29 September 2007

Baniane

10 000 Menschen sollen unter ihrem Laubdach Platz finden, Hindus und Buddhisten ist sie heilig, die Baniana, Pappel-Feige, auch Buddhabaum genannt. So berichtet Pauline Helfer.
Als historisch gesichert gilt, dass ein Ableger des Baumes, unter dem Buddha seine Erleuchtung gehabt haben soll, in Sri Lanke steht. Und die vielen Ableger, die man von dort genommen hat, um sie in buddhistische Tempelbauten zu integrieren, gehen also alle auf diesen Baum zurück. Die Bilder, die man von solchen Bäumen finden kann, lassen freilich nur den Schluss zu, dass Frau Helfer einen Pappelfeigenwald meint, der sich aus einer einzelnen Pappelfeige entwickelt hat.

Uns weniger erstaunlich als ihr, die unvorbereitet mit diesem Brauch konfrontiert wurde, ist freilich, was sie von angeschwemmten Toten zu berichten hat, die im Ganges ihr fließendes Grab erhalten haben, und von Alten, die sich auf Familienbeschluss ans Gangesufer begeben, um beim Hochwasser mitgerissen zu werden.

23 September 2007

Kalkutta

Kalkutta, eine Stadt, in der das Geld "nicht gezählt, sondern gemessen" wird und Europäer es nicht anfassen, sondern diese Aufgabe ihrem Sirkar, ihrem obersten Bediensteten, überlassen, empfängt das Ehepaar Helfer bei ihrem Aufenthalt 1836. (Kalkutta galt damals wegen der Verbindung von asiatischem und europäischem Luxus als teuerste der Welt.)
Eine beiläufige Empfehlung von Oberst Chesney, dem Leiter der Euphratexpedition, an Mr. Hutchinson reicht aus, um dem mittellos in Kalkutta eintreffenden Ehepaar einen sorglosen Aufenthalt, umhegt von der Gastfreundschaft des Direktors eine Kanonengießerei in Cassipoor, zu verschaffen.

22 September 2007

Helfers Reisen

"Johann Helfer's Reisen in Vorderasien und Indien" von 1835 bis 1836 sind der Gegenstand der Reiseberichte seiner Frau Gräfin Pauline Nostitz.
Das Ehepaar Helfer begleitete Oberst Chensney bei seiner Euphratexpedition, bei der er 1836 die Schiffbarkeit des Euphrats erproben sollte und tatsächlich - trotz mancher erheblicher Rückschläge - den Transport von zwei Dampfschiffen 140 Meilen über Land und die Fahrt bis zur Mündung des Euphrat erfolgreich abschloss.
Helfer seinerseits betreibt bei dieser Reise zoologische Forschungen, vornehmlich Insektenkunde, doch gehen seine Forschungsergebnisse verloren. Erhalten sind nur Tagebuchaufzeichnungen von dieser Reise, die seine Frau über 30 Jahre später in ihren Bericht einbaut.
Auf Araber, die über das Fällen von Bäumen in ihrem heiligen Hain empört waren, wurde mit Kanonen geschossen.
Pauline Helfer besucht den Harem des Imams von Maskat und trägt dort eine - reich verzierte - Gesichtsmaske, um das Schamgefühl der Frauen nicht zu verletzen, denn selbst die Mutter darf ihre Tochter von derem 12. Lebensjahr an nicht mehr ohne Gesichtsmaske sehen.
Auch ist man so rücksichtsvoll, den Gast beim Essen allein zu lassen, damit er nicht die ihm ungewohnten Essensbräuche einhalten muss. Schließlich hat man in der Wüste nicht selten Gäste, die nach ihrer Reise erst einmal ausgehungert und halb verdurstet eintreffen.

20 September 2007

Danzig

[...] ei, ist denn Hochzeit heute?
Da stehen die hohen Häuser, schlank und steil wie vornehme Damen und haben ihren schönsten Staat angezogen. In vielen Farben prangen sie und jedes hat sein besonderes Schmuckstück. Das eine graue eine grellleuchtende grüne Tüt mit feiner Schnitzerei, ein anderes leuchtende Messingklopfer, ein drittes einen besonders verzierten Giebel. Ein viertes und fünftes bildhafte Darstellungen auf der ganzen Front und alle haben die schönen Beischläge. Das sind weit ausgebaute breite Treppen, die zum Hauseingang führen. Meistens steht vor dem Aus oben auf dem Beischlag eine Laube oder doch eine Bank. Das haben die Danziger Häuser als ihren ganz besonderen Schmuck. Und nur ungern hat man in den Verkehrsstraßen die Beischläge abgerissen. Die neuen Häuser haben jetzt keine Beischläge, nur die alten hatten sie.
Aber die Krone des Hochzeitssaales ist doch das Rathaus mit seinem leichten, zierlichen Turm. Und dahinter taucht ernst und schweigsam der große eckige Turm der Marienkirche auf. Der Rathausturm aber kümmert sich nicht um seine ernste Nachbarin, sondern spielt laut und freudig bei jeder vollen Stunde einen herzhaften Choral. Die Katharinenkirche bei der großen Mühle tut es ihm nach und spielt ihr "Befiehl du deine Wege". 76 m ist der Marienturm hoch, der Rathausturm steigt aber luftig noch 6 m höher.
Seht Euch nun die Marienkirche an. Backsteingotik nennt man den Stil, in dem sie gebaut ist. Nur kleine Steine sind aufeinandergeführt und - welche Wucht, welche Einheit spricht aus dem Ganzen! Ein Sinnbild der Kraft, der Einheit und Festigkeit und Schönheit. Das Gewaltige wird durch die feinen neun anderen Türmchen zur veredelten Kraft.
(1927)

Witikos Ansprache

Da alle aufgestanden waren, hieß Witiko die Krieger sich in eine Reihe aufstellen. Da sie aufgestellt waren, ritt er an der ganzen Reihe hin, und wieder an der ganzen Reihe zurück, und grüßte vor dem Angesichte aller Menschen mit seinem Schwerte ehrerbietig die Krieger. Sie grüßten mit ihren Zeichen und mit Schwertern, Lanzen, und Bogen zurück. Dann stellte er sich mit seinem Pferde vor die Reihe, und rief: »Männer und Krieger, wir stehen wieder auf der Erde der Heimat. Wir sind ausgezogen, um eine Schar in dem Heere des hocherlauchten Herzoges Wladislaw zu sein, der die Reichen nicht durch Raub noch reicher werden, und die Armen bedrücken lassen will, wir sind ausgezogen, daß nicht ein Feind zu uns komme, und unsere Greise, unsere Weiber und Kinder schädige, und unsere Habe nehme, wir sind ausgezogen, daß nicht ein Herr kommt, der unsere Arbeit und unser Gut zu seinem Bedarfe und zu seiner Lust verwendet. Wie wir gedacht haben, so haben viele Scharen des Landes Böhmen gedacht, und sind zu dem Herzoge gegangen. Und es ist eine Macht geworden, durch welche die Feinde niedergeworfen worden sind. Unsere Greise und Weiber und Kinder sind gesichert, es ist kein fremder Herr zu euch gekommen, und der gekommen ist, der wird mit euch leben wie ihr, er wird schonen, was ihr tut, und habt. Ihr seid zu dem, was geschehen ist, kein kleiner Teil gewesen. Ihr habt die Schar des Herzoges Wratislaw besiegt, ihr habt in dem Kampfe bei Znaim durch euer Geschick und durch euern Mut den Sieg erringen geholfen. Freut euch dessen unter unsern grünen Bäumen, redet von euern Taten, und erzählet sie denen, die heran wachsen, daß sie einmal Gleiches tun. [...]

Die Worte Witikos, als er sie sprach, sind von denen, die sie gehört hatten, teilweise an die nächsten gesagt worden, von diesen wieder an die nächsten, und es ist auch etwas davon zu den Leuten gedrungen, die vor den Schranken standen.

Als er geendet hatte, riefen die Männer: »Heil, Glück, Segen Witiko.«

»Heil, Glück, Segen Witiko«, riefen dann auch die andern, die auf der Weide versammelt waren.
(Stifter: Witiko. Im hohen Walde)

19 September 2007

Geschichte der BRD

Deutschland aus der Vogelperspektive ist interessant zu lesen. Die Mischung von Dokumentarischem und Meinung überzeugend.

Das Buch führte mir aber auch vor Augen, wie gut Heute und die 30 Jahre davor als Dokumentation über die 3 Jahre von 1949 bis 1979 war.

Stadt Land Fluß

"Ich kann mich an keine Zeit meines Lebens erinnern, in der ich nicht verliebt gewesen wäre, aber fast alle diese Lieben erstarben, sobald ihr jeweiliges Objekt länger als eine Stunde abwesend war."
Die Liebe zur Zahnärztin und die Schwierigkeiten einer Ehe, die Christoph Peters schildert, sollten mich eigentlich genauso interessieren wie das Leben auf dem Land, aus dem der Erzähler herkommt.
Ich ziehe Fontane und Stifter vor.

18 September 2007

Reiter und Pferd

[...] Als er fertig war, kam der Wirt, und wollte den Krug wieder füllen; der Reiter aber legte die Hand auf den Rand des Gefäßes, und sagte: »Es ist genug, ich habe meinen Durst gestillt. Sendet mir jetzt den Knecht, daß mein Pferd sein Obsorge erhalte.«

Von dem Nebentische streckte der Rotbart dem Wirte den blaugeblümten Krug hin, daß er ihn wieder fülle. Der Wirt ging mit dem Kruge in das Haus.

Als der Knecht zu dem Tische des Reiters gekommen war, und nach seinem Begehr gefragt hatte, sagte dieser: »Mache, daß eine Magd mit Wasser Stroh und Sand ein wenig eine Pferdekufe reinige.«

Da der Knecht den Reitersmann ansah, als habe er ihn nicht recht verstanden, sprach dieser neuerdings: »Ich muß meinem Pferde Reinlichkeit geben, darum lasse mir eine Kufe auswaschen.«

Der Knecht holte nun eine Magd, welche in einem Kübel Wasser, dann Stroh und Sand brachte, um damit eine der hölzernen Kufen zu scheuern, die als Pferdefuttertrog vor dem Hause standen. Der Reiter war von seinem Tische aufgestanden, sah der Arbeit zu, und leitete sie. Als sie fertig war, wurde die Kufe vor sein Pferd gestellt. Der Reiter nahm nun selber den flachen länglich runden Korb, in dem der Knecht Haber gebracht hatte, in seine Hände, schüttelte den Haber, und gab dann einen Teil davon, mit seinen Händen abgemessen, dem Pferde in die Kufe. Als dieses davon fraß, und in seinem Fressen fortfuhr, ging der Reiter wieder zu seinem Tische, setzte sich dort nieder, und sah vor sich hin.

Nachdem eine gehörige Zeit vergangen war, stand der Reiter wieder auf, und ging zu seinem Pferde. Er ordnete ihm neuerdings sein Futter, und gab ihm jetzt auch Heu, welches der Knecht gebracht hatte. Er blieb nun bei dem Pferde stehen.

[...]

Der alte Mann rief: »Witiko, Ihr seid es, um Gott, welch eine Freude. Da müssen wir ja gleich das Pferd versorgen.«

Sie führten das Pferd in den Stall, befreiten es von Sattel und Zaum, hingen es mit einer Halfter an, und deckten, daß es sich langsam abkühle, eine große Wolldecke, die da war, über den Leib. Dann schlossen sie die Stalltür gut zu, und gingen in die Stube. [...]
Witiko sprach auch nicht, und so saßen sie eine Weile schweigend da.

Dann sagte Witiko: »Wir müssen nun weiter zu dem Pferde sehen.«

Sie standen auf und gingen in den Stall. Witiko befühlte mit der Hand das Tier, ob es gut ausgekühlt sei. Dann gab er ihm reinen Haber in den Born. Der alte Mann streute frisches Stroh, wenn es sich später zur Ruhe legen wollte. Auch brachte er ihm nach einer Zeit Wasser zum Trinken. So gingen sie öfter zu dem Tiere, bis es versorgt war. [...]
Es war indessen Abend geworden. Witiko besorgte sein Pferd mit der Hilfe Martins, aß noch etwas von der Suppe, die ihm Lucia gebracht hatte, sperrte, als sich Martin entfernt hatte, die Stubentür, und legte sich in der Kammer auf seinem Tannengestelle zur Ruhe. [...]
Als er sein Morgenmahl, das Lucia aus Milch und Mehl bereitet hatte, verzehrt, als er die Besorgung seines Pferdes beendet hatte, [...]

17 September 2007

Preußen und König Friedrich II.

Der Lauf unserer Erzählung führt uns während der nächsten Kapitel von Hohen-Vietz und dem östlichen Teile des Oderbruchs an den westlichen Höhenzug desselben, zu dessen Füßen, heute wie damals, die historischen Dörfer dieser Gegenden gelegen sind, altadelige Güter, deren meist wendische Namen sich schon in unseren ältesten Urkunden finden. Hier saßen, um Wrietzen und Freienwalde herum, die Sparrs und Uchtenhagens, von denen noch jetzt die Lieder und Sagen erzählen, hier hatten zur Reformations- und Schwedenzeit die Barfus, die Pfuels, die Ihlows ihre Sitze, und hier, in den Tagen, die dem Siebenjährigen Kriege unmittelbar folgten, lebten die Lestwitz und Prittwitz freundnachbarlich beieinander; Prittwitz, der bei Kunersdorf den König, Lestwitz, der bei Torgau das Vaterland gerettet hatte. Oder wie es damals in einem Kurrentausdruck des wenigstens sprachlich französierten Hofes hieß: »Prittwitz a sauvé le roi, Lestwitz a sauvé l'état.«
(Fontane: Vor dem Sturm 18. Kapitel: Schloß Guse)

13 September 2007

Tintentod

Im Unterschied zu Rowlings Harry-Potter-Welt, in der reale und Zauberwelt nebeneinander existieren, sind es bei Cornelia Funke wie bei Michael Endes Unendlicher Geschichte reale Welt und Buchwelt. Der Autor aus der realen Welt hat Macht über die Buchwelt, kann allerdings in sie hineingezogen werden.
In einer Leseprobe zu dem Ende September erscheinenden dritten Band ihrer Tintenwelttrilogie lässt Funke Meggies Eltern über der Frage, ob sie in die reale Welt zurückkehren sollen, in Konflikt geraten.
»Was ist mit deinem zweiten Kind?«, fuhr Resa fort. »Willst du, dass es in diese Welt geboren wird?«
Mo blickte sich um, und Meggie spürte erneut, was sie schon lange wusste: dass ihr Vater diese Welt inzwischen ebenso sehr liebte, wie sie und Resa es einst getan hatten. Vielleicht liebte er sie sogar noch mehr.
»Warum nicht?«, fragte er zurück. »Willst du, dass es in eine Welt geboren wird, in der es das, wonach es sich sehnt, nur in Büchern findet?«
Resas Stimme bebte, als sie antwortete, doch nun war es Zorn, der herausklang. »Wie kannst du so etwas sagen? Alles, was du hier findest, wurde in unserer Welt geboren. Wo sonst soll Fenoglio es herhaben?«
»Was weiß ich? Glaubst du tatsächlich immer noch, dass es nur eine wirkliche Welt gibt und die anderen nichts als blasse Ableger sind?«

07 September 2007

Kain - Sohn Adams oder des satanischen Engels Semael?

"Semael, der Engel, der Schlange Reiter, ging zu Eva ein, und sie ward schwanger und gebar den Kain."

"Als der Herr die Welt erschaffen hatte, war die Erde breit und eben. Aber da stand Kain auf und tötete seinen Bruder Abel; und Abels Blut gärte im Innern der Erde. Da verfluchte der Herr die Erde, und sie ward uneben, und Berge und Höhen traten aus ihr hervor."

aus Micha Josef bin Gorion: Die Sagen der Juden

Traumpfade

Songlines oder Traumpfade nennen die Einwanderer Australiens die in Lieder gefassten Nachschöpfungen der Natur (Landschaftsbeschreibungen) der Aborigines. (Diese nennen ihre Beschreibungen "Fußspuren der Ahnen" oder "Weg des Gesetzes".)
Neben der Kodierung der äußeren Natur im Lied steht für die Aborigines die Verkörperung der Seelen der Ahnen in Tschuringas oder Tjurungas, die in Höhlen aufbewahrt werden.
Bei seinen Reflexionen über das Nomadentum verweist Bruce Chatwin, der Verfasser des Buches "The Songlines" (deutsch: Traumpfade), darauf, dass Kain, der Ackerbauer, zum Mörder an Abel, dem Hirten, wurde und Gott von ihm als Sühne verlangt, dass er seinerseits zum Umherziehenden wird, im Lande Nod, dem Bereich des Umherwanderns, der Wildnis oder Wüste.