08 April 2026

Barbara Honigmann: Mischka. Drei Porträts

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"Eigentlich war es kein Kreis, eher ein Kosmos, ein Universum, das mich in meiner Kindheit und Jugend umstrahlte." Barbara Honigmann erzählt vom Leben und Überleben der Freunde ihrer Eltern, die den Lagern der Nazis und des Gulag entkamen. Junge jüdische kommunistische Intellektuelle, die für ihre Ideale teuer bezahlten und von denen einige doch immer wieder Auswege fanden. Mischka zum Beispiel brachte in ihrer Moskauer Zweizimmerwohnung in den Siebzigerjahren Dichter und Dissidenten zusammen, die dem Sowjetregime die Stirn boten. Vor dem Hintergrund der mörderischen Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts bestechen diese mitreißend erzählten Erinnerungen an Bekannte, Gefährten, geliebte Menschen vor allem durch ihre Freundlichkeit, ihre Wärme, ihren Witz.
Inprekorr

Leseprobe
"[...] Mischka allerdings war von der Partei nach Moskau zurückbeordert worden, und damit war ihr ein noch schrecklicheres Schicksal beschieden, denn als die Freunde, die in den westlichen Exilen überlebt hatten, nach dem Ende des Krieges wieder zurückkehrten, musste Mischka in Sibirien noch zehn Jahre auf das Ende ihrer Verbannung warten. [...]
Im Jahre 1967 brachten die Freunde aus Wien das im Westen gerade auf Deutsch erschienene Buch Marschroute eines Lebens von Jewgenija Ginsburg mit. Der erste Satz lautet: »Das Jahr 1937 begann genau gesagt schon 1934. Genauer gesagt, am 1. Dezember 1934. Morgens um vier schrillte das Telefon.« Es gibt nicht viele Bücher, von denen ich sage, sie hätten mein Leben verändert, aber dieses griff wirklich in mein Leben ein, ja, es klärte mich mit der langen Erzählung der Odyssee von Verhaftung und Zuchthaus, Einzelhaft und Folter, Deportation und Zwangsarbeit im Gulag in Workuta, Kolyma, Magadan auf. [...]

Jewgenija Ginsburg war eine enge Freundin von Mischka, und Mischka, die nach der Verbannung nun wieder in Moskau lebte, hatte, wie einige andere Freunde auch, das Manuskript der Marschroute mit drei, vier Durchschlägen abgetippt und weiterverteilt an Freunde, die es jeweils auch wieder mit drei, vier Durchschlägen abtippten, so dass es dann zunächst im Samisdatsam heißt auf Russisch selbst, also im Selbstverlag erschien, bevor es im Tamisdattam heißt dort, also im Ausland gedruckt wurde, zuerst in Italien und dann bald auch in verschiedenen Übersetzungen und 1967 eben auch auf Deutsch erschien.

Das erfuhr ich natürlich erst später, als Mischka es mir in ihrer Küche erzählte, in der auch oft Jewgenija Ginsburg mit herumsaß.  [...] 

Mischka, ihrer alten Komintern-Freundin und Genossin, nicht nur den Zugang zu meinen Theaterforschungen erleichtern, sondern auch den zu dieser anderen Sphäre in der sowjetischen Welt ermöglichen, der verdeckten, ja dissidentischen, die ansonsten im Dunkeln blieb. Im Übrigen fuhr Hilde nie nach Moskau, keiner aus dem Kreis der alten Freunde fuhr je nach Moskau; diese Stadt, dieses Land, die Sowjetunion, der doch früher ihre ganze Liebe galt, hat keiner von ihnen je betreten.

Mischka in Moskau war die erste Person, die mir nach der Lektüre von Jewgenija Ginsburgs Buch nun sozusagen leibhaftig die schwarze Sphäre des kommunistischen Kosmos eröffnet hat, die von den alten Freunden wenn nicht geleugnet, so doch eher beschwiegen wurde, ähnlich der jüdischen Sphäre, als ob diese beiden Aspekte den Raum ihres weiten Kosmos einschränkten. Eine neue Topografie eröffnete sich mir, die Ortsnamen Workuta, Kolyma, Magadan fügten sich nun zu denen, die ich mein ganzes Leben vorher gehört hatte,"

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