02 Juni 2026

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Januar und Februar 1943



Der erste Teil des Echolots konzentriert sich in insgesamt vier Bänden auf den Zeitraum 1. Januar bis 28. Februar 1943. Kempowski kommentierte die Terminierung: „Damals hatte das Dritte Reich nach innen und außen den Höhepunkt seiner Macht erreicht und war im Begriff, ihn zu überschreiten […] – es ist überraschend, wie oft sich in Notizen und Briefen aus dieser Zeit schon die Frage findet: Ob das gut geht? Man hatte das Gefühl, daß der Bogen überspannt war: Und genau hier setze ich mit dem Echolot ein.“[1] In den Zeitraum der Bände fällt die Casablanca-Konferenz, der Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad, die Sportpalastrede Joseph Goebbels’ mit dem Aufruf zum Totalen Krieg sowie die Hinrichtung der Geschwister Scholl aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose.

Die Aufzeichnungen sind chronologisch geordnet, jeder Tag ergibt ein Kapitel. Dadurch liegt der Fokus weniger auf dem Verfolgen eines Einzelschicksals als in der vom Autor arrangierten Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Erfahrungen der verschiedenen Menschen. Längere Zwischentexte trennen die einzelnen Kapitel, auch sie nicht aus der Feder Kempowskis, von dem nur das Vorwort stammt. Der erste Eintrag jeden Tages stammt aus dem Bulletin von Adolf Hitlers Leibarzt Theo Morell. Die letzten Einträge sind den Notizen Heinrich Himmlers und dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Danuta Czech entnommen.

Fuga furiosa. Winter 1945



Der zweite Teil des Echolots ist erneut auf vier Bände aufgeteilt und behandelt den Zeitraum vom 12. Januar bis zu den Bombenangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Dazwischen liegen Hitlers Rückzug in den Führerbunker, die Großoffensive der Roten Armee, die darauf folgende Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten sowie die Vergewaltigungen der deutschen Zivilbevölkerung, die Todesmärsche von KZ-Häftlingen und die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, der Untergang der Wilhelm Gustloff und die Konferenz von Jalta.

Kempowskis Absicht war, „Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. [Es] kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge“, um die Leidenden zusammenzuführen. Dabei sah er sich als Chronist der in der deutschen Literatur zuvor wenig thematisierten Bombenangriffe und Flüchtlingsströme auch als Tabubrecher: „Wir müssen auch das erzählen dürfen.“[2] Neben den Einzelberichten aus dem ersten Teil sind auch offizielle Quellen in die Bände eingearbeitet: Zeitungsmeldungen, das Rundfunkprogramm und Wehrmachtberichte. Zudem wird die deutsche Perspektive um zahlreiche ausländische Aufzeichnungen ergänzt, die Kempowski seit Erscheinen des ersten Teils ausfindig gemacht hatte.

Barbarossa ’41



In chronologischer Hinsicht kann der dritte Teil des Echolots als sein Prolog aufgefasst werden. Er kehrt zurück ins Jahr 1941. Gegenüber den vorigen Veröffentlichungen hat sich der Aufbau verändert: in lediglich einem Band werden drei größere Zeiträume betrachtet: 21. Juni bis 30. Juni 1941, 1. Juli bis 8. Juli 1941 sowie 7. Dezember bis 31. Dezember 1941. Titelgebend ist das Unternehmen Barbarossa, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni samt den Anfangssiegen in den folgenden Tagen. Es folgen der Beginn der Leningrader Blockade und der Rückzug der deutschen Armee im ersten Kriegswinter Ende 1941. Konsequenter als in den vorigen Bänden werden Berichte beider Kriegsparteien einander gegenübergestellt, kommen neben deutschen auch sowjetische Soldaten sowie die leidende Leningrader Bevölkerung zu Wort. Die Tageseinträge beginnen jeweils mit einem Zitat aus der Bibel, darauf folgen Aufzeichnungen berühmter Schriftsteller. Im Zentrum jedes Tageseintrags stehen die wiederkehrenden Tagebucheintragungen einiger direkt vom Krieg betroffener Menschen, etwa einer Mutter, deren Sohn gefallen ist, eines Arztes und mehrerer Soldaten an der Ostfront, darunter auch die Aufzeichnungen Jochen Kleppers. Am Ende stehen Verweise auf die nationalsozialistischen Verbrechen in Form des Tagebuchs von Adam Czerniaków und der Auschwitz-Aufzeichnungen Danuta Czechs, die teilweise etwa vom Tagebuch eines in der Einsatzgruppe A dienenden SS-Mannes ergänzt werden.

Abgesang ’45



Auch der letzte Teil des Echolots beschränkt sich auf einen Band und wird in der ausführlichen Darstellung weniger letzter Kriegstage zum Epilog des Projekts. Der Band beginnt mit dem letzten Führergeburtstag am 20. April 1945. Es folgen der 25. April, der Elbe Day mit dem ersten Zusammentreffen alliierter Truppen, und der 30. April, der Tag des Suizids Adolf Hitlers. Beschlossen wird der Band durch ein umfangreiches Kapitel zum Kriegsende durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht sowie die Reaktionen bei den Siegermächten und der deutschen Bevölkerung am 8. und 9. Mai 1945.

Eingerahmt sind die Ereignisse durch zwei Gedichte, Ludwig Uhlands Frühlingsglaube („Nun muß sich alles, alles wenden.“) und Friedrich Hölderlins Der Frühling („Der Menschen Thätigkeit beginnt mit neuem Ziele,/ So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.“)

Leseproben zu allen Bänden bei Penguin (Verlage)


Buchausgaben von Echolot


Zitat von Kempowski:

„Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein. […] Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.“

Walter Kempowski, 2007[23]

(wird ergänzt)

30 Mai 2026

Fredriksson: Hannas Töchter

Fredriksson: Hannas Töchter     Kritik und Inhalt (Vorsicht Spoiler)

Dieter Wunderlich Buchvorstellungen

Weitere Werke von Marianne Fredriksson


Gemini:

„Hannas Töchter“ (Originaltitel: Hanalas döttrar, 1994) von der schwedischen Autorin Marianne Fredriksson ist ein tiefgründiger Generationenroman. Er erzählt die schwedische Frauengeschichte über ein ganzes Jahrhundert hinweg anhand von drei Generationen einer Familie: Hanna (die Großmutter), Johanna (die Mutter) und Anna (die Tochter).

Die Rahmenhandlung beginnt in den 1990er Jahren. Anna besucht ihre demente Mutter Johanna im Pflegeheim. Da eine echte Kommunikation kaum noch möglich ist, beginnt Anna, nach den Wurzeln ihrer Mutter und ihrer Großmutter Hanna zu forschen, um ihre eigene Identität besser zu verstehen.

Die drei Generationen

1. Hanna (geboren ca. 1871)

Hannas Geschichte spielt im ländlichen, bitterarmen Schweden (Dalsland) nahe der norwegischen Grenze im späten 19. Jahrhundert.

  • Das Schicksal: Nach einer Vergewaltigung bringt sie ein uneheliches Kind zur Welt und wird von der Dorfgemeinschaft stigmatisiert. Später heiratet sie den Müller John, einen stolzen, aber oft harten Mann.

  • Das Leben: Hannas Alltag ist geprägt von unermüdlicher, harter körperlicher Arbeit, dem Kampf ums Überleben und tief sitzenden Traditionen. Sie verliert Kinder durch Krankheit und Hunger, bewahrt sich aber trotz aller Entbehrungen eine unbändige, erdverbundene Lebenskraft.

Zitat: "So ein schlechter Mensch bin ich auch wieder nicht, dass ich mich nicht ändern könnte." Als sie sich bereit erklärt, mit ihrer Tochter mit dem "Teufelswerk", dem Auto ihres Ragnar, mitzufahren, weil ihre Tochter Johanna es so gern möchte. (S.148)

"Er dachte an Hanna. Staunend erkannte er, dass seine Frau die einzige war, in deren Schuld er nicht stand. Nicht, weil er ein durch und durch guter Mann und Vater gewesen war, nein, wohl war manches geschehen, was er bereute. Er brauchte aber keine Schuld zu empfinden, denn in ihren Gedanken war kein Vorwurf. [...] Er dachte lange darüber nach und kam zu dem Schluss, dass der, der auf Ungerechtigkeit gefasst ist, auch nicht nachtragend sein kann."(S.150)

2. Johanna (geboren ca. 1902)

Johanna verkörpert den Umbruch Schwedens von der agrarischen Armut hinein in die Industrialisierung und den beginnenden Wohlfahrtsstaat.

  • Der Aufbruch: Sie zieht in die Stadt (Göteborg), politisiert sich in der Arbeiterbewegung und kämpft für Frauenrechte.

  • Das Leben: Sie heiratet Arne, einen Mann aus dem Bürgertum, und steigt gesellschaftlich auf. Doch der Spagat zwischen ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse und ihrem neuen bürgerlichen Leben zerreißt sie innerlich. Sie will es besser machen als ihre Mutter, distanziert sich von ihr, wiederholt dabei aber unbewusst alte Muster der emotionalen Verschlossenheit.

3. Anna (geboren ca. 1937)

Anna ist die moderne, emanzipierte Frau der Nachkriegsgeneration. Sie ist intellektuell, arbeitet als Journalistin/Autorin und genießt alle Freiheiten, die sich ihre Mutter und Großmutter mühsam erkämpfen mussten.

  • Die Krise: Trotz ihres vermeintlich perfekten, freien Lebens leidet Anna unter einer tiefen inneren Leere, Beziehungsunfähigkeit und der schmerzhaften Distanz zu ihrer Mutter Johanna.

  • Die Versöhnung: Durch das Schreiben und Aufarbeiten der Lebensgeschichten der Frauen vor ihr erkennt Anna, dass deren Traumata und Schweigen auch ihr eigenes Leben geprägt haben. Sie lernt zu verstehen, warum ihre Mutter so wurde, wie sie ist.

Zentrale Themen des Romans

  • Mutter-Tochter-Beziehungen: Das ewige Missverständnis zwischen den Generationen, das Erben von Traumata und die Unfähigkeit, Gefühle offen zu zeigen („Das schwedische Schweigen“).

  • Frauengeschichte als Zeitgeschichte: Der Roman spiegelt die rasante Entwicklung Schwedens von einer patriarchalen, fast feudalen Bauerngesellschaft hin zu einem modernen, sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat wider.

  • Identität und Versöhnung: Erst durch den Blick zurück in die Vergangenheit findet Anna den Frieden und die Kraft für ihre eigene Gegenwart.

Fazit: „Hannas Töchter“ ist ein episches, emotionales und psychologisch dichtes Porträt über das Erbe von Frauen, das zeigt, wie eng die eigene Identität mit den Geschichten derer verwoben ist, die vor uns kamen.

 

29 Mai 2026

GABRIELE GYSI: Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden, 2025

 Gabriele Gysi: Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden, 2025 (Westend Verlag, 200 Seiten)

 Thomas Harlan sprach bei Biolek "über die für ihn feststehende Tatsache, dass die Bundesrepublik ein Fortführung des 1000-jährigen Nazireiches bis in die 1970er Jahre gewesen sei." (S.94)

"Harlan hatte in Polen, wo er seit 1960 auch lebte, mit Recherchen über die Vernichtungslager Kulmhof, Sobibór, Bełżec und Treblinka begonnen. Bis 1964 trug Harlan mit seiner Arbeit in den polnischen Archiven, aus denen er Tausende von Dokumenten über deutsche Kriegsverbrechen zutage förderte, zu der Einleitung von über 2000 Strafverfahren gegen Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik bei. Seit 1960 wurde er dabei von dem italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli unterstützt. Zu dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer entwickelte sich eine Freundschaft. Gleichzeitig arbeitete Harlan beim Warschauer Rundfunk an Sendungen in deutscher Sprache mit. Aufgrund der Veröffentlichung seiner Archivrecherchen wurde er 1963 wegen Geheimnisverrats in Polen für ein Jahr unter Hausarrest gestellt. Auch in der Bundesrepublik erstattete Hans Globke 1964 gegen ihn Anzeige wegen Landesverrats aufgrund der Benutzung von Vernehmungsprotokollen der deutschen Justiz in polnischen Veröffentlichungen. Er wurde nicht verurteilt, erhielt aber für 10 Jahre keinen deutschen Reisepass und konnte sich in dieser Zeit nicht legal in der Bundesrepublik aufhalten." (Wikipedia)

Gemini: „Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden“ ist ein bekanntes, prägendes Zitat von Gabriele Gysi (Schauspielerin, Regisseurin und Schwester des Linken-Politikers Gregor Gysi).

Mit diesem bildhaften und zugleich bitteren Satz beschreibt sie die Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 – die Nacht des Mauerbaus in Berlin.

Hier ist der historische und persönliche Kontext zu diesem Zitat:

Der historische Hintergrund

In jener Nacht riegelte die DDR-Führung unter Walter Ulbricht die Sektorengrenze zu West-Berlin abrupt ab. Bewaffnete Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA), der Grenztruppen und der Betriebskampfgruppen besetzten die Straßenkreuzungen und Schienenwege.

Soldaten, die eigentlich für den militärischen Kampf gegen einen äußeren Feind ausgebildet waren, standen plötzlich an den innerstädtischen Kreuzungen und regelten – wie Verkehrspolizisten, nur eben mit Maschinenpistolen im Anschlag – wer wohin gehen durfte (beziehungsweise, dass niemand mehr in den Westen durfte). Sie leiteten den Verkehr um, sperrten Straßen mit Stacheldraht ab und zementierten die Teilung der Stadt.

Gabriele Gysis Perspektive

Gabriele Gysi, die aus einer prominenten Ost-Berliner Familie stammt (ihr Vater Klaus Gysi war ein hochrangiger DDR-Kulturfunktionär), erlebte diesen tiefen Einschnitt wie viele andere Berliner als einen Schock.

Das Zitat bringt die Absurdität und die beklemmende Normalisierung von nackter Gewalt und Freiheitsentzug auf den Punkt:

  • Die Zweckentfremdung der Armee: Eine Armee wird gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, um sie einzusperren.

  • Die Alltäglichkeit des Unnormalen: Soldaten übernahmen im Handumdrehen zivile Aufgaben (wie die Verkehrsregelung), was die plötzliche, totale Kontrolle des Staates über das alltägliche Leben der Bürger symbolisierte.

„Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden“ steht als Metapher für den Moment, in dem die DDR-Diktatur ihre Maske fallen ließ und die Reisefreiheit ihrer Bürger über Nacht gewaltsam beendete.



KI: Claude Ausgangspunkt: Der 9. November 1989

Ausgehend von der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 wirft Gabriele Gysi einen Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte. Sie beschreibt diesen Moment als einen glücklichen Augenblick – mit einer unglaublichen Gemeinsamkeit und Friedlichkeit bei aller Aufregung. Die Welt erstaunte über diesen realen Moment des Friedens, über eine ungeahnte Friedensfähigkeit. Gabriele-gysi

Der titelgebende Moment bezieht sich auf DDR-Soldaten, die in jener Nacht spontan zu Verkehrspolizisten wurden – ein sinnbildliches Bild für den gewaltlosen, improvisiert-menschlichen Charakter des Mauerfalls.

Thema: Die DDR und die deutsche Einheit

Das „Verschwinden" des kleineren Teils von Deutschland, die folgenden Merkwürdigkeiten und Anmaßungen der Zeit sowie der weiterhin gegenwärtige westdeutsche Umgang mit der ostdeutschen Vergangenheit stehen im Mittelpunkt. Gysi zufolge hat die BRD – die sich stets mit breiter Brust schlicht „Deutschland" nannte – die DDR einfach angeschlossen. Fertig. So sei die deutsche Frage nach der Einheit gelöst worden. Gabriele-gysi

Essayistischer Ansatz & literarische Bezüge

In essayistischen Reflexionen, persönlichen Erinnerungen und politischen Beobachtungen stellt Gysi die Frage, warum der Untergang eines Staates ohne würdige Beerdigung blieb – und was das über das vereinte Deutschland sagt. Zwischen Antigone und Shakespeares Welttheater analysiert sie die Inszenierungen von Macht, Medien und Moral. Vr-entertain

Die Figur der Antigone dient dabei als Metapher für den Widerstand gegen autoritäre Strukturen. Antigones Kampf um eine würdige Beerdigung ihres Bruders spiegelt den Konflikt zwischen individueller Moral und staatlicher Autorität wider – in Anlehnung an die DDR als einen Staat, der alternative Ordnungsprinzipien und Wertvorstellungen verkörperte. Gabriele-gysi

Zentrales Anliegen

Gysi fragt, was aus der Hoffnung auf Frieden wurde, die beide deutschen Staaten nach dem Krieg verband, und was es bedeutet, wenn Vergangenheit nur noch als Feindbild dient. Sie engagiert sich gegen den westdeutschen Umgang mit der ostdeutschen Vergangenheit und tritt für eine wahre Gerechtigkeit ein, die ihrer Meinung nach noch immer aussteht. Vr-entertainGabriele-gysi

Fazit

Ein leidenschaftliches, persönlich gefärbtes Essay-Buch, das weder DDR-Nostalgie noch pauschale Verurteilung betreibt, sondern eine gerechtere und ehrlichere Erinnerungskultur einfordert – und dabei den 9. November als vielschichtiges Datum der deutschen Geschichte begreift, das Novemberrevolution 1918, Pogrome 1938 und Mauerfall 1989 in sich vereint.

Mein Eindruck während des Lesens:

Großes Pathos mit Kritik an der Westbindung, aber ohne Quellen, die mir ein ein neues Bild vermitteln, allenfalls gewisse Nuancen. (Mir bisher unbekannt: Tulpanow, Förderer der Zwangsvereinigung von SPD und KPD.) Weitgehend einheitlicher Eindruck bis. S,39

"Zitat: Die Mauer war eine unübersehbar Beschränkung, die das Bewusstsein für die Grenzen des eigenen Erfahrungshorizonts deutlich dokumentierte – nicht wie in der Bundesrepublik, wo durch das Fehlen relevant sichtbarer Mauern, die Illusion der eigenen Erfahrung als Maß allen Lebens gefördert wurde. Dieser westdeutsche Provinzialismus blieb den Intellektuellen der DDR in den meisten Fällen erspart. Auch wurde die deutsche Kultur, die deutsche Geschichte nicht aus dem Zentrum der persönlichen Biografie verdrängt. Es gab kein Entrinnen in die Kultur der Besatzungsmacht, keine Überschreibung der deutschen Kultur durch amerikanische Massenkultur und ebenfalls nicht das spätere Abwerfen der eigenen Geschichte im Rahmen Europas und der EU." (S.40)

Der Text erinnert mich an Th. Manns Betrachtungen eines Unpolitischen und an die Rechtfertiger der "Inneren Emigration". Es fällt schwer, zu glauben, dass Uwe Johnson mit seinem USA-Aufenthalt seine deutsche Kultur durch Massenkultur überschreiben ließ und dass er das Bewusstsein für die Begrenztheit der eigenen Erfahrung verloren hätte. 


Der Hinweis auf die Auffassung Thomas Harlans (S.94) scheint eine einsame Neuntdeckung zu sein.

Sigrid Damm: Künstler meines Lebens

KI Ecosia: Sigrid Damm ist eine deutsche Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin, die am 7. Dezember 1940 in Gotha/Thüringen geboren wurde. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin und Mecklenburg und ist Mitglied des P.E.N. sowie der Akademie der Künste Berlin www.suhrkamp.de www.lovelybooks.de www.hugendubel.de de.wikipedia.org.

In ihrem Werk “Künstler meines Lebens” reflektiert Sigrid Damm über sechzehn Künstlerinnen und Künstler, die für sie prägend waren. Dazu gehören Persönlichkeiten wie Goethe, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach und Eva Strittmatter. Das Buch bietet persönliche Porträts, die vom jeweiligen Todestag der Künstler:innen ausgehen und so auf ausgewählte Lebensmomente zurückblicken www.morgenpost.de www.amazon.de www.literaturland-thueringen.de www.fr.de.

Damm schreibt dabei nicht nur über Dichter:innen, sondern auch über bildende Künstler:innen. Ihre Texte sind als Reflexionen und Erinnerungen an diese Wegbegleiter:innen gestaltet, die sie auf unterschiedliche Weise inspiriert haben www.literaturland-thueringen.de.


KI Gemini:

„Künstler meines Lebens. Sechzehn Porträts | Reflexionen und Erinnerungen an Wegbegleiter“ ist ein im März 2026 im Insel Verlag erschienenes Buch der bekannten Biografin und Schriftstellerin Sigrid Damm.

Nach ihren großen Erfolgen rund um die Weimarer Klassik (wie Christiane und Goethe oder Das Leben des Friedrich Schiller) wirft sie in diesem Band einen sehr persönlichen, fast intimen Blick auf die Kunst- und Literaturschaffenden, die ihren eigenen Lebensweg maßgeblich geprägt haben.

Das Konzept: Ein literarischer Friedhofsspaziergang

Das Besondere an der Struktur dieser 16 Kurzbiografien ist der Ausgangspunkt: Sigrid Damm nähert sich den Persönlichkeiten jeweils von deren Todestag aus.

Von diesem finalen Moment blickt sie zurück auf prägende Lebensstationen, verknüpft historische Fakten mit Auszügen aus Werken und Briefen und spiegelt das Ganze an ihren eigenen, ganz persönlichen Begegnungen. Die Kritiken beschreiben das Buch treffend als einen nachdenklichen, melancholischen, aber ungemein unterhaltsamen „literarischen Friedhofsspaziergang“.

Die porträtierten Persönlichkeiten

Die Auswahl der sechzehn Porträts erstreckt sich über verschiedene Jahrhunderte und mischt persönliche Weggefährten mit lebenslangen literarischen Vorlieben und Zufallsfunden:

  • Persönliche Wegbegleiter: Künstler, mit denen Damm zu Lebzeiten persönlich bekannt oder freundschaftlich verbunden war, darunter das Schriftsteller-Ehepaar Eva und Erwin Strittmatter, der DDR-Autor Franz Fühmann und der legendäre Verleger Siegfried Unseld.

  • Lebenslange Vorlieben: Ikonen wie Caspar David Friedrich, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Heinrich Heine, Hermann Hesse und natürlich Johann Wolfgang von Goethe samt Familie.

  • Literarische Entdeckungen & Funde: Porträts über Iwan Turgenjew, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg und Lew Tolstoj.

Das Fazit der Kritik: Ein Buch über das Sterben und das Überdauern durch die Kunst. Es zeigt eindrücklich, wie sehr uns die Geister der Vergangenheit im eigenen Alltag begleiten und das eigene Leben bereichern können.

27 Mai 2026

Erwin Wickert: China von innen gesehen

 Erwin Wickert: China von innen gesehen, 1982 (Jahreskapitel 1976-80)

KI Ecosia: Erwin Wickert: China von innen gesehen

China von innen gesehen ist ein Buch des deutschen Diplomaten und Schriftstellers Erwin Wickert (1915–2008), das 1982 erschien. Es gilt als eines seiner bekanntesten Werke und bietet ein persönliches Porträt Chinas aus der Perspektive eines langjährigen Beobachters und Diplomaten www.penguin.de.

Wickert beschreibt in seinem Buch die chinesische Gesellschaft, Kultur und Politik aus eigener Erfahrung. Er lebte mehrere Jahre in China und schildert darin nicht nur politische Strukturen, sondern auch den Alltag der Menschen, ihre Mentalität und die gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er- und frühen 1980er-Jahre opacplus.bsb-muenchen.de www.spiegel.de. Besonders hervorgehoben wird seine Fähigkeit, die chinesische Kultur und die Eigenheiten der Bevölkerung einfühlsam und authentisch darzustellen www.amazon.de.

Das Buch wurde sowohl in Deutschland als auch international wahrgenommen und gilt bis heute als wertvolle Quelle für alle, die sich für das China dieser Zeit interessieren www.penguin.de. Es erschien im Bertelsmann Verlag und wurde später auch als Lizenzausgabe im Bertelsmann Club veröffentlicht www.ebay.de www.booklooker.de

Das Buch ist - zumindest am Anfang - sehr im Erzählstil geschrieben, dadurch flüssig zu lesen.

"Auch neu: Maos Leibwächter pflegte seinem Herrn hübsche Mädchen zuzuführen, im Schlafwagen (Wickert: »Wo habe ich so etwas schon einmal gehört? Gab es so etwas nicht schon einmal? ... Später fiel es mir ein"), die Sekretärin Zhang Yufeng bekam gar ein Kind vom greisen Revolutionär." (Spiegel 4.4.82)

25 Mai 2026

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder - Joseph in Ägypten

 Anke-Marie Lohmeier

Lexikon zu Thomas Manns »Joseph und seine Brüder« (1933-1943)

Namen, Schauplätze, Sachen

Nach der Geburt von Joseph ist Rahel ein zweites Mal schwanger geworden, hat aber kaum Kraft zu pressen. Dagegen wird über das Kind gesagt: "Rege war es, das einzig wichtige Ding.
Aufs entschiedenste erachtete es seine Stunde für gekommen, strebte heraus ans Licht und wollte abwerfen die Mutterhülle. Es gebar sich gleichsam selbst, ungeduldig den schmalen Schoß bestürmend, kaum unterstützt, trotz herzlicher Willensbereitschaft von der, die es selig empfangen und mit ihrem Leben herangenährt hatte, aber es nicht hervorzubringen wusste.
[...]  Als es Nacht geworden [...] sagte sie, aus einer Ohnmacht erwachend' Rahel wird sterben.' Alle schrien auf [...]" (S.285)
Jaakob erkennt, dass Rahel mit Mami sowohl sich als Ischtar meint:









Im Alten Testament heißt es im 1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 35, Vers 16–20: 

16Und sie brachen auf von Bethel. Und als es noch eine Strecke Weges war bis Efrata, da gebar Rahel. Und es kam sie hart an über der Geburt. 17Da ihr aber die Geburt so schwer wurde, sprach die Hebamme zu ihr: Fürchte dich nicht, denn auch diesmal wirst du einen Sohn haben. 18Als ihr aber das Leben entwich und sie sterben musste, nannte sie ihn Ben-Oni, aber sein Vater nannte ihn Ben-Jamin. 19So starb Rahel und wurde begraben an dem Wege nach Efrata, das nun Bethlehem heißt. 

Diese 5 Verse nehmen in Th. Manns Darstellung etwa vier Seiten ein, von denen hier nur zwei Seiten und 6 1/2 Zeilenhier wiedergegeben sind. Dagegen heißt es über die Verse 22-26 bei Mann nur: "Da sündigte Ruben mit Bilha der Kebse, und ward verflucht." Vom Fluch ist in der Bibel nicht die Rede. Da heißt es nur "Und das Kam vor Israel." Danach werden die 12 Söhne Jaakobs genannt.

 Abraham Laban Jaakob  Rahel Teraphim Joseph Benjamin  Ruben  Bilha









Huij und Tuij

S.642-643: Die alten Eltern des Höflings Peteprê, ein Ehepaar von Geschwistern wie auch bei den Pharaonen nicht unüblich, glauben sich unbeachtet und unterhalten sich in leichtem Streit über ihr Schicksal, wie es ihnen nach ägyptischer Vorstellung bevorsteht.

Die Frau Tuij versichert ihrem Mann, der nicht immer geschickt zu reden versteht (Demenz ist eine allzu technische Beschreibung), dass sie ihm beim Totengericht beistehen wird und dafür sich schnell vergiften wird, damit sie gemeinsam vor dem Richter stehen.

Für den Erfolg Peteprês ist sein Hausmeier Mont-kaw verantwortlich.

Joseph Hebron Himmelstraum Potiphars Weib                                            Namensregister