15 Oktober 2026

Rabelais: Gargantua und Pantagruel

 Rabelais: Gargantua und Pantagruel (Text) (Wikipedia)

»Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder – denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben ...« Mit diesen Worten wendet sich Maistre Alcofribas Nasier (Anagramm von François Rabelais) im Vorwort zu seinem Höchst erstaunlichen Leben des großen Gargantua (1534) an seine Zeitgenossen. Eine Anrede von zweifelhafter Herzlichkeit! Die »sehr trefflichen Zecher« von 1534 aber waren weniger zimperlich. Lockere Sitten in Liebesangelegenheiten waren in den besten Familien an der Tagesordnung, und was das Zechen betrifft, so hat es noch nie als ehrenrührig gegolten, ein trinkfester Saufbruder zu sein. Nein, die damaligen Leser der unerhörten Heldentaten des Gargantua und Pantagruel waren entzückt. Da war endlich jemand, der ihre Sprache redete – eine Sprache, die die Dinge beim Namen nannte, so unverhohlen und eindeutig, daß die gelehrten ›Abstraktoren‹ jener Zeit es mit der Angst bekamen: »Euch aber soll Antonius' Feuer brennen, soll fallende Sucht zu Boden werfen, Krebs fressen, Blutfluß abzapfen, Aussatz, fein wie Kuhhaar, mit Quecksilber verfeuert, in den Hintern fahren, und ihr sollt wie Sodom und Gomorrha in Schwefel, Feuersglut und Höllengestank umkommen, wenn ihr nicht getreulich alles glauben werdet, was ich euch in dieser gegenwärtigen Chronik berichten tue.«

Das war ein ganz neuer Ton, ein Stil, der sich den Teufel scherte um jede erzieherische oder bildende Absicht einer Ars Poetica. Die Gebildeten, die echten wie die falschen, fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Der Sorbonne, der allmächtigen Regentin über Wissen und Gewissen, fiel es nicht schwer, schockiert zu sein. Ihr genügten die Freiheiten des Pantagruel (1532), um das Buch in Grund und Boden zu verdammen. Doch auch die Humanisten sahen zunächst in Pantagruel nicht viel mehr als einen groben, unanständigen Ulk. »Was fällt dir ein, Rabelais?« schreibt 1533 der Dichter Nicolas Bourbon, ein Freund Rabelais'. »Immer mehr lenkst du unsere Scholaren von ihren Pflichten ab, vom Studium der Literatur und von der Liebe zu den heiligen Büchern. Willst du denn zusehen, wie sie ihre schöne Jugend ... in deinen frivolen und finsteren Volksmären ... in unwürdigen Gemeinheiten, im Mist, im Schlamm verlieren? « Erst zwei Jahre, später, nach der Veröffentlichung des Gargantua, entdeckte man »la sustantificque mouelle«, das »substantialische Mark« dieser anscheinend so groben Knochen. Die hochgelehrte Welt der Sorbonnisten und Scholastiker verdarb sich daran gründlich den Magen. Die Humanisten und Reformatoren aber wußten den Nährwert zu schätzen.

Und was empfindet der unbefangene Leser von heute? Mehr an Ordnung gewöhnt, wird ihn die wild wuchernde Sprache, die Unförmigkeit des Ganzen verwirren. Geschult am pointierten Stil, an der diskreten Formulierung, die mehr andeutet als ausspricht, wird es ihm manchmal schwerfallen, über Rabelais' grobkörnigen Witz zu lachen. Andererseits entschädigt ihn die Fülle für die mangelnde Form. Dies ist kein Spaziergang durch den wohlproportionierten Park von Versailles – dazu ist es noch ein Jahrhundert zu früh –, sondern ein rauher Marsch durch die Wildnis, voller Überraschungen und nicht immer angenehm. Denn daß in der freien Natur nicht alles nach Eau de Cologne riecht, weiß jeder Naturfreund, und dem Philosophen ist klar, daß dies eben in der Freiheit der Natur begründet ist. Mit anderen Worten: es geht – um das Ärgernis gleich vorwegzunehmen – nicht darum, Rabelais' berühmte Unanständigkeit zu entschuldigen. Es geht darum, sie zu verstehen, aus der Zeit, aus der Anlage des Gesamtwerkes.

Man hat Rabelais' gesunde Schamlosigkeit mit der eines großen, nackten Babys verglichen. Damit ist im Grunde nicht viel gesagt. Urwüchsigkeit und Infantilität sind ja hier nicht Gegenstand, sondern Form der Auseinandersetzung. Man vergißt über den Spaßmacher zu leicht den Gelehrten. Der gleiche Rabelais, der über »Gargantua, Pantagruel, Saufaus, die Würdigkeit des Hosenlatzes, Speckerbsen cum commento etc.« schrieb und zu schreiben sich vornahm, hat Galenus ex cathedra gelehrt und die Aphorismen des Hippokrates nach dem griechischen Urtext kommentiert. In seinen fünf Büchern ist ein Wissen von enzyklopädischer Breite aufgespeichert. Die zahllosen Zitate, Anspielungen, Reminiszenzen aus der Antike und dem Mittelalter, geschöpft aus allen Wissensbereichen, vermag heute kaum noch jemand ohne einen wissenschaftlichen Kommentar zu verstehen. Rabelais' Gelehrsamkeit will ernst genommen sein. Sie ist nicht, wie etwa das romantische Rittertum des Don Quichotte, sich selbst ein Gegenstand überlegener Ironie. [...]"

Kommentar

Die Digression (Abschweifung) von Gegenstand der Erzählung hat von den deutschen Autoren am stärksten Jean Paul von Rabelais aufgegriffen.

Zitate:

Von des Gargantua Antiquität und Stammbaum

Wollt' Gott, ein jeder wüßt' seinen Stammbaum vom Kasten Noah bis diese Stund! Ich halt dafür, es sind gar manche heutzutag Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten und Papst auf Erden, welche von einigen Ablaßhausierern und Ballenbindern das Leben haben. Und wiederum gar manche sind Spitalbrüder, elende Lumpen und Hungerleider, die vom Geschlecht und Blute großer Könige und Kaiser entsprossen sind, hinsichtlich der erstaunlichen Versetzung der Staaten und Königreiche:

Assyriens in Medien,
Mediens in Persien,
Persiens in Mazedonien,
Mazedoniens in Rom,
Roms in Griechenland,
Griechenlands in Frankreich.

Und daß ich mich, der ich's euch sag', allein zu einem Exempel aufwerf', so glaub' ich gänzlich, daß ich etwa von einem reichen König oder Fürsten der Vorzeit herkomm'; denn ihr habt euer lebelang keinen Menschen gesehen, der einen stärkern Trieb, König und reich zu sein, in sich verspürt hätt', als mich: auf daß ich auch im Saus könnt' leben, nix schaffen noch sorgen dürft' und meine Freunde und alle frommen und geschickten Leut daneben auch stattlich reich machen möcht'. Aber ich tröst' mich wiederum damit: ist es nit hie, so ist es dort; ja wohl weit mehr, als ich mir jetzt zu wünschen erkühnt. Tröstet auch ihr euch in euerm Unglück mit diesen oder besseren Gedanken, und ist es tunlich, habt allzeit frisches Getränk bei euch.

Um jetzt wieder auf besagten Hammel zu kommen, sag' ich, daß uns durch höchste Schenkung des Himmels die Antiquität und Stammbaum Gargantuas vollständiger sind erhalten worden als irgendeiner, ohn des Messias Stammbaum, von welchem ich nicht sprechen mag, denn es geziemt mir nicht: auch sind die Teufel (das sind die Heuchler und falschen Betbrüder) dawider. Er ward gefunden durch Hans Audeau auf einer Wiesen, so er hätt unweit der Gualeauer Schleusen unter Olive auf der Seit gen Narsoy
. Wie der die Gräben dort stechen ließ, da stießen die Gräber mit ihren Hacken auf ein großes Grab von Erz; lang ohnemaßen, denn sie konnten nimmer ein End davon finden, weil es bis weit in die Vienner Gemarkung strich. Als sie solches an einem Ort erbrochen hatten, wo ein Becher gezeichnet war und mit etruskischen Lettern rings umhergeschrieben: ›Hic bibitur‹, fanden sie da neun Flaschen in Ordnung stehen, wie man die Kegel in Gasconien zu setzen pflegt, und unter deren mittelster lag ein klein graugrün, artig, schartig, ziemlich schimmelig Büchlein, das stärker denn Rosen, aber nicht besser roch.

In selbigem hat man ermeldten Stammbaum der Läng nach mit Kanzellarschrift geschrieben funden, nicht auf Papier noch Pergament, auch nicht auf Wachs, sondern geschrieben auf Ulmenrinden, wenn schon vor Alter so abgenützt, daß man davon mit Müh drei Ziffern in gleicher Reih gewahren mocht.

Ich nun (wiewohl der Ehr unwürdig) ward dazu hin berufen, wo ich sodann mit guter Brillenhilfe die Kunst des Aristoteles, wie man unscheinbare Lettern liest, ausgeübt und, so wie ihr hie sehen könnt, verdolmetscht hab' zum Frommen aller Pantagruelleser,
nämlich der becherschwingenden frohen Leser der schauderhaften Pantagruelstaten. [...]

Von der Geburt des gestrengen Pantagruel

Gargantua erzeugte in seinem 524. Jahr seinen Sohn Pantagruel mit seinem Weibe Hängemunden, der Tochter des Amaurotenkönigs in Utopien, die im Kindbett starb; denn er war so unmäßig groß und stämmig, daß er nicht zur Welt kommen konnt', ohne seine Mutter mit zu ersticken. Aber damit ihr die Ursach und Bedeutung seines Namens, der ihm in der Tauf erteilet ward, gründlich verstehen mögt, so sollt ihr wissen: es war im ganzen Land Afrika dasselbe Jahr so große Dürre, daß sechsunddreißig Monat, drei Wochen, vier Tag, dreizehn Stunden und etwas weniges darüber ohne Regen verstrichen, bei so erschrecklicher Sonnenglut, daß die ganze Erd davon verdorrte.

Das ganze Land saß auf dem Trockenen. Die Müh und Angst der Sterblichen, dem schauderhaften Verdursten zu steuern, war kläglich anzusehen. Denn man hatt' alle Händ voll zu tun, daß nicht gar der Weihbrunn in den Kirchen aufgeleckt ward. Doch wußten die Herren Kardinäle und der Heilige Vater dafür bald so guten Rat, daß niemand mehr denn einen Segen davon zu nehmen sich getrauet'. Ja, wenn ein Mensch in die Kirche kam, hättet ihr wohl an zwanzig arme Durster hinter dem, der das Wasser austeilt', offenen Mundes daherziehn sehen, ob sie ein Tröpflein erschnappen möchten, wie der reiche Mann, auf daß nichts umkäm. O selig, wer in diesem Jahr einen kühlen und vollen Keller hatt'!

Eines Freitags nun, als alle Welt der Andacht pflog, und ein schöner Umgang mit Litaneien und Inprofundis schockscheffelweis' gehalten ward, Gott den Allmächtigen beschwörend, daß er in solchem Mißgeschick mit seinem Auge der Erbarmung sie gnädiglich ansehn wollt' – da sah man handgreiflich dicke Wassertropfen der Erd entquellen, wie wann eins stark schwitzet. Das arme Volk fing sich schon an zu freuen, als wenn es ihnen zum Heil und Labsal gewesen wär. Denn etliche sprachen, weil die Luft nicht einen Tropfen Feuchtigkeit mehr hätt', davon noch Regen zu hoffen stünde, hilf nun die Erde dem Mangel nach. Andre Leut, die Studierten, meinten, es wär halt Antipodenregen. Aber sie waren angeführt. Denn als nach abgehaltenem Umgang alles den Tau zu schöpfen lief und in vollen Zügen trinken wollt', fanden sie, daß es nichts andres war denn Heringslake, so bitter und salzig wie kein Seewasser nimmermehr. Und weil auf eben diesen Tag Pantagruel geboren ward, gab ihm sein Vater diesen Namen; denn Panta bedeutet auf Griechisch alles, und Gruel in arabischer Sprach so viel als durstig – anzuzeigen, daß alle Welt in seiner Geburtsstunde durstig gewesen; auch weil er zugleich im prophetischen Geist zum voraus sah, daß er dereinst Beherrscher der Durstigen sein würd, welches ihm außerdem noch durch ein offenbares Zeichen in eben der Stund erwiesen ward. Denn als seine Mutter Hängemunde mit ihm im Kreißen begriffen war und die Hebammen seines Empfanges harrten, kamen aus ihrem Leib voraus achtundsechzig Saumroßtreiber, und jeder führt' am Halfter ein Maultier mit eitel Salz beladen nach. Auf diese folgten neun Dromedare mit Schinken und geräucherten Rindszungen, sieben Kamele voll kleiner Aale, drauf fünfundzwanzig Karren mit Zwiebeln, Lauch, Porree, Knobloch und Schalotten. Die Hebammen waren baß erschrocken, und ihrer etliche sprachen zusammen: »Hie hat's gut Futter, weil wir zeither im Trinken zu schüchtern und allzu nüchtern waren. Dies Zeichen bedeutet uns nur Glück. Danach läßt sich's saufen.« – Und wie sie so noch untereinander plauderten, siehe! da trat heraus Pantagruel, über und über rauh wie ein Bär. Und eine prophezeiet' und sprach: »Er kommt mitsamt dem Haar zur Welt, er wird erstaunliche Dinge tun und, wenn er lang lebt, zu Jahren kommen.« [...]

Fortsetzung


14 Oktober 2026

Muhammad Yunus: EIN ANDERER KAPITALISMUS IST MACHBAR

 Muhammad Yunus: EIN ANDERER KAPITALISMUS IST MACHBAR. Wie Social Business Armut beseitigt, Arbeitslosigkeit abschafft und Nachhaltigkeit fördert, 2013

"Technologie nutzen, um die speziellen Probleme der Arme zu lösen
Es gibt keine Knappheit an Videospielen, Unterhaltungsprogrammen und anderen Luxusgüter, die neue Technologie nutzen. Aber Produkte, die die Probleme von hunderten Millionen von Menschen lösen, die mit Armut, Hunger, Wohnungslosigkeit und anderen Problemen kämpfen, sind knapp bemessen.
Glücklicherweise sucht eine wachsende Zahl von Social-Business-Unternehmen Möglichkeiten, die Technologie zur Bekämpfung der Probleme der Armen einzusetzen. In einigen Fällen benutzen sie Technologien, die ursprünglich zu teuren Produkten und Dienstleistungen für die Reichen gehörten, und finden Wege, sie derart zu vereinfachen und neu zu gestalten, dass sie für die Armen funktionieren." (S. 202)

"Die Verwaltung von Versicherungspolicen ist teuer, und wenn eine Police klein ist, machen es die relativ hohen Kosten schwer, die Versicherungsleistung zu einem angemessenen Preis anzubieten. Dieses Problem betrifft etwa 450 Millionen Kleinbauern in ganz Afrika." 

Zur Bekämpfung dieses Problems nutzt ACRE die Technologie. Sie hat das erste auf Kleinbauern ausgerichtete Versicherungsprogramm entworfen, das mobile Technologien und Instantdaten zu Klima und Landwirtschaft anwendet, um die Abdeckung effektiv und erschwinglich zu machen. [...] Durchbrüche bei der Wettervorhersage per Satellit und bei der Überwachungstechnologie haben ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Bereitstellung der notwendigen Daten gespielt.
Das Ergebnis ist das größte Landwirtschaftsversicherungsprogramm, das in Kenia unter dem Markennamen Kilimo Salama vermarktet wird. Um die ACRE-Versicherungen erschwinglich und weithin zugänglich zu machen, hat man sie mit anderen Produkten verbunden, die Bauern ohnehin schon kaufen, zum Beispiel Mikrokredite und sogar Tüten mit Samen oder Dünger." (S.204/05) 
"Wenn wir darauf hoffen, bei der Verfolgung unseres Ziels einer neu gestalteten Welt, die entscheidende Megamacht von guten Regierungen und Menschenrechten freizusetzen, müssen wir eine Reihe von konkreten Bedingungen beachten. Dazu gehören faire, glaubwürdige Wahlen, eine korruptionsfreie Verwaltung der Regierung, eine aufrichtige Zivilgesellschaft und die Achtung der Rechtsstaatlichkeit. (S. 213)
"Die Welt steckt in einer tiefen Krise. Wie Millionen anderer Menschen glaube ich, dass der Kapitalismus die Wurzel dieser Krise ist. Dennoch plädieren nur sehr wenige Menschen dafür, ihn zugunsten eines anderen Systems aufzugeben, zum Beispiel des Sozialismus, weil fast jeder meint, dass der Kapitalismus, trotz all seiner Fehler immer noch das bessere Wirtschaftssystem sei. Doch angesichts der gegenwärtigen Krise befürworten viele die Idee einer Generalüberholung dieses Systems. [...] obwohl mein Vorschlag eine erhebliche Veränderung in der Struktur des Kapitalismus bedeutet, sehe ich keine andere/Möglichkeit, als die fundamentalen Fehler innerhalb der bestehenden Struktur anzugehen." (S.273/74)
"Die derzeitige Struktur der Wirtschaftstheorie erlaubt es den Menschen nicht, ihre selbstlosen Seiten auf einem Markt auszuleben, der von Unternehmen bestimmt ist, die vom Eigeninteresse angetrieben werden. Aber, wie ich in diesem Buch gezeigt habe, wenn Sie die Gelegenheit dazu erhalten, werden Menschen auf diesen Markt kommen, um ihren selbstlosen Impulsen zu folgen. Sie werden solche Unternehmen gründen, die eigens dazu konzipiert wurden, das Schicksal der Menschheit als solcher zu verbessern– und das ist weitaus effektiver als die Arbeit von Wohlfahrtsverbänden. Wohltätige Bemühungen hat es schon immer gegeben. Sie sind edel, und sie sind notwendig. Aber im Vergleich zu Wohltätigkeitsorganisationen haben Wirtschaftsunternehmen klare Vorteile. Sie sind in innovativ, sie können expan/dieren, und sie können durch die Möglichkeiten des freien Marktes immer mehr Menschen erreichen. Die Möglichkeiten sind grenzenlos, wenn talentierte Unternehmer und Wirtschaftsführer in aller Welt, sich Zielen widmen wie der Beendigung der Unterernährung und der Arbeitslosigkeit, der Schaffung von Wohnraum für Wohnungslose und der Bereitstellung regenerativer Energien und menschenwürdiger Gesundheitsversorgung für alle Menschen." (S. 276/77). 

11 Oktober 2026

Moderne Märchen für Erwachsene

 Die von Elisabeth Borchers 1972 im insel taschenbuch13 zusammengestellten Erzählungen des 20. Jahrhunderts sind, wie man sich denken kann, meist nicht rückwärts gewandt in eine "Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat", sondern zu einem nicht geringen Teil Parabeln, die in unseren Tagen eine erschreckende Aktualität gewinnen.

Da ist Georg Kaisers "Die Insel der tausendjährigen Menschen", die vorführt, wie ein Traum von Unsterblichkeit ins Unglück führt oder Erich Kästners "Das Märchen von der Vernunft", wo die Kosten für eine Welt ohne Krieg auf eine Billon Dollar geschätzt wurden.

Mit dem Dollarbillionär Musk sind solche utopischen Dimensionen für Einzelpersonen - theoretisch! - machbare Ziele geworden. Er hat ein Vermögen von einer Billion Dollar und strebt wie sein Multimilliardärskollege Peter Thiel für sich und die Menschheit eine Art Unsterblichkeit an, so dass der Kampf gegen den Klimawandel auf der Erde durch eine Auswanderung auf den Mars überflüssig werden könnte. 

So investiert Thiel schon seit langem in Unsterblichkeitsforschung und Musk gelingt es, für seine Weltraumunternehmen Investitionen  in zweistelliger Milliardenhöhe zu finanzieren, in einer Zeit, wo manche Staaten, die lange Zeit als höchst kreditwürdig galten (AAA und negative Zinsen) sich zu überschulden drohen. Die Finanzierung einer Umsiedlung der Menschheit auf den Mars gilt als kreditwürdiger als die Instandhaltung von Infrastruktur auf der Erde.

Angesichts des gegenwärtigen Finanzmarktes ist das sogar realistisch. (Natürlich  beschwören solche Spekulationen neue Finanzkrisen herauf; aber die Finanzkrise ab 2007 hat ja gezeigt, dass zwar nicht alle Staaten, aber durchaus viele privaten Unternehmen aufgrund ihrer Vernetzung "too big to fail" sind.)

Zitate:

Kästner:

"Da brachen die Staatshäupter und Staatsoberhäupter in tobendes Gelächter aus. Man brüllte geradezu. Man schlug sich untereinander auf die Schenkel, krähte wie am Spieß und wischte sich die Lachtränen aus den Augen./ Der nette alte Herr schaute ratlos von einem zum anderen. 'Ich begreife ihre Heiterkeit nicht ganz', sagte er. Wollen Sie mir gütigst erklären, was Ihnen solchen Spaß macht? Wenn ein langer Krieg, eine Billion gekostet hat, warum sollte dann ein langer Frieden nicht dasselbe wert sein? Was, um alles in der Welt, ist denn daran komisch?"

 Nun lachten sie alle noch lauter. Es war ein rechtes Höllengelächter. Einer konnte es im Sitzen nicht mehr aushalten. Er sprang auf, hielt sich die schmerzenden Seiten und rief mit der letzten, ihm zur Gebote stehenden Kraft: 'Sie, alter Schafskopf! Ein Krieg – ein Krieg ist doch etwas ganz anderes!' 
Die Staatsoberhäupter, der nette, alte Herr und ihre lustige Unterhaltung sind völlig frei erfunden. Dass der Krieg eine Billion Dollar gekostet hat und was man sonst für denselben Betrag leisten könnte, soll, versichert eine in der 'Frankfurter Neuen Presse' zitierte amerikanische Statistik, hingegen zutreffen." (S.156/57)




10 Oktober 2026

Kurt Schwitters: Die Zwiebel

Kurt Schwitters (* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England) war ein deutscher Künstler, Maler, Dichter, Raumkünstler und Werbegrafiker, der unter dem Kennwort Merz ein dadaistisches „Gesamtweltbild“ entwickelte. Sein Werk umfasst die Stilrichtungen Konstruktivismus, Surrealismus und Dadaismus, dem sie aber nur durch Gegensätzlichkeit ähnlich waren. Aus heutiger Sicht zählt Schwitters zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.

Das folgende in Ausschnitten vorgestellte Märchen verliert seinen Schreckenscharakter, wenn man es als Werk des Dadaismus liest. Andererseits wirkt es dadurch weit interessanter.

light). Anna und Emma, die beiden Mägde, brachten einen Kübel und einen Quirl." (S.108/09) 
Damit verlassen wir den fortlaufenden Text, was zum sprunghaften Dadaismus passt. S.114:

S.116/117

S.117:
"Dein Vater", sagte ich, der König bleibt tot." (Schleifleder aus Seehundsfellen.)
Der Arzt fiel in Ohnmacht. Ich ließ dem König zwei gelbe Wachskerzen in die Löcher im Bach stecken und ließ die Kerzen anzünden. (Briefmarken werden in Zahlung genommen.) Als die Flamme durch die Löcher in den Bauch des Königs schlug, explodierte der König. Das Volk aber brachte ein Hoch auf mich aus. (Sozialismus heißt arbeiten.)
[Die Zwiebel. Merzgedicht, S. 108 aus: Anna Blume und ich, 1965, zitiert aus: Märchen deutscher Dichter. Ausgewählt von Elisabeth Borchers. insel taschenbuch 13, 1972, S.108-117]



08 Oktober 2026

Jostein Gaarder: Der seltene Vogel (1997)

 Jostein Gaarder: Der seltene Vogel (1997)

"Es heißt, die Welt sei sehr alt. Doch dauert sie selten länger als hundert Jahre. Wir sind es, die alt werden.

Solange Menschen auf die Welt kommen, wird sie so neu und frisch sein, wie am siebten Tag, an dem der Herr ruhte.
Wir sind jetzt Zeugen einer Schöpfung. Sie entsteht vor unseren Augen, am helllichten Tage, das ist unerhört! Eine Welt taucht auf aus dem Nichts… [...]

'Wer bin ich?' fragt die Welt."

'Woher komme ich?' " (S.7)  

"Der Zeitscanner

Der fiktive Autor dieses Textes stellt eine Fülle von geistreichen Überlegungen an, doch Gaarder sorgt dafür, dass dieser sich nach und nach in deutlich erkennbare innere Widersprüche verwickelt, so dass man erkennen kann, dass der Autor eindeutig eine Fiktion des Verfassers ist.

[...] Begonnen hatte alles in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Radioapparaten. Die Vorstellung, welch zitterndes Gefühl von der Qual der Wahl, das Radio den Menschen damals eingeflößt haben muss, finde ich schon rührend. Plötzlich konnte man Signale aus allen Winkeln der Welt in sein Wohnzimmer holen. Doch hätten die Menschen damals gewusst, was alles noch passieren würde… (S.9)
"Aber das ist ja bekannt. Dennoch muss man sich klar vor Augen führen, welche auffälligen Ähnlichkeiten zwischen einem Radioapparat und dem heutigen Zeitscanner bestehen. Im Prinzip war es möglich, Tausende von Radiosendern in Hunderten von Ländern zu empfangen.
Manche Menschen wurden damals zu Amateurfunkern. Das heißt, sie kauften oder bauten sich einen kleinen Sender, um damit die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken. Eine Weiterentwicklung dieser Möglichkeiten waren die vielen Lokalradios, die zu Beginn der 1980er Jahre wie Pilze aus dem Boden schossen.
Schon durch diese Entwicklung verloren geographische Entfernungen entscheidend an Bedeutung. Gleichermaßen wichtige Faktoren waren neben dem Radio aber auch Telefon und Telegraf – die während des gesamten 20. Jahrhunderts eine erstaunliche Entwicklung durchmachten. [...]" (S. 10)
"Zusammen mit den Videogeräten verbreitete sich auch das so genannte Kabelfernsehen. Noch viel wichtiger aber war der immer dichter werdende Gürtel von Fernsehsatelliten, der die Erde um gab. Von der Mitte der 1990er Jahre an empfing jeder Besitzer eines Fernsehgerätes einige Dutzend Fernsehsender, die meisten Menschen hatten die Wahl zwischen hunderten von Programmen. Nach fünfzig Jahren hatte das Fernsehen die interkontinentale Reichweite der Kurzwellen eingeholt. [...]
Die Möglichkeiten der Fernsehempfänger vergrößerten sich zusätzlich durch die Datenrevolution, die die Welt gegen Ende des 20. Jahrhunderts erlebte. 
Um die Jahrtausendwende dienten die allermeisten Fernsehgeräte gleichzeitig als Computerterminals. Der Ausbau des Telenetzes hatte die Welt zu einem einzigen Kommunikationsnetz zusammengeschlossen. [...] Darüber hinaus scheint erwähnenswert, dass damals an vier- bis fünftausend zentralen Orten auf der ganzen Welt Videokameras aufgestellt wurden, die ohne irgendeinen Text oder Kommentar zeigten, was draußen vor sich ging. Wer wissen wollte, welches Wetter irgendwo auf der Welt war, musste nur den entsprechenden Sender aufrufen. Vom Sofa aus konnte man dann in alle Winkel der Welt blicken.
Nach und nach – und das ist der Kern der Sache – geschah bedauerlicherweise immer weniger unter freiem Himmel. Das Haus zu verlassen, bedeutete seinen Horizont gewaltig einzuschränken." (S.13)
Bereits im 18. Jahrhundert fantasierte der französische Mathematiker Laplace von einer Intelligenz, die die Position aller Stoffpartikel zu einem gegebenen Zeitpunkt kannte. Für diese Intelligenz sei nichts ungewiss, und die Zukunft und Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen.
Diese Intelligenz, an die Laplace dachte, es gibt sie also wirklich. Wir nennen sie Pleroma– obwohl sie nicht intelligenter ist als eine Datenbank.
Abdullah Ariis im Jahre 2105 nach, dass alle Ereignisse des Universums im Roma gespeichert werden. Von dort können Sie auch zurückgeholt werden.
Bereits 15 Jahre später, im Januar 2120, wurde der erste Prototyp seines Scanners konstruiert. (Seite 16)
Zunächst hielt man die neue Erfindung geheim. Wie würde die Menschheit mit diesem neuen Werkzeug umgehen?
Der Zeitscanner (der Prototyp wurde beim Zahnzentrum in Genf aufgestellt) war natürlich etwas ganz Neues. Aber man darf nicht vergessen, welche Entwicklung im vorausgegangen war." (S.17)
"Zu behaupten, die Pioniere in Genf hätten sich mit Begeisterung über den Scanner her gemacht, wäre eine gelinde Untertreibung. Schließlich hielten sie nicht weniger als die gesamte Weltgeschichte in Händen." (S.18)
"Wie wir wissen, wurden schon nach wenigen Jahrzehnten die Bildschirme in den Privatwohnungen an dem Zeitscanner angeschlossen. [...] Die beiden Sucher des Seitcanners waren nicht schwieriger zu bedienen als die Joysticks der alten Computerspiele. [...] Es wurden bereits Parallelen zu den alten Radiogeräten gezogen. Wer einen bestimmten Kurzwellensender suchte, mußte behutsam vorgehen. Mit einer winzigen Umdrehung konnte man zehn Sender überspringen." (S.18)
"Stellen wir uns vor, wir suchten den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre. Wir wissen vielleicht, dass er in Paris gelebt hat. Vielleicht wissen wir auch, dass er um die Mitte des 20. Jahrhunderts in Paris gelebt hat. Dennoch genügt es natürlich nicht, den Zeitscanner auf das Paris des Jahres 1950 einzustellen. Paris! Wo in Paris? Und wann genau lebte er dort? [...] In welchem Café mag Monsieur Sartre sitzen? Schon damals gab es in Paris Tausende von Cafés. [...] Wir brauchen einen Anhaltspunkt. [...] Viele Menschen verirrten sich damals in Zeit und Raum.  Noch immer gibt es Menschen, die willkürlich in der Geschichte herumsuchen, doch die meisten arbeiten heutzutage mit den vielen tausend Suchschlüsseln, die inzwischen entwickelt worden sind. Ich selber habe an die sieben- oder achttausend Schlüssel, vielleicht etwas mehr als allgemein üblich. [...] Ein wichtiges Hilfsmittel ist der Schlüssel >Orte und Städte, heute und gestern< – in Wirklichkeit eine Liste über dreihundert Orte auf der Welt, die sich auf bestimmte Zeitabschnitte beschränkt." (S.19-21) 

"Für uns, und vor allem für die jungen Leute, kann es wichtig sein, die Geschichte der Schlüssel zu kennen.
Zu den allerersten gehörte der Schlüssel >Titanic<. Schon in früheren Zeiten gab es eine große Anzahl von Büchern und Filmen zu diesem Thema. Deshalb bestand ein enormes Interesse daran, den authentischen Schiffbruch zu erleben." (S. 22). 
Natürlich wurde, weil jetzt alle Arten von Grausamkeiten auf dem Bildschirm zu sehen waren, auch über Kinderschutz nachgedacht:
"Auch auf einen eher erkenntnistheoretischen Aspekt ist hingewiesen worden: Die Menschen, insbesondere Kinder, gewöhnen sich an alles. Heute wachsen sie so selbstverständlich mit dem Scanner auf wie die Kinder in früheren Zeiten ohne. Oder wie Ibn Avicenna fast 100 Jahre vor dem Zeitscanner sagte: 'In unseren Bewusstsein existiert nichts, was nicht zuerst im Fernsehen existiert hat.'
Kinder verstehen, dass das, was sie auf dem Bildschirm sehen, nicht real ist. Es ist nichts als Geschichte." (S.25)  
"Der Tod der Wissenschaft [...] 
Wozu braucht man Historiker, wenn es den Zeitscanner gibt? Wenn nicht mehr gerätselt und gefolgert werden kann, ist auch kein Platz mehr für die Geschichtswissenschaft.
Wenn man heute überhaupt noch von der Geschichte als einer eigenständigen Disziplin spricht, dann meint man damit die Arbeit an der Entwicklung neuer Schlüssel für den Scanner. In den alten Geschichtsbüchern wurden die Fußnoten immer länger. Inzwischen ist das ganze Fach zur Fußnote degradiert worden. Zwar hat der historische Riecher – von manchen auch Intuition genannt – durchaus nicht an Wert verloren. Doch braucht man natürlich keine Geschichtsbücher mehr, wenn man auf eigene Faust in der Weltgeschichte herumspazieren kann.
Es gibt keine historischen Unsicherheiten mehr. Alle Fragen können beantwortet werden."     (S. 26). 
Jetzt nimmt Gaarder Gelegenheit, u.a. den Urknall, Hegels Weltgeist, Nietzsches: Vom Nutzen und Nachteil der Historie und Fukuyamas Ende der Geschichte  zu behandeln.
"Für mich ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich Flagge zeigen muss. Ich bin natürlich kein Mensch. Das sind wir heutzutage alle nicht mehr. Ich bin Hegels Weltgeist. Ich bin Gott. Ich bin Pleroma.
Wir sind keine Individuen mehr, wenn wir nichts mehr tun. Das Individuum ist eine handelnde Persönlichkeit. Ein Individuum ist per definitionem etwas Begrenztes. Wenn alle überall sind und alles wissen – dann ist alles eins.
Die Geschichte hat ihr Ziel erreicht. Der Kreislauf ist durchbrochen. Alle Bäche sind im großen Ozean zusammengeflossen.
Das alles ist vor vielen Jahrtausenden passiert. Jetzt ist es sicher zehn- oder zwanzigtausend Jahre her, dass der Zeitscanner konstruiert wurde. Aber das spielt wirklich keine Rolle. Ich habe aufgehört, die Jahre zu zählen. Aber ich habe die Weltgeschichte kreuz und quer durchwandert." (S.34)


Die Diagnose (S.39-101)

Die krebskranke Chemikerin Jenny erkennt, dass sie eins ist mit der Welt, die sie erlebt, dass ihr nichts verloren geht, wenn sie stirbt, weil ihre Welt dann sowieso nicht mehr da ist. 

Theobald  und Theodor (S.105-113)

"[...] Theobald gehört zu jenen ungeheuer selten vorkommenden Figuren, die zu einem Bewusstsein, ihrer Selbst und Erschöpfung gelangen, der sie angehören. Er weiß, dass sein Leben sich in einem Buch aus Papier und Druckerschwärze abspielt. (Den Lasern wird in einem wahrhaft ergreifende Kapitel des Romans, der schmerzhafte und aufreiben der Erkenntnisprozess demonstriert. Wer möchte da noch Romanfigur sein!) Doch kaum hat Theo bald seine fiktive Natur erkannt, da erhebt er sich auch schon im Aufruhr und Protest gegen den Autor.

'Ich weigere mich, deine Marionette zu sein', ruft er schließlich auf Seite 112 gen Himmel.

Ich lasse mir diese Manipulation nicht gefallen! [...]" (S. 106)

"Natürlich wusste der Schriftsteller von den Bestrebungen seiner Figur. [...] Natürlich kann eine Romanfigur vor ihrem Autor nur schwerlich etwas verbergen. Kein Gedanke, keine Handbewegung entgeht der Aufmerksamkeit des Meisters. Andererseits amüsierte sich der Autor über den spitzfindigen Plan seiner Figur. [...] Schon lange, machte es Theodor zu schaffen, dass er seinen Romanfiguren gegenüber zu autoritär auftrat. Dadurch konnte er keine persönliche Beziehung zu ihnen entwickeln– und auch nur selten etwas von ihnen lernen – sein Einfluss war einfach grenzenlos." (S. 107/108) [...]

sieh auch: 

Durchaus informativ, aber vergleichsweise trocken und langweilig stellt die KI Gemini das Buch vor.

Jostein Gaarder:

https://www.perlentaucher.de/autor/jostein-gaarder.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Jostein_Gaarder#In_deutscher Übersetzung

30 September 2026

Elias Canetti: Die gerettete Zunge

 Elias Canetti: Die gerettete Zunge

Beginn des Textes:
"Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht. A
uf dem Arm eines Mädchens komme ich zu einer Tür heraus, der Boden vor mir ist rot, und zur linken geht eine Treppe hinunter, die ebenso rot ist. Gegenüber von uns, selber Höhe, öffnet sich eine Tür, und ein lächelnder Mann tritt heraus, der freundlich auf mich zugeht. Er tritt ganz nah an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: 'Zeig die Zunge!' Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nah an meine Zunge heran. Er sagt: 'Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.' Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen. Er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück, sagt: 'Heute noch nicht, morgen.' Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche. 

Jeden Morgen treten wir aus der Tür, heraus auf den roten Flur, die Türe öffnet sich, und der lächelnde Mann erscheint. Ich weiß, was er sagen wird, und warte auf seinen Befehl, die Zunge zu zeigen. Ich weiß, dass er sie mir abschneiden wird, und fürchte mich jedes Mal mehr. Der Tag beginnt damit, und es geschieht viele Male.

Ich behalte es für mich und frage erst sehr viel später die Mutter danach. Am Rot überall erkennt sie die Pension in Karlsbad, wo sie mit dem Vater und mir den Sommer 1907 verbracht hatte. Für den Zweijährigen haben Sie ein Kindermädchen aus Bulgarien mitgenommen, selbst keine fünfzehn Jahre alt. In aller Frühe pflegt sie mit dem Kind auf dem Arm fortzugehen, sie spricht nur bulgarisch, findet sich aber überall in dem belebten Karlsbad zurecht und ist immer pünktlich mit dem Kind zurück. Einmal sieht man sie mit einem unbekannten jungen Mann auf der Straße, sie weiß nichts über ihn zu sagen, eine Zufallsbekanntschaft. Nach wenigen Wochen stellt sich/heraus, dass der junge Mann im Zimmer genau gegenüber von uns wohnt, auf der anderen Seite des Flures. Das Mädchen geht manchmal nachts rasch zu ihm hinüber. Die Eltern fühlen sich für sie verantwortlich und schicken sie sofort nach Bulgarien zurück.

Beide, das Mädchen und der junge Mann, gingen sehr früh von zu Hause fort, auf diese Art müssen sie sich zuerst begegnet sein, so muss es begonnen haben. Die Drohung mit dem Messer hat ihre Wirkung getan, das Kind hat zehn Jahre darüber geschwiegen." (S.7/8)



27 September 2026

Walter Isaacson: Steve Jobs

 Walter Isaacson: Steve Jobs,  2011, 700 S. 

Dass es "die autorisierte Biografie" ist, nimmt aus meiner Sicht der Lektüre etwas von ihrem Reiz. Das Lob überwiegt zu stark. Zum Inhalt des Buches kann man das Wichtigste den Wikipediaartikeln zu Buch und Leben entnehmen.

Zitate:
Publicityfeuerwerk
Im Laufe der Jahre wurde Steve Jobs zum Großmeister der Produkteinführung. [...] Jobs schaffte es jedes Mal, ein ein wahres Publicityfeuerwerk zu entzünden, das eine Art Kettenreaktion auslöste. Angefangen bei Macintosh im Jahr 1984 bis zum iPad im Jahr 2010 wiederholte sich das Spektakel in schöner Regelmäßigkeit. Ein um das andere Mal führte Jobs wie ein Zauberer seine Kunststücke vor, und die Journalisten fielen allesamt darauf rein, selbst wenn sie die Tricks schon unzählige Male gesehen hatten, und wussten, wie sie funktionierten. [... Er verfügte] über ein intuitives Gespür, wie man Sensationslust und Konkurrenzdenken unter Journalisten anheizte und exklusiven Zugang zur Informationen gegen großzügige Berichterstattung tauschte. (S.197)

Gates und Jobs: Wenn sich Umlaufbahn kreuzen
In der Astronomie spricht man von einem Doppelstern oder Binärsystem, .wenn sich die Umlaufbahn von zwei Sternen wegen der wechselseitigen Anziehung kreuzen [...]. 
Gates und Steve Jobs mochten ähnliche Ziele hinsichtlich der / kommerziellen Verwertung von Technik verfolgen, aber ihre Persönlichkeiten hätten kaum unterschiedlicher sein können, und auch ihr Background hatte nicht viel miteinander gemein. [...] 
'Jeder von ihnen hielt sich für den Klügeren. Aber Steve behandelte Gates im Allgemeinen, als wäre er nicht ganz ernst zu nehmen, besonders was Geschmacks- und Stilfragen angeht', sagte Andy Hertzfeld. 'Bill wiederum schaute auf Steve herab, weil er nicht richtig programmieren konnte.' Von Anfang an war Gates von Jobs fasziniert, beneidete ihn um seine hypnotische Wirkung auf andere. Gleichzeitig fand er ihn 'äußerst selbstsam' und 'menschlich gesehen, ziemlich übel', Jobs' Unhöflichkeit war ihm ebenso zuwider wie dessen Neigung 'einen /entweder wie einen Volltrottel zu behandeln oder sich anzubiedern'. Umgekehrt fand Jobs Gates enervierend engstirnig. [...] 
30 Jahre später zollte Gates Jobs widerwillig Respekt. 'Von Technik hatte er nie viel Ahnung, aber er hat einen unglaubliches Gespür für das, was man machen und erreichen kann', sagte er. Jobs ließ keine entsprechende Anerkennung von Gates Stärken verlauten. 'Bill hat keinerlei Fantasie und hat nie etwas erfunden, weshalb er sich jetzt wahrscheinlich auch lieber auf dem Gebiet der Philanthropie als auf dem der Technologie herumtreibt', beschied Jobs hämisch. 'Er hat schamlos die Ideen anderer Leute geklaut.' (S.206/207)
"Zu dieser Zeit war Jobs längst König und Gates noch Lakai: 1984 belief sich der Jahresumsatz von Apple auf 1,5 Milliarden Dollar gegenüber 100 Millionen bei Microsoft."
(S.208)

"Bald wusste beinah ganz Silicon Valley, dass Jobs heimlich, still und leise an Amelios Stuhl sägte. Es war weniger ein machiavellistisches Machtspiel als eben einfach Jobs. Es lag in seiner Natur, immer die Kontrolle haben zu wollen." Eine Redakteurin der Financial Times schrieb. "Mister Jobs hat eine Reihe früherer Apple-Kollegen dazu überredet, wieder in die Firma zurückzukehren, sie sagten, er habe deutlich gemacht, dass er das Ruder wieder übernehmen will. Der Aussage eines Vertrauten nach habe Jobs festgestellt, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass es Mister Amelio und seiner Gefolgschaft gelänge, Apple mit neuen Leben zu erfüllen, und er beabsichtige, sie abzulösen, um das Überleben 'seines Unternehmens' zu gewährleisten." (S.364). 
Der "Abgang Amelios" wird dann noch bis S.379 geschildert und als großer Erfolg dargestellt. Dass Jobs Amelio lange im Unklaren ließ, auch.
"Mehr als 5000 Leute versammelten sich schon Stunden vorher, um [...] Jobs als Hauptredner zu hören. Sie alle kamen, um ihren heimgekehrten Helden zu sehen – und um herauszufinden, ob er wirklich bereit war, wieder ihr Anführer zu sein.
Tosender Beifall brach aus, als ein Bild von Jobs aus dem Jahr 1984 auf dem Bildschirm erschienen. 'Steve! Steve! Steve!', begann die Menge zu skandieren, während er noch angekündigt wurde. Als er schließlich auf die Bühne schlenderte – in schwarzer Weste, kragenlosem weißem Hemd, in Jeans und mit einem lausbubenhaften Lächeln im Gesicht –, waren das Kreischen und Blitzlichtgewitter eines Rockstars würdig. Zunächst zuerst dämpfte er die Aufregung [...]dann erläuterte er seine Rolle bei Apple. 'Ich habe mich mit einigen Leuten zusammen getan, die Apple wieder auf eine gesunde Basis stellen wollen.'
Aber als Jobs auf der Bühne auf und ab schritt und mit der Fernbedienung in der Hand, ein Bild nach dem anderen auf dem großen Bildschirm erscheinen ließ, wurde allen klar, dass er bei Apple jetzt das Sagen hatte – und dass das vermutlich auch so bleiben würde." (S. 379).