18 Oktober 2026

Sigmund Freud in seinen Brautbriefen

 

Wer Sigmund Freud war, bevor er der wurde, der er sein wollte

Nach der Lektüre der Bände 3 und 4 der „Brautbriefe“ kann man die „Entwicklung des Helden“ besser denn je verstehen

Von Bernd NitzschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Nitzschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 17. Juni 1882 verlobten sich Sigmund Freud und Martha Bernays nach nur zweieinhalbwöchiger näherer Bekanntschaft – heimlich. Einige Monate später weihten sie auch ihre Angehörigen und Freunde ein. Ernest Jones schreibt: „Am letzten Tag des Monats Mai hatten sie, als sie Arm in Arm vom Kahlenberg herunterstiegen, ihr erstes Gespräch unter vier Augen“ (Sigmund Freud – Leben und Werk, Bd. 1). In der „Chronologie“, die den hier besprochenen Bänden (3 und 4) des Briefwechsels beigegeben ist, wird aus diesem ersten Tête-à-Tête das „erste ernsthafte Gespräch“, das die beiden miteinander geführt hätten. Es soll angeblich nicht am 31. Mai, sondern am 2. Juni stattgefunden haben. Wie dem auch sei, die Gegend um den Kahlenberg, von dem aus man einen traumhaften Blick auf Wien hat, war zukunftsweisend: Jahre später, am 24 Juli 1895, „wenige Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau“ (Martha Bernays wurde am 26. Juli 1861 geboren), hatte Freud in „einem einzelstehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen“, den in der psychoanalytischen Literatur wohl am häufigsten reinterpretierten (sogenannten „Irma“-)Traum (Die Traumdeutung, Kap. 2). Das „einzelstehende Haus“ (Schloss Bellevue) wurde später abgerissen. Heute steht dort eine Gedenktafel, auf der man ein Zitat lesen kann, das einem Brief an Wilhelm Fließ entnommen wurde: „Hier enthüllte sich dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes.“

Auch die unmittelbaren Folgen des Spaziergangs des 28jährigen Sigmund Freud und der knapp 21jährigen Martha Bernays durch den Wiener Wald waren ‚ernsthafter‘ Natur: Als Freud erfuhr, dass seine Angebetete auch noch andere Verehrer hatte, raste er vor Eifersucht. Wenn er daran denke, so wird er später an die Braut schreiben, „verliere ich die Herrschaft über mich, und wenn ich die Macht besäße, die ganze Welt, uns mit einbegriffen, zu zertrümmern, um sie von neuem spielen zu lassen: auf die Gefahr hin, daß sie nicht wieder mich und Martha hervorbringt, ich täte es unbedenklich“ (Brautbriefe, Bd. 1). Soviel zur Ouvertüre einer Leidenschaft, die in der Folgezeit zu allerlei Verwünschungen, Anklagen, Forderungen, dann wieder zu Bitten um Versöhnung und neuen Liebesschwüren führen sollte.

Im Juni 1882 war die Welt in Wien für den eifersüchtig liebenden Freud, der keinen Dritten neben sich dulden wollte, allerdings noch halbwegs in Ordnung. Und wenn er sie wieder einmal aus den Angeln zu heben drohte, dann konnte seine Verlobte noch immer von Angesicht zu Angesicht über sein Herzeleid mit ihm sprechen. Das änderte sich im Juni 1883 dramatisch. Jetzt setzte Emmeline Bernays, die Mutter der Braut, ihren Entschluss, in die alte Heimat zurückzukehren, in die Tat um und nahm ihre beiden Töchter, Martha und Minna, mit nach Wandsbek (damals noch ein selbständiger Ort vor den Toren Hamburgs). Diese Entscheidung der Schwiegermutter in spe führte zur jahrelangen Trennung der Liebenden – und zu einer sich immer mehr steigernden Abneigung des Schwiegersohns in spe gegen die Brautmutter. Später wird Sigmund Freud, sein persönliches Schicksal verallgemeinernd, schreiben: „Es ist kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr Zusammenleben erschwert“ (Totem und Tabu, 1912-13). Als Grund der „Feindseligkeit“ nennt er an dieser Stelle allerdings nicht die Konkurrenz um die Liebe der Tochter (Braut), sondern das (inzestuöse) Begehren, das rituell abgewehrt werden müsse. [...]" (zur Fortsetzung)

In seinem Brief vom 16.9.1883 berichtet Freud von dem allzu fordernden Werben seines Bekannten Nathan Weiß, das am 13.9.1883 zu dessen Selbstmord durch Erhängen führte. Dieser Brief gilt als eindrucksvollstes Beispiel für seine Leistung Analytiker vor der Entwicklung seiner Theorie.

Sigmund Freud Wilhelm Fließ Max Schur Sigmund Freud. Leben und Sterben.

Biermann und Walser und andere Schriftsteller

 Biermann erlebt man immer nur inszeniert. Er verkündet seine Erkenntnisse. Walser erlebt man verletzlich. 1964 habe ich Walser in Berlin erlebt. Ich wusste, er hatte über Kafka promoviert, hatte seine Ehen in Philippsburg gelesen. Schon damals fühlte er sich von dem mächtigen Literaturpapst Reich-Ranicki angeggriffen.

Biermann war uns durch seine Auftritte und Schallplatten bekannt, wir sangen seine Lieder. Dann habe ich ihn in Frankfurt in der Alten Oper erlebt, vor großem Publikum. Immer verkündet er,stellt seine Erkenntnisse aus. Aber man kann seine Kunst der Formulierung erleben. Er ist einfach ein Meister. 

Walser ist wortreich. Ein Großschriftstelle, der sich zum Sprecher für andere macht und dadurch wie in seiner Paulskirchenrede angreifbar wird.

Biermann bietet Erprobtes und Geprobtes. Er weiß, dass man ihn hört und abhört ("Die Stasi ist mein Eckermann:" und richtet sich danach. Auf seine Tagebücher darf man gespannt sein. Es wird wohl nur Erprobte vorkommen, aber das ist jetzt durchaus Absicht.


Auftritte und Interviews mit mehreren Schriftstellern, Vorstellung von Schriftstellern und literarischen Werken

William Faulkner: Licht im August

Licht im August ein 1932 erschienener Roman des US-amerikanischen Autors und Nobelpreisträgers 

Licht im August spielt wie die meisten Romane Faulkners im fiktiven Yoknapatawpha County im Bundesstaat Mississippi, in und um die Kleinstadt Jefferson. Der Höhepunkt der Handlung spielt im August, etwa in dem Jahr, in dem der Roman verfasst wurde.

Der Roman beschreibt die Schicksale mehrerer Personen, die teilweise verwoben sind und unterschiedliche Handlungsstränge im Roman bilden. Lena Grove macht sich, ledig und schwanger, von Alabama aus auf die Suche nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes, Lucas Burch. Wegen der Namensähnlichkeit trifft sie Byron Bunch, der weiß, dass sich Burch jetzt Joe Brown nennt. Er verschweigt dies aber, weil er sich in Lena Grove verliebt hat. Eine weitere Hauptfigur ist der ehemalige Pastor Gail Hightower, der sein Amt aufgeben musste, nachdem seine Frau auf dubiose Weise ums Leben gekommen war. Er lebt zurückgezogen in Jefferson, wird jedoch häufig von Bunch besucht. Bunch sucht um Verständnis für sein Handeln, Hightower missbilligt es aber.

Die Schilderung des Lebens von Joe Christmas nimmt den breitesten Raum im Roman ein. Er arbeitet wie Burch und Bunch im Sägewerk des Ortes. Nebenher verdienen er und Burch Geld als Schwarzbrenner von Whiskey. Christmas wurde als Kind am Heiligabend an der Tür eines Waisenhauses aufgefunden. Mit fünf Jahren wird er unfreiwillig Zeuge, wie zwei Angestellte des Waisenhauses sexuell verkehren. Damit er dies nicht ausplaudert und da seine Herkunft unklar ist, wird veranlasst, dass er adoptiert wird. Sein Adoptivvater ist ein fanatischer, bigotter Christ. Christmas ist verfolgt von der Idee, schwarze Vorfahren zu haben, und fühlt sich keiner Gemeinschaft zugehörig. Er liebt die erheblich ältere Prostituierte Bobbie. Im Alter von 18 Jahren schlägt er seinen Adoptivvater nieder, wird von Bobbie nicht aufgenommen und zieht zwölf Jahre durch die Vereinigten Staaten. Schließlich lässt er sich drei Kilometer von Jefferson bei Joanna Burden nieder, die alleinstehend ist und kurz vor der Menopause steht. Er lebt in einer Hütte am Haus und hat über rund drei Jahre ein sexuelles Verhältnis mit der Frau, das sich abkühlt. Sie versucht, ihn als Nachfolger ihrer Arbeit zu gewinnen, bei der sie Schwarze berät und ihre Schulen unterstützt, wie es ihrer Familientradition entspricht. Schließlich zieht Lucas Burch zu Christmas in die Hütte. Als Burden Christmas zum Beten überreden will, ist es mutmaßlich er, der sie ersticht und fast köpft. Das Haus wird angezündet und brennt in den Stunden, als Lena Grove nach Jefferson gelangt. Christmas flieht, bevor der Mord entdeckt wird. Burch versucht, die 1000 US-Dollar Belohnung zu erhalten, die zur Ergreifung Christmas’ ausgesetzt sind. Christmas gelangt auf der Flucht in das 30 Kilometer entfernte Mottstown, wo er sich auf der Straße gefangen nehmen lässt. Dort leben seine leiblichen Großeltern, die ihm nach Jefferson nachreisen, wo Christmas im Gefängnis sitzt. Erst jetzt erfährt der Leser, dass Joe Christmas Sohn der Tochter des Ehepaars ist, die von einem Zirkusmitarbeiter schwanger wurde. Der Großvater erschoss den Vater, ließ zu, dass seine Tochter bei der Geburt starb, und brachte das Kind zum Waisenhaus. Später flüsterte er Christmas ein, dass er schwarze Vorfahren habe, obwohl dies nur auf Hörensagen beruhte.

Bunch bittet Hightower im Beisein der Großeltern Christmas’, diesem ein falsches Alibi auszustellen. Hightower lehnt dies ab, da er annimmt, dass Bunch eigene Interessen verfolgt. Das Kind von Lena Grove wird im Beisein von Christmas’ Großeltern und Hightowers geboren, wobei die Großmutter und Hightower Geburtshilfe leisten. Bunch kümmerte sich um einen Arzt und dann darum, dass Lena mit dem leiblichen Vater zusammenkommt, nachdem sie es abgelehnt hat, Bunch zu heiraten. Er plant, Jefferson für immer zu verlassen, trifft aber Lucas Burch, der vor Lena Grove flüchtet, und wird von diesem verprügelt. Er nähert sich wiederum Lena Grove an. Christmas flüchtet aus dem Gefängnis, erbeutet eine Pistole und versucht, bei Hightower unterzukommen. Erst als es zu spät ist, ist Hightower bereit, Christmas zu entlasten. Es kommt aber nicht mehr dazu, da der junge Soldat Percy Grimm, der Christmas ohne Mandat des Sheriffs verfolgt hat, in Hightowers Haus eindringt, fünf Schüsse auf Christmas abgibt und den Sterbenden kastriert.

Das vorletzte Kapitel schildert das Leben Hightowers, der so in seine eigene Geschichte verstrickt ist, dass daran seine Ehe und seine Tätigkeit als Pastor scheiterten. Es geht um seinen Großvater, der im Bürgerkrieg zu den Konföderierten gehörte, beim Diebstahl einiger Hühner in Jefferson erschossen wurde und dessen Rückkehr Hightower täglich erwartet.

Das letzte Kapitel handelt von Lena Grove, die mit ihrem Kind und Byron Bunch Richtung Tennessee unterwegs ist. Bunchs Annäherungsversuche lehnt sie erneut ab. Trotzdem bleibt er bei ihr, während sie unbeirrt ihren Weg weitergeht.

Aufbau und Stil

Der Roman besteht aus 21 Kapiteln, die in weitere Unterkapitel aufgeteilt sind. Insgesamt umfasst er etwa 500 Seiten.

Im Anfangs- und Schlusskapitel wird als Rahmenhandlung die Ankunft und Weiterfahrt Lena Groves geschildert.

Der Roman ist stark beeinflusst von der europäischen, literarischen Moderne, speziell von der Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms. Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt, sondern von zahlreichen Rückblenden durchbrochen. Die Erzählperspektive wandert zudem wiederholt von einer Person zur anderen, wodurch es Faulkner gelingt, authentische Innensichten der handelnden Personen darzustellen. Einige Geschehnisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und entsprechend der Überblendtechnik im Film verbunden.

Die unbewussten Gedanken der handelnden Personen werden durch Kursivschrift dargestellt, die bewussten Gedanken durch einfache Anführungsstriche. Auch die Kommasetzung folgt nicht immer den Regeln, sondern erfolgt aus übergeordneten stilistischen Gründen. Faulkner verwendet zahlreiche zusammengesetzte Adjektive, die im Englischen unüblich sind.

Symbolik und Themen

Faulkner verwendet zahlreiche Symbole. Die 21 Kapitel entsprechen den 21 Kapiteln des Johannes-Evangeliums. Zahlreiche Motive des Evangeliums finden sich in Licht im August. So reist im ersten Kapitel Lena Grove schwanger, mit wenigen Habseligkeiten und ohne Obdach wie Maria. Im zwölften Kapitel ist es Lucas Burch, der ähnlich Judas für einen Geldbetrag den Mann verraten will, der ihm Obdach gegeben hat. Joe Christmas, dessen Initialen dieselben wie die von Jesus Christus sind, wird ohne Gegenwehr ergriffen und von einer selbstgerechten Menschenmenge als Mörder und „Nigger“ beschimpft. Schließlich wird seine Tötung im 19. Kapitel geschildert, das im Johannes-Evangelium die Kreuzigung Jesu behandelt. Wie Jesus ist Joe Christmas bei seinem Tod 33 Jahre alt. Die Rolle des Byron Bunch ist der des Joseph vergleichbar.

Das Motiv der „Bewegung“ zieht sich ebenfalls durch den Roman. Während Hightower wartend auf seinem Stuhl sitzt und Lena Grove ruhig die Straße entlangzieht, ist Christmas ständig in Bewegung, bis er Joanna Burden kennenlernt; später flüchtet er erneut. Auch das Symbol „Holz“ kehrt in vielen Varianten wieder, bezugnehmend auf die Kreuzigung.[2]

Mehrere Themen ziehen sich durch den Roman: religiöser Fanatismus, die Suche nach Identität in einer von Rassendenken geprägten Gesellschaft und die Isolation in dieser Gesellschaft sowie das von untergründigem Hass geprägte Verhältnis von Mann und Frau.[3] Die meisten der dargestellten Personen sind gesellschaftlich isoliert, wegen ihrer Haltung in der Rassenfrage, ihrer eigenen Herkunft oder historischer Ereignisse, die mit der Geschichte der Südstaaten zusammenhängen. Sie sind gleichzeitig Opfer und Täter.

Geschichte

Faulkner begann den Roman unter dem Titel The Dark House („Das dunkle Haus“) ohne festen Plan[3] am 17. August 1931 und beendete ihn am 19. Februar 1932.[4] Der Roman erschien im Oktober 1932 beim New Yorker Verlag Smith & Haas. Der Titel Licht im August bezieht sich auf das besonders helle, vorherbstliche Licht einiger Augusttage in den Südstaaten.[5]

Licht im August wurde bereits 1935 von Franz Fein ins Deutsche übersetzt und ist damit der erste Roman Faulkners, der auf Deutsch herauskam. Er erschien im Rowohlt-Verlag. Eine Neuübersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel erschien 2008 im selben Verlag. Bis heute gilt er als meistgelesener Roman Faulkners in Deutschland.[6

Rezeption

Licht im August gilt als einer der wichtigsten Romane Faulkners, zusammen mit den Vorgängern Schall und Wahn, Als ich im Sterben lag und Die Freistatt und dem Nachfolger Absalom, Absalom!. Alle diese Bücher spielen ebenfalls im Yoknapatawpha County.

16 Oktober 2026

Juli Zeh

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Für Juli C. war es ein Schock, ass nach dem 11.9.2001 nicht an den Menschenrechten festgehalten wurde, sondern diese einer Problemlösung geopfert wurden. Freiheit und Sicherheit.im Widerspruch 

Corpus Delicti. als ihre Reaktion auf den 11.9.2001



15 Oktober 2026

Rabelais: Gargantua und Pantagruel

 Rabelais: Gargantua und Pantagruel (Text) (Wikipedia)

»Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder – denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben ...« Mit diesen Worten wendet sich Maistre Alcofribas Nasier (Anagramm von François Rabelais) im Vorwort zu seinem Höchst erstaunlichen Leben des großen Gargantua (1534) an seine Zeitgenossen. Eine Anrede von zweifelhafter Herzlichkeit! Die »sehr trefflichen Zecher« von 1534 aber waren weniger zimperlich. Lockere Sitten in Liebesangelegenheiten waren in den besten Familien an der Tagesordnung, und was das Zechen betrifft, so hat es noch nie als ehrenrührig gegolten, ein trinkfester Saufbruder zu sein. Nein, die damaligen Leser der unerhörten Heldentaten des Gargantua und Pantagruel waren entzückt. Da war endlich jemand, der ihre Sprache redete – eine Sprache, die die Dinge beim Namen nannte, so unverhohlen und eindeutig, daß die gelehrten ›Abstraktoren‹ jener Zeit es mit der Angst bekamen: »Euch aber soll Antonius' Feuer brennen, soll fallende Sucht zu Boden werfen, Krebs fressen, Blutfluß abzapfen, Aussatz, fein wie Kuhhaar, mit Quecksilber verfeuert, in den Hintern fahren, und ihr sollt wie Sodom und Gomorrha in Schwefel, Feuersglut und Höllengestank umkommen, wenn ihr nicht getreulich alles glauben werdet, was ich euch in dieser gegenwärtigen Chronik berichten tue.«

Das war ein ganz neuer Ton, ein Stil, der sich den Teufel scherte um jede erzieherische oder bildende Absicht einer Ars Poetica. Die Gebildeten, die echten wie die falschen, fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Der Sorbonne, der allmächtigen Regentin über Wissen und Gewissen, fiel es nicht schwer, schockiert zu sein. Ihr genügten die Freiheiten des Pantagruel (1532), um das Buch in Grund und Boden zu verdammen. Doch auch die Humanisten sahen zunächst in Pantagruel nicht viel mehr als einen groben, unanständigen Ulk. »Was fällt dir ein, Rabelais?« schreibt 1533 der Dichter Nicolas Bourbon, ein Freund Rabelais'. »Immer mehr lenkst du unsere Scholaren von ihren Pflichten ab, vom Studium der Literatur und von der Liebe zu den heiligen Büchern. Willst du denn zusehen, wie sie ihre schöne Jugend ... in deinen frivolen und finsteren Volksmären ... in unwürdigen Gemeinheiten, im Mist, im Schlamm verlieren? « Erst zwei Jahre, später, nach der Veröffentlichung des Gargantua, entdeckte man »la sustantificque mouelle«, das »substantialische Mark« dieser anscheinend so groben Knochen. Die hochgelehrte Welt der Sorbonnisten und Scholastiker verdarb sich daran gründlich den Magen. Die Humanisten und Reformatoren aber wußten den Nährwert zu schätzen.

Und was empfindet der unbefangene Leser von heute? Mehr an Ordnung gewöhnt, wird ihn die wild wuchernde Sprache, die Unförmigkeit des Ganzen verwirren. Geschult am pointierten Stil, an der diskreten Formulierung, die mehr andeutet als ausspricht, wird es ihm manchmal schwerfallen, über Rabelais' grobkörnigen Witz zu lachen. Andererseits entschädigt ihn die Fülle für die mangelnde Form. Dies ist kein Spaziergang durch den wohlproportionierten Park von Versailles – dazu ist es noch ein Jahrhundert zu früh –, sondern ein rauher Marsch durch die Wildnis, voller Überraschungen und nicht immer angenehm. Denn daß in der freien Natur nicht alles nach Eau de Cologne riecht, weiß jeder Naturfreund, und dem Philosophen ist klar, daß dies eben in der Freiheit der Natur begründet ist. Mit anderen Worten: es geht – um das Ärgernis gleich vorwegzunehmen – nicht darum, Rabelais' berühmte Unanständigkeit zu entschuldigen. Es geht darum, sie zu verstehen, aus der Zeit, aus der Anlage des Gesamtwerkes.

Man hat Rabelais' gesunde Schamlosigkeit mit der eines großen, nackten Babys verglichen. Damit ist im Grunde nicht viel gesagt. Urwüchsigkeit und Infantilität sind ja hier nicht Gegenstand, sondern Form der Auseinandersetzung. Man vergißt über den Spaßmacher zu leicht den Gelehrten. Der gleiche Rabelais, der über »Gargantua, Pantagruel, Saufaus, die Würdigkeit des Hosenlatzes, Speckerbsen cum commento etc.« schrieb und zu schreiben sich vornahm, hat Galenus ex cathedra gelehrt und die Aphorismen des Hippokrates nach dem griechischen Urtext kommentiert. In seinen fünf Büchern ist ein Wissen von enzyklopädischer Breite aufgespeichert. Die zahllosen Zitate, Anspielungen, Reminiszenzen aus der Antike und dem Mittelalter, geschöpft aus allen Wissensbereichen, vermag heute kaum noch jemand ohne einen wissenschaftlichen Kommentar zu verstehen. Rabelais' Gelehrsamkeit will ernst genommen sein. Sie ist nicht, wie etwa das romantische Rittertum des Don Quichotte, sich selbst ein Gegenstand überlegener Ironie. [...]"

Kommentar

Die Digression (Abschweifung) von Gegenstand der Erzählung hat von den deutschen Autoren am stärksten Jean Paul von Rabelais aufgegriffen.

Zitate:

Von des Gargantua Antiquität und Stammbaum

Wollt' Gott, ein jeder wüßt' seinen Stammbaum vom Kasten Noah bis diese Stund! Ich halt dafür, es sind gar manche heutzutag Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten und Papst auf Erden, welche von einigen Ablaßhausierern und Ballenbindern das Leben haben. Und wiederum gar manche sind Spitalbrüder, elende Lumpen und Hungerleider, die vom Geschlecht und Blute großer Könige und Kaiser entsprossen sind, hinsichtlich der erstaunlichen Versetzung der Staaten und Königreiche:

Assyriens in Medien,
Mediens in Persien,
Persiens in Mazedonien,
Mazedoniens in Rom,
Roms in Griechenland,
Griechenlands in Frankreich.

Und daß ich mich, der ich's euch sag', allein zu einem Exempel aufwerf', so glaub' ich gänzlich, daß ich etwa von einem reichen König oder Fürsten der Vorzeit herkomm'; denn ihr habt euer lebelang keinen Menschen gesehen, der einen stärkern Trieb, König und reich zu sein, in sich verspürt hätt', als mich: auf daß ich auch im Saus könnt' leben, nix schaffen noch sorgen dürft' und meine Freunde und alle frommen und geschickten Leut daneben auch stattlich reich machen möcht'. Aber ich tröst' mich wiederum damit: ist es nit hie, so ist es dort; ja wohl weit mehr, als ich mir jetzt zu wünschen erkühnt. Tröstet auch ihr euch in euerm Unglück mit diesen oder besseren Gedanken, und ist es tunlich, habt allzeit frisches Getränk bei euch.

Um jetzt wieder auf besagten Hammel zu kommen, sag' ich, daß uns durch höchste Schenkung des Himmels die Antiquität und Stammbaum Gargantuas vollständiger sind erhalten worden als irgendeiner, ohn des Messias Stammbaum, von welchem ich nicht sprechen mag, denn es geziemt mir nicht: auch sind die Teufel (das sind die Heuchler und falschen Betbrüder) dawider. Er ward gefunden durch Hans Audeau auf einer Wiesen, so er hätt unweit der Gualeauer Schleusen unter Olive auf der Seit gen Narsoy
. Wie der die Gräben dort stechen ließ, da stießen die Gräber mit ihren Hacken auf ein großes Grab von Erz; lang ohnemaßen, denn sie konnten nimmer ein End davon finden, weil es bis weit in die Vienner Gemarkung strich. Als sie solches an einem Ort erbrochen hatten, wo ein Becher gezeichnet war und mit etruskischen Lettern rings umhergeschrieben: ›Hic bibitur‹, fanden sie da neun Flaschen in Ordnung stehen, wie man die Kegel in Gasconien zu setzen pflegt, und unter deren mittelster lag ein klein graugrün, artig, schartig, ziemlich schimmelig Büchlein, das stärker denn Rosen, aber nicht besser roch.

In selbigem hat man ermeldten Stammbaum der Läng nach mit Kanzellarschrift geschrieben funden, nicht auf Papier noch Pergament, auch nicht auf Wachs, sondern geschrieben auf Ulmenrinden, wenn schon vor Alter so abgenützt, daß man davon mit Müh drei Ziffern in gleicher Reih gewahren mocht.

Ich nun (wiewohl der Ehr unwürdig) ward dazu hin berufen, wo ich sodann mit guter Brillenhilfe die Kunst des Aristoteles, wie man unscheinbare Lettern liest, ausgeübt und, so wie ihr hie sehen könnt, verdolmetscht hab' zum Frommen aller Pantagruelleser,
nämlich der becherschwingenden frohen Leser der schauderhaften Pantagruelstaten. [...]

Von der Geburt des gestrengen Pantagruel

Gargantua erzeugte in seinem 524. Jahr seinen Sohn Pantagruel mit seinem Weibe Hängemunden, der Tochter des Amaurotenkönigs in Utopien, die im Kindbett starb; denn er war so unmäßig groß und stämmig, daß er nicht zur Welt kommen konnt', ohne seine Mutter mit zu ersticken. Aber damit ihr die Ursach und Bedeutung seines Namens, der ihm in der Tauf erteilet ward, gründlich verstehen mögt, so sollt ihr wissen: es war im ganzen Land Afrika dasselbe Jahr so große Dürre, daß sechsunddreißig Monat, drei Wochen, vier Tag, dreizehn Stunden und etwas weniges darüber ohne Regen verstrichen, bei so erschrecklicher Sonnenglut, daß die ganze Erd davon verdorrte.

Das ganze Land saß auf dem Trockenen. Die Müh und Angst der Sterblichen, dem schauderhaften Verdursten zu steuern, war kläglich anzusehen. Denn man hatt' alle Händ voll zu tun, daß nicht gar der Weihbrunn in den Kirchen aufgeleckt ward. Doch wußten die Herren Kardinäle und der Heilige Vater dafür bald so guten Rat, daß niemand mehr denn einen Segen davon zu nehmen sich getrauet'. Ja, wenn ein Mensch in die Kirche kam, hättet ihr wohl an zwanzig arme Durster hinter dem, der das Wasser austeilt', offenen Mundes daherziehn sehen, ob sie ein Tröpflein erschnappen möchten, wie der reiche Mann, auf daß nichts umkäm. O selig, wer in diesem Jahr einen kühlen und vollen Keller hatt'!

Eines Freitags nun, als alle Welt der Andacht pflog, und ein schöner Umgang mit Litaneien und Inprofundis schockscheffelweis' gehalten ward, Gott den Allmächtigen beschwörend, daß er in solchem Mißgeschick mit seinem Auge der Erbarmung sie gnädiglich ansehn wollt' – da sah man handgreiflich dicke Wassertropfen der Erd entquellen, wie wann eins stark schwitzet. Das arme Volk fing sich schon an zu freuen, als wenn es ihnen zum Heil und Labsal gewesen wär. Denn etliche sprachen, weil die Luft nicht einen Tropfen Feuchtigkeit mehr hätt', davon noch Regen zu hoffen stünde, hilf nun die Erde dem Mangel nach. Andre Leut, die Studierten, meinten, es wär halt Antipodenregen. Aber sie waren angeführt. Denn als nach abgehaltenem Umgang alles den Tau zu schöpfen lief und in vollen Zügen trinken wollt', fanden sie, daß es nichts andres war denn Heringslake, so bitter und salzig wie kein Seewasser nimmermehr. Und weil auf eben diesen Tag Pantagruel geboren ward, gab ihm sein Vater diesen Namen; denn Panta bedeutet auf Griechisch alles, und Gruel in arabischer Sprach so viel als durstig – anzuzeigen, daß alle Welt in seiner Geburtsstunde durstig gewesen; auch weil er zugleich im prophetischen Geist zum voraus sah, daß er dereinst Beherrscher der Durstigen sein würd, welches ihm außerdem noch durch ein offenbares Zeichen in eben der Stund erwiesen ward. Denn als seine Mutter Hängemunde mit ihm im Kreißen begriffen war und die Hebammen seines Empfanges harrten, kamen aus ihrem Leib voraus achtundsechzig Saumroßtreiber, und jeder führt' am Halfter ein Maultier mit eitel Salz beladen nach. Auf diese folgten neun Dromedare mit Schinken und geräucherten Rindszungen, sieben Kamele voll kleiner Aale, drauf fünfundzwanzig Karren mit Zwiebeln, Lauch, Porree, Knobloch und Schalotten. Die Hebammen waren baß erschrocken, und ihrer etliche sprachen zusammen: »Hie hat's gut Futter, weil wir zeither im Trinken zu schüchtern und allzu nüchtern waren. Dies Zeichen bedeutet uns nur Glück. Danach läßt sich's saufen.« – Und wie sie so noch untereinander plauderten, siehe! da trat heraus Pantagruel, über und über rauh wie ein Bär. Und eine prophezeiet' und sprach: »Er kommt mitsamt dem Haar zur Welt, er wird erstaunliche Dinge tun und, wenn er lang lebt, zu Jahren kommen.« [...]

Fortsetzung


14 Oktober 2026

Muhammad Yunus: EIN ANDERER KAPITALISMUS IST MACHBAR

 Muhammad Yunus: EIN ANDERER KAPITALISMUS IST MACHBAR. Wie Social Business Armut beseitigt, Arbeitslosigkeit abschafft und Nachhaltigkeit fördert, 2013

"Technologie nutzen, um die speziellen Probleme der Arme zu lösen
Es gibt keine Knappheit an Videospielen, Unterhaltungsprogrammen und anderen Luxusgüter, die neue Technologie nutzen. Aber Produkte, die die Probleme von hunderten Millionen von Menschen lösen, die mit Armut, Hunger, Wohnungslosigkeit und anderen Problemen kämpfen, sind knapp bemessen.
Glücklicherweise sucht eine wachsende Zahl von Social-Business-Unternehmen Möglichkeiten, die Technologie zur Bekämpfung der Probleme der Armen einzusetzen. In einigen Fällen benutzen sie Technologien, die ursprünglich zu teuren Produkten und Dienstleistungen für die Reichen gehörten, und finden Wege, sie derart zu vereinfachen und neu zu gestalten, dass sie für die Armen funktionieren." (S. 202)

"Die Verwaltung von Versicherungspolicen ist teuer, und wenn eine Police klein ist, machen es die relativ hohen Kosten schwer, die Versicherungsleistung zu einem angemessenen Preis anzubieten. Dieses Problem betrifft etwa 450 Millionen Kleinbauern in ganz Afrika." 

Zur Bekämpfung dieses Problems nutzt ACRE die Technologie. Sie hat das erste auf Kleinbauern ausgerichtete Versicherungsprogramm entworfen, das mobile Technologien und Instantdaten zu Klima und Landwirtschaft anwendet, um die Abdeckung effektiv und erschwinglich zu machen. [...] Durchbrüche bei der Wettervorhersage per Satellit und bei der Überwachungstechnologie haben ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Bereitstellung der notwendigen Daten gespielt.
Das Ergebnis ist das größte Landwirtschaftsversicherungsprogramm, das in Kenia unter dem Markennamen Kilimo Salama vermarktet wird. Um die ACRE-Versicherungen erschwinglich und weithin zugänglich zu machen, hat man sie mit anderen Produkten verbunden, die Bauern ohnehin schon kaufen, zum Beispiel Mikrokredite und sogar Tüten mit Samen oder Dünger." (S.204/05) 
"Wenn wir darauf hoffen, bei der Verfolgung unseres Ziels einer neu gestalteten Welt, die entscheidende Megamacht von guten Regierungen und Menschenrechten freizusetzen, müssen wir eine Reihe von konkreten Bedingungen beachten. Dazu gehören faire, glaubwürdige Wahlen, eine korruptionsfreie Verwaltung der Regierung, eine aufrichtige Zivilgesellschaft und die Achtung der Rechtsstaatlichkeit. (S. 213)
"Die Welt steckt in einer tiefen Krise. Wie Millionen anderer Menschen glaube ich, dass der Kapitalismus die Wurzel dieser Krise ist. Dennoch plädieren nur sehr wenige Menschen dafür, ihn zugunsten eines anderen Systems aufzugeben, zum Beispiel des Sozialismus, weil fast jeder meint, dass der Kapitalismus, trotz all seiner Fehler immer noch das bessere Wirtschaftssystem sei. Doch angesichts der gegenwärtigen Krise befürworten viele die Idee einer Generalüberholung dieses Systems. [...] obwohl mein Vorschlag eine erhebliche Veränderung in der Struktur des Kapitalismus bedeutet, sehe ich keine andere/Möglichkeit, als die fundamentalen Fehler innerhalb der bestehenden Struktur anzugehen." (S.273/74)
"Die derzeitige Struktur der Wirtschaftstheorie erlaubt es den Menschen nicht, ihre selbstlosen Seiten auf einem Markt auszuleben, der von Unternehmen bestimmt ist, die vom Eigeninteresse angetrieben werden. Aber, wie ich in diesem Buch gezeigt habe, wenn Sie die Gelegenheit dazu erhalten, werden Menschen auf diesen Markt kommen, um ihren selbstlosen Impulsen zu folgen. Sie werden solche Unternehmen gründen, die eigens dazu konzipiert wurden, das Schicksal der Menschheit als solcher zu verbessern– und das ist weitaus effektiver als die Arbeit von Wohlfahrtsverbänden. Wohltätige Bemühungen hat es schon immer gegeben. Sie sind edel, und sie sind notwendig. Aber im Vergleich zu Wohltätigkeitsorganisationen haben Wirtschaftsunternehmen klare Vorteile. Sie sind in innovativ, sie können expan/dieren, und sie können durch die Möglichkeiten des freien Marktes immer mehr Menschen erreichen. Die Möglichkeiten sind grenzenlos, wenn talentierte Unternehmer und Wirtschaftsführer in aller Welt, sich Zielen widmen wie der Beendigung der Unterernährung und der Arbeitslosigkeit, der Schaffung von Wohnraum für Wohnungslose und der Bereitstellung regenerativer Energien und menschenwürdiger Gesundheitsversorgung für alle Menschen." (S. 276/77). 

11 Oktober 2026

Moderne Märchen für Erwachsene

 Die von Elisabeth Borchers 1972 im insel taschenbuch13 zusammengestellten Erzählungen des 20. Jahrhunderts sind, wie man sich denken kann, meist nicht rückwärts gewandt in eine "Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat", sondern zu einem nicht geringen Teil Parabeln, die in unseren Tagen eine erschreckende Aktualität gewinnen.

Da ist Georg Kaisers "Die Insel der tausendjährigen Menschen", die vorführt, wie ein Traum von Unsterblichkeit ins Unglück führt oder Erich Kästners "Das Märchen von der Vernunft", wo die Kosten für eine Welt ohne Krieg auf eine Billon Dollar geschätzt wurden.

Mit dem Dollarbillionär Musk sind solche utopischen Dimensionen für Einzelpersonen - theoretisch! - machbare Ziele geworden. Er hat ein Vermögen von einer Billion Dollar und strebt wie sein Multimilliardärskollege Peter Thiel für sich und die Menschheit eine Art Unsterblichkeit an, so dass der Kampf gegen den Klimawandel auf der Erde durch eine Auswanderung auf den Mars überflüssig werden könnte. 

So investiert Thiel schon seit langem in Unsterblichkeitsforschung und Musk gelingt es, für seine Weltraumunternehmen Investitionen  in zweistelliger Milliardenhöhe zu finanzieren, in einer Zeit, wo manche Staaten, die lange Zeit als höchst kreditwürdig galten (AAA und negative Zinsen) sich zu überschulden drohen. Die Finanzierung einer Umsiedlung der Menschheit auf den Mars gilt als kreditwürdiger als die Instandhaltung von Infrastruktur auf der Erde.

Angesichts des gegenwärtigen Finanzmarktes ist das sogar realistisch. (Natürlich  beschwören solche Spekulationen neue Finanzkrisen herauf; aber die Finanzkrise ab 2007 hat ja gezeigt, dass zwar nicht alle Staaten, aber durchaus viele privaten Unternehmen aufgrund ihrer Vernetzung "too big to fail" sind.)

Zitate:

Kästner:

"Da brachen die Staatshäupter und Staatsoberhäupter in tobendes Gelächter aus. Man brüllte geradezu. Man schlug sich untereinander auf die Schenkel, krähte wie am Spieß und wischte sich die Lachtränen aus den Augen./ Der nette alte Herr schaute ratlos von einem zum anderen. 'Ich begreife ihre Heiterkeit nicht ganz', sagte er. Wollen Sie mir gütigst erklären, was Ihnen solchen Spaß macht? Wenn ein langer Krieg, eine Billion gekostet hat, warum sollte dann ein langer Frieden nicht dasselbe wert sein? Was, um alles in der Welt, ist denn daran komisch?"

 Nun lachten sie alle noch lauter. Es war ein rechtes Höllengelächter. Einer konnte es im Sitzen nicht mehr aushalten. Er sprang auf, hielt sich die schmerzenden Seiten und rief mit der letzten, ihm zur Gebote stehenden Kraft: 'Sie, alter Schafskopf! Ein Krieg – ein Krieg ist doch etwas ganz anderes!' 
Die Staatsoberhäupter, der nette, alte Herr und ihre lustige Unterhaltung sind völlig frei erfunden. Dass der Krieg eine Billion Dollar gekostet hat und was man sonst für denselben Betrag leisten könnte, soll, versichert eine in der 'Frankfurter Neuen Presse' zitierte amerikanische Statistik, hingegen zutreffen." (S.156/57)