04 Mai 2026

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege, Band 3 der Neapolitanischen Romane

 Elena Ferrante (Wikipedia): Die Geschichte der getrennten Wege Copyright 2013, dt. 2017

Heute wie druckfrisch in einem kleinen neuen öffentlichen Bücherregal gefunden.

Das Pseudonym der Autorin ist literarisch Interessierten schon länger bekannt (dazu der Wikipediaartikel), die Gelegenheit in eins der Bücher hineinzusehen, wollte ich nicht verpassen. Meine Vermutung ist, dass ich nicht rasch damit vorankommen werde. 

[Das habe ich geschrieben mir Blick auf Steinbecks "Früchte des Zorns", über die ich seit dem 11.2. berichte und Jack Londons "Martin Eden", über den ich seit dem  4.3. berichte (gegen Ende April beendet). Freilich, beide habe ich auf Englisch abends im Bett gelesen,  um das Einschlafen zu befördern. "Von Früchte des Zorns" hatte ich Anfang und Schluss auf Deutsch gelesen, bevor ich mit "Martin Eden" begann. Jetzt bin ich irgendwo im ersten Viertel oder Drittel. - Da ich Ferrante auf Deutsch lese, werde ich schneller vorankommen können und eher einen Eindruck gewonnen haben, so dass  das Springen zum Schluss früher erfolgen dürfte.]

Daher schon hier zur Vorstellung ein Link auf den Wikipediaartikel Neapolitanische Saga. Für die, die den Spoiler fürchten, die Angaben von zwei KIs (beide gekürzt) um mir Zusammenfassungen zu ersparen. [Zur emotionalen Einfühlung kann man Fotos der Hauptdarstellung und Kurzinformationen zu den Episoden der Verfilmung der Romane hier sowie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung und Fotos vom Schauplatz in Neapel in einem Foto-Essay im Guardian finden.finden.]

 KI EcosiaDie Neapolitanische Saga von Elena Ferrante ist eine der bekanntesten und meistdiskutierten Buchreihen der letzten Jahre. Die vierbändige Reihe erzählt die lebenslange Freundschaft und Rivalität zwischen zwei Frauen aus Neapel: Elena Greco (genannt Lenù) und Raffaella Cerullo (genannt Lila). Die Saga ist ein tiefgründiges Porträt von weiblicher Emanzipation, sozialer Ungleichheit, Gewalt und der Komplexität menschlicher Beziehungen.

  1. Meine geniale Freundin (L’amica geniale, 2011)

    • Die Geschichte beginnt in den 1950er-Jahren in einem armen Viertel Neapels. Die beiden Mädchen, Elena und Lila, wachsen in einer von Männern dominierten Welt auf. Lila ist hochintelligent, rebellisch und voller Ideen, während Elena sich als die “Stille” sieht, die durch Bildung und Fleiß versucht, ihrem Schicksal zu entkommen. Der Band endet mit Lilas plötzlicher Hochzeit in jungen Jahren – ein Bruch in ihrer Freundschaft. (Mehr zum Inhalt erfährt man aus den Angaben zur Verfilmung des Romans für das Fernsehen)
  2. Die neue Freundin (Storia del nuovo cognome, 2012) Der zweite Band deckt die 1960er-Jahre ab. Elena beginnt, sich von Lilas Schatten zu lösen, und besucht das Gymnasium. Lila hingegen ist in einer unglücklichen Ehe gefangen, kämpft mit häuslicher Gewalt und versucht, sich durch Arbeit und Bildung zu befreien.

  3. Diejenigen, die gehen und diejenigen, die bleiben (Storia di chi fugge e di chi resta, 2013) Hier wird die Freundschaft auf die Probe gestellt, als Elena in Florenz studiert und sich von Neapel entfernt. Lila arbeitet in einer Fabrik und engagiert sich politisch. Die gesellschaftlichen Umbrüche der 1970er-Jahre (Studentenproteste, Feminismus, wirtschaftliche Krisen) spielen eine zentrale Rolle.

  4. Das verlorene Kind (Storia della bambina perduta, 2014) spielt in den 1980er- und 1990er-Jahren. Elena hat sich als Schriftstellerin etabliert, während Lila ein zurückgezogenes Leben führt. Die Vergangenheit holt beide ein, und die Frage, wer von ihnen “erfolgreich” war, wird neu verhandelt. Der Roman endet mit einem rätselhaften Verschwinden Lilas.

KI Gemini (etwas stärker gekürzt)

Was die Saga so besonders macht, ist Ferrantes ungeschönter Blick auf die Realität:

  • Ambiguität der Freundschaft: Es ist keine reine „Wohlfühl-Freundschaft“. Sie ist geprägt von tiefer Liebe, aber auch von Neid, Konkurrenzkampf und gegenseitiger Abhängigkeit.

  • Das Viertel (Rione): Ein Mikrokosmos voller Gewalt, Camorra-Einfluss und strenger patriarchaler Strukturen, dem beide Frauen auf unterschiedliche Weise zu entkommen versuchen.

  • Bildung als Befreiung: Während Elena durch Bildung sozial aufsteigt, bleibt die (vielleicht genialere) Lila im Viertel gefangen, fordert das System jedoch von innen heraus heraus.

  • Sprache: Der Kontrast zwischen dem harten neapolitanischen Dialekt (Gewalt/Herkunft) und dem reinen Italienisch (Bildung/Aufstieg).

Hintergrund: Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Die wahre Identität der Autorin (oder des Autors) ist offiziell nicht bestätigt, was den Kult um die Bücher noch verstärkt hat. Die Anonymität soll sicherstellen, dass das Werk für sich selbst spricht.

Die Saga wurde unter dem Originaltitel "L'amica geniale" (My Brilliant Friend) spektakulär von HBO und der RAI verfilmt. Die [Fernseh-]Serie ist bekannt für ihre visuelle Treue zum Zeitgeist und die herausragenden schauspielerischen Leistungen.

Beide Antworten der KIs habe ich gekürzt und, wo nötig, ergänzt - insbesondere durch Links.

Lektüreerlebnis (4.5.): Die Erzählerin Elena scheint der Autorin näher zu stehen als Lila. Diese scheint mehr dem idealen Ich der Autorin zu entsprechen. So zur Handlung getrieben, dass sie darüber ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt, während die Autorin im Schreiben ihr wichtigstes Bedürfnis erfüllt.
Das Buch liest sich - wie von einem Bestseller zu erwarten - besser als angenommen, weil man den Eindruck gewinnt, die Erzählerin berichte genau über die Erfahrungen, die sie nach dem Verfassen des Buches gemacht habe, das man gerade liest. Das heißt, dass nicht ein Bewusstseinsstrom protokolliert wird, aber auch nicht über einen abgeschlossenen Vorgang berichtet, sondern zwischen der Autorin und der Erzählerin scheint es - ganz im Unterschied zu einer Ich-Erzählung - keinerlei psychologischen Abstand zu geben. [mehr zur Erzählperspektive findet sich im Wikipediaartikel zu Meine geniale Freundin.] Daraus erklärt sich mir als Leser. dass Ferrante so großen Wert auf Anonymität legte, weil sie als Person nicht wirklich mit der Erzählerin identifiziert werden will. Andererseits scheint ihr das Schreiben der Tetralogie deshalb so viel leichter gefallen zu sein, weil sie sich im Laufe des Schreibens der vorhergehenden Romane immer besser in diesen Sprachgestus eingewöhnt hat. Daher tritt der Erfolg ihrer Bücher nicht trennend zwischen sie und ihr Werk, sondern er bestätigt die Bestsellerqualität. (Seitenangabe: S.105)
Inzwischen hat sich das Buch für mich zum Pageturner entwickelt; denn es ist außerordentlich "handungsstark". Was in den Rezensionen als Studie über Freundschaft zwischen zwei Frauen bezeichnet wird ist für mich eine sehr erfolgreiche Konstruktion: Der dem Lesermilieu nahestehenden sympathischen Erzählerin inzwischen aus dem Bildungsmilieu wird ihre Freundin aus der Kinderzeit aus dem gemeinsamen Armutsmilieu gegenüber gestellt,  eine ausgebeutete Figur aus dem Arbeitermilieu [In der deutschen Übersetzung heißt es immer wieder, dass Personen - mehr oder minder gut - (Hoch-)Italienisch sprechen, dass also im Viertel anders gesprochen wird. Dazu die Süddeutsche Zeitung zur Fernsehserie: "Die Schauspieler mussten den regionalen Dialekt einstudieren, den auch die Italiener so wenig verstehen, dass die Serie selbst im Original untertitelt ist.]mit ihren sozialistisch/kommunistischen Freunden, die es ermöglicht, ein umfangreiches Handlungsgeflecht zu entwickeln. (ab Kapitel 28, S.127). [mehr zur Erzählweise  findet sich im Wikipediaartikel zu Meine geniale FreundinDiese Zweithandlung wird als  Bericht Lilas an ihre Freundin eingebracht. Er gibt die Möglichkeit zur Identifikation mit Lila. Zwar tritt sie den mit ihr Handelnden fast durchweg schroff abweisend gegenüber, aber sie verfügt über nahezu übermenschliche Fähigkeiten. Ständig leidet sie und stößt zurück, aber auch in größten Schwierigkeiten bleibt sie überlegen und fasziniert ihre Gegner. So wird verständlich,  dass auch die Erzählerin Elena fasziniert auf sie blickt. Sie pflegt Lila und organisiert ihr - dank der Verbindung zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter - Hilfe beim Kampf gegen den Fabrikbesitzer. 
Von Kapitel 46 (S.213) an wird so die Handlung von Elena und Lila weiterentwickelt, bis mit Kapitel 58 (S.272) sich plötzlich die Familie Galiani aus dem Bildungsmilieu sich gegen Elena stellt, sie links liegen lässt und sich nur noch für Lila interessiert. 
Ab Kapitel 63 (S291) folgt zu meiner Verwunderung nun wirklich das, was mir in Rezensionen angekündigt war: Elena und  Lila leben sich auseinander, bleiben aber in Kontakt und sehen sich in Konkurrenz und lügen sich gegenseitig vor, wie gut es ihnen gehe. [Dazu heißt es im Wikipediaartikel Meine geniale Freundin unter dem Stichpunkt Interpretation: "Bei der Einschätzung der Freundschaft zwischen beiden Mädchen spielt der Aspekt der Konkurrenz eine zentrale Rolle. Bewertet wird diese Rivalität in den Kritiken unterschiedlich. In einem Fall rundum positiv: Obwohl einseitig in den Prämissen (Anziehung und Bedürftigkeit), sei ihre Beziehung frei von Missgunst und für beide gleichermaßen befruchtend in puncto „Zuneigung, Wissen, Ehrgeiz und Ansporn“.[9] Andere Urteile fallen etwas skeptischer aus: ]Die Freundinnen seien beinahe, was man im Englischen „frenemies“, Lieblingsfeindinnen, nenne;[11] schon im Prolog zeichne sich ab, dass es darum gehe, wer von beiden „das letzte Wort“ behalte;[10] die Freundschaft mit Lila sei für Elena ein „Bund mit dem Teufel“, worauf auch schon das aus Goethes Faust stammende Motto des Romans verweise.[4] Im Zusammenhang mit der Fernsehsehrie schreibt die Süddeutsche Zeitung dazu: "Elena und Lila konkurrieren um die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und müssen ihre Kräfte doch bündeln, um das zu erreichen.[5]] Jetzt gibt es nicht ständig Action, sondern Elena erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Hochstimmung während der Schwangerschaft, ganz anders als Lila es von sich erzählt hatte. Dann ein ganz schwieriges Jahr mit der Tochter Adele [genannt: Dede]: "Ein Leidensweg von Arzt zu Arzt begann, nur für sie und mich, Pietro hatte immer in der Universität zu arbeiten." (S.299) 
"Mir war inzwischen klar, dass Pietro in seinem beruflichen Umfeld als Langweiler angesehen wurde, denkbar weit entfernt vom begeisterten Aktivismus seiner Familie, Ein missratener Airota. [...] Er murmelte düster: 'Elena, wir müssen über unsere Beziehung nachdenken und Bilanz ziehen.' Ich stimmte sofort zu. Ich sagte, ich bewunderte seine Intelligenz und seine gute Erziehung, Dede sei wundervoll, fügte aber hinzu, ich wolle keine weiteren Kin/der, die Isolation, in die ich geraten sei, sei mir unerträglich, ich wolle ins Berufsleben zurück. Ich hätte mich nicht seit meiner Kindheit so abgerackert, nur um am Ende in der Rolle der Hausfrau und Mutter eingesperrt zu sein. Wir stritten uns, ich mit Härte, er mit Anstand." (S.318/19)
 [Er lädt jetzt öfter Besucher ein. Sie genießt Komplimente und Flirts. Als sie bemerkt, dass es zu sexuellem Verkehr kommen könnte, schreckt sie zurück.] "In höchster Aufregung und voller Schuldgefühle kam ich nach Hause. Ich schlief leidenschaftlich mit Pietro, noch nie hatte ich mich so beteiligt gefühlt, ich war es, die kein Kondom wollte. 'Was soll die Angst', sagte ich mir. 'Du bist kurz vor der Regel, es wird schon nichts passieren.' Aber es passierte. Nach einigen Wochen merkte ich, dass ich wieder schwanger war.
Bei der nächsten Schwangerschaft ruft sie i(Kapitel 70, S.327) 
Kapitel 70: "Über eine Abtreibung versuchte ich mit Pietro gar nicht erst zu reden – er freute sich sehr, dass ich ihm noch ein Kind schenkte –, und außerdem hatte ich Angst vor diesem Schritt, schon das Wort verursachte mir Übelkeit. Aber Adele spielte am Telefon auf eine Abtreibung an, ich mich sofort mit Phrasen aus, nach dem Motto: Dede braucht Gesellschaft, als Einzelkind aufzuwachsen ist traurig, es ist besser, sie bekommt noch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen./ 'Und dein Buch?'  'Ich bin bald fertig', log ich. 'Lässt du es mich dann lesen?' 'Natürlich.'  'Wir sind schon alle sehr gespannt.' 'Ich weiß.'
Ich war in Panik, ohne nachzudenken, tat ich etwas, was Pietro sehr erstaunte und mich vielleicht auch. Ich rief meine Mutter an, erzählte ihr, dass ich wieder ein Kind erwartete, und fragte sie, ob sie für eine Weile nach Florenz kommen wolle. Sie brummte, sie könne nicht, sie müsse sich um meinen Vater kümmern, um meine Geschwister. Ich schrie sie an: 'Das heißt, deinetwegen werde ich nichts mehr schreiben!' 'Ist doch scheißegal', antwortete sie. 'Reicht es dir nicht, in Saus und Brauchs zu leben? 'Und sie legte auf. Aber fünf Minuten später rief Elisa an. 'Ich kümmere mich hier um den Haushalt', sagte sie. 'Mama kommt morgen zu dir.' " (Seite 327/28) [Ihre Mutter kommt aus Neapel zu Hilfe, und sie, die früher ihre Tochter immer heruntergemacht hatte, wird plötzlich die Stütze des Haushalts.]
An dieser Stelle der Lektüre habe ich unterbrochen um in meinen Text Links (und Zitate) zu den Wikipediaartikeln zu den Büchern und der Fernsehserie sowie zu Besprechungen derselben eizubauen.
Es ist wohl kein Zufall, dass ich genau vor der Stelle, die Freundinnen sich gegenseitig ihre gemeinsam Kindheit vor Augen führen, das Bedürfnis hatte, mich besser über den ersten Teil der Tetralogie zu informieren. Und dass in diesem Kontext Lila ihre kritische Sicht über beide Bücher Elenas klar ausspricht. Es scheint nach Ferrantes Aussagen ja auch das Urteil zu sein, das sie über ihre eignen ersten Bücher hatte, als sie beim Beginn der Tetralogie plötzlich eine klare Vorstellung hatte, was und wie sie schreiben wollte. (6.5.) [Wikipedia über Ferrantes erste drei Bücher]

Als ich die Lektüre fortsetzte, entdeckte ich erstmals längere Passagen, die ich für so charakteristisch hielt, dass ich sie als Zitate hier aufnehmen wollte - inzwischen nachgeholt -, dann aber nahmen Elenas Entfremdung von ihrem Mann und von Lila zu, die Konflikte reizten an, weiterzulesen. Die ernsthaften Zweifel Elenas, ob ihre Freundin nicht in tödliche Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Kommunisten verwickelt sein könnten, erweckten ei mir erstmalig den Eindruck, dass Elena sich in ihrer Kindheit (in dem ersten Band, den ich nicht gelesen habe) so abhängig von Lila gefühlt haben muss, dass sie jetzt, obwohl sie Gewalt ablehnt, am liebsten an Lilas Aktionen teil hätte. Das verändert meinen Blick auf das Verhältnis der beiden Freundinnen noch mehr. Die Ereignisse überschlagen sich wieder, so dass Elena nach Neapel fährt, um ihre Schwester zu retten, und dann in eine Familientreffen ihrer Familie mit den Faschisten gerät. (S.419)
Da anderes zu tun ist, z.B. Gartenarbeit, von der ich mich bei weiterer Lektüre des Buches erhole, bleibe ich noch weiter dahinter zurück, Inhaltliches hier festzuhalten. (6.5. abends)
Zitat: S.421: "Und ich merkte, dass sich durch meine Nervosität der dialektale Einschlag verstärkte, dass mir einige Wörter im Neapolitanisch des Rione unterkamen, dass der Rione [...] mir seine Sprache aufzwang, die Art, zu agieren und zu reagieren, seine Figuren, die in Florenz nur wie verblasste Bilder wirkten, hier aber aus Fleisch und Blut waren.
 Wieder klingelte es an der Tür, Elisa öffnete. Wer konnte jetzt noch kommen? Einige Sekunden vergingen, und Gennaro [Lilas Sohn] stürzte ins Zimmer, schaute Dede an, die schaute ungläubig ihn an und hörte sofort auf zu jammern, aufgewühlt von diesem unerwarteten Wiedersehen musterten sich die beiden. Unmittelbar darauf erschien Enzo, der einzig Blonde unter den vielen Dunkelhaarigen in sehr hellen Farben und doch düster. Schließlich kam Lila herein."



02 Mai 2026

Irving Stone: Zur See und im Sattel. Das Leben Jack Londons

Irving Stone: Zur See und im Sattel.  Das Leben Jack Londons. (engl. 1938; rororo TB 1955)

(von mir erstmals gelesen 1958 - Damals im Lektüretagebuch: "Jack London lebt in der Jugend als Pirat u.ä. Nach größten Werken tötet er sich."*) *Laut Wikipedia ist die Todesursache umstritten. Seine Niereninsuffizienz  wie Morphium, das er nahm, kommen in Frage.

Es ist nicht ganz leicht, die knappe Darstellung von Londons Leben in der Wikipedia, in seinem autobiographischen Roman Martin Eben und der ausführlichen Schilderung Stones in Übereinstimmung zu bringen.

Wikipedia: "Das Bild des sozialen Abgrunds heruntergekommener, ins Elend abgerutschter Männer, die in jüngeren Jahren genau so waren wie er, ließ seine Vorstellung reifen, nicht mehr körperlich zu arbeiten. Er beschloss, seinen Kopf zu gebrauchen, und begann hektisch, sich auf viele Arten zu bilden. Er las die Werke von Karl MarxCharles Darwin und Herbert Spencer. In ihren Ideen erkannte er sich selbst. So entwickelte sich sein politisches Bewusstsein. London engagierte sich für alles, was den Armen und den Arbeitern helfen konnte, sich aus dem Abgrund der Armut zu befreien. Gleichzeitig hielt er leidenschaftliche Ansprachen auf dem Rathausplatz in Oakland, die ihn ins Gefängnis brachten.

Die Zeit um die Mitte der 1890er Jahre, in die Londons erste schriftstellerischen Bemühungen fielen, schildert er selbst:

„Das Schlimmste für den Schreibanfänger sind die langen Dürreperioden, in denen kein Scheck von einem Verlag kommt und alles Pfändbare schon verpfändet ist. … Mein Problem bestand darin, dass ich niemanden hatte, der mich beriet. Ich kannte keine Menschenseele, die schrieb oder den Versuch zu schreiben gemacht hatte. Ich kannte nicht einmal einen Reporter. Außerdem stellte ich fest, dass ich praktisch alles vergessen musste, was die Lehrer und Professoren der Literatur an der High School und Universität mich gelehrt hatten, um mit dem Schreiben Erfolg zu haben.“[13]"

Das passt zur Darstellung in Martin Eden. Aber es fehlen die vielen Frauengestalten, die Stone anführt. Die finden sich dafür in Martin Eden. Ruth entspricht Mabel, der Empfindsamen, doch seine Mutter Flora und Bessie Maddern, die Frau, die er heiratet, finden sich dort nicht.


Bei Stone heißt es zu dieser Zeit unter anderem: "Aber wie sollte er es anstellen, dass seine Erzählungen über die Steinbarrikade von Chefredakteuren hinwegkamen, die ihr feines Leserpublikum vor den Überfällen der Barbaren des Westens schützen? Er hatte niemanden, der ihm hätte helfen oder raten können. [...] Er musste die Schlacht allein schlagen, im Dunkeln und nichts als seine Ausdauer, seine Entschlossenheit, seiner Überzeugung und seine Erzählergabe als Verbündeten. Er verströmte seine Seele in seine Geschichten und Artikel, faltete das frische Manuskript zusammen, fügte, dass sich ziemende Rückporto bei, schloss, den langen Umschlag, versiegelte ihn, klebte Briefmarken darauf und warf ihn in den Kasten. Das Manuskript reiste quer über den Kontinent, und nach Verlauf einiger Zeit brachte, es der Postbote zurück. Jack war überzeugt, dass auf der anderen Seite kein Redakteur seiendes Menschenwesen saß, sondern dass dort ein ausgeklügelter Apparat das Manuskript von einem Umschlag in den anderen schob und Marken daraufpickte.
Zeit! Zeit! Das war seine endlose Klage. Zeit, sein Handwerk beherrschen zu lernen, bevor der Mangel an Geld für Lebensunterhalt und Miete ihn untergehen ließ. Der Tag hatte nicht genug Stunden, alles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Schweren Herzens riss er sich vom Schreiben los, um zu studieren, schweren Herzens riss er sich aus ernsten Studium, um in die Bibliothek zu gehen und die Magazine zu lesen, und schweren Herzens verließ er den Lesesaal,  um zu Mabel zu eilen, der einzigen/ Erholungsstunde, die er sich gönnte. Am härtesten kam es ihn an, Bücher und Bleistift beiseite zu legen und die brennenden Augen zum Schlaf zuschließen. In seinem leidenschaftlichen Eifer setzte er sich auf eine Schlafration von fünf Stunden. Ihm war der Gedanke verhasst, ohne bedingten Zwang, auch nur kurze Zeit zu leben aufzuhören; sein einziger Trost war die Vorstellung, dass der Wecker auf fünf Uhr früh gestellt war, dass ihn die schrille Glocke der Bewusstlosigkeit entreißen und er neue herrliche neunzehn Stunden Arbeit vor sich haben werde. Er war eine verrückte, eine entflammte Seele.

Endlich, im Januar, brachte die 'Overland Monthly'  ''To the Man on Trail'. Es war Jacks Debüt als Berufsschriftsteller. Der Redakteur hatte es nicht nur unterlassen, ihm die versprochen, fünf Dollar zu schicken, es war ihm nicht einmal eingefallen, ihm ein Belegexemplar zu senden. Jack starrte stumm auf die Auslagen eines Zeitungsstandes am Broadway; er hatte nicht die zehn Cents in der Tasche, sich das Heft zu kaufen und zu sehen, wie sich seine Geschichte gedruckt ausnahm. Er wanderte zum Stadtrand zu Applegarths, borgte sich das Nickel Stück, wanderte wieder zurück… und kaufte sich sein Heft. (S. 88/89)

(Diese Passage könnte fast allein aufgrund des Textes von Martin Eden entstanden sein.)

"Im Juli endlich konnte er wirklich, als Schriftsteller von Beruf gelten, denn da liefen von ihm Geschichten und Artikel in fünf Zeitschriften – für einen jungen Menschen von 23 Jahren, der erst neun Monate schrieb, ein Wunder. Das 'American Journal of Education' brachte zwei Arbeiten über die Sprache und den Gebrauch der Zeitwörter, Studien, die zeigen, wie weit er mit seiner handwerklichen Selbsterziehung gekommen war. Die 'Owl, , die schäbig zahlende, aber eifrig druckende 'Overland Monthly' und der Tillotson-Konzern erwarben einiges Skizzen.

Jack hielt dafür, dass dieser Galamonat ebenso verdiene, gefeiert zu werden, wie die Veröffentlichung seiner beiden ersten Erzählungen, und so löst er es sein Fahrrad aus, holte Mabel ab und fuhr mit ihr in die Berge. Aber als er ihr diesmal seine Triumphe zu Füßen legte, schien sie nachdenklich und niedergeschlagen. Auf ihre direkte Frage gestand er, dass alle fünf Beiträge im nur zehn Dollar angebracht hätten, zu denen noch 7,50 Dollar kämen, wenn die Overland Monthly ihren Rückstand begliche. Mabel sank zusammen, packt den Kopf in seinem Schoß und weinte. Sechs Monate ihres Verlobungsjahres waren schon verfossen, und Mabel bewiesen Jacks Einkommen aus seiner doch erfolgreichen Schriftstellerei nur, dass sie davon niemals leben können. Sie selber/hätte seine Armut gern geteilt, aber ihre Mutter hatte ihr mit Nachdruck klargemacht, dass sie Jack nicht heiraten dürfte, bevor er nicht eine gesicherte Existenz bieten könnte. (Seite 92/93).

 "[...] Im Frühjahr 1913 war er, der am höchsten, bezahlte, bekannteste und volkstümlichste Autor der Welt und nahm die Stellung ein, die Kipling zur zu Beginn des Jahrhunderts behauptet hatte,. Seine erzählenden Werke wurden ins Russische, Französische, Deutsche, Schwedische, Norwegische, Dänische, Holländische, Ungarische, Polnische, Spanische, Italienische und Hebräische übersetzt, und seine Bilder erschien überall so oft, dass ich sein jungenhaftes, hübsches irisches Gesicht Millionen einprägte.
 Gerüchte und Anekdoten um ihn drängten bis in die Steppenasiens. Jedes Wort von ihm und das geringste, was er unternahm, wurde von den Zeitungen wiedererzählt. Äußerte oder tat er nichts, was ich hätte ausschlachten lassen, so erfanden die Reporter etwas. "Ich erinnere mich, dass an einem Tag drei verschiedene Nachrichten über mich erschienen. Die erste Depeche meldete, dass sich meine Frau mit mir in Portland, Oregon, entzweit habe und mit dem Schiff nach San Francisco gereist sei, um bei ihrer Mutter zu bleiben; die zweite Lüge war, ich sei bei einer Schlägerei in einer Kneipe in Eureka, in Kalifornien, von einem steinreichen Holzhändler verprügelt worden. Die dritte Schwindelmeldung behauptete, ich hätte in einem Gebirgsort in Washington, ein Exemplar einer Seeforelle gefangen, die wegen ihrer Schnelligkeit eigentlich überhaupt nicht zu fangen sei, und dadurch eine Wette über hundert Dollar gewonnen. An dem frag/lichen Tage hielten sich meine Frau und ich tief in den Wäldern Südwestoregons auf, fern jeder Bahn, jeder Straße, jedem Telefon und jedem Telegrafen."
Er reagierte auf solche journalistischen Märchen nie, obwohl sie ihn manchmal kränkten. "Weißt du übrigens schon, dass eine in dem Hügelland hinter Berkeley wandernde Studenten von einem Landstreicher überfallen worden ist und dass die Zeitungen schreiben, das müsste Jack London gewesen sein?" Nicht einmal hat ihn der Presseclub in San Francisco eingeladen, aber als sich seine Mitglieder ein Clubhaus bauen wollten, forderten sie ihn auf, zweitausend Dollar zu stiften. Es war dies der einzige Fall, wo ihm die Ablehnung einer Bitte um Geld  Vergnügen bereitete." (226/227). 

Sieh auch: Jack London: Martin Eben

Es fällt schwer, die Darstellung von Londons Leben in der Wikipedia, in seinem autobiographischen Roman Martin Eben und der Schilderung Stones in Übereinstimmung zu bringen.

Wikipedia: "Das Bild des sozialen Abgrunds heruntergekommener, ins Elend abgerutschter Männer, die in jüngeren Jahren genau so waren wie er, ließ seine Vorstellung reifen, nicht mehr körperlich zu arbeiten. Er beschloss, seinen Kopf zu gebrauchen, und begann hektisch, sich auf viele Arten zu bilden. Er las die Werke von Karl MarxCharles Darwin und Herbert Spencer. In ihren Ideen erkannte er sich selbst. So entwickelte sich sein politisches Bewusstsein. London engagierte sich für alles, was den Armen und den Arbeitern helfen konnte, sich aus dem Abgrund der Armut zu befreien. Gleichzeitig hielt er leidenschaftliche Ansprachen auf dem Rathausplatz in Oakland, die ihn ins Gefängnis brachten.

Die Zeit um die Mitte der 1890er Jahre, in die Londons erste schriftstellerischen Bemühungen fielen, schildert er selbst:

„Das Schlimmste für den Schreibanfänger sind die langen Dürreperioden, in denen kein Scheck von einem Verlag kommt und alles Pfändbare schon verpfändet ist. … Mein Problem bestand darin, dass ich niemanden hatte, der mich beriet. Ich kannte keine Menschenseele, die schrieb oder den Versuch zu schreiben gemacht hatte. Ich kannte nicht einmal einen Reporter. Außerdem stellte ich fest, dass ich praktisch alles vergessen musste, was die Lehrer und Professoren der Literatur an der High School und Universität mich gelehrt hatten, um mit dem Schreiben Erfolg zu haben.“[13]"

Das passt zur Darstellung in Martin Eden. Aber es fehlen die vielen Frauengestalten, die Stone anführt. Die finden sich dafür in Martin Eden. Ruth entspricht Mabel, der Empfindsamen, doch seine Mutter Flora und Bessie Maddern, die Frau, die er heiratet, finden sich dort nicht.

Bei Stone heißt es:

"Im Juli endlich konnte er wirklich, als Schriftsteller von Beruf gelten, denn da liefen von ihm Geschichten und Artikel in fünf Zeitschriften – für einen jungen Menschen von 23 Jahren, der erst neun Monate schrieb, ein Wunder. Das 'American Journal of Education' brachte zwei Arbeiten über die Sprache und den Gebrauch der Zeitwörter, Studien, die zeigen, wie weit er mit seiner handwerklichen Selbsterziehung gekommen war. Die 'Owl, , die schäbig zahlende, aber eifrig druckende 'Overland Monthly' und der Tillotson-Konzern erwarben einiges Skizzen.

Jack hielt dafür, dass dieser Galamonat ebenso verdiene, gefeiert zu werden, wie die Veröffentlichung seiner beiden ersten Erzählungen, und so löst er es sein Fahrrad aus, holte Mabel ab und fuhr mit ihr in die Berge. Aber als er ihr diesmal seine Triumphe zu Füßen legte, schien sie nachdenklich und niedergeschlagen. Auf ihre direkte Frage gestand er, dass alle fünf Beiträge im nur zehn Dollar angebracht hätten, zu denen noch 7,50 Dollar kämen, wenn die Overland Monthly ihren Rückstand begliche. Mabel sank zusammen, packt den Kopf in seinem Schoß und weinte. Sechs Monate ihres Verlobungsjahres waren schon verfossen, und Mabel bewiesen Jacks Einkommen aus seiner doch erfolgreichen Schriftstellerei nur, dass sie davon niemals leben können. Sie selber/hätte seine Armut gern geteilt, aber ihre Mutter hatte ihr mit Nachdruck klargemacht, dass sie Jack nicht heiraten dürfte, bevor er nicht eine gesicherte Existenz bieten könnte. (Seite 92/93).


01 Mai 2026

B. Groethuysen: Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich

 besprochen von  norberto42 (Danke! Fontanefan)

"[...] Groethuysen hat vor hundert Jahren ein Buch geschrieben, in dem er [...] zeigt, wie sich im Frankreich des 18. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Bürgertums die katholische Religion, vor allem das religiöse Erleben ändert: wie der Tod und die mit ihm drohende Hölle ihren Schrecken verlieren, wie „Gott“ aus dem souverän Erwählenden und Verwerfenden zu einem gütigen Vater aller wird, wie die Menschen – nach christlicher Lehre verderbt durch die Erbsünde – ihren wesentlichen Status als Sünder verlieren und zu Menschen werden, die gelegentlich sündigen, aber ordentliche Bürger sind und sich durchaus des Lebens auf Erden erfreuen dürfen. Die großen Parteien innerhalb der Kirche waren die Jansenisten, die strikt an der alten Religion mit der Verneinung der Welt festhielten, und die Jesuiten, die sich dem neuen Menschentypus annäherten und ihn für den Katholizismus zu retten versuchten; durch die Bulle Unigenitus wurden hundert Thesen der Jansenisten verdammt, die Jesuiten obsiegten im innerkirchlichen Streit.*

Groethuysen schildert diese Entwicklung breit und [...] einleuchtend, vor allem für den, der selber noch eine Art katholischer Erziehung abbekommen hat. [...]"

https://archive.org/details/die-entstehung-der-burgerlichen-1/page/n3/mode/2up (1. Band, 1927)

https://archive.org/details/die-entstehung-der-burgerlichen-welt-2/page/n5/mode/2up (2. Band, 1930)

https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Groethuysen (B. Groethuysen)

https://www.deutsche-biographie.de/gnd118542370.html#dbocontent (dito)

Mancher, der in den Jesuiten die Ausgeburt des Bösen zu kennen glaubte, wird sich vielleicht wundern, wie modern und säkular sie aus dieser Perspektive wirken. (Fontanefan)

*  "[...]Die Rückbesinnung auf die Lehre von der zuvorkommenden Gnade führte zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit dem in Frankreich mächtigen Jesuiten-Orden, der nach den Schriften des Jesuiten Luis de Molina auch Parti moliniste genannt wurde. Jedem Leser von Jansens Augustinus musste klar sein, dass darin der sogenannte Molinismus, der bereits seit 1588 zum sogenannten   Gnadenstreit mit den Dominikanern geführt hatte, wie auch die als laxe Moral verdächtige Kasuistik und der Probabilismus in die Kritik geriet. Die Jansenisten verurteilten die jesuitische Lehre, nach der die göttliche Gnade und die menschliche Willensfreiheit bei der Erlangung des Seelenheils zusammenwirkten. Sie nahmen auch Anstoß an der jesuitischen Lehrmeinung, für die zum Empfang der Sündenvergebung notwendige Reue reiche die Furcht vor göttlichen Strafen aus. Nach jansenistischer Auffassung entspringt wahre Buße aus der Liebe zu Gott und ist allein ein Geschenk der göttlichen Gnade. Im Gegensatz zu den Jesuiten, die den christlichen Glauben in der Welt in Verbindung mit barocken  Frömmigkeitsformen proklamierten, forderten die Jansenisten ein einfaches, zurückgezogenes Leben. [...]" (Wikipedia)

22 April 2026

Hofstadter: Gödel, Escher, Bach

Das Buch ist großartig, weil es so viel Einsichten ermöglicht, auch wenn man kein zureichendes Verständnis für die dahinter stehenden Überlegungen hat. 

Meine beiden älteren Kinder haben es mit großer Freude gelesen, bevor sie 13 Jahre alt waren. Natürlich haben sie das meiste überschlagen. Ich habe zwar weniger überschlagen. Aber als mein Sohn es während seines Informatikstudiums las, fand er auch Stellen, die er überschlug, weil er die Einsicht, auf die das Informatikkapitel hinzielte, auch ohne volles Verständnis aller Einzelheiten gewann.

Hier der Text des Buches als pdf.

Und hier eine Erläuterung der Vorzüge des Buchs von einem Kenner. Beides auf Englisch. 

Die beste Erläuterung der Aussageabsicht des Buches stammt aber von Hofstadter selbst und ist hier auf Deutsch zu lesen. Im dort anschließenden Text ordnet Gero von Randow das Buch in die sich seitdem ergebende Forschung zu KI ein. Nicht ganz so einsichtig wie Hofstadters Buch aber weit kürzer und auf unseren gegenwärtigen allgemeinen Wissensstand bezogen. 

Hier folgt der Text des Wikipediaeintrags zu dem Buch, den man aber vermutlich bequemer in der Wikipedia selbst liest:

https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6del,_Escher,_Bach

Gödel, Escher, Bach – ein Endloses Geflochtenes[1] Band, kurz GEB, ist ein Buch von Douglas R. Hofstadter aus dem Jahr 1979, die deutsche Übersetzung erschien 1985. Der Originaltitel lautet Gödel, Escher, Bach – An Eternal Golden Braid.

Hintergrund: Das Buch entstand ab 1974 und fokussierte sich zunächst auf den Unvollständigkeitssatz von Kurt Gödel und die Grenzen formaler Logik. Später fügte Hofstadter Dialoge und Bezüge zu M. C. Escher und Johann Sebastian Bach hinzu, „sodass die Verspieltheit zu einer Art zweitem – aber äußerst wichtigem – Teil des Buches wurde“.[2][3] Hofstadter betonte immer wieder, dass es nicht um die Beziehungen zwischen MathematikKunst und Musik geht, sondern darum, wie Kognition und menschliche Intelligenz entstehen:[2]

Inhalt: Der Autor sieht in bestimmten selbstbezüglichen Mustern, den von ihm so genannten seltsamen Schleifen[4] in rückgekoppelten Systemen, den Schlüssel zum Verständnis von Phänomenen wie Sein oder Bewusstsein. Seine Systematik verbindet das mathematische Werk Kurt Gödels mit den kunstvollen Illustrationen M. C. Eschers und der Kunst der Fuge Johann Sebastian Bachs. Diese schöpferischen Werke setzt er in Beziehung zur Informatik, wie selbstbezüglichen Computerprogrammen, den sogenannten Quines, und den Strukturen der DNS, mithin der Molekularbiologie, sowie dem (Selbst-)Bewusstsein eines Individuums.

Jedem Kapitel geht ein kurzer Dialog mit den Hauptfiguren des von Aristoteles  geschilderten Paradoxons Achilles und die Schildkröte voran, in dem der schnelle  Achilles  die langsame Schildkröte niemals einholt. Die fugenartig eingestreuten Dialoge mit der Schildkröte Theo und anderen Tieren leiten das Thema des folgenden Kapitels jeweils spielerisch ein. Einer der Dialoge ist ein Nachdruck von Lewis Carrolls Erzählung What the Tortoise Said to Achilles vor dem Kapitel II – Bedeutung und Form in der Mathematik.  Carrolls Nonsensgedicht Jabberwocky aus Alice hinter den Spiegeln dient als englisch-französisch-deutsche Suite zur Einleitung von Kapitel XII – Geist und Denken zur Betrachtung von Übersetzungsproblemen aufgrund  semantischer  Unterschiede der Bedeutung. Das Buch ist voll von Rätseln, darunter Hofstadters MU-Rätsel,[5] das das Denken innerhalb eines definierten logischen Systems mit dem Denken über dieses System vergleicht. Ein weiteres Beispiel ist das Kapitel mit dem Titel Contrakrostipunktus, das die Wörter Kontrapunkt und Akrostichon kombiniert. Im Dialog zwischen Achilles und der Schildkröte deutet der Autor an, dass es in diesem Kapitel ein kontrapunktisches Akrostichon gibt, das sich sowohl auf den Autor (Hofstadter) als auch auf Bach bezieht. Dies lässt sich herausfinden, indem man das erste Wort eines jeden Absatzes nimmt: „Hofstadters Contrakrostipunktus akrostikalisch bespiegelt sagt J. S. Bach“. Das zweite Akrostichon ergibt sich, wenn man die Anfangsbuchstaben der Wörter des ersten Akrostichons nimmt und sie rückwärts liest, um „J. S. Bach“ zu erhalten, wie der Akrostichon-Satz selbstreferentiell feststellt.

Hofstadter nähert sich dem Geist aus der Perspektive der Computerwissenschaften, da es sowohl Hardware- als auch Software-Aspekte der menschlichen Intelligenz gibt. Er betrachtet die Entfaltung der Intelligenz im Sinne eines formalen Systems. Im Gegenzug erklärt Hofstadter, dass formale Systeme eingebettet sind. Er folgert daraus, dass es im Verhältnis zu dem, was wir in einem formalen System als explizit wahrnehmen, auch einen Aspekt gibt, der immanent implizit ist. Er stellt eine biologische Analogie darüber vor, wie einzelne Neuronen im Gehirn koordiniert werden, um ein einheitliches Gefühl eines kohärenten Geistes zu schaffen, indem er das Verhalten mit der sozialen Organisation in einer Ameisenkolonie vergleicht. Darin entspricht jede Ameise einem Signal, während das voll entwickelte Ameisenvolk einen ganzheitlichen Aspekt annimmt und neue molekulare Mechanismen entstehen.[6]

In den Schlusskapiteln befasst sich Hofstadter mit Rückblicken und Aussichten zur künstlichen Intelligenz, dem Ursprung von Kreativität und dem Zusammenhang zwischen Intelligenz und Gefühl. Die Frage, ob Computerprogramme jemals schöne Musik schreiben könnten, beantwortete er wie folgt:

„Musik ist die Sprache der Gefühle, und bis Programme so komplexe Empfindungen haben wie wir, gibt es keine Methode, nach der ein Programm etwas Schönes schreiben kann. „Fälschungen“ sind möglich – seichte Nachahmungen der Syntax früherer Musik – aber was man auch zunächst denken mag: Es gibt viel mehr an musikalischem Ausdruck, als sich in syntaktischen Regeln einfangen lässt. […] Ein „Programm“, das Musik erzeugen könnte, wie [Chopin und Bach] es taten, müsste allein auf der Welt umherirren, sich seinen Weg durch das Labyrinth des Lebens erkämpfen und jeden Augenblick erfühlen. Es müsste die Freude und Einsamkeit in einem eisigen Nachtwind verstehen, die Sehnsucht nach einer geliebten Hand, die Unzugänglichkeit einer fernen Stadt, das gebrochene Herz und die Regeneration nach dem Tod eines Menschen. Es müsste Resignation erfahren haben und Weltschmerz, Kummer und Verzweiflung, Vorsehung und Sieg, Frömmigkeit und Ehrfurcht.“

– Gödel, Escher, Bach (S. 721)

Übersetzungen

Hofstadter behauptet, die Idee, sein Buch zu übersetzen, sei ihm „nie in den Sinn gekommen“, als er es schrieb – aber als sein Verleger es ansprach, war er „sehr aufgeregt, das Buch in anderen Sprachen zu sehen, besonders … auf Französisch“. Wie er in Kapitel XII ausführt, wusste er, dass es bei der Übersetzung „eine Million Probleme zu berücksichtigen“ gab, zumal das Buch auch auf „strukturellen Wortspielen“ beruht, bei denen sich Form und Inhalt gegenseitig widerspiegeln. Beispielsweise referenziert der Dialog „Krebs-Kanon“, der sich vorwärts wie rückwärts fast genauso liest, auch Bachs Krebskanon und Eschers gleichnamige Grafik.

Hofstadter nennt als Beispiel für Übersetzungsprobleme den Abschnitt „Mr. Tortoise, Meet Madame Tortue“ und sagt, dass die Übersetzer „sofort in den Konflikt zwischen dem weiblichen Geschlecht des französischen Substantivs tortue und der Männlichkeit meiner Figur, der Schildkröte, gerieten“. Hofstadter stimmte den Vorschlägen der Übersetzer zu, die französische Figur Madame Tortue und die italienische Version Signorina Tartaruga zu nennen. Die deutsche Übersetzung[7] verwendet Herr Schildkröte oder Theo Schildkröte. Zur Wahrung der semantischen Bedeutung ging Hofstadter „akribisch jeden Satz von Gödel, Escher, Bach durch und kommentierte eine Kopie für die Übersetzer in jede Sprache, die in Frage kommen könnte“.

Die Übersetzungen boten Hofstadter auch die Möglichkeit, neue Bedeutungen und Wortspiele hinzuzufügen. Zum Beispiel ist der Untertitel im Chinesischen keine Übersetzung von „Eternal Golden Braid“, sondern eine scheinbar nicht verwandte Phrase Jí Yì Bì (集异璧, wörtlich „Sammlung exotischer Jaden“), die homophon zu GEB im Chinesischen ist. Einiges Material zu diesem Zusammenspiel findet sich in Hofstadters späterem Buch Le Ton beau de Marot: In Praise of the Music of Language (1997, nur in Englisch) in dem es hauptsächlich um Probleme der Übersetzbarkeit (auch durch Computer) und des Verstehens geht.

Die Nachbemerkung der deutschen Ausgabe von Gödel, Escher, Bach weist darauf hin, dass „der Autor, der genügend Deutsch spricht, der deutschen Übersetzung zugestimmt hat“ und „alle größeren Veränderungen und Ergänzungen mit ihm vorher abgesprochen“ wurden.