13 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Emanuels Bruder Gustav

Vierundzwanzigstes Kapitel

Erst am zehnten Tage nach seiner Abfertigung hatte sich Martin Scharf, mit dem zwölf Jahre alten Gustav Quint, in der Wirtschaft zum Grünen Baum eingefunden. [...]

Fünfundzwanzigstes Kapitel 
Als Emanuel eines Tages von einem gewesenen Stukkateur namens Weißländer, der sich auf der Breslauer Kunstschule für das Zeichenlehrerexamen vorbereitete, laut wegen der Gegenwart des Knaben am Trinktisch getadelt wurde, sagte Quint: »Uns ist eine kurze Frist gegeben. Die Stunden, ja die Minuten, die uns gehören, sind gezählt. Der Abschied steht vor der Tür, und ihr könnt nicht wissen, unter welchen Zeichen wir leben und um welche geheime Stunde des Tages und Jahres und zu welchem Ziel wir beide einander geschenkt worden sind. Denn wir wandern von weit her und wandern weit hin, und obgleich wir hier sind, sind wir nicht hier, noch wir bei euch noch ihr bei uns. Was ihr hier suchet, das suchen wir nicht, und was ihr hier findet, dafür sind unsere Augen blind. Die Augen der Engel heiligen, was sie betrachten. Glaubt ihr, daß er weniger als ein Engel ist?« »Das ist furchtbarer Schwulst!« sagte Weißländer, worauf man ihn aber allgemein – der Professor voran – zur Ruhe verwies. [...]
Emanuels Wesen und Betragen machten in diesen Tagen durchaus den Eindruck strahlender Selbstsicherheit und Furchtlosigkeit. In seinen Gang, in seine Haltung, in seinen Blick war eine stolze Freiheit gekommen. Den Augen der Jünger erschien er beinahe gebieterisch. Zu Kurt Simon und Benjamin Glaser aber äußerte Dominik, voll überschwenglich jünglingshafter Paradoxie und Bewunderung, wie in seinen Augen dieser Tischlerssohn das geborene Genie, der geborene Fürst des Geistes, ein König und Herrscher des inneren Himmelreichs und, wie er romantisch-mystisch sich ausdrückte, mit dem Zeichen allwissenden Schmerzes an der gewölbten Stirn auf Erden der wahre Cruzifixus sei. Nicht ohne tiefe Bewegung konnten die Jünger und Freunde Quints in jener Stunde des Abschieds bleiben, als er sich endlich entschlossen hatte, den kleinen Gustav nach Haus zu entlassen. Meister, Jünger und einige Freunde gaben dem Jungen, der seine Heimreise diesmal unter der Obhut Dibiezens zurücklegen sollte, zu Fuß bis Schmolz das Geleit. [...]
Ehe der kleine Gustav, auf dem Bahnhof von Schmolz, mit Dibiez in den Wagen vierter Klasse stieg, warf er sich schluchzend an Quintens Brust. Dieser sagte zu ihm: »Wenn du lebst, wirst du mir nachfolgen! wenn du lebst, wirst du die Taten des Menschensohnes tun! Du wirst niederfahren zur Hölle, sage ich dir, und wirst am dritten Tage wieder auferstehen! Ist es aber anders bestimmt im Rat, so wirst du noch früher mit mir im Paradiese sein.« Diese Worte waren nur halblaut gesprochen, aber doch so, daß Dominik, Hedwig Krause und Martin Scharf sie vernommen hatten. [...] 

So wie hier gegenüber Gustav sprach Quint auch auf dem Rückweg so, als spräche Christus selbst:
»Ich bin der Wissende und der Sehende«, antwortete Quint. »Ihr aber seid die, die unwissend sind und nicht sehen. Deshalb sage ich euch: glaubet, dieweil ihr nicht wisset! Und wer an mich glaubet, der glaubet nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Deshalb, wenn ihr mich lästert, so lästert ihr des Menschen Sohn, und wahrlich, wie ich gesagt habe: liebet eure Feinde! segnet, die euch fluchen!, so will ich euch dennoch lieben und segnen! – Lästert ihr aber den Geist, so lästert ihr Gottes Sohn und macht den Satan zum Herrn über euch.«
Sie näherten sich wiederum der Stadt Breslau an. Quint wies mit der Hand in die dunkle Rauchwolke, die darüber hing. Er sagte:
»Der Satan ist der Lügner, ist der Verbrecher von Anbeginn. Er ist die Lüge und ein Vater der Lüge. Er ist das Verbrechen wider den Geist und ist der Vater des Verbrechens wider den Geist. Satanas ist der Herr der Satzungen. Satanas hat Gott und die Menschen in Kerker gesperrt. Satanas sitzt auf Petri Stuhl. Satanas hat den Schlüssel des Abgrundes als Szepter in seiner Hand und verspricht, mit ihm das Himmelreich aufzuschließen. Satanas hat die Menschen zu Teufeln und Götzen aus Holz, Stein, Erz und bemalter Leinwand zu Heiligen gemacht. Ich aber sage euch: Holz, Erz, Stein, Leinwand können den Menschen nicht heiligen, sondern es ist der Mensch allein, der sie heiligen kann. Deshalb sollt ihr zu heiligen Menschen Gottes werden.

Ihr aber seid die Tempel Gottes, Tempel, die da wandeln und erfüllt sind von Gottes Geist. Andere Tempel, Tempel aus Stein und Erz, Tempel mit Türmen, in denen erzene Glocken hängen, gibt es nicht. Gottes Mund ist nicht von Eisen, undseine Zunge ist nicht ein Glockenklöppel aus Erz. [...]
Tretet doch in die Kirchen, wo sie mit schwieligen und verkrüppelten Seelen Totenknöchel und den Leichnam dessen anbeten, den Satan getötet hat, statt daß sie Engel und Gefäße des Geistes selber sind. Womit wollen sie Gott dienen, außer mit Gott? Was können sie Gott aus der Armut ihrer Knechtschaft darbieten? Meinen sie, daß er ein Vater von geprügelten Hunden, winselnden und gefesselten Knechten zu sein begehrt, dessen Füße mit Wollust auf ihren Nacken herumstampfen? Wahrlich, ich sehe die Zeit, wo eure Kirchen, eure Kanzeln und Richterstühle, eure Altäre, wo sie den Menschen Greuel zu essen gaben, werden unter den Boden gesunken sein, der ewig grünen wird von dem freien Wandel und unter den Füßen der Kinder Gottes.« Man sieht, wie diesem neuen Messias die schriftliche Überlieferung der Worte des ersten, echten Messias mit eigenen Zusätzen kaleidoskopisch durcheinanderging und wie er immer die gleichen Gedanken zu neuen Gruppierungen in sich umwälzte. Freilich schien es, so, wie alle diese Worte laut wurden, daß ein Zwang, eine innere Gewalt hier wirksam war, die alles von innen, wie mit dem Hauche der ersten Schöpfung, hervorbrachte, und jedenfalls lag für die Zuhörer ein kühner und erneuernder, wenn auch weit mehr berauschender und entzückender als klärender Sinn darin. »Was sagen Sie zu der Äußerung Quints von den Aposteln, die nach ihm gekommen sind?« fragte, als die jungen Leute später allein waren, Benjamin Glaser mit einer gewissen eigentümlichen Spannung Dominik. Dieser antwortete: »Wenn Sie eine rationalistische Antwort suchen, so bin ich dafür nicht der rechte Mann. Dazu hat mich diese Erscheinung zu sehr verzaubert. Novalis sagt: ›Alle Bezauberung geschieht durch partielle Identifikation mit dem Bezauberten‹, und ich, der Bezauberte, bin mit diesem Zauberer identifiziert. Ich verstehe, ich kenne, ich fühle ihn allenthalben. Er hat mich gezwungen, jede Sache so zu sehen, zu glauben, zu fühlen, wie er will. Und hat er nicht über alle seine Begleiter, Sie und Herrn Simon ausgenommen, eine ähnliche Macht wie über mich?" [...]
Inzwischen war die Polizei auf das Treiben im Grünen Baum aufmerksam geworden und hatte mehrere Schutzleute abgeordnet, die bei den Nachbarn und auch geradezu bei dem Wirt Informationen, wie man es nennt, einziehen sollten. Der Wirt und Schlächtermeister begünstigte Quint, weil in seinem Laden, seit er im Hause war, mehr rohe Beefsteaks und Würste aus Pferdefleisch und in seiner Gaststube mehr Bier und andere Getränke verkauft wurden. Er traktierte den Schutzmann, der in einem guten Verhältnis zu ihm stand, und gab die Versicherung, man habe es in Quint und seinen Anhängern mit harmlosen Muckern zu tun, Betbrüdern, von denen gewiß nichts zu fürchten war.
Therese Katzmarek und Martha Schubert hatten Emanuels Spur entdeckt, waren ihm nachgefolgt und hatten in nahegelegenen Fabriken Arbeit gefunden. Natürlich benutzten sie jede Gelegenheit, um in der Nähe ihres Abgotts zu sein. Der Wirt erklärte, die Weibsvölker kämen nur meist gegen Abend zur Betstunde, und wirklich hielten die Jünger Quints täglich mehrmals, auch hier, in einem hinteren Zimmer des Gasthauses Betstunde ab. In diesen Versammlungen, denen Emanuel selbst nicht beiwohnte, ging es nach dem Zeugnis des Wirtes überaus ordentlich und gesittet zu. Er machte zum Lobe dieser Zusammenkünfte geltend, daß eines Abends ein großer Stein von Sozialdemokraten, die aus einer Versammlung gekommen wären, durch die Scheiben in das Zimmer geworfen worden sei, weil der Gesang eines Kirchenliedes sie empört habe. Der Freund und Schutzmann bewies indessen, bei allem Hunger und Durst, den er entwickelte, im Ausfragen eine gewisse Zähigkeit und wollte nicht nur über Dominik, sondern auch über Hedwig Krause, Benjamin Glaser und Kurt Simon sowie über alle andren Besucher Bescheid wissen. So wagte der Wirt ihm nicht zu verschweigen, wie auch der Agitator Kurowski eines Tages unter diesen Besuchern gewesen war.
Was die Leute, die Quint noch immer täglich heimsuchten, eigentlich von ihm wollten, wußten der Wirt und die Frau des Wirtes nicht. Sie hatte gelauscht, natürlich nur zufällig, weil ihre Plättkammer neben dem Zimmerchen Quints gelegen war, und konnte versichern, irgend etwas Ungehöriges wäre jedenfalls niemals vorgekommen, auch dann nicht, wenn schlechte Weibsbilder von der Straße ihn besucht hätten. Es seien auch solche Mädchen gekommen, denen man wohl hätte anmerken können, daß sie Freuden entgegensahen und in der Verzweiflung Hilfe von ihm zu erlangen gehofft hätten. Aber er habe auch hier weder jemals ein Medikament verabreicht noch etwas Verdächtiges getan. So sei denn auch die eine etwa durch seine Worte getröstet, die andere enttäuscht davongegangen. 
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 24 und 25

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Nach Breslau

Einundzwanzigstes Kapitel
"[...] Quint selber, nachdem er das Forsthaus verlassen hatte, trat an jenem Abend mit seinen Jüngern jene lange Wanderung an, die, wenn irgend etwas in seinem Leben, eine gewisse Denkwürdigkeit auszeichnet. Er sagte den ungeduldigen Bürgern des kommenden Tausendjährigen Reichs, die ihn eigentlich in die Bahn seines Schicksal hineingedrängt hatten, er sagte ihnen zum Anbeginn, wie es nun seine Hoffnung wäre, daß sie sich bis zu dem Tage, wo alles geschehen würde, was er voraussehe, nicht mehr trennen würden. Er fuhr fort, sie zu streicheln, abwechselnd jedem im Gehen die Hände zu reichen und sie zu liebkosen. Nach einiger Zeit begann eine milde, unerhört reine und ruhighelle Vollmondnacht. Da ersuchte er seine Anhänger, sie möchten ihm immer von jetzt ab, sofern er nichts anderes bestimme, im Gehen eines Steinwurfs Weite den Vorsprung lassen. Und so geschah es. Er blieb ihnen, einsam, meist in dieser Entfernung voran. Sooft er stillstand, blieben auch seine Jünger stehen, wie denn überhaupt von nun an ein Gehorsam bis zur Unmündigkeit ihr Glück und ihre Genugtuung ward. In ihrer Ordnung waren sie bis in die Nähe des Miltzscher Schlosses gelangt, dessen erleuchtete Bibliothek samt dem Speisesaal – da die Gurauer Dame gekommen war – mit vielen hohen Fenstern durch die Bäume des Parkes schimmerte. Ungesehen und unbemerkt zog der ehemalige Günstling und Narr in Christo, Emanuel Quint, durch die verlassenen Wege des Parkes längs des stillen Sees, in dem er zu baden pflegte, dahin. Schweigend folgten ihm seine Begleiter. Da sahen sie, wie er stillestand und wie ein Schwan und nachher ein zweiter, glänzend weiß, aus dem dunklen Teile der Spiegelfläche in jenen hellen, darin sich der Mond und der Himmel spiegelte, zu ihrem Meister herübergerudert kam. Sie sahen, wie er die Tiere fütterte. Quint winkte den Brüdern und sagte halblaut: »Sie wissen noch nicht, daß ich geächtet bin. Aber des Menschen Sohn«, fuhr er fort, »war von jeher von seinen Brüdern und Schwestern verachtet und von seinen Nächsten verfolgt. Er muß auch jetzt noch verachtet, geknechtet und geächtet sein.« Furchtlos ging er mit seinen Jüngern an dem von Stimmengewirr erfüllten Schlosse vorbei, durch ein Mauerpförtchen in das Bereich des Nutzgartens hinein, wo ein unendlich langer, schnurgerader Weg durch verpackte Rosenstöcke, Johannisbeersträucher und gedüngte Beete führte, der im Mondschein gleißend vor ihm und den ängstlich flüsternden, leise tretenden Jüngern lag. Diese sahen nach einiger Zeit, wie Emanuel wiederum stehenblieb und lange nach einem von Efeu dicht übersponnenen Giebel blickte, aber es war nicht die Seite des Hauses, darin sein eigenes Zimmer, sondern die andere, in der Ruth Heidebrands kleines, reinlich gehaltenes Gemach gelegen war. Die Jünger hörten den Meister aufseufzen.  [...]
Der Pfarrer sprach: »Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht.« Quint dagegen: »Ehe man nicht in eure Folterkammern Gottes die Brandfackeln werfen wird, so daß sie vertilgt werden von der Erde, bis man die Stätte nicht mehr erkennt, wo sie gestanden haben, werdet ihr Gott täglich hinrichten.« »Mein Sohn«, sprach der Pfarrer mit halber Stimme, »solche Gedanken sind nicht bloß närrisch: sie sind verbrecherisch.« »Aber es muß die Zeit kommen«, fuhr der Tor in Christo mit Härte fort, »wo man Gott weder auf diesem noch auf jenem Hügel, weder auf diesem noch auf jenem Berge, noch in diesem oder in jenem Hause, noch in dieser oder in jener Kirche, weder in dieser Kathedrale noch in jenem Dom anbeten wird, sondern allein im Geist und in der Wahrheit.« [...]
Mit diesen Worten fiel im Dunkel des Raumes ein Geräusch vieler harter Schläge zusammen, deren Ursache, wie sie bald von einem stürzenden Gefäß, dem Geklirr eines auf die Steinfliesen fallenden Metalleuchters und dem Klingklang von Porzellan und Glasscherben begleitet wurden, dem Pfarrer so wenig wie den Begleitern Quints sogleich deutlich ward. Dann freilich war nicht mehr zu verkennen, daß der persönliche Wahn des Narren einen tobsuchtartigen Ausbruch genommen hatte und er mit seinem derben Schäfer- oder Gartenstock wie rasend unter die heiligen Gegenstände auf den Altären schlug. »Mensch, hebe dich weg«, schrie der Pfarrer, sprang hinzu und suchte die Arme des Tobenden festzuhalten. »Fluch über dich! der du ein entsetzlicher, gottverworfener Kirchenschänder bist!« »Ich bin Christus!« schrie dagegen Emanuel laut, ja gewaltig, so daß es von allen Gewölben widerklang. »Ich sage dir« – und er schlug mit einem mächtigen Schlage das Standkreuz des Hauptaltars herunter –, »dies ist kein Bethaus, sondern es ist eine Mördergrube!« Jetzt hatte der Pfarrer, hatten die Jünger den wütenden Schwärmer und Bilderstürmer angepackt, und nachdem im Dunkel der hallenden Kirche ein längeres, stummes Ringen sein Ende erreicht hatte, schien auch der Kirchenschänder gesättigt zu sein. »Geh! Laß dich nie wieder blicken! Geh! Du bist vom höllischen Dämon besessen! Geh! Gott straft mich durch dich! Geh! Ich befehle es dir!« Diese Worte des Pfarrers, mit starker, befehlender Stimme gesprochen, duldeten keinen Widerspruch. Quint sagte: »Kommt!« und ging, hochatmend, starken Schritts, mit den Seinen davon. [...]"

Dreiundzwanzigstes Kapitel
"[...] Dominik war ein Mensch von bewunderungswürdigen, vielfältigen Anlagen und von einer für sein Alter staunenswerten Gelehrsamkeit und Belesenheit. Er besaß einen Reichtum an Kenntnissen aus der Naturwissenschaft. [...]
Als ob er im Innersten zu ihr gehöre, schloß er sich der einstigen Romantischen Schule an. Er liebte Novalis, der das Wort gesagt hatte: »Deutschheit ist echte Popularität.« Er liebte die ganze Gruppe, weil ihr freies und kühnes Denken nicht in Rationalismus versandete, sondern das Mysterium des Daseins fortgesetzt als solches erkannte und bestehen ließ. Dieser Jüngling vereinigte den Geist und Stolz freier Forschung mit der mystischen Inbrunst eines mehr katholischen Christentums, das ihn mit einem weichen, sehnsuchtsvollen Lyrismus erfüllte. Sein Lieblingsdichter außer Novalis war Hölderlin. Nicht nur sprach er in stillen Stunden gern dieses und jenes seiner Gedichte aus dem Kopfe vor, sondern er führte auch den »Hyperion« in einem zerlesenen Exemplar fast stets in der Tasche. [...]
Was Dominik an Emanuel fesselte, wird vielleicht nach alledem einigermaßen begreiflich sein. Entscheidend für die neuentstandene Abhängigkeit des jungen Genies war natürlich vor allem der Eindruck, den Quintens ganze Erscheinung hervorbrachte. War ihm schon der platteste und gewöhnlichste Mensch ein Mysterium, wieviel mehr dieser Quint, dessen geheimen Anspruch er kannte. So stürzte er sich mit einer vielleicht mehr künstlerischen als blindgläubigen Sucht in die verwirrende Atmosphäre um Quint hinein. Aber es war dabei ein bewußtes, entschlossenes Wollen in ihm, weil er spürte, daß der Weg des Meisters, den er gefunden hatte, dorthin ging, von wo auch ihm die größte Lockung der Ruhe oder des Paradieses ausstrahlte. Dieser, wie er ihn bereitwillig und aus Überzeugung nannte, heilige Mensch war, wie er selber, gleichsam nur verirrt in die Welt. Seht – der Fremdling ist hier – der aus demselben Land sich verbannt fühlt wie ihr; traurige Stunden sind ihm geworden – es neigte früh der fröhliche Tag sich ihm ... Bleibt dem Fremdlinge hold – spärliche Freuden sind ihm hienieden gezählt – doch bei so freundlichen Menschen sieht er geduldig nach dem großen Geburtstag hin. Im Umgang mit Dominik zeigte Quint seltsamerweise eine wie ein Ausruhen wirkende, ungeschraubte Schlichtheit und menschliche Einfachheit. Zwischen beiden, schien es, war, ohne jede Verhandlung, stillschweigend ein fester Pakt geschlossen. Es herrschte eine fast magische Einigkeit. Dominik, der, über einem verrufenen Lokal, bei Bahnschaffnersleuten in Schlafstelle war – wo er ein Kruzifix über dem Bett angebracht und ein anderes auf sein Nachttischchen gestellt hatte –, beschäftigte sich trotzdem nicht viel mit der Heiligen Schrift, und es wurde auch zwischen ihm und Quint kaum je eine Bibelstelle besprochen, ja überhaupt nur ein religiöses Gespräch geführt. Durch ein Wort, das Quint eines Tages geprägt hatte, als der Name des Heilands gefallen war, ward Dominik betört oder, nach seiner Ansicht, aufgeklärt: »Christus? Ich kenne ihn nicht oder bin es selbst!« hatte es gelautet. [...]"
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 21 und 23)

06 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Kapitel 17 und 18

Siebzehntes Kapitel
[...] Emanuel mußte erschüttert sein durch alle Beweise fast hündischer Liebe und Anhänglichkeit, die ihm von diesen bis zu Tränen durch seine Gegenwart beglückten Menschen entgegengebracht wurden. Und wenn er nun auch entschlossen war, soweit an ihm lag, das Nest zu säubern, in das er ja zu keinem anderen Zwecke gekommen war, so hatte er doch den heißen Wunsch, soweit immer möglich, diesen irren, hilflosen Lämmern ein Hirte zu sein. Hatten doch alle diese Menschen, solange sie lebten, einen leiblichen Hunger nach des Müllers Brot: und war es nicht sonderbar, wie sie trotz leiblichen Mangels und sorgenbelasteter Lebensnot dennoch nach geistigem Brote hungerten? Konnten da ihre unberatenen Einbrüche in die Vorratskammern der Schrift und die Wahl ihrer Nahrung von einem besseren Instinkte geleitet und anders als unbeholfen sein? [...]
»Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn«, antwortete Quint, »es gleicht einer Perle, für die ich alles hingebe, es gleicht einem Schatz im Acker, den ich gekauft habe, es ist inwendig in mir, das Eigentum eines Kindes ist das Himmelreich. Aber dein Zion, das aus den Wolken herniederfällt mit Häusern von Gold, mit Tälern aus Jaspis, Saphir und Smaragd, ist es nicht! Warum denn wollt ihr, daß Vater, Sohn und Geist unter Gewitter und Posaunenschall furchtbar aus Wolken niedersteigen, wo doch Vater, Sohn und Geist unerkannt unter euch ist?« Und nun verrichtete Emanuel Quint, der arme Narr in Christo, jene hoffentlich unbedachte Tat der Lästerung, die später, als er eines schweren Verbrechens beschuldigt unter Anklage stand, die Herzen der Richter so sehr verhärtete. Nämlich: er packte ein Bibelbuch, das einer der Brüder Scharf, wie früher gebräuchlich, neben das Licht auf den Tisch gelegt hatte, und warf es, so daß es in Fetzen ging, wider die Wand. Die armen Tagelöhner, trotzdem sie erschraken und eigentlich im ersten Augenblick dachten, es müsse Feuer vom Himmel herabfahren, regten sich nicht. Und: »Ich verbiete euch dieses Buch! hört ihr! ich verbiete euch dieses Buch!« rief nun, gar nicht im Sinne Luthers, Emanuel. »Ich verbiete es euch, weil es eine Scheuer voll Unkraut, eine Scheuer voll Tollkraut, eine Scheuer voll Taumellolch mit nur wenigen Ähren guten Weizens ist. Das Reich Gottes ist wiederum auch hier nur ein Senfkorn darin. Was leset ihr euch aus diesem Buch? Was erntet ihr euch von diesem Acker des guten Hausvaters, in den der böse Feind im Finstern Scheffel und Malter Unkraut gesäet hat? Ihr füllt euch das Blut mit quälenden Ängsten, quälenden Wünschen und Fieberbildern, die lügnerische Hoffnungen sind, bis zum Bersten an! Ihr meinet, wenn ihr vom Gifte des Taumelmohns trunken seid und in läppischer Eitelkeit zu Affen der Allmacht aufgeschwollen, mit Handauflegen und Wundertun, ihr hättet den Heiligen Geist empfangen! Was ihr empfangen habt, ist die Pest der Gier! der Durst der Tollheit! Meint ihr, daß die Liebe zu Jesu eine unbezwingliche Wut der Habsucht ist? Was wollet ihr denn von Gott erbitten? Wälzet ihr euch, und zerrüttet ihr euch und macht eure armen Kehlen heiser, damit der himmlische Vater das Szepter mit euch teile? Und meint ihr, daß es in euren blinden Händen besser aufgehoben als in den seinigen ist? Was reißet ihr doch an Gottes Stuhl? Was zerrt ihr doch an Gottes Gewandzipfel? Was heult ihr? Was kreischt ihr? Warum schlagt ihr mit euren Fäusten, euren groben Absätzen gegen die Himmelstür? Wahrlich ich sage euch, ihr werdet nicht mit der Türe ins Haus brechen, und es liegt auch dahinter weder Brot, Speck noch das kleinste Fäßchen Branntwein für euch! Was leset ihr euch aus diesem Buch? Lügen, Lügen und wieder Lügen! Wie denn die Lüge noch immer auf allen Gärten und allen Äckern am geilsten wuchert! Wie denn die Lüge noch immer Säulen, Tore, Türme und Tempel – die höchsten Säulen, die höchsten Tore, die höchsten Türme, die gewaltigsten Tempel von Gold, Jaspis und Edelsteinen – auf unserer Erde besitzt!«
Es war wohl nicht allzuviel, was die mit hochgezogenen Brauen lauschenden Brüder von diesen heftig gesprochenen Worten begriffen. Es folgte ihnen auch eine große Menge anderer warnend, ja drohend nach, die Quinten doch wohl von dem Wunsche eingegeben wurden, diesen Unfug der Talbrüder abzuschütteln. Jene Monate, die er in der Gärtnerei, in der Bibliothek des Gurauer Fräuleins, beim Miltzscher Schäfer als Samariter, in der Familie Krause und in anderen christlichen Bürgerhäusern zugebracht hatte, konnten nicht spurlos an ihm vorübergehn. Dennoch sah er die Brüder nicht von einem neuen Kastenstandpunkt an, und nicht ein solcher war es, der den Abstand zwischen ihm und ihnen vergrößerte. Dagegen konnte man aus der Art und mutigen Kraft seiner Reden schließen, daß sich die Kraft seines eigensinnigen Wahnes in der Stille vervielfacht hatte. [...]
In Wahrheit sah Emanuel Quint den Heiland kaum mehr im Bibelbuch, das er ja auch mißhandelt hatte, sondern, schrecklich zu sagen, nur noch in sich selbst und als sich selbst. Der heilige Wahn ward zurückgedrängt und hatte dort, seit jenem Kerkertraume, wo Christus in Quinten buchstäblich hineingegangen war, Zeit gefunden, sich festzunisten. Damit hatte sich etwas im Betragen des Narren in Christo eingestellt, was keineswegs von dem Schlage seiner früheren Bescheidenheit und Demut war. Gegner, die es später bemerkten, nannten es einen lächerlichen Hochmutsgeist von Unfehlbarkeit, er selbst die Freiheit der Kinder Gottes. »Machet euch frei von dem Dienste des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes«, sagte er oft, wenn seine Freunde ihm eine gewisse heitere Sicherheit und Sorglosigkeit, trotz des ihm eigenen Ernstes, zum Vorwurf machten. [...]
Jedermann in der Mühle war schlafen gegangen. Es war eine abgelegene, nur durch viele Gänge und Treppchen zu erreichende Kammer, in der sich Quint mit Ruth befand. Er senkte den Kopf, entrang die Hände und begann im Raum auf und ab zu schreiten. In dieser Minute – man hörte den Gang seiner bloßen Füße nicht –, wo er bald die Gardine, bald den gelben, mit allerlei Tand und bäurischen Raritäten gefüllten Glasschrank streifte, fand er sich nicht nur mit der Flucht der kleinen Ruth aus dem Elternhause, sondern auch mit dem Umstand ab, dessen er völlig sicher war, daß man keinem andern als ihm die Schuld dieses Streiches zumessen würde. Dann sagte er nur: »Du hast uns in eine schlimme Lage gebracht.« Ruth wandte sich um und sagte dagegen: »Wie kann ich anders, wenn ich nicht meinen Bräutigam versäumen soll?« Er sagte: »Ihr alle seid unverständig!« »Lehre mich«, sagte sie, »daß ich verständig bin!« Er dagegen: »Ehre Vater und Mutter und betrübe sie nicht! Gedenke der Ängste, die sie jetzt ausstehen! Im besten Falle wird man uns finden und bringt dich und mich durch Gendarmen nach Hause zurück.« Ruth sagte, das werde der Vater nicht zulassen. Als Emanuel sie befremdet musterte, fügte sie noch die Worte an: »Ich meine den Vater, der in dir ist.« Emanuel wurde ungeduldig. Er begann: »Was suchst du? Was willst du von mir? Von den Legionen Engeln eures himmlischen Vaters weiß ich nichts. Ihre Schwerter stehen mir nicht zu Diensten. Ich bin keines irdischen Königs noch eines schwertgewaltigen Gottes Sohn. Ich bin nur ein armer Menschensohn. Wer mir nachfolgt, dessen nackte Füße werden über scharfe Steine gehen. Der Regen wird ihn durchnässen, der Hagel auf seinen Scheitel schlagen. Er wird Almosen nehmen, wo man sie gibt. Er wird, wie ich, verachtet, verdorben und am Ende einem schmachvollen Tode überliefert sein.« In diesem Augenblick hatte Ruth in Hast ihre durchlaufenen Schuhe von den Füßen gelöst, den Mantel und ihr kleines dunkles Mieder heruntergerissen und warf sich wildschluchzend mit den Worten: »Kreuzige mich, ich will vor dir sterben!« an Quintens Brust. Quint begann ihren Scheitel zu streicheln, aber er hielt seine Lippen fern von der schmalen weißen Rinne, die ihm so nahe war und von der aus das Haar zu beiden Seiten in einem dunklen und duftigen Glänze das Haupt umfloß. Seine Hände mieden die kindlichen Schultern, die sich zuckend an ihn anschmiegten, so daß er an bebende Flügelrücken eines jugendlichen, verstoßenen Engels denken mußte oder eines verflognen vielleicht: eine Vorstellung, die ihm durch die liebliche und berauschende Fremdartigkeit dieses ganzen neuen Erlebens aufgedrängt wurde. Emanuel biß die Zähne zusammen und wehrte sich mit der ganzen ihm eigenen, bewußten Kraft gegen die Welle, die in ihm aufbrandete. Er rang mit ihr und besiegte sie. Die Arme der lieblichen Gärtnerstochter mit Zartheit lösend und an den heiß umklammernden Händen herunterziehend, hatte er bald durch den gütigsten Zuspruch das Mädchen einigermaßen zur Ruhe zur Ruhe gebracht.
Mit eigenen Händen zog er ihr dann die Stiefelchen an, half ihren nackten Armen in die Ärmel ihres Mieders hinein, verdeckte darin die schönen Schultern und legte auch noch den Mantel, den er vom Tische nahm, sorgsam darum.
Endlich sagte er: »Ruth, nun komm, jetzt wollen wir ohne Verzug zurück zu den armen Eltern gehen.«
Da stand das Kind und regte sich nicht und sprach geraume Weile kein Wort. Aber wie Quint, überwältigt von Mitleid, die Hand um sie legte und ihr Haupt herauf an den kummervollen Strahl seines ernsten Antlitzes bog, war ihr Gesicht von Tränen gedunsen.

Achtzehntes Kapitel
In diesem Augenblick quietschte die Zimmertür, und der Kopf des böhmischen Josef streckte sich durch den geöffneten Spalt mit einem pfiffig grinsenden Ausdruck herein. Dann schien es, als wollte er sich zurückziehen, aber nun fragte ihn Quint, in einem erstaunlichen Ton von Gelassenheit, was er wünsche und was sein Begehren wäre. [...]
In der Backstube, als der böhmische Josef gegangen war, mußte sich Ruth auf Quintens Drängen mit Brot, Butter und Kaffee stärken, dessen man eine reichliche Menge, in einem Bunzlauer Topf, noch heiß, in der Röhre fand. Dann traten beide, leisen Tritts aus der Haustür gehend, von niemand in der Mühle bemerkt, den Rückweg an.   Im Beginne der Reise waren sie einsilbig. Noch immer mit gedunsener und wie erstarrter Miene schritt die kleine Ruth neben Quint, während der Narr, grüblerisch und betreten, das Schweigen nicht brechen mochte. Die kleine Heilige, die triebhaft und opfermutig ihren irdisch-himmlischen Hochzeitsflug unternommen hatte, ward wie gelähmt, weil sie annahm, Liebe und Opfer sei nun durch den süßen Freund und himmlischen Bräutigam verworfen worden. Nach und nach aber, während des Wanderns, das Quinten die eigentlich angemessene Form des Daseins war, stieg in ihm jene volle und große Empfindung auf, die zweifellos religiösen Charakter hatte, wenn auch sie es vornehmlich war, die ihn immer wieder über die berechtigten Forderungen der ihn umgebenden Welt erhob. Soweit man diese Empfindung – und man bedenke, wie das bewußte Leben selber nichts anderes als eine Empfindung ist! –, soweit man sie zu schildern vermöchte, würde man das eigentliche Urphänomen im religiösen Leben dieses wunderlichen Separatisten zu begreifen imstande sein. Das Leben in der gesamten Natur, die wir kennen, insonderheit alles organische Leben, vollzieht sich für uns in Form von Bewegung, insonderheit durch Geburt, Tod und Wiedergeburt. So war denn auch in Quintens Seele die tiefste Erfahrung immer wieder das göttliche Sterben und das göttliche Auferstehen. [...]
Quint vergaß aber nicht, daß Ruth neben ihm ging. Sie hat bekannt, daß der Sonderling, den sie den Heiland nannte, ihre Hand ergriffen, noch bevor sie das Dorf und den Wagen erreichten, und bis dahin, etwa eine Stunde Wegs, nicht mehr freigegeben hat. Sie hat ferner versichert, wie es denn auch der Wahrheit entsprach, sie sei dadurch wie durch einen himmlischen Zauber gestärkt, getröstet, ja mit der Gewißheit eines ewigen himmlischen Glückes erfüllt worden. Sie hat schließlich behauptet, daß der arme Narr verzückt und in einer heiligen Glorie mit Jesus, Moses und Elias geredet habe: trotzdem doch, nach ihrer Meinung, Emanuel selber der Heiland war. Die Ursache ihres Irrtums war diese: Emanuel fing nach einiger Zeit, während er ihre Hand in der seinen hielt, in beinahe hymnischer Weise zu reden an, wobei sie der tiefen, immer heller werdenden Röte des Sonnenaufgangs entgegenpilgerten. [...]
Da sagte zu seinem Schaden der Narr: »Habe ich denn eine Sünde begangen?« »Das wirst du wissen!« schrie Herr von Kellwinkel. »Du wirst wissen, was du an der Familie deines Wohltäters, was du an diesem betörten Mädchen begangen hast! Welche Mittel, welche Schliche, welche niederträchtigen Lügen, welche Lumpereien und Betrügereien mußt du angewandt haben, nichtsnutziger, fauler, arbeitsscheuer Rumtreiber du, bis dieses wohlerzogene Bürgerkind so weit gebracht war, Anstand und Sitte so weit außer acht zu lassen, daß sie mit dir, bei Nacht und Nebel, das Haus ihrer schwergeprüften Eltern verließ und so vollkommen in die Gewalt deiner schmutzigen Pfoten geriet.« Bei diesen Worten nahmen die Bauernweiber und Landarbeiter gegen Quint eine drohende Haltung an. Ein gewisser Tagelöhner, mit dem Quint zuweilen bei Gelegenheit seiner Feldgänge einige Augenblicke philosophiert hatte, benutzte jetzt die Gelegenheit, um sich bei Kellwinkel einzuschmeicheln. Indem er hervortrat, behauptete er: Quint halte die Leute vom Arbeiten ab. Er mache sie unlustig, mache sie aufsässig, indem er Weiber und Kinder gewöhnlich frage, ob denn das Zuckerrübenhacken oder das Heil ihrer Seele wichtiger sei. [...]
In der Familie des Lehrers Krause gab es Emanuels wegen Tränen und Kämpfe, denn auch Krause wollte nun, im Widerspruch zu Marien, nichts mehr mit dem Narren zu tun haben. Maria dagegen verteidigte ihn. Bei ihrer Verteidigung blieb sie nicht gerade gerecht in ihrem Urteil über Ruth Heidebrand, die sie ein überspanntes Mädchen nannte. Sie fügte hinzu: die krankhafte Überspanntheit der kleinen Ruth wäre ja doch viel mehr etwas Altbekanntes als eine Neuigkeit.
Alle ihre Einwände halfen Marien indessen nichts. Ihr Vater hatte im Schrecken der Nachricht von Ruths Verschwinden den festen Entschluß gefaßt, nun ebenfalls von dem gefährlichen Narren abzurücken. Ob er trotzdem noch etwas für ihn fühlte, wußte man nicht.
Übrigens hatte der arme und außergewöhnliche Dorfschulmeister, dessen friedliche und behagliche Existenz in dem Wohlwollen vieler Freunde wurzelte, nach dem, was vorgefallen war, keine Wahl mehr in seinem Verhalten zu Quint. Es war nicht ratsam, ja überhaupt nicht tunlich, sich dem allgemeinen Urteil, das ihn richtete, entgegenzustellen. Man lief Gefahr, mit dem Narren als eine Person genommen, gebrandmarkt und aus der Gesellschaft verstoßen zu werden.
Emanuel wurde nicht empfangen, als er am Gründonnerstag – wo die Kinder in allen Dörfern in Scharen mit ihrem Bittgesang und ihrem Gründonnerstag-Bettelsäckchen von Tür zu Tür herumliefen – an die Tür der Krauseschen Schule kam. Dagegen sah er, als er sich annäherte, Nathanael Schwarz aus der Türe gehn, von dem es bekannt war, daß er vor einigen Jahren um die Hand Mariens geworben hatte.
Schwarz machte einen großen Bogen um Quint und verschwand in Eile durch ein Quergäßchen. Emanuelen wurde nun von der Magd der kurze, ihn von der Schwelle weisende Bescheid überbracht; sie hatte eben die Tür vor seiner Nase zugeschlossen, da fiel aus einem Mansardenfenster, von unsichtbarer Hand geworfen, ein Umschlag mit einem Kärtchen herab, das Quint erst draußen im Feld entzifferte; es trug die Worte: »Ich glaube an dich!«
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 17 und 18)

05 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - erste Gedanken zur Beurteilung

Ich bin in Hauptmanns Roman zwar weiter eingedrungen, als die hier  bisher vorgestellten Abschnitte das erkennen lassen. Dennoch habe ich ihn noch nicht bis zum Ende gelesen, weil ich mir immer nur kurze Abschnitte daraus vornehme.
Drei Eindrücke drängen sich mir aber schon jetzt auf:
1. Hauptmann benutzt den seltsamen Heiligen Emanuel, um ein umfassenderes Bild des armen Volkes zu zeigen, als es im in der dramatischen Zuspitzung von "Die Weber" möglich war.
2. Am Beispiel der Talbrüder zeigt er, wie Religion "Opium des Volkes" sein kann: Trost angesichts der unerträglichen Umstände des täglichen Lebens im Blick auf das Paradies im Jenseits. Insofern ist das eine Ausmalung der Haltung des alten Hilse im 5. Akt der "Weber".
Zugleich kritisiert er aber die Haltlosigkeit der Talbrüder, die sich bei ihren religiösen Feiern Orgien der Triebbefriedigung hingeben.*
3. Emanuel verkörpert den Christen, wie ihn Feuerbach im 17. Kapitel des "Wesens des Christentums" im Unterschied zum Heidentum kennzeichnet: "Im Christentum konzentriert sich der Mensch nur auf sich selbst, löster er sich vom Zusammenhang des Weltganzen los, machte sich zu einem selbstgenügsamen Ganzen, zu einem absoluten, außer- und überweltlichen Wesen - [...]"

Ein neues Interesse für Hauptmann habe ich über Das Abenteuer meiner Jugend gewonnen. Daher interessiert es mich natürlich, wie viel von seinen Erfahrungen seine Schul- und Kunststudentenzeit in Breslau* in diesen Roman eingegangen sind und inwiefern er mit dem Bild von Emanuel seine eigenen aus Not geborenen Allmächtigkeitsphantasien (die gesamten Carraraberge zu eigenen Marmorplastiken zu verwenden) kritisch darstellen, aber auch gleichzeitig als Notphantasien rechtfertigen will. 
Paul Schlenther schreibt dazu: "In den Jahren der Entwicklung drückte diese Geistesrichtung dem lebhaften Knabengemüt, welches ohnehin zur transzendenten Spekulation neigte, einen so starken Stempel auf, daß Gerhart Hauptmann seither kaum was Größres gedichtet hat, ohne die Macht dieses Gepräges irgendwie und irgendwo spüren zu lassen. Vielleicht hat er in »Emanuel Quint«, wo er selbst als Kurt Simon und seine Tante Julie als die »temperamentvolle Christin« – Frau Oberamtmann Julie Scheibler – erscheint, über diese letzten Dinge sein Letztes gesagt. Überall ist zu fühlen, wie tief und auch wie ungestüm Glaubenssachen den Geist und das Herz des Jünglings aufgeregt haben."

*  Hauptmann schildert die Entwicklung zur Hemmungslosigkeit im 16. Kapitel  wie folgt: "Die mehr und mehr gefährliche Narrheit der Brüder gewann an Sicherheit, als der böhmische Josef eines Tages, den dicken Finger unter der Zeile, das Wort buchstabiert hatte: »Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht.« Ein anderer hatte zur Not diese Zeilen aufgefaßt: »So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind.«" 

Solche hier religiös verbrämte Rechtfertigung eigener Bedürfnisse wurde freilich schon seit langem kritisch gesehen: 
Martin Luther sah - nachdem er die Forderungen der Bauern zunächst unterstützt hatte - in ihrer weltlichen Auslegung seiner "Freiheit eines Christenmenschen" eine gefährliche Fehlinterpretation. 
So kritisierte Jeremias Gotthelf die Forderungen der Französischen Revolution im 17. Kapitel seines Romans "Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz" (1846/47) mit den Worten: "Sie kennen nur Rechte, von den Pflichten wollen sie nichts wissen, insofern sie nicht eine Passion oder Leidenschaft dazu haben. Sie begehren das Recht, zu ernten, was ihnen beliebt, zu schneiden, wo sie nicht gesät haben." 
In demselben Geiste wurde 1997 die Erklärung der Menschenrechte durch eine Erklärung der Menschenpflichten ergänzt. 

* "In den Breslauer Schlußkapiteln des Quintromans, in der wüsten Verbrecherkneipe läßt der Dichter das Urbild seines Professor Crampton noch einmal am Kneiptisch auftauchen." (Paul Schlenther)

04 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Die Talbrüder

Dreizehntes Kapitel
[...] Und als der böhmische Josef nicht recht gewußt hatte, was er darauf erwidern sollte, hatte Schwabe seine Rede etwa folgendermaßen fortgesetzt: »Du sollst mir aufs Wort glauben, Josef, daß du, wenn du nicht ganz verblendet bist, wirst solcher Dinge teilhaftig werden, wie ihrer kaum ein Mensch je teilhaftig geworden ist. Glaube es oder glaube es nicht, aber ich, der ich hier liege, sage dir: der, um dessentwillen ich hier mit gebrochenem Arm liege, ist niemand anders als er, dessen Wiederkunft uns verheißen ist.« Josef wagte sich nun hervor und erzählte verschwiegenermaßen, was er für Quint mit seinen Fäusten verrichtet hatte. »Das wird dir im Himmel«, bemerkte der Schneider, »weiß Gott nicht vergessen werden!« Und dann erzählte er immer und immer wieder neue, lebhafte Träume, die er geträumt hatte von Emanuel Quint, bis er schließlich allerlei unverstandene Worte aus der Offenbarung Sankt Johannis einmischte, die er teils von den Brüdern Scharf, teils durch eigenes Lesen erfahren hatte. Man weiß, wie gefährlich das Lesen dieser Offenbarung, die viel weniger das, nämlich eine Offenbarung, als eine Verhüllung ist, zuweilen den Köpfen einfältiger Menschen werden kann. [...] 
Es würde nicht ohne Interesse sein, diesen verhängnisvollen Einfluß auf die Köpfe der Menschen in der Geschichte des Christianismus nachzuweisen. Erinnert sei einstweilen nur an das große Münsterische Delirium, wo man das neue Jerusalem in einer Wolke der allgemeinsten Raserei errichten zu können vermeinte: einer Raserei, in der die Wiedertäuferbewegung zugleich kulminierte und unterging. [...] 
Nun hatte dieser das Gesehene und Gehörte, in einem Kornfeld versteckt und ausgestreckt, unter einem blauen Dache voll Lerchengetriller, bei sich erwogen und alledem nachgehangen, was im Wesen des Kameraden fremd, ja unbegreiflich erschien, und dabei hatte er auch nicht unterlassen können, sich ganz insgeheim die Frage zu stellen, ob mit dem Freunde denn im Kopfe wirklich noch alles recht richtig sei. Da aber Geheimnis und Verheißung und das Jagen nach einer Illusion auch jeder gesunden Seele natürlich sind, ebensowohl als der Wunsch, den immer vorhandenen, unbestimmten Glauben auf einen bestimmten Gegenstand richten zu können, um diesen Glauben womöglich davon zu ernähren, daran groß wachsen zu lassen, so steigerte sich trotz aller Bedenken die Neigung des böhmischen Josef, göttliche Einwirkung als Grund des verwandelten Wesens seines Freundes anzunehmen, und gleichzeitig auch die Sehnsucht, Emanuel wiederzusehn. [...] 
Das bewußte Geistesleben dieser Leute wurde beherrscht von Lebensgier und einem jahrzehntelangen Harren und Hoffen in einer unsäglichen Alltagsmonotonie. Auf eine endliche Erfüllung aller zurückgestellten, leidenschaftlichen Wünsche, Neigungen und Bedürfnisse zu warten, mangelte plötzlich die Geduld. [...] 
Will man sich von der geistigen Atmosphäre, in der die Talbrüder lebten, einen Begriff machen, so muß man sich in eine Zeit zurückversetzen, wo Freizügigkeit und Eisenbahn noch nicht vorhanden und der flämische Fuhrmann sowie die Postkutsche den Verkehr in die Ferne und aus der Ferne vermittelten: denn obwohl Eisenbahn und Telegraph bereits bestanden, waren doch unter den Talbrüdern ganz wenige, die ein Leben außerhalb des narkotischen Brodems ihrer Heimatscholle kennengelernt hatten. Nun ist lange noch nicht genügend erkannt, welche Bedeutung die Phantasie im Leben jedes und ganz besonders des einfachen Menschen hat. Die Phantasie ist des Menschen Mantel. Die Phantasie ist das, was der Geist erzeugt und wovon sich die Seele des Menschen nährt. Die Seele auch des verknöchertsten Mannes nährt sich aus den Schätzen der Phantasie, trotzdem er sie bekämpft und geringschätzt, wie die Lunge von Luft: und sofern es dem Manne gelänge, ebendie Phantasie zu ersticken, so stürbe sein Geist: – und auch seine Seele, so wie sein Körper, verfiele unrettbar dem Erstickungstod. In dem Bereiche der Phantasie wohnt dem Menschen der Mensch, Welt und Gott! Dem Manne das Weib! Dem Weibe der Mann! Den Eltern das Kind! Dem Kinde die Eltern! In ebendemselben Bereiche schweben und weben Hölle und Paradies. Der Einzelmensch ist in eine bunte, gebärende Wolke eingeschlossen, eine Wolke, die jeder nur um sich selber, nicht aber an seinem Nebenmenschen sieht, der in Wirklichkeit von einer ähnlichen gebärenden Phantasmagorie umgeben ist. [...] 
Es wurde späterhin durch Gerichtspersonen, die Haussuchung hielten, in der Schublade des Beratungstisches im Hinterzimmer ein liegengebliebenes Schriftstück entdeckt, das, in der Handschrift des Dibiez, das Glaubensbekenntnis der Talbrüder darstellte. Es wich von dem allgemeinen protestantischen Glaubensbekenntnis nur in wenigen Punkten ab, und zwar in Artikel sieben bis zehn. Der siebente lautete: »Wir glauben an die Kräfte und Gaben des ewigen Evangeliums, das heißt: an die Gabe des Glaubens, der Erkenntnis von Geistern, der Prophezeiung, der Offenbarung, der Gesichte, der Heilkraft, der Zungen und der Verdolmetschung der Zungen, der Weisheit, der Barmherzigkeit, der Bruderliebe.« – Folgender war der achte Artikel: »Wir glauben, daß das Geheimnis vom Reiche Gottes bis heut noch nicht offenbart ist. Wir glauben und wissen aber: die Stunde der Offenbarung ist nahe. Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt. Fürwahr, er trägt weder Gestalt noch Schöne, sie aber halten ihn für den, der von Gott geschlagen und gemartert wäre. Es sind solche unter uns, denen der Geist gegeben hat, ihn mit leiblichen Augen zu sehen. Dieser wird das Geheimnis verkündigen. Er ist der Verachtetsten einer unter den Menschen, wir aber loben seinen Namen: Emanuel.« Wichtig ist noch der neunte Artikel: »Wir glauben an die Aufrichtung Zions und die tausendjährige Herrschaft Christi auf Erden in paradiesischer Herrlichkeit. Und wir glauben, daß wir, die mit Wachen und Beten hier Versammelten, den leiblichen Tod nicht sterben werden, bevor der Herr seine Verheißung wahr macht.« [...] 
Sie verrichteten, wie gesagt werden muß, täglich die Zeremonie des Brotbrechens, und jedesmal, wenn sie zu tafeln begannen, tranken sie aus einem bestimmten Becher den Erinnerungswein des Abendmahls. Diese Tatsache erregte, als sie später bekannt wurde, sicherlich nicht mit Unrecht, ganz besonderes Ärgernis. Allein man wird als mildernden Umstand gelten lassen, daß es in wahrer Ekstase und in jener wundergläubigen, legendären Einfalt geschah, die eine törichte Glaubenshandlung der Armen im Geist zuweilen zu einer Gott wohlgefälligen Handlung umbildet und Gnade vor seinen Augen finden läßt. Wenn jemand die Talbrüder in ihren Andachten beobachtet hätte, er würde zuweilen Eindrücke aufgenommen haben, verbunden mit einer wahrhaft frommen Erschütterung, wie sie uns etwa aus den plastischen Werken der deutschen Gotik oder aus den Reliefs im Naumburger Dome zuteil werden. Maler und Plastiker der kirchlichen Kunst hätten sich vor einer Sammlung alter, wundervoller Modelle gesehen, aus niederem Stande, derb und treuherzig, wodurch ihnen vielleicht etwas von jener frommen Einfalt und Kraft wieder zuteil geworden wäre, die in den deutschen Werken des Mittelalters so unwiderstehlich wahr und erhebend ist. [...] 

Vierzehntes Kapitel

Gleichsam zur Nachkur hatte das Gurauer Fräulein Emanuel Quint in der Gärtnerei ihrer Herrschaft Miltzsch untergebracht. Gern und gelassen war durch Emanuel ihr Vorschlag, der seine neue Unterkunft betraf, angehört und befolgt worden. Der Schloßgärtner, der übrigens alle Gärtnereien und Parkanlagen auf den Besitzungen des Gurauer Fräuleins unter sich hatte, hieß Heidebrand. Er war, wie alle Angestellten des Fräuleins, ein protestantischer, gottesfürchtiger Mann, der zudem über die mit Rosen besponnene Haustür die Bibelworte »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!« gesetzt hatte. [...]
Quint hatte vom ersten Augenblick an ein Gefühl der Geborgenheit. Bald aber überkam ihn mitten unter dem Dufte des sommerlich warmen Blüten- und Fruchtgartens ein zarter, neuer, paradiesisch irdischer Hauch, der nichts an Duft und Wärme verlor, als die kleine Ruth Heidebrand, die fünfzehnjährige Tochter des Schloßgärtners, die ihm eine Karaffe frischen Wassers gebracht und nach seinen Wünschen gefragt hatte, nicht mehr im Zimmer war. Bald wurde Emanuel Quint von Mutter und Tochter Heidebrand auf eine Weise versorgt und gepflegt, als ob er im Hause Sohn und Bruder wäre. [...]
Die kleine Ruth war ein liebliches Kind, das in jenen Wochen, wo Quint im Hause der Eltern Wohnung nahm, sich zur Jungfrau umbildete. Also durchlebte sie jene gefährliche Frühlingszeit, wo Knospe und Blüte sich hervorwagen und alles Duftige, Blühendzarte sich dem Wechsel von Eis und Glut, von paradiesischer Wonne, wilden Stürmen und Hagelschauern unschuldig gläubig entgegensetzt. [...] 

Fünfzehntes Kapitel 
Eines Tages besuchte Quint im Gärtnerhause Schwester Hedwig, jene evangelische Pflegerin, die ihn im Krankenhause »Herr, hilf!« gepflegt hatte. Er begab sich mit ihr in die kleine Hütte des Schäfers hinüber, die dem Schafstalle gegenüberlag und wo, da es Sonntag nachmittags war, sich etwa zwanzig Landleute mit irgendwelchen Gebresten eingefunden hatten, die den Rat des Miltzscher Schäfers beanspruchten. Die angeketteten Schäferhunde unterbrachen ihr wildes Gebell, als der Narr mit der Schwester vorüberkam. Beide begaben sich zu dem Schäfer hinein, der das gebrochene Bein eines Erntearbeiters schiente, den zwei Männer auf seinem Bette gebracht hatten. Sie begrüßten den Schäfer, er hieß sie willkommen und stellte die beiden sogleich als Gehilfen an. Schwester Hedwig ging dem Schäfer kunstgerecht an die Hand, während Quint mit einigen Frauen redete, die ihm die Art ihrer Leiden eröffneten. Dabei schielte der Schäfer zu ihm hin und richtete Blicke auf die Schwester, die sie auf Quints Betragen hinwiesen: dieses schien für den Schäfer ein Gegenstand geheimen, bewundernden Staunens zu sein. Während der Schäfer eifrig arbeitete, schrie er laut zur Schwester hinüber durch den vom Massengeblök des nahen Schafstalls erfüllten Raum: »Sie verlassen mich alle und wollen zu ihm!«, worauf die Schwester bemerken konnte, wie sogar auch jener Patient, der eben unter den Händen des Schäfers war, zu Emanuel Quint hinüberlugte. Der Schwester war die Geduld bekannt, deren Emanuel fähig war, da sie ihn ja als Kranken gepflegt hatte. Er hatte sein Leiden hingenommen, gelassen und heiter, wie etwas, das ein guter Geist zu seinem Besten ersonnen hatte. Sie war ergriffen und an ihn gefesselt durch die wortlose Wärme seiner Seele, die sie empfand wie reinste Dankbarkeit; aber sie hatte zugleich, ein suchendes junges Weib, das sie war, etwas an sich wie eine heilende und beglückende Kraft seines Herzens gespürt. Sie wußte, was über ihn an Gerüchten in Umlauf stand. Allein da sie aus seinem Munde niemals ähnlich überspannte Dinge vernommen hatte, wie sie deren in ihren eigenen Kreisen und Konventikeln fast täglich zu hören bekam, dagegen aber eine unbestimmbare Macht aus seiner Person in sich wirken fühlte, nahm das Gerücht, das über ihn ging, mitunter in ihrem Geist den Hauch einer überirdischen Ahnung an. Sie war beglückt, als Emanuel, gern bereit, sie, wohl anderthalb Stunden weit über Land, in das Haus ihrer Eltern begleitete. Schweigend schritt er neben ihr zwischen den Stoppelfeldern hin, auf denen sich Tauben und Krähen tummelten. Es wäre vielleicht mit größerem Fug zu sagen: die Schwester schritt neben ihm. Als beide in den Hof einer romantisch unter alten Linden gelegenen Dorfschule einbogen, die der Vater des Mädchens schon seit dreißig Jahren verwaltete, schlug ihr das Herz gewaltig gegen den Hals hinauf. Aber Emanuel wurde von ihrem Vater und ihrer Mutter mit herzlicher Freude aufgenommen. [...] 

Sechzehntes Kapitel
[...] Der arme Emanuel war ein Gottsucher. Jede andere Bemühung, jeder andere Zweck seines Daseins trat hinter dieses Suchen, dieses Gottfinden, Gottergreifen, Gottbehalten zurück. Aber nicht mit dem Verstände suchte er Gott, sondern er suchte ihn mit der Liebe. Und diese Liebe, gleichsam in den Besitz der Gottheit gelangt, strömte, nicht anders als eine Sonne der Gnade, über Brüder und Schwestern, Kinder und Greise, Lahme, Taube und Blinde aus. Das göttliche Licht weckte göttliches Licht! und dann war zwischen Quint und dem Bruder, Quint und der Schwester die Fremdheit wie ein Nebel zerstört und die reine Einheit in Gott gewonnen. So ward er zuzeiten mit Maria, zuzeiten sogar mit der somnambulen Ruth Heidebrand heimlich unter die gleiche Illumination, unter die gleiche Erleuchtung gestellt. [...] 
Die Gebrüder Martin und Anton Scharf liefen wie die Leithunde einer nach Erlösung lechzenden Meute hinter ihm her. Seit sie auf dem Markte der kleinen Stadt, wo er seine erste Bußpredigt hielt, seine Spur aufgenommen hatten, ließen sie seine Fährte nicht los und folgten ihm über Flüsse und Abgründe. Dennoch sah er sie nicht als jagende Raubtiere, sondern mehr als gehetzte Schafe einer verirrten Herde an und war ihnen, wie gesagt, mehr in Kameradschaft und Liebe, in hirtenhafter Verantwortlichkeit als durch Furcht verbunden. [...] 
»Nicht ich lebe, sondern Christus lebet in mir«, dieses apostolische Wort war ihm zur eigenen Natur geworden. [...] 
Die mehr und mehr gefährliche Narrheit der Brüder gewann an Sicherheit, als der böhmische Josef eines Tages, den dicken Finger unter der Zeile, das Wort buchstabiert hatte: »Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht.« Ein anderer hatte zur Not diese Zeilen aufgefaßt: »So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind.« Ein dritter Ähnliches. Endlich schlug diesen übelberatenen, plötzlich in die üppigen Freuden des Tausendjährigen Reiches aufbegehrenden Hungerleidern alles und alles zum Schlimmen aus: ihre Hoffnungen wurden eine starre, unbewegliche Einbildung. Das Liebesgebot der Schrift trat aus dem allzugeringen Bereich, das in ihrem Wesen dem Geistigen übrigbehalten war, in die Tiernatur ihrer Leiber aus, deren eingeschläferte Triebe es aufreizte. Das ängstliche Harren und die Sehnsucht der Kreatur nach Erlösung ward in einen glühenden Durst, ward in ein Fieber der Gier, in eine unstillbare Sucht verwandelt, die einer verzehrenden Krankheit glich. Und eines Nachts, nachdem man viele lange Stunden hindurch Himmel und Hölle, ewige Seligkeit, Sünde, Strafe, Gnade, Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist, das Neue Zion und das Jüngste Gericht in Bewegung gesetzt hatte, artete alles in einen bösen, ja schrecklichen Paroxysmus aus. Erscheinungen, Umgehen von Gespenstern, Manifestationen Verstorbener, Klopfgeister hatte der Seuchenherd der Talmühle längst zur Genüge ausgeheckt. Was nun hinzutrat, war der Ausbruch einer physischen Krankheitsform von der Art, wie sie in den glaubenseifrigen Zeiten des Mittelalters oft epidemisch gewesen sind. Es nahm seinen Anfang mit diesem Ereignis:   Ein starkes blondes Bauernmädchen von achtzehn Jahren, die den Namen Therese Katzmarek trug, begann plötzlich in der Zerknirschung, unter dem Eindruck glühender Zurufe, wunderlich ihren Kopf zu schütteln, anfangs langsam, später mit einer solchen unaufhaltsamen Schnelligkeit, daß viele der bäurischen Brüder und Schwestern es merken mußten, wo sie denn ihre Andacht unterbrachen, um diesem sonderbaren Betragen des Mädchens womöglich Einhalt zu tun. Aber da war durchaus kein Halt. Anruf, ja selbst der schraubstockartige Griff von schwieligen Bauernfäusten fruchteten nicht. Der Kopf der Therese Katzmarek bewegte sich. Das wiederbefreite, unschuldig kindlich hübsche Mädchenhaupt flog, krampfhaft geworfen, hin und her, das starke Kinn von Schulter zu Schulter, und zwar so schnell, daß der Blick nicht folgen konnte und der Eindruck für das Auge verwirrend war. [...]
Jetzt war in dieser Versammlung nicht einer, den langen, dunkelhaarigen Müller Straube ausgenommen, der nicht von der gleichen sinnlosen Raserei ergriffen ward. Die Nacht war finster. Die Bäume rauschten. Die Zahl der sich Wälzenden mehrte sich, andere rannten, einander das leere Gebälk der Scheune weisend, gegen die großen Tore und kleinen Pförtchen der Scheunentenne, drängten ins Freie und wie durch ein Schlupfloch ein und aus. Von denen aber, die ins Freie gelangt waren, horchten einige, ob sie nicht durch das Ohr die ersten Laute des nahenden Welt- und Strafgerichts erhaschen könnten. Andere fielen erst hier zur Erde und schrien, indem sie gen Himmel wiesen, sie sähen dort, auf Thronen, von Engeln umgeben, über Wolken, Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Man stieg auf Bäume. Die Kinder weinten. Martin und Anton Scharf wateten, um irgend etwas genauer zu sehen, bis übers Knie in den dunkel gurgelnden Mühlbach hinein. Wer wüßte nicht, in welchem Umfang allein die Nacht die Dämonen im Innern der Menschen entfesseln kann und wie dagegen die schöne Klarheit der Sonne die Abgründe deckt und die Seele zu Licht und Ordnung verklärt. Was in diesen Minuten des allgemeinen Taumels geschah, das hätte der Tag nie zugelassen. Man denke, wie das Bindemittel aller Gemeinden in Jesu Christo die Liebe ist. Wie Paulus sagt, wird eine Mauer oder Wand zwischen Mensch und Mensch durch den Namen des Heilands hinweggenommen. Man erkennt die Gefahr, die mit dem Niederreißen von dergleichen Mauern gegeben ist. Weh aber, wenn außerdem, durch Unberufene, apostolische Worte wie diese gepredigt wurden: daß jedermann allein durch den Glauben gerecht werde, daß der Glaube Berge versetze und daß dem Gerechten kein Gesetz gegeben sei. Kurz, die Angst, das Entsetzen, der Jubel, die Raserei brachte viele dazu, daß sie sich, Hilfe flehend oder nicht wissend, was sie taten, umklammerten, andere fielen einander in die Arme und küßten und herzten sich. [...]
Religiöse Orgien dieser Art wiederholten sich. Gerüchte davon, die langsam durchsickerten, waren eines Tags auch zu Nathanael Schwarz gelangt. Der Unfug machte ihm schlaflose Nächte. Endlich hatte er den Entschluß gefaßt, und zwar trotz der Gefahr, die er lief, mit seinem ehrlichen Namen in das lästerliche Treiben verwickelt zu werden, persönlich zum Rechten zu sehn und womöglich dem Ärgernis zu steuern. So nahm er denn eines Abends, nachdem der verrückte Schneider Schwabe eine Menge illuminierten Unsinns gepredigt hatte, am Rednertische in der Scheune der Talmühle seine Stelle ein. Was er vorbrachte, würde unzweifelhaft eine im ganzen heilsame Wirkung getan haben, besonders hatte er auf die Scharfs, die durch Quintens Abwesenheit und durch das Treiben der Brüder beunruhigt waren, mit seinen Mahnungen, seinen Warnungen, seinen heftigen Apostrophen, ja starken Drohungen einen beinahe befreienden Eindruck gemacht. Leider ließ sich der Bruder verleiten, den Nerv der Torheit der Talbrüder anzutasten, wodurch er ihre Verrücktheit, der er, ganz gegen seine Absicht, nur Nahrung gegeben hatte, zu seinem Entsetzen in ihrer ganzen nackten Gewalt zu schmecken bekam. [...]
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 13, 14, 15, 16)

03 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Bruder Nathanael

Zwölftes Kapitel

Das Gurauer Fräulein hatte an diesem Tage im Speisesaal ihres Schlosses, das in einem großen Park alter Bäume stand, den Bruder Nathanael und einen ihrer Gutspächter, den Oberamtmann Scheibler, mit seiner Gattin zu Gast. Die Gesellschafterin hatte aber die Geladenen zu Tische geführt, weil die Dame des Hauses sich durch den Besuch im Schwesternheim verspätet hatte, und schon während die Suppe gereicht wurde, wußte die Gesellschafterin sich kaum genugzutun in Schilderungen des sonderbaren Eindrucks, den Quint auf die Gurauer Dame ausgeübt hatte.
Als die Dame später bei Tisch erschien, erkannten alle, daß die Gesellschafterin nicht übertrieben hatte, denn obgleich die kleine Tischgesellschaft das mit gedämpfter Stimme geführte Gespräch über Quint sogleich unterbrach, kam die Herrin des Hauses, gleich nachdem sie begrüßt worden war und alle sich wiederum niedergelassen hatten, aus freiem Stück auf Emanuel Quint zurück.
»Erzählen Sie, erzählen Sie alles, was Sie von ihm wissen, Bruder Nathanael!« damit wandte sie sich an den eifrig kauenden Apostel der Inneren Mission, der seine vierschrötige Gestalt in einen sauber gebürsteten schwarzen Anzug gesteckt hatte, und Bruder Nathanael schluckte hinunter, was er gerade im Munde hatte, strich sich den wilden Bart mit der Serviette und begann.
Er erzählte von seiner Predigt in der Dorfschule, wo er Emanuel Quint zuerst gesehen und nach der Predigt gesprochen hatte. [...] In seiner weiteren Schilderung des später Vorgefallenen befliß sich Bruder Nathanael keiner besondren Genauigkeit. Weder berührte er das schwärmerische Brotbrechen, noch viel weniger aber die seltsame Taufhandlung, durch die er die Weihe einer besonderen Mission schließlich und endlich unaustilgbar in die Brust des Tischlerssohnes gelegt hatte. Diese Sache hielt er geheim. Er hatte sich zwar, als die Brüder Scharf ihn deshalb angingen, in einem Briefe bei der Gurauer Dame für Quint verwandt, war aber übrigens, um des Ärgernisses willen, das Emanuel allenthalben erregt hatte, mit geheimer Besorgnis, Reue und Angst erfüllt. [...]
Er sagte, als er mit seiner Erzählung fertig war: »Wolle Gott diesen armen Christenbruder zurück zur Wahrheit leiten, wenn er mißleitet ist, und möge er denen vergeben, die ihn mißleitet haben und jedenfalls nicht mit Absicht mißleitet haben. Die Macht des Satans ist eben zu groß, und wir dürfen nicht aufhören, täglich, ja stündlich wider ihn auf der Hut zu sein. [...]
Ich kenne seit langen Jahren«, fuhr er fort, »die Brüder Scharf. Sie gehören zu den ersten Gnadenbeweisen, die Gott mir ganz unwürdigem Diener am Wort erwiesen hat. Er wollte ihre Seelen durch mich zu Christo erwecken und Christo zuführen. Nun, scheint es, hat der alte böse Feind auch mit ihnen sein Spiel getrieben. Ich hatte sie vor einigen Tagen zu mir beschieden«, fuhr er fort. »Sie folgen diesem Verirrten nach. Ich habe ihnen einige Stunden lang alle Bedenken, alle Gefahren ihrer seltsamen Meinungen über diesen Emanuel vorgehalten: sie bleiben dabei, daß er die Kraft des Geistes Gottes in sich hat und die Gewalt über Leben und Tod. Ich habe aber noch mehr getan«, erklärte der Laienbruder weiter. »Ich habe das getan, was in solchen Fällen und in allen Fragen des Lebens das alleinige Mittel ist, zur Wahrheit in Christo durchzudringen: ich bin mit ihnen vor Gott getreten im Gebet. Und gebe der Himmel, wie ich denn innig hoffe, daß die Macht des Irrtums nun in ihnen zerbrochen ist!« [...]
»Sagen Sie mir, mein lieber Bruder Nathanael«, begann nun der Oberamtmann, »in welchem Irrtum dieser Mann oder Jüngling, von dem Sie reden, dieser Emanuel Quant oder Quint, wie Sie ihn nennen, besonders befangen ist.«
»Bester Oberamtmann, Sie haben noch nichts von dem sogenannten falschen Heiland von Giersdorf gehört?« fragte erstaunt das Gurauer Fräulein. Herr Scheibler verneinte, und sie fuhr fort: »Es ist ein Mensch, der sich, wie mir der Pastor Schuch aus Giersdorf hier im Briefe bestimmt versichert, für den wiedergekommenen Erlöser hält« – »und den auch«, ergänzte die Gesellschafterin, »viele arme, verführte Menschen, wie es scheint, dafür halten.« [...]
»An solchen Dingen ist deutlich zu merken, daß der Tag aller Tage nicht mehr ferne ist«, sagte der Oberamtmann fast feierlich, »denn was anders soll man sagen zu einem solchen erschreckenden falschen Propheten als: Antichrist? Es sind die Tage des Antichrists, die, wie an zahllosen deutlichen Zeichen der Zeit zu erkennen ist, anheben. Wer zweifelt, daß die geistliche Babel überall in der vollsten Blüte steht?«
»Sie sagen da ein furchtbares Wort, Oberamtmann: Antichrist! Sollten wir da nicht mit einem zu großen und schrecklichen Wort vielleicht die Verirrung eines armen Schäfleins Jesu brandmarken?« sagte das Fräulein. »Man muß diesen Menschen mit Augen sehen, um jedenfalls zu erkennen, daß Antichrist ein bei weitem zu grausames Wort für ihn ist. Wenn er erst ganz gesund ist, werde ich ihn einmal zu uns bitten.« [...]
»Ihr müßt ihm die Folgen seines schrecklichen Hirngespinstes deutlich ausmalen, Bruder Nathanael«, sagte die magere Oberamtmännin. »Man muß ihn darauf aufmerksam machen, es sei zweierlei, ob man aus der Kraft Gottes oder aus der Kraft der Hölle Wunder tut. Es ist ja freilich gesagt: ›Wenn ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so könnet ihr Berge versetzen!‹, es ist auch gesagt: ›Bittet, so wird euch gegeben!‹, und wir wissen ja auch, wie Sie, Bruder Nathanael, selbst durch Gebet und Glauben schon mancher armen Kranken, die von den Ärzten aufgegeben gewesen ist, durch Gottes Gnade ersehnte Hilfe haben bringen können. In dieser Beziehung haben wir ja allerdings das klare, bestimmte Heilandswort: ›Was ihr bittet in meinem Namen, dasselbige soll euch werden!‹ – wenn Reue und Buße und also Vergebung der Sünden damit verbunden ist. Solche Wunder geschehen ja, wie wir alle wissen, noch täglich und stündlich unter den Gläubigen überall, wenn auch die Welt es nicht sehen, hören und für wahr halten will. Aber wehe, wo jemand, der durch Gottes Gnade Kranke heilen, ja meinethalben selbst Tote erwecken könnte, sich deshalb vermessen wollte, der eingeborene Sohn Gottvaters zu sein oder auch nur zu sagen, daß er mehr als einer der zwölf Apostel des Heilands wäre! [...]
»Ich glaube kaum«, begann die Dame, »es wird mit diesem Emanuel Quint auf solche Weise ohne weiteres fertig zu werden sein. Es ruht eine, wie ich bekennen muß, eigentümliche Kraft zu faszinieren in ihm. Man kann nicht glauben, gerade in diesem Menschen, den augenblicklich ein stiller Friede zu beherrschen scheint, einer Kraft des Abgrundes zu begegnen. Ich scheue mich nicht, noch mehr zu bekennen: ich habe diesem Menschen, wie noch nie einem Menschen in meinem Leben, gleichsam bezaubert und geradezu andächtig zugehört. Sein Mund erklang mir wie Friedensschalmeien, und nichts an ihm schien mir, wie es ja eigentlich hätte sein müssen, unbegründet, widerlich oder gar lächerlich. Ich glaube, daß er die Hölle leugnet.« Mit diesen Worten hob die Dame die Tafel auf.  [...]
»Wenn er die Hölle leugnet«, erklärte der Bruder Nathanael und strich mit den groben Fingern über seinen wilden, schlechtgepflegten, gelblichen Bart, »wenn er die Hölle leugnet, so geht mir schon allein daraus hervor, daß er den rechten Weg verloren hat.« Und Bruder Nathanaels kleine Augen begannen in einem stechenden Glänze zu funkeln. [...]
Etwa vierzehn Tage waren vergangen, als es Bruder Nathanael endlich gestattet wurde, seinen heimlichen Täufling, der ihm zum Schmerzenskinde geworden war, im Schwesternhause wiederzusehen.  [...]
Emanuel ward zu Tränen gerührt.  [...]
Er hielt nun Emanuel Quinten vor, er habe viele arme Seelen auf eine verhängnisvolle Weise irregeführt, wobei er als erwiesen voraussetzte, daß jener durch allerlei trügerische Wundertaten Anhänger zu erwerben gesucht, den Seelenfang mit allen erdenklichen Mitteln betrieben habe. Dann kam er, nicht ohne mehrmals erneute Anläufe, auf den allergefährlichsten Punkt zurück. »Ich kann es nicht glauben«, sagte er, »aber ich kann es ebensowenig bezweifeln, denn ich habe es gerüchtweise allenthalben gehört, und es ist ja auch das, weshalb sie dich überfallen haben. Oder warum überfielen sie dich?«
»Weil ich vom Bösen gewichen bin«, antwortete Quint, »und weil ich ein ganz Geringes vom Geheimnis des Reiches Gottes gelüftet habe. Weißt du nicht, lieber Bruder, daß geschrieben ist: ›Wer von der Lüge weichet, also vom Bösen, der ist jedermanns Raub‹?« Nathanael aber gab zur Antwort: »Sie sagen aber, sie seien über dich hergefallen, weil der Teufel dich bewogen hat, unsern Heiland im Wahnwitz zu lästern, und zwar zu lästern durch einen Ausspruch, der mir nicht einmal über die Zunge geht, nämlich indem du sagtest, daß du mehr denn Petrus wärest und nichts Geringeres als er selbst, der Herr, der Heiland und Gottes Sohn. Sage mir, bin ich recht berichtet?« »Sage du mir zuvor, mein Bruder in Christo, Nathanael, der du mich einst mit Wasser tauftest, ob ich dich nun dafür, statt mit Wasser, mit dem Heiligen Geiste taufen soll?« Diese Worte erschreckten den armen Laienbruder aufs äußerste. »Nein«, rief er lebhaft, »nichts von Taufe! Mit deiner Taufe verschone mich! Ich werde genug zu büßen haben, um aus dem Schuldbuche meiner Sünden jenen Morgen auszutilgen, an dem ich dich, in allzu blindem Vertrauen, mit Wasser besprengt habe. Deiner Taufe begehre ich nicht!« Emanuel Quint erbleichte bis unter die Nägel seiner langen und edeln Hand, mit bebenden Lippen ins Freie hinausblickend. [...]
»Komm, verstocke dich nicht, laß uns beten!« wiederholte Nathanael. Aber der Narr in Christo sagte: »Wo einer in Gott ist, wie Gott in ihm, der betet nicht! Und zu wem sollte ein solcher beten?« [...]
»Ich lerne«, sagte er, »mehr und mehr das Gericht des Gottessohnes auf eine ganz besondere Weise verstehen und wie sich ohne sein Zutun sogleich die Welt in zwei Lager scheidet, wo er erscheint. Meine Mutter ist zu mir gekommen und hat mich mit gerungenen Händen angefleht, ich möge von meinem Wahnsinn lassen. Nun aber weiß ich, wie ich weder voll süßen Weines bin noch schwachen Verstandes oder betörten Herzens, weder hoffärtig noch betrügerisch, sondern daß ich in den Fußstapfen unseres Heilands wandle. Fasse es, wer es fassen mag: die Spuren meiner Füße sind die Stapfen der Füße des Menschensohnes! Ich rede Worte des Gottessohnes, wie sie der Vater mir zu sagen ins Herz gegeben hat, allein ihr kommt von allen Seiten zu mir und ruft mich an und schreit: du bist wahnsinnig. [...] Ich bete nicht! auch meines Bruders Jesu Jünger, die Jünger des Menschensohnes, beteten nicht. Sie aber sprachen zu ihm: ›Warum fasten Johannes' Jünger so oft und beten so viel, und deine Jünger essen und trinken?‹ Und sie drangen in ihn, obgleich er gesagt hatte: ›Euer Vater weiß, wes ihr bedürfet, ehe denn ihr bittet.‹ Sie drangen in ihn, daß er sie dennoch beten lehre, bis er ihnen das Vaterunser gab, ein Gebet, das nicht sowohl ein Gebet als ein Quell lebendigen Wassers ist. Weil ich dir von dem Lichte unter dem Scheffel, von dem verborgenen Senfkorn, von dem Schatz im Acker, kurz, vom Geheimnis des Reiches Gottes gesprochen habe, so meinest du, meine Seele sei verfinstert vom bösen Geist. Aber ich sage dir, ich habe den Schatz im Acker gefunden, den Schatz, der verborgen war, und wenn ich etwas habe oder besitze, so will ich es alles hingeben, darum, daß ich nur diesen Acker für mich gewinne und behalte, darin der Schatz, den ich gefunden habe, verborgen ist. Ich will es alles hingeben, Bruder Nathanael, denn ich war ein Kaufmann, der ausging, gute Perlen zu kaufen. Und als ich die beste der Perlen in jenem verborgenen Schatze fand, die köstlichste, wußte ich, daß ich alles, was ich habe, gerne hingeben will, um die Perle des Schatzes im Acker zu behalten. Verstehe mich wohl, Bruder Nathanael, ich müßte alles dafür ohne Bedenken mit Freuden hingeben, denn wenn ich dich und die ganze Welt gewönne, was hülfe es mir, so ich diese Perle des verborgenen Schatzes im Acker dafür verlieren müßte? Und alles will ich freudig dafür hingeben, sogar mein Leben, Bruder Nathanael.« 
Der Bruder Nathanael faßte sich hilflos verwirrt an die Stirn, glotzte, wie wenn er den Satan erblickt hätte, in die ruhig, deutlich und langsam dozierenden Mienen Emanuel Quints, zerquetschte den Hut mit beiden Fäusten und rannte, als wie gepeitscht, davon.
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint, Kapitel 12)

02 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Quint und das Gurauer Fräulein

Zehntes Kapitel
[...] Von jeher war der böhmische Josef religiös. [...]
Diesem Menschen – man sah es seinen verweilenden, grundlos dunklen Augen an – war nichts glatthin natürlich und alles Wunder. Das Einfachste war ihm wunderbar, deshalb sträubte sich eigentlich nichts in ihm, auch in Quint, dem verlaufenen Handwerksgesellen, so einfach er schien, ein Gefäß für Rätsel und Wunder anzuerkennen. Überdies war er sich nicht zu gering, um an eine nie schlummernde göttliche Führung zu glauben, und war überzeugt, die leitende Hand aus dem Unsichtbaren habe ihn nicht umsonst und scheinbar durch Zufall mit Quint hoch oben im Knieholz zusammengeführt.
Im übrigen sahen die Scharfs in ihm noch nicht den Mann, der ohne Rückhalt der Sache ergeben und gläubig war. Zwar hatte er reichlich und mehr als die anderen der gemeinsam begründeten Kasse beigesteuert. Aber es war zunächst nicht der echte und glühende Hunger nach endlicher Erfüllung der Verheißung in ihm. Er hatte nicht nur die Bibel im Kopfe, ja sogar, wie man zuweilen vermuten konnte, wahrscheinlich herzlich wenig von ihr.
Allein, hatte Quint es ihm durch seine Persönlichkeit angetan, so war es nun die phantastische Welt der evangelischen Vorgänge, die Matthäus, Markus, Lukas und Sankt Johannes erzählen, die ihn mit gespannten Augen eines Kindes an die Lippen der Scharfs gebunden hielt. Davon konnte Josef gar nicht genug hören. So wuchs er denn nach und nach mit Neugier in die Welt der Bibelgeschichten hinein, die ihm mit unbeirrbarer Überzeugung und Leidenschaft in feurigen Zungen gepredigt ward, und wurde mit jenem Ereignis vertraut, der Sendung des eingeborenen Sohnes Gottes selbst, um die Welt vom Sündenfluch ins verlorene Paradies zu erlösen: einem Ereignis, das für die Geschichte aller Geschichten und für die große, einzige Wendung im trüben Geschick der gesamten Menschheit gehalten wird. Und wirklich, der böhmische Josef dachte nun Tag und Nacht an den armen Jüngling und Gottessohn und seine traurigen irdischen Schicksale. Zwar waren es Juden gewesen, die ihn verfolgt und gekreuzigt hatten, aber er schüttelte immer wieder den Kopf und schämte sich seines Menschentums. Was freilich nun die beiden verbohrten Brüder Scharf damit sagen wollten: Quint wäre eben der damals Gekreuzigte!, das begriff sein gesunder Verstand einstweilen noch nicht. Immerhin war in ihm das Wartende. Er hoffte längst nicht mehr auf den kommenden Tag, aber schritt doch immer auf das irgendwann sichere, große, noch dunkle Ereignis zu. Manchmal wurde er ungeduldig: dann baute er sich auf irgendeinem Sterne neue Leben und neue Ereignisse aus. Gespenstergeschichten, wie die der Erscheinung Emanuel Quints, die Schubert eben zum besten gegeben, waren immer nach seinem Sinn, besonders bei Nacht, im Freien, am Reisigfeuer und wenn wirkliche oder nur eingebildete Gefahr im Verzuge war, aber auch in den Bergschenken, unter der Lampe. Nichts Besseres aber konnte ihm zustoßen als dies gruselige, nächtliche Warten auf den verfemten Emanuel Quint, umgeben von Rätseln, Gefahren und Ahnungen. Plötzlich stand der Erwartete da, und alle erhoben sich von der Erde. »Ich ersuche euch, liebe Schwestern und lieben Brüder, auseinanderzugehen«, sagte Emanuel mit bewegter Stimme und gütigem Ausdruck; wobei der Mond, der inzwischen, mehr und mehr erbleichend, höher gestiegen war, ihn so beleuchtete, daß seine Gestalt und sein Antlitz wie ganz aus weißem Lichte erschien. »Ich möchte nicht«, fuhr er fort, »daß ihr etwa um meinetwillen Leiden erduldet.« Sie sahen alle, trotz des Dämmers, wie sehr das Antlitz des falschen Heilands von Tränen feucht und verfallen war. »Ihr müßt um meinetwillen nicht leiden, denn ich bin nichts. Mögen sie mich doch niedertreten. Das ist es nicht! wahrlich, ich verdiene nichts Besseres! Aber ich wußte nicht, daß heut, zweitausend Jahre nach unseres Heilands Geburt in die Welt, ebendieselbe Welt noch so rasend und wütend in ihren Sünden ist. Lieben Brüder und Schwestern, ihr seht mich bestürzt, nicht weil diese Leute da drüben gegen mich, sondern weil sie gegen Jesum Christum selber [...]
Es muß in diesem ganzen kurzen Vorgang eine verwirrende Kraft gelegen haben, die der aufgeklärte Mensch unsrer Zeit wohl schwerlich begreifen kann. So wenigstens ist man zu glauben gezwungen, wenn man die späteren Aussagen aller dieser Menschen zusammenhält. Ihr sei gewesen, sagte die mehr als sechzig jährige Webersfrau, als wäre plötzlich ein ungeheurer Regen von Sternen vom Himmel gestürzt und als hätte sie im gleichen Augenblick die Kraft zu atmen und zu schlucken eingebüßt und sollte ersticken. Der Stellmacher sagte, er habe, als Quint sich zu dem weinenden Schwabe niederbeugte, deutlich gefühlt, wie unter ihm Acker und Feldrain geschwankt habe, und deutliches unterirdisches Rollen gehört. Der böhmische Josef erklärte, er wisse nicht, was das gewesen wäre, etwas Natürliches oder Zauberei: der ganze Himmel sei auf einmal wieder tageshell und blutrot geworden. [...]
Es war dem armen Emanuel Quint bei alledem an diesem Abend unsäglich weh und trostlos ums Herz. Von allen Seiten schien ihn etwas in einen Weg der Lüge hineinzudrängen, der zugleich ein Weg der Verachtung war. Er hatte den Wunsch, von allen Menschen erlöst zu sein, so heiß wie selten in seinem Leben, um nur allein mit Gott verbunden zu sein. Aber die Menschen umlagerten ihn: dieser bereit, ihm nachzufolgen, jener in bittrer Leibes- und Seelennot, von ihm eine solche Erlösung fordernd, die er zu geben nicht fähig war. Aber was half es, sie dauerten ihn. Er konnte sich nicht aus der Welt zurückziehen und sie, die wenigen, die ihm vertraut, enttäuschen und in Verzweiflung zurücklassen. Zwar mancher lebt und lacht und ißt und trinkt gleichgültig, hoffnungslos und mit einer kalten Verzweiflung, die nicht mehr brennt, in der Brust. Aber er konnte den Glauben nicht töten. Allzugroß war sein Mitleid und seine zärtliche Liebe, um einen solchen Mord zu begehn. Er nahm aber doch die Scharfs beiseite und sagte immer wieder aufs dringlichste: er bitte sie innig, ihn zu verlassen. »Bewahret das Geheimnis des Reichs, jedoch, lieben Brüder, verlasset mich!« – Und nun kam er leider wieder in seine biblische Art zu sprechen hinein und sagte: »Der Menschensohn ist gekommen, die Leiden des Menschensohnes zu tragen! Ich bin arm! Die Dielen im Hause meines Vaters und meiner Mutter verbrennen mir meine nackten Sohlen. Ich muß fort. Des Menschen Sohn hat kein Dach über seinem Kopf, kein Bett und kein Kissen für sein Haupt, das ihm gehört. Was hoffet ihr von mir? Was begehrt ihr von mir?«
»Daß du uns nicht vergessest«, sagte der überstiegene Martin Scharf, »daß du uns nicht vergessest, dereinst in deiner Herrlichkeit.« Jetzt mußte Quinten wohl der furchtbare Irrtum deutlich aufgehen, der sich in den Köpfen des engeren Kreises seiner Anhänger festgesetzt hatte: deshalb verwandelte sich die erneute Wahrnehmung eines so verstiegenen Glaubens in einen heftigen Ausbruch des Zorns. »Martin«, rief er, »du siehst, wer ich bin! Ich bin nicht der, für den du mich nimmst! Was willst du von mir? Wenn du teilhaben willst an meiner Herrlichkeit: du siehst, meine Herrlichkeit ist das Leiden! Ich habe keine andere irdische Herrlichkeit! Gehet und redet mit meinem Stiefvater! Gehet und redet mit meinem Bruder! Hört, was man in den Schenken und in den Häusern der Reichen von mir spricht! Und alles, was ihr dort erfahren werdet, das ist meine ganze Herrlichkeit! Wollt ihr den Rock, den ich auf den Schultern habe, nehmt ihn hin! Silber und Gold habe ich nicht und suche ich nicht! Reichtum also ist von mir, von jetzt an in alle Ewigkeit, nicht zu erwarten. Was erwartet ihr also von mir?« Und Anton rief sogleich in berauschtem Bibelton: »Wir warten auf die Erscheinung der Herrlichkeit des seligen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi; der sich selbst für uns gegeben hat, auf das er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte ihm selbst ein Volk zum Eigentum, das fleißig wäre zu guten Werken.« Emanuel atmete von Grund seines Herzens qualvoll auf. Er wollte sich losreißen, aber da drängten sich alle wiederum flehend, wie hungernde Bettler, um ihn herum und als wäre er einer, der einen Laib Brot hoch in die Luft hinaus hielte. Mitleid und Grauen kam ihn an: Mitleid mit ihrer hilflosen Leibesnot und Grauen vor der würdelosen und heimlichen Gier nach anderen als nach geistlichen Gütern. Und schließlich graute ihm auch vor dem, was in diesem Treiben ihm als eine sinnlose Lust am Unfug an sich erkenntlich ward. Fast bewog ihn dies alles, geradezu die Flucht zu ergreifen, aber da durchblitzte ihn plötzlich wieder die ganze Kraft seines eingebildeten Lehrberufs. Und nachdem er sich mit Entschiedenheit von seinen Bedrängern freigemacht hatte, schritt er entschlossenen Ganges den kleinen Hügel hinan, wo der Birnbaum stand, und befahl der Gemeinde, sich um ihn im Kreise niederzulassen. »Ihr wißt«, begann er, mit einer Stimme, die wiederum fest und einfach klang und darin das Beben des Herzens, das Beben einer vorgeahnten Inspiration fühlbar ward, »ihr wißt, daß Jesus, der Heiland, zu den Seinen, wie der Evangelist berichtet, nie anders als durch Gleichnis geredet hat ...« Weiter kam Emanuel nicht, denn im nächsten Augenblick hatte sich etwas überaus Klägliches mit ihm und seiner Gemeinde ereignet.

Elftes Kapitel 
Es sind nachher ihrer viele gewesen, die sich ganz und voll auf die Seite derer gestellt haben, die, wie man meinte, versucht hatten, das dörfliche Ärgernis auf ihre Art aus der Welt zu schaffen. Es wurde gesagt, der Schlachtergeselle, der dem Schneider Schwabe durch einen Schlag mit einer Bohnenstange den linken Arm zerbrochen habe, sei zwar nicht geradezu berechtigt gewesen, dies zu tun, aber man müsse ihn aus seinem christlichen Gefühl heraus entschuldigen. Es wurde ferner allgemein eine Tat des böhmischen Josef verdammt, der einen Gastwirt aus dem Niederdorf und einen Pferdejungen des Bauers Karge buchstäblich in einen gewissen Froschteich, der ziemlich tief war, geschleudert hatte, wobei noch außerdem der Wirt sowohl als der Pferdejunge von ihm auf eine so erhebliche Weise tätlich mißhandelt worden war, daß jeder von ihnen nahezu vierzehn Tage das Bett hüten mußte. Aber Josef hatte sich in der Notwehr befunden.
Es war erwiesen, daß eine Rotte aufgeregter Menschen, worunter sich einige Schlepper aus dem nahen Kohlenrevier, ein Pferdehändler, ein Handelsmann und ein Schlachtermeister befanden, um neun Uhr abends das Wirtshaus zum Stern in angetrunkenem Zustand verlassen hatten, und zwar mit der ausgesprochenen Absicht, zunächst in ein anderes Gasthaus, »Emmaus Einkehr«, zu ziehen, dort mit den »Muckern« Händel zu suchen und, wenn man Emanuel Quint anträfe, diesen zunächst gründlich zu »vertobaken«, was mit verbleuen, windelweich schlagen oder fürchterlich durchprügeln gleichbedeutend ist. [...]
Unter diesen Verhältnissen wurde es auch wenig beachtet, was in der Folge mit Emanuel Quint geschah, den man, aus einigen Wunden blutend, bewußtlos in das Haus seiner Eltern gebracht hatte. Die Mutter, die wahrhaft erschrocken war und deren mütterliche Liebe mit Weinen und Schluchzen lebhaft zutage trat, pflegte seiner mit eben der Sorgfalt und etwa ein wenig zärtlicher, als es in jenen Kreisen üblich war. Nach einigen Tagen kam ein Arzt, den das Gurauer Fräulein, das von dem Mißgeschick des armen Narren auf dem Wege über die Scharfs und Bruder Nathanael unterrichtet worden war, brieflich zu dem Besuche veranlaßt hatte. Er stellte fest, daß, ungeachtet vieler Hautschürfungen, auch eine Zerreißung von Blutgefäßen in der Lunge des Kranken vorhanden war, eine Verwundung, die ein heftiger Stoß oder Schlag verursacht hatte. Nachdem der Arzt mit seiner Untersuchung fertig geworden war, riet er Emanuel und der Mutter Emanuels, die weinend neben dem ärmlichen Lager stand, eine Privatklage gegen die Täter einzureichen. Das war auch die Mutter Emanuels und sogar der Stiefvater willens zu tun: der Betroffene selbst aber weigerte sich. Er wollte von einer Klage nichts wissen. Wiederum nach einigen Tagen holte man ihn unter dem schrägen Dach der elenden Rumpelkammer, wo er gelegen hatte, hervor, nachdem es schon dunkel geworden war, und brachte ihn in ein Schwesternhaus, das die Gurauer Dame gegründet hatte und aus eigenen Mitteln unterhielt. »Da dieser arme Mensch«, so waren ihre Worte gewesen, »nun leider nicht selber zu mir kommen kann, was bleibt mir übrig, als ihn zu holen?« Drei Diakonissinnen und eine Art Oberschwester besorgten das kleine Krankenhaus, das in einem freundlichen Garten, nicht weit vom Rande des Waldes, gelegen war. Von Zeit zu Zeit kam das Fräulein selbst in einer mit Atlas ausgeschlagenen Landkutsche aus Gurau herüber, begleitet von ihrer Gesellschafterin, um sich persönlich von dem Gedeihen ihrer Stiftung zu unterrichten. Diesmal erschien sie genau am siebenten Tage, einem Montag, nach Emanuels Einlieferung. [...]
Das Gurauer Fräulein begann ihr Gespräch mit Redensarten, wie sie in ähnlichen Fällen üblich sind. »Sind Sie zufrieden mit der Verpflegung?« fragte sie. »Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden?« fuhr sie fort, als Quint zu der ersten Frage bejahend genickt hatte. Quint schüttelte nun verneinend den Kopf. Dann trat eine kleine Stockung ein. »Es ist empörend, wie diese rohen und schlechten Menschen Sie behandelt haben«, setzte sie dann ihre Rede fort. »Ich habe gehört, daß sich der Staatsanwalt bereits mit der Sache beschäftigt hat. Man sagt mir, auch Sie, Herr Quint, wären über diese Sache bereits vernommen worden. Wir leben in einem geordneten Staat! Wo sollte das hinführen, wenn Pöbelrotten ungestraft über friedliche Menschen herfallen dürften?« Quint, der, die Hände gefaltet auf der wollenen Bettdecke, mit scharfgerichteten, aber niedergeschlagenen Augen zugehört hatte, erhob nun, mit einem langen Blick in das Antlitz der alten Dame, den Kopf, dann begann er, in einem gemessenen Tonfall und ohne jedwede Spur von Befangenheit: »Was meinen Sie, wenn man die Lehre des Heilands, dazu sein Leben und Sterben recht verstanden hat und wenn man ferner nichts Besseres und Höheres in diesem irdischen Leben kennt, als seiner Lehre, seinem Leben und Sterben nachzufolgen, kann man dann wohl mit dem Vorgehen irgendeines Gerichtes, das aus menschlichen Richtern gebildet ist, einverstanden sein oder gar jemals ein solches anrufen?« »Ich denke doch«, gab das Fräulein zurück. »Wo Obrigkeit ist, sagt unser Heiland, so ist sie von Gott verordnet, und jedermann sei ihr Untertan. Diese Menschen haben sich vergangen gegen Gott und die Obrigkeit, und darum müssen sie füglich bestraft werden.« »Hat nicht«, sagte Emanuel, »der Heiland mitunter in einem gewissen Zusammenhange Worte gesagt, die in einem anderen Zusammenhange anders lauten und andres bedeuten? Was soll man glauben, was von drei Dingen das köstlichste ist: das von Menschenhänden niedergeschriebene Leben unseres Herrn, das irdisch gelebte Leben unseres Heilandes oder das himmlische Leben unseres Herrn?« Die Dame meinte: »Das himmlische Leben.« »So«, sagte Emanuel, »denke auch ich. Ich meine, daß in diesem Leben das schlackenlose Licht des Geistes gewesen ist; daß aber Schlacken dieses heilige Licht des Geistes in seinem zweiten, irdischen Leben schon verdunkelten: um wieviel mehr in diesem dritten Leben, auf den bedruckten Blättern eines Buchs, die etwas wiedergeben, was von Menschen erzählt, von Menschen erlauscht, von Menschenhänden niedergeschrieben ist. Oder sollte es Menschen geben, die da meinen, die Glorie, die den Sohn Gottes umstrahlt, stamme etwa aus diesem Buch? Es enthält vielmehr nur einen schwachen Abglanz seiner Glorie.« 
Die Dame fand sich ein wenig beunruhigt, weil ihr dies alles auf eine bedenkliche Weise einleuchtete, und Quint fuhr fort: »Ich glaube, daß dieses Wort von der Obrigkeit in einem gewissen Sinne unter die Schlacken zu rechnen ist. Jedenfalls ist es für Leute bestimmt, die außerhalb der Wiedergeburt, sowohl als Herrscher wie als Beherrschte, dem Reiche der Toten angehören. Ich aber gehöre diesem Reiche nicht an: mein Reich ist nicht von dieser Welt.«
Jetzt aber blickte das Fräulein plötzlich den Narren in Christo mit gespanntester Neugier an. [...] Und er fuhr fort:
»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. In dieser Welt aber, wo der Lohn der Sünde zum Stachel des Todes geworden ist, ward die Kraft der Sünde zum Gesetz. Wer es fassen mag, fasse es. Ich aber stehe unter der Kraft der Sünde und also auch unter dem Gesetze nicht. Deshalb suche ich auch meine Ehre vor dem Gesetze nicht, sondern ich suche allein in mir die Ehre des, der mich gesandt hat.«
Unser Vater richtet uns nicht! Zwischen ihm und uns ist weder Gerechtigkeit noch auch Ungerechtigkeit, sondern nur Liebe. Und keiner thront zu seiner Rechten, der mehr ist denn ich, des Menschen Sohn! Keiner thront zu seiner Linken, der mehr ist denn ich und irgendwer, der durch Jesum Christum wiedergeboren und in die Gemeinschaft des Geistes beschlossen ist. [...]
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ich habe die Pforten der Hölle aufgeriegelt, so stark ist die Kraft des Vaters in mir, es gibt keine Finsternis, in die Licht des Geistes nicht hinabdringen soll, es gibt keinen armen Schächer, den meine Liebe nicht befreit! Sie werden alle die Wahrheit erkennen, und ebendie Wahrheit wird alle frei machen. Was wartet ihr auf die Zukunft Gottes? Das Geheimnis ist offenbar! Gott ist nicht fern! Er ist nicht in einem fernen Lande! Gott ist hier! Gott ist bei uns! In mir ist Gott!« [...]
Zwar hatte Emanuel keineswegs die runde Behauptung aufgestellt, er sei der wiedererstandene Christ; aber dies und nichts anderes war, durch die letzten Worte des armen Hospitaliten, nach Ansicht des Fräuleins in vollem Umfange ausgedrückt, und ihr Kapotthut begann zu zittern.
»Nicht alles, was Sie gesagt haben«, erwiderte sie vorsichtig, »nicht alles ist mir ganz verständlich, lieber Herr Quint. Ich bin eine arme alte Frau, und mein Kopf ist niemals der allerbeste gewesen. In meiner Einfalt meine ich allerdings, daß die Obrigkeit Gewalt zu richten und Gewalt zu strafen hat. Ich kenne Sie noch zu wenig, Herr Quint. Ich kenne insonderheit die Geschichte Ihres Lebens und Ihrer Gotteserfahrungen nicht. Ich weiß wohl, daß geschrieben steht: ›Ich habe es den Weisen verborgen; den Ungelehrten, den Kindern und Unmündigen, denen, die arm an Geist und reines Herzens sind, dagegen zu wissen getan!‹ Ich weiß das wohl. Ich bin auch ganz erfüllt von dem, was der heilige Apostel Petrus geredet hat: ›Wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe ... ‹«
»... in euren Herzen!« ergänzte Quint.
»Jawohl«, fuhr sie fort, »aber es werden auch äußere Zeichen geschehen, wenn der Sohn in den Wolken zur Rechten des Vaters sitzen wird am Jüngsten Tag und am Jüngsten Gericht. Hüten wir uns, in Versuchung und Stricke und in verderblichen Irrtum hineinzugeraten.« Dies alles sprach die alte Dame mehr und mehr erregt und mit einem bebenden Herzenston.
»Gott ist ein Geist«, sagte Quint dagegen, indem er, nicht ohne eine leise begütigende Zärtlichkeit, seine Hand über die zitternden Hände der Dame gleiten ließ. »Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, sollen ihn mit dem Geiste und mit der Wahrheit anbeten. Denket nach, liebe Frau: Gott ist ein Geist! Die heiligen Menschen Gottes, wie Petrus sagt – und wahrlich, mehr, denn Petrus war, bin ich! –, sind überall. Solange die Welt steht, haben heilige Menschen Gottes geredet, getrieben von dem Heiligen Geist. Aber dasselbe Wort, gute Frau, dadurch das Licht ins Irdische scheinet, dasselbe Wort verdunkelt das Licht, und soweit nicht der Geist das Wort tötet, so weit tötet das Wort den Geist. Aber wenn heilige Menschen Gottes reden, so wissen wir alsogleich, wes Geistes Kinder sie sind. Gott ist ein Geist: so wissen wir, zu wem und von wem sie Vater sagen. Der Vater ist Geist, und die da wiedergeboren sind durch den Heiligen Geist, die alleinwerden ihn Vater nennen und werden Gotteskinder heißen. Nicht aber die leiblich Toten, leiblich Erweckten an einem Jüngsten Tag oder Jüngsten Gericht.
Ihr müßt nicht glauben«, fuhr Quint fort, »daß Gott ein Gott der Gestorbenen ist. Er ist, wie es der Heiland uns offenbart, ein Gott der Lebendigen, nicht der Toten! Wehe denen, die eine Sünde tun wider den Geist, die nie vergeben wird, indem sie ein Bild machen von dem Geist! indem sie einen irdischen König aus ihm machen! einen Zauberer! einen König, der in den Wolken thront, umgeben von geflügelten Geißelknechten mit feurigen Geißeln! einen Mann, der uns richtet und also weder haßt noch liebt, sondern unter dem Gesetze steht, dem aus Sünde geborenen Recht. Der uns kein Vater sein kann und sein darf, denn wo wäre je ein Vater zum Richter über Leben und Tod seiner Kinder gesetzt? Ein Vater liebt seine Kinder, denn seine Kinder sind sein Blut. Wir sind aber Gottes Blut, denn ›unser Vater‹ beten wir. Unser Vater richtet uns nicht! Zwischen ihm und uns ist weder Gerechtigkeit noch auch Ungerechtigkeit, sondern nur Liebe. Und keiner thront zu seiner Rechten, der mehr ist denn ich, des Menschen Sohn! Keiner thront zu seiner Linken, der mehr ist denn ich und irgendwer, der durch Jesum Christum wiedergeboren und in die Gemeinschaft des Geistes beschlossen ist. Was fürchtet ihr? Wehe denen, die da Lügen verbreiten, als wäre der Geist nicht Geist, sondern ein Kerkermeister ewiger Abgründe! Wehe allen, die da gekommen sind, die Welt zu foltern und zu martern durch den ›Geist‹! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ich habe die Pforten der Hölle aufgeriegelt, so stark ist die Kraft des Vaters in mir, es gibt keine Finsternis, in die Licht des Geistes nicht hinabdringen soll, es gibt keinen armen Schächer, den meine Liebe nicht befreit! Sie werden alle die Wahrheit erkennen, und ebendie Wahrheit wird alle frei machen. Was wartet ihr auf die Zukunft Gottes? Das Geheimnis ist offenbar! Gott ist nicht fern! Er ist nicht in einem fernen Lande! Gott ist hier! Gott ist bei uns! In mir ist Gott!«
Emanuel Quint hat diese für ihn so überaus bezeichnende Gedankenfolge späterhin oft entwickelt, und die Hartnäckigkeit, mit der er das tat, wurde als für eine bestimmte Krankheitsform seines Seelenlebens beweisend erachtet. Nicht so dachte die Geistlichkeit, die in derlei verwunderlichen Deduktionen nur die Gefahr für die Dogmen der Kirche herausspürte. Übrigens war diese Geistlichkeit später in zwei Lager geteilt: im ersten Lager sah man in dem Bestechenden, geradezu Einleuchtenden dieser Verstandesoperation und Betrachtungsart die Gefahr, im anderen Lager, das bei weitem zahlreicher war, nahm man sich nicht die Mühe, in die innere Logik dieser närrischen Weisheit einzudringen, oder auch, man vermochte es nicht. Hier tat man Quinten insofern unrecht, als man ihn schlankweg für einen bewußten Scharlatan und Betrüger nahm, der, einfach auf seinen gemeinen Vorteil bedacht, die Leichtgläubigkeit derer, die niemals aussterben, ausnutzte und sich, ähnlich wie zuweilen Hypnotiseure, Spiritisten und andere Tausendkünstler tun, zynischerweise – was allerdings noch nie dagewesen war! – geradezu mit dem Nimbus des Heilands breitmachte.
Ein Erzbetrüger dieser Art war aber der arme Narr in Christo nicht, und auch das Gurauer Fräulein hielt ihn, nachdem sich längst sein Geschick vollendet hatte, niemals dafür. Sie gehörte zu denen, die behaupteten, daß er höchstens ein irregeführter, ehrlicher Heilandssucher gewesen sei, und manchmal hat sie sogar in Gegenwart vieler die Worte gesagt: »Wer weiß, er war vielleicht ein Erleuchteter, den euere neunmal kluge Theologie nicht begriffen hat.« Einstweilen griff sie jedoch nach dem Riechfläschchen! Die Worte Emanuels hatten sie ganz aus der Fassung gebracht. [...]
Ihr war, als habe ein Strahl aus dem Herzen dieses fremden und doch so vertrauten Menschen ihr innerstes Wesen brennend berührt. Ihr schwindelte förmlich, ihr pochte das eigene Herz atemraubend bis an den Hals hinauf, und wenn sie sich nicht gewaltsam beherrscht hätte, so würde sie tatsächlich am Bette des armen Hospitanten weinend niedergesunken sein.
In diesem Augenblick aber rang sich ein leises Hüsteln aus der Brust Emanuel Quints hervor, und man konnte merken, wie sich ein an seinen Mund geführtes weißes Tüchelchen rot färbte. Gleichgültig schob er es zwischen Matratze und Bettstelle. Das Gurauer Fräulein erhob sich sogleich.
»Sie haben zu viel gesprochen, lieber Herr Quint«, sagte sie, mit einem ehrlichen Schreck und gleichzeitig über und über, wie ein junges Mädchen, errötend. »Ich hätte Ihnen gern noch lange zugehört, leider geht es nicht und darf ich es nicht. Unser strenger Herr Doktor macht mir Vorwürfe.«
Die Schwester Hedwig trat heran. Sie hatte eine Zitrone zerschnitten, die Scheiben auf einen Teller gelegt und reichte diesen Emanuel. Emanuel achtete ihrer nicht.
»So Gott will«, sagte die Dame weiter, »haben wir uns nicht zum letzten Male gesehen, Herr Quint!« Und somit reichte sie ihm die Hand, die jener nahm und in der seinigen ruhen ließ, wobei er die Gurauer Dame mit einem kaum merklichen Kopfnicken anblickte. Dabei fielen ihm rötliche Strähnen seines Haupthaars über das bleiche, eingesunkene, mit Sommersprossen bedeckte Gesicht, auf das sich ein Strahl der späten Morgensonne gelegt hatte, der durch weiße Gardinen in das Zimmerchen drang. Wiederum zwischen dem »Gange nach Emmaus« und der »Himmelfahrt Christi« im Vorzimmer auf und ab rauschend, wiederholte die Dame oftmals in jenem weltlichen, resoluten Ton, für den sie bekannt war: »Ich sage euch, macht mir diesen armen Menschen gesund! Es wird nichts außer acht gelassen, Doktor, was irgend für ihn geschehen kann. – Ich werde euch Früchte und Wein schicken, ihr Mädchen!« so wandte sie sich an die Oberschwester und einige Diakonissinnen, die dabeistanden. »Tut euer Bestes! Schont meinen Rendanten nicht!«
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint,  Kapitel 10 und 11)