Hartmut
Rosa: Situation
und Konstellation. Vom
Verschwinden des Spielraums
Klappentext:
Die
Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin,
die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen
Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der
Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere
im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns
Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur
Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen
Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte
Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren.
"Stimme zu" / "Stimme nicht zu" - so werden
Handelnde zu Vollziehenden. Diese Entwicklung, sosehr sie der
Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den
Hartmut Rosa beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden
und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen
Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht.
Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche.
Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven
Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa,
die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen
Ebenen der sozialen Existenz.
Leseprobe:https://www.suhrkamp.de/buch/hartmut-rosa-situation-und-konstellation-t-9783518588338?pt_ref=buchlink&utm_campaign=9783518588338&utm_medium=buchlink&utm_source=perlentaucher.de
Rezension:
Bekannt geworden
mit seiner Theorie der "Resonanz", warnt der Soziologe
Hartmut Rosa nun vor dem Verschwinden des individuellen Spielraums in
einer überregulierten Moderne, wie Rezensent Günter Kaindlstorfer
erklärt. Die zentrale Diagnose lautet, dass Menschen immer häufiger
von Handelnden zu "Vollziehenden" werden: vom Zugschaffner
über die Ärztin bis zum Fußballschiedsrichter, der auf die
"Millimeterentscheidung des Videoassistenten" warten muss.
Leben bedeute jedoch "HANDELN", nicht das Abarbeiten von
To-do-Listen, sonst drohten Erschöpfung und Entfremdung, so der
Kritiker. Rosa erklärt auch den Erfolg von Populisten mit der
Sehnsucht nach "Handlungsfähigkeit" und plädiert für die
Rückeroberung von Ermessensspielräumen und für "Unverfügbarkeit".
Klassisches Beispiel für Handlungseinschränkung: Brandschutzverordnung: Sicherheit (S.90)
Schutz vor Korruption u. Rechtssicherheit
Versprechen der Moderne zum Handeln zu befreien (S.95)
neue Ohnmacht (S.97)
Verstehbarkeit u. Gestaltbarkeit (S.98)
Politik u. Wissenschaft als Beispiele für den inneren Widerspruch (S.98/99)
Kapitel 5: Macht u. Ohnmacht der Gesetzgebung (S.102ff.)
Derartige
Rückeroberungen unserer Spielräume werden die kulturellen und
strukturellen Steigerungs– und Optimierungszwänge, die mit einer
auf dem Modus dynamischer Stabilisierung beruhenden,
liberal-kapitalistischen Gesellschaft unaufhebbar verbunden und für
die/Transformation unseres Handelns hauptverantwortlich sind, nicht
einfach außer Kraft setzen. Aber sie können dazu beitragen, dass
wir dereinst […] noch den nötigen Spielraum und die
Handlungsfähigkeit haben werden, um etwas Neues entstehen zu
lassen. (S. 219/220)
Bemerkenswert ist, dass Rosa als Möglichkeit für die Rückgewinnung menschlicher Spielräume das indische Jugaad und das brasilianische Jeitinho nennt; aber auch das Konzept des Ubuntu, das im deutschen Sprachraum schon länger als "Ich bin, weil du bist" verstanden wird, eine Gedanke, der von Martin Buber etwa so formuliert wurde: "Der Mensch erfährt sich als Mensch durch das Du seines Gegenüber. Ausführlich dargestellt ist das in seinem Werk "Ich und Du".
Die verschiedenen Sprachsektionen der Wikipedia sehen die Begriffe freilich mitnichten als gleichbedeutend an. Die englische Wikipedia kennt sowohl das indische Jugaad und das brasilianische Jeitinho und misst ihnen unterschiedliche Bedeutung zu. Die Ubuntu-Philosophie ist dagegen in 47 Sprachsektionen zu finden.
Zunächst
fällt auf, dass sich tatsächlich auf fast allen großen
Konfliktfeldern der Gegenwart eine geradezu übermächtige Tendenz
erkennen lässt, im politischen Diskurs und sogar im politischen
Handeln komplexe
gesellschaftliche Situationen auf
einfache konstellative
Konfliktpunkte zu reduzieren. [...]
Ein
ganz ähnliches Bild zeigt sich im politischen Streit um die
Migration,
genauer: wie mit der so genannten Migrationskrise
umzugehen sei. Auch hier steht die Gesellschaft – steht die Welt –
vor einer komplexen, vielschichtigen und moralisch
hochproblematischen Gemengelage, die zahlreiche Fragen aufwirft:
Was
treibt Menschen nach Europa? Was sind berechtigte Ansprüche? Wer
kann sich geltend machen – wo und wie? Was ist ein menschlicher
Umgang, mit denen, deren Ansprüche nicht berechtigt sind? Wie kann
man – und soll man? – sicherstellen,
dass diejenigen, denen
das Recht aufs Asyl zu gewähren wäre, auch Gehör finden können?
Was ist ein sicheres Drittland? Wohin darf man (welche) Menschen
abschieben? Wann soll man sie nicht abschieben? Wie können
diejenigen integriert werden, die hierbleiben (dürfen)? Welche
Probleme im Umgang mit geflüchteten Menschen stellen sich für
Kommunen, Schulen, Betriebe? – Und auch hier wurde und wird die
unbedingt nötige Diskussion immer wieder auf einzelne konstellative
Konfliktpunkte reduziert: Obergrenze, ja oder nein? Nach Afghanistan
(oder Syrien, oder…) abschieben,
ja oder nein? Asylverfahren außerhalb der EU, ja oder nein? (S.
103-105)
Seite 131:
In narritativen, biografischen Interviews beispielsweise erzählen Engagierte ihre Lebensgeschichten und gewähren den Forschenden auf diese Weise tiefe Einblicke in die Genese und Komposition ihrer Motivationsstrukturen im Kontext Ihres situativen Entstehung und Einbettung.
Qualitative Sozialforschung beruht mithin auf der Ein/sicht, dass wir menschliche Handeln nur mittels einer Rekonstruktion seiner Sinnstrukturen und der Ihnen zugrunde liegenden Deutungsmuster der Akteure wirklich verstehen können, dass konstellative Analysen, Korrelationen (etwa zwischen dem Alter, dem Geschlecht, dem Bildungsgrad, dem Wohnort und der Engagementhäufigkeit) zwar aufdecken, aber nicht wirklich erklären können. Erst wenn die konstellativen Befunde in ihrer in ihren situativen und lebensweltlichen Einbettungen und Zusammenhängen erfasst und gedeutet werden, lassen sie sich adäquat begreifen. Deshalb bemüht sich die qualitative Forschung um die systematische Rekonstruktion solcher Sinnstrukturen und Deutungsmuster. (S. 131/32). [mehr zum Unterschied zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung und analytischer und verstehender Philosophie sieh KI Ecosia].
Kapitel 7: Parametrische Optimierung: die unmerkliche Verschiebung von Aufmerksamkeitsfokus und Willensstruktur.
Zunächst nur teilverbessert:
Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit, worauf achten wir, wenn wir versuchen, ein gelingendes Leben zu führen, gesund zu bleiben, stabile und erfüllende soziale Beziehungen zu unterhalten? Welche Aspekte nehmen wir jeweils wahr? – wie nehmen wir sie wahr? Und was versuchen wir dabei jeweils zu erreichen, worauf richten sich unsere Bemühungen, unser Wille? In gleicher Weise können wir fragen, was Manager, die eine Firma leiten oder Politikerinnen, die ein Land regieren, jeweils im Fokus haben. [...]
Dazu werde ich in diesem Kapitel die These entwickeln, dass die Transformation unsere Tätigkeitsweise vom Handeln zum Vollziehen und damit auch/von situativer zu konstellativer Wahrnehmung unserer Umwelt zu einer höchst bedeutsamen Verschiebung unseres Aufmerksamkeitsfokus und unserer Willensstruktur [...] zu einer Veränderung der Art unseres In- der-Welt-Seins führt. [...] (S.145/46)
Wie jeder Amateursportler und jede Organisationssoziologin weiß, stößt das Bemühen, Leistungen und Ergebnisse zu verbessern, früher oder später an eine Grenze, jenseits deren ein systematisches Vorgehen unerlässlich wird. Das bedeutet, das Prozesse und deren Bedingungen – im Sport etwa Bewegungsabläufe und deren materielle Voraussetzungen wie Schuhe, Schläger usw. in ihre Einzelteile zerlegt werden müssen, die dann jeweils für sich untersucht und verbessert werden können. Der historische Prototyp für diese Art der Optimierung ist die Methode des wissenschaftlichen Managements [S.147/149] Ich möchte hier nicht infrage stellen, dass die Erhebung und die Verbesserung aller dieser Werte sinnvoll und wichtig sein können. Es ist aber nicht zu übersehen, dass sich im Zuge Ihrer Sichtbarmachung und Bearbeitung, die Wahrnehmung unseres Körpers und die Beschäftigung mit ihm, die Arbeit an ihm und sogar unser Körpergefühl spürbar verändert haben. Unser körperbezogener Auf/merksamkeitsfokus und die entsprechende Willensstruktur haben sich verschoben. In phänomenlogischer Diktion können wir sagen: Sie haben sich vom Leib, den wir (innerlich) wahrnehmen und spüren, hin zum Körper, den wir (äußerlich) beobachten und bearbeiten können, verschoben.
Nicht anders verhält es sich im Blick auf die Art und Weise, wie wir unsere Einbettung in der soziale Umfeld und unseren Platz darin wahrnehmen und bearbeiten. [S.149/150]
[S.151:] Ist es trotz des Suchtpotenzials, dass soziale Verhaltensparameter für Menschen haben, immerhin mehr oder minder gefahrlos (wenn auch nicht folgenlos) möglich, sie weitgehend zu ignorieren, gilt dies für das Berufsleben und das organisationale, Handeln nicht. Überall in Betrieben, Behörden und Organisationen werden Leistungs-, Performance- und Verbrauchparameter individuell und kollektiv erhoben, verglichen und bearbeitet. Hier zeigt sich die Logik des neuen, digitalen Taylorismus am radikalsten. Nicht nur wirtschaftliche Unternehmen, sondern auch Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Theater, sogar Sozialämter und Pflegestation sind stetig aufgefordert, ja gezwungen, ihre Performance mithilfe von Kennziffern, Messzahl und Richtwerten beständig parametrische zu überwachen, zu publizieren [...] und natürlich zu verbessern. (S. 150/51)