Elena Ferrante (Wikipedia): Die Geschichte der getrennten Wege Copyright 2013, dt. 2017
Heute wie druckfrisch in einem kleinen neuen öffentlichen Bücherregal gefunden.
Das Pseudonym der Autorin ist literarisch Interessierten schon länger bekannt (dazu der Wikipediaartikel), die Gelegenheit in eins der Bücher hineinzusehen, wollte ich nicht verpassen. Meine Vermutung ist, dass ich nicht rasch damit vorankommen werde.
[Das habe ich geschrieben mir Blick auf Steinbecks "Früchte des Zorns", über die ich seit dem 11.2. berichte und Jack Londons "Martin Eden", über den ich seit dem 4.3. berichte (gegen Ende April beendet). Freilich, beide habe ich auf Englisch abends im Bett gelesen, um das Einschlafen zu befördern. "Von Früchte des Zorns" hatte ich Anfang und Schluss auf Deutsch gelesen, bevor ich mit "Martin Eden" begann. Jetzt bin ich irgendwo im ersten Viertel oder Drittel. - Da ich Ferrante auf Deutsch lese, werde ich schneller vorankommen können und eher einen Eindruck gewonnen haben, so dass das Springen zum Schluss früher erfolgen dürfte.]
Daher schon hier zur Vorstellung ein Link auf den Wikipediaartikel Neapolitanische Saga. Für die, die den Spoiler fürchten, die Angaben von zwei KIs (beide gekürzt) um mir Zusammenfassungen zu ersparen. [Zur emotionalen Einfühlung kann man Fotos der Hauptdarstellung und Kurzinformationen zu den Episoden der Verfilmung der Romane hier sowie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung und Fotos vom Schauplatz in Neapel in einem Foto-Essay im Guardian finden.finden.]
KI Ecosia: Die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante ist eine der bekanntesten und meistdiskutierten Buchreihen der letzten Jahre. Die vierbändige Reihe erzählt die lebenslange Freundschaft und Rivalität zwischen zwei Frauen aus Neapel: Elena Greco (genannt Lenù) und Raffaella Cerullo (genannt Lila). Die Saga ist ein tiefgründiges Porträt von weiblicher Emanzipation, sozialer Ungleichheit, Gewalt und der Komplexität menschlicher Beziehungen.
Meine geniale Freundin (L’amica geniale, 2011)
- Die Geschichte beginnt in den 1950er-Jahren in einem armen Viertel Neapels. Die beiden Mädchen, Elena und Lila, wachsen in einer von Männern dominierten Welt auf. Lila ist hochintelligent, rebellisch und voller Ideen, während Elena sich als die “Stille” sieht, die durch Bildung und Fleiß versucht, ihrem Schicksal zu entkommen. Der Band endet mit Lilas plötzlicher Hochzeit in jungen Jahren – ein Bruch in ihrer Freundschaft. (Mehr zum Inhalt erfährt man aus den Angaben zur Verfilmung des Romans für das Fernsehen)
Die neue Freundin (Storia del nuovo cognome, 2012) Der zweite Band deckt die 1960er-Jahre ab. Elena beginnt, sich von Lilas Schatten zu lösen, und besucht das Gymnasium. Lila hingegen ist in einer unglücklichen Ehe gefangen, kämpft mit häuslicher Gewalt und versucht, sich durch Arbeit und Bildung zu befreien.
Diejenigen, die gehen und diejenigen, die bleiben (Storia di chi fugge e di chi resta, 2013) Hier wird die Freundschaft auf die Probe gestellt, als Elena in Florenz studiert und sich von Neapel entfernt. Lila arbeitet in einer Fabrik und engagiert sich politisch. Die gesellschaftlichen Umbrüche der 1970er-Jahre (Studentenproteste, Feminismus, wirtschaftliche Krisen) spielen eine zentrale Rolle.
Das verlorene Kind (Storia della bambina perduta, 2014) spielt in den 1980er- und 1990er-Jahren. Elena hat sich als Schriftstellerin etabliert, während Lila ein zurückgezogenes Leben führt. Die Vergangenheit holt beide ein, und die Frage, wer von ihnen “erfolgreich” war, wird neu verhandelt. Der Roman endet mit einem rätselhaften Verschwinden Lilas.
KI Gemini (etwas stärker gekürzt)
Was die Saga so besonders macht, ist Ferrantes ungeschönter Blick auf die Realität:
Ambiguität der Freundschaft: Es ist keine reine „Wohlfühl-Freundschaft“. Sie ist geprägt von tiefer Liebe, aber auch von Neid, Konkurrenzkampf und gegenseitiger Abhängigkeit.
Das Viertel (Rione): Ein Mikrokosmos voller Gewalt, Camorra-Einfluss und strenger patriarchaler Strukturen, dem beide Frauen auf unterschiedliche Weise zu entkommen versuchen.
Bildung als Befreiung: Während Elena durch Bildung sozial aufsteigt, bleibt die (vielleicht genialere) Lila im Viertel gefangen, fordert das System jedoch von innen heraus heraus.
Sprache: Der Kontrast zwischen dem harten neapolitanischen Dialekt (Gewalt/Herkunft) und dem reinen Italienisch (Bildung/Aufstieg).
Hintergrund: Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Die wahre Identität der Autorin (oder des Autors) ist offiziell nicht bestätigt, was den Kult um die Bücher noch verstärkt hat. Die Anonymität soll sicherstellen, dass das Werk für sich selbst spricht.
Die Saga wurde unter dem Originaltitel "L'amica geniale" (My Brilliant Friend) spektakulär von HBO und der RAI verfilmt. Die [Fernseh-]Serie ist bekannt für ihre visuelle Treue zum Zeitgeist und die herausragenden schauspielerischen Leistungen.
Beide Antworten der KIs habe ich gekürzt und, wo nötig, ergänzt - insbesondere durch Links.
Lektüreerlebnis (4.5.): Die Erzählerin Elena scheint der Autorin näher zu stehen als Lila. Diese scheint mehr dem idealen Ich der Autorin zu entsprechen. So zur Handlung getrieben, dass sie darüber ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt, während die Autorin im Schreiben ihr wichtigstes Bedürfnis erfüllt.
Das Buch liest sich - wie von einem Bestseller zu erwarten - besser als angenommen, weil man den Eindruck gewinnt, die Erzählerin berichte genau über die Erfahrungen, die sie nach dem Verfassen des Buches gemacht habe, das man gerade liest. Das heißt, dass nicht ein Bewusstseinsstrom protokolliert wird, aber auch nicht über einen abgeschlossenen Vorgang berichtet, sondern zwischen der Autorin und der Erzählerin scheint es - ganz im Unterschied zu einer Ich-Erzählung - keinerlei psychologischen Abstand zu geben. [mehr zur
Erzählperspektive findet sich im Wikipediaartikel zu
Meine geniale Freundin.]
Daraus erklärt sich mir als Leser. dass Ferrante so großen Wert auf Anonymität legte, weil sie als Person nicht
wirklich mit der Erzählerin identifiziert werden will. Andererseits scheint ihr das Schreiben der Tetralogie deshalb so viel leichter gefallen zu sein, weil sie sich im Laufe des Schreibens der vorhergehenden Romane immer besser in diesen Sprachgestus eingewöhnt hat. Daher tritt der Erfolg ihrer Bücher nicht trennend zwischen sie und ihr Werk, sondern er bestätigt die Bestsellerqualität. (Seitenangabe: S.105) Inzwischen hat sich das Buch für mich zum Pageturner entwickelt; denn es ist außerordentlich "handungsstark". Was in den Rezensionen als Studie über Freundschaft zwischen zwei Frauen bezeichnet wird ist für mich eine sehr erfolgreiche Konstruktion: Der dem Lesermilieu nahestehenden sympathischen Erzählerin inzwischen aus dem Bildungsmilieu wird ihre Freundin aus der Kinderzeit aus dem gemeinsamen Armutsmilieu gegenüber gestellt, eine ausgebeutete Figur aus dem Arbeitermilieu [
In der deutschen Übersetzung heißt es immer wieder, dass Personen - mehr oder minder gut - (Hoch-)Italienisch sprechen, dass also im Viertel anders gesprochen wird. Dazu die Süddeutsche Zeitung zur Fernsehserie: "Die Schauspieler mussten den regionalen Dialekt einstudieren, den auch die Italiener so wenig verstehen, dass die Serie selbst im Original untertitelt ist.]mit ihren sozialistisch/kommunistischen Freunden, die es ermöglicht, ein umfangreiches Handlungsgeflecht zu entwickeln. (ab Kapitel 28, S.127). [mehr zur
Erzählweise findet sich im Wikipediaartikel zu
Meine geniale Freundin]
Diese Zweithandlung wird als Bericht Lilas an ihre Freundin eingebracht. Er gibt die Möglichkeit zur Identifikation mit Lila. Zwar tritt sie den mit ihr Handelnden fast durchweg schroff abweisend gegenüber, aber sie verfügt über nahezu übermenschliche Fähigkeiten. Ständig leidet sie und stößt zurück, aber auch in größten Schwierigkeiten bleibt sie überlegen und fasziniert ihre Gegner. So wird verständlich, dass auch die Erzählerin Elena fasziniert auf sie blickt. Sie pflegt Lila und organisiert ihr - dank der Verbindung zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter - Hilfe beim Kampf gegen den Fabrikbesitzer. Von Kapitel 46 (S.213) an wird so die Handlung von Elena und Lila weiterentwickelt, bis mit Kapitel 58 (S.272) sich plötzlich die Familie Galiani aus dem Bildungsmilieu sich gegen Elena stellt, sie links liegen lässt und sich nur noch für Lila interessiert.
Ab Kapitel 63 (S291) folgt zu meiner Verwunderung nun wirklich das, was mir in Rezensionen angekündigt war: Elena und Lila leben sich auseinander, bleiben aber in Kontakt und sehen sich in Konkurrenz und lügen sich gegenseitig vor, wie gut es ihnen gehe. [Dazu heißt es
im Wikipediaartikel
Meine geniale Freundin unter dem Stichpunkt
Interpretation:
"Bei der Einschätzung der Freundschaft zwischen beiden Mädchen spielt der Aspekt der Konkurrenz eine zentrale Rolle. Bewertet wird diese Rivalität in den Kritiken unterschiedlich. In einem Fall rundum positiv: Obwohl einseitig in den Prämissen (Anziehung und Bedürftigkeit), sei ihre Beziehung frei von Missgunst und für beide gleichermaßen befruchtend in puncto „Zuneigung, Wissen, Ehrgeiz und Ansporn“.[9] Andere Urteile fallen etwas skeptischer aus: ]Die Freundinnen seien beinahe, was man im Englischen „frenemies“, Lieblingsfeindinnen, nenne;[11] schon im Prolog zeichne sich ab, dass es darum gehe, wer von beiden „das letzte Wort“ behalte;[10] die Freundschaft mit Lila sei für Elena ein „Bund mit dem Teufel“, worauf auch schon das aus Goethes Faust stammende Motto des Romans verweise.[4] Im Zusammenhang mit der Fernsehsehrie schreibt die Süddeutsche Zeitung dazu: "Elena und Lila konkurrieren um die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und müssen ihre Kräfte doch bündeln, um das zu erreichen.[5]] Jetzt gibt es nicht ständig Action, sondern Elena erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Hochstimmung während der Schwangerschaft, ganz anders als Lila es von sich erzählt hatte. Dann ein ganz schwieriges Jahr mit der Tochter Adele [genannt: Dede]: "Ein Leidensweg von Arzt zu Arzt begann, nur für sie und mich, Pietro hatte immer in der Universität zu arbeiten." (S.299)
"Mir war inzwischen klar, dass Pietro in seinem beruflichen Umfeld als Langweiler angesehen wurde, denkbar weit entfernt vom begeisterten Aktivismus seiner Familie, Ein missratener Airota. [...] Er murmelte düster: 'Elena, wir müssen über unsere Beziehung nachdenken und Bilanz ziehen.' Ich stimmte sofort zu. Ich sagte, ich bewunderte seine Intelligenz und seine gute Erziehung, Dede sei wundervoll, fügte aber hinzu, ich wolle keine weiteren Kin/der, die Isolation, in die ich geraten sei, sei mir unerträglich, ich wolle ins Berufsleben zurück. Ich hätte mich nicht seit meiner Kindheit so abgerackert, nur um am Ende in der Rolle der Hausfrau und Mutter eingesperrt zu sein. Wir stritten uns, ich mit Härte, er mit Anstand." (S.318/19)
[Er lädt jetzt öfter Besucher ein. Sie genießt Komplimente und Flirts. Als sie bemerkt, dass es zu sexuellem Verkehr kommen könnte, schreckt sie zurück.] "In höchster Aufregung und voller Schuldgefühle kam ich nach Hause. Ich schlief leidenschaftlich mit Pietro, noch nie hatte ich mich so beteiligt gefühlt, ich war es, die kein Kondom wollte. 'Was soll die Angst', sagte ich mir. 'Du bist kurz vor der Regel, es wird schon nichts passieren.' Aber es passierte. Nach einigen Wochen merkte ich, dass ich wieder schwanger war.
Bei der nächsten Schwangerschaft ruft sie i(Kapitel 70, S.327)
Kapitel 70: "Über eine Abtreibung versuchte ich mit Pietro gar nicht erst zu reden – er freute sich sehr, dass ich ihm noch ein Kind schenkte –, und außerdem hatte ich Angst vor diesem Schritt, schon das Wort verursachte mir Übelkeit. Aber Adele spielte am Telefon auf eine Abtreibung an, ich mich sofort mit Phrasen aus, nach dem Motto: Dede braucht Gesellschaft, als Einzelkind aufzuwachsen ist traurig, es ist besser, sie bekommt noch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen./ 'Und dein Buch?' 'Ich bin bald fertig', log ich. 'Lässt du es mich dann lesen?' 'Natürlich.' 'Wir sind schon alle sehr gespannt.' 'Ich weiß.'
Ich war in Panik, ohne nachzudenken, tat ich etwas, was Pietro sehr erstaunte und mich vielleicht auch. Ich rief meine Mutter an, erzählte ihr, dass ich wieder ein Kind erwartete, und fragte sie, ob sie für eine Weile nach Florenz kommen wolle. Sie brummte, sie könne nicht, sie müsse sich um meinen Vater kümmern, um meine Geschwister. Ich schrie sie an: 'Das heißt, deinetwegen werde ich nichts mehr schreiben!' 'Ist doch scheißegal', antwortete sie. 'Reicht es dir nicht, in Saus und Brauchs zu leben? 'Und sie legte auf. Aber fünf Minuten später rief Elisa an. 'Ich kümmere mich hier um den Haushalt', sagte sie. 'Mama kommt morgen zu dir.' " (Seite 327/28) [Ihre Mutter kommt aus Neapel zu Hilfe, und sie, die früher ihre Tochter immer heruntergemacht hatte, wird plötzlich die Stütze des Haushalts.]
An dieser Stelle der Lektüre habe ich unterbrochen um in meinen Text Links (und Zitate) zu den Wikipediaartikeln zu den Büchern und der Fernsehserie sowie zu Besprechungen derselben eizubauen.
Es ist wohl kein Zufall, dass ich genau vor der Stelle, die Freundinnen sich gegenseitig ihre gemeinsam Kindheit vor Augen führen, das Bedürfnis hatte, mich besser über den ersten Teil der Tetralogie zu informieren. Und dass in diesem Kontext Lila ihre kritische Sicht über beide Bücher Elenas klar ausspricht. Es scheint nach Ferrantes Aussagen ja auch das Urteil zu sein, das sie über ihre eignen ersten Bücher hatte, als sie beim Beginn der Tetralogie plötzlich eine klare Vorstellung hatte, was und wie sie schreiben wollte. (6.5.) [Wikipedia über Ferrantes erste drei Bücher]
Als ich die Lektüre fortsetzte, entdeckte ich erstmals längere Passagen, die ich für so charakteristisch hielt, dass ich sie als Zitate hier aufnehmen wollte - inzwischen nachgeholt -, dann aber nahmen Elenas Entfremdung von ihrem Mann und von Lila zu, die Konflikte reizten an, weiterzulesen. Die ernsthaften Zweifel Elenas, ob ihre Freundin nicht in tödliche Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Kommunisten verwickelt sein könnten, erweckten ei mir erstmalig den Eindruck, dass Elena sich in ihrer Kindheit (in dem ersten Band, den ich nicht gelesen habe) so abhängig von Lila gefühlt haben muss, dass sie jetzt, obwohl sie Gewalt ablehnt, am liebsten an Lilas Aktionen teil hätte. Das verändert meinen Blick auf das Verhältnis der beiden Freundinnen noch mehr. Die Ereignisse überschlagen sich wieder, so dass Elena nach Neapel fährt, um ihre Schwester zu retten, und dann in eine Familientreffen ihrer Familie mit den Faschisten gerät. (S.419)
Da anderes zu tun ist, z.B. Gartenarbeit, von der ich mich bei weiterer Lektüre des Buches erhole, bleibe ich noch weiter dahinter zurück, Inhaltliches hier festzuhalten. (6.5. abends)
Zitat: S.421: "Und ich merkte, dass sich durch meine Nervosität der dialektale Einschlag verstärkte, dass mir einige Wörter im Neapolitanisch des Rione unterkamen, dass der Rione [...] mir seine Sprache aufzwang, die Art, zu agieren und zu reagieren, seine Figuren, die in Florenz nur wie verblasste Bilder wirkten, hier aber aus Fleisch und Blut waren.
Wieder klingelte es an der Tür, Elisa öffnete. Wer konnte jetzt noch kommen? Einige Sekunden vergingen, und Gennaro [Lilas Sohn] stürzte ins Zimmer, schaute Dede an, die schaute ungläubig ihn an und hörte sofort auf zu jammern, aufgewühlt von diesem unerwarteten Wiedersehen musterten sich die beiden. Unmittelbar darauf erschien Enzo, der einzig Blonde unter den vielen Dunkelhaarigen in sehr hellen Farben und doch düster. Schließlich kam Lila herein."