16 März 2024

Helmut Gollwitzer: und führen, wohin du nicht willst (2. Teil)

 Erster Teil der Buchvorstellung in diesem Blog

Zitate und Zusammenfassungen 2. Teil

Das letzte Jahr (S.245-342)
Gollwitzer wird 1949 einem Transport zugeordnet, von dem r schon aus der Zusammensetzung entnehmen kann, dass er kein Transport in die Heimat sein wird.
29.3.1949
"Die 'Hölle von Asbest' hatte bei den Gefangenen in der Sowjetunion, wie schon der Name sagt, keinen guten Ruf; ich hatte früher schon von dem dortigen Massensterben in den Hungerjahren gehört. Was wir aber jetzt darüber vernahmen, war ermutigend: Es sei jetzt alles sehr in Ordnung, gute Verdienstmöglichkeiten, bessere Arbeit als die Bergwerksarbeit, mit der die anderen Lager der Umgebung beschäftigt waren, saubere Baracken mit viel Einzelräumen, viel Konzerte und Theater der guten Kulturgruppe. Aber immerhin, es sei eben Regimelager – und das sei natürlich schlecht für den, der dort hinkommt. Warum? Weil seine Heimfahrtaussichten sehr viel geringer sind als die in einem normalen Lager. Regimelager sind zwar nicht eigentliche Straflager, unterscheiden sich aber von den übrigen Lagern dadurch, dass diejenigen, die dort sind, alle mit einem besonderen, und zwar negativen Grund hinkommen; dort werden die gesammelt, gegen die die MWD irgendetwas auf dem Herzen hat [Eine mich sehr beeindruckende Formulierung. Das Innenministerium der UdSSR zur Zeit Stalins bekommt darin etwas - ironisch - rührend Menschliches] [...] So fand man dort vor allem die Angehörigen der SS-Divisionen, die als besonders nazistisch (übrigens zu Unrecht) verdächtigen Divisionen 'Großdeutschland', 'Feldherrnhalle', 'Brandenburg', aber auch namenloser Panzer- und Infanteriedivisionen, die bei den Russen aus irgendeinem Grunde einen schlechten Ruf hatten." (S. 255)

Das Lager Asbest hatte "den ausgezeichneten deutschen Lagerführer, einen Metzger aus der Magdeburger Gegend, der durch seinen mannhaftes Auftreten und seine unbestechliche Gerechtigkeit und Fürsorge sich bei Deutschen und Russen ungeteilte Achtung erwarb und dem viele Leben und Gesundheit verdanken), Verpflegung und Verdienst waren in den Regimelagern nicht schlechter als anderswo auch." (S. 256)
Inzwischen sind neue Regeln eingeführt worden und im Prinzip sollen die Gefangenen, wenn sie die Mindestnorm übertreffen, ihren Verdienst in Rubeln ausbezahlt bekommen.
"So stand die Regelung auf dem Papier, in der Praxis ging die Sache freilich nicht so glatt. Immerhin kam damit Geld in die Lager, und der Hunger nahm ab. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht seit jener Währungsreform der gesamte Lebensstandard der sowjetischen Bevölkerung sich merklich gehoben hätte. Zwar waren alle Waren, die nicht zum Notwendigsten gehören, unerschwinglich teuer geworden, die einfachsten Nahrungsmittel aber, vor allem das Brot, waren nun billig zu haben. Der Rubel hatte jetzt etwa die Kaufkraft von 0,10 Reichsmark im Jahre 1938. Ein Kilo schwarzes, nasses Brot kostete jetzt 3 Rubel, Ein Pfund Margarine 9 Rubel – wer von uns nun 70-100 Rubel im Monat ausbezahlt bekam, konnte so viel zusetzen, dass sein Körper bei der Arbeit wenigstens nicht mehr abbaute, was freilich der Fall war, solange man auf die immer noch kärgliche Norm-Verpflegung angewiesen blieb." (S.257)
"Wichtiger aber war, dass am zweiten Abend in Asbest einer von den alten Lagerinsassen zu mir kam und mich fragte, ob es zutreffe, dass ich Pastor sei. Als ich bejahte, setzte er sich zu mir mit allen Zeichen der Freude, und lud mich ein, ich möchte doch zu dem kleinen Bibelkreise kommen, in dem sie sich hier wöchentlich zusammenfänden. [...] 
Bei Landsleuten im irdischen Sinne kann er dann freilich immer noch große Enttäuschung erleben; aber das Landsleute solcher Art wie ich sie hier fand, bei aller Menschlichkeit nur Geschenk und Hilfe sein würden, das war mir unzweifelhaft; wer sich hier um die Bibel scharte, der war mein Landsmann noch in einem höheren Sinne und stand in der gleichen Art zu leben und gerade das hiesige Leben zu leben wie ich." (S.261)
"Wir waren nun innerhalb des Regimelagers der so genannte 'Regimezug', der Zug der besonders schweren Verbrecher, und konnten daraus entnehmen, was in den Papieren, die uns von Moskau hierher begleitet hatten wohl gestanden haben mochte." (S.262)
"Sie aber reduzierten sich, wenn ich als Laie den soziologischen Anschauungsunterricht, den uns das Lagerleben gab, recht verstanden habe, auf die beiden Fragen, wieviel Kapital vorhanden ist und wie dieses Kapital geleitet wird. Kapital entsteht natürlich nur als Produktionsleistung. Sie ist also wohl die Voraussetzung, mit ihr ist aber noch nichts entschieden. Es fragt sich, wieviel Kapital zum Lebensverbrauch ausgeschüttet wird. Solange die Lagerleitung aus unserem Verdienst nur wenig Geld für die geringen Mengen von zusätzlichem Essen zur Verfügung stellte, handelte sie wie die sowjetische Regierung, die den größten Teil des entstehenden Kapitals in Neuinvestitionen zum Aufbau der Rüstungsindustrie steckt; [...]" (S.263/264)
Ein Kamerad mit volkswirtschaftlichen Kenntnissen erläuterte G.:" [...] Wenn das Geld reicht, dann erst kann sich die soziale Moral beim Unternehmer durchsetzen. Seit die Brigaden in der Karriere [Produktion von Asbest] sich Butter aufs Brot streichen und Pralinen kaufen, habt ihr anderen auch mehr Suppe und mehr trockenes Brot. So ist es überall auf der Welt!" Mir gaben diese Beobachtungen Veranlassung, gegen meinen gewohnten Antikapitalismus kritisch zu werden. Die Frage, warum die englische Arbeiterbewegung einen so anderen Kurs einschlug, als Max in ihrer Frühzeit sich von ihr erhofft hatte, und warum heute die kommunistische Demagogie entgegen Marx' Vorhersage nicht in den hochkapitalistischen Ländern, sondern in den Ländern mit unterentwickeltem Kapitalismus die Massen gewinnt, beantwortet sich mir nun auf eine mir unerwartete Weise:. Die soziale Frage in ihrer materiellen Form, gestellt durch die Verelendung großer Massen, entsteht nicht durch den Kapitalismus, das heißt durch die privatwirtschaftlich organisierte industrielle Produktion an sich, sondern durch den unentwickelten Kapitalismus, und sie wird lösbar nicht durch den revolutionären Sturz des Kapitalismus, sondern durch seine Weiterentwicklung und Demokratisierung. Der hochentwickelte Kapitalismus, in dem zugleich die Organisationen der Massen auf die besitzende Schicht drücken, beseitigt das Elend, das er in seiner unentwickelten Form produzierte, [...]" (S.265)
"Meine sozialistischen Freunde mögen mir den Vergleich, der sich mir dort aufdrängte, verzeihen, aber ich konnte mich ihm nicht entziehen: War die Gesellschaft eines solchen Kriegsgefangenenlagers nicht das Muster einer sozialistischen Gesellschaft im kleinen? Es gab keinen Privatbesitz an Produktionsmitteln. Was jeder besaß, war das, was ihm nach Abzug der für das Gemeinwesen nötigen Summen zum privaten Verbrauch von seinem Verdienst ausgehändigt wurde. Es gab keine Arbeitslosigkeit, kein arbeitsloses Einkommen, kein Recht zur Faulheit. Es herrschte vollkommene soziale Sicherheit: Wir mussten uns nicht um Arbeit und Verdienst, nicht um ärztliche Betreuung und um unsere Existenz im Falle der Invalidität sorgen. Alles, was uns zustand, war gesetzlich festgelegt, und wir lebten davon, dass das uns Zustehende uns zugeteilt wurde. Die Gefahren, in die der einzelne gerät, wo er auf sich selbst gestellt den Kampf ums Dasein bestehen muss wie in der bürgerlichen Gesellschaft, waren alle beseitigt. Es war allseitig für uns gesorgt – und wir können für unseren Vergleich einmal davon absehen, dass das immer noch kärglich genug war. [...]      Es trat nicht ein die Aufhebung der Abhängigkeit des Menschen von der Macht anderer Menschen, das Verschwinden der Klassenschichtung und die Entstehung eines neuen Gemeinschaftsethos. An die Stelle der Macht einzelner Men/schen  war nicht die Macht des Gesetzes getreten, sondern immer noch stand es sehr in der Macht einzelner, wo ich zur Arbeit eingesetzt wurde, wie mein Verdienst verrechnet wurde, ob ich nach oben kam oder unten blieb. Und keineswegs war der Arbeitende und gerade der schwer Arbeitenden auf der obersten Stufe des sozialen Leiter, sondern oben stand der Funktionär, der Aufsichtsführende, der Bürokrat." (S.266/67)
"[...] ich wurde die Frage nicht mehr los, ob das alles (und es wäre noch mehr zu nennen, vor allem die dadurch entstandene Unfähigkeit, für sein Leben und Werk selbst verantwortlich zu denken, die heimliche Interessenlosigkeit an der Arbeit, weil bei ihr nicht meine eigene Existenz auf dem Spiel steht, der fehlende Antrieb zur eigenen Gestaltung des Lebens, das fraglose Handeln nach Vorschrift, kurz die Charakterzüge des 'Lagermenschen') nicht zur unvermeidlichen Eigenart einer sozialistisch geregelten Gesellschaft gehört." (S.267)

In der Freiheit ist G. dann zu einer anderen Position gelangt: 
Wikipedia: "Als Professor an der Freien Universität Berlin war er ein enger Freund und Wegbegleiter von Rudi Dutschke. [...] Er engagierte sich für die 68er-Studentenbewegung, war befreundet mit Rudi Dutschke und Seelsorger von Ulrike Meinhof, setzte sich auch als Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IDK) gegen Vietnamkrieg und Wettrüsten ein. [...] 1980 wurde er ehrenamtlicher Bewährungshelfer für den aus der Haft entlassenen Horst Mahler [Dessen Hinwendung zum Rechtsextremismus erfolgte erst fünf Jahre nach Gollwitzer Tod...].Hier kommt Gollwitzers eigenständiger Sozialismus ins Spiel: Der verheißenen Zukunft Gottes entspricht in der Gegenwart ein Standort des Christen, der die gegebene Wirtschafts- und Sozialordnung kritisch „unterhöhlt“, sie in Richtung gerechterer, sozialerer Verhältnisse umstürzt und verändert, da sie den Armen hier und jetzt keine Zukunft bieten kann. Damit folgt der Christ unter den heutigen Bedingungen Jesus selber nach, der diesen Kampf für die „Befreiung zur Solidarität“ (Buchtitel Gollwitzers) mit den Armen unter damaligen Bedingungen führte und vorlebte. Die Freiheit, die uns Gottes Gnade schenkt, besteht nicht im Festhalten von Privilegien, sondern im Dienst an und im Teilen mit den Armen. [...] Seit etwa 1970 war Gollwitzer bekannt für die klare und in der deutschen evangelischen Theologie fast nur von ihm vertretene These: „Sozialisten können Christen, Christen müssen Sozialisten sein“ (zitiert nach Adolf Grimme).
"Was für Manipulationen, Bestechungen und Berechnungen nötig sind, um einer Brigade an einer schlechten Baustelle, bei der jeder einzelne wegen der hohen Normen, der schlechten Löhne, die die Firma zahlte (denn auch hier gab es große Unterschiede und keineswegs einen einheitlichen Tarif), und der schlechten Arbeitsbedingungen keine Aussicht hat, über die dem Lager zufallenden 450 Rubel hinaus zu verdienen, dennoch einen Verdienst zu ermöglichen, Der für jeden ihrer Angehörigen noch 100 Rubel abfallen lässt, das zu schildern würde zu weit führen – genug dass es gelang." (S.269)

Vom Leben des Sowjetmenschen (S.273ff.)
"Wir denken von nicht gegebenen Voraussetzungen her, wenn wir bei dem Funktionär eines totalitären Regimes die Frage nach der Echtheit seine Überzeugung stellen. Sie setzt die Möglichkeit freier Entscheidung und selbstständiger Meinungsbildung voraus, die er nie hatte. Seine Entscheidung für den Kommunismus ist eben so frei und echt, wie unsere Entscheidung, nicht vor einen fahrenden D-Zug zu springen: wenn er leben will, hat er keine andere Wahl. Nur wenn er innerlich dem Christentum begegnet, gewinnt er überhaupt erst die Freiheit der Entscheidung und solche Fälle kommen immer wieder vor, weniger sicher bei höheren Funktionieren als bei einfachen Partei- und Komsomol-Mitgliedern." (S. 289)
Es wäre interessant, wenn man den Gollwitzer mit seinem damaligen Reflexionsstand über die Möglichkeit von Untertanen des Putinregimes zur Fähigkeit von Russen zur freien Meinungsbildung über den russischen Angriff auf die Ukraine befragen könnte.   

Die Lagergemeinde (S.303ff.)
"Wie solche unermüdliche und beständige Arbeit aussieht,/ das sah ich, als ich Weihnachten 1946 in das Fabriklager in Beschiza kam. Drei evangelische Geistliche und ein katholischer Theologiestudent waren unter den dortigen Gefangenen. In einem von ihnen aber brannte in besonderer Weise das Feuer der Liebe zu seinem Herrn und zu den Menschen, die der Herr sucht. Er zeigte uns, was Unermüdlichkeit heißt, und wurde dadurch unser wahrer Bischof. Er war ein Vikar der Berliner Bekennenden Kirche; was in dem Kampf um die Kirche in den vergangenen Jahren der eigentliche Sinn gewesen war, nicht die Abwehr, nicht der Kampf nach außen, sondern die Erneuerung der Kirche, das war in ihm zur Kraft geworden, und so setzte er das Bekenntnis, dem er in der Freiheit sich verpflichtet hatte, hier in der Gefangenschaft fort." (S.305/306)

"Wie ich in Asbest auf den dortigen Bibelkreis gestoßen bin, habe ich schon erzählt. Er wurde uns gerade in dem letzten Jahr mit seinen neuen Bedrängnissen, von denen später noch zu berichten ist, zu einer tröstlichen Heimat und war in mancher Hinsicht lehrreich. Er war eine höchst ökumenische Gemeinde. [...] Sein Ursprungskern bestand aus einer Gruppe, die man als Pietisten der verschiedenen Schattierungen bezeichnen konnte: die zur Landeskirche gehörigen stammten aus dem rheinischen Pietismus, dem EC und dem CVJM, einer kam von der Gruppe Fritz von der Ropps und einer aus einer schwäbischen Missionarsfamilie. Dazu traten zwei Baptisten, ein Darbyst [John Nelson Darbyund ein durch die Krawelitzkische Gemeinschaft erweckter Arzt, auch einer, der seine Herkunft aus der Pfingstbewegung nicht verleugnen konnte. Als der Kreis sichg mehrte, umfasste er schließlich noch einige Landeskirchliche, einige Katholiken, einen Griechisch-Unierten, einen Swedenborgianer und einen, der der Christian Science nahestand.
Das war die Frucht eines der wichtigsten Unterschiede, die zwischen dem Leben des Zivilisten und dem Leben des Soldaten und erst recht des Gefangenen bestehen. Im zivilen Leben ist der Lebenskreis des einzelnen frei gewählt und darum abgeschlossen. Man lebt innerhalb der Mauern des Kreises, in dem man durch gleichlaufende Interessen oder durch Sympathie der Anschauungen geführt ist. Was man von den anderen weiß, ist durch Vorurteil und Unkenntnis bestimmt; man rückt Ihnen nicht nahe. Im Zusammenleben in der Kompanie und im Lager aber konnte man seinen Kreis nicht wählen, und rückte sich nahe. So begegneten sich dort in / täglichem Zusammensein die Angehörigen sozialer Gruppen, die sonst kaum Berührung miteinander haben, und ebenso also die Angehörigen der verschiedenen Teile der Einen christlichen Kirche. Wilde protestantische Katholikenfresser entdeckten mit Verwunderung die Innigkeit katholischer Christusfrömmigkeit und den möglichen Ernst eines Rosenkranzgebetes, und der Katholik bekam oft zum ersten Male eine Anschauung von der Kraft eines persönlich dem Heiland übergebenen Lebens und von dem Reichtum eines lebendigen Umgangs mit der Bibel. Die Unterschiede, die bisher den Blick auf sich gezogen hatten, verloren an Gewicht, wer in seiner Einsamkeit inmitten der Masse einen Kameraden entdeckte, der versonnen in einem schwarzen Büchlein las, fragte nicht mehr viel danach, ob es die Psalmen oder der Volks-Schott war, sondern war zuerst froh, eine gleichfühlede Brust gefunden zu haben." (S.313/314)

"Es ergab sich ganz notwendig, dass wir uns nicht zum Ziele setzen konnten, einander von der Richtigkeit je unserer besonderen Anschauung zu überzeugen, den anderen zu unserer Konfession zu bekehren. [...] Wir mussten einander ruhig stehen lassen in dem, was den einen von dem anderen als besondere Überzeugung trennte. Dieses Trennende wurde nicht ängstlich totgeschwiegen, aber die Auseinandersetzung darüber blieb aus dem gemeinsamen Zusammenkünften verbannt. Im Einzelgespräch kam es zur Aussprache darüber, mehr aber mit dem Ziele, einander die Aufgabe zu verdeutlichen, im Bereiche der eigenen Konfession auch in der Heimat die Erfahrungen des hiesigen ökumenisches Zusammenseins wirksam zu machen." (S.315)
"Bescheiden bleibt nur, wer dankbar ist, und nur wer dankbar ist, vergisst auch nicht. Dankbar aber bleibt nur der, der einen hat, an den er seinen Dank richten kann. Die Gefangenschaft war dem, der sehen konnte oder der dort zu sehen lernte, nicht eine Zeit der Verlassenheit, sondern der greifbaren Führungen, eines sichtbaren Betreutseins bis in kleinste Kleinigkeiten hinein, die dem Gefangenen doch keine Kleinigkeit sind. Davon lässt sich kaum etwas erzählen; denn wie die äußeren Ereignisse mit in unserem inneren Zustand zusammen treffen, wie die kleine Hilfe, die mich eben gerade über eine dunkle Stunde hin weg bringt, eine Gebetserhörung war und für die ungünstige Versetzung zu einer schlechten Brigade genau das war, was ich in einer Betreuung meines inneren Lebens gerade brauchte, wie hier eine Kausalität höherer Art wirksam wurde, das ist nach außen meist nicht sichtbar zu machen, sondern ist nur dem erkennbar, der davon betroffen ist. Und ebenso ist es mit dem Zusammenhang, der zwischen den kleinen und großen Errettungen dort in Russland, dem oft erlebten plötzlichen Übergang von tiefer Depression zu fröhlicher Unbekümmertheit im unvermuteten Denken an einen Gesangbuchvers oder ein Bibelwort, und den Gebeten bestand, die zu Hause für uns vor Gott gebracht wurden.
Als einer von uns nach bangen Wochen wieder aus dem Vernehmungs/bunker, von dem im nächsten Kapitel zu erzählen ist, entlassen wurde, sagte er zu uns: 'Es muss jetzt zu Hause kräftig für mich gebetet worden sein.' – 'Weil du jetzt wieder frei gekommen bist?' – 'Nein, aber weil ich drinnen so ohne alle Angst war.' Weil nicht blinde Zufälle und nicht das blinde Gesetz von Ursache und Wirkung unser Leben bestimmt, weil es persönlich geführt und betreut ist von dem ewigen Herrn, der sich um uns kümmert und um uns Kummer macht, darum ist einer da, an denen wir unseren Dank richten können. Nur in diesem Dank hält sich auch die Erinnerung lebendig. Nur die dankbaren werden die sein die das Erlebte nicht vergessen." (S.317/318)

Die Heimfahrt S.319ff.

Ab Seite 320 schreibt Gollwitzer über die Vernehmungen, die 1949 in den Lagern stattfanden und deren Motive so schwer zu erklären waren. 
"[...] Wir haben uns viel den Kopf darüber zerbrochen, und alle vermutbaren Motive waren nicht stichhaltig, weder das Interesse an den Arbeitskräften [...] noch an der Zurückhaltung kriegswichtiger Personen [...] noch an der Befriedigung des Vergeltungsbedürfnisses des eigenen Volkes [...]; am wahrscheinlichsten ist noch das Argument, es könne eine terroristische Abschreckungsmaßnahme gegen die deutschen und alle Soldaten künftiger Feindheere sein, denen hier angekündigt werden sollte, was ihrer warte. Wie dem auch sei: im Sommer 1949 setzte überall in der Sowjetunion diese Aktion ein, bei uns erschienen jene 35 Kommissare, bis zum Herbst hatte man eine große Anzahl von Protokollen, die zur Verurteilung dienlich erschienen [...]" (S.322)
"Merkwürdig war nur, dass man überhaupt noch nach Vorwänden für die Verurteilung suchte. Hätte man abgezählt und jeden Fünften über die Klinge springen lassen, so wäre der Effekt für die Gerechtigkeit der gleiche gewesen. Man wollte aber offenbar den Schein der Justiz waren, und so wurde vernommen, eingesperrt, geprügelt, wieder vernommen, bis ein Protokoll unterschrieben war. Wieso aber wurde überhaupt noch gestanden und nicht von jedem Vernommenen alles bestritten, da er doch wissen musste, was ein Geständnis ihm eintrug? Die Antwort ist einfach: es wurde vielfach nichts gestanden, sondern meist nur harmlos Scheinendes zugegeben, und sobald dies unterschrieben war, genügte es. Bei vielen genügten die Personalien: sie waren SS-Offiziere, Angehörige der Einheit Schill oder anderer Sonderverbände [...] damit war ihr Urteil schon fertig." (S.323)
"Es zeigten sich jetzt auch die Früchte der großen Buß-Aktion die 1945/46 in den Lagern gestartet worden war. Die Aktivs [Antifaschstische Aktivs innerhalb der Gefangenen, die die Umerziehung zur Abkehr von der Nazi-Ideologie anstrebten] hatten damals aufgefordert, in großen Lagerversammlungen von miterlebten Kriegsverbrechen zu berichten und sowohl sich selbst durch Geständnisse zu reinigen wie auch andere anzuprangern. Ehrliche Erbitterung über Verbrechen deutscher Wehrmachtsangehörige wie übelste Denunziation bekam gleicherweise freien Lauf. Jetzt aber, Jahre später, wurden diejenigen, die damals andere belastet hatten, auf ihre eigene Rolle bei dem Erlebten befragt, und auch wenn sie nur untätige und ohnmächtige Zeugen waren, so brach ihnen das schon das Genick." (S.324) "In dem Lager bei Swerdlowsk, in dem ich meine letzten Wochen zubrachte, waren zwei Baracken abgetrennt, mit besonders hohen Einzäunung, eigenen Wachtürmen und taghell leuchtenden Scheinwerfern versehen; dorthin wurden die Angeklagten aus den unbedingten Lagern zur Verhandlung vor dem Swerdlowsker Kriegsgericht gebracht, und der grimmige Landserwitz tauchte diese Einzäunung, obwohl sie westwärts lag, sofort die 'Ostzone'. Durch sie gingen allein im Monat November 650 deutsche Kriegsgefangene, von denen höchstens 10 freigesprochen worden. Die Strafen der übrigen lagen mindestens bei sieben, meistens bei 20 und 25 Jahren." (S.325)



"Jetzt erwies sich das Evangelium als das Licht, dass auch die aussichtsloseste Lage erhellt, d. h. das auch der fürchterlichen Sinnlosigkeit eines solchen Schicksals einen Sinn gibt. Wer davon nicht erreicht wurde, dem blieb nur stoische oder dumpfe Resignation oder Anklammerung an eine vage Hoffnung bis zu der verzweifelten Hoffnung auf einen Krieg, dessen wahrscheinlichste Opfer ja die Gefangenen selbst sein würden. Wer aber auch in dieser Lage das Evangelium mit dem Herzen hören durfte, dem versprach es volle Sinngebung, indem es die irdische Zeit als bloßen Durchgang auf das ewige Leben hin zeigte (wie töricht erschienen uns nun die, die in dieser Verheißung christliche Weltflucht gesehen hatten!), indem es beharrliche Gegenwart des Wortes Gottes verhieß und konkrete Aufgaben in Aussicht stellte dadurch, dass es an die Leidensgefährten erinnerte, für die einer da sein konnte, und schließlich indem es zeigte, dass einer auch einsam in einem Kerker verfaulend bis zum letzten Atemzuge Kraft erhalten kann, Gott zu loben und darin einen unverlierbaren Sinn jeder Stunde zu finden. Weil es das Evangelium des Kreuzes und der Auferstehung ist, kann es halten, was es verspricht." (S.328)

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