14 Februar 2026

Werner Bergengruen: Zwieselchen

 Werner Bergengruen: Zwieselchen

Zwieselchen ist ein Buch von Werner Bergengruen für Kinder im Kindergartenalter. 

Die einzelnen Geschichten dieser Sammlung hatte der Autor für seine eigenen Kinder verfasst. Sie wurden zuerst 1931 in fünf einzelnen Büchern veröffentlicht: „Zwieselchen im Warenhaus“, „Zwieselchen im Zoo“, „Zwieselchen und Turu-Me“, „Zwieselchen und der Osterhase“ und „Zwieselchens große Reise“. 1933 erschienen dann alle Geschichten der fünf Teile in einem Band, der 1971 die 16. Auflage erlebte (insgesamt 104.000 Exemplare). In den „Zwieselchen“-Geschichten erfahren die kleinen Zuhörer oder Leser, wie ein kleiner Junge aus Berlin seine Umwelt erlebt und bewältigt.

Zwieselchen telefoniert zum ersten Mal; 
das Spielzeugautorennen; 
Zwieselchen im Zoo; 
der Löwe im Zoo erzählt, wie er aus Afrika in den Zoo kam; 
der Kurzschluss (Stromausfall); 

Großmutter erzählt, wie man früher mit den Zigeunern lebte:
Die Großmutter erzählt, was Turu-Me für wunderbare Dinge konnte.
"Ach, Großmutter, und da ist ja richtig dein Freund geworden, so Bibi, mein Freund ist?", fragte das Zwieselchen.
"Ja", sagte die Großmutter, "darum habe ich ihn auch so oft in seiner Kammer besucht, und er hat mir herrliche Dinge gemacht. Denn das ist kaum zu glauben, was Turu-Me alles konnte und was er mir alles gezeigt und geschenkt hat, in der langen Zeit, die er bei uns war."
"War er denn so lange bei euch?" fragte das Zwieselchen, "und wurde sein Fuß denn nicht besser?"
 "Doch, der Fuß wurde besser", erzählte die Großmutter weiter. "Aber es ging recht langsam, damit. Als Turu-Me viele Wochen gelegen hatte, da konnte er erst aufstehen, und dann humpelte er und stützte sich auf einen Stock. Das war schon im Winter, und es war sehr kalt. Darum war Turu-Me auch wohl froh, dass er in einem warmen Haus sein konnte und nicht auf der Landstraße zu frieren brauchte. Mein Vater gab ihm allerlei Arbeiten im Haus und im Hof, und dazwischen half er der Köchin oder dem Schmied oder dem Sattler und flickte Kessel und schliff Messer und Scheren, und alle hatten ihn gern, aber am liebsten hatte ich ihn, / weil ich doch seine Freundin war und er mein Freund. Und denke dir nur, was er machte – lauter Dinge, die kein anderer konnte. Einmal fand er irgendwo eine alte Schublade von einer zerbrochenen Kommode, daran nagelt er ein Brettchen zum Anfassen, und darüber spannte er ein paar Drähte. Das war sein Musikinstrument. Als es Frühling wurde, setzt er sich damit auf die Bank vor der Herberge in die Sonne, während der schmelzende Schnee vom Dach tröpfelte und am Himmel weiße Welt herum rannten wie winzige Zickelchen. Und dann macht er seine Musik, und ich kam angelaufen und setzte mich neben ihn und konnte gar nicht genug bekommen vom Zuhören. Denn obwohl mein Vater Flöte blasen und mein älterer Bruder schon Klavier spielen konnte, so fand ich doch, dass Turu-Me die allerschönste Musik machte, die ich je gehört hatte, und wenn ich heute daran zurückdenke, dann kommt es mir auch so vor."
Turu-Me sah mich an und lachte, und dann fragte er, ob er singen sollte. Ich sagte: "Ach ja, bitte, bitte!" Und nun sang er Lieder, die ich noch nie gehört hatte. Eins von Ihnen fing an:
 "Zinker, Zanker, Zaule.
schöner brauner Gaule."

Und ein anderes hieß:

"Schwarzer Hund hat Mond gefressen,
fetten, gelben Mond.
Schwarzer Hund hat platzen müssen.
 piri romi lo." /
Damals damals wusste ich noch viel mehr Lieder, die Turu-Me mir vorgesungen hatte, bis ich sie mitsingen konnte, aber heute weiß ich sie nicht mehr. Auch ein paar Worte in der Zigeunersprache habe ich von ihm gelernt, aber die habe ich alle wieder vergessen, weil es doch so lange her ist.
"Schade", meinte das Zwieselchen. "Ich hätte so gern gehört, wie die Zigeunersprache ist. Aber vielleicht lerne ich sie, wenn ich in die Schule komme." [...]  (S.79-82)
 
Zwieselchen im Warenhaus Wertheim; 
Zwieselchen geht verloren; 
Zwieselchen ertappt eine Diebin; 
Zwieselchen schläft im Warenhaus ein und träumt von einer Reise nach dem Winterland und nach Italien; 
Zwieselchen und das Osterwasser; 
Zwieselchen rettet den Osterhasen; 
Zwieselchen reist ans Meer.

13 Februar 2026

Robert Harris: Konklave

 Robert Harris: Konklave

Das Buch liest sich gut und ist geeignet, eine Vorstellung dafür zu entwickeln, wie die Vorgänge sich abgespielt haben könnten und wie unterschiedlich die Personen und ihre Interessenlagen sind.

Das Buch ist freilich - wie Harris' Bücher über Cicero - eine differenzierte Darlegung darüber, wie die Vorgänge sich im einzelnen abgespielt haben. Das ist aber auch nicht die Aufhabe eines solchen Buches.

sieh auch: https://fontanefan3.blogspot.com/2025/04/robert-harris-imperium.html


12 Februar 2026

Hermann Hesse: Demian

 Hermann Hesse: Demian, 1919

Inhalt Wikipedia:
"Der Schriftsteller Emil Sinclair erzählt im Rückblick die Geschichte seiner Kindheit und Jugend. Stufenartig wird die Entwicklung des Protagonisten vom zehnjährigen Lateinschüler zum 18-jährigen Studenten und dann zum jungen Soldaten geschildert. Mit jeder Etappe gewinnt er an Selbstvertrauen und eigenem Charakter, mit jedem Schritt findet Sinclair mehr zu sich. Zugleich aber enthält der Roman eine radikale Kritik der dualistischen christlichen Moral und Dogmatik mit dem Ziel, eine anders geartete, bipolarische und nichtpatriarchale Kultur zu schaffen. Symbol dieses Kulturwandels ist die große Eva-Mutter, aus der am Ende eine neue Menschheit hervorgeht.

Einstieg

Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“[2]

Zwei Welten

Im frühesten Kindesalter spürt Sinclair die Existenz zweier Welten in seinem Leben: Die eine ist die warme, lichte, geborgene, saubere und liebe Vater- und Mutterwelt. Ihr gegenüber steht die andere, die verbotene, dunkle, böse, allgemein gegensätzliche Welt, die ihm spannender und verlockender erscheint. Diese fremde Welt begegnet dem sozial höhergestellten Lateinschüler Sinclair in dem drei Jahre älteren Volksschüler und Schneidersohn Franz Kromer. Mit einer erfundenen kleinen Räubergeschichte von einem Apfeldiebstahl, mit der er seinen Kameraden imponieren will, kommt er in die Knechtschaft Kromers. Dieser droht ihm, ihn anzuzeigen, wenn er kein Schweigegeld zahlt. Da er es nicht aufbringen kann – Sinclair bekommt, obwohl seine Eltern wohlhabend sind, zur Verwunderung Kromers kein Taschengeld –, lässt dieser ihn andere, demütigende Dinge tun. Der naive Sinclair fühlt sich immer mehr in die dunkle Welt hineingezogen, weil er zu Hause Geld stiehlt und sich nicht traut, seinen Eltern die Wahrheit zu beichten. In den kommenden Wochen wird er von Albträumen und Angstzuständen geplagt, seinen Eltern gegenüber verhält er sich zunehmend verschlossen. Sinclair bekennt: „Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich längst nicht mehr genau trennen.“ Er wird immer mehr von Kromer unter Druck gesetzt und ausgenutzt und sieht angstvoll der Zerstörung seiner bisher heilen Welt entgegen.

Kain

Die Rettung aus dieser Zwangssituation kommt von einem neuen Schüler, dem mehrere Jahre älteren Max Demian. Dieser weckt das Interesse der Mitschüler durch sein intelligentes und erwachsenes Auftreten. Bei einem Spaziergang erzählt Demian Sinclair seine eigene Interpretation der Geschichte von Kain und Abel, wonach das Kainsmal keine offen sichtbare, also körperliche Markung seiner Schuld sei, sondern ein Zeichen von Überlegenheit und Charakterstärke. Er erkennt, dass Sinclair unter der Macht Kromers leidet, und schlägt ihm vor, die Kunst des „Gedankenlesens“ auszuprobieren. Dieser fragt sich verwundert: „Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die alles wusste? Die alles besser, klarer wusste als ich selber?“ Demian spricht mit Kromer und dieser lässt von da an sein Opfer in Ruhe. Sinclair verfällt in Euphorie, vermag aber nicht, gegenüber Demian Dankbarkeit zu empfinden. Stattdessen zieht er sich wieder in die heile Welt des Elternhauses zurück.

Der Schächer

In der Pubertät angekommen, spürt Sinclair Triebe aufkeimen, die er auf die dunkle Welt zurückführt. Er erkennt schließlich, dass auch diese in ihm stecken und er sie nicht einfach vergessen oder verdrängen kann. Im Konfirmationsunterricht trifft Sinclair erneut auf Demian. Die beiden kommen sich wieder näher, und es entwickelt sich eine Freundschaft. Ausgangspunkt ihrer weltanschaulichen Gespräche ist die Kreuzigungsgeschichte und die unterschiedliche Beurteilung der beiden mit Jesus hingerichteten Verbrecher. Hier zieht Demian eine Parallele zu seiner „Kain und Abel“-Interpretation. Sinclair sieht in Demian zunehmend einen Seelenbruder. Unter anderem zeigt dieser ihm, wie sich Menschen allein durch einen eigenen, starken Willen steuern lassen. Vor allem beeinflusst Demian ihn mit seinen kritischen Ansichten von Einseitigkeit des christlichen Gottes- und Weltbildes. Den biblischen Gott hält er für unvollkommen, da er nur die gute offizielle Hälfte vertrete, während die andere Hälfte, v. a. der sexuelle Bereich des normalen Lebens, dem Teufel zugeschrieben und von der Gesellschaft ohne Differenzierung totgeschwiegen werde. Sinclair erkennt in dieser Sicht seinen eigenen Widerspruch zwischen den zwei Welten und wird gewahr, dass dies kein persönlicher, sondern ein kulturell bedingter Konflikt ist. „In mir trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre, das ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt hatte.“ Demian sieht sich und seinen Freund als Vorbilder für eine andere Art zu leben, denn auch die Gedanken der anderen Hälfte müssten gelebt werden. Jeder müsse selbst für sich entscheiden, was ihm erlaubt und was verboten ist, da sich Regeln genauso wie gesellschaftliche Konventionen mit der Zeit ändern und Verbote nur in ihrer jeweiligen Zeitspanne gelten würden. Kurz vor der Konfirmation scheint sich Demian von Sinclair zu distanzieren. Emil sieht Max zum ersten Mal im Zustand der Meditation, seine eigenen Versuche gelingen ihm jedoch nicht. Nach der Konfirmation beginnt für ihn eine Zeit, in der die Kindheit um ihn her in Trümmer fällt.

Beatrice

Mit etwa 14 Jahren wechselt Sinclair auf das Gymnasium in St. und wohnt in der Knabenpension eines Lehrers. Fern von Demian nehmen seine seelischen Probleme wieder zu. Er wird durch Alfons Beck, den ältesten seiner Pension, zum Trinker und erlebt seine ersten Alkoholexzesse, so dass er mit der Zeit als berühmter Kneipenbesucher bekannt wird und ein immer selbstzerstörerischeres Verhalten an den Tag legt. Indes herrscht in seinem Innersten ein zwiespältiges Gefühlschaos: Während er sich zum Teufel und zur dunklen Welt abgeglitten sieht, sehnt Sinclair sich nach einer neuen Liebe und nach seinem Freund Demian. Auch anderen Leuten erscheint Sinclair als ein seelisches Wrack, allen voran seinen Eltern, die ihn bei einem Besuch kaum wiedererkennen und befürchten, dass er von der Schule verwiesen wird. Sein innerer Konflikt beginnt sich zu lösen, als er einer jungen Frau begegnet, die er heimlich verehrt. Er nennt sie Beatrice, in Anlehnung an ein englisches Gemälde, das er stets bei sich trägt und das Dantes Jugendliebe Beatrice Portinari zeigt. Er verklärt sie zu einem Heiligtum und kehrt der bösen Welt schlagartig den Rücken. Manchmal ganz in einer Traumwelt lebend, beginnt er, Zeichnungen von seiner Beatrice anzufertigen. In diesen erkennt er Merkmale und Gesichtszüge von Demian und später auch von sich selbst: „Das Bild glich mir nicht – das sollte es auch nicht, fühlte ich – aber es war das, was mein Leben ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon.“ Durch eine innere Verbundenheit mit den Bildern entwickelt er ein neues Ideal, das ihn leitet. Seine Schulnoten verbessern sich wieder, aber seine Wandlung isoliert ihn von den Kameraden. Er lebt „in einer ganz unwirklichen Welt“ mit Träumen und Erwartungen. Schließlich zeichnet der jetzt 16-Jährige nach dem Vorbild des Wappenvogels über dem Portal seines Elternhauses, auf den ihn einst Demian aufmerksam gemacht hat, das Traumbild eines Vogels, der aus einer Weltkugel hervorkommt, und sendet es an seinen Freund.

Der Vogel kämpft sich aus dem Ei

Bald darauf findet Sinclair in seiner Schulklasse einen kleinen Zettel in seiner Mappe, auf dem Demians Worte stehen: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“ Schon in der nächsten Unterrichtsstunde erfährt Sinclair, dass Abraxas der Name einer Gottheit ist, die Göttliches und Teuflisches vereint. Sein Interesse an dieser mysteriösen Göttergestalt ist augenblicklich geweckt. Nach erfolgloser Suche in der Bibliothek gelangt Emil, von seinem Verlangen nach Musik geleitet, zu dem Organisten namens Pistorius, einem ehemaligen Theologiestudenten. Dieser erzählt Sinclair einerseits von Abraxas als dem Einenden der zwei gegensätzlichen Welten, andererseits von dem „großen Menschheitsbesitz“, den jeder Mensch mit sich trage. All das, was jemals in einer Menschenseele gelebt habe, befinde sich auch in jedem einzelnen Individuum. Wer sich dessen bewusst sei, sei Mensch im eigentlichen Sinn. Pistorius hegt Zweifel am christlichen Gottesbild, verweist auf Abraxas und bestärkt Sinclair darin, sich mehr auf die eigene Stimme zu verlassen als auf die Meinung anderer.

Jakobs Kampf

Unterdessen zieht Sinclair durch seine Ausstrahlung den spirituell suchenden Mitschüler Knauer an, doch er kann ihm nicht helfen und sagt ihm, er müsse seinen eigenen Weg suchen. Knauer ist verzweifelt und Emil verhindert, von einer inneren Macht an den Unglücksort gezogen, seinen Selbstmord. Gegen Ende seiner Gymnasialzeit trennt sich der inzwischen 18-jährige Sinclair von seinem Führer Pistorius, der sich trotz seiner Botschaft zur Selbstfindung an traditionelle Werte, die Tradition seiner Musik, gebunden fühlt und Sinclairs radikalen Schnitt für sich nicht vollziehen kann. Der individuelle Weg, schicksalhaft nur den inneren Bedürfnissen entsprechend zu leben und auch Verbrechen nicht auszuschließen, bedeute die extreme Einsamkeit: „Wer wirklich gar nichts will als sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein und hat nur den kalten Weltenraum um sich. […] das ist Jesus im Garten Gethsemane.“ Emil dagegen hat erkannt, dass es für erwachte Menschen wichtig ist, dem ureigenen Weg zu folgen, indem man auf sein Inneres hört. Für jeden existiere ein eigenes „Amt“, das ihm das Schicksal zuweise, und dem er nachgehen müsse.

Frau Eva

Mit 18 Jahren beginnt Sinclair das Studium der Philosophie an der Universität H. Er betrachtet nun die Kneipengänger aus einer vollkommen anderen Perspektive und fühlt sich dieser Welt nicht mehr zugehörig. Er trifft – durch sein inneres Verlangen geleitet – wieder auf Demian und dieser lädt ihn in das Haus seiner Mutter ein. In der Halle hängt sein Sperberbild, das er dem Freund geschickt hat, und Sinclair erkennt, dass Demians Mutter, von ihren Vertrauten „Frau Eva“ genannt, dem oft von ihm gezeichneten Traumgesicht gleicht. Sie wird zu seinem neuen Leitbild, ist für ihn Dämon und Mutter, Schicksal und Geliebte, schön und verlockend, und gibt ihm die Kraft, ohne Angst und Unsicherheit auf sich selbst vertrauen zu können: „Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu fühlen, dass es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Innern und wolle nur tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir klangen wie Antworten meines Unbewussten auf brennende Fragen, die mich bewegten.“ Frau Eva, Sinclair und Demian bilden in den kommenden Monaten eine enge, harmonische Gemeinschaft und den Kern eines Kreises „Suchende[r] von sehr verschiedener Art“, die sich durch das Kainszeichen und durch ihre Kritik an der „schreiende[n] Verödung des Geistes“ im jetzigen Europa verbunden fühlen. Gemeinsam bereiten sie sich auf den Zusammenbruch und die Neugeburt Europas vor, die sie erfühlen und für notwendig halten. Frau Eva spürt Sinclairs Liebe zu ihr und erklärt ihm, dass sie sich ihm nicht verschenken, sondern von ihm gewonnen werden will, indem seine Liebe sie zu ihm zieht.

Anfang vom Ende

Nach einigen Monaten des Glücks in der „Trauminsel“ in H. ahnt Sinclair, dass dieser Zustand nicht anhalten wird und er wieder in der kalten Welt der anderen stehen würde. Er sucht Hilfe bei Frau Eva und fasst sein ganzes Bewusstsein zusammen, um die Geliebte zu sich zu ziehen. Doch sie folgt ihm nicht, sondern schickt ihm Demian, der ihm die Wende verkündet: Die Welt scheint zusammenzustürzen, der Erste Weltkrieg hat begonnen. Die Freunde werden Soldaten und kämpfen an der Front. Sinclair spürt, dass der von dem Kreis der Erleuchteten ersehnte Zusammenbruch des alten Systems beginnt, und deutet dementsprechend den Hass der Gegner aufeinander: „Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspalteten Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und das Ei war die Welt, und die Welt musste in Trümmer gehen.“ In einer Vision sieht Sinclair in einer Wolke Frau Eva als mächtige Muttergöttin, die die Menschheit in sich aufnimmt, um sie neu zu gebären. Aus ihrer Stirn löst sich ein Stern. Es ist ein Geschoss, das Sinclair schwer verwundet. Im Lazarett liegt der sterbende Demian neben ihm und sagt ihm, dass er ihn nicht mehr wie damals vor Kromer beschützen kann. Aber er sei in ihm und er müsse in sich hineinhorchen. Dann gibt er dem Freund einen Kuss von Frau Eva. Sinclair findet fortan den Freund und Führer in sich selbst, dort „wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern“, und dieser ist eins mit ihm geworden."

meine Inhaltsangabe zur Zeit meiner Erstlektüre (1960/70?)
Vorwort: Jeder Mensch ist einmalig, "in jedem ist der Geist Gestalt geworden", und jeder strebt "seinem eigenen Ziele zu".
1.Kapitel: Zwei Welten:
Für Sinclair gab es immer zwei Welten, eine lichte Welt der Ordnung, Liebe und Klarheit, die von seinen Eltern repräsentiert wurde, und die dunkle Welt, der Unruhe und der Sinnlichkeit, die aufregend und deshalb anziehend war, obwohl er wusste, dass sie verboten und gefährlich war. Diese Welt war überall außerhalb des Einflussbereiches der Eltern.
Diese dunkle Welt brach in der Person des Franz Krombach, dem Sinclair, um ihm zu imponieren, eine Geschichte von einem Apfeldiebstahl vorgelogen hatte, in Sinclairs Leben ein. Dieser erpresste ihn mit der Drohung, dies angebliche Vergehen zu verraten, zu allerlei kleineren Diebstählen und Taten der Unterwerfung unter Franzens willen. Dadurch entfremdete er Sinclair seinen Eltern, so dass dieser (Sinclair) keine Möglichkeit sieht, sie um Hilfe anzugehen."

Dies Buch war das einzige Buch von Hesse, das mir von Anfang an großen Eindruck gemacht hat. Ich nehme daher an, dass ich es am Ende meiner Gymnasialzeit (das Wahrscheinlichere) oder im Anfang meines Studiums gelesen habe (auf jeden Fall vor dem 16.3. 1984, denn so ist der folgende Eintrag notiert). Imponiert hat mir damals der gut-böse Gott, der nicht einer der beiden Welten zuzuordnen ist.  Wikipedia: "Als Zeitzeuge äußerte sich Thomas Mann: „Unvergesslich ist die elektrisierende Wirkung“ des Demian, „eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens entstanden (während es ein schon Zweiundvierzigjähriger war, der ihnen gab, was sie brauchte), zu dankbarem Entzücken hinriß“."[41]  [heute: midlife-crisis].

11 Februar 2026

John Steinbeck: Früchte des Zorns

 John Steinbeck: Früchte des Zorns, 1939

Kapitel 1:

To the red country and part of the gray country of Oklahoma, the last rains came gently, and they did not cut the scarred earth. The plows crossed and recrossed the rivulet marks. The last rains lifted the corn quickly and scattered weed colonies and grass along the sides of the roads so that the gray country and the dark red country began to disappear under a green cover. In the last part of May the sky grew pale and the clouds that had hung in high puffs for so long in the spring were dissipated. The sun flared down on the growing corn day after day until a line of brown spread along the edge of each green bayonet. The clouds appeared, and went away, and in a while they did not try any more. The weeds grew darker green to protect themselves, and they did not spread any more. The surface of the earth crusted, a thin hard crust, and as the sky became pale, so the earth became pale, pink in the red country and white in the gray country. In the water-cut gullies the earth dusted down in dry little streams. Gophers and ant lions started small avalanches. And as the sharp sun struck day after day, the leaves of the young corn became less stiff and erect; they bent in a curve at first, and then, as the central ribs of strength grew weak, each leaf tilted downward. Then it was June, and the sun shone more fiercely. The brown lines on the corn leaves widened and moved in on the central ribs. The weeds frayed and edged back toward their roots. The air was thin and the sky more pale; and every day the earth paled.

Wikipedia: "Das Schicksal der sogenannten Okies wird anhand der Farmerfamilie Joad, die trotz aller Entbehrungen und Demütigungen ihre Menschlichkeit und Würde bewahrt, exemplarisch geschildert. [...]
Hochverschuldet verlieren die Joads ihr Farmland an eine Bank. Wie Hunderttausende anderer so genannter Okies ziehen sie von der Dust Bowl über die Route 66 nach Kalifornien, um sich dort als Wanderarbeiter zu verdingen. Doch statt der erhofften, gut bezahlten Arbeit erwartet sie dort nur AusbeutungHunger und Fremdenfeindlichkeit.
[...] Das Auseinanderfallen der Familie geht einher mit dem Aufgehen der Einzelschicksale in eine Schicksalsgemeinschaft von Tausenden. Als Rose eine Totgeburt erleidet, kommt es zu einer Schlussszene [...]"

Zitat:
"Mutter sagte: 'Still! Sei nur ruhig. Wir denken uns was aus.'
Plötzlich rief der Junge: 'Er stirbt doch, sag ich Ihnen! Er verhungert! Er stirbt!'
'Still', sagte Mutter. Sie sah Vater und Onkel John an, die hilflos dastanden und den kranken Mann betrachteten. Sie sah Rose von Sharon an, ihre Augen wichen den Augen des Mädchens aus und begegnete ihnen dann wieder. Und die beiden Frauen blicken tief ineinander hinein. Der Atem des Mädchens kam kurz und stoßweise. Sie sagte: 'Ja.'
Mutter lächelte. 'Ich habe’s gewusst. Ich habe gewusst, du wirst's machen! 'Sie blickte herab auf ihre Hände, die sie fest ineinander verschlungen im Schoß hielt.
Rose von Sharon flüsterte: 'Wollt ihr… Wollt ihr dann bitte alle rausgehn?'
[...] Eine Minute lang saß Rose von Sharon still in der Scheune, auf deren Dach leise der Regen flüsterte. Sie ging langsam hinüber in die Ecke und blickte herab in das verwüstete Gesicht, in die großen angstvollen Augen. Und dann legte sie sich neben ihn. Er schüttelte müde den Kopf. Rose von Sharon lockerte ihre Decke an einer Seite und entblößte ihre Brust. 'Du musst', sagte sie. Sie drängte sich dichter an ihn und zog seinen Kopf zu sich heran. 'Komm, hier!' sagte sie. 'So.' Sie schob ihre Hand hinter seinem Kopf und stützte ihn. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar. Sie blickte auf und durch die Scheune, und ihre Lippen schlossen sich und lächelten geheimnisvoll." (S.477)

Wikipedia: "Steinbecks Roman erschien in den Vereinigten Staaten am 14. April 1939 im Buchhandel.[2][3] Trotz Anfeindungen aus den Reihen der politischen Rechten und der Großgrundbesitzer bis hin zu Verboten und Bücherverbrennungen[4] sowie kontroverser Diskussionen in Fachkreisen wurde der Roman 1940 mit dem Pulitzer-Preis und 1962 Steinbeck mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Bereits 1940 entstand eine gleichnamige Verfilmung von Regisseur John Ford mit Henry Fonda als Protagonist Tom Joad, John Carradine als Jim Casy und Jane Darwell als Mutter. Fords Film, der selbst Klassikerstatus erreichte und mehrere Oscars gewann, blieb die bis heute einzige Verfilmung des Romans. Ein Theaterstück von Frank Galati stammt aus dem Jahr 1990.

Der amerikanische Folksänger Woody Guthrie widmete der Romanfigur Tom Joad eine Ballade. Diese wurde später auch von Andy Irvine aufgenommen und abgewandelt. 1991 nahm die englische Band Camel das Konzeptalbum Dust And Dreams auf, das die Handlung des Romans nacherzählt.

Bruce Springsteen benannte 1995 ein Lied und Album, in denen er die sozialen Missstände in Amerika anprangert, The Ghost of Tom Joad. Der Titeltrack wurde fünf Jahre später von Rage Against the Machine gecovert. Den Namen Ghost of Tom Joad gab sich im Jahr 2006 eine Post-Punk-Band in Münster. Im Jahr 2000 benannte sich eine Hamburger Band Früchte des Zorns. Die Alternative-Rock-Band Weezer veröffentlichte 2021 einen Song namens Grapes of Wrath."

03 Februar 2026

Weitere Ausschnitte aus Copperfield (ohne präzise Angaben)

 53. Kapitel

Ich muß wieder eine Pause machen. In dem Gedränge der Gestalten in meiner Erinnerung steht ruhig und still mein kindisches Frauchen und sagt in ihrer lieblichen unschuldsvollen Schönheit: »Bleib stehen und denk an mich! – Sieh herab auf die kleine Blüte, wie sie zu Boden flattert.« Alles andere verblaßt und verschwindet. Ich bin wieder mit Dora in unserm Landhäuschen. Ich weiß nicht, wie lange sie krank gewesen ist. Ich bin so daran gewöhnt, daß ich die Tage nicht mehr zählen kann.

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Ich setze mich ans Feuer und denke mit Reue an alle jene heimlichen Gefühle, die ich während meiner Ehe empfunden habe. Ich denke an jede Kleinigkeit, die zwischen mir und Dora vorgefallen ist, und fühle die Wahrheit, daß Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen. Und immer steigt aus dem Meer meiner Erinnerungen das Bild des lieblichen Kindes auf, wie ich sie zuerst kennen lernte; verschönt durch unsere jugendliche Liebe, – mit all den Reizen geschmückt, an denen eine solche Liebe so reich ist. Würde es in der Tat nicht besser gewesen sein, wenn wir wie Kinder einander geliebt und wieder vergessen hätten? Wie die Zeit dahin geht, weiß ich nicht, bis mich der alte Gefährte meines kindischen Frauchens aus meinen Gedanken aufschreckt. Ruheloser noch als vorhin kriecht er aus seiner Hütte heraus und schleppt sich nach der Tür und winselt und will hinaufgelassen werden. »Heute Nacht nicht, Jip. Heute nicht.« Er schleicht langsam zu mir zurück, leckt mir die Hand und sieht mich mit seinen glanzlosen Augen an. »O Jip! Vielleicht nie, nie wieder.«

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Er legt sich zu meinen Füßen nieder, streckt sich aus wie zum Schlafen und ist mit einem Winseln – tot. »Ach Agnes! Sieh, sieh hier!« Und ihr Gesicht! So voll Mitleid und Gram, von Tränen überströmt, der stumme schreckliche Blick und die feierlich nach oben deutende Hand! »Agnes?« »Es ist vorbei!« Es wird Nacht vor meinen Augen, und für eine Zeitlang ist alles aus meinem Gedächtnis ausgelöscht.   

Vierzehntes Kapitel 

Ich will nicht auf die Schilderung meines Gemütszustandes während der Last meines Kummers eingehen.

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Wann zuerst der Vorschlag auftauchte, ich sollte Wiederherstellung meines Seelenfriedens in Ortsveränderung und Abwechslung suchen oder eine große Reise machen, weiß ich nicht mehr genau. Agnes Geist durchdrang so sehr alles, was wir dachten, sagten, taten, in jener Zeit des Kummers, daß ich wohl recht haben werde, wenn ich den Plan ihrem Einflusse zuschreibe.

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möchte Solawechsel mit achtzehn, vierundzwanzig und dreißig Monaten Ziel vorschlagen. Meine ursprüngliche Proposition war zwölf, achtzehn und vierundzwanzig Monate Ziel, aber ich bin nicht ohne Besorgnis, ob ein solches Arrangement genügend Zeit gibt, bis zum Augenblick, wo – sich etwas findet. Es wäre wohl möglich,« sagte Mr. Micawber mit einem Blick, als habe er einige hundert Äcker trefflich angebauten Landes um sich, »daß zur Verfallzeit des ersten Papieres die Ernte noch nicht gut ausgefallen oder unter Dach und Fach ist. Wenn ich nicht irre, sind Arbeiter in dem Teil unserer Kolonien, den das Geschick uns vorschreibt, dem üppigen Boden die Frucht zu entwinden, manchmal schwierig zu erlangen.« »Richten Sie es sich ganz ein, wie Sie wollen, Sir,« sagte meine Tante. »Maam! Mrs. Micawber und ich empfinden aufs tiefste die außerordentliche Güte unserer Freunde und Gönner. Ich wünsche vor allen Dingen als Geschäftsmann hinsichtlich Pünktlichkeit makellos dazustehen. Da wir jetzt ein ganz neues Blatt im Leben umzuwenden im Begriffe stehen und zurückgetreten sind, um einen Anlauf von nicht unbedeutender Länge zu nehmen, so gebieten mir das Gefühl der Selbstachtung und außerdem das Bestreben, meinem Sohne ein Beispiel zu geben, daß dieses Arrangement getroffen werde, wie es Männern geziemt.«

Yellow highlight | Location: 3,259

»Lieber Copperfield,« begann Traddles, als sie fort waren, und lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah mich mit einem Mitgefühl an, das seine Augenlider rötete und sein Haar nach allen Richtungen zu Berge stehen machte, »ich entschuldige mich nicht bei dir, wenn ich dir mit Geschäftsangelegenheiten komme, da ich weiß, wie sehr die Sache zu deiner Zerstreuung dienen wird. Lieber Freund, ich hoffe, du bist nicht zu abgespannt?« »Nein,« sagte ich nach einer Pause. »Wir haben mehr Ursache, an meine Tante zu denken als an jeden andern. Du weißt, wieviel sie getan hat.« »Gewiß, gewiß! Wer könnte das vergessen.« »Aber das ist noch nicht alles. Während der letzten vierzehn Tage hat irgendein neuer Kummer sie heimgesucht, und täglich war sie in London und manchmal ging sie sehr früh aus und kam erst abends wieder. Gestern, Traddles, kam sie trotz der bevorstehenden Reise hierher erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Du weißt, wieviel Rücksichten sie immer auf andere nimmt. Sie will mir die Ursache ihres Kummers nicht sagen.«

Yellow highlight | Location: 3,285

»Nachdem wir die vorhandenen Kapitalien und eine Unmasse unabsichtlicher Verwirrungen und ebensoviel absichtlicher Irrtümer und Verfälschungen in Ordnung gebracht haben, können wir als ausgemacht annehmen, daß Mr. Wickfield sein Geschäft ohne Defizit zu liquidieren imstande ist.« »Gott sei gepriesen!« rief Agnes voll Innigkeit aus. »Aber,« fuhr Traddles fort, »der zu seinem Lebensunterhalt unentbehrliche Überschuß, selbst den Erlös aus dem Hausbesitz mit eingerechnet, wäre so unbedeutend, wahrscheinlich kaum ein paar hundert Pfund, daß man bedenken muß, Miß Wickfield, ob er nicht lieber die Verwaltung der Grundstücke, die er so lange inne hatte, behalten sollte. Seine Freunde könnten ihm jetzt, wo er frei ist, mit Rat zur Seite stehen. Sie selbst, Miß Wickfield, – Copperfield, – ich –« »Ich habe es mir überlegt, Trotwood,« sagte Agnes und sah mich an, »und fühle, daß es besser nicht sein sollte, ja, nicht sein darf, selbst nicht auf die Empfehlung eines Freundes hin, dem ich soviel verdanke.« »Ich will nicht sagen, daß ich es empfehle,« bemerkte Traddles. »Ich hielt es nur für meine Pflicht, es zu erwähnen. Weiter nichts.«

Yellow highlight | Location: 3,336

Aber ich glaube, du würdest finden, Copperfield, wenn du Gelegenheit hättest seinen Lebenslauf zu verfolgen, daß diesen Menschen Geld nicht vor Mißgeschick schützen wird. Er ist ein so eingefleischter Heuchler, daß er alles, was er verfolgt, auf krummen Wegen verfolgen muß. Das ist sein Lohn für den Zwang, den er sich auferlegt. Da er immer auf dem Boden kriecht, wenn er das eine oder andere kleine Ziel verfolgt, so muß ihm unterwegs alles vergrößert erscheinen, und er wird daher jeden hassen und im Verdacht haben, der in der unschuldigsten Weise zwischen ihn und sein Ziel tritt. So werden notwendigerweise seine Wege immer krummer und krummer werden beim geringsten Anlaß.« »Er ist ein Ungeheuer an Niederträchtigkeit,« bemerkte meine Tante. »Das weiß ich nicht so genau,« meinte Traddles gedankenvoll. »Viele Leute können sehr niederträchtig sein, wenn sie sich solchen Angewohnheiten einmal hingegeben haben.«

Yellow highlight | Location: 3,758

Siebzehntes Kapitel 

Noch eins blieb mir zu tun. Ich mußte das Geschehene den Abreisenden verheimlichen und sie in glücklicher Unwissenheit scheiden lassen. Es galt keine Zeit zu verlieren. Ich nahm Mr. Micawber noch am selben Abend beiseite und betraute ihn mit dem Auftrag, von Mr. Peggotty jede Nachricht von dem neuen Unglück fern zu halten. Er übernahm das Amt mit großem Eifer und versprach jede Zeitung zu beseitigen, die unsere Maßnahme hätte vereiteln können. »Wenn er eine in die Hand bekommt, Sir,« sagte Mr. Micawber und schlug sich auf die Brust, »so muß sie erst durch diesen Leib gehen.«

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Mrs. Traddles, aus deren gemütvollen Augen eitel Freude und stille Ruhe strahlten, bereitete den Tee und röstete dann ruhevoll in ihrer Ecke am Feuer den Toast. Sie hätte Agnes besucht, erzählte sie mir dabei. Tom und sie hätten eine Hochzeitsreise nach Kent gemacht und bei dieser Gelegenheit auch meine Tante besucht, die sich, wie auch Agnes, wohl befände, und sie hätten von nichts als von mir gesprochen. Tom hätte überhaupt an nichts anderes als an mich gedacht während meiner ganzen Abwesenheit. Tom war die Autorität für alles. Tom war offenbar der Abgott ihres Lebens, der durch nichts von seinem Throne gestürzt werden konnte;

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Die Ehrerbietung, die sowohl sie wie Traddles vor der »Schönheit« an den Tag legten, machte mir viel Spaß. Es kam mir zwar nicht sehr verständig vor, aber erfreulich, und paßte sehr gut zu ihnen. Gewisse Anzeichen von Launenhaftigkeit, die ich an der »Schönheit« bemerkte, betrachteten er und seine Gattin offenbar als ein angestammtes Recht und eine Gabe der Natur. Wären sie selbst als Arbeiterbienen geboren worden und die »Schönheit« als Bienenkönigin, so hätten sie nicht zufriedener sein können. Und diese Selbstlosigkeit freute mich an ihnen. Ihr Stolz auf die Mädchen und ihre Nachgiebigkeit allen ihren Launen gegenüber waren das hübscheste Zeugnis ihres eignen Wertes, das man sich nur wünschen konnte. Wenigstens zwölfmal in jeder Stunde wurde der »gute, liebste Traddles« von einer oder der andern seiner Schwägerinnen gebeten, das oder jenes zu reichen, wegzustellen oder aufzuheben, etwas zu holen oder zu suchen. Ebensowenig konnte etwas ohne Sophie geschehen. Der einen fiel der Zopf herunter, und bloß Sophie konnte ihn wieder aufstecken. Die eine konnte sich nicht auf eine bestimmte Melodie erinnern, und nur Sophie konnte sie richtig summen.

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Sie waren vollständig Herrinnen im Hause, und Sophie und Traddles warteten ihnen auf. Wieviel Kinder Sophie auf einmal hätte unter ihre Obhut nehmen können, kann ich mir nicht vorstellen, aber sie schien jedes Lied zu kennen, das einem Kinde in englischer Sprache je vorgesungen worden war, und sie sang auf Wunsch Dutzende hintereinander mit der hellsten, lieblichsten Stimme der Welt – jede Schwester bestellte ein anderes, und die »Schönheit« kam meistens zuletzt –, so daß ich ganz entzückt war.

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Der Gedanke an diese Mädchen aus Devonshire, mitten unter den vertrockneten Federfuchsern und Advokatenbureaus, an die Kinderlieder in der gestrengen Atmosphäre von Radierpulver und Pergament, rotem Band, staubigen Oblaten, Tintenkrügen, Aktenpapier und Gerichtsschreiben, erschien mir so märchenhaft, als ob die berühmte Familie des Sultans von Tausendundeiner Nacht samt dem singenden Baum, dem redenden Vogel und dem goldnen Wasser mit nach Grays Inn übergesiedelt wäre.

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ich kam in die stillen Straßen, wo jeder Stein ein Kinderbuch für mich war.

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Sie war so schön, so gut, so offen, – ich schuldete ihr so viel Dank, daß ich keine Worte für meine Empfindungen zu finden vermochte. Ich versuchte ihr zu sagen und zu danken, wie schon so oft in meinen Briefen, welchen Einfluß sie auf mich gehabt habe; aber vergebens. Meine Liebe und meine Freude waren stumm. Mit der ihr eignen lieblichen Ruhe besänftigte sie meine Aufregung, führte mich zurück zu der Zeit unseres Abschieds, erzählte mir von Emly, die sie vor der Auswanderung im geheimen viele Male besucht hatte, sprach mit zartsinnigem Mitleid von Doras Grab. Mit dem niemals irrenden Instinkt ihres Herzens berührte sie die Saiten in meiner Erinnerung so sanft und harmonisch, daß auch nicht eine einzige verstimmt erklang. Ich konnte der trauervollen fernen Musik zuhören, ohne Schmerz zu empfinden. Wie hätte es auch anders sein können, wo alles von ihr, dem guten Engel meines Lebens, durchdrungen war. »Und du, Agnes?« fragte ich endlich, »erzähl mir von dir! Du hast mir noch kein Wort gesagt, wie es dir die ganze Zeit über ergangen ist.« »Was soll ich dir erzählen!« gab sie mit ihrem strahlenden Lächeln zur Antwort. »Papa ist wohl. Du findest uns hier still und friedlich in unserm eignen Hause; unsere Sorgen sind zu Ende, unsere alte Umgebung ist wieder, wie sie war, und wenn du das weißt, lieber Trotwood, dann weißt du alles.«

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»Weiter nichts, Schwester?« Das Rot in ihren Wangen, das einen Augenblick verschwunden war, kehrte zurück und schwand wieder. Sie lächelte stilltraurig, wie mir schien, und schüttelte den Kopf. Ich hatte sie auf das bringen wollen, was meine Tante angedeutet; so tief schmerzlich es auch für mich sein mußte, das Geheimnis zu erfahren, so mußte ich doch mein Herz bezwingen und meine Pflicht gegen sie erfüllen. Doch als ich sah, daß sie unruhig wurde, gab ich es auf. »Du bist sehr beschäftigt, liebe Agnes?« »Mit meiner Schule?« fragte sie und blickte mich wieder mit ihrer alten heiteren Fassung an. »Ja. Es ist eine anstrengende Arbeit, nicht wahr?« »Die Arbeit ist so angenehm, daß es fast undankbar ist, sie eine solche zu nennen.« »Nichts Gutes ist schwer für dich,« sagte ich. Abermals wechselte sie die Farbe, und wieder sah ich dasselbe trübe Lächeln, als sie den Kopf neigte. »Du bleibst jetzt doch hier und wartest auf Papa?« fragte sie heiter, »und wirst den ganzen Tag mit uns verleben; vielleicht in deinem alten Zimmer schlafen. Wir nennen es immer noch dein Zimmer.«

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mit Freuden wollte ich den Tag über da bleiben. »Ich habe noch eine kleine Weile zu tun,« sagte sie, »aber hier sind die alten Bücher, Trotwood, und die alten Musikalien.« »Selbst dieselben Blumen sind noch da, wenn auch nicht die alten.« »Ich habe während deiner Abwesenheit ein Vergnügen darin gefunden,« gab Agnes lächelnd zur Antwort, »alles so zu erhalten wie in unserer Kinderzeit. Damals waren wir sehr glücklich, nicht wahr?« »Das weiß Gott.« »Und jede Kleinigkeit, die mich an meinen Bruder erinnerte,« und ihre herzlichen Augen ruhten fröhlich auf mir, »war mir ein willkommener Gefährte. Selbst dieses,« – sie zeigte auf das Schlüsselkörbchen an ihrer Seite, – »scheint mir eine Art vertraute Melodie zu klimpern.« Sie lächelte wieder und verließ durch die kleine Tür das Zimmer. Ich empfand es als Pflicht, ihre schwesterliche Liebe mit frommer Sorgfalt zu hüten. Sie war alles, was mir noch blieb, und ein Schatz. Wenn ich ihr ein einziges Mal die… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits.

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»Aber niemand weiß, wieviel sie getan, wieviel sie gelitten, wie sehr sie gekämpft hat. Gute Agnes!« Sie legte bittend die Hand auf seinen Arm, damit er schweige, und war ganz blaß geworden. »Nun, sei es,« sagte er mit einem Seufzer und, wie ich wohl merkte, über etwas hinweggehend, was mit dem von meiner Tante Geäußerten in Verbindung stehen mußte. »Ich habe wohl noch nie etwas von ihrer Mutter erzählt?« »Niemals, Mr. Wickfield.« »Es ist nicht viel zu erzählen, – obgleich sie viel zu leiden hatte; sie heiratete mich gegen ihres Vaters Willen, und er verstieß sie. Sie bat ihn ihr zu verzeihen, ehe Agnes auf die Welt kam. Er war ein sehr harter Mann, und ihre Mutter lag schon lange im Grabe. Er wies sie zurück. Er brach ihr das Herz.« Agnes lehnte den Kopf an ihres Vaters Schulter und schlang sanft den Arm um seinen Hals. »Sie hatte ein liebevolles und weiches Herz,« fuhr er fort, »und es brach. Ich wußte wohl, wie zart es war. Niemand konnte es so gut wissen wie ich. Sie liebte mich innig, fühlte sich aber nie ganz glücklich. Sie litt immer im geheimen unter diesem Kummer, und da sie zart war und schwermütig zur Zeit dieser letzten Abweisung – denn es war nicht das erste Mal –, siechte sie hin und starb. Sie hinterließ mir Agnes, zwei Wochen alt, und graues Haar – –.« Er küßte Agnes auf die Wange.

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»Beabsichtigst du England wieder zu verlassen?« fragte sie mich, als ich dann neben ihr stand. »Was meinst du darüber?« »Ich hoffe nicht.« »Dann beabsichtige ich es auch nicht, Agnes.« »Ich denke, du solltest es nicht tun, wenn du mich schon frägst,« sagte sie sanft. »Dein wachsender Ruf erschließt dir die Möglichkeit Gutes zu wirken, und wenn ich auch meinen Bruder entbehren könnte,« – ihre Augen ruhten still auf mir – »so könnte es vielleicht unsere jetzige Zeit nicht.« »Nur du hast mich zu dem gemacht, was ich bin, Agnes. Das weißt du am besten.« »Ich dich dazu gemacht, Trotwood?« »Ja, meine liebe Agnes!« sagte ich und beugte mich über sie. »Als wir heute beisammen saßen, versuchte ich, dir etwas zu sagen, was mir im Kopf herumging seit Doras Tod. Weißt du noch, als du zu mir in unser kleines Zimmer tratest, wie du aufwärts wiesest, Agnes?«

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»So, wie du damals vor mir standest, Schwester, habe ich deiner oft gedenken müssen. Du zeigtest mir immer nach oben, Agnes, und führtest mich zu immer Besserem und Höherem.« Sie, schüttelte nur den Kopf; durch ihre Tränen sah ich wieder das alte trübe Lächeln. »Und ich bin dir so dankbar dafür, Agnes, daß ich keinen Ausdruck dafür finde. Wenn ich es dir auch nicht sagen kann, wie ich möchte, so will ich, daß du weißt, wie ich mein ganzes Leben lang zu dir aufblicken und mich von dir leiten lassen möchte, wie damals durch die Dunkelheit, die jetzt vorüber ist. Was auch geschehen mag, welche neue Bande du knüpfen wirst, welche Veränderungen zwischen uns treten mögen, immer werde ich zu dir aufblicken und dich lieben wie von jeher. Bis ich sterbe, meine liebe Schwester,

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»Weißt du, Agnes, daß das, was ich eben von deinem Vater hörte, seltsamerweise ein Teil des Gefühls zu sein scheint, mit dem ich dich schon betrachtete, als ich dich das erste Mal sah und dann neben dir saß in meinen ungestümen Schuljahren?« »Du wußtest, daß ich keine Mutter hatte, und fühltest dich zu mir hingezogen.« »Mehr als das, Agnes. Ich wußte fast, als ob ich diese Geschichte gekannt hätte, daß etwas unerklärlich Mildes dich umgibt, etwas, was bei einer andern traurig gewirkt hätte, nur an dir nicht.« Sie spielte leise weiter und sah mich immer noch an dabei. »Du lächelst vielleicht darüber, daß ich solchen Phantasien nachhänge, Agnes?« »Nein.« »Oder wenn ich dir sage, daß ich damals schon fühlte, du werdest trotz aller Entmutigungen getreulich ausharren in deiner Liebe und nie damit aufhören bis zum Tod?« »O nein, o nein!« Einen Augenblick flog ein kummervoller Schatten über ihr Gesicht, aber noch während des Schreckens, den ich darüber empfand, war er bereits verschwunden.

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Einundzwanzigstes Kapitel 

Eine Zeitlang wohnte ich bei meiner Tante in Dover und schrieb dort ungestört und eifrig an meinem Roman an demselben Fenster, von dem aus ich einst auf den Mondschein auf dem Meere draußen geblickt hatte, als dieses Haus mir das erste Mal Obdach gewährte.

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An dem bestimmten Tag begaben wir uns nach dem Gefängnis, wo Mr. Creakle allmächtig war. Es war ein riesiges solides Gebäude, das unendlich viel Geld gekostet hatte. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, wieviel Geschrei wohl im Lande gewesen wäre, würde jemand vorgeschlagen haben, auch nur halb soviel zur Errichtung einer Industrieschule für die Jugend oder einer Stiftung für alte verdiente Bedürftige auszugeben. In einem Amtszimmer, das gerade so gut für das Erdgeschoß des Turms zu Babel gepaßt hätte, so fest war es, wurden wir unserm alten Schulmeister vorgestellt. Inmitten einer Gruppe von zwei oder drei geschäftseifrigen Beamten und einigen Gästen empfing mich Mr. Creakle wie ein Mann, der meinen Geist in früheren Zeiten gebildet und mich immer zärtlich geliebt hätte.

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Er sah viel älter aus als damals, aber keineswegs angenehmer.

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Als wir durch die prächtig gewölbten Gänge schritten, fragte ich Mr. Creakle und seine Freunde, worin denn eigentlich die Hauptvorzüge dieses alles überragenden »Systems« beständen. Die Vorzüge waren: vollständige Isolierung der Gefangenen, so daß keiner das geringste von den andern wüßte, und allmähliche Erziehung zu einem gesunden Gemütszustand, der schließlich zu aufrichtiger Reue führen sollte. Aber, als wir einzelne Zellen besichtigten und uns erklären ließen, wie die Gefangenen dem Gottesdienst beiwohnten, da kam es mir sehr wahrscheinlich vor, daß sie ziemlich viel voneinander wüßten und ein recht vollständiges System des Gedankenaustausches besäßen. Inzwischen ist das, glaube ich, nachgewiesen worden.

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Ich hörte so oft einen Numero 27 als Mustergefangenen erwähnen, daß ich mein Urteil verschob, bis ich ihn zu Gesicht bekäme. Numero 28 sei ebenfalls ein besonders heller Stern, hieß es, aber er hatte das Unglück, daß sein Glanz durch Numero 27 verdunkelt wurde. Ich hörte soviel von Nummer 27, seinen frommen Ermahnungen an alle, die in seine Nähe kämen, und von den schönen Briefen, die er rastlos an seine Mutter, die er auf sehr schlechtem Wege zu glauben schien, schriebe, daß ich darauf brannte, ihn kennen zu lernen.

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Um diesem Übelstande abzuhelfen und uns Gelegenheit zu geben, mit Numero 27 in seiner ganzen Reinheit sprechen zu können, ließ Mr. Creakle die Zelle aufsperren und den Gefangenen herauskommen. Wen anders erkannten Traddles und ich zu unserm größten Erstaunen in dem bekehrten Numero 27 als – Uriah Heep. Er bemerkte uns sofort und sagte schon beim Heraustreten mit seiner alten kriecherischen Verrenkung: »Wie geht es Ihnen, Mr. Copperfield und Ihnen, Mr. Traddles?« Die Erkennungsszene erregte die Verwunderung aller Anwesenden. Mir schien es, als seien alle tief ergriffen darüber, daß er nicht stolz war und uns beachtete. »Nun 27,« sagte Mr. Creakle mit schwermütiger Teilnahme, »wie befinden Sie sich zur Zeit?« »Ich bin sehr demütig, Sir.« »Das sind Sie immer, 27,« bestätigte Mr. Creakle. Ein Herr fragte angelegentlichst: »Befinden Sie sich wirklich recht wohl hier?« »Ja, ich danke Ihnen, Sir,« gab Uriah Heep zur Antwort und blickte den Fragenden an. »Ich fühle mich hier viel wohler als jemals draußen. Ich erkenne jetzt meine Fehler, Sir, und das ist so tröstlich.« Viele der Herrn waren tief ergriffen, einer drängte sich vor und forschte gefühlvoll: »Wie finden Sie das Rindfleisch?« »Ich danke Ihnen, Sir! Es war gestern zäher als wünschenswert, aber es ist meine Pflicht, zu dulden. Ich habe Torheiten begangen, meine Herrn,« sagte Uriah und blickte mit demütigem Lächeln umher, »und muß jetzt die Folgen ohne Murren tragen.«

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Damit auf uns Laien ein Übermaß von Licht herabstrahle, wurde auch 28 herausgelassen. Ich war schon so erstaunt, daß ich es nur noch zu einer Art resignierter Verwunderung bringen konnte, als Mr. Littimer heraustrat, in der Hand ein gutes Buch. »28,« sagte ein Herr mit Brillen, »Sie klagten vorige Woche über den Kakao, mein Bester. Wie ist er seitdem gewesen?« »Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Mr. Littimer. »Er war besser zubereitet. Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, es zu erwähnen, Sir, so glaube ich nicht, daß die Milch, mit der er gekocht wird, ganz echt ist, aber ich weiß recht gut, Sir, daß man sie in London sehr verfälscht und daß dieser Artikel in reinem Zustand nur schwierig zu erlangen ist.«

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»Haben Sie irgend etwas auf dem Herzen? Dann sprechen Sie es aus, 28.« »Sir,« sagte Mr. Littimer, ohne aufzublicken, »wenn mich meine Augen nicht täuschen, so ist ein Gentleman hier, der in meinem früheren Leben mit mir bekannt war. Es kann diesem Herrn vielleicht von Nutzen sein, wenn er erfährt, Sir, daß ich meine früheren Torheiten lediglich dem Umstand zuschreibe, daß ich ein gedankenloses Leben im Dienste junger Leute geführt habe und mich von ihnen zu Schwächen habe hinreißen lassen, denen zu widerstehen ich nicht stark genug war. Ich hoffe, der Gentleman wird das als Warnung annehmen und es mir nicht als Anmaßung auslegen. Es geschieht zu seinem Besten. Ich bin mir meiner früheren Torheit bewußt. Ich hoffe, er wird all die Schlechtigkeit und Sünde bereuen, an der er teilgenommen hat.«

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»Sie sind also ganz verändert?« fragte Mr. Creakle. »Der Himmel weiß es, Sir,« rief der hoffnungsvolle Büßer. »Sie würden nicht rückfällig werden, wenn Sie hinauskämen?« fragte jemand. »O Gott im Himmel nein, Sir.« »Das ist hocherfreulich,« triumphierte Mr. Creakle. »Sie haben vorhin Mr. Copperfield angesprochen, 27. Wünschen Sie ihm noch etwas zu sagen?« »Sie kannten mich lange Zeit, bevor ich hierher kam und mich änderte, Mr. Copperfield,« sagte Uriah mit seinem allerniederträchtigsten Blick, dessen er fähig war. »Sie kannten mich, als ich demütig war unter denen, die da stolz sind, und sanft unter den Gewalttätigen. Sie selbst waren einmal gewalttätig gegen mich, Mr. Copperfield. Einmal schlugen Sie mich ins Gesicht. Sie wissen doch.« Allgemeines Mitleid. – Verschiedne unwillige Blicke richteten sich auf mich. »Aber ich verzeihe Ihnen, Mr. Copperfield. Ich vergebe Ihnen allen. Es würde mir schlecht anstehen, Groll im Herzen zu hegen. Ich vergebe Ihnen aus eignem Antrieb und hoffe, Sie werden in Zukunft Ihre Leidenschaften bezähmen. Ich hoffe, Mr. W. wird bereuen und Miß W. und die ganze sündhafte Rotte.

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Es war ein charakteristischer Zug in dieser Besserungsanstalt, daß ich erst nach der Ursache der Gefängnisstrafe der beiden Verbrecher fragen mußte. Wie es schien, war das ein nebensächlicher Punkt, und ich wendete mich an einen der beiden Gefangenwärter, die, wie ich nach gewissen leisen Andeutungen in ihren Gesichtern merkte, sehr wohl wußten, wie sie mit den Sträflingen dran waren. »Wissen Sie vielleicht?« fragte ich, als wir den Gang entlang schritten, »aus welchem Verbrechen Numero 27s ›letzte Torheit‹ bestand?« Die Antwort war, es sei eine Banksache gewesen. »Ein Betrug gegen die Bank von England?« »Ja, Sir! Betrug, Fälschung, Komplott. Er und noch ein paar andere. Er war der Anstifter. Es war ein groß angelegter Plan, und es handelte sich um eine bedeutende Summe. Das Urteil lautet auf lebenslängliche Deportation. 27 war der schlauste Vogel von der ganzen Bande und log sich beinah heraus; aber nicht ganz. Die Bank war gerade noch imstande, ihn bei einem Fittich zu erwischen. – Aber nur mit knapper Not.«

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Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Weihnachten kam heran, und ich war bereits über zwei Monate in England. Ich hatte Agnes oft gesehen. So laut mich auch die Stimme der Öffentlichkeit in der Schriftstellerei ermutigte und zu immer eifrigeren Anstrengungen anstachelte, das leiseste Wort ihres Lobes ging mir doch über alles. Wenigstens einmal in der Woche ritt ich nach Canterbury und brachte den Abend bei ihr zu. Meistens kehrte ich nachts zurück und war froh, mir körperliche Bewegung verschaffen zu können, denn das alte Leidgefühl überkam mich noch stärker, wenn ich lange mit Agnes beisammen gewesen war. Mit diesen Ritten verbrachte ich den längsten Teil manch trüber, trauriger Nacht, und die Gedanken, die mich während meines langen Aufenthalts im Auslande beschäftigt hatten, lebten dabei wieder in mir auf. Sie sprachen zu mir wie aus weiter Ferne, und ich hatte mich in mein Schicksal ergeben. Wenn ich Agnes meinen Roman vorlas, ihre aufmerksame Miene sah, sie zu Lächeln oder Tränen bewegte und ihre liebe Stimme so ernst sprechen hörte über die schemenhaften Ereignisse der phantastischen Welt, in der ich lebte, da dachte ich manchmal, welches Los mir hätte werden können. Ich wußte, ich hatte kein Recht zu murren, und mußte ruhig tragen, was ich mir selbst geschaffen. Aber ich liebte sie.

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Ich fand Agnes allein. Die kleinen Mädchen waren nach Hause gereist, und sie saß am Kamin und las.

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»Du hast ein Geheimnis,« sagte ich. »Laß es mich mit dir teilen, Agnes!« Sie schlug die Augen nieder und zitterte. »Es würde mir kaum entgangen sein,« sagte ich, »auch wenn ich es nicht gehört hätte – von andern Lippen als den deinen, Agnes, befremdlicherweise –, daß du jemand dein Herz geschenkt hast. Schließ mich nicht aus von dem, was dein Glück so nahe angeht! Wenn du mir so vertraust, wie ich weiß und wie du sagst, so laß mich dein Freund und Bruder in dieser Sache vor allen andern sein!« Mit einem flehentlichen, fast vorwurfsvollen Blick stand sie vom Fenster auf, eilte verwirrt in den Hintergrund des Zimmers, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus, daß es mir das Herz zerriß. Und doch erweckten diese Tränen etwas in mir wie leise Hoffnung. Ohne daß ich mir darüber klar werden konnte, warum, brachte ich sie mit jenem stillen, trüben Lächeln, das ich so gar nicht vergessen konnte, in Verbindung, und mehr Hoffnung als Besorgnis oder Schmerz durchbebte mich.

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»Ich muß dir alles sagen, so darfst du mich nicht verlassen!« rief ich. »Um Himmels willen, Agnes, laß kein Mißverständnis zwischen uns treten nach so vielen Jahren. Ich muß offen sprechen. Wenn du noch einen Gedanken hast, daß ich jemand das Glück, das du ihm gibst, neiden, daß ich nicht einem andern, den du liebst, weichen und aus der Ferne Zeuge deines Glücks sein könnte, so vergiß diesen Gedanken, denn ich verdiene ihn nicht. Ich habe nicht umsonst Leid ertragen. Es ist nichts Selbstsüchtiges in dem, was ich für dich fühle.« Sie war jetzt ruhiger geworden. Nach einer kleinen Pause wandte sie mir ihr blasses Gesicht zu und sagte mit leiser deutlicher, wenn auch stockender Stimme: »Ich schulde es deiner reinen Freundschaft, Trotwood, in die ich nicht den geringsten Zweifel setze, – dir zu sagen, daß du dich irrst. Mehr kann ich nicht tun. Wenn ich manchmal im Lauf der Jahre Hilfe und Rat gebraucht habe, so sind sie mir immer zuteil geworden. Wenn ich manchmal unglücklich gewesen bin, so ist es vorübergegangen. Habe ich jemals eine Last auf dem Herzen gehabt, so ist sie leichter geworden. Wenn ich ein Geheimnis habe, so ist es – kein neues und ist nicht – was du vermutest. Ich kann es nicht offenbaren oder mit dir teilen. Es ist lange mein gewesen und muß mein bleiben.« »Agnes! Bleib! Einen Augenblick!« Sie wollte weggehen, aber ich hielt sie zurück. Ich legte meinen Arm um sie. »Im Lauf der Jahre?« – »Es ist kein neues?« Neue Gedanken und Hoffnungen stürmten mir durch die Seele, und alle Farben meines Lebens veränderten sich. »Liebste Agnes! Die ich dich so verehre und achte, – so innig liebe! Als ich heute hierherkam, glaubte ich, daß mir nichts dieses Bekenntnis entreißen würde. Ich glaubte, ich könnte es in meiner Brust verschlossen halten, bis wir alt sein würden. Aber Agnes, wenn ich wirklich noch zu einer Hoffnung berechtigt bin, dich jemals anders nennen zu dürfen als Schwester! ...« Sie weinte wieder, aber nicht mehr wie vorhin, und ich sah meine Hoffnungen heller werden.

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ich glaube, mein achtlos blindes Herz hätte sich nie weg von dir verirrt. Aber du warst soviel besser als ich, mir so unentbehrlich in meinen knabenhaften Hoffnungen und Irrtümern, daß es mir zur zweiten Natur wurde, in allen Dingen dir zu vertrauen und meinen Halt an dir zu finden. Und so wurde die Liebe für jene Zeit in den Hintergrund gedrängt.« Sie weinte immer noch, aber nicht aus Schmerz, – sondern vor Freude.

31 Januar 2026

Karl Ove Knausgård: Rilke und ich

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"Mein ganzes Leben lang habe ich Rainer Maria Rilke gelesen, nie systematisch, immer sporadisch. Ich habe mir während der Lektüre Passagen und Sätze unterstrichen. Hier ein paar Beispiele: "Liebend stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten, wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern", "die herrlichen Überflüsse unseres Daseins, in Parken übergeschäumt", [...] 

Am Anfang meiner Lektüre standen nicht die Gedichte, sondern sein Roman. Als ich Rilke zum ersten Mal las, war ich Anfang zwanzig. Ich besitze das Exemplar der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge noch und sehe, dass ich fast jede Zeile unterstrichen habe. So gut gefiel mir das Buch. Damals, Ende der Achtziger- und bis zum Ende der Neunzigerjahre, wollte ich Schriftsteller werden. Das Problem war nur, dass ich nicht schreiben konnte, obwohl ich es wollte, und ich war so verzweifelt, dass ich überlegte, zu einem Hypnotiseur zu gehen. [...]

Dass es um eine Art Übertragung von einem Medium in ein anderes ging, aus dem inneren Leben zur Sprache auf dem Papier. So aber funktioniert das nicht. Im Schreiben entsteht etwas Neues, etwas, das vorher nicht da war, und es entsteht in der Begegnung zwischen dem Inneren und der Sprache, die etwas Neues erschafft, das wiederum dem Inneren und der Sprache begegnet, und so, in einer Kettenreaktion, wächst etwas völlig Neues heran. Als ich nicht schreiben konnte, schrieb ich, was ich bereits gedacht hatte, mein Denken und die Sprache des Denkens waren kongruent. Und ausgehend von dieser Voraussetzung erscheint das, was in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge geschieht, völlig unerreichbar. Wie war er nur auf Sätze gekommen wie diese: "Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, dass sie noch da sei. Ja, sie war noch da." [...]

Ich war mit meiner früheren Sprache eins gewesen, meine Identität hatte in ihr gelegen, doch als ich sie nun wechselte, entstand ein Abstand, und etwas, das nicht ich war, tauchte selbst in Sätzen auf, in denen ich "Ich" schrieb. Zwischen mir und der Sprache war ein Raum entstanden, und in diesem Raum entstanden Gedanken und Bilder, die ich nie zuvor gedacht oder gesehen hatte. Ich hatte sie geschrieben, besaß sie aber nicht, und erst da, als Schreiben das Gleiche geworden war wie Lesen, war ich ein Schriftsteller. Ein entscheidender Teil der Erfahrung bestand darin, dass ich beim Schreiben verschwand, so wie das Ich verschwindet, wenn man liest. In dem Jahr entstand ein 700 Seiten langer Roman. Und während ich ihn schrieb, lag auf meinem Schreibtisch Rilkes Roman zusammen mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für mich waren es die besten Romane, die jemals geschrieben worden waren, stilistisch waren sie unübertroffen, und wenn ich regelmäßig nach einem von ihnen griff und einige Sätze darin las, tat ich es, um zu prüfen, wie weit entfernt mein Niveau von ihrem war, aber auch aus dem Glauben heraus, dass dieses Niveau auf mich und mein Schreiben abfärben und es verbessern konnte.

[...]

Und hier sind wir am Kern des Problems: Wie soll ich Rilke und seine Literatur lokalisieren können, so wie sie in meinem Inneren existiert? Was geschieht eigentlich in unserem Inneren mit all dem, was wir gelesen haben? Etwas muss damit geschehen, nicht wahr – welchen Sinn hätte es, zu lesen, wenn nichts passiert, wenn es keine Konsequenzen hat, keine Spuren hinterlässt? Alles, was ich gelesen habe, ist offensichtlich ein Teil von mir; alles, was ich gedacht habe, basiert auf dem, was andere gedacht haben, oder ist identisch damit. Und es geht noch weiter, denn auch das, was wir sehen, sehen wir nicht selbst, ohne Hilfe. Ist es nicht so? Sehen wir die Welt nicht so, wie die Menschen vor uns die Welt gesehen haben? Sehen wir nicht mit den Augen der Toten? [...]"