15 Juni 2026

Zur Verwendung von KI für Artikel über die Vergangenheit

 In einem Artikel über die Weltreise von Chamisso von 1816-1818 kommt es zu Zielkonflikten zwischen Verdeutlichung des kulturellen Wandels und Ressourcenverbrauch. Dass die "Entdeckung" von bisher nicht besuchten Weltgegenden dazu geführt hat, dass diese Gebiete von Europäern ausgebeutet wurden, ist bekannt. Es hat aber auch zum Austausch zwischen Kulturen geführt. Gegenwärtig gibt es für viele Orte Bezeichnungen, die es ermöglichen, einen Ort über Sprach- und Kulturgrenzen hinaus eindeutig zu bezeichnen. So gibt es in Deutschland viele Orte, die Stadt heißen, eindeutiger wird die Bezeichnung, wenn man durch einen Namenszusatz deutlich macht, in welcher Region das jeweilige Neustadt liegt. Je stärker dabei auf Personen zurückgegriffen werden muss, die die betreffende Region nicht kennen, desto technisierter muss die Bezeichnung werden. Das zeigt sich z.B. an der Entwicklung von Postleitzahlen, die zunächst 1 - 2 Ziffern lang waren, inzwischen aber in Deutschland auf 5-stellige Zahlen umgestellt sind.

Doch dies ist beileibe nicht die einzige Folge der Vereindeutigung von Bezeichnungen. (wird fortgesetzt)

09 Juni 2026

Chamissos Reisebericht von seiner Weltreise in Ausschnitten

Adelbert von Chamisso Reise um die Welt


Kapitel 10: Nordfahrt von Kamtschatka aus in die Bering-Straße
»Zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt« sind Worte, die die »Entdeckungsreise von Otto von Kotzebue in die Südsee und nach der Berings-Straße« an der Stirne trägt. Nun aber segeln wir nach Norden, der Berings-Straße zu, und es dünkt mich an der Zeit zu sein, euch, die ihr mir bis jetzt auf gut Glück gefolgt seid, ohne zu wissen, wohin die Reise ging und was sie beabsichtigte, nachträglich über den Hauptzweck derselben und den Plan, nach welchem er verfolgt werden sollte, die Aufklärungen zu geben, die ich selber nur nach und nach erhalten hatte. Die Sommerkampagne 1816 sollte einer bloßen Rekognoszierung gewidmet sein. Ein Hafen, ein sicherer Ankerplatz für das Schiff, sollte in Norton-Sound oder, noch besser, im Norden der Straße aufgefunden werden, von wo aus mit Baidaren und Aleuten, diesen Amphibien dieser Meere, den eigentlichen Zweck der Expedition anzugreifen der zweiten Sommerkampagne vorbehalten bliebe. Früh sollten wir dann in Unalaschka eintreffen, wo unsere Ausrüstung für das nächste Jahr von den Beamten der Russisch-Amerikanischen Kompanie beschafft werden sollte: Baidaren, Mannschaft, Mundvorrat für dieselbe und Dolmetscher, welche die Sprachen der nördlichen Eskimos verstünden. Diese Dolmetscher würden von Kodiak bezogen werden müssen, wohin von Unalaschka aus einen Boten auf dreisitziger Baidare die Küsten der Inseln und des festen Landes entlang zu senden je später im Jahre, desto fahrvoller und unzuverlässiger sei. Deshalb durften wir uns jetzt nicht verspäten. Die Zeit des nordischen Winters sollten wir dann in Sommerlanden verbringen, teils der Mannschaft die erforderliche Erholung gönnen, teils anderwärtigen geographischen Untersuchungen obliegen, dann im Frühjahr 1817, nach Unalaschka zurückkehrend, daselbst, was für unsre Nordfahrt vorbereitet worden, uns aneignen und, sobald das nordische Meer sich der Schiffahrt eröffnete, den »Rurik« in den vorbestimmten Hafen fahren, sichern und zurücklassen und mit Baidaren und Aleuten zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt so weit nach Norden und Osten zu Wasser oder zu Lande vordringen, als es uns ein gutes Glück gestattete. – Wenn die vorgerückte Jahreszeit oder die sonstigen Umstände unserer Unternehmung ein Ziel gesetzt, sollten wir die Rückfahrt über Kamtschatka antreten und auf der Heimkehr noch die fahrvolle Torres-Straße untersuchen. Wahrlich, es war zweckmäßig, zu Entdeckungen im Eismeer die Söhne des Nordens und ihre Fahrzeuge zu gebrauchen. Nur mißlich war es, die ganze Hoffnung des Gedeihens auf den einzigen Wurf nur einer Kampagne zu setzen, die ein ungünstiges Jahr vereiteln konnte. Aber mit Beharrlichkeit möchten am füglichsten von Unalaschka aus durch Aleuten und wenige rüstige, abgehärtete Seemänner, welche nur die erforderlichen Ortsbestimmungen vorzunehmen befähigt wären, die letzten Fragen zu lösen sein, welche die Geographie dieser Meer- und Küstenstriche noch darbietet.

Die Sommerkampagne 1816, deren Ergebnis in der Karte vorliegt, die Herr von Kotzebue von dem nach ihm benannten Sunde mitteilt, hat, was von ihr erwartet werden konnte, auf das befriedigendste geleistet. Der Kotzebues-Sund, ein tiefer Meerbusen, der im Norden der Straße unter dem Polarkreise in die amerikanische Küste eindringt und dessen Hintergrund beiläufig einen Grad nördlicher und unter gleicher Länge liegt als der Hintergrund von Norton-Sound, bietet den Schiffen im Schutze der Chamisso-Insel den sichersten Ankerplatz und den vortrefflichsten Hafen dar. Herr von Kotzebue hat im Jahre 1817 darauf verzichtet, Vorteil von seiner Entdeckung zu ziehen, um weiteren Entdeckungen in das Eismeer entgegenzusehen. Was der Romanzowschen Expedition aufgegeben war, ist seither von den Engländern verfolgt worden, und Kapitän Beechey mit dem »Blossom« hat in den Jahren 1826 und 1827 von diesem selben Hafen aus einen Teil der amerikanischen Küste im Eismeer aufgenommen.

Ich kehre zu unserer Nordfahrt zurück. Ihr Zweck war die Geographie. Wir haben zwar mit den Eingebornen, den Bewohnern der Sankt-Laurenz-Insel, den Eskimos der amerikanischen Küste, den Tschuktschi der asiatischen, häufig verkehrt; doch haben wir mit und unter ihnen nicht gelebt. Die Karte und der Bericht von Herrn von Kotzebue, das Zeichenbuch des Malers, das er in seinem »Voyage pittoresque« offenhält, werden belehrender sein als mein dürftiges Tagebuch. Übrigens, was ich über diese Völker mongolischer Rasse zu sagen gewußt, habe ich am Schlusse des Aufsatzes, den ich den Nordlanden in meinen »Bemerkungen und Ansichten« gewidmet habe, in wenige Worte zusammengedrängt.

Am 17. Juli 1816 liefen wir aus der Bucht von Awatscha aus und hatten am 20. Ansicht von der Berings-Insel, deren westliches Ende sich mit sanften Hügeln und ruhigen Linien zum Meere senkt. Sie erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee.

Von der Berings-Insel richteten wir mit günstigem Winde unsern Kurs nach der Westspitze der Sankt-Laurenz-Insel. Wir waren in den dichtesten Nebel gehüllt; er zerteilte sich am 26. auf einen Augenblick; ein Berggipfel ward sichtbar; der Vorhang zog sich wieder zu. Wir lavierten in der gefährlichen Nähe des nicht gesehenen Landes.

An diesem Tage war die Erscheinung einer Ratte auf dem Verdeck ein besorgniserregendes Ereignis. Ratten sind auf einem Schiffe gar verderbliche Gäste, und ihrer Vermehrung ist nicht zu steuern. Wir hatten bis jetzt keine Ratten auf dem »Rurik« gehabt; war diese in Kamtschatka an unsern Bord gekommen, konnten auch mehrere schon in den untern Schiffsraum eingedrungen sein. Eine Rattenjagd ward auf dem Verdeck als ein sehr ernstes Geschäft angestellt, und drei Stück wurden erlegt. Es ist von da an keine mehr verspürt worden. [...]"

"Ich habe hier eine Frage zu beantworten, die in den Gedanken der Wissenschaft den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit und der Geschichte bezeichnet. – Ihr Starren, die ihr die Bewegung leugnet und unterschlagen wollt, seht, ihr selber, ihr schreitet vor. Eröffnet ihr nicht das Herz Europas nach allen Richtungen der Dampfschiffahrt, den Eisenbahnen, den telegraphischen Linien und verleihet dem sonst kriechenden Gedanken Flügel? Das ist der Geist der Zeit, der, mächtiger als ihr selbst, euch ergreift. – Gauß aus Göttingen zuerst fragte mich im Herbst 1828 zu Berlin, und die Frage ist seither wiederholt an mich gerichtet worden: ob es möglich sein werde oder nicht, die geodätischen Arbeiten und die Triangulierung von der asiatischen nach der amerikanischen Küste über die Straße hinaus fortzusetzen. Diese Frage muß ich einfach bejahend beantworten. Beide Pfeiler des Wassertores sind hohe Berge, die in Sicht voneinander liegen, steil vom Meer ansteigend auf der asiatischen Seite und auf der amerikanischen den Fuß von einer angeschlemmten Niederung umsäumt. Auf der asiatischen Seite hat das Meer die größere Tiefe und der Strom, der von Süden in die Straße mit einer Schnelligkeit von zwei bis drei Knoten hineinsetzt, die größere Gewalt. Wir sahen nur auf der asiatischen Seite häufige Walfische und unzählbare Herden von Walrossen. Die Berghäupter mögen wohl die Nebeldecke überragen, die im Sommer über dem Meere zu ruhen pflegt; aber es wird auch Tage geben, wie der 30. Juli 1816 einer war. [...]

Kapitel 11

"Die Bucht, worin wir waren, erhielt den Namen Eschscholtz; die Insel, in deren Schutz der »Rurik« vor Anker lag, den meinen. (Sie ist in meinen »Bemerkungen und Ansichten« ungenannt.) Sowohl auf der sandigen Landzunge, auf welcher wir bivouakierten, als auf der urfelsigen Insel war die Variation der Magnetnadel durchaus unregelmäßig.

Auf Exkursionen wie diese hatte meine Sekundenuhr von Schunigk zu Berlin die Ehre, Chronometerdienst zu tun; selbst ihrer nicht bedürftig, hatte ich sie dem Kapitän zum Gebrauch ganz überlassen. Nach zweitägigem Bivouak, wobei uns das englische Patentfleisch (frisches Fleisch und Brühe in Blechkasten eingefüllt, die ohne leeren Raum zugelötet sind) sehr guten Dienst geleistet hatte, kehrten wir am dritten Tage, am 9. August morgens, zu dem Schiffe zurück. Während unserer Abwesenheit hatten uns die Eingeborenen auf zwei Baidaren einen Besuch zugedacht, der aber nach dem Befehl des Kapitäns nicht angenommen worden war. Der Hintergrund von Kotzebues-Sund ist unbewohnt, und man findet an dessen Ufern nur Landungs- und Bivouakplätze der Eingeborenen. Ein solcher findet sich zum Beispiel auf der Chamissos-Insel und ein anderer bei den Eisbergen der Eschscholtz-Bucht; diesen besuchen sie vielleicht hauptsächlich nur, um Elfenbein zu sammeln.[...] 

Diese Walfische rufen mir ins Gedächtnis, was ich einst von einem genialen Naturforscher ins Gespräch werfen hörte. Der nächste Schritt, der getan werden muß, der viel näher liegt und viel weiter führen wird als die Dampfmaschine mit dem Dampfschiffe, diesem ersten warmblütigen Tiere, das aus den Händen der Menschen hervorgegangen ist – der nächste Schritt ist, den Walfisch zu zähmen. Worin liegt denn die Aufgabe? Ihn das Untertauchen verlernen zu lassen! Habt ihr je einen Flug wilder Gänse ziehen sehen; und ein altes Weib gesehen, mit einer Gerte in der zitternden Hand ein halb Tausend dieser Hochsegler der Lüfte auf einem Brachfeld treiben und regieren? Ihr habt es gesehen und euch über das Wunder nicht entsetzt; was stutzt ihr denn bei dem Vorschlag, den Walfisch zu zähmen? Erziehet Junge in einem Fjord, ziehet ihnen einen von Schwimmblasen getragenen Stachelgurt unter die Brustflossen, stellt Versuche an! Wahrlich, beide Meere zu vereinigen und die Entfernung zwischen Archangel und Sankt Peter und Paul auf acht bis vierzehn Tage Zeit zu verringern ist wohl des Versuchens wert. – Ob übrigens der Walfisch ziehen oder tragen soll, ob und wie man ihn anspannt oder belastet, wie man ihn zäumt oder sonst regiert und wer der Kornak des Wasserelefanten sein soll, das alles findet sich von selbst.

Am 7. September 1816 brachte uns ein günstiger, aber schwacher Wind in den Eingang der Bucht, woselbst er uns zwischen den hohen Bergen der Insel plötzlich gebrach, so daß wir uns in einer ziemlich hülflosen Lage befanden, da dort kein Anker den Grund findet. Aber der Agent der Kompanie, Herr Kriukow, kam uns mit fünf zwanzigruderigen Baidaren entgegen und bugsierte uns in den Hafen. Wir ließen um ein Uhr die Anker vor Illiuliuk, der Hauptansiedelung, fallen. Das Dampfbad war vorsorglich für uns geheizt.

Herr Kriukow, verpflichtet durch den Befehl der Direktoren der Kompanie in Sankt Petersburg, die Forderungen des Herrn von Kotzebue zu erfüllen, war in allem gegen ihn von einer unterwürfigen Zuvorkommenheit. Von den wenigen Rindern, die auf der Insel sind, wurde sogleich eines für uns geschlachtet, und unsere Mannschaft ward mit frischem Fleische, Kartoffeln und Rüben versorgt, dem einzigen Gemüse, das hier gebaut wird.

Die Forderungen des Herrn von Kotzebue bestanden in folgendem: eine Baidare von vierundzwanzig Rudern, zwei einsitzige und zwei dreisitzige Baidaren verfertigen zu lassen; fünfzehn gesunde, starke Aleuten mit ihrer ganzen Ammunition für das nächste Frühjahr bereitzuhalten; Kamlaikas von Seelöwenhälsen für die sämtliche Mannschaft bis zu derselben Zeit zu beschaffen und sogleich einen Boten nach Kodiak abzufertigen, um dort durch den Agenten der Amerikanischen Kompanie einen Dolmetscher zu erhalten, der die an der nördlicheren Küste Amerikas gesprochene Sprache verstünde und übersetzen könnte. Die gefahrvolle Sendung zu übernehmen, fanden sich drei entschlossene Aleuten bereit.

Die dreisitzige Baidare ist nach dem Muster der einsitzigen gebaut, nur verhältnismäßig länger und mit drei Sitzlöchern versehen. Darin läßt sich ein Europäer, der in Aleutentracht mit Kamlaika und Augenschirm (gegen das Bespritzen der Wellen) den mittleren Sitz einnimmt, von zwei Aleuten fahren. Ich selber habe mich an einem schönen Sonntagsmorgen im Hafen von Portsmouth zur unendlichen Lust der Engländer auf die Weise in einer solchen Baidare fahren lassen. [...]"

Kapitel 12: Von Unalaschka nach Kalifornien. Aufenthalt zu San Francisco

"[...]  Keine Seevögel hatten uns über dem Winde der Sandwich-Inseln das Land angesagt, und zwischen demselben sahen wir auch keine. Nur hoch in den Lüften der Tropikvogel und nah über dem Spiegel der Wellen der Fliegende Fisch.

Wir richteten unsern Lauf nach der Nordwestspitze von O-Waihi, um diese zu umfahren und, nach dem Rate von Herrn Elliot, Haul-Hanna, Herrn Jung, in der Bai von Tokahai, Gebiet Kochala, zu sprechen, woselbst dieser in der Geschichte der Sandwich-Inseln rühmlichst bekannte Mann seinen Wohnsitz haben sollte. Herr Jung würde uns die nötigen Nachrichten über den jetzigen Zustand der Dinge und den Aufenthalt des Königs mitteilen. Dem Könige aber mußten wir uns vorstellen, bevor wir in den Hafen Hana-ruru der weiter westwärts liegenden Insel O-Wahu einliefen.

In der Nacht zum 22. November und am Morgen dieses Tages enthüllten sich uns die Höhen der großartig in ruhigen Linien sich erhebenden Landmasse, über welche sich mittags und abends die Wolken senken. Noch sahen wir nur Mauna-Kea, den Kleinen Berg, welcher, wenngleich der kleinere, sich höher über das Meer erhebt als der Montblanc über die Täler, von welchen aus er gesehen werden kann. Die Nordküste am Fuße des Mauna-Kea ist die unfruchtbarste der Insel.

Wir umschifften gegen Mittag das nordwestliche Vorgebürge von O-Waihi, fuhren durch den Kanal, der diese Insel von Mauwi trennt, und verloren den Passat unter dem Winde des hohen Landes. Wir hatten längs der Westküste von O-Waihi sehr schwache Land- und Seewinde und gänzliche Windstille.

Zwei Insulaner ruderten in der Gegend des Vorgebürges an das Schiff. Der auf das Verdeck stieg, beantwortete so scheu und zögernd die Fragen des ihm wohlbekannten Najas, daß dieser über das, was auf den Inseln geschehen sein möchte, Besorgnis schöpfte. Wir erfuhren indes, daß Haul-Hanna (ein Berater von Kamehameha_I. mit den mehrsten Fürsten auf O-Wahu und Tameiameia zu Karakakoa sich befinde. Das Kanot, welches an das Schiff angebunden war und worin der andere O-Waihier sich befand, schlug um, und wir hatten Gelegenheit, die Kraft und Gewandtheit dieser Fischmenschen zu bewundern.

Wir sahen von der hohen See die europäisch gebauten Häuser von Herrn Jung sich über die Strohdächer der Eingebornen erheben. Der ganze Strand ist von den Ansiedelungen der Menschen bekränzt, aber schattenlos. Erst südlicher längs der Küste untermischen sich Kokospalmen den Häusern. Die Wälder, die an den Bergen eine hohe Zone einnehmen, steigen nicht zu Tale. Rauchsäulen stiegen in verschiedenen Gegenden des Landes empor.

Andere Kanots kamen an das Schiff; wir verkehrten mit mehreren Eingebornen und vermochten einen weitgewanderten Mann, einen Mann des Königs, der in Boston, an der amerikanischen Nordwestküste und in China gewesen war, an unserm Bord zu bleiben und uns nach Karakakoa zu lotsen. Wir erfuhren, daß zwei amerikanische Schiffe in Hana-ruru lägen und vor Karakakoa ein drittes, welches, vom Sturme geschlagen, entmastet nach diesen Inseln gekommen. Wir erfuhren endlich, daß Russen der Amerikanischen Handelskompanie das Reich mit Krieg zu überziehen gedroht und daß man die russischen Kriegsschiffe erwarte, welche die Drohung verwirklichen sollten.

Das waren die Umstände, unter welchen wir vor O-Waihi erschienen und uns glücklich preisen mußten, Herrn Elliot, den Leibarzt des Königs, an Bord zu haben, der Zeugnis von uns ablegen konnte.

Wir lagen die Nacht in vollständiger Windstille. Wir erfuhren am Morgen des 23., daß der König von Karakakoa nordwärts, uns näher, nach Tiutatua am Fuße des Wororai gekommen sei, sich aber daselbst nicht lange aufhalten werde. Herr Elliot ließ ihm Botschaft von uns und sich selber ansagen und den Wunsch des Kapitäns andeuten, Seine Majestät zu Tiutatua nicht zu verfehlen.

Wir kamen sehr langsam vorwärts. Am Abend ward ein Delphin harpuniert. Während der Nacht frischte der Wind; am Morgen des 24. waren wir vor Tiutatua. Das amerikanische Schiff fuhr eben unter allen Segeln in die Bucht. Der Kapitän ließ das kleine Boot aussetzen, worin er Herrn Elliot mit mir, Eschscholtz und Choris an das Land schickte. Wir begegneten einem Europäer, der in seinem Kanot fuhr; er trat in unser Boot über und geleitete uns.

Adelbert Chamissos "Reise um die Welt"

 Adelbert von Chamissos berühmter Reisebericht „Reise um die Welt in den Jahren 1815–1818“ (veröffentlicht im Jahr 1836) ist das Ergebnis seiner Teilnahme an der russischen Rurik-Expedition unter der Leitung von Otto von Kotzebue.

Wikipedia: "Die russische Rurik-Expedition (veraltet Rurick-Expedition) war eine Weltumsegelung, die vom 30. Juli 1815 bis zum 3. August 1818 unter dem Kommando von Otto von Kotzebue stattfand und zur Entdeckung und Erkundung der Nordwestpassage dienen sollte. Die Expedition des Kriegsschiffes Rurik (russisch Рюрик) wurde durch den russischen Grafen Nikolai Petrowitsch Rumjanzew (russisch Никола́й Румянцев) ausgerüstet und finanziert. Sie fand mit wohlwollender Unterstützung des Zaren Alexander I. statt. Aufgrund widriger Wetterbedingungen erreichte sie ihr Ziel jedoch nicht und kehrte früher als geplant zurück. Die historische Bedeutung der Expedition liegt in den zahlreichen Neuentdeckungen entlang der gesamten Route sowie den menschlichen und kulturellen Erfahrungen, welche die Besatzung von dieser dreijährigen Reise mitbrachte.

Die Teilnehmer:

Neben den drei Untersteuerleuten Chramtschenko, Petrow und Koniew, zwei Unteroffizieren, einem Koch und 20 Matrosen nahmen folgende Personen an der Expedition teil:

Im Laufe der Reise gingen zeitweise folgende Personen an Bord:

  • 17. August 1815: Lotse für die Fahrt im Kanal und nach Plymouth.
  • 1. Oktober 1816: zwei russische Matrosen sowie ein Passagier: Elliot de Castro, Leibarzt des Königs von Hawaii (von San Francisco bis Hawaii)
  • 23. Februar 1817: der Südseeinsulaner Kadu (während der gesamten Sommerkampagne 1817)
  • 27. Mai 1817: zwei Dolmetscher für die Dialekte der nördlicheren Küstenvölker
  • August 1817: vier Aleuten zur Verstärkung der Mannschaft


KI Gemini: "Chamisso trennte das persönliche Erleben strikt von den rein wissenschaftlichen Daten. Das Buch besteht daher aus zwei grundverschiedenen Hauptteilen:

Erster Teil: Tagebuch (Das eigentliche Reisemärchen)

Der erste Teil ist chronologisch aufgebaut und liest sich wie ein klassisches, lebendiges Reisetagebuch. Chamisso beschreibt hier im Plauderton seine persönlichen Erlebnisse, die Natur, Begegnungen mit fremden Kulturen (besonders eindringlich in Polynesien und Mikronesien) sowie die teils zermürbenden Spannungen an Bord des engen Schiffes.

  • Die Gliederung folgt strikt den Stationen der dreijährigen Route:

    • Abfahrt in Europa (Kopenhagen, Plymouth) --> Atlantiküberquerung (Teneriffa, Brasilien) --> Umrundung von Kap Hoorn nach Chile --> Weiterfahrt über den Pazifik (Osterinsel, Marshallinseln) nach Kamtschatka und in die Beringstraße.

    • Nach dem gescheiterten Versuch, die Nordostpassage zu finden, folgt der Rückweg über Kalifornien (San Francisco), Hawaii (Sandwich-Inseln), die Philippinen (Manila), Kapstadt und zurück nach St. Petersburg.

Zweiter Teil: Bemerkungen und Ansichten

Dieser Teil ist thematisch und systematisch geordnet. Hier zeigt sich Chamisso als exakter, analytischer Wissenschaftler. Er bündelt die Ergebnisse seiner jahrelangen Forschungen in verschiedenen Fachdisziplinen:

  • Ethnographie und Linguistik: Vorurteilsfreie und detaillierte Beschreibungen der Sitten, Religionen und Sprachen der Inselbewohner (Pionierarbeit im pazifischen Raum).

  • Botanik und Zoologie: Systematische Katalogisierung der rund 2.500 gesammelten Pflanzenarten (davon etwa 800 Neuentdeckungen) sowie Tierbeobachtungen (wie dem Generationswechsel bei Salpen).

  • Geologie: Wissenschaftliche Abhandlungen, unter anderem eine bahnbrechende Theorie zur Entstehung von Korallenatollen.

2. Die textuelle Organisation und Quellen

Da Chamisso auf dem schwankenden und militärisch straff geführten Schiff oft keinen Platz oder keine Ruhe hatte, um ein lückenloses Journal zu führen, organisierte er den Text im Nachhinein aus drei Quellen:

  1. Seinen tatsächlichen, unvollständigen Bordnotizen.

  2. Den ausführlichen Briefen, die er von den verschiedenen Häfen aus an seinen engen Freund Eduard Hitzig nach Berlin geschickt hatte.

  3. Seinen Beiträgen zum offiziellen russischen Expeditionsbericht, die er für den zweiten Teil umschrieb und ergänzte.

Das Besondere an der Organisation: Chamisso stellt dem eigentlichen Reisebericht eine persönliche Einleitung voran, in der er beschreibt, wie er überhaupt als „Titulargelehrter“ (Zivilist ohne echten Rang) auf das russische Kriegsschiff kam. Dadurch bekommt das Werk einen stark autobiografischen Rahmen: Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich in Europa oft heimatlos fühlte und auf den Weiten des Ozeans seine Bestimmung fand.

07 Juni 2026

Adelbert von Chamisso

 Adelbert von Chamisso

Ich bilde mir nicht ein, einem Mann wie Chamisso gerecht zu werden, wenn ich hier au ihn hinweise. Es geht mir nur darum, dem Buch gerecht zu werden, das ich in einem öffentlichen Bücherregal fand und dem Projekt Gutenberg, in dessen Sinne ich nur bei Wikisource   arbeiten konnte. Das versuche ich dadurch, dass ich die Angebote für mich nutze und das, was ich dabei erfahre, öffentlich anbiete.

Chamisso, deutscher Dichter mit französischer Muttersprache und Naturforscher von Rang, beides wohl nur durch die Verbindungen, die er aufgrund seiner Herkunft auch als Flüchtling nutzen konnte und - freilich - seiner Begabung und seines Ehrgeizes. 

Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814)  Das Riesenspielzeug (1831)

Chamisso über seinen Schlemihl (An Hitzig Cunersdorf, Spätherbst 1813).

"»Dieses zur Erinnerung, daß Du einen Freund in Cunersdorf hast, dem Du eben nicht sehr oft schreibst. Es ist eine ganz fatale Empfindung, wenn alle Tage der Postbote einläuft, und die Austheilung der Briefe im Salon geschieht und für einen Jeden etwas da ist, und für den Herrn von Chamisso – nischt niche!

... Ich kratze immer an meinem ›Schlagschatten‹, und wenn ich's Dir gestehen muß, lache und fürchte ich mich manchmal darüber, so wie ich daran schreibe; – wenn die anderen nur für mich nicht darüber gähnen. Mein viel gefürchtetes viertes Kapitel habe habe ich mir, nach vielem Kauen, gestern aus einem Stücke, wie eine Offenbarung, aus der Seele geschnitten und heute abgeschrieben. Es ist auch schon eher Morgen als Nacht, darum ade. Das Blitz-Prosa-schreiben wird mir ungeheuer sauer, mein Brouillon sieht toller aus als alle Verse, die ich je gemacht.«
Bald nach diesem Briefe scheint Chamisso nach Berlin zurückgekehrt zu sein. Es wird zwar in Cunersdorf erzählt, er habe sich zunächst nach Nennhausen hin, zu Fouqué, auf den Weg gemacht, um diesem seinen Schlemihl vorzulesen; es liegen aber doch wohl Monate dazwischen, da, wie wir aus dem letztzitierten Briefe ersehen, bis etwa Mitte Oktober erst vier Kapitel von elf beendigt waren. Übrigens stand Fouqué damals auch wohl im Felde."

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Das Oderland. Das Oderbruch und seine UmgebungenCunersdorf.Graf und Gräfin Itzenplitz. Chamisso in Cunersdorf, S.164-166

Aus Chamissos Einleitung seiner Reise um die Welt (sieh auch: Rurik-Expedition)"

[...] Aus einem alten Hause entsprossen, ward ich auf dem Schlosse zu Boncourt in der Champagne im Januar 1781 geboren. Die Auswanderung des französischen Adels entführte mich schon im Jahre 1790 dem Mutterboden. Die Erinnerungen meiner Kindheit sind für mich ein lehrreiches Buch, worin meinem geschärften Blicke jene leidenschaftlich erregte Zeit vorliegt. [...] 

So stand ich in den Jahren, wo der Knabe zum Manne heranreift, allein, durchaus ohne Erziehung; ich hatte nie eine Schule ernstlich besucht. Ich machte Verse, erst französische, später deutsche. Ich schrieb im Jahre 1803 den »Faust«, den ich aus dankbarer Erinnerung in meine Gedichte aufgenommen habe. Dieser fast knabenhafte metaphysisch-poetische Versuch brachte mich zufällig einem andern Jünglinge nah, der sich gleich mir im Dichten versuchte, K. A. Varnhagen von Ense. Wir verbrüderten uns, und so entstand unreiferweise der »Musenalmanach auf das Jahr 1804«, der, weil kein Buchhändler den Verlag übernehmen wollte, auf meine Kosten herauskam. Diese Unbesonnenheit, die ich nicht bereuen kann, ward zu einem segensreichen Wendepunkte meines Lebens. [...]

Aus Chamissos Bericht über die Weltreise:

Kapitel 4: Vorfreude. Reise über Hamburg nach Kopenhagen

 "[...] Der Hausknecht, der seinen Herrn so freundlich vertraut mit mir umgehen sah und mich beim Globus von weiten Reisen erzählen hörte, fragte einen der Kommis, wer denn der schwarze ausländische Herr sei, für den er manche Gänge zu besorgen gehabt. – »Weißt du das nicht?« antwortete ihm jener; »es ist Mungo Park.« Und froh und stolz, wie ein Zeitungsblatt, das einmal eine große Nachricht auszuposaunen hat, lief der literarische Zwischenträger seine Gänge durch die Stadt, jeden, den er kannte, anhaltend, um ihm mitzuteilen, Mungo Park sei nicht umgekommen; er sei da, er sei bei seinem Herrn, er sehe so und so aus und erzähle viel von seinen Reisen. – Nun kamen einzeln und scharenweise die guten Hamburger zu Perthes in den Laden gelaufen und wollten Mungo Park sehen. – Im »Schlemihl«, und zwar im vierten Abschnitt, steht geschrieben: »Muß ich's bekennen? es schmeichelte mir doch, sei es auch nur so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein.« [...]"


02 Juni 2026

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Barbarossa ’41



In chronologischer Hinsicht kann der dritte Teil des Echolots als sein Prolog aufgefasst werden. Er kehrt zurück ins Jahr 1941. Gegenüber den vorigen Veröffentlichungen hat sich der Aufbau verändert: in lediglich einem Band werden drei größere Zeiträume betrachtet: 21. Juni bis 30. Juni 1941, 1. Juli bis 8. Juli 1941 sowie 7. Dezember bis 31. Dezember 1941. Titelgebend ist das Unternehmen Barbarossa, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni samt den Anfangssiegen in den folgenden Tagen. Es folgen der Beginn der Leningrader Blockade und der Rückzug der deutschen Armee im ersten Kriegswinter Ende 1941. Konsequenter als in den vorigen Bänden werden Berichte beider Kriegsparteien einander gegenübergestellt, kommen neben deutschen auch sowjetische Soldaten sowie die leidende Leningrader Bevölkerung zu Wort. Die Tageseinträge beginnen jeweils mit einem Zitat aus der Bibel, darauf folgen Aufzeichnungen berühmter Schriftsteller. Im Zentrum jedes Tageseintrags stehen die wiederkehrenden Tagebucheintragungen einiger direkt vom Krieg betroffener Menschen, etwa einer Mutter, deren Sohn gefallen ist, eines Arztes und mehrerer Soldaten an der Ostfront, darunter auch die Aufzeichnungen Jochen Kleppers. Am Ende stehen Verweise auf die nationalsozialistischen Verbrechen in Form des Tagebuchs von Adam Czerniaków und der Auschwitz-Aufzeichnungen Danuta Czechs, die teilweise etwa vom Tagebuch eines in der Einsatzgruppe A dienenden SS-Mannes ergänzt werden.

21. Juni 1941

"Berija 1899-1953 Moskau 
An Stalin.
In der letzten Zeit lassen sich viele Mitarbeiter von gemeinen Provokationen beeinflussen und geraten in Panikstimmung. Die geheimen Mitarbeiter [...] müssen wegen der systematischen Desinformation als Handlanger der internationalen Provokateure, die uns gegen Deutschland aufhetzen wollen, zu Lagerstaub zerrieben werden. [...] Aber ich und die mir unterstellten Mitarbeiter, Jossif Wissarionowitsch denken immer an die weise Vorhersage, nach der Hitler uns im Jahre 1941 nicht überfallen wird." (S. 12)

General Shukow 1896-1974 Moskau 
"[...] Der Volkskommissar, Generalleutnant Watutin und ich fuhren mit dem Entwurf einer Detektive an die Truppen in den Kreml. Unterwegs verabredeten wir, um jeden Preis den Beschluss durchzusetzen, die Truppen in Gefechtsbereitschaft zu versetzen.
Stalin empfing uns allein. Er war sichtlich besorgt.
'Ob uns die Deutschen Generale diesen Überläufer nicht untergeschoben haben, um einen Konflikt zu provozieren?' fragte er.
'Nein', antwortete Timoschenko. 'Wir meinen, dass der Überläufer die Wahrheit sagt.'
Inzwischen traten die Mitglieder des Politbüros in Stalins Arbeitszimmer. Stalin informierte sie kurz.
'Was werden wir tun?' fragte Stalin.
Niemand antwortete.
'Man muss unverzüglich die Direktive erteilen, alle Truppen der Grenzmilitärbezirke in höchste Geschäftsbereitschaft zu versetzen', sagte Timoschenko. / 'Lesen Sie!' erwiderte Stalin.
Ich lass unseren Entwurf vor. Stalin bemerkte: 'Eine solche Weisung ist jetzt verfrüht, vielleicht lässt sich die Sache noch friedlich regeln. Wir müssen eine kurze Weisung erteilen, die besagt, dass ein Angriff mit provokatorischen Handlungen deutscher Truppenteile beginnen kann. Die Truppen der Grenzmilitärbezirke dürfen sich nicht provozieren lassen, um keine Komplikationen hervorzurufen.' [...] Die Durchgabe war am 22. Juni 1941 um 0:30 Uhr beendet. Eine Kopie erhäiet, erhielt der Volkskommissar der Seekriegsflotte.

Timoschenko und ich verließen die Stalin mit gemischten Gefühlen." (S. 12/13) 


7.7.1941

 Der SS-Mann Felix Landau, geboren 1910 Drohobycz/Bezirk Lemberg. 

"[...] Vor allen Geschäften stehen hunderte von Menschen, um irgendwelche Lebensmittel zu erhalten. Unterwegs wurden zwei Juden angehalten. Sie erzählten, dass sie vor der russischen Armee geflüchtet waren. Ihre Angabe war ziemlich unglaubhaft. Sechs Mann sitzen von uns ab, laden durch, und in der nächsten Minute sind beide tot. Der eine Jude, ein Ingenieur, ruft noch, als das Kommando 'legt an' gegeben wird, 'es lebe Deutschland'. Eigentümlich, das waren meine Gedanken. Mit welchen Plänen im Kopf mag wohl dieser Jude geflüchtet sein. "(S. 283) 

Zwischentext: Deportiert nach Sibirien

Albin Eisenstein, geboren 1911 Czernowitz – Jasowka 

Beschrieben wird eine Deportation auf einem Gebiet, das sich vom baltischen bis zum Schwarzen Meer erstreckt.
"[...] Unverständlich und unerklärt bleibt, wer Interesse daran gehabt hatte, knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wichtige Eisenbahnknotenpunkte mit derartigen Deportationszügen zu blockieren.
Überlassen wir es den Historikern, diese sinnlose, politisch unbegründete und militärisch destruktive Aktion zu klären. Die meisten der Betroffenen mussten diesen Wahnsinnsakt mit ihrem Leben bezahlen." (S.313) [...]
Den Deportierten fällt auf, dass der Kommandant der staatlichen Aktion mit einer Gruppe von Sträfling n viel freundlicher umgeht als mit ihnen und dass ein Mann aus der Gruppe der Sträflinge von ihm besonders gut behandelt wird und seinerseits den Sträflingen Anordnungen geben kann, die sofort befolgt werden. Die Deportieren bezeichnen diesen Mann als Ataman.
Einige der erfahrenen Männer unserer Gruppe schlugen vor, und direkt mit dem "Ataman" in Verbindung zu setzen. Wir taten es und nach einer recht temperamentvollen Unterredung kam eine Übereinkunft zustande. Mit einem Obolus, bestehend aus einigen Wertgegenständen und einigen Flaschen Spirituosen, war unsere Sicherheit gewährleistet. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Ataman mehr menschliches Verständnis für uns zeigte als der Kommandant.
Erschöpft vor Angst, Ungewissheit und Übermüdung übermannte uns tiefer Schlaf. Beim ersten Morgengrauen erwarten wir. Der Gesundheitszustand meiner Frau schien sich zu bessern. Voller Neugier betrachten wir die Ufer des Ob, dieses gewaltigen sibirische Stromes / eintönig und kahl waren die Uferlandschaften, [...] (S.313/14)
Unsere Gruppe der Verbannten bestand aus 24 Personen. Der Kolchospräsident teilte uns verschiedenen Bauern zu. Diesen wurde befohlen, uns Unterkunft zu gewähren. Wir würden es Zwangseinquartierung nennen. Überrascht waren wir, als uns diese armen und eingeschüchterten Menschen, hilfsbereit und freundlich in ihren armseligen Behausungen aufnahmen. Wir hatten den Eindruck, als gehöre das zu ihrer Vorstellung von Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen, die in Not sind. [...] Alles war ganz anders, als wir es erwartet hatten. Belastet von westeuropäischen Vorstellungen über Gastfreundschaft, erschien uns ein solcher Empfang in dieser so armseligen Umgebung völlig unerwartet. Dies umso mehr, als wir doch wussten, dass der Kommandant diffamierende Informationen über uns Verbannte verbreitete. Er beschwor unsere staatsfeindliche Gesinnung und sprach uns auch jede Ehrlichkeit ab. Das / sollte dazu dienen, die einheimische Bevölkerung uns gegenüber feindlich und misstrauisch zu stimmen.
Unser Hausherr erzählte uns, wie auch sie vor etlichen Jahren, als sie es als Mittel- und Großbauern ablehnen, sich den landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften 'Kolchos' anzuschließen, eines Nachts von der NKWD verhaftet und in die sibirische Taiga deportiert worden waren. Bis auf kleine Lebensmittelvorräte und landwirtschaftliche Geräte hatte man ihr gesamtes Hab und Gut weggenommen. Als sie hierher gebracht wurden, gab es hier, bis auf einzelne, kleine Behausungen von einheimischen Nenzen, keine Ansiedlungen, geschweige denn Unterkunftsmöglichkeiten. Die Nenzen gehören zur Volksgruppe der Samojeden einem Volk ugro-finnischer Abstammung, und lebten allein von der Jagd. Unter schwierigsten Bedingungen mussten sie sich selbst ihre Wohnbaracken zimmern. Um das Notwendigste anbauen zu können, musste Boden durch Rodung des Urwaldes erschlossen werden. Die Versorgung mit Lebensmitteln war ungenügend. Auch fehlte ärztliche Betreuung. Es war nur wenigen vergönnt, diese qualvolle Zeit zu überleben.

Prokofjef [der Hausherr] sagte: 'Die meisten von uns kamen um, aber die wenigen, die überlebten, waren von Gott auserkoren, den Glauben an Gott und seine zehn Gebote weiterzutragen. Dies tun wir und werden auch unsere Nachkommen tun.' " (S. 313-317). 

Januar und Februar 1943



Der erste Teil des Echolots konzentriert sich in insgesamt vier Bänden auf den Zeitraum 1. Januar bis 28. Februar 1943. Kempowski kommentierte die Terminierung: „Damals hatte das Dritte Reich nach innen und außen den Höhepunkt seiner Macht erreicht und war im Begriff, ihn zu überschreiten […] – es ist überraschend, wie oft sich in Notizen und Briefen aus dieser Zeit schon die Frage findet: Ob das gut geht? Man hatte das Gefühl, daß der Bogen überspannt war: Und genau hier setze ich mit dem Echolot ein.“[1] In den Zeitraum der Bände fällt die Casablanca-Konferenz, der Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad, die Sportpalastrede Joseph Goebbels’ mit dem Aufruf zum Totalen Krieg sowie die Hinrichtung der Geschwister Scholl aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose.

Die Aufzeichnungen sind chronologisch geordnet, jeder Tag ergibt ein Kapitel. Dadurch liegt der Fokus weniger auf dem Verfolgen eines Einzelschicksals als in der vom Autor arrangierten Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Erfahrungen der verschiedenen Menschen. Längere Zwischentexte trennen die einzelnen Kapitel, auch sie nicht aus der Feder Kempowskis, von dem nur das Vorwort stammt. Der erste Eintrag jeden Tages stammt aus dem Bulletin von Adolf Hitlers Leibarzt Theo Morell. Die letzten Einträge sind den Notizen Heinrich Himmlers und dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Danuta Czech entnommen.


Textausschnitte (wird nachkorrigiert:)

Stalingrad 17.1.1943

"[...] Und dieser jungen Soldat hat halt angefangen, zu flehen, immer wieder zwischendurch ist, wie soll man sagen, der Code durch die Gewänder auf die untere Pritsche durch und – es waren so Anfälle – und er hat gejammert und geschrien und gesagt: Kamerad, erlöse mich doch! Meine Mutter, die wär dir ewig dankbar. Gib mir eine Kugel, du machst ein gutes Werk. Natürlich – was soll ich machen? Das ist eine schwere Frage. Ich habe versucht zu trösten, ich hab ihm zugesprochen und es dauert nicht mehr lange, dann kommt dieser Sanitäter herein und schreit – das muss so in der Früh. Ich weiß nicht, so 7, 8 Uhr gewesen sein–: Kamerad, komm, komm schnell, es kommen noch ein paar Maschinen. Das ist die letzte Möglichkeit, dass du wegkommst. Und da hab ich mich halt verabschiedet und mit ein paar Trost warten und hab mich davon geschlichen.  [...]" (Band IV, 1.1.-17.1.1943, S.776)


Ein Bericht vom Vormarsch der deutschen Truppen 21.2.1943

"[...] Es sei ein Krieg ebenso so sehr gegen das Gelände, wie gegen die Russen gewesen. Daß Munition von einer Trägerreihe knie- und hüfttief durch den Morast geschafft werden müsse, sei eine Mühe eigener Art, zumal wenn man überdies den Schutz der Nacht mit schlechten Sichtverhältnissen dazu brauche. Abgeschnittene und umzingelte Truppen von Russen hätten sich bis zu ihrer Ergebung oder Vernichtung von dem Fleisch Gefallener ernährt. Er zog aus seiner Brieftasche Aufnahmen von Menschenbeinen, deren Ober-  und Unterschenkelknochen der Muskeln entblößt, deren Füße hingegen vollständig verblieben waren; sogar von rings geöffneten Schädeln, denen das Gehirn entnommen, so das Gesicht belassen worden war. Ich konnte so Entsetzliches kaum fassen. 

Eine Weile hingen wir schweigend Vorstellungen nach, die uns in ähnliche Lagen versetzten, wie Soldaten sie erfahren hatten. [...]" (Band IV 16.-28.2.1943, S.296)


Görings Sonderzug                                                         März 1943 Karinhall 

"[...]Göring benutzte zwei Wagen des Sonderzug. Diese waren, wie alle anderen, Spezialanfertigungen. Sie waren mit Bleiplatten belastet, um dem Oberbefehlshaber das Schleudern zu ersparen. Jeder dieser zwei Wagen kostete, ohne seine Einrichtung, 680.000 DM, die anderen 300.000 DM. Absatz im ersten Wagen, von der Lokomotive gerecht her gerechnet, befand sich die fürstliche Garderobe, die unzähligen Uniformen, die Zivilanzüge, die berühmten Leder Wense, an denen er einen Narren gefressen hatte, die Morgen Röcke aus Brokat und Seide. Auch wurden hier die Degen aufbewahrt, die Schulterstücke und die Orden. Auch das Badezimmer enthielt dieser Wagen. Es war weiß gekachelt, daneben lag die Toilette. Wenn der Monarch dieses üppigen Zuges sich morgens zum Bad und nachfolgenden Frühstück an Sickte, musste der Zug, und natürlich auch der Vorzug, So lange stehen bleiben, bis beides erledigt war. Der eiserne liebt es nicht, wenn das Wasser in der Wanne schwappt. So blockierten wir hier oft ganze Strecken, und wenn es eine lange Strecke war, wie jene von Berchtesgaden nach Rastenburg in Ostpreußen, dann blockierten wir auch Hauptstrecke. Es spielte nicht die geringste Rolle, ob durch das Bad und Frühstück des Herrn Reichsmarschall hinter uns Transportzüge, Lazarett Züge und später die Flüchtlings für lange Stunden liegen geblieben; es war alles gleichgültig, und alles hat sich den persönlichen Wohl dieses Mannes und zu ordnen. Die Fahrpläne, die dann mit den zunehmenden Fliegerangriffen und den Zerstörungen der Bahnanlagen ohnehin nur noch mit unerhörten Schwierigkeiten und nur durch sagenhafte Pflichttreue und Aufopferung des Bahners also, durch dich aufrecht zu erhalten. Warenkorb wurden durch dieses Bad so verwirrt, das ist Tage brauchte, um wieder Ordnung zu schaffen. Ich sprach einige Male mit Übernächtigten, Erschöpften und Verzweifelten, mit jenen unbekannten Helden, die mit Zähnen und Klauen den ordnungsgemäßen Betrieb ihres Bereiches gegen alle Unordnung verteidigten. "Der ganze Fahrplan ist dahin", sagten sie. Sie fügten aber hinzu: "Das macht nichts. Wir werden es wieder hinkriegen. Hermann muss arbeiten können." [...]"(Band IV Epilog März 1943, S. 668/69 )


Fuga furiosa. Winter 1945



Der zweite Teil des Echolots ist erneut auf vier Bände aufgeteilt und behandelt den Zeitraum vom 12. Januar bis zu den Bombenangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Dazwischen liegen Hitlers Rückzug in den Führerbunker, die Großoffensive der Roten Armee, die darauf folgende Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten sowie die Vergewaltigungen der deutschen Zivilbevölkerung, die Todesmärsche von KZ-Häftlingen und die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, der Untergang der Wilhelm Gustloff und die Konferenz von Jalta.

Kempowskis Absicht war, „Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. [Es] kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge“, um die Leidenden zusammenzuführen. Dabei sah er sich als Chronist der in der deutschen Literatur zuvor wenig thematisierten Bombenangriffe und Flüchtlingsströme auch als Tabubrecher: „Wir müssen auch das erzählen dürfen.“[2] Neben den Einzelberichten aus dem ersten Teil sind auch offizielle Quellen in die Bände eingearbeitet: Zeitungsmeldungen, das Rundfunkprogramm und Wehrmachtberichte. Zudem wird die deutsche Perspektive um zahlreiche ausländische Aufzeichnungen ergänzt, die Kempowski seit Erscheinen des ersten Teils ausfindig gemacht hatte.


Abgesang ’45



Auch der letzte Teil des Echolots beschränkt sich auf einen Band und wird in der ausführlichen Darstellung weniger letzter Kriegstage zum Epilog des Projekts. Der Band beginnt mit dem letzten Führergeburtstag am 20. April 1945. Es folgen der 25. April, der Elbe Day mit dem ersten Zusammentreffen alliierter Truppen, und der 30. April, der Tag des Suizids Adolf Hitlers. Beschlossen wird der Band durch ein umfangreiches Kapitel zum Kriegsende durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht sowie die Reaktionen bei den Siegermächten und der deutschen Bevölkerung am 8. und 9. Mai 1945.

Eingerahmt sind die Ereignisse durch zwei Gedichte, Ludwig Uhlands Frühlingsglaube („Nun muß sich alles, alles wenden.“) und Friedrich Hölderlins Der Frühling („Der Menschen Thätigkeit beginnt mit neuem Ziele,/ So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.“)

Leseproben zu allen Bänden bei Penguin (Verlage)


Buchausgaben von Echolot


Zitat von Kempowski:

„Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein. […] Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.“

Walter Kempowski, 2007[23]

sieh auch: 

Deutsche Chronik 

(wird ergänzt)