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03 August 2020

Deutsche Freunde - Zwölf Doppelporträts

Deutsche Freunde - Zwölf Doppelporträts herausgegeben von Thomas Karlauf stellt 12 durchaus bemerkenswerte Freundschaften vor. Was aber gewiss nicht stimmt, ist, dass es, wie die Verlagsreklame es darstellt, die "schönsten Beispiele" für Freundschaft unter Männern wären. Zumindest die Beiträge über Metternich und Friedrich von Gentz sowie über die Fußballweltmeisterschaftsmannschaft von 1954 arbeiten deutlich heraus, dass es sich nicht um wirkliche Freundschaften handelte. 

"In zwölf Essays beschäftigt sich dieser Band mit dem facettenreichen Begriff Freundschaft. Inwieweit sind Freundschaften aus der Schul- oder Studienzeit prägend für die Entwicklung eines Menschen (Hegel, Schelling, Hölderlin)?; Warum suchen sich Politiker ihre Freunde unter Industriellen oder Bankiers (Adenauer, Heinemann)?; Die Altersfreundschaft zwischen Goethe und Zelter; Das Zweckbündnis von Metternich und Gentz; Die Bedeutung von Freundschaften unter Philosophen (Heidegger und Jaspers) und Naturwissenschaftlern (Einstein und Haber)"
(https://www.goodreads.com/book/show/5111471-deutsche-freunde-zw-lf-doppelportr-ts)

Am bemerkenswertesten erscheinen mir die Freundschaft Adenauers mit Dannie Heinemann, die eben nicht - wie bei goodreads angegeben - eine typische Freundschaft zwischen Politiker und Bankier mit gemeinsamen Interessen (wie etwa bei Adenauer und Robert Pferdmenges, dem Mitbegründer der CDU im Rheinland) war, sondern eine persönliche Freundschaft, die auch lange Perioden äußerer Entfernung und unterschiedlicher Interessen überstand. Und andererseits die zwischen Einstein und Fritz Haber dem "Vater des Gaskriegs" im Ersten Weltkrieg.
Über die beiden schreibt Fritz Stern unter dem Titel "Freunde im Widerspruch" (S.222ff.) Als Gemeinsamkeit der beiden sieht er ihre große Hingabe an die Wissenschaft an, die Einstein einmal folgendermaßen erklärte: "Der Gefühlszustand, der zu solchen Leistungen befähigt, ist dem des Religiösen oder Verliebten ähnlich; das tägliche Streben entspringt keinen Vorsatz oder Programm, sondern einen unmittelbaren Bedürfnis." 
Beide Männer besaßen diese Sendungsbewusstsein, diese Auffassung von Wissenschaft als Berufung zu einem besonderen Priestertum für einen Glauben, der gerade erst entstanden war. Haber und Einstein gehörten einer Generation an, die an den Grenzen des Wissens stand. [...] Noch gab es wenig Riesen, und diese verfügten souverän über ein breites Wissen." (S.228)
Haber und Einstein wählten in Übereinstimmung mit ihrer jeweiligen Herkunft, ihrem Charakter und ihrem Streben entgegengesetzte Wege. [...] Einsteins Entscheidungen waren ungewöhnlich und bestätigten seiner Außenseiterposition" (S.230/31)
"Einstein verließ Deutschland als freiwilliger Flüchtling und verzichtete gleichfalls auf seine Staatsbürgerschaft. Er verhielt sich so, um nicht in der deutschen Armee dienen zu müssen und aus Abneigung gegen das deutsche Leben. (S. 233)
Haber glaubte, die Wissenschaft habe in Kriegszeiten vielerlei Aufgaben, unter anderem auch, die Kampfkraft der Armee zu verbessern. [...] Haber erwies sich als glänzender Organisator, ja als Erbauer eines kriegswirtschaftlichen Imperiums, und er trieb rastlos seine Untergebenen ebenso an wie sich selber." ( S. 238) 

Der Krieg trennte Haber und Einstein zeitweilig; sie hatten an entgegengesetzten extremen Polen gestanden. Beide Männer waren – wie die Nation überhaupt durch den Krieg von Grund auf politisiert worden. [...] für Einstein bedeutete die Niederlage Befreiung, für Haber bedeutete sie Zerstörung [...] Haber und Einstein – wie auch ihre nächsten Freunde, darunter Plank, Laue und Nernst – akzeptierten, freilich oft mit tiefen Zweifeln, die neue Lage und versuchten, mit der neuen Regierung zu arbeiten, um das zu retten, was sie retten konnten. [...] zwischen den beiden Gruppen, zwischen der kleinen Gruppe vernünftiger Männer und der großen Masse vorurteilsgeladener Unzufriedener, gab es wiederholte Konflikte, die schließlich Haber, Einstein und ihren Freundeskreis wieder enger zusammen brachten." (S.240/41)
Über Einstein: "Nach dem Krieg und gewissermaßen durch den Krieg gerechtfertigt verschrieb er sich mehreren Idealen: dem Pazifismus, dem Internationalismus, dem Zionismus und einem gemäßigten Sozialismus, Ideale, die ihn der deutsche Imperialismus gelehrt hatte." (S.243)
"Rechtsstehende Kollegen und verschreckte Bürger verabscheuten Einstein. Dieser ließ sich nicht abschrecken. Er hielt Reden, schrieb Artikel und verwandte dabei einen eigenartigen, philosophisch-polemischen Stil, durchzogen von ironischen Bedauern über die Wahnvorstellungen und Schwäche der Menschen im allgemeinen und der Deutschen im besonderen. Er wusste, wie die deutsche Seele zu verletzen sei, und wurde oft genug provoziert, um sich dieser Fähigkeit zu bedienen. [...] Die gegen ihn gerichteten Angriffe bestätigten Einstein nur in seinem Misstrauen gegen die Deutschen und ihren – wie er es auch jetzt noch nannte – 'angeborenen Untertanengeist'. Haber teilte solche Verdächtigungen nicht. Auch er traf jedoch auf den dunklen Untergrund des deutschen Lebens durch die Verleumdungen, denen seine Freunde und zeitweilig ebenso er selbst ausgesetzt waren.
Die ersten Monate, nachdem Einstein zu Weltruhm aufgestiegen war, ließen die Zwiespältigkeit seiner öffentlichen Existenz in Deutschland hervortreten. Im Februar 1920 wurde seine Universitätsvorlesung unterbrochen. Der äußere Anlass war, dass Studenten gegen die Anwesenheit von Nicht-Studenten protestierten, die Presse hob jedoch antisemitische Untertöne hervor. (Seite 243/44)
"Haber und Einstein trafen einander in den Versammlungen der preußischen Akademie, welche Einstein mit erstaunlicher Regelmäßigkeit besuchte, und bei anderen beruflichen Anlässen. Des weiteren trafen sie sich bei halb-amtlichen oder geselligen Veranstaltungen und verbrachten manchmal ihre Ferien zusammen. [...] In den Jahren 1919/20 wurde Haber erneut der väterliche, praktische Freund, den Einstein brauchte und suchte. Einstein brauchte Haber als Vermittler in den Beziehungen zu seiner früheren Frau. Haber sagte Einstein, welche Beträge er an Mileva zu senden habe und wie er dies bewerkstelligen solle." (S. 245)
Einstein: "Keiner könne ihn beschuldigen, gegenüber seinen deutschen Freunden untreu zu sein, nachdem er Angebote aus aller Welt abgelehnt habe. 'Dies tat ich übrigens nicht aus Anhänglichkeit an Deutschland, sondern an meine lieben deutschen Freunde, von denen sie einer der ausgezeichnetsten und wohlwollensten sind.' " (S. 247)
"In den zwanziger Jahren war Einsteins pure Existenz ein Aktivposten für Deutschland, so zumindest sah es das Auswärtige Amt des Reiches. Seine Reisen nach Nord- und Südamerika, Asien und in Europa kamen einem Siegeszug gleich, der unvermeidlich auch den Deutschen zugute kam. (S. 247/48)
"Für Fritz Haber bedeutete der Aufstieg der Nazis das Ende seines aktiven Lebens." (S. 250) 

"Haber litt Seelenqualen, wie seine Briefe aus dieser Zeit erkennen lassen. Er fühlte sich zerrissen: Sorgen über die eigene materielle Existenz und seine Verpflichtung anderen gegenüber standen im Widerstreit mit seinem Gefühl, dass es für ihn unvereinbar war, jüdische Kollegen zu entlassen und gleichwohl in seinem Amt auszuharren. [...]
Habers Amtsniederlegung haftet etwas Ergreifendes und Beispielhaftes an. Es mag falsch sein, das Unglück eines Mannes in einer Zeit des Unheils hervorzuheben. Aber Habers Schicksal lässt exemplarisch die psychische (und insofern in einem gewissen Ausmaß auch die physische) Zerstörung dessen erkennen, was das Leben der deutschen Juden bestimmt hatte." (S. 251)


Eine besondere Rolle spielt auch Nietzsche Beziehung zu Erwin Rohde, der ohne Nietzsche wohl nur noch in Fachkreisen bekannt wäre, aber den Vorzug hatte, der erste wichtige Freund zu sein, auch wenn im späteren Leben auch Frauen wie Lou Andreas-Salomé, Malvidia von Meysenbug und nicht zuletzt auch der zeitweise mit  Lou Andreas-Salomé liierte Paul Rée für Nietzsche eine wichtige Rolle spielten.

21 Februar 2015

Clark in "Preußen" zu Friedrich II.

Friedrich II. schaffte die Folter 1740 schon drei Tage nach Regierungsantritt ab, zunächst freilich mit der Ausnahme von "Majestätsverbrechen und Landesverrat sowie Massenmord", um Komplizen ausfindig machen zu können. (S.300) 1750 nahm er diese Einschränkung des Folterverbots zurück.

Er nahm Johann Christian Edelmann, der in ganz Europa verfolgt wurde, in Berlin auf, ließ freilich seine Schriften verbrennen und erteilt ihm ein Publikationsverbot. (S.301) 

Trotz dieser Ambivalenzen sahen Aufklärer ihn als Verbündeten, und argumentierten "dass die Liebe des Königs bloße Untertanen in aktive Teilnehmer am öffentlichen Leben des Vaterlandes verwandeln könne" (S.302).
"Der berühmte Satz, den Kant Friedrich in den Mund legte, 'Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!', wurde nicht als Wahlspruch eines Despoten aufgefasst. Vielmehr sah man darin das Potential zur Selbstveränderung in einer aufgeklärten Monarchie." (S.302)

Die preußische Regierung stützte sich bei der Abfassung von Gesetzen sehr stark auf Konsultationen, auch wurde die Gesetzesreform, die zum preußischen Landrecht führen sollte, nicht nur Experten vorgelegt, sondern sogar ein öffentlicher Aufsatzwettbewerb ausgeschrieben, der zur Diskussion der Reform aufrief (S.303).

Im siebenjährigen Krieg vertraute Friedrich die staatliche Münzverwaltung zwei Juden an und ließ sie eine Münzverschlechterung einführen, die dem Staat 29 Millionen Taler einbrachte, dabei freilich auch Itzig und Ephraim den reichsten Männern Preußens zuführte. (S.305)

Von den Juden profitierte freilich nur der geringste Teil von dieser Offenheit. Die Masse blieb hoher Diskriminierung ausgesetzt, die viele in Kleinstwarenhandel oder offene Bettelei trieb. Schließlich hatte Friedrich seinerseits ein starkes antisemitisches Vorurteil und sah die Juden - wie frühere Herrscher vor ihm - primär als "Hilfe die Staatseinnahmen zu steigern" (S.306)

19 Februar 2015

Brandenburg-Preußen: Vom 30-jährigen zum siebenjährigen Krieg

Christopher Clark berichtet in "Preußen" (2006), dass die Kabinettskriege Friedrichs II. weit weniger Verheerungen als die im 30-jährigen Krieg verursachten, dass aber dennoch die Freikorps, die russischen Kosaken, die österreichischen Panduren und auch französische Korps, die nicht vom Staat mit Nachschub versehen wurden, sondern sich selbst "bezahlt" machten, schreckliche Gräueltaten vollbrachten. (S.251)
Schon im siebenjährigen Krieg, deutlicher noch im Bayerischen Erbfolgekrieg wusste Friedrich sich zum Vormann der Protestanten in Deutschland zu machen und dadurch sein Gegengewicht gegen den katholischen Kaiser zu verstärken. (S.259/60)
Erstmals im siebenjährigen Krieg kommt ein energischer preußischer Patriotismus auf, der sich extrem von der kritischen Haltung der lutherischen Brandenburger gegenüber ihren calvinistischen Kurfürsten in der Zeit des 30-jährigen Krieges und der Folgezeit unterschied. (Begeisterung für Fehrbellin war 1675 nur Sache einer kleinen Elite gewesen.) (S.261-274)
Christopher Clark: Preußen (2006)

Ein Kuriosum:
Kant hatte bei seinem Tode 1804 nur 450 eigene Bücher. Alle übrigen muss er sich ausgeliehen haben. Die meisten vermutlich beim Buchhändler Kanter, der Bücher nicht nur verkaufte, sondern  auch in einem Lesesaal zur Verfügung stellte und verlieh. (S.296)

*"[...] K.s eigentliche Wirkung – und das ist ein seltener Fall – ging von der Sortimentsbuchhandlung aus, über deren Modernität, Großzügigkeit, Lebendigkeit anschauliche Schilderungen vorliegen. Sie war gesellschaftlicher Treffpunkt, Diskussionsraum, Informationsstätte (über alle wichtigen Neuerscheinungen) für die Gelehrten, aber auch für Studenten. Vermutlich war sein Bücherangebot zu groß. Eine geschäftliche Krise machte sich schon 1769 bemerkbar, 1781 mußte auch die Buchhandlung verkauft werden, K.s andere Unternehmungen waren eine zu große Belastung. [...]" (NDB: Kanter)

11 Januar 2015

Friedrichs Fluchtversuch - Kattes Hinrichtung

Fontanes Schilderung des Fluchtversuchs von Friedrich II. und der Vorgänge bis zu Kattes Hinrichtung sowie einer Einordnung des Gesamtvorgangs ist recht genau. Deshalb werden hier zur Anregung nur kürzere Abschnitte daraus geboten. Jeder kann Fontanes Darstellung in den Wanderungen selbst nachlesen. 
Es gibt kaum einen Abschnitt in unserer Historie, der öfter behandelt worden wäre als die Katte-Tragödie. Aber so viele Schilderungen mir vorschweben, das Ereignis selbst ist bisher immer nur auf den Kronprinzen Friedrich hin angesehen worden. Oder wenigstens vorzugsweise. Und doch ist der eigentliche Mittelpunkt dieser Tragödie nicht Friedrich, sondern Katte. Er ist der Held, und er bezahlt die Schuld. Es ist meine Absicht, in nachstehendem dem die Ehre zu geben, dem sie gebührt. Und hierin wird sich meine Darstellung von der anderer nicht unwesentlich unterscheiden, indem sie sich eigens vorsetzt, von allem, was auf den Kronprinzen Fritz Bezug nimmt, nur das Unerläßliche zu geben, nur soviel, wie zum Verständnis des Ganzen überhaupt erforderlich ist. Das ist zunächst, als Grundlage der ganzen Tragödie: Der Fluchtversuch des Kronprinzen Schon im November 1729 hatte der Kronprinz vorgehabt, »weil Dero Herr Vater immer ungnädiger auf ihn geworden«, außer Landes zu gehen, und seitens des ins Vertrauen gezogenen Lieutenants von Keith, der damals Pagendienste beim Könige tat, waren einleitende Schritte geschehen, um die Flucht ins Werk zu setzen. Aber man stand schließlich von der Ausführung ab und nahm den Plan erst, nachdem auch ein Entweichen aus dem sächsischen Lager bei Mühlberg im Mai 1730 gescheitert war, im Juli letztgenannten Jahres wieder auf. [...]
Kein Zweifel, daß Katte, wenn er nur für seine Person besorgt gewesen wäre, vollauf Zeit gehabt hätte, sich zu retten; das ergibt sich aus den verschiedensten Angaben. Alles befleißigte sich, ihn zu warnen, und ein von Asseburg, der ihm begegnete, rief ihm zu: »Was, Katte, Sie noch hier!« Ja, man ging weiter und schob seine Verhaftung um mehrere Stunden hinaus. So wenigstens stellt es die Prinzessin Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth, in ihren Memoiren dar. »Der uns zugetane dänische Gesandte von Löwenör«, so schreibt sie, »hatte gehört, was sich gegen Katte vorbereitete. Sofort schrieb er an ihn und riet ihm, aufs schnellste abzureisen, weil er unstreitig arretiert werden würde. Katte bat sich infolge dieser Benachrichtigung einen ›kurzen Urlaub‹ aus, der ihm – da sein Regimentskommandeur, Oberst von Pannewitz, von den umlaufenden Gerüchten zu jener Stunde noch nichts gehört haben mochte – auch ohne weiteres bewilligt wurde. Und so war denn eine vorzügliche Gelegenheit zur Flucht gegeben. Aber Katte sah sich verhindert, unmittelbaren Gebrauch davon zu machen, weil ein Sattel, in dem er Geld und Wertsachen zu verbergen vorhatte, leider noch nicht fertig war. So verging Zeit. Diese wandte er an, um alle Papiere zu verbrennen. Das war gut. Und nun endlich kam das Pferd, der Sattel war da, und er wollt es eben besteigen, als der Feldmarschall von Natzmer (in Wahrheit war es der vorgenannte Oberst von Pannewitz) erschien, um ihn im Namen des Königs zu verhaften. Katte übergab ihm, ohne die Farbe zu wechseln, den Degen und wurde sogleich auf die Wache des Regiments abgeführt. [...]
Man legte all seine Sachen in Gegenwart des Feldmarschalls – der betretener als sein Gefangener schien – unter Siegel. Der alte Herr hatte länger als drei Stunden mit Ausführung des königlichen Befehls gezögert und war sehr böse, Katten noch vorzufinden.« So die Markgräfin in einer durch die ganzen Memoiren sich hinziehenden Mischung von Falschem und Richtigem. [...]
Nach dem Bilde, das ich aus der Lektüre der zeitgenössischen Aufzeichnungen gewonnen habe, liegen die Dinge viel natürlicher und namentlich viel ehrenvoller für Katte. Er war einfach mit Aufträgen und Verpflichtungen überbürdet, indem er, wie schon angedeutet, nicht bloß an sich, sondern vor allem auch an den Kronprinzen, an die Königin und die Prinzessin Wilhelmine zu denken hatte. Und so glaube ich ihm nur gerecht zu werden, wenn ich ihn als ein Opfer seiner ritterlichen Gesinnung hinstelle, der er denn auch – was im übrigen immer seine Fehler gewesen sein mögen – bis zum letzten Atemzuge treu geblieben ist. [...]
Als Katte den Gefürchteten eintreten sah, warf er sich vor ihm nieder. Der König aber riß ihm das Johanniterkreuz vom Halse, mißhandelte ihn mit dem Stock und trat ihn mit Füßen. Alsdann befahl er dem schon vorher herbeigerufenen Generalauditeur Mylius, unverzüglich mit dem Verhör zu beginnen. Katte bewies eine Standhaftigkeit, die den König in Verwunderung setzte, und gestand nur ein, von der Flucht des Kronprinzen gewußt und die Absicht, ihm zu folgen, gehabt zu haben. Auf die Frage jedoch, »an welchen Hof der Prinz sich habe begeben wollen«, antwortete er, »das wisse er nicht«. Und danach wurde er in die Gensdarmenwache zurückgebracht. [...]
Die dasselbe bildenden oder, richtiger, die innerhalb desselben den Ausschlag gebenden Männer fällten vielmehr über den Kronprinzen, »weil er jenseits ihrer Kompetenz läge«, gar kein Urteil und verurteilten Katte zu lebenslänglicher Festungsstrafe. Dies ist kurz das Tatsächliche. [...]
Aus meiner gesunden Vernunfft aber und vor mich ich nicht anders begreifen kann, als daß auch in denen größten Verbrechen ein sonderbahrer Unterschied zwischen wirklicher Vollziehung der vorgenommenen bösen That und zwischen denen dazu allererst genommenen Mesures seyn müsse, und eine Lebens Straffe zwar bey jener, nicht aber bey diesen stattfinden könne. Und da es in diesem Falle noch zu keiner wirklichen Desertion gekommen, so kann ich nach meinem besten Wißen und Gewißen, auch dem theuer geleisteten Richter-Eyde gemäß, den Katten mit keiner Lebens-Straffe, sondern mit ewigem Gefängniß zu belegen mich entschließen.« [...]
– dem zu Schloß Wusterhausen in finsterer Ungeduld wartenden König eingehändigt. Er war nicht befriedigt und sandte folgende Bemerkung zurück: »Sie sollen Recht sprechen und nit mit dem Flederwisch darübergehen. Das Kriegsgericht soll wieder zusammenkommen und anders sprechen.« Auf der Rückseite des Blattes stand von der Hand des Königs: »5. Buch Mose, Kap. 17, Vers 8 bis 12. Zweites Buch Samuelis, Kap. 18, Vers 10 bis 12. Zweites Buch Chronika, Kap. 19, Vers 5 bis 7.« Im 5. Buch Moses heißt es an der Hauptstelle: »Und du sollst dich halten nach dem Gesetz, das sie dich lehren, und nach dem Recht, das sie dir sagen, daß du von demselben nicht abweichest, weder zur Rechten noch zur Linken.« [...]
Aber alle diese Mahnungen zu größerer Strenge waren vergeblich. Das Kriegsgericht blieb bei seinem Spruch, und Achaz von der Schulenburg, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender, antwortete unterm 31. Oktober: »Nachdem er nochmals reiflich erwogen und wohl überleget, finde er sich in seinem Gewissen überzeuget, daß es dabei bleiben müsse und solches zu ändern ohne Verletzung seines Gewissens nicht geschehen könne noch in seinem Vermögen stehe.« [...]
Katte bewahrte gute Haltung. »Ich bin«, sagte er, »völlig in die Fügungen der Vorsehung und den Willen des Königs ergeben. Ich habe keine schlechte Handlung verübt, und wenn ich sterbe, so ist es um einer guten Sache willen.« [...]
Ist gleich die Art des Todes bitter und herbe, so ist die Hoffnung und die Gewißheit der künftigen Seligkeit desto süßer und angenehmer! Ist es gleich mit Schimpf und Schmach verknüpfet, so ist es doch nicht im Vergleich der künftigen Herrlichkeit! Trösten Sie sich, mein Vater! Hat Ihnen doch Gott mehr Söhne gegeben, denen er vielleicht mehr Glück in dieser Welt geben wird, und Ihnen, mein Vater, die Freude in denenselben erleben lassen, die Sie vergebens an mir gehoffet. Welches ich Ihnen von Grund meiner Seele wünsche. Unterdessen danke mit kindlichem Respekt für alle mir erwiesene Vatertreue, von meiner Kindheit an bis zur jetzigen Stunde. Gott der Allerhöchste vergelte Ihnen tausendfach die mir erzeigte Liebe und ersetze Ihnen durch meine Brüder, was bei mir rückständig geblieben. Er erhalte und bewahre Sie bis in Ihr hohes und graues Alter und speise Sie mit Wohlergehen und tränke Sie mit der Gnade seines Geistes. Ihr bis in den Tod getreuer Sohn Hans Hermann von Katt. 
Nachschrift. Was soll ich aber ihnen, liebwerteste Mama, die ich so sehr, als hätte uns das Band der Natur verbunden« (sie war seine Stiefmutter), »geliebet, und Euch, liebwerteste Geschwister, wie soll ich mein Andenken bei Euch stiften? Mein Zustand läßt nicht zu, alles, was ich auf dem Herzen habe, Euch vorzustellen; ich stehe vor der Pforte des Todes, muß also bedacht sein, mit einer gereinigten und geheiligten Seele einzugehen, kann also keine Zeit versäumen. H. H. v. K.«  

21 Dezember 2014

Oberamtmann Fromme berichtet über eine Inspektionsreise Friedichs II. im Dossebruch

Etwa bei Wusterhausen, wenn wir dem Lauf des Flusses folgen, beginnt das Dossebruch. Es hatte vordem so ziemlich denselben Sumpfcharakter wie das Oderbruch, alles lag wüst und befand sich in einem Urzustande. Werftweiden, Elsen und anderes Gebüsch bedeckten den größten Teil der Niederung, und nur hier und da lagen Stellen über dem Wasser, die nun als Wiesen und Weide dienten. Dreetz und Sieversdorf, mitten im Bruch auf zwei Sandschollen erbaut, hatten ungeheure Feldmarken, ohne sie recht benutzen zu können, weil das Vieh im Sumpfe steckenblieb. Schon die Namen der einzelnen Örtlichkeiten hatten schlimmen Klang: Dolenbusch, Brand und der Tarterwinkel.
Kolonisationsversuche wurden ziemlich früh gemacht. Bereits der Landgraf von Hessen-Homburg begann Abzugsgräben zu ziehen; später suchte König Friedrich Wilhelm I. (und zwar nach Entwässerung des Havelländischen Luches) auch hier die Kanalisierung in ein System zu bringen. Aber erst unter dem großen Könige kamen die Dossebrucharbeiten zu verhältnismäßigem Abschluß. An Widerstand hatten es die Nächstbeteiligten nicht fehlen lassen; ihrer Auflehnungen indes war man bald Herr geworden. Wo nicht freier Wille zu Hilfe kam, erfolgte Zwang.
1778 endigten die Vorarbeiten: 15000 Morgen Land waren gewonnen, 25 neue Dörfer und Ortschaften gegründet, 1500 Ansiedler angesetzt. Der König wollte nunmehr mit eigenen Augen sehen, was hier geschaffen worden sei.
Den 23. Juli 1779 brach er zu diesem Behufe fünf Uhr morgens von Potsdam auf, und ging zunächst über Fahrland, Dyrotz, Wustermark, Nauen und Königshorst bis Seelenhorst.
Hier, in Seelenhorst, trat der König in den Fehrbelliner Amtsbezirk ein, und statt des Königshorster Amtsrats, der auf der Fahrt durch's Havelländische Luch den Führer gemacht hatte, erschien nunmehr der Oberamtmann Fromme neben dem Wagen des Königs, um Seine Majestät durch das Fehrbelliner Revier hin zu geleiten. Der König fand Wohlgefallen an ihm, stellte viele Fragen und behielt ihn mehrere Stunden lang an seiner Seite.
Fromme hat in einem Schreiben an den alten Vater Gleim, der sein Onkel war, alles aufgezeichnet, was er in diesen denkwürdigen Stunden erlebt oder aus dem Munde des Königs vernommen hat, und es ist nunmehr Fromme, den ich in nachstehendem sprechen lasse.

Frommes Berich ist bei der ersten (leider auch bei der zweiten) Lektüre ziemlich ermüdend, weil Fromme nicht zusammenfasst, sondern protokollartig (mitschreiben konnte er zu Pferde schwerlich) von seinem Gespräch mit Friedrich II. berichtet.

So ermüdend das ist, so aufschlussreich ist es auch. Friedrich prüft seinen Oberamtmann, teilweise stellt er ein Verhör an, durchweg versucht er zu lernen und sich nichts vormachen zu lassen. Er versucht durchaus, dem Amtmann durch seine Sach- und Personenkenntnis zu imponieren, zeigt aber nichts von der freundlichen Aufgeschlossenheit, die ein demokratischer Politiker (notgedrungen?) an den Tag legen würde. Der hier vorliegende Abschnitt besteht nur aus Teilen des Gesprächs, das Fontane wiedergibt. Man kann es im Original der Wanderungen vollständig lesen. (S.361 - 377)

Friedrichs 11. Besuch im Rhin- und Dossebruch

Um acht Uhr morgens kamen Ihro Majestät auf Seelenhorst an und hatten den Herrn General Grafen von Görtz im Wagen bei sich. Ihro Majestät sprachen bei der Umspannung mit den Zietenschen Husaren-Offiziers, die auf den umliegenden Dörfern auf Grasung standen, und bemerkten mich nicht. Weil die Dämme zu schmal sind, konnte ich neben dem Wagen nicht reiten. (Fromme ritt also vorauf oder hinterher.) In Dechtow bekamen Ihro Majestät den Herrn Rittmeister von Zieten, dem Dechtow gehört, zu sehen, und behielten ihn – der Weg war hier breiter – neben sich, bis dahin, wo die Dechtowsche Feldmark zu Ende geht. [...]
Nun kamen Ihro Majestät zu Fehrbellin an, sprachen daselbst mit dem Lieutenant Probst vom Zieten'schen Husaren-Regiment (Schon sein Vater stand als Rittmeister bei den Zieten'schen.) und mit dem Fehrbellinischen Postmeister Hauptmann von Mosch. Als angespannt war, wurde die Reise fortgesetzt, und da Ihro Majestät gleich danach an meinen Gräben, die im Fehrbellinischen Luch auf königliche Kosten gemacht sind, vorbei fuhren, so ritt ich an den Wagen und sagte: Ihro Majestät, das sind schon zwei neue Gräben, die wir durch Ihro Majestät Gnade hier erhalten haben, und die das Luch uns trocken erhalten.
König. So so; das ist mir lieb! Wer seid Ihr.
Fromme. Ihro Majestät, ich bin der Beamte hier von Fehrbellin.
König. Wie heißt Ihr?
Fromme. Fromme.
König. Ha ha! Ihr seid ein Sohn von dem Landrath Fromme.
Fromme. Ihro Majestät halten zu Gnaden, mein Vater ist Amtsrath im Amte Lähme gewesen.
König. Amtsrath! Amtsrath! Das ist nicht wahr! Euer Vater ist Landrath gewesen. Ich habe ihn recht gut gekannt. Sagt mir einmal, hat Euch die Abgrabung des Luchs hier viel geholfen?
Fromme. O ja, Ihro Majestät!
König. Haltet Ihr mehr Vieh als Euer Vorfahr?
Fromme, Ja, Ihro Majestät! Auf diesem Vorwerk halt' ich vierzig, auf allen Vorwerken siebenzig Kühe mehr!
König. Das ist gut. Die Viehseuche ist doch nicht hier in der Gegend?
Fromme. Nein, Ihro Majestät.
König. Habt ihr die Viehseuche hier gehabt?
Fromme. Ja!
König. Braucht nur fein fleißig Steinsalz, dann werdet Ihr die Viehseuche nicht wieder bekommen.
Fromme. Ja, Ihro Majestät, das brauch' ich auch; aber Küchensalz thut beinah eben die Dienste.
König. Nein, das glaubt nicht! Ihr müßt das Steinsalz nicht klein stoßen, sondern es dem Vieh so hinhangen, daß es dran lecken kann.
Fromme. Ja, es soll geschehen. [...]
König. Warum ist aber der Alte nicht geblieben?
Fromme. Ist gestorben.
König. So hätte doch die Wittwe das Amt behalten können.
Fromme. Ist in Armuth gerathen.
König. Durch Frauenwirthschaft?
Fromme. Ihro Majestät verzeihen, sie wirthschaftete gut, allein die vielen Unglücksfälle haben sie zu Grunde gerichtet; die können den besten Wirth zurücksetzen. Ich selber habe vor zwei Jahren das Viehsterben gehabt, und habe keine Remission erhalten; ich kann auch nicht wieder vorwärts kommen.
König. Mein Sohn, heut hab' ich Schaden am linken Ohr, ich kann nicht gut hören.
Fromme. Das ist schon eben ein Unglück, daß der geheimde Rath Michaelis den Schaden auch hat! (Nun blieb ich ein wenig vom Wagen zurück: ich glaubte, Ihro Majestät würden die Antwort ungnädig nehmen.)
König. Na! Amtmann, vorwärts! bleibt beim Wagen, aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht unglücklich seid. Sprecht nur laut, ich verstehe recht gut. (Diese Worte wiederholten Ihro Majestät wenigstens zehnmal auf der Reise.) Sagt mir mal, wie heißt das Dorf da? rechts.
Fromme. Langen.
König. Wem gehörts?
Fromme. Ein Drittel Ihro Majestät, unter dem Amte Alten-Ruppin; ein Drittel dem Herrn von Hagen; und dann hat der Dom zu Berlin auch Unterthanen darin.
König. Ihr irrt Euch, der Dom zu Magdeburg!
Fromme. Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin.
[365] König. Es ist aber nicht wahr, der Dom zu Berlin hat keine Unterthanen.
Fromme. Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin hat in meinem Amtsdorfe Carwesee drei Unterthanen.
König. Ihr irrt Euch, das ist der Dom zu Magdeburg.
Fromme. Ihro Majestät, ich müßte ein schlechter Beamter sein, wenn ich nicht wüßte, was in meinen Amtsdörfern für Obrigkeiten sind.
König. Ja, dann habt Ihr Recht! Sagt mir einmal: hier rechts muß ein Gut liegen, ich kann mich nicht auf den Namen besinnen, nennt mir die Güter, die hier rechts liegen.
Fromme. Buskow, Radensleben, Sommerfeld, Beetz, Karwe.
König. Recht! Karwe. Wem gehört das Gut?
Fromme. Dem Herrn von Knesebeck.
König. Ist er in Diensten gewesen?
Fromme. Ja! Lieutenant oder Fähnrich unter der Garde.
König. Unter der Garde? (An den Fingern zählend.) Ihr habt recht, er ist Lieutenant unter der Garde gewesen! Das freut mich sehr, daß das Gut noch in Knesebeck'schen Händen ist. – Na! sagt mir einmal, der Weg, der hier den Berg hinauf geht, geht nach Ruppin, und hier links ist die große Straße nach Hamburg?
Fromme. Ja, Ihro Majestät!
König. Wißt Ihr, wie lang es ist, daß ich nicht bin hier gewesen?
Fromme. Nein!
König. Das sind dreiundvierzig Jahr! Kann ich Ruppin liegen sehen?
Fromme. Ja, Ihro Majestät, der Thurm, so hier rechts über die Tannen herüber sieht, ist Ruppin!
König (mit dem Glas aus dem Wagen lehnend). Ja, ja, das ist er, ich kenn' ihn noch. – Kann ich Tramnitz liegen sehen?
Fromme. Nein, Ihro Majestät. Tramnitz liegt zu weit links, dicht an Kyritz.
König. Werden wir's nicht sehen, wenn wir besser hinkommen?
Fromme. Es könnte sein, bei Neustadt, aber ich zweifle.
König. Das ist schade! Kann ich Bechlin liegen sehen?
Fromme. Jetzt nicht, Ihro Majestät; es liegt zu sehr im Grunde. Wer weiß, ob es Ihro Majestät gar werden sehen können?
König. Na! gebt Achtung, und wenn Ihr's seht, so sagts! – Wo ist der Beamte von Alten-Ruppin?
Fromme. In Protzen beim Vorspann wird er sein!
[366] König. Können wir noch nicht Bechlin68 liegen sehn?
Fromme. Nein!
König. Wem gehört's itzo?
Fromme. Einem gewissen Schönermark.
König. Ist er von Adel?
Fromme. Nein!
König. Wer hat's vor ihm gehabt?
Fromme. Der Feldjäger Ahrens; der hat's von seinem Vater ererbt. Das Gut ist immer in bürgerlicher Familie gewesen.
König. Das weiß ich! Wie heißt das Dorf hier vor uns?
Fromme. Walchow.
König. Wem gehört's?
Fromme. Ihnen, Ihro Majestät, unter dem Amte Alten-Ruppin.
König. Wie heißt das Dorf hier vor uns?
Fromme. Protzen.
König. Wem gehört's?
Fromme. Dem Herrn von Kleist.
König. Was ist das für ein Kleist?
Fromme. Ein Sohn vom General Kleist.
König. Von welchem General Kleist?
Fromme. Der Bruder von ihm ist Flügeladjutant bei Ihro Majestät gewesen, und steht itzt zu Magdeburg beim Kalkstein'schen Regiment, als Obristlieutenant.
König. Ha ha! von dem? die Kleiste kenn' ich recht gut. Ist dieser Kleist auch in Diensten gewesen?
Fromme: Ja, Ihro Majestät; er ist Fähnrich gewesen unter dem Prinz Ferdinand'schen Regiment.
König. Warum hat der Mann seinen Abschied genommen?
Fromme. Das weiß ich nicht!
König. Ihr könnt's mir sagen; ich suche nichts darunter. Warum hat der Mann seinen Abschied genommen?
Fromme. Ihro Majestät, ich kann's wirklich nicht sagen. –
Nun waren wir an Protzen heran. Ich wurde gewahr, daß der alte General von Zieten in Protzen vor dem Edelhofe stand. Ich ritt an den Wagen heran und sagte: Ihro Majestät, der Herr General von Zieten sind auch hier.
[367] König. Wo? wo? o reitet vor, und sagt's den Leuten, sie sollen still halten; ich will aussteigen. –
Nun stiegen Ihro Majestät hier aus, und freuten sich außerordentlich über die Anwesenheit des Herrn Generals von Zieten, sprachen mit ihm und dem Herrn von Kleist über mancherlei Sachen, ob ihm die Abgrabung des Luchs geholfen? ob er die Viehseuche gehabt? und empfahl das Steinsalz gegen die Viehseuche. Mit einemmal gingen Ihro Majestät bei Seite, kamen wieder und riefen: Amtmann! (Dicht am Ohr.) »Wer ist der dicke Mann da mit dem weißen Rock?« (Ich ebenfalls dicht am Ohr.) »Ihro Majestät, es ist der Landrath von Quast auf Radensleben vom Ruppinischen Kreise.«
König. Schon gut!
Nun gingen Ihro Majestät wieder zum General von Zieten und Herrn von Kleist, und sprachen von verschiedenen Sachen. Herr von Kleist präsentirte Seiner Majestät sehr schöne Früchte. Sie bedankten sich; mit einemmal drehten Sie sich um und sagten: »Serviteur, Herr Landrath!« Als nun selbiger auf Ihro Majestät zugehen wollte, sagten Ihro Majestät: »Bleib er nur da, ich kenn' ihn, er ist der Landrath von Quast!«
Nun war angespannt. Ihro Majestät nahmen recht zärtlichen Abschied von dem alten General von Zieten, empfahlen sich den übrigen, und fuhren fort. [...]
König. Oh, es ist unstreitig eine gute Ernte. – Aber sagt mir doch, warum hat der Kleist aus Protzen seinen Abschied genommen?
Fromme. Ihro Majestät, ich weiß es nicht! Mir deucht, er hat vom Vater müssen die Güter annehmen. Ein andre Ursach weiß ich nicht.
König. Wie heißt das Dorf hier vor uns?
Fromme. Garz.
König. Wem gehört's?
Fromme. Dem Kriegsrath von Quast.
König. Wem gehört's?
Fromme. Dem Kriegsrath von Quast.
König. Ei was! Ich will von keinem Kriegsrath was wissen! Wem gehört das Gut?
Fromme. Dem Herrn von Quast.
König. Na! das ist recht geantwortet. –
Nun kamen Ihro Majestät in Garz an! Die Umspannung besorgte Herr von Lüderitz aus Nakel, als erster Deputirter des Ruppin'schen Kreises. Dieser hatte einen Hut auf mit einer weißen Feder! Als nun die Anspannung geschehen war, ging die Reise gleich fort.
König. Wem gehört das Gut hier links?
Fromme. Dem Herrn von Lüderitz; es heißt Nakel.
König. Was ist das für ein Lüderitz?
Fromme. Ihro Majestät, der in Garz beim Vorspann war.
König. Haha! der Herr mit der weißen Feder. – Säet Ihr auch Weizen?
Fromme. Ja, Ihro Majestät.
König. Wie viel habt Ihr ausgesäet?
Fromme. Drei Wispel, zwölf Scheffel.
König. Wie viel hat Euer Vorfahr ausgesäet?
[369] Fromme. Vier Scheffel.
König. Wie geht das zu, daß Ihr so viel mehr säet, als Euer Vorfahr?
Fromme. Wie ich schon die Gnade gehabt, Ihro Majestät zu sagen, daß ich siebenzig Stück Kühe mehr halte, als mein Vorfahr, mithin meinen Acker besser in Stand setzen und Weizen säen kann!
König. Aber warum bauet Ihr keinen Hanf?
Fromme. Er geräth hier nicht. In kaltem Klima geräth er besser. Unsere Seiler können den russischen Hanf in Lübeck wohfeiler kaufen, und besser, als ich ihn bauen kann.
König. Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr sonst Hanf hinsäet?
Fromme. Weizen!
König. Warum bauet Ihr aber kein Färbekraut, keinen Krapp?
Fromme. Er will nicht fort, der Boden ist nicht gut genug.
König. Das sagt Ihr nur so: Ihr hättet sollen die Probe machen.
Fromme. Das hab' ich gethan; allein sie ist mir fehlgeschlagen, und als Beamter kann ich viel Proben nicht machen; denn wenn sie fehlschlagen, muß doch die Pacht bezahlt sein.
König. Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr würdet Färbekraut hinbringen?
Fromme. Weizen!
König. Na! so bleibt beim Weizen! Eure Unterthanen müssen recht gut im Stande sein?
Fromme. Ja, Ihro Majestät! Ich kann aus dem Hypothekenbuche beweisen, daß sie an fünfzigtausend Thaler-Kapital haben.
König. Das ist gut!
Fromme. Vor drei Jahren starb ein Bauer, der hatte eilf tausend Thaler in der Bank.
König. Wie viel?
Fromme. Eilf tausend Thaler.
König. So müßt Ihr sie auch immer erhalten!
Fromme. Ja! es ist recht gut, Ihro Majestät, daß der Unterthan Geld hat; aber er wird auch übermüthig wie die hiesigen Unterthanen, welche mich schon siebenmal bei Ihro Majestät verklagt haben, um vom Hofedienst frei zu sein.
König. Sie werden auch wohl Ursach dazu gehabt haben.
Fromme. Sie werden gnädigst verzeihen: es ist eine Untersuchung gewesen, und ist befunden, daß ich die Unterthanen nicht gedrückt, sondern immer Recht gehabt, und sie nur zu ihrer[370] Schuldigkeit angehalten habe! dennoch bleibt die Sache, wie sie ist: die Bauern werden nicht bestraft; Ihro Majestät geben den Unterthanen immer Recht, und der arme Beamte muß Unrecht haben!
König. Ja! daß Ihr Recht bekommt, mein Sohn, das glaub' ich wohl: Ihr werdet Euerm Departementsrath brav viel Butter, Kapaunen und Puters schicken.
Fromme. Nein, Ihro Majestät, das kann man nicht; das Getreide gilt nichts. Wenn man für andre Sachen nicht einen Groschen Geld einnähme, wovon sollte man die Pacht bezahlen?
König. Wohin verkauft Ihre eure Butter, Kapaunen und Puters?
Fromme. Nach Berlin.
König. Warum nicht nach Ruppin?
Fromme. Die mehrsten Bürger halten Kühe, so viel als sie zu ihrem Aufwand brauchen! Der Soldat ißt alte Butter; der kann die frische nicht bezahlen!
König. Was bekommt Ihr für die Butter in Berlin?
Fromme. Vier Groschen für das Pfund. Der ruppinische Soldat aber kauft die alte Butter für zwei das Pfund.
König. Aber eure Kapaunen und Puter könnt Ihr doch nach Ruppin bringen?
Fromme. Beim ganzen Regiment sind nur vier Stabsoffiziere, die gebrauchen nicht viel! und die Bürger leben nicht delicat; die danken Gott, wenn sie Schweinefleisch haben.
König. Ja, da habt Ihr Recht! die Berliner essen gern was Delicates. – Na! macht mit den Unterthanen, was Ihr wollt; nur drückt sie nicht!
Fromme. Ihro Majestät, das wird mir nicht einfallen, und keinem rechtschaffnen Beamten.
König. Sagt mir einmal, wo liegt hier Stölln?
Fromme. Stölln können Ihro Majestät nicht sehen. Die großen Berge dort links sind die Berge bei Stölln, auf welchen Ihro Majestät alle Kolonien übersehen können!
König. So? das ist gut! dann reitet mit bis dahin. –
Nun kamen Ihro Majestät an eine Menge Bauern, die Roggen mäheten, zwei Glieder machten, die Sensen strichen, und Ihro Majestät so durchfahren ließen.
König. Was Teufel wollen die Leute? die wollen wohl gar Geld von mir haben?
Fromme. O nein, Ihro Majestät! Sie sind voll Freuden, daß Sie so gnädig sind, und die hiesige Gegend bereisen.
[371] König. Ich werd' ihnen auch nichts geben! Wie heißt das Dorf hier vorn?
Fromme. Barsikow.
König. Wem gehört's?
Fromme. Dem Herrn von Mütschefall.
König. Was ist das für ein Mütschefall?
Fromme. Er ist Major gewesen unter dem Regiment, das Ihro Majestät als Kronprinz gehabt haben. [...]
König. [...] Macht Ihr sonst noch Proben mit ausländischem Getreide?
[372] Fromme. O ja! Dieses Jahr habe ich spanische Gerste gesäet. Allein sie will nicht recht einschlagen; ich gehe wieder ab. Aber den holsteinischen Staudenroggen find' ich gut!
König. Was ist das für Roggen?
Fromme. Er wächst im Holsteinischen in der Niederung. Unterm zehnten Korn hab ich ihn noch nie gehabt!
König. Nu, nu! nicht gleich das zehnte Korn!
Fromme. Das ist nicht viel! Belieben Ihro Majestät den Herrn General von Görz zu fragen, die werden Ihnen sagen, daß dies im Holsteinischen nicht viel ist. –
Nun sprachen Sie in dem Wagen eine Weile von dem Roggen. Mit einemmal riefen Ihro Majestät aus dem Wagen: Na! so bleibt bei den Holsteinischen Staudenroggen, und gebt den Unterthanen auch welchen.
Fromme. Ja, Ihro Majestät!
König. Aber macht mir einmal eine Idee: wie hat das Luch ausgesehen, ehe es abgegraben war?
Fromme. Es waren lauter hohe Hüllen, dazwischen setzte sich das Wasser. Bei den trockensten Jahren konnten wir das Heu nicht herausfahren, sondern wir mußten's in großen Miethen setzen. Im Winter nur, wenn's scharf gefroren hatte, konnten wir's herausfahren. Nun aber haben wir die Hüllen herausgehauen, und die Gräben, die Ihro Majestät machen lassen, ziehen das Wasser ab. Nun ist das Luch so trocken, wie Ihro Majestät sehen, und wir können unser Heu herausfahren, wann wir wollen.
König. Das ist gut! Halten Eure Unterthanen auch mehr Vieh wie sonst?
Fromme. Ja!
König. Wie viel wohl mehr?
Fromme. Mancher eine Kuh, mancher zwo, nachdem es sein Vermögen verstattet.
König. Aber wie viel halten sie wohl sämmtlich mehr? ohngefähr nur!
Fromme. Bis einhundert und zwanzig Stück!
Nun mußten Ihro Majestät wohl den Herrn General von Görz gefragt haben, woher ich ihn kennte? weil ich wegen des holsteinischen Roggens zu Ihro Majestät sagte: Sie möchten nur den General nach dem Roggen fragen; und hat der Herr General vermuthlich, der Wahrheit gemäß, geantwortet: daß er mich im Holsteinischen kennengelernt, und daß ich daselbst Pferde gekauft hätte, auch in Potsdam mit Pferden gewesen wäre. Mit einemmal sagten Ihro Majestät:[373]
Hört! Ich weiß, Ihr seid ein Liebhaber von Pferden. Geht aber ab davon und zieht Euch Kühe dafür; Ihr werdet Eure Rechnung besser dabei finden.
Fromme. Ihro Majestät, ich handle nicht mehr mit Pferden. Ich ziehe mir nur etliche Füllen alle Jahr.
König. Zieht Euch Kälber dafür, das ist besser!
Fromme. Oh, Ihro Majestät, wenn man sich Mühe giebt, ist kein Schade bei der Pferdezucht. Ich kenne jemand, welcher vor zwei Jahren tausend Thaler für einen Hengst von seinem Zuwachs bekam.
König. Der ist ein Narr gewesen, der sie gegeben hat!
Fromme. Ihro Majestät, es war ein Mecklenburgischer Edelmann.
König. Er ist aber doch ein Narr gewesen. –
Nun kamen wir auf das Territorium des Amts Neustadt, wo der Amtsrath Klausius, der das Amt in Pacht hat, auf der Grenze hielt, und Ihro Majestät vorbeireisen ließ. Weil mir aber das Sprechen schon sehr sauer wurde, Ihro Majestät immer nach den Dörfern fragte, so hier in Menge sind, und ich immer den Gutsbesitzer mit nennen und sagen mußte, welche von ihnen Söhne im K. Dienst hätten, so holt' ich den Herrn Amtsrath Klausius an den Wagen heran und sagte: Ihro Majestät, das ist der Amtsrath Klausius vom Amt Neustadt, unter dessen Jurisdiktion die Kolonien stehen.
König. So, so! das ist mir lieb! Laßt ihn herkommen!69 – Wie heißt Ihr?
Amtsrath. Klausius!
König. Klau-si-us. Na, habt Ihr viel Vieh hier auf den Kolonien?
Amtsrath: Achtzehnhundert sieben und achtzig Stück Kühe. Ihro Majestät! Es würden weit über dreitausend sein, wenn nicht die Viehseuche gewesen wäre.
König. Vermehren sich auch die Menschen gut? giebt's brav Kinder?
Amtsrath: O ja, Ihro Majestät; es sind itzt funfzehnhundert sechs und siebenzig Seelen auf den Kolonien!
König. Seid Ihr auch verheirathet?
Amtsrath: Ja, Ihro Majestät!
[374] König. Habt Ihr auch Kinder?
Amtsrath: Stiefkinder, Ihro Majestät!
König: Warum nicht eigene?
Amtsrath. Das weiß ich nicht, Ihro Majestät, wie das zugeht.
König (zu mir). Hört: ist die Mecklenburgische Grenze noch weit von hier?
Fromme. Nur eine kleine Meile. Es sind aber nur etliche Dörfer, die mitten im Brandenburgischen liegen. Sie heißen Netzeband und Rossow.
König. Ja, ja! sie sind mir bekannt. Das hätt' ich aber doch nicht geglaubt, daß wir so nah am Mecklenburgischen wären. (Zum Herrn Amtsrath Klausisus.) Wo seid Ihr geboren?
Amtsrath. Zu Neustadt an der Dosse.
König: Was ist Euer Vater gewesen?
Amtsrath. Prediger.
König. Sind's gute Leute, die Kolonisten? die erste Generation pflegt nicht viel zu taugen!
Amtsrath: Es geht noch an.
König: Wirthschaften sie gut?
Amtsrath. O ja, Ihro Majestät! Ihro Excellenz, der Minister von Derschau, haben mir auch eine Kolonie von fünf und siebenzig Morgen gegeben, um den andern Kolonisten mit gutem Exempel vorzugehen.
König (lächelnd). Haha! mit gutem Exempel! Aber sagt mir, ich sehe ja hier kein Holz; wo holen die Kolonisten ihr Holz her?
Amtsrath: Aus dem Ruppinischen.
König. Wie weit ist das?
Amtsrath. Drei Meilen.
König. Das ist doch sehr weit! da hätte müssen gesorgt werden, daß sie's näher hätten! (Zu mir.) Was ist das für ein Mensch, der da rechts?
Fromme. Der Bauinspector Menzelius, der hier die Bauten in Aufsicht gehabt hat.
König. Bin ich denn hier in Rom? es sind ja lauter lateinische Namen! Warum ist das hier so hoch eingezäunt? [...]
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Das Dossebruch. Friedrichs 11. Besuch im Rhin- und Dossebruch, S.361 - 373

03 Februar 2009

Marschall Keith bei Hochkirch

Es gelingt Keith nicht, Friedrich davon zu überzeugen, dass die ausgewählte Stellung so schlecht ist, dass sie, koste es, was es wolle, verlassen werden muss. In einer der beiden schwersten Niederlagen Friedrichs II. findet Keith den Tod. Friedrich rechtfertigte sich später, es habe noch nicht genug Brot als Marschverpflegung gegeben. De Catts Darstellung seiner Gespräche mit Friedrich macht wahrscheinlich, dass dieser von den Nachrichten über den schlechten Gesundheitszustand seiner Schwester so niedergedrückt war, dass er die Mängel seiner Stellung nicht zu sehen im Stande war.