03 Oktober 2011

Schumanns Schatten

Peter Härtling versteht es, einen in den Jugendjahren so merkwürdigen Schumann vorzustellen, dass man sich wundert, dass es bis zum Zusammenbruch so lange dauert.
Doch kann man ihm nicht verdenken, dass er die Rolle des Prinzgemahls nicht so erfolgreich spielen kann wie Mr. Thatcher.

Wenn er sich solcher Verehrung für das Mädchen Clara Wieck gegenüber sieht, wie sie in Grillparzers Gedicht zum Ausdruck kommt, wie soll er sich dann noch einreden, dies Mädchen habe erst durch die Begegnung mit ihm zu sich selbst gefunden.

Ein Wundermann, der Welt, des Lebens satt,
Schloß seine Zauber grollend ein
In festverwahrten, demantharten Schrein,
Und warf den Schlüssel in das Meer und starb.
Die Menschlein mühen sich geschäftig ab,
Umsonst! kein Sperrzeug löst das harte Schloß,
Und seine Zauber schlafen wie ihr Meister.
Ein Schäferkind, am Rand des Meeres spielend,
Sieht zu der hastig unberufnen Jagd.
Sinnvoll gedankenlos, wie Mädchen sind,
Senkt sie die weißen Finger in die Flut,
Und faßt, und hebt, und hats. - Es ist der Schlüssel!
Auf springt sie, auf, mit höhern Herzensschlägen,
Der Schrein blickt wie aus Augen ihr entgegen.
Der Schlüssel paßt, der Deckel fliegt. Die Geister,
Sie steigen auf und senken dienend sich
Der anmutreichen, unschuldsvollen Herrin,
Die sie mit weißen Fingern, spielend, lenkt.

(Franz Grillparzer über Beethoven und Clara Wieck)

Und dann einen Freund wie Felix Mendelssohn Bartholdy zu gewinnen und dann schon so bald an den Tod zu verlieren.

Härtling werde ich mit diesen ersten Notizen während der Lektüre nicht gerecht. Dazu hoffentlich später.
Kurz schon jetzt: Interessant das Verhältnis zu Wagner. (Clara verlässt immer gleich den Raum.) Auch hätte ich Niels Gade, den ich besser aus dem Stechlin als aus der Musikgeschichte kenne, nicht unter Schumanns Freunden vermutet.
Und wieder die Verse Grillparzers zu Revolution (Grabschrift für Metternich):

Hier liegt, für seinen Ruhm zu spät,
Der Don Quixotte der Legitimität,
Der Falsch und Wahr nach seinem Sinne bog,
Zuerst die andern, dann sich selbst belog,
Vom Schelm zum Toren ward bei grauem Haupte,
Weil er zuletzt die eignen Lügen glaubte.
Grillparzer bei zeno.org

Wenn man von einer Künstlerbiographie verlangt, dass sie das künstlerische Werk in den geistigen Horizont der Zeit stellt, so erhält man von Härtling nur Bruchstücke. Man gewinnt Verständnis für Florestan und Eusebius und die Davidsbündler, man ahnt ein wenig, welche Schwierigkeiten es für dieses vielseitige Genie machte, seine Fähigkeiten zu konzentrieren, man ist dankbar für seine Freundschaften und leidet mit mit den starken Persönlichkeiten, die aufeinander treffen.
Friedrich Wieck hatte vermutlich kein einfacheres Leben als seine Tochter Clara. Aber wie viel mehr hat er selbst verschuldet oder besser: Wie erstaunlich ist sie mit den Schwierigkeiten, die ihr in den Weg gelegt wurden, fertig geworden. Auch wenn ein Genie nicht oft genügend Entfaltungsraum für seine Kinder lässt.

Hätte sie eine Wahl treffen sollen zwischen ihrem Mann, die Propagierung seines Werks, Karriere und Kindern? Und wofür sich entscheiden? - Erscheint Clara bei Härtling zu perfekt? Nimmt sie Schumann den Platz, der ihm in seiner Geschichte zusteht?

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