20 Mai 2026

Werner Lansburgh: Dear Doosie

 Ich starte mit der 2. Seite, um jeweils 2 Seiten auf einem Foto zu erfassen, Doch teile ich vorher kurz mit: Der Text richtet sich an Doosie mit der Begründung, dass die Anrede you im Deutschen Du oder Sie bedeuten kann. Da der Verfasser einen männlichen Vornamen trägt, ist Doosie zwar eine ziemlich lautgerechte Wiedergabe von Du/Sie, erweckt aber zugleich den Eindruck, dass eine Sie, also eine  weibliche Person, angesprochen wird und zwar, obwohl der Autor seine Leser nicht kennen kann, mit einem sehr vertrauten Du.

Mit solchen Sprach- und Wortspielen spielt der Autor im gesamten Text.






Werner Lansburgh: Dear Doosie ist ein humorvoller und herzerwärmender

Briefromandes deutschen Autors Werner Lansburgh (1912–1990). Das Buch

erschien erstmals 1967 und wurde zu einem Klassiker der deutschen Literatur,

der bis heute beliebt ist.

Kurze Zusammenfassung

Der Roman besteht aus einer Sammlung von humorvollen, liebevollen und

manchmal etwas chaotischen Briefen, die der fiktive Autor Eduard “Doosie”

Meyer an seine Frau Doosie schreibt. Die Briefe sind voller Alltagsgeschichten,

persönlicher Gedanken, Missverständnisse und einer Prise Berliner

Schnauze. Lansburghs humorvolle und warmherzige Erzählweise macht

das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis.

Besonderheiten

Humorvoll und charmant: Die Briefe sind voller Wortspiele,

absurder Situationen und einer typisch deutschen, etwas

schrulligen Komik.

Alltagsnah: Die Geschichten spiegeln das Leben in den

1960er-Jahren wider, sind aber universell verständlich.

Herzerwärmend: Trotz des Humors steckt viel Zuneigung

und Liebe zwischen den Zeilen.


Ausgabe und Verfügbarkeit

Das Buch ist immer noch erhältlich, z. B. als:

  • Taschenbuch (z. B. bei Rowohlt oder dtv)
  • Hörbuch (gelesen von bekannten Sprechern wie Dieter Hallervorden)
  • E-Book

Zusatz: Eine Liebesgeschichte in Briefen. Auch eine Möglichkeit, sein Englisch spielend aufzufrischen. Nymphenburger, München 1977

Weiter geht es im Text des Buches

19 Mai 2026

Peter Härtling: Nachgetragene Liebe

 Ich habe das Buch von Härtling vor Jahrzehnte in der Hand gehabt. Wieviel ich davon gelesen habe, ist mir unklar. Was ich darüber gelesen habe, spricht mich an.

Dieter Wunderlich: Inhaltsangabe und Kritik

KI Gemini:

„Nachgetragene Liebe“ (erschienen 1980) gehört zu den bedeutendsten und persönlichsten Werken von Peter Härtling (1933–2017). Es handelt sich um ein tiefgreifendes autobiografisches Buch, in dem der Autor versucht, die schwierige und von Sprachlosigkeit geprägte Beziehung zu seinem Vater zu verarbeiten und nachträglich zu klären.

Hier ist eine kompakte Übersicht zu den wichtigsten Aspekten des Werks:


1. Inhalt und Hintergrund

Der Kern der Erzählung dreht sich um die Kindheit des Ich-Erzählers (der unverkennbar Härtling selbst ist) während der „finstern Zeiten“ des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit.

  • Der Vater: Rudolf Härtling war Rechtsanwalt, ein distanzierter, oft schweigender Mann, der seine Strenge meist durch Entzug von Worten ausdrückte. Politisch stand er dem NS-Regime zwar kritisch gegenüber, verhielt sich aber weitgehend passiv.

  • Die Entfremdung: Der junge Peter flüchtet sich zeitweise in die Begeisterung des „Deutschen Jungvolks“ (Hitlerjugend), sehr zum Missfallen des Vaters, der jedoch unfähig ist, dem Sohn seine Beweggründe im Gespräch zu erklären.

  • Das Ende: Kurz nach dem Zusammenbruch des Regimes 1945 stirbt der Vater mit nur 39 Jahren in einem sowjetischen Gefangenenlager. Der Sohn ist zu diesem Zeitpunkt erst zwölf Jahre alt.


2. Die Bedeutung des Titels

Das Wort „nachgetragen“ hat im Deutschen eine Doppelbedeutung, die Härtling brillant nutzt:

  1. Etwas nachtragen (Groll): Dem Vater die Härte, das Schweigen und die emotionale Kälte der Kindheitsjahre vorwerfen.

  2. Etwas nach-tragen (Liebe): Dem Toten die Liebe hinterhertragen, die man ihm zu Lebzeiten nicht geben konnte oder wollte, weil man ihn nicht verstand.


3. Der literarische Ansatz: Verstehen statt Abrechnen

Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren der „Väterliteratur“ der 1970er und 1980er Jahre (die oft brutal und anklagend mit der Tätergeneration abrechneten) wählt Härtling einen tastenden, suchenden Tonfall.

  • Die Perspektive: Der Erzähler schreibt das Buch aus einer Position heraus, in der er bereits älter ist, als sein Vater es je wurde.

  • Das Ziel: Es geht ihm nicht um Vergebung oder Beschönigung, sondern um das Verstehen. Er versucht zu begreifen, unter welchem Druck der Vater in dieser Epoche stand und warum er so unzugänglich wurde.

„Ich fange an, Deine Hand (noch) im Nacken, dich zu verstehen, zu lieben. [...] Du könntest mein jüngerer Bruder sein.“ — Peter Härtling, Nachgetragene Liebe


4. Stilistische Merkmale

  • Mischung aus Prosa und Lyrik: Das Buch bricht stellenweise mit klassischen Romanstrukturen. Es gibt Passagen, die fast wie Gedichte formatiert sind (ohne Interpunktion, in kurzen Zeilen), um die Fragmentierung der Erinnerung und das Stockende des Denkprozesses zu verdeutlichen.

  • Direkte Ansprache: Der Autor wechselt oft in ein imaginäres Zwiegespräch und spricht den verstorbenen Vater direkt mit „Du“ an.


Fazit

Nachgetragene Liebe ist ein berührendes Dokument der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit auf einer ganz privaten, familiären Ebene. Es zeigt, dass Annäherung und Versöhnung mit den eigenen Eltern auch dann noch möglich (und manchmal bitter nötig) sind, wenn diese schon lange nicht mehr am Leben sind.

17 Mai 2026

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe

 Der Augenblick der Liebe (Wikipedia)

"[...] Als Reiseerzählung und Liebesgeschichte im akademischen Milieu erinnert Der Augenblick der Liebe in vieler Hinsicht an den älteren Walserroman Brandung. Die künstlerische Innovation liegt vor allem in der Auseinandersetzung mit La Mettrie, die den Roman um philosophische Überlegungen bereichert. Es geht dabei vor allem um die Themen der Erziehung als Ausbildung zum Gefangenen und um das Erziehungs-Nebenprodukt Schuldgefühle. Die Interpretation Rick Hardys im Anschluss an den Vortrag – dessen Manuskript ist auf den Seiten 114–131 vollständig wiedergegeben – ist dabei die zentrale Stelle des Romans: Hardy beschuldigt Gottlieb, er wolle unter dem Vorwand, über La Mettrie und dessen These von der Lebensfeindlichkeit von Schuldgefühlen zu sprechen, den Deutschen einen „Freispruch erschwindeln“, wobei Hardy einen überraschenden Zusammenhang zur Erinnerung an den Holocaust herstellt. Die anschließende Reflexion Gottliebs wirkt wie eine späte Selbstverteidigung Walsers, der sich während der Diskussionen rund um seine Romane Ein springender Brunnen und insbesondere Tod eines Kritikers selbst Vorwürfen des latenten Antisemitismus ausgesetzt sah:

„La Mettrie behauptet, es gebe nichts Unmenschlicheres, nichts Lebensfeindlicheres als remords. Das würde natürlich auch für den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit gelten. Aber das hat er [Zürn] nicht gesagt. Er müßte dann nachweisen, daß es eine Schuld gibt ohne Schuldgefühle. Kein bisschen weglügen, nichts verkleinern, und trotzdem kein Schuldgefühl, keine remords. […] La Mettrie hatte keine Erfahrung mit dem Gedächtnis. Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal.“ [...]" (Wikipedia)

Bernd A. Laska: Warum ausgerechnet La Mettrie? Über den „eigentlichen Helden“ in Martin Walsers Roman Der Augenblick der Liebe. In: literaturkritik.de, Jg. 6, Nr. 10, Oktober 2004 (eine ausführliche sehr informative Information über La Mettrie und seine Rolle zwischen Aufklärung, Freud und Reich))

16 Mai 2026

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums

 Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums

Klappentext: Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. "Stimme zu" / "Stimme nicht zu" - so werden Handelnde zu Vollziehenden. Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.

Leseprobe:https://www.suhrkamp.de/buch/hartmut-rosa-situation-und-konstellation-t-9783518588338?pt_ref=buchlink&utm_campaign=9783518588338&utm_medium=buchlink&utm_source=perlentaucher.de


Rezension: Bekannt geworden mit seiner Theorie der "Resonanz", warnt der Soziologe Hartmut Rosa nun vor dem Verschwinden des individuellen Spielraums in einer überregulierten Moderne, wie Rezensent Günter Kaindlstorfer erklärt. Die zentrale Diagnose lautet, dass Menschen immer häufiger von Handelnden zu "Vollziehenden" werden: vom Zugschaffner über die Ärztin bis zum Fußballschiedsrichter, der auf die "Millimeterentscheidung des Videoassistenten" warten muss. Leben bedeute jedoch "HANDELN", nicht das Abarbeiten von To-do-Listen, sonst drohten Erschöpfung und Entfremdung, so der Kritiker. Rosa erklärt auch den Erfolg von Populisten mit der Sehnsucht nach "Handlungsfähigkeit" und plädiert für die Rückeroberung von Ermessensspielräumen und für "Unverfügbarkeit".


Klassisches Beispiel für Handlungseinschränkung: Brandschutzverordnung: Sicherheit (S.90)

Schutz vor Korruption u. Rechtssicherheit

Versprechen der Moderne zum Handeln zu befreien (S.95)

neue Ohnmacht (S.97)

Verstehbarkeit u. Gestaltbarkeit (S.98)

Politik u. Wissenschaft als Beispiele für den inneren Widerspruch (S.98/99)

Kapitel 5: Macht u. Ohnmacht der Gesetzgebung  (S.102ff.)

  1. Derartige Rückeroberungen unserer Spielräume werden die kulturellen und strukturellen Steigerungs– und Optimierungszwänge, die mit einer auf dem Modus dynamischer Stabilisierung beruhenden, liberal-kapitalistischen Gesellschaft unaufhebbar verbunden und für die/Transformation unseres Handelns hauptverantwortlich sind, nicht einfach außer Kraft setzen. Aber sie können dazu beitragen, dass wir dereinst […] noch den nötigen Spielraum und die Handlungsfähigkeit haben werden, um etwas Neues entstehen zu lassen. (S. 219/220)

  2. Bemerkenswert ist, dass Rosa als Möglichkeit für die Rückgewinnung menschlicher Spielräume das indische Jugaad und das brasilianische Jeitinho nennt; aber auch das Konzept des Ubuntu, das im deutschen Sprachraum schon länger als "Ich bin, weil du bist" verstanden wird, eine Gedanke, der von Martin Buber etwa so formuliert wurde: "Der Mensch erfährt sich als Mensch durch das Du seines Gegenüber. Ausführlich dargestellt ist das in seinem Werk "Ich und Du".

  3. Die verschiedenen Sprachsektionen der Wikipedia sehen die Begriffe freilich mitnichten als gleichbedeutend an. Die englische Wikipedia kennt sowohl das indische Jugaad und das brasilianische Jeitinho und misst ihnen unterschiedliche Bedeutung zu. Die  Ubuntu-Philosophie ist dagegen in 47 Sprachsektionen zu finden. 

  4. Zunächst fällt auf, dass sich tatsächlich auf fast allen großen Konfliktfeldern der Gegenwart eine geradezu übermächtige Tendenz erkennen lässt, im politischen Diskurs und sogar im politischen Handeln komplexe gesellschaftliche Situationen auf einfache konstellative Konfliktpunkte zu reduzieren. [...] Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich im politischen Streit um die Migration, genauer: wie mit der so genannten Migrationskrise umzugehen sei. Auch hier steht die Gesellschaft – steht die Welt – vor einer komplexen, vielschichtigen und moralisch hochproblematischen Gemengelage, die zahlreiche Fragen aufwirft: Was treibt Menschen nach Europa? Was sind berechtigte Ansprüche? Wer kann sich geltend machen – wo und wie? Was ist ein menschlicher Umgang, mit denen, deren Ansprüche nicht berechtigt sind? Wie kann man – und soll man? – sicherstellen, dass diejenigen, denen das Recht aufs Asyl zu gewähren wäre, auch Gehör finden können? Was ist ein sicheres Drittland? Wohin darf man (welche) Menschen abschieben? Wann soll man sie nicht abschieben? Wie können diejenigen integriert werden, die hierbleiben (dürfen)? Welche Probleme im Umgang mit geflüchteten Menschen stellen sich für Kommunen, Schulen, Betriebe? – Und auch hier wurde und wird die unbedingt nötige Diskussion immer wieder auf einzelne konstellative Konfliktpunkte reduziert: Obergrenze, ja oder nein? Nach Afghanistan (oder Syrien, oder…) abschieben, ja oder nein? Asylverfahren außerhalb der EU, ja oder nein? (S. 103-105)

  5. Seite 131:
    In narritativen, biografischen Interviews beispielsweise erzählen Engagierte ihre Lebensgeschichten und gewähren den Forschenden auf diese Weise tiefe Einblicke in die Genese und Komposition ihrer Motivationsstrukturen im Kontext Ihres situativen Entstehung und Einbettung.
    Qualitative Sozialforschung beruht mithin auf der Ein/sicht, dass wir menschliche Handeln nur mittels einer Rekonstruktion seiner Sinnstrukturen und der Ihnen zugrunde liegenden Deutungsmuster der Akteure wirklich verstehen können, dass konstellative Analysen, Korrelationen (etwa zwischen dem Alter, dem Geschlecht, dem Bildungsgrad, dem Wohnort und der Engagementhäufigkeit) zwar aufdecken, aber nicht wirklich erklären können. Erst wenn die konstellativen Befunde in ihrer in ihren situativen und lebensweltlichen Einbettungen und Zusammenhängen erfasst und gedeutet werden, lassen sie sich adäquat begreifen. Deshalb bemüht sich die qualitative Forschung um die systematische Rekonstruktion solcher Sinnstrukturen und Deutungsmuster. (S. 131/32). [mehr zum Unterschied zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung und analytischer und verstehender Philosophie sieh KI Ecosia].
Kapitel 7: Parametrische Optimierung: die unmerkliche Verschiebung von Aufmerksamkeitsfokus und Willensstruktur.
Zunächst nur teilverbessert:

Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit, worauf achten wir, wenn wir versuchen, ein gelingendes Leben zu führen, gesund zu bleiben, stabile und erfüllende soziale Beziehungen zu unterhalten? Welche Aspekte nehmen wir jeweils wahr? – wie nehmen wir sie wahr? Und was versuchen wir dabei jeweils zu erreichen, worauf richten sich unsere Bemühungen, unser Wille? In gleicher Weise können wir fragen, was Manager, die eine Firma leiten oder Politikerinnen, die ein Land regieren, jeweils im Fokus haben. [...] 
Dazu werde ich in diesem Kapitel die These entwickeln, dass die Transformation unsere Tätigkeitsweise vom Handeln zum Vollziehen und damit auch/von situativer zu konstellativer Wahrnehmung unserer Umwelt zu einer höchst bedeutsamen Verschiebung unseres Aufmerksamkeitsfokus und unserer Willensstruktur [...] zu einer Veränderung der Art unseres In- der-Welt-Seins führt. [...] (S.145/46)
Wie jeder Amateursportler und jede Organisationssoziologin weiß, stößt das Bemühen, Leistungen und Ergebnisse zu verbessern, früher oder später an eine Grenze, jenseits deren ein systematisches Vorgehen unerlässlich wird. Das bedeutet, das Prozesse und deren Bedingungen – im Sport etwa Bewegungsabläufe und deren materielle Voraussetzungen wie Schuhe, Schläger usw. in ihre Einzelteile zerlegt werden müssen, die dann jeweils für sich untersucht und verbessert werden können. Der historische Prototyp für diese Art der Optimierung ist die Methode des wissenschaftlichen Managements [S.147/149] Ich möchte hier nicht infrage stellen, dass die Erhebung und die Verbesserung aller dieser Werte sinnvoll und wichtig sein können. Es ist aber nicht zu übersehen, dass sich im Zuge Ihrer Sichtbarmachung und Bearbeitung, die Wahrnehmung unseres Körpers und die Beschäftigung mit ihm, die Arbeit an ihm und sogar unser Körpergefühl spürbar verändert haben. Unser körperbezogener Auf/merksamkeitsfokus und die entsprechende Willensstruktur haben sich verschoben. In phänomenlogischer Diktion können wir sagen: Sie haben sich vom Leib, den wir (innerlich) wahrnehmen und spüren, hin zum Körper, den wir (äußerlich) beobachten und bearbeiten können, verschoben.
Nicht anders verhält es sich im Blick auf die Art und Weise, wie wir unsere Einbettung in der soziale Umfeld und unseren Platz darin wahrnehmen und bearbeiten. [S.149/150] 
[S.151:] Ist es trotz des Suchtpotenzials, dass soziale Verhaltensparameter für Menschen haben, immerhin mehr oder minder gefahrlos (wenn auch nicht folgenlos) möglich, sie weitgehend zu ignorieren, gilt dies für das Berufsleben und das organisationale, Handeln nicht. Überall in Betrieben, Behörden und Organisationen werden Leistungs-, Performance- und Verbrauchparameter individuell und kollektiv erhoben, verglichen und bearbeitet. Hier zeigt sich die Logik des neuen, digitalen Taylorismus am radikalsten. Nicht nur wirtschaftliche Unternehmen, sondern auch Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Theater, sogar Sozialämter und Pflegestation sind stetig aufgefordert, ja gezwungen, ihre Performance mithilfe von Kennziffern, Messzahl und Richtwerten beständig parametrische zu überwachen, zu publizieren [...] und natürlich zu verbessern. (S. 150/51)

15 Mai 2026

Die Frau im Mittelalter

 Dies Buch fand sich bisher nur ziemlich versteckt bei meinen Lektüreanregungen. Es soll hier leichter zu finden sein:

Shulamith Shaha: Die Frau im Mittelalter, 1981
(engl.:The Fourth Estate: A History of Women in the Middle Ages, New York 1983)
Die Frauen passen nicht recht in das Ständesystem des Feudalsystems: Geistlichkeit, Adel, Bauern/Bürger. Sie werden, so weit sie überhaupt vorkommen, als Randgruppe geführt. So gibt es im Beichtspiegel z.B. speziell weibliche Sünden. Auch gibt es nur bei den Frauen eine Einordnung nach dem Familienstand: ledig, verheiratet, verwitwet. (Mehr dazu auf den Seiten 14/15 - zur besseren Lesbarkeit kann man das Bild herunterladen und dann vergrößern.)
Behandelt wird grob gerechnet die Zeit von 1150-1450 und Westeuropa außer Skandinavien, Schottland und Irland. Hier gibt es trotz aller regionalen Differenzierungen genügend Gemeinsamkeiten, um eine übergreifende Behandlung zu rechtfertigen. 
"Die großen Mystikerinnen waren angesehen und geehrt wie kaum andere Frauen jener Epoche. So schrieb Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert an Hildegard von Bingen: "Wir preisen die göttliche Gnade, die in dir wohnt… Wie kann ich dich zu lehren oder zu beraten wagen, die du verborgenen Wissens teilhaftig geworden bist, und der Einfluss von Christi Salbung in dir weiter lebt. Du bedarfst keiner Unterweisung mehr, denn von dir sagt man, dass du fähig seist, die himmlischen Geheimnisse zu prüfen und im Lichte des Heiligen Geistes zu erkennen, was jenseits menschliche Erfahrung ruht. An mir ist es, dich zu bitten, mich und diejenigen, die mir in geistiger Brüderlichkeit verbunden sind, vor Gott nicht zu vergessen…" Aus diesen Worten geht die Anerkennung einer der Mystikerin eigenen Heiligkeit hervor, die weder an Amt noch Titel gebunden war. Sie ist dem Ruhm weniger Prophetinnen aus dem Alten und Neuen Testament vergleichbar. So zählte denn auch ein Teil der Mystikerinnen zu christlichen Heiligen, denen bisweilen zu Lebzeiten besondere prophetische Kräfte zugesprochen wurden (ihre Kanonisierung erfolgte erst nach ihrem Tod). Bei einem Chronisten lesen wir über Hildegard von Bingen und Elisabeth von Schönau: 'Gott offenbarte seine Stärke durch das schwache Geschlecht, durch zwei seiner Dienerinnen… Sie waren von der Fähigkeit der Prophetie erfüllt…' Auch Franz von Assisi glaubt an die Heilkräfte der heiligen Klara; seinen Bruder Stephan sandte er zu ihr, da sich sein Geist verwirrt hatte. Nachdem sie das Zeichen des Kreuzes über ihm gemacht hatte, legte er sich an dem Ort schlafen, an dem sie gewöhnlich betete; als er am nächsten Morgen aufstand, war er geheilt. Im Verhalten der Kirche gegenüber Mystikerinnen berief man sich beinah einhellig auf folgende Unterscheidung: Zwischen einer Kraft, die von Gott geschenkt und allein auf der Persönlichkeit beruhe, und priesterlicher Autorität und Würde; dazu Thomas von Aquin: 'Die Prophetie ist kein Sakrament, sondern eine Gabe Gottes… Das weibliche Geschlecht versinnbildlicht nicht die Überlegenheit ihres Standes, hat es sich doch unterzuordnen; das heißt: Einer Frau steht das Sakrament der Priesterweihe nicht zu. Da sie sich aber in ihrer Seele nicht vom Mann unterscheidet, so folgt daraus, dass sie die Gabe der Prophetie empfangen kann, nicht jedoch das priesterliche Sakrament.'[...]" (S. 68/69)


Behandelt wird aber auch die Hexenverfolgung, die in der Randstellung der Frau im Mittelalter vorbereitet sei:
"Das Ausmaß von Unheil, welches Eifersucht und Vergeltungswahn einer Frau bewirken könne, ließ sie sich aus der Geschichte Josephs und seiner Gemahlin Potifar ebenso ablesen wie aus den Handlungen Medeas. Mit ihrer Stimme, den Sirenen vergleichbar, locke sie einen jeden an, um ihn sodann zu zerstören. Ihr Hochmut sei nichts anderes als die Fassade ihrer Schwäche, aus der heraus sie den leichtesten Weg, also die Zauberei, zur Erreichung ihrer Ziele und Befriedigung ihrer Rachegelüste wähle. Derartige weibliche Eigenschaften würden jedoch vor dem schlimmsten Laster der Frauen, der Fleischeslust, die in ihrer Unersättlichkeit weit über die eines Mannes hinaus reichen, verblassen. Siehe Bilder auch die Hauptursache dafür, dass Frauen sich leichter vom Teufel und seinem Gehilfen, den Dämonen verführen ließen. Speziell anfällig in dieser Hinsicht sein jene Frauen, die unzüchtige oder ehebrecherische Beziehungen eingegangen seien. Es läge daher auf der Hand, Ketzerei von Zauberern mit dem weiblichen Namen der Hexen und nicht den männlichen der Hexenmeister zu belegen. So viel zur schwarzen Liste des Verfassers des 'Hexenhammers'." (S. 259)

14 Mai 2026

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

 Die Erzählerin machte alles ihrer Freundin Lila nach, auch wenn sie dabei große Angst hatte. Denn Lila macht immer wieder ohne Furcht etwas, was Elena nie von selbst getan hätte. 

Alle Kinder waren frech und hielten sich nicht an das, was ihnen gesagt wurde, Nur Lila tat es offen und ohne Furcht. Sie gehorchte der Lehrerin nicht, und wenn die sie strafen wollte, fiel ihr selbst etwas Schreckliches zu.

Lina lief nicht vor den Steine werfenden Jungen fort, sondern wich ihnen immer erfolgreich aus und bewarf ihrerseits die Jungen mit Steinen.

So ist Elena auch am Beginn des Romans dabei, ihrer Freundin auf dem Weg zu Don Achille zu folgen, obwohl der der Schrecken des ganzen Viertels war. In dieser magischen Kinderwelt voller Ängste hat Lila keine Angst. Deshalb kann sie alles, auch das Unmögliche, weil sie keine Angst hat. Lila wird diese Fähigkeit bis zum Schluss der Tetralogie haben. 

Am Anfang stehen Verse aus Goethes  Faust Prolog im Himmel

Du darfst auch da nur frei erscheinen;

Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.

Von allen Geistern, die verneinen,

ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.

Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,

er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.

Als Elena in die Schule kam, wurde sie, weil sie artig und fleißig war, bald die beste aus der Klasse. Bis eines Tages herauskam, dass Lila sich, ohne jede Hilfe, Lesen und Schreiben beigebracht hatte und auch besser Kopfrechnen kann als die zwei Jahre älteren Schüler. 

Von da ab hat sie es sich allerdings mit den Jungen in der Schule verdorben. Elena aber erkennt Lilas Überlegenheit fraglos an und bemüht sich, immer an ihrer Seite zu bleiben, und Lila nimmt sie zu allerlei Mutproben mit, die Elena von sich aus nie zu unternehmen gewagt hätte. In dieser Zeit wirft Lila auch Elenas Puppe ins Kellerloch. Als sie sie nachher im Keller suchen, finden sie sie nicht und vermuten, Don Achille habe sie gestohlen.

Damals hat Nino Sarratore Elena auch gesagt, dass er Elena heiraten wolle, wenn sie groß seien. Sie liebte ihn auch, wies ihn aber ab. (S.74)

Dass Elena Lila als mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet sieht, führt Ferrante also auf die plötzlich Überlegenheit Lilas, dass sie ohne Hilfe Lesen gelernt hat, zurück. Und dass sie - wie Mephisto Faust - Elena in das ihr bis dahin fremde Leben einführt, auf ihre Furchtlosigkeit.

Zum größeren Zusammenhang als Vorausschau sieh die Darstellung zur Tetralogie und zum 3. Band

13 Mai 2026

Saša Stanišić: Wolf - ein Buch zum Thema Mobbing

Saša StanišićWolf. (Perlentaucherrezensionen)

Wolf ist "mehr als nur eine Mobbing-Geschichte. Der Roman erzählt auch von Freundschaft, Veränderung und vor allem von Selbstermächtigung - davon, wie man wieder zum Erfinder oder zur Erfinderin der eigenen Geschichte wird, lesen wir. Und das natürlich gewohnt witzig, fantasiereich und mit einer Sensibilität für Sprache, die berührt, beeindruckt und anregt - genauso übrigens, wie die feinen Illustrationen von Regina Kehn. Dieser Kinderroman ist definitiv "anders" auf die beste Weise" (Christine Knödler, Süddeutsche Zeitung, 05.05.2023

Interview mit Schülerinnen, die das Buch gelesen haben, dem Lehrer, an dessen Schule alle das Buch gelesen haben und Stanišić (ZEIT 13.5.26)


Ich begleite die Werke von Stanišić  seit 2014. Ich bin kein begeisterter Leser. Dies Buch aber, das ich nicht gelesen habe, gefällt mir sehr gut aufgrund der wenigen Stellen, die in dem Interview zitiert werden, und der Reaktion der Leserinnen. Denn Mobbing ist ein sehr wichtiges Thema, weil es sich weitgehend für die Erwachsenen im Verborgenen abspielt und es sehr schwierig ist, die Dynamik des Prozesses zu erkennen und noch schwerer, sie zu beeinflussen. Ich bin Stanišić dankbar, dass er das Thema aufgegriffen hat und bin beeindruckt, dass es gelungen ist, das Buch in einer Schule in allen Klassen zu lesen. 

Dan Olweus hat einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Gewaltpräventionsprogrammen in der Schule geleistet, aber insbesondere aufgrund der Möglichkeit des außerschulischen Mobbings über das Internet trotz allen verdienstvollen pädagogischen Interventionen nicht wirklich erfolgreich bekämpft worden. Die Beteiligten sind weiterhin oft überfordert, weil Erwachsene und Mobbingopfer nicht früh genug zueinander finden.