04 September 2026

Achim von Arnim: Die Kronenwächter

 Achim von Arnim: Die Kronenwächter

Als ich im Zusammenhang mit der Lektüre von Isabella von Ägypten Achim von Arnim auch als Autor und nicht nur als Sammler von Texten aus Des Knaben Wunderhorn und Ehemann Bettina von Brentano, der Schwester von Clemens,  kennenlernte, habe ich auch ein wenig in Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores hineingesehen. Ob mir das auch für die Kronenwächter wichtig genug war und zumindest für kurze Passagen gelang, bezweifle ich. Hier will ich dazu einladen, es mit mir ein wenig zu versuchen.

Wikipedia:

"Die Kronenwächter ist ein Roman von Achim von Arnim, dessen erster Band 1817 in der Maurerschen Buchhandlung in Berlin erschien. Der zweite Band, ein Fragment, kam 1854 posthum bei T. F. A. Kühn in Weimar heraus.[1]

Südwestdeutschland zu Anfang des 16. Jahrhunderts: Berthold und Anton erweisen sich als unfähige und unwürdige Nachfahren der Staufer. [...]"

Text:

Kronenwächter (Gutenberg.de)

Zitate:

Einleitung:

"Wieder ein Tag vorüber in der Einsamkeit der Dichtung! Die Glocke läutet Feierabend, und die Pflüger ziehen heim mit dem Gespann, führen und tragen behaglich die Kinder, die ihnen entgegen gegangen, und freuen sich ihrer Mühe in der Ruhe. Der Pflug ruht nicht verlassen auf der letzten Erdscholle, die er überstürzte, denn notwendig wie die Sonnenbahn scheint der Bedürftigkeit sein Furchenzug und ein heilig strenges Gesetz bewacht ihn in der Nacht gegen Frevel. Am Morgen setzt der Pflüger seinen Weg ohne Störung fort, mißt nach der Länge seiner Furchen den trüben Morgen, wie er die helle Mitte des Tages an seinem eignen Schatten zu ermessen versteht, und teilt nach seinen Morgenwerken die Erdfläche in festbegrenzte Morgen, wie er nach dem Tagewerke der Sonne die unendliche Zeit in Stunden teilt. Die Sonne und der Pflüger kennen einander und tun beide vereint das Ihre zum Gedeihen der Erde. Fest fortschreitend, von allen geschätzt und geschützt, sehen wir die Tätigkeit, die sich zur Erde wendet; sie ist auch dauernd bezeichnet und gründet, so lange sie sich selbst treu bleibt, mit unbewußter Weisheit das Rechte, das Angemessene, im Bau des Ackers, wie des Hauses, in der Beugung des Weges, wie in der Benutzung des Flusses. Die Zerstörung kommt von der Tätigkeit, die sich von der Erde ablenkt und sie noch zu verstehen meint. Aber nach Jahrhunderten der Zerstörung erkennen die einwandernden Anbauer des Walds mit Teilnahme die Unvergänglichkeit der Ackerfurchen und Grundmauern untergegangener Dörfer und achten sie als ein wiedergefundenes Eigentum ihres Geschlechts, das der Gaben dieser Erde nie genug zu haben meint. Gleichgültig werden daneben die aufgefundenen Werke des Geistes früherer Jahrhunderte als unverständlich und unbrauchbar aufgegeben, oder mit sinnloser Verehrung angestaunt. [...]" (Gutenberg.de)

Über den Torwächter in Waiblingen:

"Eine Winde im Wächterzimmer war zu doppeltem Gebrauche eingerichtet, sie hob in einem großen Eimer von der Stadtseite zu bestimmten Stunden seine Lebensmittel empor, und nahm in demselben Eimer von der Landseite nach dem unerbittlichen Torschluß alle verspätete Sendungen an Rat und Bürger der Stadt gegen mäßigen Lohn auf. Bei dem lebhaften Verkehr, dessen sich die Stadt jetzt als Vorratskammer der Neckarweine für Augsburg, durch Gerbereien und Ankauf von Schlachtvieh erfreute, war diese Art Nebengewinn ein Hauptunterhalt des Wächters geworden, der nach dem frühen Torschlusse mit Sehnsucht nach verspäteten Boten auf die Straße von Augsburg herunter blickte. Von Augsburg war das Tor genannt, so weit Augsburg davon entlegen sein mochte. Augsburg war damals gleichsam ein heiliger Name, weil die sichtbaren Quellen des Wohlstandes, das Geld und die Reisenden, die es brachten, von Augsburg entsprangen und nicht immer wieder dahin zurückkehrten; im zweiten Buche führt uns die Geschichte nach diesem Mittelpunkte des Handels, zu den reichen Geschlechtern, die, das neu entdeckte Amerika mitzuerobern, Schiffe ausrüsteten und die Kaiser durch Glanz und Erfindung froher Feste sich zu geselliger Freude verbanden. (Gutenberg.de Einleitung)

Erste Geschichte:

"[...] Auf dem Turme saß der alte, trockene Martin, der neue Turmwächter im verschossenen, roten Wams, den er noch aus dem italienischen Kriege mitgebracht hatte, zwischen Frau Hildegard, mit der er heute vermählt war, und Berthold, dem Ratsschreiber, wie auf dem Felde des Schachbretts zwischen Schwarz und Weiß, denn jene war reinlich in weißem, selbstgewebten Leinen, dieser sehr anständig in schwarzem Tuch gekleidet. Martin sprach davon, wie er sonst auf Schlachtfeldern zwischen Tod und Teufel und jetzt wie im Schachspiel fröhlich zwischen Freund und Frau sitze und habe sich das nicht träumen lassen voraus, dabei umfaßte er beide und drückte beiden die Köpfe an einander, daß sie sich küssen mußten und trank dann seinen Wein auf die Erinnerung einer Neujahrsnacht, wo er und Berthold auf den Turm stiegen und Frau Hildegard belauschten, wie sie mit ihrer Base Zinn gegossen. – BERTHOLD: »Das war eine schöne Nacht, klar und warm, die Witterung wird immer rauher in Waiblingen und die Welt geht endlich gewiß in Eis unter.« – MARTIN: »Kalt oder warm, untergehn muß sie doch bald, wenn nur Hildegard so lange lebt, um den Lärm mit uns zu beschauen. Ja in der Nacht ging mir das Herz auf gegen dich und es zuckte mir in dem Arme, was hilft's verhehlen, Gott weiß es doch und schreibt sich alles auf.« BERTHOLD: »Du wolltest der guten Frau um den Hals fallen, die Sünde vergibt der Küster.« [...]

 Als Frau Hildegard wegen des Apfelkuchens schalt, sagte er: »Es ist auch ein Hochzeitgeschenk, mit dir Berthold wird es geteilt, vielleicht ist's ein feinerer Kuchen, macht es sorglich auf, es soll sehr zerbrechlich sein.« Frau Hildegard schob den durchlöcherten Deckel auf, hob eine Pelzdecke auf und sah mit großem Erstaunen einen kleinen Knaben, der auf einem Totenschädel, halb mit einem weichen Kissen bedeckt, ruhte und schlief. »Ha«, fuhr Martin bei dem Anblick auf, »es hat das Zeichen!« Bei dem Worte sprang er hinaus, sah aber nur noch in bedeutender Entfernung den Reiter auf seinem Schimmel, wie sein weißer Mantel im Winde gleich einem Segel aufbauchte und wie er sich bald gleich einer Schneewolke unter den stumpfen Weiden der Straße verlor. Er kam zurück, als Berthold mit überwundener Sorge sprach: »Es ist nicht tot, es schläft nur, tragt's ins Bette, Frau Hildegard, aber denkt nicht, daß dies liebe Kind euch allein gehört, mein ist die Hälfte, Martin hat's versprochen.« – MARTIN: »Du sprichst ja wie ein Versucher, dem ich des Kindes Seele verschrieben habe.« – BERTHOLD: »Ich brauche nicht seine Seele, ich brauche nur seine Hand, ich will's zum Schreiber aufziehen.« – MARTIN: »Versuch's nur; wenn .der Knabe älter wird, da merkt er schon in sich, daß er nicht zum Schreibtisch, sondern unter den Helm gehört; aber Hildegard, ist es dir denn lieb, ein Kind zu haben, bist ja so still emsig, es einzupacken, als ob du es im Federbett ersäufen wolltest.« – HILDEGARD: »Still, hab nie ein schöneres Kind gesehen, alle andern sind Holzklötze dagegen, ein feines Bild aus Elfenbein ist dies, das muß aus hohem Geschlechte stammen; wenn wir nur reich wären, um es fein ordentlich aufzuziehen!« [...]

Martin sprach gleichgültig: »Es ist doch gut, daß wir heut das Zicklein zum Hochzeitbraten opferten, die Ziege wäre sonst mit keiner Gewalt zum Stillen des Kinds zu zwingen gewesen, jetzt drängt es sie dazu: es ist nicht alles Liebe, was die Menschen so nennen!« Dann nahm er Berthold bei der Hand und führte ihn an die andere Ecke des Zimmers, wo der Kasten stand und sprach wehmütig und leise: »Sieh da das weiße Kind unter dem gehörnten, schwarzen Tiere, das dem Teufel ähnlich sieht, so kommt die Unschuld zur Schuld und nährt sich von ihr, so soll auch ich das Kind ernähren und bin nicht wert solcher himmlischen Gnade. Ich halt's nicht aus! Habe so viele blühende Jünglinge in Feldschlacht und Fehden erschlagen und werde nun zum Narrn vor Freude, daß ich der Welt ein Kind zum Ersatz aufziehe, o ich wollte, daß ich bei meinem Vater am Webstuhl ausgeharrt, oder daß ich gar nicht gelebt hätte. Wer weiß, wem der Schädel gehört, der bei dem Kinde liegt, er trägt eine schwere Narbe, wie ein Fenster, durch welches der Geist zum Himmel geflogen, vielleicht habe ich ihm die geschlagen. Ich mußte meinen Herren folgen auf den Fehden und sie fragten mich nicht, ob sie ein Recht hätten zum Blutvergießen, es hieß nur: hier gilt's, hier mußt du vor, Martin. Es sind jetzt noch keine sechs Monat, da focht ich mit einem jungen Ritter, er wehrte sich entsetzlich, da fiel ihm der Helm ab, ich hatte ihm die Schienen durchhauen, und mein Schwert drang tief in sein Haupt, er war schön wie eine Jungfrau, meinen Hals hätte ich abschlagen lassen, um ihn zu heilen, aber der Tod läßt sich nicht wieder gut machen. Ich sagte den Kronenwächtern mit Abscheu meinen Dienst auf, sie ließen mich ziehen. Das Kind gleicht dem Ritter, sie haben's mir geschickt. Berthold, zieh es zum Frieden auf, es soll für mich beten.« Berthold sah verlegen nieder, es war ihm, als ob ein anderer, als Martin, mit ihm rede, so weich hatte er ihn nie gekannt, er sah nach dem Schädel und wies auf etwas Blinkendes, das darin steckte. – MARTIN: »Wird wohl ein Splitter von meinem schartigen Doppelschwerte sein, oder ein Helmring, laß es stecken, so etwas, das einem Menschen den Tod brachte, muß vergraben sein, ich werd's auch bald sein: Wenn einst andere Leute so in meinen Schädel hinein sehen, was werden sie darin lesen?«" (Kronenwächter: Erste Geschichte)

Zweite Geschichte: Die Chronik der Stadt

"Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung für das Kind, am Morgen bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten, der das Kind geborgen, und Berthold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet: »Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters.« Frau Hildegard erschrak, daß dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei, und Berthold nahm es eilig mit dem Bette in seinen Mantel, da Martin von seinem Wachtposten nicht abkommen konnte. Erst lief er zum Bürgermeister und berichtete ihm den seltsamen Vorgang, indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen Neujahrwunsch abgab. Der Bürgermeister war in sehr gnädiger Stimmung, dankte freundlich und sagte, daß er dieses Kind wohl zu sich nehmen würde, wenn er verheiratet wäre, jetzt könne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut schaden, übrigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas für das Kind zu erübrigen sein und man müsse inzwischen nachforschen, wer des Kindes Eltern wären. [...]"

Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt

Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt, 1932

Zitate:

 "[...] habe ich mich entschlossen, den Versuch, einer kurzen Beschreibung dieser unerhörten Reise zu wagen: eine Reise, wie sie seit den Tagen Hüons und des rasenden Roland von Menschen nicht mehr gewagt worden war bis in unsere merkwürdige Zeit: die trübe, verzweifelte und doch so fruchtbare Zeit nach dem großen Kriege. Über die Schwierigkeiten meines Versuches glaube ich mich keiner Täuschung hinzugeben; Sie sind sehr groß, und sie sind nicht nur subjektiver Natur, obwohl schon diese beträchtlich genug wären. Denn nicht nur besitze ich heute aus der Zeit der Reise keinerlei Erinnerungsstücke mehr, keine Andenken, keine Dokumente, keine Tagebücher – nein, es ist mir in den seither verflossenen schweren Jahre des Missgeschicks, der Krankheit und tiefen Heimsuchung auch ein großer Teil der Erinnerungen verloren gegangen; infolge von Schicksalsschlägen und immer neuen Entmutigungen ist sowohl mein Gedächtnis selbst / wie auch mein Vertrauen und in dies früher so treue Gedächtnis beschämend schwach geworden." (S. 7/8) 

"Dagegen geschah es in der Nähe von Urach, dass ein Abgesandter der Kronenwächter [...]" (S.19)

"Was mir die Erzählung besonders erschwert, das ist die große Verschiedenheit meiner einzelnen Erinnerungsbilder. Ich sagte ja schon, dass wir bald nur als kleine Gruppe marschierten, bald eine Schar oder gar ein Heer bildeten, zuweilen blieb ich aber auch nur mit einem einzigen Kameraden, oder auch ganz allein, in irgendeiner Gegend zurück, ohne Zelte, ohne Führer, ohne Sprecher. Schwierig wird das Erzählen ferner dadurch, dass wir ja nicht nur durch Räume wanderten, sondern ganz ebenso durch Zeiten. Wir zogen nach Morgenland, wir zogen aber auch ins Mittelalter oder ins goldene Zeitalter, wir streiften Italien oder die Schweiz, wir nächtigten aber auch zuweilen im zehnten Jahrhundert und wohnten bei den Patriarchen oder bei Feen. In den Zeiten meines Alleinseins fand ich häufig Gegenden und Menschen meiner eigenen Vergangenheit wieder, wanderte mit meiner gewesenen Braut an den Waldufern des oberen Rheins, zechte mit Jugendfreunden in Tübingen, in Basel oder Florenz, oder war ein Knabe und zog mit dem Kameraden meiner Schulzeit aus, um Schmetterlinge zu fangen oder einen / Fischotter zu belauschen, oder meine Gesellschaft bestand aus den Lieblingsfiguren meiner Bücher, es ritten Almansor und Parzival, Witiko oder Goldmund neben mir, oder Sancho Pansa, 

[Sancho ist im Gegensatz zu seinem Herrn Don Quichote "klein, dick, praktisch und mit einem gesunden Menschenverstand denkend, ängstlich. Er durchschaut die Narrheiten seines Herrn, leistet ihm aber trotzdem die Gefolgschaft. Don Quijote hat ihm nämlich, entsprechend den Vorgaben in den Ritterromanen und als seinem Knappen, die Statthalterschaft über eine Insel in Aussicht gestellt. Diese Verlockung bindet Sancho trotz aller Bedenken an seinen Herrn.] 

oder wir waren bei den Barmekinden zu Gast. Fand ich mich dann in irgendeinem Tal wieder zu unserer Gruppe zurück, hörte die Bundeslieder und lagerte dem Führerzelt gegenüber, so war mir alsbald klar, dass mein Weg in die Kindheit oder mein Ritt mit Sancho notwendig mit zu dieser Reise gehörten; denn unser Ziel war ja nicht nur das Morgenland, oder vielmehr: unser Morgenland war ja nicht nur ein Land und etwas Geographisches, sondern es war die Heimat und Jugend der Seele, es war das überall und nirgends, war das Einswerden aller Zeiten. Doch wurde mir dies nur je und je für einen Augenblick bewusst, und darin eben bestand das große Glück, dass ich damals genoss. Denn später, sobald dies Glück mir wieder verloren gegangen war, sah ich diese Zusammenhänge deutlich ein, ohne doch den mindesten Nutzen oder Trost davon zu haben. Wenn etwas Köstliches und Unwiederbringliches dahin ist, haben wir wohl das Gefühl, aus einem Traum erwacht zu sein. In meinem Falle ist dies Gefühl unheimlich richtig. Denn mein Glück bestand tatsächlich aus dem gleichen Geheimnis wie das Glück der Träume, es bestand aus der Freiheit, alles irgend Erdenkliche gleichzeitig zu/erleben. Außen und Innen spielend zu vertauschen, Zeit und Raum wie Kulissen zu verschieben. So wie wir Bundesbrüder ohne Auto oder Schiff die Welt durchreisten, wie wir die vom Kriege erschütterte Welt durch unseren Glauben bezwangen und zum Paradies machten, so riefen wir das Gewesene, das Zukünftige, das Erdichtete schöpferisch in den gegenwärtigen Augenblick." (S. 27-29)

"Eines der schönsten Erlebnisse war die Bundesfeier in Bremgarten, dicht war da der magische Kreis um uns geschlossen. Von den Schlossherren Max und Tilly empfangen, hört wir Othmar im hohen Saale auf dem Flügel Mozart spielen, fanden den Park von Papageien und anderen sprechenden Tieren bevölkert, hörten am Springbrunnen, die Fee Armida singen, und mit wehender Locke nickte das schwarze Haupt des Sterndeuters Longus neben dem lieben Antlitz Heinrichs von Ofterdingen. Im Garten schrien die Pfauen und Louis unterhielt sich auf Spanisch mit dem gestiefelten Kater, während Hans Resom, erschüttert durch seine Einblicke in das Maskenspiel des Lebens, eine Wallfahrt an das Grab Karls des Großen gelobte." (S.30)

"Unsere Fahrt nach Morgenland und die ihr / zugrunde liegende Gemeinschaft, unser Bund, ist das Wichtigste, das einzig Wichtige in meinem Leben gewesen, etwas, wo neben meine eigene Person vollkommen nichtig erschien. Und jetzt, wo ich dies Wichtigste, oder doch etwas davon, aufzeichnen und festhalten will, ist alles nur eine auseinanderscherbende Masse von Bildern, die sich in einem Etwas gespiegelt haben, und dies Etwas ist mein eigenes Ich, und dies Ich, dieser Spiegel erweist sich überall, wo ich ihn befragen will, als ein Nichts, als die oberste Haut, einer Glasfläche. Ich lege meine Feder fort, zwar mit der Absicht und Hoffnung, morgen oder ein anderes Mal fortzufahren, vielmehr nochmals neu zu beginnen, aber hinter der Absicht und Hoffnung, hinter meinem ganzen unbändigen Drang nach dem Erzählen unserer Geschichte steht ein tödlicher Zweifel. Es ist jener Zweifel, der auf der Suche nach Leo im Tal von Morio begonnen hat. Dieser Zweifel stellt nicht nur die Frage: Ist deine Geschichte denn erzählbar? Er stellt auch noch die Frage: War sie denn erlebbar? Wir erinnern uns ein Beispiele, dass sogar die Kämpfer des Weltkrieges, denen es doch wahrlich an Tatsachenberichten, an beglaubigter Geschichte nicht fehlt, zuweilen diese Zweifel haben kennen lernen müssen. (S. 44/45). 

" '[...] Sehen Sie, genau ebenso ist es mir mit dem Erlebnis des Krieges gegangen. Ich glaubte ihn gut und scharf erlebt zu haben, ich war zum Bersten voll von Bildern, die Filmrolle in meinen Gehirn schienen tausend Kilometer lang zu sein – aber als ich am Schreibtisch saß, auf einem Stuhl, an einem Tisch, unter einem Dach, eine Feder in der Hand, da waren die wegrasierten Dörfer und Wälder, das Erdbebenzittern im Trommelfeuer, das Geknäuel von Dreck und Größe, von Angst und Heldentum, von zerfetzten Bäuchen und Köpfen, von Todesfurcht und Galgenhumor – da war das alles ganz unsäglich weit fort, war nur geträumt, hatte zu nichts Beziehung und war nirgends zu fassen. Sie wissen, dass ich schließlich trotzdem ein Kriegsbuch geschrieben / habe und dass es jetzt viel gelesen und besprochen wird. Aber sehen Sie: ich glaube nicht daran, dass zehn solche Bücher, jedes zehnmal besser und eindringlicher als das meine, dem wohlmeinenden Leser irgendeine Vorstellung von Krieg geben können, wenn der Leser den Krieg nicht selber erlebt hat. Und es sind nicht so sehr viele, die ihn erlebt haben. Auch von denen, die ihn mitgemacht haben, haben längst nicht alle ihn erlebt und selbst wenn viele ihn wirklich erlebt haben sollten – sie haben ihn dann eben wieder vergessen. Vielleicht hat der Mensch nächst dem Hunger nach Erlebnis keinen stärkere Hunger als den nach Vergessen.'
Er stieg und sah versponnen und versunken aus, seine Worte hatten mir eigene Erfahrungen und Gedanken bestätigt.
Vorsichtig fragte ihn nach einer Weile: 'Aber wie war es Ihnen trotzdem möglich, das Buch zu schreiben?'
Er besann sich einen Augenblick, aus Gedanken zurückkehrend. 'Es war mir bloß darum möglich', sagte er, 'weil es notwendig war. Ich musste entweder das Buch schreiben oder verzweifeln, es war die einzige Möglichkeit meiner Rettung vor dem Nichts, vor dem Chaos, vor dem Selbstmord. Unter diesem Druck ist das Buch geschrieben und es hat mir die erwartete Rettung gebracht, einfach weil es geschrieben ist einerlei wie gut oder wie/schlecht. Das war das eine, die Hauptsache. Und dann: beim Schreiben durfte ich nicht einen Augenblick an andere Leser denken als an mich selber oder höchstens hie und da an einen nahen Kriegskameraden, und zwar dachte ich dann nie an Überlebende, sondern immer an solche, die im Krieg umgekommen waren. Ich war während des Schreibens ein Fieberkranker oder Irrsinniger, umgeben von drei, vier Toten mit verstümmelten Leibern – so ist das Buch entstanden. ' " (S. 50-52)

[1928 erschien ab November der Roman Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. -  Erich Maria Remarque im Gespräch mit Friedrich Luft (1962)]

Im weiteren Verlauf wird dem Icherzähler klargemacht, dass er und alle, die versucht haben, über die Morgenlandfahrt aus ihrer Perspektive zu berichten, völlig daran gescheitert sind, dies höchst umfassende Geschehen angemessen wiederzugeben. 

Zitat: "Wären noch zehn andere Berichte anderer Autoren über Morbio, über Leo und mich aufgefunden worden, sie hätten vermutlich alle zehn einander widersprochen und einer den andern verdächtigt. Nein, es war nichts mit unseren historischen Bemühungen, man brauchte sie nicht fortzusetzen, nicht zu lesen, man konnte sie ruhig in diesem Archivfach verstauben lassen. " (S. 100) 

Max Herrmann-Neiße : "Hesses Prosadichtung ist ein Bekenntnismärchen, ein bedeutungsvoll Fantasiespiel vom tröstlichen Geheimnis der unverfänglichen Gemeinschaft des Geistes. Die Geschichte einer einzigartigen Fabelreise verwebt reizvoll Privates und Allgemeingültiges, Wunschbilder und Wirklichkeiten. Wenn es in unserer Zeit einen Wesensverwandten hat, so ins Franz Kafkas allerdings düsteren, menschlich magischen Werk. Auch in der Erzählung Hesses handelt es sich um ein imaginäres Reich … um eine Entdeckungsreise, die auf die banalen Hilfsmittel moderner Dutzendtouren verzichtet und ins Un- und Überwirkliche vorstößt."

Max Hermann-Neiße verstarb am 8.4.1941 in London, lange bevor Kafkas überragende Bedeutung deutlich geworden war.

Bekanntlich sind neben Remarques "Im Westen nichts Neues", dem ersten und vielleicht wichtigsten Buch der Neuen Sachlichkeit, auch Walter Flex "Der Wanderer zwischen beiden Welten" (1916), Ernst Jünger "In Stahlgewittern" (1920/22) und Der Kampf als inneres Erlebnis (1922) (psychologisch-existenziell) erschienen.* Nach Hesses dringlicher Kritik an der Zustimmung zum Ersten Weltkrieg erscheint Hesses Erklärung,  eine angemessene Darstellung  des Krieges sei unmöglich und seine so gerechtfertigte Darstellung eines "imaginären Reiches" der Morgenlandfahrt wie eine Flucht vor der Wirklichkeit, wenn auch sinnvoller als die Romantisierung durch Walter Flex und als Jüngers problematisch "wertfreie" Darstellung, aber hinsichtlich der künstlerischen Bedeutung sehr weit entfernt vom Werk Franz Kafkas. 

*Problematisch ist die Nennung nur der vielleicht bekanntesten Titel, daher füge ich noch einige weitere Titel hinzu, die Hesse vorgelegen haben könnten: Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa (1927), Ludwig Renn: Krieg (1928), Heeresbericht (1930) von  Edlef Köppen.


Mir selbst hat das Werk wie Hesses "Gertrud" am Anfang gefallen, die Fortsetzung scheint mir wie dort verflacht. Die Erhöhung der Morgenlandfahrt und des Dieners Leo "ins Un- und Überwirkliche" hat mich enttäuscht. Als Vorarbeit für das Glasperlenspiel ist die Arbeit wichtig. Enttäuschend ist die große Abstraktheit der Personen, die sich in Hesses Werk ja öfter findet. (Dazu meine Aussage über das Glasperlenspiel "aber das abstrakte Spiel, die Ordenswelt Kastaliens sollen Hesse ja auch ermöglichen, die Abgrenzung vom nationalsozialistischen Terrorsystem in einem Maße aufrechtzuerhalten, wie es der Schweiz nicht gelungen ist. [...]Das Böse ist aus dem Glasperlenspiel hinausabstrahiert". (Das Glasperlenspiel, 27.9.2019)







02 September 2026

Fred Uhlman: Reunion

Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund (orig. Reunion)

Wikipedia: "Der sechzehnjährige Schüler Hans Schwarz ist Sohn eines erfolgreichen jüdischen Arztes und besucht das exklusive Karl-Alexander-Gymnasium in Stuttgart. Er träumt davon Dichter zu werden, gilt aber als „normaler“ Schüler mit durchschnittlichen Noten. Er passt nicht recht in die Klasse und hat keine richtigen Freunde. Hans und seine Familie sind zwar jüdisch, doch in erster Linie fühlen sie sich als Schwaben und Deutsche, der Vater hat sich sogar im Ersten Weltkrieg ein Eisernes Kreuz erster Klasse erkämpft.

Im Januar 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme durch die Nazis, erscheint ein neuer Schüler in der Klasse – als „Graf von Hohenfels, Konradin, geboren am 19. Januar 1916, Burg Hohenfels“ stellt er sich vor. Hans Schwarz erkennt, dass er mit niemand anderem als mit diesem faszinierenden Neuling befreundet sein möchte. Erfreut beobachtet er, wie von Hohenfels Avancen anderer Mitschüler zurückweist. Hans beginnt sich im Unterricht als Literaturkenner zu profilieren und beeindruckt Konradin mit einer schwierigen Übung am Reck. Mittels einer korinthischen Silberdrachme aus seiner Münzsammlung erweckt er Konradins Interesse, sie kommen ins Gespräch und werden Freunde.

Die beiden entwickeln eine tiefe Zuneigung zueinander, sie diskutieren über deutsche Literatur im Allgemeinen, Hans’ Lieblingsdichter Friedrich Hölderlin im Speziellen und weitere Themen. Auch unternehmen sie gemeinsam Ausflüge durch das Umland von Stuttgart. Dennoch – obwohl die beiden sich tiefe Geheimnisse offenbaren – bleibt eine Distanz, da Konradin zwar mehrmals in der Woche Gast bei Hans ist und seine Eltern kennenlernt, Hans aber lange Zeit nicht von Konradin nach Hause eingeladen wird. Die wenigen Male, wo Hans in das Haus von Konradin kommen darf, sind dessen Eltern nicht anwesend.

Auf Dauer lässt sich die Politik auch unter den Schülern nicht ignorieren und treibt einen Keil zwischen die beiden. Als Hans eine Aufführung von Fidelio besucht und auf die Familie Hohenfels trifft, ignoriert sein Freund ihn, als ob er ein Fremder wäre. [sieh Zitat 2] Hans erfährt, dass der Antisemitismus von Konradins Mutter der Grund dafür ist, dass er als Jude nie in ihrer Gegenwart nach Hause eingeladen wird. Als die antisemitische Hetze zunehmend auch in der Schule aufkommt und Hans von Mitschülern drangsaliert wird, ignoriert Konradin dies schweigend. Die Verabredungen zwischen Hans und Konradin werden seltener und hören schließlich ganz auf. So wird allmählich eine echte Freundschaft – stellvertretend für viele Millionen anderer – unwiederbringlich zerstört.

Auf Initiative seiner Eltern emigriert Hans im Januar 1933 zu Verwandten nach New York. In einem Abschiedsbrief schreibt Konradin, dass er vor kurzem mit seiner Mutter eine Rede Adolf Hitlers besucht habe und dieser hoffentlich Deutschland vor den Kommunisten retten könne. Konradin endet seinen Brief damit, dass er Hans alles Gute wünscht, und drückt seine Hoffnung aus, dass Hans in einigen Jahren wieder nach Deutschland zurückkehren könne. Der Kontakt zwischen den beiden reißt ab. Die Eltern von Hans wollen nicht emigrieren und bleiben zurück, werden zunehmend entrechtet und begehen schließlich Suizid.

Die Erzählung endet etwa 30 Jahre später: Hans lebt inzwischen als Familienvater und Anwalt in New York, er versucht seine deutsche Vergangenheit möglichst zu verdrängen. Überraschend erhält er von seiner ehemaligen Schule die Bitte, für eine Tafel zum Gedenken an die Kriegsopfer des Gymnasiums zu spenden. Eine beigefügte Liste zeigt Hans, dass mehr als die Hälfte seiner Klassenkameraden gefallen sind. Er zögert zunächst unter dem Buchstaben „H“ nachzuschauen, doch schließlich findet er den Eintrag „Hohenfels, Konradin, beteiligt am Attentat auf Hitler. Hingerichtet“. "


Zitate:

"[...] Und wir sprachen über Mädchen. Gemessen an der aufgeklärten heutigen Jugend war unsere Haltung unglaublich naiv. Für uns waren Mädchen höhere Wesen von märchenhafte Reinheit, denen man sich nur als Troubadour nähern durfte, mit ritterlicher Hingabe und Fernanbetung. Ich kannte sehr wenige Mädchen. Daheim tauchten gelegentlich zwei Cousinen auf, alberne Teenager, die nicht im mindesten Andromeda oder Antigone glichen. Von einer weiß ich nur noch, dass sie sich ständig mit Schokoladentorte vollstopfte, und der anderen erstarrte die Stimme, sobald ich mich sehen ließ.

Konradin hatte mehr Glück. Er traf wenigstens Mädchen mit so aufregenden Namen wie Gräfin von Plato oder Baronin Henckel von Donnersmarck. Sogar eine Montmorency war darunter – er gestand, dass er schon einige Male von ihr geträumt habe.
In der Schule wurde kaum über Mädchen/gesprochen, wenigstens nach unserem Eindruck. Vielleicht tat sich aber da aber einiges hinter unserem Rücken, denn wie der Kaviar Club hielten wir uns meist abseits. Im Rückblick will mir doch immer noch scheinen, als ob selbst die Jungen, die sich mit Abenteuern brüsteten, eher Angst vor Mädchen hatten. Schließlich gab es noch kein Fernsehen, das sexuellen Anschauungsunterricht bot.
Es geht mir jedoch nicht darum, diese Art von Unschuld zu werten. Ich konstatiere sie nur als einen Aspekt unseres Zusammenlebens. Wenn ich von unseren Hauptinteressen, unseren Sorgen, Freunden und Problemen erzähle, so deshalb, weil ich unsere Gemütsverfassung vergegenwärtigen und verständlich machen möchte. Unsere Probleme suchten wir selbstständig, ohne Beistand zu lösen. Nie fiel uns ein, unsere Eltern um Rat zu fragen. Nach unserer Überzeugung gehörten sie eine anderen Welt an, sie würden uns entweder nicht verstehen oder uns nicht ernst nehmen. Wir sprachen kaum über sie; sie schienen uns so fern wir die Spiralnebel; sie waren uns zu erwachsen, zu sehr in diesen oder jenen Konventionen erstarrt. Konradin wusste, dass mein Vater Arzt / war. Ich wusste, dass sein Vater Botschafter in Griechenland, in der Türkei und in Brasilien gewesen war. Mehr wollten wir eigentlich nicht wissen. Vielleicht erklärt dies, warum wir uns noch nie zu Hause besucht hatten." (S.51-53) 
Dann lädt der Erzähler seinen Freund einmal zu sich nach Hause ein. 
Zitat 2: "[...] Meine Mutter stammt aus einer vornehmen, ehemals königlichen polnischen Familie, und sie hasst die Juden. Jahrhundertelang waren die Juden für diese Familie einfach nicht vorhanden, sie gelten weniger als ihre Leibeigenen, waren Parias, Unberührbare, der Abschaum der Menschheit. Sie verabscheut die Juden. Sie hat Angst vor ihnen, obwohl sie nie einen näher kennengelernt hat. Wenn sie im Sterben liegen würde, und niemand könnte sie retten außer deinem Vater – selbst dann weiß ich nicht, ob sie ihn rufen lassen würde. Nie kam ihr auch der Gedanke, dich kennenlernen zu wollen. Sie ist eifersüchtig auf dich, weil du, ein Jude, der Freund ihres Sohnes bist. Dass ich mich mit dir sehen lasse, erscheint ihr als Schandfleck auf dem Wappen der Hohenfels. Sie meint, du hättest meinen Glauben untergraben. Sie sieht dich im Dienst des Weltjudentums, für sie, gleichbedeutend mit Bolschewismus, und in mir ein Opfer deiner teuflischen Machenschaften. Lache nicht, sie meint das ernst. Ich habe mit ihr gestritten, aber sie sagt/nur: 'Mein armer Junge, merkst du denn nicht, dass du schon in ihre Hände gefallen bist? Du sprichst schon wie ein Jude.' Und wenn du die ganze Wahrheit wissen willst: Ich musste um jede Stunde kämpfen, die ich mit dir verbracht habe. Und was das Schlimmste ist: Ich habe dich gestern Abend nur deswegen nicht angesprochen, weil ich nicht wollte, dass man dich beleidigt. Nein, du hast keinen Grund mir etwas vorzuwerfen, überhaupt keinen Grund, das musst du mir glauben.'
Ich starrte auf Konradin, der wie ich ganz aufgefüllt war. 'Und dein Vater?' stammelte ich.
'Ach, mein Vater! Das ist etwas anderes. Den kümmert es kaum, mit wem ich zusammen bin. Für ihn ist ein Hohenfels, stets ein Hohenfels, wo er auch sein mag und mit wem er auch umgeht. Vielleicht wäre das anders, wenn du ein Mädchen wärest, eine Jüdin. Bei einer Judin würde er argwöhnen, sie wolle mich einfangen. Und das würde ihm gar nicht behagen – außer sie wäre unermesslich reich. Dann würde er vielleicht, aber nur vielleicht eine Heirat erwägen. Doch selbst dann wäre es ihm peinlich, die Gefühle meiner Mutter zu verletzen. Er liebt sie immer noch.' 
(S. 89/90) 
Mein lieber Hans,
Dies wird ein schwieriger Brief. Lass mich zuerst sagen, wie sehr es mich bedrückt, dass du nach Amerika gehst. Es kann für dich, der du Deutschland liebst, nicht leicht sein, in Amerika neu anzufangen, in einem Land, mit dem du und ich nichts gemeinsam haben, nichts gemein haben. Ich kann mir vorstellen, wie bitter dich das ankommt und wie unglücklich du dich fühlst. Andererseits ist es wahrscheinlich das klügste, was du tun kannst. Das Deutschland von Morgen wird anders aussehen als das Deutschland, dass wir kennen. Es wird ein neues Deutschland sein unter der Führung des Mannes, der dabei ist, unser Schicksal in die Hand zu nehmen, und der für Jahrhunderte das Schicksal der Welt bestimmen wird. Es wird dich erschrecken, dass ich an diesem Mann glaube. Aber nur, er kann unser geliebtes Vaterland vor Materialismus und Bolschewismus retten, nur durch ihn kann Deutschland die moralische überlegene Hight zurückgewinnen, die es durch eigene Torheit verspielt hat. Du wirst nicht zustimmen. Aber ich sehe keine andere Hoffnung für Deutschland. Wir haben nur eine Wahl: zwischen Stalin und Hitler. Ich ziehe Hitler vor. Seine Persönlichkeit und seine Lauterkeit haben mich stärker beeindruckt, als ich dies je für möglich gehalten hätte. Ich erlebte ihn neulich, als ich mit meiner Mutter in München war. Äußerlich ist er ein unscheinbarer, kleiner Mann. Aber sobald man entsprechend wird, wird man mitgerissen von der reinen Kraft, seine Überzeugung, von seinem eisernen willen, seiner dämonischen Intensität und seinem prophetischen Schaf blikk. Als ich mit meiner Mutter weg ging, liefen ihr die Tränen über das Gesicht, und sie sagte immer wieder: Gott hat ihn uns gesandt.
Es betrügt mich mehr, als ich sagen kann, dass einige Zeit – vielleicht 1,2 Jahre – in diesem Deutschland kein Platz für dich sein wird. Aber ich sehe kein Hindernis für deine spätere Rückkehr. Deutschland braucht Menschen wie dich. Ich bin überzeugt, dass der Führer durchaus im Stand und Willens ist, zwischen erwünschten und unerwünschten jüdischen Elementen zu unterscheiden.
… Schwer verlässt,
Was nahe im Ursprung wohnt, den Ort.
Es freut mich, dass deine Eltern bleiben wollen. Selbstverständlich wird sie niemand belästigen – Sie können hier in Frieden und Sicherheit leben und sterben.
Vielleicht werden sich eines Tages unsere Wege wieder kreuzen. Ich werde immer an dich denken, liebe Hans! Du hast mich tief beeinflusst. Du hast mich denken geleert, denken und zweifeln, und durch den Zweifeln durch habe ich zu unserem Herrn und Retter Jesus Christus zurückgefunden.
Dein Konradin V. H. Seite 105-107

Eines Tages stand ein SA – Mann vor der Praxis meines Vaters mit einem Schild: Achtung, Deutsche! Meldet die Juden! Wer sich mit Juden einlässt, besudelt sich. Mein Vater zog seine Offiziersuniform an, mit dem eisernen Kreuz, erster Klasse, und stellte sich neben den Posten. Die Verlegenheit des SA – Mannes wuchs, als die Leute stehen blieben und allmählich einen Auflauf entstanden. Zuerst hielt die Menge still, aber mit ihrem Anwachsen wurde zuerst gemobbt, dann laut und aggressiv protestiert.
Die Feindseligkeit galt im SA – Mann, der es nicht mehr lange aussieht, sein Plakat nahm und Abzug. Bald darauf trete mein Vater den Kasan auf, während meine Mutter schlief. So starben sie/gemeinsam. Seitdem habe ich nach Möglichkeit vermieden, mit deutschen zusammen zu treffen, und habe kein einziges deutsches Buch mehr aufgeschlagen, nicht einmal Berlin. Ich habe versucht, alles zu vergessen.
 Ein paar Deutsche sind mir natürlich trotzdem begegnet, anständige Leute, die im Gefängnis saßen, weil sie sich gegen Hitler auflehnen. Ich habe mich über ihre Vergangenheit unterrichtet, bevor ich ihm die Hand gab. Man muss da schon vorsichtig sein – es ist nicht auszuschließen, dass man sich mit jemanden einlässt, an dessen Händen das Blut von Freunden und Verwandten klebt. Gerade jene freilich, bei denen es nicht im geringsten Zweifel gab, deren Widerstand bezeugt war, wurden ihr Schuldbewusstsein nicht los. Sie hatten mein Mitgefühl. Aber selbst bei Ihnen gab ich vor, dass es mich anstrenge, Deutsch zu sprechen.

Das ist die Fassade, in die ich mich beinahe (doch nicht ganz) unbewusst zurückziehe, wenn ich mit einem deutschen zu tun habe. Selbstverständlich spreche ich noch immer fließend Deutsch, wenn auch mit leicht amerikanischen Akzent, aber ich mache nicht gerne Gebrauch/davon. Meine Wunden sind nicht verheilt, und die Erinnerungen an Deutschland reibt Salz in sie hinein. (Seite 110-112) 
Zuletzt entschloss ich mich, das schreckliche Ding zu vernichten. Wollte oder musste ich wirklich Bescheid wissen? War es ein Unterschied, ob er tot war oder lebendig, wenn ich ihn weder tot noch lebendig jemals wieder sehen würde?
Aber war ich dessen sicher? War als zweifelsfrei ausgeschlossen, dass auf einmal die Tür aufging und er herein trat? Bräuchte ich nicht jetzt schon auf seine Schritte?
Ich nahm die kleine Broschüre in die Hand, drauf und dran, sie zu zerreißen, hielt aber im letzten Augenblick Ende. Auf alles gefasst, suchte ich zittern die Seite mit dem Buchstaben, H. Und Lars: von Hohenfels, Konradin, beteiligt am Attentat auf Hitler. Hingerichtet. (S.116). 


Film: Der wiedergefundene Freund


The Making of an Englishman, 1960

KI Gemini:
Fred Uhlmanns autobiografische Erzählung 'The Making of an Englishman' schildert die prägenden Jahre des deutsch-jüdischen Autors in England, wohin er nach der Flucht vor dem NS-Regime emigrierte. Das Werk beleuchtet sensibel den schwierigen Prozess des Ankommens, die Auseinandersetzung mit der neuen Kultur sowie die Herausforderungen, sich als Künstler und Mensch in einer fremden Gesellschaft zu behaupten.
  • Kulturelle Identität: Das Buch beschreibt den schmerzhaften Spagat zwischen der Herkunft aus Deutschland und der neuen Heimat England, wobei der Autor seine Erlebnisse als Beobachter und Außenseiter reflektiert.

  • Flucht und Exil: Es thematisiert die psychologischen Hürden und die Realität des Exils nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

  • Literarischer Stil: Uhlmann, der vor allem für seinen autobiografischen Roman Der wiedergefundene Freund (Reunion) bekannt ist, schreibt in einem klaren, melancholischen und zugleich beobachtenden Ton.

30 August 2026

Malena Ernmann, Svante Thunberg: Szenen aus dem Herzen (Scenes from the Heart)

„Szenen aus dem Herzen“ (schwedischer Originaltitel: Scener ur hjärtat) ist ein autobiografisches Buch, das im Jahr 2018 in Schweden veröffentlicht wurde und 2019 (sowie in einer erweiterten Neuausgabe 2020) auf Deutsch im S. Fischer Verlag erschien.

Verfasst wurde das Buch offiziell von den Familienmitgliedern Malena Ernman, Svante Thunberg, Greta Thunberg und Beata Ernman, wobei es im Kern aus der Perspektive der Mutter, der bekannten schwedischen Opernsängerin Malena Ernman, geschrieben ist.

Worum geht es in dem Buch?

Obwohl das Buch oft im Kontext von Greta Thunberg vermarktet wird, ist es in erster Linie eine tiefgehende Familiengeschichte und ein Appell für den Klimaschutz. Es gliedert sich im Wesentlichen in zwei große Themenbereiche:

  • Die persönliche und gesundheitliche Krise der Familie: Das Buch schildert schonungslos und offen die schweren Krisen, die die Familie über Jahre an den Rand ihrer Belastbarkeit brachten. Gretas älteste Tochter Greta erkrankte als Kind schwer, hörte zeitweise fast auf zu essen und zog sich in sich zurück, bis bei ihr das Asperger-Syndrom sowie Selektiver Mutismus diagnostiziert wurden. Auch ihre jüngere Schwester Beata kämpfte mit massiven Wutanfällen und Ängsten (bei ihr wurde ADHS festgestellt). Die Eltern mussten erleben, wie das herkömmliche Gesundheitssystem und der Alltag an diesen Herausforderungen zu scheitern drohten.

  • Der Weg zum Klimaschutz („Unser Leben für das Klima“): Aus der Beschäftigung mit den Diagnosen und den besonderen Wahrnehmungen ihrer Töchter schlägt die Familie den Bogen zur globalen Krise. Greta begann sich obsessiv mit dem Klimawandel zu beschäftigen, was bei ihr zu einer tiefen Depression führte – die sich jedoch schlagartig lichtete, als sie anfing, aktiv etwas dagegen zu tun. Die Familie schloss sich an: Sie stellten ihr Leben um, verzichteten auf Flugreisen, reduzierten ihren Konsum und legten den Grundstein für Gretas späteren globalen Schulstreik (Fridays for Future).

Stil und Rezeption

  • Aufbau: Das Buch ist in zahlreiche kurze, oft szenenartige Kapitel unterteilt. Der erste Teil konzentriert sich stark auf das Innenleben der Familie und die Diagnosephasen, während der zweite Teil („Ausgebrannte Menschen auf einem ausgebrannten Planeten“) breiter gesellschafts- und klimapolitische Themen behandelt.

  • Kritik & Wirkung: Kritiker beschrieben das Werk oft als eine Mischung aus sehr emotionalem, fast drastischem Erlebnisbericht und politischem Manifest. Es zeigt eindringlich, wie eng die mentale Gesundheit von Kindern, die oft als „anders“ wahrgenommen werden, mit dem Zustand einer überforderten Umwelt und Leistungsgesellschaft verknüpft sein kann. Für Leser bietet es einen sehr persönlichen Blick hinter die Kulissen der weltbekannten Klimabewegung.

 https://en.wikipedia.org/wiki/Scenes_from_the_Heart

Zitat: 

"Man wird ungemein effektiv, wenn man mit Sozialphobie zu kämpfen hat, und sobald meine Konzerte oder Aufführungen zu Ende sind, gehe ich auf direkten Weg nach Hause.
Wenn ich in Stockholm auftrete, verlasse ich das Theater noch vor den Zuschauern und schminke mich auf dem Fahrrad ab. Und wenn ich nicht unbedingt auf meine eigenen Premieren feiern gehen muss, drücke ich mich auch davor.
 Die Kinder und die Arbeit. Das ist alles, wofür unsere Kraft reicht. Svantes und meine. Alles andere ist zweitrangig. So arbeiten wir, und so schreiben wir.
Wir versuchen, den Dingen eine Stimme zu geben, die wichtiger sind als wir, und für uns hat sich die Umwelt- und Klimaproblematik zum ultimativen Beispiel für die bestehende verdrehte Weltordnung entwickelt, deren Resultat sie ist.
Wir befinden uns inmitten einer akuten Nachhaltigkeitskrise, die sich unter anderem in der globalen Erwärmung niederschlägt." (S.49)
"Die Erde hat Fieber, aber das Fieber ist nur ein Symptom, einer umfassenden Nachhaltigkeitskrise, bei der es in Wahrheit vor allem unser Lebensstil und unsere Werte sind, die unser künftiges Überleben bedrohen." (S. 50).
" 'Ich glaube, Beata hat ADHS', sagte ich später zu Svante. 'Das ist kein normaler Trotz.'
Ich hatte keine Ahnung, wie ich damals zu dieser Schlussfolgerung kam, und obwohl ich heute weiß, dass unsere Vermutung für sehr viele Jahre noch keine Hilfe gebracht hätte, wünschte ich, wir hätten uns mit dieser Möglichkeit bedeutend länger auseinandergesetzt, als wir es taten.
Erst sehr viel später merkten wir, wie sie, wie sehr wir uns dagegen wehrten, einzusehen, dass die Situation über das hinausgeht, was als normal gilt. Stattdessen haben wir uns die Schuld gegeben und uns angepasst. So, wie man es macht."           
(S.54)
"Da die Familie nicht funktionierte, wenn wir nur zu viert waren, schlussfolgerte Svante, dass alles gut werden würde, wenn wir uns in Hotels und Restaurants unter Menschen mischten. Oder zumindest besser: 'Dann kommt alles wieder ins Lot, wartet 's nur ab.'
Und diese männliche, rationale Logik funktionierte! Abgesehen von ein bisschen Schweiß, Stress und Tränen auf dem Kinderhügel fühlten wir uns wieder gut. Wir funktionierten.
Wir lernten Skifahren. Wir tranken heiße Schokolade und aßen Würstchen mit Pommes.
Nachmittags badeten wir im Pool und gingen anschließend ins Restaurant.
 Es war ein schöner Urlaub.
Wir hatten das Problem vertagt und es zugunsten von harmonisch verlaufenden Ferien und ein bisschen Ruhe und Frieden unter den Teppich gekehrt. Wir gaben der Oberfläche den Vorrang vor dem Inhalt, so, wie wir es gelernt hatten. Wir verbargen unsere Andersartigkeit und unsere Schwäche. Wir richteten den Blick auf den Weg, der vor uns lag, und sahen nie zur Seite." (S.55)

" 'Ihr kümmert euch nur um Greta. Nie um mich. Ich hasse dich, Mama. Du bist die schlechteste Mutter auf der ganzen Welt, du verdammte Bitch!', schreit sie, als mich Jasper der Pinguin am Kopf trifft.
Gefolgt von Rasmus und der Landstreicher, Harry Potter, Angelina Ballerina und 100 weiteren Filmen.
[...] Bei Greta ging es um Kilos, Minuten, Tage, Tabellen und Struktur. Alles war praktisch überdeutlich, und von diesem konkreten Schema ging eine Art Erleichterung aus. Bei Beata ist alles Chaos, Zwang, Trotz und Panik.
Ähnlich ist nur der Zeitpunkt – denn altersmäßig ereignet sich die Explosion um genau dieselbe Zeit in der vorpubertären Phase, zwischen dem zehnten und elften Lebensjahr." ( S.60/61).
"Greta kann wegen ihrer Essstörung nicht verreisen, und außerdem weigert sie, sich zu fliegen, dem Klima zuliebe.
'Fliegen ist das absolut Schlimmste, was man machen kann', erklärt sie.
Aber sie sagt, dass sie [ihr Vater und ihre Schwester] fahren sollen, wenn es ihrer kleinen Schwester hilft. Also fliegen Svante und Beata nach Sardinien [...] Sie schwimmen im Pool und essen im Restaurant, und diese männliche rationale Logik geht ein zweites Mal auf. / Der Umgebungswechsel tut Beata gut. Sie ist fröhlich und ausgeglichen.
Ein paar Stunden.
Dann bekommt sie Panik und will nach Hause. Im Hotel gibt es Geckos und Geräusche, und es ist zu warm, und sie kann nicht schlafen.
' Ich will nach Hause, jetzt', schluchzt sie." [...]
Es ist Mitsommerabend 2016, und wir gehen alle vier mit Moses [dem Familienhund] an der Leine vom Arlanda-Express zu Fuß nach Hause. / Greta und Beata pflücken unterwegs jede einen Blumenstrauß am Kungsholms Strand: sieben Mitsommerblumen, die sie unter ihre Kopfkissen legen, um von ihrer zukünftigen Liebe zu träumen.
'Ihr habt gerade einen CO2-Ausstoß in Höhe von 2,7 Tonnen verursacht', sagt Greta zu Svante. 'Das entspricht der Jahresemission von fünf Einwohnern des Senegal.'
'Ich verstehe, was du meinst.' Svante nickt. 'Von jetzt ab werde ich versuchen, auf dem Boden zu bleiben.' ( S. 62-64). 

Unsere Gesellschaft ändert sich so schnell, dass viele Kinder damit nicht zurecht kommen.
"Als Familie kann man entlasten, den Weg ebnen und die Komplikationen untereinander teilen, das hilft. Mit der richtigen Unterstützung und den richtigen Anpassungen verringern sich die Probleme häufig mit der Zeit. Bekommt man allerdings keine Hilfe, haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Probleme schnell größer werden, und die ganze Familie Gefahr läuft, mehr oder weniger in eine Co-Abhängigkeit zu geraten oder eine Co-Behinderung zu entwickeln.
Das ist genau das, was momentan in Zehntausenden schwedischen Familien geschieht – Familien, die überwiegend am Rand der Gesellschaft leben, betroffen von einer sozialen Ausgrenzung, von der niemand die geringste Ahnung zu haben scheint.
Denn mit dem Rand der Gesellschaft verbindet man keine ökonomischen Ziele. Dort gibt es keine Lobbygruppen. Dort, zwischen den unsichtbaren Kindern und den unsichtbaren Familien, gibt es kaum jemanden, der Energie zum Reden hat. Es zehrt zu sehr an den Kräften, und eigentlich fehlt mir die Kraft, darüber zu schreiben. Denn zwischen den Zeilen steht eine Geschichte, die man nicht erzählen kann.
Eine Geschichte, für die niemand die Kraft oder die Möglichkeit besitzt, sie nachzuzeichnen, denn diejenigen, die sich einmal an diesem Punkt befunden haben, wollen niemals wieder dorthin zurückkehren und sich erinnern müssen. Es ist zu belastend. [...] 
Diese Geschichte ist für alle Betroffenen zu erniedrigend – und aus diesem Grund muss ich sie erzählen.
Es ist meine Pflicht, weil ich in der Position bin, ihr Gehör zu verschaffen. Ich muss von den täglichen Telefonaten mit/Lehrern und Eltern erzählen. Von den Anrufen beim Werklehrer, der Mathematikvertretung, beim Vater der Klassenkameradin. Oder von den Tausenden E-Mails spätabends an verschiedene Pädagogen, damit die Kinder zur Ruhe kommen und schlafen können. Von dem Zwang, immer diejenige zu sein, die daran erinnert, dass das Beste für die Mehrheit das Schlimmste für den Einzelnen sein kann. [...] 
Von all den Antidepressiva und Beruhigungsmitteln. Von den Tagen, an denen ich nicht zu Hause schlafen darf, weil ich zu laut bin. Von Konzerten und Liedern, die ich in unserem Kellerabteil einstudieren muss. Von Freunden, die etwas auf Snapchat schreiben.
Von all den Tagen, an denen einem die Kraft fehlt oder an denen man rein gar nichts mehr möchte. Von all den Tagen, die eine einzige hoffnungslose Dunkelheit darstellen. Von all den Tagen – jedem einzelnen Tag in einem Zeitraum von über fünf Jahren –, an denen unsere Familie nicht zusammen essen oder sich kaum im selben Raum aufhalten konnte. [...] /Von den Daheimgebliebenen: den Kindern, die es nicht mehr schaffen, in die Schule zu gehen.
Jemand muss vor dem Schulsystem erzählen, in dem einer von vier Schülern auf der Strecke bleibt. Schülern, die kein Abschlusszeugnis bekommen, weil es den Förderschulen, die Millionengewinne einstreichen, 'misslingt', Lehrer einzustellen. Der lukrativste Misserfolg der Welt.
Von Kindern mit Autismus, die auf eine Schule gehen müssen, in der zweiundachtzig Prozent ihresgleichen gemobbt werden. Von all den Krisengesprächen mit Schulen und von all den Eltern und Lehrern, die völlig ausgebrannt sind. Von all denen, denen es schlimmer geht als uns.
Von den Zusammenhängen zwischen Autismus und Depressionen und Kindern, die sich das Leben nehmen.
Von der schwersten Statistik. Mädchen, die unter Anorexie leiden.
Und von der bodenlose Trauer über all die Kindheiten, die unwiederbringlich verloren gehen, weil wir in einer Gesellschaft leben, die jeden Tag immer weniger Menschen integriert."  (S.69-71)

"Streetdance gesellt sich nun zu der langen Reihe an missglückten Gruppenaktivitäten.
Aber bevor wir gehen, darf ich Beata umarmen.
Lange. Sie weint verzweifelt in meinen Armen, und das ist schrecklich, aber ich darf mich zumindest wie eine Mutter fühlen, die von ihrem Kind gebraucht wird.
Es ist seit langer Zeit das erste Mal, dass ich mein geliebtes kleines Mädchen im Arm halten darf. Es ist wie eine Heimkehr nach einem Leben im Exil.
Es ist der beste Moment.
Von allen." (S. 75)
"Am Ende wird bei Beata ADHS diagnostiziert, mit Zügen von Asperger, OCD und eine Störung mit oppositionellem Trotzverhalten.
Wenn Beata keine Diagnose bekommen hätte, hätten wir nicht gemeinsam mit der Schule die Anpassungen vornehmen können, durch die sie sich integrieren und wieder wohl fühlen konnte. Hätte sie keine Diagnose bekommen, hätte ich es nicht den Eltern ihrer Mitschüler, ihren Lehrern und allen anderen Erwachsenen erklären können. Hätte sie keine Diagnose bekommen, hätte ich nicht mehr arbeiten können. Hätte Beata keine Diagnose bekommen, hätten wir dieses Buch niemals schreiben können. 
So krass sieht die Wirklichkeit aus. Der Unterschied ist wie Tag und Nacht.
Aber jetzt bekommt Beata eine Diagnose, und es wird ein Neuanfang für sie, eine Erklärung, eine Rehabilitierung.
Unsere Tochter geht auf eine gute Schule. Eine Schule mit Ressourcen, mit ausgebildeten Fachkräften. Eine der wenigen Schulen, die Inklusion, Beeinträchtigungen und individuelle Anpassungen ernst nehmen. Aber nach wie vor ist / es das freiwillige Engagement einzelner Lehrer, das den entscheidenden Unterschied ausmacht. Beata hat wunderbare Lehrer, mit deren Hilfe alles funktioniert. Sie muss keine Hausaufgaben machen. Wir können alle Gruppenaktivitäten abwählen. Wir vermeiden alles, was Stress verursacht.
Und es funktioniert. Zu Hause lernen wir, dass der deskalierend wirkende Low- Arousal-Ansatz die beste Methode ist. Ganz gleich, was geschieht, wir dürfen auf Wut nie mit Wut reagieren, das bringt mehr Schaden als Nutzen. Wir passen uns an, und wir planen mit genau festgelegten Routinen und Ritualen. Stunde für Stunde. [...] Jede Familie hat eine Heldin oder einen Held. Beata ist unsere Heldin. Als es Greta im schlechtesten ging, musste Beata zurückstecken und alleine klarkommen. Hätte sie das nicht getan, hätte rein gar nichts funktioniert. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen.
Ich stehe ihr am nächsten, denn ich bin ihre Mutter. Und wir sind uns so unheimlich ähnlich. Ich bin diejenige, die sie am besten versteht, und das weiß sie. Aber das würde sie niemals zugeben.
Manchmal mache ich Fehler. Manchmal bin ich das Kind. Ich schaffe es nicht immer, den Low- Arousal-Ansatz zu befolgen.
Aber ich liebe Beata bis an das Ende der Zeit und darüber hinaus. / [...] 
Dass unsere Kinder am Ende Hilfe bekamen, geht auf viele verschiedene Faktoren zurück. Teilweise lag es an bestehenden Gesundheitswesen, an bewährten Methoden, guter Beratung und wirkungsvoller Medikation. Aber dass Greta und Beata diese Rehabilitierung erhalten haben, verdanken wir vor allem unserem eigenen Kampf, einem Zusammenspiel aus Geduld, Zeit, Glück sowie der Tatsache, dass eine Reihe von Menschen etwas getan haben, was sie nicht durften, aber von dem sie wussten, dass es richtig war.
Eine Gesellschaft kann sich nicht auf Glück oder zivilen Ungehorsam verlassen. Die meisten Eltern haben nicht 250.000 Follower in den sozialen Medien. Die meisten Eltern können nicht Vollzeit zu Hause bleiben, ohne sich krank zu melden. Die meisten Eltern verfügen nicht über den notwendigen sozialen Status." (S. 76-79) 

"Wir Schweden sind engagiert. Wir setzen uns für fast alles ein, wofür man sich nur einsetzen kann. Wir setzen uns für Menschen in Not und Flüchtlinge ein und lehnen uns gegen Ungerechtigkeit auf.
Aus ökologischer Perspektive betrachtet, sind wir allerdings bei weitem nicht so großartig – und zu den Schlimmsten zählen Leute wie ich.
'Ihr Promis seid für die Umwelt, ungefähr das, was der Rechtspopulist Jimmie Åkesson  für die multikulturelle Gesellschaft ist', sagt Greta am Frühstückstisch.
Das jemandem an den Kopf zu werfen, der Multikulturalität sehr schätzt, ist nicht nett. Aber ich fürchte, es trifft / zu. Nicht nur auf Prominente, sondern auf die allermeisten Menschen. Jeder möchte schließlich erfolgreich sein, und nichts kann Erfolg so gut vermitteln wie Luxus, Überfluss und Reisen, Reisen, Reisen.
[...] 'Nenn mir eine einzige Sache, für die sie [die Prominenten] sich einsetzen, außer vielleicht gegen einen ausgewachsenen Atomkrieg mit fatalen Folgen, die wir nie wieder gutmachen könnten?'
Sie hat natürlich recht. Und wenn wir das Klima zerstören, dann lässt es sich nie wieder reparieren – und zukünftige Generationen werden nicht alles wieder einrenken können, so gerne sie das auch wollten.
Und klar, wir Menschen setzen uns für die falschen Sachen ein. Oder besser gesagt, wir setzen uns für das Richtige ein, aber solange wir dabei durch unseren Lebensstil gegen das Wichtigste überhaupt verstoßen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir am Ende vergeblich gekämpft haben werden. / Natürlich muss nicht jeder ein Klimaaktivist sein. Aber das aller Mindeste wäre doch, dass wir zumindest damit aufhören, unsere Umwelt und unseren Planeten aktiv zu zerstören, und es unterließen, unsere Klimazerstörung in den sozialen Medien wie Trophäen vorzuführen.
Ich bin natürlich selbst Teil des Problems. Noch keine drei Jahre her, da habe ich sonnige Selfies aus Japan hochgeladen. 'Einen guten Morgen aus Tokio', und schon strömten 10.000 Likes auf mein Handy. [...] Ich war vor 8000 Menschen aufgetreten, und die Konzerte waren im japanischen Fernsehen ausgestrahlt worden, meine Reise hatte also doch einen Zweck gedient, dachte ich.
Als ob die Biosphäre und das Ökosystem sich für das japanische Fernsehen interessieren würden." (S. 83-85). :
Diktiert, wird nachkorrigiert
"Vielleicht hätte ich doch lieber ein Kochbuch schreiben sollen. [...] Kein Buch darüber, wie es meiner Familie in den letzten Jahren über lange Phasen hinweg ging.
Aber ich muss. Denn es ging uns beschissen. Mir ging es beschissen. Swante ging es beschissen. Den Kindern ging es beschissen. Dem Planeten ging es beschissen. Sogar dem Hund ging es beschissen. / Und wir mussten darüber schreiben.
Gemeinsam.
[...] Wir leben in einer Zeit des historischen Überflusses. Die gemeinsamen Vorräte in der Welt waren nie größer. Genau wie die Kluft zwischen arm und reich. Manche Menschen haben unglaublich viel, mehr als sie benötigen. Andere haben nichts.
Gleichzeitig ergeht es der Welt um uns herum immer schlechter. Das Meereis schmilzt, die Insekten sterben, die Wälder werden abgeholzt, und die Weltmeere und das Ökosystem kollabieren."(S. 88/89).
"Donald Trump verkörpert in unserer Gesellschaft das Schlimmste. Der bisherige das ist der bisherige Höhepunkt auf dem Weg, den wir eingeschlagen haben, aber in seiner Welt leben wir natürlich schon lange. In der Welt der Gewinner. Einer Welt, in der alles expandieren muss.
Die Welt ist wie ein Karussell, das sich in immer höheren Tempo dreht – schneller und schneller. [...]
Werden wir irgendwann den kritischen Punkt erreichen? Den Punkt, an dem wir nicht länger wegsehen können, wenn diejenigen, die es nicht schaffen, sich der Geschwindigkeit anzupassen, aus dem Karussell geschleudert werden?
All diejenigen, die wir einer Gesellschaft des ewigen Wachstums opfern. Jener Gesellschaft, die uns einen höheren Lebensstandard beschert, weil der Antrieb, es besser zu haben und der in schwindelnder Höhe lebenden Elite näher zu kommen, alles vorantreibt. Und natürlich, manchmal scheint es verlockend, einfach die Augen davor zu verschließen, dass / wir drauf und dran sind, den Ast abzusägen, auf dem wir gemeinsam alle gemeinsam sitzen." (S. 94)

"Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern im Alter zwischen zehn und siebzehn Jahren ist in der letzten Dekade um einhundert Prozent gestiegen." (S.95)  
In Schweden "hat sich die Zahl der mit Erschöpfungssyndrom diagnostizierten Menschen seit 2010 verdoppelt. Sechs Jahre in Folge. Über achtzig Prozent der Betroffenen sind Frauen. [...] / Wir befinden uns wie gesagt in einer Nachhaltigkeit Krise. Aber wir befinden uns ebenfalls in einer akuten Klimakrise. Es gibt so gut wie niemanden mehr, der die Krise noch abstreitet, was positiv ist. Das Problem besteht allerdings darin, dass von dem Moment an, in dem man sich die Existenz der Krise eingesteht, bis zu dem Punkt, an dem man begreift, was sie bedeutet, es ein weiter Weg ist. Ein unfassbar weiter." (S.97/98)
"Ein Brief an all jene, die die Chance haben, gehört zu werden.
Ich heiße Greta und bin fünfzehn Jahre alt. Meine kleine Schwester, Beata, wird im Herbst dreizehn. Wir dürfen bei den Parlamentswahlen, die im Herbst anstehen, nicht mitwählen, obwohl die Fragen, die auf dem Spiel stehen, Auswirkungen auf unser gesamtes zukünftiges Leben haben werden. / Ihr sagt immer, dass die Kinder unsere Zukunft sind, und dass ihr alles Erdenkliche für eure Kinder tun würdet. Es klingt so zuversichtlich, wenn ihr das sagt. Und wenn ihr meint, was ihr sagt, dann hört uns doch bitte auch zu – denn wir wollen euren übertriebenen Elan nicht haben. Wir wollen eure Geschenke nicht, auch nicht eure Pauschalreisen, eure Hobbys, oder eure ganze grenzenlose Freiheit. Das einzige, was wir wollen, ist, dass ihr euch in der akuten nachhaltigen Krise, die um euch herum in vollen Gange ist, ernsthaft engagiert. Und wir wollen, dass ihr endlich sagt, wie die Dinge wirklich sind." (S.99/100) 
"In Wahrheit haben wir unseren ökologischen Kredit in dem Moment aufgebraucht, als unsere Emissionen den Anteil von dreihundertfünfzig  Millionstel Kohlendioxid in der Atmosphäre überschritten – nämlich im Jahr 1987." (S.101)



Sieh auch:
KI Gemini: "Das Buch „Our House Is on Fire: Scenes of a Family and a Planet in Crisis“ (auf Deutsch: „Ihre Geschichte ist unsere Zukunft: Wie wir streiken, um die Welt zu retten“) ist eine sehr persönliche und bewegende Chronik der Familie Ernman / Thunberg. Es schildert den Weg von Greta Thunbergs globaler Klimabewegung, eingebettet in die dramatische Geschichte der Rettung ihrer eigenen Familie.
  • Familiäre Krisen als Mikrokosmos: Das Buch beschreibt nicht nur die globale Klimakrise, sondern vor allem die tiefen persönlichen Krisen innerhalb der Familie. Gretas jüngere Schwester Beata kämpft mit schweren Entwicklungsdiagnosen (ADHS, Asperger, Autismus, Essstörungen), was das Familienleben an den Rand des Zusammenbruchs bringt.

  • Gretas Diagnose und Erwachen: Es beleuchtet, wie Greta ihre Autismus-Spektrum-Diagnose (von der Familie als „Superkraft“ verstanden) nutzt, um die harten wissenschaftlichen Fakten zur Klimakrise unbestechlich und kompromisslos zu begreifen, was schließlich zu ihrem Schulstreik vor dem schwedischen Parlament führte.

  • Der Aufruf zum Handeln: Die Eltern Svante Ernman und Malena Ernman (eine bekannte Opernsängerin) schildern schonungslos, wie blind unsere moderne Gesellschaft gegenüber den Warnsignalen der Natur und der Wissenschaft agiert, und fordern ein sofortiges, radikales Umdenken – „als würde unser Haus brennen“.