30 April 2019

Roger Willemsen: Die Enden der Welt. - Der Amu-Darja

Der Amu-Darja - An der Grenze zu Transoxanien 
 Aus der Geschichte sprengen die kurzmähnigen Pferde heran, die Steppen dehnen sich, die Sümpfe drohen. Reisende aller Jahrhunderte haben sich auf diesen Grenzfluss, der den Norden Afghanistans gegenüber dem ehe maligen russischen Reich, dem heutigen Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan abgrenzt, zubewegt, mühsam, unter Qualen und oft ohne ihn zu erreichen, weil Überfälle, Entbehrungen, Malaria, Wurmbefall, Seuchen dazwischenkamen. Maulbeerbäume und Tamarisken waren die Vorboten des fernen Flusses. Man bewegte sich in Karawanen durch die Sanddünen, und entgegen ka men aus Transoxanien, dem Land jenseits des Stroms, weitere Karawanen. Von ihren Kamelen hingen die Kanister mit dem Benzin, das man neben vielen anderen Waren aus dem ehemaligen Russland auf der anderen Flussseite bezog.

Der Amu-Darja, im Altertum auch Oxus genannt, versammelt eine mythische Landschaft um seine Ufer, von der der Dichter Rudaki, der »Karawanenführer der Dichtkunst« genannt, im 9. Jahrhundert nach Christus fabelt, seine rauen Ufer seien Seide unter den Füßen, seine Wellen sprängen bis zum Zaumzeug der Pferde vor Freude über den Heimkehrer. [...]

Marco Polo hat hoch oben im Pamir die Quelle des Stroms besucht, und am 19. Februar 1838 steht hier der britische Leutnant John Wood, auf dem »Dach der Welt«, wie er es nennt, über dem See des Bam i Dünjah oder des Sir i kol, wie die Kirgisen den Quellsee des Amu-Darja tauften, während sich vor dem staunenden Fremden die »gefrorene Wasserfläche erstreckte, aus deren westlichen Ende der junge Oxus entsprang«. Der schöne See, so schrieb er, besitze die »Form eines Halbmondes«.
 Doch von hier aus ist es noch weit bis zu den Tälern Nordafghanistans, und der Reisende fragt sich: Wie willst du diese Grenzen überqueren, die Berge, die Flüsse, die Gefechtslinien, zuletzt durch die Steppe kommen, wo die Bewegung immer ziellos scheint. Das ist ihr Schönes. Und wenn es einer wie Robert Byron bis an den Oxus schafft, dann hat er geschwärmt und zurückgeblickt auf die armen Schlucker, die verendeten, bevor sie ihn er reichten. [...]

Endlich eine Ausbuchtung, eine kleine Anhebung der Horizontlinie. Das sind die Schafherden, bewacht von einem jungen Hirten, der auf einem Sandhügel schläft, einem zweiten, der zu Pferde gemächlich im Kreise trabt, und drei bösen Hunden, die sich auch gegen Wölfe und Schakale durchsetzen müssen und immer kampfbereit sind. Immerhin fraßen die Wölfe im Krieg selbst von den zurückgebliebenen Leichen.
Der Hirte weiß das, er rutscht von seinem Sandhaufen und nähert sich ein paar Schritte. Unter seinem langen Filzmantel trägt er einen Pullover, eine wattierte grüne Jacke, eine Nadelstreifenweste. Mit dem langen Stab in seiner Hand stützt er sich, schützt und dirigiert er die Schafe, an die siebenhundert sind es, behütet von zwischen zehn und vierzehn Schäfern in dieser Gegend, gefährdet von Taranteln, Schlangen, Schakalen.
Wo er schläft?
 »Irgendwo in der Steppe.«
 Woher er sein Wasser bezieht?
»Es sind sechs Stunden mit den Tieren bis zur nächsten Quelle.«
 »Und ist die Herde sicher?«
 »Manchmal kommen Diebe und klauen ein paar Tiere. Aber was soll ich machen? Wir beklauen uns dann wechselseitig.« [...]

»Was isst du?« 
»Mein Brot mit etwas Fett, das ich hier in einem Döschen mit mir führe.« Er zeigt es. »Und warum hängst du hier rum?«, protestiert Turab humoristisch, »statt dir in der Stadt eine vernünftige Arbeit zu besorgen?«
 »Ich kann nicht.« Er hört, wo wir zu Hause sind.
 »Ihr lebt in einem guten Land, in dem es immer Regen gibt.«
 »Was verdienst du?«
 »Ich bekomme ein Zehntel aller neugeborenen Schafe eines Jahres. Wenn ich Glück habe, sind das fünfzig.«
 »Wie alt bist du?«
 »Weiß ich nicht. Vielleicht 21?«
»Aber du hast noch keinen Bart!«
 »Kannst du mir nicht sagen, wie alt ich bin?«
 Die Gespräche der Afghanen untereinander sind oft so. Gleich sind sie bei den Lebensumständen, eigentlich bei den vertraulichen Dingen. Nie wird eine Frage abgelehnt oder selbst in Frage gestellt. Man teilt die Geschichte wie die Atemluft. [...]

Während wir trinken, schwärmen die Kinder aus, um den Ältestenrat zusammenzurufen, und da stehen sie dann, fünfundzwanzig Männer, die meisten mit Turban und in langen Gewändern, mit würdevollen, tief ernsten, auch schwermütigen Gesichtern, und mitten darin Nadia, die Exil-Afghanin, die nur mit dem Kopfschleier bedeckt, aber offenen Gesichts durch die Menge der Alten geht, dem Gemeindehaus zu, wo sie sich die Bitten des Rates anhören wird. Der Saal ist gerade fertig geworden, der Stolz der Gemeinde. Man hat ihn in einer Anwandlung von Übermut oder Idealismus mit hellblauen Wolkenmotiven ausgemalt. Das wirkt in dieser Umgebung so befremdlich neumodisch wie ein Wellnessbad unter Nomaden.
 Wir sitzen auf Kissen im Kreis. Von außen drängen immer mehr Männer in den Raum. Dazwischen wieseln die Jungen mit Tellern voller Pistazien, Mandeln, Trockenobst und Hülsenfrüchten. Es sind auch ein paar eingewickelte Bonbons auf den Tellern. Das alles kommt, ohne dass wir eine Anweisung gehört hätten. Nur berichtet Nadia später, dass man hinter den Kulissen ausgeschwärmt sei, um Zutaten für ein richtiges Essen herbeizuschaffen, doch habe man sie nicht zusammen bekommen.
 Kaum ergreift sie das Wort, wird es ganz still. Die Alten mit ihren in den Lebenswinter eingetretenen Gesichtern, ihrer Zukunftsangst, ihrem Festhalten an allem, was ihnen ihre Tradition lässt, sie blicken in Nadias offenes Gesicht und sehen, wie empfindlich die Zeit sich ändert. Sie alle haben Nadias Vater noch gekannt. Deshalb fällt es ihnen wohl leichter, der Tochter zuzuhören. Sie brauchen auch kein Vertrauen zu fassen, sie haben es. Aber ihre Bitten sind groß und, gemessen an Nadias Möglichkeiten, maßlos.
Das Licht im Raum tritt plötzlich übergangslos in eine Dämmerstimmung ein. Die Alten beißen ein paar Mandeln auf, wenden aber den Blick nicht von Nadias Gesicht, forschen, was wohl von ihr zu erwarten sei für den Bau eines tieferen Brunnens, einer Schule, für die Besoldung eines Arztes, der sich der hiesigen Krankenstation annähme, denn da ist niemand.
 Die meisten Krankheiten kommen aus dem Wasser, manchmal verenden Tiere im Brunnen und verunreinigen ihn, mancher ungebildete Bauer wirft einen Kadaver zur Entsorgung einfach in den Schacht, auch Malaria grassiert, und Nadia hört das alles an, geduldig wie zum ersten Mal, dabei haben alle diese Geschichten die gleiche Struktur. Blicke ohne Lidschlag befestigen sich an ihren Zügen. Viele der Gesichter sind sehr fein geschnitten, manche tendieren ins Mongolische, Asiatische. Niemand bettelt, niemand klagt, niemand ringt die Hände, rauft die Haare, verliert die Haltung.
 Was ihre Versorgung angeht, so können sie sich in guten Jahren sechs Monate lang mit dem Verkauf von Teppichen und Vieh über Wasser halten, die zweite Hälfte des Jahres müssen sie aus dem Eigenanbau bestreiten. Mit dem Sonnenaufgang sind die Bauern auf den Feldern oder bei den Tieren. Sie frühstücken Brot mit Tee und, wenn sie haben, mit Milch.
 Ich schreibe, was der Bauer berichtet. Mit dezenter Beteiligung blickt der Raum auf das, was mich offenbar interessiert, kaum senke ich den Stift aufs Papier, liegt ihr Blick darauf. Was hier erzählt wird, das ist doch alles ihr normales Leben. Was soll es da zu schreiben geben? Dass die Minengefahr auf den Feldern groß ist? Gewiss, aber gegen die Wölfe anzukommen ist auch nicht einfach.
 Die glücklichsten Bauern sind die, die einen Ochsenpflug besitzen und eine Kuh ihr eigen nennen, auf die sie sich verlassen können. Solche Bauern können sich manchmal sogar Dünger leisten.
 »Aber schmeckt es nicht besser ohne Dünger«, frage ich, und alles lacht, glücklich, dass sich Fremde so einig sein können.
 Das Gespräch wendet sich dem Ackerbau zu, den Ernten, dem spät ausgesäten Reis. Hinter einer Schule haben wir ein paar Mohnblumen entdeckt. Von wo mögen diese Samen hierher geflogen sein? Von der Straße aus hat jedenfalls noch niemand ein Mohnfeld entdecken können.
 »Wir bauen keinen Mohn an«, konstatiert der Ortsvorsteher trocken.
 »Und uns hat man gesagt, du hast vierzig Kilo gewonnen aus deinen Feldern«, ruft Turab, alles lacht erneut, und dafür haut der Angesprochene dem Sprecher mehrmals kameradschaftlich auf die Schulter. 
Doch sollten wir glauben, in diesen Dörfern verberge sich irgendwo ein geheimer Wohlstand, dann wären wir im Irrtum. Die Feldarbeit ist mühselig, ganz neue Dürrezeiten zerstören die Ernten, die Kinder gehen häufig schon um sechs Uhr früh in die Schule, damit sie am späten Vormittag den Eltern wieder helfen können, [...] (S.360-370)

Weitere Texte von Willemsen

12 April 2019

E.T.A. Hoffmann: Erzählungen

Ich habe meine Schwierigkeiten mit Gewaltsamkeiten und Erzählungen von Morden, deswegen mag ich keine Krimis - mit wenigen Ausnahmen. 
E.T.A. Hoffmann schreibt mir zu outriert, zu gewaltsam, mit zu viel Sinn für Wahnsinn und ähnliche Erscheinungen.
Dennoch habe ich sein "Fräulein von Scuderi", gestern mittendrin angefangen, heute vollständig gelesen. So geschickt hat er das schreckliche Geschehen mit sympathischen Personen verknüpft, dass ich die durchaus sehr gesuchte Hinführung zum Happy End nicht zu schätzen gewusst hätte. 

Es war wohl diese Passage, die ich gestern gelesen hatte:

"[...] Die dunklen Ahnungen, von denen der Scuderi Gemüt befangen seit Brussons erstem Eintritt in ihr Haus, hatten sich nun zum Leben gestaltet auf furchtbare Weise. Den Sohn ihrer geliebten Anne sah sie schuldlos verstrickt auf eine Art, daß ihn vom schmachvollen Tod zu retten kaum denkbar schien. Sie ehrte des Jünglings Heldensinn,[238] der lieber schuldbeladen sterben, als ein Geheimnis verraten wollte, das seiner Madelon den Tod bringen mußte. Im ganzen Reiche der Möglichkeit fand sie kein Mittel, den Ärmsten dem grausamen Gerichtshofe zu entreißen. Und doch stand es fest in ihrer Seele, daß sie kein Opfer scheuen müsse, das himmelschreiende Unrecht abzuwenden, das man zu begehen im Begriffe war. – Sie quälte sich ab mit allerlei Entwürfen und Plänen, die bis an das Abenteuerliche streiften, und die sie ebenso schnell verwarf als auffaßte. Immer mehr verschwand jeder Hoffnungsschimmer, so daß sie verzweifeln wollte. Aber Madelons unbedingtes, frommes kindliches Vertrauen, die Verklärung, mit der sie von dem Geliebten sprach, der nun bald, freigesprochen von jeder Schuld, sie als Gattin umarmen werde, richtete die Scuderi in eben dem Grad wieder auf, als sie davon bis tief ins Herz gerührt wurde.
Um nun endlich etwas zu tun, schrieb die Scuderi an la Regnie einen langen Brief, worin sie ihm sagte, daß Olivier Brusson ihr auf die glaubwürdigste Weise seine völlige Unschuld an Cardillacs Tode dargetan habe, und daß nur der heldenmütige Entschluß, ein Geheimnis in das Grab zu nehmen, dessen Enthüllung die Unschuld und Tugend selbst verderben würde, ihn zurückhalte, dem Gericht ein Geständnis abzulegen, das ihn von dem entsetzlichen Verdacht, nicht allein, daß er Cardillac ermordet, sondern daß er auch zur Bande verruchter Mörder gehöre, befreien müsse. Alles, was glühender Eifer, was geistvolle Beredsamkeit vermag, hatte die Scuderi aufgeboten, la Regnies hartes Herz zu erweichen. Nach wenigen Stunden antwortete la Regnie, wie es ihn herzlich freue, wenn Olivier Brusson sich bei seiner hohen, würdigen Gönnerin gänzlich gerechtfertigt habe. Was Oliviers heldenmütigen Entschluß betreffe, ein Geheimnis, das sich auf die Tat beziehe, mit ins Grab nehmen zu wollen, so tue es ihm leid, daß die Chambre ardente dergleichen Heldenmut nicht ehren könne, denselben vielmehr durch die kräftigsten [239] Mittel zu brechen suchen müsse. Nach drei Tagen hoffe er in dem Besitz des seltsamen Geheimnisses zu sein, das wahrscheinlich geschehene Wunder an den Tag bringen werde.
Nur zu gut wußte die Scuderi, was der fürchterliche la Regnie mit jenen Mitteln, die Brussons Heldenmut brechen sollen, meinte. Nun war es gewiß, daß die Tortur über den Unglücklichen verhängt war. In der Todesangst fiel der Scuderi endlich ein, daß, um nur Aufschub zu erlangen, der Rat eines Rechtsverständigen dienlich sein könne. Pierre Arnaud d'Andilly war damals der berühmteste Advokat in Paris. [...]" (E.T.A. Hoffmann: "Das Fräulein von Scuderi")

Ritter Gluck, eine Erzählung, die mir schon bei der ersten Lektüre gefallen hat.

Achtung Spoiler:
Das Fräulein von Scuderi (Wikipedia) (Youtube Kurzfassung)

07 April 2019

Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne

"Guten Morgen, du Schöne lässt sich als Erweiterung der reinen Protokollliteratur einordnen. Anders als in dieser verwebt Wander eigene literarische Nuancen in die essayhaft formulierten Stücke. Das heißt, sie notiert das Gesagte nicht 1:1, sondern findet noch weitere Ebenen der Beschreibung: „Die ursprünglichen Protokolle sind zu Porträts verdichtet, die Autorin adaptiert den Gestus, Soziolekt und Ton der Befragten und reichert ihn mit dem Bild an, das sie sich selbst von der Gesprächspartnerin und deren sozialer Situation gemacht hat. Aus der Tonbandmitschrift wird Literatur.“[1]"(Wikipedia:Maxie Wander)

Guten Morgen, du Schöne. Protokolle. Mit einem Vorwort von Christa Wolf Sammlung Luchterhand 289, Darmstadt/Neuwied 1979.

06 April 2019

Louisa May Alcott: Little Women

Louisa May Alcott:  Little Women

Wikipedia (deutsch)
Wikipedia (englisch)
Rezension (deutsch)

"Jo, dear, we all have our temptations, some far greater than yours, and it often takes us all our lives to conquer them. You think your temper is the worst in the world, but mine used to be just like it." "Yours, Mother? Why, you are never angry!" And for the moment Jo forgot remorse in surprise. "I've been trying to cure it for forty years, and have only succeeded in controlling it. I am angry nearly every day of my life, Jo, but I have learned not to show it, and I still hope to learn not to feel it, though it may take me another forty years to do so." The patience and the humility of the face she loved so well was a better lesson to Jo than the wisest lecture, the sharpest reproof. [...]
"Mother, are you angry when you fold your lips tight together and go out of the room sometimes, when Aunt March scolds or people worry you?" asked Jo, feeling nearer and dearer to her mother than ever before. "Yes, I've learned to check the hasty words that rise to my lips, and when I feel that they mean to break out against my will, I just go away for a minute, and give myself a little shake for being so weak and wicked," answered Mrs. March with a sigh and a smile, as she smoothed and fastened up Jo's disheveled hair. "How did you learn to keep still? That is what troubles me, for the sharp words fly out before I know what I'm about, and the more I say the worse I get, till it's a pleasure to hurt people's feelings and say dreadful things. Tell me how you do it, Marmee dear." "My good mother used to help me . . ." "As you do us . . ." interrupted Jo, with a grateful kiss. "But I lost her when I was a little older than you are, and for years had to struggle on alone, for I was too proud to confess my weakness to anyone else. I had a hard time, Jo, and shed a good many bitter tears over my failures, for in spite of my efforts I never seemed to get on. Then your father came, and I was so happy that I found it easy to be good. But by-and-by, when I had four little daughters round me and we were poor, then the old trouble began again, for I am not patient by nature, and it tried me very much to see my children wanting anything." "Poor Mother! What helped you then?" "Your father, Jo. He never loses patience, never doubts or complains, but always hopes, and works and waits so cheerfully that one is ashamed to do otherwise before him. He helped and comforted me, and showed me that I must try to practice all the virtues I would have my little girls possess, for I was their example. It was easier to try for your sakes than for my own. A startled or surprised look from one of you when I spoke sharply rebuked me more than any words could have done, and the love, respect, and confidence of my children was the sweetest reward I could receive for my efforts to be the woman I would have them copy." "Oh, Mother, if I'm ever half as good as you, I shall be satisfied," cried Jo, much touched. "I hope you will be a great deal better, dear, but you must keep watch over your 'bosom enemy', as father calls it, or it may sadden, if not spoil your life. You have had a warning. Remember it, and try with heart and soul to master this quick temper, before it brings you greater sorrow and regret than you have known today." "I will try, Mother, I truly will. But you must help me, remind me, and keep me from flying out. I used to see Father sometimes put his finger on his lips, and look at you with a very kind but sober face, and you always folded your lips tight and went away. Was he reminding you then?" asked Jo softly. "Yes. I asked him to help me so, and he never forgot it, but saved me from many a sharp word by that little gesture and kind look." "

Die Mädchen gründen eine literarische Gesellschaft
und verfassen Gedichte in - vor allem von heute aus gesehen - recht anspruchsvoller, würdiger, feierlicher Sprache.


"THE PICKWICK PORTFOLIO" MAY 20, 18
POET'S CORNER ANNIVERSARY ODE
Again we meet to celebrate
With badge and solemn rite,
Our fifty-second anniversary,
In Pickwick Hall, tonight.
We all are here in perfect health,
None gone from our small band:
Again we see each well-known face,
And press each friendly hand.

Our Pickwick, always at his post,
With reverence we greet,
As, spectacles on nose, he reads
Our well-filled weekly sheet.
Although he suffers from a cold,
We joy to hear him speak,
For words of wisdom from him fall,
In spite of croak or squeak.

Old six-foot Snodgrass looms on high,
With elephantine grace,
And beams upon the company,
With brown and jovial face.
Poetic fire lights up his eye,
He struggles 'gainst his lot.
Behold ambition on his brow,
And on his nose, a blot.

Next our peaceful Tupman comes,
So rosy, plump, and sweet,
Who chokes with laughter at the puns,
And tumbles off his seat.
Prim little Winkle too is here,
With every hair in place,
A model of propriety,
Though he hates to wash his face.
The year is gone, we still unite
To joke and laugh and read,
And tread the path of literature
That doth to glory lead.
Long may our paper prosper well,
Our club unbroken be,
And coming years their blessings pour
On the useful, gay 'P. C.'.
[...]

"THE PUBLIC BEREAVEMENT
It is our painful duty to record the sudden and mysterious disappearance of our cherished friend, Mrs. Snowball Pat Paw. This lovely and beloved cat was the pet of a large circle of warm and admiring friends; for her beauty attracted all eyes, her graces and virtues endeared her to all hearts, and her loss is deeply felt by the whole community. When last seen, she was sitting at the gate, watching the butcher's cart, and it is feared that some villain, tempted by her charms, basely stole her. Weeks have passed, but no trace of her has been discovered, and we relinquish all hope, tie a black ribbon to her basket, set aside her dish, and weep for her as one lost to us forever. 

A sympathizing friend sends the following gem:
A LAMENT (FOR S. B. PAT PAW)
We mourn the loss of our little pet,
And sigh o'er her hapless fate,
For never more by the fire she'll sit,
Nor play by the old green gate.
The little grave where her infant sleeps
Is 'neath the chestnut tree.
But o'er her grave we may not weep,
We know not where it may be.
Her empty bed, her idle ball,
Will never see her more;
No gentle tap, no loving purr
Is heard at the parlor door.
Another cat comes after her mice,
A cat with a dirty face,
But she does not hunt as our darling did,
Nor play with her airy grace.
Her stealthy paws tread the very hall
Where Snowball used to play,
But she only spits at the dogs our pet
So gallantly drove away.
She is useful and mild, and does her best,
But she is not fair to see,
And we cannot give her your place dear,
Nor worship her as we worship thee. A.S."

03 April 2019

H. M. Enzensberger: Zukunftsmusik, Zahlenteufel und andere Einzelheiten

Hans Magnus Enzensberger

http://www.planetlyrik.de/hans-magnus-enzensberger-zukunftsmusik/2017/12/

http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/zahlenteufel.html
https://www.bluecher.blog/kinder-jugend/hans-magnus-enzensberger-der-zahlenteufel/

https://www.suhrkamp.de/buecher/einzelheiten_i-hans_magnus_enzensberger_10063.html
https://www.suhrkamp.de/buecher/einzelheiten_ii-hans_magnus_enzensberger_10087.html

Titel?
Ein Wort in die Luft werfen
das Wort 
schwer
ist leicht
Ein Zeichen in die Luft zu tuschen
das Zeichen 
unmöglich
ist nicht unmöglich
Oder Strich auf StrichBambus oder Lust oder Teller zu setzen
Silbe auf Silbe auf Silbe
zu balancieren
immer höher und höher
aah!
Aber selber so leicht zu werden
wie ein Strich
eine Silbe
ein Zeichen am Himmel
Wie geht's weiter?

Wenn Fontane Bismarck zitiert ...

... und ihm recht gibt, darf man annehmen, dass er ihn auch als Schriftsteller ernst nimmt.
An Detlev von Liliencron schreibt er am 11.9.1880:
"Bismarck sagt einmal in einem seiner Briefe: 'die Kunst landschaftlicher Schilderung besteht nicht darin, eine ganze Landschaft getreulich abzumalen, sondern vielmehr darin den einen Punkt zu entdecken, wodurch sich diese Landschaft von jeder anderen unterscheidet.' Das ist wundervoll wahr und beschränkt sich nicht blos auf Landschaften, sondern auf jede gegebene Situation."

An Wilhelm Hertz schreibt er am 18. August 1879 aus Wernigerode:
"[...] ich darf – vielleicht leider – von mir aus sagen: "ich fange erst an." Nichts liegt hinter mir, alles vor mir; ein Glück und ein Pech zugleich. Auch ein Pech. Denn es ist nichts Angenehmes, mit 59 als ein "ganz kleiner Doktor" da zu stehn."

Am 28.6.1879 schreibt er aus Berlin an Emilie Fontane:
"Heute früh erschien wieder mein Freund Redakteur Dominik und blieb dritthalb Stunden. Das ist viel Zeit; aber ich denke es bringt sich wieder ein. Allerlei ist eingefädelt, was mir doch vielleicht ein kleines Glückshemd zusammen näht. Wird ohne Schuld des armen Dominik ein Sterbehemd draus, soll einfach heißen, löst der Tod das Leben ab, so schadet es nicht. Alles was uns werthvoll dünkt, ist ja nicht werthvoll an sich, sondern ist in seinem Werthstand einfach durch unser Leben bedingt. Schweigt das Leben, so schweigt der Wunsch. 'Das Leben ist der Güter höchstes nicht.' Daß man lebt, ist nicht nötig; nur das empfinde ich immer tiefer: 'wenn man überhaupt lebt, muss man auch leben können.'



02 April 2019

Dieter Kühn: Neidhart aus dem Reuental

Dieter Kühn: Neidhart aus dem Reuental

Zitat:
Kühn über die heutige historische Aufführungspraxis mittelalterlicher Lieder: 

"Es zeigt sich: wir wollen nach Möglichkeit und sichtbar werden, wo wir Vergangenes sichtbar machen, wollen möglichst leise fast unhörbar werden, wo wir Vergangenes hörbar machen. Ich bin auch in dieser Hinsicht Sohn meiner Zeit: ich finde das richtig so. Aber mit Seitenblicken versuche ich zugleich, das Besondere der Situation der Position bewusst zu machen, die ja nicht nur für mich allein bezeichnend ist. [...] aber so behutsam wir historische Materialien behandeln – im Umgang mit der Natur zeigen wir eine Rigorosität und Rigidität, die keine Generation vor uns gekannt hat. Unter dem Vorwand der Flurbereinigung wurden ganze Landschaften umgemodelt: Hohlwege zugeschüttet, Bäche verrohrt, Hügelkonturen verändert (in Weinbaugebieten), dazu die rücksichtslosen Linienführungen im Dienste der Maschinen – nein, wir sind nicht ängstlicher geworden als unsere Vorfahren oder Altvordern, auch wir setzen uns entschieden in Szene, nur hat sich der Schauplatz verlagert. In Kirchen legen wir alte Malereien vorsichtig frei, versuchen, sie von allen späteren Zutaten, womöglich Verfälschungen zu befreien, aber die Natur übermalen, verfälschen wir in dicken, tristen Farben, deren chemische Ausdünstungen sich nicht verflüchtigen wollen." (S. 273/74)

Als Beleg für die Fremdartigkeit des Mittelalters (größere Bandbreite des geduldeten Verhaltens*) führt Kühn als Beispiel Folgendes an:
"Für Könige und Kaiser jener Zeit ist unberechenbares, vielfach explosives Verhalten dokumentiert, auch vor für hohe Gefolgsmänner. Beispielsweise Heinrich von Pappenheim, Marschall des Kaisers Friedrich Barbarossa, Marschall des Kaisers Heinrich VI., Marschall des Königs Philipp von Schwaben, Marschall des Kaisers Otto IV., zuletzt Marschall des Kaisers Friedrich II.: er reist mit König Otto nach Rom, zur Kaiserkrönung; in Padua findet ein Ostermahl statt; Der Truchseß gibt einem Pagen, der Kuchen stibitzt hat, eine Ohrfeige; der Marschall zieht sein Schwert und tötet den Truchseß; Otto gerät in Rage und will den Marschall hinrichten lassen; der Marschall fällt über den hünenhaften Otto her, reißt ihn am Bart, bringt ihn zu Fall; der Marschall wird dennoch begnadigt, darf dem Kaiser aber nicht mehr unter die Augen treten; später rettet er Otto im Kampf das Leben, dafür wird er vom Kaiser reich beschenkt, mit Gütern und Ämtern.
Je deutlicher die Konturen der Lebensformen und Lebensumstände von Menschen des 13. Jahrhunderts, desto stärker die Kontraste heutiger Lebensformen und Lebensumstände."

(S.322/23)
Wikimedia Commons

Von der Antike bis ins Mittelalter schrieb man mit Schreibgriffeln auf Wachstafeln. Diese waren nur für den täglichen Gebrauch bestimmt, nicht für dauerhafte Überlieferung. Deshalb sind sie nicht als Originale erhalten, wohl aber im Bild. Griffel hat man aber immer wieder gefunden. - Kühn nutzt diese Tatsache dafür, sich zu überlegen, ob Neidhart seiner Frau Mechthild Liedtexte diktiert haben und wie weit sie dabei Partnerin gewesen sein könnte. (S.393/94)

Vorstellung durch den Fischer Verlag:
"[...] Im zweiten Band seiner ›Trilogie des Mittelalters‹ rekonstruiert Kühn die »Lebensreise« dieses Sängers, der von Auftritt zu Auftritt zog, um vor meist höfischem Publikum zu singen. Jeder Anspielung der eigens übersetzten Lieder folgend, spürt Kühn den Möglichkeiten, ja, Wahrscheinlichkeiten nach. Aus der Perspektive der »Fahrenden« schildert er, was Reisen damals bedeutete: auf schlechten Straßen und Wegen, bedroht von Krankheiten und Seuchen, konfrontiert mit Elend, Hunger und Schmutz.[...]"

Eine Liedübersetzung von Dieter Kühn:


"Neidhart und die Bauern: ein wichtiges Kapitel in einem Buch über Neidhart. Einleitend, vorbereitend stelle ich eins der Winterlieder vor, wie sie Neidhart in Bayern gedichtet (und komponiert) haben wird.

Sing, du Goldhun, und ich geb dir Weizen
(und sogleich
ward ich froh)
sagte sie, um deren Gunsten ich singe.
Ach, so fällt der Simpel auf Versprechen rein,
immerdar.
Würd es wahr,
hätte sich noch nie zuvor ein Mann
Derart hochgemut wie ich gefühlt.
Kann sie denn, mit ihrer Fröhlichkeit,
meinen Schmerz
Von mir nehmen? Ach, mein Leid ist groß ...

Räumt die Hocker und die Stühle raus!
Tischgestelle
rausgetragen!
Heute werden wir uns müdetanzen.
Reißt die Stube auf, dann wird es kühl,
und der Wind
weht gar sanft
Um die Mädchen, über Leibchen.
Wenn die Reienführer nicht mehr singen,
seid ihr alle eingeladen
(und wir auch)
Nach der Fiedel hofgerecht zu tanzen.

Horcht nur – in der Stube höre ich Tanz!
Junge Männer,
Nichts wie hin!
Bauernmaderln gibts in Scharen!
Viele Kehrreim-Tänze sah man dort.
Zweie geigten.
Als sie schwiegen
(was die lustigen Buam nur freute!),
ward im Wettstreit vorgesungen.
Es schallte durch die Fensterlöcher.
Adelhalm
tanzt nur zwischen jungen Mädchen.

Saht ihr einen Bauern je so aufgedreht
Wie ihn dort?
Großer Gott!

Der ist vorne weg in meinem Reien.
Einen Gürtel, gut zwei Hände breit,
braucht seinen Schwert.
Würdevoll
kommt er sich in seiner neuen Jacke vor.
Sie besteht aus vierundzwanzig Stücklein Stoff,
und die Ärmel reichen an die Finger.
Seine Kleidung
sieht man nur an dummen Gecken!

Äußerst bäurisch ist die Kostümierung,
die er trägt.
Wie ich höre,
spitzt er sich auf Ave, Tochter Engelbolds.
Bin ganz sicher: dabei fällt er rein.
Diese Frau wäre es wert,
Daß ein Graf sich mal in sie verliebt.
Geb ihm deshalb ganz diskret den Rat,
daß er sich von hier verdrückt.
Andernfalls
käme er in Mainz mit blauen Augen an.

Seine Jacke ist nicht schön genug geschlitzt,
Sein Gesang
trägt nicht weit –
also soll er sie in Ruhe lassen.
Diesen Sommer sah er sie
wie täglich Brot.
Rot vor Scham
wurd ich, wenn sie beieinander saßen.
Der ich gerne diente – würd sie mein,
hätt sie freie Auswahl an Besitz:
Reuental
ganz für Sie! Ich hab ein weites Herz ...

Ist dies nur literarisches Spiel? Oder gibt es Entsprechungen zwischen solch einem Liedtext und damaliger gesellschaftliche Realität?" (S.142-144)

Lesenswert sind auch die Lieder von Tannhûser (S.374-377) 1: über die Mittelmeerfahrt auf dem Kreuzzug, 2. die überzogenen Aufgaben, die eine adlige Dame ihrem Verehrer stellt, sowie das Wechselgespräch von Mutter und Tochter von Neidhart (S.377-79)

Liedbeispiel (Original)

* Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation nimmt einen Jahrhunderte währenden Prozess der Zähmung und Domestizierung der Menschen an.
Zitat aus der Wikipedia: "Je größer und dichter die Menschenräume werden, je stabiler die Gewaltmonopole werden, je ausdifferenzierter die gesellschaftlichen Funktionen, „desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige gesellschaftlich im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag, und desto stärker wird jeder Einzelne auch von klein auf dazu gedrängt, die Wirkung seiner Handlungen oder die Wirkung der Handlungen von Anderen über eine ganze Reihe von Kettengliedern hinweg zu bedenken.“ (Bd. II, S. 322, 383, 404)."