07 November 2026

Bismarckrede am 6.9.1849

 in der 2. Kammer des preußischen Landtages, Werke in Auswahl 1. Band 1962, S.235 ff

Diktiert wird nachkorrigiert:

" Diese Armee [...] ist zufrieden mit dem Namen Preußen und stolz auf den Namen Preußen? Diese Scharen, sie folgen dem schwarz-weißen Banner. Nicht de dreifarbigen. Unter dem schwarz-weißen Banner sterben sie mit Freuden für ihr Vaterland. Das dreifarbige haben sie seit dem 18 März als Feldzeichen ihrer Gegner kennengelernt. Unter ihnen sind die Töne des Preußenliedes des Dessauer und des Hohenfriedberger Marsches wohl gekannt und geliebt. Aber ich habe noch keinen preußischen Soldaten singen hören: 'Was ist des deutschen Vaterland?' " (S. 241)

06 November 2026

David Grossmann: Stichwort: Liebe

 Aufgrund der Rezension Hajo Steinerts und einem kurzen Anlesen scheint mir der Roman empfehlenswert. 

Hajo Steinert (Hohe Kunst des Scheiterns in Die Zeit, Ausgabe 13/1991) nennt Stichwort: Liebe „einen der intelligentesten, komischsten und traurigsten Romane der Gegenwart“. Für ihn steht fest, dass Grossman „hier einer sein Scheitern bewußt inszeniert. Erzählen, was nicht zu erzählen ist: darin besteht der paradoxe und keineswegs bescheidene Anspruch dieses Romans“. Und weiter: „Das Scheitern so zu inszenieren, daß einen die Lektüre von immerhin sechshundert Seiten gleichwohl fesselt, darin besteht sein Triumph.“[21]

Der Wikipediaartikel zum Roman nimmt aber vielleicht zu viel von der Spannung weg, die durch den langen Text tragen soll. Deshalb werde ich hier jeweils nur kurze Zitate aus dem Roman und aus dem Artikel vorstellen. Dann kann man sich entscheiden, ob man den Genuss des Lesens oder die kurze Information vorzieht.

"Das war so einige Monate, nachdem Großmutter Henni gestorben war und man sie in der Erde begraben hatte, bekam Momik einen neuen Großvater. Dieser Großvater trat im Monat Schwat des Jahres 5317, was nach dem anderen Kalender das Jahr 1959 ist, auf den Plan, aber nicht mit Hilfe der Radiosendung 'Grüße an Neueinwanderer', die Momik sich jeden Tag beim Mittagessen zwischen eins und  halb zwei aufmerksam anhören musste für den Fall, dass einer der Namen erwähnt wurde, die der Vater ihm auf ein Papier geschrieben hatte; nein, der Großvater kam in einem blauen Magen-David - Ambulanzwagen, der eines Nachmittags mitten im Regensturm vor dem Café und Lebensmittelladen von Bella Markus hielt. Ein dicker braungebrannter Mann stieg aus. Kein 'Schwarzer', sondern einer von uns, und fragte Bella, ob sie die Familie Neuman kenne. Und Bella erschrak und wischte sich rasch die Hände an ihrer Schürze ab und sagte. Ja, ja, ist Gott behüte etwas passiert? Und der Mann sagte, Kein Grund zur Aufregung, gnädige Frau, nichts ist passiert was soll denn passiert sein, ich Ihnen nur ein Verwandten gebracht und er zeigte mit dem Daumen nach hinten zum Ambulanzwagen. [...]" (S.7)

"Das war die Geschichte, die Momik in der Zeitung fand und in dem Augenblick, als er sie in seinen Spionageheft abzuschreiben begann, wusste er, dass es die spannendste Geschichte war, die je geschrieben wurde Und das Blatt hatte den Geruch von tausend Jahren und sah genauso aus wie eine Seite aus der Bibel, und auch die Wörter sahen biblisch aus und Momik wusste, dass er nie alles verstehen würde, auch wenn er die Geschichte tausendmal las, denn um die Geschichte zu verstehen, brauchte man Kommentare, zum Beispiel von Raschi oder so, von irgend jemand, der diese Sprache verstand, denn heute redete keiner mehr so, außer Großvater Anschel vielleicht, aber auch ohne jedes einzelne Wort zu verstehen, wusste Momik, dass diese Geschichte der Anfang war von allen Dingen und von allen Büchern auf der Welt, und dass alle Bücher, die danach geschrieben wurden, nur jämmerliche Nachahmungen dieser einen Seite waren, die Momik glücklicherweise entdeckt hatte. [...] " (S.18)

" Es war Bella, von der Momik zum ersten Mal etwas über die Nazi-Bestie hörte.

Na schön, um die Wahrheit zu sagen, Momik dachte zuerst, dass Bella tatsächlich irgend so ein phantastisches Ungeheuer meinte oder einen Riesendinosaurier, der einmal auf der Erde gelebt hatte und vor dem sich alle fürchteten. Aber er traute sich nicht, nach was und wie zu fragen. Und dann, als der neue Großvater kam und es den Eltern noch elender ging und sie nachts noch mehr litten und schrien und es schon nicht mehr zum Aushalten war, beschloss Momik Bella doch noch zu fragen, und Bella antwortete ihm mürrisch, dass es Gott sei Dank noch ein paar Dinge gebe, die ein neunjähriger Junge noch nicht zu wissen brauche. [...] Momik beschloss, hartnäckig zu bleiben und fragte sie ganz direkt, was für ein Tier die  Nazi-Bestie  sei. (denn er wusste ganz genau, dass es keine fantastischen Tiere auf der Welt gab, und bestimmt keine Dinosaurier.) Und Bella stieß den Rauch ihrer Zigarette aus und drückte sie dann im Aschenbecher aus und seufzte und sah ihn dann an, und kniff ihre Lippen zusammen und wollte es nicht sagen. Aber ihr entschlüpfte trotzdem, dass die Nazi-Bestie im Grunde genommen aus jedem Tier herauskommen könne. Wenn man es nur richtig pflegte und fütterte, und dann zündete sie sich rasch eine neue Zigarette an, und ihre Finger zitterten ein wenig, und Momik sah, dass er nichts mehr aus ihr herausholen würde. Und er ging nachdenklich auf die Straße, schleifte seine Schultasche auf dem nassen Bürgersteig hinter sich her [...] dann blieb er stehen und betrachtete seinen Großvater Anschel, der wie immer auf der grünen Bank auf der anderen Straßenseite saß, in sich versunken war und mit den Armen fuchtelte, während er mit jenem Unsichtba/ren diskutierte, der ihm keinen Augenblick Ruhe gab, aber das Interessanteste war, dass der Großvater nicht mehr allein auf der Bank saß. 

Es war nämlich so, dass er in den letzten Tagen, ohne es zu merken, alle möglichen Leute anzog. Das waren ausgerechnet alle alten Leute, die man vorher in der Nachbarschaft kaum bemerkt hatte. Und wenn man sie doch bemerkt hatte, sich bemühte, nicht über sie zu reden – Ginzburg  und Seidman zum Beispiel, die sich vor Großvater hinstellten und ihm ins Gesicht starrten, woraufhin Seidman sofort anfing, Bewegungen wie Großvater zu machen. Denn er macht immer alles nach. Und dann kam Jedidja Munin, der in der leeren Synagoge zusammen mit allen ermordeten Heiligen wohnte und dort auch schlief. Jedidja Munin war derjenige, der wegen eines Leistenbruchs immer mit gespreizten Beinen ging, und der zwei Paar Brillen übereinander trug. Ein Paar für die Sonne und ein Paar nicht für die Sonne. Kinder durften ihm unter keinen Umständen zu nahe kommen, weil er unanständig war. Aber Momik wusste, dass Munin eigentlich ein guter Mensch war. Denn alles, was er im Leben wollte, war eine Frau als vornehmer und angesehener Familie zu lieben. Und mit ihr Kinder zu machen auf eine Art, die nur er kannte. Und darum schnitt ihm Momik heimlich jeden Freitag aus Bellas Zeitung die Heiratsannoncen der bekannten modernen Heiratsvermittlerin Frau Esther Levin aus, der führenden Expertin des Landes für Kontakte mit Touristen aus dem Ausland, aber das durfte Gottbehüte niemand wissen. [...]" (S.21/22) 

sieh auch: Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Wer nicht von der Geschichte abgelenkt werden will, darf jetzt aber statt über die fliehende Frau gern etwas im Wikipediaartikel lesen. Nur, den Text über die fliehende Frau kann man gleich verstehen. Bei Großvater Anschel weiß man noch lange nicht recht Bescheid, worum es geht.

Schauen wir mal etwas in den Wikipediaartikel: 

"Stichwort: Liebe [...] ist ein Roman des israelischen Autors David Grossman, der im Jahr 1986 in hebräischer Sprache veröffentlicht wurde und im Januar 1991 in deutscher Übersetzung erschien. Er behandelt zum einen die traumatischen Nachwirkungen der Shoah auf die Überlebenden und deren Nachfahren und zeigt, wie schwer es ihnen fällt, Liebe zum Leben und gegenüber anderen zu empfinden und zu zeigen. Zum anderen zeigt er die Unmöglichkeit, ein Ereignis wie die Shoah in die Sprache zu „übersetzen“ und begreifbar zu machen. Der Roman erzählt dabei aus einem sehr persönlichen Blickwinkel des Autors mit autobiografischen Elementen.

Protagonisten des Romans sind Shlomo Neuman (genannt Momik) und sein Großonkel Anschel Wasserman, den Momik aber als seinen Großvater „annimmt“ und durchgehend so bezeichnet.

Anschel Wasserman ist ein fiktiver polnischer Schriftsteller, der unter dem Künstlernamen Anschel Wasserman-Scheherezade vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen Geschichten der Kinder des Herzens erfolgreich war. Diese spannenden und fantastischen Fortsetzungsgeschichten mit pädagogisch-aufklärerischem Unterton waren bei Kindern sehr beliebt. Nachdem ihm als Schriftsteller kein weiterer Erfolg vergönnt war, lebt er ein langes introvertiertes Leben als Junggeselle. Mit über vierzig Jahren heiratet er doch noch unter Vermittlung seines Verlegers und einzigen Freundes und wird Vater. Nach dem Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen wird Wasserman mit seiner Familie deportiert. Während Frau und Tochter in einem Vernichtungslager ermordet werden, überlebt Wasserman mehrere Jahre im Lager und wird schwer traumatisiert in eine Nervenheilanstalt in Israel eingeliefert. Da er keine artikulierten Worte spricht, bleibt seine Identität dort jahrelang unerkannt.

Im Jahre 1959 nennt Wasserman doch einige Namen von Familienangehörigen und kann identifiziert und zu seinen nächsten Verwandten in Israel gebracht werden: Zur Familie des neunjährigen Momik. Dessen Eltern sind selbst von der Shoah schwer traumatisiert und versuchen, ihr Kind zu schonen und vor jeglichem Kontakt mit der Vergangenheit fernzuhalten. Momik bemerkt als frühreifes Kind das große, unausgesprochene Thema, begreift es aber als eine Art Geheimnis der Erwachsenen, dem er sich mit detektivischen Methoden zu nähern versucht. Als er erkennt, dass das unverständliche Gemurmel und Gebrabbel des Großvaters eine Geschichte zu sein scheint, die der Großvater immer und immer wieder erzählt, ist Momiks Spürsinn geweckt, die Geschichte und deren Hintergründe zu enträtseln. Kurz darauf verschwindet Wasserman.

Als erwachsener Mann und mittlerweile selbst Schriftsteller und Dichter heiratet Momik und bekommt ein Kind. Wie schon seinen Eltern, ist es ihm aber aufgrund seiner Verlustängste und seiner Kenntnis, welches Leid Menschen einander antun können, nicht möglich, eine enge Bindung zu seiner Frau und seinem Kind aufzubauen, oder gar Liebe zu zeigen. Er versucht weiterhin, die letzte Geschichte seines Großvaters zu erzählen, und erhofft sich damit selbst von den Schatten seiner Kindheit und den traumatischen Nachwirkungen der Shoah zu befreien. Dieser Befreiungskampf verlangt ihm alles ab und bringt ihn mehrfach über seine Grenzen.]"

Zweiter Teil: Bruno (S.131ff.)

Wikipedia:

"Im zweiten Teil der Geschichte ist aus dem Jungen Momik der erwachsene Schriftsteller Shlomo Neuman geworden. Er hat eine zutiefst pessimistische Lebenseinstellung gewonnen und ist in Erwartung einer zweiten Shoah immer auf das Schlimmste gefasst.

Als Schriftsteller möchte er sich mit der Shoah befassen, scheitert aber mit allen Versuchen, das „Unbegreifliche“[3] zu beschreiben, bis er schließlich erkennt, dass ihm dies nur gelingen kann, wenn er sich voll und ganz in diese Zeit und seine Vorfahren hineinversetzt, sich mit ihnen verbindet, und so sein (fiktives) Leben in der Shoah nach(er)lebt.

Als erstes wählt er den (historischen) jüdisch-polnischen Maler und Schriftsteller Bruno Schulz, von dem er fasziniert ist [sieh auch: B. Schulz: Die Zimtläden], und versucht, sich so tief in Bruno (die fiktive Figur wird hier wie im Roman immer mit „Bruno“ bezeichnet) hineinzuversetzen und sich mit ihm zu identifizieren, dass er aus ihm heraus und an seiner statt erzählen kann und dessen verschollenes letztes Werk Der Messias nacherzählen und retten kann.

Obwohl er natürlich weiß, dass der historische Bruno Schulz von einem Nationalsozialisten als Rache an einem verfeindeten Nationalsozialisten auf offener Straße erschossen wurde, schreibt er die Geschichte seines Brunos um und lässt ihn ins Meer fliehen. Anstatt dort zu ertrinken, wird er vom Meer aufgenommen und nach und nach in einen Salm verwandelt, der sich mit Millionen anderen Salmen auf den Weg zu ihren Laichgründen macht. Neuman nutzt das Meer, um mit diesem Zwiesprache zu halten und sich so der Gedankenwelt von Bruno immer weiter zu nähern. [...]"

In der fiktiven Erzählung von Bruno Der Messias wird als Reverenz an den historischen Schulz, der von Neuman im Roman als den „wagemutigsten Erforschers der sprachlichen Geographie“[4] bezeichnet wird, dessen fantasievolle, farbige Sprache nachgeahmt. Auch die Figuren und Handlungsorte aus Schulz‘ autobiografischen Erzählungen Die Zimtläden[5] und Das Sanatorium zur Sanduhr[6] werden in die Handlung eingesponnen. Nicht zuletzt ist auch die Metamorphose von Bruno zum Salm ein Stilmittel, das Schulz selbst dort ähnlich verwendet.

"Im tiefen Hafenbecken von Danzig stieg er zum ersten Mal ins Meer. Es war Abend. Ein leiser Regen fiel. Und die wenigen Menschen am Kai waren zu beschäftigt, um auf ihn zu achten. Ein paar Arbeiter hatten ein kleines Feuer unter einem Blechvordach gemacht, und er konnte den Kaffee riechen, der dort gebrüht wurde. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen: richtiger Kaffee! Seinen Hut hatte er in der Garderobe der Galerie zurücklassen müssen. Auch seine schwarze Aktentasche mit dem Manuskript 'Der Messias' war dort geblieben. Vier Jahre des Nachdenkens und Schreibens. Ein Fehler, der sich wie ein bösartiger Tumor ausbreitete, bis er erkannte, dass der Messias nicht aus das Schrift kommen würde, dass man ihn nicht in einer Sprache beschwören konnte, die an Elefantiasis litt. Eine andere Grammatik, eine andere Schrift musste erfunden werden. Bruno sah ängstlich zum Gebäude der Hafenverwaltung hinüber. [...] 

Wie gut ich dieses Gesicht kenne: Es lugt aus allen seinen seltsamen, grotesken Zeichnungen hervor und ist meist von Gesichtern anderer gnomenhafter, elender Männer umgeben, die von dem Lackpantöffelchen des hübschen Dienstmädchens Adela oder dem Absatz eines anderen hochmütigen Weibes zertreten werden. (Aber achte auf das Meer, Bruno: Das graue Meer schüttelt zur Nacht energisch seine großen Decken aus, Knöpfe runder Algen platzen darin auf, um für einen / Augenblick ins Licht zu tauchen und kurz darauf wieder von Schaum verschluckt zu werden.) 

... Sie hängten Munchs Bild in den hintersten Saal der Galerie, so sehr fürchteten sie es, umgaben es mit milderen farbenfroheren Bildern und riegelten es ab durch eine Eisenkette, an der auf einem Warnschild auf polnisch und deutsch stand: Nicht näher treten. Nicht berühren. 

Dummköpfe. Sie hätten genau das Gegenteil machen und die Galeriebesucher vor der Verletzlichkeit des Bildes warnen sollen. Die Figur auf dem Bild, die auf der Holzbrücke ging, den Mund zum Schreien geöffnet, hatte ihn tief berührt. Als er sie dort in der Galerie küßte, wurde er von ihr infiziert. Genauer: Der Kuss erweckte die Bakterien, die in ihm genistet hatten, zum Leben. [...]" (S. 133/34)

"Bruno öffnet einen Moment seine gequälten Augen. Jemand in seinem Innern versucht noch immer, den jämmerlichen Körper zu retten: Der Schriftsteller, der so viele Jahre lang in ihm genistet hat, ist anscheinend entsetzt über den Gedanken, dass auch er verloren wäre, wenn sein Wirt ertränke. Plötzlich erkennt er, dass es der Gefangene auf dem Gerüst war, der die Flucht geplant hatte. Der Gefängniswärter-Seiltänzer ist nun die Geisel. Verzweifelt versucht er, noch einen kläglichen Witz zu machen, etwas Verlockendes zu sagen, leg wenigstens deine Schuhe auf den Kleiderhaufen, damit du etwas zum Anziehen hast, wenn du zurückkommst. Einen Moment, nicht so schnell, warte, lass uns vernünftig darüber reden. (Der Schriftsteller kann sehen, was Bruno nicht sieht: Ein paar Leute rennen vom Ende des Hafens zum Pier: zwei Hafenarbeiter und noch ein Dritter, ein Offizier.) 

Bruno tritt gegen den Haufen Kleider, sie fallen ins Wasser, treiben einen Augenblick auf der Oberfläche, blasen sich kurz auf und versinken. Das Meer lächelt ein dünnes Lächeln. Schickt Bruno eine Welle entgegen, einen erfahrenen Croupier. der einen alten Kunden eine gute Karte austeilt Der Schriftsteller presst entsetzt die Lippen zusammen. Wie gut ich ihn verstehe! Hasserfüllt spuckt er auf die wahnsinnige, unberechenbare menschliche Züchtung, die ihm Herberge und schreibende Hand gewesen ist. Und er ist der Erschrockene, der Verwöhnte, der so Vernünftige, der zwei zarte Finger auf Brunos Nase legt und sich auflöst, als Bruno im kalten Wasser versinkt [...] " (S.144)

"Und nicht weit von Bruno teilte sich plötzlich das Wasser. Etwas dort flackerte und flatterte. Ein grünlicher Blitz oder ein starres Auge, und in Windeseile wurden Furchen gepflügt und schäumten, und gleich darauf war das weiche Paddeln zahlloser Flossen zu hören, kleine Münder umkreisten ihn, stießen ihn in Bauch und Knie, knabberten leicht an Gesäß und Brust. Bruno erstarrte vor Staunen, als er den Code las, der auf seinen Körper tätowiert wurde. Das Beglaubigungsschreiben einer Ein-Mann-Delegation, die sich auf die Reise macht. Die Fische wunderten sich über das magere, zähe Fleisch untersuchten die Adern, die an seinen weißen Füßen hervorstanden. [...] Die Reihen teilten sich vor ihm, und die Fische ließen auch den Salm Leprik hindurchziehen, damit er sich mit Bruno mit seinen durchbringenden Augen anschauen konnte. Er war ein großer Salm, der entwickelter war als die anderen, mit einem Körper, der so groß war wie der von Bruno. Einen Augenblick schwamm Leprik gemächlich um Bruno herum. Wobei sein Schwanz leicht bebte, aber vielleicht kamen die Wellen auch von dem Motorboot, das sich mit den beiden Hafenarbeitern und einem Offizier der Hafenpolizei an Bord näherte, die wütend schrien,  Leprik jedenfalls kehrte umgehend an seinen Platz zurück, Der gewaltige Fischschwarm falte sich langsam zusammen wie ein riesiges, schlaffes Akkordeon, und Bruno zog mit ihm davon." (S.144-146)

Dritter Teil: Wasserman (S.291 ff.)

Schauen wir wieder in den Wikipediaartikel: 

"In diesem Teil hat es Neuman endlich geschafft, woran er seit seiner Kindheit arbeitet: Er hat sich so intensiv mit seinem Großvater Anschel Wasserman identifiziert, dass er dessen Erleben in der Shoah und dessen erzählte Geschichte nachfühlen und nacherzählen kann.

Die Erzählung beginnt in einem Vernichtungslager, in das Anschel Wasserman mit seiner Familie gebracht wird. Während seine Tochter direkt bei der Ankunft vor seinen Augen erschossen wurde und seine Frau sowie sein Verleger und Freund in den Gaskammern ermordet wurden, kann Wasserman aus unklaren Gründen nicht sterben und überlebt alle Exekutionsversuche.

Wasserman, dessen einziger Wunsch es ist, endlich auch zu sterben, wird zum Lagerkommandanten Neigel (dem „Herneigel“ aus dem ersten Teil) gebracht, der ihn als den Schriftsteller erkennt, dessen Geschichten er in seiner Kindheit so verehrt hat und durch deren Charaktere er geprägt wurde. Neigel macht ihn zu seinem „Hausjuden“[7] und befiehlt ihm, eine neue Geschichte der Kinder des Herzens nur für ihn zu erzählen. Als Gegenleistung fordert Wasserman – als eine Art umgekehrte Scheherazade –, dass Neigel ihn töten muss, was aus unerklärlichen Gründen nie gelingt. Insgeheim gefällt er sich aber auch in der vertrauten Rolle des Geschichtenerzählers und hofft, Neigel durch seine Geschichten mit Menschlichkeit anzustecken.

"Nachdem es ihnen auch beim dritten Mal nicht gelungen war, ihn zu töten, jagten die Deutschen Anschel Wassermannim Laufschritt zum Büro des Lagerkommandanten. Ein sehr junger deutscher Offizier namens Hopfler lief neben ihm hinter ihm her und trieb ihn an, indem er ihm 'Schnell! Schnell!' zurief. Ich kann mir vorstellen, wie die beiden den Bereich des unteren Lagers, in dem sich die Gaskammer befinden, verlassen und zwischen zwei von Hecken verdeckten Stacheldrahtzäunen laufen, durch die die neuen Transporte getrieben werden. Die Neuankömmlinge müssen nackt zwischen zwei Reihen von Ukrainern hindurch, die mit Knüppeln auf sie einprügeln und die Hunde auf sie loslassen. Die Häftlinge nennen diesen Weg 'Schlauch'; die Deutschen mit ihren seltsamen Humor nennen ihn 'Himmelsstraße'." (S.293)

"[...] Sie sind erlesene Krieger, auf ihre Art. Das weißt du genauso gut wie ich. Du hast ja noch vor mir an sie gedacht. Und obwohl sie nicht in meiner Geschichte waren, als ich sie das letzte Mal erzählte, wird es mir jetzt umso angenehmer sein, wieder mit ihnen zusammen zu sein. Wie damals in unserer Gasse. In dem einzigen Krieg, der es wert war. 

Und wir gebaren auch sie. Aaron Markus. Und Chana Zitrin und Ginzburg, Seidman und Max und Moritz, die Ärmsten, und Jedidja Munin. Und es war, als wäre noch kein Tag vergangen, seit ich sie zu der Bestie geführt hatte. Und auch sie standen da, als wären sie von einer unsichtbaren Wand umgeben. Chana kratzte sich mit aller Kraft die Schenkel und stöhnte dabei. Aaron Markus verzerrte pausenlos sein gequältes Gesicht.  Nichts hatte sich verändert: Der finstere Ginsburg, dessen Haut mit hässlichen weißen Narben bedeckt war  und der keinen Zahn mehr im Mund hatte, nickte mit dem Kopf und fragte in demselben bekannten Tonfall: Wer bin ich? Während sein kleiner Freund. Malkiel Seidman, von dem man sich erzählte, dass er ein Doktor für Geschichte war, der den Verstand verloren hatte und nun innen ganz leer war und immer den, der gerade neben ihm stand, nachahmte. Diesmal zufällig Jedidja Munin am nächsten stand, und daher steckten die Hände der beiden tief in den Ta/schen wo sie kräftig herumtasteten Alles seufzten und stöhnten und waren voller Leben und Bewegung. Wandernde Juden, die keinen Schritt machten. Wir warteten alle auf irgendetwas, aber wir wussten nicht auf was. 

'Vielleicht wunderst du dich, sagte Anschel Wasserman schließlich, 'warum ich so großzügig bin und dir erlaube, deine eigenen Kreationen in meine Geschichte einzuflechten? Et! Was spielt das für eine Rolle, Ob es deine oder meine sind, solange sie mit Mut gegürtete Krieger sind? Du verstehst, dass es nicht das erste Mal ist, dass ich mit jemanden über die Geschichte rede und es ist möglich, dass ich, noch bevor ich sie Neigel erzählt habe, durch die Welt gewandert bin und sie diesem und jenem erzählte und das mittlerweile tausend Geschichten nach ihr geschrieben worden.– eine wird Geschichte Nummer tausendundeins sein – Und jeder, der sie gehört hat, wollte seine Liebsten hineinbringen, und ich werde dir ein kleines Geheimnis verraten. Sogar Neigel leistete einen Beitrag, als seine Zeit kam, und bereicherte meine Geschichte... Jeder Mensch bringt das, was er hat. Die Bruchstücke seines eigenen Lebens seine Liebsten, seine Vergessenen.... Nein, Schloimele, wie viele Menschen du mir auch bringen wirst, es wird immer Platz für noch mehr geben, nur die Geschichte selbst bleibt mir stets verborgen, und ich muss sie mit meinen spärlichen Kräften finden, und dabei kann mir niemand helfen, und ich war immer ein Feigling, nebbich, und selbst jetzt schaudere ich, wenn ich unsere Freunde mit einem Strich meiner Feder von Schneiderpuppen in Märchenhelden aus-Fleisch-und-Blut verwandle, und wenn Salmanson hier wäre, würde er seinen Mund spöttisch verziehen und sagen, 'Das Problem mit  dir mein kleiner Wasserman (so pflegte er alle seine Predigten zu eröffnen, und man müsste sich einmal hinsetzen und versuchen herauszufinden, wo er diese Vorhaltungen hergenommen hat), ist, dass du ein Feigling bist! Ein Feigling im Leben und ein Feigling mit deiner Feder!" (S.351/52)




25 Oktober 2026

Jörg Zink: Jesus. Funke aus dem Feuer

Vorarbeiten zu einem Artikel

Jörg Zink schildert seinen Weg zu seinem persönliche Verständnis von Jesus und betont dabei, dass niemand wissen könne, wer Jesus war. Er [Zink] habe seine Vorstellung von Jesus über die Jahre hin entwickelt. Dazu gehört u.a.  die Vorstellung, dass Jesus nicht nur einmal und nur in der Wüste versucht wurde, sondern dass er alle anderen Wege, die zu seiner Zeit als sinnvolle Wege erschienen, als Versuchungen empfunden habe, einen falschen Weg einzuschlagen, und dass Jesus immer wieder von neuem versuchen musste, den ihm von Gott gewiesenen zu finden.

Dass die Versuchung nicht eine einmalige war, schließt Zink aus der Formulierung bei Lukas 4, 14: "Da verließ ihn der Teufel am Ende und hielt sich von ihm fern bis zu gelegener Zeit." 

Obwohl eine KI ausdrücklich zum Bezug auf das hier besprochene Buch aufgefordert wurde, bietet sie eine ganz andere Deutung an: "Der Sprung von der Tempelzinne (Versuchung der religiösen Selbstdarstellung): Interpretation: Gott durch ein spektakuläres Zeichen herauszufordern und zu zwingen, sich zu beweisen („Gott auf die Probe stellen“).Zinks Blick: "Glaube bedeutet nicht, spektakuläre Beweise oder magischen Schutz einzufordern. Es geht um ein stilles, tiefes Grundvertrauen in Gott – ohne Effekthascherei." (KI Gemini)

Das ist eine ganz übliche Interpretation ohne den bei Zink angedeuteten Sinn.

Zitate:

"Als er [Jesus] zum ersten Mal in der Öffentlichkeit erschien, sprach einer, der ihn sah, von Feuer. Johannes, der Prophet, der am Jordan stand und die Menschen taufte, deutete auf ihn hin, als er ausrief. 'Ich taufe mit Wasser. Er aber wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen.' (Lukas 3, 16) Und dieses Bild vom Feuer zog sich durch seine Lebensgeschichte und seine Wirkung wie ein roter Faden. 'Ich bin gekommen, ein Feuer auf die Erde zu werfen. Und was könnte ich heißer wünschen als den Brand?' (Lukas 12, 45) [...]

Wer von einem Gedanken aus Feuer getroffen ist, kann nicht sagen: Ich lasse mir Zeit. Er kann nicht sagen: Wenn ich älter bin oder dies und jenes erreicht habe, will ich dem nachkommen. Ihn trifft die Wucht des Augenblicks. Der alles bezwingende Blitzschlag der Berufung. [...]" (S.10-12)

Die beherrschende Frage jener Zeit war: Wie überlebt man das Elend? (S.42ff.)

Die Pharisäer taten das, indem sie sich in den privaten Raum zurückzogen und sich streng an die Gesetze hielten.

Die Sadduzäer passten sich an die Römer an, um begrenzte Macht zu gewinnen. Sie waren sie soziale und politische Oberschicht erfuhren aber wegen ihrer Anpassung die Verachtung der Bevölkerung. (S.43)

Die Essener zogen in die Wüste und bildeten klosterähnliche Gemeinschaften.

Die Zeloten kämpften in einer Art Intifada gegen die Römer, obwohl der Kampf aussichtslos schien und viele von ihnen mit dem Kreuzestod rechnen mussten und insofern in Kauf nahmen. (S.44)

Die Armen waren die Wehrlosesten,  ohne Bildung und kannten sich mit dem Judentum und den Gesetzen nicht aus. Sie wurden von den Pharisäern verachtet.

Ähnlich verachtet waren die Samaritaner, die als Angehörige eines fremden Volkes im 7. Jh. v. Christus "von den Assyrern in die Mitte in des jüdischen Siedlungsgebiet verpflanzt worden waren." (S.45)

Dazu kommen noch die Beamten der Königs Herodes, die Herodianer.

"Zwischen all diesen Gruppen hat sich Jesus bewegt. Mit allen hatte er zu tun, im guten wie im gefährlichen Sinn." (S.45) Hinzu kam auch Johannes der Täufer. "Dieser Johannes gehörte - wie auch die Essener, Jesus selbst und viele Pharisäer" zur jüdischen Apokalyptik. (S.45)

23 Oktober 2026

Karl Tanera: 'Wolf der Dragoner'

 Wolf der Dragoner des Prinzen Eugen“ ist eine kriegsgeschichtliche Erzählung von Karl Tanera und bildet den zweiten Band seiner Jugendbuch-Trilogie „Durch ein Jahrhundert – Drei kriegsgeschichtliche Erzählungen“.

Die Hauptfiguren

  • Wolf Rützhaub (der Jüngere): Der Titelheld der Erzählung. Er wächst in einer wohlhabenden Bürgerfamilie auf, die einst vor den Zerstörungen der Franzosen aus Speyer geflohen ist. Als das Land erneut von Truppen bedroht wird, entscheidet er sich aus Stolz und Vaterlandsliebe, als Dragoner in den Militärdienst einzutreten.

  • Wolf Rützhaub (der Ältere): Vater des Protagonisten. Er floh Jahre zuvor mit seiner Frau Afra aus dem von französischen Truppen zerstörten Speyer und baute sich in einer neuen Heimat Ansehen und Wohlstand auf. Sein eigener Lebensweg prägt den Sohn stark.

  • Afra Rützhaub: Wolfs Mutter, die das Familienschicksal und die Ängste der Zivilbevölkerung in Zeiten des Krieges verkörpert.

  • Prinz Eugen von Savoyen: Der historische Feldherr des Heiligen Römischen Reiches. Im Roman tritt er als verehrtes Vorbild, strenger Befehlshaber und genialer Strategischer Kopf auf, unter dessen Fahnen Wolf dient.

Handlung und Ablauf

Die Handlung verbindet das persönliche Schicksal der Familie Rützhaub mit den realen historischen Geschehnissen des Ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts.

1.Vorgeschichte & Motivation:Aufbruch in den Dienst.

Nachdem die Familie Rützhaub durch die früheren Kriege ihre Heimat Speyer verlor, ist der junge Wolf in Wohlstand aufgewachsen. Als die politische Lage in Europa erneut eskaliert und das Reich bedroht wird, beschließt Wolf, dem Beispiel historischer Krieger zu folgen, und meldet sich zu einem Dragonerregiment.

2.Die Ausbildung & Das Soldatenleben:Formung des Charakters.

Wolf tritt seinen Dienst bei den Dragonern an – einer Truppengattung, die sowohl zu Pferde als auch zu Fuß kämpfen kann. Tanera schildert detailliert die harte militärische Ausbildung, das Einreiten der Pferde, die Kameradschaft unter den Soldaten sowie den rauen Alltag im Feldlager.

3.Die Feldzüge unter Prinz Eugen:Bewährung in den Schlachten.

Wolf zieht mit seinem Regiment an die Fronten der Türkenkriege und des Spanischen Erbfolgekriegs. Unter dem Oberbefehl des Prinzen Eugen nimmt er an gefährlichen Aufklärungsritten und großen Schlachten teil. Er muss Mut, Disziplin und strategisches Denken beweisen, um in den chaotischen Kämpfen zu überleben und seinen Rängen gerecht zu werden.

4.Bewährung & Rückkehr:Vom Jungen zum reifen Mann.

Durch persönliche Tapferkeit und die Treue zu seinen Kameraden verdient sich Wolf das Vertrauen seiner Vorgesetzten. Die Erzählung schließt mit dem Reifen des jungen Dragoners zu einem erfahrenen Soldaten und der Überwindung der Gefahren der Epoche.

Einordnung & Besonderheiten des Werks

AspektDetails
Pädagogischer AnsatzWie in der Jugendliteratur des späten 19. Jahrhunderts üblich, betonte Tanera Tugenden wie Pflichterfüllung, Mut, Kameradschaft und Vaterlandsliebe.
DetailtreueAls ausgebildeter bayerischer Offizier legte Karl Tanera großen Wert auf eine historisch und militärisch präzise Darstellung von Taktik, Ausrüstung und Regimentsleben.
ReihenkontextDas Buch ist das Bindeglied zwischen „Wolf der Junker“ (Zeit Ludwigs XIV.) und dem Nachfolgeband „Wolf der Husar“ [irrtümlich: „Heinz der Preuße“], die zusammen das Schicksal der Familie über verschiedene Kriege hinweg verfolgen.

J.L. Carr: A Month in the Country

 Set in the idyllic summer of 1920, the story is narrated decades later by Tom Birkin, a shell-shocked veteran of World War I. Suffering from a severe nervous facial tic and deep psychological trauma (shell shock), and abandoned by his unfaithful wife, Birkin arrives in the remote Yorkshire village of Oxgodby.

He has been hired to uncover and restore a large medieval mural hidden under layers of whitewash on the wall of the parish church—a bequest left by a wealthy local eccentric.

While living in the church belfry and working on the painting layer by layer, Birkin meets Charles Moon, another traumatized war veteran who is excavating a lost medieval grave in the adjacent field. Over the idyllic summer, Birkin finds solace in the rhythm of his work, the warmth of the local village community, and a tender, unfulfilled love for Alice Keach, the young wife of the stern local vicar.

Key Themes

  • Healing and Recovery: Both Birkin and Moon are spiritually and physically scarred by the horrors of the Western Front. The quiet countryside, physical labor, and art act as a restorative sanctuary that allows them to re-enter humanity.

  • Art and Preservation: As Birkin uncovers the medieval Doom painting (a depiction of the Last Judgment), he connects across centuries with the anonymous artist who painted it, realizing that human emotions, faith, and struggles remain timeless.

  • Lost Paradise and Nostalgia: The novel captures a brief, perfect moment in time that cannot last. The summer of 1920 becomes an Edenic interlude before life inevitably moves on.

  • Unspoken Longing: The quiet, unspoken attraction between Birkin and Alice Keach exemplifies restraint and bittersweet romantic melancholy.

Key Details at a Glance

FeatureDetail
AuthorJ.L. Carr (1912–1994)
Published1980
SettingOxgodby, Yorkshire (Summer 1920)

22 Oktober 2026

Bismarck: Gedanken und Erinnerungen

Wikipedia:

"Gedanken und Erinnerungen heißt die Autobiografie Otto von Bismarcks. Er verfasste sie nach seiner Entlassung aus dem Amt des Reichskanzlers im März 1890 unter Mitwirkung seines langjährigen Mitarbeiters Lothar Bucher. Die ersten beiden Bände wurden 1898 nach Bismarcks Tod am 30. Juli veröffentlicht und erwiesen sich als Bestseller. Der dritte Band wurde 1919/1921 gegen den Widerstand der Familie Bismarck publiziert.

Entstehung

Der Anstoß zum Schreiben der Memoiren kam von Bismarcks Arzt Ernst Schweninger, der darin die richtige Beschäftigung für den Exkanzler sah und ihm gegenüber argumentierte, das deutsche Volk habe ein Recht zu erfahren, wie es wirklich gewesen sei. Insgesamt 43 Verleger erklärten sich bereit, das Werk zu publizieren, den Zuschlag erhielt schließlich die angesehene Cotta’sche Verlagsbuchhandlung mit einem Angebot von 100.000 Mark pro Band.

Von Oktober 1890 bis Dezember 1891 erzählte Bismarck in loser Folge aus seiner Vergangenheit, während Bucher stenografierte. Die Masse dieser Aufzeichnungen brachte Bucher noch bis Mai 1892 unter Hinzufügung von Briefen und anderen Dokumenten in eine chronologische Ordnung. Er starb am 12. Oktober 1892.

Schon im Oktober 1893 lagen die Druckfahnen vor. Doch Bismarck, dem es vor allem um die Rechtfertigung seiner Politik ging, korrigierte mit seinem Arzt und Sekretär Rudolf Chrysander noch bis 1897 an den Fahnen. Er ließ den Inhalt von seinem Anwalt überprüfen, da er befürchtete, die Veröffentlichung könne als staatsgefährdender Akt angesehen werden. Bis zu seinem Tod am 30. Juli 1898 konnte Bismarck sich nicht zu einer Veröffentlichung entschließen.

Sein Sohn Herbert von Bismarck betraute nun den Historiker Horst Kohl mit der Herausgabe des Werkes. Im November 1898 erschienen die ersten zwei Bände unter dem von Kohl stammenden Titel Gedanken und Erinnerungen zu dem hohen Preis von zwanzig Mark. Die Auflage von 100.000 Exemplaren war dennoch schnell vergriffen und löste zahlreiche Richtigstellungen, Schmähschriften und Angriffe von Presseorganen aus. Kritisiert wurde auch die Herausgebertätigkeit Kohls. Erst 1932 erschien durch Gerhard Ritter und Rudolf Stadelmann eine auf das gesamte Handschriftenmaterial zurückgreifende Ausgabe. Der dritte Band sollte wegen der darin enthaltenen Angriffe auf Kaiser Wilhelm II. erst nach dessen Tod erscheinen, kam aber nach der Abdankung des Kaisers unter zivilprozessualen Begleiterscheinungen schon 1919 (recte 1921) heraus.

Inhalt

Im ersten Band erzählt Bismarck in farbiger, oft dramatisch zugespitzter Weise von seiner Jugendzeit bis zu seiner Tätigkeit als preußischer Gesandter in St. Petersburg und Paris. Der zweite Band hat seine Zeit als preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler zum Inhalt und erstreckt sich bis zu Friedrich III.

Dem dritten Band stellte Bismarck die Widmung Den Söhnen und Enkeln zum Verständnis der Vergangenheit und zur Lehre für die Zukunft voran. Er beschäftigt sich darin ausschließlich mit der Zeit unter Kaiser Wilhelm II.

Wertung

Einerseits ist das Werk – wie die meisten Selbstdarstellungen von Politikern – als historische Quelle nur bedingt geeignet, da der entsprechend verbitterte Reichsgründer es nach seiner Entlassung als Rechtfertigungsschrift seines politischen Lebens und Wirkens verfasste. Bismarck attackiert darin recht schonungslos seine politischen und persönlichen Gegner, darunter auch den Deutschen Kaiser Wilhelm II., dessen persönliches Bestreben es nach seiner Thronbesteigung gewesen war, den dominanten Reichskanzler loszuwerden. Andererseits erschließt es in klarer und mitunter ironischer Prosa die Selbstdeutung eines der bedeutendsten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts.

Zitate:  Band I, 7. Kapitel

"Potsdam, 17. Mai 1852.

Wenn Manteuffel den Quehl nicht fortjagt, so kann das kein gutes Ende nehmen. . . . Ich halte Manteuffel für einen braven Mann, aber ein sonderbares politisches Leben ist das seinige doch. Er hat die Dezemberverfassung unterzeichnet, sich zur Unionspolitik bekannt, Gemeinde-Ordnung und Ablösungs-Gesetz mit Rücksichtslosigkeit durchgesetzt, den Bonapartismus amnestirt u. s. w. Daß er in diesen Dingen nicht consequent gewesen, gereicht ihm zum Ruhm, aber wenn auch Se. Majestät sagt, die Consequenz sei die elendeste aller Tugenden, so ist die Manteuffel'sche Inconsequenz doch etwas stark. Man spricht gegen die Kammern und gegen den Constitutionalismus. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis jetzt aber sind alle Regierungen revolutionär gewesen, außer England mit Kammern bis zur Reform und Preußen in geringen Unterbrechungen, 1823 und 1847. [...]" 

"Wenn ich die Wünsche seiner Majestät früher gekannt hätte, hätte ich vielleicht einen Anschluss gewinnen können; aber der Befehl des Königs, von mir in Berlin ausgeführt und in der konservativen Partei beide Häuser vertreten, würde meine parlamentarische Stellung, für den König und seine Regierung in anderen Fragen von Nutzen sein könnte, zerstören, wenn ich Ryan als königlicher Beauftragter ohne eigene Gedanken zu vertreten, meinen Anschluss in der kurzen Frist von zwei Tagen verwerten sollte. Ich fragte daher an, ob ich nicht den vom Könige erhalten Auftrag, mit dem Herzog von Augustenburg zu verhandeln, als Grund für meinen, wegbleiben von dem Landtage geltend machen dürfte. Ich erhielt durch den Telegrafen wie Antwort, mich auf das Augsburg, Augustenburger Geschäft nicht zu berufen, sondern sofort nach Berlin zu kommen, reißt ja also am 26. April ab. Inzwischen war in Berlin auf Betrieb der konservativen Partei ein Beschluss gefasst worden, der den Absichten des Königs, sowie der lief, und der von seiner Majestät unternommen. Feldzug schien damit verloren zu sein. Als ich mich am 27. bei dem General von Gerlach in dem Flügel des Charlottenburger Schlosses, neben der Wache meldete, vernahm ich das Herr König ungehalten über mich sei, weil ich nicht sofort abgereist sei; wenn ich gleich erschienen wäre, so würde ich den Beschluss haben, verhindern können. Gerlach ging, um mich zu melden zum Könige und kam nach ziemlich langer Zeit zurück mit der Antwort: seine Majestät wolle mich nicht sehen, ich solle aber warten. Dieser in sich widersprechende Bescheid, ist, charakteristisch für den König; er erzählte mir und wollte das durch Versagung der Audienz zu erkennen geben, aber doch auch zugleich die Wieder Annahme zu Gnaden in kurzer Frist sicherstellen. Es war das eine Art von Erziehungsmethoden, die man in der Schule gelegentlich aus der Klasse ausgewiesen, aber wieder hinein gelassen wurde. Ich war gewissermaßen im Charlottenburger Schloss interniert, ein Zustand, der mir durch ein gutes und elegantes Frühstück erleichtert wurde. Zwischenraum die Wirtschaftsführung, war allerdings nicht auf russische Fuße, aber doch durchaus vornehmen und reichlich nach unseren Begriffen, ohne in Verschwendung auszuhalten.

Nach etwa 1 Stunde wurde ich durch den Adjutanten vom Dienst zum Könige berufen und etwas kühler als sonst, aber nicht so ungnädig empfangen, wie ich befürchtet hatte. Seine Majestät hatte erwartet, dass ich auf die erste Anregung erscheinen würde, und darauf gerechnet, dass ich im Stande sein würde, in den 24 Stunden bis zur Abstimmung, die konservative Fraktion wie auf militärisches Kommando kehrt machen und in das Königs Verkehrsrichtung einschränken zu lassen. Ich setzte auseinander, dass damit mein Einfluss auf die Fraktion über – und die Unabhängigkeit der selben unterschätzt werden. Ich hätte in dieser Frage Persönlich keine Überzeugung, die der des königsentgegensteht Ständern, und sei bereit, die letzte bei meinen Fraktions Genossen zu vertreten, wenn er mir Zeit dazu lassen wolle und geneigt sei, seine Wünsche in neuer Gestalt, nochmals geltend zu machen. Der König, sichtlich versöhnt, ging darauf ein und entließ mich mit dem Auftrage, Propaganda für seinen Plan zu machen. Letzter Teres geschah mit mehr Erfolg, als ich selbst erwartet hatte; der Widerspruch gegen die Umgestaltung der Körperschaft hatte nur die Führer der Fraktion Zuträger, und seine Nachhaltigkeit beruht nicht auf der Überzeugung der Gesamtheit, sondern auf der Autorität, welche in jeder Fraktion die anerkannten Leiter zu haben pflegen– und nicht mit Unrecht, da sie in der Regel, die besten Redner und gewöhnlich die einzigen arbeitsamen Geschäftsleute sind und den übrigen die Mühe abnehmen, die vorkommenden Fragen zu studieren. Ein Opponent in der Fraktion, der nicht das gleiche Ansehen hat, wird von dem Fraktionsführer, welcher gewöhnlich der schlagfertiger Redner ist, sehr leicht in einer Weise abgeführt, welche ihn für die Zukunft die Lust zur Auflehnung benimmt, wenn er nicht mit einem Mangel an Schüchternheit begabt ist, der bei uns gerade in den Klassen, denen die konservativen, meist angehören, nicht häufig ist." (S. 147/148). 

Wenn ich heut auf diese Vorgänge zurückblicke, so scheint es mir, daß die drei oder sechs Führer, gegen welche ich die conservative Fraction aufwiegelte, im Grunde dem Könige gegenüber Recht hatten. Die Erste Kammer war zur Lösung der Aufgaben, welche einer solchen im constitutionellen Leben zufallen, befähigter als das heutige Herrnhaus. Sie genoß in der Bevölkerung eines Ansehns, welches das Herrnhaus sich bisher nicht erworben hat. Das letztre hat zu einer hervorragenden politischen Leistung nur in der Conflictszeit Gelegenheit gehabt und sich damals durch die furchtlose Treue, mit der es zur Monarchie stand, auf dem defensiven Gebiete der Aufgabe eines Oberhauses völlig gewachsen gezeigt. Es ist wahrscheinlich, daß es in kritischen Lagen der Monarchie dieselbe tapfre Festigkeit beweisen wird. Ob es aber für Verhütung solcher Krisen in den scheinbar friedlichen Zeiten, in denen sie sich vorbereiten können, denselben Einfluß ausüben wird, wie jene Erste Kammer gethan hat, ist mir zweifelhaft. Es verräth einen Fehler in der Constitution, wenn ein Oberhaus in der Einschätzung der öffentlichen Meinung ein Organ der Regirungspolitik oder selbst der königlichen Politik wird. Nach der preußischen Verfassung hat der König mit seiner Regirung an und für sich einen gleichwerthigen Antheil an der Gesetzgebung wie jedes der beiden Häuser; er hat nicht nur sein volles Veto, sondern die ganze vollziehende Gewalt, vermöge deren die Initiative in der Gesetzgebung factisch und die Ausführung der Gesetze auch rechtlich der Krone zufällt. Das Königthum ist, wenn es sich seiner Stärke bewußt ist und den Muth hat, sie anzuwenden, mächtig genug für eine verfassungsmäßige Monarchie, ohne eines ihm gehorsamen Herrnhauses als einer Krücke zu bedürfen. Auch wenn das Herrnhaus in der Conflictszeit sich für die ihm zugehenden Etatsgesetze die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses angeeignet hätte, so wäre immer, um ein Etatsgesetz nach Art. 99 zu Stande zu bringen, die Zustimmung des dritten Factors, des Königs, unentbehrlich gewesen, um dem Etat Gesetzeskraft zu geben. Nach meiner Ueberzeugung würde König Wilhelm seine Zustimmung auch dann versagt haben, wenn das Herrnhaus in seinen Beschlüssen mit dem Abgeordnetenhause übereingestimmt hätte. Daß die »Erste Kammer« das gethan haben würde, glaube ich nicht, vermuthe im Gegentheil, daß ihre durch Sachlichkeit und Leidenschaftslosigkeit überlegnen Debatten schon viel früher auf das Abgeordnetenhaus mäßigend eingewirkt und dessen Ausschreitungen zum Theil verhindert haben würden. Das Herrnhaus hatte nicht dasselbe Schwergewicht in der öffentlichen Meinung, man war geneigt, in ihm eine Doublüre der Regirungsgewalt und eine parallele Ausdrucksform des königlichen Willens zu sehn." S.149-150)

"Dynastien und Stämme. Niemals, auch in Frankfurt nicht, bin ich darüber in Zweifel gewesen, daß der Schlüssel zur deutschen Politik bei den Fürsten und Dynastien lag und nicht bei der Publicistik in Parlament und Presse oder bei der Barrikade. Die Kundgebungen der öffentlichen Meinung der Gebildeten in Parlament und Presse konnten fördernd und aufhaltend auf die Entschließung der Dynastien wirken, aber sie förderten zugleich das Widerstreben der letztern vielleicht häufiger, als daß sie eine Pression in nationaler Richtung ausgeübt hätten. Schwächere Dynastien suchten Schutz in Anlehnung bei der nationalen Sache, Herrscher und Häuser, die sich zum Widerstande fähiger fühlten, mißtrauten der Bewegung, weil mit der Förderung der deutschen Einheit eine Verminderung der Unabhängigkeit zu Gunsten der Centralgewalt oder der Volksvertretung in Aussicht stand. Die preußische Dynastie konnte voraussehn, daß ihr die Hegemonie mit einer Vermehrung von Ansehn und Macht im künftigen Deutschen Reiche schließlich zufallen würde. Ihr kam die von den andern Dynastien befürchtete capitis deminutio voraussichtlich zu Gute, so weit sie nicht durch ein nationales Parlament absorbirt wurde." (S.262ff.)