17 Mai 2026

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe

 Der Augenblick der Liebe (Wikipedia)

"[...] Als Reiseerzählung und Liebesgeschichte im akademischen Milieu erinnert Der Augenblick der Liebe in vieler Hinsicht an den älteren Walserroman Brandung. Die künstlerische Innovation liegt vor allem in der Auseinandersetzung mit La Mettrie, die den Roman um philosophische Überlegungen bereichert. Es geht dabei vor allem um die Themen der Erziehung als Ausbildung zum Gefangenen und um das Erziehungs-Nebenprodukt Schuldgefühle. Die Interpretation Rick Hardys im Anschluss an den Vortrag – dessen Manuskript ist auf den Seiten 114–131 vollständig wiedergegeben – ist dabei die zentrale Stelle des Romans: Hardy beschuldigt Gottlieb, er wolle unter dem Vorwand, über La Mettrie und dessen These von der Lebensfeindlichkeit von Schuldgefühlen zu sprechen, den Deutschen einen „Freispruch erschwindeln“, wobei Hardy einen überraschenden Zusammenhang zur Erinnerung an den Holocaust herstellt. Die anschließende Reflexion Gottliebs wirkt wie eine späte Selbstverteidigung Walsers, der sich während der Diskussionen rund um seine Romane Ein springender Brunnen und insbesondere Tod eines Kritikers selbst Vorwürfen des latenten Antisemitismus ausgesetzt sah:

„La Mettrie behauptet, es gebe nichts Unmenschlicheres, nichts Lebensfeindlicheres als remords. Das würde natürlich auch für den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit gelten. Aber das hat er [Zürn] nicht gesagt. Er müßte dann nachweisen, daß es eine Schuld gibt ohne Schuldgefühle. Kein bisschen weglügen, nichts verkleinern, und trotzdem kein Schuldgefühl, keine remords. […] La Mettrie hatte keine Erfahrung mit dem Gedächtnis. Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal.“ [...]" (Wikipedia)

Bernd A. Laska: Warum ausgerechnet La Mettrie? Über den „eigentlichen Helden“ in Martin Walsers Roman Der Augenblick der Liebe. In: literaturkritik.de, Jg. 6, Nr. 10, Oktober 2004 (eine ausführliche sehr informative Information über La Mettrie und seine Rolle zwischen Aufklärung, Freud und Reich))

16 Mai 2026

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums

 Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums

Klappentext: Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. "Stimme zu" / "Stimme nicht zu" - so werden Handelnde zu Vollziehenden. Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.

Leseprobe:https://www.suhrkamp.de/buch/hartmut-rosa-situation-und-konstellation-t-9783518588338?pt_ref=buchlink&utm_campaign=9783518588338&utm_medium=buchlink&utm_source=perlentaucher.de


Rezension: Bekannt geworden mit seiner Theorie der "Resonanz", warnt der Soziologe Hartmut Rosa nun vor dem Verschwinden des individuellen Spielraums in einer überregulierten Moderne, wie Rezensent Günter Kaindlstorfer erklärt. Die zentrale Diagnose lautet, dass Menschen immer häufiger von Handelnden zu "Vollziehenden" werden: vom Zugschaffner über die Ärztin bis zum Fußballschiedsrichter, der auf die "Millimeterentscheidung des Videoassistenten" warten muss. Leben bedeute jedoch "HANDELN", nicht das Abarbeiten von To-do-Listen, sonst drohten Erschöpfung und Entfremdung, so der Kritiker. Rosa erklärt auch den Erfolg von Populisten mit der Sehnsucht nach "Handlungsfähigkeit" und plädiert für die Rückeroberung von Ermessensspielräumen und für "Unverfügbarkeit".


Klassisches Beispiel für Handlungseinschränkung: Brandschutzverordnung: Sicherheit (S.90)

Schutz vor Korruption u. Rechtssicherheit

Versprechen der Moderne zum Handeln zu befreien (S.95)

neue Ohnmacht (S.97)

Verstehbarkeit u. Gestaltbarkeit (S.98)

Politik u. Wissenschaft als Beispiele für den inneren Widerspruch (S.98/99)

Kapitel 5: Macht u. Ohnmacht der Gesetzgebung  (S.102ff.)

  1. Derartige Rückeroberungen unserer Spielräume werden die kulturellen und strukturellen Steigerungs– und Optimierungszwänge, die mit einer auf dem Modus dynamischer Stabilisierung beruhenden, liberal-kapitalistischen Gesellschaft unaufhebbar verbunden und für die/Transformation unseres Handelns hauptverantwortlich sind, nicht einfach außer Kraft setzen. Aber sie können dazu beitragen, dass wir dereinst […] noch den nötigen Spielraum und die Handlungsfähigkeit haben werden, um etwas Neues entstehen zu lassen. (S. 219/220)

  2. Bemerkenswert ist, dass Rosa als Möglichkeit für die Rückgewinnung menschlicher Spielräume das indische Jugaad und das brasilianische Jeitinho nennt; aber auch das Konzept des Ubuntu, das im deutschen Sprachraum schon länger als "Ich bin, weil du bist" verstanden wird, eine Gedanke, der von Martin Buber etwa so formuliert wurde: "Der Mensch erfährt sich als Mensch durch das Du seines Gegenüber. Ausführlich dargestellt ist das in seinem Werk "Ich und Du".

  3. Die verschiedenen Sprachsektionen der Wikipedia sehen die Begriffe freilich mitnichten als gleichbedeutend an. Die englische Wikipedia kennt sowohl das indische Jugaad und das brasilianische Jeitinho und misst ihnen unterschiedliche Bedeutung zu. Die  Ubuntu-Philosophie ist dagegen in 47 Sprachsektionen zu finden. 

  4. Zunächst fällt auf, dass sich tatsächlich auf fast allen großen Konfliktfeldern der Gegenwart eine geradezu übermächtige Tendenz erkennen lässt, im politischen Diskurs und sogar im politischen Handeln komplexe gesellschaftliche Situationen auf einfache konstellative Konfliktpunkte zu reduzieren. [...] Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich im politischen Streit um die Migration, genauer: wie mit der so genannten Migrationskrise umzugehen sei. Auch hier steht die Gesellschaft – steht die Welt – vor einer komplexen, vielschichtigen und moralisch hochproblematischen Gemengelage, die zahlreiche Fragen aufwirft: Was treibt Menschen nach Europa? Was sind berechtigte Ansprüche? Wer kann sich geltend machen – wo und wie? Was ist ein menschlicher Umgang, mit denen, deren Ansprüche nicht berechtigt sind? Wie kann man – und soll man? – sicherstellen, dass diejenigen, denen das Recht aufs Asyl zu gewähren wäre, auch Gehör finden können? Was ist ein sicheres Drittland? Wohin darf man (welche) Menschen abschieben? Wann soll man sie nicht abschieben? Wie können diejenigen integriert werden, die hierbleiben (dürfen)? Welche Probleme im Umgang mit geflüchteten Menschen stellen sich für Kommunen, Schulen, Betriebe? – Und auch hier wurde und wird die unbedingt nötige Diskussion immer wieder auf einzelne konstellative Konfliktpunkte reduziert: Obergrenze, ja oder nein? Nach Afghanistan (oder Syrien, oder…) abschieben, ja oder nein? Asylverfahren außerhalb der EU, ja oder nein? (S. 103-105)

  5. Seite 131:
    In narritativen, biografischen Interviews beispielsweise erzählen Engagierte ihre Lebensgeschichten und gewähren den Forschenden auf diese Weise tiefe Einblicke in die Genese und Komposition ihrer Motivationsstrukturen im Kontext Ihres situativen Entstehung und Einbettung.
    Qualitative Sozialforschung beruht mithin auf der Ein/sicht, dass wir menschliche Handeln nur mittels einer Rekonstruktion seiner Sinnstrukturen und der Ihnen zugrunde liegenden Deutungsmuster der Akteure wirklich verstehen können, dass konstellative Analysen, Korrelationen (etwa zwischen dem Alter, dem Geschlecht, dem Bildungsgrad, dem Wohnort und der Engagementhäufigkeit) zwar aufdecken, aber nicht wirklich erklären können. Erst wenn die konstellativen Befunde in ihrer in ihren situativen und lebensweltlichen Einbettungen und Zusammenhängen erfasst und gedeutet werden, lassen sie sich adäquat begreifen. Deshalb bemüht sich die qualitative Forschung um die systematische Rekonstruktion solcher Sinnstrukturen und Deutungsmuster. (S. 131/32). [mehr zum Unterschied zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung und analytischer und verstehender Philosophie sieh KI Ecosia].
Kapitel 7: Parametrische Optimierung: die unmerkliche Verschiebung von Aufmerksamkeitsfokus und Willensstruktur.
Zunächst nur teilverbessert:

Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit, worauf achten wir, wenn wir versuchen, ein gelingendes Leben zu führen, gesund zu bleiben, stabile und erfüllende soziale Beziehungen zu unterhalten? Welche Aspekte nehmen wir jeweils wahr? – wie nehmen wir sie wahr? Und was versuchen wir dabei jeweils zu erreichen, worauf richten sich unsere Bemühungen, unser Wille? In gleicher Weise können wir fragen, was Manager, die eine Firma leiten oder Politikerinnen, die ein Land regieren, jeweils im Fokus haben. [...] 
Dazu werde ich in diesem Kapitel die These entwickeln, dass die Transformation unsere Tätigkeitsweise vom Handeln zum Vollziehen und damit auch/von situativer zu konstellativer Wahrnehmung unserer Umwelt zu einer höchst bedeutsamen Verschiebung unseres Aufmerksamkeitsfokus und unserer Willensstruktur [...] zu einer Veränderung der Art unseres In- der-Welt-Seins führt. [...] (S.145/46)
Wie jeder Amateursportler und jede Organisationssoziologin weiß, stößt das Bemühen, Leistungen und Ergebnisse zu verbessern, früher oder später an eine Grenze, jenseits deren ein systematisches Vorgehen unerlässlich wird. Das bedeutet, das Prozesse und deren Bedingungen – im Sport etwa Bewegungsabläufe und deren materielle Voraussetzungen wie Schuhe, Schläger usw. in ihre Einzelteile zerlegt werden müssen, die dann jeweils für sich untersucht und verbessert werden können. Der historische Prototyp für diese Art der Optimierung ist die Methode des wissenschaftlichen Managements [S.147/149] Ich möchte hier nicht infrage stellen, dass die Erhebung und die Verbesserung aller dieser Werte sinnvoll und wichtig sein können. Es ist aber nicht zu übersehen, dass sich im Zuge Ihrer Sichtbarmachung und Bearbeitung, die Wahrnehmung unseres Körpers und die Beschäftigung mit ihm, die Arbeit an ihm und sogar unser Körpergefühl spürbar verändert haben. Unser körperbezogener Auf/merksamkeitsfokus und die entsprechende Willensstruktur haben sich verschoben. In phänomenlogischer Diktion können wir sagen: Sie haben sich vom Leib, den wir (innerlich) wahrnehmen und spüren, hin zum Körper, den wir (äußerlich) beobachten und bearbeiten können, verschoben.
Nicht anders verhält es sich im Blick auf die Art und Weise, wie wir unsere Einbettung in der soziale Umfeld und unseren Platz darin wahrnehmen und bearbeiten. [S.149/150] 
[S.151:] Ist es trotz des Suchtpotenzials, dass soziale Verhaltensparameter für Menschen haben, immerhin mehr oder minder gefahrlos (wenn auch nicht folgenlos) möglich, sie weitgehend zu ignorieren, gilt dies für das Berufsleben und das organisationale, Handeln nicht. Überall in Betrieben, Behörden und Organisationen werden Leistungs-, Performance- und Verbrauchparameter individuell und kollektiv erhoben, verglichen und bearbeitet. Hier zeigt sich die Logik des neuen, digitalen Taylorismus am radikalsten. Nicht nur wirtschaftliche Unternehmen, sondern auch Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Theater, sogar Sozialämter und Pflegestation sind stetig aufgefordert, ja gezwungen, ihre Performance mithilfe von Kennziffern, Messzahl und Richtwerten beständig parametrische zu überwachen, zu publizieren [...] und natürlich zu verbessern. (S. 150/51)

15 Mai 2026

Die Frau im Mittelalter

 Dies Buch fand sich bisher nur ziemlich versteckt bei meinen Lektüreanregungen. Es soll hier leichter zu finden sein:

Shulamith Shaha: Die Frau im Mittelalter, 1981
(engl.:The Fourth Estate: A History of Women in the Middle Ages, New York 1983)
Die Frauen passen nicht recht in das Ständesystem des Feudalsystems: Geistlichkeit, Adel, Bauern/Bürger. Sie werden, so weit sie überhaupt vorkommen, als Randgruppe geführt. So gibt es im Beichtspiegel z.B. speziell weibliche Sünden. Auch gibt es nur bei den Frauen eine Einordnung nach dem Familienstand: ledig, verheiratet, verwitwet. (Mehr dazu auf den Seiten 14/15 - zur besseren Lesbarkeit kann man das Bild herunterladen und dann vergrößern.)
Behandelt wird grob gerechnet die Zeit von 1150-1450 und Westeuropa außer Skandinavien, Schottland und Irland. Hier gibt es trotz aller regionalen Differenzierungen genügend Gemeinsamkeiten, um eine übergreifende Behandlung zu rechtfertigen. 
"Die großen Mystikerinnen waren angesehen und geehrt wie kaum andere Frauen jener Epoche. So schrieb Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert an Hildegard von Bingen: "Wir preisen die göttliche Gnade, die in dir wohnt… Wie kann ich dich zu lehren oder zu beraten wagen, die du verborgenen Wissens teilhaftig geworden bist, und der Einfluss von Christi Salbung in dir weiter lebt. Du bedarfst keiner Unterweisung mehr, denn von dir sagt man, dass du fähig seist, die himmlischen Geheimnisse zu prüfen und im Lichte des Heiligen Geistes zu erkennen, was jenseits menschliche Erfahrung ruht. An mir ist es, dich zu bitten, mich und diejenigen, die mir in geistiger Brüderlichkeit verbunden sind, vor Gott nicht zu vergessen…" Aus diesen Worten geht die Anerkennung einer der Mystikerin eigenen Heiligkeit hervor, die weder an Amt noch Titel gebunden war. Sie ist dem Ruhm weniger Prophetinnen aus dem Alten und Neuen Testament vergleichbar. So zählte denn auch ein Teil der Mystikerinnen zu christlichen Heiligen, denen bisweilen zu Lebzeiten besondere prophetische Kräfte zugesprochen wurden (ihre Kanonisierung erfolgte erst nach ihrem Tod). Bei einem Chronisten lesen wir über Hildegard von Bingen und Elisabeth von Schönau: 'Gott offenbarte seine Stärke durch das schwache Geschlecht, durch zwei seiner Dienerinnen… Sie waren von der Fähigkeit der Prophetie erfüllt…' Auch Franz von Assisi glaubt an die Heilkräfte der heiligen Klara; seinen Bruder Stephan sandte er zu ihr, da sich sein Geist verwirrt hatte. Nachdem sie das Zeichen des Kreuzes über ihm gemacht hatte, legte er sich an dem Ort schlafen, an dem sie gewöhnlich betete; als er am nächsten Morgen aufstand, war er geheilt. Im Verhalten der Kirche gegenüber Mystikerinnen berief man sich beinah einhellig auf folgende Unterscheidung: Zwischen einer Kraft, die von Gott geschenkt und allein auf der Persönlichkeit beruhe, und priesterlicher Autorität und Würde; dazu Thomas von Aquin: 'Die Prophetie ist kein Sakrament, sondern eine Gabe Gottes… Das weibliche Geschlecht versinnbildlicht nicht die Überlegenheit ihres Standes, hat es sich doch unterzuordnen; das heißt: Einer Frau steht das Sakrament der Priesterweihe nicht zu. Da sie sich aber in ihrer Seele nicht vom Mann unterscheidet, so folgt daraus, dass sie die Gabe der Prophetie empfangen kann, nicht jedoch das priesterliche Sakrament.'[...]" (S. 68/69)


Behandelt wird aber auch die Hexenverfolgung, die in der Randstellung der Frau im Mittelalter vorbereitet sei:
"Das Ausmaß von Unheil, welches Eifersucht und Vergeltungswahn einer Frau bewirken könne, ließ sie sich aus der Geschichte Josephs und seiner Gemahlin Potifar ebenso ablesen wie aus den Handlungen Medeas. Mit ihrer Stimme, den Sirenen vergleichbar, locke sie einen jeden an, um ihn sodann zu zerstören. Ihr Hochmut sei nichts anderes als die Fassade ihrer Schwäche, aus der heraus sie den leichtesten Weg, also die Zauberei, zur Erreichung ihrer Ziele und Befriedigung ihrer Rachegelüste wähle. Derartige weibliche Eigenschaften würden jedoch vor dem schlimmsten Laster der Frauen, der Fleischeslust, die in ihrer Unersättlichkeit weit über die eines Mannes hinaus reichen, verblassen. Siehe Bilder auch die Hauptursache dafür, dass Frauen sich leichter vom Teufel und seinem Gehilfen, den Dämonen verführen ließen. Speziell anfällig in dieser Hinsicht sein jene Frauen, die unzüchtige oder ehebrecherische Beziehungen eingegangen seien. Es läge daher auf der Hand, Ketzerei von Zauberern mit dem weiblichen Namen der Hexen und nicht den männlichen der Hexenmeister zu belegen. So viel zur schwarzen Liste des Verfassers des 'Hexenhammers'." (S. 259)

14 Mai 2026

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

 Die Erzählerin machte alles ihrer Freundin Lila nach, auch wenn sie dabei große Angst hatte. Denn Lila macht immer wieder ohne Furcht etwas, was Elena nie von selbst getan hätte. 

Alle Kinder waren frech und hielten sich nicht an das, was ihnen gesagt wurde, Nur Lila tat es offen und ohne Furcht. Sie gehorchte der Lehrerin nicht, und wenn die sie strafen wollte, fiel ihr selbst etwas Schreckliches zu.

Lina lief nicht vor den Steine werfenden Jungen fort, sondern wich ihnen immer erfolgreich aus und bewarf ihrerseits die Jungen mit Steinen.

So ist Elena auch am Beginn des Romans dabei, ihrer Freundin auf dem Weg zu Don Achille zu folgen, obwohl der der Schrecken des ganzen Viertels war. In dieser magischen Kinderwelt voller Ängste hat Lila keine Angst. Deshalb kann sie alles, auch das Unmögliche, weil sie keine Angst hat. Lila wird diese Fähigkeit bis zum Schluss der Tetralogie haben. 

Am Anfang stehen Verse aus Goethes  Faust Prolog im Himmel

Du darfst auch da nur frei erscheinen;

Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.

Von allen Geistern, die verneinen,

ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.

Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,

er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.

Als Elena in die Schule kam, wurde sie, weil sie artig und fleißig war, bald die beste aus der Klasse. Bis eines Tages herauskam, dass Lila sich, ohne jede Hilfe, Lesen und Schreiben beigebracht hatte und auch besser Kopfrechnen kann als die zwei Jahre älteren Schüler. 

Von da ab hat sie es sich allerdings mit den Jungen in der Schule verdorben. Elena aber erkennt Lilas Überlegenheit fraglos an und bemüht sich, immer an ihrer Seite zu bleiben, und Lila nimmt sie zu allerlei Mutproben mit, die Elena von sich aus nie zu unternehmen gewagt hätte. In dieser Zeit wirft Lila auch Elenas Puppe ins Kellerloch. Als sie sie nachher im Keller suchen, finden sie sie nicht und vermuten, Don Achille habe sie gestohlen.

Damals hat Nino Sarratore Elena auch gesagt, dass er Elena heiraten wolle, wenn sie groß seien. Sie liebte ihn auch, wies ihn aber ab. (S.74)

Dass Elena Lila als mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet sieht, führt Ferrante also auf die plötzlich Überlegenheit Lilas, dass sie ohne Hilfe Lesen gelernt hat, zurück. Und dass sie - wie Mephisto Faust - Elena in das ihr bis dahin fremde Leben einführt, auf ihre Furchtlosigkeit.

Zum größeren Zusammenhang als Vorausschau sieh die Darstellung zur Tetralogie und zum 3. Band

13 Mai 2026

Saša Stanišić: Wolf - ein Buch zum Thema Mobbing

Saša StanišićWolf. (Perlentaucherrezensionen)

Wolf ist "mehr als nur eine Mobbing-Geschichte. Der Roman erzählt auch von Freundschaft, Veränderung und vor allem von Selbstermächtigung - davon, wie man wieder zum Erfinder oder zur Erfinderin der eigenen Geschichte wird, lesen wir. Und das natürlich gewohnt witzig, fantasiereich und mit einer Sensibilität für Sprache, die berührt, beeindruckt und anregt - genauso übrigens, wie die feinen Illustrationen von Regina Kehn. Dieser Kinderroman ist definitiv "anders" auf die beste Weise" (Christine Knödler, Süddeutsche Zeitung, 05.05.2023

Interview mit Schülerinnen, die das Buch gelesen haben, dem Lehrer, an dessen Schule alle das Buch gelesen haben und Stanišić (ZEIT 13.5.26)


Ich begleite die Werke von Stanišić  seit 2014. Ich bin kein begeisterter Leser. Dies Buch aber, das ich nicht gelesen habe, gefällt mir sehr gut aufgrund der wenigen Stellen, die in dem Interview zitiert werden, und der Reaktion der Leserinnen. Denn Mobbing ist ein sehr wichtiges Thema, weil es sich weitgehend für die Erwachsenen im Verborgenen abspielt und es sehr schwierig ist, die Dynamik des Prozesses zu erkennen und noch schwerer, sie zu beeinflussen. Ich bin Stanišić dankbar, dass er das Thema aufgegriffen hat und bin beeindruckt, dass es gelungen ist, das Buch in einer Schule in allen Klassen zu lesen. 

Dan Olweus hat einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Gewaltpräventionsprogrammen in der Schule geleistet, aber insbesondere aufgrund der Möglichkeit des außerschulischen Mobbings über das Internet trotz allen verdienstvollen pädagogischen Interventionen nicht wirklich erfolgreich bekämpft worden. Die Beteiligten sind weiterhin oft überfordert, weil Erwachsene und Mobbingopfer nicht früh genug zueinander finden.

12 Mai 2026

Franz Grillparzer: Libussa

 Libussa (WikipediaBehandlungen des Stoffs in der Kunst (Literatur usw.)

Grillparzer (Wikipedia)

Der Dichter Grillparzer spielt in meiner literarischen Bildung nur eine unwichtige Nebenrolle. In meiner Schulzeit lernte ich nur Weh dem, der lügt! (1838) kennen. Der arme Spielmann  (1847) folgte als nächstes, war mir aber zu resignativ, auch wenn er Grillparzer sympathisch erscheinen ließ. Neben Schillers Dramen konnte das nicht bestehen. Mit Sicherheit habe ich in manche Werke hineingesehen. König Ottokars Glück und Ende (1825) interessierte mich vom historischen Standpunkt.

Bei meiner Erstlektüre von Libussa im Juli 2024 habe ich mehr zu Grillparzer und meiner Erfahrung mit ihm geschrieben. Dort findet sich auch längere Zitate aus dem 1.und 3. Akt.

Hier sollen einige Zitate aus dem Nachwort von Heinz Rieder* stehen, die die Bedeutung des Werkes würdigen. *Heinz Rieder (1911–1995) war ein österreichischer Historiker, Germanist und Bibliothekar, arbeitete an der Österreichischen Nationalbibliothek und als freier Schriftsteller.              Zunächst Stichworte: Der Stoff der Libussa interessierte G. erstmals 1822, also mit 31 J. , der 1. Akt wurde erstmals 1840 aufgeführt und 1841 gedruckt. Das vollständige Stück (vermutlich 1848 vollendet) fand sich erst in seinem Nachlass und wurde 1874 aufgeführt.

Nachwort (Zitate): "Nach dem Motiv, das schon in Schillers Jungfrau von Orleans vorkommt, überwindet in Libussa des Weib mit seiner Liebe zu Primislaus, die Seherin und Herrscherin. Vergebens sucht Libussa diese Entwicklung zurückzunehmen, und erst die Todesstunde mit der Selbstüberwindung gibt ihr die Sehergabe wieder. [...]/
Mit dem Dämmerlicht zweier einander ablösender Zeitalter, das Libussa Gestalt umgibt, ist schon die politische, auf die damalige Umwelt des Dichters beziehbare Aussage umrissen. Damit rückt das Werk nah an die beiden anderen Dramen heran, die erst nach dem Tod des Dichters bekannt werden durften: die Die Jüdin von Toledo  und Ein Bruderzwist in Habsburg. Es ist die Stimmung des vormärzlichen Österreich knapp vor der Revolution von 1848, die den Dichter bei der Niederschrift umgab, und beeinflusste: die Stimmung des sich langsam totlaufenden Metternichschen Systems, der dem Untergang geweihten absoluten Feudalmonarchie, da hinter den überlebten politischen Kulissen sich die von Technik und Industrie geprägte neue bürgerliche und politische Gesellschaft abzeichnete und mit ihr die alles abschleifende und nivellierende Zivilisationswelt, in der auch das geistige Erbe Weimars infrage gestellt wird. Einen umwälzenden Wandel menschlicher Ordnungen hat Grillparzer in diesen drei Dramen / auf die Bühne gebracht, künstlerisch gestaltet und gedeutet, darüber hinaus, seherisch in eine neue Zukunft gewiesen. In manchen prophetischen Worten, Kaiser Rudolfs im Bruderzwist, in manchen Versen, die Libussa im fünften Akt in den Mund gelegt werden, ist unsere Zeit direkt angesprochen, wird sie vorausgeahnt. Nur ist in Libussa – im Gegensatz zum Bruderzwist – die hoffnungslose Düsterkeit und die Katastrophenstimmung einem versöhnlicheren Zukunftsbild gewichen. [...] 
In der Abschiedsrede Libussas im fünften Akt finden sich die Verse: 
Die Erde steigt empor an ihren Platz,
Die Götter wohnen wieder in der Brust,
Und Demut heißt ihr Oberer und Einer.
Als Libussa diese Verse spricht, ist sie vom Tode gezeichnet, den die neue Zeit des Primislaus für sie bereitete. Aber sie hat sich auch zu einer Haltung durchgerungen, die bereits über den Gegensatz des Diesseits und der Menschenwelt steht, getragen von der Einsicht, dass der Mensch gut sei. Sie hofft, dass dieser gute Mensch auch das neue Zeitalter, die Epoche der Zivilisation, die Welt des Schaffens und Wirkens bestehen wird, dass er in dieser nüchternen Welt sich nach seiner ursprünglichen, geistigen Heimat sehnen wird, in der er sich über die täglichen Bedürfnisse, über die Jagd nach Nutzen und Erfolg erheben kann. Alles liegt nun bei Menschen. Der Himmel, die Götterwelt Libussas ist verschlossen, die alten Götter ziehen nun in die Brust des Menschen ein – Grillparzer bekennt sich hier zum anthropozentrischen Weltbild der deutschen Klassik, die das göttliche Jenseits in den zu einer größeren humanitären Verantwortung emporgestiegenen Menschen verlegte. [...] /
Mit Demut aber wollte er offensichtlich jenen Wert in der humanitären Wertehierarchie bezeichnen, der das menschliche Ich zur Selbstbescheidung und Selbstbeschränkung mahnt. [...] Die Demut ist sozusagen ein Geschenk Libussas an die künftige Welt, die aber auch nicht die Zivilisationswelt der nächsten Zukunft sein wird: 'Jahrhunderte, verschlafen bis dahin.' Erst nach dieser Welt wird das goldene Zeitalter anbrechen, dann erst, wenn die Menschen, die in der Zivilisation verlorengegangene Einheit mit der Natur, die in Libussas Reich herrschte, zurückgewinnen.
'Dann kommt die Zeit, die jetzt vorüber geht,
Die Zeit der Seher wieder und Begabten.'        (Reclam Universal-Bibliothek 4391, S.93-96)

                         

5. Akt:

"Primislaus(aufstehend).
Siehst du, die Moldau, dieses Landes Ader,
Die blutverbreitend durch den Körper strömt,
Hier hat versammelt sie all ihre Quellen
Und breitet sich in weiten Ufern aus.
Noch weiter unten fließt sie in die Alb,
Mit der vereint sie durch die Berge bricht,
Die scheiden unser Land vom deutschen Land
Und strömt mit ihr, so sagt man, bis ins Meer.
Steht unsre Stadt nun hier, so baun wir Schiffe
Und laden auf des Landes Überfluß
An Frucht, an Korn, an Silber und an Gold.

Libussa. So achtest du das Gold?

Primislaus.         Ich nicht, doch andre,
Und andern eben bieten wir es dar.
So schafft uns Tausch was hier noch etwa fehlt.

Libussa. Genügsamkeit ist doch ein großes Gut!

Primislaus. Befriedigt ist das Tier nur und der Weise,
Den Menschen, die gleich mir und gleich den meisten
Ward das Bedürfnis als ein Reiz und Stachel
Von ew'gen Mächten in die Brust gelegt,
Bedürfnis das sich sehnt nach der Befried'gung
Und dort auch noch zu neuen Wünschen keimt."


Text der KI Ecosia zum Stück  mit weiterweisenden Links)

„Libussa“ von Franz Grillparzer ist ein monumentales Trauerspiel in fünf Aufzügen, das die legendäre Gründung Prags und Böhmens thematisiert freitext.org. Die Handlung dreht sich um die böhmische Königstochter Libussa, die aus göttlichem Geschlecht stammt und nach dem Tod ihres Vaters die Regierung übernimmt austria-forum.org www.deutsche-digitale-bibliothek.de link.springer.com.

Libussa begibt sich auf die Suche nach Heilkräutern für ihren todkranken Vater und verirrt sich dabei link.springer.com. In dieser Situation wird sie mit politischen und persönlichen Herausforderungen konfrontiert, die letztlich zur Gründung Prags führen. Das Drama untersucht auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Erwartungen an weibliche Herrschaft macau.uni-kiel.de.

Grillparzer vollendete das Werk im Revolutionsjahr 1848 odysseetheater.at. Es verbindet mythische Elemente mit politischen und sozialen Themen seiner Zeit."


Mehr zum Stück und an Zitaten bei meiner Erstlektüre von Libussa im Juli 2024.



04 Mai 2026

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege, Band 3 der Neapolitanischen Romane

 Elena Ferrante (Wikipedia): Die Geschichte der getrennten Wege Copyright 2013, dt. 2017

Heute wie druckfrisch in einem kleinen neuen öffentlichen Bücherregal gefunden.

Das Pseudonym der Autorin ist literarisch Interessierten schon länger bekannt (dazu der Wikipediaartikel), die Gelegenheit in eins der Bücher hineinzusehen, wollte ich nicht verpassen. Meine Vermutung ist, dass ich nicht rasch damit vorankommen werde. 

[Das habe ich geschrieben mir Blick auf Steinbecks "Früchte des Zorns", über die ich seit dem 11.2. berichte und Jack Londons "Martin Eden", über den ich seit dem  4.3. berichte (gegen Ende April beendet). Freilich, beide habe ich auf Englisch abends im Bett gelesen,  um das Einschlafen zu befördern. "Von Früchte des Zorns" hatte ich Anfang und Schluss auf Deutsch gelesen, bevor ich mit "Martin Eden" begann. Jetzt bin ich irgendwo im ersten Viertel oder Drittel. - Da ich Ferrante auf Deutsch lese, werde ich schneller vorankommen können und eher einen Eindruck gewonnen haben, so dass  das Springen zum Schluss früher erfolgen dürfte.]

Daher schon hier zur Vorstellung ein Link auf den Wikipediaartikel Neapolitanische Saga. Für die, die den Spoiler fürchten, die Angaben von zwei KIs (beide gekürzt) um mir Zusammenfassungen zu ersparen. [Zur emotionalen Einfühlung kann man Fotos der Hauptdarstellung und Kurzinformationen zu den Episoden der Verfilmung der Romane hier sowie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung und Fotos vom Schauplatz in Neapel in einem Foto-Essay im Guardian finden.finden.]

 KI EcosiaDie Neapolitanische Saga von Elena Ferrante ist eine der bekanntesten und meistdiskutierten Buchreihen der letzten Jahre. Die vierbändige Reihe erzählt die lebenslange Freundschaft und Rivalität zwischen zwei Frauen aus Neapel: Elena Greco (genannt Lenù) und Raffaella Cerullo (genannt Lila). Die Saga ist ein tiefgründiges Porträt von weiblicher Emanzipation, sozialer Ungleichheit, Gewalt und der Komplexität menschlicher Beziehungen.

  1. Meine geniale Freundin (L’amica geniale, 2011)

    • Die Geschichte beginnt in den 1950er-Jahren in einem armen Viertel Neapels. Die beiden Mädchen, Elena und Lila, wachsen in einer von Männern dominierten Welt auf. Lila ist hochintelligent, rebellisch und voller Ideen, während Elena sich als die “Stille” sieht, die durch Bildung und Fleiß versucht, ihrem Schicksal zu entkommen. Der Band endet mit Lilas plötzlicher Hochzeit in jungen Jahren – ein Bruch in ihrer Freundschaft. (Mehr zum Inhalt erfährt man aus den Angaben zur Verfilmung des Romans für das Fernsehen)
  2. Die neue Freundin (Storia del nuovo cognome, 2012) Der zweite Band deckt die 1960er-Jahre ab. Elena beginnt, sich von Lilas Schatten zu lösen, und besucht das Gymnasium. Lila hingegen ist in einer unglücklichen Ehe gefangen, kämpft mit häuslicher Gewalt und versucht, sich durch Arbeit und Bildung zu befreien.

  3. Diejenigen, die gehen und diejenigen, die bleiben (Storia di chi fugge e di chi resta, 2013) Hier wird die Freundschaft auf die Probe gestellt, als Elena in Florenz studiert und sich von Neapel entfernt. Lila arbeitet in einer Fabrik und engagiert sich politisch. Die gesellschaftlichen Umbrüche der 1970er-Jahre (Studentenproteste, Feminismus, wirtschaftliche Krisen) spielen eine zentrale Rolle.

  4. Das verlorene Kind (Storia della bambina perduta, 2014) spielt in den 1980er- und 1990er-Jahren. Elena hat sich als Schriftstellerin etabliert, während Lila ein zurückgezogenes Leben führt. Die Vergangenheit holt beide ein, und die Frage, wer von ihnen “erfolgreich” war, wird neu verhandelt. Der Roman endet mit einem rätselhaften Verschwinden Lilas.

KI Gemini (etwas stärker gekürzt)

Was die Saga so besonders macht, ist Ferrantes ungeschönter Blick auf die Realität:

  • Ambiguität der Freundschaft: Es ist keine reine „Wohlfühl-Freundschaft“. Sie ist geprägt von tiefer Liebe, aber auch von Neid, Konkurrenzkampf und gegenseitiger Abhängigkeit.

  • Das Viertel (Rione): Ein Mikrokosmos voller Gewalt, Camorra-Einfluss und strenger patriarchaler Strukturen, dem beide Frauen auf unterschiedliche Weise zu entkommen versuchen.

  • Bildung als Befreiung: Während Elena durch Bildung sozial aufsteigt, bleibt die (vielleicht genialere) Lila im Viertel gefangen, fordert das System jedoch von innen heraus heraus.

  • Sprache: Der Kontrast zwischen dem harten neapolitanischen Dialekt (Gewalt/Herkunft) und dem reinen Italienisch (Bildung/Aufstieg).

Hintergrund: Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Die wahre Identität der Autorin (oder des Autors) ist offiziell nicht bestätigt, was den Kult um die Bücher noch verstärkt hat. Die Anonymität soll sicherstellen, dass das Werk für sich selbst spricht.

Die Saga wurde unter dem Originaltitel "L'amica geniale" (My Brilliant Friend) spektakulär von HBO und der RAI verfilmt. Die [Fernseh-]Serie ist bekannt für ihre visuelle Treue zum Zeitgeist und die herausragenden schauspielerischen Leistungen.

Beide Antworten der KIs habe ich gekürzt und, wo nötig, ergänzt - insbesondere durch Links.

Lektüreerlebnis (4.5.): Die Erzählerin Elena scheint der Autorin näher zu stehen als Lila. Diese scheint mehr dem idealen Ich der Autorin zu entsprechen. So zur Handlung getrieben, dass sie darüber ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt, während die Autorin im Schreiben ihr wichtigstes Bedürfnis erfüllt.
Das Buch liest sich - wie von einem Bestseller zu erwarten - besser als angenommen, weil man den Eindruck gewinnt, die Erzählerin berichte genau über die Erfahrungen, die sie nach dem Verfassen des Buches gemacht habe, das man gerade liest. Das heißt, dass nicht ein Bewusstseinsstrom protokolliert wird, aber auch nicht über einen abgeschlossenen Vorgang berichtet, sondern zwischen der Autorin und der Erzählerin scheint es - ganz im Unterschied zu einer Ich-Erzählung - keinerlei psychologischen Abstand zu geben. [mehr zur Erzählperspektive findet sich im Wikipediaartikel zu Meine geniale Freundin.] Daraus erklärt sich mir als Leser. dass Ferrante so großen Wert auf Anonymität legte, weil sie als Person nicht wirklich mit der Erzählerin identifiziert werden will. Andererseits scheint ihr das Schreiben der Tetralogie deshalb so viel leichter gefallen zu sein, weil sie sich im Laufe des Schreibens der vorhergehenden Romane immer besser in diesen Sprachgestus eingewöhnt hat. Daher tritt der Erfolg ihrer Bücher nicht trennend zwischen sie und ihr Werk, sondern er bestätigt die Bestsellerqualität. (Seitenangabe: S.105)
Inzwischen hat sich das Buch für mich zum Pageturner entwickelt; denn es ist außerordentlich "handungsstark". Was in den Rezensionen als Studie über Freundschaft zwischen zwei Frauen bezeichnet wird ist für mich eine sehr erfolgreiche Konstruktion: Der dem Lesermilieu nahestehenden sympathischen Erzählerin inzwischen aus dem Bildungsmilieu wird ihre Freundin aus der Kinderzeit aus dem gemeinsamen Armutsmilieu gegenüber gestellt,  eine ausgebeutete Figur aus dem Arbeitermilieu [In der deutschen Übersetzung heißt es immer wieder, dass Personen - mehr oder minder gut - (Hoch-)Italienisch sprechen, dass also im Viertel anders gesprochen wird. Dazu die Süddeutsche Zeitung zur Fernsehserie: "Die Schauspieler mussten den regionalen Dialekt einstudieren, den auch die Italiener so wenig verstehen, dass die Serie selbst im Original untertitelt ist.]mit ihren sozialistisch/kommunistischen Freunden, die es ermöglicht, ein umfangreiches Handlungsgeflecht zu entwickeln. (ab Kapitel 28, S.127). [mehr zur Erzählweise  findet sich im Wikipediaartikel zu Meine geniale FreundinDiese Zweithandlung wird als  Bericht Lilas an ihre Freundin eingebracht. Er gibt die Möglichkeit zur Identifikation mit Lila. Zwar tritt sie den mit ihr Handelnden fast durchweg schroff abweisend gegenüber, aber sie verfügt über nahezu übermenschliche Fähigkeiten. Ständig leidet sie und stößt zurück, aber auch in größten Schwierigkeiten bleibt sie überlegen und fasziniert ihre Gegner. So wird verständlich,  dass auch die Erzählerin Elena fasziniert auf sie blickt. Sie pflegt Lila und organisiert ihr - dank der Verbindung zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter - Hilfe beim Kampf gegen den Fabrikbesitzer. 
Von Kapitel 46 (S.213) an wird so die Handlung von Elena und Lila weiterentwickelt, bis mit Kapitel 58 (S.272) sich plötzlich die Familie Galiani aus dem Bildungsmilieu sich gegen Elena stellt, sie links liegen lässt und sich nur noch für Lila interessiert. 
Ab Kapitel 63 (S291) folgt zu meiner Verwunderung nun wirklich das, was mir in Rezensionen angekündigt war: Elena und  Lila leben sich auseinander, bleiben aber in Kontakt und sehen sich in Konkurrenz und lügen sich gegenseitig vor, wie gut es ihnen gehe. [Dazu heißt es im Wikipediaartikel Meine geniale Freundin unter dem Stichpunkt Interpretation: "Bei der Einschätzung der Freundschaft zwischen beiden Mädchen spielt der Aspekt der Konkurrenz eine zentrale Rolle. Bewertet wird diese Rivalität in den Kritiken unterschiedlich. In einem Fall rundum positiv: Obwohl einseitig in den Prämissen (Anziehung und Bedürftigkeit), sei ihre Beziehung frei von Missgunst und für beide gleichermaßen befruchtend in puncto „Zuneigung, Wissen, Ehrgeiz und Ansporn“.[9] Andere Urteile fallen etwas skeptischer aus: ]Die Freundinnen seien beinahe, was man im Englischen „frenemies“, Lieblingsfeindinnen, nenne;[11] schon im Prolog zeichne sich ab, dass es darum gehe, wer von beiden „das letzte Wort“ behalte;[10] die Freundschaft mit Lila sei für Elena ein „Bund mit dem Teufel“, worauf auch schon das aus Goethes Faust stammende Motto des Romans verweise.[4] Im Zusammenhang mit der Fernsehsehrie schreibt die Süddeutsche Zeitung dazu: "Elena und Lila konkurrieren um die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und müssen ihre Kräfte doch bündeln, um das zu erreichen."[5]] 
Jetzt gibt es nicht mehr ständig Action, sondern Elena erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Hochstimmung während der Schwangerschaft, ganz anders als Lila es von sich erzählt hatte. Dann ein ganz schwieriges Jahr mit der Tochter Adele [genannt: Dede]: "Ein Leidensweg von Arzt zu Arzt begann, nur für sie und mich, Pietro hatte immer in der Universität zu arbeiten." (S.299) 
"Mir war inzwischen klar, dass Pietro in seinem beruflichen Umfeld als Langweiler angesehen wurde, denkbar weit entfernt vom begeisterten Aktivismus seiner Familie, Ein missratener Airota. [...] Er murmelte düster: 'Elena, wir müssen über unsere Beziehung nachdenken und Bilanz ziehen.' Ich stimmte sofort zu. Ich sagte, ich bewunderte seine Intelligenz und seine gute Erziehung, Dede sei wundervoll, fügte aber hinzu, ich wolle keine weiteren Kin/der, die Isolation, in die ich geraten sei, sei mir unerträglich, ich wolle ins Berufsleben zurück. Ich hätte mich nicht seit meiner Kindheit so abgerackert, nur um am Ende in der Rolle der Hausfrau und Mutter eingesperrt zu sein. Wir stritten uns, ich mit Härte, er mit Anstand." (S.318/19)
 [Er lädt jetzt öfter Besucher ein. Sie genießt Komplimente und Flirts. Als sie bemerkt, dass es zu sexuellem Verkehr kommen könnte, schreckt sie zurück.] "In höchster Aufregung und voller Schuldgefühle kam ich nach Hause. Ich schlief leidenschaftlich mit Pietro, noch nie hatte ich mich so beteiligt gefühlt, ich war es, die kein Kondom wollte. 'Was soll die Angst', sagte ich mir. 'Du bist kurz vor der Regel, es wird schon nichts passieren.' Aber es passierte. Nach einigen Wochen merkte ich, dass ich wieder schwanger war.
Bei der nächsten Schwangerschaft ruft sie i(Kapitel 70, S.327) 
Kapitel 70: "Über eine Abtreibung versuchte ich mit Pietro gar nicht erst zu reden – er freute sich sehr, dass ich ihm noch ein Kind schenkte –, und außerdem hatte ich Angst vor diesem Schritt, schon das Wort verursachte mir Übelkeit. Aber Adele spielte am Telefon auf eine Abtreibung an, ich mich sofort mit Phrasen aus, nach dem Motto: Dede braucht Gesellschaft, als Einzelkind aufzuwachsen ist traurig, es ist besser, sie bekommt noch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen./ 'Und dein Buch?'  'Ich bin bald fertig', log ich. 'Lässt du es mich dann lesen?' 'Natürlich.'  'Wir sind schon alle sehr gespannt.' 'Ich weiß.'
Ich war in Panik, ohne nachzudenken, tat ich etwas, was Pietro sehr erstaunte und mich vielleicht auch. Ich rief meine Mutter an, erzählte ihr, dass ich wieder ein Kind erwartete, und fragte sie, ob sie für eine Weile nach Florenz kommen wolle. Sie brummte, sie könne nicht, sie müsse sich um meinen Vater kümmern, um meine Geschwister. Ich schrie sie an: 'Das heißt, deinetwegen werde ich nichts mehr schreiben!' 'Ist doch scheißegal', antwortete sie. 'Reicht es dir nicht, in Saus und Brauchs zu leben? 'Und sie legte auf. Aber fünf Minuten später rief Elisa an. 'Ich kümmere mich hier um den Haushalt', sagte sie. 'Mama kommt morgen zu dir.' " (Seite 327/28) [Ihre Mutter kommt aus Neapel zu Hilfe, und sie, die früher ihre Tochter immer heruntergemacht hatte, wird plötzlich die Stütze des Haushalts.]
An dieser Stelle der Lektüre habe ich unterbrochen um in meinen Text Links (und Zitate) zu den Wikipediaartikeln zu den Büchern und der Fernsehserie sowie zu Besprechungen derselben eizubauen.
Es ist wohl kein Zufall, dass ich genau vor der Stelle, die Freundinnen sich gegenseitig ihre gemeinsam Kindheit vor Augen führen, das Bedürfnis hatte, mich besser über den ersten Teil der Tetralogie zu informieren. Und dass in diesem Kontext Lila ihre kritische Sicht über beide Bücher Elenas klar ausspricht. Es scheint nach Ferrantes Aussagen ja auch das Urteil zu sein, das sie über ihre eignen ersten Bücher hatte, als sie beim Beginn der Tetralogie plötzlich eine klare Vorstellung hatte, was und wie sie schreiben wollte. (6.5.) [Wikipedia über Ferrantes erste drei Bücher]

Als ich die Lektüre fortsetzte, entdeckte ich erstmals längere Passagen, die ich für so charakteristisch hielt, dass ich sie als Zitate hier aufnehmen wollte - inzwischen nachgeholt -, dann aber nahmen Elenas Entfremdung von ihrem Mann und von Lila zu, die Konflikte reizten an, weiterzulesen. Die ernsthaften Zweifel Elenas, ob ihre Freundin nicht in tödliche Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Kommunisten verwickelt sein könnten, erweckten ei mir erstmalig den Eindruck, dass Elena sich in ihrer Kindheit (in dem ersten Band, den ich nicht gelesen habe) so abhängig von Lila gefühlt haben muss, dass sie jetzt, obwohl sie Gewalt ablehnt, am liebsten an Lilas Aktionen teil hätte. Das verändert meinen Blick auf das Verhältnis der beiden Freundinnen noch mehr. Die Ereignisse überschlagen sich wieder, so dass Elena nach Neapel fährt, um ihre Schwester zu retten, und dann in eine Familientreffen ihrer Familie mit den Faschisten gerät. (S.419)
Da anderes zu tun ist, z.B. Gartenarbeit, von der ich mich bei weiterer Lektüre des Buches erhole, bleibe ich noch weiter dahinter zurück, Inhaltliches hier festzuhalten. (6.5. abends)
Zitat: S.421: "Und ich merkte, dass sich durch meine Nervosität der dialektale Einschlag verstärkte, dass mir einige Wörter im Neapolitanisch des Rione unterkamen, dass der Rione [...] mir seine Sprache aufzwang, die Art, zu agieren und zu reagieren, seine Figuren, die in Florenz nur wie verblasste Bilder wirkten, hier aber aus Fleisch und Blut waren.
 Wieder klingelte es an der Tür, Elisa öffnete. Wer konnte jetzt noch kommen? Einige Sekunden vergingen, und Gennaro [Lilas Sohn] stürzte ins Zimmer, schaute Dede an, die schaute ungläubig ihn an und hörte sofort auf zu jammern, aufgewühlt von diesem unerwarteten Wiedersehen musterten sich die beiden. Unmittelbar darauf erschien Enzo, der einzig Blonde unter den vielen Dunkelhaarigen in sehr hellen Farben und doch düster. Schließlich kam Lila herein."
Kapitel 94: " [...] Pietro bekundete seine Sympathie für, wie er es nannte, die volkstümliche Welt, in der ich geboren und aufgewachsen war. Er flötete, meine Mutter, sei eine großzügige, sehr kluge Frau, äußerte sich wohlwollend über meinen Vater, Elisa, Julio, Enzo. Aber sein Ton änderte sich schlagartig, als er auf die Solar-Brüder zu sprechen kam. Er bezeichnete sie als zwei Gauner, zwei Schlitzohren, zwei scheißfreundliche Kriminelle. Und endlich war Lila an der Reihe. Leise sagte er: 'Sie hat mich am meisten irritiert.' 'Das habe ich gemerkt', platzte ich heraus, 'du hast dich ja den ganzen Abend mit ihr unterhalten.' Pietro schüttelte energisch den Kopf und fügte zu meiner Überraschung hinzu, Lila sei für ihn von allen die Schlimmste gewesen. Er sagte, sie sei auf keinen Fall, meine Freundin, sie könne mich nicht ausstehen, sie sei zwar außergewöhnlich intelligent, seit zwar sehr charmant, aber sie missbrauche ihre Intelligenz – eine bösartige Intelligenz, die Zwietracht säe und das Leben hasse –, und ihr Charme sei das Unerträglichste, ein Charme, der versklave und in den Ruin treibe. Genauso.
Anfangs hörte ich ihm Widerspruch heuchelnd, doch im Grunde zufrieden zu. Ich hatte mich also getäuscht, Lila hatte nicht bei ihm landen können, Pietro war darin geübt, unter jedem Text den Subtext auszumachen, und hatte mit Leichtigkeit ihre unangenehmen Seiten entdeckt. Doch beschlich mich das Gefühl, dass er über/trieb. Er sagte: 'Ich verstehe nicht, wie eure Freundschaft so lange halten konnte, offensichtlich verheimlicht ihr euch tunlichst das, was sie zerstören könnte.' Und weiter: 'Entweder habe ich nichts von ihr verstanden – was wahrscheinlich ist, denn ich kenne sie ja nicht – oder ich habe nichts von dir verstanden, und das wäre bedenklicher.' Am Ende sagte er etwas wirklich Hässliches: 'Sie und dieser Michelle sind wie für einander geschaffen. Wenn sie nicht schon ein Paar sind, werden sie es bald sein.' Da begehrte ich auf. Ich zischte, dass sein besserwisserischer Ton eines oberschlauen Spießers nicht auszuhalten sei, dass er gut daran täte, nie wieder so über meine Freundin zu reden, und dass er rein gar nichts begriffen habe. Während ich sprach, ahnte ich, was in dem Augenblick nicht einmal er wusste: Lila hatte sehr wohl bei ihm landen können, und wie. Pietro hatte ihre Außergewöhnlichkeit so deutlich erkannt, dass er davor zurückgeschreckt war und nun das Bedürfnis hatte, Lila herabzuwürdigen. Er fürchtete nicht um sich, glaube ich, sondern um mich und unsere Beziehung. Er hatte Angst, sie könnte mich ihm auch aus der Ferne entreißen, uns zu zerstören. Und um mich zu schützen, übertrieb er, schleuderte Dreck und hatte den undeutlichen Wunsch, dass sie mich anwiderte und ich sie aus meinem Leben verbannte. Ich murmelte gute Nacht und drehte mich auf die andere Seite."(S. 436/37) 

Wenn man zunächst den Eindruck gewinnt, hier werde nur dargestellt, dass die Ich-Erzählerin Elena peinlich berührt ist, dass sie in ihrer Heimat Neapel den dort so starken Faschisten der Solara-Familie ausgeliefert ist, versteht es Ferrante, den Text ausgesprochen vieldeutig zu gestalten: Während die Erzählerin Elena berichtet, was ihr Mann Pietro über die Anwesenden sagt, bringt sie zum Ausdruck, dass er schönfärbt, um ihr nicht mit Kritik an ihrer Familie weh zu tun, aber bis zu einem gewissen Grade auch der Fassade der gesellschaftlichen Anpassung dieser Familie aus dem Arbeitermilieu auf den Leim geht. Dann überrascht die Deutlichkeit, mit der er sich über die Faschisten ausspricht (damit genau die Einschätzung Elenas treffend). Doch sobald er auf Lila zu sprechen kommt, wird Elenas Bericht wirklich komplex: Sie freut sich, dass er Lilas problematische Seite entdeckt hat, versucht das aber nach außen hin zu verbergen. Als er etwas sagt, was über diese Kritik hinausgeht, aber das relativiert, indem er darauf hinweist, dass er Lila ja gar nicht kenne, fühlt Elena sich angegriffen, aber bezeichnenderweise nach außen hin nicht durch seine Aussage, mit der er ja nur formuliert, was sie selbst fühlt, sondern durch seinen 'besserwisserischen Ton' [sein Hinweis, dass er Lila nicht kenne, hilft nicht dagegen, dass sie ihm übelnimmt, dass er sagt, was sie selbst fürchtet]. 
Dann formuliert Ferrante mehrfach gebrochen "ahnte ich, was in dem Augenblick nicht einmal er wusste: Lila hatte sehr wohl bei ihm landen können". Es ist eine Ahnung der sehr parteiischen Elena, die fürchtet, dass Lila einen zu starken Einfluss auf Pietro ausgeübt hat. Aber nicht in dem Sinne, dass er sich zu Lila hingezogen fühle, sondern deswegen, weil er fürchte, dass Lila seine Frau ihm wegnehmen könne. Statt dass sie gerührt wäre, wie wichtig sie (Elena) für ihn ist, empfindet sie diese Kritik an Lila als Angriff auf ihre Freundin und damit auf sich. Damit hat sie die Rechtfertigung, das peinliche Gefühl, den Faschisten ausgeliefert zu sein, ihm übelnehmen zu können. Ein weitere Verstärkung des Zerwürfnisses der Eheleute.- Natürlich ist meine Interpretation aber nicht die einzig mögliche. Ferrante legt den Leser nicht fest. (7.5.)