30 August 2026

Malena Ernmann, Svante Thunberg: Szenen aus dem Herzen (Scenes from the Heart)

„Szenen aus dem Herzen“ (schwedischer Originaltitel: Scener ur hjärtat) ist ein autobiografisches Buch, das im Jahr 2018 in Schweden veröffentlicht wurde und 2019 (sowie in einer erweiterten Neuausgabe 2020) auf Deutsch im S. Fischer Verlag erschien.

Verfasst wurde das Buch offiziell von den Familienmitgliedern Malena Ernman, Svante Thunberg, Greta Thunberg und Beata Ernman, wobei es im Kern aus der Perspektive der Mutter, der bekannten schwedischen Opernsängerin Malena Ernman, geschrieben ist.

Worum geht es in dem Buch?

Obwohl das Buch oft im Kontext von Greta Thunberg vermarktet wird, ist es in erster Linie eine tiefgehende Familiengeschichte und ein Appell für den Klimaschutz. Es gliedert sich im Wesentlichen in zwei große Themenbereiche:

  • Die persönliche und gesundheitliche Krise der Familie: Das Buch schildert schonungslos und offen die schweren Krisen, die die Familie über Jahre an den Rand ihrer Belastbarkeit brachten. Gretas älteste Tochter Greta erkrankte als Kind schwer, hörte zeitweise fast auf zu essen und zog sich in sich zurück, bis bei ihr das Asperger-Syndrom sowie Selektiver Mutismus diagnostiziert wurden. Auch ihre jüngere Schwester Beata kämpfte mit massiven Wutanfällen und Ängsten (bei ihr wurde ADHS festgestellt). Die Eltern mussten erleben, wie das herkömmliche Gesundheitssystem und der Alltag an diesen Herausforderungen zu scheitern drohten.

  • Der Weg zum Klimaschutz („Unser Leben für das Klima“): Aus der Beschäftigung mit den Diagnosen und den besonderen Wahrnehmungen ihrer Töchter schlägt die Familie den Bogen zur globalen Krise. Greta begann sich obsessiv mit dem Klimawandel zu beschäftigen, was bei ihr zu einer tiefen Depression führte – die sich jedoch schlagartig lichtete, als sie anfing, aktiv etwas dagegen zu tun. Die Familie schloss sich an: Sie stellten ihr Leben um, verzichteten auf Flugreisen, reduzierten ihren Konsum und legten den Grundstein für Gretas späteren globalen Schulstreik (Fridays for Future).

Stil und Rezeption

  • Aufbau: Das Buch ist in zahlreiche kurze, oft szenenartige Kapitel unterteilt. Der erste Teil konzentriert sich stark auf das Innenleben der Familie und die Diagnosephasen, während der zweite Teil („Ausgebrannte Menschen auf einem ausgebrannten Planeten“) breiter gesellschafts- und klimapolitische Themen behandelt.

  • Kritik & Wirkung: Kritiker beschrieben das Werk oft als eine Mischung aus sehr emotionalem, fast drastischem Erlebnisbericht und politischem Manifest. Es zeigt eindringlich, wie eng die mentale Gesundheit von Kindern, die oft als „anders“ wahrgenommen werden, mit dem Zustand einer überforderten Umwelt und Leistungsgesellschaft verknüpft sein kann. Für Leser bietet es einen sehr persönlichen Blick hinter die Kulissen der weltbekannten Klimabewegung.

 https://en.wikipedia.org/wiki/Scenes_from_the_Heart

Zitat: 

"Man wird ungemein effektiv, wenn man mit Sozialphobie zu kämpfen hat, und sobald meine Konzerte oder Aufführungen zu Ende sind, gehe ich auf direkten Weg nach Hause.
Wenn ich in Stockholm auftrete, verlasse ich das Theater noch vor den Zuschauern und schminke mich auf dem Fahrrad ab. Und wenn ich nicht unbedingt auf meine eigenen Premieren feiern gehen muss, drücke ich mich auch davor.
 Die Kinder und die Arbeit. Das ist alles, wofür unsere Kraft reicht. Svantes und meine. Alles andere ist zweitrangig. So arbeiten wir, und so schreiben wir.
Wir versuchen, den Dingen eine Stimme zu geben, die wichtiger sind als wir, und für uns hat sich die Umwelt- und Klimaproblematik zum ultimativen Beispiel für die bestehende verdrehte Weltordnung entwickelt, deren Resultat sie ist.
Wir befinden uns inmitten einer akuten Nachhaltigkeitskrise, die sich unter anderem in der globalen Erwärmung niederschlägt." (S.49)
"Die Erde hat Fieber, aber das Fieber ist nur ein Symptom, einer umfassenden Nachhaltigkeitskrise, bei der es in Wahrheit vor allem unser Lebensstil und unsere Werte sind, die unser künftiges Überleben bedrohen." (S. 50).
" 'Ich glaube, Beata hat ADHS', sagte ich später zu Svante. 'Das ist kein normaler Trotz.'
Ich hatte keine Ahnung, wie ich damals zu dieser Schlussfolgerung kam, und obwohl ich heute weiß, dass unsere Vermutung für sehr viele Jahre noch keine Hilfe gebracht hätte, wünschte ich, wir hätten uns mit dieser Möglichkeit bedeutend länger auseinandergesetzt, als wir es taten.
Erst sehr viel später merkten wir, wie sie, wie sehr wir uns dagegen wehrten, einzusehen, dass die Situation über das hinausgeht, was als normal gilt. Stattdessen haben wir uns die Schuld gegeben und uns angepasst. So, wie man es macht."           
(S.54)
"Da die Familie nicht funktionierte, wenn wir nur zu viert waren, schlussfolgerte Svante, dass alles gut werden würde, wenn wir uns in Hotels und Restaurants unter Menschen mischten. Oder zumindest besser: 'Dann kommt alles wieder ins Lot, wartet 's nur ab.'
Und diese männliche, rationale Logik funktionierte! Abgesehen von ein bisschen Schweiß, Stress und Tränen auf dem Kinderhügel fühlten wir uns wieder gut. Wir funktionierten.
Wir lernten Skifahren. Wir tranken heiße Schokolade und aßen Würstchen mit Pommes.
Nachmittags badeten wir im Pool und gingen anschließend ins Restaurant.
 Es war ein schöner Urlaub.
Wir hatten das Problem vertagt und es zugunsten von harmonisch verlaufenden Ferien und ein bisschen Ruhe und Frieden unter den Teppich gekehrt. Wir gaben der Oberfläche den Vorrang vor dem Inhalt, so, wie wir es gelernt hatten. Wir verbargen unsere Andersartigkeit und unsere Schwäche. Wir richteten den Blick auf den Weg, der vor uns lag, und sahen nie zur Seite." (S.55)

" 'Ihr kümmert euch nur um Greta. Nie um mich. Ich hasse dich, Mama. Du bist die schlechteste Mutter auf der ganzen Welt, du verdammte Bitch!', schreit sie, als mich Jasper der Pinguin am Kopf trifft.
Gefolgt von Rasmus und der Landstreicher, Harry Potter, Angelina Ballerina und 100 weiteren Filmen.
[...] Bei Greta ging es um Kilos, Minuten, Tage, Tabellen und Struktur. Alles war praktisch überdeutlich, und von diesem konkreten Schema ging eine Art Erleichterung aus. Bei Beata ist alles Chaos, Zwang, Trotz und Panik.
Ähnlich ist nur der Zeitpunkt – denn altersmäßig ereignet sich die Explosion um genau dieselbe Zeit in der vorpubertären Phase, zwischen dem zehnten und elften Lebensjahr." ( S.60/61).
"Greta kann wegen ihrer Essstörung nicht verreisen, und außerdem weigert sie, sich zu fliegen, dem Klima zuliebe.
'Fliegen ist das absolut Schlimmste, was man machen kann', erklärt sie.
Aber sie sagt, dass sie [ihr Vater und ihre Schwester] fahren sollen, wenn es ihrer kleinen Schwester hilft. Also fliegen Svante und Beata nach Sardinien [...] Sie schwimmen im Pool und essen im Restaurant, und diese männliche rationale Logik geht ein zweites Mal auf. / Der Umgebungswechsel tut Beata gut. Sie ist fröhlich und ausgeglichen.
Ein paar Stunden.
Dann bekommt sie Panik und will nach Hause. Im Hotel gibt es Geckos und Geräusche, und es ist zu warm, und sie kann nicht schlafen.
' Ich will nach Hause, jetzt', schluchzt sie." [...]
Es ist Mitsommerabend 2016, und wir gehen alle vier mit Moses [dem Familienhund] an der Leine vom Arlanda-Express zu Fuß nach Hause. / Greta und Beata pflücken unterwegs jede einen Blumenstrauß am Kungsholms Strand: sieben Mitsommerblumen, die sie unter ihre Kopfkissen legen, um von ihrer zukünftigen Liebe zu träumen.
'Ihr habt gerade einen CO2-Ausstoß in Höhe von 2,7 Tonnen verursacht', sagt Greta zu Svante. 'Das entspricht der Jahresemission von fünf Einwohnern des Senegal.'
'Ich verstehe, was du meinst.' Svante nickt. 'Von jetzt ab werde ich versuchen, auf dem Boden zu bleiben.' ( S. 62-64). 

Unsere Gesellschaft ändert sich so schnell, dass viele Kinder damit nicht zurecht kommen.
"Als Familie kann man entlasten, den Weg ebnen und die Komplikationen untereinander teilen, das hilft. Mit der richtigen Unterstützung und den richtigen Anpassungen verringern sich die Probleme häufig mit der Zeit. Bekommt man allerdings keine Hilfe, haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Probleme schnell größer werden, und die ganze Familie Gefahr läuft, mehr oder weniger in eine Co-Abhängigkeit zu geraten oder eine Co-Behinderung zu entwickeln.
Das ist genau das, was momentan in Zehntausenden schwedischen Familien geschieht – Familien, die überwiegend am Rand der Gesellschaft leben, betroffen von einer sozialen Ausgrenzung, von der niemand die geringste Ahnung zu haben scheint.
Denn mit dem Rand der Gesellschaft verbindet man keine ökonomischen Ziele. Dort gibt es keine Lobbygruppen. Dort, zwischen den unsichtbaren Kindern und den unsichtbaren Familien, gibt es kaum jemanden, der Energie zum Reden hat. Es zehrt zu sehr an den Kräften, und eigentlich fehlt mir die Kraft, darüber zu schreiben. Denn zwischen den Zeilen steht eine Geschichte, die man nicht erzählen kann.
Eine Geschichte, für die niemand die Kraft oder die Möglichkeit besitzt, sie nachzuzeichnen, denn diejenigen, die sich einmal an diesem Punkt befunden haben, wollen niemals wieder dorthin zurückkehren und sich erinnern müssen. Es ist zu belastend. [...] 
Diese Geschichte ist für alle Betroffenen zu erniedrigend – und aus diesem Grund muss ich sie erzählen.
Es ist meine Pflicht, weil ich in der Position bin, ihr Gehör zu verschaffen. Ich muss von den täglichen Telefonaten mit/Lehrern und Eltern erzählen. Von den Anrufen beim Werklehrer, der Mathematikvertretung, beim Vater der Klassenkameradin. Oder von den Tausenden E-Mails spätabends an verschiedene Pädagogen, damit die Kinder zur Ruhe kommen und schlafen können. Von dem Zwang, immer diejenige zu sein, die daran erinnert, dass das Beste für die Mehrheit das Schlimmste für den Einzelnen sein kann. [...] 
Von all den Antidepressiva und Beruhigungsmitteln. Von den Tagen, an denen ich nicht zu Hause schlafen darf, weil ich zu laut bin. Von Konzerten und Liedern, die ich in unserem Kellerabteil einstudieren muss. Von Freunden, die etwas auf Snapchat schreiben.
Von all den Tagen, an denen einem die Kraft fehlt oder an denen man rein gar nichts mehr möchte. Von all den Tagen, die eine einzige hoffnungslose Dunkelheit darstellen. Von all den Tagen – jedem einzelnen Tag in einem Zeitraum von über fünf Jahren –, an denen unsere Familie nicht zusammen essen oder sich kaum im selben Raum aufhalten konnte. [...] /Von den Daheimgebliebenen: den Kindern, die es nicht mehr schaffen, in die Schule zu gehen.
Jemand muss vor dem Schulsystem erzählen, in dem einer von vier Schülern auf der Strecke bleibt. Schülern, die kein Abschlusszeugnis bekommen, weil es den Förderschulen, die Millionengewinne einstreichen, 'misslingt', Lehrer einzustellen. Der lukrativste Misserfolg der Welt.
Von Kindern mit Autismus, die auf eine Schule gehen müssen, in der zweiundachtzig Prozent ihresgleichen gemobbt werden. Von all den Krisengesprächen mit Schulen und von all den Eltern und Lehrern, die völlig ausgebrannt sind. Von all denen, denen es schlimmer geht als uns.
Von den Zusammenhängen zwischen Autismus und Depressionen und Kindern, die sich das Leben nehmen.
Von der schwersten Statistik. Mädchen, die unter Anorexie leiden.
Und von der bodenlose Trauer über all die Kindheiten, die unwiederbringlich verloren gehen, weil wir in einer Gesellschaft leben, die jeden Tag immer weniger Menschen integriert."  (S.69-71)

"Streetdance gesellt sich nun zu der langen Reihe an missglückten Gruppenaktivitäten.
Aber bevor wir gehen, darf ich Beata umarmen.
Lange. Sie weint verzweifelt in meinen Armen, und das ist schrecklich, aber ich darf mich zumindest wie eine Mutter fühlen, die von ihrem Kind gebraucht wird.
Es ist seit langer Zeit das erste Mal, dass ich mein geliebtes kleines Mädchen im Arm halten darf. Es ist wie eine Heimkehr nach einem Leben im Exil.
Es ist der beste Moment.
Von allen." (S. 75)
"Am Ende wird bei Beata ADHS diagnostiziert, mit Zügen von Asperger, OCD und eine Störung mit oppositionellem Trotzverhalten.
Wenn Beata keine Diagnose bekommen hätte, hätten wir nicht gemeinsam mit der Schule die Anpassungen vornehmen können, durch die sie sich integrieren und wieder wohl fühlen konnte. Hätte sie keine Diagnose bekommen, hätte ich es nicht den Eltern ihrer Mitschüler, ihren Lehrern und allen anderen Erwachsenen erklären können. Hätte sie keine Diagnose bekommen, hätte ich nicht mehr arbeiten können. Hätte Beata keine Diagnose bekommen, hätten wir dieses Buch niemals schreiben können. 
So krass sieht die Wirklichkeit aus. Der Unterschied ist wie Tag und Nacht.
Aber jetzt bekommt Beata eine Diagnose, und es wird ein Neuanfang für sie, eine Erklärung, eine Rehabilitierung.
Unsere Tochter geht auf eine gute Schule. Eine Schule mit Ressourcen, mit ausgebildeten Fachkräften. Eine der wenigen Schulen, die Inklusion, Beeinträchtigungen und individuelle Anpassungen ernst nehmen. Aber nach wie vor ist / es das freiwillige Engagement einzelner Lehrer, das den entscheidenden Unterschied ausmacht. Beata hat wunderbare Lehrer, mit deren Hilfe alles funktioniert. Sie muss keine Hausaufgaben machen. Wir können alle Gruppenaktivitäten abwählen. Wir vermeiden alles, was Stress verursacht.
Und es funktioniert. Zu Hause lernen wir, dass der deskalierend wirkende Low- Arousal-Ansatz die beste Methode ist. Ganz gleich, was geschieht, wir dürfen auf Wut nie mit Wut reagieren, das bringt mehr Schaden als Nutzen. Wir passen uns an, und wir planen mit genau festgelegten Routinen und Ritualen. Stunde für Stunde. [...] Jede Familie hat eine Heldin oder einen Held. Beata ist unsere Heldin. Als es Greta im schlechtesten ging, musste Beata zurückstecken und alleine klarkommen. Hätte sie das nicht getan, hätte rein gar nichts funktioniert. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen.
Ich stehe ihr am nächsten, denn ich bin ihre Mutter. Und wir sind uns so unheimlich ähnlich. Ich bin diejenige, die sie am besten versteht, und das weiß sie. Aber das würde sie niemals zugeben.
Manchmal mache ich Fehler. Manchmal bin ich das Kind. Ich schaffe es nicht immer, den Low- Arousal-Ansatz zu befolgen.
Aber ich liebe Beata bis an das Ende der Zeit und darüber hinaus. / [...] 
Dass unsere Kinder am Ende Hilfe bekamen, geht auf viele verschiedene Faktoren zurück. Teilweise lag es an bestehenden Gesundheitswesen, an bewährten Methoden, guter Beratung und wirkungsvoller Medikation. Aber dass Greta und Beata diese Rehabilitierung erhalten haben, verdanken wir vor allem unserem eigenen Kampf, einem Zusammenspiel aus Geduld, Zeit, Glück sowie der Tatsache, dass eine Reihe von Menschen etwas getan haben, was sie nicht durften, aber von dem sie wussten, dass es richtig war.
Eine Gesellschaft kann sich nicht auf Glück oder zivilen Ungehorsam verlassen. Die meisten Eltern haben nicht 250.000 Follower in den sozialen Medien. Die meisten Eltern können nicht Vollzeit zu Hause bleiben, ohne sich krank zu melden. Die meisten Eltern verfügen nicht über den notwendigen sozialen Status." (S. 76-79) 



Sieh auch:
KI Gemini: "Das Buch „Our House Is on Fire: Scenes of a Family and a Planet in Crisis“ (auf Deutsch: „Ihre Geschichte ist unsere Zukunft: Wie wir streiken, um die Welt zu retten“) ist eine sehr persönliche und bewegende Chronik der Familie Ernman / Thunberg. Es schildert den Weg von Greta Thunbergs globaler Klimabewegung, eingebettet in die dramatische Geschichte der Rettung ihrer eigenen Familie.
  • Familiäre Krisen als Mikrokosmos: Das Buch beschreibt nicht nur die globale Klimakrise, sondern vor allem die tiefen persönlichen Krisen innerhalb der Familie. Gretas jüngere Schwester Beata kämpft mit schweren Entwicklungsdiagnosen (ADHS, Asperger, Autismus, Essstörungen), was das Familienleben an den Rand des Zusammenbruchs bringt.

  • Gretas Diagnose und Erwachen: Es beleuchtet, wie Greta ihre Autismus-Spektrum-Diagnose (von der Familie als „Superkraft“ verstanden) nutzt, um die harten wissenschaftlichen Fakten zur Klimakrise unbestechlich und kompromisslos zu begreifen, was schließlich zu ihrem Schulstreik vor dem schwedischen Parlament führte.

  • Der Aufruf zum Handeln: Die Eltern Svante Ernman und Malena Ernman (eine bekannte Opernsängerin) schildern schonungslos, wie blind unsere moderne Gesellschaft gegenüber den Warnsignalen der Natur und der Wissenschaft agiert, und fordern ein sofortiges, radikales Umdenken – „als würde unser Haus brennen“.

26 August 2026

Egon Flaig: Die Niederlage der politischen Vernunft

Der Verfasser ist zweifellos gebildet. Seine Argumentation klingt mir aber so nichtssagend wie die folgende Formulierung auf der Schlussseite:

"In der römischen Welt/sicht müssen Vorfahren keineswegs die biologischen sein, sondern auch diejenigen, deren kulturelles und soziales Erbe man antritt, als sei man adoptiert. Verschwindet jene Dankbarkeit, dann lösen sich für Seneca alle sozialen Verpflichtungen auf, und es endet alle Sozialität. Die heute notwendige Schlussfolgerung ist unzweideutig: Wenn sich die Dankbarkeit gegenüber den Gründern unserer aufklärerischen Kultur in Undankbarkeit verwandelt, dann lösen die europäischen Republiken sich auf, ob in einer Generation oder in zweien spielt keine Rolle. Ein solcher Prozess ist zunächst kaum wahrnehmbar, und wer von Augenblickseindrücken lebt, wird ihn guten Gewissens leugnen." (S.399/400). 

Ich habe daher die Lektüre auf der Seite 41 unterbrochen, das weitere Studium durch die Information aus einer KI ersetzt und nur noch den Schluss kommentiert.

 KI Gemini:

In seinem 2017 erschienenen Werk „Die Niederlage der politischen Vernunft. Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen“ plädiert der Althistoriker Egon Flaig für eine Verteidigung der abendländischen Aufklärung gegen Multikulturalismus, Relativismus und verfehlte Migrationspolitik.

Kernaussagen und Themenschwerpunkte

  • Gefährdung der Aufklärung: Flaig argumentiert, dass zentrale Errungenschaften der Aufklärung — insbesondere der menschenrechtliche Universalismus, die Wissenschaft als wissenschaftliche Wahrheitsinstanz sowie die auf Volkssouveränität beruhende Republik — durch zeitgenössische Strömungen ausgehöhlt werden.

  • Kritik am Multikulturalismus: Er unterscheidet zwischen verharmlosender „kultureller Differenz“ und fundamentaler „kultureller Divergenz“. Ein naiver Multikulturalismus führe zur Zersetzung des notwendigen gesellschaftlichen Wertekonsenses und schwäche die rechtsstaatliche Ordnung.

  • Flüchtlingspolitik als Staatskrise: Flaig übt scharfe Kritik an der deutschen Migrationspolitik (insbesondere ab 2015). Er plädiert für strenge Grenz- und Souveränitätskontrollen und meint, dass der Erhalt einer funktionierenden politischen Gemeinschaft Vorrang vor grenzenlosen humanitären Verpflichtungen haben müsse.

  • Politische Vernunft statt Gesinnungsethik: Ausgehend von der antiken und neuzeitlichen Staatstheorie fordert der Autor eine an realen Konsequenzen und Selbsterhaltung orientierte „politische Vernunft“, die im Ernstfall Verteidigungsbereitschaft voraussetzt.

Rezeption

Das Buch löste kontroverse Debatten aus: Während Befürworter den entschlossenen Schutz liberaler und westlicher Grundwerte lobten, kritisierten Rezensenten (u. a. in der FAZ und der taz) das Werk als rechtspopulistisch unterfütterte Dekadenzkritik und Polemik."

15 August 2026

Hermann Hesse: Gertrud

 Hermann Hesse: Gertrud

https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_(Hesse)

Wikipedia: "Der Roman beschreibt die Liebe des Musikers Kuhn, zugleich der Ich-Erzähler der Geschichte, zur schönen Gertrud Imthor, für die er aber nicht mehr als ein Freund sein kann."

Ich fand den Anfang des Buches erfreulich sachlich, gar nicht wie ein unreifer Jugendroman. Bei weiterer Lektüre wunderte ich mich über den Titel "Gertrud", da es doch zumindest in Muoth eine andere wichtige Person gab.  Sobald dann Gertrud ins Spiel kam, flachte sich für mich die Darstellungsweise ab und näherte sich dem Kitsch, den Deschner in Kitsch, Konvention und Kunst Hesse unterstellt. 

Hesse schreibt 1910 an Theodor Heuss: "Ich war der Meinung, stofflich in der Gertrud insofern Neues zu probieren, als das Buch von der schwierigen Balance handelt, die im echten Künstler zwischen Liebe zur Welt und Flucht vor der Welt. einerseits, andererseits zwischen Befriedigung und Durst beständig vibriert. Äußerlich ist das kein großer Stoff, aber psychologisch doch."

In der Erzählung wird das Thema deutlich formuliert:

"Das Dunkel, die trostlose Finsternis, das ist der schreckliche Kreislauf des täglichen Lebens. Wozu steht man am Morgen auf, isst, trinkt, legt sich abermals wieder hin? Das Kind, der Wilde, der gesunde junge Mensch, das Tier leidet unter diesem Kreislauf gleichgültiger Dinge und Tätigkeiten nicht. Wer nicht am Denken leidet, den freut das Aufstehen am Morgen und das Essen und Trinken, der findet Genüge darin und will es nicht anders. Wem aber diese Selbstverständlichkeit verlorenging, der sucht im Laufe der Tage begierig und wachsam nach den Augenblicken wahren Lebens, deren Aufblitzen, beglückt und das Gefühl der Zeit samt allen Gedanken an Sinn und Ziel des Ganzen auslöscht. Man kann diese Augenblicke die schöpferischen nennen, weil es scheint, dass sie das Gefühl der Vereinigung mit dem Schöpfer bringen, weil man in ihnen alles, auch das sonst Zufällige, als gewollt empfindet. Es ist dasselbe, was die Mystiker die Vereinigung mit Gott nennen. Vielleicht ist es das überhelle Licht dieser Augenblicke, das alle übrigen so finster erscheinen lässt, vielleicht kommt es von der befreiten, zauberhaften Leichtigkeit und Schwebewonne jener Augenblicke, dass das übrige Leben so schwer und klebend und niederziehend empfunden wird. Ich weiß es nicht, ich habe es im Denken und Philosophieren nicht weit gebracht. Doch weiß ich: wenn es eine Seligkeit gibt und ein Paradies, so muss es eine ungestörte Dauer solcher Augenblicke sein; und wenn man diese Seligkeit durch Leid und Läuterung im Schmerz erlangen kann, so ist kein Leid und Schmerz, so groß, dass man sie fliehen sollte." (S. 126) 

Wie Hesse das aber mit Hilfe einer Liebesgeschichte in Handlung umzusetzen versucht, erscheint mir zu konstruiert: Der Musiker Kuhn hat aufgrund eines Unfalls in der Jugend ein verkrüppeltes Bein und macht sich daher keine Hoffnung mehr auf eine dauerhafte Verbindung mit einer Frau. Dieses Schicksal befähigt ihn aber, in den - ach so seltenen - Phasen seiner Kreativität, sehr authentische Werke zu schreiben. Der ausübende Künstler, der berühmte Sänger  Muoth, weiß diese Werke zu schätzen. Frauenherzen fliegen ihm zu, doch  keine kann ihn an sich binden. Wenn er ihrer überdrüssig ist, schlägt er sie.   

Zur weiteren Handlung wieder die Wikipedia

"Kuhn begehrt Gertrud, erstickt aber das starke, immer wieder aufflammende Gefühl in Tonphantasien. Aufgrund seiner Verkrüppelung hält er sich für minderwertig.

Dennoch kann Kuhn eine schriftliche Liebeserklärung nicht unterdrücken. Gertrud weicht aus; sie wolle zunächst bei der Freundschaft bleiben. Kuhn respektiert die abschlägige Antwort. Muoth ist die ideale Besetzung für die männliche Hauptrolle in Kuhns Oper. Also führt Kuhn den Freund bei den Imthors ein, damit Gertrud und Muoth gemeinsam üben können. Instinktiv ist der alte Imthor gegen Muoth, lässt die drei jungen Leute allerdings widerwillig gewähren. Muoth – unbefangen, zurückhaltend, rücksichtsvoll – gewinnt zu Kuhns Entsetzen die Zuneigung Gertruds. Der Krüppel hält sich zurück, muss aber, als es bereits zu spät ist, bei Gertrud Müdigkeit, Angst und Scheu beobachten. Er hat sie verloren. Gertrud wird Muoths Ehefrau. Kuhns Oper, mit Muoth als großem Star, wird ein Erfolg.

Kuhn sieht, wie das Ehepaar leidet, kann aber nicht helfen, zumal Gertrud beteuert, sie liebe Muoth und werde ihm niemals untreu. Gertrud hält die Ehe nicht aus. Sie zieht vorübergehend zurück zu ihrem Vater. Kuhn denkt an den einzigen Kuss, den er Gertrud gegeben hatte und stellt sich in gelegentlichen Tagträumen vor, sie für sich zu gewinnen. Allerdings glaubt er auch, dass dieses Begehren weiter nichts als eine Wunschphantasie ist. Gertrud bleibt unerreichbar. Der Freund steht dazwischen."

Freilich, wie wird das im Roman gestaltet:

Der Komponist trifft Gertruds Vater:

" 'Und wie geht es Fräulein Gertrud?' fragte ich möglichst ruhig.

'Oh, Sie sollten selber kommen und danach sehen. Anfang November soll ihre Hochzeit sein, da rechnen wir ohnehin bestimmt auf Sie.'
'Danke, Herr Imthor. Und was hören Sie von Muoth?'
'Er ist wohl. Sie wissen, ich bin mit der Heirat nicht recht einverstanden. Ich hätte Sie schon lang gerne einmal über Herrn Muoth befragt. Soweit ich ihn kenne, darf ich nicht über ihn klagen. Aber ich hörte so mancherlei über über ihn: er soll ja viel mit Frauen zu tun gehabt haben. Können Sie mir darüber etwas sagen?'
 'Nein, Herr Imthor. Es hätte ja auch keinen Zweck. Ihre Tochter wird auf Gerüchte hin, sich schwerlich anders entschließen. Muoth ist mein Freund, und ich gönne es ihm, wenn er sein Glück findet. / 'Ja, ja. Sieht man Sie bald wieder einmal bei uns?'
'Ich denke wohl. Auf Wiedersehen, Herr  Imthor.'
Es war noch nicht lange her, da hätte ich alles getan, um die Verbindung der beiden zu hindern, nicht aus Neid oder Hoffnung, Gertrud könnte sich doch noch mir selber zun neigen, sondern weil ich überzeugt war und voraus zu fühlen meinte, dass es den beiden nicht gut gehen werde, weil ich an Muoths selbstquälerische Art von Melancholie, an seine Reizbarkeit und Gertruds Zartheit dachte, und weil mir Marion und Lotte noch so wohl im Gedächtnis waren.
Jetzt dachte ich anders. Eine Erschütterung meines ganzen Lebens, ein halbes Jahr, innere Einsamkeit und das bewusste. Abschiednehmen von der Jugend hatten mich verändert. Ich war jetzt der Meinung, es sei töricht und gefährlich, seine Hand nach anderer Menschen Schicksal auszustrecken, auch hatte ich keine Ursache, meine Hand für geschickt und mich für einen Helfer und Menschenkenner zu halten, nachdem meine Versuche in dieser Richtung alle missglückt waren und mich bitter beschämt hatten." (S. 138/39). 

Dass er die von ihm Geliebte an der attraktiveren Sänger verliert, zumal er mit diesem befreundet ist, kann man verstehen. Aber dass er nicht mehr darum kämpft, sie vor ihren Unglück zu retten, wird nicht motiviert. Nicht die Tatsache, dass er als Künstler zwischen "Liebe zur Welt und Flucht vor der Welt" schwankt, wird als Begründung angedeutet. Vielmehr wird eine unglaubhafte Zwischenhandlung eingeschoben: Mit Gertruds Liebe sieht er seinen Lebenssinn verloren, denkt an Selbstmord, wird aber durch die Nachricht, dass sein Vater im Sterben liegt, zunächst an der Ausführung gehindert. Dann liest er über seinen zunehmenden Ruhm als Komponist und wird aufgefordert, seinen Lebenssinn im Leben für andere - konkret seine vereinsamte Mutter - zu finden. Er kümmert sich um sie, erfährt, dass sie eine alte Freundin hat, zu der sie die Verbindung wegen ihres Mannes und mehr noch wegen seiner selbst verloren hat.  Er führt die Freundinnen zusammen, trennt sie aber sogleich, indem er mit der Mutter abreist, wo beide sich unglücklich fühlen. 

Die Künstlerproblematik wird mit einer unglaubhaften Konstruktion zugedeckt.

Ein Zwischenwerk, das aus der Hand gegeben wurde, bevor Besseres folgte (Wikipedia: " er hatte schwer mit diesem Werk zu kämpfen, in späteren Jahren hat er es als misslungen betrachtet"): Demian, Siddharta, Steppenwolf .... Diese allerdings nach schweren Lebenskrisen und seinem - nach erster Kriegsbegeisterung - ziemlich einsamen Kampf gegen die Kriegszustimmung.


10 August 2026

Goethes Briefwechsel mit Zelter

 Der umfangreiche Briefwechsel zwischen Johann Wolfgang von Goethe und dem Komponisten Carl Friedrich Zelter (1796–1832) ist online über verschiedene digitale Archive, Bibliotheken und Textportale zugänglich.

1. Historische Erst- und Gesamtausgaben (Digitalisate / Scans)

  • Internet Archive & HathiTrust: Die mehrbändigen historischen Ausgaben (u. a. die von Friedrich Wilhelm Riemer ab 1833 herausgegebene Erstausgabe sowie die kritische Ausgabe von Max Hecker für das Goethe- und Schiller-Archiv) stehen als vollständige PDF-Digitalisate und E-Books im Open Access zur Verfügung.

  • Google Books: Die Bände der historischen Riemer-Edition lassen sich dort in Teilen durchsuchen oder komplett im Volltext lesen.

  • Digitale Sammlungen (z. B. Herzogin Anna Amalia Bibliothek / Klassik Stiftung Weimar): Die Originalausgaben sind über das Repository der Herzogin Anna Amalia Bibliothek digital erfasst.

2. Digitale Volltexte & Textdatenbanken (Durchsuchbar)

  • Projekt Gutenberg-DE / Zeno.org: Auf Kultur- und Literaturportalen sind ausgewählte Abschnitte und Briefe im Volltext erfasst und nach Datum oder Stichworten durchsuchbar.

  • Goethezeitportal: Bietet thematische Auszüge, Analysen und Begleitmaterialien zur Freundschaft und zum Briefwechsel der beiden Persönlichkeiten.

3. Handschriften & Archivgut

  • Goethe- und Schiller-Archiv (GSA) / Klassik Stiftung Weimar: Die Original-Handschriften der Briefe werden im GSA in Weimar aufbewahrt. Über das Archivportal (Kalliope sowie das eigene Rechercheportal der Klassik Stiftung) sind die Metadaten, Regesten und teilweise hochauflösende Scans der Originalbriefe abrufbar.

4. Hörbücher & Vertonungen

  • Audio-Aufnahmen (Spotify, YouTube, LibriVox): Da der Briefwechsel auch musikalisch bedeutsam ist (Goethe schickte Gedichte, Zelter antwortete mit Vertonungen), gibt es Aufnahmen ausgewählter Briefwechsel als Hörbuch sowie Aufnahmen der im Briefwechsel besprochenen Lieder und Kompositionen.

Digitalisat der Briefe 1828-30:

https://play.google.com/books/reader?id=YxjUaJqHtIMC&pg=GBS.PA3&hl=de


Wolfgang Schäuble: Erinnerungen

 Wolfgang Schäuble: Erinnerungen. Mein Leben in der Politik, 2024

1982 bis 1984 erster parlamentarischer Geschäftsführer der CDU Bundesfraktion.
1984-1989 Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramt und zuständig für die Deutsch – deutschen Beziehungen.
1989-1991 Bundesminister des Inneren
1990 Verhandlungen zum Einigungsvertrag 
12.10.1990 Attentat auf Wolfgang Schäuble bei einer Wahlkampfveranstaltung in Oppenau.
1991 Rede in der Hauptdebatte.
1991-2000 Vorsitzender CDU/CSU Bundestagsfraktion.
1994 Schäuble – Lamers:  Papier zur Zukunft Europas.
1998-2000 Parteivorsitzender der CDU
2000 Rücktritt als Partei- und Fraktionsvorsitzender aufgrund der CDU-Spendenaffäre.
Seit 2000 Mitglied des CDU Präsidiums.
2002-2005 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU Bundestagsfraktion.
2005-2009 Bundesminister des Inneren.
2009-2017 Bundesminister, Finanzen
2012 Träger des Karlspreis.
2014 schwarze Null: erster Schulden Frajer, Haushalt seit 1969
2015 Höhepunkt der Griechenland, Krise.
2016 Ehrenbürger Berlins.
2017-2021 Präsident des deutschen Bundestages.
2021 Alterspräsident des deutschen Bundestags 
2022 Ehrenbürger Offenburg,  
2022 50-jähriges Jubiläum als Mitglied des deutschen Bundestags.26.12.2023 verstorben in Offenburg (S. 632/33)
Erschöpfung
"Ich habe Grund, Kohl für vieles dankbar zu sein, und meine Karriere bleibt unmittelbar mit seiner Kanzlerschaft verknüpft. Andererseits war dieses Verhältnis keine Einbahnstraße, und Kohl hat mich gewiss nicht allein aus Gefälligkeitsgründen gefördert. Ich habe in diesem Jahren hart gearbeitet, den Laden/zusammengehalten und manches Mal die Grenzen der Belastbarkeit gespürt. Vor allem, wenn ich als Feuerwehrmann agieren musste. Pausenlos gab es Brände zu löschen: ob im Streit mit den Vertriebenenverbänden oder der CSU, wegen Unstimmigkeiten mit der FDP und Querelen mit der niedersächsischen Landesregierung um die Inbetriebnahme des Kohlekraftwerks Buschhaus oder wegen der Flugzeugbenzinaffäre. Manchmal hatte ich das Gefühl unter Dauerfeuer zu stehen. Über viele Fragen wurde endlos gestritten, lange ohne Ergebnis. Das konnte bisweilen frustrierend sein. Ich wüsste nicht, dass ich zu irgendeiner Zeit Kohl hätte dafür verantwortlich machen wollen. Es gab zwischen uns nie ein ernsthaftes Zerwürfnis. Aber wir standen alle wahnsinnig unter Druck. Die Umstände waren schwierig, und ich spürte die Last eines Amtes, in dem ich immer zu funktionieren und zu reagieren hatte.
16-17 Stunden zu arbeiten, war bei mir keine Seltenheit. Ab einem gewissen Grad der Belastung fing ich damit an, ziemlich konsequent jeden Morgen auf dem Sportplatz hinter dem Langen Eugen meine Runden zu drehen, auch im Winter. Meist allein, ab und zu ist auch mal jemand mit mir gelaufen, mein Kollege und bis heute guter Freund Hans-Peter Repnik, zum Beispiel. Ich quälte mich um kurz nach sechs einigermaßen schlaftrunken, die ungefähr 250 Meter von der Heussallee zur Laufbahn, obwohl ich erst vier bis fünf Stunden vorher ins Bett gekommen war. Aber wenn ich nach einer halben Stunde in mein Apartment zurückkehrte, um zu duschen, dann ins Kanzleramt zu gehen und dort zu frühstücken, war ich guter Laune, und das hielt mindestens bis zum Mittag vor. Irgendwann fiel mir auf, dass ich tagsüber gar keinen Hunger mehr hatte, denn ich hielt mich nur noch mit Kaffee und Tabak über Wasser. Dass das auf Dauer nicht gesund sein konnte, war klar. Jedenfalls forderte ich meine Sekretärin Helga Heyden auf, mich jeden Mittag zum Essen zu nötigen. Es war leicht abzusehen, dass ich sonst vor die Hunde gegangen wäre, denn einen solchen Lebensstil hätte ich nicht allzu lange durchgehalten. Auf diese Pause, die Abstand vom Tagesgeschäft schafft, habe ich fortan immer geachtet. Das ungestörte Mittagessen, seit bald zwei Jahrzehnten nun mit Nicole Gudehus als meiner engsten Mitarbeiterin, ist ein fester Anker in einem Tageslauf, der vielfach von außen bestimmt wird. Das mussten alle Büroleiter akzeptieren.[...] /
[...] Mein Gefühl, der Überarbeitung wurde hilfreich konterkariert durch die Eindrücke meiner jüngsten, 1981 geborenen Tochter Anna, die mich als kleines Mädchen einmal für einige Tage in Bonn besuchte. Nachdem sie etwas Zeit in meinem Büro verbracht hatte, fragte sie mich ganz nachdenklich: 'Sag mal, Papa, wann arbeitest du eigentlich?' Eine irritierende Frage für jemanden, der die ganze Zeit unter Strom steht. 'Wie meinst du das?',  wollte ich wissen. Ihre entwaffnende Antwort: 'Immer, wenn ich dich sehe, tust du entweder lesen, telefonieren oder schwätzen!' Sie war wenig beeindruckt, schwärmte aber noch lange vom Ausflug ins Phantasialand, zu dem sie ein freundlicher Mitarbeiter eingeladen hatte." (S.156-58)

"Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986, bedeutete eine Zäsur und veränderte alles. [...] Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in den Tagen danach mit einem langen Wochenende durch den 1. Mai als Kanzleramtschef praktisch der einzig erreichbare Minister in Bonn gewesen bin. Der Bundeskanzler selbst / befand sich auf einer Ostasienreise und konnte, wie und sein Pressesprecher Eduard Ackermann übermittelte, die Aufregung, die in Deutschland und in Europa wegen der Reaktorkatastrophe herrschte, erst gar nicht verstehen. Wir würden das alles völlig übertreiben. Er wurde eines Besseren belehrt und entschied sich schließlich, ein eigenes Umweltministerium einzurichten, für dessen Führung eher mit Walter Wallmann, den angesehenen Oberbürgermeister von Frankfurt ins Kabinett holte. [...] Es erwies sich als eine ebenso dauerhafte wie zukunftsweisende Konstruktion."(Seite 159/60) 
"Spektakulär und nervenaufreibend geriet die Entführung des Höchst-Managers. Rudolf Cordes und von Alfred Schmidt, einen 47 Jahre alten Siemens-Techniker. Ihre mehrmonatige Geiselhaft im Libanon beschäftigte mich im Kanzleramt intensiv. Ich musste mich in einer Art Crashkurs zum ersten Mal mit dem islamischen Terrorismus der Ebola und der komplexen internationalen Diplomatie im Nahen Osten befassen. Gleichzeitig stand das Leben zweier deutscher Staatsbürger auf dem Spiel. [...]/[...]. Die Lage verschärfte sich dramatisch, als Hamadis Bruder Abbas, der Drahtzieher der Entführung, in die Bundesrepublik einreisen wollte, wie wir aus einer Abhöraktion wussten. Sollten wir zugreifen? Ich ließ erst einmal alle reden, um anschließend meine Meinung zu sagen – ein Prinzip, das wirkungsvoll funktionieren kann. Die Mehrheit plädierte dafür, nicht einzugreifen, eine Auffassung, die ich entschieden ablehnte. Er war nach Ankunft sofort zu verhaften. Nachdem ich das so gesagt hatte, wollte niemand mehr widersprechen, es war also beschlossen. Kinkel kam anschließend in mein Büro und beschwöre mich: machen Sie das nicht! Wenn morgen in einem Frankfurter Kaukaufhaus eine Bombe hochgeht oder ein anderer Terrorakt passiert, werden sie Ihres Lebens nicht mehr froh! Ich entgegnete zwar, dass wir in unserer Haltung konsequent bleiben müssten, doch ich gebe zu, in der folgenden Nacht sehr schlecht geschlafen zu haben. Kinkel hatte mir ins Gewissen geredet. Wenn es geschehen wäre, hätte ich zurücktreten müssen. Die Konsequenz hätte ich gezogen. Das war mein kleiner Helmut-Schmidt-Moment – ich fühlte mich vermutlich so ähnlich wie er zehn Jahre zuvor. Glücklicherweise passierte dann nichts." (S. 160/161) 


"Der schwierige Weg zum Asylkompromiss, begleitet von einer erhitzten öffentlichen Diskussion, hatte gezeigt, dass die politische Kultur des wiedervereinigten Deutschlands erheblichen Erschütterungen ausgesetzt war. Ideologische Verdachtsmomente waren schnell geäußert, vor allem, wenn es um die Kategorie der 'Nation' ging. Wer 'Nation' sagte, musste Borniertheit und Selbstabschottung meinen. Vermutlich auch die Rückkehr zu autoritären Traditionen des Kaiserreichs. Im Rückblick wird deutlich, wie sehr die deutsche Einheit manche Intellektuelle verunsichert hatte, die sich bequem in ihren Überzeugungen eingerichtet hatten – postnational, postkonventionell, posttraditional. Dass das Jahr 1989, eben nicht das Ende, sondern eigentlich die 'Rückkehr in die Geschichte' markierte, wie es der Philosoph, Odo Marquward, formulierte, ließ sich auch daran ablesen, dass manche Fortschrittsgewissheit ins Wanken geriet, als Bürgerkrieg und Gewalt nach Europa zurückkehrten. In den ehemaligen Ostblockstaaten erwachten überall Nationalbewegungen – kulturelle Traditionen wurden wiederbelebt, nationale Gründungsmythen mobilisierten, ethnische Konflikte, die jahrzehntelang unterdrückt worden waren, brachen erneut auf.
Rückkehr in die Geschichte bedeutete vor allem: mit Kontingenzen zu rechnen und zu erkennen, dass Freiheit mit Ungewissheit verbunden bleibt, weil es weder einen Stufenplan der Geschichte noch eine Garantie dafür gibt, dass Vernunft sich zwangsläufig durchsetzt. Stattdessen müssen wir immer wieder neu für sie eintreten. Ein solches Bewusstsein hat auch Konsequenzen für unser Nachdenken über den Begriff der 'Nation', denn es nützte nichts, ihn einseitig zu pathologisieren. Egal, wie wir die Genese von Nationen beschreiben: ob als imagined communities oder als Konstrukte kultureller und gemeinschaftlicher Bedürfnisse, sie sind ein Identifikationsraum geblieben, und es sieht nicht so aus, als ob sie wieder verschwinde. Nationalempfin/den und Patriotismus als rückwärtsgewandt zu verunglimpfen, nützt nur der Rechten. Sinnvoller scheint mir, an die demokratischen Ursprünge dieser Gemeinschaft stiftenden Emotionen zu erinnern, die sich im 19. Jahrhundert, vor allem mit fortschrittlichen Forderungen verbanden: Bürgerrechte, politische Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit.
Kluge Denker des kalten Krieges wie Raymond Aron oder Isaiah Berlin hatten immer betont, dass die Welt der Blockkonfrontation eine künstliche war, dass darunter alte Konflikte, schlummerten und auch die Nation als Idee im Ostblock lebendig blieb. Spätestens mit dem gewaltsamen Ringen um nationale Unabhängigkeit in Ex-Jugoslawien und in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken war dies für alle sichtbar geworden, und auch die friedlichen Unabhängigkeitsbewegung, Ungarn, Tschechien und Slowenien bestätigten diesen Befund. 
diktiert, wird überprüft.
Das Ende der Sowjetunion nach dem Augustputsch 1991 und dem Sturz Gorbatschows vermittelte einen Eindruck von der Fragilität der neuen Weltlage – und zeigte, in welch kurzer Zeit sich das Fenster für die Wiedervereinigung wieder geschlossen hätte. Wir hatten in den Jahren vor der Mauerfall Stabilität, Sicherheit, Wohlstand und Frieden in Europa für selbstverständlich genommen. Alle Gespenster schienen gebannt.

Aber es reichte nicht, nur die Gefahren einer Renationalisierung zu beklagen, sondern man musste den Blick auch auf sich artikulierende Zugehörigkeitssehnsüchte richten, die mit nationaler Identität verbunden bleiben und nicht zwangsläufig in Selbstüberhebung und Intoleranz münden müssen. Die großen westlichen Demokratien machten es vor. In Großbritannien, Frankreich und den USA bezogen sich Nationalstolz und nationale Identität ganz selbstverständlich auf demokratische und universale Werte." (S. 314/315). 

Wikipedia zur Spendenaffäre (in den Erinnerungen S.374-386)

"Am 2. Dezember 1999 wurde Schäuble im Rahmen einer Sitzung des Deutschen Bundestages durch Zwischenrufe des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele auf seine Kontakte zum Waffenhändler Karlheinz Schreiber angesprochen. Wolfgang Schäuble äußerte in öffentlicher Sitzung vor dem Deutschen Bundestag, er habe „irgendwann im Spätsommer oder im Frühherbst 1994“ bei „einem Gesprächsabend in einem Hotel in Bonn […] einen Herrn kennengelernt, der sich mir als ein Mann vorgestellt hat, der ein Unternehmen leitet. Ich habe später festgestellt, daß es dieser Herr Schreiber war. […] Auf der damaligen Veranstaltung bin ich Herrn Schreiber begegnet. Das war es.“[26]

Schäuble räumte am 10. Januar 2000 ein, von dem inzwischen wegen Steuerhinterziehung verurteilten Waffenhändler Karlheinz Schreiber im Jahre 1994 eine Bar-Spende von 100.000 D-Mark für die CDU entgegengenommen zu haben. Am 31. Januar 2000 gab er ein weiteres Treffen mit Schreiber im Jahr 1995 zu. Die Schatzmeisterei der CDU habe den Betrag als „sonstige Einnahme“ verbucht.

Er behauptete, dass er das Geld in einem Briefumschlag von Schreiber in seinem Bonner Büro persönlich empfangen habe. Diesen Umschlag habe er „ungeöffnet und unverändert“ an Brigitte Baumeister weitergeleitet. Später habe er erfahren, dass die Spende nicht „ordnungsgemäß behandelt worden“ sei. Die damalige CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister widersprach dieser Version Schäubles.

Am 16. Februar 2000 erklärte Schäuble vor der CDU/CSU-Bundestagsfraktion seinen Rücktritt als Partei- und Fraktionsvorsitzender.[27]

Anfang September 2000 bat Schäuble vor dem Bundestag die deutsche Öffentlichkeit um Entschuldigung dafür, „dass unter der Verantwortung der CDU Gesetze gebrochen wurden“. Weiterhin bat er auch „beim“ Bundestag dafür um Entschuldigung, dass er im Dezember 1999 einen Teil der Wahrheit über seinen Kontakt zum Waffenhändler Karlheinz Schreiber verschwiegen hatte.

Das Geld jedenfalls tauchte in keinem Rechenschaftsbericht der CDU auf. Am 13. April 2000 erklärte Schäuble vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss zur CDU-Parteispendenaffäre, die CDU-Führung und die Bundesregierung seien unter Helmut Kohl nicht bestechlich gewesen. Ein Ermittlungsverfahren gegen Schäuble wegen uneidlicher Falschaussage im Zusammenhang mit der fraglichen Spende wurde eingestellt, ebenso die Ermittlungen gegen Brigitte Baumeister. Die Berliner Staatsanwaltschaft konnte keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage feststellen. Nach den damaligen Angaben der Staatsanwaltschaft sei aber davon auszugehen, dass die 100.000 D-Mark nur einmal gespendet wurden. Spekuliert wurde nämlich über die Frage, ob es womöglich zwei Mal 100.000 D-Mark von Schreiber gab: einmal als „unverfängliche“ Wahlkampf-Spende für die CDU, ein anderes Mal „unter der Hand“ als Bestechungsgeld für ein Rüstungsprojekt. Ungeklärt sind außerdem die Spekulationen, ob und gegebenenfalls inwiefern Schäuble seine Verbindungen ins Kanzleramt nutzte, was Schäuble stets vehement bestritten hat. Fraglich ist weiterhin, wo die 100.000 D-Mark verblieben sind."

Zitat aus den Erinnerungen - diktiert wird nachkorrigiert:

Das 'System Kohl', offenbarte nun rückwirkend seine Abgründe, denn ganz offenbar hatte er im Hinblick auf die Finanzen der Partei wenig Transparenz zugelassen. Nicht jeder musste oder durfte alles wissen, und wie es schien, waren ihm die Tätigkeiten seiner Gehilfen und Mittelsmänner aus dem Ruder gelaufen. Wo es um viel Geld geht, wo Rechtsabbrüche gedeckt werden, ist die Freisetzung krimineller Energie eine nahezu unvermeidliche Nebenfolge. Mir hatte die Fantasie gefehlt, mir diese Schattenwelt vorzustellen – und unversehens geriet ich selbst in den Sog des Verdachts." (S.375). 

"Ich kann nicht sagen, dass mich die Frage der Parteifinanzen bis zu meinen Amtsantritt besonders gekümmert hätte. Aber mir war doch klar, dass die neue Parteiführung sich auf diesem Gebiet von der Ära Kohl absetzen musste. Da mich das Verhalten der bisherigen Schatzmeisterin Brigitte Baumeister irritiert hatte, als ich im Herbst 1997 darauf gestoßen war, dass sie eine ihr anvertraute Spende nicht ordnungsgemäß verbucht hatte, und ich überdies um Ihre unbedingte Loyalität zu Kohl wusste, hielt ich eine personelle Veränderung für unausweichlich. Ich bat den ehemaligen Verkehrsminister Mathias Wissmann bei meinem Antritt als Parteivorsitzender, diese Aufgabe zu übernehmen – auch wegen seiner hohen Akzeptanz in Wirtschaftskreisen (die ihm später eine beachtliche Karriere als Verbandsfunktionär ermöglichte).

 Wissmann, Merkel und ich begriffen bald, dass die finanzielle Lage der Partei angespannt war, und es war uns in mancherlei Fällen, schwer erklärlich, wie in der Vergangenheit bestimmte Mittel aufgebracht werden konnten. Wir standen immer wieder vor Rätseln, mussten uns aber gleichzeitig darum kümmern, die Aufgaben des Tages zu bewältigen. Als die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Kiep einsetzten und sich rasch auf Horst Weyrauch ausweiteten, gerieten wir in die Bredouille, denn unsere eigenen Bemühungen um die Aufklärung der Tatbestände blieben einigermaßen fruchtlos. Die unmittelbar Beteiligten waren zu Auskünften nicht bereit, weil sie Beschuldigte in Ermittlungsverfahren waren. Insofern war die Lektüre der Tageszeitungen, vor allem die Recherchen der Süddeutschen Zeitung, auch unsere wichtigste Informationsquelle. Alle Versuche, von Kohl nähere Informationen zu erhalten, scheiterten erwartungsgemäß. Er mauerte und gab vor, weder von der Millionenspende Schreibers noch von irgendwelchen Treuhandkonten etwas / zu wissen – so seine Auskunft für den Gremien der Partei am 8. November. Unsere aufrechte öffentliche Klarstellung, dass es unter der neuen Parteiführung keine anderen Konten mehr gebe, auf den nicht deklarierte Spenden lägen, wirkte wie ein einsames Rufen im Wald.
Schnell wurde offensichtlich, dass uns die Aufdeckung immer neuer Tatbestände überfordern würde. Kaum hatte man die Tragweite eines Vorwurfs realisiert, fiel der nächste Dominostein." (S. 376/77) 

Über die Staatsschuldenkrise Griechenlands schreibt Schäuble im Kapitel Rendezvous mit der Globalisierung (S.455ff.) im Abschnitt "2010 - Annus horribilis: Griechische und persönliche Fieberkurven (S.482-559)

"Wenn es um die Investitionsquote geht, ist allerdings ein grundlegendes Dilemma zu benennen: nicht der Mangel an investiven Mitteln im Bundeshaushalt war das Problem, vielmehr liegt der Knackpunkt seit Jahren in unserer schwerfälligen Planungs- und Genehmigungsbürokratie. Die Wucherungen des Verwaltungsapparats mit allen möglichen unsinnigen Bewilligungshürden und die Segmentierung der Zuständigkeiten erreichen nicht selten kafkaeske Ausmaße und verhindern, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird. Die Bundeswehr ist dafür das beste Beispiel. Selbst wenn man einige Milliarden mehr hineingesteckt hätte, wäre nicht unbedingt mehr herausgekommen. Die umständlichen Planungsstand- und Genehmigungsverfahren machen es nahezu unmöglich, dass Gelder überhaupt abgerufen werden konnten. Wohl noch schlimmer ist deren Dauer. Der Hauptstadtflughafen BER ist dafür weltbekannt, ähnlich sieht es bei der Umgestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofs und dem Ausbau der Eisenbahnstrecke in der Oberrheinebene aus. Insofern bleibt es auch heute ein frommer Wunsch, dass das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr, das nach dem Angriff auf die Ukraine bereitgestellt wurde, die bezweckte Effekte erzielt. Hier verlangt es auf vielen Ebenen nach grundlegenden Reformen.

Dieser Missstand holte mich bei internationalen Diskussionen ein, in denen es immer um den deutschen Überschuss in der Leistungsbilanz ging – getreu dem Argument, unsere Überschüsse führen zwangsläufig zu Leistungsbilanzdefiziten in anderen Ländern. Meine Antwort darauf lautete stets, dass der deutsche Überschuss vom Bundeshaushalt her lediglich über eine Steigerung der konsumtiven (nicht der investiven) Ausgaben reduziert werden könnte, was aber auch international nicht gewollt war." (S.480)

"Ein positives Testat der Troika war für die Eurogruppe immer Voraussetzung, um die nächsten Beistandskredite zu gewähren.

In dieser ersten Eskalation der Krise kam für mich persönlich erschwerend hinzu, dass 2010 zu einem gesundheitlich überaus problematischen Jahr wurde – und dadurch zu einem der schwierigsten meiner Politikerlaufbahn überhaupt. In entscheidenden Phasen fiel ich immer wieder durch Krankenhausaufenthalte aus. Ich hatte Anfang des Jahres einen an sich harmlosen Eingriff vornehmen lassen müssen, bei dem ein seit meiner Querschnittslähmung notwendiges Implantat ausgetauscht wurde. Allerdings verheilte die Operationswunde nicht, und ich tat in der damaligen Krisensituation nicht genug / dafür, den Heilungsprozess zu unterstützen. Die Entwicklungen in Griechenland zogen mich viel zu schnell wieder an den Schreibtisch, weshalb ich die Rekonvaleszenz regelmäßig zu früh abbrach.
Schon in der Osterpause eilte ich aus dem Marzahner Krankenhaus ins Kanzleramt, um bei einer Kabinettssitzung dabei zu sein, der auf meinen Vorschlag hin auch die französische Finanzministerin Christine Lagarde beiwohnte. Sechzehn-Stunden-Tage zwischen Büro, Sitzungssälen, Flugzeug und Veranstaltungsräumen zwangen mich zum dauernden Sitzen, was an sich schon anstrengend ist, aber Gift für einen Menschen, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. Ich muss zwischendurch liegen, um Druckstellen vorzubeugen – und nach einer Operation gilt das erst recht. Anfang Mai verkündigte ich zwar vollmundig, dass mein Sitzfleisch inzwischen wieder so sei, dass ich notfalls auch den Götz von Berlichingen zitieren könnte, eine flapsige Bemerkung, die mir das Schmunzeln der Journalisten einbrachte – und den Tadel meiner Frau, weil ich öffentlich nicht so reden sollte. Schlimmer war allerdings, dass ich die Lage völlig falsch eingeschätzt hatte [...]. Der Spiegel sah damals klarer, als ich es mir selber eingestand: 'Er arbeitet mehr, als ihm gut tut. Er lebt gerade in einem Grenzbereich, er lebt gegen den medizinischen Rat.' Vermutlich hätte ich mir diese Analyse zu Herzen nehmen sollen, denn meine diesbezügliche Urteilskraft war zu dem Zeitpunkt offenkundig beschränkt." (S.483/84)

Dazu die KI Gemini:

1. Das Konzept des temporären Grexit („Auszeit“)

Eines der zentralen Themen im Buch ist Schäubles Vorstoß im Juli 2015, Griechenland eine vorübergehende „Auszeit“ aus dem Euroraum (einen temporären Grexit) vorzuschlagen.

  • Ökonomische Logik: Schäuble argumentierte, dass Griechenland ohne eine eigene Währung (und die damit verbundene Abwertungsmöglichkeit) unter der enormen Schuldenlast kaum wettbewerbsfähig werden könne. Ein echter Schuldenschnitt war jedoch rechtlich innerhalb der Eurozone nach den EU-Verträgen (No-Bailout-Klausel) nicht möglich.

  • Keine Bestrafung, sondern Neustart: Er betont, dass der Vorschlag nicht als Bestrafung gedacht war, sondern als Chance für Griechenland, sich wirtschaftlich zu erholen, kombiniert mit europäischer Finanz- und Wiederaufbauhilfe.

2. Der Dissens mit Angela Merkel

Schäuble gewährt in seinen Erinnerungen detaillierte Einblicke in sein Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel während der heißesten Phase der Krise im Sommer 2015:

  • Unterschiedliche Prioritäten: Während Schäuble die Einhaltung von Regeln und das Vermeiden von Moral Hazard (Fehlanreizen für andere Euro-Staaten) in den Vordergrund stellte, wägte Merkel vor allem die geopolitischen Risiken und die Gefahr eines Dominoeffekts ab. Ihr Mantra lautete: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“.

  • Rücktrittsangebot: Nach tiefen Auffassungsunterschieden über den Grexit-Vorschlag bot Schäuble Merkel indirekt seinen Rücktritt an, falls sie seinen Kurs nicht mittragen könne. Merkel lehnte ab, setzte sich jedoch in der Sache durch – Griechenland verblieb im Euro und erhielt das dritte Hilfspaket. Schäuble fügte sich am Ende aus Loyalität und politischer Staatsräson.

3. Urteil über die griechische Politik (Tsipras und Varoufakis)

Schäuble schildert mit seinem typischen, trockenen Humor die Verhandlungen mit der 2015 neu gewählten linken Syriza-Regierung unter Alexis Tsipras:

  • Yanis Varoufakis: Den damaligen griechischen Finanzminister beschreibt er pointiert als einen „Ökonomen mit einer gewissen Expertise im Bereich der Spieltheorie […], die politischen Spielregeln verstand er allerdings nicht“. Varoufakis’ Verhandlungsstil habe das Vertrauen der Euro-Partner massiv beschädigt und wertvolle Zeit gekostet.

  • Alexis Tsipras: Schäuble rechnet Tsipras an, dass dieser nach dem Referendum im Juli 2015 schließlich eine pragmatische Kehrtwende vollzog und die harten Reformauflagen akzeptierte, um den Kollaps des griechischen Bankensystems zu verhindern.

4. Ordnungspolitik und Regeltreue

Grundlegend für Schäubles gesamte Argumentation ist sein ordnungspolitisches Fundament:

  • Eine gemeinsame Währung könne langfristig nur funktionieren, wenn Verträge und Stabilitätskriterien (wie der Stabilitäts- und Wachstumspakt) strikt eingehalten werden.

  • Zugeständnisse ohne echte Strukturreformen hätten in seinen Augen das Fundament der gesamten Währungsunion gefährdet.

  • Er hebt hervor, dass Länder wie Irland, Portugal und Spanien, die sich an die Auflage- und Reformprogramme gehalten hatten, gestärkt aus der Krise hervorgingen, was seinen harten Kurs bestätige.

"Dass die CumEx-Deals illegal waren, weil sie allein darauf abzielten, sich Kapitalertragssteuer erstatten zu lassen, die zuvor gar nicht abgeführt worden war, ist ohne juristisch Fortbildung nachzuvollziehen. 2021 entschied der Bundesgerichtshof, dass sie auch strafbar sind. Bei den verwandten Cum-Cum-Geschäften erwies sich die Rechtslage [als] komplizierter, bis der Bundesfinanzhof 2015 in einer Grundsatzentscheidung, auch in diesen Deals eine rechtswidrige, missbräuchliche Steuergestaltung erkannte, die nach Abgabenverordnung verboten und als Steuerhinterziehung zu werden ist. 2016 wurden auch sie unterbunden.
Zögerlich und mit unterschiedlichen Nachdruck haben die Steuerverwaltungen der Länder begonnen, aufzuarbeiten, wie groß der Steuerschaden für die Einnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden tatsächlich ist. Weil Rückforderungsansprüche verjähren, entstand dabei ein zusätzliches Problem, das durch die Zurückhaltung der Hamburger Finanzbehörden im Fall der an illegalen CumEx-Geschäften, beteiligten Warburg Bank öffentlich bekannt wurde. Die Behörde, die zuvor bereits eine Rückforderung in die Verjährung hatte laufen lassen, musste ich als Bundesfinanzminister 2017 per Weisung dazu zwingen, 43 Millionen Euro zu Unrecht, erstattete Kapitalertragssteuern von der Privatbank kurz vor der Verjährung zurückzufordern. – was den Verdacht begründet, dass in Hamburg jemand ein Interesse daran hatte, Warburg vor der Steuernachzahlung und womöglich auch vor einer Strafe zu schützen.
Die Hintergründe, dieser Affäre und insbesondere die Rolle des damaligen ersten Bürgermeisters (und heutigen Bundeskanzlers) in einen Bundestagsuntersuchungsausschuss parlamentarisch aufzuarbeiten, ist bislang an der Ampel-Koalition gescheitert. Weil nur geprüft werden dürfe, was auch in den Kompetenzbereich des Bundes falle, wurde erstmals in der Geschichte des Parlaments, ein von einer einsetzungsberechtigten Minderheit beantragter Untersuchungsausschuss nicht eingesetzt – ein bemerkenswerter Vorgang, auch weil hier die Mehrheit des Bundestags, offenbar gestützt, auf einen ausgerechnet im Kanzleramt gefertigten Vermerk, die Zuständigkeit des Bundes in der Sache negiert. Dabei hat der Bund die Aufsicht über die Steuerverwaltung der Länder inne, wie sonst hätte ich 2017 der Hamburger Finanzbehörde die Anweisung zur Rückforderung geben können?" (S. 518).