06 Januar 2018

Fontane: Cécile - Charakterisierung

Es gibt wichtigere Bücher Fontanes als Cécile, doch kaum eines, in dem Fontane seine Qualitäten als Fremdenführer (die er in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg so intensiv geschult hat) und seine Fähigkeit zur Charakterisierung von Personen und Milieu deutlicher herausgestellt hätte.

Während ich bisher nur seine Karikatur eines von der Wichtigkeit seines Spezialthemas ganz Durchdrungenen  vorgestellt habe, möchte ich heute mit wenigen charakteristischen Stellen dazu anregen, meine Behauptung zu überprüfen. 

[...]  »Sieh, Cécile, das sind die Elefantenhäuser.«
»Ah«, sagte diese mit einem Versuch, Interesse zu zeigen, blieb aber zurückgelehnt in ihrem Eckplatz und richtete sich erst auf, als der Zug in Potsdam einfuhr. Viele Militärs schritten hier den Perron auf und ab, unter ihnen auch ein alter General, der, als er Céciles ansichtig wurde, mit besondrer Artigkeit in das Coupé hinein grüßte, dann aber sofort vermied, abermals in die Nähe desselben zu kommen. Es entging ihr nicht, ebensowenig dem Obersten. [...]
»Du sprichst nicht, Cécile.«
»Nein.«
»Aber ich darf sprechen?«
»Gewiß. Sprich nur. Ich höre zu.«
»Sahst du Saldern?«
»Er grüßte mich mit besondrer Artigkeit.«
»Ja, mit besonderer. Und dann vermied er dich und mich. Wie wenig selbständig doch diese Herren sind.«
»Ich fürchte, daß du recht hast. Aber nichts davon; warum uns quälen und peinigen? Erzähle mir etwas Hübsches, etwas von Glück und Freude. Gibt es nicht eine Geschichte: Die Reise nach dem Glück? Oder ist es bloß ein Märchen?«
»Es wird wohl ein Märchen sein.«
Sie nickte schmerzlich bei diesem Wort, und als er nicht ohne aufrichtige, wenn auch freilich nur flüchtige Bewegung sah, daß ihr Auge sich trübte, nahm er ihre Hand und sagte: »Laß, Cécile. Vielleicht ist das Glück näher, als du denkst, und hängt im Harz an irgendeiner Klippe. Da hol ich es dir herunter, oder wir pflücken es gemeinschaftlich. Denke nur, das Hotel, in dem wir wohnen werden, heißt ›Hotel Zehnpfund‹. Klingt das nicht wie die gute Zeit? Ich sehe schon die Waage, drauf du gewogen wirst und dich mit jedem Tage mehr in die Gesundheit hineinwächst. Denn Zunehmen heißt Gesundwerden.  [...]
(Fontane: Cécile, 1. Kapitel)

[...] Ich dachte, der Felsen, den man hier sähe, hieße die Roßtrappe.«
»Gewiß, Cécile. Das ist der andre; gleich hier der nächste.«
»Müssen wir hinauf?«
»Nein, wir müssen nicht. Aber ich dachte, du würdest es wünschen. Der Blick ist schön, und man sieht meilenweit in die Ferne.«
»Bis Berlin? Aber nein, darin irr ich, das ist nicht möglich. Berlin muß weiter sein; fünfzehn Meilen oder noch mehr. Ah, sahst du die zwei Schwalben? Es war, als haschten sie sich und spielten miteinander. Vielleicht sind es Geschwister, oder vielleicht ein Pärchen.«
»Oder beides. Die Schwalben nehmen es nicht so genau. Sie sind nicht so diffizil in diesen Dingen.«
Es lag etwas Bittres in dem Ton. Aber diese Bitterkeit schien sich nicht gegen die Dame zu richten, denn ihr Auge blieb ruhig, und keine Röte stieg in ihr auf. Sie zog nur ein Chenilletuch, das sie bis zur Hüfte hatte fallen lassen, wieder in die Höhe und sagte: »Mich fröstelt, Pierre.«
»Weil du nicht Bewegung genug hast.«
»Und weil ich schlecht geschlafen habe. Komm, ich will mich niederlegen und eine halbe Stunde ruhn.«
Und bei diesen Worten erhob sie sich und ging unter leichtem Gruß, den die Zunächstsitzenden ebenso leicht erwiderten, auf das Nebenzimmer und den Korridor zu. Der Oberst folgte. Nur einer der Gäste, der, über seine Zeitung fort, von der andern Seite das Balkons her das distinguierte Paar schon seit lange beobachtet hatte, stand auf, legte die Zeitung aus der Hand und grüßte mit besondrer Devotion, was seines Eindrucks auf die schöne Frau nicht verfehlte. Wie belebt und erheitert nahm diese plötzlich ihres Begleiters Arm und sagte: »Du hast recht, Pierre. Luft wird mir besser sein als Ruhe. Mich fröstelt nur, weil ich keine Bewegung habe. Laß uns in den Park gehn. Wir wollen sehn, ob wir die Stelle finden, wo die Schwalben nisten. Ich habe mir den Baum gemerkt.« [...]
(Fontane: Cécile, 2. Kapitel)

Sie trugen graubraune Sommeranzüge, deren Farbe sich nach oben hin bis in die kleinen Filzhüte fortsetzte, dazu Plaids und Reisetaschen. Alles paßte vorzüglich zusammen, mit Ausnahme zweier Ausrüstungsgegenstände, von denen der eine, mit Rücksicht auf eine Harzreise, des Guten zuwenig, der andere aber entschieden zuviel tat. Diese zwei nichtpassenden Dinge waren: ein eleganter Promenadenstock mit Elfenbeingriff und andrerseits ein hypersolides Schuhzeug, das sich mit seinen Schnürösen und dicken Sohlen ausnahm, als ob es sich um eine Besteigung des Matterhorn, nicht aber der Roßtrappe gehandelt hätte.
»Wo kampieren wir?« fragte der ältere, von der Türschwelle her Umschau haltend. Im selben Augenblick aber des geschützt stehenden Tisches mit dem großen Fliederstrauß ansichtig werdend, an dem die St. Arnauds eben noch gesessen hatten, schritt er rasch auf diese bevorzugte, weil windgeschützte, Stelle zu und sagte: »Wo das blüht, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keinen Flieder.« Und im selben Augenblicke sowohl Reisetasche wie Plaid über die Stuhllehne hängend, rief er mit charakteristischer Betonung der letzten Silbe: »Kellnér!«
»Befehlen?«
»Zuvörderst einen Mokka samt Zubehör, oder sagen wir kurz: ein Schweizer Frühstück. Jedem Mann ein Ei, dem tapfren Schweppermann aber zwei.«
Der Kellner lächelte schalkhaft vor sich hin und suchte, zu sichtlicher Freude der beiden neuen Ankömmlinge, durch eine humoristische Handbewegung auszudrücken, daß er nicht recht wisse, wer der zu Bevorzugende sein werde.
»Berliner?«
»Zu dienen.«
»Nun denn, Freund und Landsmann, Sie werden uns nicht verraten, wenn Sie hören, daß wir eigentlich beide Schweppermänner sind. Macht vier Eier. Und nun flink. Aber erst hier das alte Schlachtfeld abräumen. Und wie steht es mit Honig?«
»Sehr gut.«
»Nun denn auch Honig. Aber Wabenhonig. Alles frisch vom Faß. Echt, echt!« [...]
(Fontane: Cécile, 3. Kapitel)

Céciles Partner ist bemüht, ihr alles recht zu machen, sie, ihm ihre Dankbarkeit dafür zu zeigen. Doch sie ist nur gelangweilt, und er "quält und peinigt" sie nur. Doch eine Aufmerksamkeit, die von anderer Seite kommt, belebt sie.
Und so geht es auch mir als Leser: Der Herr, der Cécile "mit besondrer Devotion" grüßt, führt mich mit viele Charme und Plauderhaftigkeit in die Landschaft und die Sehenswürdigkeiten ein und erregt durch sein Interesse an der "schönen Frau" und seine Spekulationen über ihre Herkunft auch mein Interesse.  Dagegen bin ich enttäuscht, als er in Berlin sie nicht mehr allein unterhalten kann, sondern sondern in Konkurrenz zu zwar höchst ehrenwerten, aber weniger unterhaltenden Personen gerät.
Weshalb habe ich die Berliner mit aufgenommen? 
Sie sind das Gegenbild zu den Hauptpersonen und ihrem diffizilen Verhältnis:gewünscht wird der charmante Herr (von Gordon) wegen seiner anregenden Wirkung auf Cécile von ihr und ihrem Mann, aber er soll sich nichts darauf einbilden, keine Ansprüche erheben). Die Berliner dagegen treten so auf, als gehörte ihnen die ganze Welt. Und doch nimmt - in diesem Buch - keiner daran Anstoß, und sie sind völlig sich selbst genug, klatschen sich gleichsam fortwährend selbst Beifall. Ganz das Gegenteil von Cécile, die äußerer Anerkennung so bedürftig ist.

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