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12 Februar 2026

Hermann Hesse: Demian

 Hermann Hesse: Demian, 1919

Inhalt Wikipedia:
"Der Schriftsteller Emil Sinclair erzählt im Rückblick die Geschichte seiner Kindheit und Jugend. Stufenartig wird die Entwicklung des Protagonisten vom zehnjährigen Lateinschüler zum 18-jährigen Studenten und dann zum jungen Soldaten geschildert. Mit jeder Etappe gewinnt er an Selbstvertrauen und eigenem Charakter, mit jedem Schritt findet Sinclair mehr zu sich. Zugleich aber enthält der Roman eine radikale Kritik der dualistischen christlichen Moral und Dogmatik mit dem Ziel, eine anders geartete, bipolarische und nichtpatriarchale Kultur zu schaffen. Symbol dieses Kulturwandels ist die große Eva-Mutter, aus der am Ende eine neue Menschheit hervorgeht.

Einstieg

Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“[2]

Zwei Welten

Im frühesten Kindesalter spürt Sinclair die Existenz zweier Welten in seinem Leben: Die eine ist die warme, lichte, geborgene, saubere und liebe Vater- und Mutterwelt. Ihr gegenüber steht die andere, die verbotene, dunkle, böse, allgemein gegensätzliche Welt, die ihm spannender und verlockender erscheint. Diese fremde Welt begegnet dem sozial höhergestellten Lateinschüler Sinclair in dem drei Jahre älteren Volksschüler und Schneidersohn Franz Kromer. Mit einer erfundenen kleinen Räubergeschichte von einem Apfeldiebstahl, mit der er seinen Kameraden imponieren will, kommt er in die Knechtschaft Kromers. Dieser droht ihm, ihn anzuzeigen, wenn er kein Schweigegeld zahlt. Da er es nicht aufbringen kann – Sinclair bekommt, obwohl seine Eltern wohlhabend sind, zur Verwunderung Kromers kein Taschengeld –, lässt dieser ihn andere, demütigende Dinge tun. Der naive Sinclair fühlt sich immer mehr in die dunkle Welt hineingezogen, weil er zu Hause Geld stiehlt und sich nicht traut, seinen Eltern die Wahrheit zu beichten. In den kommenden Wochen wird er von Albträumen und Angstzuständen geplagt, seinen Eltern gegenüber verhält er sich zunehmend verschlossen. Sinclair bekennt: „Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich längst nicht mehr genau trennen.“ Er wird immer mehr von Kromer unter Druck gesetzt und ausgenutzt und sieht angstvoll der Zerstörung seiner bisher heilen Welt entgegen.

Kain

Die Rettung aus dieser Zwangssituation kommt von einem neuen Schüler, dem mehrere Jahre älteren Max Demian. Dieser weckt das Interesse der Mitschüler durch sein intelligentes und erwachsenes Auftreten. Bei einem Spaziergang erzählt Demian Sinclair seine eigene Interpretation der Geschichte von Kain und Abel, wonach das Kainsmal keine offen sichtbare, also körperliche Markung seiner Schuld sei, sondern ein Zeichen von Überlegenheit und Charakterstärke. Er erkennt, dass Sinclair unter der Macht Kromers leidet, und schlägt ihm vor, die Kunst des „Gedankenlesens“ auszuprobieren. Dieser fragt sich verwundert: „Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die alles wusste? Die alles besser, klarer wusste als ich selber?“ Demian spricht mit Kromer und dieser lässt von da an sein Opfer in Ruhe. Sinclair verfällt in Euphorie, vermag aber nicht, gegenüber Demian Dankbarkeit zu empfinden. Stattdessen zieht er sich wieder in die heile Welt des Elternhauses zurück.

Der Schächer

In der Pubertät angekommen, spürt Sinclair Triebe aufkeimen, die er auf die dunkle Welt zurückführt. Er erkennt schließlich, dass auch diese in ihm stecken und er sie nicht einfach vergessen oder verdrängen kann. Im Konfirmationsunterricht trifft Sinclair erneut auf Demian. Die beiden kommen sich wieder näher, und es entwickelt sich eine Freundschaft. Ausgangspunkt ihrer weltanschaulichen Gespräche ist die Kreuzigungsgeschichte und die unterschiedliche Beurteilung der beiden mit Jesus hingerichteten Verbrecher. Hier zieht Demian eine Parallele zu seiner „Kain und Abel“-Interpretation. Sinclair sieht in Demian zunehmend einen Seelenbruder. Unter anderem zeigt dieser ihm, wie sich Menschen allein durch einen eigenen, starken Willen steuern lassen. Vor allem beeinflusst Demian ihn mit seinen kritischen Ansichten von Einseitigkeit des christlichen Gottes- und Weltbildes. Den biblischen Gott hält er für unvollkommen, da er nur die gute offizielle Hälfte vertrete, während die andere Hälfte, v. a. der sexuelle Bereich des normalen Lebens, dem Teufel zugeschrieben und von der Gesellschaft ohne Differenzierung totgeschwiegen werde. Sinclair erkennt in dieser Sicht seinen eigenen Widerspruch zwischen den zwei Welten und wird gewahr, dass dies kein persönlicher, sondern ein kulturell bedingter Konflikt ist. „In mir trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre, das ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt hatte.“ Demian sieht sich und seinen Freund als Vorbilder für eine andere Art zu leben, denn auch die Gedanken der anderen Hälfte müssten gelebt werden. Jeder müsse selbst für sich entscheiden, was ihm erlaubt und was verboten ist, da sich Regeln genauso wie gesellschaftliche Konventionen mit der Zeit ändern und Verbote nur in ihrer jeweiligen Zeitspanne gelten würden. Kurz vor der Konfirmation scheint sich Demian von Sinclair zu distanzieren. Emil sieht Max zum ersten Mal im Zustand der Meditation, seine eigenen Versuche gelingen ihm jedoch nicht. Nach der Konfirmation beginnt für ihn eine Zeit, in der die Kindheit um ihn her in Trümmer fällt.

Beatrice

Mit etwa 14 Jahren wechselt Sinclair auf das Gymnasium in St. und wohnt in der Knabenpension eines Lehrers. Fern von Demian nehmen seine seelischen Probleme wieder zu. Er wird durch Alfons Beck, den ältesten seiner Pension, zum Trinker und erlebt seine ersten Alkoholexzesse, so dass er mit der Zeit als berühmter Kneipenbesucher bekannt wird und ein immer selbstzerstörerischeres Verhalten an den Tag legt. Indes herrscht in seinem Innersten ein zwiespältiges Gefühlschaos: Während er sich zum Teufel und zur dunklen Welt abgeglitten sieht, sehnt Sinclair sich nach einer neuen Liebe und nach seinem Freund Demian. Auch anderen Leuten erscheint Sinclair als ein seelisches Wrack, allen voran seinen Eltern, die ihn bei einem Besuch kaum wiedererkennen und befürchten, dass er von der Schule verwiesen wird. Sein innerer Konflikt beginnt sich zu lösen, als er einer jungen Frau begegnet, die er heimlich verehrt. Er nennt sie Beatrice, in Anlehnung an ein englisches Gemälde, das er stets bei sich trägt und das Dantes Jugendliebe Beatrice Portinari zeigt. Er verklärt sie zu einem Heiligtum und kehrt der bösen Welt schlagartig den Rücken. Manchmal ganz in einer Traumwelt lebend, beginnt er, Zeichnungen von seiner Beatrice anzufertigen. In diesen erkennt er Merkmale und Gesichtszüge von Demian und später auch von sich selbst: „Das Bild glich mir nicht – das sollte es auch nicht, fühlte ich – aber es war das, was mein Leben ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon.“ Durch eine innere Verbundenheit mit den Bildern entwickelt er ein neues Ideal, das ihn leitet. Seine Schulnoten verbessern sich wieder, aber seine Wandlung isoliert ihn von den Kameraden. Er lebt „in einer ganz unwirklichen Welt“ mit Träumen und Erwartungen. Schließlich zeichnet der jetzt 16-Jährige nach dem Vorbild des Wappenvogels über dem Portal seines Elternhauses, auf den ihn einst Demian aufmerksam gemacht hat, das Traumbild eines Vogels, der aus einer Weltkugel hervorkommt, und sendet es an seinen Freund.

Der Vogel kämpft sich aus dem Ei

Bald darauf findet Sinclair in seiner Schulklasse einen kleinen Zettel in seiner Mappe, auf dem Demians Worte stehen: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“ Schon in der nächsten Unterrichtsstunde erfährt Sinclair, dass Abraxas der Name einer Gottheit ist, die Göttliches und Teuflisches vereint. Sein Interesse an dieser mysteriösen Göttergestalt ist augenblicklich geweckt. Nach erfolgloser Suche in der Bibliothek gelangt Emil, von seinem Verlangen nach Musik geleitet, zu dem Organisten namens Pistorius, einem ehemaligen Theologiestudenten. Dieser erzählt Sinclair einerseits von Abraxas als dem Einenden der zwei gegensätzlichen Welten, andererseits von dem „großen Menschheitsbesitz“, den jeder Mensch mit sich trage. All das, was jemals in einer Menschenseele gelebt habe, befinde sich auch in jedem einzelnen Individuum. Wer sich dessen bewusst sei, sei Mensch im eigentlichen Sinn. Pistorius hegt Zweifel am christlichen Gottesbild, verweist auf Abraxas und bestärkt Sinclair darin, sich mehr auf die eigene Stimme zu verlassen als auf die Meinung anderer.

Jakobs Kampf

Unterdessen zieht Sinclair durch seine Ausstrahlung den spirituell suchenden Mitschüler Knauer an, doch er kann ihm nicht helfen und sagt ihm, er müsse seinen eigenen Weg suchen. Knauer ist verzweifelt und Emil verhindert, von einer inneren Macht an den Unglücksort gezogen, seinen Selbstmord. Gegen Ende seiner Gymnasialzeit trennt sich der inzwischen 18-jährige Sinclair von seinem Führer Pistorius, der sich trotz seiner Botschaft zur Selbstfindung an traditionelle Werte, die Tradition seiner Musik, gebunden fühlt und Sinclairs radikalen Schnitt für sich nicht vollziehen kann. Der individuelle Weg, schicksalhaft nur den inneren Bedürfnissen entsprechend zu leben und auch Verbrechen nicht auszuschließen, bedeute die extreme Einsamkeit: „Wer wirklich gar nichts will als sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein und hat nur den kalten Weltenraum um sich. […] das ist Jesus im Garten Gethsemane.“ Emil dagegen hat erkannt, dass es für erwachte Menschen wichtig ist, dem ureigenen Weg zu folgen, indem man auf sein Inneres hört. Für jeden existiere ein eigenes „Amt“, das ihm das Schicksal zuweise, und dem er nachgehen müsse.

Frau Eva

Mit 18 Jahren beginnt Sinclair das Studium der Philosophie an der Universität H. Er betrachtet nun die Kneipengänger aus einer vollkommen anderen Perspektive und fühlt sich dieser Welt nicht mehr zugehörig. Er trifft – durch sein inneres Verlangen geleitet – wieder auf Demian und dieser lädt ihn in das Haus seiner Mutter ein. In der Halle hängt sein Sperberbild, das er dem Freund geschickt hat, und Sinclair erkennt, dass Demians Mutter, von ihren Vertrauten „Frau Eva“ genannt, dem oft von ihm gezeichneten Traumgesicht gleicht. Sie wird zu seinem neuen Leitbild, ist für ihn Dämon und Mutter, Schicksal und Geliebte, schön und verlockend, und gibt ihm die Kraft, ohne Angst und Unsicherheit auf sich selbst vertrauen zu können: „Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu fühlen, dass es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Innern und wolle nur tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir klangen wie Antworten meines Unbewussten auf brennende Fragen, die mich bewegten.“ Frau Eva, Sinclair und Demian bilden in den kommenden Monaten eine enge, harmonische Gemeinschaft und den Kern eines Kreises „Suchende[r] von sehr verschiedener Art“, die sich durch das Kainszeichen und durch ihre Kritik an der „schreiende[n] Verödung des Geistes“ im jetzigen Europa verbunden fühlen. Gemeinsam bereiten sie sich auf den Zusammenbruch und die Neugeburt Europas vor, die sie erfühlen und für notwendig halten. Frau Eva spürt Sinclairs Liebe zu ihr und erklärt ihm, dass sie sich ihm nicht verschenken, sondern von ihm gewonnen werden will, indem seine Liebe sie zu ihm zieht.

Anfang vom Ende

Nach einigen Monaten des Glücks in der „Trauminsel“ in H. ahnt Sinclair, dass dieser Zustand nicht anhalten wird und er wieder in der kalten Welt der anderen stehen würde. Er sucht Hilfe bei Frau Eva und fasst sein ganzes Bewusstsein zusammen, um die Geliebte zu sich zu ziehen. Doch sie folgt ihm nicht, sondern schickt ihm Demian, der ihm die Wende verkündet: Die Welt scheint zusammenzustürzen, der Erste Weltkrieg hat begonnen. Die Freunde werden Soldaten und kämpfen an der Front. Sinclair spürt, dass der von dem Kreis der Erleuchteten ersehnte Zusammenbruch des alten Systems beginnt, und deutet dementsprechend den Hass der Gegner aufeinander: „Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspalteten Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und das Ei war die Welt, und die Welt musste in Trümmer gehen.“ In einer Vision sieht Sinclair in einer Wolke Frau Eva als mächtige Muttergöttin, die die Menschheit in sich aufnimmt, um sie neu zu gebären. Aus ihrer Stirn löst sich ein Stern. Es ist ein Geschoss, das Sinclair schwer verwundet. Im Lazarett liegt der sterbende Demian neben ihm und sagt ihm, dass er ihn nicht mehr wie damals vor Kromer beschützen kann. Aber er sei in ihm und er müsse in sich hineinhorchen. Dann gibt er dem Freund einen Kuss von Frau Eva. Sinclair findet fortan den Freund und Führer in sich selbst, dort „wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern“, und dieser ist eins mit ihm geworden."

meine Inhaltsangabe zur Zeit meiner Erstlektüre (1960/70?)
Vorwort: Jeder Mensch ist einmalig, "in jedem ist der Geist Gestalt geworden", und jeder strebt "seinem eigenen Ziele zu".
1.Kapitel: Zwei Welten:
Für Sinclair gab es immer zwei Welten, eine lichte Welt der Ordnung, Liebe und Klarheit, die von seinen Eltern repräsentiert wurde, und die dunkle Welt, der Unruhe und der Sinnlichkeit, die aufregend und deshalb anziehend war, obwohl er wusste, dass sie verboten und gefährlich war. Diese Welt war überall außerhalb des Einflussbereiches der Eltern.
Diese dunkle Welt brach in der Person des Franz Krombach, dem Sinclair, um ihm zu imponieren, eine Geschichte von einem Apfeldiebstahl vorgelogen hatte, in Sinclairs Leben ein. Dieser erpresste ihn mit der Drohung, dies angebliche Vergehen zu verraten, zu allerlei kleineren Diebstählen und Taten der Unterwerfung unter Franzens willen. Dadurch entfremdete er Sinclair seinen Eltern, so dass dieser (Sinclair) keine Möglichkeit sieht, sie um Hilfe anzugehen."

Dies Buch war das einzige Buch von Hesse, das mir von Anfang an großen Eindruck gemacht hat. Ich nehme daher an, dass ich es am Ende meiner Gymnasialzeit (das Wahrscheinlichere) oder im Anfang meines Studiums gelesen habe (auf jeden Fall vor dem 16.3. 1984, denn so ist der folgende Eintrag notiert). Imponiert hat mir damals der gut-böse Gott, der nicht einer der beiden Welten zuzuordnen ist.  Wikipedia: "Als Zeitzeuge äußerte sich Thomas Mann: „Unvergesslich ist die elektrisierende Wirkung“ des Demian, „eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens entstanden (während es ein schon Zweiundvierzigjähriger war, der ihnen gab, was sie brauchte), zu dankbarem Entzücken hinriß“."[41]  [heute: midlife-crisis].

28 Mai 2025

Hermann Hesse: Erinnerung an Hans

Hermann Hesse hatte es gewiss nicht einfach im Leben: Die Rebellion gegen seine pietistischen Vater, seine Isolation von seinen Kreisen, als er von Deutschland getrennt einer der Wenigen war, die sich bedingungslos gegen den Krieg stellten, ganz anders als der von ihm geschätzte Thomas Mann, der sich als "Unpolitischer" und als Verteidiger des Deutschtums gegenüber dem "Zivilisationsliteraten" verstand.

Und nun erlebe ich ihn in seinem Text "Erinnerung an Hans" (seinen jüngeren Bruder) als den, der sich seiner - gegenüber dem Bruder - sehr bevorzugten Stellung sehr bewusst ist.(sieh: Perlentaucher)

"Zwei Erinnerungen stehen Hermann Hesse besonders vor Augen. Kleine Momente nur. Einmal am Weihnachtsabend, Hans sieben, Hermann zwölf Jahre alt, sieht der große Bruder den Glanz des vollkommenen Glücks in den Augen des Kleinen im Angesicht der Kerzen und der Geschenke. Im ersten Moment verachtet er den Staunenden. Im zweiten weiß er: In ihm selbst ist dieses Glück, dieses vollkommen unverstellte Erfülltsein vom Augenblick für immer verloren. Er weiß: Dies hier, dieser Moment, das wird für immer das Beste bleiben, was dir im Leben geschehen kann. Unbewusstes Strahlen aus deinem Innersten heraus. Der Ältere erkennt in einem Erkenntnis-Flash die eigene Vertreibung aus dem Paradies. Der Jüngere steckt noch mittendrin.# Er sah im Bruder stets das andere Ich Aus dieser Urszene entwickelt Hesse die brüderlichen Lebenslinien. Während dem Jüngeren kein Projekt, 
keine Begabung, kein Hilfsmittel zur Rückgewinnung jenes frühen Glücks mitgegeben wurde, hat der Ältere seine Kunst. Mit zäher Energie bewegt sich Hermann Hesse stetig 
und unaufhaltsam auf sein Ziel hin, von dem er seit Kindesbeinen träumte: das Ziel, Schriftsteller zu werden. Der Kleinere fühlt diese Gabe in sich nicht. Sein Ziel heißt von frühen Tagen an: Zurück! Ins Kinderland" (, ZEIT 26.5.2025)
Hermann ist aus dem Kinderparadies vertrieben und versucht, als er älter ist. irgendwie seinem Bruder gerecht zu werden, als der in der Arbeitswelt in einem untergeordneten Posten unglücklich wird, aber es nach außen geduldig trägt, dann aber doch sich die Pulsadern aufschneidet. 
Das gemischte Gefühl, das Hermann seinem Bruder gegenüber hat, spricht mich sehr an.
Und wie er die Gemeinsamkeit mit seinem Bruder in der Selbstmordgefährdung schildert,
die bei ihm - behandelt - seinem Werk Tiefe gibt. 
Dass Hesse hier ganz als Person, nicht als Autor hervortritt, rührt mich an und macht ihn mir sympathisch. 

 Die Spur der Traurigkeit

"Hans war 24 Jahre alt, als ihm sein großer Bruder zum ersten Mal eine Pistole weggenommen hat. Sie lag ganz obenauf in seinem Koffer im Feriengepäck. Es war am Bodensee, wo Hermann Hesse damals, im Sommer 1906, lebte und sein kleiner Bruder war für ein paar Tage zur Erholung zu ihm gekommen. Hermann Hesse, fünf Jahre älter, hatte ihm beim Auspacken geholfen, und als er die Waffe fand, lachten beide verlegen, und der große Bruder bewahrte sie für die Dauer der Ferien auf. Er wusste um die Gefährdung des Bruders. Es war auch seine eigene.
Im Insel Verlag ist gerade ein sehr schönes Buch von Hermann Hesse erschienen, dem Autor des Steppenwolfs und von Siddharta, dem Nobelpreisträger aus Calw, über den mit leisem Spott zu sprechen irgendwie normal geworden ist. Vielleicht weil vielen Menschen, die seine Bücher in frühen Phasen ihres Lebens liebten, ihre eigenen Gefühle von damals peinlich geworden sind. Wie eine Wiederbegegnung mit einem früheren Ich, das man in einer dunklen Truhe der Scham abgelegt hat. Schade um die Bücher. Sie sind es wert, in guter Erinnerung behalten zu werden. Genauso wie unsere früheren Ichs.
Das Buch, von dem wir hier sprechen wollen, heißt Erinnerung an Hans und ist nicht neu. Aber es ist ein wenig bekannter und sehr eindrucksvoller Text. Vielleicht weil Hermann Hesse in diesen Erinnerungen an seinen Bruder eine gespiegelte Autobiografie schreibt. Sein eigenes Leben, wie es hätte sein können, wenn er diese eine, einzigartige Gabe nicht gehabt hätte: die Gabe, Geschichten zu erzählen. [...]"

Ein dünnes Buch, ich kann es empfehlen.

19 Dezember 2024

Ergänzendes zu Hermann Hesse

Geschätzt wird auch von Kennern Die Morgenlandfahrt, die ich wohl nie ganz durchgelesen habe. Man kann sie als Vorstufe zum Glasperlenspiel sehen, sie hat aber als biographisches Zeugnis eine größere Aussagekraft. Denn zentral ist für die Morgenlandfahrt auch die Gemeinschaft vom Monte Verità. Hesse "entschuldigt" sich darin sozusagen, dass er es nicht bei dieser Gemeinschaft aushielt. 

Hesse hat Zeiten gehabt, wo er - z.B. in den USA - Furore gemacht hat, Zeiten, wo er in Deutschland wegen seiner Kritik am 1. Weltkrieg geradezu verfemt war, er wurde al medioker und kitschig angesehen. Er ist kein Superstilist und seine Werke sind nicht so welthaltig wie etwa die von Thomas Mann oder Fontane, sein Gedicht "Stufen" war aber bei einer Umfrage ums Jahr 2000 das beliebteste der befragten Deutschen (wer beteiligt sich schon bei einer solchen Umfrage?). Als Jugendlicher hat mich Demian fasziniert, meine Tochter war es von Siddharta. Seine menschliche Haltung gefällt mir sehr gut, als Ehemann und als Zeitgenosse war er wohl eher eine Zumutung.

Keiner von den ganz Großen, aber ein ungewöhnlich guter Kenner der Weltliteratur.


03 März 2024

Wieder ein Blick ins Glasperlenspiel

 Es ist bekannt, dass Hesse mit der Charakteristik des Vorgängers von Josef Knecht als Glasperlenspielmeister, als mit der von Thomas von der Trave, auf Thomas Mann anspielt.

Bei neuerlicher Lektüre des Abschnitts, wo Bertram, der Vertreter von Thomas von der Trave bei der Ausübung seines Amtes so versagt, dass er flieht und offenbar den Freitod sucht, kommt der im Sterben liegende Thomas nicht gut weg. Ob es eine Anspielung auf Goethes Ausnutzung seines Sohnes August sein könnte? Dann wäre es zwar ein sehr kritisher, aber für Thomas Mann sehr ehrenvoller Vergleich.

Ich denke dabei einerseits daran, wie Th. Mann Gerhart Hauptmann im Zauberberg eine eindrucksvolle, aber sehr unschmeichelhafte Rolle spielen lässt, und auch daran, wie er im Dr. Faustus seinen eigenen Liebling Frido in der Gestalt des Echo einen grausamen Tod sterben lässt. 

Mag sein, der Künstler braucht eine Figur und nimmt aus seinem Leben eine, die für die  Figur passt, die er an dieser Stelle des Werks braucht. Ist das wirklich zwingend notwendig? Welche Grenzen sollte literarische Fiktion einhalten? Wird seine Gestaltung nicht zu blutleer, wenn er seine eigensten Erfahrungen nicht einbringen darf?

Böse gesagt: Ist das Glasperlenspiel nicht ohnehin so abstrakt, dass solche Grenzüberschreitung des Bezugs auf reale Personen den Charakter des Werks sowieso nicht mehr wesentlich verändern kann.

Die Buddenbrooks sind voller lebensvoller Gestalten, dies nobelpreiswürdige Meisterwerk war einem jungen Autor nur möglich, indem er viel von seiner Erfahrungswelt möglichst unverändert aufnahm. Aber das Glasperlenspiel als ein für die gedankliche Aussage konstruiertes Werk hat diese Rechtfertigung nicht.

Doch, dass ich inzwischen wieder auf das Alterswerk Hesses zurückkomme, läaat erkennen, dass ich es doch immer wieder lesenswert finde. 

16 Februar 2024

Hermann Hesse: Wenn der Krieg noch zwei Jahre dauert

 Der Ich-Erzähler ist in eine kafkaeske Welt geraten, , wo von ihm ungezählte Berechtigungsscheine gefordert werden und wo er für alles bestraft wird.


Zitate:

"Ich sah, ich war zu lange weg gewesen. Es war schwer, sich wieder einzuleben." (S.250)

"[...] Ich verstehe, sagte ich. Es ist eigentlich weiter nicht erstaunlich. Nur eins begreife ich nicht ganz. Sagen Sie mir: wozu eigentlich macht nun die ganze Welt diese riesigen Anstrengungen? Diese Entbehrungen, diese Gesetze, diese tausend Ämter und Beamte – was ist es eigentlich, was man damit beschützt und aufrecht erhält?" /
Erstaunt sah der Herr mir ins Gesicht.
"Ist das eine Frage!" rief er mit Kopfschütteln. Sie wissen doch, dass Krieg ist, Krieg in der ganzen Welt! Und das ist es, was wir erhalten, wofür wir Gesetze geben, wofür wir Opfer bringen. Der Krieg ist es. Ohne diese enormen Anstrengungen und Leistungen könnten die Armeen keine Woche länger im Felde stehen. Sie werden verhungern – es wäre unausstehlich!"
"Ja", sagte ich langsam, "das ist allerdings ein Gedanke! Also der Krieg ist das Gut, das mit solchen Opfern aufrechterhalten wird! Ja, aber  – erlauben Sie eine seltsame Frage – warum schätzen Sie den Krieg so hoch? Ist er denn alles wert? Ist denn der Krieg überhaupt ein Gut?"
Mitleidig zuckte der Beamte die Achseln. Ich sah, ich verstand ihn nicht.
"Lieber Herr Sinclair*", sagte er, Sie sind sehr weltfremd geworden. Aber bitte, gehen Sie durch eine einzige Straße, reden Sie mit einem einzigen Menschen, strengen Sie ihre Gedanken nur ein klein wenig an und fragen Sie sich: was haben wir noch? Worin besteht unser Leben? Dann müssen Sie doch sofort sagen: Der Krieg ist das einzige, was wir noch haben! Vergnügen und persönlicher Erwerb, gesellschaftlicher Ehrgeiz, Habgier, Liebe, Geistesarbeit – alles existiert nicht mehr. Der Krieg ist es einzig und allein, dem wir es verdanken, dass noch so etwas wie Ordnung, Gesetz, Gedanke, Geist in der Welt vorhanden ist. – Können Sie denn das nicht sehen?" [1917] (S.251/252) (in: "Europäische Erzähler des 20. Jahrhunderts", Copyright 1985, Heyne Allgemeine Reihe Nr. 01/8708 - Wikipedia)

*Emil Sinclair war eine Zeitlang Hermann Hesses Pseudonym.

30 Mai 2023

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel (ein weiterer Blick in das Werk)

 R.W. Leonhardt, Feuilletonchef der ZEIT, schrieb 1962 kurz nach Hesses Tod: "Mit Hesse [...] ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen", machte aber deutlich, dass er das zeitgenössische Urteil nicht für endgültig halte, und verwies auf mehrere Entdeckungen, die dieser Autor schon damals erfahren hatte.

dazu in der Wikipedia:

"So ähnelt die Hesse-Rezeption einer Pendelbewegung: Kaum war sie in den 1960er Jahren in Deutschland auf einem Tiefpunkt angelangt, brach unter den Jugendlichen in den USA ein „Hesse-Boom“ ohnegleichen aus, der dann auch wieder nach Deutschland übergriff; insbesondere Der Steppenwolf (nach dem sich die gleichnamige Rockband benannte) wurde international zum Bestseller und Hesse zu einem der meistübersetzten und -gelesenen deutschen Autoren. Weltweit wurden über 120 Millionen seiner Bücher verkauft (Stand Anfang 2007). " (Hermann Hesse)

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel (Wikipedia)

In meinem Artikel von 2019 habe ich schon manches angeführt, was an dem Autor, aber auch an dem Roman heute noch interessieren kann. Ausdrücklich verweise ich auch hier auf den Text von Dvorecky, der eine sehr lesenswerte und weit tiefer greifende Behandlung des Glasperlenspiels bietet als meine Texte dazu

Hier ein paar weitere Notizen:

"Ein wesentlicher Schritt auf der Karriereleiter ist weiterhin Knechts Gesandtschaft in ein katholisches Kloster. Auch dies ein Stück Außenwelt, das er kennenlernt, zumal ihn ein Pater in die Geschichtswissenschaft einweist, die als zutiefst „weltliches“, in der Materialität verhaftetes Fach im kastalischen Kanon keinen Platz hat." (Wikipedia)

Meister Jakobus, der Historiker, S.215 ff.

der Pietist Bengel als eine Art Vorläufer des Glasperlenspiels, S. 220-23

Geschichtswissenschaft, S.226

die "Seele" eines Mönchsordens, S.228

Das "Misstrauen" von Samen von Gebirgspflanzen, S.230, spricht da der Schweizer?

Tegularius, Ferromonte (S.266, 270)

Erwachsensein, S.240

"Nach eigenen Angaben hat Hesse Ende 1930 mit der Arbeit an seinem Opus magnum begonnen. Am 29. April 1942 schloss er diese ab, im Februar 1943 arbeitete er aber nochmals ein Kapitel um. Allein von der Einleitung existieren vier Fassungen: die letzte wurde im Dezember 1934 in der Neuen Rundschau vorabgedruckt, die drei vorherigen wurden 1977 erstmals veröffentlicht. Am 18. November 1943 erschien die Erstausgabe in Zürich, nachdem Peter Suhrkamp vom deutschen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Sommer 1942 ein definitives Druckverbot für den S. Fischer Verlag erhalten hatte. Der geplante Buchtitel lautete noch im Frühling 1943 bei Vertragsabschluss mit dem Schweizer Verlag Der Glasperlenspielmeister. Nach der Nobelpreisverleihung an Hesse durfte Suhrkamp im Dezember 1946 das Werk in Lizenz in Deutschland herausgeben, allerdings im Gegensatz zur Zürcher Ausgabe in Fraktur gesetzt. "  (Wikipedia)

30 April 2023

Lieblingsgedichte der Deutschen

 Piper Verlag

Die Lieblingsgedichte der Deutschen nach einer Hörerumfrage des Westdeutschen Rundfunks aus dem Jahr 2000. Natürlich sind es nur die Lieblingsgedichte der Hörer, die bei dieser Umfrage mitgemacht haben, also die von literarisch Interessierten, die Gedichte mögen.

Bob Dylan-Fans werden dabei nicht in großem Umfang teilgenommen haben.

Naheliegenderweise ist Erich Kästners Berlin in Zahlen* nicht dabei, obwohl ich es dem einen oder anderen der unten genannten vorziehen würe.

1. Hermann Hesse: Stufen 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
 Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, 
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend 
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. 
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe 
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, 
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern 
In andre, neue Bindungen zu geben. 
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. 

 Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, 
An keinem wie an einer Heimat hängen, 
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, 
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. 
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise 
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; 
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, 
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

 Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde 
Uns neuen Räumen jung entgegen senden, 
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, 
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

2. Joseph von Eichendorff: Mondnacht
3. Rainer Maria Rilke: Herbsttag
4. Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
5. Rainer Maria Rilke: Der Panther
6. Friedrich Schiller: Die Bürgschaft
7. Erich Fried: Was es ist
8. Eduard Mörike: Er ist's
9. Conrad Ferdinand Meyer: Der römische Brunnen
10. Johann Wolfgang Goethe: Der Zauberlehrling
11. Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens
12. Rainer Maria Rilke: Herbst
13. Matthias Claudius: Abendlied
14. Johann Wolfgang Goethe: An den Mond
15. Johann Wolfgang Goethe: Erlkönig
16. Paul Celan: Todesfuge
17. Joseph von Eichendorff: Wünschelrute
18. Erich Kästner: Der Mai
19. Johann Wolfgang Goethe: Wandrers Nachtlied II
20. Eduard Mörike: Um Mitternacht
21. Johann Wolfgang Goethe: Prometheus
22. Friedrich Hebbel: Herbstbild
23. Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke
24. Otto Ernst: Nis Randers
25. Theodor Fontane: John Maynard
26. Hermann Hesse: Im Nebel
27. Ludwig Uhland: Frühlingsglaube
28. Johann Wolfgang Goethe: Gesang der Geister über den Wassern
29. Theodor Storm: Abseits
30. Hans Carossa: Der alte Brunnen
31. Rainer Maria Rilke: Ich lebe mein Leben
32. Wilhelm Lehmann: Atemholen
33. Joachim Ringelnatz: Die Ameisen
34. Erich Kästner: Sachliche Romanze
35. Anonym: Du bist mîn, ich bin dîn
36. Heinz Erhardt: Die Made
37. Jakob van Hoddis: Weltende
38. Ina Seidel: Trost
39. Gottfried Benn: Nur zwei Dinge
40. Berthold Brecht: Erinnerung an die Marie A.
41. Hilde Domin: Nicht müde werden
42. Annette von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor
43. Joseph von Eichendorff: Sehnsucht
44. Paul Fleming: An sich
45. Johann Wolfgang Goethe: Gefunden
46. Johann Wolfgang Goethe: Mailied
47. Hugo von Hofmannsthal: Vorfrühling
48. Hugo von Hofmannsthal: Die Beiden
49. Eduard Mörike: Im Frühling
50. Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit
51. Berthold Brecht: An die Nachgeborenen
52. Wilhelm Busch: Selbstkritik
53. Annette von Droste Hülshoff: Am Turme
54. Marie von Ebner-Eschenbach: Ein kleines Lied
55. Andreas Gryphius: Betrachtung der Zeit
56. Kurt Tucholsky: Augen in der Groß-Stadt
57. Eduard Mörike: Gebet
58. August von Platen: Das Grab im Busento
59. Rainer Maria Rilke: Liebes-Lied
60. Joachim Ringelnatz: Ich hab dich so liebe
61. Ludwig Uhland: Des Sängers Fluch
62. Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten wunderbar geborgen
63. Wilhelm Busch: Ein dicker Sack
64. Adelbert von Chassimo: Das Riesen-Spielzeug
65. Johann Wolfgang Goethe: Willkommen und Abschied
66. Friedrich Hebbel: Sommerbild
67. Johann Gottfried Herder: Ein Traum
68. Else Lasker-Schüler: Ein alter Tibetteppich
69. Christian Morgenstern: Das ästhetische Wiesel
70. Rainer Maria Rilke: Blaue Hortensie
71. Joachim Ringelnatz: Im Park
72. Gottfried Benn: Astern
73. Eduard Mörike: Septembermorgen
74. Anonym: Dunkel war's, der Mond schien helle
75. Gottfried Benn: Reisen
76. Berthold Brecht: Die Liebenden
77. Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise
78. Hilde Domin: Nur eine Rose als Stütze
79. Johann Wolfgang Goethe: Mignon
80. Johann Wolfgang Goethe: Wanders Lied I
81. Heinrich Heiner: Ein Jüngling liebt ein Mädchen
82. Heinrich Heine: Das Fräulein stand am Meere
83. Heinrich Heine: Im wunderschönen Monat Mai
84. Heinrich Heine: Leise zieht durch mein Gemüt
85. Herrmann Hesse: Beim Schlafengehen
86. Mascha Kaléko: Sozusagen grundlos vergnügt
87. Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier
88. Christian Morgenstern: Der Lattenzaun
89. Börries von Münchhausen: Lederhosen-Saga
90. Rainer Maria Rilke: Advent
91. Joachim Ringelnatz: Arm Kräutchen
92. Eugen Roth: Ein Mensch
93. Gustav Schwab: Das Gewitter
94. Kurt Schwitters: An Anna Blume
95. Georg Trakl: Verklärter Herbst
96. Kurt Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit
97. Walther von der Vogelweide: Ich saz ûf eime steine
98. Theodor Fontane: Die Brücke am Tay
99. Rose Ausländer: Nicht fertig werden
100. Joachim Ringelnatz: Überall
*Erich Kästner (1899-1974)

Berlin in Zahlen [1931]

Laßt uns Berlin statistisch erfassen!
Berlin ist eine ausführliche Stadt,
die 190 Krankenkassen
und 916 ha Friedhöfe hat.

53 000 Berliner sterben im Jahr,
und nur 43 000 kommen zur Welt.
Die Differenz bringt der Stadt aber keine Gefahr,
weil sie 60 000 Berliner durch Zuzug erhält.
Hurra!

Berlin besitzt ziemlich 900 Brücken
und verbraucht an Fleisch 303 000 000 Kilogramm.
Berlin hat pro Jahr rund 40 Morde, die glücken.
Und seine breiteste Straße heißt Kurfürstendamm.

Berlin hat jährlich 27 600 Unfälle.
Und 57 600 Bewohner verlassen Kirche und Glauben.
Berlin hat 606 Konkurse, reelle und unreelle,
und 700 000 Hühner, Gänse und Tauben.


Berlin hat jährlich 27 600 Unfälle.
Und 57 600 Bewohner verlassen Kirche und Glauben.
Berlin hat 606 Konkurse, reelle und unreelle,
und 700 000 Hühner, Gänse und Tauben.
Halleluja!


Berlin hat 20 100 Schank- und Gaststätten,
6300 Ärzte und 8400 Damenschneider
und 117 000 Familien, die gern eine Wohnung hätten.
Aber sie haben keine. Leider.

Ob sich das Lesen solcher Zahlen auch lohnt?
Oder ob sie nicht aufschlußreich sind und nur scheinen?
Berlin wird von 4 500 000 Menschen bewohnt
Und nur, laut Statistik, von 32 600 Schweinen.
Wie meinen?

(zitiert nach: Berlin. 100 Gedichte aus 100 Jahren Aufbau Verlag 1987)


27 September 2019

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

"[...] Der eigentlichen Handlung geht ein Kapitel voran, das in Form einer historischen Abhandlung abgefasst ist und die Entwicklung der von Hesse entworfenen Welt darstellt 
(Das Glasperlenspiel. Versuch einer allgemeinverständlichen Einführung in seine Geschichte). Nach der Handlung (Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht) folgen kleinere literarische Werke, deren Autorschaft Hesse der Hauptfigur Josef Knecht zuschreibt: einige Gedichte (Die Gedichte des Schülers und Studenten) sowie Die drei Lebensläufe, die Knechts Leben in verschiedene geschichtliche Epochen zurückprojizieren sollen (Der RegenmacherDer Beichtvater und Indischer Lebenslauf). Wie auch im Hauptteil variiert Hesse hier sein altes Thema von Meister und Jünger, und zwar vorwiegend in der Form, dass der zeitweise ungetreue Jünger am Ende reuig zu seinem Meister zurückkehrt, um dessen Nachfolge anzutreten.[...]" (https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Glasperlenspiel)

"[...] Darum dürfen die Kastalier in keiner der Kulturdisziplinen, die sie so meisterhaft durchschreiten, Inhalte schaffen, denn solche würden erneute Fragmentierung bedeuten. Dem kastalischen Orden ist das archetypische Zeugungsverbot auferlegt³. Auf der Suche nach dem übergeordnet Gemeinsamen untersuchen die Ordensbrüder Musik oder Literatur von Epochen, komponieren selbst aber kein Blockflötenstück, und auch ernsthaftes Dichten ist seit Jahrhunderten verpönt. Den Studenten ist jede künstlerische Eigenschöpfung untersagt, mit Ausnahme des Schreibens fiktiver Lebensläufe. [...]
Gilt es ein Vorbild für Josef Knechts Lebenslauf zu finden, so ist es das Leben des Kung Fu Tse: Er lebte in einer Zeit der Auflösung, der sich bekämpfenden Reiche. Die Rettung sah er im Studium des Altertums, in dem er den zeitlosen Gehalt suchte und in ein Neues wandelte. Er war Zeremonienmeister; bekleidete hohe Ämter, entsagte ihnen und starb unbeachtet und zurückgezogen im Kreise seiner Schüler. Gegenüber Frauen war Kung Fu Tse gleichgültig; drei Dingen maß er höchsten Wert bei: der Pädagogie, der Musik und dem Spiel des I-Ging. Sein vornehmes Ziel galt der Heranbildung einer aristokratischen Elite; im Lernen sieht Kung Fu Tse den einzigen Weg zur Vollkommenheit, der Sinn alles Lernens ist die Praxis. Er glaubte an eine höchste Ordnung; nie glaubte er, dass vollendetes Wissen in der Welt möglich sei. Menschenliebe und Gerechtigkeitssinn hielten ihn an, über das Tao in einem Maße zu schweigen, dass ihn die Legende zum Kontrahenten von Laozi machte. [...]
Seine bemerkenswerte Komplexität verdankt das Glasperlenspiel zum guten Teil der sorglosen Versammlung verschiedener Philosophien. Stets bleibt Hesse unscharf, behauptet, wo er erweisen müsste, beschreibt, wo er gestalten sollte und woran sich die literarische Qualität eines Werkes bemisst. [...]
Hesses Romane erfuhren in den 60er Jahren eine zweite, unerwartete Rezeptionswelle. Was die Literaturwissenschaft so erstaunte, war, dass die euphorischsten Reaktionen nicht von Hesses traditioneller Zielgruppe kamen, sondern von Teenagern aus den Vereinigten Staaten bis Japan, denen der Bildungsroman und die deutsche romantische Subjektivität unbekannt waren. Was Hesse von anderen Autoren der Vor- und Nachkriegszeit jedoch abhebt und so modern macht, ist der Selbsterfahrungsstil seiner Werke.
    Die Selbstsuche und Selbsterfahrung, schon immer vorhanden als Privileg von wenigen, ist als Massenerscheinung ein Phänomen der Moderne. Wo der Glaube verloren geht, beginnt die Suche. [...]
Der überschwängliche Prophet Timothy Leary erkannte im Glasperlenspiel sogar die hellsichtig scharfe Vorwegnahme des digitalen Zeitalters. [...]
Damit hat die digitale Maschinerie in einer pervertierten Form erschaffen, wonach Platoniker und Mystiker sich Jahrhunderte gesehnt haben und was die alten „Spiele“ wie Astrologie oder I-Ging nur ungenügend vermochten: eine geistig erfahrbare Welt aus Symbolen und Regeln, in der nichts ohne Sinn ist. So wie der Glasperlenspieler, erlebt auch der zwanghafte Programmierer oder Computerspieler einen beglückenden Zustand der Versenkung – Syntax und Regeln seines magischen Kosmos sind alles, was er zur Lösung seiner Probleme benötigt, die äußere Welt wird zur Zwischenwelt. [...]"
(Ivor Joseph Dvorecky: Hermann Hesses „Glasperlenspiel“, 2015, signaturen-magazin.de)

Von Hesses Werken haben mich Demian und Siddharta am meisten beeindruckt, das war in meiner Jugend. Zu den anderen Werken habe ich nicht so den Kontakt gefunden. Das Glasperlenspiel habe ich zwar geduldig durchgelesen, aber ohne große Anteilnahme. 
Die Darstellung des "feuilletonistischen Zeitalters" konnte ich mit keiner mir bekannten Wirklichkeit in glaubhafte Verbindung bringen. Die digitale Repräsentation Welt durch Computersimulation und Computerspiel hat es zur Zeit meiner Lektüre noch nicht gegeben. Die Vorformen, die existierten, waren mir noch unbekannt, auch wenn ich übungshalber in der 9. Klasse eine Bewerbung als Programmierer bei der Zuse KG geschrieben habe.

Insgesamt habe ich die Hesse-Verehrung als Bewunderung für sein Werk nicht nachvollziehen können. Imponiert hat mir die persönliche Haltung, sein Pazifismus und seine - freilich recht einzelgängerische - Selbständigkeit.
Hesse hat keine lebensvollen Gestalten geschaffen wie etwa das Personal der Buddenbrooks oder das der Fontaneschen Romane, das einen als vertraute Bekannte durch das Leben begleitet. Schon gar nicht in seinem "Glasperlenspiel". Josef Knecht bleibt sehr abstrakt, so wie das Spiel, das er spielt.
Aber mit dem Älterwerden interessiert mich das Biographische und Autobiographische mehr. Und da hat Hesse viel zu bieten.
Bei Betrachtung eines Bildbandes über sein Leben und Werk beeindruckt mich sehr die Vielseitigkeit seiner Tätigkeit und seiner Kontakte. Und eindrucksvoll ist, wie offen er sein Lebensgefühl in allen Krisen dargestellt hat. Nicht als Vorbild, aber als Stärkung für seine Leser. Und dann seine Persönlichkeit und seine Bereitschaft, die Flüchtlinge der Nazizeit zu unterstützen und seine Leser ernst zu nehmen.
Nicht wegen der Sprachkraft, nicht wegen eines Realismus, aber wegen der Person, die dahinter steht, werde ich ihn wieder lesen. Auch weil ich sein Gedicht "Stufen" - ganz im goethe-epigonalem Stil geschrieben - halb widerwillig - wegen der Aussage mehr und mehr zu schätzen gelernt habe.

Zwei Bemerkungen von Dvorecky möchte ich noch hervorheben:
"Stets bleibt Hesse unscharf, behauptet, wo er erweisen müsste, beschreibt, wo er gestalten sollte [...]
Der überschwängliche Prophet Timothy Leary erkannte im Glasperlenspiel sogar die hellsichtig scharfe Vorwegnahme des digitalen Zeitalters."
Als ich jetzt wieder in das Glasperlenspiel hinein gesehen habe, habe ich den Eindruck gewonnen, als habe Hesse sich sogar ausdrücklich bemüht, dem Grundsatz "Bilde Künstler, rede nicht." entgegen zu handeln. So wie Stifter sich in Nachsommer und Witiko bemüht, nicht den charakteristischen, treffenden Ausdruck zu gebrauchen, sondern einen möglichst allgemeinen. 
Hesse verzichtet freilich nicht ganz auf Gestaltung. Und ein Teil der Abstraktheit ist auch dem Gegenstand geschuldet, dem Gasperlenspiel, das gleichsam von allen Wissenschaften und Künsten nur die inhaltsfreien Strukturen übernimmt, so wie Algorithmen nicht Handlungen wiedergeben, sondern nur Handlungsrezepte sind. (Daher scheint mir der Bezug auf das "digitale Zeitalter" treffend.)
Aber das abstrakte Spiel, die Ordenswelt Kastaliens sollen Hesse ja auch ermöglichen, die Abgrenzung vom nationalsozialistischen Terrorsystem in einem Maße aufrechtzuerhalten, wie es der Schweiz nicht gelungen ist.
Thomas Mann hat in Doktor Faustus seinen Helden vom Bösen erfassen lassen und darunter gelitten, dass er sich beschreibend so nah auf das Böse einließ, dass es ihm zur Qual wurde. 
Das Böse ist aus dem Glasperlenspiel hinausabstrahiert.