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03 Juli 2025

Leonie Schöler: Beklaute Frauen

  Leonie Schöler: Beklaute Frauen

Rezensionen:

NDRSachbuch-CouchBooknerds; HeymannBuchserien; 

EINLEITUNG 11

"[...] Als vor circa 2,2 Millio­nen Jahren die ersten Menschen auf Erden wandelten, waren sie in ihrer Entwicklung aus heutiger Sicht vielleicht primi­tiv – aber das mit der natürlichen Ordnung von Mann und Frau hatten sie bereits verstanden. Mann und Frau, Yin und Yang, Gegensätze ziehen sich an!

So oder so ähnlich lautet die Erzählung der ersten Menschen, wie ich sie in der Schule gelernt habe. Den meisten, die jetzt diese Sätze lesen, wurde es vermutlich nicht anders beige­bracht! Ob in Büchern, Filmen oder auch im Museum: Die Ge­schichte der Jäger und Sammler wird bis heute stark über das Geschlecht erzählt. [...]

Lehrt uns die Geschichte denn nicht alles, was wir über das Zusammenleben von Mann und Frau wissen müssen?

Nun, in der Theorie tut sie das. In der Praxis ist es allerdings etwas komplizierter – denn natürlich können wir unsere erlernten Vorbehalte und Denkmuster auch dann nur schwer ablegen, wenn wir in die Vergangenheit blicken. Bezogen auf das Geschlecht nennt sich das in der Wissenschaft Gender Bias, oder auch: geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt. Der beschreibt, dass sich sexistische Vorurteile und Stereotype so sehr auf unser Denken auswirken, dass sie unsere Wahrnehmung der Welt verzerren. Als beispielsweise die Evolutionstheoretiker des 19. Jahrhunderts die biologischen Ursprünge des menschlichen Lebens erforschten, hatten sie ganz klare Vorstellungen von den Geschlechtern. So schrieb Charles Darwin 1871 in seinem Werk Die Abstammung des Menschen:

»Der hauptsächlichste Unterschied in den intellektuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, dass der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Einbildungskraft, oder bloß den Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern.«1

[...] Die anderen Wissenschaftler hatten nämlich größtenteils exakt die gleichen Vorurteile wie Darwin und suchten in der Geschichte und Biologie des Menschen unermüd­lich nach Beweisen für die Überlegenheit des Mannes. Als Ausgangspunkt für diese Annahme funktionierten die Jäger und Sammler ganz fantastisch: Die scheinbar klare Rollen­verteilung diente als Argument, dass dies die natürliche Ord­nung zwischen Mann und Frau sein müsse, die bereits in ihrer Biologie begründet sei.

Erste archäologische Untersuchungen bestätigten diese Auffassung. In den Gräbern von Männern waren Jagdwaffen und Werkzeuge beigelegt, wäh­rend Frauen Schmuck als Grabbeigabe erhielten. So grub man in den folgenden Jahrzehnten die Geschichte immer weiter um und buddelte ganz viele kleine und große Beweise aus für die eigene Vorstellung von der menschlichen Exis­tenz. [...] 

Seit wenigen Jahren gibt es tatsächlich eine neue Perspektive auf unsere Vergangenheit. 2018 wurde in den peruanischen Anden das mit Waffen reich bestückte Grab eines Kriegers ge­funden. Mithilfe modernster Technik wurden die circa 9000 Jahre alten Gebeine genealogisch analysiert, es wurde also ein DNA-Test gemacht – und etwas schier Unglaubliches be­wiesen: Das Skelett war das einer Frau![...] 30 bis 50 Prozent der untersuchten Skelette, die man bisher auf Grundlage der Waffen und Werkzeuge im Grab als männlich identifiziert hatte, waren biologische Frauen.

Zuletzt haben Archäo­log*innen einen Sensationsfund aus dem Jahr 2008 korri­giert: Damals war in der Nähe des südspanischen Valencia das Grab eines mächtigen Herrschers aus der Kupferzeit ent­deckt worden. Er bekam den Namen »Ivory Man«, in Anleh­nung an die prächtigen Grabbeigaben und Waffen aus El­fenbein, die sich deutlich von anderen Gräbern aus der Zeit unterschieden. Doch 2023 durchgeführte DNA-Tests ergaben, dass der Ivory Man eigentlich eine Ivory Lady war. Nicht nur das: Die Forschenden kamen in ihrer Studie auch zu dem Er­gebnis, dass

»sie zu einer Zeit, in der kein Mann eine auch nur annä­hernd vergleichbare soziale Stellung einnahm, eine führende gesellschaftliche Persönlichkeit war. Nur andere Frauen, die kurze Zeit später in […] einem Teil desselben Gräberfeldes bestattet wurden, scheinen eine ähnlich hohe soziale Stel­lung gehabt zu haben.«5

Offenbar waren in dieser Region vor 5000 Jahren nur Frauen die Anführerinnen gewesen. Gab es etwa doch gar keine strenge Mann-Frau-Aufteilung unter unseren Vorfahren? [...]"

Fontanefan: Anregend ist Schölers Perspektive unbedingt und sie fußt auf aktueller Forschung. Unklar bleibt mir dabei, weshalb sie zumindest in der Einleitung nicht auf die Geschichte der Matriarchatstheorien eingeht.

Zur Unterstützung ihrer These, dass das Denken der Zeit Einfluss auf das Geschichtsverständnis gehabt haben wird, verweise ich aber auf ein Beispiel vom Ende des 19. Jahrhunderts.


Kapitel eins (K)EINE BÜRGERIN

Der Fisch stinkt vom Kopfe her23

Auf den Barrikaden: Frauen in den Revolutionen von 1848/4929

Wer hat Angst vorm weißen Mann? »Rasse«, Klasse und Geschlecht im nationalen

 Selbstverständnis41

Frauen als Nicht-Bürgerinnen49

Kapitel zwei ENDSTATION: EHE

Der Matilda-Effekt 59

Ungleiche Bündnisse zwischen Zusammenarbeit und Ausbeutung62

Bis dass der Tod euch scheidet oder: Wo blieb der Widerstand? 74

Die Lücke im System: Warum zu heiraten sich für Frauen nicht lohnt84

Kapitel drei KÜNSTLER WIRD MIT ER GESCHRIEBEN

Im Namen des Vaters und des Sohnes: Frauen als Familienangestellte 97

Eleanor MarxJenny MarxJenny Caroline Longuet,

Berühmte Genies und ihre heimlichen Mitarbeiterinnen 118

Lucia MoholMarieluise FleißerElisabeth Hauptmann, Margarete Steffin*Ruth

 Berlau*

*""Als Brecht sich 1940 um ein USA-Visum für sie bemühte, beschrieb er sie als seine engste

 Mitarbeiterin: „Tatsächlich überblickt nur sie meine Tausende von Manuskriptblättern.“ Das

 war mit Sicherheit nicht übertrieben, Steffin führte fast die gesamte Korrespondenz mit

 Verlagen und Freunden, schrieb Brechts Texte ins Reine, war hier auch kritische Gutachterin,

 lernte Sprachen, dort wo es notwendig war, und ordnete Brechts Gedichte. Als Steffin starb,

 war Brecht über ein Jahr lang unfähig zu arbeiten.[2] Brechts Gedicht Nach dem Tod meiner

 Mitarbeiterin M.S. bezieht sich auf Margarete Steffin und hebt ihre Bedeutung für das

 brechtsche Werk hervor.

*  "In Dänemark, außerhalb seines Sprachraums und ohne Mitarbeiter, war Brecht zum ersten

 Mal auf sich allein gestellt. Ohne die bewährte Kollektivarbeit mit Ruth Berlau konnte er Die

 Gewehre der Frau Carrar nicht zu Ende schreiben. Der Mangel an Mitarbeitern war nach

 Ansicht Berlaus der wahre Grund, warum Brecht sie so sehr vermisst hatte. Berlau inszenierte

 (unter Mitarbeit Brechts) Die Gewehre der Frau Carrar. Die erste Aufführung mit Mitgliedern

 ihres Kopenhagener Arbejdernes Teater fand am 19. Dezember 1937 vor Emigranten statt.

 Das Aftenbladet schrieb in einer Rezension vom 20. Dezember 1937: „Das stark dramatische

 Stück wurde ausgezeichnet dargeboten, geprägt sowohl von der Begeisterung dieser

 Laienschauspieler als auch von der gekonnten Regie Ruth Berlaus. Namentlich Dagmar

 Andreasen als Mutter spielte fein und empfindsam.“ Eine zweite Aufführung fand am 14.

 Februar 1938 als Wohltätigkeitsveranstaltung für die Deutsch-Schüler in der Borups Höjskole

 Kopenhagen statt. Die Zeitungen waren erneut voller Lob und berichteten über eine gelungene Aufführung.[5]

Im August 1938 arbeitete Brecht mit Ruth Berlau an ihrer Novellensammlung Jedes Tier kann es, die 1940 mit dem dänischen Titel Ethvert dyr kan det unter dem Pseudonym Maria Sten herauskam. Für den von Ruth Berlau bearbeiteten englischen Schwank Alle wissen alles schrieb Brecht ein Vorwort, in dem er seiner „Sympathie zu dieser Art Gattung der Dramatik“ Ausdruck verlieh.[6]

Brecht war inzwischen nach Schweden übergesiedelt, und seine Mitarbeiterin Margarete Steffin unterstützte Berlau bei den Korrekturen der Svendborger Gedichte. Sie schickte die Zweitkorrektur an die Setzerei nach Kopenhagen, danach gab Berlau den Band mit eigenen Geldmitteln heraus.[7] Aus Bescheidenheit und anstatt sich selbst als Herausgeberin zu benennen, ließ Berlau Wieland Herzfelde mit seinem Malik-Verlag in London hineindrucken. Brecht schrieb darauf an sie: „Von allen Menschen, die ich kenne, bist Du der großzügigste.“ Von Herzfelde wurde sie später wegen der „hässlichen“ Form der Ausgabe, die nicht der der Gesammelten Werke entsprach, kritisiert."

Von der Muse geküsst oder: Können Frauen Kunst?137

Kapitel vier OHNE AUSZEICHNUNG

Prestige und Macht: Wieso Rosalind Franklin keinen Nobelpreis hat 155

Unsichtbar gemacht: Wieso Lise Meitner keinen Nobelpreis hat 177

Machtgefälle: Wieso Jocelyn Bell Burnell keinen Nobelpreis hat 194

Eine Frage der Geschlechtertrennung 211

"Neuerdings dürfen trans Frauen nicht mal mehr im Damenschach antreten. Personen, die in einem männlichen Körper geboren wurden, sind also im logischen Denken besser als biologische Frauen – oder was soll uns das sagen? Nun ja, diese Auffassung spiegelt sich zwar kaum die tatsächlichen Ergebnisse wider, denn mitnichten gewinnen trans Athletinnen haushoch überlegen in allen Sportarten. Es zeigt aber auf, wie nicht-binäre Identitäten zum Spielball werden, um die binäre Geschlechtsordnung aufrecht zu erhalten. Dazu passt auch, dass mit trans und inter Personen im Sport aktuell genauso umgegangen wird, wie man lange Zeit mit Frauen umgehen. Erst ignorieren, dann hitzig, polemisch und über die Köpfe der betreffenden Personen hinweg diskutieren, um sie dann zu sperren und ihnen die Teilnahme an Wettkämpfen zu verbieten. [...] Es ist ja nicht so, als gäbe es im Sport nicht auch unabhängig vom Geschlecht körperliche Vorteile oder Einschränkungen, für die man bereits Lösung gefunden hat, so wie Alters- und Gewichtsklassen, um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Oder man nimmt sich die Paralympics zum Vorbild: Dort spielen die körperlichen Voraussetzungen der jeweiligen Leistungssportler*innen eine selbstverständliche Rolle dabei, in welcher Gruppe sie antreten. Niemand spricht von Vor- oder Nachteilen; es geht einfach darum, dass Menschen sich miteinander messen können, deren Grundvoraussetzungen ähnlich sind. Dass man über breiter gefächerte Startgruppen nicht auch bei nicht-behinderten Athlet*innen diskutiert, ist für mich ein Hinweis auf / ein fehlendes Interesse bei vielen Verbänden und Sportfunktionär*innen, wirklich faire Startbedingungen für alle zu schaffen." (S. 220/221).

Es geht einfach darum, dass Menschen sich miteinander messen können, deren Grundvoraussetzungen ähnlich sind.

Diesen Grundsatz will Schöler bei den Unterschieden zwischen Geschlechtern nicht gelten lassen. Dankenswerterweise führt sie aber auch gleich die Beispiele an, die deutlich machen, dass das, was bei Alters- und Gewichtsklassen ohne weiteres möglich ist bei der Trennung nach Geschlechtern problematisch wird: Beim Boxen unterscheidet man nach Gewichtsklassen, weil ein Boxer mit Fliegengewicht gegen einen Boxer im Schwergewicht (allgemein anerkannt) keine Chancen hat und weil es leicht ist, nach objektiven Kriterien (Gewicht) zu trennen. Freilich ist die Anerkennung, um die es Schöler geht, in den niedrigeren Gewichtsklassen weit geringer. Schwergewichtsweltmeister sind nicht selten weltbekannt, Fliegengewichtsmeister nicht. Fast noch deutlicher ist es bei den Behindertenwettkämpfen. Bis die Paralympics Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zugänglich wurden, dauerte es lange. Ihre Wettkämpfe werden aber weiterhin nicht zugleich mit den allgemeinen Olympischen Spielen ausgetragen. Wenn die Olympischen Siele für Männer und Frauen getrennt ausgetragen würden, wäre das in Schölers Sinne? 

Aber nicht nur das: Bei den ersten olympischen Behindertenwettkämpfen galt nur eine einzige Hilfe als erlaubt: der Rollstuhl. Wenn aber Laufwettbewerb mit Hilfen erlaubt sind, wird sofort die Bedingung, dass die Grundvoraussetzungen ähnlich sind, fragwürdig. Zu groß sind die Unterschiede von technischen Hilfsmitteln. 

Schölers Vorstellung, dass man nach Altersklassen trennen könne, hat den Charme, dass das (bei Mannschaftssportarten, z.B. beim Fußball) schon lange geschieht. Aber kein U21-Fußballer wird die Chance, dass er in der Klasse ohne Altersbeschränkung mitspielen darf, verpassen wollen; denn erst da gilt die Auszeichnung richtig. 

Doch grotesk wird es erst, wenn Schöler sich beklagt über "ein fehlendes Interesse bei vielen Verbänden und Sportfunktionär*innen, wirklich faire Startbedingungen für alle zu schaffen". Wie sollte man erreichen, dass für alle Sportarten, alle Arten von Behinderung, alle Gewichts- und Altersklassen "wirklich faire Startbedingungen für alle" geschafft werden? Wäre damit nicht sofort die Anerkennung aufs Spiel gesetzt, wenn man nicht die Chance hat, sich auch bei höheren Ansprüchen zu beweisen?

Wenn alle Wettbewerbe in getrennten Leistungsgruppen stattfinden müssten, wäre die Organisation unsinnig erschwert und die öffentliche Sichtbarkeit von Leistungen nahezu beseitigt. (Kommentar Fontanefan)


Kapitel fünf WIDERSTAND

280

Noch nie gesehen: Das Phänomen der »Wiederentdeckten Frau« 290

Google mal CEO: Warum Algorithmen männlich denken 301

Zur Kritik der von TikTok benutzten Algorithmen:

"So stellte das britische Center for Counting Digital Hate in einer Studie schockierende Zahlen fest: Meldeten sich 13-jährige Mädchen auf der Plattform an und schauten sie einige Videos zum Thema mentale Gesundheit, interpretierte der Algorithmus das sofort negativ: innerhalb von 2,6 Minuten im Fall TikTok Inhalte über Suizid, innerhalb von 8 Minuten Videos, in denen es gestörtes Verhalten gezeigt wurde. 

Und bei den Jungs? Eine Untersuchung der britischen Sonntagszeitung CEO Server untersuchte Vorwürfe, nachdem TikTok jungen Männern gezielt Frauen verachtende, Inhalte ausspielte. Und tatsächlich: innerhalb weniger Minuten nach der ersten Anmeldung – und ohne dass sie dann danach suchten – wurden Ihnen diverse sexistische und antifeministische Inhalte angezeigt."  (S. 311)

"Vielleicht schaffen es die KIs irgendwann, Hassrede von sich aus /  anzuzeigen und die entsprechenden Account sofort zu blockieren. Vielleicht säubern sie das Internet dann automatisch von gewaltsamen und missbräuchlichen Inhalten, ohne dass diese Aufgabe von unterbezahlten Content-Moderator*innen in Indien oder Kenia erledigt werden muss. Vielleicht muss sich zukünftig jeder Hater ein einstündiges Video über die Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation ansehen, das sich nicht schließen oder vorspulen lässt und das die Person wirklich und komplett anwesend angeschaut haben muss, um wieder auf die entsprechende Plattform zu dürfen. Vielleicht können wir darüber auch neu definieren, wen wir zukünftig auslöschen und wen wir wiederherstellen. Die großen Plattformen arbeiten ja bereits daran, Hass und Hetze zu bannen und dafür Frauen, Quere, Menschen, People of Color und Menschen mit Behinderung durch ihre Algorithmen sichtbarer zu machen. Es geht also voran, - auch wenn die Mühlen langsam mahlen." (S.313/314)

Glaubt Schöler ernsthaft, dass man Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation zu übernehmen bereit ist, wenn man gezwungen wird, sie anzuhören oder ist dieser letzte Abschnitt rein ironisch gemeint?

Die Algorithmen sind so erfolgreich, weil sie dazu verführen, ohnehin bestehenden Tendenzen nachzugeben und sie damit zu bestärken. Neues zu lernen funktioniert anders. (Fontanefan)


SCHLUSSWORT 315

ANHANG 323

03 März 2024

Frauen in der Gruppe 47

 Nicole Seifert: Einige Herren sagten etwas dazu.

Klappentext:

Nicole Seifert erzählt die Geschichte der Gruppe 47 aus einer neuen Perspektive: der der Frauen. Ihr Ergebnis kommt einer Sensation gleich. "Einige Herren sagten etwas dazu" macht es zwingend, die deutsche Gegenwartsliteratur neu zu denken, die literarische Landschaft neu zu ordnen. Es waren viel mehr Autorinnen bei den berühmt-berüchtigten Treffen der Gruppe 47 als Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger, aber sie sind in Vergessenheit geraten, sie fielen aus der Geschichte heraus, wurden meist gar nicht miterzählt und wenn doch, dann nicht als Autorinnen ihrer Texte, sondern als begehrenswerte Körper oder als tragische Wesen. Nicole Seifert erzählt von den Erfahrungen der Autorinnen bei der Gruppe 47, von ihrem Leben in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in der BRD und von ihren Werken. Ein Buch, das sofort große Lektürelust entfacht. Schriftstellerinnen wie Gisela Elsner und Gabriele Wohmann müssen neu gelesen, Schriftstellerinnen wie Ruth Rehmann, Helga M. Novak und Barbara König neu entdeckt werden.  Ein ganz neuer Blick auf die Gruppe 47 und die Nachkriegsliteratur, der uns bis in die Gegenwart führt.

Perlentaucher mit Leseprobe

Antonia Baum in Ein Frauenthema, ZEIT 29.2.2024 über: Nicole Seifert: Einige Herren sagten etwas dazu.

Mein eigener Eindruck: 

Marie Luise Kaschnitz: Das dicke Kind wurde mir nicht über die Gruppe 47 bekannt. Bei den männlichen Autoren weiß ich schwer zu entscheiden. Grass und Johnson sprachen für sich. Sie lernte ich kennen und damit die Gruppe 47. Über Ingeborg Bachmann lernte ich, dass sie für wichtige Autoren der Gruppe wichtig war (und zusammen mit Ilse Aichinger, die ich getrennt von Günter Eich kennenlernte), die Frau, die von der Gruppe ernst genommen wurde. Von ihren Texten tatsächlich nur Lyrik. Die Prosa blieb mir fremd, bis ich über der Beschäftigung mit Frisch und Johnson mich bemüht habe, mit ihr etwas anzufangen.

Ingeborg Drewitz habe ich im Bewusstsein nie mit der Gruppe 47 verbunden, wohl aber damit, dass sie die Themen Nazizeit, Bundesrepublik und Frauenrolle in einer Weise verband, die mir viel zu sagen hatte, weit mehr als Günter Grass

Später mehr

24 Oktober 2023

Marie Hesse in Selbstzeugnissen

 Jetzt habe ich das Buch in der Hand, von dem ich vor gut drei Jahren schrieb, dass die Verfasserin und Hauptperson im Titel ganz merkwürdig versteckt wird:

"Marie Hesse. Die Mutter von Hermann Hesse. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern von Adele Gundert"

Ein Buch voll des Überschwangs. Ständig verliebt sie sich: in eine 16-Jährige, in einen Mann. Mit beiden darf sie nicht verkehren.* Sie wird hierhin und dorthin geschickt, lebt sieben Jahre von ihren Eltern und Brüdern getrennt, dann von ihren Pflegeeltern. Immer wieder ist sie bereit, dennoch die liebevolle Behandlung durch die neuen Pflegepersonen zu würdigen. Schließlich wird ihr mitgeteilt, sie werde als Braut von einem zukünftigen Missionar gewünscht, doch es werde noch vier Jahre dauern, bis sie heiraten könnten. Als ihre Mutter meint, sie würde niemals einen Mann nehmen, der sie vier Jahre warten lasse, notiert sie in ihr Tagebuch:

"O Mama!! Mein Wunsch ist's freilich nicht, aber wenn es sein / muss, werde ich mich drein finden, so sehr es gegen meine Natur geht. Aber vier Jahre Braut sein ist Seligkeit gegen den Gedanken, nicht Braut zu sein. Nein, ich will alles tun und dulden, wenn's sein soll, nur um seinetwillen, aber es wird kein Dulden sein, wenn ich's für ihn tue und er mich liebt. Ich, kann Mama nicht verstehen, die spricht vom Heiraten, als sei das das Große. Lieben will ich, lieben, das ist mir wichtiger als heiraten. Freilich wäre mir's lieb wenn wir bald zusammenkämen. Aber das scheint mir von Mama ein herzloser Gedanke: Nein sagen wegen vier Jährlein Brautzeit. O nein, Mama, du kennst dein Kind noch nicht." (S.70/71)

*In diesem 'Tagebuch des Backfischleins' steht auch jene bittersüße Liebesgeschichte, die wie in billigen Romanen mit einer Liebe auf den ersten Blick einsetzt. Nur ein paar Tage lang konnten sich Marie Gundert und John Barns aneinander erfreuen, zumeist nur durch Briefe und Gedichte, die sie sich heimlich zusteckten, dann legte das Schiff in Bombay an – und die beiden wurden getrennt. Das Mädchen wartete vergebens auf einen Brief des Geliebten und die Wiedersehensfreude mit den Eltern wurde durch das unerklärliche Schweigen getrübt. Erst Wochen später erfuhr Marie, wer ihren Freund mit harten Worten von ihr getrennt und versucht hatte, die eben aufgeflammte Liebe zu ersticken: ihr eigener Vater. Barns hatte / ihm geschrieben, um Maries Hand angehalten und einen Brief an sie beigelegt. Doch der Vater hatte ihm 'als einem impulsiven Mann, einem Weltmann' jegliche Verbindung mit seiner Tochter verboten und den Brief an sie zurückbehalten. 

'Ich hörte es', heißt es in der Selbstbiografie, 'und das Herz wollte mir stille stehen, ja ich wünschte mir, es möchte in diesem Nu plötzlich erkalten und sterben, wie meine Hoffnungen und Träume'. Das Mädchen haderte mit Gott und den Menschen, und dass es gerade der sonst so verständnisvolle, der überaus verehrte und geliebte Vater war, trieb Marie in eine schreckliche Einsamkeit. Gedicht um Gedicht entstand, in denen sie ihre Enttäuschung im Gedenken an den Geliebten zu bewältigen versuchte. Einige Monate später, es war der 24. Februar 1858, besuchte Marie den Missionar Samuel Hebich, einen Mitarbeiter des Vaters. [...] Dass er jedoch in der liebeskranken Marie Gundert eine andere Einstellung zu ihren Mitmenschen wecken könnte, das hätte diesem schrulligen Hagestolz niemand zugetraut. Der Besuchstag bei Hebich war für Marie der Tag ihrer 'Bekehrung', sie 'opferte ihre Liebe und versöhnte sich mit den Eltern in der gemeinsamen Hingabe an den Missionsgedanken'.

Marie wurde Schülerin, Reisebegleiterin und Sekretärin ihres Vaters. Einen besseren Lehrer hätte sie in keiner Schule finden können. [...] In kleineren und größeren Reisen fuhren und ritten Vater und Tochter kreuz und quer durch das Land, um Schulen zu besuchen. Außerdem trat Marie als Gehilfin neben die Mutter, die schon zwei Mädchenmissionsschulen eingerichtet und mit gutem Erfolg geleitet hatte und nun im Begriff war, die dritte Mädchenschule in Kalikut aufzubauen. Hier konnte die fünzehneinhalbjährige Tochter ihre ersten Unterrichtserfahrungen machen, sie lehrte Englisch und Handarbeit, bald auch Geographie, und vertrat die Mutter als Schulleiterin, wenn diese einmal verreist war. Voraussetzung für diese Lehrtätigkeit war natürlich, dass sie die Landessprache, dass Malayalam, einigermaßen beherrschte." (Siegfried Greiner: Nachwort, S.239/241)

Aus der Zeit der Krankheit ihres Mannes Charles Isenberg, der mit 30J. starb:

"Ja, mitten im Leiden, an des Todes Tür, waren wir reich und selig in unserer Liebe." (S.123)

1883 an Karl (ohne Datum)

"Erst wenn das Herz in Gott Ruhe und volle Genüge gefunden, kann es ohne jeden Schaden mit kindlicher Freude und reinem Genuss auch in Natur, Kunst, Wissenschaft und Erdenliebe entgegennehmen, was Gottes Güte beut, mit dankbar frohem Herzen. Solange diese Güter aber dem armen Menschen Herzen als Brunnen zum Durstlöschen dienen mit Umgehung der einzigen wahren Lebensquelle, solange mischt sich Überdruss, Verschmachten, Unbefriedigtsein und Sünde auch in den besten Genuss. Doch ich muss schließen. Gott behüte und segne dich, mein liebes Kind, und lasse dich trinken von dem Lebenswasser, das auf ewig das Dürsten der Seele stillt. Mit Kuss deine dich innig liebende Mama"

Angesichts des schweren Lebens, das Marie führt, ist solche Ergebung in Gott wohl eine notwendige Bedingung für ein glückliches Leben:

Die Menschen, die sie liebt, werden von ihr getrennt. Als sie sich entschieden hat, einen künftigen Missionar, für den die Missionsgesellschaft sie als Frau ausgesucht hat, auf den ersten Blick zu lieben und dann geduldig vier Jahre zu warten, bis sie heiraten kann, sie bekommt neun Kinder, von denen mehrere im ersten Lebensjahr sterben. Als sie sich in Basel eingelebt haben, ruft ihr Vater ihren Mann - und damit die Familie - zur Unterstützung seiner Arbeit zurück nach Calw, wo sie dann in ungesunden Wohnverhältnissen wohnen müssen.

Angenommen, diese Ergebung in Gottes Willen wäre bei Frauen allgemein zutiefst erlebt worden, wäre Emanzipation der Frau fragwürdig. Aber es ist schwer vorstellbar, dass sie allgemein vorhanden war. Die heilige Elisabeth hat sich vielleicht trotz der unwürdigen Behandlung, die sie durch Konrad erfuhr*, als auf dem einzig richtigen Weg empfunden. 

Die Mehrzahl der Frauen wird sehr gelitten haben,  freilich vor Augen gehabt haben, dass es anderen noch schlechter ging.

*"Konrad von Marburg zwang Elisabeth zur Lossagung von ihren Kindern, zur Trennung von ihren Vertrauten Guda und Isentrud von Hörselgau und strafte sie mehrfach hart, um ihren Willen zu brechen. Die Quellen berichten unter anderem davon, dass er sie einmal so sehr von seinen Dienern schlagen ließ, dass sie die Spuren der Bestrafung über Wochen trug.[57] Im Urteil des zeitgenössischen Cäsarius von Heisterbach trug Konrad mit seiner Strenge und Härte gegenüber Elisabeth erheblich zu ihren Verdiensten und damit auch zu ihrer Heiligsprechung bei. Nach der Überlieferung des Libellus reagierte sie auf die Bestrafung mit den häufig zitierten Worten:

„Es steht uns wohl an, dass wir dergleichen gern aushalten, weil wir wie das Schilfrohr im Fluss sind. Steigt der Fluss an, dann wird das Rohr gebeugt und zusammengedrückt und das überflutende Wasser durchdringt es, ohne es zu verletzen. Wenn dann die Überschwemmung nachlässt, richtet sich das Rohr wieder auf und wächst mit voller Kraft heiter und vergnügt. So ziemt es uns auch immer, dass wir gebeugt und gedemütigt werden und nachher wieder heiter und vergnügt dastehen.“[58]


Weiter zu Marie Hesse (Ich hätte es mir denken sollen, aber ich hatte nicht damit gerechnet):
"Das Tagebuch vermerkt: "Denke ich an Basler Wohnung, Freiheit und Umgang, an unser ungeniertes Familienleben zurück, so will mich's hier beengen. Aber für das innere Wachstum ist's besser so, das glaube ich." Das Letztere sollte sich als Irrtum erweisen. Das Haus, dessen vordere schöne Zimmer natürlich Großvaters Wohnung waren, war nach hinten gegen den Berg feucht und ungesund und erschien Johannes oft wie ein Gefängnis, wo er nie mehr gesund werden könne."

Tagebuch 1887:
"Was die inneren Erfahrungen dieses Jahres betrifft, so kann ich nur mit tiefster Beschämung zurückblicken auf Niederlage um Niederlage, und auf Zeiten der tiefsten Verzagtheit und Entmutigung. Oft fürchtete ich, gemütsleidend zu werden, so schwer ging’s durch. Die Verhältnisse sind schwierig und beengt, aber wenn das Gottes Weg ist, so müssen wir ihn gehen und stille und dankbar sein. In großer Seelennot ward mir Trost und viel Ermunterung zuteil durch eine Rede von Schrenk über "die Verherrlichung Gottes unser einziger Lebenszweck. Ach ja, das muss ich im Auge behalten. Wir vergessen oft in der täglichen Misere des Erdenlebens, was doch klar und deutlich Jesus uns vorausgesagt hat Matth.. 16. Ihm nachfolgen, heißt Kreuz auf sich nehmen, sich verleugnen, sein Leben verlieren – nicht gute Tage und Ruhe auf Erden. Ach, noch merke ich nichts von Seinem Gepräge an mir. So viel Hass und Zorn und Ärger und Eigenliebe kommt tagtäglich zum Vorschein, dass ich erschrecke." (S.198)

Tagebuch 1888
"Wir blicken zurück auf 1888 als auf ein Jahr, dass mehr Kampf als Sieg, mehr Last als Lust, mehr Kümmernisse als Freuden brachte… Immer wieder sträubt sich der eigene Sinn gegen alle die Verhältnisse, in die wir hier eingeengt sind, und die Frage: "Dürfte und könnte und sollte nicht doch allerlei geändert und gebessert werden?" steigt oft auf. Im Geschäft ist mein lieber Mann unbefriedigt, ihm und mir fehlt überall die Freiheit. Um der Liebe willen sie dran geben, ist recht und schön, ob aber Papa und uns damit wirklich gedient, irgendjemand genutzt wird? Auf mir liegt es wie ein Alp, ich hatte in diesem Jahre gegen Schwermut anzukämpfen wie noch nie. Auch Johannes geht gedrückt einher, es kommt zu keinem freien fröhlichen Aufschwung. Doch was klage ich? Drückt der Mangel noch so sehr, "Du füllst des Lebens Mangel aus mit dem, was ewig steht."

Tagebuch 1889
"in diesem Jahr steigertes sich das Schwierige der Verhältnisse bis zur Unerträglichkeit. Johannes wurde immer nervöser und elender, schlaflos, durch Kopfschmerzen fast arbeitsunfähig. Ich war halb gemütsleidend… Wiederholt hatte mir Johannes erklärt, er könne nicht gesund werden in dem Calwer Verlagsvereinshaus und all den verzwickten Verhältnissen und Aufgaben dort. Papa hat es offenbar geschmerzt; aber er ahnte nicht, wie viel es uns gekostet, wie schwere Opfer wir ihm in diesen dreieinviertel Jahren gebracht haben. Trennung ist um umgänglich notwendig…
Am 16. September 1889 zogen wir in die neue Wohnung (in der Ledergasse), die sonnig und behaglich ist. Gott sei Dank, nun haben wir wieder ein Heim!
… Johannes "kneipt" mit Erfolg, trinkt vor Schlafengehen Baldriantee und spürt nach und nach Besserung…" (S.199)

Nach dem Tod ihres Vaters "im Jahre 1893, befiel auch die Tochter eine schwere Krankheit. Es war eine Knochenerweichung (Osteomalazie), die trotz verschiedener Kuren nicht aufgehalten werden konnte und sich schließlich derart verschlimmerte, dass die Kranke die Füße nicht mehr zu heben vermochte und fast zwei Jahre lang liegen musste. Als die Kunst der Ärzte versagte, holte man den 'Evangelisten' Elias Schrenk, der Marie durch Gebet und Handauflegung geheilt haben soll. Sie schreibt über dieses 'Gnadenwunder': 'Ja, ich konnte die Füße / wieder lüpfen! Ich hatte sie vorher nur vorwärts schieben können, wenn man mich stüzte. Oh diese Wonne!… Als ich wieder an meine Kästen und Schubladen kam, war mir's, wie wenn alles mir neu geschenkt wäre, denn ich hatte ja mit allem abgeschlossen gehabt und dachte, es gehöre mir nimmer… Am 18. Januar [1896] richtete ich mich mir wieder meinen Schreibtisch und mein Arbeitstischchen zum Gebrauch ein… [...] 

Die fünf darauffolgenden Jahre einer leidlichem Gesundheit, die Marie Hesse nach ihrer schweren Krankheit noch verblieben, hat sie als göttliches Geschenk angesehen. [...]" (Siegfried Greiner: Nachwort, S.251/252)

15 Mai 2023

Judith Jannenberg: Ich bin ich

"Ich bin Ich" von Judith Jannenberg habe ich um 1983 herum erstmals gelesen zusammen mit Svende Merian: Der Tod des Märchenprinzen. Damals habe ich auch Susanna Agnelli: "Wir trugen immer Matrosenkleider" zu meinem Unterricht über Frauenrollen in der aktuellen Literatur herangezogen. Das war im muttersprachlichen Unterricht an der Europäischen Schule Culham

"Ich bin Ich" imponierte mir wegen der couragierten Selbstdarstellung und des herausfordernden Titels. In diesen Tagen habe ich es nach 40 Jahren mit Interesse aus einem Austauschbücherregal gezogen. Inzwischen erscheint es weniger originell, doch scheint es mir die damalige Frauenrolle und den Protest dagegen recht gut zu beschreiben, und ich halte es gut für möglich, dass noch heute Frauen etwas prominenterer Politiker sich in einer - mit Ausnahme der Exzesse des Mannes in Beleidigungen und Gewalttätigkeiten - recht ähnlichen Situation der Abwertung befinden.

Das Buch von Agnelli steht noch heute in meinem Bücherregal, wohl wegen der prominenteren Person und dem originelleren Schicksal. Doch ich habe es seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen. Aus "Ich bin Ich" würde ich gern ein paar charakteristische Zitate wiedergeben, doch es gibt Dringlicheres. 

Der Tod des Märchenprinzen erschien mir schon damals nicht so originell, doch habe ich auch die Erwiderung von Henning Venske, die damals unter einem Pseudonym erschien. Diese Bücher gehören für mich ganz einer überholten Zeit an. Die Klage Svende Merian fand ich (meiner Erinnerung nach) etwas übertrieben. (Warum hast du ihn denn zum Märchenprinz gemacht?) Aber ich habe kein Bedürfnis mehr, dem nachzugehen, während "Ich bin Ich" mich durchaus noch in meiner Männerrolle als alter weißer Mann herausfordert. 

Die Rolle der Generationen nach den Baby-Boomern scheinen mir mehr durch eine Überforderung der Frauen in der Doppelrolle gekennzeichnet als durch eine Herabwürdigung der Frau. Bedauerlich, dass aufgrund der doppelten Vereinnahmung der Eltern durch die Arbeitgeber das politische Engagement zurückgegangen zu sein scheint, während mit dem Klimaaktivismus wichtiges neues politisches Engagement geweckt zu sein scheint.

Zum Inhalt von "Ich bin ich" und jetzt auch einige ausführliche Zitate:

Ich bin eine einzige Wunde

"Ich war in Sportvereinen aktiv, als Leistungsschwimmerin und bei den Bergsteigern als Spezialistin für gefährliches Klettern geschätzt. Ich fühlte mich so wie ich war akzeptiert: Alle mochten mich im Handpuppenlehrgang, niemand fragte im Theaterkurs nach meiner Herkunft, in den Volkstanzgruppen war das Heimkind Judith die begehrteste Partnerin.

Ich stand in dem Ruf, eine zu sein, die auf jeden Fall jeden abblitzen lässt." (S.9)

Von meinen Verehrern gefiel mir Wolfgang am besten. Wir hatten uns im Schwimmbad kennengelernt. Er hat zugeschaut, wie ich den mir anvertrauten schwer erziehbaren Jungen Salto vorwärts und rückwärts vorgeführt und mit ihnen Fangen unter Wasser gespielt habe. Er hat mein 'pädagogisches Geschick' gelobt: Es sei mir gelungen, aus den gefürchteten Bengeln die jugendliche Prestigegruppe im Schwimmbad zu machen. Er hat mit mir von Kamerad zu Kamerad gesprochen und sich an den Schwimmspielen meiner Gruppe von Heimkindern beteiligt. Ich sei eine einmalig gute Erzieherin, hat er mir immer wieder versichert. Und es hat mir gefallen, dass seine Anerkennung meinen beruflichen Fähigkeiten und nicht etwa, wie die der meisten anderen Verehrer, meiner 'tollen Figur' galt." (S.10)

"Immer wieder hat er das Gespräch auf meine Familie gebracht. 'Was haben sich deine Eltern eigentlich dabei gedacht, ein so begabtes Mädchen wie dich in die Hauptschule zu tun?'

Ich habe allmählich den Eindruck gewonnen, dass er mir nicht auf billige Weise schmeicheln wollte, wenn er mir etwas Gutes über mich sagte. 'Wolfgang schätzt mich wirklich', habe ich in mein Tagebuch geschrieben, 'ihm kann ich vertrauen.' (S.11)

" 'Wolfgang ist ein aufrichtiger und guter Mensch', habe ich in mein Tagebuch geschrieben, 'mit ihm kannst du es tun.' 

Es habe ich geschrieben, und ich habe mich nicht darauf gefreut. Ich war verliebt in Wolfgang, und ich wollte es lieber mit ihm als mit einem anderen tun, aber am liebsten hätte ich es unterlassen und ihn weiterhin als meinen besten Freund getroffen. [...]

Schon als kleines Kind habe ich begriffen, dass mit 'Männern was haben' etwas Unanständiges ist.

Der Leitfaden meiner Kindheit war die Scharm. Ich habe mich meiner Mutter geschämt, ich habe mich unserer Armut geschämt, ich habe mich meines rissigen Rockes geschämt, ich habe mich meiner schlechten Zensuren wegen geschämt. Ich habe mich geschämt, geschämt, geschämt, und ich habe mich schuldig gefühlt.

Als wir es begannen, habe ich mich entsetzlich meiner Nacktheit geschämt. Noch nie hatte ich jemanden erlaubt, mich anzufassen, immer hatte ich das Herumschmusen als meiner unwürdig abgelehnt. Ich war vollkommen unberührt, und mein Körper hat sich wahnsinnig verkrampft. Es ist uns nicht gelungen. (S. 12/13)

Nach diesem Misserfolg, den ich selbstverständlich mir angelastet habe, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Frauenarzt aufgesucht. [...Er meinte beruhigend] "Er werde mir eine Gleitflüssigkeit verschreiben: 'Was mir schon eher Sorgen macht, das ist ihre unterentwickelte Gebärmutter. Wenn sie mal ein Kind haben wollen, kommen Sie bitte vorher zu einer kleinen Voruntersuchung.'

Aus dieser Empfehlung habe ich mit meiner Naivität die Schlussfolgerung gezogen, dass ich ohne 'Vorbehandlung' nicht schwanger werden könne und dass deswegen keine Vorsichtsmaßnahmen zu treffen seien. Zwei Monate später blieb meine Regel aus. Meine Schwangerschaft war ein Irrtum." (S.13)

Sie und Wolfgang heiraten. Wegen des Kindes ist sie zu Hause angebunden. Er führt uneingeschränkt durch die Erwartungen seiner Familie ein ungebundenes Studentenleben. Nur selten gehen sie gemeinsam aus. Als sie einmal nach der Rückkehr das Kind verkrochen unter dem Bett auffinden fühlt sich sich schuldig. Doch das Kind, das ihr jede Freiheit nimmt, kann sie nicht annehmen. Sie denkt an Scheidung, weil sie sich ihm dann nicht mehr unterordnen müsste. Als sie mitbekommt, dass er fremdgeht, ist ihr Selbstbewusstsein so getroffen, dass sie versucht, ihn zu halten. Doch bekommt sie Depressionen.

Als sie einmal gemeinsam ausgehen wollen, die Tochter ist bei der Großmutter, kommt er nicht, wie angekündigt, sie sucht ihn und sieht ihn, wie er sich von einer Freundin verabschiedet. Sie flieht nach Hause, wird ohnmächtig. Als er zurückkommt und sie fragt, was sei, gibt sie ihm eine Ohrfeige und sagt: "Ich bin eine einzige Wunde" und setzt hinzu: "So, und jetzt kannst du gehen. Ich möchte mit meinem Kind in geordneten Verhältnissen leben." (S.35)

Betäubung

Sie bleiben zusammen, er gibt sich Mühe, sie zu halten, und reduziert sein Fremdgehen, kümmert sich "ab und zu" um ihre Tochter Pia. Sie hilft ihm bei der Korrektur seiner Referate. Er nimmt fast alle Verbesserungsvorschläge an. Sie wünschen sich beide ein zweites Kind. Da geht alles gut. Sie kann sich endlich entspannt der kleinen Sarah zuwenden und wendet sich auch Pia mehr zu. Die, dankbar für die Veränderung, "hat sich nie eifersüchtig gezeigt, sondern sich eifrig an Sarahs Betreuung beteiligt. Noch heute fühlt sie sich für 'die Kleinen' verantwortlich." (S.41)

Einschub:

Nachzuholen ist hier, was auch im Buch - freilich an früherer Stelle - nachgeholt wurde, in der Fassung, die Elisabeth Dessai nach Judith Jannenbergs Tonbandbericht aufgezeichnet hat. 

Auch wenn Judith unter dem Makel des "Heimkindes" litt, ging es ihr objektiv besser als vielen Kindern in schwierigen Familien. Denn als sie - wegen der Kosten für das Heim - von ihrem Vater in dessen neue Familie aufgenommen wird, fühlt sie sich "mißachtet und fremd". (S.16)  Sie bekommt Lungentuberkulose und verbringt ein Jahr im Lungensanatorium. Dort werden alle  als gleichberechtigte Patienten behandelt. "Wenn differenziert wurde, dann nach dem Untersuchungsbefund. [...] Ich habe mich in philosophische Bücher hineingekniet und einen siebzigjährigen Herrn gefunden, der bereit war, mit mir Hegel durchzunehmen und sich ohne Ironie mit meinen mystischen Anwandlungen auseinanderzusetzen." (S.16)

Gesundet überspringt Judith eine Klasse, trainiert eisern Rückenschwimmen und wird so zur Leistungssportlerin. 

"Ich war froh, dass mein Vater nach meiner Tuberkulose den Plan, mich in seine neue Familie aufzunehmen, aufgegeben hatte. Tante Alberta hat mich in ihre großen Arme geschlossen: 'Wie froh bin ich, dass du wieder bei uns bist.'
Als ich mich gerade wieder eingelebt hatte, erschien meine Mutter am Heimtor, um mich in ein Eiscafe einzuladen. Die Heimleiterin hat nur genickt: der Sonntagsspaziergang mit den Eltern stand uns zu. Aber ich habe meine Mutter abgewiesen: 'Du hast dich nie um mich gekümmert, lass mich jetzt in Ruhe!" Ich habe ihr erklärt, dass meine Familie das Heim sei und dass ich sie nie wieder sehen wolle.
Meine Mutter hat geweint, aber sie hat mir nicht leid getan. Ihre Klagen über den unerträglichen Ehemann haben mich nicht beeindruckt: 'Warum warst du denn auch tagsüber weg, wenn er in der Arbeit war?!' Ich wollte ein 'sauberes' Leben führen und mit dieser 'lockeren' Person nichts mehr zu tun haben. 'Scher dich zum Teufel!' habe ich geschrien als sie mich unterhaken und mitziehen wollte, 'ich habe keine Zeit für Ballsängerinnen!''
Als Jugendlicher habe ich jeden zu tiefst verachtet, der mit mir zu einem 'Wochenendtanz' gehen wollte.[...] 
Ich bin Volkstanzen gegangen. Der Volkstanz war für mich eine Form des 'sauberen Tanzens'. In der Volkstanzgruppe konnte ich meine Musikalität und meine Bewegungslust ausleben, ohne in eine schwüle Atmosphäre zu geraten. [...] es ging um das Tanzen als solches, ich brauchte keine Angst zu haben, sexuell belästigt zu werden." (S.16/17)

In der Phase, als sie sich trotz ihrer Depressionen bemüht, sich ihrer Tochter zuzuwenden und zu ihrem Mann "lieb" zu sein, versetzt ihr eine erneute Schwangerschaft einen Schock, und sie beschließt, unbedingt abzutreiben. Ihrem "tief religiös"em 'Frauenarzt sagt sie:  "Ich werde mich eher umbringen, als noch ein Kind in die Welt zu setzen!" (S.31) Daraufhin vermittelt er sie einem Kollegen, der sie fast kostenlos behandelt. Nach der Abtreibung wartet sie vergeblich auf ihren Mann, nimmt ein Taxi und fährt nach Hause. Während sie in der Kindheit auf irgend etwas Gutes gewartet hatte, verkehrte sich dieses Warten "nach meiner Heirat in ein Warten auf die Angst". (S.33)
Ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Sarah war Judith wieder schwanger und dachte sofort an Abbruch. Doch nach den positiven Erfahrungen mit Sarah ist ihr "der Gedanke, drei Kinder zu haben, nicht unangenehm". (S.41) Ihr Mann freut sich. "Wir haben auf unser drittes Kind ein Glas Sekt getrunken. Wolfgang hat mich lieb in die Arme genommen: "Wir sind eine glückliche Familie." (S.41)

Vernichtung

Nach dem dritten Kind gibt Judith ihre Arbeit auf. So wird sie von ihrem Mann ökonomisch abhängig.
"Seitdem ich nur noch Ehefrau war, wurde ich immer deutlicher als Zubehör behandelt." (S.43)
Mit drei Kindern und am Stadtrand im 9. Stock ohne Auto fühlt sich Judith isoliert und verliert die Selbstachtung. Ihr Mann steigert sich in immer größere Beleidigung hinein und beginnt, sie zu verprügeln. Als sie erfährt, dass er ein dauerhaftes Verhältnis hat, bietet sie ihm an, 
"sich eine Woche Zeit zu lassen für die Entscheidung zwischen der Geliebten und der Familie.

Ich bin mit den Kindern in die Berge gefahren, und meine Wohnungsnachbarin hat mich begleitet.

Nicole war nach meiner ersten körperlichen Züchtigung meine Vertraute geworden. Ich war schon früher manchmal mit meinen Sorgen zu ihr gegangen, worüber sich mein Mann jedes Mal maßlos empört hatte [...]

Nicole ist mit mir und den Kindern in die Berge gefahren. Ich habe geweint und geweint, aber sie hat mich nicht tröstend zu stoppen versucht. Sie hat mich geduldig ausweinen lassen und dann angefangen, meinen Ehemann zu zerpflücken" (S.58/59)

Und dann versucht sie, sie aufzubauen.

Während dieser Woche Urlaub ist der Mann ausgezogen und zu seiner Freundin gezogen.

Belebung

Ihre Freundin Nicole bringt sie trotz dieses Schocks dazu, wieder aktiv zu werden und Mütterschulungen zu halten. Die darauf folgende Anerkennung baut sie weiter auf. Auch die Kinder freuen sich über die Veränderung. Ein Referent des katholischen Bildungswerks, der über die "Rechte von Ehefrauen und Geschiedenen" spricht, trifft sich danach mit ihr bis in die Nacht. Es folgt ein achtjähriger Briefaustausch, in dem sie statt ihrem Tagebuch jetzt ihm ihre Sorgen und Selbstbetrachtungen anvertraut. (S.76)

Hier ist der Platz, auf eine Besprechung des Buches zu verweisen, die spätere Passagen des Buches zitiert und das Pseudonym Judith Jannenberg auflöst.

Die weiteren Kapitel:

Aufbruch, S.79-126

Kampf, S.127-178

Ich bin Ich, S.179-199

Nachwort von Judith Jannenberg, S. 201-203

Darin: Alles Private ist politisch

Frauenrolle  Die Männerrolle kommt in meinen Blogartikeln auch vor, aber weit seltener. Hier etwas zu Männerphantasien und die Fragwürdigkeit der hehren Formulierung "Die Würde des Menschen ist unantastbar" (GG Art.1 (1))

In Gottfried Kellers Roman mit stark autobiographischen Zügen  "Der grüne Heinrich" findet sich eine drastische "Erzählung dazu, wie es sich auswirkt, wenn eine Frau die Männerrolle übernehmen will: Ein Henkersknecht hat den Scharfrichter vergiftet, so dass der schwer krank darnieder liegt. Dessen Frau verkleidet sich als Mann, um den Auftrag, der an ihren Mann ergangen ist, zu übernehmen. Sie wird aber erkannt und schimpflich aus der Stadt vertrieben. Um sich ein Auskommen zu sichern, heiratet sie, als ihr Mann stirbt,  den Henkersknecht, der ihren Mann vergiftet hatte." (Keller: Der grüne Heinrich)

Gottfried Keller lebte, unverheiratet, mit seiner Schwester zusammen. In seinen Briefen an Storm schildert er, was für Ärger seine Schwester hat, wenn Storm einen unterfrankierten Brief an Keller schickt, weil er nicht daran gedacht hat, dass die Schweiz Ausland ist.

Hier einige Namen:

Rut Brandt

Herbert Wehner

Margaret Thatcher

Joschka Fischer

Gerhard Schröder

Hillary Clinton

Michelle Obama

Angela Merkel

Ob ich noch mehr zum Buch und zum Thema schreibe, wird sich zeigen.

06 Juli 2021

Juli Zeh: Neujahr, 2018

 Rezension femundo.de:

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen.

Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung.

Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern.

Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder.

Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon.

Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés.

Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen. Etwas so Furchtbares, dass er es bis heute verdrängt hat …

Urlaub im Scheibenhaus

Die Geschichte beginnt mit einem stinknormalen Familienurlaub. Gebucht mit großen Erwartungen, aber die Realität fällt stark ab.

Daheim hatte Hennig von großen Villen geträumt, einsam gelegenen Anwesen, deren Mauern sich strahlend weiß aus dunklen Bergen erheben. Doch letztlich ist es nur ein Scheibenhaus geworden: ein funktionales Reihenhaus, eine schmale Scheibe Urlaubsglück. Dort verbringen Henning, Theresa und die Kinder ihre Tage genauso wie daheim – jedoch mit deutlich weniger Komfort.


An Neujahr ist Henning endgültig sauer. Er hatte gehofft, Theresa im Urlaub wieder näher zu kommen. Aber auf der Silvesterparty warf sie sich einem Fremden an den Hals. Der Frust bringt Henning auf die Palme und schließlich auf den Berg von Fémes.

Als er am Gipfel zusammenbricht, gleitet er in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Realität. Er erinnert sich an die große Tragödie, die er als Kind hier erlebt hat: Tage grenzenloser Überforderung und tiefschwarzer Angst.

Mit dem Erreichen des Gipfels zerfällt auch das Buch in zwei Teile. Beide Hälften erzählen eine eigene Geschichte, die nur lose miteinander verbunden sind. Hennings Dé­jà-vu wirkt ein recht konstruiert und die Erklärung der Panikattacken ein wenig zu geradeaus. Aber dafür wird es ungemein spannend. Der Roman steigert sich zu einem intensiven Drama, in dem der alleingelassene Henning verzweifelt um das Leben seiner Schwester kämpft.

Zwei Familiengeschichten in einem Buch. Eine normale und eine außerordentliche. Gute Unterhaltung mit viel Lanzarote-Flair.

Rezension Deutschlandfunk: Trauma und Panik auf Lanzarote


Fontanefan:

Juli Zeh zeigt die Spannung auf, in die insbesondere die heutige Frauenrolle führt. Die Verantwortung für das Kind zu haben und dabei gleichzeitig die Anforderungen an ein völlig selbstbestimmtes Leben erfüllen zu sollen. Die Überforderung, die das bedeutet, wird in der Haupthandlung durch den älteren Bruder verdeutlicht, der durch den Ausfall der Eltern schlagartig in die Rolle des Haushaltungsvorstands versetzt wird und daran scheitert. In der Nebenhandlung wird an den Eltern von Therese (vergleiche dazu Therese in Wilhelm Meister) angedeutet, dass die neue Konstellation bei den Eltern Erwartungen an die Unterstützung durch die relativ fitten Großeltern entstehen lässt, die über die hinausgehen, die bei einer Mutter als Nur-Hausfrau bestanden. Dass die Eltern der Mutter diese Erwartungen eklatant nicht erfüllen, führt zu einer kleinen Einigkeit der Ehepartner.

Wie schon in Corpus Delicti (der Roman über eine Gesundheitsdiktatur) hat auch dieser Roman Zehs durch die Coronapandemie an Bedeutung hinzugewonnen, weil mit der Verbindung von Home-Office und Homeschooling die Überforderung beider Elternteile noch zu genommen hat.
Dass Juli Zeh schon 2018 den Ausdruck Home-Office aufgreift, verleiht auch diesem Roman einen Hauch von Prophetie, wie er Corpus Delicti seit der Pandemie noch weit deutlicher anhaftet.