16 Oktober 2021

Mary Beard: SPQR - Die tausendjährige Geschichte Roms

Mary Beard SPQR Die tausendjährige Geschichte Roms [Rezensionen bei Perlentaucher] 2016

Schwungvoll geschrieben ist diese Darstellung der römischen Geschichte, die Wert auf charakteristische Einzelheiten legt, wie sie in Anekdoten zum Ausdruck kommen. 

Trotz der als von ihr selbst als übertrieben kritisch bezeichneten Überlieferung durch seine Gegner verweist sie auf seinen zweimaligen Marsch auf Rom, den Brand im Jupitertempel und die Proskriptionslisten, die sich "nicht einfach als Erfindungen eines Propagandakrieges abtun" ließen (S.259) und zitiert den Ausspruch, den er getan haben soll, als man ihm den Kopf eines besonders jungen Opfers überbrachte: "Man muss erst rudern lernen, ehe man das Steuerruder führen will" (ein Aristophaneszitat) und konstatiert: "Sullas Sadismus war berüchtigt." (S.259)

Immerhin kann sie auch auf die Aussage verweisen, die er auf seinen Grabstein meißeln ließ, "daß weder einer seiner Freunde im Gutestun noch einer seiner Feinde im Bösestun ihn übertroffen habe." (S.259)

Das liest sich lebendiger als die trockne Feststellung, dass er als erster zeitlich unbegrenzt gewählter Diktator mit seinen Reformen, die den Senat stärken sollten, de facto der Grundstein für die Vernichtung der Republik gelegt habe. 

Wertvoll ist, dass sie den Blick auf die Bürger der Provinzen lenkt (Kapitel 8, S.319-361, worin sie nicht zuletzt Ciceros über 1000 überlieferte Briefe als Quelle würdigt) und die gesetzgeberische Leistung des Gaius Gracchus in seinem Entschädigungsgesetz würdigt. (S.278)

Besitzende und Besitzlose (S.467 ff.)

"Unter den Kritzeleien an den Wänden in Pompeji finden sich über 50 Zitate aus der Dichtung Vergils. Das bedeutet sicher nicht, dass die Aeneis oder andere seine Werke weiterhin vollständig gelesen wurden. [...]  Und viele dieser Kritzeleien könnten reiche junge Burschen angebracht haben, für die Vergil zur Schullektüre gehörte. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, nur die Armen hätten an Wände gekritzelt. Die Vermutung, dass alle diese Zitate von Wohlhabenden stammten, wäre jedoch wenig einleuchtend. Manches deutet also darauf hin, dass Vergils Dichtung ein gemeinsames Kulturgut war, das man – und sei es auch nur häppchenweise – zitieren, abwandeln und scherzhaft und spielerisch einsetzen konnte. An der Fassade einer Walkerai in Pompeji zeigte ein Wandgemälde eine Szene aus der Aeneis, in der der Held seinen Vater und seinen Sohn aus dem zerstörten Troja führt, um in Italien ein neues Troja zu gründen. Daneben hatte ein Witzbold mit Bezug auf das tierische Maskottchen der Tuchwalker eine Parodie auf die berühmte erste Zeile des Epos geschrieben: "Fullones ululamque cano, non arma virumque" "Singen will ich von Walkern und ihrer Eule, nicht von Kämpfen und dem Mann") das war zwar kaum hohe Kultur, zeugt aber von einem gemeinsamen Bezugsrahmen für die Welt der Straße und die der klassischen Literatur.
Ein noch erstaunlicheres Beispiel findet sich in einer Kneipendekoration aus dem 2. Jahrhundert aus der Hafenstadt Ostia. Hauptthema des Gemäldes ist das gängige Aufgebot griechischer Philosophen und Gurus, die man traditionell als "die sieben Weisen" bezeichnet. Zu ihnen gehört unter anderem Thales von Milet, der große Denker des 6. Jahrhunderts v. Chr., berühmt für seine Behauptung, Wasser sei der Ursprung des Universums und seine zeitgenössischen Kollegen Solon, der nahezu legendäre Gesetzgeber Athens, und Chilon von Sparta, eine weitere intellektuelle Leuchte. Einige der Gemälde sind nicht erhalten geblieben, ursprünglich dürften alle sieben Weisen abgebildet gewesen sein, wie sie mit Schriftrollen auf eleganten Stühlen saßen. Etwas war jedoch überraschend: Neben jedem dieser Männer stand nicht etwa eine Aussage zu ihrem jeweiligen Fachgebiet Politik, Naturwissenschaften, Recht oder Ethik – sondern zu vertrauten Fäkalthemen (siehe Farbentafel 15).

Über Thales stand: "Die Hartleibigen mahnte Thales zu drücken"; über Solon "Um gut zu kacken, massierte Solon den Bauch"; und über Chilon "Leise zu furzen lehrte der listige Chilon. Unter den Weisen war eine weitere Reihe von Figuren abgebildet, die zusammen auf einer Gemeinschaftslatrine saßen (eine durch aus übliche Einrichtung in der römischen Welt). Auch sie äußerten sich zum Stuhlgang: "Hüpf' auf und ab, dann geht's schneller" oder: "es kommt". [...] Als mögliche Erklärung für diese Zeichnungen kann man sie als aggressiven volkstümlichen Witz gegen die Elitekultur verstehen. [...] Ein Aspekt war sicher, hehre Gedanken auf die Ebene des Stuhlgangs herunterzuziehen. Die Sache ist jedoch komplexer. Diese Sprüche setzten nicht nur ein lesefähiges Publikum voraus oder zumindest genügend Gäste, die sie anderen vorlesen konnten, sondern auch gewisse Kenntnisse über die sieben Weisen, um den Witz überhaupt zu verstehen. Für jemanden, dem Thales von Milet rein gar nichts sagte, hatte sein Rat zum Stuhlgang wohl kaum etwas Komisches. Um den Seitenhieb auf die Ansprüche geistigen Lebens zu begreifen, musste man zunächst etwas darüber wissen." (S.505-507)

Ich hätte diesen ausführlichen Bericht samt dem Foto der Kritzeleien in Ostia nicht in einer Geschichte des tausendjährigen Roms erwartet und muss gestehen, dass ich da einiges dazugelernt habe. Das heißt nicht, dass ich nicht auch diese Zeichnungen und Sprüche 'reichen jungen Burschen' in Reaktion auf ihre Schullektüre zutrauen würde. Und nicht alles, was an Wände gekritzelt oder gesprüht wird, wird von Gästen oder Passanten verstanden. 

Aber diese Passage macht wohl deutlich, dass Mary Beard in ihrem Werk mehr als vertrautes Schulwissen anbietet und dass sie anregende Hypothesen vermittelt. Man sieht die Römerzeit in einem ungewohnten, aber erhellendem Licht.

"Allein das Werk Plutarchs, des Biografen, Philosophen, Essayisten und Priesters des berühmten Orakels von Delphi, umfasst so viele heutige Buchseiten wie die gesamten erhalten gebliebenen Schriften aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. zusammen, von den Tragödien des Aischylos bis zum Geschichtswerk des Thukydides." (S. 536)

Der größte Teil der Reliefs am Triumphbogen Konstatins stammt von Denkmälern, die zu Ehren von Trajan, Hadrian oder Marc Aurel errichtet worden waren. Das Gesicht des jeweiligen Kaisers wurde nur grob dem Konstantins angepasst.



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