14 Oktober 2018

Lieblingsbücher

Aus dem Stand könnte ich sicher nicht einmal 5 der 10 Lieblingsbücher meines Lebens nennen.
Angestoßen von Martin Lindner habe ich aber darüber nachgedacht.
Erstes Ergebnis war ein Foto, auf dem einige der Bücher zu sehen sind, die ich sehr schätze. Ein Zufallsergebnis, weil aus dem Augenblick heraus aus dem Bücherregal herausgesucht.
Aus der Kinderzeit kann ich freilich welche benennen, die mich immer noch nostalgisch berühren:
Hans Friedrich Blunck: Deutsche Heldensagen
Felix Dahn: Kampf um Rom
Aus der Jugendzeit zwei, die ich noch heute für wichtige Bildungserlebnisse halte:
Anne Frank: Das Tagebuch
Thomas Mann: Die Buddenbrooks
Aus dem Erwachsenenalter drei Autoren:
Theodor Fontane
Jane Austen
Günter de Bruyn

Natürlich sind Goethe, Schiller, Kafka, Brecht mir wichtig geworden. Das ist aber eine Selbstverständlichkeit. Böll und Grass, eine Banalität. Aussagekräftiger wäre: Frisch mehr als Dürrematt, Johnson wichtiger als Walser. Origineller: Stifters Nachsommer wurde mir vom nervtötenden gestelzten Langweiler zum wertgeschätzten manieristisch beruhigend langweiligen Buch zum Einschlafen.
Weil vielleicht etwas ausgefallen setze ich Wolfgang Büscher: Von Berlin nach Moskau hinzu und vor allem Flora Thompson: Lark Rise to Candleford.

11 Oktober 2018

Felix Dahn: Meine welschen Erben

Der Vater meiner Mutter war Franzose: Monsieur le Gay hieß er und war Kapellmeister am Hofe des Königs Jerome zu Kassel: mit dessen Sturz verlor er seine Stellung: sonst weiß ich nichts von ihm und gar nichts von seinen Vorfahren. Ich habe aber oft in meinem langen Leben den Einfluß jener Tropfen – 25 vom Hundert – romanischen, französischen – Blutes auf meine Gedanken und Gefühle, zumal auf die Art ihrer Äußerung, zu verspüren geglaubt. Und gar manche Nacht hab' ich mich vor dem Einschlafen mit den Vorstellungen beschäftigt, was wohl alles diese meine welschen Ahnen in Gallien und anderwärts mochten erlebt, was sie an guten oder auch schlimmen Anlagen und Neigungen seit etwa zwei Jahrtausenden auf mich möchten vererbt haben. Schlief ich dann unter solchen Phantasien ein, so pflanzten sie sich oft in meine Träume fort, nicht ohne Einwirkung meiner jeweiligen geschichtlichen Forschungen und meiner Dichtungen. Einiges von diesen Träumen über jene Ahnen im schönen Westland und aus seiner reichen Geschichte will ich hier erzählen.

Im Jahre 58 vor Christus diente in der zehnten Legion unter dem Prokonsul Cajus Julius Cäsar in Gallien der Centurio Marcus Manlius Gaudiosus: sein Geschlecht stammte aus den Bergen der Samniten. Als die meisten im römischen Lager vor den Germanen Ariovists bangten – die oft von ihm geschlagenen Gallier hatten sie ins Ungeheure ausgemalt! – erklärte der Feldherr, er werde mit der zehnten Legion allein zum Angriff ziehen. Das half: alle folgten. [...]
Weder Trägheit noch Vergeudung eigneten dem Ahnherrn und den Folgern: so erwarb der Enkel schon durch den Gewinn aus dem eifrig gepflegten Rebgarten auch in der Stadt Arles ein kleines Haus und ward Bürger dieser Civitas. In der Folgezeit schlossen die römisch-keltischen Mischlinge auch wohl wieder mit Keltinnen Ehebündnisse, aber doch viel häufiger mit römischen Provinzialinnen: und die Kelten in jener Südlandschaft wurden ja selbst immer mehr romanisiert: – so blieb das Römische in dem Geschlecht weit überwiegend. Auch die römische Gesinnung: als während des Bürgerkriegs zwischen Otho, Vitellius und Vespasian im Jahre 69 bei der Erhebung der (germanischen) Bataver gegen Rom ein großer Teil der keltischen Gallier sich ebenfalls gegen die römische Herrschaft empörte mit lärmenden, großsprecherischen, theatralischen Veranstaltungen und als die Rebellen in der »Campania« vor den Toren von Arles Publius Gaudentius aus seinem Garten, in dem er friedlich die Wildlinge der Obstbäume veredelte, hinweg mit zum Aufstand fortreißen wollten, schüttelte er den grauen Kopf und sprach: »Ich bin Römer, und ihr seid gallische Komödianten. Weh euch, ertönt hier wieder die Tuba der Legionen.« Sie schlugen ihn tot auf dem Fleck, aber bald darauf war das prahlerische »Großreich Gallien« in Schaum zerstoben. [...]
Jedoch nicht nur am römischen Staat, auch an den römischen Göttern hielten sie treu, die Gaudiosi. Als unter Constantius, dem Sohne Constantins, die Tempel geschlossen und die Opfer verboten wurden, wie im ganzen Reich so in Gallien, geriet Felix Gaudiosus in Verdacht bei dem Archipresbyter von Arles: dessen Späher überraschten ihn wie er in seinem schönen Reb- und Olivengarten am Rhodanus dem Genius Loci ein Rauchopfer darbrachte: einer der Kirchendiener sprang hinzu und stieß die Räucherschale in das Feuer: Felix schlug ihn nieder mit der Faust. [...]
Der jüngere seiner Söhne, Secundus, erregte Merksamkeit und Beifall des gefeierten Dichters Ausonius, der ebenfalls Weingüter bei Arles eignete: der reiche, vornehme Herr hörte den Nachbarsohn durch die Olivenhecke, welche die Güter schied, hindurch, seine noch gar jugendlichen Hexameter laut deklamieren: die zweifellose Formbegabung zog den fachkundigen Gönner an: er lud den fast noch knabenhaften Braungelockten ein, ihm zu folgen, in seiner Nähe zu lernen: »zumal zu leben«, meinte er: »die Daktylen und Spondeen fließen ja schon ganz fehlerlos. Aber der Inhalt! Hier unter seinen Reben, Mandeln und Oliven erlebt der Junge nichts, Matrona Constantina: gebt ihn mir, bei mir in meinem schönen Hause zu Bordeaux, unter meinen Freunden, den Rhetoren und Philosophen, wird er allerlei Inhalt in sich aufnehmen.« Aber in Bordeaux erlebte der Jüngling auch in den nächsten zwei Jahren nichts: ganz wo anders im dritten Jahr: – in Alamannien, am Bodensee. Da fingen die Römer eines Morgens, dicht beim trauten Friedrichshafen, das aber damals noch nicht stand, ein ganz junges Ding: schöne rote Haare hatte es, war gar trutzig und schnappig und hieß Bissula, das will sagen »die Kleine«. In dieses anmutige Hexlein verliebte sich der ganze Generalstab des kaiserlichen Heeres: – die niederen »Chargen« nicht gerechnet. Vor allem Ausonius, der alte Herr, auf dessen Beuteteil sie – zu ihrem Glück – gefallen war. Aber noch viel heftiger jung Secundus. Der Alte machte viele Verse auf das Schwabenkind: sie sind erhalten: viel schönere auf sie machte Secundus, – jetzt hatten die glatten Rhythmen »Inhalt« gewonnen – er ward an ihr wirklich zum Poeten: leider sind seine nicht erhalten. Am Ende sah der grauhaarige Ausonius ein, daß er für das Kind doch zu »väterlich« sei und da er in einem jungen alamannischen Helden ihren – mehr angemessenen – Schatz entdeckte, gab er sie ihm großherzig frei. Das ging Secundus nah, sehr nah. Natürlich hatte das Mädel längst entdeckt, wie es um ihn stand. Da er aber nie zudringlich oder derb wurde, wie wohl die andre römische Jugend im Lager, die Gefangene vielmehr gelegentlich gegen plumpe Scherze schützte, und auch nicht gerade garstig war, ist sie ihm recht gut geworden. So sprach sie vor der Trennung, als sie allein mit ihm im Zelte des Ausonius war: »Secunduslein, bist kein übler Bub. Nun leb wohl. Da hast du was zum Dank und Abschied.« Erglühend spitzte er den kleinen Mund. Aber sie gab ihm einen Nasenstüber und hüpfte lachend aus dem Zelt. Von diesem Nasenstüber mußte nun der Arme leben und dichten! War doch wohl zu wenig Inhalt: drum ist er auch kein Klassiker worden. [...]
Da der ältere Bruder kinderlos starb, ward dieser Secundus der Stammhalter der Familie. Sein Sohn Magnus geriet in die stürmischen Zeiten, die zu Anfang des V. Jahrhunderts gerade Südgallien besonders heimsuchten: auch über das Stadthaus der Gaudiosi zu Arles und die kleine Villa vor den Toren brausten sie wild dahin. Wiederholt erhoben sich Anmaßer, empörte Feldherren, gegen Kaiser Honorius und bekämpften sich untereinander, wie den Imperator: Arles ward von den Kaiserlichen verloren und von hunnischen Söldnern des Anmaßers Jovinus erobert. Da wirkte es wie eine Wohltat, als in diesen Landen die gefürchteten »Barbaren«, die Westgoten, erschienen, welche ihr jugendlicher und schöner König Ataulf aus Italien nach Gallien geführt hatte, dort endlich die lang gesuchte ruhige Heimat – eine › quieta patria ‹ – zu finden. Der König war damals – nicht gar lange sollte es währen! – Verbündeter des Imperators und suchte die Stadt für diesen wieder zu erobern. [...]
Und der König versprach nun, in allen Stücken zu tun, wie ihm Magnus raten werde. Am selben Tage noch hoben die Goten die Belagerung auf, brachen ihre Zelte ab und zogen gegen Westen, gegen die Pyrenäen zu: denn sie hatten, so hieß es, vom Kaiser statt Galliens Spanien erhalten: bald waren ihre letzten Reiter in dem nahen Pinienwald verschwunden. Die Hunnen in der Stadt freuten sich gar sehr, denn Hunger und Durst hatten sich längst bei ihnen eingestellt: aber vorsichtig unterließen sie es, die fest geschlossenen Tore zu öffnen und etwa den Weichenden zu folgen, deren Übermacht sie im offenen Felde nicht gewachsen waren: auch um zu plündern wagten sie sich nicht aus den Toren: sie befahlen nur durch ein paar Herolde den Villenbesitzern, Bauern und Winzern vor den Toren, vor allem Wein, dann aber auch andre Lebensmittel in Menge auf Wagen in die Stadt zu schaffen unter Bedrohung mit grausamen Todesstrafen. Seufzend, aber gehorsam übernahm Magnus die Lieferung für alle Villen und Güter auf der Westseite der Stadt und so fuhren denn am folgenden Morgen an zwanzig Wagen an, jeder mit vielen Rindern bespannt und schwer mit Wein-Schläuchen und Mehlsäcken beladen, zum Schutz gegen den Regen mit Lederhäuten überspannt. Vor dem Westtor angelangt machten die Fuhrleute Halt und riefen unter Peitschenknallen die Hunnen herbei. Gierig, zungenschnalzend begrüßten die Ausgehungerten und Durstenden den Anblick, eilfertig liefen sie an das Tor, öffneten und ließen die vordersten Wagen ein: Magnus blieb im Tore stehen und zählte: vier Gefährte waren herein: da blieb das fünfte – schwerste, so schien es – im Tore stecken: vergeblich suchte Magnus, es vor- oder rückwärts schieben zu lassen: weit sperrte es die beiden Torflügel auseinander: »Da muß man abpacken!« rief Magnus und schlug zweimal in die Hände: sieh, da sprangen auf den Wagen unter den Decken hervor waffenklirrende Männer, dann herab von den Wagen und schwerterschwingend unter die überraschten Mongolen: die flohen nach kurzem Widerstand: denn immer mehr gotische Helme entpuppten sich aus den Schläuchen und Säcken: die Erschrockenen flohen zum Osttor hinaus, während von dem Pinienwalde her der König die Hauptmacht zurück und in die Stadt führte. Er nahm für die Nacht mit Placidia Quartier in dem Stadthaus der Gaudiosi. Am andern Morgen, als Magnus vor dem Paare stand, sprach die Königin: »Übel haben sie gehaust, die Barbaren, hier in diesem Speisesaal und da hinten im Cubiculum. Der Herr König wird dir das Geld geben zur Herstellung. Aber ein leeres Haus gedeiht nicht: es will in Ordnung gehalten sein: es bedarf der Hausfrau und diese schenkt dir Placidia.« Und griff hinter den Vorhang und führte hervor ein gar holdes blondes Mädchen: das errötete über und über – aber Magnus kaum weniger. »Ihr habt mich nicht vermerkt,« lächelte Placidia, »all diese Wochen, wann ihr hinter der dichten Myrtenhecke plaudertet: – plaudertet! Meine Adalgotho! mehr hab' ich ja nicht gesagt! – ich aber sah hinter dem Vorhang der Loggia hervor auf euch herab. Möge die Ehe des Römers mit der Gotin so gut ausfallen wie die des Gotenkönigs mit der Römerin!«
Und so geschah's, daß auch gotisch Blut überging in das Mischgeschlecht der Gaudiosi  [...]

Vierzig Jahre später war's: drei Sohne waren Magnus nachgefolgt: Aulus, Cajus, Lucius: dieser letzte, noch ein Kind, blieb in der Obhut der Mutter zu Arles, während die beiden älteren von Aëtius zu dem Heer aufgeboten wurden, das neben den Westgoten dem furchtbaren Attila entgegenzog, dessen Scharen bereits den ganzen Nordosten von Gallien überflutet hatten: die rauchenden Trümmer von Metz, Reims, Châlons und Sens bezeichneten seinen Weg: im Mai langte er vor der starken Festung Orleans an: er verlangte die sofortige Übergabe, sonst werde nach dem Sturm alles Leben in der Stadt ausgetilgt. Aber die Verteidigung leitete der ausgezeichnete Bischof Anian: er war von Arles zurück, wo er sich von Aëtius auf die Reliquien und von dem Westgotenkonig Theoderich auf das Schwert hatte eiden lassen, allerspätestens am Tage Johannis des Täufers – dem 24. Juni – würden sie mit ihren Heeren zum Entsatz von Orleans eintreffen. Mit diesem Versprechen hielt der Bischof immer wieder den Mut der hart bedrängten Verteidiger aufrecht, unter denen nach der Einschließung von sechs Wochen Hunger und Seuchen wüteten. Immer sehnsüchtiger sahen die Wächter von den Türmen über die Zelte der Hunnen hinweg nach Südwesten aus: keine Staubwolke, kein Tubaton, kein Schlachtruf verkündete das Anrücken des Entsatzheeres der Römer und Goten. Der Tag Johannis des Täufers war herangekommen: die Senatoren der Stadt, die Geistlichen, auch die Befehlshaber der wenigen Kohorten erschienen um Mittag in dem Hause des Bischofs und erflehten auf den Knieen die Übergabe der Stadt: längerer Widerstand sei unmöglich, zwei Breschen klafften in den Mauern auf der Ostseite und die Hunnen hatten den Brückenkopf im Süden der Loire genommen. Die Vorräte reichten kaum mehr für den nächsten Tag. Da sprach der fromme Bischof, den Finger mit dem Fischerring erhebend: »Und wahrlich, wahrlich, ich sage euch: die fromme Stadt des heiligen Johannes, dessen Fest wir heute feiern, – wird nicht fallen in die Hände der Heiden: heute Nacht ist mir der Heilige erschienen und hat mir auf der Legionenstraße von Tours her die heranziehenden Befreier gezeigt. Geht in seine Basilika, betet inbrünstig auf den Knieen und kommt in einer Stunde wieder: ich besteige den Glockenturm der Basilika: er überschaut so hoch die Türme der Wälle als die heilige Kirche die Reiche der Welt überragt. Dort sucht mich auf nach einer Stunde.« Und nach einer Stunde kamen sie wieder, die Vertreter der Stadt: keuchend, mit Verzagen stiegen sie zu dem Bischof empor. Der hatte – er war alt und schwach das Licht seiner Augen – von Viertelstunde zu Viertelstunde einen jungen Diakon gefragt: »Mein Sohn, siehst du nichts auf der Legionenstraße?« Und kopfschüttelnd hatte der jedesmal traurig erwidert: »Herr, ich sehe nichts.« Als nun die Verzweifelten in der Turmstube sich vor dem Bischof zu Füßen warfen, sprach der befehlend: »Schau hinaus, mein Sohn, gen West: – ich sage dir: – du siehst etwas!« Der hielt die Hand vor die Augen – [...]
Da schlug der Hunne – mit der neunsträngigen Geißel – jeder Strang lief aus in eine Eisenkugel – Cajus über das Gesicht und schrie: »Gib Zeugnis oder – sieh dort die Pfähle!« Da erschrak der Jüngling und rief zu den Männern auf den Zinnen empor: »Ergebt euch! Das Entsatzheer ist geschlagen und entflohen.« Da ergrimmte Aulus und schrie: »Nein! Er lügt, der Feigling! Die Hunnen sind geschlagen: – wir – gleich im Anfang des Gefechts ergriffen – sind ihre einzigen Gefangenen: – Römer und Goten ziehen in Eile heran – gleich müssen sie hier sein! Harret aus.« Es war sein letztes Wort: der Hunnenführer, vom Jähzorn fortgerissen, stieß ihm den Dolch in die Kehle, ebenso Cajus, wandte sich und eilte zu Attila ins Zelt. Der befahl den Rückzug: denn schon fluteten seine geschlagenen Reiter in Auflösung von Westen her ins Lager herein, schon hörte man in der Ferne die gotischen Hörner und den Tubaruf der verfolgenden Sieger. Schleunig zogen die Belagerer ab gen Nordosten – auf Châlons.
Bischof Anianus aber und seine Geistlichen oben auf den Zinnen stimmten psallierend einen Dank-Hymnus an: es war aus dem Psalm 27: »Wenn sich schon ein ganzes Heer wider mich leget, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf den Herrn!«
Und der Bischof beschloß, dem »Retter der Stadt«, Aulus Gaudiosus, ein Grabmal im Vorhof der Basilika des Heiligen zu gewähren; der jüngere Bruder ward eingescharrt, wo er gefallen war.
Aber ein paar Tage darauf ließ der fromme Bischof auch seine Gebeine in geweihter Erde kirchlich bestatten: »Mir ist in dieser Nacht,« sprach er, »die Seele des Erretters erschienen und hat zu mir gesprochen: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Ich hab' ihn frei gebeten bei den Heiligen: so mögen auch die Menschen ihm vergeben: denn das Fleisch ist schwach‹.«
(Felix Dahn: Meine welschen Erben, Kapitel 1-6)

07 Oktober 2018

Karl May über Hadschi Halef Omar

"»Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß Du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«
»Ja.«
»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber Dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches Dich ereilen wird, wenn Du Dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich gedient habe, und darum werde ich Dich bekehren, Du magst wollen oder nicht.« [...]
Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen. Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen wollte, empornehmen mußte, wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben. Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Muth und Gewandtheit und eine Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken, daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund denn als Diener behandelte. [...]
»Sihdi, Du bist klug und weise; Du merkst gleich, was ich vergessen habe, und daher ist es Jammerschade, daß Du ein verfluchter Giaur bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich Dich bekehren werde, Du magst wollen oder nicht!«
Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte sich an den sieben Fasern seines Kinnes, zerrte an den acht Spinnenfäden rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr mit der freien anderen Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.
Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Thier machte einen Versuch, vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmuth stolz zurückfallen. Halef aber setzte seine Rede fort:
»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen? Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«" (Karl May: Durch die Wüste, Abu el Nassr. Ein Todesritt)

"Die Leser meiner »Gesammelten Werke« wissen aus dem dritten Band derselben (»Von Bagdad nach Stambul«), daß ich damals auf dem Wege der Todeskarawane von Bagdad nach Kerbela mit meinem treuen Hadschi Halef Omar von der Pest ergriffen und niedergeworfen wurde; es war ein wahres Wunder, daß wir dem Tode entgingen, zumal der schweren Erkrankung Ereignisse vorangegangen waren, welche unsere Körper- und auch geistigen Kräfte bis fast zur Erschöpfung in Anspruch genommen hatten. Diese Leidenstage, während welcher wir beiden gänzlich hilflosen Menschen nur auf uns selbst angewiesen waren, nehmen in unserer Erinnerung eine hervorragende Stelle ein, und ebenso tief hat die Gegend, in welcher wir wochenlang zwischen Tod und Leben schwebten, sich unserem Gedächtnisse eingeprägt. Es ist daher leicht begreiflich, daß wir bei einer spätern Anwesenheit in Bagdad beschlossen, die Orte, welche uns so verhängnisvoll geworden waren, bei dieser Gelegenheit wieder zu besuchen.
Ich muß vorausschicken, daß mein wackerer Halef inzwischen oberster Scheik der Haddedihn-Araber geworden war, und daß die Achtung, welche er sich erworben hatte, im umgekehrten Verhältnisse zu seiner Körpergröße stand. Er war bekanntlich von sehr kleiner und schmächtiger Gestalt und außerordentlich stolz auf seinen Schnurrbart, von dem er in aufrichtigen Augenblicken allerdings der Wahrheit gemäß zugab, daß diese »Zierde seines Angesichtes« aus dreizehn Haaren bestehe, nämlich sechs rechts und sieben links. Aber sein Mut und seine Tapferkeit waren über jedem Zweifel erhaben, und in Beziehung auf seine Anhänglichkeit zu mir hätte ich sehr oft nicht sagen können, wen er mehr liebe, mich oder sein Weib Hanneh, welche er »die lieblichste Blume unter allen Rosen der Frauen und Töchter« zu nennen pflegte.
Hatte er schon mündlich eine ganz eigene, mehr als orientalisch blumenreiche Art, sich auszudrücken, so waren die Briefe, welche ich während der Trennungspausen von ihm erhielt, noch viel interessanter. Wir schrieben uns nämlich zuweilen, doch auf ziemlich erschwertem Wege. Ich schickte meine Briefe nach Mossul, wohin er dann und wann einen seiner Beduinen sandte, um anzufragen, ob ein Schreiben von mir angekommen sei; nach Monats- oder gar Jahresfrist schickte er dann seine Antwort ebendorthin; er mußte ja warten, bis sein Stamm sich einmal in der Nähe dieser Stadt befand, und so kam es, daß unsere Korrespondenz keineswegs an dem Fehler großer Uebereilung litt. Um so origineller aber war dann, wenn er einmal schrieb, der Inhalt seiner Briefe, und ich darf wohl sagen, daß der letzte, den ich damals von ihm bekam, der köstlichste von allen war. Ich hatte ihm drei Vierteljahre vorher mitgeteilt, daß ich nach Persien wolle und auf dem Wege dorthin die Weideplätze seines Stammes aufsuchen werde. Hierauf antwortete er mir, indem er sich des ihm eigentümlichen Gemenges von Arabisch und Türkisch bediente, welches ich natürlich ins Deutsche übertrage:
»Hadschi Halef Omar, der Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar, an Emir Hadschi Kara Ben Nemsi Effendi, seinen Freund.
Gruß! Ich liebe Dich! Nochmals Gruß!
Dein Brief, oh Effendi, kam grad während des Gebetes des Asr bei mir an. Dank! Gnade! Anhänglichkeit! Mir scheint die Sonne, denn Du hattest genug Tinte, mir zu schreiben. Freude überall; Hamdulillah! Sei unverzagt; ich schreibe sofort wieder! Oh Feder! oh Tinte! Sie ist vertrocknet. Ich schicke nach Wasser und schütte es hinein! Sie wird wieder weich und dünn! Maschallah! Die Schrift ist sehr blaß, aber Du kannst sie dennoch lesen, denn Du bist der Gelehrteste aller Gelehrten des Morgen- und des Abendlandes. Ich beschwöre es! Hanneh, mein Weib, die schönste der Blumen unter allen Frauen, duftet grad noch so wie vor mehr als zehn Jahren. Du hast keine. Allah erbarme sich Deiner! Kara Ben Halef, mein Sohn, der Deinen Namen trägt, ist schon beinahe klüger als sein Vater; er wird mich wohl noch überholen. Des freut sich meine Seele; dennoch rufe ich: oh wehe, wehe! Meine Herden wachsen, und mein Zelt vergrößert sich. Oh Geld, oh Reichtum, oh Kamele, Pferde, Schafe, Ziegen und Lämmer! Ist s bei Dir ebenso? Ist Deine Milch fett und dick? Oder sind die Früchte Deiner Datteln wurmstichig? Dann taugen sie nur als Futter für das Vieh. Oh Armut, oh Sorge und Verderben! Wie wächst das Gras in Dschermanistan? Sind Deine Zelte dicht? Wo nicht, so flicke sie! Ein kleines Loch wird sehr schnell ein großes Loch. Oh Wind, oh Regen, ihr sollt ja nicht hinein! Wir haben Vollmond; was hast Du? Fliehe die Laster, denn sie vermehren sich wie die Ameisen in der Steppe! Gieb Deinen Kamelen nicht zu viel Futter, und erziehe sie zur Geduld. Deine Pferde laß im Freien schlafen; Deine Lieblingsstute aber nimm in das Zelt hinein! Oh Nacht, oh Tau, ihr schadet ihr! Hüte Dich vor der Erkältung und vor der Sünde! Beide töten, die eine den Leib und die andere die Seele, und in beiden Fällen wäre es jammerschade um Dich. Glaube es mir, denn ich bin Dein Freund und Beschützer! Deine Gedanken sind in Persien, die meinen auch, denn ich reite mit. Wie könnte ich Dich allein reiten lassen, oh Effendi! Ich will wieder mit Dir leben und wieder mit Dir sterben. Komm! Ben Rih, das herrlichste der Pferde, soll Dich tragen. Sein Vater war Dein Eigentum; Du hast ihn mir geschenkt; so nimm nun jetzt den Sohn dafür, und gieb ihn mir dann wieder! Sieh, wie ich Dich liebe und verehre: Ich begann diesen Brief am dritten Tage des Monates Tischrihn el Auwal und vollende ihn heut am neunten Tage des Monates Kanun el Tani; das sind mehr als drei Monate; so große Stücke meines Herzens sind Dein Eigentum! Wenn Du gekommen bist, schreibe ich nicht, sondern sage Dir mehr. Habe Geduld mit Deinem Stamme, doch sei streng mit dem Munde alter Weiber; dann wirst Du weise regieren und Ruhm und Ehre ernten! Verliebe Dich nicht in Deine Fehler, sonst wachsen sie heran zu Löwen, welche Dich zerreißen werden! Trinkst Du noch immer Wein? Oh Muhammed! Er hat ihn ja verboten! Du aber bist ein Christ, und ich soll dem Kuran gehorchen; aber wenn Du welchen bringst, so trinke ich ihn mit! Oh Hochgenuß, oh Wonne! Wir erwarten Dich schon von morgen an. Das Schaf mit dem fettesten Schwanze ist bereit, für Dich geschlachtet zu werden, sobald Du bei uns erscheinst. Es freut sich dieser Ehre. Schnalle nie den Sattel locker; er rutscht mit Dir hinab! Oh Bruch der Arme, Beine und der Rippen! Hanneh, die herrlichste der Frauen unter den Weibern, hat nichts dagegen, daß ich mit Dir reite. Sie wird immer schöner. Oh Glück, oh Segen, oh Ehestand! Werde ja nicht krank! Ich beteuere Dir, daß dies der Gesundheit schadet, denn ich bin Dein wahrer Freund! Gehe nicht unter die Ungläubigen und Lästerer, sondern nimm Dir ein Beispiel an denen, welche durch dich auf den richtigen Weg geführt worden sind. Nun ist heut der vierte Tag des Monates Nisahn; der Brief ist also noch drei Monate länger geworden. Oh Länge der Zeit, oh Zahl der vielen Tage! Wasche Dich täglich fünfmal, bei jedem Gebete einmal, und hast Du kein Wasser, so nimm einstweilen Sand! Oh Sauberkeit des Körpers, oh Reinlichkeit der Seele! Wir lagern in der Nähe von Qalat Scherkaht und ziehen bald nach Westen; darum sende ich den Boten nach Mossul. Sei frühzeitig munter, denn das Morgengebet ist besser als der Schlaf! Bring Deine berühmten Gewehre mit, und komm sobald wie möglich! Gruß, Achtung, Liebe, Verehrung und Ermahnung von Deinem Freunde und Beschützer
Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas
Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.«
Mein Schreiben, auf welches diese Antwort erfolgte, hatte monatelang in Mossul gelegen, ehe es abgeholt worden war, und während Halef dann sechs volle Monate gebraucht hatte, um im Schweiße seines Angesichtes den obigen Brief zu Ende zu bringen, war ich schon am Tigris angekommen. [...]
Da reckte sich mein kleiner Hadschi Halef stolz in die Höhe und rief, die Freudenthränen noch immer in den Augen:
»Hast du die Worte des größten Helden, den ich kenne, wohl vernommen? Ein Mann sollst du werden, wie ich, dein Vater, einer bin! Wir haben den Löwen getötet und den schwarzen Panther bezwungen; wir sind stets siegreich gewesen und haben niemals einem Feinde den Rücken gezeigt. In deinen Adern rinnt mein Blut, und hinter deiner Stirn wohnen die Vorzüge meines Geistes. Allah gebe, daß du durch deine Thaten einst die Berühmtheit deines tapfern Vaters erreichst!«

Richtig! So war er! Gleich im ersten Augenblicke des Wiedersehens war es ihm nicht möglich, seiner Gewohnheit, dicke Farben aufzutragen, zu widerstehen. Das war ihm, ohne verwerfliche Prahlsucht zu sein, zur zweiten Natur geworden. Er brachte, ohne eigentlich zu wollen, es fertig, selbst in einer Scene tiefster Rührung und Ergriffenheit durch seine unbefangene und harmlose Ruhmredigkeit dem Ernste einen heitern Beigeschmack zu geben. Wer ihn kennen gelernt hatte, dem fiel dieses gar nicht mehr auf. [...]
»Hamdulillah, Preis, Lob und Dank sei Allah, denn nun wird uns wieder einmal die Luft der Wüste umwehen, und ich kann zeigen, daß ich, der Scheik und Hadschi Halef Omar, noch kein altes Weib geworden bin, sondern daß in mir noch immer der alte Held und Sieger lebt, den niemand überwinden kann, und der in jeder Not und Gefahr dein treuer Freund und tapferer Beschützer gewesen ist, lieber Sihdi, und dich auch jetzt wieder zu einem berühmten Mann und Krieger machen wird. Verlaß dich auf mich! Meine Kraft und Stärke wird dich vor jedem Feinde bewahren.«
Ich ließ diese Rede still über mich ergehen. Er sprach nun einmal gern in diesem Tone, und wenn er dabei die Rollen umkehrte, so konnte mich das nur heimlich belustigen, niemals aber ärgern. [...]
»Ja; es war ein Löwe, ein richtiger, wirklicher Löwe, ein Vater mit dem dicken Kopfe, vor dem ich aber nicht ausgerissen bin!«
Es war immerhin möglich, daß er sich nicht getäuscht hatte. Der Perserlöwe verirrt sich zuweilen auch in die Dschesireh, wie ich aus Erfahrung wußte, und so zog ich die Hölzer aus der Tasche, um schnell das Feuer anzubrennen, wozu wir einen Reiserhaufen mit trockenem Gras schon bereit gehalten hatten. Das Feuer sollte dem Löwen, falls es wirklich einer gewesen war, die Lust zur Wiederkehr verleiden; daß wir dadurch die Aufmerksamkeit der Perser auf uns lenkten, konnte und mußte mir sehr gleichgültig sein.
Als die hoch emporlodernde Flamme den Platz erleuchtete, ließ ich mir sagen, wo Halef den »Vater mit dem dicken Kopfe« gesehen hatte. Er deutete mir die Richtung mit der ausgestreckten Hand an und sagte:
»Dort kam er geschlichen; als er mich erblickte, blieb er stehen. Es war ein großer, gewaltiger Abu er Rad. Ich gab ihm die Kugel, und dann war er nicht mehr zu sehen. Ich habe ihn getroffen; das weiß ich ganz genau. Er ist vor Schreck und Angst dahingefahren, denn wo Hadschi Halef Omar steht, der Scheik der Haddedihn, da kann es selbst der stärkste Löwe nicht aushalten!«
Ich nahm meinen schweren Bärentöter schußfertig in die Hand und entfernte mich langsam und vorsichtig in der angedeuteten Richtung. Nach ungefähr vierzig Schritten konnte ich mich überzeugen, daß Halef sich nicht geirrt hatte; er hatte wirklich getroffen – – aber was!
Ich rief ihn zu mir. Er kam herbei und fragte schon von weitem:
»Was soll ich, Effendi? Siehst du etwas?«
»Ja. Hier liegt das Vieh.«
»Also habe ich getroffen?«
»Ja.«
»Tot?«
»Mausetot!«
»Hamdulillah! Ich habe den Gedd el Isman, den schrecklichen Würger der Herden, erlegt. In allen Zelten wird mein Ruhm erschallen, und an allen Lagerplätzen wird man meine Ehre singen!«
»Juble nicht zu früh! Es ist nämlich kein Er, sondern eine Sie.«
»Kein Löwe, sondern eine Löwin?«
»Nein; es ist kein Abu er Rad, sondern eine Omm es Ssanne, die du erschossen hast. Sie hat Hunger gehabt und ist betteln gekommen; du aber bist so unbarmherzig gewesen, ihr anstatt Fleisch eine Kugel zu geben.«
Er hatte mich erreicht und sah das Tier liegen.
»Eine Hyäne!« rief er beschämt aus. »Allah vergesse diesen Tag! Wie konnte dieses Tier sich für einen Löwen ausgeben? Wie konnte es sich den Schein geben, als ob es ein Vater des Donners sei? Mohammed, der Prophet der Propheten, mag die Seele dieser Hyäne ergreifen und die Lügnerin dahin verdammen, wo der Gestank der Hölle am widerwärtigsten ist!«
»Nicht sie, sondern dein Auge hat dich getäuscht. In der Nacht erscheint alles größer; daran hättest du denken sollen, bevor du schossest!« [...]
»Schweig, Unverschämter! Was fällt dir ein? Du kannst die Frechheit deiner Worte sehr leicht mit dem Leben zu bezahlen haben! Dieser mein Effendi braucht dich nur ein wenig mit der Hand zu berühren, so kannst du dich als Leiche am Boden liegen sehen! Aber das ist gar nicht nötig; er braucht keinen Finger zu rühren, denn wenn du nur noch ein einziges unrechtes Wort sagst, so hast du es mit mir zu thun!«
Da trat der »Vater der Gewürze« einen Schritt zurück, ließ sein Auge verächtlich über die Gestalt seines Gegners gleiten, lachte laut auf und antwortete:
»Was sagst du? Du, du willst mich zum Schweigen bringen? Dieser dein Effendi wird mich zu Boden schlagen? Ich würde mich vor zwanzig solcher Kerle, wie ihr seid, nicht fürchten! Ein solcher Zwerg und Knirps, wie du, kann mich mit einer solchen Drohung nur zum Lachen bringen, denn – – –«
Er konnte auch dieses Mal nicht weitersprechen, und zwar aus einem viel »schlagenderen« Grunde als vorhin. Halef, welcher überhaupt niemals eine Beleidigung auf sich sitzen ließ, konnte durch nichts in so großen Zorn gebracht werden, als wenn man ihn wegen seiner kleinen Gestalt verspottete. In solchen Fällen pflegte die Strafe schnell wie ein Blitz der That zu folgen; so auch jetzt. Kaum waren die Worte Zwerg und Knirps ausgesprochen, so holte er aus und strich dem Perser die Nilhautpeitsche in einer solchen Weise quer über das Gesicht, daß der Getroffene mit einem überlauten Schrei zurücktaumelte und Mühe hatte, nicht zu Fall zu kommen. Das Gesicht mit den Händen bedeckend, wankte er halb bewußtlos hin und her. Seine beiden Gefährten schnellten von ihren Sitzen auf und zogen die Messer. Halef stand flammenden Auges mit hoch erhobener Peitsche da, und auch ich war natürlich nun aufgestanden, um dem wackern Kleinen beizustehen.
So standen wir uns eine Weile wortlos und doch in sehr beredter Weise gegenüber, bis der Anführer der Gegner die Hände sinken ließ. Ueber dem Peitschenstrich, welcher das ganze Gesicht durchquerte, waren zwei in blöder Wut stierende Augen zu sehen, welche sich auf den Hadschi richteten; die beiden Arme wurden erhoben; die Hände ballten sich zu Fäusten, und dann that der vor Grimm nicht mehr zurechnungsfähige Mann einen Sprung, um Halef zu packen; dieser aber wich gewandt zur Seite aus, versetzte ihm einen zweiten Hieb, welcher quer über die Oberlippe strich und schlug ihm dann den schweren Knopf der Peitsche so in den Nacken, daß er niederstürzte. Halef warf sich sofort auf ihn und nahm ihn mit beiden Händen am Halse fest. [...] 
Der Pädär-i-Baharat, weicher diese Worte gehört hatte, wartete, bis Halef sich wieder bei mir auf dem Floß befand, und rief uns dann in grimmigem Tone zu:
»Fahrt in die Hölle, ihr räudigen Anhänger der Zauberei, ihr Räuber und Diebe der Ringe, welche ihr uns abgenommen habt! Hütet euch, uns wieder zu begegnen! Der Tag, an welchem mein Auge euch zum zweitenmal erblickt, wird der letzte eures Lebens sein, denn meine Kugel wird euch die Pforte öffnen, hinter welcher es nur einen Weg giebt, und der führt zur Hölle hinab, wo ihr die Peitschenhiebe mit ewiger Verdammnis bezahlen werdet!«
Es fiel mir nicht ein, ihm eine Antwort zu geben; aber Halef, der stets sprachfertige und redelustige, erwiderte ihm:
»Du warnst uns vor dem Wiedersehen, ich aber freue mich darauf, denn ich habe die sehnsuchtsvolle Steppe deines Gesichtes ausgemessen und dabei gefunden, daß es da Platz für noch mehr solche Kamelpfade giebt. Sobald Allah deinen Weg wieder vor unsere Augen führt, werde ich nicht unterlassen, dir die Seligkeit dieser letzten Nacht durch einige neue Hiebe in das Gedächtnis zurückzurufen. Bis dahin aber denke zuweilen an uns, die wir deine besten und treuesten Freunde sind und sich immer gern an Kaßim Mirza, den erleuchteten Schahzahdä, erinnern werden!«

06 Oktober 2018

Gerhart Hauptmann: Buch der Leidenschaft

Der Bewahrer dieses Tagebuches stammt aus einer französischen Flüchtlingsfamilie. Seinen Namen verrate ich nicht, da er ihn mit dem versiegelten Manuskript, das sein Nachlaß enthielt, nicht in Verbindung gebracht sehen will. Deutlich gesprochen: er verleugnet das hier zum erstenmal der Öffentlichkeit unterbreitete Tagebuch. Mit welchem Recht, entscheide ich nicht. Über die Gründe ließe sich streiten. Ich würde im gleichen Falle nicht so handeln. Leben, Lieben, Leiden ist allgemeines Menschenlos, und indem man dem Leben, Lieben und Leiden Worte verleiht, spricht man im Persönlichen doch nur das Allgemeine aus. Gewisse Dinge mit Schleiern verhüllen? Warum nicht, wenn es reiche und farbige Schleier sind! Aber dann nicht dort, wo es Wahrheit zu entschleiern gilt. Und dies, nämlich der Zwang dazu, das Bestreben, der Wahrheit ins Auge zu sehen, sich mit Wahrheit zu beruhigen, ist in den Selbstgesprächen dieses Tagebuches nicht zu verkennen. [...]
Das Manuskript ist nicht vollständig abgedruckt. Es lag mir daran, das Haupterlebnis herauszuschälen: ein Schwanken zwischen zwei Frauen, das sich seltsamerweise über zehn Jahre erstreckt, obgleich auf dem ersten Blatt scheinbar der Sieg einer von beiden entschieden ist. Dieser Fall ist verwickelt genug und darf nicht, wie es im Original geschieht, vom Gestrüpp des Lebens überwuchert werden, wenn man ihn in seinem organischen Verlauf begreifen soll. Ich möchte übrigens glauben, der Verfasser des Tagebuches würde in ebendieselbe Krisis verfallen sein, falls die beiden Frauen, hier Melitta und Anja genannt, zwei ganz andere gewesen wären. Er unterlag vielleicht einem Wachstumsprozeß seiner sich im Umbau erneuernden und ewig steigernden Natur und hätte, um nicht dabei zu scheitern, Anja erfinden müssen, wenn sie nicht glücklicherweise vorhanden gewesen wäre. Jedenfalls wird, wer bis zum Schlusse des Buches gelangt, unschwer erkennen, daß die Lebensbasis des Autors eine andere als die am Anfang ist. Sie ist höher, breiter und fester geworden. Auch die Welt um ihn her hat ein anderes Gesicht: das konnte nur ein Jahrzehnt harter innerer Kämpfe bewirken.
Agnetendorf, Oktober 1929. Der Herausgeber
(G. Hauptmann: Buch der Leidenschaft, Vorwort des Herausgebers)

"Ich bin über dreißig Jahre alt. Von meinen Kindern ist das älteste ein Junge von acht, das zweite ein Junge von sechs, das dritte ein Mädchen von kaum zwei Jahren. Vier Jahre war ich verlobt, woraus hervorgeht, daß ich zu denen gehörte, die warten können, und daß ich jung in die Ehe kam. Ich glaubte bisher durchaus nichts anderes, als daß nun mein ganzes Leben, und zwar bis zum letzten Atemzuge, in dieser Liebe gebunden sei. Außerhalb dieses festgefügten Familienweltsystems, darin meine Gattin für mich die Sonne, die Kinder und ich Planeten darstellten, lag für meine Begriffe nichts, was sein Bewegungsgesetz auch nur von fern zu ändern in der Lage war. [...]
Wir verfielen darauf, ein großes Autodafé anzurichten. Stöße von Liebesbriefen mußten her. Es war ein Fieber, wir waren irrsinnig. Alle steckten noch in den Umschlägen. Schübe und Kassetten wurden mit einem sinnlosen Eifer um- und umgekehrt, unsere Hände fuhren wie Wiesel in ihre Schlupflöcher. Alles mußte vernichtet sein. Das kleinste Zettelchen, das von unserer Liebe hätte zeugen können, wurde dem Feuer überliefert. Gut eine halbe Stunde lang und länger brannte der Papierberg hinterm Haus. Den Schnee zerschmelzend, hatte er sich bis zur nackten Wiesenkrume niedergesenkt. Wir standen dabei, die Kinder schürten das Feuer. So sündigten wir an den seligsten Jahren unseres Lebens, so vernichteten wir alle Wonnen, Sehnsüchte, Liebesbeteuerungen, alle diese heiligen Zeichen, bei denen der Gott der Götter uns die Hand geführt hatte. Wie grausig doch das Lachen der ahnungslosen Kinder anmutete! Ich habe gesehen, wie sie unter Schmerzen von ihrer Mutter geboren wurden, habe sie gebadet, auf dem Arm getragen, trockengelegt, habe sie betreut, wenn sie krank waren – und morgen will ich mich nun von ihrer Mutter und somit auch von ihnen abwenden! Meiner Wege will ich gehen und sie allein lassen in der Welt! Ist dies eine Sache, die man ausführen, ja, auch nur ein Gedanke, den man denken kann? Während das Feuer über dem Leichnam unserer Liebe zusammenschlug, der Wind hineinfuhr und die einzelnen papierenen Fetische der Vergangenheit auseinandertrieb, trug ich einen Fetisch verwandter Art heimlich auf der Brust, meinen Anja-Brief mit der Unterschrift »Dein Eigentum«, jenen, den ich verstohlen von der Post einer benachbarten Ortschaft geholt hatte. Und während die Kinder den einzelnen papierenen Flüchtlingen nachliefen und sie der Glut überlieferten, sprang dieser mit meinem Herzen, in dessen nächster Nähe er lag, wie der Reiter mit einem Füllen um. Heiß, heißer als irgendein im Feuer brennender war dieser Brief. Und wenn ich mir dessen bewußt werde, frage ich mich, wie es möglich ist, in einem Raum der Seele neben unendlichem Schmerz unendliches Glück zu beherbergen, wie es von diesem Zettelchen Anjas in jede Fiber meines Wesens schlug. Waren wir eigentlich und war ich eigentlich für das heute Geschehene noch verantwortlich? Ich fürchte nein, da ich nirgend einen Ausweg, nirgend ein Entrinnen sah. Ich hatte schreckliche Visionen. Sie bezogen sich auf mich selbst. Ich war der Henker, höllisch angeglüht, der in dem Feuer, darin er düster stocherte, nicht nur ein abstraktes, gewesenes Glück, sondern Weib, Kinder, Haus und Hof zu Asche werden sah. Und manchmal – es fehlte nicht viel – wollte er selbst in die Flamme hineinspringen. [...]
Berlin, am 5. Januar 1895.
Ich bin also wieder in Berlin, und meine Frau, an die ich fast jeden Tag schreibe, von der ich fast jeden Tag einen Brief erhalte, weiß, daß ich wieder mit Anja vereinigt bin. Wieviel Wochen, Monate, Jahre wird nun jeder Tag die zwei überaus schweren, finsteren Stunden haben: die eine, in der ich den neuen Brief der Verlassenen empfange, und die, in der ich ihn beantworte.
Aber es steigen große, kühne Pläne in mir auf. Warum soll es denn nicht wirklich möglich sein, statt zu trennen, zu vereinen? Oh, ich ahne, wie schwer dergleichen Versuche sind und wieviel moralischen Mut sie erfordern. Aber ich habe moralischen Mut. Warum soll ich nicht an die alles versöhnende, alles einende Kraft der Liebe glauben? [...]
Der Tagebuchschreiber hält sich seit einiger Zeit in Paris auf. 
Im Postbüro des Hotels wurden mir zwei Briefe überreicht: wiederum gleichsam feindliche Brüder, die sich in meiner Brusttasche zu vertragen hatten, bis ich auf meinem Zimmer war.
Ich las zuerst Anjas Brief, da ich mich gleichsam durch einen frischen Trunk stärken wollte, bevor ich mich der schweren und schmerzlichen Aufgabe unterzog, einen Brief meiner Frau auf mich wirken zu lassen.
Noch hatte ich nicht die geringste Ahnung, welche eiserne Faust aus diesem Briefe emporfahren und gegen meine Stirn schmettern würde.
Ich öffnete also, ich las nun auch diesen Brief, worauf es mir vor den Augen buchstäblich schwarz wurde. Während der ersten Sekunden wußte ich nicht, ob ich das Opfer eines Attentats geworden oder ob die Decke des Raumes über mir zusammengebrochen war. Ich kämpfte um meine Besinnung, um meinen Verstand, um mein Leben wie ein Rasender. Mit Aufbietung einer verzweifelten Energie schwamm ich blind unter den Trümmern eines nächtlichen Schiffbruchs herum.
Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob man diesen Zustand, wenn man seine Ursache erfährt, als einen unmännlichen bezeichnen will. Es gibt keinen Mann, keinen echten Mann, den er nicht überkommen könnte.
Als das erste schwache Verstandeslicht über dem Geschehenen schwebte, war mein Gefühl: nein, dies durfte nicht geschehen, eine solche furchtbare Grausamkeit habe ich um niemand, aber auch um niemand verdient! Nein: wer dieses mir zufügen konnte, der kannte entweder die Tragweite seines mörderischen Verfahrens nicht, oder aber er mußte mit der Möglichkeit eines tödlichen Ausganges für mich rechnen.
Und so richtete sich denn das dunkle Haupt meiner verlassenen Frau als das der Gorgo auf, deren Anblick den Menschen versteint.
Was stand nun eigentlich in dem Brief? Nur ein Kenner der Höhen und Tiefen der Menschennatur wird begreifen, wie ein so einfacher Inhalt solche Wirkungen haben konnte.
Also, was sagt der Brief meiner Frau?
Du hast, so schreibt sie ungefähr, durch Dein Verhalten gezeigt, daß ich auf eine Zukunft an Deiner Seite nicht mehr sicher rechnen kann. Ich vermag den Zustand der Ungewißheit nicht länger zu ertragen. Ich habe darum beschlossen, mein und meiner drei Kinder Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Unser Schiff verläßt, wenn alles gut geht, Hamburg am 31. Januar. Am 1. Februar wird es auf der Höhe von Southampton sein und dort Passagiere an Bord nehmen. Wir sollen bei glücklicher Fahrt am 8. oder 9. Februar in New York eintreffen. Was dort geschehen wird, weiß ich noch nicht. Ich habe eine Jugendfreundin verständigt, die dort verheiratet ist. Ich nehme an, sie wird mir die ersten Schritte auf fremdem Boden erleichtern. Ich konnte nicht anders handeln. Lebe wohl.
An Bord der »Möwe«, 5. Februar 1895.
Ich verließ mich sozusagen gestern in einem Zimmer des Hotels St-Lazare. Da ich ohne alle Beschönigung wahr zu sein entschlossen bin, will ich in der Schilderung jener Zustände fortfahren, in die ich durch den Brief meiner Frau geworfen wurde.
Der Schlag, welcher mich gänzlich unerwartet, gänzlich unvorbereitet und also gänzlich widerstandslos getroffen hat, war so stark, daß es eine Zeitlang zweifelhaft blieb, ob ich ihn lebend und, wenn lebend, mit gesundem Verstand überstehen würde. Die schrecklichste Angst, die mich inmitten der vollständigen Bestürzung und Verwirrung, in die ich geraten war, ergriff, war die Angst vor dem Irrenhaus. Im Begriff, mich umzuziehen, hatte ich meinen Hemdkragen abgeknöpft, meine Stiefel ausgezogen und einige Kleidungsstücke abgelegt. Da ich nun zwar nicht nach Hilfe schrie, aber doch irgendeine menschliche Hilfe suchte, wäre es notwendig gewesen, mich wieder salonfähig herzurichten. Dies aber war bei dem Zustand meines Gehirns in der ersten Viertelstunde ein Ding der Unmöglichkeit. Weder sah ich, noch fand ich einen Gegenstand, noch konnte ich, von dem Geschehnis hingenommen, irgendeinen der Handgriffe ausführen, die zum Anziehen von Schuhen und Kleidern notwendig sind. Ich konnte tobsüchtig, ich konnte durch einen Schlagfluß verblödet werden. Ich stürzte also ans Waschbecken und goß mir Wasser und immer wieder Wasser über den Kopf. Ich hatte dann das Gefühl, ich müßte etwas schnell Wirkendes, Stärkendes zu mir nehmen. [...]

An Bord der »Möwe«, 6. Februar 1895. 
Die Meinen, Frau und Kinder – um den Faden von gestern wieder aufzunehmen –, schwammen also, während ich in der Halle des Hotels mit meinem Freunde sprach, bereits auf dem Atlantischen Ozean. Keine Macht der Welt vermochte sie dort mehr zu erreichen noch gar zurückzubringen. Eine solche Art Trennung war eine ganz andere als jene, die ich bis dahin ertragen hatte. Diese war ein Weh, mit dem ich zu leben vermochte, die neue Trennung riß mir das Herz aus der Brust. Ich glich jedenfalls einem schwer Verwundeten, der, wenn es nicht gelingt, das Blut zu stillen, verbluten muß. Unaufhaltsam schien es, unter stechenden Schmerzen, im Bewußtsein der unabwendbaren Tatsache hinzuschwinden, daß ein Schiff die Meinen mit jeder Minute weiter und weiter von mir entfernte, in die gefahrvollen Ödeneien des Ozeans und dann einer völlig fremden Welt. So waren sie also mindestens für Wochen von mir losgerissen. Was auch immer da draußen mit ihnen geschehen mochte, ich konnte ihr Schicksal weder lindern noch teilen. Sie waren für mich lebendig tot und hinwiederum ich lebendig tot für sie. Ich konnte nicht zu meiner armen Frau hineilen, konnte nicht vor ihr niederfallen und Abbitte tun. Ich konnte ihre furchtbaren Seelenqualen nicht durch das Bekenntnis meiner Reue und meiner neu erwachten, heißen, grenzenlosen Liebe in Freude verwandeln. Vielleicht unterlag sie ihren Qualen auf dieser Fahrt. Ein naher Verwandter von ihr hatte in ihrem Alter den Tod gesucht. Ging schließlich, was sie auf sich genommen hatte, nicht über Menschenkraft? Ich sah Gespenster, schreckliche Bilder drängten sich. Eine tote Frau wurde, auf ein Brett gebunden, ins Meer versenkt, drei Waisenkinder erreichten New York und mußten, wenn sie nicht etwa Verbrechern in die Hände gerieten, der Armenpflege zur Last fallen. Dies war die peinvollste meiner Befürchtungen: meine Frau könnte dahingehen in der finsteren Trostlosigkeit ihres verlassenen und verratenen Herzens, ohne von meiner Sinneswandlung etwas erfahren zu haben, ohne von meiner Reue, meiner Rückkehr, meiner wiedergeborenen Liebe zu wissen, meiner ausschließlichen, leidenschaftlichen, ewigen Liebe zu ihr. Aber wenn meine arme Frau mich liebte, wie konnte sie diesen furchtbaren Schlag führen?! dachte ich dann. Wenn sie mich einigermaßen kannte, wie konnte sie mir das tun? [...]
Nachdem ich ein Bad genommen, ging eine Verjüngungswelle durch mich hin. Mein Lebenswille war aufgewacht. Ich vermochte den Entschluß zu fassen, mein Schicksal mutig auf mich zu nehmen und ihm mit Aufbietung aller meiner Kräfte standzuhalten. Ich nahm ein reichliches Frühstück ein, das ich mir gleichsam zudiktierte, weil ich, von der psychophysischen Einheit des menschlichen Organismus überzeugt, der Seele durch den Körper neue Kräfte zuführen wollte. Auch fing ich an – die furchtbare Bilderflucht der Nacht war, Gott sei Dank, verdrängt durch das Tageslicht –, meine Lage mit kühlem Verstande zu untersuchen. Ich prüfte aufs neue den Brief meiner Frau und glaubte zwischen den Zeilen zu lesen, daß der getane Schritt keineswegs die Trennung, sondern die Wiedervereinigung zum Zwecke habe. Wenn das so war, brauchte ich eine Verzweiflungstat meiner Frau gegen sich selbst nicht mehr zu fürchten. [...]
Mit dem Anrollen und Fortrollen der Räder kam über mich ein befreites, tiefes, zuversichtliches Aufatmen.
Doch nun, gleichsam sicher verstaut und gewiß, dem rechten Ziele entgegenzueilen, ohne daß ich deshalb mich weiter zu sorgen oder etwas zu tun brauchte, nun fühlte ich eine Stelle in mir, die schmerzhafter wurde, je weiter die Reise in der neuen, gesicherten Richtung ging. Langsam, langsam, nicht lange danach, als der Zug mit sechzig Kilometer Geschwindigkeit durch die mondbeglänzte Winterebene rauschte, stieg ein kleines, unterdrücktes, vergessenes und verratenes Bildchen in mir auf, das Köpfchen Anjas, das sich auf seinem feinen Hälschen neigte. Mit diesem Augenblick fing das seltsame Schaukeln in mir an, das auch hier auf dem Schiff nicht nachlassen will und das ich vielleicht am besten so schildere: Zwischen zwei Brunnen ist ein Pfahl aufgestellt. Quer auf dem Pfahl ist eine Stange angebracht, an deren beiden Enden je ein Eimer in jeden der Brunnen hängt. Irgendeine unsichtbare Kraft bewegt nach gewissen längeren Zwischenräumen die Querstange. Sie drückt das rechte Ende herab, worauf der rechte Eimer im rechten Brunnen versinkt und der linke Eimer sich über den linken erhebt und, mit Wasser gefüllt, sichtbar wird – sie drückt das linke Ende der Stange herab, der linke Eimer versinkt alsdann, und der rechte steigt über seinen Brunnen ans Tageslicht. Solche Brunnen mußten in mir sein und die Vorrichtung über den Brunnen, die bald Weib und Kind aus dem Dunkel in die Helle des Bewußtseins hob und Anja ins Dunkel versenkte, bald wieder diese zur Beherrscherin der bewußten Seele machte und Weib und Kind in der Nacht des Unbewußten verschwinden ließ. [Hervorhebung durch Fontanefan] Seltsam, in hohem Grade beunruhigend, wie ich diesem Wechselspiel, das ganz ohne mein Zutun sich vollzieht, gleichsam unbeteiligt zuschauen kann. 
Es war etwa nach der ersten halben Stunde Fahrt, als Anjas Bild zum ersten Male wieder meine Blicke auf sich und rückwärts zog und als meine Seele, vor diesem Bild neuerdings hinschmelzend, ihre Härte abstreifte. Hatte ich denn nicht diese Macht, dieses Bild für endgültig überwunden angesehen? Und nun schien es mit einem stummen, traurig bitteren Lächeln seine Herrschaft wiederum anzutreten. Zwei seltsame Augen richteten sich auf mich, die dunkel, groß, schweigend und feucht waren, gleich darauf von der Wimper fast ganz verdeckt, darunter ein kindlicher Mund, dessen wehe Süße ein kaum merklicher Anflug von Spott noch betörender machte. Ich war bestürzt, ich war fassungslos. Ein kurzer Brief mit der sachlichen Nachricht von dem Geschehenen und meiner Amerikafahrt war von Paris aus an Anja abgegangen. Ich hätte an meinen Hausverwalter nicht anteilloser schreiben können. Jetzt mußte ich mit Schrecken bemerken, welcher Täuschung ich unterlegen war. Hatte nicht meine Reue dieses furchtbare Bild im Wasser ihrer Tränen aufgelöst? Hatten es nicht die brennenden Zungen der durchlebten höllischen Nacht aufgeleckt und verdunstet? Hatte ich es nicht beinahe verflucht, es gleichsam wie eine Pestleiche mit dem ungelöschten, fressenden Kalk meines Hasses überschüttet und eingesargt? Jetzt schlug ich mir mit der Faust vor den Kopf, daß mein Nachbar im Seitengange des Wagens, der durchs Nebenfenster in die Nacht blickte, mich befremdet anglotzte. Nein, dies Bildnis war nicht in Salzwasser aufgelöst, in der Hölle verdunstet oder für immer eingesargt. Es war da und belehrte mich durch einen glühendkalten Fieberschauer über seine gnadenlose Unsterblichkeit. Ich wollte mich gegen den Dämon auflehnen. Bald schmolz aber aller Trotz dahin, und mir wurde klar, daß ich über ein neues Trennungsweh und über eine neue, schwere Abschiedsstunde nicht in diebischer Weise hinwegkommen konnte. Mehr und mehr, mit weicher, süßer und sanfter Gewalt, zog Anja in meine Seele ein und bemächtigte sich des verlorenen Reichs. [...]
Es muß hier alles aufs einfachste hergerichtet werden, denn wir, in Europa immerhin wohlhabend, sind im Dollarlande beinahe arm. Hier erhält man für einen Dollar das, was drüben höchstens eine Mark kostet. Es ist mir zumut, als seien wir Auswanderer, eine in eiserner Liebe verbundene Kolonistenfamilie, die in der Neuen Welt ein neues Leben beginnen will. Mich durchdringt eine tiefe Ruhe, eine tiefe Befriedigung. Mag es bei uns nun auch ärmlich zugehen, wir sind wieder vereint, und das ist die Hauptsache. Ich ruhe aus in einem Gefühl der Geborgenheit. Wie herrlich ist das, wie himmlisch beglückend ist das: jede Empfindung hat ihre konfliktlose Einheit wiedererhalten. Da ist die Frau, die mich zu meinem Glücke für sich und die Kinder wiedererobert hat. Ihr Mittel war ein bedenkliches, aber die Liebe gab es ihr ein, der Erfolg hat ihr recht gegeben. Wie gesagt, die Kinder sind, ich glaube, um etwas einzukaufen, noch einmal, behütet von meinem Freunde, fortgestürmt. Nicht mit einem Wort hat ihre Mutter ihnen die wahre Ursache ihrer Reise verraten. Und so ist sie ihnen eine Naturgegebenheit, über die sie sich keine Gedanken machen. Jedenfalls ist der Papa wieder da, das erzeugt einen endlosen Wirbel von Fröhlichkeit. Ich höre die Kinder auf der Treppe. Ich danke dir, Gott! Ich danke dir, Gott! [...]" (G. Hauptmann: Buch der Leidenschaft, 1. Teil)

[...] Was ist geschehen? Was hat sich ereignet? Warum ist dieses Haus nun eine feste Burg, eine erst wahrhaft feste geworden in dem Augenblick, wo sie nicht mehr belagert wird? Gerade die Feinde, um derentwillen sie errichtet worden ist, sind nun abgezogen. Das Atmen geschieht mit einer Leichtigkeit, die ich seit einem Jahrzehnt nicht gekannt habe. Dieselbe Leichtigkeit ist in die Bewegungen meines Körpers eingezogen. Ich gehe aufrecht und befreit, wie jemand, der mit einer niederziehenden, bleiernen Last im Wachen und Schlafen behaftet gewesen ist, die er nun abgeworfen hat. Er hat seine Arme, seine Schultern, seinen Nacken freibekommen, Aufgaben zu bewältigen, die er früher mit und trotz der bleiernen Last bewältigen mußte.
Dies niederschreibend, sitze ich in dem runden, braungetäfelten Turmzimmer an meinem Arbeitstisch, auf dem gleichen Lehnstuhl, den gestern der Standesbeamte eingenommen hat. Von diesem Tisch und von dieser Stelle aus bin ich gestern mittag mit Anja getraut worden.
Der Standesbeamte Herr H. hatte angeboten, um jedes Aufsehen zu vermeiden, wie das Gesetz ihm freistelle, die Formalitäten der Trauung im Bergfried selbst vorzunehmen. Und das wird ewig wahr bleiben, daß dies ernste Refugium während dieser Viertelstunde wirklich zu einer Art Kirche wurde.
Es ist vormittags und jene tiefe Stille um mich, die nur diesem Hause zuweilen eigen ist, eine an Verlassenheit grenzende Stille, und, da wir nun einmal in Bildern (τὸ σύμβολον: das Sinnbild) zu denken und zu sprechen gezwungen sind, darf ich sagen, daß man die Anwesenheit eines heiligen Boten, die Kraft seiner Aura, auch nun er geschieden ist, noch überall spüren kann. Sie wird diesem kleinen Steinhaufen nie vor seinem Einsturz ganz verlorengehn.
Dieser Angelus hat die Verwandlung, von der ich sprach, der Räume, der granitnen Fundamente, der Ziegelsteine, der Dachsparren, des Lichtes, das durch die Fenster dringt, der Luft, die ich atme, mit sich gebracht und ein ätherzartes neues Element, reiner als Luft und Licht, zurückgelassen. Auch die Stille, von der ich schrieb, ist von der unaussprechlichen Heiterkeit dieser Gnadengabe erfüllt.
Wie die Scheidung erreicht wurde? Durch kluge Politik meines juristischen Freundes und durch Melittas Sinnesänderung. Sie hielt es nun doch wohl für nutzlos, weiterzukämpfen. Schon ihre Flucht vor meinem letzten Besuch in Dresden deutete darauf hin.
Praktische Rücksichten mochten mitsprechen.
So ist es also den Jahren doch gelungen, ein friedliches Auseinandergehen herbeizuführen. Aber der langsame Lösungsprozeß, den ich um Melittas willen gewählt habe, hätte mich fast das Leben gekostet.
Ich bin bewegt, wenn ich denke, wie ich geführt worden bin. Aber, werden gewisse Philosophen sagen, es gibt keine Führung, es gibt keine Vorsehung, höchstens eine Notwendigkeit. Nun, ich bin hier im Bereich des Persönlichen und Lebendigen, soweit es zu erfüllen und zu erleben ist. Und so bin ich erschüttert davon, daß dieses Haus nun meine und Anjas Hochzeitskapelle und unser steinerner Trauzeuge geworden ist. Es hat damit seinen höchsten Zweck erfüllt, seine letzte Weihe erhalten.
So ist ein nunmehr zehnjähriges bitteres Ringen zum Abschluß gebracht.
In der großen Halle oder Diele vollzog sich das kleine Hochzeitsmahl, dem der Standesbeamte, Anjas Bruder, Justizrat J. und zwei befreundete Ehepaare beiwohnten.
Eine Teilnahme meiner Familie fand nicht statt.  

Ich habe meiner Begleitung Passagen aus dem Text vorgelesen. Bald überzeugte sie mich, dass das wohl eine Parodie sei, so wie Wilhelm Hauff unter dem Titel "Der Mann im Mondeine Parodie auf den Schriftsteller Carl Heun verfasste, die er unter dessen Künstlernamen H. Clauren veröffentlichte. 
Dann fand ich aber ernsthaftere Passagen und meinte, es sei so autobiographisch, dass es wohl ernst gemeint sei. Weil ich aber immer wieder auch merkwürdige Passagen fand (insbesondere die, die ich oben fett gedruckt hervorgehoben habe), wollte meine Begleitung nichts davon wissen.
Das einzige, was sie stutzig machte, war, dass der Text so lang war. "So lange kann er doch diesen Stil nicht durchhalten."

Die Wikipedia über Hauptmanns Leben in dieser Phase:
"1893 wurde Margarete Marschalk Hauptmanns Geliebte. Um Abstand zu gewinnen, fuhr Marie mit ihren Söhnen in die Vereinigten Staaten. Hauptmann bereitete in Paris die französische Erstaufführung von Hanneles Himmelfahrt vor und reiste Marie nach, ohne die Premiere abzuwarten. Der Riss war aber nicht mehr zu überbrücken. Nach mehreren Jahren des Getrenntseins wurde die Ehe im Juli 1904 geschieden. Marie wohnte jedoch noch bis 1909 in der 1899 von Hauptmann erbauten Villa Rautendelein in Dresden-Blasewitz." (G. Hauptmann)

Ferdinand schreibt über seine Lektüre des Buchs:
"[...] Hauptmann versteht es, sich auf lange Zeit hinter der Kraft seiner Sprache zu verbergen, doch irgendwann kommt man ihm auf die Spur und erkennt die Larmoyanz, mit der er das Unausweichliche in der männlichen Natur“ zu erklären versucht. Vom Gewissen getrieben baut er für seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder ein Haus über dem großen Fluss, darin ein Panoramafenster und ein bequemer Sessel, von dem aus die Verlassene dem Strom des Lebens hinterherschauen kann. Seine Fürsorge gerät ihm zur schäbigen Attitüde seiner eigenen, ja, man muss wohl sagen: Erbärmlichkeit.


Der große Naturalist und Nobelpreisträger hätte sein Tagebuch besser für sich behalten, und dessen Interpretation seinen posthumen Biografen überlassen.Man versteht die Verlassene, dass sie versucht hat, dessen Veröffentlichung in Buchform mit juristischen Mitteln zu verhindern. Leider ohne Erfolg.
Das Buch der Leidenschaft zählt ganz sicher nicht zu den großen Werken Hauptmanns, und das Exemplar, welches mir in die Hände gefallen war, verstaubt längst wieder dort, wo es hingehört: auf den Bücherfriedhof." (Ferdinand: Neu gelesen 30.6.2016)

28 September 2018

27 September 2018

Fontane und die Frauen

"[...] Ich glaube, er hatte wirklich Mitleid mit den Frauen. Er wusste, wie es ist, wenn man sich benachteiligt fühlt, er fühlte auch sich immer wieder gedemütigt, weil sein Werk nicht in der Form anerkannt wurde, wie er es schuf, und vor allem nicht der Fleiß, mit dem er es betrieb. Keiner griff ihm da auch finanziell, pekuniär unter die Arme, er musste also seine sechsköpfige Familie ernähren und wollte doch trotzdem ein bürgerliches, gutes, gebildetes Niveau aufrechterhalten.
Und dann sah er die Frauen und die Frauen hatten ein furchtbares Leben, sie waren benachteiligt, sie wurden nicht ernstgenommen. Er konnte da eben mitfühlen, und dann gerieten sie auch noch in Konflikt mit der Moral ihrer Zeit, gar nicht aus Absicht, teilweise absichtslos, und ja, da konnte er einfach mitfühlen und empfinden für sie. [...]"
Ein Interview mit Christine von Brühl, Deutschlandfunk 25.9.18

Robert Rauh: Fontanes Frauen

17 September 2018

Stephan Thome: "Gott der Barbaren"

Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß SZ 14.9.18

Ich halte die Überschrift für falsch und auch das Urteil über den Roman nicht für ganz überzeugend. 
Aber ich bin dankbar für den Hinweis.

 Burkhard Müller schreibt:
"30 Millionen Tote soll der Taiping-Aufstand gekostet haben, der ein großer Bürgerkrieg war, nach dem Zweiten Weltkrieg der verlustreichste Konflikt der Menschheitsgeschichte. Dennoch wissen außerhalb von China nur wenige etwas von dieser historischen Großkatastrophe.
Stephan Thome, der 1972 im hessischen Biedenkopf geboren wurde, wohnhaft in Taipeh, Autor und Sinologe, hat sich vorgenommen, das zu ändern. Er geht an diesen gewaltigen Brocken mit der Form des Romans heran. Das ist eine gewagte Entscheidung: Denn bei Stoffen dieser Art ist der Roman fast immer im Hintertreffen gegenüber seiner Rivalin, der historischen Monografie." 
Gerade wenn ich einen wichtigen Stoff noch nicht kenne, hilft mir Identifikation mehr dazu, mich darauf einzulassen als ein abgewogenes Urteil. Das Interesse daran, wie es wirklich war, wird erst durch die Einfühlung geweckt.
Aber ich habe das Buch noch nicht gelesen und weiß nicht, ob mir die Einfühlung gelingt. Mein persönliches Problem ist freilich, dass ich nach zunächst oberflächlichen Informationen jetzt schon ein etwas differenzierteres Urteil über den Taiping-Aufstand habe. 

Wedma hat das Buch hervorragend gefallen.

14 September 2018

TERÉZIA MORA

IM GESPRÄCH: AUTORIN TERÉZIA MORA: „Es gibt bessere Lösungen als den Tod“ FAZ 11.2.14

"Ich arbeite mit dem, was da ist, mit der Welt, die ich anders zusammensetze, um etwas in der Welt sichtbarer zu machen, was ich gesehen habe.
Mein Bedürfnis ist, etwas zu finden, was mir erklärt, was mich umgibt. Auch durch seine Form."

13 September 2018

Antiqua, Bastarda, Fraktur

"Die Vollbibeln ab 1534 erschienen später in Frakturschrift, einer weiter Entwicklung oder auch Vollendung der Bastarda, die sich an der Schriftkunst am Hofe Maximilians I orientierte und wesentlich von Dürer geprägt wurde. Sie verläuft enger als die Bastarda, wirkt damit eleganter und spart nebenbei ein Zehntel der Papierkosten. Diese Fraktur sollte zur "evangelischen" Schrift werden, die als die Schrift der Bibel dann die bevorzugte Schrift für deutschsprachige Texte überhaupt wurde – Lateinisches druckte man weiter in der "runden" Antiqua. Während Luther mit seiner Bibel Deutschland auf den Weg zu einem sprachlich geeinten Land brachte, machte er es drucktechnisch "zweischriftig" – bis zum "Führerbefehl" vom Januar 1941, mit dem die Fraktur in Deutschland abgeschafft wurde." (Göttert: Deutsch. Biografie einer Sprache, S 142/43)

mehr zu Göttert

10 September 2018

Fontane: Der Stechlin

Lesung im MDR vom 10.9. bis 5.10. 2018
"Zum 120. Todestag des großen märkischen Dichters senden wir den Roman auf MDR Kultur. Es liest Otto Mellies."

Audios

08 September 2018

Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert

Ich lese dies Buch gerade ein drittes Mal. (Hier meine Reaktion auf die zweite Lektüre.) Bevor ich hier Zitate herausstelle, verweise ich auf die sehr informative Besprechung durch norberto42.
Hier der Schluss:
"Zum Schluss reflektiert Marcuse, warum einer sein Leben erzählt (S. 383 ff.). Dazu findet er mehrere Gründe, wie es sich für einen Skeptiker gehört, und er legt sich für sich selber auf keinen fest.
Fazit: ein Buch, das zu lesen sich lohnt, wenn man viel Zeit aufwendet und immer wieder in der Wikipedia unbekannte Namen nachschlägt."

Meine Überzeugung ist, die Lektüre lohnt auch, wenn man nicht " immer wieder in der Wikipedia unbekannte Namen nachschlägt".  
Denn die Haltung mit der Marcuse auf die beiden vergangenen Jahrhunderte zurückblickt, eröffnet Einsichten, die man ohne Zeitgenossenschaft sonst auch durch die Lektüre vieler anderer Werke kaum erwerben kann.  Denn Marcuse versucht gerade nicht, mit vielen berühmten Namen zu imponieren, sondern macht seine ganz persönliche Beziehung zu wichtigen Persönlichkeiten deutlich. 

Mehr dazu bei norberto42 und in den folgenden Zitaten:

"Ich erzähle aber nicht weiter, weil das Leben bisweilen eine hässliche Neigung zeigt, nach dem Happy End nicht den Vorhang fallen zu lassen." (S.202)
"In einem populären Führer las ich: "Vor der Ankunft der Missionare aus Neu-England hatten die Hawaiier eine Religion, die wir für Aberglauben halten."  
Die amtliche Skepsis gegenüber dem Unterschied von Glauben und Aberglauben verlockt mich, zu denken, dass sogar die offizielle Touristen-Literatur sich dem Paradiesischen nähert." (S. 323)
"Der fünfzigste amerikanische Staat hat zwei Vorgeschichten und eine Historie. Was noch auf die Zeit vor Adam zurückgeht, sieht man sehr gut vom Flugzeug aus und noch besser im Museum. Man schaut aus dem Flugzeug: tote Krater, erloschene Lava, ausgestorben, nackt, eine Felsen-Wüste. Im Museum, vor dem Glaskasten, sieht man tiefer: über dem Glas unsere Inselchen 
 I-Pünktchen im Verhältnis zu dem, was vom Meeresgrund heraufwuchs: ein gewaltiges vulkanisches Gebirgsmassiv, 1600 Meilen lang, das nur an einigen winzigen Stellen das Licht des Tages erblickte.
Vorgeschichte zwei: Auf diesen I-Pünktchen, die sich inzwischen ganz gut herausgemacht hatten, landeten vor tausend Jahren Leute aus Tahiti [...]
Ein Volk aber, das keine Historiker hat, hat auch keine Geschichte. (S. 324)

"Die Weltgeschichte scheint die Insulaner fast tausend Jahre lang in Frieden gelassen zu haben, bis ein Engländer entdeckte, auf was er gar nicht aus war (wie Kolumbus und manche andere große Entdecker). Im Jahre 1778 segelte Kapitän Cook, der so angesehen war, dass während des englisch-amerikanischen Krieges die Feinde seines Landes seine Schiffe unbehelligt ließen, im Pazifik herum. Er suchte, wie mancher Zeitgenosse, die Nordwest-Passage, die nördliche Durchfahrt zwischen der Neuen Welt und Asien. Da stieß er aus Versehen auf die Insel Kauai. Man ist also erst kurze Zeit in dem Bereich, den wir reichlich übertrieben Weltgeschichte nennen." (S. 325)
"Der Stille Ozean ist immer noch das weiteste Wasser der Welt, auch wenn ich mit einer Studentin aus Indochina über Max Scheler spreche. Aber da gibt es neun Inseln zwischen Kalifornien und Korea – sie sind nicht ein Treffpunkt, sondern eine Lebensgemeinschaft der Rassen. Und es ist vielleicht nicht ganz unerlaubt, auf diesen Inseln in der vorwegnehmenden Phantasie eine Welt anzusiedeln, die schon einmal da war: vor dem Turmbau zu Babel." (S.327)

"Wie sehr die individuelle Geschichte des Körpers eines der tabuisiertesten Themen der Darstellung und Selbstdarstellung ist, zeigt gerade Sigmund Freud. Indem er die genitale Sphäre nobilisierte zugunsten [gemeint: zuungunsten]  der anderen Körperlichkeiten, trug er nicht wenig  dazu / bei, das literarische Ignorieren zu rechtfertigen, das den nicht-genitalen Funktionen zuteil geworden ist. Und selbst die Literatur, die dem Sexus gewidmet wurde  von Apulejus und Lukian bis zu Wieland, D.H. Lawrence und Henry Müller – ist recht ähnlich. Bisweilen wurden die kräftigsten Vokabeln der kräftigsten Brautnächte gedruckt; aber das ist doch nicht mehr, als was auf Alt-Herren-Abenden (und nicht nur dort) in ewiger Monotonie herausgelassen worden ist. Das sehr profilierte Leben eines individuellen Geschlechts findet sich auch bei den Klassikern der erotischen Literatur kaum. Mich aber hat es nicht gelockt, orgiastisches Geflüster wieder einmal gedruckt zu sehen – und mehr habe ich nicht gewagt.

Ich hab’s erst recht nicht gewagt, die soziale Geschichte meines Fleisches aufzuschreiben: seine Wirkung mit zehn, zwanzig, dreißig, vierzig ... auf Männer, Frauen und Kinder, auf Aristokraten, Bürger und Dienstmädchen. Die Wirkung (vielmehr: die Vorstellung davon) ist eine der mächtigsten Triebkräfte in jedem Leben." (S.387/389) [Seitenangaben nach der gebundenen Ausgabe von 1960]