11 September 2026

Raymond Aron: Erkenntnis und Verantwortung. Lebenserinnerungen 1985

 norberto42:

Raymond Aron: Erkenntnis und Verantwortung. Lebenserinnerungen 1985


"Die Lebenserinnerungen Arons sind ein imposantes Buch. „Meine politische Erziehung“ behandelt sein Leben bis 1939, sein Studium und seine Freundschaft mit Sartre, seine Entdeckung Deutschlands und seines Judentums, das dem französischen Staatsbürger nichts bedeutet hatte. In „Die Versuchung der Politik“ spricht er von seinem Leben bis 1955, wo er zunächst in England in der Nähe de Gaulles und dann im befreiten Frankreich als Journalist gearbeitet hat. „Ein Professor im Sturm der Zeit“ (1955-1969), das war er als Soziologieprofessor an der Sorbonne, der das Industriezeitalter und die Ost-West-Konfrontation sowie die Theorie des Krieges durchdachte und die Studentenunruhen miterlebte. „Die Jahre des Mandarins (1969-1977)“ gelten der Auseinandersetzung mit dem späten Sartre und seinem verbohrten Marxismus, der Freundschaft mit Henry Kissinger, dem Nachdenken über Clausewitz und die Dekadenz des Westens. Im letzten Teil spricht er von seinem Leben nach einer Embolie und blickt zurück auf seine Bücher, sein Wirken, seine Freunde und Gegner.

Sein Leben war das „eines französischen Bürgers, der Jude war und den eine halbfreie französische Regierung aufgrund eines auf rassischen Kriterien beruhenden Status aus seinem Vaterland ausgeschlossen hatte; Bürger eines Frankreich, das Mitglied der Europäischen Gemeinschaft ist und eines der vier Zentren der Wissenschaft und Wirtschaft in der Welt, das sich dennoch als unfähig erweist, sich selbst zu verteidigen und sich nicht entscheiden kann zwischen der amerikanischen Protektion und der pax sovietica, die Moskau ihm um den Preis seiner Freiheit bietet; Bürger eines liberaleren und freieren Europas als je zuvor, das jetzt von der Auflehnung gegen die Zwänge der Industriegesellschaft heimgesucht wird; vielleicht eines dekadenten Europa, weil die Zivilisationen in der Freiheit erblühen und im Unglauben verwelken; ein Europa in einer Menschheit, die trotz der Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums bis zum Ende dieses Jahrhunderts zum weiteren Ausbau der Wissenschaft und der Produktion verurteilt sein wird“. Und er plädiert entschieden für den Pluralismus und für den Zweifel an letzten Wahrheiten. „Tragisch ist die Notwendigkeit, unsere Sicherheit auf die Drohung mit Atombomben zu gründen; tragisch ist die Entscheidung zwischen der Anhäufung von konventionellen Waffen und der nuklearen Bedrohung; tragisch die Zerstörung der alten Kulturen durch die industrielle Zivilisation. (…) Ich glaube weiterhin, dass ein glücklicher Ausgang denkbar ist, er liegt jenseits des politischen Horizonts in der Idee der Vernunft (im Sinne Kants).“

Bemerkenswert ist Arons Hinweis auf die niedrige Geburtenrate in Europa, die es nötig macht, auf fremde Arbeitskräfte zurückzugreifen, wodurch es dann beinahe zwingend zu Spannungen mit der alteingesessenen Bevölkerung kommt – wer dächte da nicht an die AfD und ihre Hetze gegen Ausländer?

09 September 2026

Victor Klemperer: Tagebücher

Dass die Tagebücher Klemperers wichtig sind, wusste ich spätestens 1999 nach der Lektüre des ZEIT-Artikels, aus dem ich unten zitiere. Ich habe die Bände 1933-1945 wahrscheinlich nicht lange danach angeschafft, wurde aber von ausgiebiger Lektüre aufgrund des deprimierenden Inhalts abgeschreckt. (Dass ich mich als Geschichtslehrer schon jahrzehntelang mit dem Thema beschäftigt hatte, minderte zusätzlich die Neugier.) Jetzt habe ich, bevor ich die Bände ausrangieren muss, noch etwas länger den Blick hineingetan. Wie viele Zitate ich werde anführen können, muss sich noch ergeben.

 Victor Klemperer (* 9. Oktober 1881 in Landsberg Wie viele an der Warthe; † 11. Februar 1960 in Dresden) war ein deutscher Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker.

Zu seiner Bekanntheit über die Fachgrenzen hinaus trugen neben seiner Abhandlung LTI – Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des Dritten Reiches) vor allem seine ab 1995 unter dem Titel Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933–1945) herausgegebenen Tagebücher bei, in denen er akribisch seine Alltagserfahrungen im Zeichen der Ausgrenzung als intellektueller protestantischer Konvertit jüdischer Herkunft aus der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus dokumentierte. Darüber hinaus vermitteln die Bände Curriculum Vitae (1881–1918), Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum (1918–1932) und So sitze ich denn zwischen allen Stühlen (1945–1959) ein intensives Bild von Klemperers Blick auf die Zeit des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik sowie der Deutschen Demokratischen Republik. Klemperer kann damit als einer der wichtigsten Chronisten des Lebens eines Überlebenden des Holocaust durch die deutschen Nationalsozialisten gelten; daneben aber auch als Zeitzeuge der Jahre vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. [...] Klemperer heiratete "im Mai 1952[16] die 45 Jahre jüngere Germanistin Hadwig Kirchner, die nach seinem Tod an der Herausgabe seiner Tagebücher mitwirkte. [...]

Im ausführlichen Tagebuch zeigt sich Klemperer als genauer und kritischer, aber auch selbstkritischer Beobachter seiner Zeit und seines Milieus. Während der Zeit der Weimarer Republik betrafen Klemperers Beobachtungen vorwiegend seine wissenschaftliche Karriere und die zahllosen Intrigen an der Universität, beispielsweise die Konkurrenz zu Ernst Robert Curtius. Weiter schrieb er viel über die Beziehung zu seiner ersten, oft kränklichen Frau Eva, beschrieb Personen und Landschaften, notierte auch eifrig die häufigen Kinobesuche. Aufmerksam verfolgte er sein eigenes gesundheitliches Befinden und die Fortschritte seines wissenschaftlichen Schreibens. Häufig wurde er von Selbstzweifeln heimgesucht. Klemperer äußerte sich offen über die Probleme seiner Existenz als konvertierter Jude und vermerkte den nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Zusammenhang mit der Dolchstoßlegende und den Wirren um die bayrische Räterepublik virulent um sich greifenden Antisemitismus.

Ab 1933 lässt sich mitverfolgen, wie Klemperer langsam und systematisch ausgegrenzt wurde, zunächst in der Wissenschaft, später auch im privaten Leben. Seine Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus sind Zeugnis einer Atmosphäre großer und immer größer werdender Angst. Allerdings schrieb er zur „Röhmrevolte“, sie habe ihm mächtigen Auftrieb gegeben und „Wonne“ verspüren lassen, da man sich in der NS-Führung „gegenseitig auffrißt“. Die Regimekrise hielt er für nicht überwunden; von Hitler glaubte er, „der Mann ist verloren“.[20]

Klemperer und die anderen Bewohner des „Judenhauses“ lebten vor allem in Angst vor der Gestapo. Vor diesem Hintergrund berichtete er von etlichen Selbstmorden und Opfern des Völkermordes an den Juden durch die Nationalsozialisten in seinem persönlichen Umfeld. Gegenüber den häufigen Notizen über antisemitische Äußerungen während der Weimarer Republik vermerkte Klemperers Tagebuch aber eine trotz oder wegen der offiziellen antisemitischen Politik zunehmende Höflichkeit der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber den durch den gelben Stern stigmatisierten Juden – eine Höflichkeit, die in Bezug auf die Vernichtungspolitik folgenlos blieb.

Erste Auszüge aus diesen seinen Tagebüchern veröffentlichte die Zeitschrift Neue Deutsche Literatur in Ausgabe Nr. 2, 1985, auf rund 40 Seiten.

Die Dresdner Tageszeitung Die Union veröffentlichte in den Jahren 1987 bis 1989 in 164 Fortsetzungen Auszüge aus den Tagebüchern unter den Titel Victor Klemperer, Alltag einer Diktatur - Aus Tagebüchern 1936–1940 und Victor Klemperer, Aus dem Tagebuch 1941 bis 1945.

Die Tagebücher wurden ab 1995 im Aufbau-Verlag veröffentlicht und wurden zum Bestseller. Die Tagebücher der Jahre 1933 bis 1945 gelten heute als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte und sind Standardwerke für Geschichtsunterricht und Deutschunterricht. Auch die Tagebücher aus der Weimarer Republik und aus der Zeit nach 1945 zeigen Klemperer in der Rolle des Beobachters, der auch nicht davor zurückscheut, den eigenen Ehrgeiz oder die „lingua quarti imperii“ (LQI – die Propagandasprache des Westens und des Ostens[21]) kritisch zu thematisieren. 2007 erschien eine ungekürzte und umfangreich kommentierte Fassung der Tagebücher 1933 bis 1945 auf CD-ROM.

Für die Auseinandersetzung mit der sprachlichen Dimension nationalsozialistischer Gewalt bilden die Tagebücher Klemperers bis heute eine Standardreferenz, etwa im Umgang mit der Rhetorik neurechter Bewegungen.[22] Die Forschung hat ferner die sprach- und subjektphilosophischen Implikationen von Klemperers LTI hervorgehoben: Klemperer mache die NS-Sprache nicht nur zum Gegenstand seiner philologischen Forschung, sondern berichte zugleich über eine Erfahrung, die darin bestehe, die Sprache zu erleiden: Die Worte repräsentieren demnach nicht nur die Gewalt, sondern führen sie zugleich aus.[23]"


Zitate:

Band 1: 
14. Januar 1933
Die Qualen des neuen Jahres, die gleichen wie vorher: das Haus, Frost, Zeitverlust, Geldverlust, keine Kreditmöglichkeit. Jedenfalls Verbohrtheit in den Hausbau und ihre Verzweiflung immer noch wachsend. [Eva, seine "arische" Frau] Wir werden wirklich an dieser Sache zugrunde gehen. Ich sehe es kommen und fühle mich hilflos. [...]
Am 3. Januar wurde das Nickelchen kastriert, und jetzt sind die beiden Tiere schon viel zusammen. Ich habe manchmal den Eindruck, sie seien das einzige, was für Eva noch einen eine Freude und sichere Lebensverbindung bedeute./
24. Januar
Annemarie, am Sonntag bei uns, erzählte, dass Fritz Kopke gestorben, [...] Kaum über die Vierzig. Das hat mich angefasst. Ich sagte zu Annemarie: Wo ist seine unsterbliche Seele? Es gibt Glückliche, die fest daran glauben. Annemarie, fast entsetzt, sehr lebhaft: 'Aber Victor! Jeder Christ tut das!' Und nachher: 'Wenn man nicht einmal diese Aussicht hätte, dass es später besser kommt!' Also sie, die Chirurgin, die den Kadaver, das Gehirn unterm Messer hat, die eine Gebildete, eine Studierte ist – und doch ganz offenbar, trotz allen ihrer Zynismen und ihrer Unkirchlichkeit – im Kern doch gläubig, mindestens hoffend. - [...]
21. Februar
Immer mehr ziehe ich mich auf das Vorlesen zurück. Eigene Arbeit stockt fast ganz. [...] Von dem 'Frankreichbild' habe ich wieder mal Abstand genommen. Vielleicht in den Ferien. Mich quält einerseits der Zeitmangel: Heizen, Abwaschen, Einkaufen, Mädchen für alles, andererseits die Idee der Wertlosigkeit. Wie gleichgültig, ob ich ein Buch mehr oder weniger hinterlasse! Vanitas… [...]
Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionären Regimentes. Ich schreibe hier nicht, Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung stärker, als ich mir zugetraut hätte, sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag schlimmer wird. Und alles ist still und duckt sich, am tiefsten die Judenheit und ihre demokratische Presse.– Eine Woche nach Hitlers / Ernennung waren wir (am 5. 2.) bei Blumenfelds [...] Raab, Vorsitzender des Humboldtclubs, hielt eine große Rede, erklärte, man müsse die Deutschnationalen wählen, um den rechten Flügel der Koalition zu stärken. Ich trat ihn erbittert entgegen. Interessanter seine Meinung, dass Hitler in religiösen Irrsinn enden werde.… Am meisten berührt, wie man den Ereignissen so ganz blind gegenübersteht, wie niemand eine Ahnung von der wahren Machtverteilung hat. Wer wird am 5. März die Majorität haben? Wird der Terror hingenommen werden, und wie lange? Niemand kann prophezeien sein. – Inzwischen wirkt die Unsicherheit der Lage auf alles einzelne. Jeder Versuch, Geld zum Bauen zu leihen, scheitert. Das lastet schwer auf uns.
[Bericht über Krankheiten]
Der Todesgedanke lässt mich keine Stunde mehr aus seinen Krallen."(Band 1, S. 5-7).
10. März.
30. Januar: Hitler Kanzler. Was ich bis zum Wahlsonntag, 5. März, Terror nannte, war mildes Prélude. Jetzt wiederholt sich haargenau, nur mit anderen Vorzeichen, mit Hakenkreuz, die Sache von 1918. Wieder ist es erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht. Wo ist Bayern, wo ist das Reichsbanner usw. usw,? Acht Tage vor der Wahl die plumpe Sache des Reichstagbrandes – ich kann mir nicht denken, dass irgendjemand wirklich ein kommunistische Täter glaubt statt bezahlte [Hakenkreuz]- Arbeit. Dann die wilden Verbote und Gewaltsamkeiten. Und dazu durch Straße, Radio etc. die grenzenlose Propaganda. [...] Am Sonntag wählte ich den Demokraten Eva Zentrum. [...] / Vollkommene Revolution und Parteidiktatur. Und alle Gegenkräfte wie vom Erdboden verschwunden. Dieser völlige Zusammenbruch einer eben noch vorhandenen Macht, nein, ihr gänzliches Fortsein (genau wie 1918) ist mir so erschütternd. [...] Niemand wagt mehr, etwas zu sagen, alles ist in Angst. [...] Wie lange werde ich noch im Amt sein?
Zu dem politischen Druck, die Qual der ewigen Schmerzen im linken Arm, des ewigen Sterbegedankens. Und die marternden und immer erfolglosen und immer erfolglosen Bemühungen um Baugeld. Und das stundenlange Heizen, Abwaschen, Wirtschaften. Und das ständige Zuhausesitzen. Und das Nichtarbeiten- Nichtdenkenkönnen. [...] Ich will, nein: ich muss wieder den Albdruck des 'Frankreichbildes' aufnehmen. Ich will mich jetzt zum Schreiben zwingen und Kapitel um Kapitel die noch fehlende Lektüre nachholen." (S.8-9)

17. März
"[...] Aber leider hatten wir am Dienstagabend Thiemes hier. Das war entsetzlich und war ein Ende. Mit einer solchen begeisterten Überzeugung und Verherrlichung bekannte sich Thieme – er! – zu dem neuen Regime. Alle Phrasen von Einigkeit, Aufwärts usw. gab er mit Andacht wieder./ Trude war viel harmloser. Es sei alles schief gegangen, nun müsse man dies versuchen. 'Jetzt müssen wir eben einmal in dies Horn blasen! 'Er verbesserte heftig: 'Wir müssen nicht', es sei wirklich und frei gewählt, das Richtige. Das verzeihe ich ihm nicht. Er ist ein armer Hund und ängstigt sich um seinen Posten. Er muss also mit den Wölfen heulen. Gut. Aber warum mir gegenüber? [...] Wir haben uns in Thiemes Intellekt geirrt. Er hat die partielle mathematische Begabung. Er ist im übrigen haltlos jedem Einfluss, jeder Reklame, jedem Erfolg hingegeben. Eva hat dies schon seit Jahren erkannt. Sie nennt ihn: 'ohne alle Urteilskraft'. Aber dass er so weit gehen würde… Ich schließe mit ihm ab.
 Die Niederlage 1918 hat mich nicht so tief deprimiert wie der jetzige Zustand. Es ist erschütternd, wie Tag für Tag, nackte Gewalttat, Rechtsbruch, schrecklichste Heuchelei, barbarische Gesinnung ganz unverhüllt als Dekret hervortritt. Die sozialistischen Blätter sind dauernd verboten. Die 'Liberalen' zittern. Neulich war das 'Berliner Tagblatt' zwei Tage verboten; den 'Dresdener NN' kann das nicht geschehen. Es ist gänzlich regierungsfromm, bringt Verse auf 'die alte Fahne' etc.

Einzelberichte: 'Auf Anordnung des Reichskanzlers sind die fünf im Sommer vom Sondergericht in Beuthen wegen Tötung eines kommunistischen polnischen Insurgenten Verurteilten freigelassen worden.' (Die zum Tode verurteilten!)" (S.10/11)
[...] Eigentlich ist es furchtbar leichtsinnig, dies alles in mein Tagebuch zu schreiben. (S.12)
20. März
"Nach langer Zeit im Kino: Hindenburg vor Truppen und Hakenkreuzlern am 12. 3., dem Sonntag der Kriegsgefallenen. Als ich ihn vor etwa einem Jahr gefilmt sah, ging der Präsident etwas steif, die Hand auf dem Handgelenk des Begleiters, aber ganz fest und nicht langsam die Reichstagtreppe hinab, ein Alter, aber kraftvoller Mann. Heute: die winzigen, mühsamen Schritte eines Gelähmten. Nun ist mir alles klar: So ging Vater nach seinem Schlaganfall Weihnachten 1911, bis er am 12.2.12 starb. In der Zwischenzeit war er nicht mehr klar. (Die umgedrehte Zeitung, in der er las!) Es ist mir absolut gewiss, dass Hindenburg nur noch eine Marionette ist, dass ihm schon am 30. Januar die Hand geführt wurde. [...] (S.12)
21. März
Tag des 'Staatsaktes' in Potsdam. [...] (S.13)
30. März.
Gestern bei Blumenfeld mit Sempers zusammen zum Abend. Stimmung wie vor einem Pogrom im tiefsten Mittelalter oder im innersten zaristischen Russland. Am Tage war der Boykott-Aufruf der Nationalsozialisten herausgekommen. Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor (zumal da eben der Stahlhelmaufruhr in Braunschweig gespielt und sofort vertuscht worden), dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde. Fantastisches Mittelalter: 'Wir' – die bedrohte Judenheit. Ich empfinde eigentlich mehr Scham als Angst,  Scham um Deutschland. Ich habe mich wahrhaftig immer als Deutscher gefühlt. Und ich habe mir immer eingebildet: 20. Jahrhundert und Mitteleuropa sei etwas anderes als 14. Jahrhundert und Rumänien. Irrtum. [...]
31. März 
Immer trostloser. Morgen beginnt der Boykott. Gelbe Plakate, Wachen. Zwang, christlichen Angestellten zwei Monatsgehälter zu zahlen, jüdische zu entlassen. Auf den erschütternden Brief der Juden an den Reichspräsidenten und die Regierung keine Antwort. – Man mordet kalt oder 'mit Verzögerung'. Es wird 'kein Haar gekrümmt' – man lässt nur verhungern. [...]
Kino in der Prager Straße. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabe noch,  / und ein wenig sympathisches Mädchen. Es war am Abend vor der Boykottankündigung. Gespräch, als eine Alsberg Reklame lief. Er: 'Eigentlich sollte man nicht beim Juden kaufen' Sie: 'Es ist aber so furchtbar billig.' Er: 'Dann ist es schlecht und hält nicht.' Sie, überlegend, ganz sachlich, ohne alles Pathos: 'Nein, wirklich, es ist ganz genauso gut und haltbar, wirklich ganz genauso wie in christlichen Geschäften – und so viel billiger.' Er: schweigt. – Als Hitler, Hindenburg, etc. erschienen, klatschte er begeistert. Nachher bei dem gänzlich amerikanisch jazzbandischen, stellenweise deutlich jüdelnden Film klatschte er noch begeisterter. [Man beachte das Vokabular!]
Es wurden die Ereignisse des 21. März vorgeführt, Stücke aus Reden gesprochen. Hindenburgs Proklamation mühselig, mit Atemnot, die Stimme eines uralten Mannes, der physisch fast zu Ende ist. Hitler pastoral deklamierend. Goebbels sieht ungemein jüdisch aus, Eva sagt mit Recht, dem Schauspieler Deutsch [...] ähnlich. Sachlicher und menschlicher gibt sich im Ton Hugenberg. [...] 
Ein Märchen von Andersen, 'Galoschen des Glücks'. Ein Professor hat in Gesellschaft von den Zuständen des 14. Jahrhunderts gesprochen, denkt im Heimgehen, wie es damals in Kopenhagen ausgesehen habe – und plötzlich ist das Pflaster fort, und er versinkt im Dreck. Manchmal glaube ich, solche Gamaschen anzuhaben. Aber man versinkt auch ohne sie bodenlos." (S.16/17)

27. Januar 1934
"[...] Thomas Manns 'Jaakob' vorgelesen. Eine ganz geniale Leistung und absolut neu. Ich muss mir irgendwann genaue Notizen machen. Gesichtspunkt: von der Aufklärung hierher, von Voltaire über Renan und Flaubert und France zu Mann kommen, von Satire und überlegen gerührtem Anteil zu diesem Humor, dieser Religionsphilosophie und – Historie, dieser Psychologie des nach hinten offen als Voltaire, Renan, France) und von dieser grandiosen Dichtung ist in keiner Zeitung die Rede, das Buch steht in keinem Schaufenster. Auf ihm lastet der doppelte Fluch, von Mann zu sein und von Israel (statt von einem nordischen Osterhelden) zu handeln." (S. 83). 

13.Juni
 Ein Marxist und eine Zahnärztin wollen heiraten "[...] Jetzt hat sie eine Erbschaft gemacht und sich eine hebräische Grammatik gekauft. Man will sich heiraten und in Gütergemeinschaft in Jerusalem leben. Aber wo sich heiraten? Er muss ihr irgendwohin entgegenfahren, wo das möglich ist. Denn in Zion ist der Arier gerade das, was hier der Jude. [...] Mir sind die Zionisten, die an den jüdischen Staat von Anno 70 P. C. (Zerstörung Jerusalems durch Titus) anknüpfen, genauso ekelhaft wie die Nazis. In ihrer Blutschnüffelei, ihrem 'alten Kulturkreis', ihrem teils geheuchelten, teils bornierten Zurückschrauben der Welt gleichen sie durchaus den Nationalsozialisten. / Der Witz man habe Hitler in Haifa ein Denkmal gesetzt mit der Inschrift, 'Unserem Herführer', hat eigentlich eine tiefe und unwitzige Berechtigung. Gedanklich ist er auch ihr Heerführer. Das ist das fantastisch an den Nationalsozialisten, dass sie gleichzeitig mit Sowjetrussland und mit Zion in Ideengemeinschaft leben. – Frau Schaps, die vom Besuch ihrer Sebba-Kinder aus Haifa zurückgekehrt ist, bestärkt mich durch ihre naiven Erzählungen in meinem Hass gegen dieses zionistische Treiben (während Blumenfeld damit sympathisiert) (S. 111/112).

"Köhlers wussten schon von dem gleich darauf veröffentlichten Erlass des Reichsunterrichtsministers Rust, wonach alle Lehrer jährlich vier Wochen lang im Gemeinschaftslager 'nationalpolitisch überholt' werden sollen (überholt, wieder die mechanistische Terminologie). Die immer stärkere Tyrannei, ein Zeichen immer größerer Unsicherheit. – Die Carlo verkehrt im Hause des früheren hiesigen Unterrichtsministers Kaiser. Auch dort wartet und hofft man auf das nahende Ende. Stahlhelm – Zentrum – Reichswehr. Köhler hat von irgendwoher erfahren, man warte den Tod des schon mehr als halb aufgelösten Reichspräsidenten ab." (S.114)
"Unser Volkkanzler war kürzlich zur 'Reichstheaterwoche' in Dresden. Auf mehrere Tage. Vorschriftsmäßig hingen die ganze Woche über Wälder von Hakenkreuzfahnen in den Straßen, brachten die Zeitungen Artikel: 'Das Erlebnis von Dresden' und so. Und: 'Der Jubel der Hunderttausende' und so. Aber die SA, sobald sie nicht aufmarschiert war, lag ständig im Bereitschaft. ( Ich weiß es von meinen Studenten: 'Die ganzen Tage im Kuglerheim!') Und der Führer erschien, verschwand, bewegte sich, schlief immerfort anderwärts und zu anderer Stunde, als offiziell angegeben war. Wie der Zar, wie ein Sultan und noch angstvoller.
Und die Zeichen des nahen Zusammenbruchs mehren sich. Zum ersten Mal, halb verschleiert, in einem neuen Siegesbericht von der Arbeit Arbeitsschlacht: auf dem Lande bei Hoch – und Tiefbau haben wir 100.000 Notstands – und einige Stammarbeiter entlassen, um die Schlacht vor allem in den Städten zu führen. D.h.: die Auto Straßen und die Siedlungsbau stehen still, und die gefährlichen Mäuler in der Stadt müssen gestopft werden. – Dann der rätselhafte 'Befehl' des in Urlaub gehenden SA-Chefs Röhm an die in Urlaub gehende SA. 'Wir wollen unseren Feinden / die kurze Hoffnung gönnen, dass wir nicht wiederkommen. Am 1. August sind wir vollzählig wieder da und werden das Nötige tun…' Was heißt das? – Und von allen Seiten übereinstimmend Berichte über die ungeheure Geldnot. Und das Zugeständnis des währenden und nicht zu beseitigenden Auslandsboykotts. Noch dazu die ständigen Kriegsgerüchte. Überall Unsicherheit, Gärung, Geheimnis. Man wartet von Tag zu Tag. [...]" (S.115/116).

Als Klemperers private Sorgen abgenommen haben, wird er auch optimistischer in der Hoffnung auf einen baldigen Zusammenbruch des NS-Regimes.

14. Juli.
Meine Arbeitskraft hat sich fast augenblicklich gehoben, sowie der Druck der letzten Jahre ein bisschen nachlässt. Die eigentliche Erlösung kam durch die Hausaffäre. [...] Am Morgen hatte mich die Staatsbank angerufen, das Geld sei da: telefonisch hatte ich so gleich 2 500 M an Langenhain / überwiesen, und am 5. zahlte er der die Firma in meinem Beisein aus. – [...], so wie ich die Miete hier und die ungeheuren Autokosten (über 100 M im Monat) los bin, bin ich sehr solvent. Es wird vorderhand der Mittelteil des Gesamthauses gebaut, immerhin ein in sich geschlossenes Häuschen mit großen drei Zimmern und sehr reichlich Zubehör. [...] Den zweiten mächtigen Auftrieb gab uns die 'Röhmrevolte'. (Wie kommen historische Bezeichnung zu Stande? Wieso Kapputsch? Aber Röhmrevolte? Klanglich?) Gar kein Gefühl für die Besiegten, nur die Wonne a) dass man sich gegenseitig auffrisst, b) dass Hitler nun wie ein Mann nach dem ersten schweren Schlaganfall ist. Als die nächsten Tage alles ruhig blieb, war ich freilich deprimiert. Aber dann sagten wir uns doch: Dieser Schlag ist nicht zu überwinden. Zumal nun auch die nackte Not der Missernte bei völligen Staatsbankrott und Unmöglichkeit ausländischen Nahrungbezuges vor der Tür steht. [...]/ 
[Es ist sehr verständlich, dass Klemperer aus den Maßnahmen des Auslands und aus den Hinweisen auf innerparteiliche Uneinigkeit in der NSDAP Hoffnungen auf einen Zusammenbruch des Regimes schöpfte. Dass die Morde an parteiinternen Kritikern ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Beseitigung jedes innerdeutschen Widerstandes waren, konnte er nicht voraussehen.]
[Jemand] brachte, worauf Zuchthaus steht, Zeitungsausschnitte mit. Die Engländer: Mexikanische Zustände. – 'Man muss in den nächsten Jahren nicht vor Deutschland, sondern für Deutschland Angst haben'…  Er hat seine Feinde töten lassen… Mittelalterlich… usw. usw. Eine Prager Zeitung brachte ein Bild: Hitler und Röhm im vertrauten Gespräch, und druckte den Brief an ab, den Hitler noch im Januar, seinen lieben Duz-Freund und treuesten Helfer geschrieben.
Entsetzlich die Verwirrung im Volk. Ein sehr ruhiger und gemütlicher Postbote und ebenso der ganz und gar nicht nationalsozialistische alte Pretorius, sagten mir mit den gleichen Worten: 'Nu, er hat sie eben verurteilt.'  Ein Kanzler verurteilt und erschießt Leute seiner Privatarmee!" (S.119-121)
[Klemperer sieht darin zu Recht den Verstoß gegen jedes Gesetz und Recht und erkennt nicht, dass gerade das Hitlers (mittelfristigen) Erfolg begründete. Carl Schmitt: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet(1922)]

Band 2

24. November, Dienstag vormittag 1942

Erster Frosttag, fester Schnee auf Dächern und Straßen).

'Judenlager Hellerberg'. Eva sagte, diese neue Art der Evakuierung sei deshalb so schamlos, weil alles so offen vor sich gehe. Das Neue daran ist jedenfalls, dass wir diesmal Einblick in das Inferno haben und mit ihm in Konnex bleiben. Ist es eine gemäßigte Hölle? Das muss sich herausstellen. Der junge Eisenmann, der am Auffüllen der Bettsäcke mitgeholfen hat, sagte: 'Katastrophal!' Unvorstellbar eng und barbarisch primitiv, besonders die Aborte (wandlos nebeneinander und viel, viel zu wenige), aber auch die schmalen Betten usw. Die Zimmerleute hätten gesagt, sie seien am Barackenbau für russische und polnische Gefangene beschäftigt gewesen– Luxushotels gegen dies Judenlager in Sand und Schlamm! Andererseits hört man von Vergünstigungen wie Postverkehr, Urlaub nach Dresden, eine Lagerbibliothek, Spielzeugerlaubnis für die Kinder… Man muss abwarten. Sonntag und Montag (außer von Appelius und Galsworthy), ganz erfüllt von diesem Hellerberg. Für Frau Ziegler, die uns sehr vieles hinterließ, karrte ich am Sonntagnachmittag eine schwere Last bei streikenden Herzen, das Hindenburgufer entlang zur Gemeinde. (2. Band, S. 280/81) 
28. November, Sonnabend vormittag

[...] Und dann etwas Groteskes: einen Zigarettenkarton mit Zähnen. Zähne sind Mangelware, Eichler hat längst keine mehr, so läuft Eva seit vielen Monaten mit der großen Lücke im Mund herum; er wollte Eva schreiben, sobald er Material hätte, und schrieb nie. Ein Zahntechniker, der beim Friedhofsgärtner arbeitete, hat diesen Karton dort deponiert – nun soll sich Eichler Brauchbares auswählen und es nach dem Tagespreis bezahlen. Er darf aber nicht wissen, wo die Ware herkommt. Heimliche Zähne vom Judenfriedhof, es klingt / märchenhaft schauerlich – es ist aber auch real gesehen toll genug, und vielleicht kann es zu einer Katastrophe führen.(S.283/284)

"Heute morgen kam Frau Eger zu uns, wir möchten ihr mit einem Judenstern aushelfen. Auf eine Jacke ihres Mannes zu nähen, die sie ihm als warmes Zeug mitgeben wolle. Sie habe erfahren (sie hat einen Bruder bei der SS), dass er morgen in ein KZ abtransportiert werde. Es sei das letzte, was sie für ihn tun könne; noch eine Mütze gebe sie ihm mit, in deren Futter sie Abschiedsgrüße genäht habe. Aber werde er den Brief finden? Sie habe keine Hoffnung, den Mann wiederzusehen.  (S.284)
Über die Gemeinde (und über Simon) kommuniziert man mit den Interessierten. Die Leute in der Gemeinde scheinen darauf abgestimmt, scheinen – LTI! – Eine verschworene Gemeinschaft zu sein, das Lagerleben als glimpflich darzustellen. Es sei erträglich, einige gewöhnten sich rascher, einige langsamer um. Es klingt so, als wenn die unzufriedenen verwöhnte und undankbare Geschöpfe wären. In dieser Tonart äußern sich außer Reichenbach, die Sekretärin Judenkirsch, die freilich im Gemeindehaus wohnt und nur auf Amtswegen ins Lager kommt.[...] aber das Gros der Lagerinsassen ist doch streng gefangen, erhält spärlichsten Stadturlaub, hockt immer aufs engste beisammen usw. usw. Es ist gar zu jämmerlich, dass diese Gefangenschaft schon als halbes Glück gilt. Es ist nicht Polen, es ist nicht das KZ! Man wird nicht ganz satt, aber man verhungert nicht. Man ist noch nicht geprügelt worden. Usw. usw." (S.285).
"Eine besondere Lagergefahr scheint der Neid der Zusammengedrängten zu sein. Wenn dem einen etwas zugesteckt wird, muss er sich vor allen anderen hüten." (S. 286).
8. April.
"[...] Der biedere Mann half mir manchmal mit Brotmarken, steckte mir gelegentlich einen Bonbon zu – ich beneidete ihn ein bisschen, weil er ja einige Erleichterungen genoss. Ich hörte dann nichts mehr von ihm. Jetzt: Er wurde vorige Woche verhaftet - Grund unbekannt; es heißt, aber ohne Gewissheit, eine neue Bestimmung zwinge solche privilegierten, deren arische Kinder im Ausland, zum Sterntragen, und das habe er nicht beizeiten erfahren –, zwei Tage später hatte er im Polizeipräsidium sich erhängt (oder ist erwürgt worden). Die Leiche wurde Jacobi nackt überliefert, außer den Würgemalen, wies sie keine Verletzung auf. Der Fall hat mich wieder furchtbar durchschauert." (S.348)
"Aus Berlin kam ein [...] Brief, der auch wieder sub specie LTI gewertet sein will. Es ergab sich nach einigem Rätseln, dass die Absenderin eine geborene Meyerhof  aus Hildesheim und uns dort [...] als Kind einmal begegnet ist. E.N. schreibt einen Stil, der aus 'enzyklopädischem' und Berliner Stil gemischt ist. Das Berlinische betont, überbetont (eben dadurch witzig und affektiert in sein Gegenteil umschlagend), antiheroische, antisentimentale, in jeder Beziehung unberührte Haltung.  'Außerdem haben sich die bitterbösen Engländer ausgerechnet mein Wohnviertel ausgesucht, um ihre Eier zu legen.'  (wieder nicht bloß Berlinisch. Frau N. teilt mit, was sie eigentlich nicht mitteilen darf, und sie deutet ihre Stimmung, um nicht zu sagen Zustimmung, dem englischen Verhalten gegenüber durch das komische, 'bitterböse' an.) Ein PS lautet: 'Existiert der alte Professor Pöppelmann noch in irgendeiner Form? [...] Eva deutet aus: 'Steht der Zwinger noch, hat Dresden schon ernste Luftangriffe gehabt?' Selbst wenn diese Deutung nicht zutreffen sollte – aber sie wird wohl zutreffen –, ist es zeitcharakteristisch, dass sofort solche Deutung gesucht und gefunden wird. Wir rechnen eben gar nicht mehr mit wörtlichem, nicht hinterhältigem Sinn einer brieflichen Mitteilung. Dieser Brief der E. N. ist also ein ganz besonders wertvolles Dokument für die LTI." (S. 350) 

27..9.1944

"[...] Annemarie ist nicht gut angeschrieben, hat mehrmals angeeckt. Gewiss, sie ist allmählich vorsichtig geworden: seitdem September 41 trage ich den Stern, am 9. Oktober 1941 war sie das letzte Mal bei uns. Trotzdem! Und ich will nicht verkennen, wie sehr sie sich für uns exponiert. Sie weiß nicht nur, dass sie meine Manuskripte aufbewahrt, sie weiß auch, dass es sich um Tagebücher handelt. Sie weiß seit Monaten, dass es sich bei solchen Verhalten nicht mehr um Gefängnis, sondern ganz eindeutig um den Kopf handelt.
Meine Tagebücher und Aufzeichnungen! Ich sage mir immer/wieder und wieder: sie kosten nicht nur mein Leben, wenn sie entdeckt werden, sondern auch Evas und das mehrerer anderer, die ich mit Namen genannt habe, nennen musste, wenn ich dokumentarischen Wert erreichen wollte. Bin ich dazu berechtigt, womöglich verpflichtet, oder ist es verbrecherische Eitelkeit? Und immer wieder: seit zwölf Jahren habe ich nichts mehr publiziert, nichts mehr zu Ende führen können, nur immer gespeichert und gespeichert. Hat es irgendwelchen Sinn, wird irgendetwas von alledem fertig werden? Die Engländer, die Gestapo, die Angina, die dreiundsechzig Jahre. Und wenn es fertig wird und wenn es Erfolg hat, und wenn ich 'in meinem Werk fortlebe'– welchen Sinn hat das alles 'an und für mich'? (S. 594/95)
26. Mai 1945
"Unser Fluchtversuch hat fraglos weniger Aussicht auf Gelingen als der damalige. Nur steht auf Scheitern nicht wie damals der Tod. Dafür aber schwere Lächerlichkeit und Demütigung. Kommen wir nicht durch, so muss ich mich an die Kaulbachstraße wenden, und das wird sehr bitter . [...] Wir kamen beide zu dem gleichen Ergebnis: Müssen wir aus Nahrungsmangel umkehren oder schicken uns die Amerikaner zurück, dann sind wir wenigstens eine Weile außerhalb Münchens gewesen.
Im übrigen ist das Unternehmen natürlich ein fast irrsinniges: ohne ordentliche Wanderausrüstung, ohne Gewissheit der Lebensmittelmarken des Quartiers, drei-, vierhundert Kilometer zurücklegen zu wollen. [...] "

Die Rückreise dauert von 26. Mai bis zum 10. Juni. Es ist ein Beispiel dafür, was für Strapazen den Überlebenden des Holocaust noch nach dem Sieg ihrer Sache bevorstanden. (Displaced Persons) Klemperer hat zwar meist Empfehlungen und kann immer wieder einmal mit einem amerikanischen Laster oder mit einem Zug mitgenommen werden, muss aber ganz große Strecken zu Fuß gehen zusammen mit seiner Frau Eva. Als Essen gibt es äußerst wenig. Ein Rübenschnitz pro Tag muss oft ausreichen. (S.798-830) 
Dazu sieh auch Jähner: Wolfszeit

Über Klemperers Tagebücher:
Volker Ulrich "Der Chronist des Jahrhunderts" ZEIT 25.3.1999:
"Das Ende war trostlos: 'Ich habe allen Glauben an Wirkungsmöglichkeiten verloren. Allen Glauben an rechts und links. Ich lebe und sterbe als einsamer Feuilletonist' (29. April 1959). Selten hat sich ein Autor so über seine Bedeutung getäuscht. [...] weiterleben wird Victor Klemperer vor allem als Schreiber seiner Tagebücher. Durch vier Epochen deutscher Geschichte – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit, DDR – führt sein unvergleichliches Oevre. Fast beiläufig, ohne es zu wollen und zu wissen, ist er zum großen Chronisten des Jahrhunderts geworden."

Freiherr vom Stein: Lebenserinnerungen

 Freiherr vom Stein: Lebenserinnerungen

 Freiherr vom Stein:

"Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (* 25. Oktober 1757 in Nassau, Herrschaft Stein zu Nassau; † 29. Juni 1831 in Cappenberg, Provinz Westfalen, Königreich Preußen) war ein preußischer Staatsmann und Reformer. Erste praktische Erfahrungen machte er im frühen Ruhrbergbau und in der Verwaltung der westlichen preußischen Provinzen. Anschließend war er Minister für Wirtschaft und Finanzen in Berlin. Er war zusammen mit Karl August von Hardenberg nach dem Frieden von Tilsit der Protagonist der Preußischen Reformen seit 1807.

Wegen seiner antinapoleonischen Haltungen musste er bereits 1808 ins Exil gehen und wurde 1812 Berater des russischen Zaren Alexander I. Während der Befreiungskriege verwaltete er als Leiter der Zentralverwaltungsbehörde die von Napoleon zurückeroberten Gebiete in Deutschland und Frankreich. Seine Neuordnungsvorstellungen für die deutschen Staaten auf dem Wiener Kongress blieben weitgehend wirkungslos.[...] Als wichtiger Mitbegründer der Monumenta Germaniae Historica spielte Stein eine nachhaltige Rolle für die Entwicklung der Mediävistik in Deutschland. In seinen letzten Jahren vertrat er nicht zuletzt in seiner Eigenschaft als westfälischer Landtagsmarschall vor allem adelige Sonderinteressen.

[...] Auf Bemühen seiner Mutter trat Stein 1780 in den preußischen Staatsdienst ein. Er selbst begründete diesen Schritt mit seiner Bewunderung für Friedrich II. und der Liberalität des preußischen Staates, der keine Vorbehalte gegen Außenseiter kannte und ihnen gute Aufstiegsmöglichkeiten bot.[4] Als Referendar wurde er in Berlin beim Bergwerks- und Hüttendepartment des Generaldirektoriums angestellt, wo ihn Minister Friedrich Anton von Heynitz förderte. Stein absolvierte eine entsprechende Fachausbildung, teilweise an der kursächsischen Bergakademie in Freiberg. Ausgedehnte Dienstreisen mit dem Minister vervollständigten seine Kenntnisse.

Eine eigenverantwortliche Stellung nahm er 1784 im Bereich des Bergbaus des westfälischen Teils der preußischen Staaten ein. Als Direktor der Bergämter Wetter an der Ruhr und Ibbenbüren war Stein für den Wegebau, den Ruhrkanal und die Organisation des unter staatlicher Aufsicht betriebenen Bergbaus zuständig. Dabei intensivierte er die staatliche Aufsicht über die Gruben. Er verbesserte dabei auch die Verbindung der Steinkohlegruben im späteren Ruhrgebiet mit den Gewerberegionen im Sauerland, Siegerland und Bergischen Land.[5] Zudem führte er ein festes Arbeitsentgelt für die Lohnarbeiter ein.[6]

Gründung der Monumenta Germaniae Historica

Von nachhaltiger Bedeutung Steins für die Geschichtswissenschaft war seine Initiative zur Gründung der Monumenta Germaniae Historica als bedeutendstes Quellenwerk zur mittelalterlichen deutschen Geschichte. Neben allgemeinem historischen Interesse spielten für Stein dabei auch nationalpädagogische Gründe und die Überwindung des einzelstaatlichen Partikularismus eine Rolle. Bereits seit 1814 bemühte sich Stein in Kontakt mit Politikern und Fürsten um Unterstützung für die Editionspläne. Konkretisiert wurden diese von Wissenschaftlern und Politikern wie Friedrich Carl von Savigny, Barthold Georg Niebuhr oder Johann Albrecht Friedrich von Eichhorn und führten am 20. Januar 1819 zur Gründung der „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ in Steins Wohnung in Frankfurt. Präsident der Gesellschaft zur Herausgabe der Monumenta wurde Stein. Bis 1824 leitete er die Arbeiten persönlich und übertrug sie danach an den Historiker Georg Heinrich Pertz. Stein selbst kümmerte sich weiter um die Organisation des Projekts. Der erste Band mit Quellen zur Karolingerzeit erschien 1826.

Eine Motivation Steins für die Monumenta war das Ziel, die Legitimation des Adels und Steins ständisches Denken aus der mittelalterlichen Geschichte herzuleiten. Dem entsprach die anfängliche Finanzierung des Projekts. Ausschließlich der deutsche Adel sollte die Kosten übernehmen, bürgerliche und ausländische Unterstützer wurden abgewiesen. Auf längere Sicht konnte dies nicht aufrechterhalten werden, und vor allem nach Steins Tod erhielt das Projekt staatliche Unterstützung.[34]"

[...]

Wie sehr Steins politische ständische Ziele von denen der Liberalen entfernt waren, zeigte sich im Vorfeld der Einrichtung der Provinziallandtage. Er beteiligte sich an Diskussionen und Forderungen des westfälischen Adels. An einer Petition von 1818 war er maßgeblich beteiligt. Zwar sollten die Bauern nicht von den Gremien ausgeschlossen werden, aber Stein verlangte, dass ihre Deputierten aus der Bauernschaft selbst und nicht aus den ländlichen Unterschichten oder aus der Schicht der Intellektuellen kommen sollten. Darüber hinaus kämpfte er für besondere Adelsrechte, wie eine erbliche Mitgliedschaft in den Landtagen, einen Vorzug bei der öffentlichen Stellenbesetzung, einen privilegierten Gerichtsstand und Ähnliches. Diese Vorstellungen gingen zumindest teilweise in die Organisation der Provinzialstände ein. Für die Provinz Westfalen wurde die Provinzialordnung per Gesetz am 27. März 1824 erlassen. Der Provinziallandtag war in vier Stände eingeteilt. Stein gehörte als Standesherr automatisch zur Mitgliedschaft und bildete zusammen mit zehn weiteren Personen den ersten Stand. Hinzu kamen die Stände der Besitzer landtagsfähiger Rittergüter, der Städte und der Landgemeinden. [...]"

Lebenserinnerungen

"Ich wurde den 26. Oktober 1757 von sehr achtungswerten Eltern geboren, unter dem Einflusse ihres religiösen, echt deutsch ritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen; die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre, Pflicht, das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu erwerben, wurden durch ihr Beispiel und ihre Lehre tief meinem jungen Gemüte eingeprägt. [...]


Im Herbst 1773 besuchte ich mit einem Hofmeister Göttingen, wo ich aus Gehorsam gegen den Willen meiner Eltern sehr ernsthaft Jurisprudenz studierte, zugleich aber auch mit der englischen Geschichte, ihren statistischen, ökonomischen und politischen Werken mich bekannt machte und überhaupt durch den vertrauten Umgang mit mehreren jungen, gleichgesinnten Männern als Rehberg, Brandes meine Vorliebe für dieses Volk sich befestigte. Auf Ostern 1777 verließ ich Göttingen, besuchte Wetzlar drei Monate, um den Kammergerichtsprozeß kennenzulernen, blieb den Winter 1778 in Mainz [...]

Meine Abneigung gegen eine Anstellung bei den Reichsgerichten hatte sich unterdessen ausgesprochen und meine Eltern ihr nachgegeben, meine hohe Verehrung aber für Friedrich den Einzigen, der durch die Erhaltung von Bayern damals die Dankbarkeit dieses Landes und des ganzen Vaterlandes sich erworben hatte, den Wunsch in mir erregt, ihm zu dienen, unter ihm mich zu bilden.– Nach der gewöhnlichen Ordnung der Dinge mußte ich als Referendarius bei einer Kriegs- und Domänenkammer anfangen, vielleicht wäre ich in Förmlichkeiten untergegangen, und die Abhängigkeit von einem mittelmäßigen, steifen, in Förmlichkeiten befangenen Vorgesetzten hätte verderblich und niederschlagend auf mich gewirkt – dank aber einer gütigen Vorsehung fand ich in dem Staatsminister von Heinitz einen väterlichen, mein Schicksal mit Liebe, Ernst und Weisheit bis zu seinem Tode 1802 leitenden Vorgesetzten. Er war ein Freund meiner Eltern, sowie auch seine vortreffliche Gattin, beide nahmen mich mit teilnehmender, nachsichtsvoller Güte auf. [...]

Ich trat also in den neuen Abschnitt des Lebens mit der Lösung zweier Aufgaben, der der Geschäftslosigkeit und der des Alters. Die Leere, welche aus der ersteren entstand, suchte ich auszufüllen durch Wissenschaft; ich wählte deutsche Geschichte, zum Teil veranlaßt durch den Unterricht, den ich darin meiner jüngsten Tochter gab, und durch das wiedererweckte Nationalinteresse.

Das Studium der deutschen Geschichtsquellen machte mir die Unvollkommenheit ihrer bisherigen Sammlungen bemerklich und veranlaßte mich, die Idee eines Vereins zur Bearbeitung der Quellenschriftsteller in das Leben zu bringen.

Meine wissenschaftliche Tätigkeit wurde durch die Schwäche meines Gesichts, den Verlust des rechten Auges durch einen grauen Star (1807) gelähmt, ich konnte bei Licht nicht ohne Nachteil lesen. Es wurde mir aber ein anderes Geschäft durch die Vorsehung zugewiesen, der Tausch von Kappenberg gegen das entfernte Birnbaum, und dieser brachte mich zurück nach Westfalen, an das mich so viele Erinnerungen banden, in Berührung mit alten, erprobten Freunden und gab mir Gelegenheit, die Teilung der großen Gemeinheiten oder Marken ppter 5000 Morgen, in denen ich Markenrichter und Berechtigter war, zur Zufriedenheit vieler hundert Menschen in kurzer Zeit (1817-1819), ohne Kosten und mit großem Segen zustande zu bringen, auch gegen ein verderbliches, die bäuerlichen Verhältnisse betreffendes Gesetz mit Erfolg zu kämpfen. [...]"

04 September 2026

Achim von Arnim: Die Kronenwächter

 Achim von Arnim: Die Kronenwächter

Als ich im Zusammenhang mit der Lektüre von Isabella von Ägypten Achim von Arnim auch als Autor und nicht nur als Sammler von Texten aus Des Knaben Wunderhorn und Ehemann Bettina von Brentano, der Schwester von Clemens,  kennenlernte, habe ich auch ein wenig in Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores hineingesehen. Ob mir das auch für die Kronenwächter wichtig genug war und zumindest für kurze Passagen gelang, bezweifle ich. Hier will ich dazu einladen, es mit mir ein wenig zu versuchen.

Wikipedia:

"Die Kronenwächter ist ein Roman von Achim von Arnim, dessen erster Band 1817 in der Maurerschen Buchhandlung in Berlin erschien. Der zweite Band, ein Fragment, kam 1854 posthum bei T. F. A. Kühn in Weimar heraus.[1]

Südwestdeutschland zu Anfang des 16. Jahrhunderts: Berthold und Anton erweisen sich als unfähige und unwürdige Nachfahren der Staufer. [...]"

Text:

Kronenwächter (Gutenberg.de)

Zitate:

Einleitung:

"Wieder ein Tag vorüber in der Einsamkeit der Dichtung! Die Glocke läutet Feierabend, und die Pflüger ziehen heim mit dem Gespann, führen und tragen behaglich die Kinder, die ihnen entgegen gegangen, und freuen sich ihrer Mühe in der Ruhe. Der Pflug ruht nicht verlassen auf der letzten Erdscholle, die er überstürzte, denn notwendig wie die Sonnenbahn scheint der Bedürftigkeit sein Furchenzug und ein heilig strenges Gesetz bewacht ihn in der Nacht gegen Frevel. Am Morgen setzt der Pflüger seinen Weg ohne Störung fort, mißt nach der Länge seiner Furchen den trüben Morgen, wie er die helle Mitte des Tages an seinem eignen Schatten zu ermessen versteht, und teilt nach seinen Morgenwerken die Erdfläche in festbegrenzte Morgen, wie er nach dem Tagewerke der Sonne die unendliche Zeit in Stunden teilt. Die Sonne und der Pflüger kennen einander und tun beide vereint das Ihre zum Gedeihen der Erde. Fest fortschreitend, von allen geschätzt und geschützt, sehen wir die Tätigkeit, die sich zur Erde wendet; sie ist auch dauernd bezeichnet und gründet, so lange sie sich selbst treu bleibt, mit unbewußter Weisheit das Rechte, das Angemessene, im Bau des Ackers, wie des Hauses, in der Beugung des Weges, wie in der Benutzung des Flusses. Die Zerstörung kommt von der Tätigkeit, die sich von der Erde ablenkt und sie noch zu verstehen meint. Aber nach Jahrhunderten der Zerstörung erkennen die einwandernden Anbauer des Walds mit Teilnahme die Unvergänglichkeit der Ackerfurchen und Grundmauern untergegangener Dörfer und achten sie als ein wiedergefundenes Eigentum ihres Geschlechts, das der Gaben dieser Erde nie genug zu haben meint. Gleichgültig werden daneben die aufgefundenen Werke des Geistes früherer Jahrhunderte als unverständlich und unbrauchbar aufgegeben, oder mit sinnloser Verehrung angestaunt. [...]" (Gutenberg.de)

Über den Torwächter in Waiblingen:

"Eine Winde im Wächterzimmer war zu doppeltem Gebrauche eingerichtet, sie hob in einem großen Eimer von der Stadtseite zu bestimmten Stunden seine Lebensmittel empor, und nahm in demselben Eimer von der Landseite nach dem unerbittlichen Torschluß alle verspätete Sendungen an Rat und Bürger der Stadt gegen mäßigen Lohn auf. Bei dem lebhaften Verkehr, dessen sich die Stadt jetzt als Vorratskammer der Neckarweine für Augsburg, durch Gerbereien und Ankauf von Schlachtvieh erfreute, war diese Art Nebengewinn ein Hauptunterhalt des Wächters geworden, der nach dem frühen Torschlusse mit Sehnsucht nach verspäteten Boten auf die Straße von Augsburg herunter blickte. Von Augsburg war das Tor genannt, so weit Augsburg davon entlegen sein mochte. Augsburg war damals gleichsam ein heiliger Name, weil die sichtbaren Quellen des Wohlstandes, das Geld und die Reisenden, die es brachten, von Augsburg entsprangen und nicht immer wieder dahin zurückkehrten; im zweiten Buche führt uns die Geschichte nach diesem Mittelpunkte des Handels, zu den reichen Geschlechtern, die, das neu entdeckte Amerika mitzuerobern, Schiffe ausrüsteten und die Kaiser durch Glanz und Erfindung froher Feste sich zu geselliger Freude verbanden. (Gutenberg.de Einleitung)

Erste Geschichte:

"[...] Auf dem Turme saß der alte, trockene Martin, der neue Turmwächter im verschossenen, roten Wams, den er noch aus dem italienischen Kriege mitgebracht hatte, zwischen Frau Hildegard, mit der er heute vermählt war, und Berthold, dem Ratsschreiber, wie auf dem Felde des Schachbretts zwischen Schwarz und Weiß, denn jene war reinlich in weißem, selbstgewebten Leinen, dieser sehr anständig in schwarzem Tuch gekleidet. Martin sprach davon, wie er sonst auf Schlachtfeldern zwischen Tod und Teufel und jetzt wie im Schachspiel fröhlich zwischen Freund und Frau sitze und habe sich das nicht träumen lassen voraus, dabei umfaßte er beide und drückte beiden die Köpfe an einander, daß sie sich küssen mußten und trank dann seinen Wein auf die Erinnerung einer Neujahrsnacht, wo er und Berthold auf den Turm stiegen und Frau Hildegard belauschten, wie sie mit ihrer Base Zinn gegossen. – BERTHOLD: »Das war eine schöne Nacht, klar und warm, die Witterung wird immer rauher in Waiblingen und die Welt geht endlich gewiß in Eis unter.« – MARTIN: »Kalt oder warm, untergehn muß sie doch bald, wenn nur Hildegard so lange lebt, um den Lärm mit uns zu beschauen. Ja in der Nacht ging mir das Herz auf gegen dich und es zuckte mir in dem Arme, was hilft's verhehlen, Gott weiß es doch und schreibt sich alles auf.« BERTHOLD: »Du wolltest der guten Frau um den Hals fallen, die Sünde vergibt der Küster.« [...]

 Als Frau Hildegard wegen des Apfelkuchens schalt, sagte er: »Es ist auch ein Hochzeitgeschenk, mit dir Berthold wird es geteilt, vielleicht ist's ein feinerer Kuchen, macht es sorglich auf, es soll sehr zerbrechlich sein.« Frau Hildegard schob den durchlöcherten Deckel auf, hob eine Pelzdecke auf und sah mit großem Erstaunen einen kleinen Knaben, der auf einem Totenschädel, halb mit einem weichen Kissen bedeckt, ruhte und schlief. »Ha«, fuhr Martin bei dem Anblick auf, »es hat das Zeichen!« Bei dem Worte sprang er hinaus, sah aber nur noch in bedeutender Entfernung den Reiter auf seinem Schimmel, wie sein weißer Mantel im Winde gleich einem Segel aufbauchte und wie er sich bald gleich einer Schneewolke unter den stumpfen Weiden der Straße verlor. Er kam zurück, als Berthold mit überwundener Sorge sprach: »Es ist nicht tot, es schläft nur, tragt's ins Bette, Frau Hildegard, aber denkt nicht, daß dies liebe Kind euch allein gehört, mein ist die Hälfte, Martin hat's versprochen.« – MARTIN: »Du sprichst ja wie ein Versucher, dem ich des Kindes Seele verschrieben habe.« – BERTHOLD: »Ich brauche nicht seine Seele, ich brauche nur seine Hand, ich will's zum Schreiber aufziehen.« – MARTIN: »Versuch's nur; wenn .der Knabe älter wird, da merkt er schon in sich, daß er nicht zum Schreibtisch, sondern unter den Helm gehört; aber Hildegard, ist es dir denn lieb, ein Kind zu haben, bist ja so still emsig, es einzupacken, als ob du es im Federbett ersäufen wolltest.« – HILDEGARD: »Still, hab nie ein schöneres Kind gesehen, alle andern sind Holzklötze dagegen, ein feines Bild aus Elfenbein ist dies, das muß aus hohem Geschlechte stammen; wenn wir nur reich wären, um es fein ordentlich aufzuziehen!« [...]

Martin sprach gleichgültig: »Es ist doch gut, daß wir heut das Zicklein zum Hochzeitbraten opferten, die Ziege wäre sonst mit keiner Gewalt zum Stillen des Kinds zu zwingen gewesen, jetzt drängt es sie dazu: es ist nicht alles Liebe, was die Menschen so nennen!« Dann nahm er Berthold bei der Hand und führte ihn an die andere Ecke des Zimmers, wo der Kasten stand und sprach wehmütig und leise: »Sieh da das weiße Kind unter dem gehörnten, schwarzen Tiere, das dem Teufel ähnlich sieht, so kommt die Unschuld zur Schuld und nährt sich von ihr, so soll auch ich das Kind ernähren und bin nicht wert solcher himmlischen Gnade. Ich halt's nicht aus! Habe so viele blühende Jünglinge in Feldschlacht und Fehden erschlagen und werde nun zum Narrn vor Freude, daß ich der Welt ein Kind zum Ersatz aufziehe, o ich wollte, daß ich bei meinem Vater am Webstuhl ausgeharrt, oder daß ich gar nicht gelebt hätte. Wer weiß, wem der Schädel gehört, der bei dem Kinde liegt, er trägt eine schwere Narbe, wie ein Fenster, durch welches der Geist zum Himmel geflogen, vielleicht habe ich ihm die geschlagen. Ich mußte meinen Herren folgen auf den Fehden und sie fragten mich nicht, ob sie ein Recht hätten zum Blutvergießen, es hieß nur: hier gilt's, hier mußt du vor, Martin. Es sind jetzt noch keine sechs Monat, da focht ich mit einem jungen Ritter, er wehrte sich entsetzlich, da fiel ihm der Helm ab, ich hatte ihm die Schienen durchhauen, und mein Schwert drang tief in sein Haupt, er war schön wie eine Jungfrau, meinen Hals hätte ich abschlagen lassen, um ihn zu heilen, aber der Tod läßt sich nicht wieder gut machen. Ich sagte den Kronenwächtern mit Abscheu meinen Dienst auf, sie ließen mich ziehen. Das Kind gleicht dem Ritter, sie haben's mir geschickt. Berthold, zieh es zum Frieden auf, es soll für mich beten.« Berthold sah verlegen nieder, es war ihm, als ob ein anderer, als Martin, mit ihm rede, so weich hatte er ihn nie gekannt, er sah nach dem Schädel und wies auf etwas Blinkendes, das darin steckte. – MARTIN: »Wird wohl ein Splitter von meinem schartigen Doppelschwerte sein, oder ein Helmring, laß es stecken, so etwas, das einem Menschen den Tod brachte, muß vergraben sein, ich werd's auch bald sein: Wenn einst andere Leute so in meinen Schädel hinein sehen, was werden sie darin lesen?«" (Kronenwächter: Erste Geschichte)

Zweite Geschichte: Die Chronik der Stadt

"Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung für das Kind, am Morgen bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten, der das Kind geborgen, und Berthold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet: »Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters.« Frau Hildegard erschrak, daß dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei, und Berthold nahm es eilig mit dem Bette in seinen Mantel, da Martin von seinem Wachtposten nicht abkommen konnte. Erst lief er zum Bürgermeister und berichtete ihm den seltsamen Vorgang, indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen Neujahrwunsch abgab. Der Bürgermeister war in sehr gnädiger Stimmung, dankte freundlich und sagte, daß er dieses Kind wohl zu sich nehmen würde, wenn er verheiratet wäre, jetzt könne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut schaden, übrigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas für das Kind zu erübrigen sein und man müsse inzwischen nachforschen, wer des Kindes Eltern wären. [...]"