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08 April 2025

Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst

 Zweierlei zuvor:

1. Der Freund und der Fremde hat mich mehr wegen des biographischen Interesses an Benno Ohnesorg beeindruckt.

2. Bei der zweiten Lektüre  der "Currywurst" staune ich über die Deutlichkeit, mit der der Erzähler seine Fiktion, er berichte, was er von Frau Brücker erfahren habe, Lügen straft: durch genaue Beobachtung von Einzelheiten, Innensicht des Bootsmannes und anderes mehr. Die damit freilich auch die hervorragende Kenntnis des Autors über die Kriegs- und Nachkriegszeit beweist. Die "reitende Gebirgsmarine" (S.27), die als Pendant der eierlegenden Wollmilchsau die zeitgenössische Redeweise charakterisiert,  imponiert mir dabei freilich weniger als der Hinweis darauf, dass man für die Suche in den ausgebombten Häusern nach Trümmerholz einen "Berechtigungsschein" (S.26) brauchte. (Eigentlich klar, dass man, um die Fiktion von Schutz des Eigentums der Kriegsopfer solche kleine Hemmschwelle gegen das Marodieren braucht, wo doch auf Harmlosigkeiten wie das Äußern der Meinung über die hoffnungslose Situation die Strafandrohung ("Defaitismus") bis zur Todesstrafe reichte.

12 Februar 2011

Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland: "Am Beispiel meines Bruders"

Ich schätze Uwe Timm und wundere mich, dass ich die Bücher von ihm, die meine Vorliebe begründeten, schon 2007 und 2008 gelesen habe. Jetzt ist mir Die Entdeckung der Currywurst unter den von meiner Tochter aussortierten Büchern begegnet. Von meinem Freund erhielt ich dazu, aus Rezensionen mir schon lange als sehr gehaltvoll bekannt, Am Beispiel meines Bruders.
Wieder die höchst genaue Beobachtung, die die kritische Sicht auf sich selbst nicht ausschließt. Nun ist beim "Beispiel Bruder" durchaus nicht nur der Bruder im Blick, sondern mit nahezu unbarmherzig objektivierenden Blick die ganze Familie.
Dagegen leistet sich die Entdeckung der Currywurst, da sie weitgehend fiktiv ist, weit mehr Empathie.
Zu bemerken noch, dass es Entdeckung, nicht Erfindung heißt. Soll doch alles durch einen Sturz auf der Treppe in Gang gekommen sein.
Die Wikipedialinks mögen auf Weiteres verweisen.
Den existentiellen Ernst des Buches über Bruder und Familie kann man dem Artikel zur diesem Buch freilich nicht entnehmen.
Zwei Zitate aus dem Kriegstagebuch der 16 Jahre älteren Bruders wiederholt Timm mehrmals, weil sie über reines Notieren von Geschehen hinaus gehen:
"75 m raucht Iwan Zigarretten, ein Fressen für mein MG"
"Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen."

Mit dem zweiten Zitat schließt er auch das Buch, in dem er versucht hat, aufzuzeigen, wie viel wichtiger Mut zur Verweigerung ist als Tapferkeit beim Ertragen von auf Befehl erlittenen Schmerzen und Leid.

08 April 2008

Morenga

In seiner Kombination von Dokumenten und literarischer Darstellung erzielt Uwe Timm in Morenga große Wirkung.
Beängstigend aktuell die befremdeten Kommentare der Deutschen, als sie feststellen müssen, dass in der indigenen Bevölkerung nicht das Kokurrenzprinzip, sondern ein Geist gegenseitiger Hilfe und gegenseitigen füreinander Einstehens besteht.

21 November 2007

Der Freund und der Fremde

Ich bin am Bücher aussortieren. Bisher etwa 20 Kisten. Nicht aussortieren werde ich das Buch, über das ich nach dem Lesen schrieb:

Ich werde es kaufen. Und sei es wegen des Landauerzitats vom Krähen und dem Kikeriki. („Es ist etwas anderes, ob ich das Krähen nachahme oder Kikeriki sage.“ – „So wie ich es heute lese, ist es die kürzeste Beschreibung des Realismusproblems, also dessen, was das Delirium der Nichtadäquanz von Sprache und Dingen ausmacht.“, sagt dazu Uwe Timm.)

Dies Buch, das mich informiert, dass mein Buch über die Studentenbewegung überflüssig ist. Dass ein anderer das verarbeitet hat, was zu verarbeiten ich mir für später einmal vorgenommen hatte.

Der Timm (Uwe Timm: Der Freund und der Fremde – autobiographisch und über seinen Schulfreund Benno Ohnesorg, das Todesopfer vom 2.6. 1967) bietet - seltener geworden - mal wieder das Leseerlebnis, "mehr", "besser", "tiefer" geworden zu sein durch Lektüre.