https://norberto42.wordpress.com/2026/08/01/primo-levi-gesprache-und-interviews-1999-gelesen/
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
David A. Kaplan: Silicon Valley, 1999, dt.2000
Wer heute von Silicon Valley liest, denkt meist nicht an die grauen Zeiten zurück, wo es das Internet noch nicht gab und wo es als unsinnig erschien, eine Firma, die bisher nur Verluste gemacht hatte, für eine Milliardensumme aufzukaufen. Faszinierend ist ein Buch über Computer und Internet, wo Wikipedia keine Rolle spielt. Heute, wo wir durch die LLMs gelernt haben, dass eine technische Entwicklung sofort Investitionen von vielen hundert Milliarden hervorruft, obwohl im Prinzip schon jeder Grundschüler sie kostenlos benutzen kann, ist es erstaunlich in Zeiten zurückversetzt zu werden, wo das alles neu war.
Und das zum Thema Silicon Valley, dem Zentrum der Computerbranche, das doch brandaktuell erscheint.
Prolog: Woodside 94062 (S.11 ff.)
"Es gibt die Reichen, es gibt die Stinkreichen - und es gibt Woodside [...] Palo Alto und Portola Valley, Atherton uns Los Altos Hills - sie gehören zu den Orten, die die Silicon Millionäre ihr Zuhause nennen." (S.11) (Es gab also Zeiten, wo man Superreiche noch Millionäre nannte.)
Kapitel 1: Träume, S.27ff.
Während des letzten halben Jahrhundert ist es Silicon Valley gelungen, die kritische Masse all jener Elemente zusammenzubringen, die für unternehmerische Explosionen erforderlich waren. Akademiker, Finanleute, Anwälte, Wissenschaftler, Ingenieure, sogar das technisch unbedarfte Volk, das Restaurants führt – sie alle beschreiben auf relativ kleinem Raum eine Art hyperkinetischen Teilchentanz. Tausende von Unternehmen drängen sich hier zusammen – wie Transistoren auf einem Chip. Mit einer Gesamtbevölkerung von 2,3 Millionen übertrifft das Valley 32 Staaten der USA. Mehr als 1 Million Menschen arbeiten auf einem Gebiet von knapp 4000 km². Und es bleibt kaum Platz zur Expansion. [...] Die alte Geldaristokratie verliert an Bedeutung, so dass ein Sproß dieser Schicht wie Will Hearst das Zeitungsimperium der Familie aufgegeben hat, um Venture-Kapitalgeber im Valley zu werden." (S. 41).
Kapitel 2 Anfänge, S.46ff.
Frederick Terman (S.49ff.) Hewlett-Packard (S.52ff.)
Transistor, Shockley Bardeen, Brattain, S.60ff.
Kapitel 4: Propheten, S.107 ff.
Kapitel 5 Oz S.158 ff.
"Gates Ist Amerikas reichster Bürger. Ellison gehört nur zu den reichsten zehn. Gates ist ungeschliffene, Ellison umgänglich. Gates wirkt kühl, Ellison charismatisch, witzig und weltläufig. Gates ist / fad, selbst wenn er der amerikanischen Starinterviewerin Barbara Walters ein Ständchen bringt. Ellison ist der amüsanteste Typ im Land der Langeweile, mit einem Sinn für bühnenreife Auftritte, der nur noch von Steve Jobs getoppt wird." (S.158/59)
Larry Ellison: "Sein Vermögen fiel um mehr als 2,1 Milliarden Dollar - dem Vernehmen nach der größte finanzielle Verlust, den ein einzelner Mensch jemals erlitten hat." (S.192)
Aus der Sicht von Musk im Jahr 2026, wo sein Vermögen eine Billion Dollar ausmacht, wäre das ein Verlust von 0,21%, wie er bei täglichen Börsenschwankungen immer wieder einmal auftreten kann. ist, für Oracle waren es 1997 29%.
Kapitel 6 Venture Capital, S.203 ff.
"Das Wall Street Journal[1] und andere Medien haben KPCB [Kleiner Perkins] als einen der „größten und am besten etablierten“ Risikokapitalgeber betitelt. Dealbook beschreibt KPCB als eine von Silicon Valleys Top-Risikokapitalgebern.[2] "(Wikipedia)
Zitate Text ist diktiert und wird noch korrigiert:
Das Bestechende an einer Risikoanlage bei, sagen wir, Intel oder Apple war, dass die Verlustaussichten so viel kleiner waren als die Gewinnaussichten. Sie können Ihr ganzes Geld nur einmal verlieren, aber sie können ihre Investitionen hundert- oder tausenmalmal hereinholen. Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, oder an einen großen Konkurrenten verkauft, ist der Profit unter Umständen astronomisch, während der Verlust möglicherweise leicht zu verschmerzen ist. Das ist genau der umgekehrte Weg, den traditionelle (will sagen) sichere Banken einschlagen. Wenn ihre Anleihen gut gehen, dann können Sie 5,10,15 % im Jahr verdienen, doch schon eine einzige schlechte Anleihe kann den Gewinn von zehn guten wettmachen. Deshalb sind solche Banken jedem Risiko abhold– und würden unter keinen Umständen in Jungunternehmen investieren, die keine Sicherheiten oder Einkünfte vorzuweisen haben. Und doch verhalten sich gerade diese Geldinstitute wie Lemminge und stürzen sich blindlings auf jedes törichte Kreditgeschäft (Manhattanimmobilien, Kalifornienimmobilien, Öl und Gas, Lateinamerika, Mexiko, Südostasien). Diese Erkenntnis – und die prallen / Gewinne, die viele Venture Firmen der ersten Stunde vorzuweisen hatten – waren im Wesentlichen dafür verantwortlich, dass die Einschränkungen, die institutionellen Anlegern auferlegt waren, gelockert wurden. Und so wurden die Venture Kapitalgeber zu einem festen Bestandteil des Silikon-Valley-Systems. Es wurde mehr Geld investiert, was zu mehr Unternehmungsgeist, was mehr Erfolg brachte, was noch mehr Geld anlockte – eine Aufwärtsspirale des Reichtums. " (S.215/16)
Von 2026 aus gesehen ist diese 'Aufwärtsspirale des Reichtums' freilich weitgehend auf das das Aufblasen der Dotcom-Blase zurückzuführen, die schon im März 2000 platzte. Doch auch wenn durch die Überhitzung mancher Scheinreichtum entstand, die Firmen Intel und Google, die Kaplan 1999 als Beispiele für die Erfolge nannte, sind aus der damaligen Krise erfolgreich hervorgegangen. Heute sind Multimillionäre kaum noch einflussreich, um Reichtum politisches Gewicht zu verschaffen, braucht man heute Vermögen in der Größe von vielen Milliarden.
Kapitel 7 Gewinne S.240ff.
Kapitel 8 Mozilla S.280 ff
"Allein in den Vereinigten Staaten werden täglich mehr als zwei Milliarden E-Mails verschickt - bei einigen Menschen haben sie schon das Telefon als häufigstes Kommunikationsmittel ersetzt -, und man erwartet, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2002 vervierfacht hat." (S.286) (Die Beschleunigung des Anstiegs hielt zwar nicht an, doch dank der kommerziellen Verwendung hat der Anstieg trotz Messengerdiensten nicht abgenommen, gegenwärtig sind es weltweit über 380 Mrd. Mails pro Tag.)
Vannevar Bush entwickelte schon 1945 in dem Essay As We May Think die Vorstellung eines Konzepts, das Personal Computer und Hypertext voraussah. (S.289)
Marc Andreessen S.291
"Eines Tages, sagen die Propheten, werden alle Dinge in der physischen Welt – Milchtüten, Flugzeuge,/Laternenpfähle, wir selbst – mit dem Netz verbunden sein, das die Informationen überträgt und korreliert. Die konkreten Geräte – Computer, Telefone oder Armbanduhren – werden keinerlei Bedeutung mehr haben. Einzig die Informationen, die sie verbinden, werden noch zählen." (S.296/97)
Clark (Geld) und Andreessen (Technik) entwickeln zusammen Mozilla /Netscape (S.302), bald übernahm Barksdale das Management.
Kaplan schreibt 1999. Die Möglichkeit, dass der Klimawandel für die Menschheit eine größere Rolle spielen könnte als Informationen, spricht er nicht an. Kein Wunder: Denn in dieser Zukunftsvision kommen Menschen nicht mehr vor.
"Microsoft ist wie Sauerstoff. Es ist überall. Wenn sie im Valley ihr Geld verdienen, dann können Sie nicht einatmen, ohne eine gehörige Portion Microsoft zu inhalieren. Viele Unternehmer hoffen, das 'innovative' Microsoft werde eines Tages an ihrer Tür klopfen und sie für ein Vermögen aufkaufen. So ging es 1997 Web-TV; seine drei Gründer verdienten daran jeder zehn Millionen Dollar. Ein fetter Scheck von Bill Gates ist die zweitschönste Sache auf der Welt – nach einem Börsengang. 'Niemand will heute noch ein Hewlett-Packard, Intel oder Apple aufbauen', sagt Steve Jobs. 'Heute lassen sich die Leute irgendeine schlaue Idee einfallen und versuchen, die Firma soweit zu bringen, dass sie sie verkaufen können.' " (S.331)
Microsoft setzt beim Kampf gegen Netscape auf Windows 95, sehr viel teure Reklame und den eingebauten Internetexplorer. (S.346-351)
Kommentar eines damals angehenden Informatikstudenten:
Das Buch spielt die Bedeutung von Windows 95 aber schon ziemlich herunter. Das war nicht nur eine inkrementelle Weiterentwicklung von Windows 3.1 mit neuer Oberfläche.
Windows 95 war die erste Version, die 32-Bit-Software ausführen konnte und gleichzeitig auf der Hardware lief, die die meisten Leute schon hatten. Windows NT konnte schon vorher 32-Bit-Software, brauchte aber mindestens 16 MB RAM, was damals sehr teuer war. Windows 95 schaffte dasselbe mit nur 8 MB RAM.
Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
Kurze Übersicht über den Inhalt und die von Mann geplante Fortsetzung
Meine erste Lektüre des Romans lässt sich nicht mehr datieren. Mit Sicherheit nach "Lotte in Weimar" und "Der Erwählte" (beide 1959). Vermutlich habe ich aber in meiner Studentenzeit bereits große Teile davon gekannt. Die Lektüre von 2022 war sicher sehr lückenhaft. Wieder bin ich beeindruckt davon, dass er die Arbeit so viel Jahre, nachdem das erste Fragment schon herausgekommen war, wieder aufgegriffen hat, vergleichbar mit Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und seinem Faust, nur dass er an der Konzeption so wenig geändert hat.
KI Gemini:
Karin Kiwus (*1942 in Berlin) gehört seit den 1970er-Jahren zu den bedeutendsten Stimmen der deutschen Gegenwartslyrik. Ihre Gedichte zeichnen sich durch präzise Alltagsbeobachtungen, feine Ironie und eine unaufgeregte, aber oft scharfsinnige Gesellschaftskritik aus.
Beziehungswelten & Rollenbilder: Kiwus thematisiert häufig das Spannungsverhältnis zwischen Mann und Frau, das Scheitern von Kommunikation sowie die Suche nach Selbstbestimmung abseits traditioneller Geschlechterrollen.
Alltag & Großstadt: Viele Gedichte fangen Stimmungen des urbanen Lebens (oft mit Bezug zu Berlin) ein – nah am Geschehen, aber mit distanziertem, analytischem Blick.
Entfremdung & Existenz: Wiederkehrende Motive sind das Gefühl des Fremdseins in der eigenen Haut, verpasste Chancen sowie der Versuch, den eigenen Platz in einer durchgetakteten Welt zu behaupten.
Kiwus verzichtet weitgehend auf pathosgeladene Metaphern oder Schwulst. Stattdessen nutzt sie:
Alltagssprache mit feinen Brüchen: Eine zugängliche, oft fast beiläufige Sprache, die durch unerwartete Pointen oder Wendungen Tiefe erhält.
Iroinsche Distanz: Humor dient ihr nicht zum Kalauer, sondern als Werkzeug zur Entlarvung von gesellschaftlichen Zwängen und Selbsttäuschungen.
Verknüpfung von Intimem und Politischem: Das Private wird bei ihr stets im Kontext gesellschaftlicher Strukturen reflektiert.
1976: Von unaufhörlichen Körperwechseln (Vielbeachtetes Debüt)
1979: Angestrebte Lage
1992: Das chinesische Examen
2000: Nach dem Ekstasezustand
2012: Das Leben verändern (Sammelband / Auswahl)
Bekannte Einzelgedichte:
»Frauenzimmer«: Ein eindrückliches Gedicht über weibliche Identität, Selbstbild und gesellschaftliche Zuschreibungen.
»Der unaufhaltsame Aufstieg der Gemütlichkeit«: Eine ironische Auseinandersetzung mit dem Rückzug ins Private und dem Biedermeier-Geist der Moderne.
Suchst du nach der Analyse eines bestimmten Gedichts von Karin Kiwus oder nach Empfehlungen für konkrete Textbeispiele?
Dies Buch habe ich 2005 das erste Mal gelesen und 2025 hier vorgestellt. Ein eindrucksvolles Buch von der Personenkonstellation und von der Handlungsführung allemal. Das hat mir schon bei der ersten Lektüre imponiert. Bei der Vorstellung 20 Jahre danach konnte ich auf den 2008 entstandenen Wikipediaartikel zurückgreifen, habe aber zusätzlich aus den Notizen von 2005 und aus dem Roman zitiert, was mir besonders eindrücklich war.
Jetzt haben mich die ersten Seiten des Buches aus der gegenwärtigen Situation heraus besonders angesprochen: Wieder wegen der Konstruktion des Romans, wegen der Vorausschau und wegen des Blicks auf den Rassismus. Nicht, weil die Unterschiede zwischen den Paschtunen und den Hazara nicht deutlich festzumachen wären. Sie unterscheiden sich - historisch bedingt von der Religion her (Paschtunen Sunniten, Hazara Schiiten) und von der sozialen Rolle im Lande (die Paschtunen stellen die bevorzugte Schicht). Aber an ihren Vertretern im Roman wird deutlich, dass die Paschtunen zwar bevorzugt sind, die Vertreter der Hazara aber größere menschliche Qualitäten haben.
Ich möchte dazu noch mehrere Passagen zitieren, vorläufig nur zwei:
Die Vorausdeutung: "An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich - im Alter von zwölf Jahren - zu dem, der ich heute bin." (S.7)
Die Charakterisierung der Personen: Der Erzähler Amir und sein Freund Hassan haben beide sehr früh ihre Mutter verloren und wurden beide (im Abstand von ein paar Jahren) von der gleichen Amme gestillt:
"Hassan und ich hatten von derselben Brust getrunken. Wir machten unsere ersten Schritte auf demselben Rasen im selben Garten. Und unter demselben Dach sprachen wir unsere ersten Worte.
Meins lautete Baba. [der Name seines Vaters]
Seins lautete Amir." (S.17)
Was das über die beiden aussagt, bedarf einer ausführlicheren Erklärung.
In der Studentenbewegung 1968 und auch gegenwärtig wurde und wird der Faschismusbegriff so inflationär verwendet, dass er seine inhaltliche Bedeutung verliert. Bei Stanley wird er auch ausgeweitet, aber doch bei der Bezeichnung "faschistische Politik", so beschrieben, dass er mir trennscharf verwendbar erscheint. Daher möchte ich schon bevor ich das Buch "Wie Faschismus funktioniert" gelesen habe, darauf hinweisen.
Dazu die KI Gemini:
"In seinem Buch „Wie Faschismus funktioniert“ (Original: How Fascism Works: The Politics of Us and Them, 2018) analysiert der US-amerikanische Philosoph Jason Stanley, wie rechtspopulistische und autoritäre Bewegungen demokratische Strukturen untergraben. Sein zentrales Argument ist, dass ein Land kein vollendeter faschistischer Staat sein muss, um unter faschistischer Politik zu leiden.
Stanley geht es nicht um historische Detailstudien zu Hitler oder Mussolini, sondern um eine Früherkennung von Taktiken, die das Denken einer Gesellschaft schleichend verändern und normalisieren.
Das Buch ist entlang von zehn Säulen (Taktiken) strukturiert, die faschistische Bewegungen nutzen, um an die Macht zu gelangen und diese zu sichern:
Die mythische Vergangenheit (The Mythic Past)
Faschistische Bewegungen glorifizieren eine rein erfundene oder stark idealisierte Vergangenheit, in der die eigene Nation angeblich rein, stark und erfolgreich war (z. B. Trumps „Make America Great Again“).
Propaganda (Propaganda)
Hierbei wird die Sprache der Demokratie gekapert, um sie von innen heraus zu zerstören. Korrupte Absichten werden als hehre Ziele getarnt: Ein systematischer Abbau von Rechten wird beispielsweise als „Kampf für die Freiheit“ oder „Wiederherstellung der Ordnung“ inszeniert.
Anti-Intellektualismus (Anti-Intellectual)
Bildungseinrichtungen, Universitäten und Experten werden gezielt attackiert und als „ideologisierte Eliten“ delegitimiert.
Unwirklichkeit (Unreality)
Fakten werden durch alternative Realitäten, Fake News und Verschwörungstheorien ersetzt.
Hierarchie (Hierarchy)
Der Faschismus lehnt das demokratische Ideal der Gleichheit aller Menschen ab.
Opferrolle (Victimhood)
Obwohl die dominante Gruppe die Macht im Staat besitzt, inszeniert sie sich als das „wahre Opfer“.
Recht und Ordnung (Law and Order)
Diese Rhetorik teilt die Welt in zwei Gruppen: das „von Natur aus gesetzestreue Wir“ und die „von Natur aus kriminellen Anderen“.
Sexuelle Ängste (Sexual Anxiety)
Faschistische Politik schürt die Angst, dass die Frauen und Kinder der Eigengruppe durch die (oft als triebhaft dargestellten) Fremden bedroht seien. Gleichzeitig wird das Patriarchat gestärkt: Die Rolle des Mannes als starker „Beschützer“ wird verabsolutiert, während Abweichungen von traditionellen Geschlechterrollen als Schwächung der Nation gelten.
Sodom und Gomorrah (Appeals to the Heartland)
Es wird eine Spaltung zwischen Stadt und Land heraufbeschworen. Das ländliche Leben wird als rein, fleißig, gläubig und als das „wahre Herz der Nation“ idealisiert.
„Arbeit macht frei“ (Dismantling of Welfare)
Der Titel dieses Kapitels spielt bewusst auf die zynische Parole an den Toren der Konzentrationslager an. Stanley beschreibt damit die Taktik, die eigene Gruppe als „hart arbeitend“ und Minderheiten oder Geflüchtete als „faul“ darzustellen, die das Sozialsystem ausnutzen. Dies dient dazu, die soziale Solidarität zu zerbrechen und den Sozialstaat abzubauen.
Stanley betont, dass das Vorhandensein einzelner dieser Merkmale ein Land noch nicht in eine Diktatur verwandelt. Die eigentliche Gefahr liegt in der schleichenden Normalisierung. Wenn faschistische Rhetorik im alltäglichen politischen Diskurs akzeptiert wird, verschieben sich die Grenzen des Sagbaren.
Sein Buch ist ein Plädoyer für Wachsamkeit: Demokratien sterben heute oft nicht mehr durch einen plötzlichen Militärputsch, sondern dadurch, dass ihre Bürger Schritt für Schritt die Werkzeuge der Aufklärung, der Wahrheit und der Toleranz aufgeben."
Jürgen Kocka: Zur Kritik an der Ausweitung des Faschismusbegriffs:
Zugleich hat die Warnung vor rechtsextremer Politik dieselbe Stoßrichtung.
"Claude Njiké-Bergeret wurde in Kamerun geboren und wuchs dort auf. Mit drei Jahren zog sie mit ihren Eltern in die Nähe von Bangangté, die dort ein christliches Mädcheninternat leiteten. In den engen Grenzen der Internatsschule Mfetom wuchs Njiké-Bergeret unter strenger Aufsicht ihrer Eltern auf. Sie nahm an dem Schulunterricht in Mfetom teil und baute dort Freundschaften zu Einheimischen auf. Sie erlernte die Sprache der Chefferie (Königreich) Bangangté. Die Bangangté werden den Bamileke zugeordnet. Ihr Oberhaupt, der Fon, hat ungefähr 60.000 Untertanen. 1956 zog Njiké-Bergeret mit ihrer Familie nach Frankreich, wo sie ihr Abitur ablegte. Nach abgebrochenem Studium der Philosophie und ihrer ersten Heirat begann sie ein Geografiestudium an der Universität Aix-en-Provence. Während dieser Zeit brachte sie zwei Kinder zur Welt (Serge 1966, Laurent 1968). Sie erlebte an der Universität die Studentenunruhen in Frankreich mit. Ihre erste Ehe wurde 1972 geschieden. 1974 verpflichtete sie sich für die Missionsgesellschaft, für die bereits ihr Vater arbeitete, für drei Jahre nach Kamerun zu gehen. Dort arbeitete sie als Lehrerin. Später trat sie die Nachfolge ihrer Eltern an, die ebenfalls nach Kamerun zurückgekehrt die Leitung der Schule in Mfetom wieder übernommen hatten. In dieser Zeit integrierte sie sich zunehmend ins gesellschaftliche Leben von Bangangté. Sie heiratete 1978 den Fon Francois Njiké Pokam, obwohl dieser bereits mit über zwei Dutzend Frauen verheiratet ein polygames Leben führte. Mit ihm bekam sie zwei weitere Kinder (Sophia 1978, Rudolf 1980). Nach dem Tod Njikés zog sie sich mit ihren vier Kindern auf ein kleines Stück Land zurück, das sie bis heute (2007) eigenhändig bestellt.[1]
Claude Njiké-Bergeret ist zu einer lokalen Bekanntheit avanciert und unter dem Namen Reine blanche (‚weiße Königin‘) bekannt. Nach Eigendarstellung dürfte die Heirat einer diplomierten protestantischen Mitarbeiterin einer Missionsgesellschaft mit einem einheimischen Stammeshäuptling ein einmaliger Vorgang sein. Er löste landesweite Aufmerksamkeit aus und sorgte für Erklärungsnot bei der Protestantischen Kirche Kameruns.
Claude Njiké-Bergeret bemühte sich um die Vermittlung zwischen europäischen und afrikanischen Werten. Sie orientierte ihren Unterricht stärker an den Bedürfnissen der Einheimischen, indem sie kamerunische Geschichtsbücher sowie afrikanische Literatur in das Unterrichtsprogramm aufnahm. Sie machte sich bereits in den 1970er Jahren für ein verändertes Afrikabild in Frankreich stark. Aber erst ab 1997 konnte sie mit ihren Forderungen nach mehr Verständnis für die Eigenheiten der Afrikaner durch ihre autobiografischen Aufzeichnungen eine breitere Öffentlichkeit erreichen." (Wikipedia)
Zitate aus: " Meine afrikanische Leidenschaft"
"Für den Afrikaner ist niemand Herr seines Schicksals. Er braucht keine Erklärung, keine Begründungen – Gott allein weiß es. Weisheit ist weit wichtiger als Wissen. Und im übrigen: Bin ich wirklich weiß, bin ich wirklich Französin?
Zu Claude Njiké-Bergerets (C. N-B.) Autobiographie:
C. N-B. ist zwischen zwei Kulturen aufgewachsen, dem calvinistische Religionsverständnis der elterlichen Missionare und der Freiheit des Lebens von Kindern in der Kultur von Bangangté. Vermutlich beeinflusst von der Erfahrung ihres Vaters, der sein Lebenswerk im Aufbau einer selbständigen Missionsstation sah und lieber nach Frankreich zurückkehrte, als sich von der Missionsstation versetzen zu lassen, setzt sie nach ihrer Ehe in Frankreich und der Rückkehr nach Kamerun die Arbeit am Werk ihres Vaters fort und sieht - anders als er - eine Möglichkeit, auch als Erwachsene in die Kultur ihrer Kindheit zurückzukehren, indem sie eine der vielen Frauen der Fon von Bangangté wird. Zum einen arbeitet sie sich intensiv in die Kultur des Hofs des Fon ein, zum anderen bleibt sie aber unbefriedigt mit dieser engen Rolle und versucht, ihre Arbeit als Lehrerin fortzusetzen und parallel eine landwirtschaftliche Musterkolonie aufzubauen.
In den Worten der KI Gemini:
"[...]Claude wird als Tochter und Enkelin französischer Missionare in Kamerun geboren und verbringt dort eine glückliche Kindheit. Als Jugendliche muss sie nach Frankreich zurückkehren, wo sie später heiratet, zwei Söhne bekommt und als Lehrerin arbeitet. Doch die Sehnsucht nach Kamerun lässt sie nicht los. Als junge Frau bricht sie aus ihrem bürgerlichen Leben in Frankreich aus, lässt sich scheiden und kehrt mit ihren Kindern nach Afrika zurück.[...]
In Kamerun arbeitet sie wieder als Lehrerin und trifft auf Njiké Pokam François, den Fon (den traditionellen Stammeshäuptling und König) von Bangangté. Zwischen der weißen, studierten Europäerin und dem traditionellen Herrscher entwickelt sich eine tiefe Liebesbeziehung. Gegen alle westlichen Konventionen, den Widerstand ihrer eigenen Familie und anfängliche Hürden innerhalb der Dorfgemeinschaft beschließt sie, seine Frau zu werden.
Gemeinschaft der Frauen: Sie schildert die Beziehungen zu ihren Mitschwestern (Co-épouses) – es gibt tiefe Freundschaften und gegenseitige Unterstützung, aber natürlich auch Eifersucht und Konkurrenz.
Keine Unterdrückung: Sie erklärt, dass die Frauen des Häuptlings innerhalb der Kultur ein hohes Ansehen genießen und keineswegs rechtlos oder passiv sind.
Schattenseiten: Claude verschweigt nicht die schwierigen Phasen. Später leidet ihr Mann unter Alkoholproblemen und wird in seinen Zornesausbrüchen auch ihr gegenüber gewalttätig. Dennoch steht sie zu ihrer Entscheidung und ihrer Liebe.
Kulturclash und Toleranz: Das Buch hinterfragt westliche Moralvorstellungen (insbesondere die strikte Ablehnung der Polygamie) und wirbt für das Verständnis eines völlig anderen Lebens- und Denkmodells.
Suche nach persönlicher Freiheit: Claude bricht radikal mit gesellschaftlichen Erwartungen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das ihren Gefühlen entspricht.
Integration: Es ist das Porträt einer weißen Frau, die so tief in eine afrikanische Kultur eintaucht und die Sprache (Medumba) lernt, dass sie von der dortigen Gemeinschaft als eine der Ihren akzeptiert wird – als die „weiße Königin“ von Bangangté.
Fazit: Das Buch ist weit mehr als eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Es ist ein ethnologisch spannender und zutiefst persönlicher Einblick in das traditionelle Kamerun abseits der typischen westlichen Klischees. [...]"
Als er gestanden hatte und für die Familie und Freunde alles geklärt war, schickte sie der Stammesführer wieder zurück, um cadis zu trinken." (S.197-199).
Als Claude Schwierigkeiten mit ihrem Mann dem Stammeshäuptling hat, ruft ihre Schwester Mireille sie aus Frankreich an und lädt sie ein, nach Frankreich zu kommen, um ihre Eltern und ihre beiden ältesten Kinder, die in Frankreich geblieben waren, zu besuchen.
"Das Schwierigste war noch nicht geschafft, den Stammeshäuptling zu überreden. Damals konnte eine Frau mit ihren Kindern aus Kamerun nur mit schriftlicher Genehmigung ihres Mannes ausreisen. Außerdem musste er für die Visa und Impfungen aufkommen. Sobald er am Abend zurückkam, packte ich den Stier bei den Hörnern und erzählte ihm von dem Telefongespräch und der Einladung meiner Schwester.
'Eine gute Idee', erwiderte er. I'ch hatte auch schon daran gedacht. Deine Eltern müssen schließlich ihre Enkelkinder kennenlernen.'
https://web.archive.org/web/20071202054847/https://membres.lycos.fr/rdefap/faverjon/interview.html
Wie ist das Leben im Häuptlingstum, in dem Sie die 24. Frau des Häuptlings waren, und welche Eindrücke haben Sie davon?
Man hat recht viel Freiheit, sein Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten, viel individuelle Freiheit. An Tagen, an denen man im Palast arbeitet, den Häuptling bewirtet und Gäste empfängt, gibt es einen sehr strengen Zeitplan, aber der ist tagesabhängig; keine Frau muss dauerhaft bleiben, es gibt einen Wechsel. Wenn man sich hingegen in den Gemächern der Frauen aufhält, kann man sein Leben ganz nach Belieben gestalten, man hat also viel Freiheit.
Welche Funktion haben Ihrer Meinung nach die Rituale des Häuptlingstums?
Als Europäerin denke ich, es ist eine Form der Herrschaft, eine Form der Gesellschaftsorganisation. Diese Rituale erfordern Respekt vor der Autorität des Häuptlings oder der Mitfrauen und stellen sicher, dass jeder bestimmte Rechte hat.
Wenn jemand krank ist, werden Rituale für ihn durchgeführt, die mit bestimmten Verstorbenen in Verbindung stehen. Man glaubt sogar, dass dies eine psychologische Kraft besitzt, die dem Kranken bei der Heilung helfen kann. Aber das ist ganz klar eine europäische Denkweise. Ich jedenfalls konnte nie daran glauben, genauso wenig wie an Hexerei. Das ist nun mal meine Persönlichkeit, und ich versuche nicht, sie zu rechtfertigen. Ich respektiere jedoch die Überzeugungen anderer; es ist ihre Sicht auf das Leben, nicht meine.
Wie reagierte die Evangelische Kirche Kameruns, die DEFAP, auf Ihre polygame Ehe, insbesondere mit einem Häuptling, der die Tradition in Person verkörpert?
Ich denke, es ist ziemlich komplex, da ihre Reaktion mit meiner Vergangenheit in der Kirche und meinen Beziehungen zu anderen Kirchenmitgliedern zusammenhängt. Die Kirche hat mich jedoch sofort, vollständig und brutal abgelehnt. Wären andere Kirchenführer involviert gewesen, wären die Reaktionen vielleicht anders ausgefallen. Und was Europa, die DEFAP und die CEVAA betrifft, so schrieben sie mir lediglich, dass sie den Wünschen ihrer Schwesterkirche nachkämen. In Kamerun wurde ich nicht akzeptiert, und deshalb konnten sie mich auch nicht unterstützen. Ich glaube, dass sie durch den schnellen Abbruch der Beziehungen annahmen, ich würde nach Frankreich zurückkehren. Und ich dachte mir, dass sie selbst in Europa in ihrer Denkweise feststeckten, da sie nicht verstehen konnten, dass Liebe auch außerhalb ihrer eigenen Weltanschauung existieren kann. In manchen Kontexten ist Liebe möglich, in anderen nicht. Es war ein einschneidendes Erlebnis; meine Eltern sagten, ich sei verhext. Sie konnten einfach nicht akzeptieren, dass ich dieses Leben lieben könnte.
[...]