projekt Gutenberg, in dessen Sinne ich nur bei Wikisource arbeiten konnte. Das versuche ich dadurch, dass ich die Angebote für mich nutze und das, was ich dabei erfahre, öffentlich anbiete.

Chamisso, deutscher Dichter mit französischer Muttersprache und Naturforscher von Rang, beides wohl nur durch die Verbindungen, die er aufgrund seiner Herkunft auch als Flüchtling nutzen konnte und - freilich - seiner Begabung und seines Ehrgeizes. 

Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814)  Das Riesenspielzeug (1831)

Aus der Einleitung seiner Reise um die Welt (sieh auch: Rurik-Expedition)"[...] Aus einem alten Hause entsprossen, ward ich auf dem Schlosse zu Boncourt in der Champagne im Januar 1781 geboren. Die Auswanderung des französischen Adels entführte mich schon im Jahre 1790 dem Mutterboden. Die Erinnerungen meiner Kindheit sind für mich ein lehrreiches Buch, worin meinem geschärften Blicke jene leidenschaftlich erregte Zeit vorliegt. [...] 

So stand ich in den Jahren, wo der Knabe zum Manne heranreift, allein, durchaus ohne Erziehung; ich hatte nie eine Schule ernstlich besucht. Ich machte Verse, erst französische, später deutsche. Ich schrieb im Jahre 1803 den »Faust«, den ich aus dankbarer Erinnerung in meine Gedichte aufgenommen habe. Dieser fast knabenhafte metaphysisch-poetische Versuch brachte mich zufällig einem andern Jünglinge nah, der sich gleich mir im Dichten versuchte, K. A. Varnhagen von Ense. Wir verbrüderten uns, und so entstand unreiferweise der »Musenalmanach auf das Jahr 1804«, der, weil kein Buchhändler den Verlag übernehmen wollte, auf meine Kosten herauskam. Diese Unbesonnenheit, die ich nicht bereuen kann, ward zu einem segensreichen Wendepunkte meines Lebens. [...]

Kapitel 4: Vorfreude. Reise über Hamburg nach Kopenhagen

 "[...] Der Hausknecht, der seinen Herrn so freundlich vertraut mit mir umgehen sah und mich beim Globus von weiten Reisen erzählen hörte, fragte einen der Kommis, wer denn der schwarze ausländische Herr sei, für den er manche Gänge zu besorgen gehabt. – »Weißt du das nicht?« antwortete ihm jener; »es ist Mungo Park.« Und froh und stolz, wie ein Zeitungsblatt, das einmal eine große Nachricht auszuposaunen hat, lief der literarische Zwischenträger seine Gänge durch die Stadt, jeden, den er kannte, anhaltend, um ihm mitzuteilen, Mungo Park sei nicht umgekommen; er sei da, er sei bei seinem Herrn, er sehe so und so aus und erzähle viel von seinen Reisen. – Nun kamen einzeln und scharenweise die guten Hamburger zu Perthes in den Laden gelaufen und wollten Mungo Park sehen. – Im »Schlemihl«, und zwar im vierten Abschnitt, steht geschrieben: »Muß ich's bekennen? es schmeichelte mir doch, sei es auch nur so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein.« [...]

Kapitel 10: Nordfahrt von Kamtschatka aus in die Bering-Straße

Sankt-Laurenz-Insel. Kotzebues-Sund. Sankt-Laurenz-Bucht im Lande der Tschuktschi. Unalaschka

»Zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt« sind Worte, die die »Entdeckungsreise von Otto von Kotzebue in die Südsee und nach der Berings-Straße« an der Stirne trägt. Nun aber segeln wir nach Norden, der Berings-Straße zu, und es dünkt mich an der Zeit zu sein, euch, die ihr mir bis jetzt auf gut Glück gefolgt seid, ohne zu wissen, wohin die Reise ging und was sie beabsichtigte, nachträglich über den Hauptzweck derselben und den Plan, nach welchem er verfolgt werden sollte, die Aufklärungen zu geben, die ich selber nur nach und nach erhalten hatte. Die Sommerkampagne 1816 sollte einer bloßen Rekognoszierung gewidmet sein. Ein Hafen, ein sicherer Ankerplatz für das Schiff, sollte in Norton-Sound oder, noch besser, im Norden der Straße aufgefunden werden, von wo aus mit Baidaren und AleutenDreisilbig: A-le-ut. So spreche ich das Wort mit den Russen aus. Meine Jungen, die in Klein-Quarta sitzen, wissen es freilich besser und verweisen es mir. Daß es zweisilbig A-leut heißen muß, weiß jedes Kind., diesen Amphibien dieser Meere, den eigentlichen Zweck der Expedition anzugreifen der zweiten Sommerkampagne vorbehalten bliebe. Früh sollten wir dann in Unalaschka eintreffen, wo unsere Ausrüstung für das nächste Jahr von den Beamten der Russisch-Amerikanischen Kompanie beschafft werden sollte: Baidaren, Mannschaft, Mundvorrat für dieselbe und Dolmetscher, welche die Sprachen der nördlichen Eskimos verstünden. Diese Dolmetscher würden von Kodiak bezogen werden müssen, wohin von Unalaschka aus einen Boten auf dreisitziger Baidare die Küsten der Inseln und des festen Landes entlang zu senden je später im Jahre, desto fahrvoller und unzuverlässiger sei. Deshalb durften wir uns jetzt nicht verspäten. Die Zeit des nordischen Winters sollten wir dann in Sommerlanden verbringen, teils der Mannschaft die erforderliche Erholung gönnen, teils anderwärtigen geographischen Untersuchungen obliegen, dann im Frühjahr 1817, nach Unalaschka zurückkehrend, daselbst, was für unsre Nordfahrt vorbereitet worden, uns aneignen und, sobald das nordische Meer sich der Schiffahrt eröffnete, den »Rurik« in den vorbestimmten Hafen fahren, sichern und zurücklassen und mit Baidaren und Aleuten zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt so weit nach Norden und Osten zu Wasser oder zu Lande vordringen, als es uns ein gutes Glück gestattete. – Wenn die vorgerückte Jahreszeit oder die sonstigen Umstände unserer Unternehmung ein Ziel gesetzt, sollten wir die Rückfahrt über Kamtschatka antreten und auf der Heimkehr noch die fahrvolle Torres-Straße untersuchen. Wahrlich, es war zweckmäßig, zu Entdeckungen im Eismeer die Söhne des Nordens und ihre Fahrzeuge zu gebrauchen. Nur mißlich war es, die ganze Hoffnung des Gedeihens auf den einzigen Wurf nur einer Kampagne zu setzen, die ein ungünstiges Jahr vereiteln konnte. Aber mit Beharrlichkeit möchten am füglichsten von Unalaschka aus durch Aleuten und wenige rüstige, abgehärtete Seemänner, welche nur die erforderlichen Ortsbestimmungen vorzunehmen befähigt wären, die letzten Fragen zu lösen sein, welche die Geographie dieser Meer- und Küstenstriche noch darbietet.

Die Sommerkampagne 1816, deren Ergebnis in der Karte vorliegt, die Herr von Kotzebue von dem nach ihm benannten Sunde mitteilt, hat, was von ihr erwartet werden konnte, auf das befriedigendste geleistet. Der Kotzebues-Sund, ein tiefer Meerbusen, der im Norden der Straße unter dem Polarkreise in die amerikanische Küste eindringt und dessen Hintergrund beiläufig einen Grad nördlicher und unter gleicher Länge liegt als der Hintergrund von Norton-Sound, bietet den Schiffen im Schutze der Chamisso-Insel den sichersten Ankerplatz und den vortrefflichsten Hafen dar. Herr von Kotzebue hat im Jahre 1817 darauf verzichtet, Vorteil von seiner Entdeckung zu ziehen, um weiteren Entdeckungen in das Eismeer entgegenzusehen. Was der Romanzowschen Expedition aufgegeben war, ist seither von den Engländern verfolgt worden, und Kapitän Beechey mit dem »Blossom« hat in den Jahren 1826 und 1827 von diesem selben Hafen aus einen Teil der amerikanischen Küste im Eismeer aufgenommen.

Ich kehre zu unserer Nordfahrt zurück. Ihr Zweck war die Geographie. Wir haben zwar mit den Eingebornen, den Bewohnern der Sankt-Laurenz-Insel, den Eskimos der amerikanischen Küste, den Tschuktschi der asiatischen, häufig verkehrt; doch haben wir mit und unter ihnen nicht gelebt. Die Karte und der Bericht von Herrn von Kotzebue, das Zeichenbuch des Malers, das er in seinem »Voyage pittoresque« offenhält, werden belehrender sein als mein dürftiges Tagebuch. Übrigens, was ich über diese Völker mongolischer Rasse zu sagen gewußt, habe ich am Schlusse des Aufsatzes, den ich den Nordlanden in meinen »Bemerkungen und Ansichten« gewidmet habe, in wenige Worte zusammengedrängt.

Am 17. Juli 1816 liefen wir aus der Bucht von Awatscha aus und hatten am 20. Ansicht von der Berings-Insel, deren westliches Ende sich mit sanften Hügeln und ruhigen Linien zum Meere senkt. Sie erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee.

Von der Berings-Insel richteten wir mit günstigem Winde unsern Kurs nach der Westspitze der Sankt-Laurenz-Insel. Wir waren in den dichtesten Nebel gehüllt; er zerteilte sich am 26. auf einen Augenblick; ein Berggipfel ward sichtbar; der Vorhang zog sich wieder zu. Wir lavierten in der gefährlichen Nähe des nicht gesehenen Landes.

An diesem Tage war die Erscheinung einer Ratte auf dem Verdeck ein besorgniserregendes Ereignis. Ratten sind auf einem Schiffe gar verderbliche Gäste, und ihrer Vermehrung ist nicht zu steuern. Wir hatten bis jetzt keine Ratten auf dem »Rurik« gehabt; war diese in Kamtschatka an unsern Bord gekommen, konnten auch mehrere schon in den untern Schiffsraum eingedrungen sein. Eine Rattenjagd ward auf dem Verdeck als ein sehr ernstes Geschäft angestellt, und drei Stück wurden erlegt. Es ist von da an keine mehr verspürt worden. [...]"

"Ich habe hier eine Frage zu beantworten, die in den Gedanken der Wissenschaft den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit und der Geschichte bezeichnet. – Ihr Starren, die ihr die Bewegung leugnet und unterschlagen wollt, seht, ihr selber, ihr schreitet vor. Eröffnet ihr nicht das Herz Europas nach allen Richtungen der Dampfschiffahrt, den Eisenbahnen, den telegraphischen Linien und verleihet dem sonst kriechenden Gedanken Flügel? Das ist der Geist der Zeit, der, mächtiger als ihr selbst, euch ergreift. – Gauß aus Göttingen zuerst fragte mich im Herbst 1828 zu Berlin, und die Frage ist seither wiederholt an mich gerichtet worden: ob es möglich sein werde oder nicht, die geodätischen Arbeiten und die Triangulierung von der asiatischen nach der amerikanischen Küste über die Straße hinaus fortzusetzen. Diese Frage muß ich einfach bejahend beantworten. Beide Pfeiler des Wassertores sind hohe Berge, die in Sicht voneinander liegen, steil vom Meer ansteigend auf der asiatischen Seite und auf der amerikanischen den Fuß von einer angeschlemmten Niederung umsäumt. Auf der asiatischen Seite hat das Meer die größere Tiefe und der Strom, der von Süden in die Straße mit einer Schnelligkeit von zwei bis drei Knoten hineinsetzt, die größere Gewalt. Wir sahen nur auf der asiatischen Seite häufige Walfische und unzählbare Herden von Walrossen. Die Berghäupter mögen wohl die Nebeldecke überragen, die im Sommer über dem Meere zu ruhen pflegt; aber es wird auch Tage geben, wie der 30. Juli 1816 einer war. [...]

Kapitel 11

"Die Bucht, worin wir waren, erhielt den Namen Eschscholtz; die Insel, in deren Schutz der »Rurik« vor Anker lag, den meinen. (Sie ist in meinen »Bemerkungen und Ansichten« ungenannt.) Sowohl auf der sandigen Landzunge, auf welcher wir bivouakierten, als auf der urfelsigen Insel war die Variation der Magnetnadel durchaus unregelmäßig.

Auf Exkursionen wie diese hatte meine Sekundenuhr von Schunigk zu Berlin die Ehre, Chronometerdienst zu tun; selbst ihrer nicht bedürftig, hatte ich sie dem Kapitän zum Gebrauch ganz überlassen. Nach zweitägigem Bivouak, wobei uns das englische Patentfleisch (frisches Fleisch und Brühe in Blechkasten eingefüllt, die ohne leeren Raum zugelötet sind) sehr guten Dienst geleistet hatte, kehrten wir am dritten Tage, am 9. August morgens, zu dem Schiffe zurück. Während unserer Abwesenheit hatten uns die Eingeborenen auf zwei Baidaren einen Besuch zugedacht, der aber nach dem Befehl des Kapitäns nicht angenommen worden war. Der Hintergrund von Kotzebues-Sund ist unbewohnt, und man findet an dessen Ufern nur Landungs- und Bivouakplätze der Eingeborenen. Ein solcher findet sich zum Beispiel auf der Chamissos-Insel und ein anderer bei den Eisbergen der Eschscholtz-Bucht; diesen besuchen sie vielleicht hauptsächlich nur, um Elfenbein zu sammeln.[...] Diese Walfische rufen mir ins Gedächtnis, was ich einst von einem genialen Naturforscher ins Gespräch werfen hörte. Der nächste Schritt, der getan werden muß, der viel näher liegt und viel weiter führen wird als die Dampfmaschine mit dem Dampfschiffe, diesem ersten warmblütigen Tiere, das aus den Händen der Menschen hervorgegangen ist – der nächste Schritt ist, den Walfisch zu zähmen. Worin liegt denn die Aufgabe? Ihn das Untertauchen verlernen zu lassen! Habt ihr je einen Flug wilder Gänse ziehen sehen; und ein altes Weib gesehen, mit einer Gerte in der zitternden Hand ein halb Tausend dieser Hochsegler der Lüfte auf einem Brachfeld treiben und regieren? Ihr habt es gesehen und euch über das Wunder nicht entsetzt; was stutzt ihr denn bei dem Vorschlag, den Walfisch zu zähmen? Erziehet Junge in einem Fjord, ziehet ihnen einen von Schwimmblasen getragenen Stachelgurt unter die Brustflossen, stellt Versuche an! Wahrlich, beide Meere zu vereinigen und die Entfernung zwischen Archangel und Sankt Peter und Paul auf acht bis vierzehn Tage Zeit zu verringern ist wohl des Versuchens wert. – Ob übrigens der Walfisch ziehen oder tragen soll, ob und wie man ihn anspannt oder belastet, wie man ihn zäumt oder sonst regiert und wer der Kornak des Wasserelefanten sein soll, das alles findet sich von selbst.

Am 7. September 1816 brachte uns ein günstiger, aber schwacher Wind in den Eingang der Bucht, woselbst er uns zwischen den hohen Bergen der Insel plötzlich gebrach, so daß wir uns in einer ziemlich hülflosen Lage befanden, da dort kein Anker den Grund findet. Aber der Agent der Kompanie, Herr Kriukow, kam uns mit fünf zwanzigruderigen Baidaren entgegen und bugsierte uns in den Hafen. Wir ließen um ein Uhr die Anker vor Illiuliuk, der Hauptansiedelung, fallen. Das Dampfbad war vorsorglich für uns geheizt.

Herr Kriukow, verpflichtet durch den Befehl der Direktoren der Kompanie in Sankt Petersburg, die Forderungen des Herrn von Kotzebue zu erfüllen, war in allem gegen ihn von einer unterwürfigen Zuvorkommenheit. Von den wenigen Rindern, die auf der Insel sind, wurde sogleich eines für uns geschlachtet, und unsere Mannschaft ward mit frischem Fleische, Kartoffeln und Rüben versorgt, dem einzigen Gemüse, das hier gebaut wird.

Die Forderungen des Herrn von Kotzebue bestanden in folgendem: eine Baidare von vierundzwanzig Rudern, zwei einsitzige und zwei dreisitzige Baidaren verfertigen zu lassen; fünfzehn gesunde, starke Aleuten mit ihrer ganzen Ammunition für das nächste Frühjahr bereitzuhalten; Kamlaikas von Seelöwenhälsen für die sämtliche Mannschaft bis zu derselben Zeit zu beschaffen und sogleich einen Boten nach Kodiak abzufertigen, um dort durch den Agenten der Amerikanischen Kompanie einen Dolmetscher zu erhalten, der die an der nördlicheren Küste Amerikas gesprochene Sprache verstünde und übersetzen könnte. Die gefahrvolle Sendung zu übernehmen, fanden sich drei entschlossene Aleuten bereit.

Die dreisitzige Baidare ist nach dem Muster der einsitzigen gebaut, nur verhältnismäßig länger und mit drei Sitzlöchern versehen. Darin läßt sich ein Europäer, der in Aleutentracht mit Kamlaika und Augenschirm (gegen das Bespritzen der Wellen) den mittleren Sitz einnimmt, von zwei Aleuten fahren. Ich selber habe mich an einem schönen Sonntagsmorgen im Hafen von Portsmouth zur unendlichen Lust der Engländer auf die Weise in einer solchen Baidare fahren lassen. [...]"

Kapitel 12:

"[...]  Keine Seevögel hatten uns über dem Winde der Sandwich-Inseln das Land angesagt, und zwischen demselben sahen wir auch keine. Nur hoch in den Lüften der Tropikvogel und nah über dem Spiegel der Wellen der Fliegende Fisch.

Wir richteten unsern Lauf nach der Nordwestspitze von O-Waihi, um diese zu umfahren und, nach dem Rate von Herrn Elliot, Haul-Hanna, Herrn Jung, in der Bai von Tokahai, Gebiet Kochala, zu sprechen, woselbst dieser in der Geschichte der Sandwich-Inseln rühmlichst bekannte Mann seinen Wohnsitz haben sollte. Herr Jung würde uns die nötigen Nachrichten über den jetzigen Zustand der Dinge und den Aufenthalt des Königs mitteilen. Dem Könige aber mußten wir uns vorstellen, bevor wir in den Hafen Hana-ruru der weiter westwärts liegenden Insel O-Wahu einliefen.

In der Nacht zum 22. November und am Morgen dieses Tages enthüllten sich uns die Höhen der großartig in ruhigen Linien sich erhebenden Landmasse, über welche sich mittags und abends die Wolken senken. Noch sahen wir nur Mauna-Kea, den Kleinen Berg, welcher, wenngleich der kleinere, sich höher über das Meer erhebt als der Montblanc über die Täler, von welchen aus er gesehen werden kann. Die Nordküste am Fuße des Mauna-Kea ist die unfruchtbarste der Insel.

Wir umschifften gegen Mittag das nordwestliche Vorgebürge von O-Waihi, fuhren durch den Kanal, der diese Insel von Mauwi trennt, und verloren den Passat unter dem Winde des hohen Landes. Wir hatten längs der Westküste von O-Waihi sehr schwache Land- und Seewinde und gänzliche Windstille.

Zwei Insulaner ruderten in der Gegend des Vorgebürges an das Schiff. Der auf das Verdeck stieg, beantwortete so scheu und zögernd die Fragen des ihm wohlbekannten Najas, daß dieser über das, was auf den Inseln geschehen sein möchte, Besorgnis schöpfte. Wir erfuhren indes, daß Haul-Hanna (ein Berater von Kamehameha_I. mit den mehrsten Fürsten auf O-Wahu und Tameiameia zu Karakakoa sich befinde. Das Kanot, welches an das Schiff angebunden war und worin der andere O-Waihier sich befand, schlug um, und wir hatten Gelegenheit, die Kraft und Gewandtheit dieser Fischmenschen zu bewundern.

Wir sahen von der hohen See die europäisch gebauten Häuser von Herrn Jung sich über die Strohdächer der Eingebornen erheben. Der ganze Strand ist von den Ansiedelungen der Menschen bekränzt, aber schattenlos. Erst südlicher längs der Küste untermischen sich Kokospalmen den Häusern. Die Wälder, die an den Bergen eine hohe Zone einnehmen, steigen nicht zu Tale. Rauchsäulen stiegen in verschiedenen Gegenden des Landes empor.

Andere Kanots kamen an das Schiff; wir verkehrten mit mehreren Eingebornen und vermochten einen weitgewanderten Mann, einen Mann des Königs, der in Boston, an der amerikanischen Nordwestküste und in China gewesen war, an unserm Bord zu bleiben und uns nach Karakakoa zu lotsen. Wir erfuhren, daß zwei amerikanische Schiffe in Hana-ruru lägen und vor Karakakoa ein drittes, welches, vom Sturme geschlagen, entmastet nach diesen Inseln gekommen. Wir erfuhren endlich, daß Russen der Amerikanischen Handelskompanie das Reich mit Krieg zu überziehen gedroht und daß man die russischen Kriegsschiffe erwarte, welche die Drohung verwirklichen sollten.

Das waren die Umstände, unter welchen wir vor O-Waihi erschienen und uns glücklich preisen mußten, Herrn Elliot, den Leibarzt des Königs, an Bord zu haben, der Zeugnis von uns ablegen konnte.

Wir lagen die Nacht in vollständiger Windstille. Wir erfuhren am Morgen des 23., daß der König von Karakakoa nordwärts, uns näher, nach Tiutatua am Fuße des Wororai gekommen sei, sich aber daselbst nicht lange aufhalten werde. Herr Elliot ließ ihm Botschaft von uns und sich selber ansagen und den Wunsch des Kapitäns andeuten, Seine Majestät zu Tiutatua nicht zu verfehlen.

Wir kamen sehr langsam vorwärts. Am Abend ward ein Delphin harpuniert. Während der Nacht frischte der Wind; am Morgen des 24. waren wir vor Tiutatua. Das amerikanische Schiff fuhr eben unter allen Segeln in die Bucht. Der Kapitän ließ das kleine Boot aussetzen, worin er Herrn Elliot mit mir, Eschscholtz und Choris an das Land schickte. Wir begegneten einem Europäer, der in seinem Kanot fuhr; er trat in unser Boot über und geleitete uns.

02 Juni 2026

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Januar und Februar 1943



Der erste Teil des Echolots konzentriert sich in insgesamt vier Bänden auf den Zeitraum 1. Januar bis 28. Februar 1943. Kempowski kommentierte die Terminierung: „Damals hatte das Dritte Reich nach innen und außen den Höhepunkt seiner Macht erreicht und war im Begriff, ihn zu überschreiten […] – es ist überraschend, wie oft sich in Notizen und Briefen aus dieser Zeit schon die Frage findet: Ob das gut geht? Man hatte das Gefühl, daß der Bogen überspannt war: Und genau hier setze ich mit dem Echolot ein.“[1] In den Zeitraum der Bände fällt die Casablanca-Konferenz, der Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad, die Sportpalastrede Joseph Goebbels’ mit dem Aufruf zum Totalen Krieg sowie die Hinrichtung der Geschwister Scholl aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose.

Die Aufzeichnungen sind chronologisch geordnet, jeder Tag ergibt ein Kapitel. Dadurch liegt der Fokus weniger auf dem Verfolgen eines Einzelschicksals als in der vom Autor arrangierten Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Erfahrungen der verschiedenen Menschen. Längere Zwischentexte trennen die einzelnen Kapitel, auch sie nicht aus der Feder Kempowskis, von dem nur das Vorwort stammt. Der erste Eintrag jeden Tages stammt aus dem Bulletin von Adolf Hitlers Leibarzt Theo Morell. Die letzten Einträge sind den Notizen Heinrich Himmlers und dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Danuta Czech entnommen.

Fuga furiosa. Winter 1945



Der zweite Teil des Echolots ist erneut auf vier Bände aufgeteilt und behandelt den Zeitraum vom 12. Januar bis zu den Bombenangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Dazwischen liegen Hitlers Rückzug in den Führerbunker, die Großoffensive der Roten Armee, die darauf folgende Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten sowie die Vergewaltigungen der deutschen Zivilbevölkerung, die Todesmärsche von KZ-Häftlingen und die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, der Untergang der Wilhelm Gustloff und die Konferenz von Jalta.

Kempowskis Absicht war, „Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. [Es] kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge“, um die Leidenden zusammenzuführen. Dabei sah er sich als Chronist der in der deutschen Literatur zuvor wenig thematisierten Bombenangriffe und Flüchtlingsströme auch als Tabubrecher: „Wir müssen auch das erzählen dürfen.“[2] Neben den Einzelberichten aus dem ersten Teil sind auch offizielle Quellen in die Bände eingearbeitet: Zeitungsmeldungen, das Rundfunkprogramm und Wehrmachtberichte. Zudem wird die deutsche Perspektive um zahlreiche ausländische Aufzeichnungen ergänzt, die Kempowski seit Erscheinen des ersten Teils ausfindig gemacht hatte.

Barbarossa ’41



In chronologischer Hinsicht kann der dritte Teil des Echolots als sein Prolog aufgefasst werden. Er kehrt zurück ins Jahr 1941. Gegenüber den vorigen Veröffentlichungen hat sich der Aufbau verändert: in lediglich einem Band werden drei größere Zeiträume betrachtet: 21. Juni bis 30. Juni 1941, 1. Juli bis 8. Juli 1941 sowie 7. Dezember bis 31. Dezember 1941. Titelgebend ist das Unternehmen Barbarossa, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni samt den Anfangssiegen in den folgenden Tagen. Es folgen der Beginn der Leningrader Blockade und der Rückzug der deutschen Armee im ersten Kriegswinter Ende 1941. Konsequenter als in den vorigen Bänden werden Berichte beider Kriegsparteien einander gegenübergestellt, kommen neben deutschen auch sowjetische Soldaten sowie die leidende Leningrader Bevölkerung zu Wort. Die Tageseinträge beginnen jeweils mit einem Zitat aus der Bibel, darauf folgen Aufzeichnungen berühmter Schriftsteller. Im Zentrum jedes Tageseintrags stehen die wiederkehrenden Tagebucheintragungen einiger direkt vom Krieg betroffener Menschen, etwa einer Mutter, deren Sohn gefallen ist, eines Arztes und mehrerer Soldaten an der Ostfront, darunter auch die Aufzeichnungen Jochen Kleppers. Am Ende stehen Verweise auf die nationalsozialistischen Verbrechen in Form des Tagebuchs von Adam Czerniaków und der Auschwitz-Aufzeichnungen Danuta Czechs, die teilweise etwa vom Tagebuch eines in der Einsatzgruppe A dienenden SS-Mannes ergänzt werden.

Abgesang ’45



Auch der letzte Teil des Echolots beschränkt sich auf einen Band und wird in der ausführlichen Darstellung weniger letzter Kriegstage zum Epilog des Projekts. Der Band beginnt mit dem letzten Führergeburtstag am 20. April 1945. Es folgen der 25. April, der Elbe Day mit dem ersten Zusammentreffen alliierter Truppen, und der 30. April, der Tag des Suizids Adolf Hitlers. Beschlossen wird der Band durch ein umfangreiches Kapitel zum Kriegsende durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht sowie die Reaktionen bei den Siegermächten und der deutschen Bevölkerung am 8. und 9. Mai 1945.

Eingerahmt sind die Ereignisse durch zwei Gedichte, Ludwig Uhlands Frühlingsglaube („Nun muß sich alles, alles wenden.“) und Friedrich Hölderlins Der Frühling („Der Menschen Thätigkeit beginnt mit neuem Ziele,/ So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.“)

Leseproben zu allen Bänden bei Penguin (Verlage)


Buchausgaben von Echolot


Zitat von Kempowski:

„Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein. […] Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.“

Walter Kempowski, 2007[23]

(wird ergänzt)

30 Mai 2026

Marianne Fredriksson: Hannas Töchter

Fredriksson: Hannas Töchter     Kritik und Inhalt (Vorsicht Spoiler)

Dieter Wunderlich Buchvorstellungen

Weitere Werke von Marianne Fredriksson


Gemini:

„Hannas Töchter“ (Originaltitel: Hanalas döttrar, 1994) von der schwedischen Autorin Marianne Fredriksson ist ein tiefgründiger Generationenroman. Er erzählt die schwedische Frauengeschichte über ein ganzes Jahrhundert hinweg anhand von drei Generationen einer Familie: Hanna (die Großmutter), Johanna (die Mutter) und Anna (die Tochter).

Die Rahmenhandlung beginnt in den 1990er Jahren. Anna besucht ihre demente Mutter Johanna im Pflegeheim. Da eine echte Kommunikation kaum noch möglich ist, beginnt Anna, nach den Wurzeln ihrer Mutter und ihrer Großmutter Hanna zu forschen, um ihre eigene Identität besser zu verstehen.

Die drei Generationen

1. Hanna (geboren ca. 1871)

Hannas Geschichte spielt im ländlichen, bitterarmen Schweden (Dalsland) nahe der norwegischen Grenze im späten 19. Jahrhundert.

  • Das Schicksal: Nach einer Vergewaltigung bringt sie ein uneheliches Kind zur Welt und wird von der Dorfgemeinschaft stigmatisiert. Später heiratet sie den Müller John, einen stolzen, aber oft harten Mann.

  • Das Leben: Hannas Alltag ist geprägt von unermüdlicher, harter körperlicher Arbeit, dem Kampf ums Überleben und tief sitzenden Traditionen. Sie verliert Kinder durch Krankheit und Hunger, bewahrt sich aber trotz aller Entbehrungen eine unbändige, erdverbundene Lebenskraft.

Zitat: "So ein schlechter Mensch bin ich auch wieder nicht, dass ich mich nicht ändern könnte." Als sie sich bereit erklärt, mit ihrer Tochter mit dem "Teufelswerk", dem Auto ihres Ragnar, mitzufahren, weil ihre Tochter Johanna es so gern möchte. (S.148)

"Er dachte an Hanna. Staunend erkannte er, dass seine Frau die einzige war, in deren Schuld er nicht stand. Nicht, weil er ein durch und durch guter Mann und Vater gewesen war, nein, wohl war manches geschehen, was er bereute. Er brauchte aber keine Schuld zu empfinden, denn in ihren Gedanken war kein Vorwurf. [...] Er dachte lange darüber nach und kam zu dem Schluss, dass der, der auf Ungerechtigkeit gefasst ist, auch nicht nachtragend sein kann."(S.150)

2. Johanna (geboren ca. 1902)

Johanna verkörpert den Umbruch Schwedens von der agrarischen Armut hinein in die Industrialisierung und den beginnenden Wohlfahrtsstaat.

  • Der Aufbruch: Sie zieht in die Stadt (Göteborg), politisiert sich in der Arbeiterbewegung und kämpft für Frauenrechte.

  • Das Leben: Sie heiratet Arne, einen Mann aus dem Bürgertum, und steigt gesellschaftlich auf. Doch der Spagat zwischen ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse und ihrem neuen bürgerlichen Leben zerreißt sie innerlich. Sie will es besser machen als ihre Mutter, distanziert sich von ihr, wiederholt dabei aber unbewusst alte Muster der emotionalen Verschlossenheit.

3. Anna (geboren ca. 1937)

Anna ist die moderne, emanzipierte Frau der Nachkriegsgeneration. Sie ist intellektuell, arbeitet als Journalistin/Autorin und genießt alle Freiheiten, die sich ihre Mutter und Großmutter mühsam erkämpfen mussten.

  • Die Krise: Trotz ihres vermeintlich perfekten, freien Lebens leidet Anna unter einer tiefen inneren Leere, Beziehungsunfähigkeit und der schmerzhaften Distanz zu ihrer Mutter Johanna.

Der Berg, in den die Prinzessin in Annas Märchen (S.212-214)  hineingeht, kommt schon in Sofia und Anders vor. Schon dort geht es um drei Generationen: Die Großmutter, die sich mit ihrer magisch begabten Enkelin Sofia gut versteht, und ihre Tochter Klara, die die Gefahr, aus der Welt der anderen zu verschwinden, als zu groß einschätzt und daher ihre magischen Fähigkeiten nur selten einsetzt, und schließlich die Enkelin Sofia, die sich strikt an den Rat ihrer Großmutter hält, die magische und die reale Welt klar zu unterscheiden, uns sich so erlauben kann, in beiden Welten zu leben.

In Hannas Töchter ist es Anna aus der Enkelin-Generation, die das größte Problem mit dem Berg hat. Nämlich, weil sie vor ihrem Mann in eine scheinbare Unverletztlichkeit durch seine Frauengeschichten flieht, während er versucht, ihr Gefühl zu wecken, indem er sie eifersüchtig macht. Aus diesem Beziehungsproblem versucht sie herauszufinden, indem sie die Lebensgeschichte ihrer Großmutter und ihrer Mutter erkundet, die zu der emotionalen Kälte ihrer Mutter geführt hat. 

  • Die Versöhnung: Durch das Schreiben und Aufarbeiten der Lebensgeschichten der Frauen vor ihr erkennt Anna, dass deren Traumata und Schweigen auch ihr eigenes Leben geprägt haben. Sie lernt zu verstehen, warum ihre Mutter so wurde, wie sie ist.

Zentrale Themen des Romans

  • Mutter-Tochter-Beziehungen: Das ewige Missverständnis zwischen den Generationen, das Erben von Traumata und die Unfähigkeit, Gefühle offen zu zeigen („Das schwedische Schweigen“).

  • Frauengeschichte als Zeitgeschichte: Der Roman spiegelt die rasante Entwicklung Schwedens von einer patriarchalen, fast feudalen Bauerngesellschaft hin zu einem modernen, sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat wider.

  • Identität und Versöhnung: Erst durch den Blick zurück in die Vergangenheit findet Anna den Frieden und die Kraft für ihre eigene Gegenwart.

Fazit: „Hannas Töchter“ ist ein episches, emotionales und psychologisch dichtes Porträt über das Erbe von Frauen, das zeigt, wie eng die eigene Identität mit den Geschichten derer verwoben ist, die vor uns kamen.

 

 

29 Mai 2026

GABRIELE GYSI: Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden, 2025

 Gabriele Gysi: Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden, 2025 (Westend Verlag, 200 Seiten)

 Thomas Harlan sprach bei Biolek "über die für ihn feststehende Tatsache, dass die Bundesrepublik ein Fortführung des 1000-jährigen Nazireiches bis in die 1970er Jahre gewesen sei." (S.94)

"Harlan hatte in Polen, wo er seit 1960 auch lebte, mit Recherchen über die Vernichtungslager Kulmhof, Sobibór, Bełżec und Treblinka begonnen. Bis 1964 trug Harlan mit seiner Arbeit in den polnischen Archiven, aus denen er Tausende von Dokumenten über deutsche Kriegsverbrechen zutage förderte, zu der Einleitung von über 2000 Strafverfahren gegen Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik bei. Seit 1960 wurde er dabei von dem italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli unterstützt. Zu dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer entwickelte sich eine Freundschaft. Gleichzeitig arbeitete Harlan beim Warschauer Rundfunk an Sendungen in deutscher Sprache mit. Aufgrund der Veröffentlichung seiner Archivrecherchen wurde er 1963 wegen Geheimnisverrats in Polen für ein Jahr unter Hausarrest gestellt. Auch in der Bundesrepublik erstattete Hans Globke 1964 gegen ihn Anzeige wegen Landesverrats aufgrund der Benutzung von Vernehmungsprotokollen der deutschen Justiz in polnischen Veröffentlichungen. Er wurde nicht verurteilt, erhielt aber für 10 Jahre keinen deutschen Reisepass und konnte sich in dieser Zeit nicht legal in der Bundesrepublik aufhalten." (Wikipedia)

Gemini: „Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden“ ist ein bekanntes, prägendes Zitat von Gabriele Gysi (Schauspielerin, Regisseurin und Schwester des Linken-Politikers Gregor Gysi).

Mit diesem bildhaften und zugleich bitteren Satz beschreibt sie die Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 – die Nacht des Mauerbaus in Berlin.

Hier ist der historische und persönliche Kontext zu diesem Zitat:

Der historische Hintergrund

In jener Nacht riegelte die DDR-Führung unter Walter Ulbricht die Sektorengrenze zu West-Berlin abrupt ab. Bewaffnete Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA), der Grenztruppen und der Betriebskampfgruppen besetzten die Straßenkreuzungen und Schienenwege.

Soldaten, die eigentlich für den militärischen Kampf gegen einen äußeren Feind ausgebildet waren, standen plötzlich an den innerstädtischen Kreuzungen und regelten – wie Verkehrspolizisten, nur eben mit Maschinenpistolen im Anschlag – wer wohin gehen durfte (beziehungsweise, dass niemand mehr in den Westen durfte). Sie leiteten den Verkehr um, sperrten Straßen mit Stacheldraht ab und zementierten die Teilung der Stadt.

Gabriele Gysis Perspektive

Gabriele Gysi, die aus einer prominenten Ost-Berliner Familie stammt (ihr Vater Klaus Gysi war ein hochrangiger DDR-Kulturfunktionär), erlebte diesen tiefen Einschnitt wie viele andere Berliner als einen Schock.

Das Zitat bringt die Absurdität und die beklemmende Normalisierung von nackter Gewalt und Freiheitsentzug auf den Punkt:

  • Die Zweckentfremdung der Armee: Eine Armee wird gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, um sie einzusperren.

  • Die Alltäglichkeit des Unnormalen: Soldaten übernahmen im Handumdrehen zivile Aufgaben (wie die Verkehrsregelung), was die plötzliche, totale Kontrolle des Staates über das alltägliche Leben der Bürger symbolisierte.

„Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden“ steht als Metapher für den Moment, in dem die DDR-Diktatur ihre Maske fallen ließ und die Reisefreiheit ihrer Bürger über Nacht gewaltsam beendete.



KI: Claude Ausgangspunkt: Der 9. November 1989

Ausgehend von der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 wirft Gabriele Gysi einen Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte. Sie beschreibt diesen Moment als einen glücklichen Augenblick – mit einer unglaublichen Gemeinsamkeit und Friedlichkeit bei aller Aufregung. Die Welt erstaunte über diesen realen Moment des Friedens, über eine ungeahnte Friedensfähigkeit. Gabriele-gysi

Der titelgebende Moment bezieht sich auf DDR-Soldaten, die in jener Nacht spontan zu Verkehrspolizisten wurden – ein sinnbildliches Bild für den gewaltlosen, improvisiert-menschlichen Charakter des Mauerfalls.

Thema: Die DDR und die deutsche Einheit

Das „Verschwinden" des kleineren Teils von Deutschland, die folgenden Merkwürdigkeiten und Anmaßungen der Zeit sowie der weiterhin gegenwärtige westdeutsche Umgang mit der ostdeutschen Vergangenheit stehen im Mittelpunkt. Gysi zufolge hat die BRD – die sich stets mit breiter Brust schlicht „Deutschland" nannte – die DDR einfach angeschlossen. Fertig. So sei die deutsche Frage nach der Einheit gelöst worden. Gabriele-gysi

Essayistischer Ansatz & literarische Bezüge

In essayistischen Reflexionen, persönlichen Erinnerungen und politischen Beobachtungen stellt Gysi die Frage, warum der Untergang eines Staates ohne würdige Beerdigung blieb – und was das über das vereinte Deutschland sagt. Zwischen Antigone und Shakespeares Welttheater analysiert sie die Inszenierungen von Macht, Medien und Moral. Vr-entertain

Die Figur der Antigone dient dabei als Metapher für den Widerstand gegen autoritäre Strukturen. Antigones Kampf um eine würdige Beerdigung ihres Bruders spiegelt den Konflikt zwischen individueller Moral und staatlicher Autorität wider – in Anlehnung an die DDR als einen Staat, der alternative Ordnungsprinzipien und Wertvorstellungen verkörperte. Gabriele-gysi

Zentrales Anliegen

Gysi fragt, was aus der Hoffnung auf Frieden wurde, die beide deutschen Staaten nach dem Krieg verband, und was es bedeutet, wenn Vergangenheit nur noch als Feindbild dient. Sie engagiert sich gegen den westdeutschen Umgang mit der ostdeutschen Vergangenheit und tritt für eine wahre Gerechtigkeit ein, die ihrer Meinung nach noch immer aussteht. Vr-entertainGabriele-gysi

Fazit

Ein leidenschaftliches, persönlich gefärbtes Essay-Buch, das weder DDR-Nostalgie noch pauschale Verurteilung betreibt, sondern eine gerechtere und ehrlichere Erinnerungskultur einfordert – und dabei den 9. November als vielschichtiges Datum der deutschen Geschichte begreift, das Novemberrevolution 1918, Pogrome 1938 und Mauerfall 1989 in sich vereint.

Mein Eindruck während des Lesens:

Großes Pathos mit Kritik an der Westbindung, aber ohne Quellen, die mir ein ein neues Bild vermitteln, allenfalls gewisse Nuancen. (Mir bisher unbekannt: Tulpanow, Förderer der Zwangsvereinigung von SPD und KPD.) Weitgehend einheitlicher Eindruck bis. S,39

"Zitat: Die Mauer war eine unübersehbar Beschränkung, die das Bewusstsein für die Grenzen des eigenen Erfahrungshorizonts deutlich dokumentierte – nicht wie in der Bundesrepublik, wo durch das Fehlen relevant sichtbarer Mauern, die Illusion der eigenen Erfahrung als Maß allen Lebens gefördert wurde. Dieser westdeutsche Provinzialismus blieb den Intellektuellen der DDR in den meisten Fällen erspart. Auch wurde die deutsche Kultur, die deutsche Geschichte nicht aus dem Zentrum der persönlichen Biografie verdrängt. Es gab kein Entrinnen in die Kultur der Besatzungsmacht, keine Überschreibung der deutschen Kultur durch amerikanische Massenkultur und ebenfalls nicht das spätere Abwerfen der eigenen Geschichte im Rahmen Europas und der EU." (S.40)

Der Text erinnert mich an Th. Manns Betrachtungen eines Unpolitischen und an die Rechtfertiger der "Inneren Emigration". Es fällt schwer, zu glauben, dass Uwe Johnson mit seinem USA-Aufenthalt seine deutsche Kultur durch Massenkultur überschreiben ließ und dass er das Bewusstsein für die Begrenztheit der eigenen Erfahrung verloren hätte. 


Der Hinweis auf die Auffassung Thomas Harlans (S.94) scheint eine einsame Neuntdeckung zu sein.

Sigrid Damm: Künstler meines Lebens

KI Ecosia: Sigrid Damm ist eine deutsche Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin, die am 7. Dezember 1940 in Gotha/Thüringen geboren wurde. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin und Mecklenburg und ist Mitglied des P.E.N. sowie der Akademie der Künste Berlin www.suhrkamp.de www.lovelybooks.de www.hugendubel.de de.wikipedia.org.

In ihrem Werk “Künstler meines Lebens” reflektiert Sigrid Damm über sechzehn Künstlerinnen und Künstler, die für sie prägend waren. Dazu gehören Persönlichkeiten wie Goethe, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach und Eva Strittmatter. Das Buch bietet persönliche Porträts, die vom jeweiligen Todestag der Künstler:innen ausgehen und so auf ausgewählte Lebensmomente zurückblicken www.morgenpost.de www.amazon.de www.literaturland-thueringen.de www.fr.de.

Damm schreibt dabei nicht nur über Dichter:innen, sondern auch über bildende Künstler:innen. Ihre Texte sind als Reflexionen und Erinnerungen an diese Wegbegleiter:innen gestaltet, die sie auf unterschiedliche Weise inspiriert haben www.literaturland-thueringen.de.


KI Gemini:

„Künstler meines Lebens. Sechzehn Porträts | Reflexionen und Erinnerungen an Wegbegleiter“ ist ein im März 2026 im Insel Verlag erschienenes Buch der bekannten Biografin und Schriftstellerin Sigrid Damm.

Nach ihren großen Erfolgen rund um die Weimarer Klassik (wie Christiane und Goethe oder Das Leben des Friedrich Schiller) wirft sie in diesem Band einen sehr persönlichen, fast intimen Blick auf die Kunst- und Literaturschaffenden, die ihren eigenen Lebensweg maßgeblich geprägt haben.

Das Konzept: Ein literarischer Friedhofsspaziergang

Das Besondere an der Struktur dieser 16 Kurzbiografien ist der Ausgangspunkt: Sigrid Damm nähert sich den Persönlichkeiten jeweils von deren Todestag aus.

Von diesem finalen Moment blickt sie zurück auf prägende Lebensstationen, verknüpft historische Fakten mit Auszügen aus Werken und Briefen und spiegelt das Ganze an ihren eigenen, ganz persönlichen Begegnungen. Die Kritiken beschreiben das Buch treffend als einen nachdenklichen, melancholischen, aber ungemein unterhaltsamen „literarischen Friedhofsspaziergang“.

Die porträtierten Persönlichkeiten

Die Auswahl der sechzehn Porträts erstreckt sich über verschiedene Jahrhunderte und mischt persönliche Weggefährten mit lebenslangen literarischen Vorlieben und Zufallsfunden:

  • Persönliche Wegbegleiter: Künstler, mit denen Damm zu Lebzeiten persönlich bekannt oder freundschaftlich verbunden war, darunter das Schriftsteller-Ehepaar Eva und Erwin Strittmatter, der DDR-Autor Franz Fühmann und der legendäre Verleger Siegfried Unseld.

  • Lebenslange Vorlieben: Ikonen wie Caspar David Friedrich, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Heinrich Heine, Hermann Hesse und natürlich Johann Wolfgang von Goethe samt Familie.

  • Literarische Entdeckungen & Funde: Porträts über Iwan Turgenjew, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg und Lew Tolstoj.

Das Fazit der Kritik: Ein Buch über das Sterben und das Überdauern durch die Kunst. Es zeigt eindrücklich, wie sehr uns die Geister der Vergangenheit im eigenen Alltag begleiten und das eigene Leben bereichern können.