18 Februar 2017

Don Juan

Zwei Anfänge eines Stücks über Don Juan. Wie unterscheiden sie sich? Welche Fassung ist die ältere?
Welche die bekanntere? Weshalb ist sie das? Warum beginnt die Handlung so unterschiedlich?

ISABELLA.
Herzog Octavio, dieser Ausgang ist
Der sicherste.
DON JUAN.
Ich schwör' euch, Herzogin,
Aufs neu: mein Wort erfüll' ich am Altar.
ISABELLA.
Mein Stolz sei eure Treu' und ächte Liebe!
Mein Glück sei, euch zu lieben!
DON JUAN.
Theure, ja!
ISABELLA.
Ich hol' ein Licht.
DON JUAN.
Was soll's?
ISABELLA rasch ein Licht holend.
Mein Auge soll
Mein Glück bezeugen.
DON JUAN schlägt ihr den Leuchter aus der Hand.
Und ich lösch' es aus.[35]
ISABELLA.
O Himmel! Mann, wer bist du?
DON JUAN.
Wer ich bin?
Ein namenloser Mann.
ISABELLA.
Wie? bist du nicht
Der Herzog?
DON JUAN.
Nein.
ISABELLA.
Herbei, herbei, ihr Leute
Vom Schloß!
DON JUAN.
Halt, Herzogin! gieb mir die Hand!
ISABELLA.
Halte mich nicht, Verruchter! Auf, ihr Leute
Des Königs! Wache!
KÖNIG.
Was ist das?
ISABELLA.
Der König!
Weh mir!
Verhüllt sich.
KÖNIG.
Wer bist du?
DON JUAN sich in den Mantel bergend.
Wer denn soll es sein?
Ein Mann, ein Weib.
KÖNIG für sich.
Hier gilt es Muth und Klugheit.
Laut.
He, Wachen! hier, nehmt diesen Mann gefangen!
ISABELLA.
Weh der verlornen Ehre!
DON PEDRO.
Hoher Herr,
So lauter Lärm im fürstlichen Gemach?
Was ging hier vor?
KÖNIG.
Euch brauch' ich grad, Don Pedro
Tenorio. Nehmt mir diese Zwei in Haft!
So kurz ich bin, so gründlich sollt ihr sein.
Erforscht, wer Beide sind; doch insgeheim
Soll es geschehn, denn ich vermuthe Böses.
Säh' ich mir selbst die Sache an, dann bliebe
Nichts übrig mir, als klar darin zu sehn.
Ab.
DON PEDRO.
Ergreift ihn!
DON JUAN.
Ha, wer wagt's? Ich kann das Leben
Verlieren; doch verkauf' ich es so theuer,
Daß es noch Manchen reuet.
DON PEDRO.
Tödtet ihn!
DON JUAN zieht.
Wer täuscht euch? Sterben will ich eher! denn
Ich bin ein Edelmann, bin vom Gefolge
Des spanischen Gesandten; ihm allein
Ergeb' ich mich.
DON PEDRO.
– – Geht all' bei Seite; geht
Mit diesem Weib dort in das Zimmer.
Wachen ab mit Isabella.
DON PEDRO.
Jetzt
Sind wir allein; hier zeige deinen Muth.
DON JUAN.
Muth hab' ich, Oheim; doch nicht gegen euch.
DON PEDRO.
Sag', wer du bist.
DON JUAN.
Ich sagt' es schon; dein Neffe.

Enthüllt sich.

DON PEDRO.
O weh, mein Herz! ich fürchte Frevelthat.
Was thatest du, Feind meiner Ruh? Warum
Hier so verhüllt? Sag' eilg, was es giebt.
Ha, Frecher! morden möcht' ich dich, Rebell.
Sprich jetzt!
DON JUAN.
Mein Herr und Ohm, ich bin ein Jüngling;
Ein Jüngling warst auch du. Du kennst die Liebe;
Drum finde meine Lieb' Entschuldigung.
Und weil du Wahrheit mich zu sagen zwingst,[38]
So hör'; ich will sie sagen: Isabella,
Die Herzogin, hab' ich getäuscht, gebrochen
Der Liebe Frucht ...
DON PEDRO.
Hör' auf; halt ein. Wie hast
Du sie getäuscht? Sprich leise, oder schweig.
DON JUAN.
Ich gab mich für den Herzog, für Octavio ...
DON PEDRO.
Nicht weiter! Schweig; genug!
Für sich.

Ich bin verloren,
Wenn es der König hört. Was soll ich thun?
List soll mir helfen in so bösem Handel.
_________________________________________________________________________________________

Sevilla; Vorhof und Garten vor dem erleuchteten Palast des Komturs, durch niedriges Gitter mit Tür abgeschlossen. Nacht. 

ERSTE SZENE 
Leporello allein; später Don Giovanni und Donna Anna, zuletzt der Komtur. 

Nr. 1 - Introduktion 

LEPORELLO 
unmutig auf und abgehend 
Keine Ruh' bei Tag und Nacht, 
Nichts, was mir Vergnügen macht, 
Schmale Kost und wenig Geld, 
Das ertrage, wem's gefällt! 
Ich will selbst den Herren machen, 
Mag nicht länger Diener sein. 
Gnäd'ger Herr, Ihr habt gut lachen! 
Tändelt Ihr mit einer Schönen, 
Dann muss ich als Wache fröhnen. 
Ich will selbst den Herren machen, 
Mag nicht länger Diener sein. 
Doch was gibt's? Ich höre kommen! 
Fort in's Dunkel schnell hinein. 

Er verbirgt sich. 

DONNA ANNA 
hält Don Giovanni, welcher sein Gesicht zu verbergen sucht, fest am Arme. 
Hoffe nicht, so lang ich atme, 
Unerkannt zu fliehn von hier! 

DON GIOVANNI 
Wer ich bin, du töricht Mädchen, 
Nie erfährst du das von mir! 

LEPORELLO 
Welch' ein Wirrwarr! O Gott, welch' Schreien! 
Neue Händel gibt es hier. 

DONNA ANNA 
Helft, o Leute, helft mir Armen! 

DON GIOVANNI 
Still, sonst kenn' ich kein Erbarmen! 

DONNA ANNA 
Ehrvergessner! 

DON GIOVANNI 
Fort, Verwegne! 

DONNA ANNA 
Hört mich niemand? 

DON GIOVANNI 
Schweig' und zittre! 

DONNA ANNA 
Gleich der Furie will ich rasen, 
Dein Verderben werd' ich sein. 

DON GIOVANNI 
Dieser Furie tolles Rasen, 
Mein Verderben wird es sein. 

LEPORELLO 
Seine tollen Abenteuer 
Werden mein Verderben sein. 
Welch' ein Wirrwarr, o Gott, welch' Schreien! 

Donna Anna lässt, da sie den Komtur kommen sieht, Don Giovanni los und eilt durch die Gittertür hinaus. 

KOMTUR 
aus dem Palast 
Lass' sie, Verworfner, stell' dich zur Wehre! 

DON GIOVANNI 
Dich zu besiegen wär' wenig Ehre! 

KOMTUR 
Mit eitlem Vorwand weichst du mir aus? 

DON GIOVANNI 
Ich mit dir kämpfen? Nein! 

LEPORELLO 
O könnt' ich heimlich doch fort von hier! 

DON GIOVANNI 
Wehe dir! 

KOMTUR 
Her zu mir! 

DON GIOVANNI 
Wehe dir! 
Er stellt sich dem Komtur. 
Wohl denn, so sei es: 
Du willst den Tod! 

Sie fechten, der Komtur sinkt, tödlich getroffen, nieder. 

DON GIOVANNI 
Ha! Da liegt der Unglücksel'ge ... 
Meinem tödlichen Streich erliegend, 
Bald aus tiefdurchbohrtem Herzen 
Wird sein schwaches Leben fliehn. 

KOMTUR 
Ach, zu Hilfe! Ach, zu Hilfe! 
Aus dem tiefdurchbohrten Herzen 
Fühl ich schon das Leben fliehn. 

Stirbt. 

LEPORELLO 
Welch' Verbrechen! Welch ein Frevel! 
Ach, vor Schrecken und vor Zagen 
Fühl' ich alle Pulse schlagen! 
Soll ich bleiben, soll ich fliehn? 


ZWEITE SZENE 
Don Giovanni. Leporello. 

Rezitativ 

DON GIOVANNI 
Leporello, wo bist du? 

LEPORELLO 
Ach leider bin ich hier! Und Ihr? 

DON GIOVANNI 
Nun hier! 

LEPORELLO 
Seid Ihr tot oder der Alte? 

DON GIOVANNI 
Welche Frage, du Dummkopf! Der Alte. 

LEPORELLO 
Bravo! Zwei recht artige Stückchen! 
Die Tochter verführen und den Vater ermorden! 

DON GIOVANNI 
Er wollte selbst sein Verderben! 

LEPORELLO 
Doch Donn' Anna ... was wollte die? 

DON GIOVANNI 
Schweige, reize mich nicht. Komm mit mir! 
Oder willst du etwa auch was von mir? 
Mit der Gebärde des Schlagens. 

LEPORELLO 
Ich will nichts, gnäd'ger Herr, bin mäuschenstill. 

Sie gehen ab 


DRITTE SZENE 
Donna Anna, Don Ottavio, Diener mit Fackeln (durch das Parktor). 

DONNA ANNA 
Schnell dem Vater zu helfen 
Lass' uns eilen, o, Freund! 
Opfr' ich freudig mein Leben: 
Doch wo ist der Verwegne? 

DONNA ANNA 
Hier muss er weilen. 

Nr. 2 - Rezitativ und Duett 

DONNA ANNA 
Welch' ein graunvolles Bild enthüllt sich meinen Augen, 
Gerechter Himmel! Mein Vater! 
O mein Vater! Teuerster Vater! 

Diener aus dem Palast. 

DON OTTAVIO 
Dein Vater! 

DONNA ANNA 
Ach, tödlich traf der mördrische Streich! 
Dies Blut ... Diese Wunde ... dies Antlitz, 
Bleich und erkaltet durch den Hauch des Todes ... 
Kein Odem hebt die Brust! Kalt seine Glieder! 
O mein Vater! bester Vater! teuerster Vater! 
Ich wanke ... ich sterbe ... 
Sinkt in Ohnmacht. 

DON OTTAVIO 
zu den umstehenden Dienern 
Auf, bringet schnelle Hilfe der Heissgeliebten! 
O zaudert nicht, bringt Labung ihr, steht mir bei! 
Welch ein Jammer! Ach eilt, ich bitte! 
Zwei Diener entfernen sich. 
O Anna! Freundin! Geliebte! 
Des Schmerzes Übermass wird die Ärmste töten. 

Die Diener kehren mit Medikamenten zurück. 

DONNA ANNA 
Ach! 

DON OTTAVIO 
Sie erholt sich! Reicht ihr noch weit're Stärkung! 

DONNA ANNA 
Ach, mein Vater! 

DON OTTAVIO 
Ihr Freunde! dies Opfer unerhörten Frevels 
Berget schnell ihren Blicken! 

Der Leichnam des Komtur wird fortgetragen. 

O, du mein Leben! Erhole dich! Erwache! 

Keine Kommentare: