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Textausschnitte und Inhaltsangaben:
Kapitel 1: Wie Angst kam
"[...] Das Dschungelgesetz – bei weitem das älteste Gesetz der Erde – enthält Bestimmungen für beinahe jederlei Art von Vorfällen, die sich unter dem Dschungelvolk ereignen können; und bis jetzt sind seine Gesetzestafeln so vollkommen, wie Zeit und Gewohnheit sie machen können. Wer die anderen Erzählungen über Mogli gelesen hat, wird sich erinnern, daß der Knabe einen großen Teil seines Lebens unter dem Rudel der Sioniwölfe verbrachte und von Balu, dem braunen Bären, im Dschungelgesetz unterwiesen wurde. Wenn Mogli über die ewigen Zurechtweisungen ungeduldig wurde, sagte ihm Balu, das Gesetz wäre wie eine Riesenliane, weil es sich an jedem festhänge und keiner sich ihm entziehen könnte. »Wenn du so lange gelebt haben wirst wie ich, kleiner Bruder«, fuhr Balu fort, »so wirst du sehen, wie die ganze Dschungel zumindest einem Gesetz folgt. Aber angenehm wird dir diese Erkenntnis nicht sein.« [...]"
Kapitel 2: Das Gesetz der Dschungel
"[...] Dies sind die Gesetze der Dschungel,
so alt und so klar wie das Licht;
Der Wolf, der sie hält, wird gedeihen,
und sterben der Wolf, der sie bricht.
Lianengleich schlingt das Gesetz sich,
voran und zurück, auf und ab;
Die Stärke des Packs ist der Wolf,
und die des Wolfs ist das Pack.
Wasch' täglich vom Kopf bis zum Schwanz dich –
trink' tief, aber trink' mit Bedacht;
Und wisse, bei Tag sollst du schlafen,
und jagen sollst du bei Nacht.
Der Schakal mag folgen dem Tiger,
doch Kind, wenn gewachsen dein Bart –
Bedenke, der Wolf ist ein Jäger –,
such' Nahrung, wie's ziemt deiner Art.
Halt' Ruh' mit dem Tiger und Panther,
dem Bären, der Dschungel Herr'n,
Und störe nicht Hathi, den Stillen,
dem Eber im Lager bleib' fern.
Wenn Pack stößt auf Pack in der Dschungel,
wer fügt sich, wer weicht zur Seite?
Lieg' still, bis die Führer geredet,
gut Wort oft schlichtet den Streit.
Bekämpfst du den Wolf aus dem Packe,
kämpf' fernab und kämpfe allein.
Sonst frißt der Streit auch die andren
und lichtet befreundete Reih'n.
Die Höhle des Wolfs ist ihm Zuflucht,
grub er sie offen am Licht,
So macht ihm der Rat durch Boten
das Wechseln der Höhle zur Pflicht.
Und wenn ihr vor Mitternacht jaget,
so weckt nicht den Wald mit Geschrei,
Denn schnell flieht das Wild aus den Ähren,
eure Brüder geh'n leer aus dabei.
Für dich, für den Wurf, für die Wölfin
töt' reichlich, doch niemals zur Lust,
Und siebenmal: Töt' nicht den Menschen,
der Satzung bleibe bewußt!
Nicht ganz verschlinge die Beute,
die stolz du dem Schwächern geraubt,
Packrecht gilt auch für den Schwächsten,
drum laß ihm die Haut und das Haupt.
Die Beute des Packs gehört allen,
sie teilen und fressen sofort,
Dem Tode bist du verfallen,
verschleppst du ein Stück nur vom Ort.
Die Beute des Wolfs gehört ihm nur,
er macht mit ihr, was ihm beliebt,
Das Pack darf nur daran rühren,
wenn er die Erlaubnis ihm gibt.
Wurfrecht ist das Recht des Jährlings,
vom Pack heischt er es allein,
»Maulvoll«, wenn der Jäger gefressen,
und keiner darf knurren: nein.
Das Lagerrecht eignet der Mutter,
wer mit ihr vom gleichen Jahr,
Bringt einen Schenkel der Beute
den hungrigen Wölflingen dar.
Das Höhenrecht eignet dem Vater –
zu jagen, wie ihm gefällt,
Dem Packe ist er nicht pflichtig,
dem Rate nur unterstellt.
Leitwolf ist der Älteste, Schlauste,
der Stärkste an Zahn und Pfot'!
Und läßt das Gesetz eine Lücke,
so gilt sein Wort als Gebot.
Das sind die Gesetze der Dschungel,
und zahlreich sind sie und stark,
Doch »Gehorch!« ist Kopf des Gesetzes,
sein Buckel, Huf, Hüfte und Mark."
Kapitel 3: Das Wunder des Purun Baghat
Einst lebte ein Mann in Indien, der war Erster Minister eines der halb unabhängigen Eingeborenenstaaten im nordwestlichen Teil des Landes. Ein Brahmane war er, von so hoher Kaste, daß Kaste aufhörte, eine besondere Bedeutung für ihn zu haben. Sein Vater war ein wichtiger Beamter gewesen in dem farbig heiteren und bequemen Trott eines altmodischen Hinduhofes. Aber als Purun Daß heranwuchs, erkannte er, daß die alten Zeiten im Schwinden waren, und daß man, um vorwärtszukommen, sich mit den Engländern freundlich stellen und alles nachahmen müßte, was sie für gut hielten. Gleichzeitig aber mußte ein eingeborener Beamter sich auch die Gunst seines eigenen Herrn zu erhalten suchen. Das war eine schwierige Aufgabe, aber der ruhige, wortkarge junge Brahmane, dem auch eine gute englische Erziehung an der Universität in Bombay dabei half, faßte die Sache mit kühlem Kopf an und stieg Stufe für Stufe höher auf, bis er zuletzt Erster Minister des Königreichs wurde. Das will heißen, daß er mehr wirkliche Macht besaß als sein Herr, der Maharadscha.
Als der alte König – der den Engländern mit ihren Eisenbahnen und Telegraphen immer mißtraut hatte – starb, stand Purun Daß in hoher Gunst bei dem jungen Thronerben, der von einem Engländer erzogen worden war. Beide zusammen gründeten nun Schulen für Mädchen, legten Straßen an, eröffneten Staatsapotheken, landwirtschaftliche Ausstellungen und gaben ein jährliches Blaubuch heraus über den »moralischen und materiellen Fortschritt des Staates«. Das Auswärtige Amt in London und die Regierung in Indien waren natürlich entzückt darüber; aber Purun Daß trug stets Sorge, daß alle Ehre seinem Herrn und König zuteil wurde.
Nur sehr wenige Eingeborenenstaaten nehmen den englischen Fortschritt ohne Vorbehalt an, weil sie nämlich nicht der Meinung sind, daß alles, was für Engländer gut ist, für Asien doppelt gut sein müßte; aber Purun Daß war dieser Meinung. So wurde der Erste Minister der geachtete Freund von Vizekönig und Gouverneuren, ärztlichen Missionaren und gewöhnlichen Missionaren und gut zu Pferde sitzenden englischen Offizieren, die kamen, um in den Schutzstaaten zu jagen, sowie auch der Freund ganzer Scharen von Reisenden, die Indien während der kalten Jahreszeit durchquerten und den Leuten zeigten, wie alles gemacht werden müßte. In seiner Mußezeit gründete er Stipendien für das medizinische Studium, Fabriken aller Art genau nach englischem Muster und schrieb Artikel für den »Pionier«, die größte indische Tageszeitung, in denen er die Ziele und Pläne seines Herrn erklärte.
Zuletzt reiste er zu einem Besuch nach England und hatte bei seiner Rückkehr riesige Summen an die Priester zu zahlen. Denn selbst ein Brahmane von so hohem Rang wie Purun Daß verlor die Rechte seiner Kaste, sobald er das dunkle Meer kreuzte. In London traf er mit allen Persönlichkeiten zusammen, deren Bekanntschaft ihm von Bedeutung war – Männer mit Namen von Weltklang –, und sah ein gut Teil mehr, als er sagte. Ihm wurden Ehrengrade von Universitäten und gelehrten Gesellschaften verliehen; er hielt Reden, unterhielt sich mit Damen in ausgeschnittenen Kleidern über soziale Reformen der Hindu: bis ganz London rief: Das ist der interessanteste Mann, den wir bei einem Essen trafen, seitdem es überhaupt gedeckte Tische gibt!
Als er nach Indien zurückkehrte, strahlte sein Ruhm im höchsten Glanz, denn der Vizekönig kam in eigener Person zu Besuch, um dem Maharadscha das Großkreuz des »Sterns von Indien«, diamanten-, schmelz- und bänderflimmernd, zu überreichen. Bei der gleichen Zeremonie wurde unter dem Donnern der Kanonen Purun Daß zum Großritter des »Ordens vom Indischen Reich« ernannt, so daß sein Name fortan lautete: Sir Purun Daß, K.C.I.E. [...]
Auf dem Höhepunkt seines politischen Lebens nimmt er die Bettelschale und wandert nach Norden bis zu den Anfängen des Himalaya.
Zu Beginn seiner Wanderung tönte noch das Getöse der Welt in seinen Ohren, so wie der Donner im Tunnel nachhallt, wenn ein Zug hindurchgefahren ist. Als er aber den Muttieaniepaß hinter sich hatte, war das alles verklungen – und Purun Baghat war allein mit sich selbst, wandernd, staunend, sinnend, die Augen am Boden, die Gedanken in den Wolken.
Eines Abends erreichte er nach zweitägigem Aufstieg den höchsten Paß, den er bisher erklommen hatte, und stand nun plötzlich vor einer Kette von Schneegipfeln, die wie ein Gürtel den Horizont umschlossen – Berge von fünfzehn- bis zwanzigtausend Fuß Höhe schienen so nahe, als könnte man sie mit einem Steinwurf erreichen, und waren doch fünfzig bis sechzig Meilen entfernt. Die Paßhöhe war bedeckt mit dunklem dichtem Wald – Deoda, Walnuß, wilder Kirsche, wilder Olive und wilden Birnbäumen –, aber zumeist mit Deoda, das ist die Himalaja-Zeder; und im Schatten der Deodazedern stand ein verlassener Schrein der Kali – das ist Durga oder Sitala, die manchmal gegen die Blattern angerufen wird.
Purun Daß fegte den Steinboden sauber, lächelte der grinsenden Gottheit zu, baute sich im Hintergründe des Schreins eine kleine Feuerstelle aus Lehm, breitete sein Antilopenfell über ein Lager von frischen Fichtenreisern, schob den Bairagi – die Stütze mit Messinggriff – in die Achselhöhle und setzte sich nieder, um zu ruhen.
Unmittelbar zu seinen Füßen fiel die Bergwand jäh ab, fünfzehnhundert Fuß tief bis zu einem kleinen Dorf mit Häusern aus Steinmauern und gestampften Erddächern, die am steilen Hange klebten. Rund um das Dorf lagen in winzige Terrassen geteilte Felder, die wie eine Schürze aus Flickwerk die Knie des Berges bedeckten, und Kühe, nicht größer als Käfer, weideten zwischen den glatten Steinen der kreisförmigen Dreschtennen. Beim Blick über das Tal hinweg täuschte man sich über die Größenverhältnisse, und zuerst war nicht gleich zu erkennen, daß scheinbar niedriges Gestrüpp auf der Bergseite gegenüber in Wahrheit ein Wald mit fünfhundert Fuß hohen Fichten war. Purun Baghat sah einen Adler über dem gewaltigen Talgrund schweben, aber der große Vogel schrumpfte zu einem Punkte ein, ehe er noch halb hinüber war. Einzelne Wolkenfetzen strichen an den Talwänden dahin, hafteten wohl an einem Bergvorsprung oder trieben hoch und verwehten auf der Höhe des Passes. Und Purun Baghat sprach: »Hier werde ich Frieden finden.« [...]
Die Tiere, die den Einsiedler schätzen gelernt haben, warnen ihn vor einem Bergsturz und er fühlt sich verpflichtet, alles zur Rettung der Dorfbewohner zu tun, die ihn in seiner Klause versorgt haben.
Purun Baghat sank ohnmächtig an seiner Seite zu Boden. Die Frostschauer des Regens und der furchtbare Anstieg waren sein Tod; aber noch rief er den zerstreuten Fackeln über ihm zu: »Haltet an und zählt die Köpfe!« Dann, als er die Fackeln zu einem Haufen sich sammeln sah, hauchte er leise dem Hirsch zu: »Bleibe bei mir, Bruder. Bleibe – bis – ich scheide.«
Nun ging es wie ein Seufzen durch die Luft, es wuchs zu einem Murren; das Murren wuchs zum Gebrüll, und Gebrüll schwoll an über alles Hören hinaus. Die Bergseite, auf der die Dörfler standen, wurde in der Finsternis wie von einem Schlage getroffen und erbebte bis ins Innerste. Dann erklang ein Ton, stetig, tief und voll, wie das tiefe C der Orgel, und verschlang für fünf Minuten jeden anderen Laut, und die hohen Fichten erzitterten bis in ihre Wurzeln hinein. Der Ton starb dahin – und das Rauschen des Regens, der meilenweit auf harten Boden geschlagen hatte, wurde zum dumpfen Trommeln der Wässer auf weicher Erde. Das sprach seine eigene Sprache.
Keiner der Dorfbewohner, nicht einmal der Priester, war kühn genug, zu dem Baghat zu reden, der ihr Leben gerettet hatte. Still kauerten sie unter den Fichten und erwarteten den Tag. Als der Morgen kam, blickten sie über das Tal hin. Wo einst Terrassenfelder gewesen waren, Wälder und fährtendurchfurchte Weidegründe, war jetzt nur noch eine rohe, rötliche, fächerartig verspreizte Lehmmasse, aus der kopfüber gestürzte Baumstämme da und dort herausragten. Die rötliche Masse war noch hoch am Berg ihrer Rettung aufgelaufen und staute den kleinen Fluß, der sich zu einem ziegelfarbigen See auszudehnen begann. Von dem Dorfe, dem Pfad, der zu dem Schrein geführt hatte, von dem Schrein selbst und dem Wald dahinter war keine Spur mehr zu sehen. Eine Meile in der Breite und zweitausend Fuß in der Tiefe war die Bergwand abgestürzt, mit glatter Schnittfläche vom Gipfel bis zur Sohle.
Die Bewohner des Dorfes, einer nach dem andern, schritten leise durch den Fichtenwald, um vor ihrem Baghat zu beten. Sie sahen den Barasingh über ihm stehen, aber als sie näher kamen, floh er davon; sie hörten die Langurs in den Bäumen wehklagen und Sona im Geklüft stöhnen, aber ihr Baghat war tot. Er saß mit gekreuzten Beinen, den Rücken gegen einen Stamm gelehnt, die Stütze unter der Achselhöhle und sein Antlitz gegen Nordosten gekehrt.
Und der Priester sagte: »Seht, Wunder über Wunder, denn in dieser Stellung müssen alle Sunnjasis begraben werden. Deshalb lasset uns an dem Ort, wo er nun sitzt, den Tempel errichten für unsern heiligen Mann.« [...]"
Kapitel 4: Ein Sang des Kabir
Oh, wie leicht wog die Welt in der Macht seiner Hand!
Wie weit zog sein Ruhm über Lehen und Land!
Er stieg nieder vom Thron, ließ die Macht und den Schein,
Ging in Bettlergewand, ein Bairagi zu sein.
Weiß glüht Delhis Straße, dem Fuß nun zur Matten,
Dammar und Akazie dem Haupt nun zum Schatten,
Sein Heim das Gewühl, Feld und Wald, Wüstenei'n,
Einen Pfad sucht im All der Bairagi allein.
Er schaute den Menschen, sein Auge ward klar
(Einer wird, spricht Kabir, einer ist, einer war),
Der Tat roter Nebel nicht hüllt ihn mehr ein,
Er wandelt den Pfad – ein Bairagi – allein.
Daß vom Bruder, dem Tier, seinem Bruder, der Erde,
Seinem Bruder, dem Gott, Erkenntnis ihm werde,
Ließ Thron er und Rat – er starb nun dem Schein
(Ihr hört? spricht Kabir), ein Bairagi zu sein.
Kapitel 5: Die Dschungel los!
"[...] Sicher erinnert ihr euch noch daran, wie das damals war, als Mogli Schir Khans Haut an den Rätefelsen heftete und dem Rest des Sionirudels erklärte, er wolle fortan allein in der Dschungel jagen. Nur die vier Jungen von Mutter und Vater Wolf taten sich zu ihm.
Aber leicht ist es nicht, sein ganzes Leben mit einemmal zu ändern – vornehmlich in der Dschungel. Als das aufrührerische Wolfspack abgezogen war, begab sich Mogli als erstes zur heimatlichen Höhle und schlief einen Tag und eine Nacht hindurch. Darauf erzählte er Vater und Mutter Wolf von seinen Erlebnissen bei den Menschen, soviel sie davon verstehen konnten; und als er die Morgensonne auf der Klinge seines Jagdmessers aufblitzen ließ – des Messers, mit dem er Schir Khan abgehäutet hatte –, sagten sie, er habe etwas gelernt. Dann berichteten Akela und Graubruder von ihrer Mitwirkung bei dem großen Büffeltreiben in der Schlucht, und Balu kam herangewackelt, um alles zu hören, während Baghira in seiner Freude über Moglis Kriegskunst sich am ganzen Körper kraulte. [...]"
Kapitel 6: Moglis Gesang wider die Menschen
Ich laß los gegen euch die flinkfüßigen Ranken,
Es bersten die Dächer!
Die Pfosten zu Falle!
Und Karela, die bittre Karela,
Begrabe sie alle!
Meines Volkes Gesang euren Ratplatz durchschalle,
Die Fledermaus niste in Scheune und Halle;
Am erloschenen Herdstein
Halte, Schlange, die Hut,
Karela soll fruchten,
Wo zur Nacht ihr geruht!
Meine Streiter nicht seht ihr, ihr hört nur voll Graus,
Zur Nacht, eh' der Mond steigt, da send' ich sie aus,
Der Wolf sei euch Hirte,
Die Herde zerstiebt!
Karela wird samen,
Da, wo ihr geliebt!
Eure Felder beernte das Heer meiner Schnitter,
Nachles' mögt ihr halten um Hähnchen und Splitter!
Pflugstier sei das Rotwild
Und pflüge das Feld!
Es laube Karela,
Wo die Saat ihr bestellt!
Ich ließ los gegen euch die vielfüßigen Ranken,
Euch zu tilgen, entband ich die Dschungel der Schranken:
Der Wald, der Wald ist über euch,
Die Pfosten zu Falle!
Und Karela, die bittre Karela,
Begrabe euch alle!
Kapitel 7: Die Leichenbestatter
Ein uraltes Krokodil, ein Adjutantkranich und ein Schakal unterhalten sich darüber, wie gut es einem geht, wenn es viel Aas zu fressen gibt. Besonders das Krokodil lobt Kriegszeiten, wo Menschenleichen in Massen den Fluss hinuntergeschwommen kommen. Doch es ärgert sich, dass ihm einmal ein Menschenjunges entgangen ist, weil seine Hand noch so klein war, dass es sie zwischen den Krokodilszähnen herausziehen konnte.
Inzwischen ist das Baby zu einem englischen Soldaten geworden, der das Krokodil erschießt, aber feststellen muss, dass seine Haut keinerlei Tauschwert mehr hat, weil sie zu ramponiert ist.
Kapitel 8: Lied der Welle
Welle wogte an dem Strand, Griff nach eines Mädchens Hand, Das in Abendsonnengluten Heimwärts wandert durch die Fluten.Zarte Brust und schlanker Fuß, Wahrt euch vor des Schmeichlers Gruß: »Höre, Kind, mein sanft Gebot! Warte! Bleib! Ich bin der Tod . . .« »Drüben ruft der Liebe Glück, Schmachvoll wär's, ich blieb zurück.« Dort im Fluß der helle Klang, War's ein Fisch, der spielend sprang? Schlanker Fuß und zartes Herz Harrt der Fähre heimatwärts! »Hör' auf mich!« die Welle droht, »Warte, Kind! Ich bin der Tod.« »Liebster ruft, da muß ich eilen, Schande träf' mich, wollt' ich weilen.« Welle, Welle wogt und ringt, Mächtig ihr den Leib umschlingt. Töricht Herze, treue Hand, Kleiner Fuß trat nie ans Land. Welle wandert, Welle rot, Wogt hinab und trägt den Tod.
Kapitel 9: Des Königs Ankus Das sind die vier, die nie gestillt, die nie gefüllt seit Urbeginn –
Des Schakals Schlund, des Geiers Gier, des Affen Hand, des Menschen Sinn.
(Dschungelspruch)
Kaa, der große Felsenpython, hatte vielleicht zum zweihundertstenmal seit seiner Geburt die Haut gewechselt; und Mogli, der nie vergaß, daß er in jener Nacht zu »Cold Lairs« der Riesenschlange sein Leben verdankte, kam, um ihr Glück zu wünschen. Hautwechsel verursacht den Schlangen immer etwas Unbehagen, und sie bleiben launisch, bis die neue Haut wieder hell und schön glänzt. Kaa machte sich schon längst nicht mehr über Mogli lustig; er erkannte ihn als Meister der Dschungel an, wie die übrigen Dschungelvölker es taten, und trug ihm alle Neuigkeiten zu, die ein Python von seiner Größe naturgemäß erfährt. [...]
»Mogli nennt man mich«, war die Antwort. »Von der Dschungel bin ich. Die Wölfe sind mein Volk, und Kaa hier ist mein Bruder. Ahn der Kobras, wer bist du?« »Ich bin der Wächter der Schätze des Königs. Kurrun Radscha baute den Stein über mir in den Tagen, da meine Haut dunkel war, auf daß ich Tod bringe über alle, die kommen, um zu rauben. Dann senkten sie den Schatz durch die Steinplatte hernieder, und ich hörte den Gesang der Brahmanen, meiner Meister.« »Hm«, brummte Mogli vor sich hin. »Mit einem Brahmanen habe ich schon einmal zu tun gehabt bei dem Menschenvolk – ich weiß, was ich weiß: Böses wird auch hier bald kommen.« »Seitdem sitze ich zur Wacht. Fünfmal wurde der Stein gehoben, immer um noch mehr und mehr zu versenken, nie, um etwas fortzunehmen. Keine Schätze in der Welt gleichen diesen – den Schätzen von Hunderten von Königen. Aber lange, lange ist es her, seit der Stein zum letztenmal gehoben ward, ich glaube, daß meine Stadt mich vergaß.« »Es ist keine Stadt da!« rief Kaa. »Schau hinauf. Wurzeln uralter Bäume spalten die Steine. Bäume und Menschen wachsen und wuchern nicht an ein und demselben Ort.« »Zweimal, dreimal haben Menschen den Weg hierher gefunden«, antwortete grimmig die weiße Kobra, »aber sie sprachen nicht – bis ich über sie kam, sie im Dunkeln umklammernd, und dann wimmerten sie nur kurz. Aber ihr beide, Mensch und Schlange, kommt mit Lügen und wollt mich glauben machen, daß meine Stadt nicht mehr steht und meine Wacht zu Ende geht. Die Menschen ändern sich wenig im Lauf der Zeiten. Aber ich, ich ändere mich nie. Bis der Stein hinweggenommen wird, bis die Brahmanen herabsteigen und die Gesänge singen, die ich kenne, mich füttern mit warmer Milch und mich hinauftragen ans Tageslicht – so lange halte ich hier – ich – ich – ich und kein anderer die Wacht bei dem Horte des Königs. Tot ist die Stadt, sagt ihr, und Wurzeln sprengen die Gruft! Gut, so bückt euch denn und nehmt, was ihr begehrt. Die Erde birgt keine größeren Schätze als diese. Mensch mit der Zunge der Schlangen, wenn du lebend den Weg zurückwanderst, den du gekommen bist, dann werden Könige deine Diener sein.« [...] Die weiße Kobra hatte recht. Nicht abzuschätzen war der Geldeswert dieser Kostbarkeiten, zusammengetragen und gehäuft aus den Kriegen, dem Raub, dem Handel und den Tributen von Jahrhunderten. Die Münzen und Edelsteine waren kaum zu zählen; das tote Gewicht des Goldes und Silbers überstieg zwei- bis dreihundert Tonnen. Noch heutigentags besitzt jeder indische Herrscher, wie arm er auch sei, einen Hort, den er ständig vergrößert. Hin und wieder – sehr selten allerdings – kommt es wohl vor, daß ein aufgeklärter Fürst vierzig bis fünfzig Ochsenkarrenladungen Silbers gegen Staatspapiere austauscht, aber die meisten bewahren ihre Schätze und halten sie sorgfältig geheim. Mogli natürlich ahnte nichts von der Bedeutung aller dieser Gegenstände. [...Er nimmt einen roten Stein mit.] Sie waren kaum eine halbe Meile weiter vorgedrungen, als sie Ko, die Krähe, das Totenlied singen hörten im Wipfel eines Tamarindenbaumes, unter dessen Schatten drei Männer hingestreckt lagen. In der Mitte des Kreises rauchte ein halberloschenes Feuer unter einer eisernen Platte, auf der Brotkuchen verkohlten. Dicht bei dem Feuer lag, hell im Sonnenlicht glitzernd, der mit Rubinen und Türkisen bedeckte Ankus. »Schnell arbeitet das Ding. Hier endet alles«, sagte Baghira. »Wie aber kamen diese Menschen um, Mogli? Kein Fleck noch Wunde ist an ihnen.« Ein Dschungelbewohner weiß aus Erfahrung mehr über giftige Pflanzen und Beeren als die meisten Ärzte. Mogli roch in den Rauch, der vom Feuer hochstieg, brach ein Stück des geschwärzten Brotes, kostete es und spie es wieder aus. »Apfel des Todes«, hustete er. »Der erste muß ihn in das Futter gemischt haben für die anderen, die ihn töteten, nachdem sie den Gond getötet hatten.« »Große Jagd – wahrlich«, rief Baghira, »Tod folgt auf Tod.« »Apfel des Todes« nennt man in der Dschungel den Dornapfel oder Datura – das stärkste Gift in ganz Indien. »Was nun?« fragte der Panther. »Du und ich, müssen wir nun einander töten, für den rotäugigen Schläger dort?« »Kann er reden?« flüsterte Mogli. »Habe ich ihn beleidigt, als ich ihn fortwarf? Zwischen uns kann er nicht Unheil stiften, denn wir wünschen nicht, was Menschen begehren. Bleibt er aber hier liegen, wird er sicherlich weiter Menschen töten, einen nach dem anderen, so schnell, wie Nüsse von den Bäumen fallen im Sturm. Liebe zu Menschen habe ich nicht, aber selbst ich will nicht, daß sechs in einer Nacht umkommen.« »Was tut es? Nur Menschen sind es! Sie töteten einander und fanden Lust daran«, sagte Baghira. »Gut jagte der erste kleine Waldmensch.« »Junge sind sie nichtsdestoweniger; ein Junges würde sich ersaufen, um den Mond im Wasser zu beißen. Meine Schuld war es«, sprach Mogli, der redete, als ob er alles über alles wüßte. »Niemals wieder schleppe ich fremde Dinge in den Dschungel – und wären sie wie Blumen so schön. Dieser«, behutsam hob er den Ankus auf, »kehrt zu dem Ahn der Kobras zurück. Aber schlafen müssen wir erst und schlafen können wir nicht in der Nähe der Schläfer dort. Auch müssen wir ihn vergraben, er könnte sonst fortrennen und noch sechs weitere töten. Scharre ein Loch unter dem Baume.« »Aber, kleiner Bruder«, wandte Baghira ein, dem Baum zuschreitend, »ich sage dir, nicht der Blutsäufer hat schuld. An den Menschen liegt alles.« »Einerlei«, entgegnete Mogli. »Tief grabe das Loch. Wenn wir erwachen, hole ich ihn heraus und trage ihn zurück.« Zwei Nächte später, als die weiße Kobra im Dunkel der Gruft lag – geschändet, bestohlen, einsam –, wirbelte der von Edelsteinen funkelnde Ankus durch das Loch in der Mauer und fiel klirrend in das Meer güldener Münzen am Boden. »Urahn der Kobras!« rief Mogli – er blieb wohlweislich außerhalb der Mauer –. »Nimm dir aus deinem Volke einen Jungen und Starken zu Hilfe, um den Schatz des Königs zu hüten, auf daß nie wieder ein Mensch diesen Ort lebend verlasse.« »Ah, ah! Er kehrt also heim«, murmelte die alte Kobra und wand sich liebkosend um den Ankus. »Ich sagte doch, das Ding ist der Tod. Wie kommt es, daß du noch lebst?« »Bei dem Bullen, für den Baghira mich in das Rudel der Sioniwölfe einkaufte, ich weiß es nicht! Das Ding hat sechsmal getötet in einer Nacht. Bewahre es wohl in ewiger Finsternis.« Kapitel 10: Gesang des kleinen Jägers Eh' Mor, der Pfau, aufflattert, eh' das Affenvolk erwacht, Eh' Tschil, der Geier, stößt zu Tal voll Gier – Durch die Dschungel fliegt ein Schatten, und ein Seufzen stöhnet sacht – Das ist Furcht, o kleiner Jäger – Furcht ist hier! Sachte, sachte, an dem Hang heimlich, lauernd schleicht's entlang, Und ein Flüstern regt sich ängstlich fern und nah – Und der Schweiß deckt dein Gesicht, denn vorüber strich's ganz dicht – Das ist Furcht, o kleiner Jäger – Furcht ist da! Eh' der Mond den Fels erklomm, eh' den Grat in Licht er taucht, Wann des Waldvolks Schwänze hangen schwer und feucht, Ha! ein Atem heiß dich haucht – schnobernd durch die Nacht es faucht – Das ist Furcht, o kleiner Jäger – Furcht da schleicht! Auf die Knie, den Strang gestrafft, von der Sehne schnell den Schaft – In das höhnend leere Dickicht wirf den Speer – Bebend sinket dir die Hand, aus der Wang' das Blut entschwand – Nah ist Furcht, o kleiner Jäger – Furcht schlich her! Wenn die Wolke saugt den Sturm, krachend sich ihm beugt der Wald, Wenn im Regensturz des Himmels Dach zerbricht, Durch des Donners Toben hallt, horch – ein Ton, der lauter schallt – Furcht, o kleiner Jäger, Furcht da spricht! Höher schwillt des Stromes Lauf, wilder tanzt der Kiesel Hauf', Zuckend Blitz auf Blitz das Blättermeer durchfurcht, Angst vertrocknet Kehl' und Lippen, und das Herz tost an die Rippen, Hämmert: Furcht – o kleiner Jäger – das ist Furcht! Kapitel 11: Quiquern |
Das Volk vom östlichen Eise, es schmilzt wie der Schnee vom Dach,
Sie betteln um Kaffee und Zucker, sie ziehn dem weißen Mann nach.
Das Volk vom westlichen Eise, es lernte schon fechten und stehlen,
Es verkauft seine Felle den Händlern, dem weißen Mann seine Seelen.
Das Volk vom südlichen Eise mit den Walfischfängern es hält,
Ihr Weibvolk schmückt sich mit Bändern, aber nackt und zerfetzt ist das Zelt.
Doch das Volk vom ältesten Eise – der weiße Mann sah es nie –
von Narwalhorn sind ihre Speere, und die letzten Männer sind sie. [...]
»Folge dem!« rief das Mädchen, auf das »Ding« hinweisend, das, halb sinkend, halb laufend, sich vor ihnen weiter bewegte. Sie folgten, den Handschlitten nachzerrend, indes der brüllende Eisgang näher und näher kam. Endlich krachten und rissen die Eisfelder nach jeder Richtung rund um sie her, und die Risse öffneten sich und schnappten gleich Wolfszähnen. Aber dort, wo das »Ding« still stand, auf einem wohl fünfzig Fuß hohen Damm von verstreuten Eisblöcken, war keine Bewegung. Kotuko sprang wild vorwärts, zog das Mädchen hinter sich her und klomm auf die Spitze des Dammes. Die Sprache des Eises ward lauter und lauter rings umher, aber der Eishügel blieb fest, und das aufblickende Mädchen sah Kotuko mit seinem erhobenen und auswärts gestreckten Ellenbogen das Inuitzeichen für Land machen! Und Land war es, wohin das achtbeinige, hinkende »Ding« sie geführt – eine kleine Küsteninsel mit Granitfelsen und sandigem
Gestade, ganz mit Eis beschlagen, gepanzert und vermummt, so daß man sie nicht von der Eisdecke unterscheiden konnte; aber auf dem Grunde feste Erde, kein trügerisches Eis. Der An- und Rückprall der Eisfelder, wie sie auf Grund stießen und zersplitterten, markierte den Umriß der Inselhügel, und eine freundliche Untiefe lief nordwärts und trieb das schlimmste Eisgeschiebe beiseite, wie eine Pflugschar die Schollen teilt. Gefahr war noch immer, daß ein schwer gequetschtes Eisfeld über den Strand heraufgedrängt würde und den Gipfel der kleinen Insel abplanierte; aber das kümmerte Kotuko und das Mädchen nicht. Sie machten ihr Schneehaus und begannen zu essen und ließen das Eis um den Hügelrand hämmern und toben. Das »Ding« war verschwunden, und Kotuko redete, neben der Lampe kauernd, in voller Extase von seiner Macht über die Geister. Inmitten seiner tollen Reden fing das Mädchen an zu lachen und sich vor- und rückwärts zu wiegen. Hinter ihr, Zoll auf Zoll sich in die Hütte schiebend, erschienen zwei Köpfe, ein gelber und ein schwarzer, die zu zwei sehr betrübten, verschämten Hunden gehörten. Kotuko, der Hund, war der eine, und der schwarze Leiter war der andere. Beide waren nun fett, wohlbehäbig und wieder bei vollem Verstande; nur aneinander gefesselt waren
sie auf höchst sonderbare Weise. Der schwarze Leiter rannte, wie man sich erinnern wird, das Geschirr auf dem Rücken, davon, mußte Kotuko, dem Hunde, begegnet sein und mit ihm gespielt oder gekämpft haben, denn seine Schulterstrippe war in Kotukos kupferdrahtenes Halsband festgehakt, so daß keiner der Hunde an die Schnur gelangen und sie zerbeißen konnte. So waren sie Seite an Seite, gefesselt an des Nachbars Hals. Dies und dazu die Freiheit, nach Belieben zu jagen, mußte ihre Tollheit kuriert haben. Sie waren wieder sehr vernünftig.
Das Mädchen schob die beiden verschämten Kreaturen zu Kotuko hin und rief, vor Lachen schluchzend: »Das ist Quiquern, der uns auf sichern Grund geführt. Sieh, da sind seine acht Füße und zwei Köpfe.«
Kotuko zerschnitt ihre Fessel, und die beiden Hunde, gelb und schwarz, stürzten sich miteinander in seine Arme und suchten in der Hundesprache zu erzählen, wie sie wieder zu Verstand gekommen. Kotuko strich mit der Hand über ihre Rippen und fand sie rund und gut ausgepolstert. »Die haben Futter gefunden,« sagte er grinsend. »Ich denke, wir werden nicht sobald zu Sedna gehen. Meine Tornaq hat sie uns gesendet. Die Tollheit ist von ihnen gewichen.«
Die zwei, die wochenlang aneinander gefesselt,
gezwungen waren, Seite an Seite zu fressen, zu jagen und zu schlafen, fuhren sich, sobald sie Kotuko begrüßt, an die Kehle, und es entstand im Schneehaus die schönste Balgerei. »Leere Hunde kämpfen nicht,« sagte Kotuko. »Die haben Seehunde gefunden. Laß uns schlafen. Wir werden Nahrung haben.«
Als sie erwachten, war an dem nördlichen Gestade der kleinen Insel offenes Wasser, und all das gelockerte Eis war landwärts getrieben. Der erste Ton der Brandung ist der entzückendste, den der Inuit kennt; er bedeutet, daß der Frühling auf dem Wege ist. Kotuko und das Mädchen hielten sich bei der Hand und lächelten: das klare, volle Getöse der Brandung zwischen dem Eis erinnerte sie an die Lachs- und Renntierzeit und den Geruch der Zwergweidenblüten. Noch indem sie auf die See hinausblickten, begann der Schaum zwischen den schwimmenden Eisfeldern zu frieren, so stark war die Kälte; aber am Horizont zeigte sich ein breiter, roter Schimmer, und das war das Licht der gesunkenen Sonne. Es glich mehr einem Gähnen in ihrem Schlafe, als man sie in ihrem Aufgang sah, und sie blieb auch nur einige Minuten sichtbar – aber das war die Jahreswende. Das konnte nichts mehr ändern; das wußten sie.
Außerhalb der Hütte fand Kotuko die Hunde
im Kampf um einen frisch getöteten Seehund, der den Fischen, die der Sturm umhertreibt, gefolgt war. Er war der erste von zwanzig oder dreißig, die im Laufe des Tages an der Insel landeten, und bis die See wieder hart fror, vergnügten sich Hunderte von schwarzen, scharfsichtigen Köpfen in dem seichten Wasser, treibend zwischen dem treibenden Eise.
Es war eine hübsche Sache, wieder Seehundleber zu essen, die Lampe üppig mit Tran zu versorgen und die Flamme tollkühn drei Fuß hoch in die Luft steigen zu lassen; aber sobald das neue Eis sie tragen konnte, beluden Kotuko und das Mädchen den Hundeschlitten und ließen die Hunde ziehen, wie sie noch nie gezogen hatten, denn sie waren besorgt um das, was im Dorfe sich wohl ereignet hätte. Das Wetter war so unbarmherzig wie immer; doch leichter ist's, einen gut mit Vorrat beladenen Schlitten zu lenken, als verschmachtend des Weges zu ziehen. Sie ließen fünfundzwanzig Seehundleichen, zum Gebrauch vorbereitet, am Gestade im Eis begraben, zurück und eilten ihrem Stamme zu. Die Hunde zeigten ihnen den Weg, sobald Kotuko ihnen erklärt, was man von ihnen erwartete; und obwohl kein Grenzstein den Weg bezeichnete, bellten sie doch nach zwei Tagen vor Kadlus Dorf. Nur drei Hunde antworteten ihnen –
die übrigen waren aufgegessen, und die Hütten waren beinahe dunkel; aber als Kotuko rief: »Oho!« (gekochtes Fleisch), antworteten schwache Stimmen, und als er mit dem Weckruf des Dorfes Namen nach Namen rief, blieb keine Lücke.
»Eine Stunde später flammten die Lampen in Kadlus Haus, Schneewasser wurde heiß gemacht, Töpfe begannen zu brodeln, und der Schnee tropfte vom Dach, da Amoraq für das ganze Dorf ein Mahl bereitete; und das Knäblein lutschte an einem Streifen fetten, nußsüßen Transpecks, und die Jäger füllten sich langsam und methodisch bis zum Rande voll mit Seehundfleisch. Kotuko und das Mädchen erzählten ihre Geschichte. Die beiden Hunde saßen zwischen ihnen, und jedesmal, wenn ihre Namen genannt wurden, spitzten sie die Ohren und sahen aus, als ob sie sich arg über sich selber schämten. «Ein Hund, der einmal toll und wieder gesund geworden, ist, wie der Inuit sagt, gegen jeden ferneren Anfall gesichert.
»So hat,« sagte Kotuko, »die ›Tornaq‹ uns nicht vergessen. Der Sturm blies, das Eis brach, und der Seehund schwamm hinter den Fischen drein, die vor dem Sturme hertrieben. Die neuen Seehundslöcher sind nicht zwei Tagreisen weit entfernt. Laßt die guten Jäger morgen
ausziehen und Seehunde einbringen, die ich spießte, fünfundzwanzig im Eis begrabene Seehunde. Wenn wir diese aufgegessen haben, wollen wir alle dem Seehund auf der Eisdecke nachgehen.«
»Was wirst du tun?« fragte der Dorfzauberer Kadlu, in dem Ton, wie er immer den reichsten der Tununirmiuten anzureden pflegte.
Kadlu sah auf das Mädchen vom Norden und sagte ruhig: »Wir bauen ein Haus.« Er zeigte nach der Nordwestseite seines Hauses, denn das ist die Seite, wo der verheiratete Sohn oder die verheiratete Tochter wohnt. [...]
Kapitel 12: Agutivun Tina
(Dies ist eine sehr freie Übersetzung des Liedes der Jäger, das sie bei der Heimkehr nach dem Seehundstechen zu singen pflegen. Die Inuits sind unermüdlich in der Wiederholung der Worte und Kehrreime.)
| | Unser Faustschuh starrt vom gefrornen Blut, Unser Pelz vom Triebschnee weiß; Doch wir kommen heim mit dem Robben, dem Hund, Herein von dem Spalt im Eis.Au jana! Aua! Oha! Haq! Jagt die Schlittenmeute in Schweiß! Und wir Männer all', unter Peitschenknall, Kehren heim von dem Spalt im Eis. Wir spürten den Robben in seinem Versteck, Von drunten kratzte er leis; Wir ritzten das Ziel, wir lauerten still, Wir wachten beim Spalt im Eis. Den Speer gezückt, da er atmen kam, Hinab ein Stoß mit Gewalt! So packten wir ihn, so schlugen wir ihn Da draußen im Eisesspalt. Unser Faustschuh klebt vom gefrornen Blut; Der Triebschnee trübt uns den Blick, Doch wir kommen heim, zu den Weibern heim, Von der Eiseskant' zurück. Au jana! Aua! Oha! Haq! Es bellt die Meute im Schweiß. Die Weiber hören's – die Männer sind da, Zurück von dem Spalt im Eis! |
Kapitel 13: Rothund
[...] Nach Zerstörung des Dorfes durch die Dschungel begann für Mogli die schönste Zeit seines Lebens. Er hatte das befriedigte Bewußtsein, eine Schuld gerecht heimgezahlt zu haben; alle in der Dschungel waren gut Freund mit ihm und fürchteten ihn auch ein wenig. [...]
Ein einsamer Wolf berichtet dem (Wolfs-)Pack, dass seine Frau und seine drei Kinder von den Rothunden getötet worden sind. Mogli beschließt trotz Warnung durch das Pack zusammen mit der Python-Schlange Kaa den Kampf mit den Rothunden aufzunehmen.
"Nach Affenart schwang er sich auf den nächsten Baum, von da zum nächsten und wieder zum nächsten; das Pack aber folgte ihm mit erhobenen Schädeln. Ab und zu tat er so, als ob er fiele; dann purzelte das Pack wild durcheinander in der Hast, beim Töten zur Stelle zu sein. Es war ein seltsamer Anblick: der Knabe hoch oben mit dem Messer, das in der sinkenden Sonne zwischen den Zweigen blitzte, und unten das schweigende Pack mit den vom Abendschein rötlich flammenden Rücken, das ihm drängend und stoßend folgte. Als er den letzten Baum erreicht hatte, nahm er den Knoblauch und rieb sich über und über gründlich damit ein. Die Dolen unten heulten wütend. »Du Affe mit der Zunge des Wolfes, glaubst du deinen Geruch zu übertäuben? Uns täuschest du nicht, wir folgen dir bis in den Tod.«
»Da, nimm deinen Schwanz zurück!« rief Mogli und warf ihn rückwärts in Richtung des Waldes. Instinktmäßig jagte das Pack ihm nach. »Und nun folgt mir bis in den Tod!«
Rasch glitt er vom Baumstamm hinab und flog wie der Wind barfuß dahin, dem Bienenfelsen zu, ehe die Dolen (Rothunde) es merkten.
Tief heulten sie auf und folgten dann in dem langen, springenden Dauergalopp, der alles Lebendige niederrennt. Mogli wußte, daß ihr Packlauf doch viel langsamer war als der der Wölfe, sonst hätte er wohl kaum gewagt, in voller Sicht zwei Meilen vor ihnen her zu laufen. Sicher waren sie, daß der Knabe ihnen doch schließlich zur Beute wurde; und er war sicher, nach Belieben mit ihnen spielen zu können. Seine einzige Sorge war nur, daß er sie in heißer Wut hinter sich hielt, damit sie nicht etwa zu früh von der Fährte abdrehten. [...]
»Hier dürfen wir nicht bleiben«, sagte er dann, »wahrlich, die kleinen Völker sind schwer gereizt. Komm!«
Tief schwimmend und untertauchend, so oft er konnte, trieb Mogli stromabwärts, das Messer in der Hand.
»Sachte, sachte!« rief Kaa. »Ein Zahn kann nicht Hunderte töten, es sei denn der Zahn einer Kobra. Viele Dolen stürzten sich rasch ins Wasser, als sie das kleine Volk aufbrausen sahen, und die sind unverletzt.«
»Um so mehr also Arbeit für mein Messer. Hai! Wie die kleinen Völker folgen.« Mogli tauchte unter. Über der ganzen Wasserfläche schwebten Wolken tückisch summender Bienen, die alles stachen, was sie fanden.
»Schweigen hat noch niemals geschadet«, sagte Kaa – kein Stachel konnte durch seine Haut dringen –, »und du hast die ganze lange Nacht zur Jagd. Hör, wie sie heulen!« [...]
In der Tat, wie Mogli zu Kaa sagte: viele kleine Stacheln und Dornen saßen ihm unter der Zunge; und langsam, bedachtsam trieb er die Dolen vom Schweigen zum Knurren, vom Knurren zum Heulen und vom Heulen zu heiserer, schäumender Raserei. Sie versuchten den Spott zu erwidern, aber ebensowenig hätte ein Wolfsjunges dem rasenden Kaa zu antworten vermocht.
Während der ganzen Zeit lag Moglis Hand geballt an seiner Seite, zum Zupacken bereit, während die Füße fest den Ast umklammert hielten. Der große rotbraune Führer war schon mehrmals hoch in die Luft gesprungen, aber Mogli wollte keinen unsicheren Griff wagen. Schließlich aber kam der Hund, von seiner Wut bis zum Äußersten getrieben, mit einem gewaltigen Satze sieben oder acht Fuß vom Boden hoch. Im gleichen Augenblick schoß Moglis Hand vor wie der Kopf einer Baumschlange und packte den Dolen im Genick. Unter der doppelten Last bog sich der Ast tief hinunter, schwankte heftig und hätte Mogli fast zu Boden geworfen; aber der Knabe hielt fest, und Zoll um Zoll zerrte er die Bestie hoch, die zuletzt wie ein ertrunkener Schakal über dem Aste hing. Nun faßte Mogli mit der linken Hand das Messer, trennte mit einem Hieb die rote, buschige Rute vom Rumpf und schleuderte dann mit einem Schwung den Dolen hinab auf die Erde. Mehr brauchte es nicht. Jetzt nahm das Pack nicht eher wieder die Fährte Won-tollas auf, bis sie Mogli getötet hatten oder er sie. Von oben sah er, wie sie sich mit zitternden Flanken im Kreise niederließen; das bedeutete, daß sie verharren würden bis zum letzten. So kletterte er auf einen höheren Ast, setzte sich bequem in einer Gabelung zurecht und – schlief ein. [...] Zerknackt ist der Knochen«, donnerte Phao, Sohn des Phaona. »Sie fliehen! Tötet ohne Gnade, ihr Jäger vom freien Volk!«
Dole nach Dole schlich fort von den düsteren, bluttriefenden Gestaden des Stroms, der dichten Dschungel zu, stromaufwärts oder -abwärts, wo immer ein Weg zur Flucht sich fand.
»Die Schuld! Die Schuld!« schrie Mogli. »Zahlet die Schuld! Den Einsiedelwolf mordeten sie! Kein Hund darf entkommen!« An den Strand flog er mit dem Messer in der Hand, um jeden Dolen niederzustechen, der zum Wasser wollte. Da erhob sich unter einem aus Toten geschichteten Berge Akela auf die Vorderläufe und reckte den Kopf. Mogli warf sich neben dem Einsiedelwolf auf die Knie.
»Sagte ich nicht, mein letzter Kampf wäre es«, röchelte Akela. »Große Jagd war es – und du, kleiner Bruder?«
»Ich lebe, ich lebe, viele tötete ich.«
»Ich weiß. Ich sterbe und will – will bei dir sterben, kleiner Bruder.« Mogli hob den schrecklich zerfleischten Kopf auf seine Knie und umschlang den zerrissenen Nacken mit den Armen.
»Weit zurück liegen die alten Tage, da Schir Khan lebte und ein Menschenjunges im Staub sich wälzte.«
»Nein, nein, Wolf bin ich – von einer Haut mit dem freien Volk«, rief Mogli. »Nicht mein Wille ist es, Mensch zu sein.«
»Mensch bist du, kleiner Bruder, Wölfling meiner Haut. Mensch bist du, sonst wäre das Pack vor den Dolen geflohen. Mein Leben verdanke ich dir, und heute hast du das Pack gerettet, wie ich dich einst rettete. Weißt du es noch? Alle Schuld ist getilgt. Gehe zu deinem eigenen Volk. Ich sage es dir noch einmal, Licht meiner Augen, zu Ende ging diese Jagd. Gehe zu deinem Volk.«
»Nein, niemals! Allein will ich jagen in der Dschungel. Ich habe gesprochen.«
»Dem Sommer folgen die Regen, den Regen folgt der Frühling. Kehre heim, ehe man dich treibt.«
»Wer wird mich treiben?«
»Mogli wird Mogli treiben. Kehre heim zu deinem Volk. Gehe zu den Menschen.«
»Wenn Mogli Mogli treibt, dann wird Mogli gehen.«
»Nichts mehr bleibt zu sagen«, sprach Akela. »Kleiner Bruder, kannst du mich auf die Läufe heben? Auch ich war Führer des freien Volkes.«
Sorglich und sanft schob Mogli die toten Körper zur Seite, richtete Akela auf und stützte ihn mit den Armen. Tief sog der Einsiedelwolf Luft in die Lungen, dann sang er das Totenlied, das ein Führer des Packs singen muß, wenn er stirbt. Kräftiger und kräftiger hob sich der Gesang, daß er weithin über den Strom schallte. Und als er an das letzte »Gute Jagd« kam, da schüttelte Akela sich von Mogli frei, sprang in die Luft, fiel zurück auf seine letzte und furchtbarste Beute – und war tot. [...]
»Gute Jagd!« grüßte Phao den toten Akela, als ob dieser noch lebte. Dann rief er über die eigene zerfleischte Schulter hinweg: »Heult, Hunde! Ein Wolf starb diese Nacht!«
Aber von dem gesamten Pack der zweihundert kämpfenden Dolen, den Rothunden vom Dekkan, die prahlten, alle Dschungel wären ihre Dschungel und kein lebendes Wesen könnte ihnen standhalten, kehrte nicht einer heim zum Dekkan, um von dem Kampf zu berichten."
Kapitel 15: Der Frühlingslauf
Mogli wird inzwischen als Herr des Dschungels anerkannt, aber im Dschungelfrühling (der trotz der von Menschen kaum unterscheidbaren Jahreszeiten im Dschungel eine wichtigere Rolle spielt als andere Jahreszeiten und auch als "Zeit der neuen Rede" bezeichnet wird) gelten andere Gesetze. Die Tiere hören nicht auf ihn, und er fühlt sich merkwürdig geschwächt, bis er seinerseits zu seinem Frühlingslauf aufbricht, bei dem ihm neue Kräfte zuwachsen und er über sein Dschungelgebiet hinaus vorstößt und seine Menschenmutter Messua wieder trifft. Sie nimmt ihn auf und versorgt ihn mit Menschennahrung und zeigt ihm seinen Halbbruder ein zweijähriges Kind, das sich rasch an ihn anschließt.
Mogli kehrt zu seinen Dschungelfreunden zurück, doch die raten ihm, zu den Menschen zu gehen, das gehöre zum Menschenschicksal.
16. Kapitel: Der Abgesang
Diesen Gesang hörte Mogli hinter sich im Dschungel, bis er wieder vor Messuas Tür stand.
Balu.
Dem zu Liebe, der dich lehrte,
Weiser Frosch, des Dschungels Fährte, –
Menschensatzung sollst erfüllen
Um alt-blinden Balus willen.
Ob die Fährte unrein scheine,
Ihr Gesetz sei doch das deine,
So bei Tag, wie bei der Nacht, –
Frage nicht, wer es gemacht.
(Honig, Wurzel, Palm und Mohn
Wahrt vor Harm des Dschungels Sohn)
Wald und Wasser, Wind und Hain,
Dschungelgunst soll mit dir sein!
Kaa.
Ärger ist von Furcht das Ei,
Lidlos Auge nur sieht frei.
Gift der Kobra lecke nimmer,
Kobra-Rede meide immer.
Offnes Wort sei deine Art,
Kraft, die sich mit Milde paart.
Guter Hieb braucht scharf Gesicht,
Morschem Ast vertrau' dich nicht.
Schmecken Lamm und Ziege dir,
Still' den Hunger, nicht die Gier.
Nach dem Futter willst du ruhn?
Mußt's in sichrer Höhle tun.
Denn die Rache schleicht dir nach
Aus vergeßnem Streit und Tag.
Nord und Süd und Ost und West,
Wasch dein Fell, den Mund schließ' fest.
Blauer Pfuhl und Spalt und Graben,
Mittel-Dschungel, folg' dem Knaben!
Wald und Wasser, Wind und Hain,
Dschungelgunst soll mit dir sein!
Baghira.
Im Käfig ich geboren ward.
Kenne Menschenweg und Art.
Beim offnen Schloß, das mich befreit, –
Menschling, Menschenbrut vermeid'.
Bei Tauduft oder Sternenlicht –
Baumkatz-Fährten folge nicht.
Beim Rat, im Pack und auf der Jagd,
Vor Schakal-Menschen sei bedacht.
Mit Schweigen füttre sie, die Brut,
Die spricht: »komm' mit, die Fährt' ist gut.«
Mit Schweigen stopf sie, wenn sie hetzen
Ihr helfend Schwache zu verletzen.
Prahl nie, wie's Affenvolk, von Macht,
Und rede nie von deiner Jagd.
Darfst vor Ruf, vor Sang und Zeichen
Nie von deiner Jagdspur weichen.
(Morgennebel, Zwielicht mild,
Dient ihm, Wächter ihr vom Wild!)
Wald und Wasser, Wind und Hain,
Dschungelgunst soll mit dir sein!
Die Drei.
Mußt nun deine Fährte ziehn
Zu der Schwelle, die wir fliehn,
Zu der Roten Blume Glühn.
Ruhst nun eng, wo frei zur Nacht
Sternenheer dich nicht mehr dacht, –
Hörst uns gehn, der Treuen Wacht.
Wachst, da Tag vom Himmel fällt,
Herzkrank nach der Dschungelwelt,
Zu der Mühsal, die dich hält:
Wald und Wasser, Wind und Hain,
Dschungelgunst soll mit dir sein!
„Im Rukh“ (Originaltitel mit Link zum Text: In the Rukh)
Diese Erzählung ist die erste Erzählung des Mogli-Zyklus, die Rudyard Kipling geschrieben hat, doch vom Zeitverlauf (in Moglis Leben) schließt sie den Zyklus an. Dieser Zyklus des Dschungelbuchs ist also ein Prequel zu Im Rukh. Deshalb wurde Im Rukh oft als Anhang in Das Neue Dschungelbuch aufgenommen.
Zur deutschen Übersetzung der Erzählung (im Internet); sonst ist sie in den üblichen Textausgaben der Dschungelbücher als letzte Erzählung aufgenommen.
Zur Handlung:
Gisborne, ein englischer Forstbeamter im Dienste der britischen Kolonialverwaltung, arbeitet im „Rukh“ (einem riesigen, geschützten Waldgebiet in Indien). Er trifft auf einen mysteriösen jungen Mann namens Mogli, der nackt, muskulös und völlig furchtlos ist.
Gisborne ist fasziniert von Moglis unglaublicher Geschicklichkeit und seiner Fähigkeit, sich lautlos durch den Dschungel zu bewegen. Mogli wird von vier riesigen Wölfen begleitet, die er als seine „Brüder“ bezeichnet und die ihm absolut gehorchen. Da Gisborne jemanden braucht, der den Wald und die Wilderer kennt, stellt er Mogli als Waldhüter ein. Mogli akzeptiert, vor allem, weil er eine tiefe Verbundenheit zum Wald spürt, aber auch, weil er sich in die Tochter von Gisbornes muslimischem Diener Abdul Gafur verliebt. Der Leiter der Forstbehörde, ein Deutscher namens Müller (der als weiser Kenner der Natur dargestellt wird), besucht das Revier. Er erkennt sofort, dass Mogli kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern ein „Naturwunder“. Er sieht in Mogli den perfekten Brückenschlag zwischen der Zivilisation und der Wildnis.
Mogli heiratet die Tochter Abdul Gafurs und lässt sich am Rande des Waldes nieder. Er arbeitet nun offiziell für die Regierung, behält aber seine Verbindung zu seinen Wolfsbrüdern bei. Die Geschichte endet mit dem Bild von Mogli, der zwischen zwei Welten lebt – dem häuslichen Glück und der wilden Freiheit des Dschungels.
Im Rukh unterscheidet sich in Ton und Stil deutlich von den bekannteren Mogli-Geschichten:
Während die Geschichten im Dschungelbuch eher wie Fabeln wirken, ist diese Erzählung in der kolonialen Realität des 19. Jahrhunderts verankert. Es geht um Forstverwaltung, Gehälter und soziale Hierarchien. Wir sehen hier einen Mogli, der lernen muss, Kleidung zu tragen und Steuern zu verstehen, auch wenn er im Herzen eine Wildkreatur bleibt. Die Figur des Müller dient dazu, Mogli fast mythologisch zu erklären. Er nennt ihn einen „Faun“, ein Wesen aus der antiken Sagenwelt, das in der modernen Welt eigentlich keinen Platz mehr hat. Im Gegensatz zum restlichen Dschungelbuch kommuniziert Mogli mit seinen Wölfen hier eher durch Pfiffe und Zeichen. Die magische Komponente der „Tiersprache“ ist hier einer fast übernatürlichen Instinktleitung gewichen.
Doch gehört diese Erzählung insofern zum Zyklus, als sie zeigt, was aus dem Wolfsjungen wurde, nachdem er den Dschungel der Tiere verlassen hatte, und damit auf den realistischen Ursprung der Erzählung verweist.
Die
Parallele zum Löwenmann Enkidu aus dem Gilgamesch-Epos ist unverkennbar. In diesem Blog findet sich zum Gilgamensch-Epos dieser Beitrag.