06 April 2026

Monika Maron

 Bisher habe ich von Monika Maron so gut wie nichts gelesen, nur immer etwas über sie und mir von Leuten, die etwas von ihr gelesen haben, etwas darüber berichten lassen. Jetzt habe ich in zwei Zeitungen Auszüge aus ihren Tagebüchern gelesen und versuche,  mit Hilfe von KI das Wichtigste, was ich mir merken sollte, zu den Tagebüchern und zu dem Roman Flugasche festzuhalten.

An sich schätze ich vor allem Autoren, die ihre Personen lieben und die mir dadurch ihrerseits sympathisch werden. Nur bei Autoren, die - in meinen Augen - besondere literarische Qualitäten haben, lese ich gern, auch wenn sie mir unsympathisch sind wie Nietzsche und Thomas Mann. 

So erklärt sich, dass ich in diesem Buch so viel über Christa Wolf geschrieben und wohl noch mehr zitiert habe. In ihrem Fall spielt noch eine besondere Rolle, dass sie in der Zeit, als sie die DDR kritisch darstellte, so hochgeschrieben wurde und nach der deutschen Einigung als eine Art Mitläuferin oder gar Denunziantin des SED-Regimes kritisiert wurde.

Monika Maron ist in manchem ein Gegenbild zu Ch. Wolf, kein Wunder, dass ich sie bisher wenig beachtet habe. 

Daher lasse ich jetzt eine KI sprechen. Vielleicht, dass dann ein gerechteres Bild von ihr entworfen wird:

„Flugasche“ (veröffentlicht 1981 im westdeutschen S. Fischer Verlag) ist der Debütroman der deutschen Schriftstellerin Monika Maron und gilt als ein bedeutendes Werk der DDR-Literatur, das schon früh die systemischen Schwächen des Staates offenlegte.

Hier ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte:

Inhalt und Handlung

Die Protagonistin des Romans ist Josefa Nadler, eine junge, eigenwillige Journalistin in Ost-Berlin. Sie erhält den Auftrag, eine Reportage über die Industriestadt „B.“ (ein Synonym für Bitterfeld) zu schreiben, die für ihre massive Umweltverschmutzung bekannt ist.

Im Zuge ihrer Recherchen stößt sie auf die katastrophalen Zustände durch ein dort ansässiges Braunkohlekraftwerk, das täglich tonnenweise Ruß und „Flugasche“ auf die Stadt niedergehen lässt, was die Gesundheit und Lebensqualität der Bewohner massiv beeinträchtigt.

Zentrale Themen

  • Konflikt mit der Zensur: Josefa steht vor dem Dilemma, das sie aus ihren eigenen Erfahrungen als Journalistin kennt: Sie soll eine ideologisch angepasste, „schöngefärbte“ Version der Realität liefern. Sie verfasst daraufhin zwei Versionen ihrer Reportage – eine offizielle und eine, die die Wahrheit über die Umweltzerstörung und das Leid der Menschen ans Licht bringt.

  • Umweltproblematik: Der Roman thematisiert eindringlich die ökologische Katastrophe in der DDR, die vom SED-Regime aus wirtschaftlichen Interessen tabuisiert wurde. Die „Flugasche“ wird hier zum Symbol für die zerstörerische Kraft eines Systems, das den Menschen und die Umwelt dem Produktionsziel unterordnet.

  • Suche nach Identität: Neben der politischen Ebene ist der Roman eine psychologische Studie. Josefa ringt um ihre Integrität und ihren Selbstwert in einer Gesellschaft, die Konformität und „Duckmäuserei“ fordert. Sie sucht nach einem Weg, als Individuum zu überleben, ohne ihre moralischen Prinzipien vollständig aufzugeben.

Autobiografischer Hintergrund

Der Roman trägt starke autobiografische Züge. Monika Maron war selbst als Journalistin für die Ost-Berliner „Wochenpost“ tätig und versuchte 1974, eine Reportage über die Zustände in Bitterfeld zu veröffentlichen. Ihr Text wurde jedoch aufgrund der Zensur massiv verstümmelt. Die Arbeit an „Flugasche“ markierte den Beginn ihrer Abkehr vom DDR-System, das sie später (1988) auch dazu veranlasste, in die Bundesrepublik überzusiedeln.

Literarische Bedeutung

„Flugasche“ gilt als einer der wichtigsten Romane, die den Riss zwischen dem offiziellen staatlichen Selbstbild der DDR und der tatsächlichen, maroden Lebenswirklichkeit thematisieren. Maron beschreibt das Klima der Angst, der Zensur und der Resignation, dem sich ihre Protagonistin zu entziehen versucht. Der Roman ist ein Zeugnis für den Mut zur Wahrheit in einer Zeit, in der das Verschweigen systemimmanent war.

Flugasche (1981) is the debut novel by the German author Monika Maron. It is a seminal work of contemporary German literature, noted for its sharp critique of the GDR (German Democratic Republic) and its candid examination of environmental and political issues.


Overview and Significance

  • Publication Context: Although written while Maron was living in East Berlin, the novel could not be published in the GDR due to its critical content. It was published in the West at the S. Fischer Verlag in 1981.

  • Autobiographical Basis: The novel draws heavily on Maron’s own experiences as a journalist in the GDR. Much like the protagonist, Maron worked for the Wochenpost and attempted to report on the catastrophic environmental conditions in the industrial town of Bitterfeld (represented in the book as "B."). Her actual reportage was heavily censored, which catalyzed the writing of this book.

Key Themes

  • Environmental Destruction: The "Flugasche" (fly ash) of the title refers to the pervasive pollution caused by the local brown-coal power plant, which covers the city of B. in soot. The book was one of the first literary treatments of the severe, state-ignored environmental damage in the GDR.

  • Political Critique and Censorship: The novel portrays the struggle of the protagonist, Josefa Nadler, a journalist who attempts to maintain her professional integrity and truth-telling within a system defined by censorship, surveillance, and conformism.

  • Individual vs. System: It examines the psychological toll of living in a totalitarian state, focusing on themes of complicity, the fear of freedom, and the difficulty of maintaining an authentic identity when faced with constant institutional pressure.

Protagonist: Josefa Nadler

Josefa is an unconventional, skeptical, and often frustrated journalist. Her internal monologue reveals her struggle to navigate the contradictions of her environment: she is caught between a desire for personal autonomy and the reality of the social and professional constraints of the GDR. Her journey is one of disillusionment, leading to an eventual break with her professional and social circles.


Monika Maron hat gerade erst ihre Tagebücher veröffentlicht, was in der Literaturszene für einiges Aufsehen sorgt.

Das Werk trägt den Titel „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig: Tagebücher 1980–2021“ und ist im April 2026 im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.

Hier sind die wichtigsten Eckpunkte zu dieser Veröffentlichung:

Inhalt und Fokus

Die Tagebücher decken eine gewaltige Zeitspanne von über 40 Jahren ab. Sie bieten nicht nur private Einblicke, sondern sind auch ein Zeitdokument der deutschen Geschichte:

  • DDR-Zeit: Maron schreibt über ihr Leben als kritische Autorin unter der Zensur und über ihre Reisen nach London, New York und Rom, die ihr trotz der Umstände möglich waren.

  • Systemwechsel: Die Aufzeichnungen dokumentieren ihren Blick auf den Fall der Mauer und das Zusammenwachsen (oder Fremdeln) von Ost und West.

  • Gegenwart: Der Titel deutet es bereits an – die jüngeren Einträge reflektieren ihre zunehmende Ungeduld mit dem aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland.

Details zur Ausgabe

  • Umfang: Das Buch hat etwa 256 Seiten.

  • Besonderheit: Es enthält bisher unbekannte Fotografien, die Monika Maron selbst während ihrer Reisen (u. a. in New York) aufgenommen hat.

  • Preis: Die gebundene Ausgabe kostet ca. 28,00 €.

Warum das jetzt so relevant ist

Nachdem es 2020 zum Bruch mit ihrem langjährigen Verlag S. Fischer kam (wegen ihrer politischen Positionen und der Zusammenarbeit mit dem Buchhaus Loschwitz), wird dieses Tagebuch als eine Art literarische Rechenschaft und Selbstbehauptung wahrgenommen. Es zeigt sie als „Reisende zwischen den Systemen“, die sich nirgendwo mehr so richtig einordnen lässt.

Maron ist aktuell (Frühjahr/Sommer 2026) auch auf Lesereise, unter anderem in Berlin und Erfurt, um das Buch persönlich vorzustellen."

Monika Maron hat  unter dem System der DDR gelitten. Dass ihr nach der Einigung zum Vorwurf gemacht wurde, dass sie 1976/77 ein halbes Jahr für die Stasi gearbeitet hatte, finde ich ähnlich abstoßend wie die Angriffe auf Christa Wolf, die in der Zeit der DDR hoch gelobt wurde, der man aber nach der Einigung vorwarf, dass sie sich in der Frühzeit (als sie sich noch primär damit auseinandersetzte, dass sie in ihrer Jugend gläubig dem Nazi-Regime anhing) für die Stasi gearbeitet hatte. 

Sehr ehrenwert, dass Maron nicht kritiklos den Verhältnissen in der BRD anpasste, sondern auch hier deutliche Kritik übte.

Doch menschlich ist mir Wolf näher gekommen als Maron, weil sie durchweg sehr selbstkritisch war und bei aller Ablehnung der SED-Diktatur die positiven Seiten des Sozialismus, den Einsatz für die Benachteiligten festzuhalten suchte. 

Zudem scheint mir ihr Werk "Ein Tag im Jahr" noch deutlich wertvoller als Marons Veröffentlichung ihres Tagebuchs, weil sie in ihren minutiösen Schilderungen jeweils eines Tages im Jahr von 1960 bis zu ihrem Tod nicht allein ihre Sicht auf das Leben in der DDR, sondern erstaunlich präzis die Wandlungen der Gesellschaft beschrieben hat. Während Maron ihre Tagebücher als private geführt hat und jetzt das herausgegeben hat, was ihr aus ihrer heutigen Sicht wichtig erscheint, hat Wolf von Anfang an versucht, ihren Alltag zu dokumentieren, und - anscheinend - nur das aus ihren Berichten ausgeklammert, was ihr zu sehr Privates von anderen zu berühren schien.

Schließlich - und da ist mein unterschiedliches Interesse an den beiden Schriftstellerinnen sehr subjektiv - ist Wolf immer sehr selbstkritisch geblieben, während Marons Annäherung an Susanne Dagen, die mit Positionen der Neuen Rechten zu liebäugeln scheint, mir schlicht gegen den Strich geht. 

Man merkt, hier gebe ich mir wenig Mühe, Monika Maron gerecht zu werden, sondern versuche, meine ihr gegenüber - im Unterschied zu Wolf - vergleichsweise distanzierte Haltung zu rechtfertigen.




04 April 2026

Joseph Rudyard Kipling: Das neue Dschungelbuch

Kapitel 3: Das Wunder des Purun Baghat


Einst lebte ein Mann in Indien, der war Erster Minister eines der halb unabhängigen Eingeborenenstaaten im nordwestlichen Teil des Landes. Ein Brahmane war er, von so hoher Kaste, daß Kaste aufhörte, eine besondere Bedeutung für ihn zu haben. Sein Vater war ein wichtiger Beamter gewesen in dem farbig heiteren und bequemen Trott eines altmodischen Hinduhofes. Aber als Purun Daß heranwuchs, erkannte er, daß die alten Zeiten im Schwinden waren, und daß man, um vorwärtszukommen, sich mit den Engländern freundlich stellen und alles nachahmen müßte, was sie für gut hielten. Gleichzeitig aber mußte ein eingeborener Beamter sich auch die Gunst seines eigenen Herrn zu erhalten suchen. Das war eine schwierige Aufgabe, aber der ruhige, wortkarge junge Brahmane, dem auch eine gute englische Erziehung an der Universität in Bombay dabei half, faßte die Sache mit kühlem Kopf an und stieg Stufe für Stufe höher auf, bis er zuletzt Erster Minister des Königreichs wurde. Das will heißen, daß er mehr wirkliche Macht besaß als sein Herr, der Maharadscha.

Als der alte König – der den Engländern mit ihren Eisenbahnen und Telegraphen immer mißtraut hatte – starb, stand Purun Daß in hoher Gunst bei dem jungen Thronerben, der von einem Engländer erzogen worden war. Beide zusammen gründeten nun Schulen für Mädchen, legten Straßen an, eröffneten Staatsapotheken, landwirtschaftliche Ausstellungen und gaben ein jährliches Blaubuch heraus über den »moralischen und materiellen Fortschritt des Staates«. Das Auswärtige Amt in London und die Regierung in Indien waren natürlich entzückt darüber; aber Purun Daß trug stets Sorge, daß alle Ehre seinem Herrn und König zuteil wurde.

Nur sehr wenige Eingeborenenstaaten nehmen den englischen Fortschritt ohne Vorbehalt an, weil sie nämlich nicht der Meinung sind, daß alles, was für Engländer gut ist, für Asien doppelt gut sein müßte; aber Purun Daß war dieser Meinung. So wurde der Erste Minister der geachtete Freund von Vizekönig und Gouverneuren, ärztlichen Missionaren und gewöhnlichen Missionaren und gut zu Pferde sitzenden englischen Offizieren, die kamen, um in den Schutzstaaten zu jagen, sowie auch der Freund ganzer Scharen von Reisenden, die Indien während der kalten Jahreszeit durchquerten und den Leuten zeigten, wie alles gemacht werden müßte. In seiner Mußezeit gründete er Stipendien für das medizinische Studium, Fabriken aller Art genau nach englischem Muster und schrieb Artikel für den »Pionier«, die größte indische Tageszeitung, in denen er die Ziele und Pläne seines Herrn erklärte.

Zuletzt reiste er zu einem Besuch nach England und hatte bei seiner Rückkehr riesige Summen an die Priester zu zahlen. Denn selbst ein Brahmane von so hohem Rang wie Purun Daß verlor die Rechte seiner Kaste, sobald er das dunkle Meer kreuzte. In London traf er mit allen Persönlichkeiten zusammen, deren Bekanntschaft ihm von Bedeutung war – Männer mit Namen von Weltklang –, und sah ein gut Teil mehr, als er sagte. Ihm wurden Ehrengrade von Universitäten und gelehrten Gesellschaften verliehen; er hielt Reden, unterhielt sich mit Damen in ausgeschnittenen Kleidern über soziale Reformen der Hindu: bis ganz London rief: Das ist der interessanteste Mann, den wir bei einem Essen trafen, seitdem es überhaupt gedeckte Tische gibt!

Als er nach Indien zurückkehrte, strahlte sein Ruhm im höchsten Glanz, denn der Vizekönig kam in eigener Person zu Besuch, um dem Maharadscha das Großkreuz des »Sterns von Indien«, diamanten-, schmelz- und bänderflimmernd, zu überreichen. Bei der gleichen Zeremonie wurde unter dem Donnern der Kanonen Purun Daß zum Großritter des »Ordens vom Indischen Reich« ernannt, so daß sein Name fortan lautete: Sir Purun Daß, K.C.I.E. [...]

Auf dem Höhepunkt seines politischen Lebens nimmt er die Bettelschale und wandert nach Norden bis zu den Anfängen des Himalaya.

Zu Beginn seiner Wanderung tönte noch das Getöse der Welt in seinen Ohren, so wie der Donner im Tunnel nachhallt, wenn ein Zug hindurchgefahren ist. Als er aber den Muttieaniepaß hinter sich hatte, war das alles verklungen – und Purun Baghat war allein mit sich selbst, wandernd, staunend, sinnend, die Augen am Boden, die Gedanken in den Wolken.

Eines Abends erreichte er nach zweitägigem Aufstieg den höchsten Paß, den er bisher erklommen hatte, und stand nun plötzlich vor einer Kette von Schneegipfeln, die wie ein Gürtel den Horizont umschlossen – Berge von fünfzehn- bis zwanzigtausend Fuß Höhe schienen so nahe, als könnte man sie mit einem Steinwurf erreichen, und waren doch fünfzig bis sechzig Meilen entfernt. Die Paßhöhe war bedeckt mit dunklem dichtem Wald – Deoda, Walnuß, wilder Kirsche, wilder Olive und wilden Birnbäumen –, aber zumeist mit Deoda, das ist die Himalaja-Zeder; und im Schatten der Deodazedern stand ein verlassener Schrein der Kali – das ist Durga oder Sitala, die manchmal gegen die Blattern angerufen wird.

Purun Daß fegte den Steinboden sauber, lächelte der grinsenden Gottheit zu, baute sich im Hintergründe des Schreins eine kleine Feuerstelle aus Lehm, breitete sein Antilopenfell über ein Lager von frischen Fichtenreisern, schob den Bairagi – die Stütze mit Messinggriff – in die Achselhöhle und setzte sich nieder, um zu ruhen.

Unmittelbar zu seinen Füßen fiel die Bergwand jäh ab, fünfzehnhundert Fuß tief bis zu einem kleinen Dorf mit Häusern aus Steinmauern und gestampften Erddächern, die am steilen Hange klebten. Rund um das Dorf lagen in winzige Terrassen geteilte Felder, die wie eine Schürze aus Flickwerk die Knie des Berges bedeckten, und Kühe, nicht größer als Käfer, weideten zwischen den glatten Steinen der kreisförmigen Dreschtennen. Beim Blick über das Tal hinweg täuschte man sich über die Größenverhältnisse, und zuerst war nicht gleich zu erkennen, daß scheinbar niedriges Gestrüpp auf der Bergseite gegenüber in Wahrheit ein Wald mit fünfhundert Fuß hohen Fichten war. Purun Baghat sah einen Adler über dem gewaltigen Talgrund schweben, aber der große Vogel schrumpfte zu einem Punkte ein, ehe er noch halb hinüber war. Einzelne Wolkenfetzen strichen an den Talwänden dahin, hafteten wohl an einem Bergvorsprung oder trieben hoch und verwehten auf der Höhe des Passes. Und Purun Baghat sprach: »Hier werde ich Frieden finden.« [...]

Die Tiere, die den Einsiedler schätzen gelernt haben, warnen ihn vor einem Bergsturz und er fühlt sich verpflichtet, alles zur Rettung der Dorfbewohner zu tun, die ihn in seiner Klause versorgt haben.

Purun Baghat sank ohnmächtig an seiner Seite zu Boden. Die Frostschauer des Regens und der furchtbare Anstieg waren sein Tod; aber noch rief er den zerstreuten Fackeln über ihm zu: »Haltet an und zählt die Köpfe!« Dann, als er die Fackeln zu einem Haufen sich sammeln sah, hauchte er leise dem Hirsch zu: »Bleibe bei mir, Bruder. Bleibe – bis – ich scheide.«

Nun ging es wie ein Seufzen durch die Luft, es wuchs zu einem Murren; das Murren wuchs zum Gebrüll, und Gebrüll schwoll an über alles Hören hinaus. Die Bergseite, auf der die Dörfler standen, wurde in der Finsternis wie von einem Schlage getroffen und erbebte bis ins Innerste. Dann erklang ein Ton, stetig, tief und voll, wie das tiefe C der Orgel, und verschlang für fünf Minuten jeden anderen Laut, und die hohen Fichten erzitterten bis in ihre Wurzeln hinein. Der Ton starb dahin – und das Rauschen des Regens, der meilenweit auf harten Boden geschlagen hatte, wurde zum dumpfen Trommeln der Wässer auf weicher Erde. Das sprach seine eigene Sprache.

Keiner der Dorfbewohner, nicht einmal der Priester, war kühn genug, zu dem Baghat zu reden, der ihr Leben gerettet hatte. Still kauerten sie unter den Fichten und erwarteten den Tag. Als der Morgen kam, blickten sie über das Tal hin. Wo einst Terrassenfelder gewesen waren, Wälder und fährtendurchfurchte Weidegründe, war jetzt nur noch eine rohe, rötliche, fächerartig verspreizte Lehmmasse, aus der kopfüber gestürzte Baumstämme da und dort herausragten. Die rötliche Masse war noch hoch am Berg ihrer Rettung aufgelaufen und staute den kleinen Fluß, der sich zu einem ziegelfarbigen See auszudehnen begann. Von dem Dorfe, dem Pfad, der zu dem Schrein geführt hatte, von dem Schrein selbst und dem Wald dahinter war keine Spur mehr zu sehen. Eine Meile in der Breite und zweitausend Fuß in der Tiefe war die Bergwand abgestürzt, mit glatter Schnittfläche vom Gipfel bis zur Sohle.

Die Bewohner des Dorfes, einer nach dem andern, schritten leise durch den Fichtenwald, um vor ihrem Baghat zu beten. Sie sahen den Barasingh über ihm stehen, aber als sie näher kamen, floh er davon; sie hörten die Langurs in den Bäumen wehklagen und Sona im Geklüft stöhnen, aber ihr Baghat war tot. Er saß mit gekreuzten Beinen, den Rücken gegen einen Stamm gelehnt, die Stütze unter der Achselhöhle und sein Antlitz gegen Nordosten gekehrt.

Und der Priester sagte: »Seht, Wunder über Wunder, denn in dieser Stellung müssen alle Sunnjasis begraben werden. Deshalb lasset uns an dem Ort, wo er nun sitzt, den Tempel errichten für unsern heiligen Mann.« [...]"


Kapitel 13 

Quiquern

Das Volk vom östlichen Eise, es schmilzt wie der Schnee vom Dach,

Sie betteln um Kaffee und Zucker, sie ziehn dem weißen Mann nach.

Das Volk vom westlichen Eise, es lernte schon fechten und stehlen,

Es verkauft seine Felle den Händlern, dem weißen Mann seine Seelen.

Das Volk vom südlichen Eise mit den Walfischfängern es hält,

Ihr Weibvolk schmückt sich mit Bändern, aber nackt und zerfetzt ist das Zelt.

Doch das Volk vom ältesten Eise – der weiße Mann sah es nie –

von Narwalhorn sind ihre Speere, und die letzten Männer sind sie. [...]

»Folge dem!« rief das Mädchen, auf das »Ding« hinweisend, das, halb sinkend, halb laufend, sich vor ihnen weiter bewegte. Sie folgten, den Handschlitten nachzerrend, indes der brüllende Eisgang näher und näher kam. Endlich krachten und rissen die Eisfelder nach jeder Richtung rund um sie her, und die Risse öffneten sich und schnappten gleich Wolfszähnen. Aber dort, wo das »Ding« still stand, auf einem wohl fünfzig Fuß hohen Damm von verstreuten Eisblöcken, war keine Bewegung. Kotuko sprang wild vorwärts, zog das Mädchen hinter sich her und klomm auf die Spitze des Dammes. Die Sprache des Eises ward lauter und lauter rings umher, aber der Eishügel blieb fest, und das aufblickende Mädchen sah Kotuko mit seinem erhobenen und auswärts gestreckten Ellenbogen das Inuitzeichen für Land machen! Und Land war es, wohin das achtbeinige, hinkende »Ding« sie geführt – eine kleine Küsteninsel mit Granitfelsen und sandigem
Gestade, ganz mit Eis beschlagen, gepanzert und vermummt, so daß man sie nicht von der Eisdecke unterscheiden konnte; aber auf dem Grunde feste Erde, kein trügerisches Eis. Der An- und Rückprall der Eisfelder, wie sie auf Grund stießen und zersplitterten, markierte den Umriß der Inselhügel, und eine freundliche Untiefe lief nordwärts und trieb das schlimmste Eisgeschiebe beiseite, wie eine Pflugschar die Schollen teilt. Gefahr war noch immer, daß ein schwer gequetschtes Eisfeld über den Strand heraufgedrängt würde und den Gipfel der kleinen Insel abplanierte; aber das kümmerte Kotuko und das Mädchen nicht. Sie machten ihr Schneehaus und begannen zu essen und ließen das Eis um den Hügelrand hämmern und toben. Das »Ding« war verschwunden, und Kotuko redete, neben der Lampe kauernd, in voller Extase von seiner Macht über die Geister. Inmitten seiner tollen Reden fing das Mädchen an zu lachen und sich vor- und rückwärts zu wiegen. Hinter ihr, Zoll auf Zoll sich in die Hütte schiebend, erschienen zwei Köpfe, ein gelber und ein schwarzer, die zu zwei sehr betrübten, verschämten Hunden gehörten. Kotuko, der Hund, war der eine, und der schwarze Leiter war der andere. Beide waren nun fett, wohlbehäbig und wieder bei vollem Verstande; nur aneinander gefesselt waren
sie auf höchst sonderbare Weise. Der schwarze Leiter rannte, wie man sich erinnern wird, das Geschirr auf dem Rücken, davon, mußte Kotuko, dem Hunde, begegnet sein und mit ihm gespielt oder gekämpft haben, denn seine Schulterstrippe war in Kotukos kupferdrahtenes Halsband festgehakt, so daß keiner der Hunde an die Schnur gelangen und sie zerbeißen konnte. So waren sie Seite an Seite, gefesselt an des Nachbars Hals. Dies und dazu die Freiheit, nach Belieben zu jagen, mußte ihre Tollheit kuriert haben. Sie waren wieder sehr vernünftig.

Das Mädchen schob die beiden verschämten Kreaturen zu Kotuko hin und rief, vor Lachen schluchzend: »Das ist Quiquern, der uns auf sichern Grund geführt. Sieh, da sind seine acht Füße und zwei Köpfe.«

Kotuko zerschnitt ihre Fessel, und die beiden Hunde, gelb und schwarz, stürzten sich miteinander in seine Arme und suchten in der Hundesprache zu erzählen, wie sie wieder zu Verstand gekommen. Kotuko strich mit der Hand über ihre Rippen und fand sie rund und gut ausgepolstert. »Die haben Futter gefunden,« sagte er grinsend. »Ich denke, wir werden nicht sobald zu Sedna gehen. Meine Tornaq hat sie uns gesendet. Die Tollheit ist von ihnen gewichen.«

Die zwei, die wochenlang aneinander gefesselt,
gezwungen waren, Seite an Seite zu fressen, zu jagen und zu schlafen, fuhren sich, sobald sie Kotuko begrüßt, an die Kehle, und es entstand im Schneehaus die schönste Balgerei. »Leere Hunde kämpfen nicht,« sagte Kotuko. »Die haben Seehunde gefunden. Laß uns schlafen. Wir werden Nahrung haben.«

Als sie erwachten, war an dem nördlichen Gestade der kleinen Insel offenes Wasser, und all das gelockerte Eis war landwärts getrieben. Der erste Ton der Brandung ist der entzückendste, den der Inuit kennt; er bedeutet, daß der Frühling auf dem Wege ist. Kotuko und das Mädchen hielten sich bei der Hand und lächelten: das klare, volle Getöse der Brandung zwischen dem Eis erinnerte sie an die Lachs- und Renntierzeit und den Geruch der Zwergweidenblüten. Noch indem sie auf die See hinausblickten, begann der Schaum zwischen den schwimmenden Eisfeldern zu frieren, so stark war die Kälte; aber am Horizont zeigte sich ein breiter, roter Schimmer, und das war das Licht der gesunkenen Sonne. Es glich mehr einem Gähnen in ihrem Schlafe, als man sie in ihrem Aufgang sah, und sie blieb auch nur einige Minuten sichtbar – aber das war die Jahreswende. Das konnte nichts mehr ändern; das wußten sie.

Außerhalb der Hütte fand Kotuko die Hunde
im Kampf um einen frisch getöteten Seehund, der den Fischen, die der Sturm umhertreibt, gefolgt war. Er war der erste von zwanzig oder dreißig, die im Laufe des Tages an der Insel landeten, und bis die See wieder hart fror, vergnügten sich Hunderte von schwarzen, scharfsichtigen Köpfen in dem seichten Wasser, treibend zwischen dem treibenden Eise.

Es war eine hübsche Sache, wieder Seehundleber zu essen, die Lampe üppig mit Tran zu versorgen und die Flamme tollkühn drei Fuß hoch in die Luft steigen zu lassen; aber sobald das neue Eis sie tragen konnte, beluden Kotuko und das Mädchen den Hundeschlitten und ließen die Hunde ziehen, wie sie noch nie gezogen hatten, denn sie waren besorgt um das, was im Dorfe sich wohl ereignet hätte. Das Wetter war so unbarmherzig wie immer; doch leichter ist's, einen gut mit Vorrat beladenen Schlitten zu lenken, als verschmachtend des Weges zu ziehen. Sie ließen fünfundzwanzig Seehundleichen, zum Gebrauch vorbereitet, am Gestade im Eis begraben, zurück und eilten ihrem Stamme zu. Die Hunde zeigten ihnen den Weg, sobald Kotuko ihnen erklärt, was man von ihnen erwartete; und obwohl kein Grenzstein den Weg bezeichnete, bellten sie doch nach zwei Tagen vor Kadlus Dorf. Nur drei Hunde antworteten ihnen –
die übrigen waren aufgegessen, und die Hütten waren beinahe dunkel; aber als Kotuko rief: »Oho!« (gekochtes Fleisch), antworteten schwache Stimmen, und als er mit dem Weckruf des Dorfes Namen nach Namen rief, blieb keine Lücke.

»Eine Stunde später flammten die Lampen in Kadlus Haus, Schneewasser wurde heiß gemacht, Töpfe begannen zu brodeln, und der Schnee tropfte vom Dach, da Amoraq für das ganze Dorf ein Mahl bereitete; und das Knäblein lutschte an einem Streifen fetten, nußsüßen Transpecks, und die Jäger füllten sich langsam und methodisch bis zum Rande voll mit Seehundfleisch. Kotuko und das Mädchen erzählten ihre Geschichte. Die beiden Hunde saßen zwischen ihnen, und jedesmal, wenn ihre Namen genannt wurden, spitzten sie die Ohren und sahen aus, als ob sie sich arg über sich selber schämten. «Ein Hund, der einmal toll und wieder gesund geworden, ist, wie der Inuit sagt, gegen jeden ferneren Anfall gesichert.

»So hat,« sagte Kotuko, »die ›Tornaq‹ uns nicht vergessen. Der Sturm blies, das Eis brach, und der Seehund schwamm hinter den Fischen drein, die vor dem Sturme hertrieben. Die neuen Seehundslöcher sind nicht zwei Tagreisen weit entfernt. Laßt die guten Jäger morgen
ausziehen und Seehunde einbringen, die ich spießte, fünfundzwanzig im Eis begrabene Seehunde. Wenn wir diese aufgegessen haben, wollen wir alle dem Seehund auf der Eisdecke nachgehen.«

»Was wirst du tun?« fragte der Dorfzauberer Kadlu, in dem Ton, wie er immer den reichsten der Tununirmiuten anzureden pflegte.

Kadlu sah auf das Mädchen vom Norden und sagte ruhig: »Wir bauen ein Haus.« Er zeigte nach der Nordwestseite seines Hauses, denn das ist die Seite, wo der verheiratete Sohn oder die verheiratete Tochter wohnt. [...]

31 März 2026

Lola Landau

 „Vor dem Vergessen. Meine drei Leben“ ist die 1982 erschienene Autobiografie der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Lola Landau (1892–1990).

In diesem Werk beschreibt sie eindrucksvoll ihr langes Leben, das sie selbst in drei wesentliche Phasen („Leben“) unterteilte:

  1. Das erste Leben (Berlin): Ihre Jugend und die Zeit in der Berliner Bohème der 1920er Jahre. Sie war Teil der expressionistischen Literaturszene und mit dem Schriftsteller Armin T. Wegner verheiratet.

  2. Das zweite Leben (Flucht und Neuanfang): Die Zeit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, ihre Emigration 1936 nach Palästina (später Israel) und die schwierigen Jahre des Exils.

  3. Das dritte Leben (Israel): Ihr späteres Leben in Israel, wo sie trotz der sprachlichen Barrieren weiter schrieb und sich für den Frieden sowie die deutsch-jüdische Aussöhnung einsetzte.

Das Buch gilt als wichtiges Zeitzeugnis und literarisches Dokument über das Schicksal der deutschsprachigen jüdischen Intelligenz im 20. Jahrhundert.

sieh auch: "[...] Eine detaillierte und umfangreiche Biographie und Werkgeschichte unter dem Titel „Lola Landau. Leben und Werk“ (2000) wurde von Birgitta Hamann verfasst [...]" (https://armin-t-wegner.de/lola-landau/)

24 März 2026

Joseph Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch

R. KiplingWikipedia: "Das Dschungelbuch (englischer Originaltitel The Jungle Book) ist eine Sammlung von Erzählungen und Gedichten des britischen Autors Rudyard Kipling. Der erste Band erschien 1894, der zweite 1895 unter dem Titel The Second Jungle Book („Das zweite Dschungelbuch“); seither werden die Erzählungen der beiden Bände meistens gemeinsam publiziert, oft als The Jungle Books („Die Dschungelbücher“).

Die bekanntesten Erzählungen darin handeln von Mowgli (in verschiedenen Übersetzungen auch Maugli oder Mogli geschrieben), einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst. Die Geschichten über Mowgli stehen dem Genre des Entwicklungsromans nahe, da sie Mowglis Erwachsenwerden und Bewusstwerdung vom verspielten Kind bis hin zum Herrn über die Tierwelt aufzeigen. Mowgli muss lernen, dass die Naturgesetze hart sind und ein hohes Maß von Verantwortung fordern. Im Kampf mit den Kräften der Natur, mit den Tieren und mit den Menschen reift das Kind zum selbstbewussten Jugendlichen. Trotz mancherlei kritischer Betrachtungen – man erkennt in der Darstellung der Figuren und der Betonung des Gesetzes des Dschungels Kiplings positive Stellung zum Kolonialismus – ist die Bedeutung des Dschungelbuchs für die spätere literarische Entwicklung sowie seine Stellung als eines der bekanntesten und erfolgreichsten Jugendbücher der Welt kaum zu überschätzen.

Inhalt

Das Dschungelbuch umfasst im Original sieben Erzählungen, denen jeweils ein kurzer Liedtext vorangestellt ist und ein etwas längerer mit eigener Überschrift folgt. Die ersten drei Erzählungen schildern die Geschichte von Mowgli, während die übrigen Erzählungen meist einzelne Tiere als Hauptdarsteller haben und in keinem Zusammenhang mit den Mowgli-Erzählungen stehen. (Die folgenden Absätze verwenden die englischen Originalnamen.)

Kapitel 1. Mowglis Brüder (Mowgli’s Brothers)

Liedtext Jagdgesang des Seoni-Rudels (Hunting-Song of the Seeonee Pack)

Ein kleiner indischer Junge wird durch den Überfall des lahmenden Tigers Shere Khan (Schir Khan) auf seine Eltern von ihnen getrennt. 

Zitat:

"Das Gesetz der Dschungel, das nichts ohne guten Grund vorschreibt, verbietet den Tieren, Menschen anzugreifen, mit der einzigen Ausnahme, wenn ein Tier seine Jungen das Jagen und Töten lehrt. Das aber darf nur abseits geschehen, niemals in den Jagdgründen des eigenen Rudels oder Stammes. Der wahre Grund dafür ist, daß früher oder später, wenn ein Mensch getötet ist, die Bleichgesichter anrücken auf Elefanten, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern, mit Gongs, Raketen und Fackeln. Dann haben alle in der Dschungel zu leiden. Die Tiere aber geben als Grund an, daß der Mensch das schwächlichste und wehrloseste aller Geschöpfe ist, daher sei es unsportlich, ihn anzugreifen. Sie sagen ferner – und das ist die Wahrheit –, vom Menschenfleisch würden sie räudig und verlören die Zähne."

Im Dschungel von Seoni stößt er in der Nähe des Wainganga-Flusses auf eine Wolfsfamilie, die ihn unter Leitung der Wölfin Raksha (Rakscha) zusammen mit ihrem eigenen Wurf aufzieht. Die Wölfe nennen ihn „Mowgli“ (‚Frosch‘)[1] und er erlernt nach und nach alle Fertigkeiten, die er zum Überleben im Dschungel benötigt. Nach einiger Zeit wird er wie alle Wolfskinder dem Rudel präsentiert, um begutachtet und akzeptiert zu werden. Auf die Fürsprache des Bären Baloo (Balu), des „Lehrers der Gesetze“, und des schwarzen Panthers Bagheera wird er ins Rudel aufgenommen. Da der Leitwolf Akela aber schon alt und schwach ist, gelingt es Shere Khan, der unablässig sein Recht an dem Jungen fordert, immer mehr Wölfe auf seine Seite zu bringen, bis das führer- und disziplinlose Rudel nach Jahren Mowgli verstößt. Vorgewarnt und mit der Waffe des Feuers versehen, das alle Tiere fürchten, kann er verhindern, dass die Wölfe und Shere Khan ihn angreifen. Da man ihm eindrücklich klargemacht hat, dass er ein Mensch ist, verlässt Mowgli den Dschungel und geht zu den Menschen zurück.

Kapitel 2. Der Hungertanz der Schlange Kaa (Kaa’s Hunting)

Kaa. Illustration von Charles Maurice Detmold, 1908

Liedtext Wanderlied der Bandar-Log (Road Song of the Bandar-Log)

In verschiedenen Übersetzungen auch mit Kaas Jagdtanz überschrieben. Die zweite Erzählung über Mowgli liegt zeitlich zwischen den Ereignissen der ersten Geschichte. Mowglis Freunde Baloo und Bagheera haben ihn gelehrt, wie er in Gefahr die verschiedenen Tiere des Dschungels rufen kann, und ihm das Gesetz des Dschungels beigebracht. Als Mowgli von den gesetzlosen und den von den anderen Tieren verachteten Affen Bandar-Log entführt wird, kann er seine erworbenen Fertigkeiten erproben. Baloo und Bagheera kommen ihm zu Hilfe, können aber nur durch die Unterstützung des Pythons Kaa etwas ausrichten.

Kapitel 3. Tiger! Tiger! (Tiger! Tiger!)

Liedtext Mowglis Gesang (Mowgli’s Song)

In der dritten Erzählung wird berichtet, wie Mowgli im Anschluss an die erste Erzählung zu den Menschen kommt und erst mühsam erlernen muss, sich zu verständigen und den Menschen gemäß zu handeln. Er wird Hirte und beaufsichtigt die Büffel des Dorfes. Seine Wolfsbrüder warnen Mowgli, dass Shere Khan, der Tiger, ihm wieder nachstellt. Da benutzt Mowgli die Büffel, um Shere Khan in die Enge zu treiben, und lässt ihn von den Büffeln niedertrampeln. Doch nach seinem Triumph über den Erzfeind werden ihm von den Menschen Hexenkünste angedichtet, und er wird aus dem Dorf vertrieben. Mowgli kehrt in den Dschungel zurück, um mit seinen Wolfsbrüdern zu leben, mit denen er in Rakschas Wurf aufgewachsen ist.

Kapitel 4. Die Weiße Robbe (The White Seal)

Liedtext Lukannon (Lukannon)

In keinem Zusammenhang mit den anderen Erzählungen des Buches steht die Geschichte von Kotick, einer kleinen weißen Robbe auf der Sankt-Paul-Insel im nördlichen Pazifik (der Liedtitel bezieht sich auf die Lukanin-Bucht an der Ostküste dieser Insel). Als Kotick mit seinen Altersgenossen zusammen spielt, kommen Robbenfänger und treiben die Robben an einen abseits gelegenen Ort, wo sie sie niedermachen. Nur Kotick wird wegen seines weißen Felles aus Aberglauben verschont. Entsetzt versucht Kotick, das von ihm Gesehene den anderen Robben zur Kenntnis zu bringen. Doch noch keine andere Robbe hat die Schlächterei mit eigenen Augen gesehen, und träge und teilnahmslos schenken sie ihm keine Beachtung. Verzweifelt versucht Kotick in den folgenden Jahren, in denen er heranwächst, einen Ausweg aus dem alljährlichen Sterben der Robben zu finden. Endlich gelangt er zu dem Volk der Seekühe, die ihm einen verborgenen Ort zeigen, der noch nie von Menschen betreten worden ist und paradiesische Verhältnisse für Robben bietet. Er kehrt zurück, besiegt im Kampf die stärksten Robben, die ihm für den Fall des Sieges versprechen mussten, ihm zu folgen, und führt sein Volk in das neue Land, in dem es sicher leben kann.

Kapitel 5. Rikki-Tikki-Tavi (Rikki-Tikki-Tavi)

Liedtext Darzees Preislied (Darzee’s Chaunt, in manchen Ausgaben auch Darzee’s Chant), gesungen zu Ehren von Rikki-Tikki-Tavi.

Rikki-Tikki-Tavi ist ein kleiner Mungo, der in den Garten einer weißen Familie in Indien verschlagen wird. Zutraulich wird er dort heimisch und rettet tapfer die Familie mehrmals vor gefährlichen Schlangenangriffen, einmal vor dem eines Krait und zweimal vor großen Brillenschlangen.

Text: "[...] Dies ist die Geschichte der Schlacht, die Rikki-Tikki-Tavi schlug, ganz allein, in dem Badezimmer des großen Bungalows im Distrikt Segowlee. Darsie, der Webervogel, half ihm, und Chuchundra, die Moschusratte, die an Platzangst leidet und deshalb immer an den Wänden entlangkriecht, gab ihm guten Rat. Aber den Kampf führte Rikki ganz allein durch.

Ein Mungo war Rikki – nach Pelz und buschiger Rute glich er fast einer Katze, doch Kopf und Art waren die eines Wiesels. Seine Augen und die immer bewegliche Nase schimmerten rosig; leicht konnte er sich am ganzen Körper kratzen und putzen und dabei ganz nach Belieben einen seiner Läufe benutzen. Seine Rute konnte er aufplustern, daß sie wie eine Flaschenbürste aussah; und wenn er durch das hohe Gras schnürte, ließ er seinen pfeifenden Schlachtruf ertönen: Rikki-Tikki-Tikki-Tschick! [...]

Den ganzen Tag spürte er in allen Winkeln umher. In der Badewanne wäre er beinahe ertrunken; seine rosa Nase färbte sich ganz schwarz in dem Tintenfasse auf dem Schreibtisch, und er verbrannte sich die Zunge, als er das glühende Ende der Zigarre untersuchen wollte, die aus dem Munde des großen Mannes qualmend hervorragte. Am Abend beobachtete er neugierig in der Kinderstube, wie die Lampen angezündet wurden; und als Teddy sich ins Bett legte, probierte er, ob ihm die Strümpfe oder die Hosen des Knaben paßten. Er kletterte dann auf die Kissen und schloß die Augen, als ob er schlafen wollte. Aber er war ein rastloser Gefährte, denn bei dem kleinsten Geräusch schreckte er auf und begann eine umständliche Untersuchung anzustellen. Teddys Mutter und Vater kamen in die Stube, um gute Nacht zu sagen, und Rikki blinzelte ihnen von den Kissen entgegen.

»Nein, das geht nicht«, sagte die Mutter. »Vielleicht beißt er Teddy.«

»Er denkt nicht daran«, erklärte der Vater. »Im Gegenteil, dieser kleine Kerl hält besser Wache als ein Bluthund. Käme zum Beispiel eine Schlange in die Stube . . .«

Aber Teddys Mutter wollte an etwas so Schreckliches gar nicht denken.

[...]

»Hinter dir! Schau zurück!« piepste angstvoll Darsie.

Rikki-Tikki war zu klug, um Zeit mit Umschauen zu verlieren. Er sprang gerade in die Luft, so hoch er konnte, und breit zischend schoß Nagainas Kopf unter ihm durch. Das Weibchen Nags war unbemerkt hinter seinen Rücken gekrochen, um ihn mit einem Biß zu erledigen. Rikki fiel auf Nagainas Rücken herab, und wäre er ein wenig älter gewesen, so hätte er ihr mit einem Biß das Rückgrat gebrochen. Wohl schlug er seine scharfen Zähne in den Körper der Schlange, aber er fürchtete einen zweiten Angriff und biß nicht tief genug, um Nagaina zu töten. Dann sprang er davon, während sich die Schlange vor Schmerzen wand.

»Jämmerlicher Verräter, Darsie!« zischte Nag und reckte sich so hoch wie möglich empor, aber Darsie hatte sein Nest so hoch gebaut, daß es aus dem Bereich der Schlange lag, und wippte nun frohlockend auf dem Ast.

Rikki-Tikki setzte sich auf die Hinterfüße und stützte sich auf den Schwanz, gerade wie ein kleines Känguruh. Seine Augen wurden ganz rot (das ist bei den Mungos immer ein Zeichen der Wut), und er schalt und schimpfte, während er nach allen Seiten scharfen Auslug hielt.

Nag und Nagaina jedoch waren im Grase verschwunden. Wenn eine Schlange ihren Stoß verfehlt hat, verrät sie niemals, was sie zunächst zu tun beabsichtigt. [...]

Plötzlich zischte ganz in der Nähe eine dünne Stimme: »Zittert alle, denn ich bin der Tod!« Karait war es, die kleine graubraune Schlange, die sich arglistig im Staube verkriecht, so daß man sie von ihrer Umgebung nicht zu unterscheiden vermag. Winzig ist der Körper Karaits, aber sein Biß ist so giftig wie der Biß der großen Kobra; und wenn man die kleine Schlange entdeckt, ist es meist schon zu spät. [...]"

Kapitel 6. Toomai von den Elefanten (Toomai of the Elephants)

Liedtext Shiv und der Heuschreck (Shiv and the Grasshopper)

Toomai ist ein zehnjähriger Junge, der seinen Vater, Mahut in dritter Generation, in den Garo-Hügeln (Meghalaya) begleitet, um Elefanten zu fangen und abzurichten. Toomai verhält sich sehr tapfer und unerschrocken, und sein größter Wunsch ist es, Elefantenfänger zu werden. Doch man sagt ihm, dass er erst dann Fänger werden könne, wenn er den Tanz der Elefanten gesehen habe. Da noch niemand diesen Tanz gesehen hat, bedeutet dies, dass er niemals Elefantenfänger werden könne. Doch eines Nachts reitet er auf Kala Nag („Schwarze Schlange“), dem Elefanten seines Vaters, in den Dschungel und wird dort Zeuge dieses außergewöhnlichen Ereignisses.

Text: "[...] Das Schweigen der Nacht war wie durch einen Zauber gebrochen. Alle die Elefanten in der Reihe sprangen hoch, als brenne der Boden unter ihnen; und ihr Kollern weckte die schlafenden Mahouts. Sie kamen herbei, trieben mit großen Hämmern die Pflöcke tiefer in die Erde, zogen die Ketten an, knüpften die Seile fester, bis alles wieder ruhig war. Ein junger wilder Elefantenbulle hatte seinen Pflock ausgerissen; so nahm der große Toomai Kala Nags Kette und fesselte den einen Hinterfuß Kalas an den Vorderfuß des Wildings. Dann wand er um Kala Nags Füße noch ein Strohseil und schärfte ihm ein, nicht zu vergessen, daß er fest angebunden sei – wie es Toomai selbst, wie auch sein Vater und Großvater schon hundertmal zuvor getan hatten. Kala Nag nahm den Befehl stillschweigend hin, ohne zu kollern, wie er es sonst tat. Reglos stand er, den Kopf leicht erhoben, die Ohren wie Fächer ausgebreitet und starrte durch das Mondlicht nach den waldigen Hängen der Garo-Berge hinüber.

»Paß gut auf, wenn er unruhig werden sollte«, sagte der große Toomai zum kleinen Toomai und legte sich dann wieder in seine Hütte schlafen. Auch der kleine Toomai war gerade wieder im Einschlafen; da hörte er plötzlich, wie mit einem kurzen, scharfen »Päng« das Halteseil riß und Kala Nag aus den Pfählen heraustrollte, ruhig und lautlos, wie Wolken zu Tal ziehen. Der kleine Toomai lief ihm nach, barfuß über den steinigen Weg, und rief mit verhaltenem Atem: »Kala Nag! Kala Nag! Nimm mich mit – bitte, Kala Nag.«

Der Elefant wandte sich um, ging zwei, drei Schritte zurück, steckte den Rüssel aus und hob den Knaben auf seinen Rücken. Kaum hatte sich Toomai festgeklammert, als schon das Dschungeldickicht über ihnen zusammenschlug.

Ein letzter wütender Trompetenstoß ertönte aus den Reihen der angepflockten Elefanten; dann verschlang das Schweigen des Waldes jedes Geräusch, und Kala Nag setzte sich in Fahrt. Hohe Grasbüschel rauschten an seinen Flanken, wie Wellen am Schiff entlanggleiten; die Ranken der Schlingpflanzen strichen über seinen Rücken, oder Bambusstämme brachen knackend, wenn er mit den Schultern dagegenstieß. Völlig lautlos aber, fast wie ein Nebellied, zog Kala Nag durch den Garo-Wald in stetiger Gangart dahin. Es ging bergauf; doch der kleine Toomai suchte vergeblich die eingeschlagene Richtung nach dem Sternenbild zu bestimmen, das schummerig über den Bäumen stand.

Dann erreichte Kala Nag den Kamm der Hügelkette und verweilte einen Augenblick. Der kleine Toomai sah die Baumwipfel meilen- und meilenweit in flutendem Mondlicht liegen und den bläulich-weißen Dunst, der über dem Fluß im Tal lagerte. Er beugte sich vor, um Ausschau zu halten, und er fühlte, wie der Wald unter ihm voll drängenden Lebens war. Eine große braune Fledermaus strich an seinem Ohr vorbei, im Dickicht raschelte ein Stachelschwein, und im Dunkel zwischen den Baumstämmen hörte er einen Bären eifrig in dem feuchten warmen Boden wühlen und schnaufen.

Weiter zog der Elefant, und über Toomai schlugen wieder die Äste zusammen. Kala Nag wandte sich nun bergab, aber nicht lautlos jetzt, sondern in stürmischer Fahrt wie ein polterndes Ungewitter. Die ungeheuren Beine bewegten sich gleichmäßig und regelmäßig, wie Kolben einer Maschine – drei Ellen legten sie mit jedem Schritt zurück –, und an den Gelenken schabte schürfig die borkige Haut. Das dichte Unterholz vor ihm zerriß wie platzende Leinwand; die jungen Bäume rechts und links bogen sich zur Seite und peitschten zurückschlagend seine Flanken; die harten Ranken der Schlingpflanzen hingen in dichtem Gewirr an den wegbahnenden Hauern, während der schwere Schädel unaufhaltsam vorstieß und sich den Pfad durch den Urwald pflügte. Da schmiegte sich der kleine Toomai dicht in die breiten Falten des Nackens, um nicht von den vorbeistreifenden Ästen heruntergefegt zu werden; und er wünschte sich in die Geborgenheit des friedlichen Lagers zurück. [...]

Auf der Gipfelhöhe angekommen, machte Kala Nag zwischen zwei Baumstämmen halt. Sie standen am Rand einer unregelmäßig kreisförmigen Lichtung, etwa vier bis fünf Morgen groß, deren Boden so festgetrampelt war wie eine Tenne. In der Mitte der Lichtung erhoben sich ein paar mächtige Bäume, doch ihre Rinde war abgeschabt, wie der kleine Toomai bemerkte, und das blanke Holz glänzte im Mondschein. Von den oberen Ästen hingen grüne Schlinggewächse herab mit großen wächsernen Blüten, deren Kelche im Schlaf geschlossen waren. Sonst aber war auf der ganzen Lichtung weder Grün noch Grashalm – nur festgestampfte Erde.

Das Mondlicht übergoß die harte Fläche mit eisengrauem Schimmer; nur die Schatten weniger Elefanten hoben sich kohlschwarz ab. Der kleine Toomai schaute, bis die großen Augen ihm fast aus dem Kopfe traten, und wie er sich nach allen Seiten drehte, traten mehr und mehr und immer mehr schwarze Gestalten aus der Nacht in die Lichtung. Der kleine Toomai konnte nur bis zehn zählen, und er zählte und zählte an seinen Fingern, bis ihm der Kopf schwindelte. Vom Walde her drang das Geräusch der Elefanten, die sich durch das Unterholz den Weg brachen, aber sobald sie erst in der Lichtung waren, bewegten sie sich lautlos wie Geister.

Große, wilde Bullen waren da mit lang hervorragenden Stoßzähnen und mit Schlingpflanzen und stacheligen Zweigen in den Hautfalten; fette Weibchen, unter deren Bäuchen kleine, drei oder vier Fuß hohe Kälber umhersprangen; junge Burschen, die sehr stolz auf ihre eben hervorbrechenden Stoßzähne zu sein schienen. Ältliche Jungfern kamen zum Tanz, mit schmalen, hohlen, vergrämten Gesichtern; Kampfbullen im Schmuck ihrer zahllosen Narben; zuletzt wechselte ein gewaltiger Einzelgänger in die Lichtung mit zersplittertem Stoßzahn und dem furchtbaren Riß der Tigerpranke auf altersgrauer Flanke.

Dicht gedrängt standen sie oder wanderten in Gruppen auf und ab über die Lichtung; Einzelgänger hielten sich abseits und wiegten sich bedächtig hin und her – Elefanten, Elefanten und nochmals Elefanten.

Toomai wußte, ihm würde nichts geschehen, solange er still auf Kala Nags Rücken lag. Denn selbst in dem Aufruhr des Keddahtreibens lassen die wilden Elefanten die Männer auf den Nacken der zahmen Tiere unbehelligt; und die Dickhäuter hier dachten in dieser Nacht nicht an den Menschen. Nur einmal stutzten sie und stellten die Ohren hoch, denn durch den Wald klang das Geklirr eiserner Fußfesseln – aber es war Pudmini, Petersen Sahibs Lieblingstier, das mit gerissener Kette schnaubend und kollernd den Berg heraufwuchtete. Klein Toomai bemerkte noch einen dritten zahmen Elefanten mit tiefen Seilstriemen auf Rücken und Brust; auch er war wohl aus einem Lager in der Nähe ausgebrochen. [...]

Dann stieß ein Elefant einen hellen Trompetenstoß aus; alle anderen fielen ein, und mehrere Sekunden lang tobte ein wahrer Höllenlärm. Der Ton sprühte wie Regen von den Bäumen auf unsichtbare Rücken, und ein dumpf tosendes Geräusch setzte ein, dessen Ursprung sich der kleine Toomai nicht zu erklären vermochte. Anfangs war dieses Geräusch nicht sehr laut, dann aber wuchs und wuchs es an, und Kala Nag hob einen Vorderfuß nach dem anderen und wuchtete ihn wieder auf den Boden – eins – zwei, eins – zwei – stetig wie ein Dampfhammer. Nun stampften und stampften alle zusammen, und es dröhnte wie dumpfer Trommelwirbel vor einer Höhle. Der Boden zitterte und wankte, das Wuchten und Rumpeln wurde immer lauter; und der kleine Toomai hielt sich die Ohren zu, weil das Dröhnen übermächtig wurde. Vergebens – der Taktschlag einer Urgewalt durchzitterte seinen ganzen Körper, dieses Stampfen der Hunderte von Elefantentritten auf der harten Erde. Manchmal fühlte er, wie Kala Nag und die anderen einige Schritte vorwuchteten, und das Stampfen ging über in weiches Trampeln auf zerquetschtem grünem Gesträuch und Gestrüpp, aber wenige Minuten später erklang wieder das dumpfe Donnern auf hartem Boden. Ein Baum knarrte und ächzte ganz in der Nähe. Der Kleine streckte die Hand aus und konnte die Rinde fühlen, aber nicht sehen, wo er war in der Lichtung, denn Kala Nag schritt stetig stampfend vorwärts. Keinen Laut gaben die Elefanten von sich; nur einmal quiekten zwei oder drei Kälber selig auf. Man hörte einen dumpfen Stoß und ein Schürfen von Haut; dann begann das regelmäßige Stampfen von neuem. Es mochte zwei Stunden gedauert haben, vielleicht mehr, vielleicht weniger; der kleine Toomai war wie zerschlagen am ganzen Körper, aber er spürte in der Luft, daß der Morgen nahte.

Fahlgelbe Dämmerung tauchte über den grünen Hügeln auf; und beim ersten Schein des Lichts verstummte das Stampfen wie auf ein Kommando. Noch bevor der Klang in seinen Ohren verhallt war – bevor er noch Zeit hatte, sich erstaunt umzudrehen –, sah der kleine Toomai keinen anderen Elefanten mehr als Kala Nag, Pudmini und den fremden Gesellen mit den Seilfetzen. Weder ein Rauschen noch sonst ein Laut oder Zeichen verkündete, wohin all die schwarzen Gestalten verschwunden waren. Der Knabe starrte verwundert auf die gähnende Fläche; diese schien größer geworden zu sein über Nacht. Mehr Bäume ragten inmitten der Lichtung, doch am Rande war alles Gesträuch und Dschungelgras wie weggewischt. Die Elefanten hatten die Fläche erweitert – hatten Unterholz und saftiges Rohr zu Brei getreten, den Brei zu zäher Masse gepreßt und diese wiederum zu steinharter Erde verstampft.

»Wah!« sagte der kleine Toomai und rieb sich die müden Augen. »Kala Nag, Fürst, wir wollen uns an Pudmini halten und ihr zum Lager des Sahibs folgen, sonst falle ich dir noch vom Nacken.« Der fremde Elefant sah den beiden abziehenden Dickhäutern nach; er schnarchte laut, drehte sich um und nahm seinen Weg in entgegengesetzter Richtung. Vielleicht gehörte er irgendeinem der kleinen einheimischen Fürsten, fünfzig oder hundert Meilen entfernt.

Als Petersen Sahib zwei Stunden später beim Frühstück saß, begannen seine Elefanten, die während der Nacht mit doppelten Seilen gefesselt waren, laut zu trompeten. Pudmini und Kala Nag hinkten lahm und schmutzbedeckt in das Lager. Das Gesicht des kleinen Toomai war grau und eingefallen; das schwarze Haar, voller Blätter, hing ihm in nassen Strähnen um den Kopf. Dann versuchte er, vor Petersen Sahib eine tiefe Verbeugung zu machen und rief mit ermattender Stimme: »Der Tanz . . . der Elefantentanz! Ich habe ihn gesehen . . . und – nun – muß ich sterben.« Als Kala Nag niederkniete, glitt der Knabe bewußtlos vom Nacken des Elefanten. [...]

Und als zuletzt die Feuer niedergebrannt waren und mit ihren glühenden Holzstößen purpurrotes Licht auf die Elefanten warfen, als habe man auch sie mit Blut begossen, da sprang Machua Appa auf – Machua Appa, der Vormann der Treiber aller Keddahs – Machua Appa, die rechte Hand des großen Sahibs, sein Stellvertreter, der seit vierzig Jahren keine von Menschenhänden gebaute Straße gesehen hatte – Machua Appa, der so groß war, daß er keinen anderen Namen hatte als eben Machua Appa –, er sprang auf die Füße, hielt den kleinen Toomai hoch über seinen Kopf in die Luft und rief, daß es durch das Lager dröhnte: »Hört mich an, Brüder! Auch ihr, hört meine Stimme, ihr Herren dort an den Pfählen, denn ich spreche, ich, Machua Appa. Dieser Knabe hier soll hinfort nicht mehr ›der kleine Toomai‹ genannt werden, sondern ›Toomai, der Liebling der Elefanten‹, wie sein Urgroßvater vor ihm genannt wurde. Was keinem andern Menschen vergönnt war, zu sehen, er hat es während der ganzen langen Nacht mit angeschaut, denn er ist der Liebling der Elefanten und der Götter der Dschungel. Er soll ein großer Pfadfinder werden – er soll sogar größer werden als ich, Machua Appa! Er soll der frischen Spur folgen und der alten Spur – er soll die gemischten Spuren unterscheiden können mit dem Auge des Falken. Ihm soll kein Leid widerfahren, wenn er in der Keddah unter den Bäuchen der Elefanten umherrennt, und fällt er auf der Jagd zu Boden, so soll sich der wilde Bullelefant verneigen und soll ihn nicht berühren. Aihai! Ihr Herren an den Ketten!« Und er schritt die Reihe der gemächlich sich wiegenden grauen Gestalten ab. – »Aihai! Hier ist der Kleine, der euch bei euren Geheimnissen belauscht hat, der euch bei eurem Tanze gesehen hat – der erblickte, was ihr den Menschen sonst neidisch verbergt! Erweist ihm Ehre, meine Gebieter! Salaam Karo, meine Kinder! Grüßt Toomai, euren Liebling, in eurer eigenen Weise! Gunga Pershad, ahaa! Hira Guj, Birchi Guj, Kutta Guj, ahaa! Pudmini, du hast ihn beim Tanz gesehen, und auch du, Kala Nag, du Perle unter den Elefanten. Ahaa! Alle zusammen! Heil unserem Toomai, dem Liebling der Elefanten! Barrao!«

Und bei diesem letzten wilden Schrei warf die ganze Reihe der Elefanten den Rüssel in die Höhe, bis die Spitze über dem Kopf schwebte, und sie alle brachen aus in das laute Huldigungsgeschrei, den schmetternden Trompetenruf, den sonst nur der Vizekönig von Indien hört – das Salaamut der Keddah.

Und das alles geschah zu Ehren des kleinen Toomai, der geschaut hatte, was nie vorher einem Menschen zu sehen vergönnt war: den Tanz der Elefanten mitten in der Nacht und tief im Herzen der Garo-Berge! –"


Kapitel 7. Dienst Ihrer Majestät (Her Majesty’s Servants, in der ersten Ausgabe Servants of the Queen)

Liedtext Paradelied der Lagertiere (Parade-Song of the Camp Animals)

In der Nacht vor einer Militärparade belauscht ein Soldat die sprechenden Tiere.


Texte

Das Dschungelbuch

Das neue Dschungelbuch:

Wie Angst kam

Das Gesetz der Dschungel

Das Wunder des Purun Baghat

weitere Kapitel ff

Kim

weitere Werke von Kipling

in diesem Blog (12.11.2014): Die Elefanten


Geboren am 30. Dezember 1865 als Sohn einer angloamerikanischen Familie in Bombay, gestorben am 18. Januar 1936 in London. Im Alter von zwei Jahren wurde er bereits nach England geschickt, dort erhielt er seine Ausbildung. Er kehrte 1882 nach Indien zurück und arbeitete dort als Journalist. 1907 erhielt er, noch keine 42 Jahre alt, als erster englischsprachiger Schriftsteller den Literaturnobelpreis; den Rekord als jüngster Literaturnobelpreisträger hält er bis heute.