03 Februar 2026

Weiter Ausschnitte aus Copperfield (ohne präzise Angaben)

 53. Kapitel

Ich muß wieder eine Pause machen. In dem Gedränge der Gestalten in meiner Erinnerung steht ruhig und still mein kindisches Frauchen und sagt in ihrer lieblichen unschuldsvollen Schönheit: »Bleib stehen und denk an mich! – Sieh herab auf die kleine Blüte, wie sie zu Boden flattert.« Alles andere verblaßt und verschwindet. Ich bin wieder mit Dora in unserm Landhäuschen. Ich weiß nicht, wie lange sie krank gewesen ist. Ich bin so daran gewöhnt, daß ich die Tage nicht mehr zählen kann.

Yellow highlight | Location: 3,163

Ich setze mich ans Feuer und denke mit Reue an alle jene heimlichen Gefühle, die ich während meiner Ehe empfunden habe. Ich denke an jede Kleinigkeit, die zwischen mir und Dora vorgefallen ist, und fühle die Wahrheit, daß Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen. Und immer steigt aus dem Meer meiner Erinnerungen das Bild des lieblichen Kindes auf, wie ich sie zuerst kennen lernte; verschönt durch unsere jugendliche Liebe, – mit all den Reizen geschmückt, an denen eine solche Liebe so reich ist. Würde es in der Tat nicht besser gewesen sein, wenn wir wie Kinder einander geliebt und wieder vergessen hätten? Wie die Zeit dahin geht, weiß ich nicht, bis mich der alte Gefährte meines kindischen Frauchens aus meinen Gedanken aufschreckt. Ruheloser noch als vorhin kriecht er aus seiner Hütte heraus und schleppt sich nach der Tür und winselt und will hinaufgelassen werden. »Heute Nacht nicht, Jip. Heute nicht.« Er schleicht langsam zu mir zurück, leckt mir die Hand und sieht mich mit seinen glanzlosen Augen an. »O Jip! Vielleicht nie, nie wieder.«

Yellow highlight | Location: 3,171

Er legt sich zu meinen Füßen nieder, streckt sich aus wie zum Schlafen und ist mit einem Winseln – tot. »Ach Agnes! Sieh, sieh hier!« Und ihr Gesicht! So voll Mitleid und Gram, von Tränen überströmt, der stumme schreckliche Blick und die feierlich nach oben deutende Hand! »Agnes?« »Es ist vorbei!« Es wird Nacht vor meinen Augen, und für eine Zeitlang ist alles aus meinem Gedächtnis ausgelöscht.   

Vierzehntes Kapitel 

Ich will nicht auf die Schilderung meines Gemütszustandes während der Last meines Kummers eingehen.

Yellow highlight | Location: 3,183

Wann zuerst der Vorschlag auftauchte, ich sollte Wiederherstellung meines Seelenfriedens in Ortsveränderung und Abwechslung suchen oder eine große Reise machen, weiß ich nicht mehr genau. Agnes Geist durchdrang so sehr alles, was wir dachten, sagten, taten, in jener Zeit des Kummers, daß ich wohl recht haben werde, wenn ich den Plan ihrem Einflusse zuschreibe.

Yellow highlight | Location: 3,202

möchte Solawechsel mit achtzehn, vierundzwanzig und dreißig Monaten Ziel vorschlagen. Meine ursprüngliche Proposition war zwölf, achtzehn und vierundzwanzig Monate Ziel, aber ich bin nicht ohne Besorgnis, ob ein solches Arrangement genügend Zeit gibt, bis zum Augenblick, wo – sich etwas findet. Es wäre wohl möglich,« sagte Mr. Micawber mit einem Blick, als habe er einige hundert Äcker trefflich angebauten Landes um sich, »daß zur Verfallzeit des ersten Papieres die Ernte noch nicht gut ausgefallen oder unter Dach und Fach ist. Wenn ich nicht irre, sind Arbeiter in dem Teil unserer Kolonien, den das Geschick uns vorschreibt, dem üppigen Boden die Frucht zu entwinden, manchmal schwierig zu erlangen.« »Richten Sie es sich ganz ein, wie Sie wollen, Sir,« sagte meine Tante. »Maam! Mrs. Micawber und ich empfinden aufs tiefste die außerordentliche Güte unserer Freunde und Gönner. Ich wünsche vor allen Dingen als Geschäftsmann hinsichtlich Pünktlichkeit makellos dazustehen. Da wir jetzt ein ganz neues Blatt im Leben umzuwenden im Begriffe stehen und zurückgetreten sind, um einen Anlauf von nicht unbedeutender Länge zu nehmen, so gebieten mir das Gefühl der Selbstachtung und außerdem das Bestreben, meinem Sohne ein Beispiel zu geben, daß dieses Arrangement getroffen werde, wie es Männern geziemt.«

Yellow highlight | Location: 3,259

»Lieber Copperfield,« begann Traddles, als sie fort waren, und lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah mich mit einem Mitgefühl an, das seine Augenlider rötete und sein Haar nach allen Richtungen zu Berge stehen machte, »ich entschuldige mich nicht bei dir, wenn ich dir mit Geschäftsangelegenheiten komme, da ich weiß, wie sehr die Sache zu deiner Zerstreuung dienen wird. Lieber Freund, ich hoffe, du bist nicht zu abgespannt?« »Nein,« sagte ich nach einer Pause. »Wir haben mehr Ursache, an meine Tante zu denken als an jeden andern. Du weißt, wieviel sie getan hat.« »Gewiß, gewiß! Wer könnte das vergessen.« »Aber das ist noch nicht alles. Während der letzten vierzehn Tage hat irgendein neuer Kummer sie heimgesucht, und täglich war sie in London und manchmal ging sie sehr früh aus und kam erst abends wieder. Gestern, Traddles, kam sie trotz der bevorstehenden Reise hierher erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Du weißt, wieviel Rücksichten sie immer auf andere nimmt. Sie will mir die Ursache ihres Kummers nicht sagen.«

Yellow highlight | Location: 3,285

»Nachdem wir die vorhandenen Kapitalien und eine Unmasse unabsichtlicher Verwirrungen und ebensoviel absichtlicher Irrtümer und Verfälschungen in Ordnung gebracht haben, können wir als ausgemacht annehmen, daß Mr. Wickfield sein Geschäft ohne Defizit zu liquidieren imstande ist.« »Gott sei gepriesen!« rief Agnes voll Innigkeit aus. »Aber,« fuhr Traddles fort, »der zu seinem Lebensunterhalt unentbehrliche Überschuß, selbst den Erlös aus dem Hausbesitz mit eingerechnet, wäre so unbedeutend, wahrscheinlich kaum ein paar hundert Pfund, daß man bedenken muß, Miß Wickfield, ob er nicht lieber die Verwaltung der Grundstücke, die er so lange inne hatte, behalten sollte. Seine Freunde könnten ihm jetzt, wo er frei ist, mit Rat zur Seite stehen. Sie selbst, Miß Wickfield, – Copperfield, – ich –« »Ich habe es mir überlegt, Trotwood,« sagte Agnes und sah mich an, »und fühle, daß es besser nicht sein sollte, ja, nicht sein darf, selbst nicht auf die Empfehlung eines Freundes hin, dem ich soviel verdanke.« »Ich will nicht sagen, daß ich es empfehle,« bemerkte Traddles. »Ich hielt es nur für meine Pflicht, es zu erwähnen. Weiter nichts.«

Yellow highlight | Location: 3,336

Aber ich glaube, du würdest finden, Copperfield, wenn du Gelegenheit hättest seinen Lebenslauf zu verfolgen, daß diesen Menschen Geld nicht vor Mißgeschick schützen wird. Er ist ein so eingefleischter Heuchler, daß er alles, was er verfolgt, auf krummen Wegen verfolgen muß. Das ist sein Lohn für den Zwang, den er sich auferlegt. Da er immer auf dem Boden kriecht, wenn er das eine oder andere kleine Ziel verfolgt, so muß ihm unterwegs alles vergrößert erscheinen, und er wird daher jeden hassen und im Verdacht haben, der in der unschuldigsten Weise zwischen ihn und sein Ziel tritt. So werden notwendigerweise seine Wege immer krummer und krummer werden beim geringsten Anlaß.« »Er ist ein Ungeheuer an Niederträchtigkeit,« bemerkte meine Tante. »Das weiß ich nicht so genau,« meinte Traddles gedankenvoll. »Viele Leute können sehr niederträchtig sein, wenn sie sich solchen Angewohnheiten einmal hingegeben haben.«

Yellow highlight | Location: 3,758

Siebzehntes Kapitel 

Noch eins blieb mir zu tun. Ich mußte das Geschehene den Abreisenden verheimlichen und sie in glücklicher Unwissenheit scheiden lassen. Es galt keine Zeit zu verlieren. Ich nahm Mr. Micawber noch am selben Abend beiseite und betraute ihn mit dem Auftrag, von Mr. Peggotty jede Nachricht von dem neuen Unglück fern zu halten. Er übernahm das Amt mit großem Eifer und versprach jede Zeitung zu beseitigen, die unsere Maßnahme hätte vereiteln können. »Wenn er eine in die Hand bekommt, Sir,« sagte Mr. Micawber und schlug sich auf die Brust, »so muß sie erst durch diesen Leib gehen.«

Yellow highlight | Location: 4,182

Mrs. Traddles, aus deren gemütvollen Augen eitel Freude und stille Ruhe strahlten, bereitete den Tee und röstete dann ruhevoll in ihrer Ecke am Feuer den Toast. Sie hätte Agnes besucht, erzählte sie mir dabei. Tom und sie hätten eine Hochzeitsreise nach Kent gemacht und bei dieser Gelegenheit auch meine Tante besucht, die sich, wie auch Agnes, wohl befände, und sie hätten von nichts als von mir gesprochen. Tom hätte überhaupt an nichts anderes als an mich gedacht während meiner ganzen Abwesenheit. Tom war die Autorität für alles. Tom war offenbar der Abgott ihres Lebens, der durch nichts von seinem Throne gestürzt werden konnte;

Yellow highlight | Location: 4,187

Die Ehrerbietung, die sowohl sie wie Traddles vor der »Schönheit« an den Tag legten, machte mir viel Spaß. Es kam mir zwar nicht sehr verständig vor, aber erfreulich, und paßte sehr gut zu ihnen. Gewisse Anzeichen von Launenhaftigkeit, die ich an der »Schönheit« bemerkte, betrachteten er und seine Gattin offenbar als ein angestammtes Recht und eine Gabe der Natur. Wären sie selbst als Arbeiterbienen geboren worden und die »Schönheit« als Bienenkönigin, so hätten sie nicht zufriedener sein können. Und diese Selbstlosigkeit freute mich an ihnen. Ihr Stolz auf die Mädchen und ihre Nachgiebigkeit allen ihren Launen gegenüber waren das hübscheste Zeugnis ihres eignen Wertes, das man sich nur wünschen konnte. Wenigstens zwölfmal in jeder Stunde wurde der »gute, liebste Traddles« von einer oder der andern seiner Schwägerinnen gebeten, das oder jenes zu reichen, wegzustellen oder aufzuheben, etwas zu holen oder zu suchen. Ebensowenig konnte etwas ohne Sophie geschehen. Der einen fiel der Zopf herunter, und bloß Sophie konnte ihn wieder aufstecken. Die eine konnte sich nicht auf eine bestimmte Melodie erinnern, und nur Sophie konnte sie richtig summen.

Yellow highlight | Location: 4,197

Sie waren vollständig Herrinnen im Hause, und Sophie und Traddles warteten ihnen auf. Wieviel Kinder Sophie auf einmal hätte unter ihre Obhut nehmen können, kann ich mir nicht vorstellen, aber sie schien jedes Lied zu kennen, das einem Kinde in englischer Sprache je vorgesungen worden war, und sie sang auf Wunsch Dutzende hintereinander mit der hellsten, lieblichsten Stimme der Welt – jede Schwester bestellte ein anderes, und die »Schönheit« kam meistens zuletzt –, so daß ich ganz entzückt war.

Yellow highlight | Location: 4,204

Der Gedanke an diese Mädchen aus Devonshire, mitten unter den vertrockneten Federfuchsern und Advokatenbureaus, an die Kinderlieder in der gestrengen Atmosphäre von Radierpulver und Pergament, rotem Band, staubigen Oblaten, Tintenkrügen, Aktenpapier und Gerichtsschreiben, erschien mir so märchenhaft, als ob die berühmte Familie des Sultans von Tausendundeiner Nacht samt dem singenden Baum, dem redenden Vogel und dem goldnen Wasser mit nach Grays Inn übergesiedelt wäre.

Yellow highlight | Location: 4,352

ich kam in die stillen Straßen, wo jeder Stein ein Kinderbuch für mich war.

Yellow highlight | Location: 4,372

Sie war so schön, so gut, so offen, – ich schuldete ihr so viel Dank, daß ich keine Worte für meine Empfindungen zu finden vermochte. Ich versuchte ihr zu sagen und zu danken, wie schon so oft in meinen Briefen, welchen Einfluß sie auf mich gehabt habe; aber vergebens. Meine Liebe und meine Freude waren stumm. Mit der ihr eignen lieblichen Ruhe besänftigte sie meine Aufregung, führte mich zurück zu der Zeit unseres Abschieds, erzählte mir von Emly, die sie vor der Auswanderung im geheimen viele Male besucht hatte, sprach mit zartsinnigem Mitleid von Doras Grab. Mit dem niemals irrenden Instinkt ihres Herzens berührte sie die Saiten in meiner Erinnerung so sanft und harmonisch, daß auch nicht eine einzige verstimmt erklang. Ich konnte der trauervollen fernen Musik zuhören, ohne Schmerz zu empfinden. Wie hätte es auch anders sein können, wo alles von ihr, dem guten Engel meines Lebens, durchdrungen war. »Und du, Agnes?« fragte ich endlich, »erzähl mir von dir! Du hast mir noch kein Wort gesagt, wie es dir die ganze Zeit über ergangen ist.« »Was soll ich dir erzählen!« gab sie mit ihrem strahlenden Lächeln zur Antwort. »Papa ist wohl. Du findest uns hier still und friedlich in unserm eignen Hause; unsere Sorgen sind zu Ende, unsere alte Umgebung ist wieder, wie sie war, und wenn du das weißt, lieber Trotwood, dann weißt du alles.«

Yellow highlight | Location: 4,383

»Weiter nichts, Schwester?« Das Rot in ihren Wangen, das einen Augenblick verschwunden war, kehrte zurück und schwand wieder. Sie lächelte stilltraurig, wie mir schien, und schüttelte den Kopf. Ich hatte sie auf das bringen wollen, was meine Tante angedeutet; so tief schmerzlich es auch für mich sein mußte, das Geheimnis zu erfahren, so mußte ich doch mein Herz bezwingen und meine Pflicht gegen sie erfüllen. Doch als ich sah, daß sie unruhig wurde, gab ich es auf. »Du bist sehr beschäftigt, liebe Agnes?« »Mit meiner Schule?« fragte sie und blickte mich wieder mit ihrer alten heiteren Fassung an. »Ja. Es ist eine anstrengende Arbeit, nicht wahr?« »Die Arbeit ist so angenehm, daß es fast undankbar ist, sie eine solche zu nennen.« »Nichts Gutes ist schwer für dich,« sagte ich. Abermals wechselte sie die Farbe, und wieder sah ich dasselbe trübe Lächeln, als sie den Kopf neigte. »Du bleibst jetzt doch hier und wartest auf Papa?« fragte sie heiter, »und wirst den ganzen Tag mit uns verleben; vielleicht in deinem alten Zimmer schlafen. Wir nennen es immer noch dein Zimmer.«

Yellow highlight | Location: 4,393

mit Freuden wollte ich den Tag über da bleiben. »Ich habe noch eine kleine Weile zu tun,« sagte sie, »aber hier sind die alten Bücher, Trotwood, und die alten Musikalien.« »Selbst dieselben Blumen sind noch da, wenn auch nicht die alten.« »Ich habe während deiner Abwesenheit ein Vergnügen darin gefunden,« gab Agnes lächelnd zur Antwort, »alles so zu erhalten wie in unserer Kinderzeit. Damals waren wir sehr glücklich, nicht wahr?« »Das weiß Gott.« »Und jede Kleinigkeit, die mich an meinen Bruder erinnerte,« und ihre herzlichen Augen ruhten fröhlich auf mir, »war mir ein willkommener Gefährte. Selbst dieses,« – sie zeigte auf das Schlüsselkörbchen an ihrer Seite, – »scheint mir eine Art vertraute Melodie zu klimpern.« Sie lächelte wieder und verließ durch die kleine Tür das Zimmer. Ich empfand es als Pflicht, ihre schwesterliche Liebe mit frommer Sorgfalt zu hüten. Sie war alles, was mir noch blieb, und ein Schatz. Wenn ich ihr ein einziges Mal die… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits.

Yellow highlight | Location: 4,416

»Aber niemand weiß, wieviel sie getan, wieviel sie gelitten, wie sehr sie gekämpft hat. Gute Agnes!« Sie legte bittend die Hand auf seinen Arm, damit er schweige, und war ganz blaß geworden. »Nun, sei es,« sagte er mit einem Seufzer und, wie ich wohl merkte, über etwas hinweggehend, was mit dem von meiner Tante Geäußerten in Verbindung stehen mußte. »Ich habe wohl noch nie etwas von ihrer Mutter erzählt?« »Niemals, Mr. Wickfield.« »Es ist nicht viel zu erzählen, – obgleich sie viel zu leiden hatte; sie heiratete mich gegen ihres Vaters Willen, und er verstieß sie. Sie bat ihn ihr zu verzeihen, ehe Agnes auf die Welt kam. Er war ein sehr harter Mann, und ihre Mutter lag schon lange im Grabe. Er wies sie zurück. Er brach ihr das Herz.« Agnes lehnte den Kopf an ihres Vaters Schulter und schlang sanft den Arm um seinen Hals. »Sie hatte ein liebevolles und weiches Herz,« fuhr er fort, »und es brach. Ich wußte wohl, wie zart es war. Niemand konnte es so gut wissen wie ich. Sie liebte mich innig, fühlte sich aber nie ganz glücklich. Sie litt immer im geheimen unter diesem Kummer, und da sie zart war und schwermütig zur Zeit dieser letzten Abweisung – denn es war nicht das erste Mal –, siechte sie hin und starb. Sie hinterließ mir Agnes, zwei Wochen alt, und graues Haar – –.« Er küßte Agnes auf die Wange.

Yellow highlight | Location: 4,433

»Beabsichtigst du England wieder zu verlassen?« fragte sie mich, als ich dann neben ihr stand. »Was meinst du darüber?« »Ich hoffe nicht.« »Dann beabsichtige ich es auch nicht, Agnes.« »Ich denke, du solltest es nicht tun, wenn du mich schon frägst,« sagte sie sanft. »Dein wachsender Ruf erschließt dir die Möglichkeit Gutes zu wirken, und wenn ich auch meinen Bruder entbehren könnte,« – ihre Augen ruhten still auf mir – »so könnte es vielleicht unsere jetzige Zeit nicht.« »Nur du hast mich zu dem gemacht, was ich bin, Agnes. Das weißt du am besten.« »Ich dich dazu gemacht, Trotwood?« »Ja, meine liebe Agnes!« sagte ich und beugte mich über sie. »Als wir heute beisammen saßen, versuchte ich, dir etwas zu sagen, was mir im Kopf herumging seit Doras Tod. Weißt du noch, als du zu mir in unser kleines Zimmer tratest, wie du aufwärts wiesest, Agnes?«

Yellow highlight | Location: 4,442

»So, wie du damals vor mir standest, Schwester, habe ich deiner oft gedenken müssen. Du zeigtest mir immer nach oben, Agnes, und führtest mich zu immer Besserem und Höherem.« Sie, schüttelte nur den Kopf; durch ihre Tränen sah ich wieder das alte trübe Lächeln. »Und ich bin dir so dankbar dafür, Agnes, daß ich keinen Ausdruck dafür finde. Wenn ich es dir auch nicht sagen kann, wie ich möchte, so will ich, daß du weißt, wie ich mein ganzes Leben lang zu dir aufblicken und mich von dir leiten lassen möchte, wie damals durch die Dunkelheit, die jetzt vorüber ist. Was auch geschehen mag, welche neue Bande du knüpfen wirst, welche Veränderungen zwischen uns treten mögen, immer werde ich zu dir aufblicken und dich lieben wie von jeher. Bis ich sterbe, meine liebe Schwester,

Yellow highlight | Location: 4,450

»Weißt du, Agnes, daß das, was ich eben von deinem Vater hörte, seltsamerweise ein Teil des Gefühls zu sein scheint, mit dem ich dich schon betrachtete, als ich dich das erste Mal sah und dann neben dir saß in meinen ungestümen Schuljahren?« »Du wußtest, daß ich keine Mutter hatte, und fühltest dich zu mir hingezogen.« »Mehr als das, Agnes. Ich wußte fast, als ob ich diese Geschichte gekannt hätte, daß etwas unerklärlich Mildes dich umgibt, etwas, was bei einer andern traurig gewirkt hätte, nur an dir nicht.« Sie spielte leise weiter und sah mich immer noch an dabei. »Du lächelst vielleicht darüber, daß ich solchen Phantasien nachhänge, Agnes?« »Nein.« »Oder wenn ich dir sage, daß ich damals schon fühlte, du werdest trotz aller Entmutigungen getreulich ausharren in deiner Liebe und nie damit aufhören bis zum Tod?« »O nein, o nein!« Einen Augenblick flog ein kummervoller Schatten über ihr Gesicht, aber noch während des Schreckens, den ich darüber empfand, war er bereits verschwunden.

Yellow highlight | Location: 4,464

Einundzwanzigstes Kapitel 

Eine Zeitlang wohnte ich bei meiner Tante in Dover und schrieb dort ungestört und eifrig an meinem Roman an demselben Fenster, von dem aus ich einst auf den Mondschein auf dem Meere draußen geblickt hatte, als dieses Haus mir das erste Mal Obdach gewährte.

Yellow highlight | Location: 4,532

An dem bestimmten Tag begaben wir uns nach dem Gefängnis, wo Mr. Creakle allmächtig war. Es war ein riesiges solides Gebäude, das unendlich viel Geld gekostet hatte. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, wieviel Geschrei wohl im Lande gewesen wäre, würde jemand vorgeschlagen haben, auch nur halb soviel zur Errichtung einer Industrieschule für die Jugend oder einer Stiftung für alte verdiente Bedürftige auszugeben. In einem Amtszimmer, das gerade so gut für das Erdgeschoß des Turms zu Babel gepaßt hätte, so fest war es, wurden wir unserm alten Schulmeister vorgestellt. Inmitten einer Gruppe von zwei oder drei geschäftseifrigen Beamten und einigen Gästen empfing mich Mr. Creakle wie ein Mann, der meinen Geist in früheren Zeiten gebildet und mich immer zärtlich geliebt hätte.

Yellow highlight | Location: 4,539

Er sah viel älter aus als damals, aber keineswegs angenehmer.

Yellow highlight | Location: 4,549

Als wir durch die prächtig gewölbten Gänge schritten, fragte ich Mr. Creakle und seine Freunde, worin denn eigentlich die Hauptvorzüge dieses alles überragenden »Systems« beständen. Die Vorzüge waren: vollständige Isolierung der Gefangenen, so daß keiner das geringste von den andern wüßte, und allmähliche Erziehung zu einem gesunden Gemütszustand, der schließlich zu aufrichtiger Reue führen sollte. Aber, als wir einzelne Zellen besichtigten und uns erklären ließen, wie die Gefangenen dem Gottesdienst beiwohnten, da kam es mir sehr wahrscheinlich vor, daß sie ziemlich viel voneinander wüßten und ein recht vollständiges System des Gedankenaustausches besäßen. Inzwischen ist das, glaube ich, nachgewiesen worden.

Yellow highlight | Location: 4,559

Ich hörte so oft einen Numero 27 als Mustergefangenen erwähnen, daß ich mein Urteil verschob, bis ich ihn zu Gesicht bekäme. Numero 28 sei ebenfalls ein besonders heller Stern, hieß es, aber er hatte das Unglück, daß sein Glanz durch Numero 27 verdunkelt wurde. Ich hörte soviel von Nummer 27, seinen frommen Ermahnungen an alle, die in seine Nähe kämen, und von den schönen Briefen, die er rastlos an seine Mutter, die er auf sehr schlechtem Wege zu glauben schien, schriebe, daß ich darauf brannte, ihn kennen zu lernen.

Yellow highlight | Location: 4,566

Um diesem Übelstande abzuhelfen und uns Gelegenheit zu geben, mit Numero 27 in seiner ganzen Reinheit sprechen zu können, ließ Mr. Creakle die Zelle aufsperren und den Gefangenen herauskommen. Wen anders erkannten Traddles und ich zu unserm größten Erstaunen in dem bekehrten Numero 27 als – Uriah Heep. Er bemerkte uns sofort und sagte schon beim Heraustreten mit seiner alten kriecherischen Verrenkung: »Wie geht es Ihnen, Mr. Copperfield und Ihnen, Mr. Traddles?« Die Erkennungsszene erregte die Verwunderung aller Anwesenden. Mir schien es, als seien alle tief ergriffen darüber, daß er nicht stolz war und uns beachtete. »Nun 27,« sagte Mr. Creakle mit schwermütiger Teilnahme, »wie befinden Sie sich zur Zeit?« »Ich bin sehr demütig, Sir.« »Das sind Sie immer, 27,« bestätigte Mr. Creakle. Ein Herr fragte angelegentlichst: »Befinden Sie sich wirklich recht wohl hier?« »Ja, ich danke Ihnen, Sir,« gab Uriah Heep zur Antwort und blickte den Fragenden an. »Ich fühle mich hier viel wohler als jemals draußen. Ich erkenne jetzt meine Fehler, Sir, und das ist so tröstlich.« Viele der Herrn waren tief ergriffen, einer drängte sich vor und forschte gefühlvoll: »Wie finden Sie das Rindfleisch?« »Ich danke Ihnen, Sir! Es war gestern zäher als wünschenswert, aber es ist meine Pflicht, zu dulden. Ich habe Torheiten begangen, meine Herrn,« sagte Uriah und blickte mit demütigem Lächeln umher, »und muß jetzt die Folgen ohne Murren tragen.«

Yellow highlight | Location: 4,581

Damit auf uns Laien ein Übermaß von Licht herabstrahle, wurde auch 28 herausgelassen. Ich war schon so erstaunt, daß ich es nur noch zu einer Art resignierter Verwunderung bringen konnte, als Mr. Littimer heraustrat, in der Hand ein gutes Buch. »28,« sagte ein Herr mit Brillen, »Sie klagten vorige Woche über den Kakao, mein Bester. Wie ist er seitdem gewesen?« »Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Mr. Littimer. »Er war besser zubereitet. Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, es zu erwähnen, Sir, so glaube ich nicht, daß die Milch, mit der er gekocht wird, ganz echt ist, aber ich weiß recht gut, Sir, daß man sie in London sehr verfälscht und daß dieser Artikel in reinem Zustand nur schwierig zu erlangen ist.«

Yellow highlight | Location: 4,592

»Haben Sie irgend etwas auf dem Herzen? Dann sprechen Sie es aus, 28.« »Sir,« sagte Mr. Littimer, ohne aufzublicken, »wenn mich meine Augen nicht täuschen, so ist ein Gentleman hier, der in meinem früheren Leben mit mir bekannt war. Es kann diesem Herrn vielleicht von Nutzen sein, wenn er erfährt, Sir, daß ich meine früheren Torheiten lediglich dem Umstand zuschreibe, daß ich ein gedankenloses Leben im Dienste junger Leute geführt habe und mich von ihnen zu Schwächen habe hinreißen lassen, denen zu widerstehen ich nicht stark genug war. Ich hoffe, der Gentleman wird das als Warnung annehmen und es mir nicht als Anmaßung auslegen. Es geschieht zu seinem Besten. Ich bin mir meiner früheren Torheit bewußt. Ich hoffe, er wird all die Schlechtigkeit und Sünde bereuen, an der er teilgenommen hat.«

Yellow highlight | Location: 4,619

»Sie sind also ganz verändert?« fragte Mr. Creakle. »Der Himmel weiß es, Sir,« rief der hoffnungsvolle Büßer. »Sie würden nicht rückfällig werden, wenn Sie hinauskämen?« fragte jemand. »O Gott im Himmel nein, Sir.« »Das ist hocherfreulich,« triumphierte Mr. Creakle. »Sie haben vorhin Mr. Copperfield angesprochen, 27. Wünschen Sie ihm noch etwas zu sagen?« »Sie kannten mich lange Zeit, bevor ich hierher kam und mich änderte, Mr. Copperfield,« sagte Uriah mit seinem allerniederträchtigsten Blick, dessen er fähig war. »Sie kannten mich, als ich demütig war unter denen, die da stolz sind, und sanft unter den Gewalttätigen. Sie selbst waren einmal gewalttätig gegen mich, Mr. Copperfield. Einmal schlugen Sie mich ins Gesicht. Sie wissen doch.« Allgemeines Mitleid. – Verschiedne unwillige Blicke richteten sich auf mich. »Aber ich verzeihe Ihnen, Mr. Copperfield. Ich vergebe Ihnen allen. Es würde mir schlecht anstehen, Groll im Herzen zu hegen. Ich vergebe Ihnen aus eignem Antrieb und hoffe, Sie werden in Zukunft Ihre Leidenschaften bezähmen. Ich hoffe, Mr. W. wird bereuen und Miß W. und die ganze sündhafte Rotte.

Yellow highlight | Location: 4,634

Es war ein charakteristischer Zug in dieser Besserungsanstalt, daß ich erst nach der Ursache der Gefängnisstrafe der beiden Verbrecher fragen mußte. Wie es schien, war das ein nebensächlicher Punkt, und ich wendete mich an einen der beiden Gefangenwärter, die, wie ich nach gewissen leisen Andeutungen in ihren Gesichtern merkte, sehr wohl wußten, wie sie mit den Sträflingen dran waren. »Wissen Sie vielleicht?« fragte ich, als wir den Gang entlang schritten, »aus welchem Verbrechen Numero 27s ›letzte Torheit‹ bestand?« Die Antwort war, es sei eine Banksache gewesen. »Ein Betrug gegen die Bank von England?« »Ja, Sir! Betrug, Fälschung, Komplott. Er und noch ein paar andere. Er war der Anstifter. Es war ein groß angelegter Plan, und es handelte sich um eine bedeutende Summe. Das Urteil lautet auf lebenslängliche Deportation. 27 war der schlauste Vogel von der ganzen Bande und log sich beinah heraus; aber nicht ganz. Die Bank war gerade noch imstande, ihn bei einem Fittich zu erwischen. – Aber nur mit knapper Not.«

Yellow highlight | Location: 4,661

Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Weihnachten kam heran, und ich war bereits über zwei Monate in England. Ich hatte Agnes oft gesehen. So laut mich auch die Stimme der Öffentlichkeit in der Schriftstellerei ermutigte und zu immer eifrigeren Anstrengungen anstachelte, das leiseste Wort ihres Lobes ging mir doch über alles. Wenigstens einmal in der Woche ritt ich nach Canterbury und brachte den Abend bei ihr zu. Meistens kehrte ich nachts zurück und war froh, mir körperliche Bewegung verschaffen zu können, denn das alte Leidgefühl überkam mich noch stärker, wenn ich lange mit Agnes beisammen gewesen war. Mit diesen Ritten verbrachte ich den längsten Teil manch trüber, trauriger Nacht, und die Gedanken, die mich während meines langen Aufenthalts im Auslande beschäftigt hatten, lebten dabei wieder in mir auf. Sie sprachen zu mir wie aus weiter Ferne, und ich hatte mich in mein Schicksal ergeben. Wenn ich Agnes meinen Roman vorlas, ihre aufmerksame Miene sah, sie zu Lächeln oder Tränen bewegte und ihre liebe Stimme so ernst sprechen hörte über die schemenhaften Ereignisse der phantastischen Welt, in der ich lebte, da dachte ich manchmal, welches Los mir hätte werden können. Ich wußte, ich hatte kein Recht zu murren, und mußte ruhig tragen, was ich mir selbst geschaffen. Aber ich liebte sie.

Yellow highlight | Location: 4,704

Ich fand Agnes allein. Die kleinen Mädchen waren nach Hause gereist, und sie saß am Kamin und las.

Yellow highlight | Location: 4,716

»Du hast ein Geheimnis,« sagte ich. »Laß es mich mit dir teilen, Agnes!« Sie schlug die Augen nieder und zitterte. »Es würde mir kaum entgangen sein,« sagte ich, »auch wenn ich es nicht gehört hätte – von andern Lippen als den deinen, Agnes, befremdlicherweise –, daß du jemand dein Herz geschenkt hast. Schließ mich nicht aus von dem, was dein Glück so nahe angeht! Wenn du mir so vertraust, wie ich weiß und wie du sagst, so laß mich dein Freund und Bruder in dieser Sache vor allen andern sein!« Mit einem flehentlichen, fast vorwurfsvollen Blick stand sie vom Fenster auf, eilte verwirrt in den Hintergrund des Zimmers, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus, daß es mir das Herz zerriß. Und doch erweckten diese Tränen etwas in mir wie leise Hoffnung. Ohne daß ich mir darüber klar werden konnte, warum, brachte ich sie mit jenem stillen, trüben Lächeln, das ich so gar nicht vergessen konnte, in Verbindung, und mehr Hoffnung als Besorgnis oder Schmerz durchbebte mich.

Yellow highlight | Location: 4,734

»Ich muß dir alles sagen, so darfst du mich nicht verlassen!« rief ich. »Um Himmels willen, Agnes, laß kein Mißverständnis zwischen uns treten nach so vielen Jahren. Ich muß offen sprechen. Wenn du noch einen Gedanken hast, daß ich jemand das Glück, das du ihm gibst, neiden, daß ich nicht einem andern, den du liebst, weichen und aus der Ferne Zeuge deines Glücks sein könnte, so vergiß diesen Gedanken, denn ich verdiene ihn nicht. Ich habe nicht umsonst Leid ertragen. Es ist nichts Selbstsüchtiges in dem, was ich für dich fühle.« Sie war jetzt ruhiger geworden. Nach einer kleinen Pause wandte sie mir ihr blasses Gesicht zu und sagte mit leiser deutlicher, wenn auch stockender Stimme: »Ich schulde es deiner reinen Freundschaft, Trotwood, in die ich nicht den geringsten Zweifel setze, – dir zu sagen, daß du dich irrst. Mehr kann ich nicht tun. Wenn ich manchmal im Lauf der Jahre Hilfe und Rat gebraucht habe, so sind sie mir immer zuteil geworden. Wenn ich manchmal unglücklich gewesen bin, so ist es vorübergegangen. Habe ich jemals eine Last auf dem Herzen gehabt, so ist sie leichter geworden. Wenn ich ein Geheimnis habe, so ist es – kein neues und ist nicht – was du vermutest. Ich kann es nicht offenbaren oder mit dir teilen. Es ist lange mein gewesen und muß mein bleiben.« »Agnes! Bleib! Einen Augenblick!« Sie wollte weggehen, aber ich hielt sie zurück. Ich legte meinen Arm um sie. »Im Lauf der Jahre?« – »Es ist kein neues?« Neue Gedanken und Hoffnungen stürmten mir durch die Seele, und alle Farben meines Lebens veränderten sich. »Liebste Agnes! Die ich dich so verehre und achte, – so innig liebe! Als ich heute hierherkam, glaubte ich, daß mir nichts dieses Bekenntnis entreißen würde. Ich glaubte, ich könnte es in meiner Brust verschlossen halten, bis wir alt sein würden. Aber Agnes, wenn ich wirklich noch zu einer Hoffnung berechtigt bin, dich jemals anders nennen zu dürfen als Schwester! ...« Sie weinte wieder, aber nicht mehr wie vorhin, und ich sah meine Hoffnungen heller werden.

Yellow highlight | Location: 4,750

ich glaube, mein achtlos blindes Herz hätte sich nie weg von dir verirrt. Aber du warst soviel besser als ich, mir so unentbehrlich in meinen knabenhaften Hoffnungen und Irrtümern, daß es mir zur zweiten Natur wurde, in allen Dingen dir zu vertrauen und meinen Halt an dir zu finden. Und so wurde die Liebe für jene Zeit in den Hintergrund gedrängt.« Sie weinte immer noch, aber nicht aus Schmerz, – sondern vor Freude.

31 Januar 2026

Karl Ove Knausgård: Rilke und ich

 https://www.zeit.de/2025/49/rainer-maria-rilke-lyriker-schriftsteller-inspiration/komplettansicht

"Mein ganzes Leben lang habe ich Rainer Maria Rilke gelesen, nie systematisch, immer sporadisch. Ich habe mir während der Lektüre Passagen und Sätze unterstrichen. Hier ein paar Beispiele: "Liebend stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten, wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern", "die herrlichen Überflüsse unseres Daseins, in Parken übergeschäumt", [...] 

Am Anfang meiner Lektüre standen nicht die Gedichte, sondern sein Roman. Als ich Rilke zum ersten Mal las, war ich Anfang zwanzig. Ich besitze das Exemplar der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge noch und sehe, dass ich fast jede Zeile unterstrichen habe. So gut gefiel mir das Buch. Damals, Ende der Achtziger- und bis zum Ende der Neunzigerjahre, wollte ich Schriftsteller werden. Das Problem war nur, dass ich nicht schreiben konnte, obwohl ich es wollte, und ich war so verzweifelt, dass ich überlegte, zu einem Hypnotiseur zu gehen. [...]

Dass es um eine Art Übertragung von einem Medium in ein anderes ging, aus dem inneren Leben zur Sprache auf dem Papier. So aber funktioniert das nicht. Im Schreiben entsteht etwas Neues, etwas, das vorher nicht da war, und es entsteht in der Begegnung zwischen dem Inneren und der Sprache, die etwas Neues erschafft, das wiederum dem Inneren und der Sprache begegnet, und so, in einer Kettenreaktion, wächst etwas völlig Neues heran. Als ich nicht schreiben konnte, schrieb ich, was ich bereits gedacht hatte, mein Denken und die Sprache des Denkens waren kongruent. Und ausgehend von dieser Voraussetzung erscheint das, was in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge geschieht, völlig unerreichbar. Wie war er nur auf Sätze gekommen wie diese: "Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, dass sie noch da sei. Ja, sie war noch da." [...]

Ich war mit meiner früheren Sprache eins gewesen, meine Identität hatte in ihr gelegen, doch als ich sie nun wechselte, entstand ein Abstand, und etwas, das nicht ich war, tauchte selbst in Sätzen auf, in denen ich "Ich" schrieb. Zwischen mir und der Sprache war ein Raum entstanden, und in diesem Raum entstanden Gedanken und Bilder, die ich nie zuvor gedacht oder gesehen hatte. Ich hatte sie geschrieben, besaß sie aber nicht, und erst da, als Schreiben das Gleiche geworden war wie Lesen, war ich ein Schriftsteller. Ein entscheidender Teil der Erfahrung bestand darin, dass ich beim Schreiben verschwand, so wie das Ich verschwindet, wenn man liest. In dem Jahr entstand ein 700 Seiten langer Roman. Und während ich ihn schrieb, lag auf meinem Schreibtisch Rilkes Roman zusammen mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für mich waren es die besten Romane, die jemals geschrieben worden waren, stilistisch waren sie unübertroffen, und wenn ich regelmäßig nach einem von ihnen griff und einige Sätze darin las, tat ich es, um zu prüfen, wie weit entfernt mein Niveau von ihrem war, aber auch aus dem Glauben heraus, dass dieses Niveau auf mich und mein Schreiben abfärben und es verbessern konnte.

[...]

Und hier sind wir am Kern des Problems: Wie soll ich Rilke und seine Literatur lokalisieren können, so wie sie in meinem Inneren existiert? Was geschieht eigentlich in unserem Inneren mit all dem, was wir gelesen haben? Etwas muss damit geschehen, nicht wahr – welchen Sinn hätte es, zu lesen, wenn nichts passiert, wenn es keine Konsequenzen hat, keine Spuren hinterlässt? Alles, was ich gelesen habe, ist offensichtlich ein Teil von mir; alles, was ich gedacht habe, basiert auf dem, was andere gedacht haben, oder ist identisch damit. Und es geht noch weiter, denn auch das, was wir sehen, sehen wir nicht selbst, ohne Hilfe. Ist es nicht so? Sehen wir die Welt nicht so, wie die Menschen vor uns die Welt gesehen haben? Sehen wir nicht mit den Augen der Toten? [...]"

Eugen Ruge: Metropol

 

Klappentext

Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. Es verbindet sie mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt: Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, wo Kommunisten aller Länder beschäftigt sind. Umso schwerer wiegt, dass unter den "Volksfeinden", denen gerade in Moskau der Prozess gemacht wird, einer ist, den Lotte besser kennt, als ihr lieb sein kann. "Metropol" folgt drei Menschen auf dem schmalen Grat zwischen Überzeugung und Wissen, Loyalität und Gehorsam, Verdächtigung und Verrat. Ungeheuerlich ist der politische Terror der 1930er Jahre, aber mehr noch: was Menschen zu glauben imstande sind. "Die wahrscheinlichen Details sind erfunden", schreibt Eugen Ruge, "die unwahrscheinlichsten aber sind wahr." Und die Frau mit dem Decknamen Lotte Germaine, die am Ende jenes Sommers im berühmten Hotel Metropol einem ungewissen Schicksal entgegensieht, war seine Großmutter.

Rezensionen

Zitat aus den Rezensionen:

"Dieser Roman trägt nach, was Eugen Ruge in seinem preisgekrönten Mehrgenerationenroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" aussparen musste, erklärt Rezensent Christoph Bartmann. Aus den Daten in der Kaderakte zu seiner Großmutter Charlotte, gemischt mit seiner Fantasie, hat Ruge ein fast schon "süffiges" Buch gemacht, vor allem weil er das Private so detailliert schildert, lobt der Kritiker. Das reale Moskauer Hotel Metropol mit den dorthin verfrachteten ehemaligen OMS-Mitarbeitern, zu denen auch Ruges Großeltern zählen, wird dabei zum Schauplatz für das Oszillieren des Paares "zwischen Lebenslust und Todesangst", denn vielleicht werden die beiden treu zu Stalin stehenden jeden Moment abgeholt - schließlich wurden sie denunziert und die Säuberungen machen schon lange nicht mehr vor den Treuen halt. [...]" (Süddeutsche Zeitung, 15.10.2019)

"[...] Gebannt folgt der Kritiker Ruges emigrierten Großeltern durch ihre Moskauer Jahre, erlebt aus drei Perspektiven den stalinistischen Terror, bangt mit dem Großelternpaar 477 Tage im Hotel Metropol, wo die beiden Mitarbeiter des OMS wegen Verstößen gegen die Parteilinie einsitzen und trifft in "somnambulen" Nächten nicht nur Lion Feuchtwanger, der nebenan übernachtet, sondern erinnert sich mit Ruges Helden auch an die "kommunistische Kampfzeit" in der Weimarer Republik. [...]" (Alexander Cammann, Die Zeit, 30.10.2019)

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

 Reich-Ranickis Autobiographie "Mein Leben" ist das wichtigste Werk des hochangesehenen Literaturkritikers.  Nachdem ich ihn als Literaturkritiker in der Wochenzeitung DIE ZEIT schätzen gelernt hatte, ging mir, als er berühmt wurde, seine Eitelkeit auf die Nerven. Doch die Passage, in der er über den Unterschied zwischen der Eitelkeit Canettis (Er wollte verehrt werden wie etwas Übermenschliches) und Adorno (Er wollte anerkannt sehen, dass er etwas Außerordentliches leistete, und gierte in nahezu kindlicher Weise nach Lob) schreibt, hat mich überzeugt, dass er mehr zu Adornos Eitelkeit neigte. Zuviel Elend und Todesangst hatte er erlebt, als dass er nicht auf eine Art Ausgleich hätte hoffen sollen. Er hatte lang genug darauf gewartet. 


"Włocławek

Marcel Reich wurde als drittes Kind des Fabrikbesitzers David Reich und dessen Frau Helene, geb. Auerbach, geboren. Er wuchs in einer assimilierten jüdischen deutsch-polnischen Mittelstandsfamilie auf. Seine älteren Geschwister waren Alexander Herbert Reich (1911–1943) und Gerda Reich (1907–2006). Die Mutter war in Deutschland aufgewachsen und kam sich in der polnischen Provinz Kujawiens verloren vor. Ihre große Sehnsucht war eine Rückkehr nach Berlin. Reich-Ranicki beschreibt sie als sehr liebevoll und zugleich „weltfremd“. Ihr Vater war der Rabbiner Menachem Mannheim Auerbach (1848–1937) aus Lezno (Lissa), der in Berlin-Wilmersdorf lebte, im Alter erblindet und von seinen Söhnen finanziell unterstützt.[1][2] Reich-Ranickis Vater besaß eine kleine Fabrik für Baumaterialien. Er war aber im Kaufmannsberuf unglücklich und „vollkommen ungeeignet“. 1929 musste der Vater Insolvenz anmelden. Marcel Reich durfte als einziger seiner Geschwister die deutsche Schule von Włocławek (Leslau) besuchen.

Berlin

Um ihm seine berufliche Zukunft nach dem geschäftlichen Ruin seines Vaters offenzuhalten, schickten ihn die Eltern zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin, darunter dem Patentanwalt Max Auerbach (1890–1943) und einem Zahnarzt. Ab 1929 lebte Marcel zunächst in Berlin-Charlottenburg, von 1934 bis 1938 mit seinen Eltern und Geschwistern im Bayerischen Viertel zwischen Berlin-Schöneberg und Berlin-Wilmersdorf, in der Wohnung des Großvaters mütterlicherseits, der 1937 starb:[1] Güntzelstraße 53,[3] im dritten Stock mit Balkon.[4] Dort besuchte er das Werner-Siemens-Realgymnasium, nach dessen Auflösung 1935 das Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf.

Gedenktafel Marcel Reich-Ranicki (Wohnhaus 1934 - 38)

Während seine Schulkameraden an Schulausflügen, Sportfesten und nationalsozialistischen Schulversammlungen teilnahmen, war er davon ausgeschlossen. Stattdessen vertiefte er sich in die Lektüre der deutschen Klassiker und besuchte Theater, Konzerte und Opern. Besonders die Aufführungen Wilhelm Furtwänglers und Gustaf Gründgens’ waren ihm Trost und Halt in einer zunehmend restriktiver werdenden Umwelt. Als ihm bekannt wurde, dass sich Thomas Mann von der NS-Herrschaft öffentlich distanziert hatte, wurde dieser nicht nur in literarischer, sondern auch in moralischer Hinsicht sein Vorbild. Trotz vieler nationalsozialistisch orientierter Lehrer galt am Fichte-Gymnasium noch einige Zeit das Gebot der Gleichbehandlung der jüdischen Schüler; so konnte er 1938 noch sein Abitur machen. Sein Antrag auf Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin wurde am 23. April 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung abgelehnt.

Warschau, Ghetto, Untergrund 

Ende Oktober 1938 wurde er nach kurzer Abschiebehaft in der „Polenaktion“ zusammen mit etwa 17.000 polnischen und staatenlosen jüdischen Menschen nach Polen ausgewiesen. Er fuhr mit der Bahn nach Warschau, wo er niemanden kannte. Er musste die polnische Sprache neu erlernen und blieb ein Jahr arbeitslos. Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg, der seine Arbeitssuche abrupt beendete. Seine spätere Frau Teofila (Tosia) Langnas (12. März 1920 – 29. April 2011) lernte er durch eine Tragödie kennen: Ihre Eltern wurden durch die deutsche Besatzungsmacht aus Łódź vertrieben und enteignet, woraufhin ihr Vater Paweł Langnas am 21. Januar 1940 in Warschau Suizid beging.[5] Reich-Ranickis Mutter, die im selben Haus wohnte, erfuhr von dem Unglück und schickte ihren Sohn dorthin, damit er sich um die Tochter kümmere.

Im November 1940 wurde auch Reich-Ranicki zur Umsiedlung ins Warschauer Ghetto gezwungen. Er arbeitete bei dem von der Besatzungsbehörde eingesetzten Ältestenrat („Judenrat“) als Übersetzer und schrieb unter dem Autoren-Pseudonym Wiktor Hart Konzertrezensionen in der zweimal wöchentlich erscheinenden Ghettozeitung Gazeta Żydowska (Polnisch für Jüdische Zeitung). Gleichzeitig war er Mitarbeiter im Ghetto-Untergrundarchiv des Emanuel Ringelblum. In dieser Zeit von Agonie und allgegenwärtigem Sterben machte er sich Überlebensmaßnahmen zu (später lebenslang beibehaltenen) Gewohnheiten; so pflegte er seitdem zum Beispiel, in Gaststätten immer mit Blickrichtung auf den Eingang zu sitzen oder durch eine zweite Rasur am Nachmittag die Gefahr negativen Auffallens zu verringern.

Am 22. Juli 1942 erschien SS-Sturmbannführer Hermann Höfle im Hauptgebäude des „Judenrats“, um die „Umsiedlung“ des Ghettos anzuordnen, die am selben Tag beginnen sollte. Zur Niederschrift der Bekanntgabe wurde Reich-Ranicki herangezogen. Von der Deportation – der Verbringung der Ghettobewohner ins Vernichtungslager Treblinka, wie sich herausstellen sollte – vorerst ausgenommen waren u. a. Beschäftigte des „Judenrats“ und ihre Ehefrauen. Zum Schutze seiner Lebensgefährtin Teofila Langnas arrangierte Reich-Ranicki daher die Eheschließung mit ihr noch am selben Tag durch einen im selben Haus beschäftigten Theologen, der berechtigt war, die Pflichten eines Rabbiners auszuüben.[6]

Der Deportation im Januar 1943 entkam das Ehepaar, indem es auf dem Weg zum Versammlungsplatz floh. Es lebte fortan versteckt. In dieser Zeit unterstützte Reich-Ranicki zusammen mit seiner Frau die Jüdische Kampforganisation (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa, kurz: ŻOB) bei der Beschaffung einer größeren Geldsumme aus der Kasse des „Judenrates“. Als Anerkennung bekamen sie einen kleinen Teil des Geldes; dieser sollte ihnen die Flucht aus dem Ghetto durch Bestechung der Grenzposten ermöglichen,[7] was am 3. Februar 1943 gelang. Sie fanden nach kurzen Zwischenverstecken für sechzehn Monate einen Unterschlupf bei der Familie des arbeitslosen Schriftsetzers Bolek Gawin und seiner Ehefrau Genia, wo sie bis September 1944 nach der deutschen Niederschlagung des Warschauer Aufstands und der Besetzung des rechten Weichselufers durch die Rote Armee ausharrten. Durch seine dramatische Nacherzählung von bedeutenden Romanen der deutschen und europäischen Literatur konnte sich Reich-Ranicki des unbeständigen, stets gefährdeten Mitleids seiner Helfer immer wieder aufs Neue versichern. Je besser er erzählte, desto höher waren auch seine Überlebenschancen. Das Um-sein-Leben-Erzählen[8] wurde auch von ihm selbst[9] als Scheherazade-Motiv bezeichnet. Den beiden Kindern der Familie Gawin halfen sie bei den Schularbeiten und den Eltern beim illegalen Herstellen von Zigaretten. Nach der Befreiung Polens von der NS-Herrschaft bat Gawin die beiden Überlebenden, nirgends zu erwähnen, dass sie mit seiner Hilfe die Besetzung Polens durch die Nazi-Truppen überlebt hatten, weil sich ihr Lebensretter wegen des in Polen verbreiteten Antisemitismus davor fürchtete, mit seiner Rettung von Juden ins Gerede zu kommen." (Wikipedia)

Nach der Befreiung:

"Wir sollten uns so schnell wie möglich von der Front entfernen und nach Lublin fahren. Dort sei belehrt er uns, das Zentrum, die provisorische Hauptstadt des befreiten Teils von Polen, dort würde man uns schon helfen. Fahren – womit denn? Er hielt einen offenen Militärlastwagen an und befahl dem Fahrer, uns mitzunehmen. Wir fragten schüchtern, wo man etwas zu essen bekommen können. Er gab uns je eine dicke Scheibe Brot – mit der Bemerkung: 'Mehr hat euch die große Sowjetunion im Augenblick nicht zu bieten.'

Auf dem Lastwagen, der allerlei Waren transportierte, saßen schon mehrere Leidensgenossen. Man betrachtete uns nicht, gerade mit Sympathie. Aber ein ordentlich gekleideter Pole sprach mich freundlich an. Nach einigen Minuten fragte er mich, den unrasierten und schmutzigen Landstreicher: 'Sie sind wohl Jurist?' So heruntergekommen / ich war, etwas war offenbar geblieben und hatte ihn zu seiner Vermutung veranlasst: die Sprache – oder vielleicht die logische Argumentation. Mein Alter schätzte er auf knapp fünfzig. Ich war damals 24." (Reich-Ranicki: Mein Leben, S. 298/99). 

"Nach dem Krieg bedankten sich die Reich-Ranickis auch mit einer finanziellen Vergütung bei den Gawins. Bis zuletzt überwies das Ehepaar der Tochter Gawins hin und wieder etwas Geld.[10] Das Paar konnte auch eine Mappe mit Zeichnungen von Tosia Reich-Ranicki herausschmuggeln, die erst 1999 veröffentlicht wurden. Die Motive stammten aus dem Alltag des Ghettos und zeigten unter anderem bis auf die Knochen abgemagerte Kinder und prügelnde Nationalsozialisten.[11] Die Gedenkstätte Yad Vashem verlieh der Familie Gawin, die von 1943 bis 1944 das Ehepaar Reich-Ranicki bei sich versteckt hatte, auf Gerhard Gnaucks Antrag 2006 die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“. " (Wikipedia: Leben)


Eine Begegnung aus den 1960er Jahren:

"Die Journalistin, vermutlich noch keine dreißig Jahre alt, war keineswegs besonders schön aber nicht ohne Reiz. Vielleicht rührte dieser Reiz von ihrem offenkundigen Ernst, der mit ihrer Jugendlichkeit zu kontrastieren schien. Sie wollte ein Dreißig-Minuten-Gespräch aufnehmen. Ihre Fragen waren exakt und intelligent, sie kreisten um ein zentrales Problem: Wie konnte das geschehen? Kein einziges Mal haben wir die Aufnahme unterbrochen. Als das Gespräch beendet war, sah ich zu meiner / Verblüffung, dass wir beinahe fünfzig Minuten geredet hatten. Wozu brauchen Sie so viel? Sie antwortete etwas verlegen: Sie habe zum Teil aus privaten Interesse gefragt. Ich möge ihr den Wissensdurst nicht verübeln. Ich wollte etwas über sie erfahren. Aber sie hatte es jetzt sehr eilig. Ich schaute sie an und sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ich fragte noch rasch: 'Entschuldigen Sie, habe ich ihren Namen richtig verstanden – Meienberg? – Nein, Meinhof, Ulrike Meinhof.'

Als ich 1968 hörte, dass die inzwischen bekannte Journalistin Ulrike Meinhof in die Illegalität gegangen war und zusammen mit Andreas Baader eine terroristische Gruppe gegründet hatte, als sie polizeilich, gesucht und schließlich gefasst worden war und als sie 1976 im Gefängnis Selbstmord verübt hatte – da musste ich wieder immer wieder an das Gespräch im Café 'Funkeck' denken. Warum hat sich Ulrike Meinhof, deren Zukunft ich nicht ahnen konnte, so tief meinem Gedächtnis eingeprägt? Könnte dies damit zu tun haben, dass sie die erste Person in der Bundesrepublik war, die aufrichtig und ernsthaft wünschte, über meine Erlebnisse im Warschauer Ghetto informiert zu werden? Und wäre es denkbar, dass es zwischen ihrem brennenden Interesse für deutsche Vergangenheit und dem Weg, der sie zum Terror und zum Verbrechen geführt hat, einen Zusammenhang gibt?" ( Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, S. 459/460) 

28 Januar 2026

Weltwissen der Siebenjährigen

 Donata ElschenbroichWeltwissen der Siebenjährigen





















Die Verfasserin zählt eine Seite lang auf, was ein siebenjähriges Kind schon gemacht haben sollte. Darunter ist manches, was man selbst noch nicht gemacht hat.

Die denkbare Empörung gegenüber solcher Überforderung beantwortet sie mit: Kinder lernen unheimlich viel durch Zufall, aber als Erwachsener sollte man sich ruhig überlegen, was für ein Angebot an Weltwissen ein Kind bekommen sollte. Natürlich wird kaum ein Kind, all das wissen oder getan haben, aber angesichts des Vielen, was Kinder heute lernen, was ihnen nicht viel bringt, sollte doch auch diese Art von Angeboten einmal gemacht worden sein. (S.23-27) 
Fontanefan: Ein siebenjähriges Kind ist in der Regel ein Schulkind. Da ist in geballter Form vieles an es herangetragen worden. Vorher hat es - wie M. - gelernt, was ein Saurier, was ein Komet oder auch, was eine Concorde ist, die die Schallmauer durchbrechen kann.
Warum nicht auch bei passender Gelegenheit auch etwas anderes?

"Die Schule, wie sie ist, in einem bayerischen Dorf, in einer norddeutschen Großstadt, hat diese beiden erwartungsvollen Siebenjährigen, nicht soermutigt, dass die Schule sie nach ihren eigenen Maßstäben für eine höhere Schulform 'weiterempfehlen' konnte. Diese Schulen haben sich nicht als das Milieu bewährt, das die Weltwissensentwicklung dieser Kinder erfolgreich gesteigert hat. Ist es naiv ,das von der Schule zu erwarten zu haben? Schule ist nicht die Verlängerung des Kindergartens. Spätestens nach zwei Grundschulklassen setzen Zeittakt, Fächerkanon, Konkurrenz ein. Manche Kinder können damit umgehen, können extern gesteuerte, sachfremde Fähigkeiten entwickeln, und sie lernen, gewandt zu wechseln zwischen ihrem Schulwissen und ihrem Weltwissen. Freddy und Sabrina gehören nicht zu diesen Kindern. Ihr vorschulisches Weltwissen ist von der Schule nicht hoch geachtet worden, und es ist in der Konkurrenz unterlegen. Diese Ernüchterung muss man mitdenken, wenn man sich begeistert für das Potenzial von Fünfjährigen, für ihre "strahlende Intelligenz". " (S. 167) 

Dazu eine KI:

Donata Elschenbroichs Buch „Weltwissen der Siebenjährigen“ ist ein Standardwerk der modernen Pädagogik. Es bricht mit der Vorstellung, dass Kinder im Kindergartenalter nur „spielen“ sollten, und plädiert stattdessen für eine anspruchsvolle, neugierorientierte Bildung vor der Einschulung.

Angebote von gebrauchten Exemplaren zwischen 1,99€ und 5,€

Hier ist eine Übersicht der Kernbotschaften und des „Bildungskanons“ für Kinder:


Die Kernphilosophie

Elschenbroich argumentiert, dass das Fenster zwischen drei und sieben Jahren die Phase der größten intellektuellen Offenheit ist. Er fordert, Kindern nicht nur einfache Spielzeuge zu geben, sondern sie mit der echten Welt zu konfrontieren.

  • Keine Verschulung: Es geht nicht um Auswendiglernen oder Rechnen unter Druck, sondern um „Erfahrungswissen“.

  • Das Recht auf Komplexität: Kinder können und wollen komplexe Zusammenhänge verstehen (z. B. wie ein Motor funktioniert oder warum Sterne leuchten).

  • Lernen als Abenteuer: Wissen soll als Werkzeug begriffen werden, um die Welt zu meistern, nicht als Last.


Was ein siebenjähriges Kind „wissen“ sollte

Elschenbroich stellt keinen starren Lehrplan auf, sondern definiert Erfahrungsfelder. Ein Kind sollte bis zum siebten Lebensjahr Begegnungen mit folgenden Bereichen gehabt haben:

BereichBeispielhafte Erfahrungen
Natur & KosmosWissen, dass die Erde rund ist; Mondphasen beobachten; den Unterschied zwischen Stein und Pflanze kennen.
TechnikEin Werkzeug benutzen können; verstehen, wie ein Schalter Licht macht; ein einfaches mechanisches Prinzip (Hebel) erleben.
Kultur & GeschichteWissen, dass es eine Zeit vor der eigenen Geburt gab (Großeltern); Museen als Orte der Schätze entdecken.
Sprache & ZeichenDie Magie der Schrift verstehen (dass Zeichen Bedeutungen tragen); Witze und Metaphern begreifen.
MathematikStrukturen und Muster in der Natur erkennen; Mengen schätzen (nicht nur zählen).

Warum das Buch heute noch wichtig ist

In einer Zeit, die stark von digitalen Medien geprägt ist, betont Elschenbroich die Haptik.

„Ein Kind muss den Matsch fühlen, das Gewicht eines Hammers spüren und die Stille im Wald erlebt haben, um ein echtes Fundament für abstraktes Denken zu bauen.“

Er kritisiert eine „pädagogische Bescheidenheit“, die Kindern zu wenig zutraut. Sein Ziel ist das „selbstbewusste Kind“, das weiß, dass es die Welt durch Fragen und Experimente verstehen kann.


Was Sie jetzt tun können

Wenn Sie dieses Thema vertiefen möchten, kann ich Ihnen gezielte Tipps geben:

Soll ich Ihnen eine Liste mit praktischen Aktivitäten erstellen, wie man dieses Weltwissen im Alltag (ohne großen Aufwand) fördern kann?

 Vergleich zu aktuellen frühkindlichen Bildungsplänen:

In den modernen Bildungs- und Erziehungsplänen der 16 Bundesländer findet sich Elschenbroichs Gedanke der „Weltaneignung“ wieder – allerdings ergänzt um heutige Anforderungen wie Digitalisierung und psychische Widerstandskraft.

Während Elschenbroich den Fokus stark auf das Wissen (Natur, Technik, Kultur) legt, konzentrieren sich aktuelle Pläne (Stand 2025/2026) verstärkt auf Kompetenzen und gesellschaftliche Leitwerte.


Die 4 zentralen Säulen moderner Bildungspläne

1. Basiskompetenzen (Das „Fundament“)

Anstatt reines Faktenwissen abzufragen, zielen aktuelle Pläne (wie der Orientierungsplan BW oder der Bayerische BEP) darauf ab, Kinder „stark“ zu machen.

  • Resilienz: Die Fähigkeit, mit Veränderungen und Stress umzugehen.

  • Partizipation: Kinder sollen den Kita-Alltag aktiv mitgestalten und Demokratie im Kleinen lernen.

2. Querschnittsthemen (Die „Leitprinzipien“)

Diese Themen ziehen sich durch alle Lernbereiche:

  • Sprachliche Bildung: Gilt heute als der wichtigste Schlüssel. Sprachförderung findet nicht mehr in „Stunden“ statt, sondern ist „alltagsintegriert“ (beim Essen, Spielen, Anziehen).

  • Medienbildung: Neuere Pläne (z. B. Baden-Württemberg 2025) haben dies als eigenes Feld aufgenommen. Es geht darum, Technik nicht nur zu konsumieren, sondern sie zu verstehen und kreativ zu nutzen.

  • BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung): Kinder lernen ökologische Zusammenhänge und soziale Gerechtigkeit kennen (z. B. „Woher kommt mein Apfel?“).

3. Bildungs- und Erziehungsbereiche (Die „Inhalte“)

Hier decken sich die Pläne stark mit Elschenbroichs „Weltwissen“:

  • MINT: (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) – Experimentieren und Forschen.

  • Ästhetische Bildung: Kunst, Musik und Theater als Ausdrucksmittel.

  • Gesundheit & Bewegung: Fokus auf Ernährungssouveränität und Körperbewusstsein.

4. Co-Konstruktion

Das ist der pädagogische Goldstandard der aktuellen Pläne: Lernen als sozialer Prozess. Das Kind lernt nicht allein durch Instruktion, sondern indem es mit Erziehern und anderen Kindern gemeinsam Bedeutungen „konstruiert“.


Vergleich: Elschenbroich vs. Aktuelle Pläne

AspektElschenbroich (2001)Bildungspläne (heute)
FokusDer „neugierige Forscher“Das „kompetente, resiliente Kind“
MedienFokus auf Haptik & NaturBalance zwischen Natur & digitaler Welt
MethodeErfahrungswissen & WeltbegegnungCo-Konstruktion & Partizipation
StrukturInhaltsorientierter KanonKompetenzorientierte Entwicklungsfelder

Aktuelle Trends 2025/2026

In den neuesten Überarbeitungen der Länder (z. B. Berlin, Hessen oder Österreichs Neufassung 2026/27) rücken zwei Dinge massiv in den Vordergrund:

  1. Inklusion: Bildungschancen für alle Kinder, unabhängig von Herkunft oder Beeinträchtigung.

  2. Übergangsbegleitung: Eine engere Verzahnung von Kita und Grundschule, um den „Bruch“ bei der Einschulung zu vermeiden.