07 November 2021

Luise Rinser: Mitte des Lebens

 "Dieser Roman, eine Liebesgeschichte teils in Tagebuchform, teils direkt erzählt, ist wahrscheinlich das ausgeformteste und reichste Buch, das die deutsche Literatur heute besitzt." (Die Weltwoche Zürich, 1950)

Zum Inhalt

"Die 49-jährige Ich-Erzählerin Margret trifft zufällig ihre um zwölf Jahre jüngere Schwester Nina, die sie seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Nina steht kurz vor ihrem Umzug nach England, der ihr die Flucht vor der Liebe zu einem verheirateten Mann ermöglichen soll. Die letzten Tage vor der Abreise verbringen die Schwestern gemeinsam. In dieser Zeit erfährt Margret die Geschichte Ninas, hauptsächlich durch das Tagebuch des gerade verstorbenen Arztes Dr. Stein, der ihren Lebensweg 18 Jahre lang - von 1929 an bis ins Jahr 1947 - begleitete. Er hatte sie als junge Studentin kennen gelernt, als er sie von einer Blutvergiftung heilte, und verliebte sich in sie. Sein Tagebuch beschreibt die Vergeblichkeit dieser Liebe und die Hoffnung Steins, die um zwanzig Jahre jüngere Nina letztlich doch für sich gewinnen zu können. Einer Verwirklichung dieses Wunsches steht jedoch die Persönlichkeit Ninas, deren Darstellung den Kern des Buches bildet, entgegen. Sie führt ein unstetes, unkonventionelles Leben, das bestimmt ist von ihrem unbedingten Freiheitsdrang und einer beständigen Sinnsuche. Ihr Lebenshunger lässt sie bei der Suche nach neuen Erfahrungen auch vor großem Leid und Einsamkeit nicht zurückschrecken. Nach dem Tod ihres Vaters übernimmt sie es aus finanziellen Gründen, eine kranke Tante bis zu deren Tode zu pflegen. 1933 hilft sie gemeinsam mit Stein, Verfolgte über die Grenze zu schmuggeln. Sie heiratet, hat zwei Kinder, doch die Ehe ist nicht glücklich. Als sie von ihrem Mann bereits getrennt lebt, wird dieser zum Tode verurteilt; sie hilft ihm, sich mit Gift zu töten. Wegen >>Beihilfe zum Hochverrat<< wird sie selbst inhaftiert. Nach dem Krieg avanciert sie zur erfolgreichen Schriftstellerin. Dem von Freiheit und Leidenschaft geprägten Leben Ninas steht das der Schwester Margret gegenüber. Sie ist verheiratet, führt ein geordnetes, bürgerliches Leben ohne besondere Aufregungen und war immer zufrieden mit dieser ruhigen Existenz; erst als sie vom Lebens Ninas erfährt, beginnt sie ihre vordergründige Zufriedenheit in Frage zu stellen."

 Buch24.de

Eine nach Zeitabschnitten geordnete, ausführlichere Inhaltsangabe bietet Dieter Wunderlich. Dazu liefert er eine Kurzrezension.

Zum Inhalt von "Abenteuer der Tugend (1957)"

"Der Briefroman "Abenteuer der Tugend", der zeitlich und thematisch an Luise Rinsers Roman "Mitte des Lebens" anknüpft, umkreist die Probleme einer geistig überaus wachen Frau, die an der Seite eines genialen, ihretwegen geschiedenen Künstlers um ihr eigenes Leben kämpft. Sie führt mit diesem Mann - einem ständig gefährdeten Schwermütigen und Süchtigen - eine Ehe, die von Zweifel und Auflehnung belastet ist. Von der Ausweglosigkeit jeder Liebe überzeugt, beginnt Nina einen Briefwechsel mit einem Freund, in dem sie sich Klarheit über das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe, Klarheit auch über Glauben und Erkenntnis zu verschaffen versucht."

tonia.de/buch 

Luise Rinser (Wikipedia)

Zitate:

Nina:

"Ich glaube, es gibt keine Lebenslage, die ganz unerträglich ist, wenn man sich in ihr einrichtet." (S. 111)

Über ihre sterbende Großtante: "Aber diese paar Minuten vor dem Sterben, die waren wichtig, das weiß ich. Sie sah etwas, und das, was sie sah, gab ihrem Leben von hinterher, vom Ende her, den Sinn. Ich kann mir nicht denken, daß man in diesem Augenblick noch betrogen wird und sich betrügen lässt. Man hat ihr etwas gezeigt, was sie zufrieden macht. Aber warum erfährt man das erst so spät? Ich verstehe das nicht." (S.112)

Und dann spricht sie wieder ihr dauerndes Ungenügen aus: "Und kommt einmal das Vollkommene im Leben da steht es wieder da, gerade dann, und sagt: nein, nicht für dich; du vergißt, daß es dein Gesetz ist weiterzugehen, immer weiterzugehen. Und es nützt nichts, daß du weinst und dich wehrst, es reißt dich fort." (S.121)

Mein Eindruck:

Wenn man von handwerklichen Fehlern absieht, vermag das Buch durchaus zu fesseln. Doch das Verhältnis der 12 Jahre älteren Erzählerin zu ihrer 12 Jahre jüngeren Schwester Nina wirkt nicht überzeugend.

Verständlich ist, dass sie über 20 Jahre keine Verbindung zu ihr hatte, weil sie sich beide in ihrer Kindheit fremd geblieben sind. Dazu passt aber schon der erste Satz ihres Berichtes nicht:

"Schwestern wissen voneinander alles oder gar nichts." Denn sie schließt sofort an: "Ich wußte von meiner Schwester Nina bis vor kurzem nichts. Sie ist zwölf Jahre jünger als ich, und sie war, als ich heiratete ein unfreundliches, mageres Geschöpf von zehn Jahren, mit struppigen Zöpfen und unzähligen Schrammen an Armen und Beinen, das, stumm und blaß vor Zorn, auf meinen Brautschleier spuckte [...]" (Fischer TB 256, S.5)

Weiter unten heißt es dann:

"In diesem Augenblick erinnerte ich mich ganz plötzlich, nach so vielen Jahren, nach Jahrzehnten, einer Szene aus unserer Kinderzeit. Wir schliefen in einem Zimmer zusammen. Eines Nachts wachte ich auf, und da sah ich Nina auf dem nackten Boden knien. Es war Winter und kalt im Zimmer. [...]  Ich erinnere mich genau an diese Szene, ich sehe Nina kauern, halb eine asketische Heilige, halb eine Indianerin, und / ganz erfüllt von dem Streben, ihren Willen zu stärken. Vielleicht hat es ihr oft geschadet, dass sie einen zu kräftigen Willen hatte; [...]" (Fischer TB, S.91/92)

Ohne diese Erläuterung vermag man vielleicht noch zu glauben, dass die ältere Schwester, obwohl sie mit der jüngeren zusammen in einem Zimmer schlief, völlig an ihr vorbei gelebt hätte. Aber dass sie von der neunjährigen Schwester schon erfahren hat, dass die solche Übungen zur 'Stärkung ihres Willens' unternommen hat - insofern also völlig anders orientiert war als die Erzählerin -, das ist nicht "nichts". Und diese Erinnerung an die Kinderzeit lag ja vor ihrer Aussage "Schwestern wissen voneinander alles oder gar nichts."

Unglaubwürdig ist auch, dass sie Ninas Alkoholmissbrauch stillschweigend duldet, ohne dass sie dafür eine Rechtfertigung versucht.  

Angesichts der stark autobiographischen Anklänge an Luise Rinsers eigenes Leben fällt auch auf, dass sie Nina eine Erzählung über eine Hanna schreiben lässt, die sie (Nina) - nachdem die Schwester sich beeindruckt gezeigt hat, als inkorrekt verwirft und erklärt, sie müsse sie neu schreiben. Denn Rinsers eigenes Gefängnistagebuch von 1946 geriet laut Wikipedia bald in Kritik:

"In einer Einleitung zu ihrem 1946 publizierten „Gefängnistagebuch“ behauptete sie: „Während meiner Haft lief am Volksgerichtshof Berlin unter dem berüchtigten Freisler ein Prozess gegen mich. Die Anklage lautete auf Hochverrat (Wehrkraftzersetzung und Widerstand gegen das Dritte Reich)… Man konnte mich aufgrund des vorliegenden Materials…zum Tode verurteilen.“ Tatsächlich war sie nicht einmal angeklagt, schon gar nicht wegen Hochverrats. Weder gab es einen Prozess, noch war der Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, wie von ihr behauptet, irgendwie in ihren Fall involviert. In ihrem Nachlass in Marbach befindet sich ein offizielles Dokument des Landgerichtsgefängnisses Traunstein, das besagt, „Luise Herrmann geb. Rinser“ sei am 21. Dezember 1944 aus der Haft entlassen worden (also genau an dem Datum, an dem auch ihre Aufzeichnungen aus dem Gefängnis enden), und zwar zunächst bis zum 7. Januar. Sie bekam Hafturlaub, und sie musste offenbar auch nicht wieder zurück in die U-Haft. Jedenfalls findet sich kein Dokument, das darauf hindeutet.[11] In einer Arbeit über die „Erinnerungen an den Nationalsozialismus in den autobiographischen Schriften Luise Rinsers“ zeigt die Germanistin Sandra Schrei auf, wie Rinser mit jeder ihrer veröffentlichten Aufzeichnungen über jene Jahre die Dramatik und die Gefahr und ihre angebliche aktive Widerstandsleistung vergrößerte.[11]"

Zu tugendhaft erscheint die Figur der Nina, als dass sie glaubwürdig etwas anderes darstellen könnte als eine Stilisierung der Schriftstellerin Rinser als 'Abenteurerin der Tugend". 

Fürs erste nur dies: Mir selbst fällt bei dieser Selbststilisierung Karl May ein, der nach seinen Gefängnisaufenthalten ein reiches literarisches Werk über abenteuerliche Helden verfasste und nach einiger Zeit unterstellte, dass seien persönliche Erfahrungen gewesen.

Rinser unterstellt das nicht. Sie stellt durch den Bericht der Erzählerin und das Tagebuch Dr. Steins Nina sehr deutlich als fiktive Person heraus. Aber dass persönliche Erfahrungen Rinsers aus der Außensicht dieser beiden Personen als unbegreifliche asketische Willensleistung Ninas dargestellt werden, läuft doch auf eine Selbststilisierung hinaus. 

Zu den handwerklichen Mängeln:

"Es war ein großes, dickes Buch oder vielmehr: es sah aus wie ein Buch. Aber es war nur ein Aktendeckel, der einen Stoß von beschriebenen Blättern enthielt, teils eingeheftet und teils lose. Ein paar davon flatterten zu Boden. Ich hob sie auf. Es waren Briefe." (Fischer TB S.11)

Ein Aktendeckel, aus dem Blätter herausquellen, soll aussehen wie ein Buch. Am Rücken kann er das schon gar nicht, denn da ist es eng geknickt, es fehlt ein Rücken. Und dann stellt sich noch heraus, dass es kein Aktendeckel ist, sondern ein Schnellhefter. Denn ein Teil der Blätter ist eingeheftet.

Wofür führt sie diesen "Aktendeckel" ein? Um zu rechtfertigen, dass es immer wieder große Lücken in den Aufzeichnungen gibt, die bedeutungsvoll klarmachen, wie große Mühe sich Dr. Stein gibt, Abstand von Nina zu gewinnen. - Diese Lücken könnten aber bei einem Aktendeckel, aus dem etwas herausfallen kann, auch nur zufällige sein. Überzeugender wirkten sie bei einem zusammenhängenden Tagebuch.

Außerdem: Die Lücken dienen dazu, Tagebuchteile genau an die Stellen der Handlung zwischen Nina und der älteren Schwester zu liefern, wo sie passen. Das ist ein unglaubwürdiges Verfahren. Überzeugender wäre es, wenn Rinser ohne solche Motivation beide Handlungen ineinander schöbe, wie E.T.A. Hoffmann das bei seinen Lebens-Ansichten der Katers Murr mit seiner dreist unglaubwürdigen Behauptung, Murr schreibe in Lücken hinein, die der Setzer nicht bemerkt, es getan hat.


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