15 Juli 2026

Claude Njiké-Bergeret und die Bamiliké

Claude Njiké-Bergeret  wurde in Kamerun geboren und wuchs dort auf. Mit drei Jahren zog sie mit ihren Eltern in die Nähe von Bangangté, die dort ein christliches Mädcheninternat leiteten. In den engen Grenzen der Internatsschule Mfetom wuchs Njiké-Bergeret unter strenger Aufsicht ihrer Eltern auf. Sie nahm an dem Schulunterricht in Mfetom teil und baute dort Freundschaften zu Einheimischen auf. Sie erlernte die Sprache der Chefferie (Königreich) Bangangté. Die Bangangté werden den Bamileke zugeordnet. Ihr Oberhaupt, der Fon, hat ungefähr 60.000 Untertanen. 1956 zog Njiké-Bergeret mit ihrer Familie nach Frankreich, wo sie ihr Abitur ablegte. Nach abgebrochenem Studium der Philosophie und ihrer ersten Heirat begann sie ein Geografiestudium an der Universität Aix-en-Provence. Während dieser Zeit brachte sie zwei Kinder zur Welt (Serge 1966, Laurent 1968). Sie erlebte an der Universität die Studentenunruhen in Frankreich mit. Ihre erste Ehe wurde 1972 geschieden. 1974 verpflichtete sie sich für die Missionsgesellschaft, für die bereits ihr Vater arbeitete, für drei Jahre nach Kamerun zu gehen. Dort arbeitete sie als Lehrerin. Später trat sie die Nachfolge ihrer Eltern an, die ebenfalls nach Kamerun zurückgekehrt die Leitung der Schule in Mfetom wieder übernommen hatten. In dieser Zeit integrierte sie sich zunehmend ins gesellschaftliche Leben von Bangangté. Sie heiratete 1978 den Fon Francois Njiké Pokam, obwohl dieser bereits mit über zwei Dutzend Frauen verheiratet ein polygames Leben führte. Mit ihm bekam sie zwei weitere Kinder (Sophia 1978, Rudolf 1980). Nach dem Tod Njikés zog sie sich mit ihren vier Kindern auf ein kleines Stück Land zurück, das sie bis heute (2007) eigenhändig bestellt.[1]

Claude Njiké-Bergeret ist zu einer lokalen Bekanntheit avanciert und unter dem Namen Reine blanche (‚weiße Königin‘) bekannt. Nach Eigendarstellung dürfte die Heirat einer diplomierten protestantischen Mitarbeiterin einer Missionsgesellschaft mit einem einheimischen Stammeshäuptling ein einmaliger Vorgang sein. Er löste landesweite Aufmerksamkeit aus und sorgte für Erklärungsnot bei der Protestantischen Kirche Kameruns.

Claude Njiké-Bergeret bemühte sich um die Vermittlung zwischen europäischen und afrikanischen Werten. Sie orientierte ihren Unterricht stärker an den Bedürfnissen der Einheimischen, indem sie kamerunische Geschichtsbücher sowie afrikanische Literatur in das Unterrichtsprogramm aufnahm. Sie machte sich bereits in den 1970er Jahren für ein verändertes Afrikabild in Frankreich stark. Aber erst ab 1997 konnte sie mit ihren Forderungen nach mehr Verständnis für die Eigenheiten der Afrikaner durch ihre autobiografischen Aufzeichnungen eine breitere Öffentlichkeit erreichen. 


Zitate aus: " Meine afrikanische Leidenschaft"

"Für den Afrikaner ist niemand, Herr seines Schicksals. Er braucht keine Erklärung, keine Begründungen – Gott allein weiß es. Weisheit ist weit wichtiger als Wissen. Und im übrigen: Bin ich wirklich weiß, bin ich wirklich Französin? 

Ich betrachte Bangangté als mein Geburtsland, obwohl ich im Juni 1943 ungefähr dreihundert Kilometer südwestlich davon, in / Duala, dem großen Hafen von Kamerun, auf die Welt kam. Als ich drei Jahre alt war, gingen meine Eltern nach Bangangté, und hier verbrachte ich meine gesamte Kindheit. Anschließend lebte ich 1achtzehn Jahre, meine Jugendzeit eingeschlossen, in Frankreich. Dann endlich bin ich nach Hause zurückgekehrt, nach Afrika, mit einem Universitätsdiplom, geschieden und Mutter von zwei Kindern. Hier habe ich das Oberhaupt meines Dorfes geheiratet, zehn weitere Jahre meines Lebens verbrachte ich an seinem Hof, in Gesellschaft meiner Mitfrauen. Heute bin ich Witwe und bebaue ein Stück meines Geburtslandes wie Voltaires 'Candide' seinen Garten. Der Name leitet sich übrigens von dem lateinischen 'candidus' ab und bedeutet 'weiß'. Meine Haut ist eigentlich weiß, nun ja, nicht ganz weiß, ein bisschen gebräunt und vom Arbeiten unter der afrikanischen Sonne gegerbt. Damals, als ich noch ein Kind war – und manchmal auch heute noch –, unterhielten wir uns mit Freunden über die 'Weißen', machten uns über sie lustig, weil uns ihr Benehmen, ihre Art zu leben und ihr Wesen so eigentümlich, so unbegreiflich erschienen. Aber das Wort 'weiß' bezeichnet nicht nur ihre Hautfarbe. Ich denke, es bedeutete eher 'fremd' oder 'europäisch'. Meine Haut ist weiß, aber seit meiner Kindheit fühlte und betrachtete ich das Leben wie eine Schwarze. Ich sprach Bangangté , also war ich schwarz. Ich empfand mich nicht anders als meine Freundinnen in der Schule, meine 'Schwestern'. Und vor allem hatte ich nicht die geringste Lust, jemals wie die Weißen zu leben." (S.9/10). 

"Die Bamileke-Ebene in der Provinz West Kamerun erstreckt sich über achttausendzweihundert Quadratkilometer, fast so groß wie das Elsaß. Das Land selbst erinnert dagegen eher an die französische Region des Massif Central, die allerdings auf einer Höhe zwischen tausendvierhundert und zweitausend Meter ein Gewirr bewaldeter Hügel, karger Steilhänge und flacher Täler mit ruhig dahinziehenden Flüssen, deren Wasser in Teichen und toten Flussarmen versickert. Manchmal verschwinden diese Gewässer in der Trockenzeit ganz. Dann erhebt sich die rote Erde in Staubwirbeln, setzt sich in den Mauern der Häuser fest und überzieht Bäume und Pflanzen mit einer dünnen Ockerschicht. Der westliche Rand dieses buckligen Plateaus fällt in relativ sanften, mit hohen Gras oder Bäumen bewachsenen Hängen zum Fluss hin ab. Das Land ist dicht besiedelt, im Durchschnitt hundertvierzig Einwohner pro Quadratkilometer. Einst, vor der Kolonialisierung, konzentrierte sich ein Großteil der Bevölkerung – ebenso wie die Markt- und Handelsplätze – um die Höfe der Stammesführer. Die Macht dieser sozialpolitischen, religiösen und völlig unabhängigen Einheiten, die im 14.  Jahrhundert entstanden, wuchs ständig und erreichte zwei / Jahrhunderte später ihren Höhepunkt. Sie bildeten damals kleine voneinander unabhängige Staaten mit sehr ähnlichen Sitten und Gebräuchen, jedoch mit eigenen Sprachen. Daher konnten die Bewohner der Nachbarhöfe die Sprache von Bangangté  nur verstehen, wenn sie sie gelernt hatten. Heute zählt das Land noch immer genau sechshundert solcher Höfe.
Als die ersten Weißen kamen, schenken ihnen die traditionellen Herren, die 'Verwalter' der Erde ihrer Väter, die höher gelegten Flächen, auf einigen Hügeln. Die Kolonialmacht setzte die Stammesoberhäupter nicht ab, sondern nahm ihnen ganz allmählich die Macht und vermied damit die direkte Konfrontation. Heute, nach über einem Jahrhundert europäischer Anwesenheit und sechsunddreißig Jahren Unabhängigkeit unter der Schirmherrschaft eines Zentralstaats, sind die Bindungen der Stammesführer zu ihrem Volk, noch immer sehr tief, unwandelbar und unvergänglich, auch wenn der irdische Teil ihrer Macht deutlich geschrumpft ist." (S. 15/16). 



Bismarck an Johanna von Puttkamer

 "Bismarck bezog nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1839 das hinterpommersche Gut Kniephof und wurde Landwirt. Gemeinsam mit dem um fünf Jahre älteren Bruder Bernhard bewirtschaftete er die väterlichen Güter Kniephof, Külz und Jarchlin im Kreis Naugard. Nachdem Bernhard von Bismarck 1841 zum Landrat gewählt worden war, kam es zu einer vorläufigen Teilung. Bernhard bewirtschaftete nun Jarchlin, Otto Külz und Kniephof. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1845 übernahm Otto die Bewirtschaftung des Familienbesitzes Schönhausen bei Stendal.

"Bismarck erwarb schnell gute Kenntnisse in rationaler landwirtschaftlicher Betriebsführung. In den etwa zehn Jahren, in denen er als Verwalter des elterlichen Besitzes fungierte, gelang es ihm nicht nur, die Güter zu sanieren, sondern auch die eigenen Schulden zurückzuzahlen, die er in den zurückliegenden Jahren aufgehäuft hatte.

Einerseits gefiel es ihm, sein eigener Herr zu sein, andererseits füllten ihn die landwirtschaftliche Tätigkeit und das Leben als Landjunker nicht aus.[19] Er beschäftigte sich nebenher intensiv, aber unsystematisch mit Philosophie, Kunst, Religion und Literatur, ohne dass ihn dies nachhaltig geprägt hätte. 1842 unternahm er eine Studienreise nach Frankreich und England und in die Schweiz. Das Bestreben, in den Staatsdienst zurückzukehren, gab er 1844 auf – erneut aufgrund seiner Abneigung gegen alles Bürokratische. In diesen Jahren war er gerngesehener Gast bei zahlreichen gesellschaftlichen Ereignissen in der Region. Er nahm unter anderem an zahlreichen Jagdveranstaltungen teil, aber auch an ausschweifenden Zechgelagen. Eigenen Bekundungen zufolge hatte er sich in diesem Zusammenhang eine Art Trinkfestigkeit angeeignet; bei den Landjunkern habe er an Ansehen hinzugewonnen, weil er dazu fähig gewesen sei, seine „Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch zu trinken“.[20] Dies wie auch die ihm anhaftende Neigung, bei gesellschaftlichen Ereignissen fast stets im Mittelpunkt zu stehen, brachte ihm den Ruf des „tollen Bismarck“ ein.[21]"

Brief an die Braut Johanna von Puttkamer Kniephof, Mittwoch Abend. 28.4.4 Werke in Auswahl 1. Band, S.129f. "Heut früh, meine geliebteste Geliebte, bin ich effectiv hier eingetroffen, nachdem ich die Nacht mit 3 Offizieren, die mich kannten, ohne von mir gekannt zu sein, und mit einer hübschen jungen Dame zugebracht habe, die auf mein höfliches Anbieten, ihren Mittelplatz mit meinem sehr guten Eckplatz zu vertauschen, in gereizten Ton erwiderte: I c h kann nich rückwärts sitzen, un übrigens is mich dieser Platz anjewiesen; worauf ich ehrerbietig schwieg. In Cöstlin war Aufruhr, noch nach 12 die Straßen so gedrängt voll, dass wir sie mit Mühe und nur unter dem Schutz einer Abteilung der einbeorderter Landwehr passirten. Bäcker und Schlächter geplündert, 3 Häuser von Kornhändlern ruinirt, Scheibenklirren usw. Ich wäre gern dageblieben. Die Rieselwiesen und die Stachelbeeren sind hier/saftig grün, auch Faulbaum und Flieder haben Blätter wie ein Ducaten groß, und der Erdboden unter den Bäumen und Büschen des Dornbergs (Park) war mit blauen, weißen und gelben Blumen dicht bezogen, in meinen vollständigen Wappenfarben wie zum Abschiedsgruß prangend. Auf der ganzen Gegend von Wiesengrün, Wasser und entlaubten Eichen lag eine weiche, traurige Stimmung, als ich nach vielem Geschäftsverdruss gegen Sonnenuntergang meinen Abschiedsbesuch auf den Plätzen machte, die mir lieb und auf denen ich oft träumerisch und schwermüthig gewesen war. An der Stelle, wo ich ein neues Haus hatte bauen wollen, lag ein Pferdegrippe; noch im Knochenbau erkannte ich die Überreste meines treuen Caleb, der mich 7 Jahr lang, froh und traurig, wild und träge auf seinem Rücken über manche Meile Weg getragen hat. Ich dachte an die Haiden und Felder, die Seen und die Häuser und die Menschen darin, an denen wir beide vorbeigeflogen, mein Leben rollte sich rückwärts vor mir auf, bis in die Tage zurück, wo ich als Kind auf dieser Stelle matte Abendroth, bis zum Überlaufen voll von Wehmuth und Reue über die träge Gleichgültigkeit und die verblendete Genußsucht, in der ich alle reichen, Gaben der Jugend, des Geistes, des Vermögens, der Gesundheit zweck- und erfolglos verschleudert, bis ich dir, mein Herz, zumuthete, das Wrack, dessen reiche Ladung ich im Übermuth mit vollen Händen über Bord geworfen hatte, in den Hafen Deines unentweihten Herzens aufzunehmen. Ich ging recht niedergeschlagen nach Hause; jeder Baum, den ich gepflanzt, jede Eiche, unter deren rauschender Krone ich im Grase gelegen, schien mir vorzuwerfen, dass ich sie in fremde Hände gab, und noch deutlicher taten das meine sämtlichen Tagelöhner, die ich hier versammelt vor meiner Tür fand, um mir ihr Leid zu klagen, über die jetzige Not und ihre Besorgnis vor der Zukunft unter dem Pächter. 'Er wird sich viel darum kümmern, wenn wir in Krankheit und Elend geraten'; dabei hielten sie mir vor, wie lange sie meinem Vater schon gedient hätten, und die alten, Grauköpfe weinten ihre hellen Tränen, und ich war auch nicht weit davon. Ich wusste auch nichts zu meiner Entschuldigung zu sagen, denn hätte ich mich um das Meinige gekümmert, anstatt Fremde für mich wirtschaften zu lassen, und wäre so vernünftig gewesen, wie ich verschwenderisch war, so wäre mir die Verpachtung jetzt nicht ein pecuniäres Bedürfnis geworden und wahrscheinlich gar nicht erfolgt. Es beunruhigt mich im Gewissen recht sehr, diese Leute, deren Schutz mir Gott anvertraut hat, der Habsucht des Pächters zu überlassen.– Moritz ist, wie mir Antonie [v. Bblankenburg] schreibt, schon am Freitag nach Berlin gereist, wo ich ihn hoffentlich noch treffe. Morgen früh reise ich weiter und bleibe einen 1/2 Tag in Stettin; Freitag nach Berlin, Sonntagmittag nach Schönhausen. Herzliche Grüße an unsere Mutter. God bless you. Our love is the bright, star, that shines through the darkness of my soul!                                                                                                                                                                  B. 
 In Stettin ist starker Brodaufstand; angeblich zwei Tage scharf geschossen, Artillerie aufgefahren, wird wohl etwas übertrieben sein. 

Brief an die Braut Johanna von Puttkamer                                                                      Berlin, 2. Mai 47. 
Sehr angenehm war ich überrascht, Deinen grünen Brief hier bei dem Vater vorzufinden, und werde von Schönhausen aus am Donnerstag ausführlicher darauf antworten, da ich hier in Eile und Lärm nicht zu der nöthigen Ruhe komme. Ich erhielt in Kniephof Donnerstag früh einen Brief von Moritz, der früher, als er glaubte, und unbefriedigt von der Theilnahmslosigkeit Berliner Freunde, zurückgekehrt war. Er rechnet mit Sicherheit darauf, Dich verabredeter Maßen in Zimmerhausen zu sehen, und wird dich, sobald du willst, abholen und uns beide dann nach Kiko zurück eskortieren. Ich blieb seinetwegen einen Tag länger in Kniephof und fand ihn heiter und ruhig, aber körperlich sehr angegriffen. Die Folgen der aufgeregten Anspannung werden ihm nun fühlbar. Am Freitagabend kam ich nach Angermünde und musste auch dort länger, als ich wollte, bleiben, um meine Schwester während der Abwesenheit Arnims zu schützen, da man stündlich den Ausbruch eines Aufstandes besorgte, der indeß bis zu meines Schwagers Rückkunft, nur in einzelnen Ausbrüchen alter Weiber erfolgte. So bin ich erst gestern Abend spät hier eingetroffen, reise morgen früh weiter, bleibe Dienstag und Mittwoch in Schönhausen und komme dann wieder her wegen Conferenzen in unseren Patrimonial-Gerichtsangelegenheiten. Am Sonnabend werde ich dann mit dem Vater wohl wieder nach Schönhausen gehn. Nimm mit diesen historischen Notizen vorlieb und betrachte diesen kühlen Zettel, den ich etwas frierend und mit viel Unruhe an Vaters Secretär schreibe, nicht als Brief, sondern als Lebenszeichen Deines B. Wegen der Hochzeit habe ich mit dem Vater soeben gründlich gesprochen und ihn geneigt gefunden, sie an dem bekannten Termine, ohne alles Aufsehen, lediglich als Trauung zu begehn, auch meinen Verwandten mitgetheilt, daß es wegen des Zustandes der Mutter nicht anders sein könne. Viel Grüße an Letztre.

25 Juni 2026

Ingeborg Bachmann - Max Frisch

 „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. (Wikipedia)

Heinz Bachmann zum Briefwechsel


"Die Texte der 297 Briefe von Bachmann, Frisch sowie Verwandten, Freunden und Bekannten wurden zwischen dem 9. Juni 1958 und dem 20. April 1973 geschrieben, also in einem Zeitraum von fast fünfzehn Jahren. Zwei weitere abgedruckte Dokumente sind nicht sicher einzuordnen.[3] Die Briefe erstrecken sich über fast 600 Seiten. Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 1958 und 1963, von 1966 bis 1971 ist kein schriftlicher Austausch der beiden bekannt. Der große Umfang des Briefwechsels ist unter anderem damit zu erklären, dass Bachmann und Frisch nur vergleichsweise wenig Zeit kontinuierlich zusammen lebten, nämlich zwischen November 1959 und Oktober 1960 und April 1961 und März 1962.[4]"

(Wikipedia)

22 Juni 2026

Zum Vergleich zweier Meisterwerke von John Steinbeck

East of Eden habe ich vor über 50 Jahren angefangen und dann die englische Version abgebrochen. Ich habe danach sicherlich große Teile in einer deutschen Übersetzung gelesen, ob ich es vollständig gelesen habe, weiß ich nicht.

Gegenwärtig lese ich The Grapes of Wrath abends vor dem Einschlafen, und mit den dort vorhandenen Dialektpassagen komme ich gut zurecht. Weil ich aber deutsche Leser für dies Buch interessieren möchte, bin ich dabei, das Buch anhand englischer und deutscher Zitate vorzustellen.

Laut Wikipedia gilt "Früchte des Zorns" als Steinbecks bedeutendster Roman, und Jenseits von Eden sein beliebtester. Dazu: "In der Familiensaga, die vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Ersten Weltkrieg reicht, erscheinen nicht soziale Ungerechtigkeiten, sondern die Abgründe der menschlichen Seele selbst als Quelle allen Übels. Hauptperson des epischen Werks ist Adam Trask, der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts als reicher Farmer in Kalifornien niederlässt, dort aber von seiner Frau Cathy verlassen wird und seine Söhne allein aufziehen muss. An den gegensätzlichen Zwillingsbrüdern Caleb und Aron scheint sich fast zwangsläufig die alttestamentliche Geschichte von Kain und Abel zu wiederholen. Doch die Botschaft des Romans lautet, dass es kein vorbestimmtes Schicksal gibt und jeder Mensch die Freiheit der Wahl hat, sich moralisch oder unmoralisch, gut oder böse zu verhalten. Auf einer zweiten Erzählebene, die von den Hamiltons handelt, hat Steinbeck die Geschichte seiner eigenen Familie mütterlicherseits verarbeitet. – Elia Kazans Verfilmung von Jenseits von Eden, mit James Dean in der Rolle des Caleb, konzentriert sich ausschließlich auf die zweite Hälfte des Buchs und rückt anstelle von Adam Trask die Geschichte seiner beiden Söhne in den Mittelpunkt."

Nach der Lektüre dieses Wikipediaartikels zu "Jenseits von Eden" komme ich Jahrzehnte, nachdem ich das Buch mehr oder minder vollständig gelesen habe, jetzt zu dem Ergebnis, dass ich weiter The Grapes of Wrath auf Englisch lesen will, weil darin so viel von Steinbecks Meisterschaft steckt. Für einen Künstler mag es von größerem Reiz sein, aufzuzeigen, wie man auf den Pfad des Bösen gelangen kann, dass aber auch dann immer noch ein Weg zum Guten möglich ist. Mir persönlich ist aber noch kein Menschen begegnet, den ich für von Grund auf böse gehalten hätte, und nehme auch nicht an, dass ich einem solchen begegnen werde oder selbst ein solcher bin. Dagegen liegt mir an Beispielen dafür, wie man trotz großer Schwierigkeiten und selbst in aussichtsloser Lage wenigstens versuchen kann, nicht aufzugeben.

Die Erzählung muss ja nicht mit einem Happy End schließen, wie man sich das bei der Lektüre oft wünscht (Beispiel "David Copperfield"), aber sie sollte zu dem Leben passen, wie ich es kenne. In "Früchte des Zorns" sind die Schwierigkeiten größer, als ich sie bisher erlebt habe. Könnte man auch dann bestehen?

Unterhaltungsromane und Sachbücher sind da etwas ganz anderes.

15 Juni 2026

Zur Verwendung von KI für Artikel über die Vergangenheit

 In einem Artikel über die Weltreise von Chamisso von 1816-1818 kommt es zu Zielkonflikten zwischen Verdeutlichung des kulturellen Wandels und Ressourcenverbrauch. Dass die "Entdeckung" von bisher nicht besuchten Weltgegenden dazu geführt hat, dass diese Gebiete von Europäern ausgebeutet wurden, ist bekannt. Es hat aber auch zum Austausch zwischen Kulturen geführt. Gegenwärtig gibt es für viele Orte Bezeichnungen, die es ermöglichen, einen Ort über Sprach- und Kulturgrenzen hinaus eindeutig zu bezeichnen. So gibt es in Deutschland viele Orte, die Neustadt heißen, eindeutiger wird die Bezeichnung, wenn man durch einen Namenszusatz deutlich macht, in welcher Region das jeweilige Neustadt liegt. Je stärker dabei Personen einbezogen sind, die die betreffende Region nicht kennen, desto technisierter muss die Bezeichnung werden. Das zeigt sich z.B. an der Entwicklung von Postleitzahlen, die zunächst 1 - 2 Ziffern lang waren, inzwischen aber in Deutschland auf 5-stellige Zahlen umgestellt sind.

Doch dies ist beileibe nicht die einzige Folge der Vereindeutigung von Bezeichnungen. (wird fortgesetzt)

Erste Fortsetzung: Definitionen dienen der Vereindeutigung ebenso wie die Begriffsklärungsseiten der Wikipedia. Aber Definitionen können auch zu Begriffsverwirrung führen, etwa, wenn bei der Definition von Antisemitismus nicht nur "Abwertung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung" von Personen, sondern auch die Kritik an Maßnahmen des Staates Israel eingeschlossen werden. denn dann würde ja auch jede Opposition innerhalb des Staates Israel als antisemitisch gewertet: Der schnellste Weg von einer Demokratie zu Autokratie und totalitärer Herrschaft, 

09 Juni 2026

Chamissos Reisebericht von seiner Weltreise in Ausschnitten

Adelbert von Chamisso Reise um die Welt


Kapitel 10: Nordfahrt von Kamtschatka aus in die Bering-Straße
»Zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt« sind Worte, die die »Entdeckungsreise von Otto von Kotzebue in die Südsee und nach der Berings-Straße« an der Stirne trägt. Nun aber segeln wir nach Norden, der Berings-Straße zu, und es dünkt mich an der Zeit zu sein, euch, die ihr mir bis jetzt auf gut Glück gefolgt seid, ohne zu wissen, wohin die Reise ging und was sie beabsichtigte, nachträglich über den Hauptzweck derselben und den Plan, nach welchem er verfolgt werden sollte, die Aufklärungen zu geben, die ich selber nur nach und nach erhalten hatte. Die Sommerkampagne 1816 sollte einer bloßen Rekognoszierung gewidmet sein. Ein Hafen, ein sicherer Ankerplatz für das Schiff, sollte in Norton-Sound oder, noch besser, im Norden der Straße aufgefunden werden, von wo aus mit Baidaren und Aleuten, diesen Amphibien dieser Meere, den eigentlichen Zweck der Expedition anzugreifen der zweiten Sommerkampagne vorbehalten bliebe. Früh sollten wir dann in Unalaschka eintreffen, wo unsere Ausrüstung für das nächste Jahr von den Beamten der Russisch-Amerikanischen Kompanie beschafft werden sollte: Baidaren, Mannschaft, Mundvorrat für dieselbe und Dolmetscher, welche die Sprachen der nördlichen Eskimos verstünden. Diese Dolmetscher würden von Kodiak bezogen werden müssen, wohin von Unalaschka aus einen Boten auf dreisitziger Baidare die Küsten der Inseln und des festen Landes entlang zu senden je später im Jahre, desto fahrvoller und unzuverlässiger sei. Deshalb durften wir uns jetzt nicht verspäten. Die Zeit des nordischen Winters sollten wir dann in Sommerlanden verbringen, teils der Mannschaft die erforderliche Erholung gönnen, teils anderwärtigen geographischen Untersuchungen obliegen, dann im Frühjahr 1817, nach Unalaschka zurückkehrend, daselbst, was für unsre Nordfahrt vorbereitet worden, uns aneignen und, sobald das nordische Meer sich der Schiffahrt eröffnete, den »Rurik« in den vorbestimmten Hafen fahren, sichern und zurücklassen und mit Baidaren und Aleuten zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt so weit nach Norden und Osten zu Wasser oder zu Lande vordringen, als es uns ein gutes Glück gestattete. – Wenn die vorgerückte Jahreszeit oder die sonstigen Umstände unserer Unternehmung ein Ziel gesetzt, sollten wir die Rückfahrt über Kamtschatka antreten und auf der Heimkehr noch die fahrvolle Torres-Straße untersuchen. Wahrlich, es war zweckmäßig, zu Entdeckungen im Eismeer die Söhne des Nordens und ihre Fahrzeuge zu gebrauchen. Nur mißlich war es, die ganze Hoffnung des Gedeihens auf den einzigen Wurf nur einer Kampagne zu setzen, die ein ungünstiges Jahr vereiteln konnte. Aber mit Beharrlichkeit möchten am füglichsten von Unalaschka aus durch Aleuten und wenige rüstige, abgehärtete Seemänner, welche nur die erforderlichen Ortsbestimmungen vorzunehmen befähigt wären, die letzten Fragen zu lösen sein, welche die Geographie dieser Meer- und Küstenstriche noch darbietet.

Die Sommerkampagne 1816, deren Ergebnis in der Karte vorliegt, die Herr von Kotzebue von dem nach ihm benannten Sunde mitteilt, hat, was von ihr erwartet werden konnte, auf das befriedigendste geleistet. Der Kotzebues-Sund, ein tiefer Meerbusen, der im Norden der Straße unter dem Polarkreise in die amerikanische Küste eindringt und dessen Hintergrund beiläufig einen Grad nördlicher und unter gleicher Länge liegt als der Hintergrund von Norton-Sound, bietet den Schiffen im Schutze der Chamisso-Insel den sichersten Ankerplatz und den vortrefflichsten Hafen dar. Herr von Kotzebue hat im Jahre 1817 darauf verzichtet, Vorteil von seiner Entdeckung zu ziehen, um weiteren Entdeckungen in das Eismeer entgegenzusehen. Was der Romanzowschen Expedition aufgegeben war, ist seither von den Engländern verfolgt worden, und Kapitän Beechey mit dem »Blossom« hat in den Jahren 1826 und 1827 von diesem selben Hafen aus einen Teil der amerikanischen Küste im Eismeer aufgenommen.

Ich kehre zu unserer Nordfahrt zurück. Ihr Zweck war die Geographie. Wir haben zwar mit den Eingebornen, den Bewohnern der Sankt-Laurenz-Insel, den Eskimos der amerikanischen Küste, den Tschuktschi der asiatischen, häufig verkehrt; doch haben wir mit und unter ihnen nicht gelebt. Die Karte und der Bericht von Herrn von Kotzebue, das Zeichenbuch des Malers, das er in seinem »Voyage pittoresque« offenhält, werden belehrender sein als mein dürftiges Tagebuch. Übrigens, was ich über diese Völker mongolischer Rasse zu sagen gewußt, habe ich am Schlusse des Aufsatzes, den ich den Nordlanden in meinen »Bemerkungen und Ansichten« gewidmet habe, in wenige Worte zusammengedrängt.

Am 17. Juli 1816 liefen wir aus der Bucht von Awatscha aus und hatten am 20. Ansicht von der Berings-Insel, deren westliches Ende sich mit sanften Hügeln und ruhigen Linien zum Meere senkt. Sie erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee.

Von der Berings-Insel richteten wir mit günstigem Winde unsern Kurs nach der Westspitze der Sankt-Laurenz-Insel. Wir waren in den dichtesten Nebel gehüllt; er zerteilte sich am 26. auf einen Augenblick; ein Berggipfel ward sichtbar; der Vorhang zog sich wieder zu. Wir lavierten in der gefährlichen Nähe des nicht gesehenen Landes.

An diesem Tage war die Erscheinung einer Ratte auf dem Verdeck ein besorgniserregendes Ereignis. Ratten sind auf einem Schiffe gar verderbliche Gäste, und ihrer Vermehrung ist nicht zu steuern. Wir hatten bis jetzt keine Ratten auf dem »Rurik« gehabt; war diese in Kamtschatka an unsern Bord gekommen, konnten auch mehrere schon in den untern Schiffsraum eingedrungen sein. Eine Rattenjagd ward auf dem Verdeck als ein sehr ernstes Geschäft angestellt, und drei Stück wurden erlegt. Es ist von da an keine mehr verspürt worden. [...]"

"Ich habe hier eine Frage zu beantworten, die in den Gedanken der Wissenschaft den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit und der Geschichte bezeichnet. – Ihr Starren, die ihr die Bewegung leugnet und unterschlagen wollt, seht, ihr selber, ihr schreitet vor. Eröffnet ihr nicht das Herz Europas nach allen Richtungen der Dampfschiffahrt, den Eisenbahnen, den telegraphischen Linien und verleihet dem sonst kriechenden Gedanken Flügel? Das ist der Geist der Zeit, der, mächtiger als ihr selbst, euch ergreift. – Gauß aus Göttingen zuerst fragte mich im Herbst 1828 zu Berlin, und die Frage ist seither wiederholt an mich gerichtet worden: ob es möglich sein werde oder nicht, die geodätischen Arbeiten und die Triangulierung von der asiatischen nach der amerikanischen Küste über die Straße hinaus fortzusetzen. Diese Frage muß ich einfach bejahend beantworten. Beide Pfeiler des Wassertores sind hohe Berge, die in Sicht voneinander liegen, steil vom Meer ansteigend auf der asiatischen Seite und auf der amerikanischen den Fuß von einer angeschlemmten Niederung umsäumt. Auf der asiatischen Seite hat das Meer die größere Tiefe und der Strom, der von Süden in die Straße mit einer Schnelligkeit von zwei bis drei Knoten hineinsetzt, die größere Gewalt. Wir sahen nur auf der asiatischen Seite häufige Walfische und unzählbare Herden von Walrossen. Die Berghäupter mögen wohl die Nebeldecke überragen, die im Sommer über dem Meere zu ruhen pflegt; aber es wird auch Tage geben, wie der 30. Juli 1816 einer war. [...]

Kapitel 11

"Die Bucht, worin wir waren, erhielt den Namen Eschscholtz; die Insel, in deren Schutz der »Rurik« vor Anker lag, den meinen. (Sie ist in meinen »Bemerkungen und Ansichten« ungenannt.) Sowohl auf der sandigen Landzunge, auf welcher wir bivouakierten, als auf der urfelsigen Insel war die Variation der Magnetnadel durchaus unregelmäßig.

Auf Exkursionen wie diese hatte meine Sekundenuhr von Schunigk zu Berlin die Ehre, Chronometerdienst zu tun; selbst ihrer nicht bedürftig, hatte ich sie dem Kapitän zum Gebrauch ganz überlassen. Nach zweitägigem Bivouak, wobei uns das englische Patentfleisch (frisches Fleisch und Brühe in Blechkasten eingefüllt, die ohne leeren Raum zugelötet sind) sehr guten Dienst geleistet hatte, kehrten wir am dritten Tage, am 9. August morgens, zu dem Schiffe zurück. Während unserer Abwesenheit hatten uns die Eingeborenen auf zwei Baidaren einen Besuch zugedacht, der aber nach dem Befehl des Kapitäns nicht angenommen worden war. Der Hintergrund von Kotzebues-Sund ist unbewohnt, und man findet an dessen Ufern nur Landungs- und Bivouakplätze der Eingeborenen. Ein solcher findet sich zum Beispiel auf der Chamissos-Insel und ein anderer bei den Eisbergen der Eschscholtz-Bucht; diesen besuchen sie vielleicht hauptsächlich nur, um Elfenbein zu sammeln.[...] 

Diese Walfische rufen mir ins Gedächtnis, was ich einst von einem genialen Naturforscher ins Gespräch werfen hörte. Der nächste Schritt, der getan werden muß, der viel näher liegt und viel weiter führen wird als die Dampfmaschine mit dem Dampfschiffe, diesem ersten warmblütigen Tiere, das aus den Händen der Menschen hervorgegangen ist – der nächste Schritt ist, den Walfisch zu zähmen. Worin liegt denn die Aufgabe? Ihn das Untertauchen verlernen zu lassen! Habt ihr je einen Flug wilder Gänse ziehen sehen; und ein altes Weib gesehen, mit einer Gerte in der zitternden Hand ein halb Tausend dieser Hochsegler der Lüfte auf einem Brachfeld treiben und regieren? Ihr habt es gesehen und euch über das Wunder nicht entsetzt; was stutzt ihr denn bei dem Vorschlag, den Walfisch zu zähmen? Erziehet Junge in einem Fjord, ziehet ihnen einen von Schwimmblasen getragenen Stachelgurt unter die Brustflossen, stellt Versuche an! Wahrlich, beide Meere zu vereinigen und die Entfernung zwischen Archangel und Sankt Peter und Paul auf acht bis vierzehn Tage Zeit zu verringern ist wohl des Versuchens wert. – Ob übrigens der Walfisch ziehen oder tragen soll, ob und wie man ihn anspannt oder belastet, wie man ihn zäumt oder sonst regiert und wer der Kornak des Wasserelefanten sein soll, das alles findet sich von selbst.

Am 7. September 1816 brachte uns ein günstiger, aber schwacher Wind in den Eingang der Bucht, woselbst er uns zwischen den hohen Bergen der Insel plötzlich gebrach, so daß wir uns in einer ziemlich hülflosen Lage befanden, da dort kein Anker den Grund findet. Aber der Agent der Kompanie, Herr Kriukow, kam uns mit fünf zwanzigruderigen Baidaren entgegen und bugsierte uns in den Hafen. Wir ließen um ein Uhr die Anker vor Illiuliuk, der Hauptansiedelung, fallen. Das Dampfbad war vorsorglich für uns geheizt.

Herr Kriukow, verpflichtet durch den Befehl der Direktoren der Kompanie in Sankt Petersburg, die Forderungen des Herrn von Kotzebue zu erfüllen, war in allem gegen ihn von einer unterwürfigen Zuvorkommenheit. Von den wenigen Rindern, die auf der Insel sind, wurde sogleich eines für uns geschlachtet, und unsere Mannschaft ward mit frischem Fleische, Kartoffeln und Rüben versorgt, dem einzigen Gemüse, das hier gebaut wird.

Die Forderungen des Herrn von Kotzebue bestanden in folgendem: eine Baidare von vierundzwanzig Rudern, zwei einsitzige und zwei dreisitzige Baidaren verfertigen zu lassen; fünfzehn gesunde, starke Aleuten mit ihrer ganzen Ammunition für das nächste Frühjahr bereitzuhalten; Kamlaikas von Seelöwenhälsen für die sämtliche Mannschaft bis zu derselben Zeit zu beschaffen und sogleich einen Boten nach Kodiak abzufertigen, um dort durch den Agenten der Amerikanischen Kompanie einen Dolmetscher zu erhalten, der die an der nördlicheren Küste Amerikas gesprochene Sprache verstünde und übersetzen könnte. Die gefahrvolle Sendung zu übernehmen, fanden sich drei entschlossene Aleuten bereit.

Die dreisitzige Baidare ist nach dem Muster der einsitzigen gebaut, nur verhältnismäßig länger und mit drei Sitzlöchern versehen. Darin läßt sich ein Europäer, der in Aleutentracht mit Kamlaika und Augenschirm (gegen das Bespritzen der Wellen) den mittleren Sitz einnimmt, von zwei Aleuten fahren. Ich selber habe mich an einem schönen Sonntagsmorgen im Hafen von Portsmouth zur unendlichen Lust der Engländer auf die Weise in einer solchen Baidare fahren lassen. [...]"

Kapitel 12: Von Unalaschka nach Kalifornien. Aufenthalt zu San Francisco

"[...]  Keine Seevögel hatten uns über dem Winde der Sandwich-Inseln das Land angesagt, und zwischen demselben sahen wir auch keine. Nur hoch in den Lüften der Tropikvogel und nah über dem Spiegel der Wellen der Fliegende Fisch.

Wir richteten unsern Lauf nach der Nordwestspitze von O-Waihi, um diese zu umfahren und, nach dem Rate von Herrn Elliot, Haul-Hanna, Herrn Jung, in der Bai von Tokahai, Gebiet Kochala, zu sprechen, woselbst dieser in der Geschichte der Sandwich-Inseln rühmlichst bekannte Mann seinen Wohnsitz haben sollte. Herr Jung würde uns die nötigen Nachrichten über den jetzigen Zustand der Dinge und den Aufenthalt des Königs mitteilen. Dem Könige aber mußten wir uns vorstellen, bevor wir in den Hafen Hana-ruru der weiter westwärts liegenden Insel O-Wahu einliefen.

In der Nacht zum 22. November und am Morgen dieses Tages enthüllten sich uns die Höhen der großartig in ruhigen Linien sich erhebenden Landmasse, über welche sich mittags und abends die Wolken senken. Noch sahen wir nur Mauna-Kea, den Kleinen Berg, welcher, wenngleich der kleinere, sich höher über das Meer erhebt als der Montblanc über die Täler, von welchen aus er gesehen werden kann. Die Nordküste am Fuße des Mauna-Kea ist die unfruchtbarste der Insel.

Wir umschifften gegen Mittag das nordwestliche Vorgebürge von O-Waihi, fuhren durch den Kanal, der diese Insel von Mauwi trennt, und verloren den Passat unter dem Winde des hohen Landes. Wir hatten längs der Westküste von O-Waihi sehr schwache Land- und Seewinde und gänzliche Windstille.

Zwei Insulaner ruderten in der Gegend des Vorgebürges an das Schiff. Der auf das Verdeck stieg, beantwortete so scheu und zögernd die Fragen des ihm wohlbekannten Najas, daß dieser über das, was auf den Inseln geschehen sein möchte, Besorgnis schöpfte. Wir erfuhren indes, daß Haul-Hanna (ein Berater von Kamehameha_I. mit den mehrsten Fürsten auf O-Wahu und Tameiameia zu Karakakoa sich befinde. Das Kanot, welches an das Schiff angebunden war und worin der andere O-Waihier sich befand, schlug um, und wir hatten Gelegenheit, die Kraft und Gewandtheit dieser Fischmenschen zu bewundern.

Wir sahen von der hohen See die europäisch gebauten Häuser von Herrn Jung sich über die Strohdächer der Eingebornen erheben. Der ganze Strand ist von den Ansiedelungen der Menschen bekränzt, aber schattenlos. Erst südlicher längs der Küste untermischen sich Kokospalmen den Häusern. Die Wälder, die an den Bergen eine hohe Zone einnehmen, steigen nicht zu Tale. Rauchsäulen stiegen in verschiedenen Gegenden des Landes empor.

Andere Kanots kamen an das Schiff; wir verkehrten mit mehreren Eingebornen und vermochten einen weitgewanderten Mann, einen Mann des Königs, der in Boston, an der amerikanischen Nordwestküste und in China gewesen war, an unserm Bord zu bleiben und uns nach Karakakoa zu lotsen. Wir erfuhren, daß zwei amerikanische Schiffe in Hana-ruru lägen und vor Karakakoa ein drittes, welches, vom Sturme geschlagen, entmastet nach diesen Inseln gekommen. Wir erfuhren endlich, daß Russen der Amerikanischen Handelskompanie das Reich mit Krieg zu überziehen gedroht und daß man die russischen Kriegsschiffe erwarte, welche die Drohung verwirklichen sollten.

Das waren die Umstände, unter welchen wir vor O-Waihi erschienen und uns glücklich preisen mußten, Herrn Elliot, den Leibarzt des Königs, an Bord zu haben, der Zeugnis von uns ablegen konnte.

Wir lagen die Nacht in vollständiger Windstille. Wir erfuhren am Morgen des 23., daß der König von Karakakoa nordwärts, uns näher, nach Tiutatua am Fuße des Wororai gekommen sei, sich aber daselbst nicht lange aufhalten werde. Herr Elliot ließ ihm Botschaft von uns und sich selber ansagen und den Wunsch des Kapitäns andeuten, Seine Majestät zu Tiutatua nicht zu verfehlen.

Wir kamen sehr langsam vorwärts. Am Abend ward ein Delphin harpuniert. Während der Nacht frischte der Wind; am Morgen des 24. waren wir vor Tiutatua. Das amerikanische Schiff fuhr eben unter allen Segeln in die Bucht. Der Kapitän ließ das kleine Boot aussetzen, worin er Herrn Elliot mit mir, Eschscholtz und Choris an das Land schickte. Wir begegneten einem Europäer, der in seinem Kanot fuhr; er trat in unser Boot über und geleitete uns.

Dazu KI Gemini (leicht gekürzt): "In Tiutatua kommt es zu einem entscheidenden und kulturhistorisch faszinierenden Zusammentreffen: Der legendäre König Tameiameia (Kamehameha I.), der die hawaiischen Inseln vereint hatte, hält sich zu diesem Zeitpunkt genau in dieser Bucht auf. Chamisso beschreibt den Herrscher voller Respekt und ohne koloniale Arroganz als klugen, staatsmännischen Mann, der im einfachen Strohhaus residiert und europäische Kleidung nur zu offiziellen Anlässen trägt. Dank der Vermittlung eines englischen Arztes an Bord gelingt es der Expedition, die friedlichen, rein wissenschaftlichen Absichten der Rurik zu beweisen. Kamehameha sichert ihnen daraufhin Schutz und Proviant zu. Chamisso nutzt den Aufenthalt in Tiutatua für detaillierte ethnologische Beobachtungen. Er beschreibt den dortigen Tempelbezirk [...] das strikte Tabu-System (Tabu) sowie die Bräuche und die Gastfreundschaft der indigenen Bevölkerung.

Chamisso Kapitel 13:

"Der Tisch war für uns in einem Hause, das im Umfang des königlichen Morai lag, auf europäische Weise gedeckt. Der König geleitete uns dahin mit seinen Häuptlingen, doch nahm weder er noch einer von ihnen Anteil an dem Mahle, das wir allein verzehrten. Unsere Matrosen wurden nach uns auf gleiche Weise bewirtet. Wir erfuhren später, daß mit diesem uns gereichten Mahle ein religiöser Sinn verbunden gewesen. Die wir als Feinde angekündigt, als Freunde gekommen waren, aßen ein geweihtes Schwein an geweihter Stelle in dem Morai des Königs.

Nach uns speiste Tameiameia in seinem Hause allein, wobei wir ihm zuschauten, wie er uns selber zugeschaut hatte. Er aß nach altertümlicher Sitte. Gesottene Fische und ein gebackener Vogel waren die Gerichte, Bananenblätter die Schüssel, und der beliebte Tarobrei vertrat die Stelle des Brotes. – Die Diener brachten die Speisen kriechend herbei, die ein Vornehmerer ihm vorsetzte. Herr von Kotzebue spricht von der sonderbaren Tracht der Höflinge Tameiameias, die alle schwarze Fracks auf dem bloßen Leib getragen. Ich kann mich nur erinnern, ein einziges Mal auf den Sandwich-Inseln dieses Kostüm gesehen zu haben, welches keineswegs so allgemein war und auch dem Auge des Künstlers nicht aufgefallen ist. Vergleiche Choris: »Voyage pittoresque«.

Tameiameia behielt Herrn Elliot um sich, von dem nach O-Wahu begleitet zu werden uns wohl erwünscht gewesen wäre. Er gab uns als Geleitsmann und Überbringer seiner Befehle in unserm Betreff einen Edeln geringeren Ranges mit, der seines völligen Vertrauens genoß. Er ließ diesen Mann, namens Manuja, von zehn Meilen herkommen, weshalb er auch spät eintraf Der »Rurik« war unter Segel geblieben. Wir hatten bereits Signalschüsse abgefeuert, Raketen abgebrannt und Laternen aufgezogen, als Herr Cook unsern Schutzmann abends um acht Uhr an Bord brachte.

Wir nahmen mit einem schwachen Landwind unsern Kurs nach O-Wahu. Die aufgehende Sonne fand uns am 25. in Ansicht von O-Waihi und Mauwi. Der Wind hatte uns verlassen. Es war ein schöner Morgen. Größe, Ruhe und Klarheit. Luft und Meer klar und ruhig; rein und wolkenlos die groß und ruhig gezeichneten Höhen beider Inseln. Herr von Kotzebue benutzte den Moment, die Höhen der Berge beider Inseln zu messen.

Zu Nacht erhob sich der Wind; wir hatten den Passat wiedergewonnen. Wir sahen die Feuer der Insel Tauroa brennen. Wir segelten am 26. schnell längs der Inselkette und südlich von derselben vorwärts. Ein paar Walfische (Physeter) spritzten nicht fern von uns ihre Wasserstrahlen. Manuja lag seekrank auf dem Verdecke, und sein Dienstmann war kaum imstande, ihm Hülfe zu leisten. Auch Manuja hatte die Kerne der Äpfel, die er bei uns gegessen, sorgfältig gesammelt und verwahrt. Wir lavierten die Nacht in Ansicht der Insel O-Wahu.[Insel, auf der die heiutige Hauptstadt Honolulu liegt.]


Adelbert Chamissos "Reise um die Welt"

 Adelbert von Chamissos berühmter Reisebericht „Reise um die Welt in den Jahren 1815–1818“ (veröffentlicht im Jahr 1836) ist das Ergebnis seiner Teilnahme an der russischen Rurik-Expedition unter der Leitung von Otto von Kotzebue.

Wikipedia: "Die russische Rurik-Expedition (veraltet Rurick-Expedition) war eine Weltumsegelung, die vom 30. Juli 1815 bis zum 3. August 1818 unter dem Kommando von Otto von Kotzebue stattfand und zur Entdeckung und Erkundung der Nordwestpassage dienen sollte. Die Expedition des Kriegsschiffes Rurik (russisch Рюрик) wurde durch den russischen Grafen Nikolai Petrowitsch Rumjanzew (russisch Никола́й Румянцев) ausgerüstet und finanziert. Sie fand mit wohlwollender Unterstützung des Zaren Alexander I. statt. Aufgrund widriger Wetterbedingungen erreichte sie ihr Ziel jedoch nicht und kehrte früher als geplant zurück. Die historische Bedeutung der Expedition liegt in den zahlreichen Neuentdeckungen entlang der gesamten Route sowie den menschlichen und kulturellen Erfahrungen, welche die Besatzung von dieser dreijährigen Reise mitbrachte.

Die Teilnehmer:

Neben den drei Untersteuerleuten Chramtschenko, Petrow und Koniew, zwei Unteroffizieren, einem Koch und 20 Matrosen nahmen folgende Personen an der Expedition teil:

Im Laufe der Reise gingen zeitweise folgende Personen an Bord:

  • 17. August 1815: Lotse für die Fahrt im Kanal und nach Plymouth.
  • 1. Oktober 1816: zwei russische Matrosen sowie ein Passagier: Elliot de Castro, Leibarzt des Königs von Hawaii (von San Francisco bis Hawaii)
  • 23. Februar 1817: der Südseeinsulaner Kadu (während der gesamten Sommerkampagne 1817)
  • 27. Mai 1817: zwei Dolmetscher für die Dialekte der nördlicheren Küstenvölker
  • August 1817: vier Aleuten zur Verstärkung der Mannschaft


KI Gemini: "Chamisso trennte das persönliche Erleben strikt von den rein wissenschaftlichen Daten. Das Buch besteht daher aus zwei grundverschiedenen Hauptteilen:

Erster Teil: Tagebuch (Das eigentliche Reisemärchen)

Der erste Teil ist chronologisch aufgebaut und liest sich wie ein klassisches, lebendiges Reisetagebuch. Chamisso beschreibt hier im Plauderton seine persönlichen Erlebnisse, die Natur, Begegnungen mit fremden Kulturen (besonders eindringlich in Polynesien und Mikronesien) sowie die teils zermürbenden Spannungen an Bord des engen Schiffes.

  • Die Gliederung folgt strikt den Stationen der dreijährigen Route:

    • Abfahrt in Europa (Kopenhagen, Plymouth) --> Atlantiküberquerung (Teneriffa, Brasilien) --> Umrundung von Kap Hoorn nach Chile --> Weiterfahrt über den Pazifik (Osterinsel, Marshallinseln) nach Kamtschatka und in die Beringstraße.

    • Nach dem gescheiterten Versuch, die Nordostpassage zu finden, folgt der Rückweg über Kalifornien (San Francisco), Hawaii (Sandwich-Inseln), die Philippinen (Manila), Kapstadt und zurück nach St. Petersburg.

Zweiter Teil: Bemerkungen und Ansichten

Dieser Teil ist thematisch und systematisch geordnet. Hier zeigt sich Chamisso als exakter, analytischer Wissenschaftler. Er bündelt die Ergebnisse seiner jahrelangen Forschungen in verschiedenen Fachdisziplinen:

  • Ethnographie und Linguistik: Vorurteilsfreie und detaillierte Beschreibungen der Sitten, Religionen und Sprachen der Inselbewohner (Pionierarbeit im pazifischen Raum).

  • Botanik und Zoologie: Systematische Katalogisierung der rund 2.500 gesammelten Pflanzenarten (davon etwa 800 Neuentdeckungen) sowie Tierbeobachtungen (wie dem Generationswechsel bei Salpen).

  • Geologie: Wissenschaftliche Abhandlungen, unter anderem eine bahnbrechende Theorie zur Entstehung von Korallenatollen.

2. Die textuelle Organisation und Quellen

Da Chamisso auf dem schwankenden und militärisch straff geführten Schiff oft keinen Platz oder keine Ruhe hatte, um ein lückenloses Journal zu führen, organisierte er den Text im Nachhinein aus drei Quellen:

  1. Seinen tatsächlichen, unvollständigen Bordnotizen.

  2. Den ausführlichen Briefen, die er von den verschiedenen Häfen aus an seinen engen Freund Eduard Hitzig nach Berlin geschickt hatte.

  3. Seinen Beiträgen zum offiziellen russischen Expeditionsbericht, die er für den zweiten Teil umschrieb und ergänzte.

Das Besondere an der Organisation: Chamisso stellt dem eigentlichen Reisebericht eine persönliche Einleitung voran, in der er beschreibt, wie er überhaupt als „Titulargelehrter“ (Zivilist ohne echten Rang) auf das russische Kriegsschiff kam. Dadurch bekommt das Werk einen stark autobiografischen Rahmen: Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich in Europa oft heimatlos fühlte und auf den Weiten des Ozeans seine Bestimmung fand.