17 April 2018

Bernhard Schlink: Olga, Die Frau auf der Treppe, Interview u.a.

Befragt nach der Motivation seiner Schriftstellertätigkeit, antwortete Schlink in einem Interview: „Ich schreibe aus demselben Grund, aus dem andere lesen: Man will nicht nur ein Leben leben.“[4]

"Wenn man will, findet man oft, wonach man sucht. Im neuen Roman von Bernhard Schlink zum Beispiel lässt sich bald etwas entdecken, das auf seinen großen Erfolg, auf den „Vorleser“ hindeutet: Ein junger Mann fühlt sich zu einer älteren Frau hingezogen. So vertraut wie mit ihr geht er mit keinem Menschen um. Sie lehrt ihn vieles anders, als er es in der Schule gehört hat. Damit enden die Parallelen aber schon.
Diese Frau, Olga, sie gab dem Buch den Titel, ist belesen, hat einen kritischen Blick auf die Gesellschaft. „Sie hatte den Nationalsozialismus von Anfang an abgelehnt – wieder sollte Deutschland zu groß werden, nachdem Bismarck es schon zu groß gewollt und gemacht hatte.“ Der junge Mann, Ferdinand, fungiert im zweiten Teil des Romans als Erzähler. Er lernt Olga als Näherin kennen, die bei ihm zu Hause herrichtet, was seine Mutter für sie zurechtlegt. [...]" (Die Königskinder, die zueinander kommen durften, Cornelia Geissler FR 13.1.18

Bernhard Schlink: "Wir haben ein Vaterland und eine Muttersprache - ist das nicht schön?" Interview mit  Cornelia Geissler FR 17.4.18, S.32/33

"Ich habe für die große Koalition gestimmt. Nachdem die Parteiführung den Karren in den Dreck gefahren hatten, blieb nichts anderes übrig. Klaus Staeck und ich hatten der SPD vorgeschlagen, mit fünf Forderungen auf zwei Jahre in eine große Koalition zu gehen und dann Neuwahlen abzuhalten, zwei plus fünf. Das wäre besser gewesen als das "buisiness as usual", das jetzt wieder kommt. [...] Mich schmerzt der Niedergang der SPD."
Schreiben Sie denn noch mit der Hand?
"Je nachdem, wie ich anfange. Wenn ich eine Geschichte mit der Hand anfange, unterwegs, im Zug, auf einer Parkbank, schreibe ich sie auch so weiter."

Bernhard Schlink „Die Frau auf der Treppe
Bernhard Schlink: Sommerlügen
Bernhard Schlink: Das Wochenende  Fernsehverfilmung


In der Wikipedia:

16 April 2018

Heine: Atta Troll Caput 11 ff

Heine verdankt die Idee zu Atta Troll Freiligraths Mohrenfürsten, aber dieses Versepos wäre genauso vergessen wie Freiligraths  Gedicht, wenn es nicht höchst virtuos den verschiedensten Anforderungen gerecht würde: Literatursatire, romantische Naturschilderung, elegante Verse, raffinierte Sprachspiele und sprühender Witz. 
Vieles wird bereits in der Wikipedia aufgezeigt. Hier sollen einige der witzigen Stellen angeführt werden, an die man sich meist nur ungenau erinnert und die man nicht leicht wiederfindet. 

Schlimmer als der Zorn von tausend
Elefanten ist die Feindschaft
Einer einz'gen kleinen Wanze,
Die auf deinem Lager kriecht.


Mußt dich ruhig beißen lassen –
Das ist schlimm – Noch schlimmer ist es,
Wenn du sie zerdrückst: der Mißduft
Quält dich dann die ganze Nacht.
[375]
Ja, das Schrecklichste auf Erden
Ist der Kampf mit Ungeziefer,
Dem Gestank als Waffe dient –
Das Duell mit einer Wanze!
Und sie starb in Liebeswahnsinn.
(Liebeswahnsinn! Pleonasmus!
Liebe ist ja schon ein Wahnsinn!)
Endlich ist der Sieg erfochten,
Und der Tag, der Triumphator,
Tritt, in strahlend voller Glorie,
Auf den Nacken des Gebirges.

Wolkenbruch! (Das Bruchband platzte.)
Kübelweis' stürzt' es herunter!
Jason ward gewiß auf Kolchis
Nicht durchnäßt von solchem Sturzbad.

»Einen Regenschirm! ich gebe
Sechsunddreißig Könige
Jetzt für einen Regenschirm!«*
Rief ich, und das Wasser troff.
*Shakespeare: Richard III. 

Atta Trolls Tochter hat sich in einen Menschen verliebt:
Ja, sie liebt ihn, ihn, den Erbfeind!
Oh, der unglücksel'gen Bärin!
Wüßt der Vater das Geheimnis,
Ganz entsetzlich würd er brummen.
[416]
Gleich dem alten Odoardo,
Der mit Bürgerstolz erdolchte
Die Emilia Galotti,
Würde auch der Atta Troll

Seine Tochter lieber töten,*
Töten mit den eignen Tatzen,
Als erlauben, daß sie sänke
In die Arme eines Prinzen!

Doch in diesem Augenblicke
Ist er weich gestimmt, hat keine
Lust, zu brechen eine Rose,
Eh' der Sturmwind sie entblättert.**
*Lessing: Emilia Galotti

Atta Troll hat eine Todesahnung und sagt:
Bin fürwahr nicht abergläubisch,
Bin kein Faselbär – doch gibt es
Dinge zwischen Erd' und Himmel,
Die dem Denker unerklärlich.*
* Shakespeare: Hamlet

In dem Tal von Ronceval,
Auf demselben Platz, wo weiland
Des Caroli Magni Neffe
Seine Seele ausgeröchelt,*

Dorten fiel auch Atta Troll,
Fiel durch Hinterhalt, wie jener,
Den der ritterliche Judas,
Ganelon von Mainz, verraten.
* Rolandssage

Also fiel der edle Held.
Also starb er. Doch unsterblich
Nach dem Tode auferstehn
Wird er in dem Lied des Dichters.

Auferstehn wird er im Liede,
Und sein Ruhm wird kolossal
Auf vierfüßigen Trochäen
Über diese Erde stelzen.

Der *** setzt ihm
In Walhalla einst ein Denkmal,
Und darauf, im ***
Lapidarstil, auch die Inschrift:

»Atta Troll, Tendenzbär; sittlich
Religiös; als Gatte brünstig;
Durch Verführtsein von dem Zeitgeist,
Waldursprünglich Sansculotte; [...]
Caput 24

Dacht ich dann an Schillers Worte:
Was im Lied soll ewig leben,
Muß im Leben untergehn!*

Heinrich Heine: Atta Troll


















Heinrich Heine: Atta Troll

Heines Bär Atta Troll hat mit den Menschen schlechte Erfahrungen gemacht:

Atta Troll steht auf der Koppe
Seines Lieblingsfelsens einsam,
Einsam, und er heult hinunter
In den Nachtwind, in den Abgrund:
[369]
»Ja, ich bin ein Bär, ich bin es,
Bin es, den ihr Zottelbär,
Brummbär, Isegrim und Petz
Und Gott weiß wie sonst noch nennet.

Ja, ich bin ein Bär, ich bin es,
Bin die ungeschlachte Bestie,
Bin das plumpe Trampeltier
Eures Hohnes, eures Lächelns!

Bin die Zielscheib' eures Witzes,
Bin das Ungetüm, womit
Ihr die Kinder schreckt des Abends,
Die unart'gen Menschenkinder.

Bin das rohe Spottgebilde
Eurer Ammenmärchen, bin es,
Und ich ruf es laut hinunter
In die schnöde Menschenwelt.

Hört es, hört, ich bin ein Bär,
Nimmer schäm ich mich des Ursprungs,
Und bin stolz darauf, als stammt' ich
Ab von Moses Mendelssohn*

[...]
Jetzt sind freilich aufgeklärter
Diese Menschen, und sie töten
Nicht einander mehr aus Eifer
Für die himmlischen Intressen; –


Nein, nicht mehr der fromme Wahn,
Nicht die Schwärmerei, nicht Tollheit,
Sondern Eigennutz und Selbstsucht
Treibt sie jetzt zu Mord und Totschlag.


Nach den Gütern dieser Erde
Greifen alle um die Wette,
Und das ist ein ew'ges Raufen,
Und ein jeder stiehlt für sich!


Ja, das Erbe der Gesamtheit
Wird dem einzelnen zur Beute,
Und von Rechten des Besitzes
Spricht er dann, von Eigentum!


Eigentum! Recht des Besitzes!
O des Diebstahls! O der Lüge!
Solch Gemisch von List und Unsinn
Konnte nur der Mensch erfinden.


Keine Eigentümer schuf
Die Natur, denn taschenlos,[371]
Ohne Taschen in den Pelzen,
Kommen wir zur Welt, wir alle.


Keinem von uns allen wurden
Angeboren solche Säckchen
In dem äußern Leibesfelle,
Um den Diebstahl zu verbergen.


Nur der Mensch, das glatte Wesen,
Das mit fremder Wolle künstlich
Sich bekleidet, wußt auch künstlich
Sich mit Taschen zu versorgen.


Eine Tasche! Unnatürlich
Ist sie wie das Eigentum,
Wie die Rechte des Besitzes –
Taschendiebe sind die Menschen!


Glühend haß ich sie! Vererben
Will ich dir, mein Sohn, den Haß.
Hier auf diesem Altar sollst du
Ew'gen Haß den Menschen schwören!


Sei der Todfeind jener argen
Unterdrücker, unversöhnlich,
Bis ans Ende deiner Tage –
Schwör es, schwör es hier, mein Sohn!«


Und der Jüngling schwur, wie eh'mals
Hannibal. Der Mond beschien
Gräßlich gelb den alten Blutstein
Und die beiden Misanthropen. – –


Später wollen wir berichten,
Wie der Jungbär treu geblieben
Seinem Eidschwur; unsre Leier
Feiert ihn im nächsten Epos.
(Heinrich Heine: Atta Troll, Caput 9 und 10)

* Heine unterstellt dem Bären keine besondere  Konsequenz. Während Atta Troll hier Moses Mendelssohn als besonders ehrenvollen Ahnherren bezeichnet, hatte er die Juden im 6. Caput noch als minderberechtigte Säugetiere angesehen:

Atta Troll:
Einheit! Einheit! und wir siegen,
Und es stürzt das Regiment
Schnöden Monopols! Wir stiften
Ein gerechtes Animalreich.
[363]
Grundgesetz sei volle Gleichheit
Aller Gotteskreaturen,
Ohne Unterschied des Glaubens
Und des Fells und des Geruches.


Strenge Gleichheit! Jeder Esel
Sei befugt zum höchsten Staatsamt,
Und der Löwe soll dagegen
Mit dem Sack zur Mühle traben.


Was den Hund betrifft, so ist er
Freilich ein serviler Köter,
Weil Jahrtausende hindurch
Ihn der Mensch wie 'n Hund behandelt;


Doch in unserm Freistaat geben
Wir ihm wieder seine alten
Unveräußerlichen Rechte,
Und er wird sich bald veredeln.


Ja, sogar die Juden sollen
Volles Bürgerrecht genießen
Und gesetzlich gleichgestellt sein
Allen andern Säugetieren.


Nur das Tanzen auf den Märkten
Sei den Juden nicht gestattet;
Dies Amendement, ich mach es
Im Intresse meiner Kunst.
(Heine: Atta Troll Caput 6)

*Offenbar möchte Heine selbst die besondere Rolle Moses Mendelssohns herausstellen, während er dem Bären Atta Troll unterstellt, dass auch er die Juden für minderberechtigt hält.

15 April 2018

Arun Gandhi: Wut ist ein Geschenk

 Arun Gandhi, der Enkel von Mahātmā Gandhi, lebte einige Zeit in dem Ashram seines Großvaters und schreibt darüber, was er damals gelernt hat.

Rezension mit Kurzzitaten vom NDR

Mandy Schütze schildert ihren persönlichen Eindruck.


14 April 2018

Romanschlüsse

"Kein Geistlicher hat ihn begleitet." (Goethe: Werther)
"Ich kenne den Wert eines Königreiches nicht, versetzte Wilhelm, aber ich weiß, daß ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit nichts in der Welt tauschen möchte." (Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre)
"ich werde meine Habe verwalten, werde sonst noch nützen, und jedes, selbst das wissenschaftliche Bestreben hat nun Einfachheit, Halt und Bedeutung." (Stifter: Nachsommer)
"Ihrem Willen gemäß habe ich es aus dem Nachlaß wiedererhalten und den anderen Teil dazugefügt, um noch einmal die alten grünen Pfade der Erinnerung zu wandeln." (Keller: Der grüne Heinrich)
"Zenobia spielte den Engel." (Fontane: Grete Minde) [Obwohl Fontane viele Kurzromane geschrieben hat, hat er diese Erzählung von 1879 freilich nicht Roman genannt.]
"Gideon ist besser als Botho." (Fontane: Irrungen Wirrungen)
"Ach, Luise laß ... das ist ein zu weites Feld." (Fontane: Effi Briest)
"es ist nicht nötig, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe der Stechlin." (Fontane: Der Stechlin)
"Wie ein Hund!" sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben." (Kafka: Der Prozeß)
"So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom - und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu." (Fitzgerald: Der große Gatsby)
"Ja." (Joyce: Ulysses)
"Mozart wartete auf mich." (Hesse: Der Steppenwolf)
"Sie kommen." (Frisch: Homo Faber)
"Ja - Ja -Ja!" (Grass: Die Blechtrommel)
"Pst! sagte sie und legte ihm den Zeigefinger auf den Mund." (Muschg: Der rote Ritter)

13 April 2018

Fontane bei der Büchergilde Gutenberg 1944

Im Vorwort taucht da so ein abgeklärter gemütlicher Herr auf, dem Herrn von Ribbeck beinah aus dem Gesicht geschnitten, dessen Bücher in einer norwegischen "Frontbuchhandlung" in Kirkenes zu erstehen sind.
Die Aussage, es sei das "mit Abstand älteste Stück des europäischen Kontinentes. Durch den Fund eines 3,69 Milliarden Jahre alten Kristalles nahe Kirkenes wurde das von Forschern geschätzte Alter des Kontinents um 200 Millionen Jahre übertroffen. Von diesem Stück Ureuropas aus entwickelte sich das Europa, das wir heute kennen." stammt freilich aus der Wikipedia. 
Dass man von einem "ewig jungen alten" Fontane sprechen kann, verdanken wir freilich Thomas Manns erstaunlich frühem Aufsatz, in dem er sich zu Fontane als Vorbild bekennt.

Ohne diese Ausgabe von 1944 wäre ich sicher nicht so bald auf das Kapitel "Buch" der "Wanderungen" gestoßen, das mit dem Storm-Motto "Was sonst in Ehren stünde, Nun ist es worden Sünde, Was fang ich an." beginnt und sich auf die "zur linken Hand" angetraute Geliebte Friedrich Wilhems II., die spätere Gräfin Ingenheim, bezieht. 

Auch "Grete Minde" liest sich auf dem vergilbten Kriegspapier, wenn "Zu Bacherach am Rheine ..." gesungen wird oder gesagt wird "Laß es, Grete. Du hast mich nicht um das Glück gebracht. Es war nur anders als andrer Leute Glück. Weißt du noch, ...", gar nicht so hölzern, wie ich diesen Ausflug Fontanes in die Geschichte in Erinnerung habe. 
Mir klingt da viel eher "Gestern, als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pflückte, das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde" aus
"Irrungen Wirrungen" an und "Noch in diesem Augenblicke lacht mir das Herz, wenn ich daran zurückdenke, wie wir gingen und sangen: ›Denkst du daran‹. Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab ich nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden."

Freilich "Grete Minde" hätte mich wohl kaum für Fontane gewinnen können. Trotz der Stelle "Aber a Sündfall ohn a Engel", die sich auf so viele Frauengestalten Fontanes* beziehen lässt, nicht nur auf die  Gräfin Ingenheim.

*Die Wikipedia zu "Grete Minde": "Auffällig ist Fontanes einfühlsame Beschreibung der ungerecht behandelten Frau. Dieses Thema findet man auch in anderen Werken Fontanes, in Grete Minde ist es aber besonders plakativ dargestellt. Fontane nimmt klar Partei für die junge, reine Liebe, die nicht den damaligen Konventionen folgt, und gegen Dogmatismus, Ungerechtigkeit, Neid und Gleichgültigkeit."

Doch genug der Erinnerungen, das ist ein zu weites Feld.

03 April 2018

Rolandssage, Rolandslied und Rolands Knappen

Mancher kennt die Rolandssage, vom tapfersten Helden Karls des Großen, der vom Hauptheer des Kaisers abgeschnitten von einer unglaublichen Überzahl von Sarazenen überwunden wurde. Das Rolandslied, die mittelalterliche Dichtung, kennen die meisten nur dem Namen nach. Trotzdem würden wir es wohl erkennen.

Karl bette dicke

mit tiefen herce blickin;

so daz lút alliz intslief,

50

uil tiure er hin zegote rief

mit tranendin ougin.

do sach er mit flaisclichin ougin

den engel uon himele.

er sprach zuo dem kuoninge:

55

«Karl, gotes dinist man,

ile in Yspaniam!

got hat dich irhoret,

daz lút wirdit bekeret;

di dír abir widir sint,

60

die heizent des tuvelis kint

unt sint allesamt uirlorin;

die slehet der gotes zorn

an libe unt an sele:

die helle puwint si imermere.»

[...]
An der rede waren

herzogin unde grauen.  (Grafen)

da was der helt Ruolant


110

unt Oliuir der wigant;   (Kämpfer)

Samson der herzoge,

der was in grozem lobe.

da was der herre Anseis,

der was chuone unde wis;   (kühn und weise)

115

Gergers der mare,

der was chuone ‹unde› wort spahe.

da was zeware

Wernes der graue;

der furte Waschonier uan,

120

er was ein helt lobesam.

Engelirs was da

uzer Prittania;

der het tugentlich gemuote,

er was ein helt guote.

125

da was Anshelm,

ein helt chuone unde snel,

uon Moringen

mit sínín snellen íungelingen,

Gotefrit des kaiseres uanere:

130

daz waren ‹die› uzerwelten zwelfe,

die dem keisere nie geswichen ze nicheiner nót.

si dinten im alle unz an den tót.


(Pfaffe Konrad: Rolandslied um 1150)


Aber wer erkennt den folgenden Text von Rolands Knappen?

"[...] In dem Getümmel der Schlacht waren die Schildknappen und Waffenträger des tapfern Rolands, indem er sich mitten in die feindlichen Geschwader warf, von ihrem Herrn getrennt worden und hatten ihn aus den Augen verloren. Da nun der Held fiel und das mutlose Heer der Franken sein Heil in der Flucht suchte, wurden die mehresten von ihnen in die Pfanne gehauen. Nur dreien gelang es aus dem Haufen durch die Leichtigkeit ihrer Füße dem Tode oder den Sklavenfesseln zu entrinnen. Die drei Unglückskameraden flüchteten tief ins Gebürge, in unbetretene wüste Gegenden, und schaueten nicht rückwärts auf ihrer Flucht; denn sie meinten, der Tod trabe mit raschen Schritten hinter ihnen her. Von Durst und Sonnenbrand ermattet, lagerten sie sich unter eine schattigte Eiche, um da zu rasten, und nachdem sie ein wenig verschnoben hatten, ratschlagten sie zusammen, was sie nun beginnen wollten. 
Andiol, der Schwertträger, brach zuerst das pythagorische Stillschweigen, welches ihnen die Eile der Flucht und die Furcht vor den Sarazenen auferlegt hatte. »Was Rats Brüder«, frug er, »wie gelangen wir zum Heere, ohne den Ungläubigen in die Hände zu fallen, und welche Straße sollen wir ziehen? Laßt uns einen Versuch machen, durch diese wilden Gebürge zu dringen; jenseits derselben, mein ich, hausen die Franken, die uns sicher ins Lager geleiten werden.« 
»Dein Anschlag wär gut, Kompan«, versetzte Amarin der Schildhalter, »wenn du uns Adlersfittige gäbest, uns damit über den Wall der schroffen Felsen zu schwingen; aber mit diesen gelähmten Knochen, aus welchen Mangel und Sonnenglut das Mark verzehret hat, werden wir traun nicht diese Zinnen erklimmen, die uns von den Franken scheiden. Laßt uns vorerst eine Quelle aufsuchen, unsern Durst zu löschen und die Kürbisflaschen zu füllen, und hernach ein Wild erlegen, daß wir was zu zehren haben: dann wollen wir wie leichtfüßige Gemsen über die Felsen hüpfen und bald einen Weg zu Karls Heerlager finden.« 
Sarron, der dritte Knappe, der dem Ritter Roland die Sporen anzulegen pflegte, schüttelte den Kopf und sprach: »Für den Magen, Kamerad, ist dein Rat nicht übel; aber Euer beider Anschlag ist gefahrvoll für den Hals. Meint Ihr, daß es uns Karl Dank wissen würde, wenn wir ohne unsern guten Herrn zurückkehrten, und auch seine köstliche Rüstung, die uns anvertraut war, nicht zurückbrächten? Wenn wir nun an den Teppich seines Throns knieeten und sprächen: ›Held Roland ist gefallen!‹ Und er spräch: ›Viel schlimm ist diese Botschaft; aber wo ist Durande sein gutes Schwert geblieben?‹ Was wolltest du antworten, Andiol? Oder er spräch: ›Knappen, wo habt ihr seinen spiegelblanken stählernen Schild?‹ Was wolltest du darauf sagen, Amarin? Oder er früg nach den goldenen Sporen, die er unserm Herrn anlegte, als er ihn weiland zum Ritter schlug, müßte ich nicht mit Scham verstummen?« 
»Du erinnerst wohl«, erwiderte Andiol, »dein Verstand ist hell wie Rolands Schild, durchdringend, fein und scharf wie Rolands Schwert. Wir wollen nicht ins Heerlager der Franken zurückkehren; Karl möchte schellig sein und uns lassen Profeß tun im Kloster zu den dürren Brüdern.« " (Man achte auch auf die Worterklärungen, die beim Überfahren der Wörter mit grauem Hintergrund erscheinen. Fontanefan)

Hier ist die Auflösung

Achtung: Spoiler!

Er war Aufklärer und Satiriker und Märchensammler.

Der Name Bechstein wird heute eigentlich nur mit Flügeln in Verbindung gebracht, an Ludwig, ebenfalls ein Märchensammler, denkt kaum einer. Dabei stammen von ihm sogar auch umfangreiche Sagensammlungen.
Beider Ruhm ist längst weit hinter den der Brüder Grimm zurückgetreten.

Aus dem 20. und 21. Jahrhundert ist aber Frederik Hetmann wohl noch bekannt. Die vielen anderen sind nicht als Sammler bekannt, sondern Wilhelm Hauf als Verfasser von Kunstmärchen wie Hans Christian Andersen und Eichendorff natürlich für seine großartige Lyrik, seinen Taugenichts und andere Erzählungen, zu Unrecht kaum für seine Romane.
Vermisst irgendjemand Benedikte Naubert in meiner Aufzählung? Trotz ihrer über 50 historischen Romane ist sie heute weder als Märchensammlerin noch als Autorin einem größeren Personenkreis geläufig.

01 April 2018

Zur Rolle der Phantasie beim Lesen

"Jeder erzählende Text, auch jedes Gedicht ist ja zwangsläufig auf die Phantasie des Lesers angewiesen. Der Autor hat seine Vorstellungen vom Ablauf des Geschehens, seine Vorstellungen vom Aussehen der handelnden Personen, von der Beschaffenheit des jeweiligen Schauplatzes auf ein paar wesentliche Bestandteile reduziert und in Worte gefaßt, die er dann zu Papier bringt. Der Leser muß seinerseits nicht nur die stummen Chiffren der Buchstaben entziffern und zu Wörtern zusammenfügen, er muß Wörter und Sätze auch wieder in Bilder umsetzen – mehr noch: er muß sie für sich selber mit allen Sinnen wahrnehmbar machen. Er muß nicht nur sehen, wovon der Autor erzählt, er muß auch hören, riechen und schmecken, mit Händen ertasten und mit dem Herzen nachfühlen.

Dies alles vermag er nur deshalb zu leisten, weil er über die Gabe der Phantasie verfügt. Und er wird es umso nachhaltiger aus sich hervorbringen können, je intensiver der Autor bei der Niederschrift seines Textes selber mit allen Sinnen daran beteiligt gewesen ist." 

(Das Otfried Preußler Lesebuch dtv 1988, S.119)

Jens Peter Jacobsens Darstellung des Frühlings und des Herbstes sind meiner Meinung nach treffende Beispiele dafür, dass der Autor sich beim Schreiben Situationen aus diesen Jahreszeiten intensiv vor Augen geführt hat. 
Freilich ist die Wahrnehmung über die Augen intensiver erfasst als die über andere Sinne. Deshalb wundert es mich nicht, dass meine Schwester, die bei den meisten ihrer Erinnerungen Bilder vor Augen hat, Jacobsen noch mehr zu schätzen weiß als ich. 
Jacobsen beschreibt aber nicht nur die Jahreszeiten so intensiv, nur habe ich andere besonders eindrucksvolle Beschreibungen  nicht so deutlich hervorgehoben.

28 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Herbst

"[...] Wenn Niels hinüberkam und Erik fort war, so machten sie fast immer, ob es nun regnete oder stürmte, weite Spaziergänge durch den Wald, der an den Garten stieß. Sie hatten sich in diesen Wald verliebt, und je mehr sein Sommerleben zu Ende ging, desto lieber wurde er ihnen. Es waren ja dort auch tausende von Dingen zu sehen. Zuerst wie das Laub rot und gelb und braun wurde, dann wie es abfiel, an einem windigen Tage in gelben Wirbeln stiebend, wenn es still war, Blatt für Blatt auf Blatt leise zwischen den steifen Asten und den schwankenden, braunen Asten herabraschelnd. Und wie nun das Laub von Bäumen und Büschen fiel, wie kamen da nicht die verstecktesten Geheimnisse des Sommers ans Licht, was lag und saß da nicht umher an zierlichen Sämereien, und farbenreichen Beeren, braunen Nüssen, blanken Eicheln und niedlichen Eichelnäpfchen, Korallenbüscheln an den Berberitzen, schwarzglänzenden Schlehen und scharlachroten Urnen an den Hagebuttensträuchern. An den blätterlosen Buchen saßen dicht bei dicht stachlichte Bucheckern, und die Ebereschen beugten sich unter den schweren, roten Trauben, deren Duft säuerlich war wie Apfelmost. Späte Brombeeren lagen schwarz und braun im feuchten Laub am Wege, im Heidekraut wuchsen Preißelbeeren, und die wilden Himbeeren trugen zum zweitenmal ihre mattroten Früchte. Das Farnkraut hatte wohl hundert Farben, jetzt da es verwelkte; und nun erst das Moos, das war eine förmliche Entdeckung; nicht nur das kräftige Erdmoos an Abhängen und in den Gründen, das Ähnlichkeit hatte mit Tannen und Palmen und Straußfedern, sondern auch das seine Moos an Baumstämmen, das so aussah, wie man sich die Kornfelder der Elfen vorstellen mag, das in seinen, seinen Halmen, mit dunkelbraunen Knospen an den Spitzen wie Ähren aufschoß.
Eifrig wie Kinder durchschweiften sie den Wald kreuz und quer, um seine Schätze und Merkwürdigkeiten zu entdecken. Wie Kinder auch wohl zu tun pflegen, hatten sie sich in ihn geteilt, so daß das, was an der einen Seite des Fahrwegs lag, Fennimore gehörte, und das an der andern Seite Niels; oft verglichen sie ihre Reiche miteinander und stritten darüber, wessen Herrlichkeit die größte sei. Auch hatte alles seinen Namen, Klüfte und Hügel, Pfade und Zauntritte, Graben und Dämme. Und wenn sie hier und da einen besonders prächtigen Baum fanden, so bekam der auch seinen Namen. So hatten sie den Wald in jeder nur erdenklichen Weise in Besitz genommen, und so hatten sie sich eine kleine Welt für sich selbst geschaffen, die kein anderer kannte, und in der niemand sich bewegen konnte als sie – und doch hatten sie nicht ein Geheimnis miteinander, das nicht die ganze Welt hätte hören können. [...]"
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 11. Kapitel)


Die genauen Beobachtungen und die evozierten Farben faszinieren mich bei Jacobsen.
Deshalb sind mir diese Herbstschilderung und die Frühlingsschilderung am Anfang des Romans die liebsten Passagen. Doch auch die Menschenbeobachtung geht weit über das dichterische Normalmaß hinaus. 

27 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Niels und Fennimore II

[...] Es ist nichts dabei zu erzählen; es war ein Tag wie alle andern, sie waren allein im Wohnzimmer wie hundertmal zuvor, und sie hatten von gleichgültigen Dingen gesprochen, und was nach außen hin geschah, war so gewöhnlich und alltäglich wie möglich; es war nichts weiter, als daß Niels am Fenster stand und hinausblickte, und Fennimore ebenfalls hinkam und hinaussah; das war alles, aber es war genug; denn gleichsam wie durch einen Blitzstrahl verwandelten sich Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft für Niels Lyhne durch die Erkenntnis, daß er das Weib, das an seiner Seite stand, liebte; nicht wie etwas Leichtes und Süßes und Glückliches und Schönes, das ihn zu Glückseligkeit und Entzücken emporzuheben vermochte, – so war seine Liebe nicht; aber er liebte sie wie etwas, ohne daß er ebensowenig sein konnte, wie ohne Lebensodem; und wie einer, der dem Ertrinken nahe ist, um sich greift, so ergriff er ihre Hand und drückte sie ans Herz.
Und sie verstand ihn. Beinahe mit einem Schrei und in einem Ton voll Furcht und Jammer rief sie ihm wie eine Antwort und ein Bekenntnis zu: »O ja, Niels!« und entriß ihm die Hand.
Bleich und zögernd stand sie einen Augenblick da; dann sank sie mit einem Knie auf einen gepolsterten Stuhl, verbarg das Gesicht in der Sammetlehne und schluchzte laut.
Niels war während einiger Sekunden wie blind, und seine Hände suchten zwischen den Blumenzwiebelgläsern nach einer Stütze.
Das dauerte nur wenige Sekunden; dann trat er an den Stuhl, auf dem sie lag, und beugte sich mit der einen Hand auf die Lehne gestützt, über sie, ohne sie zu berühren.
»Sei nicht so verzweifelt, Fennimore, blick auf und laß uns miteinander reden. Willst du nicht? Fürchte nichts, laß es uns zusammen tragen, meine einzig Geliebte, laß uns! Versuche, ob du es kannst.«
Sie erhob den Kopf ein wenig und sah zu ihm auf. »O Gott, was sollen wir anfangen? – Ist es nicht fürchterlich, Niels? Warum mußte es mir so auf dieser Welt gehen? Und wie herrlich hätte es sein können – so glücklich!« und sie schluchzte wieder. –
»Hätte ich schweigen sollen,« klagte er, »arme Fennimore, hättest du es lieber niemals erfahren wollen?«
Wieder erhob sie den Kopf und griff nach seiner Hand. »Ich hätte es erfahren wollen und dann sterben; oh, läge ich im Grabe und wüßte es; das wäre so schön, oh, so wohlig und gut ...!«
»Es ist bitter für uns, Fennimore, daß das erste, was unsere Liebe uns bringt, nur Angst und Tränen sind, meinst du nicht auch?«
»Du darfst nicht hart gegen mich sein, Niels, ich kann ja nicht anders, du kannst es nicht so ansehn wie ich; ich bin's, die stark sein sollte, weil ich es bin, die gebunden ist; könnte ich meine Liebe mit Gewalt nehmen, und sie in die heimlichste Tiefe meiner Seele verschließen, und taub sein gegen all ihr Jammern und Flehen, und dann zu dir treten und sagen, daß du weit, weit fortreisen solltest; aber ich kann nicht, ich habe soviel gelitten; dies kann ich nicht auch noch ertragen, ich kann nicht, Niels, ich kann nicht ohne dich leben, sieh, kann ich es denn? Glaubst du, daß ich es könnte?« [...]
Sie erhob sich und preßte sich an seine Brust.
»Hier bin ich und lasse dich nicht los; ich will dich nicht fortlassen und selbst in der alten Finsternis zurückbleiben. Es ist wie eine grundlose Tiefe von Ekel und Pein, ich will mich nicht hinstürzen, eher springe ich ins Wasser, Niels; und wenn das neue Leben auch Schmerzen bringt, so sind es doch neue Schmerzen, die nicht den stumpfen Stachel der alten haben, und die nicht so sicher treffen können, wie die alten, die mein Herz so grausam genau kennen. Rede ich irre? – Ja gewiß, aber es tut so wohl, ohne Rückhalt mit dir sprechen zu können, ohne mich mehr davor hüten zu müssen, dir all das viele zu sagen, was nicht recht war. Aber jetzt hast du ein Recht vor allen! Wenn du mich nur ganz hinnehmen möchtest, so daß ich ganz dein wäre, ohne daß auch nur das Geringste einem andern gehörte; könntest du mich herausheben aus allen Verhältnissen, die mich umgeben?«
»Wir müssen sie durchbrechen, Fennimore. Ich werde es so gut einrichten; hab' nur keine Angst; eines Tages, bevor noch jemand das Geringste ahnt, sind wir weit fort.«
»Nein, nein, wir dürfen nicht fortlaufen, nur das nicht; lieber alles andere, als daß meine Eltern erfahren sollten, ihre Tochter sei fortgelaufen; das ist unmöglich; und ich tue es nimmermehr, bei Gott im Himmel, Niels, ich tue es nimmermehr.«  [...] 
Aber wie süß war es auch zu lieben, einmal die Liebe des wirklichen Lebens zu lieben; denn das, was er früher für Liebe gehalten, war ja keine Liebe, weder die schwermütige Sehnsucht des Vereinsamten, noch das glühende Verlangen des Phantasten oder die ahnungsvolle Nervosität des Kindes; es waren Ströme in dem großen Ozean der Liebe, einzelne Reflexe ihres vollen Lichtes, Splitter der Liebe, gleichsam wie die Meteore, die die Luft durchrasen, die Splitter eines Weltkörpers sind; denn die Liebe, sie ist eine Welt, ein Ganzes, etwas Volles, Großes, Geordnetes. Keine wirre, inhaltlose Fahrt von Gefühlen und Stimmungen – die Liebe ist wie die Natur, ewig wechselnd und ewig gebärend, in ihr erstirbt keine Stimmung, welkt kein Gefühl, ohne dem Keim zu etwas noch Vollkommenerem, den sie in sich trägt, Leben zu geben. Ruhig, gesund, mit tiefen Atemzügen, so war es schön zu lieben, von ganzer Seele zu lieben. Und jetzt fielen die Tage neu und blank vom Himmel herunter, sie kamen nicht selbstverständlich aufeinander folgend, wie die abgenutzten Bilder eines Guckkastens; jeder von ihnen war eine Offenbarung, denn an jedem einzigen fand er sich selbst größer und stärker und gewachsener vor. Er hatte eine solche Innigkeit und Macht des Gefühls nie gekannt, und es gab Augenblicke, in denen er sich weit mehr Titan als Mensch dünkte, eine solche Unerschöpflichkeit spürte er in seinem Innern, eine so flügelstarke Zärtlichkeit schwoll in seinem Herzen empor, – so weit war sein Blick – so heroisch und mild war sein Urteil.
Dies war der Anfang und das Glück, und sie waren lange glücklich.
Die tägliche Falschheit und Verstellung, die Atmosphäre von Unehre, in der sie lebten, alles das hatte noch keine Macht, es konnte sie in der verzückten Höhe, zu der Niels das Verhältnis und dadurch sie beide emporgehoben hatte, noch nicht erreichen; denn er war nicht einfach ein Mann, der das Weib seines Freundes verführte, oder besser gesagt, er war es, er sagte voll Trotz, daß er es sei; aber er war auch derjenige, der eine schuldlose Frau erlöste, die vom Leben verwundet, versteinert und besudelt war; eine Frau, die sich bereits niedergelegt, um ihre Seele sterben zu lassen; und ihr hatte er das Vertrauen zum Leben wiedergegeben, den Glauben an seine besten Kräfte; er hatte ihren Geist zu Hoheit und Adel erhoben; er hatte ihr Glück gegeben; was war denn besser, jenes unverschuldete Elend, oder daß er sie errungen hatte? Er fragte nicht mehr, er hatte seine Wahl getroffen.
Ganz so hatte er es nicht gemeint. Der Mensch baut sich oft Theorien auf, in denen er doch nicht wohnen möchte; die Gedanken gehen oft so viel weiter als das Gefühl für Recht und Unrecht Lust hat, ihnen zu folgen. Aber jene Vorstellung bestand für ihn und nahm der fortwährend notwendigen List, Falschheit, Niedrigkeit und Erbärmlichkeit viel von ihrem ewig fressenden Eitergift. [...]


Das Glück stand nicht mehr still über ihren Häuptern, sie mußten sein Lächeln und sein Licht erhaschen, wo und wie sie konnten; List und Verschlagenheit waren keine traurige Notwendigkeit mehr, sondern erfreuliche Triumphe; die Falschheit wurde ihr wahres Element und machte sie so klein und gemein. Es gab auch entwürdigende Geheimnisse, über die sie früher getrauert hatten, jeder für sich, weil sie sich gegenseitig unwissend stellten; jetzt mußten sie teilen, denn Erik war nicht schüchtern, und es fiel ihm oft ein, seine Frau in Niels Gegenwart zu liebkosen, sie zu küssen, sie auf den Schoß zu nehmen und sie zu umarmen; und Fennimore wagte nicht, diese Liebkosungen zurückzuweisen, oder sie hatte nicht mehr wie früher die Macht dazu; das Bewußtsein ihrer Schuld machte sie unsicher und ängstlich.
So sank und sank ihrer Liebe hohes Schloß, von dessen Zinnen sie so stolz in die Welt hinabgeblickt, in dem sie sich so stolz und stark gefühlt.
Aber sie waren auch froh zwischen den Ruinen.
Wenn sie jetzt im Walde spazieren gingen, so geschah es meist an trüben Tagen, wo der Nebel in den braunen Zweigen hing und es zwischen den feuchten Stämmen noch dunkler machte, so daß niemand sehen konnte, wenn sie sich hier küßten, dort umarmten, niemand hören konnte, wenn ihre leichtsinnigen Worte in ausgelassenen Lachfanfaren ausklangen.
Jener Stempel von Melancholie der Ewigkeit, den ihre Liebe getragen, war ausgelöscht; eitel Lachen und Scherz herrschte jetzt zwischen ihnen; eine fieberhafte Eile war über sie gekommen, eine Gier nach den hinschwindenden Sekunden der Ewigkeit, als müßten sie sich beeilen zu lieben und hätten nicht das ganze Leben vor sich.
Es führte keine Veränderung mit sich, daß Erik seiner Idee nach Ablauf eines Monats müde wurde, und seine Fahrten von neuem so eifrig begann, daß er selten zwei Tage hintereinander zu Hause war. Wohin sie gefallen, dort blieben sie. Vielleicht daß sie einmal in einsamen Stunden klagend zu jener Höhe hinaufblickten, von der sie herabgefallen; vielleicht auch, daß sie nur verwundert dachten, wie anstrengend es gewesen, sich dort oben zu halten, und daß sie sich dort weicher gebettet dünkten, wo sie jetzt lagen. Keine Veränderung trat ein. Wenigstens keine, die zu den alten Tagen zurückgeführt hätte; jedoch die schlaffe Gemeinheit, die darin lag, daß sie lebten, wie sie lebten und doch nicht miteinander entflohen, kam ihnen mehr und mehr zum Bewußtsein und koppelte sie fester und niedriger in ihrem gemeinsamen Schuldgefühl aneinander; denn keiner von ihnen wünschte die Dinge anders, als sie waren. Ebensowenig verbargen sie dies voreinander, denn es war zu jener zynischen Vertraulichkeit zwischen ihnen gekommen, die leicht unter Mitschuldigen entsteht, und es gab garnichts in ihrem Verhältnis, das mit Worten zu berühren sie etwa gescheut hätten. Mit traurigem Mut nannten sie die Dinge bei dem rechten Namen, blickten ihnen ins Auge, sagten sie, wie sie waren. 
Im Februar hatte es ausgesehen, als sei es mit dem Winter zu Ende, aber dann kam Mutter März in ihrem weißen Mantel mit dem losen Futter, und Schneegestöber auf Schneegestöber bedeckte die Erde mit einer dicken Schicht. Später wurde es still mit klingendem Frost, der Fjord trug viertelzolldickes Eis, das lange liegen blieb.
Gegen Ende des Monats saß Fennimore eines Abends nach der Teezeit allein im Wohnzimmer und wartete.
Es war sehr hell da drinnen, das Klavier, dessen Kerzen brannten, war geöffnet, der Schirm war von der Lampe genommen, so daß Goldleisten und alles, was an den Wänden hing, deutlich und wach hervortrat. Die Hyazinthen waren von den Fenstern fortgerückt und auf den Schreibtisch gestellt; sie bildeten jetzt einen Büschel glänzender Farben und erfüllten die Luft mit ihrem reinen, gleichsam kühlend starken Duft. Im Ofen brannte das Feuer mit gedämpftem, behaglichen Schnurren.
Fennimore ging auf und ab im Zimmer und balancierte beinahe auf einem der dunkelroten Streifen des Teppichs. Sie hatte ein etwas altmodisches schwarzes Seidenkleid an, das mit schweren Garnierungen auf dem Boden schleppte und sich, während sie ging, von einer Seite auf die andere legte.
Sie sang leise vor sich hin und hatte mit beiden Händen die Kette mattgelber Bernsteinperlen gefaßt, die sie um den Hals trug, und wenn sie auf ihrem roten Streifen schwankte, hörte sie auf zu singen, fuhr aber fort, die Kette zu halten. Vielleicht sollte ihr Gang ihr prophetisch sein, so, daß Niels kommen würde, wenn sie so und so viele Male durchs Zimmer gehen könnte, ohne von dem Streifen abzuweichen oder die Kette loszulassen.
Er war am Vormittag dort gewesen, als Erik fortgefahren, und war bis gegen Abend geblieben, aber er hatte versprochen, noch einmal herüberzusehen, sobald der Mond hervorkommen und es hell genug werden würde, um die Wuhnen draußen auf dem Fjord vermeiden zu können. [...]
Es sei ein Brief da, sagte Trine, als sie zur gnädigen Frau ins Zimmer trat.
Fennimore nahm ihn, es war eine Depesche. Ruhig gab sie dem Mädchen die Quittung und ließ es gehen; sie war durchaus nicht erschrocken, Erik hatte in der letzten Zeit oft an sie telegraphiert, daß er am nächsten Tage mit ein paar Fremden kommen würde.
Dann las sie.
Plötzlich erblaßte sie, fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor und starrte mit erwartungsvoller Furcht nach der Tür.
Sie wollte es nicht herein haben, sie konnte nicht; mit einem Satz hatte sie sich gegen die Tür geworfen und stemmte ihre Schulter dagegen, sie drehte an dem Schlüssel, bis er ihr tief in die Hand schnitt. Aber wie fest sie ihn auch faßte, er wollte sich nicht drehen lassen. Dann ließ sie ihn los. Es war ja auch wahr –, es war ja nicht hier, weit fort von hier in einem fremden Hause.
Sie begann zu zittern, die Füße trugen sie nicht länger, und sie sank an der Tür zu Boden.
Erik war tot. Die Pferde waren mit ihm durchgegangen, hatten den Wagen an einer Straßenecke umgeworfen, und er war mit dem Kopf an eine Mauer geschleudert. Der Schädel war zermalmt, und jetzt lag er tot in Aalborg. So hatte es sich zugetragen, und das meiste davon stand im Telegramm. [...]
Sie begann in ihrem Glaskäfig auf und ab zu gehen. Hier standen keine anderen Möbel als ein Sofa aus gebogenem Holz, und dieses lag voll welker Efeublätter, von den Ranken da oben unter der Decke. Jedesmal, wenn sie vorüberging, raschelten die Blätter leise im Luftzug, und dann und wann fand ihr Kleid auch Laub auf dem Fußboden und zog es mit kratzendem Laut mit sich über die Dielen.
Der Kälte trotzend und die Arme über der Brust gekreuzt, ging sie auf ihrer traurigen Wacht hin und her.
Er kam.
Mit einem Ruck hatte sie die Tür geöffnet und trat mit ihren dünnen Schuhen auf den eisigen Schnee.
Sie gönnte sich dies; barfüßig hätte sie zu dieser Begegnung gehen mögen.
Beim Anblick der schwarzen Gestalt auf dem weißen Schnee hatte Niels seine Fahrt gemäßigt und kam nun mit zögernden, prüfenden Schwenkungen langsam an Land.
Es war, als brenne diese schleichende Gestalt ihr in die Augen. Jede Bewegung, jeder Zug, den sie wiedererkannte, traf sie wie ein schamloser Hohn, gleichsam prahlend mit seinen entwürdigenden Geheimnissen. Sie zitterte vor Haß, ihr Herz quoll über von Flüchen, und sie war ihrer selbst kaum mächtig.
»Ich bin's,« rief sie ihm höhnend entgegen, »die Dirne Fennimore.«
»Aber um Gottes willen, du Liebe?« fragte er verwundert, jetzt nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt.
»Erik ist tot.«
»Tot?! Wie?« Er mußte mit seinen Schlittschuhen in den Schnee treten, um nicht umzufallen. »Aber so sag' doch!«, und eifrig trat er noch einen Schritt näher.
Jetzt standen sie sich Angesicht zu Angesicht gegenüber, und sie mußte sich Gewalt antun, um nicht mit der geballten Faust in diese bleichen, verstörten Züge zu schlagen.
»Ich werde es dir schon sagen,« sprach sie, »er ist tot, wie ich gesagt, die Pferde sind in Aalborg mit ihm durchgegangen, sein Kopf ist zerschmettert, und wir gingen hier umher und betrogen ihn.«
»Das ist schrecklich,« stöhnte Niels und faßte sich an die Schläfen, »wer hätte auch ahnen können ... ah! Wären wir ihm doch treu gewesen, Fennimore. Erik, armer Erik! – Wäre ich es doch gewesen!« Und er schluchzte laut und krümmte sich vor Schmerz.
»Ich hasse dich, Niels Lyhne.«
»Bah! Wir!« stöhnte Niels ungeduldig, »wenn wir ihn nur wiederhätten. Arme Fennimore,« verbesserte er sich dann, »kümmere dich nicht um mich. Du sagst, du hassest mich? Das magst du tun, ja, das magst du.« Plötzlich richtete er sich auf. »Laß uns hineingehen,« sagte er, »ich weiß nicht mehr, was ich sage. Wer, sagtest du, hat telegraphiert?«
»Hinein!« schrie Fennimore, die heftig wurde, weil er ihre Feindseligkeit nicht beachtete. »Dort hinein! Nimmermehr wirst du deinen feigen, ehrlosen Fuß in dieses Haus setzen. Wie wagst du nur daran zu denken, du Elender, du falscher Hund, der du hierhergeschlichen kamst und deines Freundes Ehre stahlst, weil sie schlecht verwahrt war. Wie, hast du sie nicht vor seinen Augen gestohlen, weil er glaubte, du seist ehrlich, du Hausdieb!« [...]
Sie hatte die Arme drohend nach ihm ausgestreckt, jetzt wandte sie sich ab und ging; leise klirrte die Tür der Veranda hinter ihr.
Erstaunt, fast ungläubig, stand Niels da und blickte den Weg entlang, den sie gegangen; ihm war, als stände es noch vor ihm, das bleiche, rachedurstige Antlitz, das so seltsam gemein und roh in seiner Leidenschaftlichkeit und seiner gewohnten formenzarten Schönheit so ganz beraubt war, daß es aussah, als sei es in all seinen Linien von einer schonungslosen, unbarmherzigen Hand umgepflügt.
Er stolperte vorsichtig auf das Eis zurück und begann, mit dem Mondlicht vor sich und dem Wind im Rücken, langsam der Fjordmündung zuzulaufen. Nach und nach, als seine Gedanken die Aufmerksamkeit von der Umgebung ablenkten, lief er schneller, und die Eissplitter vom Eisen seiner Schlittschuhe rasselten, von dem stets zunehmenden Frostwinde getrieben, klirrend mit ihm über die blanke Fläche.
Also das war das Ende! So also hatte er die Frauenseele erlöst und sie emporgehoben und ihr Glück gegeben! Wie schön war es, das Verhältnis zu dem toten Freunde, seinem Jugendfreunde, für den er Zukunft, Leben und alles hatte opfern wollen! Er mit seinem Opfern und Erlösen! Himmel und Erde sollten ihn ansehen, wenn sie einen Mann sehen wollten, der sein Leben auf der Höhe der Ehre erhielt, ohne Flecken und ohne Fehler, damit er nicht auch einen Schatten auf die Idee werfe, der er diente, und die zu verkünden er berufen war!
Er lief weiter.
Das war nun auch so einer von seinen großprahlerischen Gedanken, daß sein erbärmliches Leben Flecken auf die Sonne der Idee werfen könnte. Herrgott! Stets mußte er alles so hoch nehmen! Das war ihm nun einmal angeboren; konnte er nichts Besseres werden, so wollte er wenigstens ein Judas sein und sich in großartiger Unheimlichkeit Ischariot nennen. Das klang doch nach etwas. – Mußte er sich denn stets gebärden, als sei er verantwortlicher Minister bei der Idee und Mitglied ihres geheimen Staatsrates, der alles, was die Menschheit betraf, aus erster Hand hatte! – Ob er niemals lernen würde, in aller Bescheidenheit danach zu streben, seine Pflicht im Garnisondienst der Idee zu tun als Gemeiner niederen Ranges?
Auf dem Eise waren rote Feuer, und er kam so nahe an ihnen vorüber, daß ein riesenhafter Schatten für einen Augenblick aus seinen Füßen herausschoß, sich nach vorwärts drehte und verschwand.
Er dachte an Erik und an den Freund, der er für Erik gewesen. Oh, er! Die Kindheitserinnerungen rangen die Hände über ihn; die Jugendträume verhüllten ihr Antlitz und weinten über ihn; seine ganze Vergangenheit sah ihm mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke nach. Diesem allen war er so treulos gewesen um einer Liebe willen, die so klein und niedrig wie er selbst. – Trotzdem war etwas Erhabenes in ihrer Liebe gewesen; auch dem war er treulos geworden. Wohin fliehen vor all diesen Anläufen, die immer im Grabe endeten? Sein ganzes Leben war nichts anderes gewesen, und auch in Zukunft würde es nicht anders werden, er wußte es, er fühlte es so sicher, daß er krank wurde bei all dieser Aussicht auf all diese unnütze Mühe, und von ganzer Seele wünschte, daß er diesem sinnlosen Schicksal entfliehen könnte. Wenn nur das Eis unter ihm brechen wollte, wie er so darüber hinfuhr, und alles mit einem Aufschnappen und Hinabsinken in das kalte Wasser vorüber wäre.
Ermattet vom Lauf blieb er stehen und blickte zurück. Der Mond war fort, und der Fjord lag dunkel und lang zwischen den weißen Hügeln des festen Landes. Nun kehrte er um und arbeitete gegen den Wind an. Dieser war stark, und er war müde. Er suchte windsicher ans hohe Ufer zu gelangen, aber als er so vorwärtsrang, kam er auf eine Windwuhne, und das dünne Eis gab mit knisterndem, zähen Knacken unter ihm nach.
Wie leicht ward ihm aber doch ums Herz, als er wieder auf festes Eis kam! Die Angst hatte die Müdigkeit beinahe verjagt, und kräftig steuerte er vorwärts.
Während er sich draußen mühte, saß Fennimore im hellerleuchteten Zimmer, enttäuscht und zermartert. Sie kam sich wie um ihre Rache betrogen vor, sie wußte nicht, was sie erwartet hatte, aber es war etwas ganz anderes gewesen; ihr hatte etwas Erhabenes und Mächtiges, etwas wie Schwerter und rote Flammen vorgeschwebt, oder auch das nicht, etwas, das sie trug und sie auf einen Thron setzte; und nun war es so kleinlich und alltäglich ausgefallen, und sie war sich mehr wie eine Zänkerin vorgekommen, als eine, die verflucht...
Sie hatte doch etwas von Niels gelernt.

Früh am nächsten Morgen, als Niels von Ermüdung überwältigt noch schlief, reiste sie ab.
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 11. Kapitel)

12. Kapitel (die Opernsängerin)

13. Kapitel (Gerda)

14. Kapitel
"[...] In bitterer Schwermut geht Niels Lyhne in den leeren Zimmern umher. Etwas in ihm ist gebrochen, in der Nacht, als das Kind starb. Er hat das Selbstvertrauen verloren, seinen Glauben an die Kraft des Menschen, das Leben zu ertragen, das er zu leben bekommen. Das Dasein war widerlich geworden, und sein Inhalt sickerte bedeutungslos nach allen Seiten fort. [...]
Dann kam jener Novembertag, an dem der König starb, und der Krieg mehr und mehr zu drohen begann.
Bald hatte er seine Angelegenheiten auf Lönborghof geordnet und meldete sich als Freiwilliger. [...]
An einem trüben Märztage bekam er dann einen Schuß in die Brust. [...]
Hjerrild erhob sich. »Fahrwohl, Lyhne,« sagte er, »es ist ein schöner Tod, für unser armes Land zu sterben.«
»Ja,« sagte Niels, »aber es war doch nicht auf diese Weise, daß wir träumten, das unsere zu tun, damals vor langer, langer Zeit.« [...]
Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wolle.
Und endlich starb er dann den Tod, den schweren Tod."