03 Dezember 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Hongkong

Hongkong 
Poste restante

"Im Hof war Glas zersplittert. Alarmiert, aber träge, rekonstruierte das Ohr die Geschichte dazu - in einem Scharren am Boden versickert, aus einem Schrei herausgetreten, von einer Explosion erweckt. Bis in die Stille vor dem Sturz schweift das Ohr. [...]  (S.335)
Diese Hotelzimmer mögen vielfach signiert sein, doch eigentlich bezeugen sie die Abwesenheit von jedem und allem. Hier war niemand. Ihre Stühle sind nie belastet, die Decken nie ergriffen, die Bilder nie gesehen worden. Der Geschmack der Einrichtung ist niemandes Geschmack, und wenn man jemanden fragen würde, was er hinter seiner Zimmertür getan habe, so könnte er eigentlich nur beschreiben, in welcher Weise er dort abwesend gewesen ist. [...] (S.336)
In der Nacht schwoll mein Knie so weit an, dass ich am nächsten Tag das Zimmer nicht verlassen konnte und an den folgenden Tagen auch nicht. Ich rief keinen Arzt, der Zimmer-Service brachte mir eine Woche lang das Gewünschte, und einmal schaute tatsächlich Mister Fo vorbei, ein wahrer Freundschaftsdienst, denn sein Platz war die Halle, und zu sagen hatten wir uns nichts. Trotzdem hatte er mir in einem Laden mit dem Namen »Internationale Früchte« ein Pfund Pflaumen gekauft, von dem er selbst keinen Bissen essen wollte.
 Die meiste Zeit lernte ich Gedichte auswendig oder blickte an die Decke, wo mich vor allem die aus Mattglas gefertigte Linse der Lampe beschäftigte, hatte sie doch an einer Stelle nicht weit vom Rand einen etwa zehn Zentimeter langen hellen Schatten, den ich mir nicht erklären konnte.
 Reisen, so kam es mir in diesem Moment vor, das war wie die Projektion der Heimat auf die fremde Tapete. Dort findet man das Haus, das man verlässt und auslöscht, fühlt die Verankerung, die man vergessen machen wollte. Man stürzt die Regale um, man reißt die Vorhänge herunter, aber es hilft nichts. In der Fremde baut sich das Zuhause immer theatralischer auf: Verlass mich, sagt es, zerstör mich! Finde etwas, das nicht das Alte, Vertraute ist! Und dann liegt man in einem Hotelzimmer in Hongkong und fühlt, dass man sein Zuhause noch gar nicht verlassen hat, sondern alles ins Kinderzimmer verwandelt, und schließlich findet sich auf der Speisekarte des Etagenkellners die Bezeichnung »Winterliche Salate«, und man bricht in Tränen aus.
 Als ich nach einer Woche Bettlägrigkeit wieder ein wenig Balance auf meinen Beinen gewonnen hatte, stellte ich einen Stuhl in mein Matratzenlager und examinierte die Lampenschale. Sie hing so lose an der Decke, dass durch den schmalen Spalt auf der rechten Seite ein Tier eindringen und verenden konnte. Ich schaltete das Licht an, der Schatten verdunkelte sich scheinbar, aber nur wie ein welkes Laubblatt auf einer Martinslaterne. Also schraubte ich die gesamte Schale von der Decke und sah hinein.
 Was ehemals ein Gecko gewesen war, hatte sich unter dem Einfluss der Hitze, der Lichtstrahlen, der Luft, in eine Rispe verwandelt, eine bloße Gecko-Struktur, ein Gliedermännchen aus Gecko-Knochen, haarfein in den Spitzen, aber so sorgsam organisiert wie das lebende Tier. Die Atmosphäre hatte jeden Tag etwas Fleisch davongetragen und der Luft mitgegeben. Jetzt war nichts übrig als der von der Zeit gereinigte Knochenbau eines am falschen Platz irrgelaufenen und dort verendeten Reptils.

War das »mein Hongkong«? Wo war ich wirklich, und was blieb? Während die Stadt aus der Perspektive meines Krankenbetts zu einer diffusen Impulsmasse zergangen war, behaupteten nur das leere Postfach und das tote Gecko Präsenz, und vielleicht waren sie ja eigentlich verwandt. Das Ende der Welt, wurde mir gerade bewusst, das ist auch das eigene Zuhause, von einem bestimmten Standpunkt der Fremde aus betrachtet, und weil es so ist, sind diese entlegenen Stätten, die Enden, keine Tore, durch die man aus der Welt hinausgelangt. Aber manch mal sieht es wenigstens so aus, dachte ich, und reiste am nächsten Tag ab, ohne noch einmal im Postamt gewesen zu sein."

(Roger Willemsen: Die Enden der Welt, Hongkong, S.356-359)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Gorée

Gorée
Die Tür ohne Wiederkehr 
 "Die Insel der Seligen ist unterkellert. Man weiß es, doch sieht man es nicht, wenn man mit einem kleinen Boot im Hafen von Dakar ablegt und auf diesen bloß drei Kilometer entfernten Festungsfelsen zufährt, die schreckliche Idylle, die zuerst bloß »Ber« hieß, später »IIa de Palma«. Die britischen Besatzer tauften sie »Cape Coast Castle«, und erst die Franzosen nannten sie schließlich Goree, den »guten Hafen« oder auch »Goree, die Glückliche«, aber das war schon zu der Zeit, als die Schiffe mit den aneinandergeketteten Sklaven über den Atlantik kamen und sich kaum jemand glücklich schätzte, Goree zu erreichen. [...]"
Weitgehend ist dies Kapitel ein Bericht über die Geschichte und die Folgen des Sklavenhandels. Doch dann wird die Darstellung persönlicher:
Allein auf der Veranda des Hotels sitzend, mit Blick auf die Straße, kann ich Grundformen des hiesigen Lebens beobachten: Die Menschen hier organisieren sich in Mikrostrukturen, persönlichen. Sie konsumieren nicht zentralisiert, sondern gehen von Laden zu Laden, sie glauben nicht zentralisiert, sondern gehen aus der Kirche zum Wahrsager zum Totem-Händler. Sie schaffen sich vertikale Systeme: die Bauern beschäftigen Bauern, die Kindermädchen haben selbst Kindermädchen ...
Die Abordnung der die Blinden führenden Jungen erscheint vor der Veranda. Es folgen die Fußballspieler aus dem Hurenviertel. Die Streichholzverkäufer lassen fragen: »Haben Sie nicht immer nach uns Ausschau gehalten? Da sind wir! Ein cadeau, bitte, ein cadeau!«
Der Hotelier scheucht sie alle mit dem Staubwedel weg. »Pardon, Monsieur«, und dann sagt er wirklich: »Es sind eben die Nachfahren von Sklaven.«
Das möge so sein, sage ich. Doch nirgends habe mich die Erinnerung an die Sklaverei so leibhaftig erfasst und erschüttert wie in Goree, im Zentrum des afrikanischen Menschenhandels. Und es stimmte ja: Wir waren ganz still geworden im Sklavenhaus zwischen anderen, die da standen, überwältigt von dem Unrecht, dem Martyrium, der schrecklichen Reise ...
Der Hotelier lächelt ironisch, wird aber gleich darauf nüchtern wie ein Akademiker:
»Ecoutez, ich will Sie nicht enttäuschen, und was Sie empfunden haben, haben Sie empfunden. Auch können wir es nicht ändern, aber amerikanische und französische Forscher haben die These aufgestellt, dass Goree im Sklavenhandel gar keine gewichtige Rolle gespielt hat.«
»Man spricht von Millionen verschiffter Sklaven, vom >Dachau Schwarzafrikas<!«
»Hier wurden diese Forscher auch öffentlich als >Holo caust-Leugner< bezeichnet, aber in der Tat waren ihre Thesen recht gut fundiert. Zwischen 1700 und 1850 wurden nur etwas mehr als 427 000 Sklaven über Goree verschifft.«
»Was heißt das?« »Das heißt, wir reden von nicht einmal fünf Prozent! Goree hatte also anders als Saint-Louis, wenn ich mal so sagen darf, eine relativ geringe Bedeutung als >Angebotsregion<.«
Ich hätte sagen können, dass dies eine obszöne Statistik sei, hätte die gängigen Stereotype aus dem Stehsatz ziehen können: dass Zahlen nichts über Menschen, ihre Erfahrung, ihre Leiden aussagen, ich hätte auseinander gerissene Familien und Verschleppungen ins Feld führen, hätte das Wort »Individualschicksale« unterbringen, hätte fragen können, was es ihm denn bedeute, die Hauptstadt der Sklavenverschleppung zu bewohnen. Ich hätte mich selbst fragen können, warum ich in Goree den Spuren des Gedenkens gefolgt war und in Saint-Louis, wo es keine Inszenierung gab, nicht. Ich hätte überlegen können, ob die Idylle des Weltkulturerbes mein Gedenken verkitschte, während die glanzlose Präsenz afrikanischen Elends in Saint-Louis mich zum Gedenken eben gar nicht erst einlud.

Aber ich nickte ihm bloß zum Abschied zu, belehrt und blamiert, erhob mich aus dem Bambussessel und schlenderte zurück ins Innere des Hotels, im Vorbeigehen angezogen von einer kleinen gerahmten Fotografie auf der geblümten Tapete. Zuerst erkannte ich Philippe Noiret, dann Stephane Audran, dann die anderen. Dies war mein Dejà-vu: An diesem Ort hatte Bertrand Tavernier 1980 seinen Film »Der Saustall« gedreht. Auch das noch. Die erste Haltestelle der Erinnerung ist nicht die Geschichte, sondern das Kino. Ich stand noch vor dem Foto, da trat Greta in die Halle und rief:
»Du glaubst nicht, was ich geträumt habe! Also -«
(Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Gorée, S.308- 334)

30 November 2018

Muss ein Literaturkritiker alle Gedichte Walsers aus dem Jahr 1968 kennen?

In der FAZ kritisiert Metz ein Walser-Gedicht von 1968 so, als ob es von 2018 stammte, nur weil Walser nicht darauf hingewiesen hat, dass er in "Spätdienst" nur eine leicht veränderte Neufassung des Gedichtes von 1968 aufgenommen hat.
War das eine unfaire Falle, die Walser da aufgestellt hat?
Ich danke Iris Radisch in der ZEIT vom 29.11.18, dass ich schon auf dieser Metaebene über den Artikel von Metz reflektieren darf.

Hier die Passage, die Metz aus dem verführerischen Gedicht zitiert:

„Ostern, schönes Feuilleton
Aus Blut und Blüte,
du, das feiern wir!
Statt Golgatha, Verdun und Auschwitz
lassen wir diesmal holzschnitthaft Hué herkommen
und sagen keinem hierzulande nach,
dass er diesen Krieg andauernd billigt,
sagen das nicht der CDU nach,
die diesen Krieg andauernd billigt,
sagen das nicht der SPD nach,
die diesen Krieg andauernd billigt.“

Freilich, dass das Massaker von Hué 1968 stattfand, lässt sich relativ leicht feststellen. Und eine Rede von 1998 zur Interpretation eines Gedichtes von 1968 heranzuziehen, das "geht gar nicht". Dazu reicht auch nicht aus, was Metz zu seiner Rechtfertigung anführt:

"Auschwitz aber ist kein Phänomen, das man in eine Anadiplose einreihen kann. Es ist kein historisches Ereignis, das man auf Knopfdruck herkommen lässt oder wieder abbestellt, wenn es einem gerade nicht passt. Auch nicht, wenn dies nur in einem einzelnen Satz innerhalb eines Buchs geschieht. Und selbst dann nicht, wenn es sich – wie die für die Umschlagrückseite gewählte Bezeichnung „Lebensstenogramme“ nahelegt – um ein historisches Notat etwa aus dem Jahr 1968 handeln sollte, als in Hué von amerikanischen Truppen ein Massaker verübt wurde und CDU und SPD als erste Große Koalition in Bonn regierten. Denn weder musste man das damals schreiben, noch ist jemand dazu gezwungen, diese Formulierung fünfzig Jahre später zu wiederholen."

Offenbar wollte Metz Anstoß nehmen. Denn niemand "muss" ein Gedicht von 1968 aus der Sicht nach 1998 interpretieren. 

Gerhart Baum: Meine Wut ist jung

Gerhart Baum: Meine Wut ist jung

Wenn ich mir die Programme der letzten Jahre ansehe – auch wenn sie Richtiges zum Ausdruck bringen –, so brennt darin kein liberales Lebensgefühl, das ich bisher auf die Wähler übertragen hätte. Doch schon vor der Wende von 1982 – auf einem Parteitag in Kiel 1977 – begann die Abkehr von den Grundsätzen des sozialen Liberalismus, wie er im Freiburger Programm definiert war. Meine Freunde und ich hatten einen Programmentwurf mit dem Titel aktuelle Perspektiven des sozialen Liberalismus erarbeitet. Er unterlag in wesentlichen Teilen einem vom Wirtschaftsflügel vorgelegten Gegenentwurf. Unsere Themen waren – neben einer neuen Definition des Sozialstaates in einer freien Wirtschaftsordnung – Vertiefung der Demokratie, Verteidigung des Rechtsstaates, Schutz der Umwelt und eine Bildungspolitik der Chancengleichheit. Schon damals begann die Entwicklung zu einem Liberalismus, von dem Peter Sloterdijk 2011 sagte, dass dieser eher für ein Leben auf der "Galeere der Habsucht" steht. (S. 30/31)

Nun hat man den Eindruck, der Aufbruch soll unter anderem mit dem Slogan "Wachstum" erfolgen statt mit "Mehr Netto vom Brutto". Glauben Sie, dass damit die Menschen wieder zu gewinnen sind?
Ich sehe das eher kritisch, denn es darf auf keinen Fall darauf hinauslaufen. dass ein alter, längst überholter und abgenutzter Wachstumsbegriff wieder belebt wird – als ginge es um Wachstum an sich. Das ist zwar nicht beabsichtigt, aber dieser Begriff löst Irritationen aus. Man muss ihn immer erklären. Er muss in Beziehung gesetzt werden zu anderen Politikfeldern. Beispielsweise geht es um Wachstum an Bildung. Gemeint ist qualitatives und nachhaltiges Wachstum. Es ist immer schwierig, einen Begriff zu verwenden, mit dem man in eine defensive Position kommt. (S. 39)

Menschen brachten mir ihre Sympathie entgegen und erklärten gleichzeitig, dass diese meiner Person, aber nicht der FDP gelten. Dennoch habe ich mich noch einmal um ein Mandat beworben. Ich wollte die Partei zwingen, Farbe zu bekennen an, ob sie noch zu meiner politischen Richtung Strand. Ich scheiterte.
Diese Niederlage hatte auch ihr Gutes. Ich war gerade 60 Jahre alt und hatte noch Zeit, um etwas Neues aufzubauen. Diese Perspektive hatte ich mir schon als Abgeordneter vorbereitet. Ich hatte wieder Lust an einer anwaltlichen Tätigkeit und wollte in diesem Bereich aktiv werden. Ich hatte auch Lust, durch Eigenleistungen mein Einkommen bestimmen zu können. Bis dahin bezog ich nur gesetzlich festgelegte Bezüge. Nun war ich plötzlich einen Freiberufler, ein Unternehmer. Mein neues berufliches Leben habe ich ohne Protektion oder Hilfe irgendwelcher Netzwerke innerhalb oder außerhalb der Partei aufgebaut. Entscheidend waren gleichgesinnte gleichgestimmte Freunde ...

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gastbeitrag-von-gerhart-baum-ich-will-dass-wir-beissen-koennen-12589869.html


20 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Der Fuciner See

Der Fuciner See
Die Auszehrung
"[...] Sie [Clarisse] schrieb über Kafka, aber Forschung konnte man es nicht nennen. Kafka zwang ihr seinen Willen auf, er übte einen Bann aus. Nichts und niemand bestand gegen ihn. Es war ein Fall von Ernst-Nehmen, das jedes Maß sprengte, der ideale Fall eigentlich, nahm sie ihn doch ernster, als er sich wohl selbst genommen hatte. Es war eine Geiselnahme, mit ihr selbst als Geisel.
 Kafka höhlte ihr Leben aus und bewegte sich in ihr, und wenn sie ihn ihren »geistigen Vater« nannte, tat sie es nicht, ohne den leiblichen Vater herabzusetzen, der als abruzzesischer Gastarbeiter nach Österreich gekommen war - in ihren Worten ein verachtenswerter, dort nie hei misch gewordener Mann, der sich in ihrer Kindheit Zweideutigkeiten mit ihr erlaubt hatte." ("286/87)
"Dann rief eines Abends ihr Vater bei mir an, was auf eigene Weise furchtbar war, denn vor meinem inneren Auge schwankte sein Bild zwischen dem abruzzesischen Arbeiter, der in die Fremde gekommen war, und dem zu dringlichen Familienpatriarchen. [...] Clarisse habe sich mit dieser Kafka-Arbeit ruiniert, sagte er. Natürlich sei er anfangs stolz gewesen, dass seine Tochter eine »dottoressa« sein werde. Er verstehe ja nichts von dem, was sie da schreibe, aber irgendwann sei das doch alles nicht mehr normal gewesen. Sie hatte ihm Kafka zu lesen gegeben, er hatte es auch wirklich »inter essant« gefunden, und manchmal sei der Mann ja auch »richtig lustig«, aber was sie daraus mache ...
 »Was macht sie denn daraus?« 
Vor zwei Monaten hatte sie um Aufnahme in einen Nonnenorden gebeten. Die Schwestern von M. hatten sie auch wirklich zur Probe akzeptiert, dann aber allmählich verstanden, dass es ihr nicht um den Dienst am Herrn ging, sondern dass sie sich im Kloster eigentlich aushungern wollte. Das gehöre sich natürlich nicht, und so hatte die Äbtissin befunden, dass Clarisse des Klosters wieder verwiesen werden müsse. Als der Vater die Tochter ab holte, war sie schmal und völlig verwildert. [...] »Sie kennen den Lago Fucino, ja? Auf der anderen Seite, also auf der Südseite des Lago Fucino, da liegt in den Bergen Campobasso.« »Da kommen Sie her?« »Ja.« »Haben Sie noch Familie dort?« »Nein.« »Von da rufen Sie mich an?« »Ja.« »Und was erwarten Sie von mir?« »Helfen Sie uns.« [...]
Der Lago Fucino, das war ein Topos aus einer Literatur, in der Italien noch »Arkadien« hieß und nach Zitronen und Friedhofsengeln roch. " (S.288-90)
"Ich saß in der Bahn und folgte dem Tiber-Tal Richtung Süden. Wenn die Reise einen Zweck gehabt hatte, so war er inzwischen verloren gegangen. Zu Anfang gab es einen Anlass, nicht mehr, und am Ende würde es eine Situation geben, nicht weniger. Dazwischen lag das Ver sprechen einer Erfahrung, anziehend wie Angstlust. Ich sah mich mit Clarisse irgendwo in den Bergen hinter dem Fuciner See sitzen, auf das Wasser blicken und darüber nachdenken, wie es weitergehen könnte. Aber das war nicht wirklich. Wirklich war Arkadien, die Landschaft uritalienischer Schäfer-Idylle. Denn im »grünen Herzen Italiens«, wie Carducci die Region in seinen berühmten Versen besang, finden sich tatsächlich noch Schäfereien und Hirten, die über die legendären »tratturi«, die antiken Viehpfade, ihre inzwischen geschrumpften Herden aus Apulien und Kalabrien herbeiführen." (S.295/296)
"Der Fuciner See ist nicht mehr, »non c'e piü il lago«, sagte der Mann an meiner Seite. Ausgetrocknet, nicht von der Zeit, sondern von der Arbeit des Menschen. [...]
Als er sich noch hier ausbreitete, soll er sehr fischreich gewesen sein, der See, an dessen Ufern die Marser und später die Römer Oliven, Wein und Früchte anbauten. Sein Klima galt zwar als rau, aber bis zu seiner Austrocknung ist er angeblich nur fünfmal zugefroren, zum ersten Mal im Jahr 1167. Rätselhaft erschien den Anwohnern wie den Historikern das Steigen und Fallen seines Wasserstandes. Im Jahr 1752 soll er so flach gewesen sein, dass man die Fundamente der antiken Stadt Marruvium erkennen und Statuen von Claudius und Agrippina bergen konnte." (S.298/99)

Als der Erzähler schließlich in Campobasso eintrifft, stellt sich Clarisses Sítuation als verzweifelt dar. Er kann ihr nicht helfen.

"Heute lebt Clarisse nicht mehr. Sie hat schließlich doch noch einen Ausgang gefunden, es war der aus ihrem Leben. " (S.307)

18 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Mandalay

Mandalay 
Ein Traum vom Meer 

Aufgewachsen bin ich in jener Hügellandschaft, die man geographisch die Voreifel nennt, Liebhaber bezeichnen sie auch als »Rheinische Toskana«. Doch das ist schon keine Beschönigung mehr, sondern eine Irreführung. [...]
Als ich etwa siebenjährig einmal in der ersten Morgenfrühe mit meiner Mutter über diesen Kiesweg in die Senke einbog, lag der Frühnebel so dicht über dem Tal, dass ich unwillkürlich dachte, man habe mir die ganze Wahrheit über meine Heimat unterschlagen, und ich greinte: »Warum habt ihr mir verschwiegen, dass wir am Meer wohnen?« Ich glaubte damals an eine besondere Wirkung des Meers. Dort müsste das Leben ein anderes sein, von den Städten abgewandt, durch den dauernden Anblick des Wassers geklärt. [...] (S.262/3)
"Die Kompartimente der birmanesischen Staatsbahn bestehen aus zwei einander gegenüberstehenden hellen Holzbänken, auf denen jeweils drei schmale Menschen nebeneinander Platz finden können - oder ein Ehepaar mit Truthahn, wie mir gegenüber. Der Truthahn ist eine hässliche Kreatur, die dauernd dünkelhaft aus dem Fenster sieht und jeden Augenkontakt vermeidet. Unter dem Kopf hängt der rote Hautlappen wie ein Tumor. Das Besitzerpaar dagegen ist wunderschön und animiert. Zu nächst traut sich nur der Mann mit den großen tiefen Augen, mich anzustrahlen. Maßlos, als flirte er, bleiben seine Augen an den meinen hängen. Seine Frau Mariam ist eine stillgelegte Schönheit, die offenbar von ihrem Reiz nicht weiß. Sie hat die Farbe der Erde, ihre Gliedmaßen sind schwer, ihre Augen ruhen lange auf einem Ding, ehe sie sich erschöpfen, und wenn sie einen Gegenstand nimmt, dann schwebt ihre Hand an, legt sich darauf wie zum Schmusen und hat ihn gestreichelt, ehe sie ihn benutzt. Auch ihr Lachen macht sich von sehr weit innen auf den Weg. Wenn es aber auf dem Gesicht angekommen ist, dann breitet es sich aus und geht nicht, bis es nicht alle Winkel des Gesichts durchflutet hat. Man kann nicht aufhören, sie anzusehen." (S.271/72)
"Khin Maung und Mariam wohnen in einem Dorf nördlich von Myitkyina, im verbotenen, für Fremde gesperrten Distrikt, nicht weit von der Grenze zu China. Myitkyina ist ein Zentrum, wo Gold, Jade und Bernstein gewonnen werden, aber auch die Wanderfeldbauern kommen hier her auf die Märkte, und die hiesigen Kachins sind immer noch in Stämmen unter Häuptlingen organisiert. Die Eisenbahn endet hier, aber die Straße führt immer weiter bis nach Indien und China.
 Mariam macht sich den unsteten Truthahn mit einem Griff an seinen Hals gefügig. Khin Maung hält einen Leinensack Zucker zwischen seinen Knien. Zu Hunderten nehmen die Fliegen darauf Platz. Draußen breitet sich schwarze Erde aus, die Glockenkelche der Pagoden leuchten in Weiß oder Gold, und wenn die Menschen eine Errungenschaft gemacht haben, dann sind es Schirmmützen. Es riecht nach Hirse und fauligem Gemüse. Aber das Lachen sitzt locker. 
Über die Wasserspiegel morastiger Teiche staksen die Hütten dahin auf morschen Balken. Man sieht den Seuchen in der Entstehung zu, und da die Fenster offen bleiben, schwärmen an jeder Haltestelle des Zuges die Insekten herein, trunken vom Fäulnisgeruch." (S.274/75)
"Mandalay, die rebellische, der Moderne zugewandte Siedlung, deutete sich draußen mit den ersten Ausläufern einer werdenden Millionenstadt an, die sich aus ihrer dörflichen Vergangenheit nicht lösen kann." (S.281)
"Ich wünschte, wir hätten das Selbstverständliche tun, am Meer stehen, in ihr Dorf reisen, bleiben können, doch dieses Mal ist unsere Trennung nicht kulturell bedingt, sondern politisch. Ich habe nicht vermocht, ihnen das Meer, das sie nie sahen, erfahrbar zu machen. Mein Meer ist ein anderes, und ihr Dorf suche ich in ihren Augen, in der Textur ihrer Hände, in ihren Blicken nacheinander, ihren Stoffen und Utensilien, doch suche ich vergeblich.
 Deshalb hängen unsere Blicke ineinander, weil wir nichts anderes haben, die Wirklichkeit des Gegenübers zu entziffern, und diese Blicke wollen und wollen sich nicht lösen, als ich am Bahngleis in Mandalay vor dem Abteilfenster stehe und sich der Zug mit ihnen in Bewegung setzt, sie haben die Hände nur halbhoch zum Gruß erhoben. Sein Glühen bleibt, ihr Strahlen hängt weiter in der Luft, und als sie den Augen entschwunden sind, ist da noch etwas Immaterielles auf diesem Bahn steig, das ich betrachte wie Kunst. Es ist der Nimbus einer Grenze, die sich soeben als unpassierbar, aber durchlässig erwiesen hat." (S.283/84)

16 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Kamtschatka

Kamtschatka 
Asche und Magma 

"Man wacht auf und überfliegt ein Gehirn, rot und zerklüftet, bizarr geformt, mit mäandernden Nervenbahnen, man überfliegt es in 31 000 Fuß Höhe, und es sieht aus wie ein Organismus. Man bewegt sich auf einen Punkt zu, achttausend Kilometer von zu Hause, über eine Formation aus pathetisch getürmten Felsmassiven, Abgründen, nackten tektonischen Schichtungen. Malerisch. Fremd. Man sollte Seemannslieder singen, Heim weh haben, Dschunken passieren lassen.
 Doch auf dem Monitor des Bordfernsehens bewegt sich das Symbol des Flugzeugs auf seiner gestrichelten Linie nur ganz langsam und ruckhaft durch elf Zeitzonen. Bald wird die Regierung sie auf acht reduzieren." (S.222)
"Kamtaschatka. Ein Name wie ein Takt aus einem Marsch, gesungen von einem Männerchor." (S.223)
"Erdbeben gibt es hier manchmal mehrmals pro Woche, und wenn es klirrt oder schaukelt, dann werden sich die Einwohner bloß mal wieder ihrer Sterblichkeit bewusst und der Tatsache, dass sie auf einem jungen, sehr jungen Landzipfel wohnen, einem nicht fertiggestellten, und sie könnten sich darüber klarwerden, dass wir einen lebenden Planeten bewohnen, mit immenser Energie in seinem Kern. Geologen warnen, dass es hier in absehbarer Zeit zur Katastrophe kommen muss. Die Stadt wird verschwinden, einem Ausbruch oder Beben zum Opfer fallen, aber die Einheimischen bleiben und sagen: Nicht jetzt, nicht heute, nicht zu unseren Lebzeiten. Wo sollen wir sonst hin? Sie leben anders als wir, bewusster befristet.
 Neun Stunden braucht man ab Moskau, um den russischen Kontinent zu überfliegen, bis in die äußerste Spitze, wo man von den Herren in Moskau seit alters her wenig weiß und noch weniger wissen will. Das also ist Kamtschatka, der Küste vorgelagerte Halbinsel, die fernste Ferne, von der auch Moskau lange Zeit nur eine diffuse Vorstellung besaß. Ein Trio von Vulkanen ist das Wahrzeichen dieser Region. Knapp sieben Monate Froststarre bewahren Kamtschatka wenigstens zeitweise vor ihrer Energie, [...]" (S.226/27)
"Die Landung des Kosaken Wladimir Atlassow im Jahr 1697 wird allgemein als die Entdeckung dieser Halbinsel in Russisch-Fernost angesehen. [...] Aber erst als Zar Peter 1724 den Dänen Vitus Bering einbestellte und ihn mit dem Auftrag versah, herauszufinden, wo das russische Reich genau ende, wo die Landmassen auf das Meer stießen, und ob sich dort nicht vielleicht einzunehmendes Land öffne, war der Grundstein zur Erforschung der äußersten Grenze des Reiches gelegt. Bering brach auf, der Zar starb ein Jahr später, lange bevor der Däne 1730 seine Ergebnisse heimbrachte, die dann weder Anna Iwanowa noch sonst jemanden sonderlich interessierten. Nur Bering selbst war von seiner Mission überzeugter denn je und machte sich fieberhaft an die Vorbereitung der Großen Nordischen Expedition, zu der er 1733 aufbrechen, die er aber nicht überleben sollte. [...] Schließlich aber wurden wie überall die Ureinwohner in brutalen Kämpfen unterworfen und für die eigenen Zwecke dienstbar gemacht, ehe man im 20. Jahrhundert, im Verlauf ihres Aussterbens gewissermaßen, die Tschuktschen ethnologischer Forschungen für würdig erachtete. [...]
 Die Beamten der Zaren verzweifelten an der Mentalität der ungebärdigen Bauern, die die Landwirtschaft ebenso wenig wie die Schafzucht in Angriff nehmen wollten. Stattdessen widmete man sich dem Lachsfang, und noch heute gibt es nirgends auf der Welt einen so reichen Bestand der unter schiedlichsten Arten wie hier, wo der Wildachs in solchem Überfluss vorkommt, dass er sogar als Tierfutter verwendet wird.
Ähnlich gibt es auch kaum irgendwo auf der Erde eine vergleichbar starke Bären-Population. Doch kämpften sich die frühen Trapper durch den Winter, durch die Entbehrung eines Lebens in Laub- und Erdhütten, so kommen die Jagdgesellschaften heute mit Privatflugzeugen aus Moskau, knallen manchmal aus der Luft ihre Beute ab und sind wieder weg. Andere Jäger konzentrieren sich vor allem auf die Bärengalle, der in China aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird, [...]" (S.227/28)

  "Ich sehe einem Gehörlosen-Pärchen auf dem Bürgersteig zu. Er bockt, hat seine Hand der ihren entzogen. Sie redet mit geräuschlos belfernden Lippen auf ihn ein. Er wischt alles weg. Ihre Gesten werden größer, sie machen sich Luft. Er stimmt ein gestisches Anschreien an, raum greifend, mit den klobigen Händen die Luft sichelnd. Ja, auch sonst scheint er ein Wunderlicher zu sein. Sie weicht 
zurück mit einer Mimik wie im Stummfilm, aber er hat nicht genug. Erst fährt seine Faust in den Himmel, darauf zieht er dreimal hintereinander eine jähe Linie zwischen sich und sie. Dann wendet er sich weg und lässt sie stehen. Aber schon wenige Meter später weiß er kaum, wie er sich noch orientieren soll. Synchron wenden sie sich wieder einander zu, getrennt, doch unfähig, es zu sein." (S.233/34)
"Und da ganz Kamtschatka, immerhin doppelt so groß wie Deutschland, nur über 130 Kilometer eines zerrissenen Netzes asphaltierter Straßen verfügt und nach sieben Monaten im Schnee nur eine kurze Blüte im schwelgerischen Sommer erlebt, ist die Natur hier schwerlich totzukriegen. Sie übernimmt hinter der Stadt mit Steinbirken-Hainen auf sumpfigem Grund, Halbstauden und Kiefernwäldern, in die sich ab und zu ein »Schaschlik Cafe« schiebt. Im Sommer sind die Wegränder staubig, und auch der Baum bei der silberhaltigen Quelle, an den man Stoff fetzen bindet für sich, die Frau, die Geliebte oder künftige Frau, steht behaucht vom gelben Film des Straßenstaubs. 
 An den Hängen aber funkeln sie wieder, die Birken, die man in dieser dunklen Gegend als die Lichtbringerinnen liebt. Das Silber ihrer Stämme schimmert noch durch die Dämmerung - ein Naturzauber, der sich edelmetallisch gegen das ganztägige Zwielicht durchsetzt." (S.234/35) 
"Am dritten Tag sammeln wir zwei Wanderer auf, die verloren durch die Sonne traben, Jelena und Kolja, sie von hintergründiger, pausbackiger Selbstversunkenheit, scheu und verlangsamt in allem, was sie sagt, und versonnen selbst im Gehen, er ein schmaler, kluger Junge mit schnellen kurzen Bemerkungen und guter Beobachtungsgabe. [...] Wir schrauben uns hoch in die unwirtliche Vulkanlandschaft. Das Mondtal, in dem der gelbe, lagerartige Trakt des Kraftwerks liegt, ist umgeben von Warnschildern, Wellblechhütten, Containern, [...]" (S.236)

"Jelena hat keine Eltern mehr. Sie ist so introvertiert, dass sie wohl eigentlich nur ein einziges Gesicht machen möchte. Das macht sie immer. Manchmal wendet es sich gütig dem Mann zu, manchmal fragend uns." (S.237/38)
"Unseren letzten Abend verbringen wir in der unbenutzt wirkenden Anlage eines Hotel-Freibads, dessen Becken gerade durch einen Schlauch mit schwefligem Thermalwasser befüllt wird. Kurzatmig lagern wir im Wasser. Kolja taucht mit Kopfsprung ins Becken, Jelena zieht sich einen schwarzen Bikini an und drückt ihren stämmigen Körper rasch unter die milchige Wasseroberfläche, während Sergej den allgemeinen Frohsinn unermüdlich weiter stimuliert. Wir trinken Bier aus Plastikbechern und toben ein bisschen herum. Einmal drückt Jelena unter Wasser meine Hand. [...]
 Unter den buschigen Bäumen vor der armseligen Siedlung, die sie bewohnen, holen wir zur Verabschiedung von Jelena und Kolja aus. Wir stehen um den Wagen, die Männer umarmen sich fast ohne Körperkontakt. Als ich Jelena die Arme öffne, kommt sie, von einem leichten Sonnenbrand vergoldet, und drückt sich rückhaltlos in diese Umarmung, als wolle sie so, als Passform, erhalten bleiben. Dann wendet sie sich Nastja zu, damit sie übersetze:
»Wir haben eine Zeit mit vielen schwarzen Streifen erlebt. Nie hätten wir gedacht, dass uns hier ein so weißer Streifen erwartet.«
Darauf schenkt sie mir noch einmal ihren gedrungenen Körper, von dem sie weiß, dass man ihn gerne in den Arm nimmt, und lässt ihn ruhen. Kolja ist ins Haus gegangen, um Geschenke zu holen.
 »Du wirst mir fehlen«, sage ich. 
Als ich im nächtlichen Hotelzimmer die Geschenke öffne, sind es ein Wimpel von Koljas U-Boot-Stützpunkt, ein grünmetalliger Schlüsselanhänger mit dem Emblem desselben, dazu eine blau-weiß-geringelte ärmellose Weste. Sie passt, sieht aber aus wie ein Ringer- Leibchen aus einem Badeort an der Cöte d'Azur der zwanziger Jahre. Das ist ihr Geschenk. Ich trage es eine Nacht lang und eine weitere, bis es sich unwiederbringlich anfühlt. Ja, sie fehlt mir." (S.260/61)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Tangkiling

Tangkiling
 Die Straße ins Nichts 

"So hoch, so stetig über der Wüste durch die Wolken schwimmend, verliert man das elementare Gefühl für die Bewegung. Auf der Erde sind alle Beschleunigungen mit einer Blickgeschwindigkeit verbunden. Dieses Tauchen durch die Luft jedoch, das Gleiten über entfernte Muster und Schraffuren, Wölbungen und Dehnungen, Flächen und Senken versagt dem Auge die Fähigkeit, den Tempobezeichnungen der Außenwelt, dem Wechsel ihrer Proportionen, dem Schwinden und Entstehen ihrer Farbigkeit zu begegnen." (S.198)
Die Fernsehwerbung war von der Regierung hier schon Vorjahren abgeschafft worden, um »keine falschen Bedürfhisse« zu wecken. In den Läden ihrer Dörfer aber fanden die Siedler die Glanzbildchen der Produkt-PR und daneben vor allem Rohstoffe, Naturprodukte, nicht-designtes Essen - Früchte, Knollen, Hühner- und grüne Gänseeier, Dörrfisch, Gewürztütchen und in den Vitrinen das prachtvolle Rot-Gold der Nelkenzigaretten, an den Wänden einzelne Kalenderblätter mit Ansichten von Teneriffa oder Garmisch-Partenkirchen." (S.203)
"In Palangkaraya [220 000 E.] aber, der erst 1957 gegründeten Hauptstadt von Zentralkalimantan, kann man fotokopieren und technische Apparate kaufen. Hier gibt es vier Kinos, aber Straßenbeleuchtung noch nicht lange. [...]  Es gibt Computerspezialisten und korrespondierende Mitglieder wissenschaftlicher Zeitschriften, aber nicht selten sind es dieselben, deren Glaubenspraxis rituelle Schlachtungen und Trance-Tänze einschließt.
 Der letzte Gouverneur der Region, immerhin im Rang eines Ministerpräsidenten, verfügte testamentarisch, sein Sarg solle aus dem Holz eines sogenannten »Herzbaums« gefertigt werden, eines Baums also, bei dessen Pflanzung in der Wurzel ein menschliches Herz eingesetzt wurde." (S.205)
"Hier, wo mehrere hundert Sprachen und Dialekte vor kommen, aber kein Englisch und kaum die sterile Amtssprache mit dem Namen Indonesisch, hier kam ich zu mindest bei den Zahlen mit Indonesisch aus. Fragte ich aber, wann das Schiff ablegte, streckte mir ein Hafenar beiter die fünf Finger einer Hand entgegen und sagte »Empat«, aber »Empat« heißt »vier«. Also »Lima« konterte ich und streckte ihm meine ganze Hand entgegen für die Fünf. Nein, »Empat« beharrte mein Gegenüber, wieder seine ganze Hand hinhaltend. [...] Endlich erfuhr ich: Für den Einheimischen Borneos zählt der Daumen nicht als vollständiger Finger. Also signalisiert man mit zwei vollen Händen die Zahl Acht, und ich gewann beim Übersetzen einen neuen Blick auf den Körper."(S.207)
"Am folgenden Tag besuchte ich drei Missionarsschwestern, die unter einem Fliegenfänger am Tisch saßen und karge Mahlzeiten einnahmen. Sie erzählten, wie sich das indonesische Hausmädchen anfänglich immer mit zusammengelegten Händen vor dem Fliegenleimband verbeugt habe, hielt sie es doch für ein christliches Requisit, das es zu achten gelte." (S.208)
"Seine Fruchtbarkeit verdankt der tropische Regenwald Borneos also nicht primär dem Boden. Sie liegt vielmehr in der Luft, im Blattgrün, in den zahllosen symbiotischen Verbindungen zwischen Pflanzen und Tieren. Vierzig Meter über dem Boden wachsen in toten Bäumen Sträucher und Blumen aus den verlassenen Nestern der Orang Utans. Kerne, verfaulte Früchte, Kot und vermodernde Zweige mischen sich zum Kompost und lassen neue Mikrokosmen entstehen mit einem hoch verletzlichen inneren Gleichgewicht.
(S.209)
"Als im Jahr 1982 die Regenzeit jedoch ungewöhnlich lange ausblieb, dörrten die Sümpfe aus und das Feuer zerstörte ein Stück Regenwald von der Größe Taiwans. Dieser schlimmste Brand in der Geschichte aller verzeichneten Brände wurde erst 1983 durch die endlich ein setzenden Regenfälle gelöscht." (S.211)
"So ist der Orang-Utan als das einzige Tier zugleich gierig und stark genug, die schwere Durian-Frucht - Delikatesse für Einheimische und Menschenaffen - nicht nur zu ernten, sondern sie viele Meter weit in das heimische Nest zu schleppen, wo der Kern, in den Kot dieses Nests eingelassen oder aus den Wipfeln abgeworfen, noch die Chance des Überlebens und der Fortpflanzung erhält. Stirbt der Orang-Utan aus, so fallen auch die Kerne der Durian unter die immer selben Bäume, und so wäre der legendäre Baum Südostasiens ohne den Pongo pygmaeus in dieser Region vom Aussterben bedroht.
 Ein ähnlich symbiotisches Verhältnis hat sich zwischen den Umsiedlern und der Holzindustrie gebildet. Einmal in die entstandenen Schneisen eingefallen, sengen und sicheln die Ansiedler Gestrüpp, Kleinholz und Macchie herunter, den Kahlschlag vollendend, der mittelfristig auch ihren eigenen Lebensraum zerstören wird." (S.212)
"Nur in Tangkiling, jenem Dorf, zu dem die Straße von Palangkaraya führt, da gibt es nichts, und nicht einmal die Straße findet einen anständigen Abschluss. Sie endet, ohne zu enden, sie verläuft sich einfach, als sei sie bloß zu erschöpft, weiterzumachen. Was sie versammeln konnte, das hat sie versammelt, nun ist sie müde wie der Boden.
 Dies ist allenfalls der Brückenkopf in den Dschungel, in das Nichts-als-Dschungel. Erst hier öffnet sich das mythische Land der Ureinwohner dieser Wildnis, der Waldmenschen, wie sie wörtlich heißen, der Orang-Utan, die heute gejagt und vertrieben, von Transmigranten eingekesselt oder als Haustiere missbraucht werden und die man früher einmal wie eine eigene Bevölkerung ehrte. Bei den Dayak, den Ureinwohnern Borneos, liegt ein Tabu auf dem Inzest und auf der Lächerlichmachung von Tieren. (S.218/19)
"Die Straße nach Palangkaraya lag wieder vor mir." (S.221)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Bombay

Bombay 
Das Orakel 
"[...] Der Junge, der mit un serem Auto lief, solange dieses Schrittgeschwindigkeit fuhr, palaverte in mehreren Sprachen in den Wagen hinein. [...] Dieser Großstadtkrieger wünschte nichts, als ein Gespräch aufrechtzuerhalten, zu reden, beantwortet zu werden, Fremde kennenzulernen. Wir hielten, ich stieg aus und setzte mich mit ihm in eine kleine Grünan lage an der Straße. Er hatte tätowierte Ohrläppchen und fragte mich:
 »Wieviel Milch gibt eure Kuh?«
 Ich wusste, so betrachtet, wenig über uns, und so saß der Junge tief hineingebeugt in das wenige, das er hörte und nicht komplett verstand. Wir sahen uns bewegungslos an, zwei Landschaften im Gespräch.
 »Ich bin ein Straßenkind«, sagte er, als sei dies sein Titel.
»Ja«, sagte ich. Was sonst?, dachte ich.
 »Ich habe Dinge gesehen, die ein Junge in meinem Alter nicht sehen sollte.«
 »Ja«, sagte ich. [...]" (S.182/83)
(Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Bombay)

15 November 2018

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall"

Diesen Satz aus den Bremer Stadtmusikanten (Text von 1857) hat Zuckmayer zum Motto seines Hauptmanns von Köpenick gewählt und er ist immer wieder literarisch aufgegriffen worden.
Das Gefühl des Nutzlosseins steht als Motto über all den vielen Fluchtversuchen nach Europa und führt aufgrund der Abschottung Europas zu den vielen Toten in der Wüste, in den Folterlagern Libyens und im Mittelmeer.
Und die, die keine Nachrichten von den Aufgebrochenen erhalten, klammern sich an die Hoffnung "Etwas Besseres als den Tod findest du überall".
Darauf zielt der Schlusssatz von Roger Willemsens "Timbuktu": "In dieser ganzen Zone der Sahara ist nichts als diese Bewegung, die Bewegung einer Flucht ohne Fluchtpunkt, die von nichts angetrieben wird, als von der Möglichkeit zu fliehen."

Es ist ein Exodus auf der Suche nach dem "gelobten Land". Nicht ohne Grund ist Exodus immer wieder als Ausdruck für den Ausbruch aus unerträglichen Verhältnissen gewählt worden. 
Im Märchen wird immer wieder aufgebrochen zu einer Suche "bis ans Ende der Welt". Roger Willemsen sucht und findet solche Enden immer wieder.
Doch das gelobte Land wurde schon in der Geschichte immer wieder zum Land der großen Konflikte: Nahostkonflikt, Völkermord an Ureinwohnern. 

Davon ist die Literatur fast so voll wie von Geschichten des Aufbruchs zu einer Suche nach einer besseren Welt. 

14 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Timbuktu

Timbuktu 
Der Junge Indigo 
 "Da liegt es, das Land der Sahara mit seinen Schorfschichten in Gelb, Hellrosa, Blutrot, die Siedlungen gepfercht, umzingelt von irgendeiner Natur, die aus den schütteren Wäldern, den flachen Bergen, den dürren Ebenen Gefahren schicken könnte, der Niger breit und mürrisch, in einem opulenten Becken von kleinen Inseln besetzt, briefmarkengroße Felder darauf. [...] Ja, so trumpft sie auf, diese Übermacht an Landschaft, die nicht eigentlich schön, eher wie strapazierte Haut wirkt, wie ein interessant ab gearbeitetes Gesicht. 
Man wird hier keine moderne Physiognomie finden. Die Menschen haben die Züge vorzeitlicher Propheten oder Götzen, deren Augen hellgrau in einem wässrigen Hof liegen, und auch der Fluss ist nicht blau, nicht grün, sondern graugelb in seinem rissigen Uferstreifen aus Hornhaut. (S.161)
"Der Niger, ein Delta aus zahllosen Rinnsalen, Einzelläufen, Strömen, Kanälen und Seebecken wird immer neu zur Demarkationslinie zwischen Schwemmland und roter Wüste. Dann wieder schwindet sein Einfluss, und er trägt das Grün seiner Ufer allenfalls ein paar Meter weit ins Land. Orte wie Wüstenfriedhöfe liegen zu seinen Seiten." (S.162) "Doch hier, am legendären Ort, im Innern der Verwahrlosung, wird Indigo gewonnen. Als sei dieses Blau die Farbe des Blutes dieser Stadt, deren Menschen selbst blau häutig wirken. Warum fliehen sie nicht? Anderswo wäre Wasser, Versorgung, Unterstützung, Schutz. Doch bis man dahin gelangt wäre, müsste man durch die Wüste, die Hitze, das Massaker, den Überfall, man müsste sich als lebende Beute durch ein Inferno retten." (S.163)
"Timbuktu ist Sand, vor allem Sand, alles sinkt in Sand, ist aus Sand gemacht oder nimmt seine Farbe, selbst seinen Geruch an. Der Sand strahlt die Hitze ab, der Sand holt sich die Stadt, zu Sand soll sie werden. Das einzige, dem Verfall offenbar entzogene Objekt ist auf einer Fassade die bronzene Tafel mit der Aufschrift: »Hier lebte der Afrikaforscher Heinrich Barth. Dieses Haus besuchte im Jahre 1956 Präsident Heinrich Lübke.« Dies wird bleiben." (S.164/65)
" Sein Charme ist leise, aber unwiderstehlich. Er weiß nicht von sich, nicht von seiner Grazie, die noch betont wird, wenn er lachend den Wildwuchs seiner Zähne entblößt. Doch im nächsten Augenblick sitzt er da wie der antike Dorn-Auszieher mit den zerschundenen Beinen, dem Handgelenk mit der offenen, kaum angeheilten Lochwunde, mal in sich selbst versunken, mal ein Verhältnis suchend wie das des Zöglings zum Mentor, eine Geheimbeziehung, eine diskrete, von Unterwerfung und Achtung getragene Beziehung.
Seine Augen sind immer schon da. Wann immer ich schaue, hat er schon geschaut. Manchmal legt er sein Knabengesicht in die Falten eines Herrn und reibt sich die nackten Fußsohlen im Sitzen. Anders als andere bietet er keine Dienste an, fragt nicht nach unserer Herkunft, um wirbt nicht »Madame« und sucht auch keine Kenntnisse über unser Land, unseren Sport. Nur einmal zuckt er bedauernd die Achseln: Ja, die bettelnden Kinder seien lästig. Aber ohne sie abzuwerten, meint er das, eher mit Verständnis für mich, der sie anstrengend finden könnte." (S.179)
"Wir bewegen uns auf die Propellermaschine zu: das Rudel der tobenden Kinder rund um Anna, der Junge ernst und stumm an meiner Seite. Er schreitet routiniert barfuß über den Sand, dessen Hitze ich durch die Sohlen meiner Schuhe fühle, und lässt meine Hand nicht los. In meiner Linken habe ich einen Schein vorbereitet, einen großen, für ihn sehr großen Schein, die einzige Möglichkeit des Augenblicks, seinem Leben einen Effet zu geben, etwas zu bewirken, das bleibt. Ich gebe ihm die Hand zum Abschied, dann schiebe ich den Schein nach.
Er blickt mir seelenruhig in die Augen mit diesem cremigen Blick, der so ambitionslos kommt, als wolle er nur verweilen. Dann brechen seine Augen für einen Wimpernschlag aus, schnellen hinab auf die Hand, dann noch einmal hoch zu mir: Ob ich weiß, was ich tue? Ob ich mich geirrt haben und gleich alles rückgängig machen könnte?
Er lässt mich fahren, den Schein in der Faust, und läuft - nicht zurück, wo noch die Passagiere mit ihren Begleitern und Angehörigen nachdrängen, sondern voraus, an der Gangway vorbei, unter der Maschine hindurch, über die Landebahn, auf der anderen Seite die Böschung aufwärts und wieder abwärts in den Dünensand, er läuft und läuft, sieht sich keinmal um. Seine Sohlen klöppeln den Wüstensand, helle Wölkchen steigen unter jedem Tritt hoch, seine beiden jüngeren Vasallen sind ihm jetzt auf den Fersen, doch er dreht sich nicht um, er läuft, er läuft, er läuft.
Ich lasse Anna und die anderen Passagiere an mir vor bei die Gangway hochsteigen und blicke ihm weiter nach, bis er zuletzt nur noch ein Partikel in der Land schaft ist, der sich immer langsamer fortbewegt, über die Dünen, in die Senken. Erst als ich dann am Fenster sitze, die Maschine abhebt und Höhe gewinnt, kann ich erkennen, dass er ins Nichts läuft mit keinem Haus, keiner Hütte, keiner Siedlung als Ziel. In dieser ganzen Zone der Sahara ist nichts als diese Bewegung, die Bewegung einer Flucht ohne Fluchtpunkt, die von nichts angetrieben wird, als von der Möglichkeit zu fliehen." (S.180/181)

13 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Orvieto

Orvieto 
Die fixe Idee 
"Die Trattoria Giusti in der Via Giuseppe Giusti war die Küche vieler, die in den späten siebziger Jahren in Florenz studierten oder als Langzeitreisende in der Stadt gestrandet waren. Ich studierte am Kunsthistorischen Institut und verdiente mein Geld als Reiseleiter. Meine Freunde waren zwei weitere Studenten, ein Uffizien-Wärter, eine sienesische Apothekertochter und ein kanadisches Journalistenpärchen. In der Trattoria standen nur zwei lange Tische, und eine Speisekarte gab es nicht. Man nahm an einem der Tische Platz, saß oft unter Fremden oder mischte Freunde mit Fremden, wählte zwischen Fisch oder Huhn und überließ den Rest dem Wirt." (S.472)
"Eine der jungen Frauen, die wie wir zwischen die Linien der beiden feindlichen Fronten geraten war, fiel unmittelbar vor unseren Füßen in Ohnmacht. Wir er griffen sie rechtzeitig, stellten sie hinter uns aufrecht an der Wand ab und warteten, bis die Kämpfenden an uns vorbeigezogen waren. Das Gewühl verlief sich, das Mädchen erwachte, und auf beiden Seiten eingehakt, ließ sie sich zu einem Cafe in einer Seitenstraße bugsieren.
 Bernadette war als amerikanisches Au-pair nach Rom gekommen, auf der Suche nach etwas Künstlerischem. Gefunden hatte sie die Liebe, verloren hatte sie sie auch. In ihren Erzählungen gab diese Liebe nur noch schwache Aromastoffe ab, und indem sie ihre langen braunen Locken in Bahnen zwischen den Fingern striegelte und mit ihren Augen unsere Augen festhielt, war ihr selbst klar, dass das Leben wieder in eine Romanze einbiegen sollte, einen Coup de foudre, eine Verrücktheit, wie sie nach einer Straßenschlacht im sommerlichen Siena, an der Seite zweier Fremder, geradezu auf der Hand lag.
 Als die Nacht herunterkam, hatte Bernadette keinen Schritt getan, bei dem sie nicht von uns zu beiden Seiten untergehakt gewesen wäre. Sie hatte uns paritätisch geküsst, und kaum verschwand einer auch nur kurz in einem Laden oder auf der Toilette, gab sie dem anderen einen Kuss so heftig und nass, dass er sich auserwählt fühlen musste. Ja, ihre Küsse waren verschwenderisch und maßlos, sie stürzte sich mit einem Kopfsprung in je den einzelnen von ihnen und legte einem dabei noch die nackte Armbeuge um den Nacken, damit der Kopf ja nicht ausweichen und sie alles noch besser genießen konnte. Wenn sie einen Kuss abgeschlossen hatte, warf sie den Kopf in den Nacken und lachte guttural, was ein bisschen irr, ein bisschen schmutzig, ein bisschen stolz klang, und manchmal wischte sie sich selbst mit dem Handrücken die Lippen ab. Sie wollte uns verrückt machen, beide, und wir sollten fühlen, wie an diesen Küssen noch dieser Mädchenkörper hing, der sich schmiegte, während die Zungen sich im Rachenraum umeinander wälzten.
 Kurz vor Mitternacht hatte sich die Geschichte so weit entwickelt, dass an Trennung nicht mehr zu denken war. Bernadette machte jetzt kein Hehl daraus, dass sie am liebsten unzertrennlich geblieben wäre. Wir sollten uns eine Wiese außerhalb der Stadt suchen und dort gemein sam die Nacht verbringen. Als wir zögerten, lief sie ein paar Schritte voraus, hob ihr T-Shirt fast auf Höhe ihrer Brüste, beugte sich vor und fragte:
 »Na, wer will mich?«
Männer mögen und fürchten solche Frauen, und ein wenig verachten sie sie auch. Aus Bernadette aber strahlte das Versprechen der Sommernacht heraus, und es war Verlangen genug in ihr für zwei. Peter war der Hund, der, zu allem bereit, mit den geöffneten Armen eines Jesus mir die Entscheidung überließ. Ich aber war der Feige, der mit einem »Macht ihr nur!« den Rückzug antrat und in Bernadettes Blick zweierlei erkennen konnte: ein Bedauern über den Verzicht und eine in Freundlichkeit auf gelöste Verachtung über den schamhaften Mann, der vielleicht auch nur die Konkurrenz scheute.
 Unser Abschied fiel deshalb von ihrer Seite so mütterlich aus, dass es fast verletzend war. Peter gab noch rasch den loyalen Freund, der immer noch bereit sei zu verzichten, schließlich gebe es Wichtigeres. Aber da waren wir schon verabredet für zwölf Uhr mittags am nächsten Tag vor dem Dom von Orvieto [OrvietoSignorelli (S.490ff.)], und seine Begierde war jetzt schamlos und direkt. Ich bog zum Bahnhof ab. Als ich mich zum letzten Mal nach den beiden umsah, griff Peters Hand in ihren Hintern, als wolle er sagen: So macht man das, und sie warf im Gehen den Kopf in den Nacken und lachte den Nachthimmel an.(S.479/81)

 "Jahre später erhielt ich einen Luftpostbrief aus den USA. Meine Adresse war so angestrengt in Druckbuchstaben auf das Kuvert gemalt worden, wie Kinder es tun, die den Stift in der Faust führen. Im Innern befand sich allein Signorellis Teufel mit den breiten Schwingen, der eine nackte langhaarige Frau über die ringende Menge hinweg ins Höllenfeuer fliegt. Der Krakel darunter las sich: »Saturn passing«. Der rettende Engel in der Rüstung zur Rechten war nicht mit im Bild." (S.501)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Chiang Mai

Chiang Mai
Opium
"Ich fuhr nach Chiang Mai zum »Opiumessen«. Seit Thomas De Quincey ist das der geläufige Ausdruck. Auch, wenn man es längst nicht mehr isst, im Hustensaft zu sich nimmt oder gegen die Grippe schluckt wie noch zur vorletzten Jahrhundertwende. Man raucht, man inhaliert es, man nimmt es sich zur Brust und lässt es schwärmen, und ich denke, jeder sollte in seinem Leben einmal Opium geraucht haben. Jeder sollte wissen, was das Gehirn kann, und wer sagt: Dafür muss ich nur Berge er klimmen, Marathon laufen, von Klippen springen oder ganz schnell die Treppe hoch steigen, der weiß nicht, wie viele Metamorphosen das wilde Tier durchmachen kann, das wir in unserem Schädel beherbergen." (S.457)
"Wer ein Pfeifchen wollte, legte sich im rechten Winkel zum Medizinmann, der selbst anrauchte. Der Dorfälteste sah abseits zu, wie zuerst das Opium aus einem Döschen genommen, portioniert, zwischen den Fingern erwärmt, gerollt und dann als Kügelchen auf den kleinen Trichter der langen Pfeife gesetzt wurde. Ein, zwei Atemzüge nur, dann war das Klümpchen, blasenwerfend und siedend, durchgeschmurgelt und in den Abendhimmel entkommen. Sein Aroma aber blieb, dieses frische, Kräuter und Blätter sanft und würzig mischende Aroma ohne jede rauchige Note, es blieb und weitete sich zu einem Wohlgefühl aus, einem Behagen, nicht mehr. Nein, dieser Rausch würde keine Geiseln nehmen, er würde nicht mit halluzinatorischen Schwärmen und Phantasmagorien kommen, nicht rücklings über das Bewusstsein herfallen, er war im ersten Augenblick vollentfaltet da, schwach, aber klar und freundlich. [...]  Mit der zweiten Pfeife vergrößerte sich der Abstand vom Boden, und der Überblick wurde besser. Wir waren Freunde. Alle Lebenslinien trafen unter diesem Dach auf ihrem einzigen möglichen Schnittpunkt zusammen. Da war kein Jenseits zu diesem Moment. Man musste nur in die Tiefe des Wohlwollens hinuntersteigen und bleiben." (S.462/63)
"Auf allen vieren erreichen wir unsere Hütte, krauchen die Bretter zu den Einstiegsöffnungen hinauf in die schwindelerregende Drei-Meter-Höhe und legen uns auf unsere Matten, Helen und Mark in die eine, ich in die andere Ecke.
Der direkte Niederschlag des Behagens kommt im Lächeln. Das heißt, die Mundwinkel auseinanderweichen zu lassen, ihre Bewegung nachzuvollziehen, und als eine Folge der Bewegung froh zu sein, leise amüsiert. Zufrieden, dass die Mimik der Erregung folgt, nein, einverstanden, dass die Erregung der Mimik folgt, nein, glücklich, dass die Bewegung der Bewegung folgt, denn es gibt kein Früher und Später, kein Motiv und keine Folge, es liegt alles auf dieser Amplitude des Glücks, die weiter und weiter ausschlägt, die Mundwinkel über die Grenzen des Gesichts hinaustreibt, so dass man jetzt, außerhalb seiner selbst Mundwinkel hat, die sich jenseits der Konturen des Gesichts weiter dehnen und heben wollen, bis sie allein in der Nachtluft flattern. Ah, die Nachtluft! Schon befand ich mich in den Abgründen einer Illusion.
 Der Rausch, das ist auch das Abziehen der Oberfläche. Die Gebrauchsseite der Welt zerfällt. Wie sollte man also und mehr noch, warum sollte man in ihr handeln? War um sollte man zu etwas nutze sein? Was ist das überhaupt: ein Nutzen?
 Aus dem Dorf klingen ein paar Fetzen Musik. Musik ohne den Charakter der Begleitung. Das Subjekt der Musik sind in diesem Augenblick nicht die Musiker, eher die Instrumente. Sie singen sich ihr Innenleben aus dem Leib." (S.463/64)
"Es ist Jetzt: Endlich ist das Auge angekommen in der Vogelperspektive über dem Baukasten des eigenen Innenlebens. Nichts wie Intelligenz existiert da noch. Was bleibt, ist allein das Konstruktionsprinzip unpersönlicher Verbindungen, die ihre Wege nehmen, und in einem wohlwollenden, von keiner Einschränkung bedrohten Anerkennen wird man gewahr: Das Persönliche ist unpersönlich, Angst leitet oder etwas, das den Namen Angst erhalten hat, Angst führt die Regie über Lust und Unlust, sie sagt: Geh nicht von A nach B, der direkte Weg ist nicht die Luftlinie, sondern der Fluchtweg. Alles vermeintlich Inspirierte ist nichts als eine Art, Umwege ein zuschlagen, auszuweichen.
Und so lag das Modell, das chemische Modell meiner persönlichen Unvernunft unter mir und gebar das Wort  »Ich« als das Symptom einer Störung. Was »Bewusst sein« hieß, war jetzt nichts als eine in ihrer Einzigartigkeit faszinierende Wunde, die kein Trägermedium hatte und auch nicht heilte. Erst sieben Stunden später lösten sich die Phantasmen ab, und ich erwachte aus dem »Es denkt« in die Illusion des »Ich denke«. (S.470/71)

(Roger Willemsen: Die Enden der Welt, Chiang Mai)

Roger Willemsen:Die Enden der Welt - Kinshasa

"Ich war für einen Musiker in die Demokratische Republik Kongo, das ehemalige Zaire, gereist. Den wichtigsten Musiker des Landes wollte ich filmisch porträtieren, den Vater der urbanen, kosmopolitischen Jugend, die nachts auch in den Clubs von Kinshasa zu seiner Musik tanzt und davon träumt, wie er eines Tages nur noch aus dem Pariser Exil anzureisen: Papa Wemba, weniger als ein Leidensgefährte, mehr als ein Tourist, der Miterfinder des »Soukous«, jener panafrikanischen, auch »Rumba-Rock« genannten Musik, die in den siebziger Jahren von Kinshasa aus den ganzen Kontinent eroberte die musikalische Sprache für das Selbstbewusstsein einer Jugend, die heute, ein paar Kriege weiter, keines mehr hat, nur noch die Musik." (S.440)
"Er, der ungeliebte, angeschlagene Präsident droht im Straßenbild von hohen Transparenten herab. Doch so ab wesend der Krieg in Kinshasa auch wirkt, so präsent ist die Gewalt des kriegführenden Präsidenten. Sieben Menschen sollen von seinen Leuten allein deshalb erschossen worden sein, weil sie seiner Autokolonne nicht schnell genug die Straßenkreuzung räumten. Die Angst vor seiner Willkür sitzt tief. Wir begreifen zunächst: Der Krieg liebt keine westlichen Augenzeugen, keine Rechercheure von Massakern. Aber sind wir hier nicht im Dienst der Musik?
Erst später werden wir auch das Zweite begreifen: die langsame Umkehr des Rassismus. Man verachtet die Weißen, schikaniert sie, unterwirft sie immer neuen Autoritäten, lässt an der Grenze ihre Pässe zu Boden fallen, danach sind sie stundenlang verschwunden oder nur mit Geld wie der auszulösen. Wer als Weißer unter diesen Umständen trotzdem noch im Land ist, hat oft altruistische Gründe und nicht selten sogar ein gewisses Verständnis für solche Formen später Revanche. Doch selbst dies mühsam erworbene und gegen die Ressentiments verteidigte Verständnis findet man hier zum Kotzen.
Papa Wemba dagegen wird geliebt. In seinen Gesprächen mit Freunden, lokalen Musikern oder Anhängern kommt der Krieg nicht vor und der Präsident auch nicht. Stattdessen fährt Wemba in der tiefgekühlten Mercedes-Limousine durch die Stadt, telefoniert dabei mit Paris, lässt sich Obst und Zeitungen in den Wagen reichen, hört pausenlos die eigenen Alben, und manchmal winkt er auch in die nie abreißende Menge der Enthusiasten an der Straße, die vor Begeisterung fast seinen Wagen demolieren.
 »Das sollten Sie filmen«, sagt er. Sofort!
Von jetzt an filmen wir stundenlang seine Triumphfahrten durch die Außenbezirke von Kinshasa, geschützt von seinem Ruhm. Jetzt winkt er auch häufiger.
Widerspricht die Musik dem Krieg oder ist sie eine zweite Welt? Ist sie das Kontinuierliche in der Geschichte des Landes, oder bricht ihr Stammbaum jetzt ab? Spricht sie von den Opfern, den Armen, oder will sie nur von ihnen gekauft werden?
 »Die Armen soll man in Frieden lassen«, sagt Papa Wemba.
 Die Wahrheit ist, dass sie natürlich keinen Frieden haben, sondern den Krieg bezahlen. Ja, das bekümmere ihn auch, sagt er und bürstet sich ein paar Flusen von den großblumigen Mustern seines Bubus. 
»Ich bin zwar Künstler, aber ich rede durchaus über Politik«, fügt er hinzu. Doch als ich es genauer wissen will, ergänzt er: »Eine politische Position werde ich allerdings nicht beziehen.«" (S.447/48)
"Im zehnten Stock des Ministeriums, hat man uns gesagt, werden wir unser Dokument bekommen, das al les entscheidende Dokument, ohne das unsere Kamera arbeit ein Verbrechen ist. Jeden Tag gehe ich nun ins Ministerium auf der Suche nach dem Verantwortlichen und seiner Unterschrift. Vor dem Fahrstuhl im Parterre schleppt ein Arbeiter auf seinem Rücken immer neue Zementsäcke heran.
 »Sie bauen?«, frage ich ihn, als der sechste Sack donnernd auf dem Stapel gelandet ist.
 Er lacht, beugt sich mit verschwörerischer Miene hinunter und öffnet einen Riss in der Verpackung mit zwei Fingern. 
»Nein«, antwortet er, »es ist nur Geld«, und sein Finger krault die Spitzen der Banknoten. »Alles in Cent?«
 »Ich bringe die Gehälter der Angestellten, ja, sie sind zahlbar in Cent.«
 Das Geld reist mit im Aufzug. Aber auf jedem Stockwerk öffnen sich die Türen ins Dunkel. Menschen steigen aus und verschwinden in völliger Finsternis, das Geld geht denselben Weg. Von Büro zu Büro werden die Bündel mit der Waage abgemessen - angesichts der Inflation die einfachste Zahlungsform.
 »Sie verdienen ein Pfund?«
 »So etwa.«" (S.452/53)
"Ein paar Jahre später hat die Politik beide eingeholt: Kabila wird von seinen Anhängern, seiner Palastwache, dem Sicherheitsdienst, möglicherweise Teilen seiner Familie in seinen Räumlichkeiten hingerichtet. Eine zuverlässige Darstellung der Umstände steht aus, der Sohn Joseph Kabila kommt an die Macht.
 Papa Wembas musikalische Laufbahn explodiert nicht. In Interviews bietet er sich zwar als politische Kraft der Integration an, doch ist die Zeit über seine Stimme hin weggegangen. In Paris wird er stattdessen inhaftiert, als bekannt wird, dass er Landsleuten für viel Geld die illegale Einreise nach Frankreich ermöglicht haben und einen ganzen Schleuserring unterhalten haben soll.
 Als wir aber an jenem Herbstnachmittag Kinshasa verlassen, sind der Präsident und der Popstar noch auf ihren Positionen. Nie habe ich ein Land so gerne verlassen wie dieses, [...]" (S.456)
(Roger Willemsen: Die Enden der Welt)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Minsk

Minsk 
Der Fremde im Bett 

"Der Flughafen von Minsk sieht aus, als sei er aus einem Haufen von Dunstabzugshauben zusammengeschweißt. Vor seinen Toren protzt die Monumentalarchitektur Weißrusslands, und wie im alten Sowjetreich gibt es noch immer diese imaginären Geländer. Man muss ge leitet, geführt, Befehle müssen erwartet und befolgt wer den, Verbote müssen sich aufrichten." (S.103)
Minsk wurde nach der Zerstörung durch deutsche Bomben im 2. Weltkrieg  ab 1958 historisch getreu wieder aufgebaut; aber die Architektur wirkt im Sozialismus nicht glaubwürdig 'hochherschaftlich'."
"Minsk liegt an einem Fluss, einem Verkehrsfluss, der achtspurig die Stadt teilt, über sechzehn Kilometer." (S.109)
"Überall unterbindet die Stadtplanung Ensemblebildung, nur die Wohnsilos am Stadtrand ballen sich." (S,111)
Willemsen geht in ein Krankenhaus, ohne beachtet zu werden. Schließlich geht er in ein Krankenzimmer, in dem, einem Zweibettzimmer, nur ein einzelner Sterbender liegt. Er setzt sich zu ihm und macht sich seine Gedanken. 
"Erst als ich schon wieder auf der großen Straße war, fielen mir die beiden Gurken ein, die ich auf der Kante dieses Sterbebetts vergessen hatte." (S.117)

Im Kapitel "Minsk" ist vielleicht am stärksten aus geprägt, was sich durch die ersten Kapitel hindurch zieht. Willemsen wirkt wie ausgesetzt. Ich bin froh, dass ich es nicht wie er an einem Orte aushalten muss, der so wenig Anziehendes bietet. Wo die Natur einmal unüberhörbar spricht, stören ihn die Menschen, die dort auftauchen. Am wenigsten stört ihn in Minsk der Sterbende, der sich betrachten lässt, ohne ihn wahrzunehmen.

Natürlich trifft diese Charakterisierung nicht jedes Kapitel. Gerade in Tonga, wo er die "Klaustrophobie der Weite" und sich "eingepfercht in dieser Weite" fühlt, beweist er bemerkenswerte Einfühlung in das völlig Fremde. Und in Kinshasa ist sein Überleben so offenkundig von der Willkür des Übergangspräsidenten Kabila und der Aura von Papa Wemba abhängig, dass er nicht umhin kann, ihre Rolle in diesem Lande genau in den Blick zu nehmen. 

Beim "Opiumessen" und in Orvieto (Signorelli [S.490ff.], Bernadette [479ff.]) wollte ich zwar auch nicht dabei sein. Dort kommt er mir aber als Experimentierender Erfahrungssucher in seinem Element  vor.

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - God's Window

God's Window 
Letzter Vorhang 
"[...] Irgendwo vor Kapstadt weicht Afrika zurück und wird Allerweltsland, adrett und appetitlich, mit Straßenkeh rern und Weinfarmen, Freizeitvergnügen und Golfplät zen. Aus diesem Schweizer Ambiente erhebt sich Kap stadt mit seinen »Served Apartments« und »Guarded Communities« [...]. Von Kapstadt aus betrachtet, liegt Afrika so fern wie Indien. » (S.86)  [...] Pilates-Turnerinnen rumpfbeugen sich auf der Wiese [...] Die Weißen kultivieren jetzt defensives Sonnenba den, so geschützt wie dosiert. Die Sonne ist feindlicher und der Mensch pragmatischer geworden [...] Auf älteren Fotos dagegen räkeln sich die Menschen noch einladend ins Licht, ja, ihre Hingabe hat etwas so Obszönes, als wollten sie von der Sonne regelrecht »ge nommen« werden. So lustvoll war das in den alten Zei ten des Sonnenbadens. Dieses Beinespreizen, Alle-Viere von-sich-strecken, diese Willenlosigkeit! Junge Menschen drücken vor der Sonne noch immer Bereitwilligkeit aus, einen verschwenderischen Umgang mit ihrer Nacktheit, die Alten dagegen kauern sich heute nur noch gebückt und vom Licht abgewandt. (S.87)
[Willemsen versucht, das Kap zu erreichen, aber das Gatter ist verschlossen.]
Am Ende blieb dies Ende der Welt geschlossen. Doch von einem günstigen Blickpunkt aus, von einer Biegung der Straße Richtung Westen, sahen wir die ominöse Kuppe liegen. Sie hatte nichts von dem Kontinent, der hier auslief, nein, sie war eine Irgendwie-Kuppe auf einem Irgendwo-Hügel, eine einzige Verweigerung, Bel vedere und Bellavista, Land's End und Finistere zu sein. So ersparten wir uns die Verlegenheit der Touristen vor der Aussicht. (S.94)
W. über das Kennzeichen einer eindrucksvolle Aussicht: "der Besucher verlangsamt, hält inne und ernährt sich vom Blick. Die Aussicht sagt ihm, dass er die richtige Höhe, den passenden Einfallswinkel gefunden hat, und dass »der große Derdiedas« seine Hand eben erst aus der Natur gezogen hat. Sein Atem geht noch darüber. Eine Aussicht ist immer dann schön, wenn der Betrachter vor ihr klein wird. Dann ist sie erhaben, denn er selbst ist bloß eine Bagatelle." (S.95)
"An den offensichtlichen Enden der Welt liegt oft Niemandsland, besetzt mit Buden. [...] »Ich bringe dich an einen Ort, wo die Welt wirklich zu Ende ist«, sagt Pierre. »Er heißt God's Window [...]" (S.96) 
"»God's Window« ist ein Balkon über einer rasant abfal lenden Schlucht, etwa tausend Meter tief, geformt aus glänzenden Felswänden, von Flechten und Ranken be wachsen, vom fallenden Quellwasser bespült, von zir penden Grillen und schreienden Vögeln beschallt. Eine Schlucht, deren Flanken aufeinander zu streben, als wolle sich ein felsiger Vorhang schließen über dem Blick in die Tiefe, über die Wälder und Ströme, über den Weitblick nach Mosambik." (S.98)
" Ja, hier spielt das Drama einer Landschaft, der der Mensch bloß zugestoßen ist." (S.99)

12 November 2018

Jean Paul: Siebenkäs - Vorrede

Vorrede zum zweiten, dritten und vierten Bändchen
[143] "Es hat mich oft verdrüßlich gemacht, daß ich jeder Vorrede, die ich schreibe, ein Buch anhängen muß als Allonge eines Wechselbriefes, als Beilage sub litt. A-Z. Andern privatisierenden Gelehrten werden schon ganze Bücher fertig und lebendig aus der Wiege zugeschickt, und sie brauchen nichts daran zu hängen als das goldene Stirnblatt der Vorrede und nichts mehr an der Sonne zu machen als die Aurora. Aber mich hat noch kein einziger Autor um eine Vorerinnerung ersucht, ob ich gleich schon seit einigen Jahren mehre Vorreden im voraus verfasse und auf den Kauf ausarbeite, worin ich künftige Werke nach Vermögen erhebe. Ja, ein ganzes Münzkabinett von solchen Preismedaillen und Huldigungmünzen, die ich für fremde Verdienste mit den besten Rändelmaschinen ausprägte, steht mir immer vor Augen und läuft täglich höher an; daher schlag' ich das Kabinett am Ende – es ist kaum anders zu machen – im ganzen los und gebe ein Buch voll bloßer präexistierender Vorreden – zu gedenklichen Werken – heraus.
Gleichwohl will man noch bis zur Ostermesse die Vorberichte einzeln abstehen; und Schriftsteller, die sich am ersten melden, können sich, da man ihnen den ganzen präludierenden Faszikel zuschickt, die Vorerinnerung ausklauben, in der ich, wie sie glauben, ein Buch am meisten lobe. Nachher aber, bei der Herausgabe der Vor- oder Lobreden im ganzen, die ich mit dem Meßkatalog durchschießen lasse, werden bloß die Gelehrten auf einmal in corpore, in coro verherrlicht, und ich biete sozusagen – wie 1775, die Königin Kaiserin der ganzen Wiener Kaufmannschaft – der ganzen Gelehrtenrepublik in Pausch und Bogen den Adel an; wiewohl ich an den armen Rezensenten, die sich das ganze Jahr an Tempeln des Ruhms und an Ehrenbogen krumm und arm mauern und leimen, die betrübten Belege vor[143] mir habe, daß weniger dabei herauskommt, wenn man die gelehrte Republik in sechs Folianten erhebt, als wenn man mit Sannazaro die venezianische in ebenso vielen Zeilen rühmt, deren jede ein Schenkbrief von 100 Fünftalerstücken für den Dichter ward.
Zur Probe will ich eine von jenen Vorreden in diese einschichten und mich stellen, als hätte mit ihr der berühmte Verfasser mein Buch auf Ersuchen versehen, welches noch dazu auch wirklich so ist. Ich lasse leicht mein Wesen oder Substratum in zwei Personen zerfallen, in den Blumenmaler und in den Vorberichtmacher. Ich les' aber mit Fleiß – denn ganz ohne Bescheidenheit kann keiner leben – für mich die allerelendeste Vorerinnerung aus, in der wahrhaftig mäßig genug gepriesen wird, und die den Autor des nachstehenden Werks mehr auf einen Leichen- als Triumphwagen hinaufhebt, den noch dazu nichts zieht; die andern Vorreden hingegen schirren die Nachwelt an, diese und die Lesewelt werden darin vor den Himmel- und Eliaswagen der Unsterblichkeit eingespannt und fahren die Verfasser...."
(Jean Paul: Siebenkäs 2. Bändchen, Vorrede ...)

05 November 2018

Wachstum einer Stadt und Eingemeindungen

"Denn eine Hauptstadt von 2¼ Stunde in Umfang ist gleichsam ein Ätnas-Kessel von gleichem Umkreise für ein ganzes Land und hilft der Nachbarschaft nicht bloß, wie der Vulkan, durch ihre Auswürfe, sondern durch ihre Einfüllungen (Repletionen) auf; sie säubert mit Erfolg das Land von Dörfern und später von Landstädten – diesen ursprünglichen Wirtschaftgebäuden der Residenzen –, indem sie von Jahr zu Jahr immer mehr auseinanderrückt und sich so mit den Dörfern vermauert und verwächst und umrankt. Man weiß, daß London schon die nächsten Dörfer in seine Gassen verwandelt hat; aber nach Jahrhunderten müssen die länger und auseinander wachsenden Arme jeder großen Stadt nicht bloß die Dorfschaften, sondern auch die Landstädte ergreifen und zu Vorstädten erheben. Dadurch werden nun die Steige und Felder und Wiesen, die zwischen der Riesenstadt und den Dörfern lagen, wie das Bette eines Flusses überdeckt mit einem Steinpflaster, und der Ackerbau kann folglich nur noch in – Blumenscherben am Fenster blühen. Ohne Ackerbau seh' ich nicht, was Ackerbauleute anders sein können als Tagediebe, die kein Staat duldet; da man aber einen Fehler besser verhütet als bestraft, so muß der gute Staat solches Landvolk, noch ehe dasselbe zu Tagedieben geworden, wegräumen, es sei durch wirksame Inhibitoriales der Bevölkerung oder durch dessen Abraupen oder durch Veredlung in Soldaten und Bedienten. In der Tat würden in einem Dorfe, das ein eingefügter Zwickstein einer Stadt, eine eingereifte Faß-Daube des Heidelberger Residenzfasses geworden wäre, noch übrig gebliebne Bauern ebenso lächerlich als müßig sein: die Korallengehäuse der Dörfer müssen gleichsam ausgeleert sein, ehe sie das zusammengetürmte Riff oder Eiland einer Stadt erbauen."
(Jean Paul: Siebenkäs. 2. Kapitel)

Zwei ungewöhnliche Freunde: Siebenkäs und Leibgeber

"Fragt nicht sehr, warum beide sich mit einander verbrüderten; die Liebe braucht gar keine Erklärung, nur der Haß. Aller Ursprung des Besten, vom All an bis zu Gott hinauf, bedeckt sich mit einer Nacht voll zu ferner Sterne. Beide sahen in der grünglänzenden Saftzeit der akademischen Jugend zuerst einander durch die Brust ins Herz, aber mit den ungleichnamigen Polen zogen sie sich an. Siebenkäs erfreuete sich vorzüglich an Leibgebers harter Kräftigkeit, ja sogar Zornfähigkeit, an dessen Flug und Lachen über jeden vornehmen, jeden empfindsamen, ja jeden gelehrten Schein; denn er legte ein Ei seiner Tat oder seines tiefen Worts, wie der Kuntur das seinige, ohne Nest auf den nackten Felsen und lebte am liebsten ungenannt, daher er immer einen andern Namen annahm. Der Armenadvokat pflegte ihm deshalb, um sein Ärgern darüber zu genießen, mehr als über zehnmal zwei Anekdoten zu erzählen. Die erste war, daß ein deutscher Professor in Dorpat in einer Lobrede auf den damaligen Großfürsten Alexander plötzlich sich selber eingehemmt und still geschwiegen und lange auf die Büste desselben hingeblickt und endlich gesprochen: »Das verstummende Herz hat gesprochen.« Die zweite war, daß Klopstock die Prachtausgabe seines Messias an die Schulpforte abgeschickt mit dem Wunsche, der würdigste Schulpförtner [Fußnote: Deutscher Merkur von 1809. ] möge auf das Grab seines Lehrers Stübel Lenzblumen streuen, dabei des Gebers Namen Klopstock leise nennen; – worauf Siebenkäs, wenn Leibgeber etwas auffuhr, noch damit fortfuhr, daß der Sänger vier neue Pförtner, jeden zu drei Vorlesungen aus seiner Messiade, aufgerufen und jedem dafür eine goldene Medaille zugesagt, die ein Freund hergebe; und jetzo endlich harrte er auf Leibgebers Sprudeln und Stampfen über einen, der (leibgeberisch zu sprechen) sich selber als sein eigenes Reliquiarium voll heiliger Knochen und Glieder anbetet. Leibgeber hingegen – fast den Morlacken ähnlich, welche nach Towinson und Fortis auf der einen Seite für Rache und Heiligung einen Namen (osveta) haben und auf der andern sich am Altare zu Freunden trauen und einsegnen lassen – hatte seine vorzügliche Freude und Liebe an der Diamantnadel, welche in seinem satirischen Milchbruder Poesie und Milde zugleich mit einem welttrotzenden Stoizismus ineinandersteckte. Und endlich erlebten beide täglich aneinander die Freude, daß jeder den andern ungewöhnlich verstand, wenn er Scherz, ja sogar wenn er Ernst machte. Aber solche Freunde findet nicht jeder Freund." 
(Jean Paul: Siebenkäs, Zweites Kapitel)

Der erste Kuss des Brautpaars

"Der Neuvermählte hatte noch nie seine Braut geküßt. Er wußte oder glaubte, sein Gesicht sei mehr geistreich, angespannt, eckig und scharf als glatt-schön; und da er noch dazu seine Gestalt immer selber lächerlich machte: so meinte er, sie komme auch andern so vor. Daher bracht' er, der sich sonst über die Augen und Zungen einer ganzen Gasse wegsetzte, doch nicht so viel Mut zusammen, um, außer den Zeiten der freundschaftlichen Dithyramben, nur seinen – Leibgeber zu küssen, geschweige seine Lenette. Er drückte ihre Hand jetzo heftiger und wandte kühn sein Gesicht gegen ihres, zumal da er nichts sehen konnte, und wünschte, die Treppe habe so viel Staffeln wie der Münsterturm, damit Leibgeber später mit dem Lichte erschiene. Auf einmal hüpfte ein gleitender bebender Kuß über seinen Mund und – nun schlugen alle Flammen seiner Liebe aus der weggewehten Asche auf. Denn Lenette, so unschuldig wie ein Kind, glaubte, es sei die Pflicht der Braut, diesen Kuß zu geben. Er umfaßte die zagende Geberin mit aufmerksamer schüchterner Kühnheit und glühte mit allem Feuer, das ihm Liebe, Wein und Freude gaben, auf ihren Lippen mit seinen; aber sie wandte – so sonderbar ist dieses Geschlecht – den gefesselten Mund von dem brennenden ab und kehrte den beglückten Lippen wieder die Wangen zu. – – Und hier blieb der bescheidene Gatte mit einem langen Kusse ruhen und drückte seine Wonne bloß durch unaussprechlich- süße Tränen aus, die wie glimmende Naphthatropfen auf Lenettens Wangen fielen und darauf in ihr zitterndes Herz. Sie lehnte das Angesicht immer weiter zurück; aber im schönen Staunen über seine Liebe zog sie ihn doch enger an sich. – –"
(Jean Paul: Siebenkäs, 1. Kapitel)

02 November 2018

Marah Durimeh im Reich des silbernen Löwen

Mara Durimeh im Karl-May-Wiki

Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen II:
"Nie vorher im Leben und auch nicht nachher habe ich eine Person gefunden, welche mir so ehrwürdig, beinahe möchte ich sagen, so heilig erschienen wäre wie diese mit ihrem Geiste schon mehr im jenseits als im Diesseits weilende Greisin. Nur ihre wohlthätige Menschenliebe, ihre segenspendende Barmherzigkeit gehörte noch der Erde an, sonst aber zählte sie zu denen, welche hinübergegangen sind nach den »Wohnungen in meines Vaters Hause«, von denen Christus spricht. Ich hatte damals für dieses Leben von ihr Abschied genommen, doch lebte sie so ethisch rein, so geistig klar und hoch, wie ich sie kennen gelernt hatte, in meinem Herzen fort. Und nun schien es, als ob ich sie gegen alles Erwarten jetzt wiedersehen sollte! Aber war sie es denn wirklich, war es keine andere? Adsy hatte von einer uralten Frau gesprochen, deren Jahre man gar nicht zählen könne. Das stimmte. Auch seine übrigen Bemerkungen konnten sich eher auf sie als auf eine andere, uns noch unbekannte greise Frau beziehen, obgleich das Wort es Sahira, die Zauberin, nicht auf Marah Durimeh paßte. Doch war diese Bezeichnung wohl nur die Folge des niedrigen Standpunktes, von welchem aus sie von den Kurden betrachtet und beurteilt wurde. Ihnen kam das ganze Wesen und Thun der Alten fremd und unbegreiflich vor, und was dem Naturmenschen unbegreiflich erscheint, das pflegt er am liebsten mit dem Begriffe der Zauberei zu erledigen. Es war ja, wie ich schon zu Halef gesagt hatte, möglich, daß wir diese Zauberin noch nie gesehen hatten, aber es lag nicht nur eine Ahnung, sondern wie eine Überzeugung in mir, daß uns diese Begegnung mit unserm »Geist der Höhle« zusammenführen werde. Bei diesem Gedanken stiegen die damaligen Erlebnisse wieder in mir auf, jene Kämpfe bei den Teufelsanbetern und bei den muhammedanischen und christlichen Anwohnern des Zabflusses, besonders mein Aufstieg nach der geheimnisvollen Höhle des Ruh 'i Kulian und mein mehrmaliges Gespräch mit diesem Geiste. Es fielen mir die Worte des Melek ein: »Sie wird dich morgen nach der Zeit des Mittages in meinem Hause besuchen, denn sie hat dich lieb, als ob du ihr Sohn oder ihr Enkel seist.« Und dann, als sie am andern Tage mit mir in ungestörter, weihevoller Einsamkeit oben am Berge saß, erklang es aus ihrem Munde: »Herr, blicke auf, dahin zwischen Süd und Ost! Diese Sonne bringt Frühling und Herbst, bringt Sommer und Winter; ihre Jahre sind mehr als hundertmal über mein Haupt gegangen. Siehe dieses Haupt an! Es hat nicht mehr das Grau des Alters, sondern das Weiß des Todes. Ich sagte dir bereits in Amadijah, daß ich nicht mehr lebe, und ich habe die Wahrheit gesprochen; ich bin ein – – Geist, der Ruh 'i Kulian.« Sie hielt inne. Ihre Stimme klang dumpf und hohl, wie wirklich aus dem Grabe heraus; aber sie vibrierte doch wie unter der Regung eines lebendigen Herzens, und die Augen, welche auf das Gestirn des Tages gerichtet waren, zeigten einen feuchten Glanz tiefer, seelischer Rührung. [...]
Die alte Marah Durimeh und der Ruh 'i Kulian sind dir ein Rätsel gewesen; sind sie es dir auch jetzt noch, mein Sohn? Oder beginnst du, mich zu begreifen?« Ja, ich begann damals, sie zu verstehen, und je länger ich an sie dachte, desto mehr wurde mir ihr Wesen und ihr Wollen klar. Sie war eine in menschlicher Gestalt wirkende Hand Gottes, welche sich in überquellender, erbarmender Liebe ausstreckt, die Irrenden zurechtzuweisen und die Abgefallenen zurückzuführen zum Heile, welches allen Menschen und nicht etwa nur wenigen Auserwählten beschieden ist. Indem sie nicht mehr der Erde angehörte, gehörte sie in ihrer reichen Liebe der ganzen Menschheit an! [...]
Ich hörte Marah Durimeh noch damals zum Abschiede sagen: »Mein Sohn, wenn du dieses Thal verlassen hast, so wird mein Auge dich nie wiedersehen, aber der Ruh 'i Kulian wird für dich beten und dich segnen, bis diese seine Augen, welche du jetzt offen siehst, sich für hier geschlossen haben!« Indem ich in meinem Innern diese Worte hörte, breitete sie die Hände segnend über mich aus; ein wonniges Gefühl des Glückes, des Friedens zog in mir ein; ich schloß die Augen zum Schlafe und wurde unendlichen, lichten Fernen entgegengetragen, die nur der Traum, nicht aber das wachende Auge kennt. [...]"

29 Oktober 2018

Karl May: Über den Sinn seines Schreibens

"Wenn schon bei mündlichen Erzählungen Wiederholungen dehnend oder gar störend wirken, so muß man von dem Verfasser einer schriftlichen Erzählung erst recht verlangen, daß er das, was er schon einmal ausgesprochen hat, nicht wieder sage. Wenn aber ein Autor Zwecke verfolgt, wie die meinigen sind, Zwecke, welche sich auf den Glauben an Gott, auf den Sinn für alles Gute, Schöne und Edle beziehen, so giebt es für ihn Gedanken und Betrachtungen, die er – es sei mir ein landläufiger Ausdruck erlaubt – nicht oft genug wiederholen kann. Eine dieser meiner zuweilen wiederkehrenden Betrachtungen ist die, daß die Ereignisse nicht nur des Völkerlebens, sondern auch im Leben des Einzelmenschen unter einander in einem Zusammenhange stehen, welcher sich dem ungeübten Auge zwar oft entzieht, aber trotzdem vorhanden ist und grad dann, wenn man es am wenigsten erwartet hat, zur Offenbarung kommt. Wie die nach irdischen Begriffen fast endlos weit von einander entfernten Sterne des Firmamentes durch ewige Gesetze zusammengehalten werden, so sind auch die Handlungen des Menschen und die Ereignisse seines Lebens, mögen sie noch so entfernten Zeitpunkten angehören, doch so eng mit einander verbunden, daß nicht gar selten in einem Vorgange des Greisenalters die Folge einer That der doch schon längst vergangenen Jugendzeit zu erkennen ist. Es giebt im innern und äußern Leben des Menschen nichts, was man als vollständig und für immer abgeschlossen bezeichnen darf, vielmehr ist alles, was geschieht, die Frucht eines vergangenen Tages, welche den Kern zur Weiterentwicklung ihrer Art in sich trägt. Ihrer Art! Ich sage das mit Vorbedacht, denn eine gute That kann nur Gutes und eine böse nur Böses gebären. Das ist ein ewiges und unerschütterliches Gesetz, an dem man zwar deuteln mag, ohne es aber ändern zu können. Wie häufig kommt es vor, daß ein ganz guter, herzensbraver Mensch ganz plötzlich die Konsequenzen einer That über sich hereinbrechen sieht, die, damals bereut und seitdem längst vergessen, Jahrzehnte weit hinter ihm zu liegen schien, ihn aber doch bis heut begleitete! Und ebenso ist es zu erleben, daß die Ausführung einer freundlichen Eingebung, an die kein Mensch mehr zu denken schien, völlig unerwartet nach langen Jahren Lohn und Segen bringt!
[...]
Man hört so häufig sagen, daß das Schicksal den Gerechten leiden, den Ungerechten aber fröhlich leben lasse. Könnten die, welche dies behaupten, doch diesen Ungerechten sehen, wenn er sich unbeobachtet glaubt! Und könnten sie sich an der stillen, frohen Hoffnung dieses Gerechten erbauen! Das Schicksal?! Wie ungern höre, spreche und schreibe ich dieses Wort! Wenn wir unter dem Schicksale das Ergebnis von Ursachen verstehen, die nicht von der Macht des Menschen abhängen, so besitzt er doch so viel geistige Freiheit und Selbstbestimmung, daß er gar wohl befähigt ist, in dieses ihm von der Natur und den Verhältnissen vorgeschriebene Schicksal umgestaltend und bessernd einzugreifen und sich also als Herr desselben zu zeigen. Und wenn dazu die Überzeugung kommt, daß das irdische Leben nur die Vorstufe eines höhern Daseins ist, für welches diese Ursachen und ihre Wirkungen zu überwinden, zu besiegen sind, so ist es nicht eine Last, sondern eine Freude, den Kampf mit ihnen aufzunehmen, und mit unfehlbarer Sicherheit stellt sich die Erkenntnis ein, daß wir nicht Sklaven, sondern Meister des sogenannten Schicksals sind. Nur dürfen wir uns nicht von ihm wie auf einem ruder- und steuerlosen Floße treiben lassen, sondern müssen die Augen offen halten, um unsere Thaten in uns entstehen zu sehen und ihnen nach außen hin Kraft, Gestalt und Richtung geben zu können. Dann werden wir die Genugthuung haben, nicht nur den äußern Verlauf unsers Lebens in der Hand zu halten, sondern auch die enge Beziehung seiner Einzelheiten untereinander zu erkennen und sogar bestimmend in das Dasein anderer, willensschwächerer Menschen einzugreifen. Sein Schicksal selbst zu lenken und mit demselben auf dasjenige anderer einzuwirken, ist so schwer, wenn man den Blick dabei nicht nach dem jenseits richtet, und doch so leicht, wenn man sich nur nach dem einen, einzigen Gesetze richtet, welches die Welt, die Erde, den Menschen und das für uns unsichtbare Stäubchen regiert – die Liebe!"
(Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen II, Kapitel 6)

Seit  Karl May in seine Texte in einem katholischen Verlag veröffentlichte, bemühte er sich um ein christliches Image. So finden sich in seinem Werk schon relativ früh Hinweise auf Bekehrungsversuche (seiner fiktiven Ichs an fiktiven Figuren seiner Romane wie z.B. Hadschi Halef Omar) und moralische Betrachtungen wie diese.