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01 November 2025

Roger Willemsen. Enden der Welt

 Rezensionen bei Perlentaucher

Ich habe manche der Texte mehrmals gelesen, beeindruckt von der Fremdartigkeit dessen, was ich nicht mutig genug bin, es erleben zu wollen. Bei den Berichten aus dem Regenwald auf Borneo (S.198ff.) gewinne ich erstmals ein Verständnis für die Zusammenstellung so verschiedenartiger "Enden der Welt".

Im Himalaya geht eine alte Frau nicht um eine Kurve der Landstraße, weil sie eine zu große Angst hat vor dem dort drohenden Fremden. Willemsen geht weiter und trifft auf einen Stau und auf Zurückkehrende, weil dort im Nebel beim Aufreißen des Nebels deutlich wird, wie man da unversehens abstürzen kann. 

Mit Gibraltar sucht er eine Stelle der Welt auf, wo man sich in der Antike das Ende der Welt vorstellte, weil auf den Bereich der Küstenseefahrt des Mittelmeers die Hochseefahrt des Atlantik folgt. Dort verlässt ihn die Reisegefährtin, mit der er sich ohne große Absprachen zu einer Reise nach und durch Spanien zusammengefunden hat, ihm signalisierend, dass sie schon längst kein Interesse an irgendeiner Gemeinsamkeit mit ihm hat. Hier ist es also das Ende der antiken Vorstellungswelt und das Ende einer fast wortlosen Vertrautheit mit einem fremd gebliebenen Menschen. 

In Patagonien ist das Ende die Kälte und Unwirtlichkeit der Gegend, wo es immer weniger Menschen aushalten. 

Auf  Borneo ist es das Ende der zivilisierten Welt eine Großstadt, die nur über Wasserstraßen im Regenwald oder per Flugzeug erreichbar ist. Alle Straßen auf dem Land verlieren sich im Dschungel, in dem nur der "Vormensch" der Orang Utan sich zu Hause fühlt und durch das Mitschleppen von Saatgut die Vielfalt des Biotops zu erhalten versteht. Die Menschen, die hier Landwirtschaft betreiben, können es nur durch Brandrodung, mit der sie die Fruchtbarkeit durch Zerstörung der Biodiversität des Biotops zerstören. Nachdem sie das im Lauf von ein, zwei Jahren getan haben, ziehen sie weiter, weil nachhaltigeres Wirtschaften ihnen nicht möglich ist. 

Fast so, wie es der Menschheit nach 200 Jahren Nutzung der fossilen Energien geht, weil die nachhaltigen Energien noch nicht erlauben, den hochgezüchteten Lebensstandard für alle möglich zu machen. Multimilliardäre ziehen daraus den Schluss, das Sinnvollste sei es, die Erde zu verlassen und auf einem anderen Planeten eine Zivilisation aufzubauen, die selbstverständlich noch weniger als die Erde über 8 Milliarden Menschen zureichende Überlebensmöglichkeiten bietet. Der Vorteil, den sie suchen, ist offenbar, dass sie sich dort nicht in einer gated Community von anderen abschirmen müssen, weil der Weltraum dazwischen liegt. Vielleicht gelingt es ja einmal, die Ungleichheit auf der Erde so weit zu treiben, dass die unterdrückte Menschheit für einige wenige das Leben zu sichern versteht, so wie in Amerika das in der "Neuen Welt" besiedelte Land in den südlichen Staaten (nach Beseitigung der ursprünglichen Bevölkerung) nur mit Hilfe der von Sklaven wirtschaftlich auszubeuten war. (Dies wird von Willemsen selbstverständlich nicht so ausformuliert.)

In Timbuktu begegnet er dem Indio, der nicht bettelt, dann aber mit der unerwarteten Gabe in die Wüste flieht. Willemsen lässt es offen, was ihm die Flucht bringen wird. 

Inhalt  

Die Eifel. Aufbruch 9
Gibraltar. Das Nonplusultra 20
Der Himalaya. Im Nebel des Prithvi Highway.
Isajfördur. Der blinde Fleck, 77
God's Window. Letzter Vorhang 86
Minsk. Der Fremde im Bett 103.
Patagonien. Der verborgene Ort 118
Timbuktu. Der junge Indio, 161
Bombay. Das Orakel, 182
Tangkiling. Die Straße ins Nichts, 198 (Borneo)
Kamtschatka. Asche und Magma 222
Mandalay. Ein Traum vom Meer, 202
Der Fucciner See. Die Auszählung 285
Goree. Die Türe ohne Wiederkehr 300
Hongkong. Poste restante 335
Der Amu-Darja. An der Grenze zu Transoxanien 360
Tonga. Tabu und Verhängnis, 382
Toraja. Unter Toten 420
Kinshasa. Aus einem Krieg 437
Chiang Mai. Opium 457
Orvieto. Die fixe Idee, 472
Der Nordpol. Einkehr 502

Die Eifel. Der Aufbruch S.9ff.

Gibraltar S.20 ff

»Aber damit ist die Grenze des Nonplusultra doch schon überwunden«, widersprach Christa. »Genau, und deshalb lautete die Devise von KarlV auch Plus ultra! Und das, seit klar war, dass das Nonplusultra eben nicht das Ende der geographischen Welt bedeutete. Also: Plus ultra!«, rief ich noch und schnalzte mit der Zunge. »Dann ist dies jetzt der richtige Augenblick, dir zu sagen, dass ich hier umkehren werde«, antwortete sie und betrachtete mein verblüfftes Gesicht wie ein Exponat. »Hat sich deine Neugier erschöpft?« »Du hast sie erschöpft. Aber nimm's nicht persönlich.« Stunden später nahm sie den Zug nach Madrid, wo sie bei Freunden übernachten konnte. Ich brachte sie zum Gleis, wo wir uns zum Abschied tapfer auf den Mund küssten, um nicht zu gutmütig zu enden. Am nächsten Tag ließ ich die Säulen des Herkules hinter mir, erreichte Tanger und betrat ganz allein die jenseitige Welt.


Der Himalaya. Im Nebel des Prithvi Highway.
»Sagen Sie doch: Was erwartet uns auf der anderen Seite?« »Ich weiß es nicht.« »Aber Sie leben doch hier!« »Ich war nie dort.« »Warum nicht?« / Vor vielen Jahren, erzählt sie, träumte ihr, sie solle nicht um diese Kurve gehen, »von wegen dem Unglück, das passieren könne«, radebrecht sie in ihrem unbeholfenen Englisch. Und die Neugier? Die Neugier bedeute ihr nichts? »Nichts«, sagt sie. »Nach meinem Tod kann ich immer noch nachsehen.« Da es aber ein Leben vor dem Tod gibt und wir eine Weile ungestört und ganz vertraut miteinander geredet haben, darf ich schließlich doch ihre Hand nehmen, und so, in meine beiden Hände ihre federleichte Altfrauenhand nehmend, staksen wir beide aus dem Hüttchen an den Straßenrand, über den mit Pfützen bedeckten Kiesplatz, und tun Schritt für Schritt auf die Kurve zu. Und wenn ihr etwas zustoßen sollte, und wenn sich die Weissagung des Traums doch noch erfüllte? »Wir tun es wirklich, sehen Sie«, sage ich. Sie nickt voller Selbstvertrauen, ihr Gesicht strahlt, und ihre Hand hat jetzt die meine auch ihre Hand hat jetzt die meine auch fest gepackt. Wir gehen synchron, ein wenig humpelnd, aber synchron. Kurz vor dem Scheitelpunkt der Kurve sind wir schon angelangt, als die Greisin stehenbleibt. Sie lacht, als könne sie das nur stehend, löst ihre Hand aus der meinen, schlägt mir herzlich auf den Rücken und schnattert: »Du glaubst doch nicht, ich habe ein Leben lang auf dieser Seite der Kurve zugebracht, um jetzt mal eben so auf die andere Seite zu gehen!« So kehren wir um, und sie lacht und lacht, jetzt auch im Gehen, ist doch ihr Aberglauben um so vieles stärker als die schnöde Vernunft eines Durchreisenden aus Europa, eines blamierten Durchreisenden, der das andere Ende der Kurve für sich behalten soll, die Seite mit den ungeahnten Gefahren, den Bedrohungen des Greisinnen-Lebens. 

Als wir dann aufbrechen, die Hand der Greisin eher abwinkend als winkend hinter uns, als wir also wirklich um die Kurve kommen, stoßen wir zuerst auf einen weißen Büffel, der seinen riesigen Körper von einer Straßenseite zur anderen schaukelt. »Das Phlegma der Büffel ist das der Kamele«, sagt Monika, die schon Hilfsorganisationen in Afrika gründete, so wie jetzt in Nepal. Wir sind keine zwanzig Minuten gefahren, da kommt unser Wagen ganz zum Stehen. Ein Menschenauflauf, ein sozialer Entzündungsherd: Im Zentrum ein Bräutigam mit schmalem Oberlippenbart, Käppchen, Brauen und Wimpern kohlschwarz. Hinter ihm schwankt am Arm der Mutter die Braut, den jungen Kopf tief geneigt in den Schatten eines rosa Regenschirms, damit man sie nicht sehe. Doch nicht deshalb haben alle angehalten. Weiter weg, weiter oben muss »etwas« passiert sein. Der erste Regen fällt sogleich: Tropfen, die kaum die Zweige streifen und schon im Boden aufgehen, wie im Zeitraffer Keim, Rispe, Zweig werden und wiederum den Regen aufnehmen wollen. Die Kolonne der Fahrzeuge steht nicht nur still, die Motoren werden abgeschaltet. Mit kleinen melodischen Phrasen setzen sich die Vögel im ersterbenden Regen durch. Die Straße windet sich, niemand weiß, hinter wie vielen Kurven diesmal die Sperre wartet oder der Ernstfall. Ein Emissär wird losgeschickt. Die Zurückbleibenden treten an die Böschung zum Tal und tauschen Verlegenheiten vor der Aussicht. Wir sitzen auf dem Querbalken eines Viehgatters über der Ebene, die aussieht wie die Landschaft eines flämischen Meisters. Jemand erzählt von einem Mann und seiner Vorliebe für Käsestangen. Meine Gedanken kommen nicht los von der Familie der Greisin auf der anderen Seite der Bergschlaufe. Wenn unser Stau sich weiter dehnt, wird sein Ende unsere Kurve erreichen, und die Alte wird sagen: Nichts Gutes erwartet die Menschen hinter diesem Berg, nichts Gutes liegt da oben an der Straße. Unser Fahrer Rajiv dagegen fürchtet, dieses Mal seien es nicht die Maoisten, nein, es könnte schon wieder ein Unfall sein, der zur Straßensperre führte. »Ich hatte schon vier Tote im Wagen«, sagt Monika. »Rajiv hielt eine Frau in seinem Schoß und streichelte ihr den Kopf, aber da war sie längst tot. >Kümmere dich lieber um die hier<, habe ich ihm gesagt, denn da war ja noch diese junge Frau, >die atmet noch<.« Aber auch sie hatte es am Ende nicht geschafft. Aus dem Tal heben sich schwerfällig die dicksten Nebel, Wolken und Flüsse erscheinen. Der Mitarbeiter von Monikas Organisation sagt: »... dem gab man ein Glas Wein und ein paar Käsestangen, da war er glücklich.« Der Nebel wabert, das Gerede stockt. [...]

 Mit verzerrten Gesichtern treten die Rückkehrer aus dem Grau der Steilwand heraus, Gepäckstücke, Kanister, Textilien in den Händen. Ein Mann schüttelt nur immerfort den Kopf, die Rechte fasst mit Daumen und Zeigefinger in die inneren Augenwinkel, als müsse er sich konzentrieren, in der Linken schlenkert ein orangefarbenes Barett. Die Heraustretenden machen abwehrende Gesten. »Geht da nicht hin!« »Gott, das Motorrad...« Die in den Dunst laufen, werden farblos, dann zu Scheiben, zu bloßen Silhouetten, die wie durch eine Ausstanzung in der Nebelwand verschwinden. Jetzt erscheinen die Menschen ja schon selbst wie aus Nebelmasse geformt, sie verlieren sogar ihre Dreidimensionalität und kehren ins Schattenreich ein. Das Relief des Körpers verflacht, die Farben verschießen, die Silhouetten finden ihren Eingang in der Nebelwand und passieren. Zuletzt sind sie nur noch eine dunkle Aussparung im Nachtatem und treten durch diesen hindurch. Vor uns liegt das Jenseits, hinter uns die verbotene Kurve, in unserem Rücken der einschüchternde Himalaja. Wir ducken uns zwischen diese Steilwände als die Verschonten. (S.71-76)

Patagonien Der verbotene Ort  S.118ff. 

Ich reise aus einer Jahreszeit, die kommt, in eine Jahreszeit, die geht. Der Herbst Patagoniens aber hat mehr Mai in sich als unser März. Ich breche auf und denke an die allgemeine Erschöpfung, in die ich hineinreise, an die Gesten des Scheidens, Ablassens, Ermüdens und Kapitulierens in der Natur. Eine Reise führt fast immer irgendwo an die Abbruchränder zum Unvertrauten, dessen Vergangenheit und dessen Fortleben man nicht kennt. Zu Hause tritt man in die Erzählung wieder ein, aber auch sie ruckt und stockt zunächst, war man nur für eine Weile nicht ihr Zeitzeuge. Es gibt auf allen Reisen diese Stimmung, in der der Ausstieg dominiert. Noch ist man nirgends angekommen, noch möchte man nirgends ankommen. Fort will man sein, entkernt, gern heimatlos. Der Abschied vom Gewohnten korrespondiert mit den Durchgangs- und Warteräumen, in denen die Fremden schon präsent sind, ihre Erdteile einfließen lassen, sich zu einer Gesellschaft der internationalen Gesichter zusammenschließen und dahinter einfach das sind: müde, ungeschminkte, ambitionslos wirkende Gesichter. [...]" (S.113)

Tangkiling.* Die Straße ins Nichts, 198

"Als ich der Familie beim Abendessen erzählte, dass ich am liebsten auf einem Boot nach Palangkaraya reisen würde, breiteten sie eine Karte aus, und wir fuhren mit den Fingern Ströme abwärts, Ströme, Verästelungen und Mündungen, den ganzen Aderlauf des tropischen Regenwalds entlang, um am Ende aller dieser Kapillare den Knotenpunkt zu finden, der »Palangkaraya« heißt. Am nächsten Tag mieten sie einen Steuermann und einen Maschinisten und ich gehe an Bord eines Bootes. Mehrmals schieben sich während der Fahrt meterlange Schlangen und Krokodile ins Wasser. Sobald sich eine Wasserpflanze in unsere Schiffsschraube flicht, springt der Bootsmann trotzdem mit der Machete bewaffnet in die undurchsichtige Brühe und befreit uns in mehreren Tauchgängen, während der Maschinist von oben aufpasst, dass sich kein Angreifer nähert. Ehemals Feinde der Primaten, sind die Schlangen und Krokodile heute selbst bedroht. Ihr Hauptfeind ist auch der des Orang Utans: der Mensch. Am Strom winden sich Schlangen durch das vom Niedrigstand des Wassers freigelegte Wurzelwerk. An manchen Bäumen erkennt man die Markierungen der irgendwo im Busch lebenden Volksstämme, die so ihr Territorium bezeichnet haben. Einige wohnen sogar in den Bäumen, andere auf Lichtungen oder an nahen Bachläufen. Sie leben animistisch. Auch Anthropophagen, kannibalistische Stämme mit der Neigung, zum Schutz gegen Dämonen den menschlichen Skalp an der Außenwand des Hauses anzubringen, soll es bis in die fünfziger Jahre hinein auf Borneo gegeben haben. Doch nie verstummen die Geschichten, die Ähnliches noch für die jüngste Vergangenheit behaupten. In Palangkaraya aber, der erst 1957 gegründeten Hauptstadt von Zentralkalimantan, kann man fotokopieren und technische Apparate kaufen. Hier gibt es vier Kinos, aber Straßenbeleuchtung noch nicht lange. Es gibt ein großes Krankenhaus, aber nur einen Chirurgen für alle, die tagelang in ihren Einbäumen wegen einer Blinddarmoperation oder der Behandlung einer Schnittverletzung hierher unterwegs sind. Es gibt Banken, aber noch nicht lange solche, die Schecks oder Dollar akzeptieren. Es gibt Computerspezialisten und korrespondierende Mitglieder wissenschaftlicher Zeitschriften, aber nicht selten sind es dieselben, deren Glaubenspraxis rituelle Schlachtungen und Trance-Tänze einschließt. Der letzte Gouverneur der Region, immerhin im Rang eines Ministerpräsidenten, verfügte testamentarisch, sein Sarg solle aus dem Holz eines sogenannten »Herzbaums« gefertigt werden, eines Baums also, bei dessen Pflanzung in der Wurzel ein menschliches Herz eingesetzt wurde. Die Einheimischen merken sich im Urwald solche Bäume, [...]" (S.204/05)

"Seine Fruchtbarkeit verdankt der tropische Regenwald Borneos also nicht primär dem Boden. Sie liegt vielmehr in der Luft, im Blattgrün, in den zahllosen symbiotischen Verbindungen zwischen Pflanzen und Tieren. Vierzig Meter über dem Boden wachsen in toten Bäumen Sträucher und Blumen aus den verlassenen Nestern der Orang Utans. Kerne, verfaulte Früchte, Kot und vermodernde Zweige mischen sich zum Kompost und lassen neue Mikrokosmen entstehen mit einem hoch verletzlichen inneren Gleichgewicht. 

Die Schwestern erzählten mir auch von der Straße von Palangkaraya. Im wilden Herzen Borneos gibt es Pfade und Traumpfade, keine Straßen. Die Ansiedlungen im Dickicht aus Macchie und tropischem Regenwald, die Haufendörfer an den breiten grauen Strömen sind nur durch Wasserwege oder die unsicheren Luftrouten lokaler Fluggesellschaften miteinander verbunden." (S.209)

Der Fuciner See 

Die Auszehrung 

Um die Mitte der achtziger Jahre arbeitete in der Wiener Nationalbibliothek zäh und zehrend eine junge Frau mit schwarzem Pagenkopf. Allmorgendlich wuchtete sie einen gewichtigen Stapel Bücher auf den immer selben Tisch und schleppte ihn abends an den immer selben Schalter zurück. Ablenken ließ sie sich nicht. Die Einzigen, die ihre Stimme hörten, waren die Bibliotheksdiener, die ihr die Bücher aushändigten und diese abends wieder in Empfang nahmen. Niemand lud sie zum Kaffee ein, niemand hielt ein Schwätzchen mit ihr, und da ich zwei Tische hinter ihr saß, kann ich sagen: Sie hat auch selbst niemanden eingeladen oder von seinem Tisch abgeholt. Blass war sie, und dennoch weiß gepudert, ließ sich nie ohne campariroten Lippenstift sehen und musste sich schon in ihren späten Zwanzigern die Haare färben. Rabenschwarz. Vor den Zudringlichkeiten anderer Geistesarbeiter bewahrte sie nicht ihr etwas skurriles Aussehen oder ihr abweisender, beinahe höhnischer Habitus, und auch nicht ihr Arbeitseifer, der kein Eifer war, sondern ein Brennen, eine Wut, ein Sich-Verzehren.[...]

Kafka höhlte ihr Leben aus und bewegte sich in ihr, und wenn sie ihn ihren »geistigen Vater« nannte, tat sie es nicht, ohne den leiblichen Vater herabzusetzen, der als abruzzesischer Gastarbeiter nach Österreich gekommen war - in ihren Worten ein verachtenswerter, dort nie heimisch gewordener Mann, der sich in ihrer Kindheit Zweideutigkeiten mit ihr erlaubt hatte. Zweideutig auch, wie sie davon sprach, denn manchmal wirkte es, als wünschte sie, es sei so gewesen, damit sie einen Grund hätte, nach dem frühen Tod der Mutter nun auch den Vater von sich abzutrennen, um Platz für Kafka zu schaffen. Eine Zeitlang sahen wir uns regelmäßig. Es war immer unkonventionell, immer anregend mit ihr. Man schlief wenig, und gedanklich war alles erlaubt. Einmal erläuterte sie mir das Motiv des Hungerns bei Kafka: Es sei kein Hungern im materiellen oder sozialen Sinn, auch habe es mit dem Verlangen, der Not, dem Begehren nichts zu tun, vielmehr versuche sich der Hungerkünstler zu revidieren, also seine Existenz auszutrocknen, um sie am Ende wie eine Haut abstreifen zu können. »Es handelt sich um Selbstaufgabe als Bedingung der Selbsterschaffung. Er muss sich verlieren, um sich gewinnen zu können. Aber er kann es nicht mit einem Mal, [...]

Goree, S.300ff.

Die Tür ohne Wiederkehr 

Die Insel der Seligen ist unterkellert. Man weiß es, doch sieht man es nicht, wenn man mit einem kleinen Boot im Hafen von Dakar ablegt und auf diesen bloß drei Kilometer entfernten Festungsfelsen zufährt, die schreckliche Idylle, die zuerst bloß »Ber« hieß, später »IIa de Palma«. Die britischen Besatzer tauften sie »Cape Coast Castle«, und erst die Franzosen nannten sie schließlich Goree, den »guten Hafen« oder auch »Goree, die Glückliche«, aber das war schon zu der Zeit, als die Schiffe mit den aneinandergeketteten Sklaven über den Atlantik kamen und sich kaum jemand glücklich schätzte, Goree zu erreichen. Alle zwanzig Minuten geht heute die Fähre aus Dakar. Die Frauen auf dem Schiff in ihren prachtvollen Bubus balancieren auf den Köpfen Südfrüchte, Zucker, Süßkartoffeln, Obst. Wo sie ankommen, wohnen heute auf einem Felsen, der einmal fünftausend Einwohner beherbergte, noch etwa tausend. Von denen liegen an diesem Mittag die einen in Hängematten, die anderen flanieren unter der wehenden Wäsche über den Gassen, die Dritten lagern in der Wiese über den freilaufenden Schafen, 

Der Amu-Darja. An der Grenze zu Transoxanien 360

Aus der Geschichte sprengen die kurzmähnigen Pferde heran, die Steppen dehnen sich, die Sümpfe drohen. Reisende aller Jahrhunderte haben sich auf diesen Grenzfluss, der den Norden Afghanistans gegenüber dem ehemaligen russischen Reich, dem heutigen Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan abgrenzt, zubewegt, mühsam, unter Qualen und oft ohne ihn zu erreichen, weil Überfälle, Entbehrungen, Malaria, Wurmbefall, Seuchen dazwischenkamen. Maulbeerbäume und Tamarisken waren die Vorboten des fernen Flusses. Man bewegte sich in Karawanen durch die Sanddünen, und entgegen kamen aus Transoxanien, dem Land jenseits des Flusses [...] Der Amu-Darja, im Altertum auch Oxus genannt, versammelt eine mythische Landschaft um seine Ufer, von der der Dichter Rudaki, der »Karawanenführer der Dichtkunst« genannt, im 9. Jahrhundert nach Christus fabelt, seine rauen Ufer seien Seide unter den Füßen, [...] (S.360)

Die glücklichsten Bauern sind die, die einen Ochsenpflug besitzen und eine Kuh ihr eigen nennen, auf die sie sich verlassen können. Solche Bauern können sich manchmal sogar Dünger leisten. »Aber schmeckt es nicht besser ohne Dünger«, frage ich, und alles lacht, glücklich, dass sich Fremde so einig sein können. Das Gespräch wendet sich dem Ackerbau zu, den Ernten, dem spät ausgesäten Reis. Hinter einer Schule haben wir ein paar Mohnblumen entdeckt. Von wo mögen diese Samen hierher geflogen sein? Von der Straße aus hat jedenfalls noch niemand ein Mohnfeld entdecken können. »Wir bauen keinen Mohn an«, konstatiert der Ortsvorsteher trocken. »Und uns hat man gesagt, du hast vierzig Kilo gewonnen aus deinen Feldern«, ruft Turab, alles lacht erneut, und dafür haut der Angesprochene dem Sprecher mehrmals kameradschaftlich auf die Schulter. Doch sollten wir glauben, in diesen Dörfern verberge sich irgendwo ein geheimer Wohlstand, dann wären wir im Irrtum. Die Feldarbeit ist mühselig, ganz neue Dürrezeiten zerstören die Ernten, die Kinder gehen häufig schon um sechs Uhr früh in die Schule, damit sie am späten Vormittag den Eltern wieder helfen können, sei es beim Baumwollpflücken, sei es beim Hüten der Tiere. Nadia hat inzwischen begonnen, auf einer herausgerissenen Heftseite den Antrag für einen Brunnen zu formulieren. Währenddessen rekapituliert der Älteste den gewöhnlichen Tag eines Bauern. Nach dem Mittagessen, das gewöhnlich aus Reis besteht, wird nichts mehr zu sich genommen bis zum Abendgebet. Dann gibt es Brot und Buttermilch. »Das dehnt den Magen und macht müde«, sagt Nadia. »Wir nennen es afghanischen Alkohol.« Anschließend setzen sich die Männer zu den Frauen, knüpfen Teppiche und erzählen sich Geschichten. Manchmal wachen sie auch über die Babys, damit die Frauen ruhiger knüpfen können. Weil die Männer mehrere Frauen heiraten dürfen, hinterlassen sie auch mehrere Witwen. So werden manche Dörfer maßgeblich von Frauen am Leben gehalten. In dem Flecken, den wir hier besuchen, gibt es kein Fernsehgerät, und einen Generator für Strom besitzt nur der wohlhabendste Bauer. Also geht man früh schlafen. »Hat sich im Laufe der Jahre das Wetter in dieser Gegend verändert?« »Ja, es ist insgesamt wärmer geworden. Also leiden wir unter mehr Schädlingen, und die Baumwollernten haben sich verschlechtert. Vor Jahren hatten wir immer viel mehr Schnee.« Die Sorge weicht nicht aus ihren Gesichtern, die gegerbt sind wie Schuhe. Die Hände ruhen im Schoß, rissi371 ges Arbeitsgerät, selbst die Füße sehen ledern und abgearbeitet aus. Der Tee schmeckt nach dem Rauch, in dem er entstand. Inzwischen ist der Antrag für den Brunnen fertig formuliert. Jemand bringt ein Stempelkissen, und bis auf zwei Männer setzen alle ihren Fingerabdruck in die vom Sekretär mit Blockschrift notierten Namen. Einer besitzt ein Siegel. Einer wendet sich rasch an Nadia und zischt: »Hilf mir, gib mir ein Mofa!« Am Ende hält diese einen schmutzigen, mit Russ verfärbten, von Fingerabdrücken gestempelten Antrag in den Händen, aus dem in absehbarer Zeit ein Brunnen werden wird. Der Dorfälteste überreicht uns auf seinem Unterarm drei kostbare Mäntel in Grün und Violett von der Art, wie der Präsident sie trägt. Unmöglich, dieses Geschenk abzulehnen, sagt der Alte doch selbst: »Wir haben zwar nichts, doch was wir besitzen und nicht aufgeben, das sind unsere Menschlichkeit und unser Stolz.« Wir ziehen nordwärts und bewegen uns nun geradlinig durch die Steppe der Grenze entgegen, um an die Ufer zu treten, die dem kriegserschütterten Afghanistan den Rücken zuwenden. Erfasst vom großen Phlegma der Steppe, haben auch wir begonnen, uns langsamer zu bewegen - oder scheint es nur so, weil die Fläche alle Bewegungen auf ihr klein und langsam werden lässt? [...]" (S.370-72)


Orvieto Die fixe Idee S.472ff.

"Die Trattoria Giusti in der Via Giuseppe Giusti war die Küche vieler, die in den späten siebziger Jahren in Florenz studierten oder als Langzeitreisende in der Stadt gestrandet waren. Ich studierte am Kunsthistorischen Institut und verdiente mein Geld als Reiseleiter. Meine Freunde waren zwei weitere Studenten, ein Uffizien-Wärter, eine sienesische Apothekertochter und ein kanadisches Journalistenpärchen. In der Trattoria standen nur zwei lange Tische, und eine Speisekarte gab es nicht. Man nahm an einem der Tische Platz, saß oft unter Fremden oder mischte Freunde mit Fremden, wählte zwischen Fisch oder Huhn und überließ den Rest dem Wirt. Der erste Besuch, der sich von zu Hause aus zu mir nach Florenz aufmachte, war eine Frau, die - ich weiß nicht, warum - »Matubi Hühnchen« genannt wurde, eine große, blonde, schüchterne Frau, die meine Ausgelassenheiten meist mit dem Satz quittierte: »Da muss ich ja lachen!« Aber das musste sie nicht. Zu Hause hatte sie in der Dachetage über einer Konditorei gewohnt. [...]

Eine der jungen Frauen, die wie wir zwischen die Linien der beiden feindlichen Fronten geraten war, fiel unmittelbar vor unseren Füßen in Ohnmacht. Wir ergriffen sie rechtzeitig, stellten sie hinter uns aufrecht an der Wand ab und warteten, bis die Kämpfenden an uns vorbeigezogen waren. Das Gewühl verlief sich, das Mädchen erwachte, und auf beiden Seiten eingehakt, ließ sie sich zu einem Cafe in einer Seitenstraße bugsieren. Bernadette war als amerikanisches Au-pair nach Rom gekommen, auf der Suche nach etwas Künstlerischem. Gefunden hatte sie die Liebe, verloren hatte sie sie auch. In ihren Erzählungen gab diese Liebe nur noch schwache Aromastoffe ab, und indem sie ihre langen braunen Locken in Bahnen zwischen den Fingern striegelte und mit ihren Augen unsere Augen festhielt, war ihr selbst klar, dass das Leben wieder in eine Romanze einbiegen sollte, einen Coup de foudre, eine Verrücktheit, wie sie nach einer Straßenschlacht im sommerlichen Siena, an der Seite zweier Fremder, geradezu auf der Hand lag. [479/80] Als die Nacht herunterkam, hatte Bernadette keinen Schritt getan, bei dem sie nicht von uns zu beiden Seiten untergehakt gewesen wäre. Sie hatte uns paritätisch geküsst, und kaum verschwand einer auch nur kurz in einem Laden oder auf der Toilette, gab sie dem anderen einen Kuss so heftig und nass, dass er sich auserwählt fühlen musste. Ja, ihre Küsse waren verschwenderisch und maßlos, sie stürzte sich mit einem Kopfsprung in jeden einzelnen von ihnen und legte einem dabei noch die nackte Armbeuge um den Nacken, damit der Kopf ja nicht ausweichen und sie alles noch besser genießen konnte. Wenn sie einen Kuss abgeschlossen hatte, warf sie den Kopf in den Nacken und lachte guttural, was ein bisschen irr, ein bisschen schmutzig, ein bisschen stolz klang, und manchmal wischte sie sich selbst mit dem Handrücken die Lippen ab. Sie wollte uns verrückt machen, beide, und wir sollten fühlen, wie an diesen Küssen noch dieser Mädchenkörper hing, der sich schmiegte, während die Zungen sich im Rachenraum umeinanderwälzten. Kurz vor Mitternacht hatte sich die Geschichte so weit entwickelt, dass an Trennung nicht mehr zu denken war. Bernadette machte jetzt kein Hehl daraus, dass sie am liebsten unzertrennlich geblieben wäre. Wir sollten uns eine Wiese außerhalb der Stadt suchen und dort gemeinsam die Nacht verbringen. Als wir zögerten, lief sie ein paar Schritte voraus, hob ihr T-Shirt fast auf Höhe ihrer Brüste, beugte sich vor und fragte: »Na, wer will mich?« [480/81] Männer mögen und fürchten solche Frauen, und ein wenig verachten sie sie auch. Aus Bernadette aber strahlte das Versprechen der Sommernacht heraus, und es war Verlangen genug in ihr für zwei. Peter war der Hund, der, zu allem bereit, mit den geöffneten Armen eines Jesus mir die Entscheidung überließ. Ich aber war der Feige, der mit einem »Macht ihr nur!« den Rückzug antrat und in Bernadettes Blick zweierlei erkennen konnte: ein Bedauern über den Verzicht und eine in Freundlichkeit aufgelöste Verachtung über den schamhaften Mann, der vielleicht auch nur die Konkurrenz scheute. Unser Abschied fiel deshalb von ihrer Seite so mütterlich aus, dass es fast verletzend war. Peter gab noch rasch den loyalen Freund, der immer noch bereit sei zu verzichten, schließlich gebe es Wichtigeres. Aber da waren wir schon verabredet für zwölf Uhr mittags am nächsten Tag vor dem Dom von Orvieto, und seine Begierde war jetzt schamlos und direkt. Ich bog zum Bahnhof ab. Als ich mich zum letzten Mal nach den beiden umsah, griff Peters Hand in ihren Hintern, als wolle er sagen: So macht man das, und sie warf im Gehen den Kopf in den Nacken und lachte den Nachthimmel an. Nachdem ich am Bahnhof erfahren hatte, dass der nächste Zug nach Orvieto erst im Morgengrauen fahren sollte, legte ich mich in der Wartehalle zu ein paar Rucksackreisenden in eine Ecke und schlief für Stunden, war aber rechtzeitig wach, um den Zug nach Orvieto abzupassen. Er war noch nicht eingefahren, als ein Pärchen - 481/82 zerzaust und mit verrutschten Kleidern - an den Bahnsteig torkelte - Peter sichtlich ernüchtert, Bernadette selig, aber derangiert und schräg in seinem Arm hängend, ihre Jeans mit Grasflecken bedeckt. Zum Abschied wurde sie von Peter nur noch routiniert geküsst. [...]" (S.479-82)

Der Nordpol Einkehr (501ff.)

In diesem Juli trägt die Stadt November. Ein läppischer, kühler Nieselregen geht über Moskau nieder, und unter dem fahlen Schweinehimmel ergrauen selbst die farbenfrohen, amphitheatralisch verschachtelten Siedlungen des Speckgürtels, die Drusen der Billigbauten des Stadtrands, der ganze menschliche Ameisendom. In den Zwischenräumen aber thronen die Vestalinnen der Likör- und Handyreklamen und herrschen. Auf den Straßen unter ihnen zirkulieren die verhärmten, wenn nicht verrohten Gesichter der neuen Proletarier und der alten, die sich noch erinnern, wie es war, als die Politik in ihrem Namen sprach. Damals galt es als Auszeichnung, ein solches Gesicht zu haben, ein abgearbeitetes, erschöpftes Gesicht. Inzwischen hat die Verelendung einige Kleider und den Bart erreicht: [...]

Noch morgens hatte es leicht geregnet, jetzt laviert sich das Schiff langsam zwischen den algenbesetzten, schmutzigen Eismassiven durch und auf einen Indifferenzpunkt zu zwischen den Becken, Senken, Brüchen. Unter den hoch aufragenden, zwei bis drei Meter dicken Schollenfragmenten steht die tiefschwarze See, in die manche Platte hinabgeschoben wird, ehe sich über ihr das Eis schließt. Der Kapitän manövriert die »Yamal« nun Zentimeter für Zentimeter, auf der Brücke umlagert von den Fotografierenden, die sich drängen, die Nadelposition auf 540/41 dem Hauptkompass in den Fokus ihrer Kameras zu bringen. Das Erreichen und sekundenlange Verweilen auf 90 Grad wird mit Applaus und Glückwünschen quittiert. Dann schenkt das ungerührte russische Personal süßen Sekt aus, man stößt an, umarmt sich und wendet sich der Reling zu, hinter der die Landschaft aussieht wie seit Tagen schon. Alle suchen die Gefühle, die zum Ereignis passen. Man denkt an die historischen Reisenden, die hier jubelnd und weinend anlangten, an die Toten, die das Eis immer noch einschließt, an die vergeblich Losgezogenen, die in die Irre Gelaufenen, die Gescheiterten. Alle Anwesenden, so scheint es, haben kleine Gefühle im Vergleich zu ihren Vorgängern. Das Erhabene trillert mit dem Banalen. Es ist ein Punkt der Ausleerung erreicht, der auch zum Nordpol gehört: Nicht gewachsen sein allem, was hier liegt, nichts vermögen als zu schauen, anzukommen, aber ohne es zu wollen, den fiktiven Ort zu betreten, aber verschwindend, schon in die Rückkehr hineinstarrend, die elende Rückkehr. Der Kapitän hält eine kurze Ansprache, in der der »alte Traum vom Erreichen des Nordpols« eine Rolle spielt. »Sie alle haben ihn verwirklicht«, sagt er. Wir haben nichts verwirklicht, denken wir. Wir haben ein Schiff bestiegen und sind angekommen. Jenseits vom Pol aber, dort, wo die Krümmung der Erdkugel wieder einsetzt und die Landschaft aus dem Blick taucht, wo das Eis ungebrochen vor unserem Rumpf liegt und sich in einem großen Laissez-faire die menschenabweisende 541/42 Todeszone der Natur ausdehnt, da erstreckt sich eine Schneefläche, rein und unberührt. Wir werden sie nicht mehr betreten. Der Neujahrsmorgen in der Eifel* kommt mir wieder in den Sinn, und die Decke des Krankenhauses öffnet sich schneeweiß, und nichts ist zu hören als das Echo der Grenze.  

*  Verweis auf das 1. Kapitel mit Gespräch mit dem Jungen


30 April 2019

Roger Willemsen: Die Enden der Welt. - Der Amu-Darja

Der Amu-Darja - An der Grenze zu Transoxanien 
 Aus der Geschichte sprengen die kurzmähnigen Pferde heran, die Steppen dehnen sich, die Sümpfe drohen. Reisende aller Jahrhunderte haben sich auf diesen Grenzfluss, der den Norden Afghanistans gegenüber dem ehe maligen russischen Reich, dem heutigen Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan abgrenzt, zubewegt, mühsam, unter Qualen und oft ohne ihn zu erreichen, weil Überfälle, Entbehrungen, Malaria, Wurmbefall, Seuchen dazwischenkamen. Maulbeerbäume und Tamarisken waren die Vorboten des fernen Flusses. Man bewegte sich in Karawanen durch die Sanddünen, und entgegen ka men aus Transoxanien, dem Land jenseits des Stroms, weitere Karawanen. Von ihren Kamelen hingen die Kanister mit dem Benzin, das man neben vielen anderen Waren aus dem ehemaligen Russland auf der anderen Flussseite bezog.

Der Amu-Darja, im Altertum auch Oxus genannt, versammelt eine mythische Landschaft um seine Ufer, von der der Dichter Rudaki, der »Karawanenführer der Dichtkunst« genannt, im 9. Jahrhundert nach Christus fabelt, seine rauen Ufer seien Seide unter den Füßen, seine Wellen sprängen bis zum Zaumzeug der Pferde vor Freude über den Heimkehrer. [...]

Marco Polo hat hoch oben im Pamir die Quelle des Stroms besucht, und am 19. Februar 1838 steht hier der britische Leutnant John Wood, auf dem »Dach der Welt«, wie er es nennt, über dem See des Bam i Dünjah oder des Sir i kol, wie die Kirgisen den Quellsee des Amu-Darja tauften, während sich vor dem staunenden Fremden die »gefrorene Wasserfläche erstreckte, aus deren westlichen Ende der junge Oxus entsprang«. Der schöne See, so schrieb er, besitze die »Form eines Halbmondes«.
 Doch von hier aus ist es noch weit bis zu den Tälern Nordafghanistans, und der Reisende fragt sich: Wie willst du diese Grenzen überqueren, die Berge, die Flüsse, die Gefechtslinien, zuletzt durch die Steppe kommen, wo die Bewegung immer ziellos scheint. Das ist ihr Schönes. Und wenn es einer wie Robert Byron bis an den Oxus schafft, dann hat er geschwärmt und zurückgeblickt auf die armen Schlucker, die verendeten, bevor sie ihn er reichten. [...]

Endlich eine Ausbuchtung, eine kleine Anhebung der Horizontlinie. Das sind die Schafherden, bewacht von einem jungen Hirten, der auf einem Sandhügel schläft, einem zweiten, der zu Pferde gemächlich im Kreise trabt, und drei bösen Hunden, die sich auch gegen Wölfe und Schakale durchsetzen müssen und immer kampfbereit sind. Immerhin fraßen die Wölfe im Krieg selbst von den zurückgebliebenen Leichen.
Der Hirte weiß das, er rutscht von seinem Sandhaufen und nähert sich ein paar Schritte. Unter seinem langen Filzmantel trägt er einen Pullover, eine wattierte grüne Jacke, eine Nadelstreifenweste. Mit dem langen Stab in seiner Hand stützt er sich, schützt und dirigiert er die Schafe, an die siebenhundert sind es, behütet von zwischen zehn und vierzehn Schäfern in dieser Gegend, gefährdet von Taranteln, Schlangen, Schakalen.
Wo er schläft?
 »Irgendwo in der Steppe.«
 Woher er sein Wasser bezieht?
»Es sind sechs Stunden mit den Tieren bis zur nächsten Quelle.«
 »Und ist die Herde sicher?«
 »Manchmal kommen Diebe und klauen ein paar Tiere. Aber was soll ich machen? Wir beklauen uns dann wechselseitig.« [...]

»Was isst du?« 
»Mein Brot mit etwas Fett, das ich hier in einem Döschen mit mir führe.« Er zeigt es. »Und warum hängst du hier rum?«, protestiert Turab humoristisch, »statt dir in der Stadt eine vernünftige Arbeit zu besorgen?«
 »Ich kann nicht.« Er hört, wo wir zu Hause sind.
 »Ihr lebt in einem guten Land, in dem es immer Regen gibt.«
 »Was verdienst du?«
 »Ich bekomme ein Zehntel aller neugeborenen Schafe eines Jahres. Wenn ich Glück habe, sind das fünfzig.«
 »Wie alt bist du?«
 »Weiß ich nicht. Vielleicht 21?«
»Aber du hast noch keinen Bart!«
 »Kannst du mir nicht sagen, wie alt ich bin?«
 Die Gespräche der Afghanen untereinander sind oft so. Gleich sind sie bei den Lebensumständen, eigentlich bei den vertraulichen Dingen. Nie wird eine Frage abgelehnt oder selbst in Frage gestellt. Man teilt die Geschichte wie die Atemluft. [...]

Während wir trinken, schwärmen die Kinder aus, um den Ältestenrat zusammenzurufen, und da stehen sie dann, fünfundzwanzig Männer, die meisten mit Turban und in langen Gewändern, mit würdevollen, tief ernsten, auch schwermütigen Gesichtern, und mitten darin Nadia, die Exil-Afghanin, die nur mit dem Kopfschleier bedeckt, aber offenen Gesichts durch die Menge der Alten geht, dem Gemeindehaus zu, wo sie sich die Bitten des Rates anhören wird. Der Saal ist gerade fertig geworden, der Stolz der Gemeinde. Man hat ihn in einer Anwandlung von Übermut oder Idealismus mit hellblauen Wolkenmotiven ausgemalt. Das wirkt in dieser Umgebung so befremdlich neumodisch wie ein Wellnessbad unter Nomaden.
 Wir sitzen auf Kissen im Kreis. Von außen drängen immer mehr Männer in den Raum. Dazwischen wieseln die Jungen mit Tellern voller Pistazien, Mandeln, Trockenobst und Hülsenfrüchten. Es sind auch ein paar eingewickelte Bonbons auf den Tellern. Das alles kommt, ohne dass wir eine Anweisung gehört hätten. Nur berichtet Nadia später, dass man hinter den Kulissen ausgeschwärmt sei, um Zutaten für ein richtiges Essen herbeizuschaffen, doch habe man sie nicht zusammen bekommen.
 Kaum ergreift sie das Wort, wird es ganz still. Die Alten mit ihren in den Lebenswinter eingetretenen Gesichtern, ihrer Zukunftsangst, ihrem Festhalten an allem, was ihnen ihre Tradition lässt, sie blicken in Nadias offenes Gesicht und sehen, wie empfindlich die Zeit sich ändert. Sie alle haben Nadias Vater noch gekannt. Deshalb fällt es ihnen wohl leichter, der Tochter zuzuhören. Sie brauchen auch kein Vertrauen zu fassen, sie haben es. Aber ihre Bitten sind groß und, gemessen an Nadias Möglichkeiten, maßlos.
Das Licht im Raum tritt plötzlich übergangslos in eine Dämmerstimmung ein. Die Alten beißen ein paar Mandeln auf, wenden aber den Blick nicht von Nadias Gesicht, forschen, was wohl von ihr zu erwarten sei für den Bau eines tieferen Brunnens, einer Schule, für die Besoldung eines Arztes, der sich der hiesigen Krankenstation annähme, denn da ist niemand.
 Die meisten Krankheiten kommen aus dem Wasser, manchmal verenden Tiere im Brunnen und verunreinigen ihn, mancher ungebildete Bauer wirft einen Kadaver zur Entsorgung einfach in den Schacht, auch Malaria grassiert, und Nadia hört das alles an, geduldig wie zum ersten Mal, dabei haben alle diese Geschichten die gleiche Struktur. Blicke ohne Lidschlag befestigen sich an ihren Zügen. Viele der Gesichter sind sehr fein geschnitten, manche tendieren ins Mongolische, Asiatische. Niemand bettelt, niemand klagt, niemand ringt die Hände, rauft die Haare, verliert die Haltung.
 Was ihre Versorgung angeht, so können sie sich in guten Jahren sechs Monate lang mit dem Verkauf von Teppichen und Vieh über Wasser halten, die zweite Hälfte des Jahres müssen sie aus dem Eigenanbau bestreiten. Mit dem Sonnenaufgang sind die Bauern auf den Feldern oder bei den Tieren. Sie frühstücken Brot mit Tee und, wenn sie haben, mit Milch.
 Ich schreibe, was der Bauer berichtet. Mit dezenter Beteiligung blickt der Raum auf das, was mich offenbar interessiert, kaum senke ich den Stift aufs Papier, liegt ihr Blick darauf. Was hier erzählt wird, das ist doch alles ihr normales Leben. Was soll es da zu schreiben geben? Dass die Minengefahr auf den Feldern groß ist? Gewiss, aber gegen die Wölfe anzukommen ist auch nicht einfach.
 Die glücklichsten Bauern sind die, die einen Ochsenpflug besitzen und eine Kuh ihr eigen nennen, auf die sie sich verlassen können. Solche Bauern können sich manchmal sogar Dünger leisten.
 »Aber schmeckt es nicht besser ohne Dünger«, frage ich, und alles lacht, glücklich, dass sich Fremde so einig sein können.
 Das Gespräch wendet sich dem Ackerbau zu, den Ernten, dem spät ausgesäten Reis. Hinter einer Schule haben wir ein paar Mohnblumen entdeckt. Von wo mögen diese Samen hierher geflogen sein? Von der Straße aus hat jedenfalls noch niemand ein Mohnfeld entdecken können.
 »Wir bauen keinen Mohn an«, konstatiert der Ortsvorsteher trocken.
 »Und uns hat man gesagt, du hast vierzig Kilo gewonnen aus deinen Feldern«, ruft Turab, alles lacht erneut, und dafür haut der Angesprochene dem Sprecher mehrmals kameradschaftlich auf die Schulter. 
Doch sollten wir glauben, in diesen Dörfern verberge sich irgendwo ein geheimer Wohlstand, dann wären wir im Irrtum. Die Feldarbeit ist mühselig, ganz neue Dürrezeiten zerstören die Ernten, die Kinder gehen häufig schon um sechs Uhr früh in die Schule, damit sie am späten Vormittag den Eltern wieder helfen können, [...] (S.360-370)

Weitere Texte von Willemsen

20 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Der Fuciner See

Der Fuciner See
Die Auszehrung
"[...] Sie [Clarisse] schrieb über Kafka, aber Forschung konnte man es nicht nennen. Kafka zwang ihr seinen Willen auf, er übte einen Bann aus. Nichts und niemand bestand gegen ihn. Es war ein Fall von Ernst-Nehmen, das jedes Maß sprengte, der ideale Fall eigentlich, nahm sie ihn doch ernster, als er sich wohl selbst genommen hatte. Es war eine Geiselnahme, mit ihr selbst als Geisel.
 Kafka höhlte ihr Leben aus und bewegte sich in ihr, und wenn sie ihn ihren »geistigen Vater« nannte, tat sie es nicht, ohne den leiblichen Vater herabzusetzen, der als abruzzesischer Gastarbeiter nach Österreich gekommen war - in ihren Worten ein verachtenswerter, dort nie hei misch gewordener Mann, der sich in ihrer Kindheit Zweideutigkeiten mit ihr erlaubt hatte." ("286/87)
"Dann rief eines Abends ihr Vater bei mir an, was auf eigene Weise furchtbar war, denn vor meinem inneren Auge schwankte sein Bild zwischen dem abruzzesischen Arbeiter, der in die Fremde gekommen war, und dem zu dringlichen Familienpatriarchen. [...] Clarisse habe sich mit dieser Kafka-Arbeit ruiniert, sagte er. Natürlich sei er anfangs stolz gewesen, dass seine Tochter eine »dottoressa« sein werde. Er verstehe ja nichts von dem, was sie da schreibe, aber irgendwann sei das doch alles nicht mehr normal gewesen. Sie hatte ihm Kafka zu lesen gegeben, er hatte es auch wirklich »inter essant« gefunden, und manchmal sei der Mann ja auch »richtig lustig«, aber was sie daraus mache ...
 »Was macht sie denn daraus?« 
Vor zwei Monaten hatte sie um Aufnahme in einen Nonnenorden gebeten. Die Schwestern von M. hatten sie auch wirklich zur Probe akzeptiert, dann aber allmählich verstanden, dass es ihr nicht um den Dienst am Herrn ging, sondern dass sie sich im Kloster eigentlich aushungern wollte. Das gehöre sich natürlich nicht, und so hatte die Äbtissin befunden, dass Clarisse des Klosters wieder verwiesen werden müsse. Als der Vater die Tochter ab holte, war sie schmal und völlig verwildert. [...] »Sie kennen den Lago Fucino, ja? Auf der anderen Seite, also auf der Südseite des Lago Fucino, da liegt in den Bergen Campobasso.« »Da kommen Sie her?« »Ja.« »Haben Sie noch Familie dort?« »Nein.« »Von da rufen Sie mich an?« »Ja.« »Und was erwarten Sie von mir?« »Helfen Sie uns.« [...]
Der Lago Fucino, das war ein Topos aus einer Literatur, in der Italien noch »Arkadien« hieß und nach Zitronen und Friedhofsengeln roch. " (S.288-90)
"Ich saß in der Bahn und folgte dem Tiber-Tal Richtung Süden. Wenn die Reise einen Zweck gehabt hatte, so war er inzwischen verloren gegangen. Zu Anfang gab es einen Anlass, nicht mehr, und am Ende würde es eine Situation geben, nicht weniger. Dazwischen lag das Ver sprechen einer Erfahrung, anziehend wie Angstlust. Ich sah mich mit Clarisse irgendwo in den Bergen hinter dem Fuciner See sitzen, auf das Wasser blicken und darüber nachdenken, wie es weitergehen könnte. Aber das war nicht wirklich. Wirklich war Arkadien, die Landschaft uritalienischer Schäfer-Idylle. Denn im »grünen Herzen Italiens«, wie Carducci die Region in seinen berühmten Versen besang, finden sich tatsächlich noch Schäfereien und Hirten, die über die legendären »tratturi«, die antiken Viehpfade, ihre inzwischen geschrumpften Herden aus Apulien und Kalabrien herbeiführen." (S.295/296)
"Der Fuciner See ist nicht mehr, »non c'e piü il lago«, sagte der Mann an meiner Seite. Ausgetrocknet, nicht von der Zeit, sondern von der Arbeit des Menschen. [...]
Als er sich noch hier ausbreitete, soll er sehr fischreich gewesen sein, der See, an dessen Ufern die Marser und später die Römer Oliven, Wein und Früchte anbauten. Sein Klima galt zwar als rau, aber bis zu seiner Austrocknung ist er angeblich nur fünfmal zugefroren, zum ersten Mal im Jahr 1167. Rätselhaft erschien den Anwohnern wie den Historikern das Steigen und Fallen seines Wasserstandes. Im Jahr 1752 soll er so flach gewesen sein, dass man die Fundamente der antiken Stadt Marruvium erkennen und Statuen von Claudius und Agrippina bergen konnte." (S.298/99)

Als der Erzähler schließlich in Campobasso eintrifft, stellt sich Clarisses Sítuation als verzweifelt dar. Er kann ihr nicht helfen.

"Heute lebt Clarisse nicht mehr. Sie hat schließlich doch noch einen Ausgang gefunden, es war der aus ihrem Leben. " (S.307)

18 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Mandalay

Mandalay 
Ein Traum vom Meer 

Aufgewachsen bin ich in jener Hügellandschaft, die man geographisch die Voreifel nennt, Liebhaber bezeichnen sie auch als »Rheinische Toskana«. Doch das ist schon keine Beschönigung mehr, sondern eine Irreführung. [...]
Als ich etwa siebenjährig einmal in der ersten Morgenfrühe mit meiner Mutter über diesen Kiesweg in die Senke einbog, lag der Frühnebel so dicht über dem Tal, dass ich unwillkürlich dachte, man habe mir die ganze Wahrheit über meine Heimat unterschlagen, und ich greinte: »Warum habt ihr mir verschwiegen, dass wir am Meer wohnen?« Ich glaubte damals an eine besondere Wirkung des Meers. Dort müsste das Leben ein anderes sein, von den Städten abgewandt, durch den dauernden Anblick des Wassers geklärt. [...] (S.262/3)
"Die Kompartimente der birmanesischen Staatsbahn bestehen aus zwei einander gegenüberstehenden hellen Holzbänken, auf denen jeweils drei schmale Menschen nebeneinander Platz finden können - oder ein Ehepaar mit Truthahn, wie mir gegenüber. Der Truthahn ist eine hässliche Kreatur, die dauernd dünkelhaft aus dem Fenster sieht und jeden Augenkontakt vermeidet. Unter dem Kopf hängt der rote Hautlappen wie ein Tumor. Das Besitzerpaar dagegen ist wunderschön und animiert. Zu nächst traut sich nur der Mann mit den großen tiefen Augen, mich anzustrahlen. Maßlos, als flirte er, bleiben seine Augen an den meinen hängen. Seine Frau Mariam ist eine stillgelegte Schönheit, die offenbar von ihrem Reiz nicht weiß. Sie hat die Farbe der Erde, ihre Gliedmaßen sind schwer, ihre Augen ruhen lange auf einem Ding, ehe sie sich erschöpfen, und wenn sie einen Gegenstand nimmt, dann schwebt ihre Hand an, legt sich darauf wie zum Schmusen und hat ihn gestreichelt, ehe sie ihn benutzt. Auch ihr Lachen macht sich von sehr weit innen auf den Weg. Wenn es aber auf dem Gesicht angekommen ist, dann breitet es sich aus und geht nicht, bis es nicht alle Winkel des Gesichts durchflutet hat. Man kann nicht aufhören, sie anzusehen." (S.271/72)
"Khin Maung und Mariam wohnen in einem Dorf nördlich von Myitkyina, im verbotenen, für Fremde gesperrten Distrikt, nicht weit von der Grenze zu China. Myitkyina ist ein Zentrum, wo Gold, Jade und Bernstein gewonnen werden, aber auch die Wanderfeldbauern kommen hier her auf die Märkte, und die hiesigen Kachins sind immer noch in Stämmen unter Häuptlingen organisiert. Die Eisenbahn endet hier, aber die Straße führt immer weiter bis nach Indien und China.
 Mariam macht sich den unsteten Truthahn mit einem Griff an seinen Hals gefügig. Khin Maung hält einen Leinensack Zucker zwischen seinen Knien. Zu Hunderten nehmen die Fliegen darauf Platz. Draußen breitet sich schwarze Erde aus, die Glockenkelche der Pagoden leuchten in Weiß oder Gold, und wenn die Menschen eine Errungenschaft gemacht haben, dann sind es Schirmmützen. Es riecht nach Hirse und fauligem Gemüse. Aber das Lachen sitzt locker. 
Über die Wasserspiegel morastiger Teiche staksen die Hütten dahin auf morschen Balken. Man sieht den Seuchen in der Entstehung zu, und da die Fenster offen bleiben, schwärmen an jeder Haltestelle des Zuges die Insekten herein, trunken vom Fäulnisgeruch." (S.274/75)
"Mandalay, die rebellische, der Moderne zugewandte Siedlung, deutete sich draußen mit den ersten Ausläufern einer werdenden Millionenstadt an, die sich aus ihrer dörflichen Vergangenheit nicht lösen kann." (S.281)
"Ich wünschte, wir hätten das Selbstverständliche tun, am Meer stehen, in ihr Dorf reisen, bleiben können, doch dieses Mal ist unsere Trennung nicht kulturell bedingt, sondern politisch. Ich habe nicht vermocht, ihnen das Meer, das sie nie sahen, erfahrbar zu machen. Mein Meer ist ein anderes, und ihr Dorf suche ich in ihren Augen, in der Textur ihrer Hände, in ihren Blicken nacheinander, ihren Stoffen und Utensilien, doch suche ich vergeblich.
 Deshalb hängen unsere Blicke ineinander, weil wir nichts anderes haben, die Wirklichkeit des Gegenübers zu entziffern, und diese Blicke wollen und wollen sich nicht lösen, als ich am Bahngleis in Mandalay vor dem Abteilfenster stehe und sich der Zug mit ihnen in Bewegung setzt, sie haben die Hände nur halbhoch zum Gruß erhoben. Sein Glühen bleibt, ihr Strahlen hängt weiter in der Luft, und als sie den Augen entschwunden sind, ist da noch etwas Immaterielles auf diesem Bahn steig, das ich betrachte wie Kunst. Es ist der Nimbus einer Grenze, die sich soeben als unpassierbar, aber durchlässig erwiesen hat." (S.283/84)

16 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Kamtschatka

Kamtschatka 
Asche und Magma 

"Man wacht auf und überfliegt ein Gehirn, rot und zerklüftet, bizarr geformt, mit mäandernden Nervenbahnen, man überfliegt es in 31 000 Fuß Höhe, und es sieht aus wie ein Organismus. Man bewegt sich auf einen Punkt zu, achttausend Kilometer von zu Hause, über eine Formation aus pathetisch getürmten Felsmassiven, Abgründen, nackten tektonischen Schichtungen. Malerisch. Fremd. Man sollte Seemannslieder singen, Heim weh haben, Dschunken passieren lassen.
 Doch auf dem Monitor des Bordfernsehens bewegt sich das Symbol des Flugzeugs auf seiner gestrichelten Linie nur ganz langsam und ruckhaft durch elf Zeitzonen. Bald wird die Regierung sie auf acht reduzieren." (S.222)
"Kamtaschatka. Ein Name wie ein Takt aus einem Marsch, gesungen von einem Männerchor." (S.223)
"Erdbeben gibt es hier manchmal mehrmals pro Woche, und wenn es klirrt oder schaukelt, dann werden sich die Einwohner bloß mal wieder ihrer Sterblichkeit bewusst und der Tatsache, dass sie auf einem jungen, sehr jungen Landzipfel wohnen, einem nicht fertiggestellten, und sie könnten sich darüber klarwerden, dass wir einen lebenden Planeten bewohnen, mit immenser Energie in seinem Kern. Geologen warnen, dass es hier in absehbarer Zeit zur Katastrophe kommen muss. Die Stadt wird verschwinden, einem Ausbruch oder Beben zum Opfer fallen, aber die Einheimischen bleiben und sagen: Nicht jetzt, nicht heute, nicht zu unseren Lebzeiten. Wo sollen wir sonst hin? Sie leben anders als wir, bewusster befristet.
 Neun Stunden braucht man ab Moskau, um den russischen Kontinent zu überfliegen, bis in die äußerste Spitze, wo man von den Herren in Moskau seit alters her wenig weiß und noch weniger wissen will. Das also ist Kamtschatka, der Küste vorgelagerte Halbinsel, die fernste Ferne, von der auch Moskau lange Zeit nur eine diffuse Vorstellung besaß. Ein Trio von Vulkanen ist das Wahrzeichen dieser Region. Knapp sieben Monate Froststarre bewahren Kamtschatka wenigstens zeitweise vor ihrer Energie, [...]" (S.226/27)
"Die Landung des Kosaken Wladimir Atlassow im Jahr 1697 wird allgemein als die Entdeckung dieser Halbinsel in Russisch-Fernost angesehen. [...] Aber erst als Zar Peter 1724 den Dänen Vitus Bering einbestellte und ihn mit dem Auftrag versah, herauszufinden, wo das russische Reich genau ende, wo die Landmassen auf das Meer stießen, und ob sich dort nicht vielleicht einzunehmendes Land öffne, war der Grundstein zur Erforschung der äußersten Grenze des Reiches gelegt. Bering brach auf, der Zar starb ein Jahr später, lange bevor der Däne 1730 seine Ergebnisse heimbrachte, die dann weder Anna Iwanowa noch sonst jemanden sonderlich interessierten. Nur Bering selbst war von seiner Mission überzeugter denn je und machte sich fieberhaft an die Vorbereitung der Großen Nordischen Expedition, zu der er 1733 aufbrechen, die er aber nicht überleben sollte. [...] Schließlich aber wurden wie überall die Ureinwohner in brutalen Kämpfen unterworfen und für die eigenen Zwecke dienstbar gemacht, ehe man im 20. Jahrhundert, im Verlauf ihres Aussterbens gewissermaßen, die Tschuktschen ethnologischer Forschungen für würdig erachtete. [...]
 Die Beamten der Zaren verzweifelten an der Mentalität der ungebärdigen Bauern, die die Landwirtschaft ebenso wenig wie die Schafzucht in Angriff nehmen wollten. Stattdessen widmete man sich dem Lachsfang, und noch heute gibt es nirgends auf der Welt einen so reichen Bestand der unter schiedlichsten Arten wie hier, wo der Wildachs in solchem Überfluss vorkommt, dass er sogar als Tierfutter verwendet wird.
Ähnlich gibt es auch kaum irgendwo auf der Erde eine vergleichbar starke Bären-Population. Doch kämpften sich die frühen Trapper durch den Winter, durch die Entbehrung eines Lebens in Laub- und Erdhütten, so kommen die Jagdgesellschaften heute mit Privatflugzeugen aus Moskau, knallen manchmal aus der Luft ihre Beute ab und sind wieder weg. Andere Jäger konzentrieren sich vor allem auf die Bärengalle, der in China aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird, [...]" (S.227/28)

  "Ich sehe einem Gehörlosen-Pärchen auf dem Bürgersteig zu. Er bockt, hat seine Hand der ihren entzogen. Sie redet mit geräuschlos belfernden Lippen auf ihn ein. Er wischt alles weg. Ihre Gesten werden größer, sie machen sich Luft. Er stimmt ein gestisches Anschreien an, raum greifend, mit den klobigen Händen die Luft sichelnd. Ja, auch sonst scheint er ein Wunderlicher zu sein. Sie weicht 
zurück mit einer Mimik wie im Stummfilm, aber er hat nicht genug. Erst fährt seine Faust in den Himmel, darauf zieht er dreimal hintereinander eine jähe Linie zwischen sich und sie. Dann wendet er sich weg und lässt sie stehen. Aber schon wenige Meter später weiß er kaum, wie er sich noch orientieren soll. Synchron wenden sie sich wieder einander zu, getrennt, doch unfähig, es zu sein." (S.233/34)
"Und da ganz Kamtschatka, immerhin doppelt so groß wie Deutschland, nur über 130 Kilometer eines zerrissenen Netzes asphaltierter Straßen verfügt und nach sieben Monaten im Schnee nur eine kurze Blüte im schwelgerischen Sommer erlebt, ist die Natur hier schwerlich totzukriegen. Sie übernimmt hinter der Stadt mit Steinbirken-Hainen auf sumpfigem Grund, Halbstauden und Kiefernwäldern, in die sich ab und zu ein »Schaschlik Cafe« schiebt. Im Sommer sind die Wegränder staubig, und auch der Baum bei der silberhaltigen Quelle, an den man Stoff fetzen bindet für sich, die Frau, die Geliebte oder künftige Frau, steht behaucht vom gelben Film des Straßenstaubs. 
 An den Hängen aber funkeln sie wieder, die Birken, die man in dieser dunklen Gegend als die Lichtbringerinnen liebt. Das Silber ihrer Stämme schimmert noch durch die Dämmerung - ein Naturzauber, der sich edelmetallisch gegen das ganztägige Zwielicht durchsetzt." (S.234/35) 
"Am dritten Tag sammeln wir zwei Wanderer auf, die verloren durch die Sonne traben, Jelena und Kolja, sie von hintergründiger, pausbackiger Selbstversunkenheit, scheu und verlangsamt in allem, was sie sagt, und versonnen selbst im Gehen, er ein schmaler, kluger Junge mit schnellen kurzen Bemerkungen und guter Beobachtungsgabe. [...] Wir schrauben uns hoch in die unwirtliche Vulkanlandschaft. Das Mondtal, in dem der gelbe, lagerartige Trakt des Kraftwerks liegt, ist umgeben von Warnschildern, Wellblechhütten, Containern, [...]" (S.236)

"Jelena hat keine Eltern mehr. Sie ist so introvertiert, dass sie wohl eigentlich nur ein einziges Gesicht machen möchte. Das macht sie immer. Manchmal wendet es sich gütig dem Mann zu, manchmal fragend uns." (S.237/38)
"Unseren letzten Abend verbringen wir in der unbenutzt wirkenden Anlage eines Hotel-Freibads, dessen Becken gerade durch einen Schlauch mit schwefligem Thermalwasser befüllt wird. Kurzatmig lagern wir im Wasser. Kolja taucht mit Kopfsprung ins Becken, Jelena zieht sich einen schwarzen Bikini an und drückt ihren stämmigen Körper rasch unter die milchige Wasseroberfläche, während Sergej den allgemeinen Frohsinn unermüdlich weiter stimuliert. Wir trinken Bier aus Plastikbechern und toben ein bisschen herum. Einmal drückt Jelena unter Wasser meine Hand. [...]
 Unter den buschigen Bäumen vor der armseligen Siedlung, die sie bewohnen, holen wir zur Verabschiedung von Jelena und Kolja aus. Wir stehen um den Wagen, die Männer umarmen sich fast ohne Körperkontakt. Als ich Jelena die Arme öffne, kommt sie, von einem leichten Sonnenbrand vergoldet, und drückt sich rückhaltlos in diese Umarmung, als wolle sie so, als Passform, erhalten bleiben. Dann wendet sie sich Nastja zu, damit sie übersetze:
»Wir haben eine Zeit mit vielen schwarzen Streifen erlebt. Nie hätten wir gedacht, dass uns hier ein so weißer Streifen erwartet.«
Darauf schenkt sie mir noch einmal ihren gedrungenen Körper, von dem sie weiß, dass man ihn gerne in den Arm nimmt, und lässt ihn ruhen. Kolja ist ins Haus gegangen, um Geschenke zu holen.
 »Du wirst mir fehlen«, sage ich. 
Als ich im nächtlichen Hotelzimmer die Geschenke öffne, sind es ein Wimpel von Koljas U-Boot-Stützpunkt, ein grünmetalliger Schlüsselanhänger mit dem Emblem desselben, dazu eine blau-weiß-geringelte ärmellose Weste. Sie passt, sieht aber aus wie ein Ringer- Leibchen aus einem Badeort an der Cöte d'Azur der zwanziger Jahre. Das ist ihr Geschenk. Ich trage es eine Nacht lang und eine weitere, bis es sich unwiederbringlich anfühlt. Ja, sie fehlt mir." (S.260/61)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Tangkiling

Tangkiling
 Die Straße ins Nichts 

"So hoch, so stetig über der Wüste durch die Wolken schwimmend, verliert man das elementare Gefühl für die Bewegung. Auf der Erde sind alle Beschleunigungen mit einer Blickgeschwindigkeit verbunden. Dieses Tauchen durch die Luft jedoch, das Gleiten über entfernte Muster und Schraffuren, Wölbungen und Dehnungen, Flächen und Senken versagt dem Auge die Fähigkeit, den Tempobezeichnungen der Außenwelt, dem Wechsel ihrer Proportionen, dem Schwinden und Entstehen ihrer Farbigkeit zu begegnen." (S.198)
Die Fernsehwerbung war von der Regierung hier schon Vorjahren abgeschafft worden, um »keine falschen Bedürfhisse« zu wecken. In den Läden ihrer Dörfer aber fanden die Siedler die Glanzbildchen der Produkt-PR und daneben vor allem Rohstoffe, Naturprodukte, nicht-designtes Essen - Früchte, Knollen, Hühner- und grüne Gänseeier, Dörrfisch, Gewürztütchen und in den Vitrinen das prachtvolle Rot-Gold der Nelkenzigaretten, an den Wänden einzelne Kalenderblätter mit Ansichten von Teneriffa oder Garmisch-Partenkirchen." (S.203)
"In Palangkaraya [220 000 E.] aber, der erst 1957 gegründeten Hauptstadt von Zentralkalimantan, kann man fotokopieren und technische Apparate kaufen. Hier gibt es vier Kinos, aber Straßenbeleuchtung noch nicht lange. [...]  Es gibt Computerspezialisten und korrespondierende Mitglieder wissenschaftlicher Zeitschriften, aber nicht selten sind es dieselben, deren Glaubenspraxis rituelle Schlachtungen und Trance-Tänze einschließt.
 Der letzte Gouverneur der Region, immerhin im Rang eines Ministerpräsidenten, verfügte testamentarisch, sein Sarg solle aus dem Holz eines sogenannten »Herzbaums« gefertigt werden, eines Baums also, bei dessen Pflanzung in der Wurzel ein menschliches Herz eingesetzt wurde." (S.205)
"Hier, wo mehrere hundert Sprachen und Dialekte vor kommen, aber kein Englisch und kaum die sterile Amtssprache mit dem Namen Indonesisch, hier kam ich zu mindest bei den Zahlen mit Indonesisch aus. Fragte ich aber, wann das Schiff ablegte, streckte mir ein Hafenar beiter die fünf Finger einer Hand entgegen und sagte »Empat«, aber »Empat« heißt »vier«. Also »Lima« konterte ich und streckte ihm meine ganze Hand entgegen für die Fünf. Nein, »Empat« beharrte mein Gegenüber, wieder seine ganze Hand hinhaltend. [...] Endlich erfuhr ich: Für den Einheimischen Borneos zählt der Daumen nicht als vollständiger Finger. Also signalisiert man mit zwei vollen Händen die Zahl Acht, und ich gewann beim Übersetzen einen neuen Blick auf den Körper."(S.207)
"Am folgenden Tag besuchte ich drei Missionarsschwestern, die unter einem Fliegenfänger am Tisch saßen und karge Mahlzeiten einnahmen. Sie erzählten, wie sich das indonesische Hausmädchen anfänglich immer mit zusammengelegten Händen vor dem Fliegenleimband verbeugt habe, hielt sie es doch für ein christliches Requisit, das es zu achten gelte." (S.208)
"Seine Fruchtbarkeit verdankt der tropische Regenwald Borneos also nicht primär dem Boden. Sie liegt vielmehr in der Luft, im Blattgrün, in den zahllosen symbiotischen Verbindungen zwischen Pflanzen und Tieren. Vierzig Meter über dem Boden wachsen in toten Bäumen Sträucher und Blumen aus den verlassenen Nestern der Orang Utans. Kerne, verfaulte Früchte, Kot und vermodernde Zweige mischen sich zum Kompost und lassen neue Mikrokosmen entstehen mit einem hoch verletzlichen inneren Gleichgewicht.
(S.209)
"Als im Jahr 1982 die Regenzeit jedoch ungewöhnlich lange ausblieb, dörrten die Sümpfe aus und das Feuer zerstörte ein Stück Regenwald von der Größe Taiwans. Dieser schlimmste Brand in der Geschichte aller verzeichneten Brände wurde erst 1983 durch die endlich ein setzenden Regenfälle gelöscht." (S.211)
"So ist der Orang-Utan als das einzige Tier zugleich gierig und stark genug, die schwere Durian-Frucht - Delikatesse für Einheimische und Menschenaffen - nicht nur zu ernten, sondern sie viele Meter weit in das heimische Nest zu schleppen, wo der Kern, in den Kot dieses Nests eingelassen oder aus den Wipfeln abgeworfen, noch die Chance des Überlebens und der Fortpflanzung erhält. Stirbt der Orang-Utan aus, so fallen auch die Kerne der Durian unter die immer selben Bäume, und so wäre der legendäre Baum Südostasiens ohne den Pongo pygmaeus in dieser Region vom Aussterben bedroht.
 Ein ähnlich symbiotisches Verhältnis hat sich zwischen den Umsiedlern und der Holzindustrie gebildet. Einmal in die entstandenen Schneisen eingefallen, sengen und sicheln die Ansiedler Gestrüpp, Kleinholz und Macchie herunter, den Kahlschlag vollendend, der mittelfristig auch ihren eigenen Lebensraum zerstören wird." (S.212)
"Nur in Tangkiling, jenem Dorf, zu dem die Straße von Palangkaraya führt, da gibt es nichts, und nicht einmal die Straße findet einen anständigen Abschluss. Sie endet, ohne zu enden, sie verläuft sich einfach, als sei sie bloß zu erschöpft, weiterzumachen. Was sie versammeln konnte, das hat sie versammelt, nun ist sie müde wie der Boden.
 Dies ist allenfalls der Brückenkopf in den Dschungel, in das Nichts-als-Dschungel. Erst hier öffnet sich das mythische Land der Ureinwohner dieser Wildnis, der Waldmenschen, wie sie wörtlich heißen, der Orang-Utan, die heute gejagt und vertrieben, von Transmigranten eingekesselt oder als Haustiere missbraucht werden und die man früher einmal wie eine eigene Bevölkerung ehrte. Bei den Dayak, den Ureinwohnern Borneos, liegt ein Tabu auf dem Inzest und auf der Lächerlichmachung von Tieren. (S.218/19)
"Die Straße nach Palangkaraya lag wieder vor mir." (S.221)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Bombay

Bombay 
Das Orakel 
"[...] Der Junge, der mit un serem Auto lief, solange dieses Schrittgeschwindigkeit fuhr, palaverte in mehreren Sprachen in den Wagen hinein. [...] Dieser Großstadtkrieger wünschte nichts, als ein Gespräch aufrechtzuerhalten, zu reden, beantwortet zu werden, Fremde kennenzulernen. Wir hielten, ich stieg aus und setzte mich mit ihm in eine kleine Grünan lage an der Straße. Er hatte tätowierte Ohrläppchen und fragte mich:
 »Wieviel Milch gibt eure Kuh?«
 Ich wusste, so betrachtet, wenig über uns, und so saß der Junge tief hineingebeugt in das wenige, das er hörte und nicht komplett verstand. Wir sahen uns bewegungslos an, zwei Landschaften im Gespräch.
 »Ich bin ein Straßenkind«, sagte er, als sei dies sein Titel.
»Ja«, sagte ich. Was sonst?, dachte ich.
 »Ich habe Dinge gesehen, die ein Junge in meinem Alter nicht sehen sollte.«
 »Ja«, sagte ich. [...]" (S.182/83)
(Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Bombay)

14 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Timbuktu

Timbuktu 
Der Junge Indigo 
 "Da liegt es, das Land der Sahara mit seinen Schorfschichten in Gelb, Hellrosa, Blutrot, die Siedlungen gepfercht, umzingelt von irgendeiner Natur, die aus den schütteren Wäldern, den flachen Bergen, den dürren Ebenen Gefahren schicken könnte, der Niger breit und mürrisch, in einem opulenten Becken von kleinen Inseln besetzt, briefmarkengroße Felder darauf. [...] Ja, so trumpft sie auf, diese Übermacht an Landschaft, die nicht eigentlich schön, eher wie strapazierte Haut wirkt, wie ein interessant ab gearbeitetes Gesicht. 
Man wird hier keine moderne Physiognomie finden. Die Menschen haben die Züge vorzeitlicher Propheten oder Götzen, deren Augen hellgrau in einem wässrigen Hof liegen, und auch der Fluss ist nicht blau, nicht grün, sondern graugelb in seinem rissigen Uferstreifen aus Hornhaut. (S.161)
"Der Niger, ein Delta aus zahllosen Rinnsalen, Einzelläufen, Strömen, Kanälen und Seebecken wird immer neu zur Demarkationslinie zwischen Schwemmland und roter Wüste. Dann wieder schwindet sein Einfluss, und er trägt das Grün seiner Ufer allenfalls ein paar Meter weit ins Land. Orte wie Wüstenfriedhöfe liegen zu seinen Seiten." (S.162) "Doch hier, am legendären Ort, im Innern der Verwahrlosung, wird Indigo gewonnen. Als sei dieses Blau die Farbe des Blutes dieser Stadt, deren Menschen selbst blau häutig wirken. Warum fliehen sie nicht? Anderswo wäre Wasser, Versorgung, Unterstützung, Schutz. Doch bis man dahin gelangt wäre, müsste man durch die Wüste, die Hitze, das Massaker, den Überfall, man müsste sich als lebende Beute durch ein Inferno retten." (S.163)
"Timbuktu ist Sand, vor allem Sand, alles sinkt in Sand, ist aus Sand gemacht oder nimmt seine Farbe, selbst seinen Geruch an. Der Sand strahlt die Hitze ab, der Sand holt sich die Stadt, zu Sand soll sie werden. Das einzige, dem Verfall offenbar entzogene Objekt ist auf einer Fassade die bronzene Tafel mit der Aufschrift: »Hier lebte der Afrikaforscher Heinrich Barth. Dieses Haus besuchte im Jahre 1956 Präsident Heinrich Lübke.« Dies wird bleiben." (S.164/65)
" Sein Charme ist leise, aber unwiderstehlich. Er weiß nicht von sich, nicht von seiner Grazie, die noch betont wird, wenn er lachend den Wildwuchs seiner Zähne entblößt. Doch im nächsten Augenblick sitzt er da wie der antike Dorn-Auszieher mit den zerschundenen Beinen, dem Handgelenk mit der offenen, kaum angeheilten Lochwunde, mal in sich selbst versunken, mal ein Verhältnis suchend wie das des Zöglings zum Mentor, eine Geheimbeziehung, eine diskrete, von Unterwerfung und Achtung getragene Beziehung.
Seine Augen sind immer schon da. Wann immer ich schaue, hat er schon geschaut. Manchmal legt er sein Knabengesicht in die Falten eines Herrn und reibt sich die nackten Fußsohlen im Sitzen. Anders als andere bietet er keine Dienste an, fragt nicht nach unserer Herkunft, um wirbt nicht »Madame« und sucht auch keine Kenntnisse über unser Land, unseren Sport. Nur einmal zuckt er bedauernd die Achseln: Ja, die bettelnden Kinder seien lästig. Aber ohne sie abzuwerten, meint er das, eher mit Verständnis für mich, der sie anstrengend finden könnte." (S.179)
"Wir bewegen uns auf die Propellermaschine zu: das Rudel der tobenden Kinder rund um Anna, der Junge ernst und stumm an meiner Seite. Er schreitet routiniert barfuß über den Sand, dessen Hitze ich durch die Sohlen meiner Schuhe fühle, und lässt meine Hand nicht los. In meiner Linken habe ich einen Schein vorbereitet, einen großen, für ihn sehr großen Schein, die einzige Möglichkeit des Augenblicks, seinem Leben einen Effet zu geben, etwas zu bewirken, das bleibt. Ich gebe ihm die Hand zum Abschied, dann schiebe ich den Schein nach.
Er blickt mir seelenruhig in die Augen mit diesem cremigen Blick, der so ambitionslos kommt, als wolle er nur verweilen. Dann brechen seine Augen für einen Wimpernschlag aus, schnellen hinab auf die Hand, dann noch einmal hoch zu mir: Ob ich weiß, was ich tue? Ob ich mich geirrt haben und gleich alles rückgängig machen könnte?
Er lässt mich fahren, den Schein in der Faust, und läuft - nicht zurück, wo noch die Passagiere mit ihren Begleitern und Angehörigen nachdrängen, sondern voraus, an der Gangway vorbei, unter der Maschine hindurch, über die Landebahn, auf der anderen Seite die Böschung aufwärts und wieder abwärts in den Dünensand, er läuft und läuft, sieht sich keinmal um. Seine Sohlen klöppeln den Wüstensand, helle Wölkchen steigen unter jedem Tritt hoch, seine beiden jüngeren Vasallen sind ihm jetzt auf den Fersen, doch er dreht sich nicht um, er läuft, er läuft, er läuft.
Ich lasse Anna und die anderen Passagiere an mir vor bei die Gangway hochsteigen und blicke ihm weiter nach, bis er zuletzt nur noch ein Partikel in der Land schaft ist, der sich immer langsamer fortbewegt, über die Dünen, in die Senken. Erst als ich dann am Fenster sitze, die Maschine abhebt und Höhe gewinnt, kann ich erkennen, dass er ins Nichts läuft mit keinem Haus, keiner Hütte, keiner Siedlung als Ziel. In dieser ganzen Zone der Sahara ist nichts als diese Bewegung, die Bewegung einer Flucht ohne Fluchtpunkt, die von nichts angetrieben wird, als von der Möglichkeit zu fliehen." (S.180/181)

13 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Orvieto

Orvieto 
Die fixe Idee 
"Die Trattoria Giusti in der Via Giuseppe Giusti war die Küche vieler, die in den späten siebziger Jahren in Florenz studierten oder als Langzeitreisende in der Stadt gestrandet waren. Ich studierte am Kunsthistorischen Institut und verdiente mein Geld als Reiseleiter. Meine Freunde waren zwei weitere Studenten, ein Uffizien-Wärter, eine sienesische Apothekertochter und ein kanadisches Journalistenpärchen. In der Trattoria standen nur zwei lange Tische, und eine Speisekarte gab es nicht. Man nahm an einem der Tische Platz, saß oft unter Fremden oder mischte Freunde mit Fremden, wählte zwischen Fisch oder Huhn und überließ den Rest dem Wirt." (S.472)
"Eine der jungen Frauen, die wie wir zwischen die Linien der beiden feindlichen Fronten geraten war, fiel unmittelbar vor unseren Füßen in Ohnmacht. Wir er griffen sie rechtzeitig, stellten sie hinter uns aufrecht an der Wand ab und warteten, bis die Kämpfenden an uns vorbeigezogen waren. Das Gewühl verlief sich, das Mädchen erwachte, und auf beiden Seiten eingehakt, ließ sie sich zu einem Cafe in einer Seitenstraße bugsieren.
 Bernadette war als amerikanisches Au-pair nach Rom gekommen, auf der Suche nach etwas Künstlerischem. Gefunden hatte sie die Liebe, verloren hatte sie sie auch. In ihren Erzählungen gab diese Liebe nur noch schwache Aromastoffe ab, und indem sie ihre langen braunen Locken in Bahnen zwischen den Fingern striegelte und mit ihren Augen unsere Augen festhielt, war ihr selbst klar, dass das Leben wieder in eine Romanze einbiegen sollte, einen Coup de foudre, eine Verrücktheit, wie sie nach einer Straßenschlacht im sommerlichen Siena, an der Seite zweier Fremder, geradezu auf der Hand lag.
 Als die Nacht herunterkam, hatte Bernadette keinen Schritt getan, bei dem sie nicht von uns zu beiden Seiten untergehakt gewesen wäre. Sie hatte uns paritätisch geküsst, und kaum verschwand einer auch nur kurz in einem Laden oder auf der Toilette, gab sie dem anderen einen Kuss so heftig und nass, dass er sich auserwählt fühlen musste. Ja, ihre Küsse waren verschwenderisch und maßlos, sie stürzte sich mit einem Kopfsprung in je den einzelnen von ihnen und legte einem dabei noch die nackte Armbeuge um den Nacken, damit der Kopf ja nicht ausweichen und sie alles noch besser genießen konnte. Wenn sie einen Kuss abgeschlossen hatte, warf sie den Kopf in den Nacken und lachte guttural, was ein bisschen irr, ein bisschen schmutzig, ein bisschen stolz klang, und manchmal wischte sie sich selbst mit dem Handrücken die Lippen ab. Sie wollte uns verrückt machen, beide, und wir sollten fühlen, wie an diesen Küssen noch dieser Mädchenkörper hing, der sich schmiegte, während die Zungen sich im Rachenraum umeinander wälzten.
 Kurz vor Mitternacht hatte sich die Geschichte so weit entwickelt, dass an Trennung nicht mehr zu denken war. Bernadette machte jetzt kein Hehl daraus, dass sie am liebsten unzertrennlich geblieben wäre. Wir sollten uns eine Wiese außerhalb der Stadt suchen und dort gemein sam die Nacht verbringen. Als wir zögerten, lief sie ein paar Schritte voraus, hob ihr T-Shirt fast auf Höhe ihrer Brüste, beugte sich vor und fragte:
 »Na, wer will mich?«
Männer mögen und fürchten solche Frauen, und ein wenig verachten sie sie auch. Aus Bernadette aber strahlte das Versprechen der Sommernacht heraus, und es war Verlangen genug in ihr für zwei. Peter war der Hund, der, zu allem bereit, mit den geöffneten Armen eines Jesus mir die Entscheidung überließ. Ich aber war der Feige, der mit einem »Macht ihr nur!« den Rückzug antrat und in Bernadettes Blick zweierlei erkennen konnte: ein Bedauern über den Verzicht und eine in Freundlichkeit aufgelöste Verachtung über den schamhaften Mann, der vielleicht auch nur die Konkurrenz scheute.
 Unser Abschied fiel deshalb von ihrer Seite so mütterlich aus, dass es fast verletzend war. Peter gab noch rasch den loyalen Freund, der immer noch bereit sei zu verzichten, schließlich gebe es Wichtigeres. Aber da waren wir schon verabredet für zwölf Uhr mittags am nächsten Tag vor dem Dom von Orvieto [OrvietoSignorelli (S.490ff.)], und seine Begierde war jetzt schamlos und direkt. Ich bog zum Bahnhof ab. Als ich mich zum letzten Mal nach den beiden umsah, griff Peters Hand in ihren Hintern, als wolle er sagen: So macht man das, und sie warf im Gehen den Kopf in den Nacken und lachte den Nachthimmel an.(S.479/81)

 "Jahre später erhielt ich einen Luftpostbrief aus den USA. Meine Adresse war so angestrengt in Druckbuchstaben auf das Kuvert gemalt worden, wie Kinder es tun, die den Stift in der Faust führen. Im Innern befand sich allein Signorellis Teufel mit den breiten Schwingen, der eine nackte langhaarige Frau über die ringende Menge hinweg ins Höllenfeuer fliegt. Der Krakel darunter las sich: »Saturn passing«. Der rettende Engel in der Rüstung zur Rechten war nicht mit im Bild." (S.501)

Roger Willemsen:Die Enden der Welt - Kinshasa

"Ich war für einen Musiker in die Demokratische Republik Kongo, das ehemalige Zaire, gereist. Den wichtigsten Musiker des Landes wollte ich filmisch porträtieren, den Vater der urbanen, kosmopolitischen Jugend, die nachts auch in den Clubs von Kinshasa zu seiner Musik tanzt und davon träumt, wie er eines Tages nur noch aus dem Pariser Exil anzureisen: Papa Wemba, weniger als ein Leidensgefährte, mehr als ein Tourist, der Miterfinder des »Soukous«, jener panafrikanischen, auch »Rumba-Rock« genannten Musik, die in den siebziger Jahren von Kinshasa aus den ganzen Kontinent eroberte die musikalische Sprache für das Selbstbewusstsein einer Jugend, die heute, ein paar Kriege weiter, keines mehr hat, nur noch die Musik." (S.440)
"Er, der ungeliebte, angeschlagene Präsident droht im Straßenbild von hohen Transparenten herab. Doch so ab wesend der Krieg in Kinshasa auch wirkt, so präsent ist die Gewalt des kriegführenden Präsidenten. Sieben Menschen sollen von seinen Leuten allein deshalb erschossen worden sein, weil sie seiner Autokolonne nicht schnell genug die Straßenkreuzung räumten. Die Angst vor seiner Willkür sitzt tief. Wir begreifen zunächst: Der Krieg liebt keine westlichen Augenzeugen, keine Rechercheure von Massakern. Aber sind wir hier nicht im Dienst der Musik?
Erst später werden wir auch das Zweite begreifen: die langsame Umkehr des Rassismus. Man verachtet die Weißen, schikaniert sie, unterwirft sie immer neuen Autoritäten, lässt an der Grenze ihre Pässe zu Boden fallen, danach sind sie stundenlang verschwunden oder nur mit Geld wie der auszulösen. Wer als Weißer unter diesen Umständen trotzdem noch im Land ist, hat oft altruistische Gründe und nicht selten sogar ein gewisses Verständnis für solche Formen später Revanche. Doch selbst dies mühsam erworbene und gegen die Ressentiments verteidigte Verständnis findet man hier zum Kotzen.
Papa Wemba dagegen wird geliebt. In seinen Gesprächen mit Freunden, lokalen Musikern oder Anhängern kommt der Krieg nicht vor und der Präsident auch nicht. Stattdessen fährt Wemba in der tiefgekühlten Mercedes-Limousine durch die Stadt, telefoniert dabei mit Paris, lässt sich Obst und Zeitungen in den Wagen reichen, hört pausenlos die eigenen Alben, und manchmal winkt er auch in die nie abreißende Menge der Enthusiasten an der Straße, die vor Begeisterung fast seinen Wagen demolieren.
 »Das sollten Sie filmen«, sagt er. Sofort!
Von jetzt an filmen wir stundenlang seine Triumphfahrten durch die Außenbezirke von Kinshasa, geschützt von seinem Ruhm. Jetzt winkt er auch häufiger.
Widerspricht die Musik dem Krieg oder ist sie eine zweite Welt? Ist sie das Kontinuierliche in der Geschichte des Landes, oder bricht ihr Stammbaum jetzt ab? Spricht sie von den Opfern, den Armen, oder will sie nur von ihnen gekauft werden?
 »Die Armen soll man in Frieden lassen«, sagt Papa Wemba.
 Die Wahrheit ist, dass sie natürlich keinen Frieden haben, sondern den Krieg bezahlen. Ja, das bekümmere ihn auch, sagt er und bürstet sich ein paar Flusen von den großblumigen Mustern seines Bubus. 
»Ich bin zwar Künstler, aber ich rede durchaus über Politik«, fügt er hinzu. Doch als ich es genauer wissen will, ergänzt er: »Eine politische Position werde ich allerdings nicht beziehen.«" (S.447/48)
"Im zehnten Stock des Ministeriums, hat man uns gesagt, werden wir unser Dokument bekommen, das al les entscheidende Dokument, ohne das unsere Kamera arbeit ein Verbrechen ist. Jeden Tag gehe ich nun ins Ministerium auf der Suche nach dem Verantwortlichen und seiner Unterschrift. Vor dem Fahrstuhl im Parterre schleppt ein Arbeiter auf seinem Rücken immer neue Zementsäcke heran.
 »Sie bauen?«, frage ich ihn, als der sechste Sack donnernd auf dem Stapel gelandet ist.
 Er lacht, beugt sich mit verschwörerischer Miene hinunter und öffnet einen Riss in der Verpackung mit zwei Fingern. 
»Nein«, antwortet er, »es ist nur Geld«, und sein Finger krault die Spitzen der Banknoten. »Alles in Cent?«
 »Ich bringe die Gehälter der Angestellten, ja, sie sind zahlbar in Cent.«
 Das Geld reist mit im Aufzug. Aber auf jedem Stockwerk öffnen sich die Türen ins Dunkel. Menschen steigen aus und verschwinden in völliger Finsternis, das Geld geht denselben Weg. Von Büro zu Büro werden die Bündel mit der Waage abgemessen - angesichts der Inflation die einfachste Zahlungsform.
 »Sie verdienen ein Pfund?«
 »So etwa.«" (S.452/53)
"Ein paar Jahre später hat die Politik beide eingeholt: Kabila wird von seinen Anhängern, seiner Palastwache, dem Sicherheitsdienst, möglicherweise Teilen seiner Familie in seinen Räumlichkeiten hingerichtet. Eine zuverlässige Darstellung der Umstände steht aus, der Sohn Joseph Kabila kommt an die Macht.
 Papa Wembas musikalische Laufbahn explodiert nicht. In Interviews bietet er sich zwar als politische Kraft der Integration an, doch ist die Zeit über seine Stimme hin weggegangen. In Paris wird er stattdessen inhaftiert, als bekannt wird, dass er Landsleuten für viel Geld die illegale Einreise nach Frankreich ermöglicht haben und einen ganzen Schleuserring unterhalten haben soll.
 Als wir aber an jenem Herbstnachmittag Kinshasa verlassen, sind der Präsident und der Popstar noch auf ihren Positionen. Nie habe ich ein Land so gerne verlassen wie dieses, [...]" (S.456)
(Roger Willemsen: Die Enden der Welt)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Minsk

Minsk 
Der Fremde im Bett 

"Der Flughafen von Minsk sieht aus, als sei er aus einem Haufen von Dunstabzugshauben zusammengeschweißt. Vor seinen Toren protzt die Monumentalarchitektur Weißrusslands, und wie im alten Sowjetreich gibt es noch immer diese imaginären Geländer. Man muss ge leitet, geführt, Befehle müssen erwartet und befolgt wer den, Verbote müssen sich aufrichten." (S.103)
Minsk wurde nach der Zerstörung durch deutsche Bomben im 2. Weltkrieg  ab 1958 historisch getreu wieder aufgebaut; aber die Architektur wirkt im Sozialismus nicht glaubwürdig 'hochherschaftlich'."
"Minsk liegt an einem Fluss, einem Verkehrsfluss, der achtspurig die Stadt teilt, über sechzehn Kilometer." (S.109)
"Überall unterbindet die Stadtplanung Ensemblebildung, nur die Wohnsilos am Stadtrand ballen sich." (S,111)
Willemsen geht in ein Krankenhaus, ohne beachtet zu werden. Schließlich geht er in ein Krankenzimmer, in dem, einem Zweibettzimmer, nur ein einzelner Sterbender liegt. Er setzt sich zu ihm und macht sich seine Gedanken. 
"Erst als ich schon wieder auf der großen Straße war, fielen mir die beiden Gurken ein, die ich auf der Kante dieses Sterbebetts vergessen hatte." (S.117)

Im Kapitel "Minsk" ist vielleicht am stärksten aus geprägt, was sich durch die ersten Kapitel hindurch zieht. Willemsen wirkt wie ausgesetzt. Ich bin froh, dass ich es nicht wie er an einem Orte aushalten muss, der so wenig Anziehendes bietet. Wo die Natur einmal unüberhörbar spricht, stören ihn die Menschen, die dort auftauchen. Am wenigsten stört ihn in Minsk der Sterbende, der sich betrachten lässt, ohne ihn wahrzunehmen.

Natürlich trifft diese Charakterisierung nicht jedes Kapitel. Gerade in Tonga, wo er die "Klaustrophobie der Weite" und sich "eingepfercht in dieser Weite" fühlt, beweist er bemerkenswerte Einfühlung in das völlig Fremde. Und in Kinshasa ist sein Überleben so offenkundig von der Willkür des Übergangspräsidenten Kabila und der Aura von Papa Wemba abhängig, dass er nicht umhin kann, ihre Rolle in diesem Lande genau in den Blick zu nehmen. 

Beim "Opiumessen" und in Orvieto (Signorelli [S.490ff.], Bernadette [479ff.]) wollte ich zwar auch nicht dabei sein. Dort kommt er mir aber als Experimentierender Erfahrungssucher in seinem Element  vor.

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - God's Window (Südafrika)

God's Window 
Letzter Vorhang 
"[...] Irgendwo vor Kapstadt weicht Afrika zurück und wird Allerweltsland, adrett und appetitlich, mit Straßenkeh rern und Weinfarmen, Freizeitvergnügen und Golfplät zen. Aus diesem Schweizer Ambiente erhebt sich Kap stadt mit seinen »Served Apartments« und »Guarded Communities« [...]. Von Kapstadt aus betrachtet, liegt Afrika so fern wie Indien. » (S.86)  [...] Pilates-Turnerinnen rumpfbeugen sich auf der Wiese [...] Die Weißen kultivieren jetzt defensives Sonnenba den, so geschützt wie dosiert. Die Sonne ist feindlicher und der Mensch pragmatischer geworden [...] Auf älteren Fotos dagegen räkeln sich die Menschen noch einladend ins Licht, ja, ihre Hingabe hat etwas so Obszönes, als wollten sie von der Sonne regelrecht »ge nommen« werden. So lustvoll war das in den alten Zei ten des Sonnenbadens. Dieses Beinespreizen, Alle-Viere von-sich-strecken, diese Willenlosigkeit! Junge Menschen drücken vor der Sonne noch immer Bereitwilligkeit aus, einen verschwenderischen Umgang mit ihrer Nacktheit, die Alten dagegen kauern sich heute nur noch gebückt und vom Licht abgewandt. (S.87)
[Willemsen versucht, das Kap zu erreichen, aber das Gatter ist verschlossen.]
Am Ende blieb dies Ende der Welt geschlossen. Doch von einem günstigen Blickpunkt aus, von einer Biegung der Straße Richtung Westen, sahen wir die ominöse Kuppe liegen. Sie hatte nichts von dem Kontinent, der hier auslief, nein, sie war eine Irgendwie-Kuppe auf einem Irgendwo-Hügel, eine einzige Verweigerung, Bel vedere und Bellavista, Land's End und Finistere zu sein. So ersparten wir uns die Verlegenheit der Touristen vor der Aussicht. (S.94)
W. über das Kennzeichen einer eindrucksvolle Aussicht: "der Besucher verlangsamt, hält inne und ernährt sich vom Blick. Die Aussicht sagt ihm, dass er die richtige Höhe, den passenden Einfallswinkel gefunden hat, und dass »der große Derdiedas« seine Hand eben erst aus der Natur gezogen hat. Sein Atem geht noch darüber. Eine Aussicht ist immer dann schön, wenn der Betrachter vor ihr klein wird. Dann ist sie erhaben, denn er selbst ist bloß eine Bagatelle." (S.95)
"An den offensichtlichen Enden der Welt liegt oft Niemandsland, besetzt mit Buden. [...] »Ich bringe dich an einen Ort, wo die Welt wirklich zu Ende ist«, sagt Pierre. »Er heißt God's Window [...]" (S.96) 
"»God's Window« ist ein Balkon über einer rasant abfallenden Schlucht, etwa tausend Meter tief, geformt aus glänzenden Felswänden, von Flechten und Ranken bewachsen, vom fallenden Quellwasser bespült, von zirpenden Grillen und schreienden Vögeln beschallt. Eine Schlucht, deren Flanken aufeinander zu streben, als wolle sich ein felsiger Vorhang schließen über dem Blick in die Tiefe, über die Wälder und Ströme, über den Weitblick nach Mosambik." (S.98)
" Ja, hier spielt das Drama einer Landschaft, der der Mensch bloß zugestoßen ist." (S.99)

16 Juli 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Der Himalaya - Island

Der Himalaya
Im Nebel des Prithvi Highway

"Und schließlich existiert in diesen Höhen selbst das rätselhafte Cordyceps sinensis, ein Wesen, das sechs Monate Insekt, sechs Monate Pflanze ist, und das, als Starkmacher im Schoßbereich gerühmt, erst ab 4500 Metern über dem Meeresspiegel gefunden und später teuer bezahlt wird." (S.67/68)

Chinesischer Raupenpilz (Ophiocordyceps sinensis) [...] "ist ein Schlauchpilz (Ascomycota) aus der Gruppe der Kernkeulen, der Raupen befällt. Er ist im Hochland von Tibet endemisch. Der Pilz spielt in der traditionellen chinesischen Medizin eine Rolle und ist ein begehrter Heilpilz. [...] Er wächst in Höhenlagen zwischen 3000 m und 5000 m.[4] Lokal tritt er in einem Bereich von 500 Höhenmetern um die Baumgrenze auf. [...] Die infizierten Raupen überdauern den Winter im Boden, wobei sie sich weniger tief befinden als unbefallene Tiere.[2] Im Frühjahr tritt der Fruchtkörper aus dem Kopf der Raupe über die Erdoberfläche. Während der Entwicklung des Pilzes wird das Substrat zunehmend zersetzt, bis nur noch die weiche Außenhülle übrig bleibt, die mit dem Myzel des Pilzes gefüllt ist.
Die Fruchtkörper erscheinen im Frühjahr ab Mai, an den Osthängen auch schon ab Mitte April. Die Fruktifikation dauert bis Mitte Juni, in höheren Lagen bis Mitte Juli. In einigen Regionen kann der Pilz in verschiedenen Höhenlagen fast zwei Monate lang angetroffen werden. [... Er] wird wahrscheinlich schon seit mindestens 1.000 Jahren gesammelt und genutzt. [...] Der tibetische Name, Jartsa Gunbu (in anglisierter Form auch Yartsa Gunbu“), bedeutet wörtlich „Sommergras-Winterwurm“. Sein chinesischer Name dong chong xia cao ist eine (umgekehrt) wörtliche Übersetzung des tibetischen Namens; es bedeutet wörtlich „Winterwurm-Sommergras“. Seinen Artnamen sinensis erhielt der Chinesische Raupenpilz von Miles Joseph Berkeley, weil er von Europäern zuerst auf chinesischen Märkten gefunden wurde.[...] Jedes Jahr werden Hunderte von Millionen Exemplare des Chinesischen Raupenpilzes in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet gesammelt. Genaue Daten über gesammelte Mengen fehlen für viele Gebiete; Schätzungen gehen von insgesamt 140 bis 150 Tonnen pro Jahr aus.[11] Die Sammler sind Hirten und Bauern sowie vereinzelt auch Stadtbewohner,[3] die während der Sammelsaison im Verbreitungsgebiet des Pilzes kampieren. Größere Lager befinden sich meist an Straßen und sind oft mit Geschäften für Lebensmittel, Restaurants und Unterhaltungsmöglichkeiten wie Billardtischen ausgestattet.[12]Oft werden die Pilze direkt aus den Camps verkauft. [...]
In der traditionellen chinesischen und tibetischen Medizin wird der Chinesische Raupenpilz als kräftigend und aphrodisierend gesehen.[7] Nach dem Erfolg Chinas bei den Olympischen Sommerspielen 1992 gaben die chinesischen Athleten an, zuvor den Chinesischen Raupenpilz eingenommen zu haben.[20] Er dient auch gegen Lungen-, Leber- und Nieren- und Herz-Kreislauf-Beschwerden sowie Rückenschmerzen.[21][7]
Forschungen weisen darauf hin, dass der Pilz gegen Tumore, darunter auch Krebs, und Viren wirkt.[7] Daneben wurden immun- und cholesterinregulierendeantioxidante Effekte sowie ein Anstieg der Ausdauer und der Libido beobachtet.[7]" (Wikipedia)

Die Greisin ist ihr Leben lang nicht um eine bestimmte Kurve gegangen; denn sie hat geträumt, ihr würde dort Unglück drohen.  Der Erzähler geht mit ihr zu der Kurve hin, strahlend geht sie mit. Am Scheitelpunkt bleibt sie stehen und lacht: "Du glaubst doch nicht, ich habe ein Leben lang auf dieser Seite der Kurve zugebracht, um jetzt mal eben so auf die andere Seite zu gehen!" (S.72)  
Lachend geht sie mit ihm zurück.

Über Roger Willemsen

Isaßördur - Der blinde Fleck
Nachts schlagen nur noch die Leinen gegen die Fahnenmasten. Das war der Anfang: Ein Geräusch im Kopf, eine korrespondierende Stimmung. Von dem Wunsch beflügelt, das zu hören, bin ich losgereist. Meine Sehenswürdigkeit war ein Geräusch, aufgelöst in einem Wind mit Schneegeschmack. Dazu die Empfindung für das Unliebliche, für das klamme Gefühl, das nasse Böen an den Körper tragen. Auch der Sommer Islands ist noch überlagert vom langen Winter, von den Anforderungen eines beharrlichen Zeitvertreibs im Vor-sich-hin-Dämmern. Die Gemütszustände wirken angetaut, aber außerhalb Reykjaviks wird man nicht so schnell hysterisch, bloß weil die Sonne mehr Kraft gewinnt. Jenseits der Hauptstadt erhält sich die Einsamkeit der Lebensformen in einsamer Landschaft. Kontemplative Gegenden sind dies, die zum Verschwinden einladen, geformt auch vom Recht, das man der Natur gegenüber der Zivilisation einräumt, ihrem Geist, ihren Geistern. Isländische Dörfer sitzen darin wie manche Mikroorganismen, die kurz blühen, lange dämmern. Ich wohnte am Stadtrand von Reykjavik und hörte die / Leinen nicht an den Fahnenstangen knattern. Unter den Leuten hörte ich, wie Worte verflatterten in Assoziationsräumen. Unter den Vokabeln fand ich so wenige Importe wie unter den Waren, auch wenn in den Antiquariaten die gerahmten Porträts der NS-Größen an den Wänden hingen und die braunen Bibliotheken alter Nazis ganze Regale füllten. Hierher, ins Land der altisländischen »Edda« waren viele von ihnen ehemals geflohen. Manchmal entdeckte ich verschrobene Arten des Amüsements, nie gesehene Brettspiele zum Beispiel oder stumme Kinder-Scharaden. Ich beobachtete ein Land mit kaum einer Million Einwohner, aber mit einer Fachzeitschrift für die nationalen Showbelange, ein Land, das seine Individualität ins Wunderliche rettete und einmal von einer Präsidentin regiert wurde, die ihren Dienst mit dem Satz antrat: »The hand that rocks the cradle can rock the System.« Ich erlebte Menschen, noch unabgeschliffen von gesellschaftlichen Basiskonventionen: [...]" (S.77/78)