https://www.perlentaucher.de/buch/barbara-honigmann/mischka.html
Jewgenija Ginsburg war eine enge Freundin von Mischka, und Mischka, die nach der Verbannung nun wieder in Moskau lebte, hatte, wie einige andere Freunde auch, das Manuskript der Marschroute mit drei, vier Durchschlägen abgetippt und weiterverteilt an Freunde, die es jeweils auch wieder mit drei, vier Durchschlägen abtippten, so dass es dann zunächst im Samisdat, sam heißt auf Russisch selbst, also im Selbstverlag erschien, bevor es im Tamisdat, tam heißt dort, also im Ausland gedruckt wurde, zuerst in Italien und dann bald auch in verschiedenen Übersetzungen und 1967 eben auch auf Deutsch erschien.
Das erfuhr ich natürlich erst später, als Mischka es mir in ihrer Küche erzählte, in der auch oft Jewgenija Ginsburg mit herumsaß. [...]
Mischka, ihrer alten Komintern-Freundin und Genossin, nicht nur den Zugang zu meinen Theaterforschungen erleichtern, sondern auch den zu dieser anderen Sphäre in der sowjetischen Welt ermöglichen, der verdeckten, ja dissidentischen, die ansonsten im Dunkeln blieb. Im Übrigen fuhr Hilde nie nach Moskau, keiner aus dem Kreis der alten Freunde fuhr je nach Moskau; diese Stadt, dieses Land, die Sowjetunion, der doch früher ihre ganze Liebe galt, hat keiner von ihnen je betreten.
Mischka in Moskau war die erste Person, die mir nach der Lektüre von Jewgenija Ginsburgs Buch nun sozusagen leibhaftig die schwarze Sphäre des kommunistischen Kosmos eröffnet hat, die von den alten Freunden wenn nicht geleugnet, so doch eher beschwiegen wurde, ähnlich der jüdischen Sphäre, als ob diese beiden Aspekte den Raum ihres weiten Kosmos einschränkten. Eine neue Topografie eröffnete sich mir, die Ortsnamen Workuta, Kolyma, Magadan fügten sich nun zu denen, die ich mein ganzes Leben vorher gehört hatte,"
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