17 April 2026

Ludwig Uhland: Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter

 Das europäische Mittelalter bildet sich in dem Zusammenstoß und der Verschmelzung des germanisch-heidnischen Lebens mit dem romanisch-christlichen. Der jugendlich-kräftige Germanenstamm zerbricht das morsche Römerreich und gründet auf den Trümmern desselben neue, eigentümliche Staatenbildungen. Aber die Kultur der Besiegten, noch nicht die literarische, sondern die bürgerlich-gesellige, übt rückwirkend ihre Macht auf die Sieger aus. Und eben im Zerfall der alten Welt ist ein neues, geistiges Licht angezündet worden, das Christentum, vor dessen aufglänzendem Strahl die heidnischen Eroberer sich niederwerfen. Die Geisteskräfte nun, welche aus dem Kampf und der Vermittlung jenes weitgreifenden Gegensatzes ein neues Weltalter erschaffen, sind diejenigen, deren vorherrschende Wirksamkeit überall der wissenschaftlichen Bildung, dem Reiche des Gedankens vorangeht, dieselben, welche vorzugsweise das dichterische Vermögen ausmachen, die Kräfte der Phantasie und des Gemüts. Alle größern Erscheinungen des Mittelalters zeigen uns diesen Charakter des Phantastisch-Gemütlichen. Nehmen wir die Kreuzzüge, welche jahrhundertelang die Völker aufgeregt, so werden uns die politischen Triebfedern, welche dabei mitunterliefen, doch nimmer ausreichend bedünken, diese große Bewegung hervorzubringen; selbst die religiösen Antriebe dieser kriegerischen Wallfahrten setzen einen auf das Phantastische gerichteten Glauben voraus.

Indem wir jedoch Phantasie und Empfindung, die wir als dauernde, konstante Seelenstimmung Gemüt nennen, für die auszeichnenden Bestandteile des Dichtervermögens erklärt haben, für diejenigen, wodurch es sich von andern Fähigkeiten und Richtungen des Geistes eigens unterscheidet, so war es keineswegs die Absicht, dem Dichter die Denkkraft abzusprechen oder zu erlassen.
Der Zusammenhang und Fortschritt der Zeiten aber wird uns nicht zu der lieblosen und einbildischen Ansicht der Weltgeschichte verleiten, als wäre je die frühere Periode nur vorhanden gewesen, um die spätere zur Reife zu bringen, so daß gerade nur um unsertwillen, die wir jetzt über dem Boden stehen, alle die gelebt hätten, die darunter liegen. Wir müssen in jedem einzelnen und in jedem Geschlechte der Menschen den Selbstzweck anerkennen;
Das Höchste, was eine Zeit in sich trägt und was sie niemals ganz verwirklicht, ist ihre Ideenwelt: das Mittelalter hat die seinige in der Poesie niedergelegt, nur diese also kann uns seinen innern Gehalt erschließen.
die geschichtliche Auffassung kennt das Werden und das Gewordene, sie unterscheidet das Wesentliche von dem Zufälligen, sie verbindet, was in der Wirklichkeit durch Zeit und Raum getrennt war.
Der erste Abschnitt behandelt das älteste Erbteil der deutschen Poesie, die Heldensage, das Epos, tief im heidnischen Glauben und in der angestammten germanischen Sitte wurzelnd. Der zweite gibt uns in den Heiligensagen und Rittergedichten Erzeugnisse des eingeführten Christenglaubens und seiner Verbindung mit den Begriffen und Angewöhnungen der bekehrten Völker. Der dritte zeigt uns im Minnesang eine Verschmelzung des Naturgefühls und Naturdienstes mit den geistigen Einflüssen des Christentums und den geselligen der romanischen Bildung. Im vierten endlich, unter dem Namen der Lehr- und Zeitgedichte, fassen wir alles das zusammen, was eine unmittelbare praktische Richtung auf das Leben hat: Spruchgedichte, Lehrfabeln, politisch-kirchliche Streitgedichte, Satiren und Schwanke, Sittenschilderungen nach den verschiedenen Ständen und hieran angereiht auch die Lebensverhältnisse der Dichter selbst. Hier werden wir erkennen, wie der Gedanke, die Betrachtung, der gesunde Haus- und Welt- Verstand mitten unter den phantastischen Stimmungen des Mittelalters sein Recht behauptet, wie er mehr und mehr über diese das Übergewicht erlangt hat, und so wird uns dieser letzte Abschnitt den natürlichen Übergang des Mittelalters in die neuere Zeit ausmachen. Aber eben mit dieser Anlage im Größern ist die chronologische Anreihung der einzelnen vorhandenen Werke nicht verträglich. Eine solche literarische Chronologie hat zwar auch ihr besondres Interesse. Sie kann uns zeigen, wie zuerst die Geistlichkeit, der christliche Priesterstand, sich im ausschließlichen Besitze der Schrift befand, so daß alle Schriftwerke von der frühesten Zeit bis in das letzte Viertel des zwölften Jahrhunderts, mit ganz seltener Ausnahme, von Geistlichen verfaßt, daher auch meist geistlichen Inhalts sind oder, sofern ihr Inhalt ein weltlicher ist, die Spur der geistlichen Hand an sich tragen, wie dann um die bemerkte Zeit die Handhabung der Schrift, wenigstens mittels des Diktierens, allmählich auch auf die Laien, den Ritterstand, überging und zuletzt, bei zerfallender Bildung des Adels, der Bürgerstand sich der Literatur bemächtigte. Diesen Gang der literarischen Ausbildung werden wir zwar stets im Auge haben, aber er kann die Anordnung eines Vortrags nicht bestimmen, dem es hauptsächlich um den innern Bestand der Dichtungskreise zu tun ist.
Grundriß zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Zum Gebrauch auf gelehrten Schulen entworfen von Aug. Koberstein, Professor an der Königl. Landesschule zu Pforta. Leipzig 1827.
Es wird sich dann auch zeigen, wie überall die Volkspoesie in dem Maße zurückgewichen, in welchem die literarische Bildung und die mit ihr verbundene Herrschaft dichterischer Persönlichkeit vorgeschritten, und daß dieselbe nur da noch lebe und blühe, wo eine Literatur noch nicht oder nicht mehr vorhanden ist.
Rother. Über dem Westmeere sitzt König Rother in der Stadt zu Bare (Bari in Apulien). Er sendet Boten, die um die Tochter des Königs Konstantin zu Konstantinopel für ihn werben sollen. Als sie hinschiffen wollen, heißt er seine Harfe bringen. Drei Leiche (Spielweisen) schlägt er an; wo sie diese in der Not vernehmen, sollen sie seiner Hilfe sicher sein. Jahr und Tag ist um, die Boten sind nicht zurück. Konstantin, jede Werbung verschmähend, hat sie in einen Kerker geworfen, wo sie nicht Sonne noch Mond sehen, Frost, Nässe und Hunger leiden sie; mit dem Wasser, das unter ihnen schwebt, laben sie sich. Auf einem Steine sitzt Rother drei Tage und drei Nächte, ohne mit jemand zu sprechen, traurigen Herzens seiner Boten gedenkend. Auf den Rat Berthers von Meran, Vaters von sieben der Boten, beschließt er Heerfahrt, sie zu retten oder zu rächen. Das Heer sammelt sich; da sieht man auch den König Asprian, den kein Roß trägt, mit zwölf riesenhaften Mannen daherschreiten; der grimmigste unter ihnen, Widolt mit der Stange, wird wie ein Löwe an der Kette geführt und nur zum Kampfe losgelassen. Bei den Griechen angekommen, läßt Rother sich Dietrich nennen. Er läßt sich vor Konstantin auf die Knie nieder; vom übermächtigen König Rother geächtet, such' er Schutz und biete dafür seinen Dienst an. Konstantin fürchtet sich, die Bitte zu versagen. Durch Pracht und Übermut erregen die Schützlinge Staunen und Furcht. Den zahmen Löwen, der von des Königs Tischen das Brot wegnimmt, wirft Asprian an des Saales Wand, daß er in Stücke fährt. Wie leid es dem König ist, er rührt sich nicht. Rother verschafft sich, nach Berthers Rat, durch reiche Spenden großen Anhang. Da klagt die Königin, daß ihre Tochter dem versagt worden, der solche Männer vertrieben. Die Tochter selbst möchte den Mann sehen, von dem soviel gesprochen wird. Am Pfingstfeste, wo sie mit ihren Jungfrauen zu Hofe kommt, gelingt ihr dieses nicht vor dem Gedräng der Gaffer um die glänzenden Fremdlinge. Als es still in der Kammer, geht ihre Dienerin Herlind, ihn zu ihr zu bescheiden. Er stellt sich scheu, läßt aber seine Goldschmiede eilend zween silberne Schuhe gießen und zween von Golde. Von jedem Paar einen, beide für denselben Fuß, schickt er der Königstochter. Bald kehrt Herlind zurück, den rechten Schuh zu holen und den Helden nochmals zu laden. Jetzt geht er hin mit zween Rittern, setzt sich der Jungfrau zu Füßen und zieht ihr die Goldschuhe an. Währenddessen fragt er sie, welcher von ihren vielen Freiern ihr am besten gefalle. Sie will immer Jungfrau bleiben, wenn ihr nicht Rother werde. Da spricht er: »Deine Füße stehen in Rothers Schoß.« Erschrocken zieht sie den Fuß zurück, den sie in eines Königs Schoß gesetzt. Gleichwohl zweifelt sie noch. Sie zu überzeugen, beruft er sich auf die gefangenen Boten. Darauf erbittet sie von ihrem Vater, als zum Heil ihrer Seele, die Gefangenen baden und kleiden zu dürfen. Des Lichtes ungewohnt, zerschunden und zerschwollen, entsteigen sie dem Kerker. Der graue…
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Schwanhild Nach solcher Tat will Gudrun nicht länger leben, sie nimmt Steine in den Busen und springt in die See; aber starke Wogen heben sie empor und tragen sie zu der Burg des Königs Jonakur. Dieser nimmt sie zur Frau, und ihre Kinder sind Hamdir, Sörli und Erp. Von Sigurd aber hat Gudrun eine Tochter, die Schwanhild heißt, an Schönheit vor andern Frauen ragend wie die Sonne vor andrem Gestirn. Jörmunrek (Ermenrich), ein gewaltiger König, läßt durch seinen Sohn Randver und seinen Ratgeber Bicki (Sibich) um Schwanhild werben. Sie wird den Boten übergeben und zu Schiffe hingeführt. Der Königssohn sitzt bei ihr im Oberraume des Schiffes. Da spricht Bicki zu Randver, ziemlicher wäre für ihn die schöne Frau als für den alten Mann. Als sie aber heimgekommen, sagt er dem König, Randver habe der Braut volle Gunst genossen. Der zürnende König läßt seinen Sohn zum Galgen führen. Randver nimmt einen Habicht, rupft ihm die Federn aus und schickt ihn so dem Vater. Dieser erkennt in dem Vogel ein Zeichen, wie er selbst aller Ehren entkleidet sei, und will den Sohn noch retten. Aber Bicki hat betrieben, daß Randver bereits tot ist. Jetzt reizt er den König gegen Schwanhilden. Sie wird im Burgtore gebunden, von Rossen soll sie zertreten werden. Als sie aber die Augen aufschlägt, wagen die Rosse nicht, auf sie zu treten. Da läßt Bicki ihr das Haupt verhüllen, und so verliert sie das Leben. Gudruns Söhne Gudrun mahnt ihre Söhne, die Schwester zu rächen. Hamdir und Sörli ziehen aus, wohl gewappnet, daß kein Eisen durchdringt; aber zumeist vor Steinen heißt die Mutter sie auf der Hut sein. Auf dem Wege finden sie ihren Bruder Erp und fragen: wie er ihnen helfen werde? Er antwortet: Wie die Hand der Hand oder der Fuß dem Fuße. Unzufrieden damit, erschlagen sie den Bruder. Bald aber strauchelt Hamdir und stützt die Hände unter, Sörli gleitet mit dem einen Fuß und wäre gefallen, hätt' er sich nicht auf beide gestützt; da gestehen sie, daß sie übel an ihrem Bruder getan. Sie gehen vor König Jörmunrek und fallen ihn an. Hamdir haut ihm beide Hände ab, Sörli beide Füße. Ab müßte nun das Haupt, wenn Erp lebte. Nun dringen die Männer auf sie ein, sie aber wehren sich tapfer. Kein Eisen haftet auf ihnen, da rät ein alter, einäugiger Mann, sie mit Steinen zu werfen. So werden sie getötet. Aslög Aslög, Sigurds Tochter von Brünhild, ist drei Winter alt, als ihre Eltern sterben. Heimer, ihr Pflegvater, fürchtet, daß man sie suchen werde, um das ganze Geschlecht zu vertilgen. Er verbirgt das Mägdlein samt manchen Kleinoden in einer Harfe und trägt es so von dannen. Wenn es weint, schlägt er die Harfe und schweigt es damit. In Norwegen kehrt er in einem kleinen Gehöft ein, wo ein alter Bauer mit seinem Weibe wohnt. Der Mann ist im Walde; das Weib zündet dem Wandrer ein Feuer an, und als er die Harfe neben sich niedersetzt, bemerkt sie den Zipfel eines kostbaren Kleides, der aus der Harfe hervorsteht; als Heimer sich am Feuer wärmt, sieht sie einen Goldring unter seinem…
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Unter den Königen unseres Sagenkreises erscheinen mehrere als Beherrscher ausgebreiteter Reiche.
Die Liebe, die Phantasie der Dichtung zeigt uns jugendliche Edelinge an der Spitze ihrer Gefolgschaften.
Von Odin abstammend, haben die Wölsunge Sicherheit vor Gift (Grimm, Edd. 126), ungemessene Stärke und den durchdringenden Glanz der Augen; Helgi verkleidet sich vor seinen Feinden als Magd und treibt die Handmühle, aber die Steine brechen, die Mühle zerspringt und die scharfen Augen verraten edle Art (Grimm, Edd. 91). Swanhilde schlägt die Augen auf, und die Rosse, die sie zertreten sollen, scheuen zurück, bis ihr Haupt verhüllt wird (Vols. S. Kap. 49, S. 201). Der Augenglanz, als königliches Abzeichen, spielt auch sonst in den Sagen des Nordens. Regner und Thorald, schwedische Königssöhne, sind durch den Haß ihrer Stiefmutter gezwungen, nachts die Herde zu hüten, und werden von Gespenstern umschwärmt; da naht ihnen Swanhwita (die schwanweiße Walküre) und obgleich Regner sich für einen Knecht des Königs ausgibt, erkennt sie am leuchtenden Auge seinen Ursprung und reicht ihm als Brautgeschenk ein Schwert zum Kampfe mit den nächtlichen Unholden.
Sie kämpft hierauf selbst die Nacht hindurch gegen die Ungetüme und erlegt sie, unter ihnen die Stiefmutter Thorilde. Sie heiratet Regner, erscheint in einer Seeschlacht und stirbt aus Trauer über Regners Tod. Das Ganze, ursprünglich in Liedern, erinnert durchaus an die Verhältnisse von Helgi und Swawa, Helgi und Sigrun: Erwecken des Jünglings durch die leuchtende Walküre, Schwertgabe, Verlobung, nächtlicher Schutz vor Zauberweibern, Tod aus Kummer und Sehnsucht. Svanhvit ist auch eine der Walküren, welche Schwanenfittiche trägt, im Wölundsliede zugenannt. (Grimm, Edd. 2. 4. 6. Edda III, 246 f.) Müller, Sagnhist. weiß nichts Näheres über die Sage. Olo, von königlicher Abkunft, sitzt in Bauernkleidung zu unterst im Saale eines wermischen Königs, dessen Tochter durch Kampf vor übermütiger Werbung gerettet werden soll. Die Jungfrau läßt forschend den Schein des Lichtes auf des Fremden Antlitz fallen, als sie plötzlich, von der Schärfe seiner Augen getroffen, zu Boden sinkt. Sie hat in ihm einen Abkömmling von Königen erkannt, durch den sie Rettung hofft. Der Gast wirft die Verhüllung ab, glänzende Locken rollen von seinem Scheitel, aber die schreckenden Augensterne deckt er mit den Wimpern. Denselben Olo, später Dänenkönig, will Starkather im Bad erstechen, aber der vielversuchte Kämpe schrickt zurück vor dem Augenfunkel des Wehrlosen.
Die Wunder des Ursprungs setzen sich fort in den Schicksalen der ersten Kindheit, welche unsern Helden mit denen vieler Völker gemein sind. Wolfdietrich hat kaum das Licht erblickt, als der Wolf ihn zu seinen Jungen in die Höhle trägt, die jedoch, nicht klüger als das Kind, ihm keines Leides tun. [Fußnote: Wolfd. 37d: Der wölff witz und des kindes waren geleich gestalt.] Nach der andern Erzählung wird er am Waldbrunnen den wilden Tieren ausgesetzt, von den Wölfen aber nicht beschädigt, sondern gehütet. [Fußnote: Kasp. v. d. R. Wolfd. 40: Die wolf sasen geringe vnd hüten des kindes wol.] Der neugeborne Siegfried wird, nach der Wilkinensage (Kap. 139, II, 20; Kap. 142, II, 23 f.), bei dem Tode seiner verfolgten Mutter, dadurch gerettet, daß er, in ein gläsernes Gefäß verschlossen, in die See treibt; dann säugt eine Hindin ihn zwölf Monden lang, daß er so groß und stark wird, als andre Knaben vier Winter alt. Derlei Sagen können in mehrfacher Bedeutung aufgefaßt werden: als Beweis, daß der Göttersohn im Schütze höherer Macht gestanden, als Erklärung der gewaltigen Körperkraft des von Waldtieren großgesäugten Wunderkindes, besonders aber als Verherrlichung des Helden, der aus dem Zustande der Verwerfung und tiefsten Erniedrigung um so glänzender in der Kraft und Schönheit seiner erhabenern Natur hervorgeht. Gleichwie die altdeutsche Poesie in der Darstellung der Natur den Frühling liebt, so denkt sie ihre Heldenkönige sich überall in der Blüte jugendlicher Schönheit, Diese Voraussetzung findet durchaus statt, sie ist, wenn auch ausgeführte Gemälde nicht leicht vorkommen, schon in der allgemeinen Farbe der epischen Bezeichnungen angedeutet, die Schönheit ist überhaupt weniger beschrieben, als in Handlung gesetzt, und erscheint oft überraschend in lichten Punkten der Geschichte. Hugdietrich kann sich wohl als Jungfrau verkleiden, denn sein Antlitz ist rosenfarb, gelbe Locken schwingen sich ihm über die Hüfte nieder, und als er in Frauengewand zur Kirche geht, fragen die Leute, wer die Minnigliche sei. Soviel schöne Jungfrauen an Helkens Hofe sind, doch wird der junge Dietleib noch schöner gefunden; goldfarbe, magdliche Haare hängen ihm über die Schwertfessel herab, mit denen er sich vor Regen decken kann, wie ein Falke mit den Fittichen.
Jener innern Verhüllung entspricht der gedrückte Zustand, darein der Jüngling gewöhnlich versetzt ist, wie dort die Königssöhne als Hirtenknaben dienen. Der Heldengeist scheint einem besonderen Gesetze der Entwicklung zu folgen; erst wenn der urkräftige Stamm in die Höhe geschossen, breitet er die Äste aus; zur gewöhnlichen Tätigkeit ungeschickt, bleibt die dämonische Kraft für übermenschliche Werke aufgespart. Wir beschränken uns auf Beispiele des heimischen Sagenkreises. Die Wilkinensage berichtet, abweichend vom Gedichte, wie Dietleib bis in die Jünglingsjahre blöd und verachtet am Feuerherd in der Asche gelegen. Auf einmal, als sein Vater zum Feste reiten will, erhebt er sich, schüttelt die Asche ab, richtet die verwirrten Haare, verlangt Roß und Waffen, deren Gebrauch er wohl beachtet hat, und vollbringt auf dieser ersten Ausfahrt gewaltige Taten (Wilk. S. Kap. 91–4).

16 April 2026

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Marie als Farmerin in Afrika

 In der Fortsetzung der "Familie Pfäffling" ("Werden und Wachsen") bin ich zunächst einfach der Handlung gefolgt, doch die Art, wie sich die deutsche Familie dort in der fremden Umgebung (Deutsch-Südwestafrika) zu bewähren versucht, war mir etwas fremd.

Heute würde ich sie mit der Art, wie in gutefrage.net über die "Almans" gesprochen wird, vergleichen. Die Verunsicherung, die Migranten in einer anderen kulturellen Umgebung erfahren, drückt sich da nicht selten dadurch aus, dass die Almans als eine Art Mangelwesen angesehen werden. Wer sich in fremder Umgebung behaupten will, tendiert vielleicht dazu, um seiner eigenen Verunsicherung zu begegnen.
Agnes Sapper war meiner Kenntnis nach nie in Afrika.

Kapitel 13: Marie als Farmerin in Afrika

"[...] Es war Maries Ehrgeiz, daß alles in guter Ordnung bleibe während ihrer Alleinherrschaft. Zuerst scheute sie sich wohl, den Arbeitern nachzugehen und sich die Aufsicht anzumaßen. Da kam ihr in den Sinn, ihr Söhnlein auf den Arm zu nehmen und so die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Der Kleine war für die Schwarzen ein Wunderkind. Große Weiße, Männer und Frauen, hatten sie alle schon gesehen, aber daß auch das Wochenkind schon so weiß und rosig war, das erregte ihr Staunen. Wenn nun Marie, mit dem Kind auf dem Arm, kam und sagte, der kleine Sohn sehe nach, ob seines Vaters Arbeit gut getan würde, so nahmen sie das nicht als Scherz auf. Wer konnte genau wissen, was für geheimnisvolle Kräfte so ein kleiner Weißer in sich barg?

Unter den Schwarzen, die den Garten besorgten, war einer, der immer mit dem freundlichsten Grinsen und besonderer Bewunderung nach dem Kindlein sah. Er hatte auch, wenn der Korbwagen mit dem Kleinen im Garten stand, beständig ein Auge darauf, kein Insekt durfte ihn plagen, keine Schlange konnte unbemerkt um den Wagen schleichen. Als er so einmal bewundernd dabei stand und Marie das Bettchen aufschütteln wollte, bot sie dem Schwarzen das Kind zum Halten hin. Er nahm behutsam und mit sichtlichem Stolz das weiße Bündelchen in seine schwarzen Arme und dann rannte er plötzlich damit davon. Marie stand sprachlos. Böses konnte sie ihm nicht zutrauen, aber was hatte er vor mit ihrem Kinde? Sie folgte dem behend Dahinspringenden, sah ihn mit dem Kind den Hütten der Eingeborenen zueilen und in seinem Pontok [ein in Namibia verbreiteter Haustyp] verschwinden. Nun war ihr doch angst, sie lief so schnell sie konnte. Als sie in die Hütte trat, war der Mann mit dem Kind der Mittelpunkt eines bewundernden Kreises, alle Familienglieder, der alte Vater, die Brüder und ihre Weiber standen um ihn herum, und deutlich war zu erkennen, wie stolz sich der Schwarze fühlte, daß die junge Frau ihm dies kostbare Gut anvertraut hatte. Er ließ es auch nicht aus den Händen, die andern durften den kleinen Gast nicht berühren.

Dieser Anblick machte die junge Mutter glücklich und stolz, wenn es gleich nur Schwarze waren, die den Kreis der Verehrer bildeten; unvermittelt und erheiternd kam ihr der Gedanke, was für Augen die getreue Walburg machen würde, wenn sie diesen kleinen Pfäfflingsenkel so umgeben sähe von halbnackten Wilden? Sorglich wurde nun das Kind wieder in den Korbwagen zurückgetragen. Freilich war aus diesem inzwischen ein Spitzentüchlein gestohlen worden, aber gegen solche Vorkommnisse war Marie schon abgehärtet, das kleine Kindermädchen mochte es genommen haben, die konnte das Stehlen nicht lassen, aber sie gab alles wieder her, wenn ihr der Gärtner nur mit der Peitsche drohte. [...]"


Anders als in "Die Familie Pfäffling" übernimmt es Sapper in "Werden und Wachsen" eine ihr fremde Welt darzustellen. 

Man kann sich an manchen Formulierungen stoßen: "wenn es gleich nur Schwarze waren", umgeben "von halbnackten Wilden", "die konnte das Stehlen nicht lassen, aber sie gab alles wieder her, wenn ihr der Gärtner nur mit der Peitsche drohte".

Andererseits ist erkennbar, dass sie mit diesen Formulierungen die Vorstellungen ihrer Zeit aufgreift, aber vorführen will, dass die Angst, bestohlen zu werden, sich zwar nahe legt, aber auch unbegründet sein kann.

Wenn sie formuliert "Wenn nun Marie, mit dem Kind auf dem Arm, kam und sagte, der kleine Sohn sehe nach, ob seines Vaters Arbeit gut getan würde, so nahmen sie das nicht als Scherz auf. Wer konnte genau wissen, was für geheimnisvolle Kräfte so ein kleiner Weißer in sich barg?" unterstellt sie nur den Schwarzen das, was Kipling als Weißer dem im Dschungel aufgewachsenen Menschen Mogli im Dschungelbuch zuschreibt:  dass "so ein kleiner [Mensch] geheimnisvolle Kräfte" hat, so dass er die Sprache aller Tiere beherrscht. 

Freilich, dass sie die Bedrohung mit der Peitsche als normal unterstellt, passt nicht in unsere Zeit. Es befremdet zu recht. Doch Sapper gesteht hier  der ihr unbekannten Gesellschaft eine ihr eigene Wertvorstellung zu.

Zum vollständigen Text von Werden und Wachsen.

 Werden und Wachsen (erschienen 1910) ist der Fortsetzungsband zu Agnes Sappers wohl berühmtestem Werk Die Familie Pfäffling. Während der erste Teil den Fokus auf die Kindheit der sieben Geschwister und das turbulente, liebevolle Familienleben legt, begleitet dieses Buch das „Großwerden“ der Kinder.

1. Inhalt und Handlung

Der Roman schildert den Übergang der Pfäffling-Kinder vom Jugendalter in das Berufsleben und die Selbstständigkeit. Sapper führt die Leser durch die verschiedenen Lebenswege der Geschwister, die nun mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert sind:

  • Berufliche Ausbildung: Es geht um das Finden einer „tüchtigen“ Tätigkeit. Besonders modern für die damalige Zeit war Sappers Einstellung zur Ausbildung von Mädchen. Sie vertrat die Ansicht, dass auch junge Frauen eine solide Ausbildung brauchen, um unabhängig von einer späteren Heirat ein wertvolles Leben zu führen.

  • Charakterbildung: Wie der Titel schon sagt, liegt der Fokus auf dem inneren Wachstum. Die Protagonisten müssen lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, Rückschläge zu verkraften und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

  • Einzelschicksale: Das Buch ist episodisch aufgebaut. Es werden Geschichten erzählt wie „Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde“ oder „Mutter und Tochter“, die jeweils eine spezifische moralische oder lebenspraktische Lektion enthalten.

2. Zentrale Themen und Werte

Agnes Sappers Werk ist stark geprägt von den bürgerlichen und christlichen Werten des frühen 20. Jahrhunderts:

  • Arbeitsethos: Arbeit wird als Quelle von Zufriedenheit und Selbstwertgefühl dargestellt.

  • Gehorsam und Liebe: Anders als die oft autoritäre Pädagogik der Kaiserzeit (der „Rohrstock“), plädierte Sapper für eine Erziehung durch Liebe und Einsicht.

  • Gottvertrauen: Eine unaufdringliche, aber stete religiöse Grundstimmung zieht sich durch die Erzählungen.

3. Literarische Einordnung

  • Stil: Sapper schreibt schlicht, klar und verzichtet auf komplexe psychologische Analysen. Das machte ihre Bücher besonders bei jungen Lesern und Familien extrem populär.

  • Bedeutung: Zusammen mit dem Vorband gehörte Werden und Wachsen jahrzehntelang zum Standardrepertoire deutscher Kinder- und Jugendliteratur. Es bietet heute einen faszinierenden (wenn auch idealisierten) Einblick in das bürgerliche Familienideal der Wilhelminischen Ära.

4. Ein Zitat als Leitmotiv

Ein bekannter Satz aus dem Buch illustriert Sappers damals fortschrittliche Sicht auf die Rolle der Frau:

„Wenn ein Mädchen (…) fest in seiner Arbeit steht mit dem Gedanken: kommt das Liebesglück, so ist’s gut, kommt es nicht, so ist mein Leben doch von Wert, so bleibt es fröhlich, geht sicher seinen Weg und wird dadurch nur liebenswerter.“


15 April 2026

Agnes Sapper: Die Familie Pfäffling

Das Buch hat einen starken pädagogischen Impetus, aber als Kind und später als Jugendlicher habe daran nie Anstoß genommen. 
In der Wikipedia heißt es über sie und ihre Wirkung:
"Während Meyers Lexikon 1927 von Sappers „gesunder sittlicher Weltanschauung“ sprach[7], ließ der Kinderbuchautor James Krüss 1992 kaum ein gutes Haar an der Bestsellerautorin. Sie sei puritanisch, ordnungsliebend, staatstragend, im Krieg auch chauvinistisch. Dorothea Keuler schwächte ab: „Kinderbuchexperten von heute würdigen ihre Sensibilität für soziale Probleme, ihr einfühlendes Verständnis für das, was in einer Kinderpsyche vorgeht. Eine Anwältin des Kindes ist sie bei aller Liebe dennoch nicht. Ihre Erzählungen stärken die Autorität der Eltern. Auf kindliche Bedürfnisse und Erfahrungen eingehend, bringt sie ihren Lesern den Elternstandpunkt nahe. Die Parteinahme fürs Kind ist nachfolgenden Autorengenerationen vorbehalten. Doch anders als die wilhelminische Rohrstockpädagogik will Agnes Sapper Gehorsam aus Einsicht und aus Liebe erreichen. All die kleinen und größeren Alltagskrisen werden mit einem Maximum an gutem Willen von Seiten aller Beteiligten gelöst.“[2]"
 Die folgenden Textausschnitte sind so gewählt, dass sich ein pädagogisches Problem andeutet und man sich überlegen kann, wie Sapper es behandeln wird. Hier das Link zur Textfassung bei Projekt-Gutenberg.org
1. Kapitel
Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in die äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die Infanteriekaserne, sehen den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz. Aber vor diesem, etwas zurück von der Straße, steht noch ein letztes Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem Schreiner Hartwig, bei dem der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie in Miete wohnt. [...]
8. Kapitel

Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute ist Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an keinem anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht und gern aus den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so dienstfertig und hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch der Mutter helfen aus Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um 6 Uhr mit der Bescherung fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob gerne eines der Kinder dem andern die Pflicht zu, aufzumachen, wenn geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um die Wette, wenn die Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas Besonderes erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der treuen Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht hätte.

Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der etwas holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus dem Nebenhaus, die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die allerlei zurechtgelegt war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber damit war Frau Pfäffling nicht einverstanden. »Marianne,« sagte sie, »führt ihr die Kleinen in euer Stübchen und spielt ein wenig mit ihnen, bis ich sie wieder hole.« Als die Kinder weg waren, sagte Frau Pfäffling: »Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst sehen sie ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?« »Ach,« entgegnete die Frau, »darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder nehmen es, wenn sie's kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken will, sie kommen doch dahinter und dann betteln sie und lassen einem keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut. Bis Weihnachten kommt, ist auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa Gutes für sie bekommen hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen Leuten, aber bei uns war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend.« [... ]

11. Kapitel

Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte täglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß des russischen Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So mußte die russische Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle.

Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar zu sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich handelte und sagte: »Der General hat vor seiner Abreise alle geschäftlichen Angelegenheiten aufs pünktlichste geregelt und großmütig jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so werden auch sie ihn kennen gelernt haben.«

»Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt, seine Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie das Honorar überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern würden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, daß es von Berlin aus geschehen werde?«

»Nein, nein, nein,« erwiderte lebhaft Herr Meier. »Man reist nicht ab, ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die Rede, das haben die Söhne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das Geld ist in den Händen der jungen Herrn hängen geblieben, das geht aus allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie sind etwas leichtsinnig, die Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die Abreise sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die Eltern schon über der russischen Grenze wären. [...]"

14. Kapitel

Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.

Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des Elternhauses entfremdet würde. [...]


In der Fortsetzung der "Familie Pfäffling" ("Werden und Wachsen") bin ich zunächst einfach der Handlung gefolgt, doch die Art, wie sich die deutsche Familie dort in der fremden Umgebung (Deutsch-Südwestafrika) zu bewähren versucht, war mir etwas fremd.
Heute würde ich sie mit der Art, wie in gutefrage.net über die "Almans" gesprochen wird, vergleichen. Die Verunsicherung, die Migranten in einer anderen kulturellen Umgebung erfahren, drückt sich da nicht selten dadurch aus, dass die Almans als eine Art Mangelwesen angesehen werden. Wer sich in fremder Umgebung behaupten will, tendiert vielleicht dazu, um seiner eigenen Verunsicherung zu begegnen.
Agnes Sapper war meiner Kenntnis nie in Afrika.
 


14 April 2026

Gullivers Reisen

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Irland. 368 Seiten. ISBN: 9783739010847. 15,99 EUR.

Einleitung

Die Geschichte von »Gullivers Reisen«, einem der berühmtesten unter den ganz grossen Büchern der Weltliteratur, ist die Geschichte einer Reihe von Verstümmelungen, angefangen von der ersten Ausgabe des Jahres 1726.

Mit andern Worten: der eigentliche Text, den Swift schrieb, ist bis zum Jahre 1905 niemals wortgetreu erschienen.

Jener berühmte »Brief des Kapitäns Gulliver an seinen Vetter Sympson«, den man lange Zeit als eine jener Mystifikationen ansah, die Swift so sehr liebte, ist, soviel steht heute fest, getragen von einer wirklichen, ehrlichen Entrüstung gegen den »Interpolatoren«, der den ersten Druck besorgte. Auslassungen, Änderungen und Einschiebsel: gleich in der editio princeps blieb dem Werk nichts davon erspart. Und dieses Beispiel scheint ein schlimmes Omen für die folgenden Jahrhunderte geworden zu sein. – [...]


Der Reisen vierter Teil.

Eine Reise ins Land der Houyhnhnms.

Tafel VI




Kapitel I  (29)

Der Verfasser bricht als Kapitän eines Schiffes auf. Seine Leute verschwören sich wider ihn und sperren ihn lange Zeit in seiner Kabine ein; sie setzen ihn an einer unbekannten Küste ans Land. Er reist landeinwärts. Schilderung der Yahoos, einer wunderlichen Art Tiere. Der Verfasser begegnet zwei Houyhnhnms.

Ich blieb etwa fünf Monate lang bei meinem Weibe und meinen Kindern zu Hause, und ich wäre sehr glücklich gewesen, wenn ich hätte lernen können, zu wissen, wann mir wohl war. Ich liess mein armes Weib schwanger zurück und nahm ein günstiges Gebot an, das mich zum Kapitän des Adventurers machte, eines stattlichen Kauffahrers von dreihundertfünfzig Tons. [...]


Kapitel XII (40)

Von des Verfassers Wahrheitsliebe. Seine Absicht bei der Veröffentlichung dieses Werkes. Tadel jener Reisenden, die von der Wahrheit abweichen. Der Verfasser erklärt, dass er keinerlei schlimme Ziele verfolgte, als er schrieb. Wiederlegung eines Einwandes. Die Methode der Gründung von Kolonien. Lob seiner Heimat. Das Recht der Krone an die vom Verfasser geschilderten Länder wird anerkannt. Die Schwierigkeiten einer Eroberung. Der Verfasser nimmt zum letztenmal Abschied von seinem Leser; er legt die Lebensweise dar, die er in Zukunft beobachten wird, erteilt einen guten Rat und schliesst.

So also, freundlicher Leser, habe ich dir eine treue Geschichte meiner Reisen während einer Zeit von mehr als sechzehn Jahren und sieben Monaten gegeben; ich habe mich darin nicht so sehr des Zierrats der Rede befleissigt wie der Wahrhaftigkeit. Ich hätte dich vielleicht auch wie andre mit wunderbaren, unwahrscheinlichen Märchen erstaunen können; aber ich habe es vorgezogen, dir in der einfachsten Weise und Manier reine Tatsachen zu berichten; denn es war vor allem meine Absicht, dich zu unterrichten, nicht dich zu amüsieren.

Es ist leicht für uns, die wir in ferne Länder reisen, wie sie von Engländern und andern Europäern selten besucht werden, Schilderungen von wunderbaren See- und Landtieren zu entwerfen. Doch sollte es das Hauptziel jedes Reisenden sein, die Menschen weiser und besser zu machen und ihre Seelen zu fördern durch die guten wie die schlimmen Beispiele dessen, was sie über fremde Länder berichten.

Ich könnte von Herzen wünschen, es würde ein Gesetz erlassen, dass jeder Reisende, ehe man ihm erlaubte, seine Reiseschilderungen zu veröffentlichen, vor dem Lord Kanzler beschwören müsste, dass alles, was er drucken zu lassen gedenke, nach seinem besten Wissen unbedingt wahr sei; denn dann würde die Welt nicht mehr betrogen werden, wie sie es in der Regel wird, solange manche Schriftsteller, um ihren Werken beim Publikum leichtern Eingang zu verschaffen, dem arglosen Leser die gröbsten Lügen aufbinden. Ich habe in meiner Jugend mit grossem Vergnügen viele Reisebücher gelesen; doch da ich inzwischen die meisten Teile des Erdballs durchfahren habe und imstande war, vielen fabelhaften Berichten aus eigner Kenntnis zu widersprechen, so hat mich ein grosser Abscheu vor dieser Art Lektüre gepackt, und auch einige Entrüstung, wenn ich sehn musste, dass die Leichtgläubigkeit der Menschheit so schamlos missbraucht wird. Da es meinen Bekannten beliebte, zu glauben, meine armen Bemühungen möchten meinem Lande nicht jeden Beifalls unwert erscheinen, so habe ich es mir zum Grundsatz gemacht, von dem ich nie abweichen dürfte, mich streng an die Wahrheit zu halten. Auch kommt mich nicht die geringste Versuchung an, ihr zu widersprechen, solange ich die Lehren und Beispiele meines edlen Herrn und der andern erlauchten Houyhnhnms vor Augen habe, deren demütiger Zuhörer ich so lange zu sein die Ehre hatte.

. . . Nec si miserum fortuna Simonem

Finxit, vanum etiam, mendacemque improba finget.

Ich weiss sehr wohl, wie wenig Ruhm durch Schriften zu erwerben ist, die weder Genie, noch Gelehrsamkeit, noch irgend welche andern Talente verlangen, es sei denn ein gutes Gedächtnis oder ein genaues Tagebuch. Ich weiss auch, dass Reiseschilderer gleich den Verfassern von Wörterbüchern durch das Gewicht und die Masse derer, die nach ihnen kommen und also zu oberst liegen, in Vergessenheit versenkt werden. Und es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, dass die, die nach mir die in diesem, meinem Werk geschilderten Länder besuchen, dadurch, dass sie meine Irrtümer entdecken (wenn ihrer vorhanden sind) und viele neue eigne Entdeckungen hinzufügen, mich bei Seite stossen und an meine Stelle treten werden, so dass die Welt vergisst, ob ich je etwas geschrieben habe. Das wäre in der Tat eine grosse Demütigung, wenn ich um des Ruhmes wegen schriebe; da aber mein einziges Ziel das ALLGEMEINE WOHL war, so kann ich nicht völlig enttäuscht werden. Denn wer kann von den Tugenden lesen, die ich bei den glorreichen Houyhnhnms geschildert habe, ohne sich seiner eignen Laster zu schämen, wenn er sich als das vernünftige, herrschende Tier in seinem Lande betrachtet. Ich will nichts von jenen entlegenen Nationen sagen, in denen gleichfalls Yahoos herrschen; unter ihnen sind die am wenigsten verderbten die Brobdingnagianer, deren weise Grundsätze in der Moral und der Regierung zu beobachten für uns schon ein Glück wäre. Aber ich enthalte mich weiterer Ausführungen und überlasse lieber den verständigen Leser seinen eignen Anmerkungen und Schlussfolgerungen.

Es freut mich nicht wenig, dass dieses mein Werk unmöglich Tadler finden kann; denn welche Einwände kann man gegen einen Schriftsteller erheben, der nichts berichtet, als einfache klare Tatsachen, wie sie in jenen fernen Ländern vorfielen, in denen wir nicht die geringsten kommerziellen oder diplomatischen Interessen haben. Ich habe mit Sorgfalt jeden Fehler vermieden, den man den meisten Reiseschriftstellern in der Regel mit nur zu viel Recht vorwirft. Ausserdem kümmere ich mich nicht im geringsten um irgend eine Partei, sondern schreibe ohne Leidenschaft, Vorurteil oder Übelwollen gegen jeden Einzelnen und jede Gruppe von Menschen. Ich schreibe zum edelsten Zweck, um die Menschheit zu unterrichten und zu belehren; und ich kann wohl ohne ein Verbrechen gegen die Bescheidenheit, auf einige Überlegenheit ihr gegenüber Anspruch machen, da ich soviel vor ihr voraus habe durch den langen Verkehr unter den gebildetsten Houyhnhnms. Ich schreibe ohne jedes Streben nach Gewinn oder Beifall. Ich lasse nie ein Wort stehn, das wie eine Unehrerbietigkeit aussehn oder den geringsten Anstoss erregen könnte, selbst bei denen, die am leichtesten Anstoss nehmen. Deshalb hoffe ich, dass ich mich mit Recht als Schriftsteller völlig tadelfrei nennen kann, und dass die Scharen der Erwiderer, der Verfasser von Anmerkungen, Beobachtungen, Gedanken, Enthüllungen und Notizen nie imstande sein werden, bei mir Stoff für die Übung ihrer Talente zu finden.

Ich gestehe, man hat mir angedeutet, ich sei als englischer Untertan verpflichtet gewesen, bei einem Staatssekretär gleich nach meiner Heimkehr eine Denkschrift einzureichen, denn alle Länder, die ein Untertan entdecke, gehören der Krone. Doch ich zweifle, ob uns der Sieg über die fraglichen Länder so leicht geworden wäre, wie der über die nackten Amerikaner Fernando Cortez wurde. Die Lilliputaner, scheint mir, verlohnen es kaum, dass man eine Flotte und ein Heer entsendet, um sie zu bezwingen; und ich zweifle sehr, ob es klug oder geraten wäre, es bei den Brobdingnagianern zu versuchen; auch würde sich eine englische Armee kaum sehr wohl fühlen, wenn sie die Fliegende Insel über dem Kopf hätte. Die Houyhnhnms freilich scheinen für den Krieg nicht so gut gerüstet zu sein, denn diese Wissenschaft ist ihnen völlig fremd, zumal wenn sie Schusswaffen gegenüber stehn. Aber wenn ich Staatsminister wäre, so würde ich nie dazu raten, einen Einfall in ihr Land zu unternehmen. Ihre Klugheit, Einigkeit, Furchtlosigkeit und Heimatsliebe würde vollen Ersatz für alle Mängel in der Kriegskunst bieten. Man stelle sich vor, wie zwanzigtausend von ihnen mitten unter ein europäisches Heer sprengen, die Reihen in Verwirrung bringen, die Wagen umstürzen und die Gesichter der Krieger durch furchtbare Schläge mit den Hinterhufen zu Brei zerschlagen! Denn sie würden den Ruf gar wohl verdienen, den man Augustus beilegte: »Recalcitrat undique tutus«. Doch statt Vorschläge zu machen, wie man jene grossherzige Nation erobern könnte, wollte ich lieber, sie wären imstande oder geneigt, eine genügende Anzahl ihrer Einwohner herüberzuschicken und Europa zu zivilisieren, indem sie uns die Grundprinzipien der Ehre, der Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit, der Mässigung, des Gemeinsinns, der Seelengrösse, der Keuschheit, der Freundschaft, des Wohlwollens und der Treue lehrten. Die Namen all dieser Tugenden sind freilich bei uns in den meisten Sprachen noch erhalten, und man findet sie sowohl bei den modernen wie den alten Autoren; das kann ich aus eigner Lektüre versichern.

Aber ich hatte noch einen Grund, der mich weniger bereit machte, Seiner Majestät Besitzungen durch meine Entdeckungen zu erweitern. Die Wahrheit zu sagen, so waren mir ein paar Zweifel inbetreff der Gerechtigkeit gekommen, die die Fürsten bei solchen Gelegenheiten walten lassen. Zum Beispiel: durch einen Sturm wird eine Piratenbande irgendwohin getrieben, sie wissen selbst nicht, wohin; schliesslich entdeckt ein Schiffsjunge vom Mastkorb aus eine Küste; sie gehn an Land, um zu rauben und zu plündern; sie finden ein harmloses Volk, werden freundlich bewirtet, geben dem Lande einen neuen Namen, ergreifen für ihren König förmlich Besitz von ihm, errichten als Gedenkzeichen eine verfaulte Planke oder einen Stein, ermorden zwei oder drei Dutzend der Eingeborenen, nehmen als Probe ein weiteres Paar gewaltsam mit, kehren nach Hause zurück und erhalten Pardon. Hier beginnt nun ein neues Kolonialreich, das erworben ist auf Grund des Anspruchs »göttlichen Rechtes«. Bei erster Gelegenheit werden Schiffe hingeschickt, die Eingeborenen werden vertrieben oder ausgerottet, ihre Fürsten gefoltert, damit sie ihr Gold preisgeben; allen Taten der Unmenschlichkeit und der Gier wird ein Freibrief ausgestellt, die Erde dampft vom Blute ihrer Bewohner; und diese abscheuliche Schlächterbande, die zu einer so frommen Expedition ausgeschickt wurde, ist »eine moderne Kolonie«, ausgesandt, um ein barbarisches und götzendienerisches Volk zu bekehren und zu zivilisieren.

Aber diese Schilderung, das gebe ich zu, trifft keineswegs die britische Nation, die der ganzen Welt wegen der Weisheit, Sorgfalt und Gerechtigkeit, mit der sie Kolonien gründet, als Beispiel dienen kann; freigebig stiftet sie grosse Summen für die Förderung der Religion und Gelehrsamkeit; sie wählt die frömmsten und tüchtigsten Pastoren aus, um das Christentum zu verbreiten; vorsichtig versieht sie ihre Kolonien von diesem Vaterkönigreich aus mit Leuten von nüchternem Leben und Verkehr; streng achtet sie auf die Gerechtigkeit, indem sie die Zivilverwaltung in all ihren Kolonien mit Beamten von höchsten Talenten versorgt, denen die Korruption vollkommen fremd ist; und um all das zu krönen, entsendet sie die wachsamsten und tugendhaftesten Statthalter, die nichts andres im Auge haben, als das Glück des Volks, das sie regieren sollen, und die Ehre ihres Herrn, des Königs.

Da aber diese Länder, die ich geschildert habe, offenbar gar kein Verlangen danach tragen, erobert oder in die Sklaverei geführt, ermordet oder durch Kolonisten vertrieben zu werden, und da sie ferner weder an Gold noch an Silber, an Zucker noch Taback irgendwie reich sind, so dachte ich mir in aller Demut, dass sie kein geeigneter Gegenstand für unsern Eifer, unsre Tapferkeit oder unser Interesse sein könnten. Sollten aber jene, die es näher angeht, für gut befinden, andrer Meinung zu sein, so bin ich bereit, wenn man mich gesetzmässig dazu auffordert, zu versichern, dass vor mir noch kein Europäer je diese Länder besucht hat. Ich meine natürlich, wenn man den Eingeborenen glauben kann; höchstens könnte sich in betreff der beiden Yahoos, die vor vielen Generationen im Lande der Houyhnhnms auf einem Berge gesehn sein sollen, ein Streit erheben.

Was aber die Formalität der Besitzergreifung im Namen meines Herrschers angeht, so ist sie mir nie in den Sinn gekommen; und hätte sie das getan, so würde ich sie vielleicht, wie damals die Dinge für mich lagen, aus Klugheit und Selbsterhaltungstrieb auf eine bessere Gelegenheit verschoben haben.

Nachdem ich so auf den einzigen Einwand geantwortet habe, der je gegen mich als Reisenden erhoben werden kann, nehme ich hiermit Abschied von all meinen höflichen Lesern; und ich werde jetzt wieder in meinem kleinen Garten zu Redriff meine eignen Spekulationen verfolgen und jene ausgezeichneten Lehren in der Tugend zu verwirklichen suchen, die ich unter den Houyhnhnms gelernt habe; ich werde die Yahoos meiner eignen Familie unterrichten, so weit ich in ihnen gelehrige Tiere finden werde, und mir meine eigne Gestalt oft im Spiegel besehn, um mich, wenn möglich, mit der Zeit daran zu gewöhnen, dass ich den Anblick eines menschlichen Wesens wieder ertrage; ich werde beklagen, dass die Houyhnhnms in meiner Heimat so vernunftlose Tiere sind, werde sie aber stets mit Achtung behandeln, und zwar um meines edlen Herrn, seiner Familie und seiner Freunde und des ganzen Geschlechts der Houyhnhnms willen, denen unsre Houyhnhnms in all ihren Zügen zu gleichen die Ehre haben, so sehr sie auch in ihrem Intellekt entartet sind.

Ich habe in der letzten Woche meinem Weibe zum erstenmal wieder erlaubt, mir bei Tische am andern Ende einer langen Tafel Gesellschaft zu leisten und (doch in äusserster Kürze) die wenigen Fragen zu beantworten, die ich ihr stellte. Doch da mir der Geruch eines Yahoo noch immer sehr widerwärtig ist, so verstopfe ich mir stets die Nase gut mit Rauten-, Lavendel oder Tabakblättern. Und obwohl es für einen in den Jahren vorgerückten Mann schwer ist, alte Gewohnheiten abzulegen, so habe ich doch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich später einmal wieder einen Nachbaryahoo in meiner Nähe werde dulden können, ohne mich wie noch jetzt vor seinen Zähnen und seinen Krallen zu fürchten.

Meine Versöhnung mit der Gattung der Yahoos im allgemeinen wäre vielleicht nicht so schwierig, wenn sie sich mit jenen Lastern und Narrheiten begnügen wollten, auf die die Natur ihnen ein Recht verliehn hat. Mich ärgert es nicht im geringsten, wenn ich einen Anwalt, einen Taschendieb, einen Obersten, einen Narren, einen Grafen, einen Spieler, einen Politiker, einen Hurenwirt, einen Arzt, einen Zeugen, einen Bestecher, einen Verräter oder dergleichen sehe; das alles liegt nur in der Natur der Dinge, doch wenn ich einen Haufen Scheusslichkeit erblicke, verzehrt von Krankheiten an Seele und Leib, und wenn der mit Hochmut behaftet ist, so reisst mir sofort jedwede Geduld; auch werde ich nie verstehn, wie sich ein solches Tier mit einem solchen Laster vertragen kann. Die weisen und tugendhaften Houyhnhnms, die im Überfluss alle Auszeichnungen besitzen, wie sie ein vernünftiges Wesen nur zieren können, haben in ihrer Sprache kein Wort für dieses Laster; und ihre Sprache hat überhaupt keine Ausdrücke für irgend etwas Arges, es sei denn die, mit denen sie die scheusslichen Eigenschaften ihrer Yahoos bezeichnen; und unter diesen wiederum sind sie nicht imstande, die Eigenschaft des Stolzes zu erkennen, weil sie dazu die menschliche Natur, wie sie sich in andern Ländern zeigt, wo dieses Tier herrscht, nicht gründlich genug verstehn. Ich aber, der ich mehr Erfahrung hatte, konnte deutlich einige Rudimente davon unter den wilden Yahoos erkennen.

Aber die Houyhnhnms, die unter der Regierung der Vernunft leben, sind auf die guten Eigenschaften, die sie besitzen, so wenig stolz, wie ich es darauf sein könnte, dass mir nicht ein Arm oder ein Bein fehlt, denn dessen könnte sich kein Mensch rühmen, solange er bei Verstande ist, wiewohl er ohne sie elend wäre. Ich verweile auf diesem Gegenstand so lange, weil ich wünsche, die Gesellschaft eines englischen Yahoo auf jede Weise zu etwas nicht ganz Unerträglichem zu machen; und deshalb flehe ich hier alle an, die auch nur eine Spur dieses widersinnigen Lasters besitzen, dass sie sich nicht anmassen mögen, mir vor die Augen zu kommen.