15 April 2026

Agnes Sapper: Die Familie Pfäffling

Das Buch hat einen starken pädagogischen Impetus, aber als Kind und später als Jugendlicher habe daran nie Anstoß genommen. 
In der Wikipedia heißt es über sie und ihre Wirkung:
"Während Meyers Lexikon 1927 von Sappers „gesunder sittlicher Weltanschauung“ sprach[7], ließ der Kinderbuchautor James Krüss 1992 kaum ein gutes Haar an der Bestsellerautorin. Sie sei puritanisch, ordnungsliebend, staatstragend, im Krieg auch chauvinistisch. Dorothea Keuler schwächte ab: „Kinderbuchexperten von heute würdigen ihre Sensibilität für soziale Probleme, ihr einfühlendes Verständnis für das, was in einer Kinderpsyche vorgeht. Eine Anwältin des Kindes ist sie bei aller Liebe dennoch nicht. Ihre Erzählungen stärken die Autorität der Eltern. Auf kindliche Bedürfnisse und Erfahrungen eingehend, bringt sie ihren Lesern den Elternstandpunkt nahe. Die Parteinahme fürs Kind ist nachfolgenden Autorengenerationen vorbehalten. Doch anders als die wilhelminische Rohrstockpädagogik will Agnes Sapper Gehorsam aus Einsicht und aus Liebe erreichen. All die kleinen und größeren Alltagskrisen werden mit einem Maximum an gutem Willen von Seiten aller Beteiligten gelöst.“[2]"
 Die folgenden Textausschnitte sind so gewählt, dass sich ein pädagogisches Problem andeutet und man sich überlegen kann, wie Sapper es behandeln wird. Hier das Link zur Textfassung bei Projekt-Gutenberg.org
1. Kapitel
Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in die äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die Infanteriekaserne, sehen den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz. Aber vor diesem, etwas zurück von der Straße, steht noch ein letztes Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem Schreiner Hartwig, bei dem der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie in Miete wohnt. [...]
8. Kapitel

Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute ist Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an keinem anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht und gern aus den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so dienstfertig und hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch der Mutter helfen aus Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um 6 Uhr mit der Bescherung fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob gerne eines der Kinder dem andern die Pflicht zu, aufzumachen, wenn geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um die Wette, wenn die Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas Besonderes erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der treuen Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht hätte.

Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der etwas holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus dem Nebenhaus, die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die allerlei zurechtgelegt war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber damit war Frau Pfäffling nicht einverstanden. »Marianne,« sagte sie, »führt ihr die Kleinen in euer Stübchen und spielt ein wenig mit ihnen, bis ich sie wieder hole.« Als die Kinder weg waren, sagte Frau Pfäffling: »Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst sehen sie ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?« »Ach,« entgegnete die Frau, »darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder nehmen es, wenn sie's kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken will, sie kommen doch dahinter und dann betteln sie und lassen einem keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut. Bis Weihnachten kommt, ist auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa Gutes für sie bekommen hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen Leuten, aber bei uns war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend.« [... ]

11. Kapitel

Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte täglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß des russischen Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So mußte die russische Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle.

Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar zu sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich handelte und sagte: »Der General hat vor seiner Abreise alle geschäftlichen Angelegenheiten aufs pünktlichste geregelt und großmütig jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so werden auch sie ihn kennen gelernt haben.«

»Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt, seine Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie das Honorar überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern würden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, daß es von Berlin aus geschehen werde?«

»Nein, nein, nein,« erwiderte lebhaft Herr Meier. »Man reist nicht ab, ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die Rede, das haben die Söhne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das Geld ist in den Händen der jungen Herrn hängen geblieben, das geht aus allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie sind etwas leichtsinnig, die Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die Abreise sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die Eltern schon über der russischen Grenze wären. [...]"

14. Kapitel

Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.

Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des Elternhauses entfremdet würde. [...]


In der Fortsetzung der "Familie Pfäffling" ("Werden und Wachsen") bin ich zunächst einfach der Handlung gefolgt, doch die Art, wie sich die deutsche Familie dort in der fremden Umgebung (Deutsch-Südwestafrika) zu bewähren versucht, war mir etwas fremd.
Heute würde ich sie mit der Art, wie in gutefrage.net über die "Almans" gesprochen wird, vergleichen. Die Verunsicherung, die Migranten in einer anderen kulturellen Umgebung erfahren, drückt sich da nicht selten dadurch aus, dass die Almans als eine Art Mangelwesen angesehen werden. Wer sich in fremder Umgebung behaupten will, tendiert vielleicht dazu, um seiner eigenen Verunsicherung zu begegnen.
Agnes Sapper war meiner Kenntnis nie in Afrika.
 


14 April 2026

Gullivers Reisen

 Titelseite 

Gullivers Reisen

Prosa Schriften. Vierter Band

Berlin 1910

Erich Reiss Verlag

Reisen in mehrere ferne Nationen der Welt

in vier Teilen

von Lemuel Gulliver, erst Arzt, dann Kapitän mehrerer Schiffe


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Neubuch. Erhältlich in unserem Shop und im Buchhandel
:

Taschenbücher
Gulliver‘s Reisen. Band 1: Reise nach Lilliput und Reise nach Brobdingnag. 230 Seiten. ISBN: 9783739011240.

Gulliver‘s Reisen. Band II: Reise nach Laputa und Reise in das Land der Hauyhnhnms. 212 Seiten. ISBN: 9783739011257.

Je Band 11,90 EUR

Irland. 368 Seiten. ISBN: 9783739010847. 15,99 EUR.

Einleitung

Die Geschichte von »Gullivers Reisen«, einem der berühmtesten unter den ganz grossen Büchern der Weltliteratur, ist die Geschichte einer Reihe von Verstümmelungen, angefangen von der ersten Ausgabe des Jahres 1726.

Mit andern Worten: der eigentliche Text, den Swift schrieb, ist bis zum Jahre 1905 niemals wortgetreu erschienen.

Jener berühmte »Brief des Kapitäns Gulliver an seinen Vetter Sympson«, den man lange Zeit als eine jener Mystifikationen ansah, die Swift so sehr liebte, ist, soviel steht heute fest, getragen von einer wirklichen, ehrlichen Entrüstung gegen den »Interpolatoren«, der den ersten Druck besorgte. Auslassungen, Änderungen und Einschiebsel: gleich in der editio princeps blieb dem Werk nichts davon erspart. Und dieses Beispiel scheint ein schlimmes Omen für die folgenden Jahrhunderte geworden zu sein. – [...]


Der Reisen vierter Teil.

Eine Reise ins Land der Houyhnhnms.

Tafel VI




Kapitel I  (29)

Der Verfasser bricht als Kapitän eines Schiffes auf. Seine Leute verschwören sich wider ihn und sperren ihn lange Zeit in seiner Kabine ein; sie setzen ihn an einer unbekannten Küste ans Land. Er reist landeinwärts. Schilderung der Yahoos, einer wunderlichen Art Tiere. Der Verfasser begegnet zwei Houyhnhnms.

Ich blieb etwa fünf Monate lang bei meinem Weibe und meinen Kindern zu Hause, und ich wäre sehr glücklich gewesen, wenn ich hätte lernen können, zu wissen, wann mir wohl war. Ich liess mein armes Weib schwanger zurück und nahm ein günstiges Gebot an, das mich zum Kapitän des Adventurers machte, eines stattlichen Kauffahrers von dreihundertfünfzig Tons. [...]


Kapitel XII (40)

Von des Verfassers Wahrheitsliebe. Seine Absicht bei der Veröffentlichung dieses Werkes. Tadel jener Reisenden, die von der Wahrheit abweichen. Der Verfasser erklärt, dass er keinerlei schlimme Ziele verfolgte, als er schrieb. Wiederlegung eines Einwandes. Die Methode der Gründung von Kolonien. Lob seiner Heimat. Das Recht der Krone an die vom Verfasser geschilderten Länder wird anerkannt. Die Schwierigkeiten einer Eroberung. Der Verfasser nimmt zum letztenmal Abschied von seinem Leser; er legt die Lebensweise dar, die er in Zukunft beobachten wird, erteilt einen guten Rat und schliesst.

So also, freundlicher Leser, habe ich dir eine treue Geschichte meiner Reisen während einer Zeit von mehr als sechzehn Jahren und sieben Monaten gegeben; ich habe mich darin nicht so sehr des Zierrats der Rede befleissigt wie der Wahrhaftigkeit. Ich hätte dich vielleicht auch wie andre mit wunderbaren, unwahrscheinlichen Märchen erstaunen können; aber ich habe es vorgezogen, dir in der einfachsten Weise und Manier reine Tatsachen zu berichten; denn es war vor allem meine Absicht, dich zu unterrichten, nicht dich zu amüsieren.

Es ist leicht für uns, die wir in ferne Länder reisen, wie sie von Engländern und andern Europäern selten besucht werden, Schilderungen von wunderbaren See- und Landtieren zu entwerfen. Doch sollte es das Hauptziel jedes Reisenden sein, die Menschen weiser und besser zu machen und ihre Seelen zu fördern durch die guten wie die schlimmen Beispiele dessen, was sie über fremde Länder berichten.

Ich könnte von Herzen wünschen, es würde ein Gesetz erlassen, dass jeder Reisende, ehe man ihm erlaubte, seine Reiseschilderungen zu veröffentlichen, vor dem Lord Kanzler beschwören müsste, dass alles, was er drucken zu lassen gedenke, nach seinem besten Wissen unbedingt wahr sei; denn dann würde die Welt nicht mehr betrogen werden, wie sie es in der Regel wird, solange manche Schriftsteller, um ihren Werken beim Publikum leichtern Eingang zu verschaffen, dem arglosen Leser die gröbsten Lügen aufbinden. Ich habe in meiner Jugend mit grossem Vergnügen viele Reisebücher gelesen; doch da ich inzwischen die meisten Teile des Erdballs durchfahren habe und imstande war, vielen fabelhaften Berichten aus eigner Kenntnis zu widersprechen, so hat mich ein grosser Abscheu vor dieser Art Lektüre gepackt, und auch einige Entrüstung, wenn ich sehn musste, dass die Leichtgläubigkeit der Menschheit so schamlos missbraucht wird. Da es meinen Bekannten beliebte, zu glauben, meine armen Bemühungen möchten meinem Lande nicht jeden Beifalls unwert erscheinen, so habe ich es mir zum Grundsatz gemacht, von dem ich nie abweichen dürfte, mich streng an die Wahrheit zu halten. Auch kommt mich nicht die geringste Versuchung an, ihr zu widersprechen, solange ich die Lehren und Beispiele meines edlen Herrn und der andern erlauchten Houyhnhnms vor Augen habe, deren demütiger Zuhörer ich so lange zu sein die Ehre hatte.

. . . Nec si miserum fortuna Simonem

Finxit, vanum etiam, mendacemque improba finget.

Ich weiss sehr wohl, wie wenig Ruhm durch Schriften zu erwerben ist, die weder Genie, noch Gelehrsamkeit, noch irgend welche andern Talente verlangen, es sei denn ein gutes Gedächtnis oder ein genaues Tagebuch. Ich weiss auch, dass Reiseschilderer gleich den Verfassern von Wörterbüchern durch das Gewicht und die Masse derer, die nach ihnen kommen und also zu oberst liegen, in Vergessenheit versenkt werden. Und es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, dass die, die nach mir die in diesem, meinem Werk geschilderten Länder besuchen, dadurch, dass sie meine Irrtümer entdecken (wenn ihrer vorhanden sind) und viele neue eigne Entdeckungen hinzufügen, mich bei Seite stossen und an meine Stelle treten werden, so dass die Welt vergisst, ob ich je etwas geschrieben habe. Das wäre in der Tat eine grosse Demütigung, wenn ich um des Ruhmes wegen schriebe; da aber mein einziges Ziel das ALLGEMEINE WOHL war, so kann ich nicht völlig enttäuscht werden. Denn wer kann von den Tugenden lesen, die ich bei den glorreichen Houyhnhnms geschildert habe, ohne sich seiner eignen Laster zu schämen, wenn er sich als das vernünftige, herrschende Tier in seinem Lande betrachtet. Ich will nichts von jenen entlegenen Nationen sagen, in denen gleichfalls Yahoos herrschen; unter ihnen sind die am wenigsten verderbten die Brobdingnagianer, deren weise Grundsätze in der Moral und der Regierung zu beobachten für uns schon ein Glück wäre. Aber ich enthalte mich weiterer Ausführungen und überlasse lieber den verständigen Leser seinen eignen Anmerkungen und Schlussfolgerungen.

Es freut mich nicht wenig, dass dieses mein Werk unmöglich Tadler finden kann; denn welche Einwände kann man gegen einen Schriftsteller erheben, der nichts berichtet, als einfache klare Tatsachen, wie sie in jenen fernen Ländern vorfielen, in denen wir nicht die geringsten kommerziellen oder diplomatischen Interessen haben. Ich habe mit Sorgfalt jeden Fehler vermieden, den man den meisten Reiseschriftstellern in der Regel mit nur zu viel Recht vorwirft. Ausserdem kümmere ich mich nicht im geringsten um irgend eine Partei, sondern schreibe ohne Leidenschaft, Vorurteil oder Übelwollen gegen jeden Einzelnen und jede Gruppe von Menschen. Ich schreibe zum edelsten Zweck, um die Menschheit zu unterrichten und zu belehren; und ich kann wohl ohne ein Verbrechen gegen die Bescheidenheit, auf einige Überlegenheit ihr gegenüber Anspruch machen, da ich soviel vor ihr voraus habe durch den langen Verkehr unter den gebildetsten Houyhnhnms. Ich schreibe ohne jedes Streben nach Gewinn oder Beifall. Ich lasse nie ein Wort stehn, das wie eine Unehrerbietigkeit aussehn oder den geringsten Anstoss erregen könnte, selbst bei denen, die am leichtesten Anstoss nehmen. Deshalb hoffe ich, dass ich mich mit Recht als Schriftsteller völlig tadelfrei nennen kann, und dass die Scharen der Erwiderer, der Verfasser von Anmerkungen, Beobachtungen, Gedanken, Enthüllungen und Notizen nie imstande sein werden, bei mir Stoff für die Übung ihrer Talente zu finden.

Ich gestehe, man hat mir angedeutet, ich sei als englischer Untertan verpflichtet gewesen, bei einem Staatssekretär gleich nach meiner Heimkehr eine Denkschrift einzureichen, denn alle Länder, die ein Untertan entdecke, gehören der Krone. Doch ich zweifle, ob uns der Sieg über die fraglichen Länder so leicht geworden wäre, wie der über die nackten Amerikaner Fernando Cortez wurde. Die Lilliputaner, scheint mir, verlohnen es kaum, dass man eine Flotte und ein Heer entsendet, um sie zu bezwingen; und ich zweifle sehr, ob es klug oder geraten wäre, es bei den Brobdingnagianern zu versuchen; auch würde sich eine englische Armee kaum sehr wohl fühlen, wenn sie die Fliegende Insel über dem Kopf hätte. Die Houyhnhnms freilich scheinen für den Krieg nicht so gut gerüstet zu sein, denn diese Wissenschaft ist ihnen völlig fremd, zumal wenn sie Schusswaffen gegenüber stehn. Aber wenn ich Staatsminister wäre, so würde ich nie dazu raten, einen Einfall in ihr Land zu unternehmen. Ihre Klugheit, Einigkeit, Furchtlosigkeit und Heimatsliebe würde vollen Ersatz für alle Mängel in der Kriegskunst bieten. Man stelle sich vor, wie zwanzigtausend von ihnen mitten unter ein europäisches Heer sprengen, die Reihen in Verwirrung bringen, die Wagen umstürzen und die Gesichter der Krieger durch furchtbare Schläge mit den Hinterhufen zu Brei zerschlagen! Denn sie würden den Ruf gar wohl verdienen, den man Augustus beilegte: »Recalcitrat undique tutus«. Doch statt Vorschläge zu machen, wie man jene grossherzige Nation erobern könnte, wollte ich lieber, sie wären imstande oder geneigt, eine genügende Anzahl ihrer Einwohner herüberzuschicken und Europa zu zivilisieren, indem sie uns die Grundprinzipien der Ehre, der Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit, der Mässigung, des Gemeinsinns, der Seelengrösse, der Keuschheit, der Freundschaft, des Wohlwollens und der Treue lehrten. Die Namen all dieser Tugenden sind freilich bei uns in den meisten Sprachen noch erhalten, und man findet sie sowohl bei den modernen wie den alten Autoren; das kann ich aus eigner Lektüre versichern.

Aber ich hatte noch einen Grund, der mich weniger bereit machte, Seiner Majestät Besitzungen durch meine Entdeckungen zu erweitern. Die Wahrheit zu sagen, so waren mir ein paar Zweifel inbetreff der Gerechtigkeit gekommen, die die Fürsten bei solchen Gelegenheiten walten lassen. Zum Beispiel: durch einen Sturm wird eine Piratenbande irgendwohin getrieben, sie wissen selbst nicht, wohin; schliesslich entdeckt ein Schiffsjunge vom Mastkorb aus eine Küste; sie gehn an Land, um zu rauben und zu plündern; sie finden ein harmloses Volk, werden freundlich bewirtet, geben dem Lande einen neuen Namen, ergreifen für ihren König förmlich Besitz von ihm, errichten als Gedenkzeichen eine verfaulte Planke oder einen Stein, ermorden zwei oder drei Dutzend der Eingeborenen, nehmen als Probe ein weiteres Paar gewaltsam mit, kehren nach Hause zurück und erhalten Pardon. Hier beginnt nun ein neues Kolonialreich, das erworben ist auf Grund des Anspruchs »göttlichen Rechtes«. Bei erster Gelegenheit werden Schiffe hingeschickt, die Eingeborenen werden vertrieben oder ausgerottet, ihre Fürsten gefoltert, damit sie ihr Gold preisgeben; allen Taten der Unmenschlichkeit und der Gier wird ein Freibrief ausgestellt, die Erde dampft vom Blute ihrer Bewohner; und diese abscheuliche Schlächterbande, die zu einer so frommen Expedition ausgeschickt wurde, ist »eine moderne Kolonie«, ausgesandt, um ein barbarisches und götzendienerisches Volk zu bekehren und zu zivilisieren.

Aber diese Schilderung, das gebe ich zu, trifft keineswegs die britische Nation, die der ganzen Welt wegen der Weisheit, Sorgfalt und Gerechtigkeit, mit der sie Kolonien gründet, als Beispiel dienen kann; freigebig stiftet sie grosse Summen für die Förderung der Religion und Gelehrsamkeit; sie wählt die frömmsten und tüchtigsten Pastoren aus, um das Christentum zu verbreiten; vorsichtig versieht sie ihre Kolonien von diesem Vaterkönigreich aus mit Leuten von nüchternem Leben und Verkehr; streng achtet sie auf die Gerechtigkeit, indem sie die Zivilverwaltung in all ihren Kolonien mit Beamten von höchsten Talenten versorgt, denen die Korruption vollkommen fremd ist; und um all das zu krönen, entsendet sie die wachsamsten und tugendhaftesten Statthalter, die nichts andres im Auge haben, als das Glück des Volks, das sie regieren sollen, und die Ehre ihres Herrn, des Königs.

Da aber diese Länder, die ich geschildert habe, offenbar gar kein Verlangen danach tragen, erobert oder in die Sklaverei geführt, ermordet oder durch Kolonisten vertrieben zu werden, und da sie ferner weder an Gold noch an Silber, an Zucker noch Taback irgendwie reich sind, so dachte ich mir in aller Demut, dass sie kein geeigneter Gegenstand für unsern Eifer, unsre Tapferkeit oder unser Interesse sein könnten. Sollten aber jene, die es näher angeht, für gut befinden, andrer Meinung zu sein, so bin ich bereit, wenn man mich gesetzmässig dazu auffordert, zu versichern, dass vor mir noch kein Europäer je diese Länder besucht hat. Ich meine natürlich, wenn man den Eingeborenen glauben kann; höchstens könnte sich in betreff der beiden Yahoos, die vor vielen Generationen im Lande der Houyhnhnms auf einem Berge gesehn sein sollen, ein Streit erheben.

Was aber die Formalität der Besitzergreifung im Namen meines Herrschers angeht, so ist sie mir nie in den Sinn gekommen; und hätte sie das getan, so würde ich sie vielleicht, wie damals die Dinge für mich lagen, aus Klugheit und Selbsterhaltungstrieb auf eine bessere Gelegenheit verschoben haben.

Nachdem ich so auf den einzigen Einwand geantwortet habe, der je gegen mich als Reisenden erhoben werden kann, nehme ich hiermit Abschied von all meinen höflichen Lesern; und ich werde jetzt wieder in meinem kleinen Garten zu Redriff meine eignen Spekulationen verfolgen und jene ausgezeichneten Lehren in der Tugend zu verwirklichen suchen, die ich unter den Houyhnhnms gelernt habe; ich werde die Yahoos meiner eignen Familie unterrichten, so weit ich in ihnen gelehrige Tiere finden werde, und mir meine eigne Gestalt oft im Spiegel besehn, um mich, wenn möglich, mit der Zeit daran zu gewöhnen, dass ich den Anblick eines menschlichen Wesens wieder ertrage; ich werde beklagen, dass die Houyhnhnms in meiner Heimat so vernunftlose Tiere sind, werde sie aber stets mit Achtung behandeln, und zwar um meines edlen Herrn, seiner Familie und seiner Freunde und des ganzen Geschlechts der Houyhnhnms willen, denen unsre Houyhnhnms in all ihren Zügen zu gleichen die Ehre haben, so sehr sie auch in ihrem Intellekt entartet sind.

Ich habe in der letzten Woche meinem Weibe zum erstenmal wieder erlaubt, mir bei Tische am andern Ende einer langen Tafel Gesellschaft zu leisten und (doch in äusserster Kürze) die wenigen Fragen zu beantworten, die ich ihr stellte. Doch da mir der Geruch eines Yahoo noch immer sehr widerwärtig ist, so verstopfe ich mir stets die Nase gut mit Rauten-, Lavendel oder Tabakblättern. Und obwohl es für einen in den Jahren vorgerückten Mann schwer ist, alte Gewohnheiten abzulegen, so habe ich doch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich später einmal wieder einen Nachbaryahoo in meiner Nähe werde dulden können, ohne mich wie noch jetzt vor seinen Zähnen und seinen Krallen zu fürchten.

Meine Versöhnung mit der Gattung der Yahoos im allgemeinen wäre vielleicht nicht so schwierig, wenn sie sich mit jenen Lastern und Narrheiten begnügen wollten, auf die die Natur ihnen ein Recht verliehn hat. Mich ärgert es nicht im geringsten, wenn ich einen Anwalt, einen Taschendieb, einen Obersten, einen Narren, einen Grafen, einen Spieler, einen Politiker, einen Hurenwirt, einen Arzt, einen Zeugen, einen Bestecher, einen Verräter oder dergleichen sehe; das alles liegt nur in der Natur der Dinge, doch wenn ich einen Haufen Scheusslichkeit erblicke, verzehrt von Krankheiten an Seele und Leib, und wenn der mit Hochmut behaftet ist, so reisst mir sofort jedwede Geduld; auch werde ich nie verstehn, wie sich ein solches Tier mit einem solchen Laster vertragen kann. Die weisen und tugendhaften Houyhnhnms, die im Überfluss alle Auszeichnungen besitzen, wie sie ein vernünftiges Wesen nur zieren können, haben in ihrer Sprache kein Wort für dieses Laster; und ihre Sprache hat überhaupt keine Ausdrücke für irgend etwas Arges, es sei denn die, mit denen sie die scheusslichen Eigenschaften ihrer Yahoos bezeichnen; und unter diesen wiederum sind sie nicht imstande, die Eigenschaft des Stolzes zu erkennen, weil sie dazu die menschliche Natur, wie sie sich in andern Ländern zeigt, wo dieses Tier herrscht, nicht gründlich genug verstehn. Ich aber, der ich mehr Erfahrung hatte, konnte deutlich einige Rudimente davon unter den wilden Yahoos erkennen.

Aber die Houyhnhnms, die unter der Regierung der Vernunft leben, sind auf die guten Eigenschaften, die sie besitzen, so wenig stolz, wie ich es darauf sein könnte, dass mir nicht ein Arm oder ein Bein fehlt, denn dessen könnte sich kein Mensch rühmen, solange er bei Verstande ist, wiewohl er ohne sie elend wäre. Ich verweile auf diesem Gegenstand so lange, weil ich wünsche, die Gesellschaft eines englischen Yahoo auf jede Weise zu etwas nicht ganz Unerträglichem zu machen; und deshalb flehe ich hier alle an, die auch nur eine Spur dieses widersinnigen Lasters besitzen, dass sie sich nicht anmassen mögen, mir vor die Augen zu kommen.

Schir Khan in Kiplings Dschungelbuch

 Shere Khan (Schir Khan) setzt sich aus dem Hindi-Wort शेर (sher) für Tiger und dem Herrschertitel Khan zusammen.

Akela im Dschungelbuch

 Akela ist der Anführer des Sioni-Wolfsrudels in Kiplings Dschungelbuch. Als Mogli als Kleinkind vor den Rat der Wölfe am Ratsfelsen gebracht wird, ist es Akela, der nach Befragung des Rudels entscheidet, dass dieser in das Rudel aufgenommen werden darf, und darauf übernimmt Akela die Vaterrolle für Mogli.

11 April 2026

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

 https://www.zeit.de/feuilleton/literatur/2026-04/jenny-erpenbeck-heimsuchung-roman-abitur-klausur/komplettansicht 6.4.2026

"[...] ZEIT: Das Mädchen im Roman, das seine Kindheit in dem Haus am Scharmützelsee verbringt, nennt die Natur dort einen Garten Eden. Hat diese Gegend auch für Sie etwas Paradiesisches?

Erpenbeck: Ich glaube, jede Landschaft kann der Garten Eden für ein Kind sein, wenn es eine unbeschwerte Kindheit hat und auch eine gewisse Freiheit. In meiner Kindheit haben wir Kinder wirklich ganze Tage draußen gespielt. Wir mussten nur zu den Mahlzeiten da sein, ansonsten konnten wir machen, was wir wollten, wir waren völlig frei, kein Erwachsener hat uns überwacht. Ich glaube, so etwas gibt es heute seltener, und das ist eigentlich schade, weil man nur so seine eigenen Erfahrungen sammeln kann. Sicher, man erlebt vielleicht auch mal Situationen, die schwierig sind. Ich bin einmal vom Baum gefallen, da waren natürlich keine Eltern dabei. Aber wie man sieht, habe ich es überlebt.

ZEIT: Was ist passiert?

Erpenbeck: Ich bin auf den Rücken gefallen und habe für einen Moment keine Luft gekriegt, aber dann habe ich mich eben wieder aufgerappelt. Zum Glück war nichts gebrochen. Ich meine, natürlich können Dinge passieren, wenn Kinder allein sind, aber ich fand es sehr schön, dass wir unsere eigenen Ideen entwickeln konnten – in der Natur rumrennen, auf dem Feld Kartoffeln ausbuddeln, Mais essen, Hütten bauen. Wir haben aus Getreidekörnern, die wir am Feldrand gefunden haben, mit ein bisschen Wasser und Salz selber Brot gebacken. Dazu brauchten wir keinen Erwachsenen.

ZEIT: Viele wollen wissen, was an Heimsuchung autobiografisch ist.

Erpenbeck: Das ist meine meistgehasste Frage. Ich würde sagen, das am meisten Autobiografische an dem Buch ist der Schmerz über den Verlust eines Ortes, eines Zuhauses, auch einer Zukunftsaussicht. Es ist ja so, dass meine Familie tatsächlich ein Sommerhaus hatte und ich immer gedacht habe, ich würde da eines Tages wohnen. Das war dann aber nicht mehr möglich, weil es an die Alteigentümer aus dem Westen zurückgegeben wurde. Man muss das nicht zu schlimm bewerten, der Verlust ist zu verkraften, und mir geht es gut. Andere Geschichten, die im Buch erzählt werden, wiegen viel schwerer. Vor allem natürlich die Geschichte des jüdischen Mädchens Doris, bei der die Erinnerung an das Haus für das ganze Leben steht, das sie verliert. Die Geschichte habe ich gründlich recherchiert, ich habe sogar Cousinen von Doris kennengelernt und mit ihnen viele Male gesprochen.

ZEIT: Was kam bei Ihren Recherchen zutage?

Erpenbeck: Ich habe Briefe von Doris gefunden, die ich zum Teil in das Buch aufgenommen habe. Ich habe auch die Eintragung im Grundbuch gefunden, wo die Besitzerwechsel dokumentiert werden. Das war schockierend, weil da in wenigen sachlichen Zeilen die ganze Tragödie enthalten ist. Und dann habe ich in einem Archiv die Packliste gefunden, die die jüdische Familie geschrieben hat, als sie noch dachte, ihr gelingt die Auswanderung nach Brasilien. Das Kinderbett von Doris stand drauf und eine Ziehharmonika und alles Mögliche andere. In einem anderen Archiv habe ich dann die Liste der Versteigerungen genau dieser Gegenstände gefunden. Das war für mich ein schockierender Moment. Auf der zweiten Liste standen ganz akkurat die Namen von den Leuten, die das Eigentum der jüdischen Familie ersteigert haben, und wie viel sie dafür bezahlt haben. Dieses Nebeneinander der beiden Listen hat mich so bewegt, dass ich das ins Buch übernommen habe.

ZEIT: Warum haben manche Figuren persönliche Namen und andere nicht?

Erpenbeck: Ich habe nur an zwei Stellen den Figuren Namen gegeben. Einmal ist es die jüdische Familie, denen habe ich ihre wirklichen Namen gegeben – um die Erinnerung an sie zu bewahren. Und zweitens haben bei mir auch die Leute Namen, die bei der Versteigerung die Dinge dieser jüdischen Familie gekauft haben. Das war mir wichtig, um zu zeigen, dass es konkrete Menschen waren, die davon profitierten, dass die Juden deportiert und ermordet wurden und ihr Eigentum versteigert wurde.

ZEIT: Welcher Teil der Geschichte geht auf Ihre eigenen Kindheitserinnerungen zurück, welcher auf die Geschichte Ihrer Familie?

Erpenbeck: Das Buch umfasst ja 100 Jahre deutsche Geschichte. Aber der Teil, der mir am nächsten ist, sind sicher die letzten Kapitel, insbesondere "Die unberechtigte Eigenbesitzerin", wo davon erzählt wird, wie das Haus an die Alteigentümer zurückgegeben wird und die letzte Bewohnerin das Haus verlässt, bevor es abgerissen wird. Das Buch wäre sicher nicht geschrieben worden, wenn wir unser Sommerhaus nicht an die Alteigentümer hätten zurückgeben müssen. Aber der Abriss war eine literarische Erfindung – als Beispiel dafür, wie es in vielen Fällen im Osten der Neunzigerjahre gelaufen ist, aber auch als grundlegendes Bild für Vergänglichkeit. Nur die eigene Geschichte wiederzuerzählen, reicht eben nicht, auch das reelle Material wird in so einem Buch zur Erfindung, weil es vom Nachdenken strukturiert und zusammengehalten wird. Was mir dabei geholfen hat, das Buch zu schreiben, war die Überlegung, dass es allen Leuten, die an einem solchen, quasi idealen Ort Zeit verbringen, im Grunde genommen ähnlich geht. Sie wollen alle bleiben – und müssen dennoch eines Tages fort und das Haus jemand anderem überlassen. Das ist wie mit unserem Leben insgesamt. Mich hat das erleichtert zu sehen, dass meine Geschichte plötzlich nicht mehr so wichtig ist [...]

ZEIT: Was müsste denn Ihrer Meinung nach in jeder Deutschklausur über das Buch drinstehen?

Erpenbeck: Gar nichts muss da drinstehen. Es gibt keine richtige und keine falsche Interpretation. Ich bin absolut dagegen, dass das Ergebnis eines Aufsatzes von vornherein klar ist. Wie man ein Buch liest oder ein Theaterstück sieht oder ein Kunstwerk anschaut – das kann nur jedem Menschen selbst überlassen sein. Jeder wird es auf andere Weise mit seiner eigenen Erfahrung verbinden. Es kann da nie ein Ziel geben, das man erreichen muss. Deswegen finde ich die Frage falsch gestellt. Ich fände es schön, wenn die Leserinnen und Leser über die Parallelen zu ihrem eigenen Leben nachdächten, über Ortswechsel, Verluste, die sie selber erfahren haben, und wie sie damit umgegangen sind. Das Buch war ja auch für mich eine Art Trauerarbeit. Ein Nachdenken darüber, wie man mit Umbrüchen im Leben umgehen kann. Es geht dabei eben nicht um das Haus als Geldwert, sondern um das Haus als Lebensort. Und wenn die Schüler mit dem Thema einfach etwas Eigenes anfangen, also wenn sie frei sind, in den Aufsätzen ihre Gedanken schweifen zu lassen, dann wäre das ganz in meinem Sinne."

08 April 2026

Barbara Honigmann: Mischka. Drei Porträts

 https://www.perlentaucher.de/buch/barbara-honigmann/mischka.html

"Eigentlich war es kein Kreis, eher ein Kosmos, ein Universum, das mich in meiner Kindheit und Jugend umstrahlte." Barbara Honigmann erzählt vom Leben und Überleben der Freunde ihrer Eltern, die den Lagern der Nazis und des Gulag entkamen. Junge jüdische kommunistische Intellektuelle, die für ihre Ideale teuer bezahlten und von denen einige doch immer wieder Auswege fanden. Mischka zum Beispiel brachte in ihrer Moskauer Zweizimmerwohnung in den Siebzigerjahren Dichter und Dissidenten zusammen, die dem Sowjetregime die Stirn boten. Vor dem Hintergrund der mörderischen Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts bestechen diese mitreißend erzählten Erinnerungen an Bekannte, Gefährten, geliebte Menschen vor allem durch ihre Freundlichkeit, ihre Wärme, ihren Witz.
Inprekorr

Leseprobe
"[...] Mischka allerdings war von der Partei nach Moskau zurückbeordert worden, und damit war ihr ein noch schrecklicheres Schicksal beschieden, denn als die Freunde, die in den westlichen Exilen überlebt hatten, nach dem Ende des Krieges wieder zurückkehrten, musste Mischka in Sibirien noch zehn Jahre auf das Ende ihrer Verbannung warten. [...]
Im Jahre 1967 brachten die Freunde aus Wien das im Westen gerade auf Deutsch erschienene Buch Marschroute eines Lebens von Jewgenija Ginsburg mit. Der erste Satz lautet: »Das Jahr 1937 begann genau gesagt schon 1934. Genauer gesagt, am 1. Dezember 1934. Morgens um vier schrillte das Telefon.« Es gibt nicht viele Bücher, von denen ich sage, sie hätten mein Leben verändert, aber dieses griff wirklich in mein Leben ein, ja, es klärte mich mit der langen Erzählung der Odyssee von Verhaftung und Zuchthaus, Einzelhaft und Folter, Deportation und Zwangsarbeit im Gulag in Workuta, Kolyma, Magadan auf. [...]

Jewgenija Ginsburg war eine enge Freundin von Mischka, und Mischka, die nach der Verbannung nun wieder in Moskau lebte, hatte, wie einige andere Freunde auch, das Manuskript der Marschroute mit drei, vier Durchschlägen abgetippt und weiterverteilt an Freunde, die es jeweils auch wieder mit drei, vier Durchschlägen abtippten, so dass es dann zunächst im Samisdatsam heißt auf Russisch selbst, also im Selbstverlag erschien, bevor es im Tamisdattam heißt dort, also im Ausland gedruckt wurde, zuerst in Italien und dann bald auch in verschiedenen Übersetzungen und 1967 eben auch auf Deutsch erschien.

Das erfuhr ich natürlich erst später, als Mischka es mir in ihrer Küche erzählte, in der auch oft Jewgenija Ginsburg mit herumsaß.  [...] 

Mischka, ihrer alten Komintern-Freundin und Genossin, nicht nur den Zugang zu meinen Theaterforschungen erleichtern, sondern auch den zu dieser anderen Sphäre in der sowjetischen Welt ermöglichen, der verdeckten, ja dissidentischen, die ansonsten im Dunkeln blieb. Im Übrigen fuhr Hilde nie nach Moskau, keiner aus dem Kreis der alten Freunde fuhr je nach Moskau; diese Stadt, dieses Land, die Sowjetunion, der doch früher ihre ganze Liebe galt, hat keiner von ihnen je betreten.

Mischka in Moskau war die erste Person, die mir nach der Lektüre von Jewgenija Ginsburgs Buch nun sozusagen leibhaftig die schwarze Sphäre des kommunistischen Kosmos eröffnet hat, die von den alten Freunden wenn nicht geleugnet, so doch eher beschwiegen wurde, ähnlich der jüdischen Sphäre, als ob diese beiden Aspekte den Raum ihres weiten Kosmos einschränkten. Eine neue Topografie eröffnete sich mir, die Ortsnamen Workuta, Kolyma, Magadan fügten sich nun zu denen, die ich mein ganzes Leben vorher gehört hatte,"

06 April 2026

Monika Maron

 Bisher habe ich von Monika Maron so gut wie nichts gelesen, nur immer etwas über sie und mir von Leuten, die etwas von ihr gelesen haben, etwas darüber berichten lassen. Jetzt habe ich in zwei Zeitungen Auszüge aus ihren Tagebüchern gelesen und versuche,  mit Hilfe von KI das Wichtigste, was ich mir merken sollte, zu den Tagebüchern und zu dem Roman Flugasche festzuhalten.

An sich schätze ich vor allem Autoren, die ihre Personen lieben und die mir dadurch ihrerseits sympathisch werden. Nur bei Autoren, die - in meinen Augen - besondere literarische Qualitäten haben, lese ich gern, auch wenn sie mir unsympathisch sind wie Nietzsche und Thomas Mann. 

So erklärt sich, dass ich in diesem Buch so viel über Christa Wolf geschrieben und wohl noch mehr zitiert habe. In ihrem Fall spielt noch eine besondere Rolle, dass sie in der Zeit, als sie die DDR kritisch darstellte, so hochgeschrieben wurde und nach der deutschen Einigung als eine Art Mitläuferin oder gar Denunziantin des SED-Regimes kritisiert wurde.

Monika Maron ist in manchem ein Gegenbild zu Ch. Wolf, kein Wunder, dass ich sie bisher wenig beachtet habe. 

Daher lasse ich jetzt eine KI sprechen. Vielleicht, dass dann ein gerechteres Bild von ihr entworfen wird:

„Flugasche“ (veröffentlicht 1981 im westdeutschen S. Fischer Verlag) ist der Debütroman der deutschen Schriftstellerin Monika Maron und gilt als ein bedeutendes Werk der DDR-Literatur, das schon früh die systemischen Schwächen des Staates offenlegte.

Hier ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte:

Inhalt und Handlung

Die Protagonistin des Romans ist Josefa Nadler, eine junge, eigenwillige Journalistin in Ost-Berlin. Sie erhält den Auftrag, eine Reportage über die Industriestadt „B.“ (ein Synonym für Bitterfeld) zu schreiben, die für ihre massive Umweltverschmutzung bekannt ist.

Im Zuge ihrer Recherchen stößt sie auf die katastrophalen Zustände durch ein dort ansässiges Braunkohlekraftwerk, das täglich tonnenweise Ruß und „Flugasche“ auf die Stadt niedergehen lässt, was die Gesundheit und Lebensqualität der Bewohner massiv beeinträchtigt.

Zentrale Themen

  • Konflikt mit der Zensur: Josefa steht vor dem Dilemma, das sie aus ihren eigenen Erfahrungen als Journalistin kennt: Sie soll eine ideologisch angepasste, „schöngefärbte“ Version der Realität liefern. Sie verfasst daraufhin zwei Versionen ihrer Reportage – eine offizielle und eine, die die Wahrheit über die Umweltzerstörung und das Leid der Menschen ans Licht bringt.

  • Umweltproblematik: Der Roman thematisiert eindringlich die ökologische Katastrophe in der DDR, die vom SED-Regime aus wirtschaftlichen Interessen tabuisiert wurde. Die „Flugasche“ wird hier zum Symbol für die zerstörerische Kraft eines Systems, das den Menschen und die Umwelt dem Produktionsziel unterordnet.

  • Suche nach Identität: Neben der politischen Ebene ist der Roman eine psychologische Studie. Josefa ringt um ihre Integrität und ihren Selbstwert in einer Gesellschaft, die Konformität und „Duckmäuserei“ fordert. Sie sucht nach einem Weg, als Individuum zu überleben, ohne ihre moralischen Prinzipien vollständig aufzugeben.

Autobiografischer Hintergrund

Der Roman trägt starke autobiografische Züge. Monika Maron war selbst als Journalistin für die Ost-Berliner „Wochenpost“ tätig und versuchte 1974, eine Reportage über die Zustände in Bitterfeld zu veröffentlichen. Ihr Text wurde jedoch aufgrund der Zensur massiv verstümmelt. Die Arbeit an „Flugasche“ markierte den Beginn ihrer Abkehr vom DDR-System, das sie später (1988) auch dazu veranlasste, in die Bundesrepublik überzusiedeln.

Literarische Bedeutung

„Flugasche“ gilt als einer der wichtigsten Romane, die den Riss zwischen dem offiziellen staatlichen Selbstbild der DDR und der tatsächlichen, maroden Lebenswirklichkeit thematisieren. Maron beschreibt das Klima der Angst, der Zensur und der Resignation, dem sich ihre Protagonistin zu entziehen versucht. Der Roman ist ein Zeugnis für den Mut zur Wahrheit in einer Zeit, in der das Verschweigen systemimmanent war.

Flugasche (1981) is the debut novel by the German author Monika Maron. It is a seminal work of contemporary German literature, noted for its sharp critique of the GDR (German Democratic Republic) and its candid examination of environmental and political issues.


Overview and Significance

  • Publication Context: Although written while Maron was living in East Berlin, the novel could not be published in the GDR due to its critical content. It was published in the West at the S. Fischer Verlag in 1981.

  • Autobiographical Basis: The novel draws heavily on Maron’s own experiences as a journalist in the GDR. Much like the protagonist, Maron worked for the Wochenpost and attempted to report on the catastrophic environmental conditions in the industrial town of Bitterfeld (represented in the book as "B."). Her actual reportage was heavily censored, which catalyzed the writing of this book.

Key Themes

  • Environmental Destruction: The "Flugasche" (fly ash) of the title refers to the pervasive pollution caused by the local brown-coal power plant, which covers the city of B. in soot. The book was one of the first literary treatments of the severe, state-ignored environmental damage in the GDR.

  • Political Critique and Censorship: The novel portrays the struggle of the protagonist, Josefa Nadler, a journalist who attempts to maintain her professional integrity and truth-telling within a system defined by censorship, surveillance, and conformism.

  • Individual vs. System: It examines the psychological toll of living in a totalitarian state, focusing on themes of complicity, the fear of freedom, and the difficulty of maintaining an authentic identity when faced with constant institutional pressure.

Protagonist: Josefa Nadler

Josefa is an unconventional, skeptical, and often frustrated journalist. Her internal monologue reveals her struggle to navigate the contradictions of her environment: she is caught between a desire for personal autonomy and the reality of the social and professional constraints of the GDR. Her journey is one of disillusionment, leading to an eventual break with her professional and social circles.


Monika Maron hat gerade erst ihre Tagebücher veröffentlicht, was in der Literaturszene für einiges Aufsehen sorgt.

Das Werk trägt den Titel „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig: Tagebücher 1980–2021“ und ist im April 2026 im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.

Hier sind die wichtigsten Eckpunkte zu dieser Veröffentlichung:

Inhalt und Fokus

Die Tagebücher decken eine gewaltige Zeitspanne von über 40 Jahren ab. Sie bieten nicht nur private Einblicke, sondern sind auch ein Zeitdokument der deutschen Geschichte:

  • DDR-Zeit: Maron schreibt über ihr Leben als kritische Autorin unter der Zensur und über ihre Reisen nach London, New York und Rom, die ihr trotz der Umstände möglich waren.

  • Systemwechsel: Die Aufzeichnungen dokumentieren ihren Blick auf den Fall der Mauer und das Zusammenwachsen (oder Fremdeln) von Ost und West.

  • Gegenwart: Der Titel deutet es bereits an – die jüngeren Einträge reflektieren ihre zunehmende Ungeduld mit dem aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland.

Details zur Ausgabe

  • Umfang: Das Buch hat etwa 256 Seiten.

  • Besonderheit: Es enthält bisher unbekannte Fotografien, die Monika Maron selbst während ihrer Reisen (u. a. in New York) aufgenommen hat.

  • Preis: Die gebundene Ausgabe kostet ca. 28,00 €.

Warum das jetzt so relevant ist

Nachdem es 2020 zum Bruch mit ihrem langjährigen Verlag S. Fischer kam (wegen ihrer politischen Positionen und der Zusammenarbeit mit dem Buchhaus Loschwitz), wird dieses Tagebuch als eine Art literarische Rechenschaft und Selbstbehauptung wahrgenommen. Es zeigt sie als „Reisende zwischen den Systemen“, die sich nirgendwo mehr so richtig einordnen lässt.

Maron ist aktuell (Frühjahr/Sommer 2026) auch auf Lesereise, unter anderem in Berlin und Erfurt, um das Buch persönlich vorzustellen."

Monika Maron hat  unter dem System der DDR gelitten. Dass ihr nach der Einigung zum Vorwurf gemacht wurde, dass sie 1976/77 ein halbes Jahr für die Stasi gearbeitet hatte, finde ich ähnlich abstoßend wie die Angriffe auf Christa Wolf, die in der Zeit der DDR hoch gelobt wurde, der man aber nach der Einigung vorwarf, dass sie sich in der Frühzeit (als sie sich noch primär damit auseinandersetzte, dass sie in ihrer Jugend gläubig dem Nazi-Regime anhing) für die Stasi gearbeitet hatte. 

Sehr ehrenwert, dass Maron nicht kritiklos den Verhältnissen in der BRD anpasste, sondern auch hier deutliche Kritik übte.

Doch menschlich ist mir Wolf näher gekommen als Maron, weil sie durchweg sehr selbstkritisch war und bei aller Ablehnung der SED-Diktatur die positiven Seiten des Sozialismus, den Einsatz für die Benachteiligten festzuhalten suchte. 

Zudem scheint mir ihr Werk "Ein Tag im Jahr" noch deutlich wertvoller als Marons Veröffentlichung ihres Tagebuchs, weil sie in ihren minutiösen Schilderungen jeweils eines Tages im Jahr von 1960 bis zu ihrem Tod nicht allein ihre Sicht auf das Leben in der DDR, sondern erstaunlich präzis die Wandlungen der Gesellschaft beschrieben hat. Während Maron ihre Tagebücher als private geführt hat und jetzt das herausgegeben hat, was ihr aus ihrer heutigen Sicht wichtig erscheint, hat Wolf von Anfang an versucht, ihren Alltag zu dokumentieren, und - anscheinend - nur das aus ihren Berichten ausgeklammert, was ihr zu sehr Privates von anderen zu berühren schien.

Schließlich - und da ist mein unterschiedliches Interesse an den beiden Schriftstellerinnen sehr subjektiv - ist Wolf immer sehr selbstkritisch geblieben, während Marons Annäherung an Susanne Dagen, die mit Positionen der Neuen Rechten zu liebäugeln scheint, mir schlicht gegen den Strich geht. 

Man merkt, hier gebe ich mir wenig Mühe, Monika Maron gerecht zu werden, sondern versuche, meine ihr gegenüber - im Unterschied zu Wolf - vergleichsweise distanzierte Haltung zu rechtfertigen.




04 April 2026

Joseph Rudyard Kipling: Das neue Dschungelbuch

Text (Gutenberg.org)

Textausschnitte und Inhaltsangaben: 

Kapitel 1: Wie Angst kam

"[...] Das Dschungelgesetz – bei weitem das älteste Gesetz der Erde – enthält Bestimmungen für beinahe jederlei Art von Vorfällen, die sich unter dem Dschungelvolk ereignen können; und bis jetzt sind seine Gesetzestafeln so vollkommen, wie Zeit und Gewohnheit sie machen können. Wer die anderen Erzählungen über Mogli gelesen hat, wird sich erinnern, daß der Knabe einen großen Teil seines Lebens unter dem Rudel der Sioniwölfe verbrachte und von Balu, dem braunen Bären, im Dschungelgesetz unterwiesen wurde. Wenn Mogli über die ewigen Zurechtweisungen ungeduldig wurde, sagte ihm Balu, das Gesetz wäre wie eine Riesenliane, weil es sich an jedem festhänge und keiner sich ihm entziehen könnte. »Wenn du so lange gelebt haben wirst wie ich, kleiner Bruder«, fuhr Balu fort, »so wirst du sehen, wie die ganze Dschungel zumindest einem Gesetz folgt. Aber angenehm wird dir diese Erkenntnis nicht sein.« [...]"

Kapitel 2: Das Gesetz der Dschungel

"[...] Dies sind die Gesetze der Dschungel,
    so alt und so klar wie das Licht;
Der Wolf, der sie hält, wird gedeihen,
    und sterben der Wolf, der sie bricht.
Lianengleich schlingt das Gesetz sich,
    voran und zurück, auf und ab;
Die Stärke des Packs ist der Wolf,
    und die des Wolfs ist das Pack.
Wasch' täglich vom Kopf bis zum Schwanz dich –
    trink' tief, aber trink' mit Bedacht;
Und wisse, bei Tag sollst du schlafen,
    und jagen sollst du bei Nacht.
Der Schakal mag folgen dem Tiger,
    doch Kind, wenn gewachsen dein Bart –
Bedenke, der Wolf ist ein Jäger –,
    such' Nahrung, wie's ziemt deiner Art.
Halt' Ruh' mit dem Tiger und Panther,
    dem Bären, der Dschungel Herr'n,
Und störe nicht Hathi, den Stillen,
    dem Eber im Lager bleib' fern.
Wenn Pack stößt auf Pack in der Dschungel,
    wer fügt sich, wer weicht zur Seite?
Lieg' still, bis die Führer geredet,
    gut Wort oft schlichtet den Streit.
Bekämpfst du den Wolf aus dem Packe,
    kämpf' fernab und kämpfe allein.
Sonst frißt der Streit auch die andren
    und lichtet befreundete Reih'n.
Die Höhle des Wolfs ist ihm Zuflucht,
    grub er sie offen am Licht,
So macht ihm der Rat durch Boten
    das Wechseln der Höhle zur Pflicht.
Und wenn ihr vor Mitternacht jaget,
    so weckt nicht den Wald mit Geschrei,
Denn schnell flieht das Wild aus den Ähren,
    eure Brüder geh'n leer aus dabei.
Für dich, für den Wurf, für die Wölfin
    töt' reichlich, doch niemals zur Lust,
Und siebenmal: Töt' nicht den Menschen,
    der Satzung bleibe bewußt!
Nicht ganz verschlinge die Beute,
    die stolz du dem Schwächern geraubt,
Packrecht gilt auch für den Schwächsten,
    drum laß ihm die Haut und das Haupt.
Die Beute des Packs gehört allen,
    sie teilen und fressen sofort,
Dem Tode bist du verfallen,
    verschleppst du ein Stück nur vom Ort.
Die Beute des Wolfs gehört ihm nur,
    er macht mit ihr, was ihm beliebt,
Das Pack darf nur daran rühren,
    wenn er die Erlaubnis ihm gibt.
Wurfrecht ist das Recht des Jährlings,
    vom Pack heischt er es allein,
»Maulvoll«, wenn der Jäger gefressen,
    und keiner darf knurren: nein.
Das Lagerrecht eignet der Mutter,
    wer mit ihr vom gleichen Jahr,
Bringt einen Schenkel der Beute
    den hungrigen Wölflingen dar.
Das Höhenrecht eignet dem Vater –
    zu jagen, wie ihm gefällt,
Dem Packe ist er nicht pflichtig,
    dem Rate nur unterstellt.
Leitwolf ist der Älteste, Schlauste,
    der Stärkste an Zahn und Pfot'!
Und läßt das Gesetz eine Lücke,
    so gilt sein Wort als Gebot.
Das sind die Gesetze der Dschungel,
    und zahlreich sind sie und stark,
Doch »Gehorch!« ist Kopf des Gesetzes,
    sein Buckel, Huf, Hüfte und Mark."

Kapitel 3: Das Wunder des Purun Baghat


Einst lebte ein Mann in Indien, der war Erster Minister eines der halb unabhängigen Eingeborenenstaaten im nordwestlichen Teil des Landes. Ein Brahmane war er, von so hoher Kaste, daß Kaste aufhörte, eine besondere Bedeutung für ihn zu haben. Sein Vater war ein wichtiger Beamter gewesen in dem farbig heiteren und bequemen Trott eines altmodischen Hinduhofes. Aber als Purun Daß heranwuchs, erkannte er, daß die alten Zeiten im Schwinden waren, und daß man, um vorwärtszukommen, sich mit den Engländern freundlich stellen und alles nachahmen müßte, was sie für gut hielten. Gleichzeitig aber mußte ein eingeborener Beamter sich auch die Gunst seines eigenen Herrn zu erhalten suchen. Das war eine schwierige Aufgabe, aber der ruhige, wortkarge junge Brahmane, dem auch eine gute englische Erziehung an der Universität in Bombay dabei half, faßte die Sache mit kühlem Kopf an und stieg Stufe für Stufe höher auf, bis er zuletzt Erster Minister des Königreichs wurde. Das will heißen, daß er mehr wirkliche Macht besaß als sein Herr, der Maharadscha.

Als der alte König – der den Engländern mit ihren Eisenbahnen und Telegraphen immer mißtraut hatte – starb, stand Purun Daß in hoher Gunst bei dem jungen Thronerben, der von einem Engländer erzogen worden war. Beide zusammen gründeten nun Schulen für Mädchen, legten Straßen an, eröffneten Staatsapotheken, landwirtschaftliche Ausstellungen und gaben ein jährliches Blaubuch heraus über den »moralischen und materiellen Fortschritt des Staates«. Das Auswärtige Amt in London und die Regierung in Indien waren natürlich entzückt darüber; aber Purun Daß trug stets Sorge, daß alle Ehre seinem Herrn und König zuteil wurde.

Nur sehr wenige Eingeborenenstaaten nehmen den englischen Fortschritt ohne Vorbehalt an, weil sie nämlich nicht der Meinung sind, daß alles, was für Engländer gut ist, für Asien doppelt gut sein müßte; aber Purun Daß war dieser Meinung. So wurde der Erste Minister der geachtete Freund von Vizekönig und Gouverneuren, ärztlichen Missionaren und gewöhnlichen Missionaren und gut zu Pferde sitzenden englischen Offizieren, die kamen, um in den Schutzstaaten zu jagen, sowie auch der Freund ganzer Scharen von Reisenden, die Indien während der kalten Jahreszeit durchquerten und den Leuten zeigten, wie alles gemacht werden müßte. In seiner Mußezeit gründete er Stipendien für das medizinische Studium, Fabriken aller Art genau nach englischem Muster und schrieb Artikel für den »Pionier«, die größte indische Tageszeitung, in denen er die Ziele und Pläne seines Herrn erklärte.

Zuletzt reiste er zu einem Besuch nach England und hatte bei seiner Rückkehr riesige Summen an die Priester zu zahlen. Denn selbst ein Brahmane von so hohem Rang wie Purun Daß verlor die Rechte seiner Kaste, sobald er das dunkle Meer kreuzte. In London traf er mit allen Persönlichkeiten zusammen, deren Bekanntschaft ihm von Bedeutung war – Männer mit Namen von Weltklang –, und sah ein gut Teil mehr, als er sagte. Ihm wurden Ehrengrade von Universitäten und gelehrten Gesellschaften verliehen; er hielt Reden, unterhielt sich mit Damen in ausgeschnittenen Kleidern über soziale Reformen der Hindu: bis ganz London rief: Das ist der interessanteste Mann, den wir bei einem Essen trafen, seitdem es überhaupt gedeckte Tische gibt!

Als er nach Indien zurückkehrte, strahlte sein Ruhm im höchsten Glanz, denn der Vizekönig kam in eigener Person zu Besuch, um dem Maharadscha das Großkreuz des »Sterns von Indien«, diamanten-, schmelz- und bänderflimmernd, zu überreichen. Bei der gleichen Zeremonie wurde unter dem Donnern der Kanonen Purun Daß zum Großritter des »Ordens vom Indischen Reich« ernannt, so daß sein Name fortan lautete: Sir Purun Daß, K.C.I.E. [...]

Auf dem Höhepunkt seines politischen Lebens nimmt er die Bettelschale und wandert nach Norden bis zu den Anfängen des Himalaya.

Zu Beginn seiner Wanderung tönte noch das Getöse der Welt in seinen Ohren, so wie der Donner im Tunnel nachhallt, wenn ein Zug hindurchgefahren ist. Als er aber den Muttieaniepaß hinter sich hatte, war das alles verklungen – und Purun Baghat war allein mit sich selbst, wandernd, staunend, sinnend, die Augen am Boden, die Gedanken in den Wolken.

Eines Abends erreichte er nach zweitägigem Aufstieg den höchsten Paß, den er bisher erklommen hatte, und stand nun plötzlich vor einer Kette von Schneegipfeln, die wie ein Gürtel den Horizont umschlossen – Berge von fünfzehn- bis zwanzigtausend Fuß Höhe schienen so nahe, als könnte man sie mit einem Steinwurf erreichen, und waren doch fünfzig bis sechzig Meilen entfernt. Die Paßhöhe war bedeckt mit dunklem dichtem Wald – Deoda, Walnuß, wilder Kirsche, wilder Olive und wilden Birnbäumen –, aber zumeist mit Deoda, das ist die Himalaja-Zeder; und im Schatten der Deodazedern stand ein verlassener Schrein der Kali – das ist Durga oder Sitala, die manchmal gegen die Blattern angerufen wird.

Purun Daß fegte den Steinboden sauber, lächelte der grinsenden Gottheit zu, baute sich im Hintergründe des Schreins eine kleine Feuerstelle aus Lehm, breitete sein Antilopenfell über ein Lager von frischen Fichtenreisern, schob den Bairagi – die Stütze mit Messinggriff – in die Achselhöhle und setzte sich nieder, um zu ruhen.

Unmittelbar zu seinen Füßen fiel die Bergwand jäh ab, fünfzehnhundert Fuß tief bis zu einem kleinen Dorf mit Häusern aus Steinmauern und gestampften Erddächern, die am steilen Hange klebten. Rund um das Dorf lagen in winzige Terrassen geteilte Felder, die wie eine Schürze aus Flickwerk die Knie des Berges bedeckten, und Kühe, nicht größer als Käfer, weideten zwischen den glatten Steinen der kreisförmigen Dreschtennen. Beim Blick über das Tal hinweg täuschte man sich über die Größenverhältnisse, und zuerst war nicht gleich zu erkennen, daß scheinbar niedriges Gestrüpp auf der Bergseite gegenüber in Wahrheit ein Wald mit fünfhundert Fuß hohen Fichten war. Purun Baghat sah einen Adler über dem gewaltigen Talgrund schweben, aber der große Vogel schrumpfte zu einem Punkte ein, ehe er noch halb hinüber war. Einzelne Wolkenfetzen strichen an den Talwänden dahin, hafteten wohl an einem Bergvorsprung oder trieben hoch und verwehten auf der Höhe des Passes. Und Purun Baghat sprach: »Hier werde ich Frieden finden.« [...]

Die Tiere, die den Einsiedler schätzen gelernt haben, warnen ihn vor einem Bergsturz und er fühlt sich verpflichtet, alles zur Rettung der Dorfbewohner zu tun, die ihn in seiner Klause versorgt haben.

Purun Baghat sank ohnmächtig an seiner Seite zu Boden. Die Frostschauer des Regens und der furchtbare Anstieg waren sein Tod; aber noch rief er den zerstreuten Fackeln über ihm zu: »Haltet an und zählt die Köpfe!« Dann, als er die Fackeln zu einem Haufen sich sammeln sah, hauchte er leise dem Hirsch zu: »Bleibe bei mir, Bruder. Bleibe – bis – ich scheide.«

Nun ging es wie ein Seufzen durch die Luft, es wuchs zu einem Murren; das Murren wuchs zum Gebrüll, und Gebrüll schwoll an über alles Hören hinaus. Die Bergseite, auf der die Dörfler standen, wurde in der Finsternis wie von einem Schlage getroffen und erbebte bis ins Innerste. Dann erklang ein Ton, stetig, tief und voll, wie das tiefe C der Orgel, und verschlang für fünf Minuten jeden anderen Laut, und die hohen Fichten erzitterten bis in ihre Wurzeln hinein. Der Ton starb dahin – und das Rauschen des Regens, der meilenweit auf harten Boden geschlagen hatte, wurde zum dumpfen Trommeln der Wässer auf weicher Erde. Das sprach seine eigene Sprache.

Keiner der Dorfbewohner, nicht einmal der Priester, war kühn genug, zu dem Baghat zu reden, der ihr Leben gerettet hatte. Still kauerten sie unter den Fichten und erwarteten den Tag. Als der Morgen kam, blickten sie über das Tal hin. Wo einst Terrassenfelder gewesen waren, Wälder und fährtendurchfurchte Weidegründe, war jetzt nur noch eine rohe, rötliche, fächerartig verspreizte Lehmmasse, aus der kopfüber gestürzte Baumstämme da und dort herausragten. Die rötliche Masse war noch hoch am Berg ihrer Rettung aufgelaufen und staute den kleinen Fluß, der sich zu einem ziegelfarbigen See auszudehnen begann. Von dem Dorfe, dem Pfad, der zu dem Schrein geführt hatte, von dem Schrein selbst und dem Wald dahinter war keine Spur mehr zu sehen. Eine Meile in der Breite und zweitausend Fuß in der Tiefe war die Bergwand abgestürzt, mit glatter Schnittfläche vom Gipfel bis zur Sohle.

Die Bewohner des Dorfes, einer nach dem andern, schritten leise durch den Fichtenwald, um vor ihrem Baghat zu beten. Sie sahen den Barasingh über ihm stehen, aber als sie näher kamen, floh er davon; sie hörten die Langurs in den Bäumen wehklagen und Sona im Geklüft stöhnen, aber ihr Baghat war tot. Er saß mit gekreuzten Beinen, den Rücken gegen einen Stamm gelehnt, die Stütze unter der Achselhöhle und sein Antlitz gegen Nordosten gekehrt.

Und der Priester sagte: »Seht, Wunder über Wunder, denn in dieser Stellung müssen alle Sunnjasis begraben werden. Deshalb lasset uns an dem Ort, wo er nun sitzt, den Tempel errichten für unsern heiligen Mann.« [...]"


Kapitel 4: Ein Sang des Kabir

Oh, wie leicht wog die Welt in der Macht seiner Hand!
Wie weit zog sein Ruhm über Lehen und Land!
Er stieg nieder vom Thron, ließ die Macht und den Schein,
Ging in Bettlergewand, ein Bairagi zu sein.

Weiß glüht Delhis Straße, dem Fuß nun zur Matten,
Dammar und Akazie dem Haupt nun zum Schatten,
Sein Heim das Gewühl, Feld und Wald, Wüstenei'n,
Einen Pfad sucht im All der Bairagi allein.

Er schaute den Menschen, sein Auge ward klar
(Einer wird, spricht Kabir, einer ist, einer war),
Der Tat roter Nebel nicht hüllt ihn mehr ein,
Er wandelt den Pfad – ein Bairagi – allein.

Daß vom Bruder, dem Tier, seinem Bruder, der Erde,
Seinem Bruder, dem Gott, Erkenntnis ihm werde,
Ließ Thron er und Rat – er starb nun dem Schein
(Ihr hört? spricht Kabir), ein Bairagi zu sein.


Kapitel 5: Die Dschungel los!

"[...] Sicher erinnert ihr euch noch daran, wie das damals war, als Mogli Schir Khans Haut an den Rätefelsen heftete und dem Rest des Sionirudels erklärte, er wolle fortan allein in der Dschungel jagen. Nur die vier Jungen von Mutter und Vater Wolf taten sich zu ihm.

Aber leicht ist es nicht, sein ganzes Leben mit einemmal zu ändern – vornehmlich in der Dschungel. Als das aufrührerische Wolfspack abgezogen war, begab sich Mogli als erstes zur heimatlichen Höhle und schlief einen Tag und eine Nacht hindurch. Darauf erzählte er Vater und Mutter Wolf von seinen Erlebnissen bei den Menschen, soviel sie davon verstehen konnten; und als er die Morgensonne auf der Klinge seines Jagdmessers aufblitzen ließ – des Messers, mit dem er Schir Khan abgehäutet hatte –, sagten sie, er habe etwas gelernt. Dann berichteten Akela und Graubruder von ihrer Mitwirkung bei dem großen Büffeltreiben in der Schlucht, und Balu kam herangewackelt, um alles zu hören, während Baghira in seiner Freude über Moglis Kriegskunst sich am ganzen Körper kraulte. [...]"

Kapitel 6: Moglis Gesang wider die Menschen

Ich laß los gegen euch die flinkfüßigen Ranken,
                Es bersten die Dächer!
                Die Pfosten zu Falle!
                Und Karela, die bittre Karela,
                Begrabe sie alle!

Meines Volkes Gesang euren Ratplatz durchschalle,
Die Fledermaus niste in Scheune und Halle;
                Am erloschenen Herdstein
                Halte, Schlange, die Hut,
                Karela soll fruchten,
                Wo zur Nacht ihr geruht!

Meine Streiter nicht seht ihr, ihr hört nur voll Graus,
Zur Nacht, eh' der Mond steigt, da send' ich sie aus,
                Der Wolf sei euch Hirte,
                Die Herde zerstiebt!
                Karela wird samen,
                Da, wo ihr geliebt!

Eure Felder beernte das Heer meiner Schnitter,
Nachles' mögt ihr halten um Hähnchen und Splitter!
                Pflugstier sei das Rotwild
                Und pflüge das Feld!
                Es laube Karela,
                Wo die Saat ihr bestellt!

Ich ließ los gegen euch die vielfüßigen Ranken,
Euch zu tilgen, entband ich die Dschungel der Schranken:
                Der Wald, der Wald ist über euch,
                Die Pfosten zu Falle!
                Und Karela, die bittre Karela,
                Begrabe euch alle!

Kapitel 7: Die Leichenbestatter

Ein uraltes Krokodil, ein Adjutantkranich und ein Schakal unterhalten sich darüber, wie gut es einem geht, wenn es viel Aas zu fressen gibt. Besonders das Krokodil lobt Kriegszeiten, wo Menschenleichen in Massen den Fluss hinuntergeschwommen kommen. Doch es ärgert sich, dass ihm einmal ein Menschenjunges entgangen ist, weil seine Hand noch so klein war, dass es sie zwischen den Krokodilszähnen herausziehen konnte. 

Inzwischen ist das Baby zu einem englischen Soldaten geworden, der das Krokodil erschießt, aber feststellen muss, dass seine Haut keinerlei Tauschwert mehr hat, weil sie zu ramponiert ist. 

Kapitel 8: Lied der Welle


Welle wogte an dem Strand,
Griff nach eines Mädchens Hand,
Das in Abendsonnengluten
Heimwärts wandert durch die Fluten.

Zarte Brust und schlanker Fuß,
Wahrt euch vor des Schmeichlers Gruß:
»Höre, Kind, mein sanft Gebot!
Warte! Bleib! Ich bin der Tod . . .«

»Drüben ruft der Liebe Glück,
Schmachvoll wär's, ich blieb zurück.«
Dort im Fluß der helle Klang,
War's ein Fisch, der spielend sprang?

Schlanker Fuß und zartes Herz
Harrt der Fähre heimatwärts!
»Hör' auf mich!« die Welle droht,
»Warte, Kind! Ich bin der Tod.«

»Liebster ruft, da muß ich eilen,
Schande träf' mich, wollt' ich weilen.«
Welle, Welle wogt und ringt,
Mächtig ihr den Leib umschlingt.

Töricht Herze, treue Hand,
Kleiner Fuß trat nie ans Land.
Welle wandert, Welle rot,
Wogt hinab und trägt den Tod.


Kapitel 9: Des Königs Ankus

Das sind die vier, die nie gestillt, die nie gefüllt seit Urbeginn – Des Schakals Schlund, des Geiers Gier, des Affen Hand, des Menschen Sinn. (Dschungelspruch)

Kaa, der große Felsenpython, hatte vielleicht zum zweihundertstenmal seit seiner Geburt die Haut gewechselt; und Mogli, der nie vergaß, daß er in jener Nacht zu »Cold Lairs« der Riesenschlange sein Leben verdankte, kam, um ihr Glück zu wünschen. Hautwechsel verursacht den Schlangen immer etwas Unbehagen, und sie bleiben launisch, bis die neue Haut wieder hell und schön glänzt. Kaa machte sich schon längst nicht mehr über Mogli lustig; er erkannte ihn als Meister der Dschungel an, wie die übrigen Dschungelvölker es taten, und trug ihm alle Neuigkeiten zu, die ein Python von seiner Größe naturgemäß erfährt. [...]

»Mogli nennt man mich«, war die Antwort. »Von der Dschungel bin ich. Die Wölfe sind mein Volk, und Kaa hier ist mein Bruder. Ahn der Kobras, wer bist du?«

»Ich bin der Wächter der Schätze des Königs. Kurrun Radscha baute den Stein über mir in den Tagen, da meine Haut dunkel war, auf daß ich Tod bringe über alle, die kommen, um zu rauben. Dann senkten sie den Schatz durch die Steinplatte hernieder, und ich hörte den Gesang der Brahmanen, meiner Meister.«

»Hm«, brummte Mogli vor sich hin. »Mit einem Brahmanen habe ich schon einmal zu tun gehabt bei dem Menschenvolk – ich weiß, was ich weiß: Böses wird auch hier bald kommen.«

»Seitdem sitze ich zur Wacht. Fünfmal wurde der Stein gehoben, immer um noch mehr und mehr zu versenken, nie, um etwas fortzunehmen. Keine Schätze in der Welt gleichen diesen – den Schätzen von Hunderten von Königen. Aber lange, lange ist es her, seit der Stein zum letztenmal gehoben ward, ich glaube, daß meine Stadt mich vergaß.«

»Es ist keine Stadt da!« rief Kaa. »Schau hinauf. Wurzeln uralter Bäume spalten die Steine. Bäume und Menschen wachsen und wuchern nicht an ein und demselben Ort.«

»Zweimal, dreimal haben Menschen den Weg hierher gefunden«, antwortete grimmig die weiße Kobra, »aber sie sprachen nicht – bis ich über sie kam, sie im Dunkeln umklammernd, und dann wimmerten sie nur kurz. Aber ihr beide, Mensch und Schlange, kommt mit Lügen und wollt mich glauben machen, daß meine Stadt nicht mehr steht und meine Wacht zu Ende geht. Die Menschen ändern sich wenig im Lauf der Zeiten. Aber ich, ich ändere mich nie. Bis der Stein hinweggenommen wird, bis die Brahmanen herabsteigen und die Gesänge singen, die ich kenne, mich füttern mit warmer Milch und mich hinauftragen ans Tageslicht – so lange halte ich hier – ich – ich – ich und kein anderer die Wacht bei dem Horte des Königs. Tot ist die Stadt, sagt ihr, und Wurzeln sprengen die Gruft! Gut, so bückt euch denn und nehmt, was ihr begehrt. Die Erde birgt keine größeren Schätze als diese. Mensch mit der Zunge der Schlangen, wenn du lebend den Weg zurückwanderst, den du gekommen bist, dann werden Könige deine Diener sein.« [...]

Die weiße Kobra hatte recht. Nicht abzuschätzen war der Geldeswert dieser Kostbarkeiten, zusammengetragen und gehäuft aus den Kriegen, dem Raub, dem Handel und den Tributen von Jahrhunderten. Die Münzen und Edelsteine waren kaum zu zählen; das tote Gewicht des Goldes und Silbers überstieg zwei- bis dreihundert Tonnen. Noch heutigentags besitzt jeder indische Herrscher, wie arm er auch sei, einen Hort, den er ständig vergrößert. Hin und wieder – sehr selten allerdings – kommt es wohl vor, daß ein aufgeklärter Fürst vierzig bis fünfzig Ochsenkarrenladungen Silbers gegen Staatspapiere austauscht, aber die meisten bewahren ihre Schätze und halten sie sorgfältig geheim.

Mogli natürlich ahnte nichts von der Bedeutung aller dieser Gegenstände. [...Er nimmt einen roten Stein mit.]

Sie waren kaum eine halbe Meile weiter vorgedrungen, als sie Ko, die Krähe, das Totenlied singen hörten im Wipfel eines Tamarindenbaumes, unter dessen Schatten drei Männer hingestreckt lagen. In der Mitte des Kreises rauchte ein halberloschenes Feuer unter einer eisernen Platte, auf der Brotkuchen verkohlten. Dicht bei dem Feuer lag, hell im Sonnenlicht glitzernd, der mit Rubinen und Türkisen bedeckte Ankus.

»Schnell arbeitet das Ding. Hier endet alles«, sagte Baghira. »Wie aber kamen diese Menschen um, Mogli? Kein Fleck noch Wunde ist an ihnen.«

Ein Dschungelbewohner weiß aus Erfahrung mehr über giftige Pflanzen und Beeren als die meisten Ärzte. Mogli roch in den Rauch, der vom Feuer hochstieg, brach ein Stück des geschwärzten Brotes, kostete es und spie es wieder aus.

»Apfel des Todes«, hustete er. »Der erste muß ihn in das Futter gemischt haben für die anderen, die ihn töteten, nachdem sie den Gond getötet hatten.«

»Große Jagd – wahrlich«, rief Baghira, »Tod folgt auf Tod.«

»Apfel des Todes« nennt man in der Dschungel den Dornapfel oder Datura – das stärkste Gift in ganz Indien.

»Was nun?« fragte der Panther. »Du und ich, müssen wir nun einander töten, für den rotäugigen Schläger dort?«

»Kann er reden?« flüsterte Mogli. »Habe ich ihn beleidigt, als ich ihn fortwarf? Zwischen uns kann er nicht Unheil stiften, denn wir wünschen nicht, was Menschen begehren. Bleibt er aber hier liegen, wird er sicherlich weiter Menschen töten, einen nach dem anderen, so schnell, wie Nüsse von den Bäumen fallen im Sturm. Liebe zu Menschen habe ich nicht, aber selbst ich will nicht, daß sechs in einer Nacht umkommen.«

»Was tut es? Nur Menschen sind es! Sie töteten einander und fanden Lust daran«, sagte Baghira. »Gut jagte der erste kleine Waldmensch.«

»Junge sind sie nichtsdestoweniger; ein Junges würde sich ersaufen, um den Mond im Wasser zu beißen. Meine Schuld war es«, sprach Mogli, der redete, als ob er alles über alles wüßte. »Niemals wieder schleppe ich fremde Dinge in den Dschungel – und wären sie wie Blumen so schön. Dieser«, behutsam hob er den Ankus auf, »kehrt zu dem Ahn der Kobras zurück. Aber schlafen müssen wir erst und schlafen können wir nicht in der Nähe der Schläfer dort. Auch müssen wir ihn vergraben, er könnte sonst fortrennen und noch sechs weitere töten. Scharre ein Loch unter dem Baume.«

»Aber, kleiner Bruder«, wandte Baghira ein, dem Baum zuschreitend, »ich sage dir, nicht der Blutsäufer hat schuld. An den Menschen liegt alles.«

»Einerlei«, entgegnete Mogli. »Tief grabe das Loch. Wenn wir erwachen, hole ich ihn heraus und trage ihn zurück.«

Zwei Nächte später, als die weiße Kobra im Dunkel der Gruft lag – geschändet, bestohlen, einsam –, wirbelte der von Edelsteinen funkelnde Ankus durch das Loch in der Mauer und fiel klirrend in das Meer güldener Münzen am Boden.

»Urahn der Kobras!« rief Mogli – er blieb wohlweislich außerhalb der Mauer –. »Nimm dir aus deinem Volke einen Jungen und Starken zu Hilfe, um den Schatz des Königs zu hüten, auf daß nie wieder ein Mensch diesen Ort lebend verlasse.«

»Ah, ah! Er kehrt also heim«, murmelte die alte Kobra und wand sich liebkosend um den Ankus. »Ich sagte doch, das Ding ist der Tod. Wie kommt es, daß du noch lebst?«

»Bei dem Bullen, für den Baghira mich in das Rudel der Sioniwölfe einkaufte, ich weiß es nicht! Das Ding hat sechsmal getötet in einer Nacht. Bewahre es wohl in ewiger Finsternis.«

Kapitel 10: Gesang des kleinen Jägers

Eh' Mor, der Pfau, aufflattert,
      eh' das Affenvolk erwacht,
Eh' Tschil, der Geier,
      stößt zu Tal voll Gier –
Durch die Dschungel fliegt ein Schatten,
      und ein Seufzen stöhnet sacht –
Das ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht ist hier!

Sachte, sachte, an dem Hang
      heimlich, lauernd schleicht's entlang,
Und ein Flüstern regt sich ängstlich
      fern und nah –
Und der Schweiß deckt dein Gesicht,
      denn vorüber strich's ganz dicht –
Das ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht ist da!

Eh' der Mond den Fels erklomm,
      eh' den Grat in Licht er taucht,
Wann des Waldvolks Schwänze
      hangen schwer und feucht,
Ha! ein Atem heiß dich haucht –
      schnobernd durch die Nacht es faucht –
Das ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht da schleicht!

Auf die Knie, den Strang gestrafft,
      von der Sehne schnell den Schaft –
In das höhnend leere Dickicht
      wirf den Speer –
Bebend sinket dir die Hand,
      aus der Wang' das Blut entschwand –
Nah ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht schlich her!

Wenn die Wolke saugt den Sturm,
      krachend sich ihm beugt der Wald,
Wenn im Regensturz
      des Himmels Dach zerbricht,
Durch des Donners Toben hallt,
      horch – ein Ton, der lauter schallt –
Furcht, o kleiner Jäger,
      Furcht da spricht!

Höher schwillt des Stromes Lauf,
      wilder tanzt der Kiesel Hauf',
Zuckend Blitz auf Blitz
      das Blättermeer durchfurcht,
Angst vertrocknet Kehl' und Lippen,
      und das Herz tost an die Rippen,
Hämmert: Furcht – o kleiner Jäger –
      das ist Furcht!

Kapitel 11: Quiquern

Das Volk vom östlichen Eise, es schmilzt wie der Schnee vom Dach,

Sie betteln um Kaffee und Zucker, sie ziehn dem weißen Mann nach.

Das Volk vom westlichen Eise, es lernte schon fechten und stehlen,

Es verkauft seine Felle den Händlern, dem weißen Mann seine Seelen.

Das Volk vom südlichen Eise mit den Walfischfängern es hält,

Ihr Weibvolk schmückt sich mit Bändern, aber nackt und zerfetzt ist das Zelt.

Doch das Volk vom ältesten Eise – der weiße Mann sah es nie –

von Narwalhorn sind ihre Speere, und die letzten Männer sind sie. [...]

»Folge dem!« rief das Mädchen, auf das »Ding« hinweisend, das, halb sinkend, halb laufend, sich vor ihnen weiter bewegte. Sie folgten, den Handschlitten nachzerrend, indes der brüllende Eisgang näher und näher kam. Endlich krachten und rissen die Eisfelder nach jeder Richtung rund um sie her, und die Risse öffneten sich und schnappten gleich Wolfszähnen. Aber dort, wo das »Ding« still stand, auf einem wohl fünfzig Fuß hohen Damm von verstreuten Eisblöcken, war keine Bewegung. Kotuko sprang wild vorwärts, zog das Mädchen hinter sich her und klomm auf die Spitze des Dammes. Die Sprache des Eises ward lauter und lauter rings umher, aber der Eishügel blieb fest, und das aufblickende Mädchen sah Kotuko mit seinem erhobenen und auswärts gestreckten Ellenbogen das Inuitzeichen für Land machen! Und Land war es, wohin das achtbeinige, hinkende »Ding« sie geführt – eine kleine Küsteninsel mit Granitfelsen und sandigem
Gestade, ganz mit Eis beschlagen, gepanzert und vermummt, so daß man sie nicht von der Eisdecke unterscheiden konnte; aber auf dem Grunde feste Erde, kein trügerisches Eis. Der An- und Rückprall der Eisfelder, wie sie auf Grund stießen und zersplitterten, markierte den Umriß der Inselhügel, und eine freundliche Untiefe lief nordwärts und trieb das schlimmste Eisgeschiebe beiseite, wie eine Pflugschar die Schollen teilt. Gefahr war noch immer, daß ein schwer gequetschtes Eisfeld über den Strand heraufgedrängt würde und den Gipfel der kleinen Insel abplanierte; aber das kümmerte Kotuko und das Mädchen nicht. Sie machten ihr Schneehaus und begannen zu essen und ließen das Eis um den Hügelrand hämmern und toben. Das »Ding« war verschwunden, und Kotuko redete, neben der Lampe kauernd, in voller Extase von seiner Macht über die Geister. Inmitten seiner tollen Reden fing das Mädchen an zu lachen und sich vor- und rückwärts zu wiegen. Hinter ihr, Zoll auf Zoll sich in die Hütte schiebend, erschienen zwei Köpfe, ein gelber und ein schwarzer, die zu zwei sehr betrübten, verschämten Hunden gehörten. Kotuko, der Hund, war der eine, und der schwarze Leiter war der andere. Beide waren nun fett, wohlbehäbig und wieder bei vollem Verstande; nur aneinander gefesselt waren
sie auf höchst sonderbare Weise. Der schwarze Leiter rannte, wie man sich erinnern wird, das Geschirr auf dem Rücken, davon, mußte Kotuko, dem Hunde, begegnet sein und mit ihm gespielt oder gekämpft haben, denn seine Schulterstrippe war in Kotukos kupferdrahtenes Halsband festgehakt, so daß keiner der Hunde an die Schnur gelangen und sie zerbeißen konnte. So waren sie Seite an Seite, gefesselt an des Nachbars Hals. Dies und dazu die Freiheit, nach Belieben zu jagen, mußte ihre Tollheit kuriert haben. Sie waren wieder sehr vernünftig.

Das Mädchen schob die beiden verschämten Kreaturen zu Kotuko hin und rief, vor Lachen schluchzend: »Das ist Quiquern, der uns auf sichern Grund geführt. Sieh, da sind seine acht Füße und zwei Köpfe.«

Kotuko zerschnitt ihre Fessel, und die beiden Hunde, gelb und schwarz, stürzten sich miteinander in seine Arme und suchten in der Hundesprache zu erzählen, wie sie wieder zu Verstand gekommen. Kotuko strich mit der Hand über ihre Rippen und fand sie rund und gut ausgepolstert. »Die haben Futter gefunden,« sagte er grinsend. »Ich denke, wir werden nicht sobald zu Sedna gehen. Meine Tornaq hat sie uns gesendet. Die Tollheit ist von ihnen gewichen.«

Die zwei, die wochenlang aneinander gefesselt,
gezwungen waren, Seite an Seite zu fressen, zu jagen und zu schlafen, fuhren sich, sobald sie Kotuko begrüßt, an die Kehle, und es entstand im Schneehaus die schönste Balgerei. »Leere Hunde kämpfen nicht,« sagte Kotuko. »Die haben Seehunde gefunden. Laß uns schlafen. Wir werden Nahrung haben.«

Als sie erwachten, war an dem nördlichen Gestade der kleinen Insel offenes Wasser, und all das gelockerte Eis war landwärts getrieben. Der erste Ton der Brandung ist der entzückendste, den der Inuit kennt; er bedeutet, daß der Frühling auf dem Wege ist. Kotuko und das Mädchen hielten sich bei der Hand und lächelten: das klare, volle Getöse der Brandung zwischen dem Eis erinnerte sie an die Lachs- und Renntierzeit und den Geruch der Zwergweidenblüten. Noch indem sie auf die See hinausblickten, begann der Schaum zwischen den schwimmenden Eisfeldern zu frieren, so stark war die Kälte; aber am Horizont zeigte sich ein breiter, roter Schimmer, und das war das Licht der gesunkenen Sonne. Es glich mehr einem Gähnen in ihrem Schlafe, als man sie in ihrem Aufgang sah, und sie blieb auch nur einige Minuten sichtbar – aber das war die Jahreswende. Das konnte nichts mehr ändern; das wußten sie.

Außerhalb der Hütte fand Kotuko die Hunde
im Kampf um einen frisch getöteten Seehund, der den Fischen, die der Sturm umhertreibt, gefolgt war. Er war der erste von zwanzig oder dreißig, die im Laufe des Tages an der Insel landeten, und bis die See wieder hart fror, vergnügten sich Hunderte von schwarzen, scharfsichtigen Köpfen in dem seichten Wasser, treibend zwischen dem treibenden Eise.

Es war eine hübsche Sache, wieder Seehundleber zu essen, die Lampe üppig mit Tran zu versorgen und die Flamme tollkühn drei Fuß hoch in die Luft steigen zu lassen; aber sobald das neue Eis sie tragen konnte, beluden Kotuko und das Mädchen den Hundeschlitten und ließen die Hunde ziehen, wie sie noch nie gezogen hatten, denn sie waren besorgt um das, was im Dorfe sich wohl ereignet hätte. Das Wetter war so unbarmherzig wie immer; doch leichter ist's, einen gut mit Vorrat beladenen Schlitten zu lenken, als verschmachtend des Weges zu ziehen. Sie ließen fünfundzwanzig Seehundleichen, zum Gebrauch vorbereitet, am Gestade im Eis begraben, zurück und eilten ihrem Stamme zu. Die Hunde zeigten ihnen den Weg, sobald Kotuko ihnen erklärt, was man von ihnen erwartete; und obwohl kein Grenzstein den Weg bezeichnete, bellten sie doch nach zwei Tagen vor Kadlus Dorf. Nur drei Hunde antworteten ihnen –
die übrigen waren aufgegessen, und die Hütten waren beinahe dunkel; aber als Kotuko rief: »Oho!« (gekochtes Fleisch), antworteten schwache Stimmen, und als er mit dem Weckruf des Dorfes Namen nach Namen rief, blieb keine Lücke.

»Eine Stunde später flammten die Lampen in Kadlus Haus, Schneewasser wurde heiß gemacht, Töpfe begannen zu brodeln, und der Schnee tropfte vom Dach, da Amoraq für das ganze Dorf ein Mahl bereitete; und das Knäblein lutschte an einem Streifen fetten, nußsüßen Transpecks, und die Jäger füllten sich langsam und methodisch bis zum Rande voll mit Seehundfleisch. Kotuko und das Mädchen erzählten ihre Geschichte. Die beiden Hunde saßen zwischen ihnen, und jedesmal, wenn ihre Namen genannt wurden, spitzten sie die Ohren und sahen aus, als ob sie sich arg über sich selber schämten. «Ein Hund, der einmal toll und wieder gesund geworden, ist, wie der Inuit sagt, gegen jeden ferneren Anfall gesichert.

»So hat,« sagte Kotuko, »die ›Tornaq‹ uns nicht vergessen. Der Sturm blies, das Eis brach, und der Seehund schwamm hinter den Fischen drein, die vor dem Sturme hertrieben. Die neuen Seehundslöcher sind nicht zwei Tagreisen weit entfernt. Laßt die guten Jäger morgen
ausziehen und Seehunde einbringen, die ich spießte, fünfundzwanzig im Eis begrabene Seehunde. Wenn wir diese aufgegessen haben, wollen wir alle dem Seehund auf der Eisdecke nachgehen.«

»Was wirst du tun?« fragte der Dorfzauberer Kadlu, in dem Ton, wie er immer den reichsten der Tununirmiuten anzureden pflegte.

Kadlu sah auf das Mädchen vom Norden und sagte ruhig: »Wir bauen ein Haus.« Er zeigte nach der Nordwestseite seines Hauses, denn das ist die Seite, wo der verheiratete Sohn oder die verheiratete Tochter wohnt. [...]


Kapitel 12: Agutivun Tina

(Dies ist eine sehr freie Übersetzung des Liedes der Jäger, das sie bei der Heimkehr nach dem Seehundstechen zu singen pflegen. Die Inuits sind unermüdlich in der Wiederholung der Worte und Kehrreime.)

           Unser Faustschuh starrt vom gefrornen Blut,
Unser Pelz vom Triebschnee weiß;
Doch wir kommen heim mit dem Robben, dem Hund,
Herein von dem Spalt im Eis.

Au jana! Aua! Oha! Haq!
Jagt die Schlittenmeute in Schweiß!
Und wir Männer all', unter Peitschenknall,
Kehren heim von dem Spalt im Eis.

Wir spürten den Robben in seinem Versteck,
Von drunten kratzte er leis;
Wir ritzten das Ziel, wir lauerten still,
Wir wachten beim Spalt im Eis.

Den Speer gezückt, da er atmen kam,
Hinab ein Stoß mit Gewalt!
So packten wir ihn, so schlugen wir ihn
Da draußen im Eisesspalt.

Unser Faustschuh klebt vom gefrornen Blut;
Der Triebschnee trübt uns den Blick,
Doch wir kommen heim, zu den Weibern heim,
Von der Eiseskant' zurück.

Au jana! Aua! Oha! Haq!
Es bellt die Meute im Schweiß.
Die Weiber hören's – die Männer sind da,
Zurück von dem Spalt im Eis!


Kapitel 13: Rothund

[...] Nach Zerstörung des Dorfes durch die Dschungel begann für Mogli die schönste Zeit seines Lebens. Er hatte das befriedigte Bewußtsein, eine Schuld gerecht heimgezahlt zu haben; alle in der Dschungel waren gut Freund mit ihm und fürchteten ihn auch ein wenig. [...] 

Ein einsamer Wolf berichtet dem (Wolfs-)Pack, dass seine Frau und seine drei Kinder von den Rothunden getötet worden sind. Mogli beschließt trotz Warnung durch das Pack zusammen mit der Python-Schlange Kaa den Kampf mit den Rothunden aufzunehmen. 

"Nach Affenart schwang er sich auf den nächsten Baum, von da zum nächsten und wieder zum nächsten; das Pack aber folgte ihm mit erhobenen Schädeln. Ab und zu tat er so, als ob er fiele; dann purzelte das Pack wild durcheinander in der Hast, beim Töten zur Stelle zu sein. Es war ein seltsamer Anblick: der Knabe hoch oben mit dem Messer, das in der sinkenden Sonne zwischen den Zweigen blitzte, und unten das schweigende Pack mit den vom Abendschein rötlich flammenden Rücken, das ihm drängend und stoßend folgte. Als er den letzten Baum erreicht hatte, nahm er den Knoblauch und rieb sich über und über gründlich damit ein. Die Dolen unten heulten wütend. »Du Affe mit der Zunge des Wolfes, glaubst du deinen Geruch zu übertäuben? Uns täuschest du nicht, wir folgen dir bis in den Tod.«

»Da, nimm deinen Schwanz zurück!« rief Mogli und warf ihn rückwärts in Richtung des Waldes. Instinktmäßig jagte das Pack ihm nach. »Und nun folgt mir bis in den Tod!«

Rasch glitt er vom Baumstamm hinab und flog wie der Wind barfuß dahin, dem Bienenfelsen zu, ehe die Dolen (Rothunde) es merkten.

Tief heulten sie auf und folgten dann in dem langen, springenden Dauergalopp, der alles Lebendige niederrennt. Mogli wußte, daß ihr Packlauf doch viel langsamer war als der der Wölfe, sonst hätte er wohl kaum gewagt, in voller Sicht zwei Meilen vor ihnen her zu laufen. Sicher waren sie, daß der Knabe ihnen doch schließlich zur Beute wurde; und er war sicher, nach Belieben mit ihnen spielen zu können. Seine einzige Sorge war nur, daß er sie in heißer Wut hinter sich hielt, damit sie nicht etwa zu früh von der Fährte abdrehten. [...]

»Hier dürfen wir nicht bleiben«, sagte er dann, »wahrlich, die kleinen Völker sind schwer gereizt. Komm!«

Tief schwimmend und untertauchend, so oft er konnte, trieb Mogli stromabwärts, das Messer in der Hand.

»Sachte, sachte!« rief Kaa. »Ein Zahn kann nicht Hunderte töten, es sei denn der Zahn einer Kobra. Viele Dolen stürzten sich rasch ins Wasser, als sie das kleine Volk aufbrausen sahen, und die sind unverletzt.«

»Um so mehr also Arbeit für mein Messer. Hai! Wie die kleinen Völker folgen.« Mogli tauchte unter. Über der ganzen Wasserfläche schwebten Wolken tückisch summender Bienen, die alles stachen, was sie fanden.

»Schweigen hat noch niemals geschadet«, sagte Kaa – kein Stachel konnte durch seine Haut dringen –, »und du hast die ganze lange Nacht zur Jagd. Hör, wie sie heulen!« [...]

In der Tat, wie Mogli zu Kaa sagte: viele kleine Stacheln und Dornen saßen ihm unter der Zunge; und langsam, bedachtsam trieb er die Dolen vom Schweigen zum Knurren, vom Knurren zum Heulen und vom Heulen zu heiserer, schäumender Raserei. Sie versuchten den Spott zu erwidern, aber ebensowenig hätte ein Wolfsjunges dem rasenden Kaa zu antworten vermocht.

Während der ganzen Zeit lag Moglis Hand geballt an seiner Seite, zum Zupacken bereit, während die Füße fest den Ast umklammert hielten. Der große rotbraune Führer war schon mehrmals hoch in die Luft gesprungen, aber Mogli wollte keinen unsicheren Griff wagen. Schließlich aber kam der Hund, von seiner Wut bis zum Äußersten getrieben, mit einem gewaltigen Satze sieben oder acht Fuß vom Boden hoch. Im gleichen Augenblick schoß Moglis Hand vor wie der Kopf einer Baumschlange und packte den Dolen im Genick. Unter der doppelten Last bog sich der Ast tief hinunter, schwankte heftig und hätte Mogli fast zu Boden geworfen; aber der Knabe hielt fest, und Zoll um Zoll zerrte er die Bestie hoch, die zuletzt wie ein ertrunkener Schakal über dem Aste hing. Nun faßte Mogli mit der linken Hand das Messer, trennte mit einem Hieb die rote, buschige Rute vom Rumpf und schleuderte dann mit einem Schwung den Dolen hinab auf die Erde. Mehr brauchte es nicht. Jetzt nahm das Pack nicht eher wieder die Fährte Won-tollas auf, bis sie Mogli getötet hatten oder er sie. Von oben sah er, wie sie sich mit zitternden Flanken im Kreise niederließen; das bedeutete, daß sie verharren würden bis zum letzten. So kletterte er auf einen höheren Ast, setzte sich bequem in einer Gabelung zurecht und – schlief ein. [...] Zerknackt ist der Knochen«, donnerte Phao, Sohn des Phaona. »Sie fliehen! Tötet ohne Gnade, ihr Jäger vom freien Volk!«

Dole nach Dole schlich fort von den düsteren, bluttriefenden Gestaden des Stroms, der dichten Dschungel zu, stromaufwärts oder -abwärts, wo immer ein Weg zur Flucht sich fand.

»Die Schuld! Die Schuld!« schrie Mogli. »Zahlet die Schuld! Den Einsiedelwolf mordeten sie! Kein Hund darf entkommen!« An den Strand flog er mit dem Messer in der Hand, um jeden Dolen niederzustechen, der zum Wasser wollte. Da erhob sich unter einem aus Toten geschichteten Berge Akela auf die Vorderläufe und reckte den Kopf. Mogli warf sich neben dem Einsiedelwolf auf die Knie.

»Sagte ich nicht, mein letzter Kampf wäre es«, röchelte Akela. »Große Jagd war es – und du, kleiner Bruder?«

»Ich lebe, ich lebe, viele tötete ich.«

»Ich weiß. Ich sterbe und will – will bei dir sterben, kleiner Bruder.« Mogli hob den schrecklich zerfleischten Kopf auf seine Knie und umschlang den zerrissenen Nacken mit den Armen.

»Weit zurück liegen die alten Tage, da Schir Khan lebte und ein Menschenjunges im Staub sich wälzte.«

»Nein, nein, Wolf bin ich – von einer Haut mit dem freien Volk«, rief Mogli. »Nicht mein Wille ist es, Mensch zu sein.«

»Mensch bist du, kleiner Bruder, Wölfling meiner Haut. Mensch bist du, sonst wäre das Pack vor den Dolen geflohen. Mein Leben verdanke ich dir, und heute hast du das Pack gerettet, wie ich dich einst rettete. Weißt du es noch? Alle Schuld ist getilgt. Gehe zu deinem eigenen Volk. Ich sage es dir noch einmal, Licht meiner Augen, zu Ende ging diese Jagd. Gehe zu deinem Volk.«

»Nein, niemals! Allein will ich jagen in der Dschungel. Ich habe gesprochen.«

»Dem Sommer folgen die Regen, den Regen folgt der Frühling. Kehre heim, ehe man dich treibt.«

»Wer wird mich treiben?«

»Mogli wird Mogli treiben. Kehre heim zu deinem Volk. Gehe zu den Menschen.«

»Wenn Mogli Mogli treibt, dann wird Mogli gehen.«

»Nichts mehr bleibt zu sagen«, sprach Akela. »Kleiner Bruder, kannst du mich auf die Läufe heben? Auch ich war Führer des freien Volkes.«

Sorglich und sanft schob Mogli die toten Körper zur Seite, richtete Akela auf und stützte ihn mit den Armen. Tief sog der Einsiedelwolf Luft in die Lungen, dann sang er das Totenlied, das ein Führer des Packs singen muß, wenn er stirbt. Kräftiger und kräftiger hob sich der Gesang, daß er weithin über den Strom schallte. Und als er an das letzte »Gute Jagd« kam, da schüttelte Akela sich von Mogli frei, sprang in die Luft, fiel zurück auf seine letzte und furchtbarste Beute – und war tot. [...] 

»Gute Jagd!« grüßte Phao den toten Akela, als ob dieser noch lebte. Dann rief er über die eigene zerfleischte Schulter hinweg: »Heult, Hunde! Ein Wolf starb diese Nacht!«

Aber von dem gesamten Pack der zweihundert kämpfenden Dolen, den Rothunden vom Dekkan, die prahlten, alle Dschungel wären ihre Dschungel und kein lebendes Wesen könnte ihnen standhalten, kehrte nicht einer heim zum Dekkan, um von dem Kampf zu berichten."

Kapitel 15: Der Frühlingslauf

Mogli wird inzwischen als Herr des Dschungels anerkannt, aber im Dschungelfrühling (der trotz der von Menschen kaum unterscheidbaren Jahreszeiten im Dschungel eine wichtigere Rolle spielt als andere Jahreszeiten und auch als "Zeit der neuen Rede" bezeichnet wird) gelten andere Gesetze. Die Tiere hören nicht auf ihn, und er fühlt sich merkwürdig geschwächt, bis er seinerseits zu seinem Frühlingslauf aufbricht, bei dem ihm neue Kräfte zuwachsen und er über sein Dschungelgebiet hinaus vorstößt und seine Menschenmutter Messua wieder trifft. Sie nimmt ihn auf und versorgt ihn mit Menschennahrung und zeigt ihm seinen Halbbruder ein zweijähriges Kind, das sich rasch an ihn anschließt. 

Mogli kehrt zu seinen Dschungelfreunden zurück, doch die raten ihm, zu den Menschen zu gehen, das gehöre zum Menschenschicksal. 

16. Kapitel: Der Abgesang

Diesen Gesang hörte Mogli hinter sich im Dschungel, bis er wieder vor Messuas Tür stand.

Balu.

Dem zu Liebe, der dich lehrte,

Weiser Frosch, des Dschungels Fährte, –

Menschensatzung sollst erfüllen

Um alt-blinden Balus willen.

Ob die Fährte unrein scheine,

Ihr Gesetz sei doch das deine,

So bei Tag, wie bei der Nacht, –

Frage nicht, wer es gemacht.

(Honig, Wurzel, Palm und Mohn

Wahrt vor Harm des Dschungels Sohn)

Wald und Wasser, Wind und Hain,

Dschungelgunst soll mit dir sein!

Kaa.

Ärger ist von Furcht das Ei,

Lidlos Auge nur sieht frei.

Gift der Kobra lecke nimmer,

Kobra-Rede meide immer.

Offnes Wort sei deine Art,

Kraft, die sich mit Milde paart.

Guter Hieb braucht scharf Gesicht,

Morschem Ast vertrau' dich nicht.

Schmecken Lamm und Ziege dir,

Still' den Hunger, nicht die Gier.

Nach dem Futter willst du ruhn?

Mußt's in sichrer Höhle tun.

Denn die Rache schleicht dir nach

Aus vergeßnem Streit und Tag.

Nord und Süd und Ost und West,

Wasch dein Fell, den Mund schließ' fest.

Blauer Pfuhl und Spalt und Graben,

Mittel-Dschungel, folg' dem Knaben!

Wald und Wasser, Wind und Hain,

Dschungelgunst soll mit dir sein!

Baghira.

Im Käfig ich geboren ward.

Kenne Menschenweg und Art.

Beim offnen Schloß, das mich befreit, –

Menschling, Menschenbrut vermeid'.

Bei Tauduft oder Sternenlicht –

Baumkatz-Fährten folge nicht.

Beim Rat, im Pack und auf der Jagd,

Vor Schakal-Menschen sei bedacht.

Mit Schweigen füttre sie, die Brut,

Die spricht: »komm' mit, die Fährt' ist gut.«

Mit Schweigen stopf sie, wenn sie hetzen

Ihr helfend Schwache zu verletzen.

Prahl nie, wie's Affenvolk, von Macht,

Und rede nie von deiner Jagd.

Darfst vor Ruf, vor Sang und Zeichen

Nie von deiner Jagdspur weichen.

(Morgennebel, Zwielicht mild,

Dient ihm, Wächter ihr vom Wild!)

Wald und Wasser, Wind und Hain,

Dschungelgunst soll mit dir sein!

Die Drei.

Mußt nun deine Fährte ziehn

Zu der Schwelle, die wir fliehn,

Zu der Roten Blume Glühn.

Ruhst nun eng, wo frei zur Nacht

Sternenheer dich nicht mehr dacht, –

Hörst uns gehn, der Treuen Wacht.

Wachst, da Tag vom Himmel fällt,

Herzkrank nach der Dschungelwelt,

Zu der Mühsal, die dich hält:

Wald und Wasser, Wind und Hain,

Dschungelgunst soll mit dir sein!

„Im Rukh“ (Originaltitel mit Link zum Text: In the Rukh

Diese Erzählung ist die erste Erzählung des Mogli-Zyklus, die Rudyard Kipling geschrieben hat, doch vom Zeitverlauf (in Moglis Leben) schließt sie den Zyklus an. Dieser Zyklus des Dschungelbuchs ist also ein Prequel zu Im Rukh. Deshalb wurde  Im Rukh  oft als Anhang in Das Neue Dschungelbuch aufgenommen. 

Zur deutschen Übersetzung der Erzählung (im Internet); sonst ist sie in den üblichen Textausgaben der Dschungelbücher als letzte Erzählung aufgenommen.

Zur Handlung:

Gisborne, ein englischer Forstbeamter im Dienste der britischen Kolonialverwaltung, arbeitet im „Rukh“ (einem riesigen, geschützten Waldgebiet in Indien). Er trifft auf einen mysteriösen jungen Mann namens Mogli, der nackt, muskulös und völlig furchtlos ist.

Gisborne ist fasziniert von Moglis unglaublicher Geschicklichkeit und seiner Fähigkeit, sich lautlos durch den Dschungel zu bewegen. Mogli wird von vier riesigen Wölfen begleitet, die er als seine „Brüder“ bezeichnet und die ihm absolut gehorchen. Da Gisborne jemanden braucht, der den Wald und die Wilderer kennt, stellt er Mogli als Waldhüter ein. Mogli akzeptiert, vor allem, weil er eine tiefe Verbundenheit zum Wald spürt, aber auch, weil er sich in die Tochter von Gisbornes muslimischem Diener Abdul Gafur verliebt. Der Leiter der Forstbehörde, ein Deutscher namens Müller (der als weiser Kenner der Natur dargestellt wird), besucht das Revier. Er erkennt sofort, dass Mogli kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern ein „Naturwunder“. Er sieht in Mogli den perfekten Brückenschlag zwischen der Zivilisation und der Wildnis.

Mogli heiratet die Tochter Abdul Gafurs und lässt sich am Rande des Waldes nieder. Er arbeitet nun offiziell für die Regierung, behält aber seine Verbindung zu seinen Wolfsbrüdern bei. Die Geschichte endet mit dem Bild von Mogli, der zwischen zwei Welten lebt – dem häuslichen Glück und der wilden Freiheit des Dschungels.

Im Rukh unterscheidet sich in Ton und Stil deutlich von den bekannteren Mogli-Geschichten:

Während die Geschichten im Dschungelbuch eher wie Fabeln wirken, ist diese Erzählung in der kolonialen Realität des 19. Jahrhunderts verankert. Es geht um Forstverwaltung, Gehälter und soziale Hierarchien. Wir sehen hier einen Mogli, der lernen muss, Kleidung zu tragen und Steuern zu verstehen, auch wenn er im Herzen eine Wildkreatur bleibt. Die Figur des Müller dient dazu, Mogli fast mythologisch zu erklären. Er nennt ihn einen „Faun“, ein Wesen aus der antiken Sagenwelt, das in der modernen Welt eigentlich keinen Platz mehr hat. Im Gegensatz zum restlichen Dschungelbuch kommuniziert Mogli mit seinen Wölfen hier eher durch Pfiffe und Zeichen. Die magische Komponente der „Tiersprache“ ist hier einer fast übernatürlichen Instinktleitung gewichen.

Doch gehört diese Erzählung insofern zum Zyklus, als sie zeigt, was aus dem Wolfsjungen wurde, nachdem er den Dschungel der Tiere verlassen hatte, und damit auf den realistischen Ursprung der Erzählung verweist. 


Die Parallele zum Löwenmann Enkidu aus dem Gilgamesch-Epos ist unverkennbar. In diesem Blog findet sich zum Gilgamensch-Epos dieser Beitrag