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25 Juni 2026

Ingeborg Bachmann - Max Frisch

 „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. (Wikipedia)

Heinz Bachmann zum Briefwechsel


"Die Texte der 297 Briefe von Bachmann, Frisch sowie Verwandten, Freunden und Bekannten wurden zwischen dem 9. Juni 1958 und dem 20. April 1973 geschrieben, also in einem Zeitraum von fast fünfzehn Jahren. Zwei weitere abgedruckte Dokumente sind nicht sicher einzuordnen.[3] Die Briefe erstrecken sich über fast 600 Seiten. Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 1958 und 1963, von 1966 bis 1971 ist kein schriftlicher Austausch der beiden bekannt. Der große Umfang des Briefwechsels ist unter anderem damit zu erklären, dass Bachmann und Frisch nur vergleichsweise wenig Zeit kontinuierlich zusammen lebten, nämlich zwischen November 1959 und Oktober 1960 und April 1961 und März 1962.[4]"

(Wikipedia)

14 August 2021

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Eine Biographie Hannah Arendts in Form eines Romans

Was wir sind und scheinen,

ach wen geht es an.

Was wir tun und meinen,

niemand stoß sich dran. (Hannah Arendt, S.321)

Hannah-Arendt-Kanal auf Youtube    H. Arendt zu Palästina (und anderes)

Hannah Arendt, säkularisierte Jüdin,  wollte nach ihrer Aussage, vor allem verstehen, d.h. möglichst unverfälscht durch fremde Einflüsse, ihre Wahrheit herausfinden. Philosophin zu sein, hat sie bestritten, sie wollte weder Methode noch System für das Weltverständnis entwickeln, sondern politisches Handeln verstehen. So verstand sie sich als Vertreterin politischer Theorie.  (So erklärt sie es 1964 im Interview mit Günter Gaus.  - Zu diesem Interview im Roman S.486/87)

Die Schweizerin Hildegard E. Keller schildert sie weitgehend aus der Innensicht, indem sie ihren letzten Urlaub im Tessin (Tegna) darstellt und in regelmäßigen Rückblicken wichtige Lebensstationen aus Arendts Erinnerungen vergegenwärtigt. 

S

Das Hauptthema ist dabei ihre Erfahrung während des Eichmann-Prozesses in Israel, aus sie die kühne Formulierung von der Banalität des Bösen ableitet. Ihre Dissertation über Liebe bei Augustinus (bei Karl Jaspers) und ihre Habilitationsschrift über Rahel Varnhagen kommen ebenfalls wiederholt ins Spiel, am deutlichsten freilich ihr philosophische Hauptwerk Vita activa (The Human Condition), während ihre Totalitarismustheorie im Hintergrund bleibt.

Ihre eigene literarische Tätigkeit (Gedichte sieh oben, S.321, S.13, S.41, das Gedicht auf Benjamin, S.372, S.556f. ...; Märchen S.157-165 u. 397-404 Hier trifft das Mädchen im "Reich der weisen Tiere" den weißen Elefant aus Rilkes Gedicht, der ihr erklärt: "Ich bin der Elefant von dem Karussell aus dem Luxembourg-Garten in Paris. Ich bin extra für Kinder geschaffen worden, und nur Dichter haben noch ein richtiges Verständnis für mich gehabt.", S.397; S.521 "das hier ist mein letztes"):

Dann werd' ich laufen, wie ich einstens lief

Durch Gras und Wald und Feld;
Dann wirst du stehen, wie du einmal standst, 
Der innigste Gruß von der Welt.
Dann werden die Schritte gezählt sein
Durch die Ferne und durch die Näh;
Dann wird dieses Leben erzählt sein
Als der Traum von eh und je.

Die Gedichte von Alfonsina Storni (S.370-73)

Vor allem aber wird die lebensfreudige Person Hannah Arendt vorgestellt mit ihren vielen Freundschaften mit bedeutenden Personen, ihr Hang zum Rauchen ("Hier wollte sie ansetzen. Zuerst muss der Gehorsam nochmals kurz zur Rede kommen. Sie zog den Aschenbecher heran und schnippte die Asche ab."), ihre Freude am Essen und Kochen (mit Ingeborg Bachmann  Speck braten, S.380f.).

Politische Urteile:

Stets ihre Absicht: unabhängig beurteilen und urteilen. "Wie ist die Schuld zu ermessen, wenn eine Tat innerhalb eines Systems begangen wurde, das Unrechtmäßigkeit mit rechtmäßigen Mitteln zum Gesetz erhoben hat?" (S.214)

Über Kellers Gedicht: Die öffentlichen Verleumder:

"Erstaunlich genug, dass einer in Zürich die Zeilen aufgeschrieben hatte, die erst Jahrzehnte später in Deutschland Wirklichkeit worden. Hellsichtiger kann man nicht vom Unheil erzählen, das einer zum Leben erwecken kann, wenn ihm die anderen zum Propheten machen. Genau davon erzählte Kellers Gedicht. Nur zu gern wüsste sie, was ihn dazu veranlasst hatte. Hitler kann es jedenfalls nicht gewesen sein, der lag noch in den Windeln, als Keller starb, da war sie sich ganz sicher." (S.418)

"[...] die politischen Bösewichte der Geschichte müssen dem Lachen ausgesetzt werden. Sie sind nicht groß hatte er [Brecht] gesagt, sondern sie haben nur große politische Verbrechen begangen, und das ist wirklich etwas ganz anderes." (S.496)*

"Als ich über dem Eichmann-Material saß und die 3600 Seiten Verhörprotokolle las, musste ich lachen, ja, ich habe laut gelacht. [...] Ich habe über Eichmann gelacht und werde wieder lachen, sogar drei Minuten vor meinem sicheren Tod. Man muss lachen können, weil das Souveränität bedeutet." (S. 496)

Bei der Suche danach, was das Besondere an der scheinbaren Normalität Eichmanns ist, stößt Arendt auf das animal laborans, das sie in Human Condition als die Seinsform des Menschen herausgearbeitet hatte, das gleichsam nur wie eine Maschine funktioniert und nicht frei und verantwortlich handelt, es auch gar nicht will.(Vita activa) (S.329ff.)

In ihrer Verteidigung gegen die Angriffe auf ihr Eichmann-Buch lässt H. Keller sie etwas schreiben, was sie so stolz nur als wörtliches Zitat Arendts übernommen haben kann:

"Dass es gefährlich sein kann, die Wahrheit zu sagen ⁃ um das zu wissen, brauchen wir weder Hitler noch Stalin, welche die Lüge selbst zum Rang der Wahrheit erhoben. Dies ist immer so gewesen, und der Grund ist politisch: Es ist immer Einer gegen Alle. Nicht weil 'Einer' so klug ist und 'Alle' so dumm, sondern der Denk- und Suchprozess, der schließlich zur Wahrheit führt, immer nur von einem geleistet werden kann." (S.447)

Da durchweg aus ihrer Sicht geschildert wird, werden ihre Freunde und guten Bekannten fast nur mit Vornamen genannt: Martin (Heidegger), Karl (Jaspers),  Benji (Walter Benjamin), Heinrich oder Stupps (ihr zweiter Mann, Heinrich Blücher), Günter (Anders, ihr erster Mann), Kurt (Blumenfeld), Robert (Gilbert), Uwe (Johnson),  Dolf (Sternberger), ...

"Hefe der Erkenntnis" (fermenta cognitionis) (Lessing), S.498

Brief und Gedicht von Ingeborg Bachmann, S.505/07

20.8.1975 Treffen auf die junge Frau (Hippie-Mädchen??) bei der Kirche Ronco sopra Ascona - Lied von Janis Joplin: "Freedom is just another word for nothing left to lose."

Rahel musste das Beste, was sie hatte, fahren lassen. Natürlich hatte auch sie sich das Hoffen angelernt, dass gemeine, leere Hoffen, dass man etwas Besseres bekommt. Aber Rahel bekam nichts Besseres und kannte auch keine Heimat in der Welt, in die sie sich vor dem Schicksal hätte zurückziehen können. Nichts hatte sie ihm entgegen zu setzen. Nichts außer der Wahrheit. 'Vortrefflicher Ernte der Verzweiflung', sagte Rahel, als sie gegen Ende ihres Lebens die Erfahrungen einsammelte. Ohne Sarkasmus, denn sie war vom Leben bemerkt worden. (S. 517)

"Das ist kein Beiwerk meines Lebens, an dem ich unschuldig bin, das sich wie von selbst abwickelte. Ja, so hatte sie gesagt. Ich habe es voll zu verantworten als mein Schicksal. [...] Das Leben selbst zeichnet uns aus. Natürlich, auch Unglück ist eine Auszeichnung. Darauf bestand Rachel, und auch, dass es keinen Trost geben darf. Keinen Schleier vor der Wahrheit. Aber dafür musste sie sich zur Wand machen. Zu etwas Undurchdringlichem, Um der Welt entgegenstehen zu können. Sie versteinerte, um weiterleben zu können. Anders hätte sie sich mit dem Gang des Lebens nicht abfinden können." (S.518)

Sieh auch: Hannah Arendt, die Leidenschaft des Denkens von Martin Meyer in NZZ 14.10.2006

* Es zeugt natürlich nicht von Prophetie, sondern von strukturellen Ähnlichkeit von Vorgängen, die die Gesellschaft spalten, wenn Teile von G. Kellers Gedicht sich auf AfD und Donald Trump sowie andere sich auf die COVID-19 Pandemie beziehen lassen. ("Verborgen, wie die Flamme / In leichter Asche tut" - in der DDR verborgen fortglimmernder Rechtsradikalismus und der Coronavirus, der in den Sommermonaten weniger gefährlich ist, dann aber neue Ansteckungswellen hervorruft. - "Dann wird davon gesprochen / Wie von dem schwarzen Tod;" - ein Naturereignis, an dem niemand schuld ist. - "Wenn einstmals diese Not / Lang wie ein Eis gebrochen" - die Pandemie, die gesellschaftliches Leben erstarren lässt).

Und selbst das Lachen, das Brecht und Arendt sich beim Blick auf die politischen Verbrecher wünschen, wird von Keller im Blick auf die Verleumdungskampagne, auf die sich sein Gedicht bezog, angesprochen in seiner Novelle Das verlorne Lachen. Bei ihm bezieht es sich auf die gesellschaftliche Spaltung, die Freundschaften und Ehen zerstören kann, wenn es nicht gelingt, die menschliche Beziehung wichtiger zu nehmen als die ideologische Differenz. - Dass Keller dabei nicht an Massenmörder und ihre Helfershelfer und auf der anderen Seite die Opfer gedacht hat, ist klar, dazu braucht man die Erzählung nicht zu kennen.

Hier schon ein paar Stichworte zu Arendt im Zusammenhang mit dem Film über Arendt beim Eichmannprozess 1962:

Banalität des Bösen

Eichmanns Aussage, er hätte seinen eigenen Vater erschossen, wenn man ihm Belege für seine Schuld genannt hätte

Eichmann hat die Judenvernichtung weitergeführt, obwohl Hitler sie für beendet erklärt hatte. ("Er war so besessen, dass er sich sogar über Hitler hinwegsetzte", ZEIT online 19.4.2019)

Zitat daraus:

Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger, im Interview: "Hitler hatte mit den ungarischen Alliierten 1944 ein Abkommen geschlossen. Sie sollten weiter an der deutschen Seite kämpfen, dafür würde im Gegenzug 8.700 jüdischen Familien die Ausreise aus Budapest gestattet werden. Ich bekam eine Depesche des deutschen Botschafters in Budapest an den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Dieser schrieb, dass Eichmann wegen des Abkommens außer sich gewesen sei vor Wut: "Er glaubt, dass diese Familien wichtiges biologisches Material für den Wiederaufbau ihrer Rasse darstellen und befiehlt, sie noch schneller zu deportieren." Eichmann war also derart besessen von der Judenfrage, dass er sich sogar über Hitlers Entscheidungen hinwegsetzte." 

Judenräte (für einzelne von ihnen wies Arendt darauf hin, sie hätten den Nazis die Verfolgung erleichtert.)

Über die Rolle der Judenräte informieren u.a. ein Wikipediaartikel und ein Aufsatz von Wolf Murmelstein, des Sohnes von Benjamin Murmelstein. Bei allen Bemühungen um Aufklärung über den Holocaust kommen - verständlicherweise - die Rolle der Judenräte und des jüdischen Widerstandes zu kurz. Schließlich geht es dabei nicht um deutsche Schuld. - Judenräte wie Widerstandskämpfer haben völlig gegensätzliche Antworten auf die unlösbare Frage gefunden, wie man der Ausrottungsmaschinerie des deutschen NS-Regimes begegnen soll.

Zur Rahmenerzählung des Romans: Urlaub im Tessin, in Tegna bei Locarno.Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Sie ist zu dieser Zeit 69 Jahre alt, hatte schon einen leichten Herzinfarkt und wird im Dezember dieses Jahres sterben. Einige ihrer engsten Freunde, zum Beispiel Jaspers sind schon tot. Trotzdem wird in den Episoden dieses Urlaubs, ihre ungeheure Lebensfreude und Liebe zur Welt spürbar (essen, trinken, rauchen, Natur, Kultur, andere Menschen, mit denen sie in Austausch tritt). 

Zwischen den Kapitelabschnitten mit Rückblicken aus ihrem Leben, beginnend 1941 nach der Ankunft in den USA, Immigration über Frankreich – endet 1969.Drei Blöcke: wichtigster und Schwergewicht st4r der mittlere: Eichmann Prozess 1961 in Jerusalem, Wäschekörbe von Schmähbriefen, Verurteilung durch Rabbiner der Synagoge. Shitstorm. Arendt beklagt, dass es oft keine Auseinandersetzung in der Sache ist, sondern ein direkter Angriff auf ihre Person.

Über Eichmann: "das Menschliche im Unmenschlichen suchen" (S.214) Eichmann war dumm
 (Arendt hat oft gelacht, als sie die Verhörprotokolle studiert hat). "Der Täter hat nicht das Format der Tat" (S.496). Über Demokratie: "Konsens zur Uneinigkeit als Grundlage des demokratischen Staates" (S.484).

01 August 2021

INGEBORG BACHMANN

 Wikipediaartikel

 Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit (1953) gilt als Antwort auf Corona von Celan
Text und Vortrag                          

Peter Hamm über den Briefwechsel Bachmann-Celan in ZEIT Nr.35 21.8.2008 "Wer bin ich für Dich?"

"[...] Mögen Liebe und Scheitern ohnehin Synonyme sein, im Falle dieser beiden Dichter wurde die Liebe über alles Scheitern hinaus zum Liebesmartyrium, bei dem sich die Geschichte als weitaus stärker erwies als die Liebesgeschichte. Wer wie Paul Celan in den Abgrund der Geschichte geblickt hatte und den Todeslagern, in denen seine Eltern ermordet wurden, nur knapp entgangen war, den trennte auch noch von dem ihm Liebsten dieser Abgrund, zumal wenn die Geliebte, wie Ingeborg Bachmann, die Tochter eines Nazis der ersten Stunde war. [...]

Da ihr eine Freundschaft, "die hinausgeht über Mitgefühl", nicht mehr möglich erscheint und ihr nach vielen Beleidigungen und Drohungen Celans – einmal nennt er sie seine Mörderin – auch das Mitgefühl fast abhandengekommen ist, rafft sie sich im September 1961 zu jenem todtraurigen (nie abgeschickten) Abschieds- und Abrechnungsbrief auf, in dem es heißt: 

"Ich bin oft sehr bitter, wenn ich an Dich denke, und manchmal verzeihe ich mir nicht, dass ich Dich nicht hasse… Ich denke viel an Gisèle und bewundere sie für eine Größe und Standhaftigkeit, die Du nicht hast… ich glaube, dass ihre Selbstverleugnung, ihr schöner Stolz und ihr Dulden vor mir mehr sind als Dein Klagen. Du genügst ihr in Deinem Unglück, aber Dir würde sie nie in einem Unglück genügen. Ich verlange, dass ein Mann genug hat an der Bestätigung durch mich, aber Du billigst ihr das nicht zu, welche Ungerechtigkeit."
Am 24. November 1965 begeht Celan einen Tötungsversuch an seiner Frau und wird danach in der Zwangsjacke in die Psychiatrie eingewiesen. Wieder entlassen, versucht er am 30. Januar 1967 erneut, Gisèle und den Sohn Eric zu töten, und wird erneut zwangseingewiesen. 
Nach dem letzten Zwangsaufenthalt in der Psychiatrie im Winter 1968/69 sucht er am 20. April den Tod in der Seine. 
'Die Liebe, zwangsjackenschön': Um die schreckliche Wahrheit dieser Zeile aus Celans Gedichtband Fadensonnen zu erfahren, braucht es nicht das Wissen um seine Zwangsaufenthalte in psychiatrischen Kliniken. Die Briefe, die sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan geschrieben haben, bezeugen nichts anderes als diese Wahrheit."

kommentierte Linksammlung

Ich habe lange Schwierigkeiten gehabt, zu Ingeborg Bachmann einen Zugang zu finden. Jetzt versuche ich es mit einzelnen Absätzen aus ihren Erzählungen, die mir etwas sagen:

"Wenn einer in sein dreißigstes. Jahr geht, wird man ihn nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblößt jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag." 

(Das dreißigste Jahr, 1961, I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, S. 94)

"Wenn wir uns, wie zwei Versteinerte, zum Essen setzen oder abends an der Wohnungstür zusammentreffen, weil wir beide gleichzeitig daran denken, sie abzusperren, fühle ich unsere Trauer wie einen Bogen, der von einem Ende der Welt zum anderen reicht – also von Hanna zu mir –, und an dem gespannten Bogen einen Pfeil bereitet, der den unbewegten Himmel ins Herz treffen müsste. Wenn wir zurückgehen durch das Vorzimmer, ist sie zwei Schritte vor mir, sie geht ins Schlafzimmer, ohne 'Gute Nacht' zu sagen, Und ich flüchte in mein Zimmer, an meinen Schreibtisch, um dann vor mich hin zu starren, ihren gesenktem Kopf vor Augen und ihr Schweigen im Ohr. Ob sie sich hinlegt und zu schlafen versucht oder wach ist und wartet? Worauf? – da sie nicht auf mich wartet!"

(I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, Alles, S. 138)

Einerseits sehr nah an alltäglicher Lebenssituation. Dann die starken (überstarken?) Metaphern. Und woher dieser Abstand?

"Das Kind, dass wir erwarteten, veränderte uns. Wir gingen / kaum mehr aus und vernachlässigten unsere Freunde; wir suchten eine größere Wohnung und richteten uns besser und endgültiger ein. Aber des Kindes wegen, auf das ich wartete, begann alles sich für mich zu verändern; ich kam auf Gedanken, unvermutet, wie man auf Minen kommt, von solcher Sprengkraft, dass ich hätte zurückschrecken müssen, aber ich ging weiter, ohne Sinn für die Gefahr.
Hanna missverstand mich. Weil ich nicht zu entscheiden wusste, ob der Kinderwagen große oder kleine Räder haben sollen, schien ich gleichgültig. (Ich weiß wirklich nicht. Ganz wie du willst. Doch, ich höre.) Wenn ich mit ihr in Geschäften herumstand, wo sie Hauben, Jäckchen und Windeln aussucht, zwischen Rosa und Blau, Kunstwolle und echter Wolle schwankte, warf sie mir vor, dass ich nicht bei der Sache sei. Aber ich war es nur zu sehr.
Wie soll ich bloß ausdrücken, was in mir vorging? Es erging mir wie einem Wilden, der plötzlich aufgeklärt wird, dass die Welt, in der er sich bewegt, zwischen Feuerstätte und Lager, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, zwischen Jagd und Mahlzeit, auch die Welt ist, die Jahrmillionen alt ist und vergehen wird, die einen nichtigen Platz unter vielen Sonnensystemen hat, die sich mit großer Geschwindigkeit um sich selbst und zugleich um die Sonne dreht. Ich sah mich mit einem Mal in anderen Zusammenhängen, mich und das Kind, das zu einem bestimmten Zeitpunkt, Anfang oder Mitte November, an die Reihe kommen sollte mit seinem Leben, genauso wie einst ich, genau wie alle vor mir." 

(I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, Alles, S. 138/39)


"Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!

Ja ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.
Immer wenn ich durch die Lichtung kam und die Zweige sich öffneten, wenn die Ruten mir das Wasser von den Armen schlugen, die Blätter mir die Tropfen von den Haaren leckten, traf ich auf einen, der Hans hieß.
Ja, diese Logik habe ich gelernt, Dass einer Hans heißen muss, dass ihr alle so heißt, einer wie der andere, aber doch nur einer. Immer einer nur ist es, der diesen Namen trägt, den ich nicht vergessen kann und wenn ich euch auch alle vergesse, ganz und gar vergesse, wie ich euch ganz geliebt habe. Und wenn eure Küsse und euer Samen von den vielen großen Wassern – Regen, Flüssen, Meeren – längst abgewaschen und fortgeschwemmt sind, dann ist doch der Name noch da, der sich fortpflanzt unter Wasser, weil ich nicht aufhören kann, ihn zu rufen, Hans, Hans ..." (S.253) 

"Ihr Ungeheuer mit euren Frauen! 

Hast du nicht gesagt: es ist die Hölle, und warum ich bei ihr bleibe, das wird keiner verstehen. Hast du nicht gesagt: meine Frau, ja sie ist ein wunderbarer Mensch, ja sie braucht mich, wüsste nicht wie ohne mich leben –? Hast du’s nicht gesagt! Und hast du nicht gelacht und mit Übermut gesagt: niemals schwer nehmen, nie dergleichen schwer nehmen. Hast du nicht gesagt: so soll es immer sein, und das andere soll nicht sein, ist ohne Gültigkeit! Ihr Ungeheuer mit euren Redensarten, die ihr die Redensarten der Frauen sucht, damit euch nichts fehlt, damit die Welt rund ist. Die ihr die Frauen zu euren Geliebten und Frauen macht, Eintagsfrauen, Wochenendfrauen, Lebenslangfrauen und euch zu ihren Männern machen lasst. (Das ist vielleicht ein Erwachen wert!) Ihr mit eurer Eifersucht auf eure Frauen, mit eurer hochmütigen Nachsicht und eurer/Tyrannei, eurem Schutzsuchen bei euren Frauen, ihr mit eurem Wirtschaftsgeld und euren gemeinsamen Gutenachtgesprächen, diesen Stärkungen, dem Rechtbehalten gegen draußen, ihr mit euren hilflos gekonnten, hilflos zerstreuten Umarmungen. Das hat mich zum Staunen gebracht, dass ihr euren Frauen Geld gebt zum Einkaufen und für die Kleider und für die Sommerreise, da ladet ihr sie ein, (ladet sie ein zahlt, es versteht sich). Ihr kauft und lasst euch kaufen. Über euch muss ich lachen und staunen, Hans, Hans, über euch kleine Studenten und brave Arbeiter, Die ihr euch Frauen nehmt zum Mitarbeiten, da arbeitet ihr beide, jeder wird klüger an einer anderen Fakultät, jeder kommt voran in einer anderen Fabrik, da strengt ihr euch an, legt das Geld zusammen und spannt euch vor die Zukunft." 

(I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, Undine geht S.255/56)

Bei diesen Erzählungen ist die Wikipedia durchaus hilfreich.



14 Juni 2021

Irrlichternd Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann (Wikipedia)

Malina (Wikipedia)  Malina (Film)




Werkausgabe:

Vorstellung bei FAZ 24.2.2017

Verlagsseite bei Suhrkamp

 „Male oscuro“. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe. (Rezension)

Zitate aus Male obscuro bei Deutschlandfunk

Film:
Schauspiel:
Wiedereröffnung Schauspiel Frankfurt: Ich bin doch vernichtet worden von Sylvia Staude FR 13.6.21
"Das Frankfurter Schauspiel beginnt den Spielbetrieb mit einer flirrenden Version von Ingeborg Bachmanns „Malina“.
Zuletzt, nach zwei Stunden, im Fast-Dunkel, hört man Ingeborg Bachmann selbst. Sie liest das Gedicht „An die Sonne“, in dem das Schöne besungen wird mit einer Vehemenz, als wäre es der letzte Strohhalm. [...] 
Im Nachtwald voller Fragen bleiben fast alle offen (und das ist gut so), auch wenn manche Sätze wie ein Fazit klingen. „Ich bin doch vernichtet worden“, sagt Inga/Inge, die Schauspielerin/die Ich-Erzählerin wirft es einem hin wie eine Aufforderung, genau hinzuhören, genau hinzusehen; vielleicht auch in der Folge dieses Abends genau zu lesen."

Zitate:
Wenn einer in sein dreißigstes. Jahr geht, wird man ihn nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblößt jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag. [...]
Wenn er in sein dreißigstes Jahr geht und der Winter kommt, wenn eine Eisklammer November und Dezember zusammenhält und sein Herz frostet, schläft er ein über seinen Qualen. Er flieht in den Schlaf, flieht zurück ins Erwachen, flieht bleibend und reisend, geht durch die Verlassenheit kleiner Städte und kann keine Türklinke mehr niederdrücken, keinen Gruß mehr entbieten, weil er nicht angesehen und angesprochen werden will. Er möchte sich wie eine Zwiebel, wie eine Wurzel unter die Erde verkriechen, wo sie warm geblieben ist. [...] Ich lebe ja!
Er wird bald geheilt sein.
Er wird bald dreißig Jahre alt sein. Der Tag wird kommen, aber niemand wird an einen Gong schlagen und ihn künden. Nein, der Tag wird nicht kommen – er war schon da, enthalten in allen Tagen dieses Jahres, das er mit Mühe und zur Not bestanden hat. Er ist lebhaft mit dem Kommenden befasst, denkt an Arbeit und wünscht sich, durch das Tor unten bald hinaus gehen zu können, weg von den Verunglückten, den Hinfälligen und Moribunden.
Ich sage dir: Steh auf und geh! Es wird dir kein Knochen gebrochen."

17 April 2020

Paul Celan

https://www.swr.de/swr2/literatur/dichtung-als-atemwende-wie-heute-paul-celan-gelesen-wird-swr2-forum-2020-04-17-100.html

Paul Celan (1920-1970)

Mohn und Gedächtnis, 1952
Von Schwelle zu Schwelle, 1955.
Sprachgitter, 1959.
Atemwende, 1967.


Todesfuge Interpretation  Wikipediaartikel Text und Vortrag

Engführung Text und Vortrag

Corona Interpretation
(1948)  Text und Vortrag

    Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit (1953) gilt als Antwort auf Corona von Celan
                                       Text und Vortrag    Links zu Ingeborg Bachmann

Klaus Reichert im Interview: Paul Celan: Ich sehe seine Hellsichtigkeit, bei anderem denke ich einfach: er übertreibt Frankfurter Rundschau 20.4.2020

Daniel Jurjew: "Sie schreiben, wie Sie auf einer Konferenz kurz nach Celans Tod erklärten, eine kommentierte Ausgabe erscheine Ihnen zunächst wichtiger als eine kritische, „weil man bei den Freunden und Bekannten Celans nachfragen könnte, welche Hinweise zu einzelnen Gedichten – biographische, sachliche, zu seinen Lektüren – er ihnen vielleicht gegeben hätte. Der Vorschlag wurde leider nicht aufgegriffen.“ Ist dieses Versäumnis durch Ihre und andere Erinnerungen zu korrigieren?"
Klaus Reichert: "Es ist zu spät, viel zu spät."
Klaus Reichert: "Ich bin dazu gekommen im langen Leben, als Hermeneut oder Interpret, dass am Ende jede Interpretation eines bedeutenden Werkes, also auf dem Niveau von Hölderlin oder Kafka, dem Werk zu nahe tritt. Dass man es in seiner „Geheimnishaftigkeit“ stehen lassen sollte. Dass das Interpretieren bis zu einem gewissen Grad etwas erhellen kann, aber dadurch auch manches zerstört. Ich will es mal ganz andersherum sagen: Als ich 20 war und angefangen habe, „Finnegans Wake“ zu lesen, habe ich gesagt: Na ja, wenn ich 40 bin, werde ich das Buch verstanden haben. Ich habe in den 20 Jahren viele Aufsätze geschrieben, davon gibt es auch einen Band, „Vielfacher Schriftsinn – Zu ,Finnegans Wake‘“. Ich bin 40 geworden und habe nichts verstanden. Und ich habe mir gedacht, nein, ich kann mich erfreuen am Erfindungsreichtum von Joyce und wie es ihm gelingt, uns dazu zu bringen, immer wieder neu diese Nüsse zu knacken – das habe ich mit Studenten sieben Jahre lang betrieben. Am Anfang war ich der Lehrer, und später waren wir alle gleich; dieser war dafür zuständig, jener dafür, der war Entomologe, der Talmudist, usw. Aber die Bedeutung dieses Buches, wie man bei „Ulysses“ von einer Bedeutung oder einem Zusammenhang sprechen kann, die haben wir alle nicht gefunden. Das ist für mich beispielhaft für ein unglaublich anspruchsvolles Werk, das alle „Verstehensinstrumente“ aufruft, um am Ende nirgendwohin zu kommen. [...]
Ich habe das natürlich zu allgemein gesagt. Sie können eine Ballade mit 14-Jährigen lesen und erklären, worum es geht, und auch, wie das gemacht ist. Das Verstehen eines lyrischen Gedichts ist etwas anderes als das eines erzählenden Gedichts. Man kann jungen Menschen einige Herangehensweisen zeigen, über den Aufbau, den Hintergrund. Ist das eine Entwicklung, ist das ein Zustand, ist es etwas Atmosphärisches? Aber man sollte ihnen auch klarmachen: Letzten Endes lässt ein Gedicht nur bis zu einem gewissen Grade zu, dass man sich darüber Gedanken macht. Es muss ein Rest bleiben, mit dem das Gedicht sich in sein Geheimnis zurückzieht."