28 Januar 2017

Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit

Cox oder Der Lauf der Zeit, S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

Christoph Ransmayr
James Cox
Rezensionen bei Perlentaucher
I. Mangold: Zum Roman wird hier die Zeit, ZEIT 47/2016

"Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.
Nebelbänke zogen an diesem milden Herbsttag über das glatte Wasser des Qiántáng, dessen sandiges in Nebelarmen zerfließendes Bett von mehr als zweihunderttausend Zwangsarbeitern mit Schaufeln und Körben vertieft worden war, damit gemäß den Wünschen des Kaisers ein Fehler der Natur korrigiert werde [...]" (S.9)

"Ransmayrs zarte Bildlichkeit", "eine ausgewogene Exotik in dieser west-fernöstlichen Begegnung" (Sternburg)

"Cox oder Der Lauf der Zeit ist kein realistisch historischer Roman, sondern eher ein allegorisches Märchen, in dem sich das Figurenpersonal so choreografisch bewegt wie im japanischen No-Theater: Hier ist alles Künstlichkeit und Bedeutung. Man könnte sagen: Indem Cox von Europa nach Asien kommt, verlässt er eine Welt des psychologischen Realismus, um in eine Welt der Zeremonien und Protokolle einzutreten, eine Kunstwelt von despotischer Unerbittlichkeit." (Mangold) 

Ransmayr: "Daß ausgerechnet im Schatten eines Walls, der den Fortschritt und den Luxus einer imperialen Zivilisation vor den inneren und äußeren Wüsten der Barbarei schützen sollte, ein einziger Pfeil genügte, um den Rückzug eines kaiserlichen Reitretrupps zu erzwingen, verwandelte diese unvorstellbar lange Mauer in eine bis an den Horizont reichende Aschespur, die unter den Windstößen der Jahreszeit in grauen Flockenwirbeln zerstob." (S.140)

Alles ist Atmosphäre, Bild, Stimmung, Sprache. Es ist typisch postmodern in einer Welt, wo der Sprachgebrauch sich längst dem "Postfaktischen" zugewendet hat. 
Ich sage das absichtlich so übertreibend: Alles, weil mir von der Lektüre von "Die letzte Welt" nichts von der Handlung geblieben ist als der einsame Eine in einer fremden Welt in einer höchst eigenen Atmosphäre.
Natürlich gibt es Handlung: den Pfeil, die Rossbremse, das Pferd, das auf die Hinterhand steigt. Aber wichtiger ist doch das Bild: die große Mauer, das "Paradies" von Jehol. Selbst für Cox, den letztlich einsamen Einen in der fremden Welt, bedeutet der Tod  Bradshaws nicht einen unerträglichen Verlust wie der seiner Tochter Abigail, denn Bradshaw ist ersetzbar, der Weg zu seiner Grabstätte wird für Cox zum Weg zur Sonnenuhr.

Natürlich denke ich bei all dem Prunk, bei der Ichbezogenheit des Herrschers, bei der absoluten Geltung seines Willens, bei dem Wert, der allem erst zukommt, wenn der Blick seiner Liebe darauf fällt, auch die Partnerin (bezeichnenderweise nicht seine Frau, sondern eine Konkubine) an Trump. Dabei glaube ich nicht, dass Ransmayr auch nur kurzfristig an eine Politiksatire gedacht hat. Nichts läge seiner fremden, höchst eigenen Welt ferner. 
Schließlich denkt Ransmayr auch viel zu hoch von seiner Kunst, als dass er den Kaiser, der sich jeden Morgen der Kunst widmet als Allegorie des kulturlosen Trump geschaffen hätte, des Mannes, der Bücher zwar schreibt, der Fama nach aber keines liest. 

Dies Urteil wage ich auf Seite 214 von 298. Ob mich eine Wendung des Geschehens zu einer anderen Deutung führt?)
Es kommt eine Wendung, und es folgt eine Art Krimi. Meine Deutung ändert sich aber für die Seiten bis 214 nicht; doch gegen Schluss ändert sich auch die Erzählperspektive. Aber ein satirischer Bezug auf Trump bleibt bis zum Schluss ausgeschlossen.
Viel Spaß beim Lesen!

03 Januar 2017

Brecht und Feuchtwanger

Wenn man nach einer Arbeitsgemeinschaft von zwei Bayern gefragt würde, würden einem wohl selbst die Intimparteifeinde Seehofer und Söder eher einfallen als der Augsburger Brecht und der Müchener Lion Feuchtwanger.

Wilhelm von Sternburg schreibt über die beiden in der Frankfurter Rundschau:
Für den Münchner Romancier ist der Augsburger Dramatiker ein „Genie“. Brecht wiederum notiert im „Arbeitsjournal“, Feuchtwanger habe „sinn für konstruktion, versteht sprachliche feinheiten zu schätzen, hat auch poetische und sprachliche einfälle, weiß viel von literatur, respektiert argumente und ist menschlich angenehm, ein guter freund.“
Sie schreiben zusammen Theaterstücke („Leben Eduards des Zweiten von England“ oder „Die Gesichte der Simone Marchard“).
Feuchtwanger hilft Brecht in den Flucht- und Exiljahren finanziell. Brecht agitiert den bürgerlichen Feuchtwanger politisch und trägt mit dazu bei, dass der Freund den Marxismus und die Sowjetunion in den Kriegsjahren neu entdeckt. Brecht spottet gelegentlich über den „Schriftsteller“ Feuchtwanger, und dieser zeichnet in seinem großen Roman „Erfolg“ mit der Figur des Kaspar Pröckl ein ironisches Porträt Brechts. Beide glauben an die „Vernunft und den Fortschritt“.

Es lohnt sich unbedingt, mehr in der FR nachzulesen und auf den einschlägigen Titel möchte ich auch hinweisen:
Andreas Rumler: Exil als geistige Lebensform. Brecht + Feuchtwanger. Ein Arbeitsbündnis. Edition A. B. Fischer, Berlin 2016.

Was hier noch folgt, sind nur ein paar private Gedankenspielchen, die sich bei mir einstellen, wenn ich an deutsche Exilautoren in den USA und ihren Erfolg und Misserfolg, ihre Genialität und ihre gegenseitige Anerkennung denke.
Sowohl Feuchtwanger wie Brecht hatten kein sonderlich gutes Verhältnis zu dem bekanntesten deutschen Exilautoren in den USA in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, zu Thomas Mann. Bei Feuchtwanger störte wohl mehr der Neid Thomas Manns auf den Erfolgreicheren, bei Brecht wohl mehr seines Neid auf Manns Ansehen. 
Und der Geniebegriff passt sicher zu Shakespeare, Schiller und Goethe noch besser als zu Brecht und Thomas Mann, die gewiss auch genial waren. 

Passend, dass der Ältere (Feuchtwanger) und der Jüngere (Frisch) beide in Brecht den Begabteren gesehen haben. Und dass Frisch nie die Nähe Thomas Manns gesucht hat, obwohl der ihm doch in der Schweiz viel näher wohnte als Brecht in Berlin.

Erfolg und mangelnder Erfolg störten auch das Verhältnis zwischen Heinrich und Thomas Mann. Und Musil hätte wohl nie so abfällig über Stefan Zweig geurteilt, wenn er selbst ähnlich erfolgreich gewesen wäre.
Genie braucht schließlich nicht nur Begabung, sondern auch sehr viel Arbeit und Einsatz, und ganz ohne Ehrgeiz stellen sich die eben auch bei Hochbegabung nicht ein. 

02 Januar 2017

Aleksis Kivi: Die sieben Brüder

In diesem Roman brechen sieben Brüder von ihrem heimatlichen Hof Jukola auf, um den engen Verhältnissen, in denen sie leben, zu entkommen.
Nach diesem Hof Jukola ist ein in Finnland jährlich stattfindender Orientierungslauf benannt, bei dem Staffeln von jeweils sieben Läufern ein Team bilden. Es ist einer der größten Wettbewerbe im Orientierungslauf der Welt, an dem regelmäßig über 11 000 Läufer  teilnehmen.