"Claude Njiké-Bergeret wurde in Kamerun geboren und wuchs dort auf. Mit drei Jahren zog sie mit ihren Eltern in die Nähe von Bangangté, die dort ein christliches Mädcheninternat leiteten. In den engen Grenzen der Internatsschule Mfetom wuchs Njiké-Bergeret unter strenger Aufsicht ihrer Eltern auf. Sie nahm an dem Schulunterricht in Mfetom teil und baute dort Freundschaften zu Einheimischen auf. Sie erlernte die Sprache der Chefferie (Königreich) Bangangté. Die Bangangté werden den Bamileke zugeordnet. Ihr Oberhaupt, der Fon, hat ungefähr 60.000 Untertanen. 1956 zog Njiké-Bergeret mit ihrer Familie nach Frankreich, wo sie ihr Abitur ablegte. Nach abgebrochenem Studium der Philosophie und ihrer ersten Heirat begann sie ein Geografiestudium an der Universität Aix-en-Provence. Während dieser Zeit brachte sie zwei Kinder zur Welt (Serge 1966, Laurent 1968). Sie erlebte an der Universität die Studentenunruhen in Frankreich mit. Ihre erste Ehe wurde 1972 geschieden. 1974 verpflichtete sie sich für die Missionsgesellschaft, für die bereits ihr Vater arbeitete, für drei Jahre nach Kamerun zu gehen. Dort arbeitete sie als Lehrerin. Später trat sie die Nachfolge ihrer Eltern an, die ebenfalls nach Kamerun zurückgekehrt die Leitung der Schule in Mfetom wieder übernommen hatten. In dieser Zeit integrierte sie sich zunehmend ins gesellschaftliche Leben von Bangangté. Sie heiratete 1978 den Fon Francois Njiké Pokam, obwohl dieser bereits mit über zwei Dutzend Frauen verheiratet ein polygames Leben führte. Mit ihm bekam sie zwei weitere Kinder (Sophia 1978, Rudolf 1980). Nach dem Tod Njikés zog sie sich mit ihren vier Kindern auf ein kleines Stück Land zurück, das sie bis heute (2007) eigenhändig bestellt.[1]
Claude Njiké-Bergeret ist zu einer lokalen Bekanntheit avanciert und unter dem Namen Reine blanche (‚weiße Königin‘) bekannt. Nach Eigendarstellung dürfte die Heirat einer diplomierten protestantischen Mitarbeiterin einer Missionsgesellschaft mit einem einheimischen Stammeshäuptling ein einmaliger Vorgang sein. Er löste landesweite Aufmerksamkeit aus und sorgte für Erklärungsnot bei der Protestantischen Kirche Kameruns.
Claude Njiké-Bergeret bemühte sich um die Vermittlung zwischen europäischen und afrikanischen Werten. Sie orientierte ihren Unterricht stärker an den Bedürfnissen der Einheimischen, indem sie kamerunische Geschichtsbücher sowie afrikanische Literatur in das Unterrichtsprogramm aufnahm. Sie machte sich bereits in den 1970er Jahren für ein verändertes Afrikabild in Frankreich stark. Aber erst ab 1997 konnte sie mit ihren Forderungen nach mehr Verständnis für die Eigenheiten der Afrikaner durch ihre autobiografischen Aufzeichnungen eine breitere Öffentlichkeit erreichen." (Wikipedia)
Zitate aus: " Meine afrikanische Leidenschaft"
"Für den Afrikaner ist niemand Herr seines Schicksals. Er braucht keine Erklärung, keine Begründungen – Gott allein weiß es. Weisheit ist weit wichtiger als Wissen. Und im übrigen: Bin ich wirklich weiß, bin ich wirklich Französin?
Ich betrachte Bangangté als mein Geburtsland, obwohl ich im Juni 1943 ungefähr dreihundert Kilometer südwestlich davon, in / Duala, dem großen Hafen von Kamerun, auf die Welt kam. Als ich drei Jahre alt war, gingen meine Eltern nach Bangangté, und hier verbrachte ich meine gesamte Kindheit. Anschließend lebte ich 1achtzehn Jahre, meine Jugendzeit eingeschlossen, in Frankreich. Dann endlich bin ich nach Hause zurückgekehrt, nach Afrika, mit einem Universitätsdiplom, geschieden und Mutter von zwei Kindern. Hier habe ich das Oberhaupt meines Dorfes geheiratet, zehn weitere Jahre meines Lebens verbrachte ich an seinem Hof, in Gesellschaft meiner Mitfrauen. Heute bin ich Witwe und bebaue ein Stück meines Geburtslandes wie Voltaires 'Candide' seinen Garten. Der Name leitet sich übrigens von dem lateinischen 'candidus' ab und bedeutet 'weiß'. Meine Haut ist eigentlich weiß, nun ja, nicht ganz weiß, ein bisschen gebräunt und vom Arbeiten unter der afrikanischen Sonne gegerbt. Damals, als ich noch ein Kind war – und manchmal auch heute noch –, unterhielten wir uns mit Freunden über die 'Weißen', machten uns über sie lustig, weil uns ihr Benehmen, ihre Art zu leben und ihr Wesen so eigentümlich, so unbegreiflich erschienen. Aber das Wort 'weiß' bezeichnet nicht nur ihre Hautfarbe. Ich denke, es bedeutete eher 'fremd' oder 'europäisch'. Meine Haut ist weiß, aber seit meiner Kindheit fühlte und betrachtete ich das Leben wie eine Schwarze. Ich sprach Bangangté , also war ich schwarz. Ich empfand mich nicht anders als meine Freundinnen in der Schule, meine 'Schwestern'. Und vor allem hatte ich nicht die geringste Lust, jemals wie die Weißen zu leben." (S.9/10).
"Die Bamileke-Ebene in der Provinz West Kamerun erstreckt sich über achttausendzweihundert Quadratkilometer, fast so groß wie das Elsaß. Das Land selbst erinnert dagegen eher an die französische Region des Massif Central, die allerdings auf einer Höhe zwischen tausendvierhundert und zweitausend Meter ein Gewirr bewaldeter Hügel, karger Steilhänge und flacher Täler mit ruhig dahinziehenden Flüssen, deren Wasser in Teichen und toten Flussarmen versickert. Manchmal verschwinden diese Gewässer in der Trockenzeit ganz. Dann erhebt sich die rote Erde in Staubwirbeln, setzt sich in den Mauern der Häuser fest und überzieht Bäume und Pflanzen mit einer dünnen Ockerschicht. Der westliche Rand dieses buckligen Plateaus fällt in relativ sanften, mit hohen Gras oder Bäumen bewachsenen Hängen zum Fluss hin ab. Das Land ist dicht besiedelt, im Durchschnitt hundertvierzig Einwohner pro Quadratkilometer. Einst, vor der Kolonialisierung, konzentrierte sich ein Großteil der Bevölkerung – ebenso wie die Markt- und Handelsplätze – um die Höfe der Stammesführer. Die Macht dieser sozialpolitischen, religiösen und völlig unabhängigen Einheiten, die im 14. Jahrhundert entstanden, wuchs ständig und erreichte zwei / Jahrhunderte später ihren Höhepunkt. Sie bildeten damals kleine voneinander unabhängige Staaten mit sehr ähnlichen Sitten und Gebräuchen, jedoch mit eigenen Sprachen. Daher konnten die Bewohner der Nachbarhöfe die Sprache von Bangangté nur verstehen, wenn sie sie gelernt hatten. Heute zählt das Land noch immer genau sechshundert solcher Höfe. Als die ersten Weißen kamen, schenken ihnen die traditionellen Herren, die 'Verwalter' der Erde ihrer Väter, die höher gelegten Flächen, auf einigen Hügeln. Die Kolonialmacht setzte die Stammesoberhäupter nicht ab, sondern nahm ihnen ganz allmählich die Macht und vermied damit die direkte Konfrontation. Heute, nach über einem Jahrhundert europäischer Anwesenheit und sechsunddreißig Jahren Unabhängigkeit unter der Schirmherrschaft eines Zentralstaats, sind die Bindungen der Stammesführer zu ihrem Volk, noch immer sehr tief, unwandelbar und unvergänglich, auch wenn der irdische Teil ihrer Macht deutlich geschrumpft ist." (S. 15/16).
Zu Claude Njiké-Bergerets (C. N-B.) Autobiographie:
C. N-B. ist zwischen zwei Kulturen aufgewachsen, dem calvinistische Religionsverständnis der elterlichen Missionare und der Freiheit des Lebens von Kindern in der Kultur von Bangangté. Vermutlich beeinflusst von der Erfahrung ihres Vaters, der sein Lebenswerk im Aufbau einer selbständigen Missionsstation sah und lieber nach Frankreich zurückkehrte, als sich von der Missionsstation versetzen zu lassen, setzt sie nach ihrer Ehe in Frankreich und der Rückkehr nach Kamerun die Arbeit am Werk ihres Vaters fort und sieht - anders als er - eine Möglichkeit, auch als Erwachsene in die Kultur ihrer Kindheit zurückzukehren, indem sie eine der vielen Frauen der Fon von Bangangté wird. Zum einen arbeitet sie sich intensiv in die Kultur des Hofs des Fon ein, zum anderen bleibt sie aber unbefriedigt mit dieser engen Rolle und versucht, ihre Arbeit als Lehrerin fortzusetzen und parallel eine landwirtschaftliche Musterkolonie aufzubauen.
In den Worten der KI Gemini:
"[...]Claude wird als Tochter und Enkelin französischer Missionare in Kamerun geboren und verbringt dort eine glückliche Kindheit. Als Jugendliche muss sie nach Frankreich zurückkehren, wo sie später heiratet, zwei Söhne bekommt und als Lehrerin arbeitet. Doch die Sehnsucht nach Kamerun lässt sie nicht los. Als junge Frau bricht sie aus ihrem bürgerlichen Leben in Frankreich aus, lässt sich scheiden und kehrt mit ihren Kindern nach Afrika zurück.[...]
In Kamerun arbeitet sie wieder als Lehrerin und trifft auf Njiké Pokam François, den Fon (den traditionellen Stammeshäuptling und König) von Bangangté. Zwischen der weißen, studierten Europäerin und dem traditionellen Herrscher entwickelt sich eine tiefe Liebesbeziehung. Gegen alle westlichen Konventionen, den Widerstand ihrer eigenen Familie und anfängliche Hürden innerhalb der Dorfgemeinschaft beschließt sie, seine Frau zu werden.
Als Claude den Häuptling heiratet, hat dieser bereits rund 30 Ehefrauen. Das Buch räumt gründlich mit westlichen Klischees über ein solches „Harem-Leben“ auf. Claude beschreibt den Alltag am Hof (Chefferie) sehr differenziert:
Gemeinschaft der Frauen: Sie schildert die Beziehungen zu ihren Mitschwestern (Co-épouses) – es gibt tiefe Freundschaften und gegenseitige Unterstützung, aber natürlich auch Eifersucht und Konkurrenz.
Keine Unterdrückung: Sie erklärt, dass die Frauen des Häuptlings innerhalb der Kultur ein hohes Ansehen genießen und keineswegs rechtlos oder passiv sind.
Schattenseiten: Claude verschweigt nicht die schwierigen Phasen. Später leidet ihr Mann unter Alkoholproblemen und wird in seinen Zornesausbrüchen auch ihr gegenüber gewalttätig. Dennoch steht sie zu ihrer Entscheidung und ihrer Liebe.
Nach dem Tod des Häuptlings im Jahr 1987 verlässt Claude den Königshof, bleibt jedoch in Kamerun. Sie zieht sich in die Region „Mfetom“ in den Busch zurück, lebt dort im Einklang mit der Natur von der Landwirtschaft und engagiert sich für lokale Projekte. [...]
Kulturclash und Toleranz: Das Buch hinterfragt westliche Moralvorstellungen (insbesondere die strikte Ablehnung der Polygamie) und wirbt für das Verständnis eines völlig anderen Lebens- und Denkmodells.
Suche nach persönlicher Freiheit: Claude bricht radikal mit gesellschaftlichen Erwartungen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das ihren Gefühlen entspricht.
Integration: Es ist das Porträt einer weißen Frau, die so tief in eine afrikanische Kultur eintaucht und die Sprache (Medumba) lernt, dass sie von der dortigen Gemeinschaft als eine der Ihren akzeptiert wird – als die „weiße Königin“ von Bangangté.
Fazit: Das Buch ist weit mehr als eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Es ist ein ethnologisch spannender und zutiefst persönlicher Einblick in das traditionelle Kamerun abseits der typischen westlichen Klischees. [...]"
Zitate (zunächst nur diktiert und nicht korrigiert, jedoch mit einem wichtigen Link):
"[...] Ohne Umschweife fragte mich der Häuptling, ob ich mich nicht um die Renovierung des öffentlichen Teils seiner künftigen Residenz kümmern wollte, die er immer noch nicht bezogen hatte. Natürlich nahm ich das Angebot an – es konnte keinen besseren Beobachtungsposten geben als das Herzstück des endgültigen Häuptlings-/hofs. Und vor allem konnte ich mich jederzeit dort aufhalten, ohne Verdacht zu erregen." (S.153/54)
"Auch die Verteilung von Lebensmitteln und anderen Dingen / wurde nicht mathematisch genau gleich vorgenommen. Wenn ich zum Beispiel Öl oder Reis brachte, teilte die dafür zuständige Ehefrau nicht an jede die gleiche Menge, sondern folgte mehr ihrer persönlichen Sympathie und dem, was sie für notwendig hielt. Wenn eine Frau mehr arbeitete als die anderen, brauchte sie mehr, wenn sie Pech gehabt hatte oder es ihr nicht gut ging, bekam sie eine kleine Extraportion. Alles wurde flexibel und sehr intuitiv geregelt, denn die Gemeinschaft am Hof war noch überschaubar, und die Verteilung erfolgte öffentlich. Manchmal waren einige der Frauen unzufrieden. Dann hatten alle Anwesenden zu entscheiden, ob ihre Beschwerde berechtigt war oder nicht. Auf jeden Fall habe ich nicht erlebt, dass jemand vergessen oder übergangen wurde. Anfangs stellte ich noch sehr europäische Fragen, denn ich fand oft, dass die Aufteilung nicht gerecht war.
'Wir sind alle verschieden, in unserem Verhalten, unseren Fähigkeiten, unseren Ursprüngen', lautete die Antwort. 'Warum also sollten wir gleich sein in dem, was wir bekommen?' " (S. 156/57)
Ich kannte nicht nur die Ehefrauen und ihre Familien oder die Diener und Würdenträger. Am besten gefiel es mir in Gesellschaft der mamfem, der Ehefrauen, Schwestern, Cousinen oder Nichten des früheren Oberhaupts, der 'Geerbten', der alten Mamas.
Die innigsten Beziehungen entstanden jedoch zur wirklichen Mutter des Stammeshäuptlings, Mamfem Ketchiamen. Sie war etwa 60 Jahre alt, sehr fürsorglich, heiter und gastfreundlich zu allen. Sie fand immer ein freundliches Wort, war hilfsbereit und töte jedem gerne zu. Und sie besaß ein Bemerkenswertes Einfühlungsvermögen. Bei ihr fühlte ich mich wohl, auch wenn das Essen von Bananenblättern gegessen werden musste, weil so viele Menschen in ihrem Haus verkehrten, dass es oft nicht genügend Teller gab. Sie strahlte Gutmütigkeit aus und hatte immer, wo sie auch hinging, einen Zweig des 'Friedensbaums' in der Hand. Sie wurde von allen 'Mutter des Landes' genannt. Sie trug die moralische Verantwortung für alle Frauen und war berechtigt, ihren Sohn zu beraten. Es hieß sogar, sie dürfe ihn ohrfeigen, wenn keine Zeugen dabei waren, denn ein Sohn ist vor seiner Mutter niemals erwachsen. Ein Stammesführer bleibt auch nackt, ein Stammesführer, nur nicht vor seiner Mutter. Obwohl sie die Königinmutter war, bestellte Mamfem Ketchiamen doch ihr eigenes Feld, hackte Holz und verkaufte ihre Erzeugnisse wie die anderen Frauen auch. (S. 159).
"Tschuleu hatte als Ehefrau drei Generationen Bangangté-Häuptlinge erlebt. Sie war sehr jung mit dem Großvater des jetzigen Stammesoberhaupts, Njiké II., verheiratet worden, zweifellos noch vor dem ersten Weltkrieg, und sie erzählte immer noch von der Liebe zu ihm, obwohl dieser Herrscher, wie es hieß, der blutrünstigste Mann gewesen war, der je hier regiert hatte. Er war gerecht, behauptete sie, und sie hatte seine Befehle und seine Wünsche immer befolgt. Wahrscheinlich wegen ihrer Ergebenheit schenkte er ihr ihr sein volles Vertrauen. Oft musste sie äußerst heikle Aufgaben übernehmen – ein Beweis seiner Liebe zu ihr. Sie diente insbesondere als Nachrichtenübermittler zwischen ihm und seiner Mutter. Sie verließ dann nachts, oft mit einem Stück Fleisch, den Hof. Damals machten doch zahlreiche Panther die Gegend, unsicher, aber sie fürchtete sich nicht. Das Totem ihres Mannes befand sich unter den Raubtieren. Sie folgte ihrem Weg, blickte gerade aus und sagte immer wieder: 'Ich bin eine Gesandte des Häuptlings.' Aus diesem Grund sei ihr nie etwas passiert. Diese Liebe hindert es sich jedoch nicht, sich für zwei Jahre von Njiké II. zu trennen und zu ihren Eltern zurückzukehren.
'Aus Prinzip' war alles, was sie mir dazu erklärte.
Nach zähen Verhandlungen war sie schließlich bereit gewesen, in sein Haus zurückzukommen. Sie musste cadis, das Getränk der Gerechtigkeit trinken und schwören, dass sie ihm immer treu geblieben war." (S.187) "Tschuleu hatte ihre ganze Mutterliebe dem gegeben, der heute ihr dritter Ehemann war, obwohl der Häuptling sie meiner Meinung nach sehr vernachlässigte. Sie beklagte sich jedoch nie. Einige Jahre nach meiner Ankunft war das Dach ihres kleinen Hauses nur noch ein Sieb, aber niemand hatte es repariert. Auf dem Dachboden begann die Ernte auszutreiben. Ich nahm daher die Dinge in die Hand und renovierte für sie ein unbewohntes Haus neben meinem, denn ich war inzwischen in meine eigene, unabhängige Unterkunft im Wohnviertel der Königin gezogen. Als sie sich eingerichtet hatte, besuchte ich sie in ihrer neuen Residenz. Ein köstlicher Duft schlug mir entgegen. Sie hatte eine Mischung aus Maisbrei, Palmöl und kleinen Ekokibohnen zubereitet. Ohne zu fragen, nahm ich mir einen Teller.
'Nein!', sagte sie. 'Ich habe dieses Gericht gekocht, um meinem alten Haus auf Wiedersehen zu sagen.'
'Es kann also essen, dein altes Haus?' fragte ich leichthin. Sie musste so sehr lachen, dass ihr die Tränen über die faltigen Wangen liefen. Dann wischte sie sich die Augen und holte Luft:
'Wie konnte dich deine Mutter nur derart unwissend aufwach/sen lassen! Einem Haus zu essen geben! Das ist ja absurd. Ich muss dir das wohl erklären. Dieser Ort hat jahrelang meine Freuden und Leiden miterlebt. Jetzt muss ich die Geister, die über mich gewacht haben, wissen lassen, dass ich immer noch lebe, und zwar nicht weit von hier. Also werde ich meine Nahrung rund um das Haus ausschütten, dann werden die Tiere und Insekten, die sie fressen, den Vorfahren meine Nachricht überbringen.'
Dieses Vertrauen, diese Ausgeglichenheit, die Tiefe und Einfachheit ihrer Gefühle, diese innige, zeitliche und räumliche Gemeinschaft mit dem gesamten Hof, mit den Menschen, die dort lebten oder nicht mehr lebten, berührte mich tief. Ich sagte mir, dass es auch mir gelingen würde, nach dem natürlichen Rhythmus dieses großen Gebiets zu leben, in aller Einfachheit. Auch ich wollte eines Tages, wie sie, in der Nähe meiner Hütte ruhen, eingebettet und verschmolzen mit dieser geliebten Erde." (S.188/189)
"Katholiken, Protestanten, Moslems – die meisten der
Bangangté, haben sich für eine der drei großen Religionen entschieden. Dennoch sind sie den anderen beiden gegenüber äußerst tolerant, obwohl jede Religion behauptet, allein die Wahrheit zu besitzen. Aber tief in ihrem Herzen bleiben die
Bangangté, Animisten. Mehr als jede andere organisierte Religion mit ihren Dogmen und Zeremonien ist der Animismus ein Weg, sich in der Schöpfung wiederzufinden, eine Lebensweise. Animisten glauben, dass Gott alle Dinge auf dieser Welt durchdringt: Er ist überall, im Feuer, im Wasser, in den Bäumen. Deshalb gibt es auch so viele heilige Stätten. Der Mensch ist ein fester Bestandteil seiner natürlichen Umgebung. Er steht am Ende einer Nachkommenschaft, die durch seine Vorfahren entstanden ist, und das Stammesoberhaupt ist der Vertreter der Verstorbenen in der Welt der Lebenden. Die Riten finden
selten an einem bestimmten Tag statt, aber immer an einem bestimmten Ort. Die Opfergaben heilen einen Irrtum, beschützen einen Menschen oder lebenswichtigen Ort, eine Quelle, eine Bambusplantage, oder sie heben einen Fluch auf, je nachdem, was sie bewirken sollen.
Im Grunde spielten die Ehefrauen weder in der Religion noch in der Politik irgendeine Rolle. Der Häuptling, die Weisen und die Diener hatten daher von ihnen keine Konkurrenz zu befürchten. Und wir, ohne jeden Anspruch und Ehrgeiz, konnten ungehindert unsere Freiheit genießen. Dieser Teil im Leben des Hofs und auch des Stammesführers selbst blieb mir praktisch unbekannt. Ich bemühte mich, in diesem Bereich keine Neugier zu zeigen, und ich muss zugeben, dass es mich auch nicht besonders interessierte." (S.194)
"Wenn eine Ehefrau starb, hielt ich mich von unserem Ehemann fern, bis er mit der Königin erfüllt hatte, was sie zu tun hatten. Manchmal zogen sich diese Riten und Verbote über Wochen hin. Sie kamen mir – nach meiner europäischen Denkweise – zu streng oder auch absurd vor, doch das war der Preis für dieses Leben, in dem ich mich frei entfalten konnte und dass mir andererseits auch viel Freude und Ausgeglichenheit schenkte." (S. 195)
Der Hof von Bangangté war von der Fläche her der größte der Westprovinz. Er zählte knapp 60.000 Seelen. Die Hälfte davon lebte, in der Diaspora, verstreut in ganz Kamerun und sogar im Ausland. Diese Menschen bewahrten trotz der Entfernung eine tiefe Achtung für ihren Stammesführer. Selbst als Minister im Jahrhundert, selbst als General der Armee oder als bedeutender Geschäftsmann, blieb ein Bangangté vor seinem Stammeshäuptling, ein ganz normaler Bürger. Denn mit der Thronbesteigung verkörperte der Herrscher alle Vorfahren in einer Person und wurde damit zum Vater seines Volkes. Allerdings war er nicht der Erbe oder Eigentümer seiner Ländereien, wie man in Europa sagen würde. Er musste die Güter seiner Vorfahren im Interesse aller Mitglieder der Gemeinschaft verwalten.
Heute gehört das Land dem Staat Kamerun, doch dank der geringen Bevölkerungsdichte kann jeder ein Gebiet besetzen, das niemandem gehört, vorausgesetzt, er ist in der Lage, es zu erschließen. Der Stammeshäuptling musste also das Land verteilen und seine Nutzung ohne Konflikte organisieren.
Die Bangangté sagen: 'Die Erde ist wie ein Hundeknochen, wir lutschen sie, dann lassen wir sie liegen. Ein anderer findet sie und lutscht sie ebenfalls, bevor auch er sie liegen lässt.' Jede Generation ernährt sich von der Erde, niemand darf sie sich aneignen, denn bei unserem Tod werden wir selbst wieder zu Erde." (S. 196).
"Der Häuptling sprach Recht nach der Gewohnheit seiner Vorfahren. Er schlichtete vor allem Streitigkeiten in Ehesachen, in Grundstücks- und Erbfragen und Anschuldigungen wegen Zauberei. Für die leichteren Vergehen gab es ein Gewohnheitsgericht, an dem er nicht teilnehmen musste. Dagegen nahm er sich persönlich jeder schwerwiegenden Sache an. / Einmal hatte ich die Gelegenheit, an einem dieser Prozesse teilzunehmen. Der Kläger beschuldigte, seinen Halbbruder und Adoptivsohn, mit Leuten unter einer Decke zu stecken, ihm seine Kaffee-Ernte in Höhe eines Betrags von 3 Millionen CFA–Francs (etwa 30.000 französische Francs) gestohlen zu haben.
'Ich weiß, dass er schuldig ist. Er hat den Dieben die Tür zum Lager geöffnet', erklärte er dem Stammesoberhaupt, indem er auf den Angeklagten zeigte. 'Nur er hatte den Schlüssel. Ich kann ihn aber nicht ins Gefängnis bringen, er ist mein Halbbruder, also, mein Sohn, und seine Mutter würde es mir nie verzeihen. Ich möchte, dass ihn dein Urteil beschämt und verhindert, dass er es wieder tut.'
Francois Njiké Pokam hörte wortlos zu. Als der Tag der Urteilsverkündung nahte kam die gesamte polygame Familie des Klägers und des Angeklagten, insgesamt weit über hundert Personen, aus der entfernten Region Moungo. Die Befragungen dauerten den ganzen Vormittag. Der Stammesführer und seine Helfer verließen oft das Gericht, um sich zu beraten. Schließlich wandte sich der Stammeshäuptling an 'den Kläger: Ich erkenne, dass dein Adoptivsohn unschuldig ist. Ich möchte, dass diese Geschichte aufhört, dass eure geteilte Familie sich wieder versöhnt. Ihr werdet alle cadis trinken.' Der cadis ist ein Gebräu, das von den Menschen aus dem 'Haus Gottes' bereitet wird. Angeblich vergiftet es den Lügner oder denjenigen, der seine Verpflichtungen nicht einhält. Ich selbst habe nie davon getrunken, glaube auch nicht an seine magischen Kräfte. Der Stammeshäuptling fuhr zunächst an den Kläger gewandt fort:
'Du, der Vater wirst trinken und dabei sagen: 'Ich habe meinem Sohn zu Unrecht beschuldigt und erkenne meinen Irrtum an.' Du, der Sohn, wirst trinken und sagen: 'Ich habe niemanden bestohlen und schon gar nicht meinen Vater, und ich werde niemals stehlen.'
'Ihr alle, die Mitglieder der Familie, werdet trinken und sagen: 'Ich habe Partei ergriffen, ohne genau informiert zu sein, aber ich beuge mich dem Urteil des Stammesoberhaupts und werde es nie anzweifeln.' Geht nun und wisst, dass der cadis euch umbringen wird, wenn ihr lügt oder eure Versprechen nicht haltet. /
Die Menschen aus dem 'Haus Gottes' versammelten sich und ließen den Saal räumen. Als der Sohn an der Reihe war, in den Hof hinauszugehen, um sich zu dem Haus zu begeben, indem der cadis getrunken wurde, rannte er in Panik davon. Der Häuptling hatte diese Reaktion vorher gesehen. Die Diener, die er am Eingang postiert hatte, brauchten nicht lange, um den Flüchtling zu schnappen. Er weinte und schrie, er sei schuldig, er wolle nun die ganze Wahrheit sagen.
Als er gestanden hatte und für die Familie und Freunde alles geklärt war, schickte sie der Stammesführer wieder zurück, um cadis zu trinken." (S.197-199).
Als Claude Schwierigkeiten mit ihrem Mann dem Stammeshäuptling hat, ruft ihre Schwester Mireille sie aus Frankreich an und lädt sie ein, nach Frankreich zu kommen, um ihre Eltern und ihre beiden ältesten Kinder, die in Frankreich geblieben waren, zu besuchen.
"Das Schwierigste war noch nicht geschafft, den Stammeshäuptling zu überreden. Damals konnte eine Frau mit ihren Kindern aus Kamerun nur mit schriftlicher Genehmigung ihres Mannes ausreisen. Außerdem musste er für die Visa und Impfungen aufkommen. Sobald er am Abend zurückkam, packte ich den Stier bei den Hörnern und erzählte ihm von dem Telefongespräch und der Einladung meiner Schwester.
'Eine gute Idee', erwiderte er. I'ch hatte auch schon daran gedacht. Deine Eltern müssen schließlich ihre Enkelkinder kennenlernen.'
Damit war ein großer Schritt getan. Aber ich ließ mich nicht reinlegen, sondern blieb misstrauisch. Er war so unberechenbar geworden, er würde mir sicher noch Hindernisse in den Weg legen und die Reise zum Scheitern bringen. Und tatsächlich ließ er nichts unversucht, um mich davon abzubringen. Er hielt Versprechen nicht ein, machte mir vor meinen Mit Frauen den Prozess, drohte mir und schlug mich. Anstatt mich zu ärgern, ließ ich es geschehen, auch wenn ich später in meinem Zimmer heimlich weinte. Mein Bruder und meine Schwester hat mir zum richtigen Zeitpunkt das schönste Geschenk gemacht, von dem ich nur träumen konnte. [...] Ich konnte mir gut vorstellen, was meinem Mann Sorgen bereitete: er witterte ein Komplott, das meine Familie und ich gegen ihn geschmiedet hatten, um ihm die Kinder wegzunehmen, um vom Hof zu flüchten. Ein solcher Gedanke wäre mir nie gekommen, und nichts würde mich daran hindern, nach meinem Aufenthalt in Frankreich wieder zurückzukehren. Aber am meisten bekümmert er mich sein mangelndes Vertrauen zu mir. Wie konnte er nur einen Augenblick glauben, ich könnte ihm je die Kinder entführen, die er so liebte? Wusste er überhaupt, dass ich ihn noch liebte und dass ich ihm nicht böse war wegen seines gewalttätigen Verhaltens, seiner Launenhaftigkeit…
Also begann ich mit viel Geduld, ihn über meine Absichten auf/zuklären und zu beruhigen, wann immer ich glaubte, er sei nüchtern und gewillt, mir zuzuhören. Ich erhielt alles, was ich für meine Reise brauchte. Der Tag der Abreise kam immer näher, und die Atmosphäre entspannte sich zusehends zwischen uns.
Eines Abends kehrte er früher zurück als sonst – und er war nüchtern. Fröhlich teilte er mir mit, dass er mir einen Wagen schenken wollte, der in weit besserem Zustand sei als das für mich reparierte Auto. Er sei fast neu und hätte ein ausgezeichnetes Autoradio, wie er immer wieder betonte. Er schwieg einen Moment und sagte dann ganz ernst:
'Ich habe lange nachgedacht, bevor ich dich frage. Ich möchte gerne, dass wir zusammen zu einem Schamanen gehen. Ich möchte dich panzern, damit du gegen Menschen geschützt bist, die dir Böses wollen. Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn es ein Gebräu zu trinken gibt, werde ich es vor dir trinken.'
Mich panzern? Gegen wen? In Frankreich wollte mir niemand Böses. Und warum musste er vor mir trinken? Um mir zu beweisen, dass diese Säfte nicht vergiftet waren, obwohl ich ihn voll vertraute? Er misshandelte mich vielleicht unter dem Einfluss von Zorn und Alkohol, aber niemals vorsätzlich. Außerdem hatte ich nicht die geringste Absicht, ihn zu verlassen, und noch weniger, ihm seine Kinder zu stehlen. Ich hatte es ihm hundertmal gesagt. Diese Geschichte mit dem Schamanen und der Panzerung war lächerlich. Aus Angst, er könnte mein Schweigen falsch verstehen, akzeptierte ich jedoch sofort:
'Gut, gehen wir zu ihm.'
Es war bereits dunkel. Wir fuhren über Sandpisten, die ich nie zuvor befahren hatte, und ich wäre heute nicht in der Lage, sie wiederzufinden. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Dann hielt das Auto endlich mitten im dunkeln und lautlosen Busch. Ein Unbekannter tauchte auf, er hielt eine Petroleumlampe in der Hand. Der Schamane! Er macht uns Zeichen, ihm zu folgen. Ab und zu blieb er stehen und bückte sich am Fuß eines Baumes, um eine kleine Schale aufzunehmen, die er uns hinhielt. Die enthielt einen Sud, in dem verschiedene Rinnen schwammen. Der Häuptling trank, reich/te mir die Schale, und ich trank ebenfalls. Der Schamane redete inzwischen in einem Dialekt, den ich nicht kannte. Ich tat alles, was man von mir verlangte, um zu beweisen, dass ich keinerlei Hintergedanken hatte, dass ich meine Reise nicht nutzen würde, um meinen Mann zu verlassen.
Es war merkwürdig. Wie groß war der Unterschied zwischen dieser Welt und der, die ich in einigen Tagen wieder finden würde. Ich musste im Dunkel der Nacht lächeln. Wenn mich meine Mutter sehen könnte!
Die letzten Tage vor der Abreise vergingen voller Freude und Aufregung. Meine mit Frau gaben mir ungeheuere Mengen Erdnüsse mit, die ich an meine Familie verteilen sollte.
An einem dieser Tage stand unvermittelt ein nagelneues Auto vor dem Hof. Der Stammhäuptling hat es ein Versprechen tatsächlich gehalten. Sogar das Autoradio fehlte nicht. [...] Am Abend vor meiner Abreise rief er mich ins Wohnzimmer. Er saß auf dem Sofa, majestätisch und sanft wie damals, als ihn ihn zum ersten Mal sah. Ein paar Minuten schaute er mich schweigend an.
'Claudia, nur Gott allein kennt die Zukunft, die er uns bereitet', sagte er schließlich. 'Aber bevor du zu deinen Eltern zurückkehrst, sollst du wissen, dass ich dich liebe, dass ich unsere Kinder liebe. Nichts kann meine Liebe zu dir ändern.'
Seine Augen fühlten sich mit Tränen. Was sollte ich antworten? Einige Sekunden vergingen. [...] (S.240-242)
Der Aufenthalt in Frankreich zeigt, dass die Erwachsenen eine gewisse Entfremdung schlecht überwinden können, aber Claudes ältere Söhne und die beiden kleinen Kinder von ihrem Mann, dem Häuptling verstehen sich sehr gut. Die Söhne, die in Frankreich kündigen an, dass sie nach Kamerun kommen und dort als Bauern leben wollen. (S.243-45)
"Zum Schulanfang 1983/84 nahm ich meine Tätigkeit im Gymnasium wieder auf. Ich war noch immer nicht wieder bei Kräften, doch hatte ich durch die Krankheit erkannt, wie sich meine zukünftige Beziehung zum Häuptling gestalten sollte… Ich war gerade vierzig geworden. Mein Mann führte ein immer ausschweifenderes Leben, entfernte sich weiter von seinen Frauen. Als er mich eines Abends bat, die Nacht mit ihm zu verbringen, stellte ich die Dinge endgültig klar: 'Du hast viele junge Frauen. Und du wirst noch viele andere haben. Ich bin jetzt alt. Eine fünfte Schwangerschaft würde ich nicht überstehen. Erlaube mir, mich auszuruhen, mich noch eine Zeit lang, um die Kinder zu kümmern. Sie sind zu jung, um ihre Mutter zu verlieren.'
Meine Schwäche und meine Magerkeit waren überzeugende Argumente. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Schluss blieb ich bei dieser Entscheidung. Ich blieb seine treueste Freundin, aber nie wieder verbrachte ich eine Nacht bei ihm.
Noch immer hatte ich die Plantage meiner Träume im Kopf. Zuerst musste ich jedoch völlig gesund werden, und dann… Hoffentlich kam mein Gehalt bald! Ein zweites Schuljahr war schon weit fortgeschritten, und seit meiner Anstellung hatte ich nicht einen Pfennig erhalten. In Kamerun mussten Beamte des öfteren mit derartigen Verzögerungen zurechtkommen.
Als im dritten Quartal 1984 endlich die längst fällige Zahlung kam, hat sich eine hübsche Summe angesammelt, umgerechnet etwa 6000 D-Mark. Ich beschloss, einen Teil davon auszugeben, um die großen Ferien mit den Kindern in Frankreich zu verbringen und dort Ärzte aufzusuchen, die vielleicht die wahren Ursachen meiner Krankheit herausfinden könnten. Ich wollte mich auch nicht mit dem Scheitern meines kurzen Aufenthalts vor zwei Jahren abfinden. Der Stammeshäuptling hatte nichts gegen mein Vorhaben einzuwenden. Außerdem musste er kein Geld ausgeben, und er war auch zufrieden, dass der Hof von den Nahrungsmitteln, die ich über das Erziehungsministerium erhielt, profitierte, denn wir bekamen Öl, Salz, Kleidung, Transportmittel, usw. Meine Mitfrauen begannen/schon, mich als ihren 'Ehemann' zu bezeichnen, da ich einen Teil der Ausgaben übernahm, die eigentlich er bezahlen musste.
Außerdem begriff mein Mann auch, dass er persönlich nichts von meinem Gehalt bekommen würde, das ich nun regelmäßig Ende des Monats erhielt. Dieses Geld käme nur seinen Frauen und Kindern zugute. 'Im Grunde ist der Betrag, über den ich verfüge, im Verhältnis zu deinen Ausgaben unbedeutend', erklärte ich ihm. 'Er würde dir nicht viel helfen.' Diese Vereinbarung kam ihm sehr entgegen.
(S. 250/51).
Weiterführendes Link
Interview:
https://web.archive.org/web/20071202054847/https://membres.lycos.fr/rdefap/faverjon/interview.html
Wie ist das Leben im Häuptlingstum, in dem Sie die 24. Frau des Häuptlings waren, und welche Eindrücke haben Sie davon?
Man hat recht viel Freiheit, sein Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten, viel individuelle Freiheit. An Tagen, an denen man im Palast arbeitet, den Häuptling bewirtet und Gäste empfängt, gibt es einen sehr strengen Zeitplan, aber der ist tagesabhängig; keine Frau muss dauerhaft bleiben, es gibt einen Wechsel. Wenn man sich hingegen in den Gemächern der Frauen aufhält, kann man sein Leben ganz nach Belieben gestalten, man hat also viel Freiheit.
Welche Funktion haben Ihrer Meinung nach die Rituale des Häuptlingstums?
Als Europäerin denke ich, es ist eine Form der Herrschaft, eine Form der Gesellschaftsorganisation. Diese Rituale erfordern Respekt vor der Autorität des Häuptlings oder der Mitfrauen und stellen sicher, dass jeder bestimmte Rechte hat.
Wenn jemand krank ist, werden Rituale für ihn durchgeführt, die mit bestimmten Verstorbenen in Verbindung stehen. Man glaubt sogar, dass dies eine psychologische Kraft besitzt, die dem Kranken bei der Heilung helfen kann. Aber das ist ganz klar eine europäische Denkweise. Ich jedenfalls konnte nie daran glauben, genauso wenig wie an Hexerei. Das ist nun mal meine Persönlichkeit, und ich versuche nicht, sie zu rechtfertigen. Ich respektiere jedoch die Überzeugungen anderer; es ist ihre Sicht auf das Leben, nicht meine.
Wie reagierte die Evangelische Kirche Kameruns, die DEFAP, auf Ihre polygame Ehe, insbesondere mit einem Häuptling, der die Tradition in Person verkörpert?
Ich denke, es ist ziemlich komplex, da ihre Reaktion mit meiner Vergangenheit in der Kirche und meinen Beziehungen zu anderen Kirchenmitgliedern zusammenhängt. Die Kirche hat mich jedoch sofort, vollständig und brutal abgelehnt. Wären andere Kirchenführer involviert gewesen, wären die Reaktionen vielleicht anders ausgefallen. Und was Europa, die DEFAP und die CEVAA betrifft, so schrieben sie mir lediglich, dass sie den Wünschen ihrer Schwesterkirche nachkämen. In Kamerun wurde ich nicht akzeptiert, und deshalb konnten sie mich auch nicht unterstützen. Ich glaube, dass sie durch den schnellen Abbruch der Beziehungen annahmen, ich würde nach Frankreich zurückkehren. Und ich dachte mir, dass sie selbst in Europa in ihrer Denkweise feststeckten, da sie nicht verstehen konnten, dass Liebe auch außerhalb ihrer eigenen Weltanschauung existieren kann. In manchen Kontexten ist Liebe möglich, in anderen nicht. Es war ein einschneidendes Erlebnis; meine Eltern sagten, ich sei verhext. Sie konnten einfach nicht akzeptieren, dass ich dieses Leben lieben könnte.
[...]