19 Dezember 2025

Günter Wallraff: Ganz unten

 "Ich möchte zu denen gehören, die nicht dazugehören" ZEIT Nr.54, 16.12.2025

"[...]  Es ist immer derselbe Mann: Ali. In 38 Sprachen redet er von den Buchcovern zu uns, hier im Haus dieses Mannes, der mal dieser Ali gewesen ist. 40 Jahre ist das her.

Günter Wallraff war neben Ali, dem Gastarbeiter, schon vieles: Hans Esser zum Beispiel, als er Mitte der Siebzigerjahre als vermeintlicher Boulevardjournalist die unwürdigen Recherchemethoden der Bild-Zeitung aufdeckte. Er war undercover unterwegs als iranischer Arbeitsmigrant in Japan (Anfang der Neunzigerjahre) und als Somalier in Deutschland (Ende der Zweitausenderjahre). Er recherchierte auch verdeckt für das ZEITmagazin. Er wurde der bekannteste Investigativjournalist Deutschlands.

Heute ist Wallraff 83 Jahre alt, und an diesem Herbsttag in Köln sagt er, dass er sich damals, als Ali und in all den anderen Rollen danach, viel mehr zu Hause gefühlt habe, dass er viel mehr er selbst gewesen sei als in seinem wirklichen, unverkleideten Leben als Günter Wallraff.

Ganz unten heißt das Buch, für das er zwei Jahre lang als Ali in Deutschland lebte. Fünf Millionen Mal hat sich das Buch über den türkischen Gastarbeiter und das Elend und die Ausbeutung, die er erlebt hat, bis heute verkauft. Die Verbandszeitung des Buchhandels, das Börsenblatt, schrieb: "In der Geschichte des deutschen Verlagswesens hat es noch nie einen sensationelleren Erfolg gegeben." Was bleibt von so einem Buch? [...]

Sie blieben. Aber es dauerte, bis sie wirklich angekommen waren. Als dann Ganz unten erschien, habe sich etwas verändert, sagt Özdemir. "Meine Eltern hatten die türkische Fassung, En Alttakiler, natürlich zu Hause. Wie so viele türkeistämmige Familien damals. Es stand neben dem Fernseher, dem prominentesten Platz in einer türkischen Wohnung!"

Vergangene Nacht habe er einen Traum gehabt, sagt Günter Wallraff: "Ich stand vor einer eingezäunten Manege mit einem fauchenden Tiger darin. Plötzlich entdeckte ich ein Loch im Zaun. Zum Glück fand ich eine Matratze, mit der ich das Loch stopfen konnte. Doch dann sieht der Tiger mich an und richtet den Blick auf ein anderes Loch, und dann seh ich, dass da lauter Löcher im Zaun sind. Der Tiger guckt mich gebannt an und deutet mit dem Kopf von einem Loch zum nächsten. Ich eile von Loch zu Loch und versuche, sie zu stopfen. Und irgendwann fällt mir auf: Der Tiger will gar nicht raus. Der macht dich nur auf die Löcher aufmerksam."

Er frage sich, was der Traum bedeute. [... ]

ZEIT: Kann ein Buch etwas verändern? Was kann es verändern?

Wallraff: Nach Ganz unten wurden Thyssen und andere Konzerne zu Bußgeldern in Millionenhöhe verurteilt, Dauerschichten wurden unterbunden, Schutzhelme und Staubmasken zur Verfügung gestellt, zahlreiche Sicherheitsingenieure mussten neu eingestellt werden, und Leiharbeiter erhielten Festanstellungen. Das Wichtigste aber war die Anteilnahme der Menschen an dem Schicksal der türkischen Arbeiter, eine große Solidarisierung, insbesondere im Ruhrgebiet. Ein Buch kann und sollte also auch an Ort und Stelle etwas verändern und vor allem denen eine Stimme geben, die nichts zu sagen haben, obwohl sie viel zu sagen hätten. [...]"

Wikipedia über Ganz unten

Das Werk schildert, wie Günter Wallraff in der Rolle des Türken Levent (Ali) Sigirlioğlu (in späteren Ausgaben Sinirlioğlu genannt) in Deutschland verschiedene Arbeiten annimmt und dabei vielerorts Ausbeutung, Ausgrenzung, Missachtung und Hass erfährt.

Wallraff schreibt im Vorwort zu seinem Buch, für das er ab März 1983 zwei Jahre lang recherchierte:

„Sicher, ich war nicht wirklich ein Türke. Aber man muß sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.
Ich weiß immer noch nicht, wie ein Ausländer die täglichen Demütigungen, die Feindseligkeiten und den Haß verarbeitet. Aber ich weiß jetzt, was er zu ertragen hat und wie weit die Menschenverachtung in diesem Land gehen kann.
Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt – in unserer ‚Demokratie‘.
Die Erlebnisse haben alle meine Erwartungen übertroffen. In negativer Hinsicht. Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.“

Wallraff musste als Ali Sinirlioğlu bei verschiedenen bekannten Unternehmen schwerste Arbeiten für geringe Stundenlöhne ausführen, schikaniert von deutschen Kollegen, ohne Sicherheitsvorkehrungen, bisweilen ohne Papiere, Sozial- oder Krankenversicherung, nicht selten mehrere Schichten hintereinander. Wo deutsche Kollegen Schutzkleidung bekamen (zum Beispiel bei Kanalarbeiten bei Temperaturen unter null Grad), erhielt er keine; Wallraff schildert in diesem Zusammenhang auch, wie türkische Arbeiter in Atomkraftwerken bei ihren Tätigkeiten gefährlich hohe Strahlendosen in Kauf nehmen sollten. Hierzu führte ein von Wallraff engagierter Schauspieler als angeblicher Vertreter des Kernkraftwerks Würgassen ein fingiertes Gespräch mit einem der Arbeitgeber Wallraffs. Dabei wurde von einer (fiktiven) Panne gesprochen, die nur mit erheblicher Strahlenbelastung der Arbeiter zu beseitigen sei. Wallraffs Arbeitgeber sagte trotzdem zu, entsprechende Kräfte zu beschaffen.[2]

Viele türkische Arbeiter hatten kaum eine Chance, sich gegen solche Unmenschlichkeiten zu wehren, hielten sie sich doch illegal in Deutschland auf oder standen vor der Ausweisung. Der Autor berichtet von sich selbst, seine Gesundheit sei noch lange Zeit nach den Recherche-Arbeiten durch die Tätigkeiten, die er als Ali Sinirlioğlu, wenn auch nur kurzzeitig, durchführen musste, stark angegriffen gewesen. Hinzu kamen auch die Nachwirkungen von Medikamentenversuchen, an denen er gegen Bezahlung teilgenommen hatte, wobei die durchführenden Institute den Probanden die Nebenwirkungen teilweise verschwiegen.

Nicht nur auf seinen verschiedenen Arbeitsstellen, auch im täglichen Leben, selbst wenn er fließend Deutsch sprach und selbst noch wenn er bei einem Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei nur die deutschen Spieler anfeuerte, musste Wallraff mit seinem südländischen Erscheinungsbild Demütigungen wie „Sieg-Heil“-, „Deutschland-den-Deutschen“- und „Türken-raus“-Anfeindungen ertragen, es wurden ihm Zigaretten ins Haar geworfen und Biere über den Kopf gegossen.

Auch bei weiteren Gelegenheiten, die nicht unbedingt etwas mit der Arbeitswelt zu tun hatten, erfuhr er Ausgrenzung als Türke, beispielsweise, indem er bei katholischen Pfarrern um die Taufe nachsuchte oder in einem Bestattungsinstitut die eigene Beerdigung – wegen einer tödlichen Erkrankung durch mangelnden Arbeitsschutz – organisieren wollte.

Aus seinem Inhalt erklärt sich die Titelwendung des Buches, [...]"




07 Dezember 2025

Louis Bromfield: Der große Regen (Film)

 An den Titel des Romans erinnere ich mich aus meiner Jugend. Offenbar habe ich ihn nie gelesen.

Aber es war ein Buch, über das man irgendwann in meiner Jugend sprach.

Stilprobe:

Während er den Schlamm der Anfahrtstraße durchstapft, fällt der Sonnenball hinter den Horizont und lässt die reglose Luft schwer dunstig und dunkelgrün, geschwängert von Fruchtbarkeit, wie immer während der Regenzeit. Die Luft ist so trächtig und reich und feucht, als lebten Kräuter, Sträucher und Bäume von ihr allein, zögen aus ihr alle Nahrung und brauchten weder Wurzeln noch Erdreich. Als er vor der Veranda an langt, ist die gelbe Beleuchtung verschwunden. Das düstere, alte Haus liegt in der Dunkelheit. Im Licht der Fenster erblickt er die Gestalten [Namen einiger Personen: Sie] trinken Cocktail und plaudern.
Er steigt die Stufen empor und bemerkt, dass die kahlen Gummibäume und Aspidistren, die die Veranda garnieren, gar wunderliche Blüten getrieben haben. Aus ihrem stumpfen Grün drängt sich wie durch Hexerei, ein kunterbunter Tumult von Dotterblumen, Zinnien, Rosenmalven, Begonien und Nelken. Ihm ist, als sei die Pflanzenwelt plötzlich wahnsinnig geworden. Sein gärtnerische Geschmack fühlt sich beleidigt, doch schon versteht er: dies dekadente Schauspiel kann nur das Werk des alten Bannerji sein, welcher das heutige Fest augenscheinlich als ein für den Sohn hochwichtiges gesellschaftliches Ereignis ansah und darum, wie schon an früheren Galaabenden, an anspruchslose Gummipflanzen und Aspidistren die Blüten bunt prangender Gewächse zur Verzierung mit Garn fein säuberlich anband." (S. 286)

Louis Bromfield: Der große Regen, Roman 1937, dt. 1939 (Handlung im Film von 1955)

Der Film "Der große Regen" von 1955 (The Rains of Ranchipur), bei dem es sich um die zweite Verfilmung von Louis Bromfields Roman "The Rains Came" (1937) handelt, weicht in einigen wesentlichen Punkten vom Roman ab, insbesondere in Bezug auf die Charakterisierung und das Ende der Hauptfiguren.


🎭 Charakterveränderungen

  • Tom Ransome: Im Roman ist Tom Ransome ein zynischer englischer Maler; in der Verfilmung von 1955 wird er zu einem zynischen amerikanischen Ingenieur (gespielt von Fred MacMurray). Dies ändert seine Rolle und seine Funktion in der Katastrophe.

  • Major Rama Safti: Im Roman ist Major Safti ein Brahmane und Schützling des Maharadschas. Im Film von 1955 wird er, um die verbotene interrassische Liebesbeziehung radikaler zu gestalten, als "Unberührbarer" dargestellt, der zudem eine Gefängnisstrafe wegen seiner Beteiligung am Unabhängigkeitskampf verbüßt hat. Dies verschärft den sozialen Konflikt seiner Liebe zu Lady Edwina.


Änderung des Endes

Der wohl bedeutendste Unterschied liegt im Schicksal von Lady Edwina Esketh und ihrem Mann Lord Albert Esketh:

  • Roman (und Verfilmung von 1939):

    • Lord Esketh stirbt infolge der Naturkatastrophe.

    • Lady Edwina (die im Film von 1955 Lana Turner spielt) findet während der Katastrophe Erlösung, indem sie sich um die Kranken kümmert. Sie stirbt schließlich selbst an der Cholera-Epidemie, die nach der Flut ausbricht, weil sie versehentlich aus dem Glas eines Patienten trinkt. Dieses tragische, aber sühnende Ende war ein zentrales Element von Bromfields ursprünglicher Konzeption.

  • Film von 1955 (The Rains of Ranchipur):

    • Lady Edwina und Lord Esketh überleben beide.

    • Lord Esketh überlebt, und Lady Edwina beschließt, zu ihm nach Hause zurückzukehren, da ihre Affäre mit Major Safti beendet ist.

Die Filmemacher von 1955 eliminierten somit den tragischen Tod der "ausschweifenden" Lady Edwina, was die ursprüngliche Sühne und die moralische Aussage des Romans über die Läuterung in der Krise abschwächte.


Erzählstruktur und Fokus

  • Der Roman zeichnet sich durch eine breite Perspektive auf das Land aus und nimmt sich viel Zeit für die Vorgeschichte sowie die detaillierte Beschreibung der sozialen Hierarchien im Indien vor der Unabhängigkeit.

  • Die Filme (1939 und 1955) straffen die Handlung, um sie für das Kinoformat zu beschleunigen. Sie beginnen früher mit dem Besuch der Eskeths und Edwinas Verliebtheit in Major Safti, wobei der Fokus stärker auf die romantischen Verwicklungen und die Katastrophenszenen (Erdbeben, Dammbruch, Flut und Seuche) gerichtet wird, um sie als dramaturgischen Höhepunkt zu nutzen.

  • Die Verfilmung von 1955 konzentriert sich noch stärker auf das zentrale Liebesdreieck (Edwina - Safti - Ransome) und lässt Nebengeschichten, wie die Romanze zwischen Tom Ransome und Fern Simon (die im Roman und im Film von 1939 wichtig ist), stärker in den Hintergrund treten.

Stilprobe:
Da er [Major Safti] ihr [Edwina]  hilfreich zur Seite tritt und der Zögernden den Krug entwindet, berührt seine Hand, die ihre. Wie betäubt von Glück muss sie sich am Tisch anlehnen, doch nur eine Sekunde, dann dankt sie gefasst und mit Haltung: "Ja, er ist schwer."
In dieser Sekunde zitterten ihre Hände wie damals im Sommerpalast, als sie nach dem Weggang von Elisabeth Hodge in dem geschmacklosen Salon mit ihm allein war. Die Haltung jedoch, in der sie vor ihm steht, ist stramm und so respektvoll, als sei sie um kein Haar mehr als die pockennarbige Gupta. Lächelnd bemerkt er, es sei wohl Zeit zum ersten Rundgang, "ich begleite Sie", füllt eine zweite Kanne und nimmt beide auf.
"Geben Sie mir die eine! bittet sie, ich tue es doch gern. Ein leichtes Schmunzeln geht über sein Gesicht, sie fühlt, es, ist kein spöttisches Grinsen, sondern herzlich und warm; es ist fast, als sehe er einem Kind zu, das Doktor spielt, und sie sagt etwas gekränkt: "Sie brauchen mich gar nicht so anzusehen!"
Er hat auch dafür Verständnis, denn er entgegnet nichts, sondern drückt ihr die zwei von der Oberschwester geschriebenen Merkzettel in die Hand: "Die brauchen Sie jedenfalls", worauf sie ihm die Kanne abnimmt und stillschweigend ihren Rundgang antritt.
Aber sie ist nicht gekränkt. Sie lässt ihm den Vortritt und geht mit gelehriger Mine hinter ihm her. Selbst die bis zum Überdruss gedrillte Schwester Gupta könnte nicht braver, nicht andächtiger zu ihm aufblicken. Er widmet ihr auch keine größere Aufmerksamkeit, als er in der gleichen Situation der guten, hässlichen Gupta zuwenden würde. Er geht von Bett zu Bett, und sie gießt die Emaillebecher voll, die neben jedem auf einem kleinen Gestell stehen. Nur ein kleiner Teil der Kranken schläft, etwa zwölf delirieren; die meisten liegen geduldig da. Ihre großen, weit geöffneten Augen folgen den beiden, wie die die Reihen entlanggehen.
Bei den vier, die auf der Liste "Stirbt" stehen, bleibt der Arzt etwas länger. Er fühlt den Puls und legt die Hand auf die glühende Stirn, ohne dabei von Edwina Notiz zu nehmen. Nur einmal sagt er ihr beinahe entschuldigend: "Das Handauflegen hat an sich keinen Zweck, es soll Ihnen nur etwas Mut geben, / denn sie wissen, dass ich Brahmane bin, und seit Jahrhunderten ist diesen Unberührbaren, Ausgestoßenen eingeimpft, sie müssten vor unsereinem beiseite treten, damit ihr Schatten nicht auf uns falle und uns dadurch beflecke. (S. 526/27 - Übersetzung Dr. Rudolf Frank). 

03 Dezember 2025

George Packer: Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika

 George PackerDie Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika Cop. 2013 engl., dt. 2015

Packer stellt von einigen zentralen Figuren davon, wie die Globalisierung und die Machtzusammenballung bei einigen weltweit tätigen Firmen die auf ihrem Sektor eine Monopolstellung haben, dafür sorgt, dass die Gewinne für Arbeiten, die in einzelnen Regionen geleistet werden, primär in den zentralen  Firmen anfallen.

Wie sich das am Anfang dieses Jahrtausends in den USA im einzelnen abspielte, erläutert Packer auf gut 500 Seiten. 

Ich versuche das Prinzip, wie Profit bei einzelnen Firmen konzentriert wird, an aktuellen Beispielen erklären: Airbnb lässt sich dafür bezahlen, dass es zwischen Touristen und Schlafplatzanbietern vermittelt, Uber vermittelt zwischen Touristen und privaten Autofahrern für Taxidienste.  Die Arbeit wird von Privatleuten geleistet, bezahlt wird die Firma, die lediglich Vermittlungsdienste leistet.

Bei den neuen Sprachmodellen wie ChatGTP, bei denen gegenwärtig die schnellste Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) stattfindet, ist das nicht ganz so leicht zu durchschauen. Am Anfang steht die Entwicklung eines Programms, für die Ausführung sorgen mit ihrer Rechenkapazität einerseits hochentwickelte Rechenzentren und andererseits Lieferanten von Speicherplatz. Beide werden gut bezahlte. Den "Rohstoff", menschliche Texte, liefert das Internet den Suchmaschinenanbietern kostenlos, z.B. auch die Wikipedia in über 200 Sprachen.  Denn die Texte des Internets sind sozusagen Abfallprodukte menschlicher Kommunikation.  Doch die Arbeit, diese Texte mit Gegenständen in unserer Welt in Verbindung zu bringen, müssen Menschen in Akkordarbeit (ohne Mindestlohngarantie!) im Globalen Süden leisten, z.B., indem sie zu Filmen zu jedem Teil aller gezeigten Gegenstände  (Von der Landwirtschaft kennen wir das schon, und die Eine-Welt-Läden, die versuchen mit Fairem Handel zu mehr Gerechtigkeit in den Handelsbeziehungen zwischen den Ländern des Globalen Südens und des Nordens beizutragen, können die Ungerechtigkeit kaum abmildern, aber sie können Bewusstsein dafür schaffen, dass diese Ungerechtigkeit besteht. 

Doch zurück zu Packers Darstellung, wie sich der Profit für Erwerbsarbeit bei multinationalen Konzernen konzentriert. Das erste Beispiel ist der Unternehmer Dean Price. Er stammt aus einer Familie von Tabakfarmern in North Carolina und  beweist sein Unternehmergeist in ständig neuen Unternehmen.  Zunächst erlebt er den Zerfall der traditionellen, für seine Region wichtigen Industriezweige wie Tabakanbau und -verarbeiten, Textil und Möbelindustrie. Er unternimmt es wiederholt, sich als Unternehmer zu etablieren, indem er Fast-Food-Restaurants, Läden und Tankstellen betreibt. Doch er scheitert daran, dass  die Preise seiner Rohstoffe ihm von multinationalen Konzernen vorgegeben werden. Als er bei Biodiesel die Möglichkeit sieht, in der Region den Treibstoff vor Ort herzustellen, der vor Ort gebraucht wird, scheitert er trotz seines Optimismus und seiner unermüdlichen Anstrengungen scheitert einerseits daran, dass er für seine Investitionen auf Kredit angewiesen ist und andererseits, dass es ihm nicht gelingt, seine Arbeit der Werbung für das neuartige Produkt und die Überwachung  der einzelnen Betriebe miteinander zu verbinden.

Das Versprechen von Wohlstand für alle gilt nicht mehr und der Einzelne kämpft vergeblich gegen die internationalen Konzerne und die von ihnen aufgebauten Strukturen. (vgl. auch Wikipedia und   Antworten einer KI)

Man sieht hier, wie ich sowohl die Arbeit der Wikipedianer und der KI, die mir beide kostenlos zur Verfügung gestellt werden, nutze. Immer in der Hoffnung, dass es nicht nur meinem eigenen Lernvorgang (Lernen durch Lehren), sondern auch Lesern meines Blogs dient. Dass Internetnutzung als solche nicht umweltfreundlich ist, nehme ich dabei notgedrungen in kauf.

Das zweite Beispiel ist Jeff Connaughton:

In George Packers „Die Abwicklung“ (Originaltitel: The Unwinding) dient die Biografie von Jeff Connaughton als zentrales Beispiel für die Verflechtung von politischem Idealismus und dem Einfluss des großen Geldes in Washington (der sogenannten „Drehtür“ zwischen Politik und Lobbyismus).

Sein Karriereweg im Buch verläuft über mehrere markante Stationen, die den Wandel des politischen Systems der USA widerspiegeln:

1. Der idealistische Beginn („The Biden Guy“) Connaughtons Laufbahn beginnt Ende der 1970er Jahre. Als Student an der University of Alabama ist er fasziniert von dem damals jungen Senator Joe Biden. Er wird zu einem „Biden Guy“ – jemandem, der seine politische Identität und Karriere fast gänzlich an den Erfolg dieses einen Politikers knüpft. Er arbeitet zunächst im Finanzteam für Bidens erste Präsidentschaftskampagne (1988) und später in dessen Stab im Justizausschuss des Senats sowie im Weißen Haus unter der Clinton-Regierung.

"Die Regeln, nach denen das ultimative Spiel gespielt wurde, änderten sich gerade. Als George Romney 1968 im Fernsehen erklärte, dass ihn die Generäle in Vietnam einer Gehirnwäsche unterzogen hätten, war seine Kandidatur zu Ende. 1972 stand Ed Muskie auf einer Lastwagenpritsche vor der Redaktion von William Loebs Union Leader und  vergoss wütende Tränen, weil der Herausgeber seine Frau Jane beleidigt hatte – und das war das Ende von Ed Muskie. 1980 legte Ronald Regen den Kopf zur Seite, kicherte und sagte: 'Da, Sie tun es schon wieder. 'Womit Jimmy Carter Präsidentschaft auf eine Amtszeit zusammenschrumpfte. 1984 schließlich, zitierte Walter Mondale, den Werbespruch einer Burgerkette. 'Where's the beef?' und Gary Hart sah plötzlich aus wie ein Schuljunge. Zehn Sekunden im Fernsehen genügten, um einen Politiker für immer zu definieren, um ihn zu krönen oder zu zerstören. Präsidenten und Bewerber begingen Selbstmord, eifrige Medien leisteten Beihilfe." [Biden hatte die Kennedys  zitiert, ohne die Zitate zu kennzeichnen. Das bedeutete das Ende seiner Kampagne um die Präsidentschaft.] (S.84)

Raymond Carver (S.90 ff.) Carver kam aus schwierigen Verhältnissen und wurde zum Säufer. Aber es gelang ihm, daraus herauszukommen."Er war ein Held der Literatur, einer, der der Hölle entkommen war. Umsichtig, glücklich schritt er durchs Leben, wie ein Verurteilter, der kurz vor der Exekution begnadigt worden war.

Er profitierte davon, dass die Achtziger, die glitzernde Oberfläche feierten. In den Reagan-Jahren galt als Chronist einer verzweifelten Unterschicht. Je karger und wortloser seine Figuren waren, desto mehr liebten die Leser ihren Schöpfer. Der Untergang der arbeitenden Masse faszinierte und ängstigte sie, sie glaubten, durch Rays Geschichten etwas von ihrem Geist zu spüren. Ihre Verehrung des Autors nahm religiöse Züge an. Die New Yorker Literatur Szene, gerade wieder quicklebendig, öffnete ihm ihr Herz. Er wurde zum modernen Klassiker und fand eine Menge Bewunderer unter jungen Schriftstellern, die seine strenge Prosa nachahmten, ohne sie im Feuer der persönlichen Krise geschmiedet zu haben. Für seine Buchumschläge ließ er sich mit der alten Griesgrämigkeit fotografieren, er blieb der Mann aus dem Arbeiterviertel, der zufällig in eine Buchvorstellung geraten war.
'Seine Erzählungen über Verlierer, über gescheiterte, beschämte und beschämende Männer, Säufer, vor allem, wurden an Yuppies verkauft', sagte einer seiner alten Freunde. 'Seine Figuren bestätigten diese Yuppies in ihrer Überheblichkeit.' (S.95). 

" 'Nimm es nicht persönlich, Jeff', sagte er, 'Biden lässt jeden im Stich. Er diskriminiert nicht, wenn es darum geht, seine eigenen Leute im Stich zu lassen.'

Connaughton sollte es Biden auch später nie verzeihen. Er war nie mehr wirklich überrascht von ihm oder enttäuscht. Er sollte noch viele Jahre mit Biden verbunden bleiben, er sammelte Spenden für ihn und arbeitete hart für seine Wiederwahl, er war und blieb einer der Biden-Jungs, aber die romantische Phase ihrer Beziehung endete mit Bidens Weigerung, diesen Anruf zu machen. Connaughtons Begeisterung für Biden, seine Besessenheit, hatte immer auch einen Kosten-Nutzen-Aspekt gehabt, und der rückte nun ins Zentrum des Verhältnisses. Biden hatte ihn benutzt, und er hatte Biden benutzt. Und dieses Verständnis würde weitergehen. Und mehr nicht. Es war jetzt eine politische Beziehung, wie sie in Washington gang und gäbe war." (S.132/133)

2. Der Wechsel ins Lobbying (Der „Ausverkauf“) Desillusioniert von den niedrigen Gehältern und der Mühsal des öffentlichen Dienstes – und frustriert darüber, dass Biden seine Loyalität kaum zu würdigen scheint – wechselt Connaughton die Seiten. Er geht zur „K Street“ (dem Zentrum der US-Lobbyisten) und gründet später mit dem Republikaner Ed Gillespie die Lobbyfirma Quinn Gillespie & Associates. In dieser Phase wird er finanziell extrem erfolgreich und wohlhabend, fühlt sich aber zunehmend innerlich leer. Packer beschreibt diesen Abschnitt als symptomatisch für eine politische Klasse, die sich vom Gemeinwohl entfernt hat, um sich persönlich zu profitieren.

3. Die Rückkehr und der letzte Kampf Im Jahr 2009 kehrt Connaughton überraschend in den Senat zurück, nicht für Biden, sondern als Stabschef für dessen Nachfolger Ted Kaufman. Hier versucht er, seinen früheren Idealismus noch einmal zu beleben. Sein Hauptziel wird der Kampf für eine strenge Finanzmarktreform nach der Krise von 2008 (konkret arbeitet er am Brown-Kaufman Amendment, das Großbanken zerschlagen sollte).

4. Endgültige Desillusionierung und Ausstieg Connaughton muss feststellen, dass die Macht der Bankenlobby und der Einfluss der Wall Street auf Washington (und auch auf die Obama-Regierung) zu groß sind. Das Brown-Kaufman Amendment scheitert. Connaughton kommt zu dem Schluss, dass das System fundamental korrupt ist („The blob“).

Am Ende des Buches zieht er die Konsequenzen: Er verkauft seine Anteile, verlässt Washington D.C. endgültig, zieht nach Savannah (Georgia) und schreibt ein Enthüllungsbuch über die Mechanismen Washingtons (Titel: The Payoff: Why Wall Street Always Wins).

Zusammenfassend: Connaughtons Weg in „Die Abwicklung“ ist der Bogen vom naiven Idealisten zum zynischen Profiteur und schließlich zum desillusionierten Reformer, der das System verlässt, weil er es für nicht mehr reparierbar hält.

(Dieser leicht ergänzte Text der KI wird ergänzt durch Zitate und ein Link zu dem betreffenden Abschnitt aus Parker: Die Abwicklung.)

Tampa (S.221-243)

"In den 1950er Jahren erfuhr Tampa ein nie dagewesenes Bevölkerungswachstum, was insbesondere zu einem enormen Ausbau der Infrastruktur führte. In dieses Jahrzehnt fiel unter anderem auch die Eröffnung des Lowry Park Zoo (1957) und der Busch Gardens (1959). 1956 wurde im Stadtteil North Tampa die University of South Florida eröffnet, die viele neue Arbeitsplätze entstehen ließ. Viele Firmen und Einrichtungen zogen im Laufe der Zeit von ihrem traditionellen Standort im Stadtzentrum in weiter außerhalb gelegene Bezirke um.[31]

Von 1967 bis 1973 wurden insgesamt fünf Versuche unternommen, die Stadtverwaltung von Tampa mit der Verwaltung des Hillsborough County zusammenzulegen. Diese scheiterten jedoch alle an der Wahlurne. Bei der letzten Entscheidung stimmten 33.160 (31 %) der wahlberechtigten Einwohner für und 73.568 (69 %) gegen diese Reform.[32]

Zuletzt wurde das Stadtgebiet 1988 durch die Erschließung eines zuvor ländlich geprägten Gebietes zwischen den Interstates 75 und 275 nördlich von Tampa um etwa 62 km² erweitert, das zum Bezirk New Tampa ernannt wurde." (Wikipedia)

Das unkontrollierte Wachstum führte dazu, dass natürliche Lebensräume wie Kiefernwälder, Zwergpalmenstrände, Orangenhaine, Mangroven und Erdbeerfelder dem Bau von immer mehr Wohnungen zum Opfer fielen. 

"Kein Ort war zu abgelegen oder ungeeignet, um erschlossen zu werden. In Gibsonton, einem kleinen Dorf an der Ostseite der Bucht von Tampa, überwinterte regelmäßig eine Gruppe von Karnevalsfanatikern, ansonsten sah der Ort aus, wie das ländliche Florida einst ausgesehen hatte: an jeder Ecke konnte man Anglerbedarf und Munition kaufen, die schmalen Straßen säumten moosbehangene Eichen. Hier kaufte Lennar Homes, eine Baufirma, eine alte Tropenfischzucht, schaufelte sie zu und begrub sie unter einer Betonplatte. Eine Siedlung aus 382 Häusern sollte / entstehen. Die einzigen Schulen, die es in der Nähe gab, bestanden aus Containern, die einzige Einkaufsmöglichkeit war ein wenige Meilen entfernter Wal-Mart. Arbeit gab es im Umkreis von dreißig Meilen keine. Aber die Siedlung war Wachstum, weshalb die Bezirksverwaltung die Warnungen der eigenen Fachkommission in den Wind schlug und Lenar alle erdenklichen steuerlichen Vergünstigungen ein räumte. 2005 war alles fertig, Carriage Pointe öffnete die Tore.

Da nirgends eine Ortsmitte zu finden war, da überhaupt keine Orte zu erkennen waren und kein einziger Hügel die Monotonie der flachen Landschaft brach, war es beinah unmöglich, sich ohne GPS zu orientieren. Wer seine Uhr einmal vergessen hatte, verlor im immer gleichen tropischen Licht schnell das Zeitgefühl. Man konnte nur versuchen, sich die Kreuzungen zu merken, an denen die immer gleichen Supermärkte, der Großmarkt Sam's Club, die Drogeriekette, Walgreens und eine Shell-Tankstelle die vier Ecken besetzen. […/...]
Anita, die die Sparsamkeit ihres Vaters nach St. Petersburg mitbrachte, wurde die Königin der Schnäppchenjagd. Sie arbeitete bei der Wachovia-Bank, die sich mit der Übernahme der kalifornischen Sparkasse World Savings in das Geschäft mit den Schrotthypotheken gestürzt hatte. Ihr besonderes Kreditangebot hieß Pick-a-Pay: Kunden waren eingeladen, Kreditverträge nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, Zinssätze zu wählen und Ratenzahlungen festzulegen. Diese Hypotheken wurden zu einem spektakulär profitablen Saft gepresst, der in die Tanks der Wachstummaschine floss. 
Da war Jennifer Formosa, ebenfalls aus Michigan, die aber bei ihrer Mutter in Florida aufgewachsen war. Nach der High School arbeitete sie als Bankangestellte in Cape Coral und heiratete den Vater ihres Babys, einen Mann namens Ron, der zwar keinen Schulabschluss hatte, aber mit dem Gießen von Fundamenten ganz ordentlich verdiente. Ron und Jennifer nahmen einen Kredit von 110 000 Dollar auf und bauten ein Haus mit drei Schlafzimmern. Nach einiger Zeit refinanzierten sie die Hypothek, um die laufenden Rechnungen zu bezahlen, dann beliehen sie das Haus, um ein neues Dach zu bezahlen, dann refinanzierten sie noch einmal, um ihre Autos abzuzahlen, eine Terrasse zu bauen, ein Boot zu kaufen. Was übrig blieb, verschleuderten sie auf Kreuzfahrten und – mit den Kindern in Disney World." 
(Packer, S.223- 225)
"Aus dem ganzen Land kamen Spekulanten, die Häuser kauften, um sie möglichst schnell wieder abzustoßen. 50.000 Dollar in sechs Monaten galt als realistischer Profit, es gab Sekretärinnen mit einem Jahresgehalt von 35.000 $, die fünf oder zehn Häuser besaßen und mit Millionenkrediten jonglieren, und Autohändler, die ihr erstes richtiges Geld verdienten, als sich die Immobilienpreise innerhalb von zwei Jahren verdoppelten. 2005 auf dem Höhepunkt des Wahnsinns, wechselte am 29. Dezember in Fort Myers ein Haus für 399 600 Dollar den Besitzer, das einen Tag später, am 30. Dezember, für 589 900 Dollar weiter verkauft wurde. Es waren die Spekulanten, so genannte Flippers, die die Preise in die Höhe trieben." (S.227)
Ende 2005, Anfang 2006, auf dem Gipfel der Spekulation, brach plötzlich das Vertrauen weg, der Grund gab nach, auf den Floridas Wirtschaft gebaut war, sie stürzte, wie Bugs Bunny, der noch kurz in der Luft schwebte und in die Tiefe blickte, bevor er abwärts rauschte. Die Preise taten etwas, das Schuldner und Kreditgeber, Flipper, Wall-Street-Broker mit Überbeständen, Kreditausfallversicherer, die Hypothekenbank, Fannie Mae, asiatische Banker, die acht Prozent erwarteten, groteske Preistreiber im Kabelfernsehen und Alan Greenspan für undenkbar gehalten hatten: sie begannen zu fallen. (Packer, S.235). 
"Die Hälfte, vielleicht zwei Drittel der Häuser in der Siedlung standen leer, und wer versuchte, sich in Country Walk zu halten, parkte weiterhin brav in der Einfahrt und mähte den Rasen des Nachbarn mit, um die Verwahrlosung zu verbergen. Es gab Abschnitte, die schneller verkamen als andere. Hier wuchs das Gras bereits kniehoch, das Unkraut schoss zwischen den Platten hervor, aus Klimaanlagen waren die Kupferdrähte herausgerissen, grüner Schimmel wuchs auf altweißem Stuck wie Ausschlag, hier und da klebte an einer Haustür ein Zettel: LEERSTEHEND, AUFGEGEBEN. [...] So schnell, wie die Preise in die Höhe geschossen waren, waren sie auch wieder gefallen. Bunnys Haus in Twin Lakes, wenige mal nördlich von Country Walk, dessen Wert sich in kürzester Zeit von 114.000 Dollar auf 280.000 Dollar mehr als verdoppelt hatte, War zwei Jahre später noch 160.000 Dollar wert (S. 236) 
Ecosia: "Er zeichnet ein Bild von Menschen, die durch das Auseinanderbrechen sozialer Sicherheiten und wirtschaftlicher Stabilität in eine Abwärtsspirale geraten, wobei Tampa exemplarisch für viele amerikanische Städte steht, die von der Krise hart getroffen wurden. Die Zwangsvollstreckungen sind dabei nicht nur ein finanzielles Problem, sondern auch ein tiefgreifender Einschnitt in das Leben und die Würde der Betroffenen, was Packer eindringlich schildert": Richter bekamen 300 Fälle auf einmal zugewiesen, für jeden Fall brauchten sie durchschnittlich 3 Minuten, in Fällen, keine Beteiligten gehört werden mussten, ging es in Sekundenschnelle: "Richter in schwarzen Robben standen bereit – darunter einige, die aus dem Ruhestand zurückgekehrt waren und einen Tagessatz von 600 $ erhielten, der zum großen Teil durch die anfallenden Vollstreckunggebühren gedeckt wurde – und machten sich daran, eine halbe Million Fälle abzutragen, wie frühere Generationen die Mangrovensümpfe trocken gelegt hatten, und Platz für die Stadt Tampa zu schaffen. 
Die Anzahl der Fälle war so enorm, und der Druck des obersten Gerichts von Florida war so groß, dass einem einzigen altgedienten Richter, der vielleicht 75 Jahre alt war, 3000 Verfahren auf einmal gegeben wurden. Ein normaler Verhandlungstag an einem Dezembermorgen [...] bestand vielleicht aus 60 Fällen, um 9:00 Uhr begann es [...] und endete um 12:00 Uhr mit [...] pro Fall waren drei Minuten vorgesehen, meistens entschied der Richter schneller. Nach der Mittagspause kam die nächsten sechzig Fälle dran. Es begann um 13:30 Uhr [...] und endete um 17:00 Uhr [...]." (Packer, S. 303 )

Zur weiteren Entwicklung:

"[...] Für Breitbart veränderte sich noch einmal alles, als an einem Augusttag des Jahres 2009 – die Chicago Tribune schloss ihrer Auslandsredaktion, die Washington Post schloss, die letzten Büros in New York, Chicago und Los Angeles – ein junger Bürgerjournalist namens James O'Keefe mit einem Stapel ungeschnittener Videos in sein Haus spazierte. Sie waren das Abu Ghraib des Sozialstaats, wie er seit den Great-Society-Reformen unter Lyndon B. Johnson bestanden hatte. In den Videos gaben sich O'Keefe und eine Bürgerjournalistin namens Hannah Giles als Zuhälter und Prostituierte aus, die ein Bordell mit minderjährigen Mädchen aus El Salvador eröffnen wollten. James und Hannah trugen ihre versteckte Kamera in Baltimore, New York und anderswo in die Büros der linken Organisation ACORN und filmten freundliche Büroangestellte, die ihnen Ratschläge zur Geschäftsgründung gaben und Steuertricks verrieten. 'Es war, als würde man zuschauen, wie die westliche Zivilisation an die Wand gefahren wird.'
Breitbart wusste sofort, was zu tun war. Eine Nachricht war erst dann etwas wert, wenn man die Leute hungrig machte, er wollte die Medien füttern wie einen abgerichteten Hund. Ein Video nach dem anderen würden sie veröffentlichen, sie würden ACORN ohne Warnung konfrontieren und die Agenturen überraschen, um sie mit ihren Lügen und Tendenzen bloßzustellen und die Story möglichst lange am Leben zu halten. Ein Sender wie Fox News würde den Effekt verstärken. Immer auf Angriff bleiben, immer laut und empört. Er zielte auf eher auf die Mainstream/medien – mal ehrlich, wer interessierte sich schon für die paar armen Hausbesitzer, die ACORN gegen Kredithaie schützte, oder die Arbeiter, für deren Löhne die Organisation kämpfte?
Wenige Monate später gab es ACORN nicht mehr, und Breitbart war ein Held der Teeparty. Die Medien stürzten sich auf ihn, alle wollten über ihn schreiben. Er fühlte sich, als hätte er hundert verbotene Substanzen gleichzeitig eingeworfen. Ein Riesenspaß war das! Es machte Spaß, die Wahrheit zu sagen, es machte Spaß, die öffentliche Meinung hinter sich zu wissen, es machte Spaß, nervöse Journalisten zu verarschen und den alten Medien auf den Hocker zu helfen, damit sie sich erhängen konnten. Breitbart ging in die Sendung des Politsatirikers Bill Maher bei HBO und verteidigte sich selbst und Rush Limbaugh gegen die politisch korrekte Meute seiner Fans. Und er spürte zum ersten Mal im Leben wirklich, dass er auf der richtigen Seite stand. Er war der Anführer einer Freischärlertruppe von unangepasster Patrioten, die Chance zu tun, was die Gründerväter einst getan hatten – eine Revolution gegen die Maschine anzuzetteln – war zum Greifen nahe.
Es kam dann so, dass eine Beamten des Landwirtschaftsministeriumsnamens Shirley Sherrod gefeuert wurde, weil sie in einem irreführend geschnittenen Video anti-weiße, rassistische Kommentare zu machen schien, obwohl sie eigentlich genau das Gegenteil getan hatte. Und wenn schon? Die andere Seite war auch nicht gerade für Fair Play bekannt. Und überhaupt: die Regeln der alten Medien, ihr Beharren auf Wahrheit und Objektivität, galten nicht mehr. Was zählte, war der größtmögliche Effekt, es ging darum, die Geschichte selbst an sich zu reißen. Das war der Grund, warum Breitbart von seinen erklärten Feinden Schützenhilfe erhielt, warum er jede Schlacht gewann. Offenbar war er zumindest halbwegs nüchtern gewesen, als er im College Vorlesungen über moralischen Relativismus hörte. [...]" (S.352/353). 

Tom Periello (S.370ff.)

Packer nutzt Perriellos Geschichte als Beispiel für den Versuch, das politische System in Washington von innen heraus zu verändern und die „Abwicklung“ der amerikanischen Gesellschaft aufzuhalten:

  • Der unwahrscheinliche Wahlsieg: Packer schildert Perriellos überraschenden Sieg bei den Kongresswahlen 2008 in einem eigentlich konservativ geprägten Wahlbezirk in Virginia. Perriello trat als progressiver Außenseiter an, der sich für die Arbeiterklasse einsetzte.

  • Idealismus gegen Realpolitik: Das Buch beschreibt Perriello als einen Idealisten, der im Kongress mutige Entscheidungen traf (wie die Zustimmung zur Gesundheitsreform „Obamacare“ oder zum Klimaschutzgesetz), obwohl er wusste, dass ihn dies in seinem Distrikt politisch gefährden würde.

  • Scheitern an der Polarisierung: Packer zeigt auf, wie Perriello Opfer der wachsenden politischen Spaltung und des Einflusses von Interessengruppen wurde. Trotz seiner Bemühungen, volksnah zu bleiben und seine Entscheidungen zu erklären, verlor er seinen Sitz bei den Wahlen 2010 gegen einen Kandidaten der Tea-Party-Bewegung.

Packer stellt Perriello als eine tragische Figur dar, die versuchte, die alte Ordnung des Gemeinwohls wiederherzustellen, während das politische System bereits in sich zusammenfiel.


Tammy Thomas (S.382ff.)

Tammy Thomas ist eine Fabrikarbeiterin aus Youngstown, Ohio, die aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Heimatstadt zur Aktivistin wird.

Über ihr Engagement im Zusammenhang mit der MVOC (Mahoning Valley Organizers Collective) berichtet Packer Folgendes:

  • Soziale Mobilisierung: Tammy Thomas schließt sich der MVOC an, einer Bürgerorganisation, die sich für die Belange der Bewohner des Mahoning Valley einsetzt. Durch diese Arbeit findet sie eine neue Bestimmung jenseits der Fabrikarbeit.

  • Kampf gegen den Verfall: Ein zentrales Projekt, über das berichtet wird, ist der Kampf gegen die „Blight“ (den städtischen Verfall). Tammy und die MVOC setzen sich dafür ein, dass die Stadtverwaltung und abwesende Immobilienbesitzer zur Verantwortung gezogen werden, um baufällige Häuser abzureißen oder instand zu setzen.

  • Empowerment: Tammy lernt durch die MVOC, öffentliche Versammlungen zu organisieren, Politiker zu konfrontieren und ihre Stimme für die Gemeinschaft zu nutzen. Die Organisation dient ihr als Plattform, um den strukturellen Problemen in Youngstown entgegenzuwirken.

"

 Elizabeth Warren: Die „Populistin aus der Prärie“ (S.404ff.)

 Elizabeth Warren (Professorin an der Harvard Law Schoolund Expertin für Verbraucherinsolvenzen)   kommt aus bescheidenen Verhältnissen in Oklahoma.. Ihre politische Ansichten entstehen nicht aufgrund ideologischer Theorie, sondern aufgrund empirischer Forschung und persönlichen Beobachtungen.

Vom Konservatismus zur Systemkritik

Ein zentraler Punkt in Packers Darstellung ist Warrens intellektuelle Wandlung:

  • Ursprüngliche Sicht: Zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsgelehrte vertrat sie eher konservative Ansichten. Sie glaubte, dass Privatinsolvenzen meist die Folge von mangelnder Disziplin oder dem Versuch seien, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

  • Die Wende: Durch ihre Studien zum Insolvenzrecht erkannte sie jedoch, dass nicht mangelnde Moral, sondern wegbrechende Sicherungssysteme die Ursache waren. Sie stellte fest, dass Familien oft durch unvorhersehbare Ereignisse wie Krankheiten, Jobverlust oder räuberische Kreditpraktiken in den Ruin getrieben wurden. Warren erklärt, wie reglementierende Institutionen und Verbraucherschutzgesetze systematisch ausgehöhlt wurden. Sie zeigt auf, dass die Kosten für das, was ein Leben in der Mittelschicht ausmacht (Wohnen, Bildung, Gesundheitsversorgung), massiv gestiegen sind, während die Reallöhne stagnierten. Sie war eine der wenigen Stimmen, die nach der Finanzkrise 2008 die Macht der Banken offen angriffen, z.B. durch E die Gründung des Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) – eine Behörde zum Schutz von Verbrauchern vor Betrug durch Finanzinstitute. Doch im Washingtoner Politikbetrieb stößt sie  auf Widerstand stieß, weil sie unangenehme Wahrheiten über die Verflechtung von Politik und Finanzwirtschaft ausspricht. (vgl. Gemini)

Kampf gegen die Wall Street (418ff.)

Am Beispiel von Nelini Stamp  und anderen jungen Menschen wird über die intensive Phase der Kohärenz und Gemeinschaft berichtet, die für viele Teilnehmer eine fast religiöse oder lebensverändernde Bedeutung hatte. Dazu gehört z.B. das Volksmikro (engl. Human microphone) Doch nach der Räumung des Zuccotti Parks bleiben die meisten Aktivisten allein, teils obdachlos und ohne politische Struktur 

Deutlich wird der Kontrast zwischen den der Arroganz und Abgehobenheit der Finanzeliten (wie etwa Robert Rubin mit seiner Aufhebung des Glass-Steagall Act, das die Trennung von Kredit- und Investmentbanken festlegte) und den „99 Prozent von Occupy.

Packer zieht eine Parallele von Occupy Wall Street und der Tea-Party-Bewegung. Beide Bewegungen seien aus einem Gefühl der Ohnmacht entstanden, sie sahen das System als manipuliert an. Der Unterschied lag darin, dass die Tea Party den Staat als Feind sah, während sich Occupy gegen die Banken und Konzerne richtete. Er würdigt den Mut der Protestierenden von Occupy, während die Regierung Obama demgegenüber zu zögerlich war, die Verantwortlichen der Finanzkrise zur Rechenschaft zu ziehen. Doch den fehlenden Erfolg von Occupy sieht er als Beweis an, dass in dieser Gesellschaft jeder zunehmend auf sich allein gestellt war.

Bei den Demonstrationen wurden keine konkreten Forderungen gestellt. Es gab auch keine zentrale Leitung, die sie hätte ausarbeiten und verbreiten können. Statt dessen trugen und zeigten viele stichwortartige Lebensläufe, die zeigen sollten, dass sie unverschuldet in ausweglose Not geraten waren. Das waren Texte wie der folgende:
"Ich habe alles getan, was man mir sagte, um Erfolg zu haben. Meine Noten waren sehr gut, ich erhielt ein Stipendium. Ich nahm einen Kredit auf, studierte und schloss mit Diplom ab. Jetzt bekomme ich keine Stelle. Die Schulden erdrücken mich. An meiner Haustür hängt ein Räumungsbescheid. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll.
Auf dem Konto habe ich $42.
Ich bin die 99 Prozent" (S.434)

"Zusammengenommen entwickelten diese Kurzbiografien die moralische Kraft eines sozialkritischen Dokumentarfilms oder eines Romans von John Steinbeck. Und sie erklären, warum Occupy Wall Street im Handumdrehen eine Marke wurde.
Die Verwendung des Wortes 'Einkommensschere' in den Medien verfünffachte sich, Präsident Obama hielt eine Rede zum Thema und sprach selbst über das 'eine Prozent'.  Jeder Filmstar, jede öffentliche Figur hatte zum Thema Occupy eine Meinung. Colin Powell äußerte sich verhalten positiv, und er erinnerte an eine Zeit, als seine Eltern in der South Bronx jederzeit Arbeit finden konnten. Robert Rubin bestätigte, dass in den vergangenen dreißig Jahren, mit Ausnahme der späten Neunziger, die realen Gehälter gefallen sein: 'Die Demonstranten haben Themen gefunden, die in unserer Wirtschaft eine zentrale Rolle spielen.'
Peter Thiel erklärte in einem Interview: 'In der neueren Weltgeschichte hat ungerechte Einkommensverteilung immer zu kommunistischen Revolutionen, Krieg oder einem deflationären. Zusammenbruch der Wirtschaft geführt. Die verstörende Frage ist, mit welchem Ergebnis wir dieses Mal zu rechnen haben, oder ob es einen vierten Weg gibt.' Elisabeth Warren, die mitten im Wahlkampf für den Senat stand, sagte: 'Ich habe die intellektuelle Grundlage für das geschaffen, was die Demonstranten dort tun. Newt Gingrich, der sich um die Präsidentschaft bewarb, wurde von Demonstranten bei einer Rede in Harvard gestört. Kurz darauf erklärte er vor einem Forum über 'familienorientierte Wertvorstellungen' in Iowa:    'Die ganze Occupy-Bewegung beruht auf der Annahme, dass wir denen immer etwas schuldig sind. Sie besetzen einen öffentlichen Park, für den sie nicht bezahlt haben, sie benutzen Toiletten in der Umgebung, für die sie nicht bezahlt haben, sie betteln um Essen, für das sie nicht bezahlen wollen, und sie stellen sich denjenigen in den Weg, die zur Arbeit gehen und die Steuern aufbringen, mit denen Toiletten und Parks bezahlt werden. Und all das nur, weil sie in ihrer Selbstgerechtigkeit zeigen wollen, wie tugendhaft sie sind und dass wir in ihrer Schuld stehen. Ich finde, das macht ziemlich deutlich, wie moralisch zerrüttet die Linke in unserem Land ist, und warum / wir ihnen immer wieder die schlichte Wahrheit zurufen müssen: Wascht euch erst mal ordentlich und sucht euch eine Arbeit.' Andrew Breitbach, der um einen Kommentar gebeten wurde, antwortete: 'Man muss sich schon genau ansehen, worum es geht um die Fäkalverschmutzung? Um die öffentliche Masturbation? Um Vergewaltigungen und Belästigung im Park? Wir haben den ganzen Zirkus im Blick.' Er sprach den Kommentar zu einem Dokumentarfilm mit dem Titel Occupy Unmasked, es war sein letztes Projekt und erschien erst nach seinem Tod." (S. 435/36)

Peter Thiel (S.447ff.) : "Auf der Tech Crunch-Konferenz in San Francisco kündigte er seine Thiel-Stipendien an: jährlich zwanzig mal einhundertausend Dollar für junge Menschen unter zwanzig, die eine unternehmerische Idee hatten, die die Welt verbessern würde." (S. 481).

Tammy Thomas
"Tammy war so engagiert, dass sie kaum Zeit hatte, im Wahlkampf zu helfen. Aber  am 5. November, wenige Tage vor der Wahl, fuhr sie mit Kirk Nodon zum Linkoln Park, und ging in dem Viertel, in dem sie aufgewachsen war, von Haus zu Haus. Es gab das Gerücht, dass eine Liste kursierte, die Wähler in dem Glauben unterschrieben, dass sie damit ihre Stimme abgaben, weshalb Tammy jeden, der mit ihr zu sprechen, bereit war, zuerst fragte, ob sie schon gewählt hätten oder ob sie bis zum Wahltag warteten. Dann fragte sie, ob sie am Wahltag abgeholt werden wollten. Überrascht stellte sie fest, dass die Begeisterung für Obama noch größer war als 2008, als viele Wähler unsicher waren, ob die Zeit für einen schwarzen Präsidenten reif sei und ob er eine Amtszeit über überhaupt überleben würde.
 Und als er am Tag darauf wieder gewählt wurde, war Tammy noch bewegter als vier Jahre zuvor. Sie war hautnah dabei gewesen, hatte die Umfragen gelesen und wusste, wie knapp der Ausgang in Ohio sein würde. Aus Angst, dass Obama verlieren könnte, hatte sie die ganze Wahl eher negativ gesehen: wenn er nämlich verloren hätte, hätten Miss Hattie und Miss Gloria, die Männer im Front Porch Café Und all die anderen, die sie rekrutiert hatte, gedacht, dass ihre Arbeit umsonst gewesen war. Und ihre eigene Lebenszeit, die Jahre, die sie investiert hatte, wären verloren gewesen. Tammy hatte sich gescheut, zu fragen, was im Fall eines Wahlsiegs passieren würde. Und als es geschafft war, dachte sie: 'Mein Gott, das bedeutet ja, dass wir wirklich etwas verändern können.' "(S. 484). 

Dean Price (S.485-504)

Wofür Dean Price das Altfett sammelte

Dean Price, ein Unternehmer aus North Carolina, wollte eine lokale und unabhängige Energieversorgung aufbauen. Sein Ziel war die Herstellung von Biodiesel.

  • Der Rohstoff: Er sammelte gebrauchtes Frittierfett (Altfett) aus Fast-Food-Restaurants in der Region.

  • Die Vision: Price wollte den "Bio-Fußabdruck" verkleinern und sich aus der Abhängigkeit von globalen Ölkonzernen befreien. Er gründete eine genossenschaftliche Tankstelle und eine Produktionsstätte, um den Kraftstoff direkt an lokale Bauern und Autofahrer zu verkaufen. Er sah darin eine Möglichkeit, die wirtschaftlich abgehängte Region der Appalachen wiederzubeleben.


2. Weshalb er zunächst erfolglos blieb

Trotz seines Enthusiasmus stieß Price auf massive Widerstände, die symptomatisch für die "Abwicklung" der alten Strukturen sind:

  • Bürokratie und Regulierung: Er wurde von staatlichen Auflagen und Sicherheitsbestimmungen für die Kraftstoffherstellung erdrückt, die eher auf Großkonzerne als auf kleine Garagenbetriebe zugeschnitten waren.

  • Logistische Probleme: Das Sammeln und Filtern von Altfett war schmutzig, zeitaufwendig und technisch fehleranfällig.

  • Finanzkrise 2008: Die Wirtschaftskrise traf ihn hart. Kredite wurden fällig, die Nachfrage sank, und seine Investitionen in die physische Infrastruktur (Tankstellen) lasteten schwer auf ihm.

  • Der Ölpreis: Als die Ölpreise schwankten, wurde sein Biodiesel zeitweise teurer als herkömmlicher Diesel, was die Kundenbasis schwinden ließ. Am Ende verlor er sein Geschäft und sein Vermögen.


In meinem Exemplar von Packer: Die Abwicklung von Dezember 2015 (ich habe im Internet kein neueres gefunden) enthält am Schluss nur einen Traum von Dean Price über das Haus, das er sich bauen will, keinen Erfolg mit Hanf. Ob in der englischen Version die Erfolgsgeschichte vorkommt oder ob die KI Gemini sie erfunden hat, weiß ich nicht. Die zusammenfassende Aussage der KI über den Misserfolg wird durch einen später denkbaren Erfolg aber nicht widerlegt.

3. Warum er am Ende Erfolg hatte

Sein "Erfolg" am Ende des Buches ist nicht unbedingt ein klassischer finanzieller Triumph im großen Stil, sondern eher eine erfolgreiche Anpassung an die neuen Realitäten:

  • Fokus auf Hanf: Price erkannte, dass Biodiesel allein nicht reichte. Er wechselte den Fokus auf den Anbau von Industriehanf. Er sah darin eine vielseitigere Nutzpflanze, die sowohl für Treibstoff als auch für Textilien und Baumaterialien genutzt werden konnte.

  • Politischer Aktivismus: Er wurde zu einem Pionier für die Legalisierung von Nutzhanf in North Carolina. Sein Erfolg lag darin, die Gesetzgebung zu beeinflussen und eine neue Nische zu besetzen.

  • Dezentralisierung: Er gab den Traum vom großen Imperium auf und konzentrierte sich auf ein Modell der lokalen Selbstversorgung. Sein Erfolg war die Erkenntnis, dass man in einer "abgewickelten" Welt nur bestehen kann, wenn man flexibel bleibt und sich auf die Gemeinschaft vor Ort verlässt, anstatt auf das alte System der Banken und Konzerne.

Zusammenfassend: Dean Price scheiterte an der Trägheit und den Regeln der alten Welt (Öl, Banken, Bürokratie), fand aber Erfolg, indem er die Trümmer dieser Welt nutzte, um mit Hanf und lokaler Energie etwas völlig Neues und Widerstandsfähiges aufzubauen.

Sieh auch: Colin PowellNewt GingrichElizabeth WarrenJay-Z, and Raymond Carver. 



01 November 2025

Roger Willemsen. Enden der Welt

 Rezensionen bei Perlentaucher

Ich habe manche der Texte mehrmals gelesen, beeindruckt von der Fremdartigkeit dessen, was ich nicht mutig genug bin, es erleben zu wollen. Bei den Berichten aus dem Regenwald auf Borneo (S.198ff.) gewinne ich erstmals ein Verständnis für die Zusammenstellung so verschiedenartiger "Enden der Welt".

Im Himalaya geht eine alte Frau nicht um eine Kurve der Landstraße, weil sie eine zu große Angst hat vor dem dort drohenden Fremden. Willemsen geht weiter und trifft auf einen Stau und auf Zurückkehrende, weil dort im Nebel beim Aufreißen des Nebels deutlich wird, wie man da unversehens abstürzen kann. 

Mit Gibraltar sucht er eine Stelle der Welt auf, wo man sich in der Antike das Ende der Welt vorstellte, weil auf den Bereich der Küstenseefahrt des Mittelmeers die Hochseefahrt des Atlantik folgt. Dort verlässt ihn die Reisegefährtin, mit der er sich ohne große Absprachen zu einer Reise nach und durch Spanien zusammengefunden hat, ihm signalisierend, dass sie schon längst kein Interesse an irgendeiner Gemeinsamkeit mit ihm hat. Hier ist es also das Ende der antiken Vorstellungswelt und das Ende einer fast wortlosen Vertrautheit mit einem fremd gebliebenen Menschen. 

In Patagonien ist das Ende die Kälte und Unwirtlichkeit der Gegend, wo es immer weniger Menschen aushalten. 

Auf  Borneo ist es das Ende der zivilisierten Welt eine Großstadt, die nur über Wasserstraßen im Regenwald oder per Flugzeug erreichbar ist. Alle Straßen auf dem Land verlieren sich im Dschungel, in dem nur der "Vormensch" der Orang Utan sich zu Hause fühlt und durch das Mitschleppen von Saatgut die Vielfalt des Biotops zu erhalten versteht. Die Menschen, die hier Landwirtschaft betreiben, können es nur durch Brandrodung, mit der sie die Fruchtbarkeit durch Zerstörung der Biodiversität des Biotops zerstören. Nachdem sie das im Lauf von ein, zwei Jahren getan haben, ziehen sie weiter, weil nachhaltigeres Wirtschaften ihnen nicht möglich ist. 

Fast so, wie es der Menschheit nach 200 Jahren Nutzung der fossilen Energien geht, weil die nachhaltigen Energien noch nicht erlauben, den hochgezüchteten Lebensstandard für alle möglich zu machen. Multimilliardäre ziehen daraus den Schluss, das Sinnvollste sei es, die Erde zu verlassen und auf einem anderen Planeten eine Zivilisation aufzubauen, die selbstverständlich noch weniger als die Erde über 8 Milliarden Menschen zureichende Überlebensmöglichkeiten bietet. Der Vorteil, den sie suchen, ist offenbar, dass sie sich dort nicht in einer gated Community von anderen abschirmen müssen, weil der Weltraum dazwischen liegt. Vielleicht gelingt es ja einmal, die Ungleichheit auf der Erde so weit zu treiben, dass die unterdrückte Menschheit für einige wenige das Leben zu sichern versteht, so wie in Amerika das in der "Neuen Welt" besiedelte Land in den südlichen Staaten (nach Beseitigung der ursprünglichen Bevölkerung) nur mit Hilfe der von Sklaven wirtschaftlich auszubeuten war. (Dies wird von Willemsen selbstverständlich nicht so ausformuliert.)

In Timbuktu begegnet er dem Indio, der nicht bettelt, dann aber mit der unerwarteten Gabe in die Wüste flieht. Willemsen lässt es offen, was ihm die Flucht bringen wird. 

Inhalt  

Die Eifel. Aufbruch 9
Gibraltar. Das Nonplusultra 20
Der Himalaya. Im Nebel des Prithvi Highway.
Isajfördur. Der blinde Fleck, 77
God's Window. Letzter Vorhang 86
Minsk. Der Fremde im Bett 103.
Patagonien. Der verborgene Ort 118
Timbuktu. Der junge Indio, 161
Bombay. Das Orakel, 182
Tangkiling. Die Straße ins Nichts, 198 (Borneo)
Kamtschatka. Asche und Magma 222
Mandalay. Ein Traum vom Meer, 202
Der Fucciner See. Die Auszählung 285
Goree. Die Türe ohne Wiederkehr 300
Hongkong. Poste restante 335
Der Amu-Darja. An der Grenze zu Transoxanien 360
Tonga. Tabu und Verhängnis, 382
Toraja. Unter Toten 420
Kinshasa. Aus einem Krieg 437
Chiang Mai. Opium 457
Orvieto. Die fixe Idee, 472
Der Nordpol. Einkehr 502

Die Eifel. Der Aufbruch S.9ff.

Gibraltar S.20 ff

»Aber damit ist die Grenze des Nonplusultra doch schon überwunden«, widersprach Christa. »Genau, und deshalb lautete die Devise von KarlV auch Plus ultra! Und das, seit klar war, dass das Nonplusultra eben nicht das Ende der geographischen Welt bedeutete. Also: Plus ultra!«, rief ich noch und schnalzte mit der Zunge. »Dann ist dies jetzt der richtige Augenblick, dir zu sagen, dass ich hier umkehren werde«, antwortete sie und betrachtete mein verblüfftes Gesicht wie ein Exponat. »Hat sich deine Neugier erschöpft?« »Du hast sie erschöpft. Aber nimm's nicht persönlich.« Stunden später nahm sie den Zug nach Madrid, wo sie bei Freunden übernachten konnte. Ich brachte sie zum Gleis, wo wir uns zum Abschied tapfer auf den Mund küssten, um nicht zu gutmütig zu enden. Am nächsten Tag ließ ich die Säulen des Herkules hinter mir, erreichte Tanger und betrat ganz allein die jenseitige Welt.


Der Himalaya. Im Nebel des Prithvi Highway.
»Sagen Sie doch: Was erwartet uns auf der anderen Seite?« »Ich weiß es nicht.« »Aber Sie leben doch hier!« »Ich war nie dort.« »Warum nicht?« / Vor vielen Jahren, erzählt sie, träumte ihr, sie solle nicht um diese Kurve gehen, »von wegen dem Unglück, das passieren könne«, radebrecht sie in ihrem unbeholfenen Englisch. Und die Neugier? Die Neugier bedeute ihr nichts? »Nichts«, sagt sie. »Nach meinem Tod kann ich immer noch nachsehen.« Da es aber ein Leben vor dem Tod gibt und wir eine Weile ungestört und ganz vertraut miteinander geredet haben, darf ich schließlich doch ihre Hand nehmen, und so, in meine beiden Hände ihre federleichte Altfrauenhand nehmend, staksen wir beide aus dem Hüttchen an den Straßenrand, über den mit Pfützen bedeckten Kiesplatz, und tun Schritt für Schritt auf die Kurve zu. Und wenn ihr etwas zustoßen sollte, und wenn sich die Weissagung des Traums doch noch erfüllte? »Wir tun es wirklich, sehen Sie«, sage ich. Sie nickt voller Selbstvertrauen, ihr Gesicht strahlt, und ihre Hand hat jetzt die meine auch ihre Hand hat jetzt die meine auch fest gepackt. Wir gehen synchron, ein wenig humpelnd, aber synchron. Kurz vor dem Scheitelpunkt der Kurve sind wir schon angelangt, als die Greisin stehenbleibt. Sie lacht, als könne sie das nur stehend, löst ihre Hand aus der meinen, schlägt mir herzlich auf den Rücken und schnattert: »Du glaubst doch nicht, ich habe ein Leben lang auf dieser Seite der Kurve zugebracht, um jetzt mal eben so auf die andere Seite zu gehen!« So kehren wir um, und sie lacht und lacht, jetzt auch im Gehen, ist doch ihr Aberglauben um so vieles stärker als die schnöde Vernunft eines Durchreisenden aus Europa, eines blamierten Durchreisenden, der das andere Ende der Kurve für sich behalten soll, die Seite mit den ungeahnten Gefahren, den Bedrohungen des Greisinnen-Lebens. 

Als wir dann aufbrechen, die Hand der Greisin eher abwinkend als winkend hinter uns, als wir also wirklich um die Kurve kommen, stoßen wir zuerst auf einen weißen Büffel, der seinen riesigen Körper von einer Straßenseite zur anderen schaukelt. »Das Phlegma der Büffel ist das der Kamele«, sagt Monika, die schon Hilfsorganisationen in Afrika gründete, so wie jetzt in Nepal. Wir sind keine zwanzig Minuten gefahren, da kommt unser Wagen ganz zum Stehen. Ein Menschenauflauf, ein sozialer Entzündungsherd: Im Zentrum ein Bräutigam mit schmalem Oberlippenbart, Käppchen, Brauen und Wimpern kohlschwarz. Hinter ihm schwankt am Arm der Mutter die Braut, den jungen Kopf tief geneigt in den Schatten eines rosa Regenschirms, damit man sie nicht sehe. Doch nicht deshalb haben alle angehalten. Weiter weg, weiter oben muss »etwas« passiert sein. Der erste Regen fällt sogleich: Tropfen, die kaum die Zweige streifen und schon im Boden aufgehen, wie im Zeitraffer Keim, Rispe, Zweig werden und wiederum den Regen aufnehmen wollen. Die Kolonne der Fahrzeuge steht nicht nur still, die Motoren werden abgeschaltet. Mit kleinen melodischen Phrasen setzen sich die Vögel im ersterbenden Regen durch. Die Straße windet sich, niemand weiß, hinter wie vielen Kurven diesmal die Sperre wartet oder der Ernstfall. Ein Emissär wird losgeschickt. Die Zurückbleibenden treten an die Böschung zum Tal und tauschen Verlegenheiten vor der Aussicht. Wir sitzen auf dem Querbalken eines Viehgatters über der Ebene, die aussieht wie die Landschaft eines flämischen Meisters. Jemand erzählt von einem Mann und seiner Vorliebe für Käsestangen. Meine Gedanken kommen nicht los von der Familie der Greisin auf der anderen Seite der Bergschlaufe. Wenn unser Stau sich weiter dehnt, wird sein Ende unsere Kurve erreichen, und die Alte wird sagen: Nichts Gutes erwartet die Menschen hinter diesem Berg, nichts Gutes liegt da oben an der Straße. Unser Fahrer Rajiv dagegen fürchtet, dieses Mal seien es nicht die Maoisten, nein, es könnte schon wieder ein Unfall sein, der zur Straßensperre führte. »Ich hatte schon vier Tote im Wagen«, sagt Monika. »Rajiv hielt eine Frau in seinem Schoß und streichelte ihr den Kopf, aber da war sie längst tot. >Kümmere dich lieber um die hier<, habe ich ihm gesagt, denn da war ja noch diese junge Frau, >die atmet noch<.« Aber auch sie hatte es am Ende nicht geschafft. Aus dem Tal heben sich schwerfällig die dicksten Nebel, Wolken und Flüsse erscheinen. Der Mitarbeiter von Monikas Organisation sagt: »... dem gab man ein Glas Wein und ein paar Käsestangen, da war er glücklich.« Der Nebel wabert, das Gerede stockt. [...]

 Mit verzerrten Gesichtern treten die Rückkehrer aus dem Grau der Steilwand heraus, Gepäckstücke, Kanister, Textilien in den Händen. Ein Mann schüttelt nur immerfort den Kopf, die Rechte fasst mit Daumen und Zeigefinger in die inneren Augenwinkel, als müsse er sich konzentrieren, in der Linken schlenkert ein orangefarbenes Barett. Die Heraustretenden machen abwehrende Gesten. »Geht da nicht hin!« »Gott, das Motorrad...« Die in den Dunst laufen, werden farblos, dann zu Scheiben, zu bloßen Silhouetten, die wie durch eine Ausstanzung in der Nebelwand verschwinden. Jetzt erscheinen die Menschen ja schon selbst wie aus Nebelmasse geformt, sie verlieren sogar ihre Dreidimensionalität und kehren ins Schattenreich ein. Das Relief des Körpers verflacht, die Farben verschießen, die Silhouetten finden ihren Eingang in der Nebelwand und passieren. Zuletzt sind sie nur noch eine dunkle Aussparung im Nachtatem und treten durch diesen hindurch. Vor uns liegt das Jenseits, hinter uns die verbotene Kurve, in unserem Rücken der einschüchternde Himalaja. Wir ducken uns zwischen diese Steilwände als die Verschonten. (S.71-76)

Patagonien Der verbotene Ort  S.118ff. 

Ich reise aus einer Jahreszeit, die kommt, in eine Jahreszeit, die geht. Der Herbst Patagoniens aber hat mehr Mai in sich als unser März. Ich breche auf und denke an die allgemeine Erschöpfung, in die ich hineinreise, an die Gesten des Scheidens, Ablassens, Ermüdens und Kapitulierens in der Natur. Eine Reise führt fast immer irgendwo an die Abbruchränder zum Unvertrauten, dessen Vergangenheit und dessen Fortleben man nicht kennt. Zu Hause tritt man in die Erzählung wieder ein, aber auch sie ruckt und stockt zunächst, war man nur für eine Weile nicht ihr Zeitzeuge. Es gibt auf allen Reisen diese Stimmung, in der der Ausstieg dominiert. Noch ist man nirgends angekommen, noch möchte man nirgends ankommen. Fort will man sein, entkernt, gern heimatlos. Der Abschied vom Gewohnten korrespondiert mit den Durchgangs- und Warteräumen, in denen die Fremden schon präsent sind, ihre Erdteile einfließen lassen, sich zu einer Gesellschaft der internationalen Gesichter zusammenschließen und dahinter einfach das sind: müde, ungeschminkte, ambitionslos wirkende Gesichter. [...]" (S.113)

Tangkiling.* Die Straße ins Nichts, 198

"Als ich der Familie beim Abendessen erzählte, dass ich am liebsten auf einem Boot nach Palangkaraya reisen würde, breiteten sie eine Karte aus, und wir fuhren mit den Fingern Ströme abwärts, Ströme, Verästelungen und Mündungen, den ganzen Aderlauf des tropischen Regenwalds entlang, um am Ende aller dieser Kapillare den Knotenpunkt zu finden, der »Palangkaraya« heißt. Am nächsten Tag mieten sie einen Steuermann und einen Maschinisten und ich gehe an Bord eines Bootes. Mehrmals schieben sich während der Fahrt meterlange Schlangen und Krokodile ins Wasser. Sobald sich eine Wasserpflanze in unsere Schiffsschraube flicht, springt der Bootsmann trotzdem mit der Machete bewaffnet in die undurchsichtige Brühe und befreit uns in mehreren Tauchgängen, während der Maschinist von oben aufpasst, dass sich kein Angreifer nähert. Ehemals Feinde der Primaten, sind die Schlangen und Krokodile heute selbst bedroht. Ihr Hauptfeind ist auch der des Orang Utans: der Mensch. Am Strom winden sich Schlangen durch das vom Niedrigstand des Wassers freigelegte Wurzelwerk. An manchen Bäumen erkennt man die Markierungen der irgendwo im Busch lebenden Volksstämme, die so ihr Territorium bezeichnet haben. Einige wohnen sogar in den Bäumen, andere auf Lichtungen oder an nahen Bachläufen. Sie leben animistisch. Auch Anthropophagen, kannibalistische Stämme mit der Neigung, zum Schutz gegen Dämonen den menschlichen Skalp an der Außenwand des Hauses anzubringen, soll es bis in die fünfziger Jahre hinein auf Borneo gegeben haben. Doch nie verstummen die Geschichten, die Ähnliches noch für die jüngste Vergangenheit behaupten. In Palangkaraya aber, der erst 1957 gegründeten Hauptstadt von Zentralkalimantan, kann man fotokopieren und technische Apparate kaufen. Hier gibt es vier Kinos, aber Straßenbeleuchtung noch nicht lange. Es gibt ein großes Krankenhaus, aber nur einen Chirurgen für alle, die tagelang in ihren Einbäumen wegen einer Blinddarmoperation oder der Behandlung einer Schnittverletzung hierher unterwegs sind. Es gibt Banken, aber noch nicht lange solche, die Schecks oder Dollar akzeptieren. Es gibt Computerspezialisten und korrespondierende Mitglieder wissenschaftlicher Zeitschriften, aber nicht selten sind es dieselben, deren Glaubenspraxis rituelle Schlachtungen und Trance-Tänze einschließt. Der letzte Gouverneur der Region, immerhin im Rang eines Ministerpräsidenten, verfügte testamentarisch, sein Sarg solle aus dem Holz eines sogenannten »Herzbaums« gefertigt werden, eines Baums also, bei dessen Pflanzung in der Wurzel ein menschliches Herz eingesetzt wurde. Die Einheimischen merken sich im Urwald solche Bäume, [...]" (S.204/05)

"Seine Fruchtbarkeit verdankt der tropische Regenwald Borneos also nicht primär dem Boden. Sie liegt vielmehr in der Luft, im Blattgrün, in den zahllosen symbiotischen Verbindungen zwischen Pflanzen und Tieren. Vierzig Meter über dem Boden wachsen in toten Bäumen Sträucher und Blumen aus den verlassenen Nestern der Orang Utans. Kerne, verfaulte Früchte, Kot und vermodernde Zweige mischen sich zum Kompost und lassen neue Mikrokosmen entstehen mit einem hoch verletzlichen inneren Gleichgewicht. 

Die Schwestern erzählten mir auch von der Straße von Palangkaraya. Im wilden Herzen Borneos gibt es Pfade und Traumpfade, keine Straßen. Die Ansiedlungen im Dickicht aus Macchie und tropischem Regenwald, die Haufendörfer an den breiten grauen Strömen sind nur durch Wasserwege oder die unsicheren Luftrouten lokaler Fluggesellschaften miteinander verbunden." (S.209)

Der Fuciner See 

Die Auszehrung 

Um die Mitte der achtziger Jahre arbeitete in der Wiener Nationalbibliothek zäh und zehrend eine junge Frau mit schwarzem Pagenkopf. Allmorgendlich wuchtete sie einen gewichtigen Stapel Bücher auf den immer selben Tisch und schleppte ihn abends an den immer selben Schalter zurück. Ablenken ließ sie sich nicht. Die Einzigen, die ihre Stimme hörten, waren die Bibliotheksdiener, die ihr die Bücher aushändigten und diese abends wieder in Empfang nahmen. Niemand lud sie zum Kaffee ein, niemand hielt ein Schwätzchen mit ihr, und da ich zwei Tische hinter ihr saß, kann ich sagen: Sie hat auch selbst niemanden eingeladen oder von seinem Tisch abgeholt. Blass war sie, und dennoch weiß gepudert, ließ sich nie ohne campariroten Lippenstift sehen und musste sich schon in ihren späten Zwanzigern die Haare färben. Rabenschwarz. Vor den Zudringlichkeiten anderer Geistesarbeiter bewahrte sie nicht ihr etwas skurriles Aussehen oder ihr abweisender, beinahe höhnischer Habitus, und auch nicht ihr Arbeitseifer, der kein Eifer war, sondern ein Brennen, eine Wut, ein Sich-Verzehren.[...]

Kafka höhlte ihr Leben aus und bewegte sich in ihr, und wenn sie ihn ihren »geistigen Vater« nannte, tat sie es nicht, ohne den leiblichen Vater herabzusetzen, der als abruzzesischer Gastarbeiter nach Österreich gekommen war - in ihren Worten ein verachtenswerter, dort nie heimisch gewordener Mann, der sich in ihrer Kindheit Zweideutigkeiten mit ihr erlaubt hatte. Zweideutig auch, wie sie davon sprach, denn manchmal wirkte es, als wünschte sie, es sei so gewesen, damit sie einen Grund hätte, nach dem frühen Tod der Mutter nun auch den Vater von sich abzutrennen, um Platz für Kafka zu schaffen. Eine Zeitlang sahen wir uns regelmäßig. Es war immer unkonventionell, immer anregend mit ihr. Man schlief wenig, und gedanklich war alles erlaubt. Einmal erläuterte sie mir das Motiv des Hungerns bei Kafka: Es sei kein Hungern im materiellen oder sozialen Sinn, auch habe es mit dem Verlangen, der Not, dem Begehren nichts zu tun, vielmehr versuche sich der Hungerkünstler zu revidieren, also seine Existenz auszutrocknen, um sie am Ende wie eine Haut abstreifen zu können. »Es handelt sich um Selbstaufgabe als Bedingung der Selbsterschaffung. Er muss sich verlieren, um sich gewinnen zu können. Aber er kann es nicht mit einem Mal, [...]

Goree, S.300ff.

Die Tür ohne Wiederkehr 

Die Insel der Seligen ist unterkellert. Man weiß es, doch sieht man es nicht, wenn man mit einem kleinen Boot im Hafen von Dakar ablegt und auf diesen bloß drei Kilometer entfernten Festungsfelsen zufährt, die schreckliche Idylle, die zuerst bloß »Ber« hieß, später »IIa de Palma«. Die britischen Besatzer tauften sie »Cape Coast Castle«, und erst die Franzosen nannten sie schließlich Goree, den »guten Hafen« oder auch »Goree, die Glückliche«, aber das war schon zu der Zeit, als die Schiffe mit den aneinandergeketteten Sklaven über den Atlantik kamen und sich kaum jemand glücklich schätzte, Goree zu erreichen. Alle zwanzig Minuten geht heute die Fähre aus Dakar. Die Frauen auf dem Schiff in ihren prachtvollen Bubus balancieren auf den Köpfen Südfrüchte, Zucker, Süßkartoffeln, Obst. Wo sie ankommen, wohnen heute auf einem Felsen, der einmal fünftausend Einwohner beherbergte, noch etwa tausend. Von denen liegen an diesem Mittag die einen in Hängematten, die anderen flanieren unter der wehenden Wäsche über den Gassen, die Dritten lagern in der Wiese über den freilaufenden Schafen, 

Der Amu-Darja. An der Grenze zu Transoxanien 360

Aus der Geschichte sprengen die kurzmähnigen Pferde heran, die Steppen dehnen sich, die Sümpfe drohen. Reisende aller Jahrhunderte haben sich auf diesen Grenzfluss, der den Norden Afghanistans gegenüber dem ehemaligen russischen Reich, dem heutigen Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan abgrenzt, zubewegt, mühsam, unter Qualen und oft ohne ihn zu erreichen, weil Überfälle, Entbehrungen, Malaria, Wurmbefall, Seuchen dazwischenkamen. Maulbeerbäume und Tamarisken waren die Vorboten des fernen Flusses. Man bewegte sich in Karawanen durch die Sanddünen, und entgegen kamen aus Transoxanien, dem Land jenseits des Flusses [...] Der Amu-Darja, im Altertum auch Oxus genannt, versammelt eine mythische Landschaft um seine Ufer, von der der Dichter Rudaki, der »Karawanenführer der Dichtkunst« genannt, im 9. Jahrhundert nach Christus fabelt, seine rauen Ufer seien Seide unter den Füßen, [...] (S.360)

Die glücklichsten Bauern sind die, die einen Ochsenpflug besitzen und eine Kuh ihr eigen nennen, auf die sie sich verlassen können. Solche Bauern können sich manchmal sogar Dünger leisten. »Aber schmeckt es nicht besser ohne Dünger«, frage ich, und alles lacht, glücklich, dass sich Fremde so einig sein können. Das Gespräch wendet sich dem Ackerbau zu, den Ernten, dem spät ausgesäten Reis. Hinter einer Schule haben wir ein paar Mohnblumen entdeckt. Von wo mögen diese Samen hierher geflogen sein? Von der Straße aus hat jedenfalls noch niemand ein Mohnfeld entdecken können. »Wir bauen keinen Mohn an«, konstatiert der Ortsvorsteher trocken. »Und uns hat man gesagt, du hast vierzig Kilo gewonnen aus deinen Feldern«, ruft Turab, alles lacht erneut, und dafür haut der Angesprochene dem Sprecher mehrmals kameradschaftlich auf die Schulter. Doch sollten wir glauben, in diesen Dörfern verberge sich irgendwo ein geheimer Wohlstand, dann wären wir im Irrtum. Die Feldarbeit ist mühselig, ganz neue Dürrezeiten zerstören die Ernten, die Kinder gehen häufig schon um sechs Uhr früh in die Schule, damit sie am späten Vormittag den Eltern wieder helfen können, sei es beim Baumwollpflücken, sei es beim Hüten der Tiere. Nadia hat inzwischen begonnen, auf einer herausgerissenen Heftseite den Antrag für einen Brunnen zu formulieren. Währenddessen rekapituliert der Älteste den gewöhnlichen Tag eines Bauern. Nach dem Mittagessen, das gewöhnlich aus Reis besteht, wird nichts mehr zu sich genommen bis zum Abendgebet. Dann gibt es Brot und Buttermilch. »Das dehnt den Magen und macht müde«, sagt Nadia. »Wir nennen es afghanischen Alkohol.« Anschließend setzen sich die Männer zu den Frauen, knüpfen Teppiche und erzählen sich Geschichten. Manchmal wachen sie auch über die Babys, damit die Frauen ruhiger knüpfen können. Weil die Männer mehrere Frauen heiraten dürfen, hinterlassen sie auch mehrere Witwen. So werden manche Dörfer maßgeblich von Frauen am Leben gehalten. In dem Flecken, den wir hier besuchen, gibt es kein Fernsehgerät, und einen Generator für Strom besitzt nur der wohlhabendste Bauer. Also geht man früh schlafen. »Hat sich im Laufe der Jahre das Wetter in dieser Gegend verändert?« »Ja, es ist insgesamt wärmer geworden. Also leiden wir unter mehr Schädlingen, und die Baumwollernten haben sich verschlechtert. Vor Jahren hatten wir immer viel mehr Schnee.« Die Sorge weicht nicht aus ihren Gesichtern, die gegerbt sind wie Schuhe. Die Hände ruhen im Schoß, rissi371 ges Arbeitsgerät, selbst die Füße sehen ledern und abgearbeitet aus. Der Tee schmeckt nach dem Rauch, in dem er entstand. Inzwischen ist der Antrag für den Brunnen fertig formuliert. Jemand bringt ein Stempelkissen, und bis auf zwei Männer setzen alle ihren Fingerabdruck in die vom Sekretär mit Blockschrift notierten Namen. Einer besitzt ein Siegel. Einer wendet sich rasch an Nadia und zischt: »Hilf mir, gib mir ein Mofa!« Am Ende hält diese einen schmutzigen, mit Russ verfärbten, von Fingerabdrücken gestempelten Antrag in den Händen, aus dem in absehbarer Zeit ein Brunnen werden wird. Der Dorfälteste überreicht uns auf seinem Unterarm drei kostbare Mäntel in Grün und Violett von der Art, wie der Präsident sie trägt. Unmöglich, dieses Geschenk abzulehnen, sagt der Alte doch selbst: »Wir haben zwar nichts, doch was wir besitzen und nicht aufgeben, das sind unsere Menschlichkeit und unser Stolz.« Wir ziehen nordwärts und bewegen uns nun geradlinig durch die Steppe der Grenze entgegen, um an die Ufer zu treten, die dem kriegserschütterten Afghanistan den Rücken zuwenden. Erfasst vom großen Phlegma der Steppe, haben auch wir begonnen, uns langsamer zu bewegen - oder scheint es nur so, weil die Fläche alle Bewegungen auf ihr klein und langsam werden lässt? [...]" (S.370-72)


Orvieto Die fixe Idee S.472ff.

"Die Trattoria Giusti in der Via Giuseppe Giusti war die Küche vieler, die in den späten siebziger Jahren in Florenz studierten oder als Langzeitreisende in der Stadt gestrandet waren. Ich studierte am Kunsthistorischen Institut und verdiente mein Geld als Reiseleiter. Meine Freunde waren zwei weitere Studenten, ein Uffizien-Wärter, eine sienesische Apothekertochter und ein kanadisches Journalistenpärchen. In der Trattoria standen nur zwei lange Tische, und eine Speisekarte gab es nicht. Man nahm an einem der Tische Platz, saß oft unter Fremden oder mischte Freunde mit Fremden, wählte zwischen Fisch oder Huhn und überließ den Rest dem Wirt. Der erste Besuch, der sich von zu Hause aus zu mir nach Florenz aufmachte, war eine Frau, die - ich weiß nicht, warum - »Matubi Hühnchen« genannt wurde, eine große, blonde, schüchterne Frau, die meine Ausgelassenheiten meist mit dem Satz quittierte: »Da muss ich ja lachen!« Aber das musste sie nicht. Zu Hause hatte sie in der Dachetage über einer Konditorei gewohnt. [...]

Eine der jungen Frauen, die wie wir zwischen die Linien der beiden feindlichen Fronten geraten war, fiel unmittelbar vor unseren Füßen in Ohnmacht. Wir ergriffen sie rechtzeitig, stellten sie hinter uns aufrecht an der Wand ab und warteten, bis die Kämpfenden an uns vorbeigezogen waren. Das Gewühl verlief sich, das Mädchen erwachte, und auf beiden Seiten eingehakt, ließ sie sich zu einem Cafe in einer Seitenstraße bugsieren. Bernadette war als amerikanisches Au-pair nach Rom gekommen, auf der Suche nach etwas Künstlerischem. Gefunden hatte sie die Liebe, verloren hatte sie sie auch. In ihren Erzählungen gab diese Liebe nur noch schwache Aromastoffe ab, und indem sie ihre langen braunen Locken in Bahnen zwischen den Fingern striegelte und mit ihren Augen unsere Augen festhielt, war ihr selbst klar, dass das Leben wieder in eine Romanze einbiegen sollte, einen Coup de foudre, eine Verrücktheit, wie sie nach einer Straßenschlacht im sommerlichen Siena, an der Seite zweier Fremder, geradezu auf der Hand lag. [479/80] Als die Nacht herunterkam, hatte Bernadette keinen Schritt getan, bei dem sie nicht von uns zu beiden Seiten untergehakt gewesen wäre. Sie hatte uns paritätisch geküsst, und kaum verschwand einer auch nur kurz in einem Laden oder auf der Toilette, gab sie dem anderen einen Kuss so heftig und nass, dass er sich auserwählt fühlen musste. Ja, ihre Küsse waren verschwenderisch und maßlos, sie stürzte sich mit einem Kopfsprung in jeden einzelnen von ihnen und legte einem dabei noch die nackte Armbeuge um den Nacken, damit der Kopf ja nicht ausweichen und sie alles noch besser genießen konnte. Wenn sie einen Kuss abgeschlossen hatte, warf sie den Kopf in den Nacken und lachte guttural, was ein bisschen irr, ein bisschen schmutzig, ein bisschen stolz klang, und manchmal wischte sie sich selbst mit dem Handrücken die Lippen ab. Sie wollte uns verrückt machen, beide, und wir sollten fühlen, wie an diesen Küssen noch dieser Mädchenkörper hing, der sich schmiegte, während die Zungen sich im Rachenraum umeinanderwälzten. Kurz vor Mitternacht hatte sich die Geschichte so weit entwickelt, dass an Trennung nicht mehr zu denken war. Bernadette machte jetzt kein Hehl daraus, dass sie am liebsten unzertrennlich geblieben wäre. Wir sollten uns eine Wiese außerhalb der Stadt suchen und dort gemeinsam die Nacht verbringen. Als wir zögerten, lief sie ein paar Schritte voraus, hob ihr T-Shirt fast auf Höhe ihrer Brüste, beugte sich vor und fragte: »Na, wer will mich?« [480/81] Männer mögen und fürchten solche Frauen, und ein wenig verachten sie sie auch. Aus Bernadette aber strahlte das Versprechen der Sommernacht heraus, und es war Verlangen genug in ihr für zwei. Peter war der Hund, der, zu allem bereit, mit den geöffneten Armen eines Jesus mir die Entscheidung überließ. Ich aber war der Feige, der mit einem »Macht ihr nur!« den Rückzug antrat und in Bernadettes Blick zweierlei erkennen konnte: ein Bedauern über den Verzicht und eine in Freundlichkeit aufgelöste Verachtung über den schamhaften Mann, der vielleicht auch nur die Konkurrenz scheute. Unser Abschied fiel deshalb von ihrer Seite so mütterlich aus, dass es fast verletzend war. Peter gab noch rasch den loyalen Freund, der immer noch bereit sei zu verzichten, schließlich gebe es Wichtigeres. Aber da waren wir schon verabredet für zwölf Uhr mittags am nächsten Tag vor dem Dom von Orvieto, und seine Begierde war jetzt schamlos und direkt. Ich bog zum Bahnhof ab. Als ich mich zum letzten Mal nach den beiden umsah, griff Peters Hand in ihren Hintern, als wolle er sagen: So macht man das, und sie warf im Gehen den Kopf in den Nacken und lachte den Nachthimmel an. Nachdem ich am Bahnhof erfahren hatte, dass der nächste Zug nach Orvieto erst im Morgengrauen fahren sollte, legte ich mich in der Wartehalle zu ein paar Rucksackreisenden in eine Ecke und schlief für Stunden, war aber rechtzeitig wach, um den Zug nach Orvieto abzupassen. Er war noch nicht eingefahren, als ein Pärchen - 481/82 zerzaust und mit verrutschten Kleidern - an den Bahnsteig torkelte - Peter sichtlich ernüchtert, Bernadette selig, aber derangiert und schräg in seinem Arm hängend, ihre Jeans mit Grasflecken bedeckt. Zum Abschied wurde sie von Peter nur noch routiniert geküsst. [...]" (S.479-82)

Der Nordpol Einkehr (501ff.)

In diesem Juli trägt die Stadt November. Ein läppischer, kühler Nieselregen geht über Moskau nieder, und unter dem fahlen Schweinehimmel ergrauen selbst die farbenfrohen, amphitheatralisch verschachtelten Siedlungen des Speckgürtels, die Drusen der Billigbauten des Stadtrands, der ganze menschliche Ameisendom. In den Zwischenräumen aber thronen die Vestalinnen der Likör- und Handyreklamen und herrschen. Auf den Straßen unter ihnen zirkulieren die verhärmten, wenn nicht verrohten Gesichter der neuen Proletarier und der alten, die sich noch erinnern, wie es war, als die Politik in ihrem Namen sprach. Damals galt es als Auszeichnung, ein solches Gesicht zu haben, ein abgearbeitetes, erschöpftes Gesicht. Inzwischen hat die Verelendung einige Kleider und den Bart erreicht: [...]

Noch morgens hatte es leicht geregnet, jetzt laviert sich das Schiff langsam zwischen den algenbesetzten, schmutzigen Eismassiven durch und auf einen Indifferenzpunkt zu zwischen den Becken, Senken, Brüchen. Unter den hoch aufragenden, zwei bis drei Meter dicken Schollenfragmenten steht die tiefschwarze See, in die manche Platte hinabgeschoben wird, ehe sich über ihr das Eis schließt. Der Kapitän manövriert die »Yamal« nun Zentimeter für Zentimeter, auf der Brücke umlagert von den Fotografierenden, die sich drängen, die Nadelposition auf 540/41 dem Hauptkompass in den Fokus ihrer Kameras zu bringen. Das Erreichen und sekundenlange Verweilen auf 90 Grad wird mit Applaus und Glückwünschen quittiert. Dann schenkt das ungerührte russische Personal süßen Sekt aus, man stößt an, umarmt sich und wendet sich der Reling zu, hinter der die Landschaft aussieht wie seit Tagen schon. Alle suchen die Gefühle, die zum Ereignis passen. Man denkt an die historischen Reisenden, die hier jubelnd und weinend anlangten, an die Toten, die das Eis immer noch einschließt, an die vergeblich Losgezogenen, die in die Irre Gelaufenen, die Gescheiterten. Alle Anwesenden, so scheint es, haben kleine Gefühle im Vergleich zu ihren Vorgängern. Das Erhabene trillert mit dem Banalen. Es ist ein Punkt der Ausleerung erreicht, der auch zum Nordpol gehört: Nicht gewachsen sein allem, was hier liegt, nichts vermögen als zu schauen, anzukommen, aber ohne es zu wollen, den fiktiven Ort zu betreten, aber verschwindend, schon in die Rückkehr hineinstarrend, die elende Rückkehr. Der Kapitän hält eine kurze Ansprache, in der der »alte Traum vom Erreichen des Nordpols« eine Rolle spielt. »Sie alle haben ihn verwirklicht«, sagt er. Wir haben nichts verwirklicht, denken wir. Wir haben ein Schiff bestiegen und sind angekommen. Jenseits vom Pol aber, dort, wo die Krümmung der Erdkugel wieder einsetzt und die Landschaft aus dem Blick taucht, wo das Eis ungebrochen vor unserem Rumpf liegt und sich in einem großen Laissez-faire die menschenabweisende 541/42 Todeszone der Natur ausdehnt, da erstreckt sich eine Schneefläche, rein und unberührt. Wir werden sie nicht mehr betreten. Der Neujahrsmorgen in der Eifel* kommt mir wieder in den Sinn, und die Decke des Krankenhauses öffnet sich schneeweiß, und nichts ist zu hören als das Echo der Grenze.  

*  Verweis auf das 1. Kapitel mit Gespräch mit dem Jungen