Arthur Miller: Der Tod des Handlungsreisenden: Zwei Akte und ein Requiem, 1949
"Tod eines Handlungsreisenden beschreibt den Konflikt zwischen dem 63 Jahre alten William „Willy“ Loman und dessen 34-jährigem Sohn Biff. Willy Loman ist ein innerlich zerrissener Mensch, dessen Leben in einer Welt stattfindet, in der sich für ihn Vergangenheit und Gegenwart vermischen (in mehreren Szenen spricht er mit Personen, die nur in seiner Vorstellung anwesend sind, oder es werden Rückblicke gezeigt, manchmal vermischt sich auch beides). Biff hat seinem Vater nie verziehen, dass er einst, während einer Geschäftsreise, seine Mutter mit einer anderen Frau betrogen hat, ging deswegen nicht zur Sommerschule, bekam seinen Abschluss nicht, konnte nicht studieren und schlägt sich mit vielen verschiedenen Jobs durchs Leben. [...]" (Wikipedia)
2. Akt:
"[...] Biff: Seit meiner Schulzeit habe ich mich durch Klauereien um jede gute Stellung gebracht.
Willy: Und wessen Schuld ist das?
Biff: Und ich hab’s nie zu was gebracht, weil du mir solche Flausen in den Kopf gesetzt hast, dass ich glaubte, ich brauchte mir von niemanden etwas sagen zu lassen. Und wessen Schuld ist das?
Willy: Ich nehme es zur Kenntnis.
[...]
Biff: Es wird höchste Zeit, dass du zur Kenntnis nimmst! Innerhalb von zwei Wochen musste ich es mindestens bis zum Generaldirektor gebracht haben. Aber jetzt habe ich die Nase voll!
Willy: Dann häng dich doch auf!– Häng dich auf! /
Biff: Nein! Ich denke nicht daran, mich aufzuhängen! Ich bin heute, mit dem Füller in der Hand, elf Treppen runtergerannt. Und mit einem Mal bin ich stehen geblieben, verstehst du? Und zwar mitten in dem Bürohaus, verstehst du? Ich bin mitten in dem Gebäude stehen geblieben und habe – den Himmel – gesehen. Ich habe all das gesehen, was ich an dieser Welt liebe. Arbeit und Essen und genug Zeit, um sich hinzusetzen und eine Zigarette zu rauchen. Und ich habe mir den Federhalter angeguckt und mich gefragt, warum, zum Teufel ,ich ihn genommen habe? Warum ich versuche, etwas zu werden, was ich nicht sein will? Was ich in einem Büro zu suchen habe, warum ich einen verächtlichen, armseligen Narren aus mir mache, wo doch alles, was ich mir wünsche, da draußen vorhanden ist. Und nur darauf wartet, dass ich endlich sage: ich weiß, wer ich bin! Warum kann ich das nicht sagen, Vater?
Er möchte, dass Willy im Rede steht, aber Willy wendet sich ab und geht nach links.
Willy voller Hass, drohend: Die Tür zum Leben steht weit offen für dich!
Biff: Ich bin nur Dutzendware, Papa, du aber auch!
Willy wendet sich in einem hemmungslosen Ausbruch gegen ihn: Ich bin keine Dutzendware! Ich bin Willy Loman, und du bist Biff Loman! [...]" (S.206/ 207)
REQUIEM
[...]
Biff: Es hat so hübsche Zeiten gegeben. Wenn er von der Reise zurückkam; oder sonntags, wenn wir die Veranda, zimmerten; oder beim Ausbauen des Kellers; oder der Loggia; oder wie er das Extra-Badezimmer gebaut hat und die Garage. Ich will dir was sagen, Charley, in unserer Veranda, da steckt mir von ihm drin als in seinen ganzen Geschäften.
Charley: Ja. Mit einem Eimer Zement war er glücklich.
Linda: Er war so wunderbar geschickt.
Biff: Nur seine Träume waren falsch. Die waren alle falsch.
Happy: will beinah auf Biff losgehen: Sag das nicht!
Biff: Er hat nie gewusst, wer er war.
Charley hält Happy zurück und antwortet für ihn: Niemand soll einen Stein auf diesen Mann werfen. Begreif doch: Willy war Reisender. Und für einen Handlungsreisenden hat das Leben keinen festen Boden. Er baut keine Häuser, er spricht kein Recht, er verschreibt keine Medizin. Er ist ein Mann, der irgendwie in der Luft schwebt, der mit seinem Lächeln reist und mit seiner Bügelfalte. Und wenn sein Lachen nicht mehr erwidert, wird – dann stürzt eine Welt ein. Dann wird sein Hut speckig, und es ist aus / mit ihm. Niemand werfe einen Stein auf diesen Mann. Ein Handlungsreisenden muss träumen, mein Junge. Das gehört zu seinem Beruf. [...] " (S.211/12)