09 August 2010

Ernst Wiechert

Natur als bestimmende Kraft am Beginn des Lebens. Die Oberrealschule in der Stadt als Sturz in Gewöhnlichkeit und ekle Selbstdarstellung. Schnaps aus Bierflaschen und hohle Lehrer.
Dann "Freundchen", der sich durch eine Ohrfeige einführt, auch die pädagogisch am rechten Platz, da noch nicht außerhalb der Erziehungs"gewalt". Aber seine eigentliche pädagogische Leistung: Er stellt Schillers Situation, jede Leistung seiner Krankheit abringend, dem Schülerurteil gegenüber: "So bleibt von der ganzen Braut von Messina nichts übrig als eine blutige, schauerliche Historie, mit Gewaltsamkeit und Roheit gestaltet, auf den Effekt hin gearbeitet, von einer Wirkung, der die Rohen verfallen, von der aber die Edlen sich schaudernd abwenden."
Ernst Wiechert fühlte sich durch Ohrfeige und diese Gegenüberstellung (mit einer Zwei als Bewertung des Aufsatzes) "segensvoll" beschämt. "in diesen wenigen Sekunden ist mehr in mir vorgegangen als sonst in Monaten und Jahren: die tiefe und segensvolle Beschämung eines Menschen, der vergessen hatte, was noch den Geringsten unter uns adeln und bewahren kann: die Pietät."
Brechts souverän-hochmütiges "Ich hatte schlechte Lehrer. Das war eine gute Schule" ist Wiecherts Sache nicht. Es wird immer nur für die wenigsten gelten, denn nur bei schon bestehenden Maßstäben kann man auf Vorbilder verzichten.
Aber mein Urteil über "Jerominskinder" und "Das einfache Leben" wurde in ähnlich pubertärer Souveränität gefällt (schlicht nach dem Urteil der älteren Geschwister) wie mein Tagebucheintrag "Man müßte so problemlos sein wie Schiller" im Alter von 16 Jahren.
Natürlich klingt und "segensvoll" heute ähnlich verquer wie die schreckliche Vermischung von "sehenswert" und "lohnend" in "lohnenswert".
Aber es war sinnvoll, dass ich nicht nur in die Bonhoefferbände hineingesehen habe, die mir die bescheidene Frau aus Oxford hinterließ, sondern - nach gut 20 Jahren auch in Wiechert.
Innere Emigration war nach 1945 zu Recht nicht sonderlich angesehen und die Polemik gegen Thomas Manns Kritik vom "sicheren Port" gewiss nicht angemessen. Aber an der Pietät gegenüber der Leistung haben wir es damals auch fehlen lassen, und nicht nur Schiller hat Anspruch darauf (genauso wie auf unsere kritische Prüfung).
Denn sogar als pietätloser Schüler hat er das 'Beste tun' wollen, "ohne zu wissen, daß das Reinste, was wir zu ihr [der Kunst] sagen oder tun können, das stille Wort am Ende unsres Lebens bleibt: 'Ich danke dir dafür ...'" (Wälder und Menschen, Kapitel "Du holde Kunst", 1945, S.124)
Wieviel mehr in "Der Totenwald", der Beschreibung seiner KZ-Zeit in Buchenwald, die er 1939 im Garten vergrub, trotz Nazidrohung.

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