21 Januar 2026

Günther de Bruyn: Vierzig Jahre

 Günter de Bruyn lese ich zwar nicht täglich, aber immer wieder mit Freude und Gewinn, diesmal "Vierzig Jahre" (1996) der Band seiner Autobiographie, der mich noch mehr "anmachte" als "Zwischenbilanz" (1992). 

Als die DDR gegründet wurde, war Günter de Bruyn 22, als der Staat von der politischen Bühne abtrat, 63 Jahre alt. Die vierzig Jahre, die dazwischen liegen und den größten Teil seines bewußten Lebens ausmachen, hat de Bruyn in der DDR verbracht. In diesem Buch berichtet er so offen, so uneitel, ruhig und gewissenhaft, wie dies bislang wohl noch nie geschah, vom Leben eines Bürgers in einem diktatorischen Staat und setzt damit seine vielbeachtete autobiographische Zwischenbilanz fort.

»Wenn man unter den deutschsprachigen Schriftstellern unserer Jahrzehnte denjenigen auszeichnen wollte, der die Arroganz bis zum letzten Hauch aus seiner Sprache getilgt und die Fairneß zur Arbeitsmoral erhoben hat, gehörte Günter de Bruyn der Preis.«
Sibylle Wirsing, "Frankfurter Allgemeine"

YouTube zu de Bruyn                                                 Foto u. Text anlässlich seines Todes  

W.Thierse über de Bruyn besonders Min. 52ff.

Zunächst steht hier nur verkürzt der Text einer KI (hier der vollständige Text), Zitate habe ich schon vorgemerkt, sie folgen, wenn ich Zeit dafür finde.

Über seinem Freund Herbert: das Porträt einer lebenslangen Freundschaft, die von den politischen und gesellschaftlichen Spannungen der DDR geprägt war. Die beiden lernten sich während der Zeit des Nationalsozialismus kennen, überlebten den Krieg und suchten in der frühen DDR nach Orientierung. Während de Bruyn den Weg des Schriftstellers einschlug, blieb Herbert eine Art "Gegenentwurf" – ein Mensch, der versuchte, im Privaten integer zu bleiben, während er im System der DDR zunehmend zerrieb. Herbert verkörpert für de Bruyn das Schicksal derer, die innerlich nicht mit dem System konform gingen, aber auch keinen offenen Widerstand leisteten. Er steht für geistige Unabhängigkeit, die ihn oft in Konflikt mit den Erwartungen der SED-Diktatur brachte, so dass er "Verlierer" der Geschichte wurde.

De Bruyn beschreibt die Beziehung zu Herbert mit einer Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Selbstkritik, um die stickige Atmosphäre der DDR-Provinz und die Enge des damaligen Denkens spürbar zu machen.

Zitate:

Herbert: Der Nachtgefährte.

Nach Herberts Tod waren meine Träume von ihm belebt. [...]Seite 51

Da meine Traumerfahrung mit Toten besagte, dass sie sich rar machten, mit den Jahren, um schließlich mit ihrem völligen Wegbleiben den zweiten Tod, den des Vergessens, zu sterben, nahm ich mir vor, ihn im Roman weiterleben zu lassen, Doch wurde nur ein Bündel Fragmente daraus.

In ihnen führte Herbert den Namen Krautwurst, der das seltsame seiner Erscheinung ausdrücken sollte. (S. 52)

"Was unser Verhältnis so fruchtbar machte, war die Verschiedenheit unserer geistigen Wege, auf denen wir zu ähnlichen Positionen gelangt waren. Ihm war meine katholische / Herkunft so fremd wie mir die sozialdemokratischen Einflüsse, die sein Vater auf ihn ausgeübt hatte. Meine religiös-romantisch Jugend bewegte Entwicklungsphase war ihm unverständlich, während ich seine Swing-Begeisterung, zu der auch lange Haare, elegante Sakkos und Nächte im 'Mokka. Efti' gehörten, nur mit Befremden zur Kenntnis nahm. [...] Mit Begeisterung aber hatte er auch die mir nicht vertrauten Grillparzer und Hebbel gelesen, sich mit Malern, die als entartet galten, beschäftigt und sich zum Kenner des literarischen Expressionismus entwickelt, während ich vorwiegend Storm gelesen hatte und nur bis zu Arno Holz gelangt war. Nach dem Krieg trafen sich bei Thomas Mann unsere Interessen, doch wurde dieser bei ihm bald überflügelt durch Kafka, Musil und Joyce. [...] Wir verfolgten beide die westdeutsche Literatur, "in der mich vor allem Böll vom ersten Buch an faszinierte, während Herbert lediglich Nossack gerade noch gelten ließ. In der Ablehnung Brechts waren wir einig, besuchten aber jede seiner Aufführungen. [...]"(S. 55/56)

Umwertung, der Werte

Wie die Demokratie und die Nationalstaaten, die Dampfmaschine, der Jazz und die Jeanesmode, war auch die Freihandbibliothek aus dem Westen gekommen und in Deutschland anfangs vorwiegend auf Ablehnung gestoßen; denn zu den pädagogischen Idealen der Volksbüchereien, wie sie besonders in Leipzig gepflegt worden waren, passte sie schlecht. [...] (S.56)

"Herberts Begabung lag so ausschließlich im Mündlichen und Dialogischen, dass er ohne ein Gegenüber nur wenig zu Stande brachte, kaum einen Brief. [...] Nur im Gegenwart anderer konnte er sich zusammenreißen und sich auf anderes, als ich selbst konzentrieren." (S.59)

Denn in dem politisch und ideologisch belebten Jahr 1956, in dem mit dem Schwinden des / Stalin-Mythos auch Parteiblinde sehend wurden, Starrheiten, sich lösten und antidogomatische Aufsätze von Lucácz und Mayer selbst im Institut diskutiert werden durften, hatte ich nach der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes, den Prozessen gegen Intellektuelle und der erneuten Dogmatisierung manches widerliche Zu-Kreuze-Kriechen erlebt.

Als Parteiloser konnte ich wenigstens schweigen. Schon die erste Stufe einer Karriere wäre aber mit Parteimitgliedschaft verbunden gewesen. Die aber lag für mich außerhalb jeder Erwägung. Wenn mir Genossen erklärten, man müsse in die Partei gehen, um sie zu verändern, hatte ich immer den Eindruck von Selbstrechtfertigung oder Selbstbetrug."         (S.61/62)

Wanderungen und Wandlungen

"[...] Dass ich gegen Ende der fünfziger Jahre auch viele Urlaubstage mit Herbert verbrachte, war für Ilse eine Entlastung, geschah aber nicht etwa ihretwegen oder aus Mitleid mit ihm. Unsere gemeinsamen Wochen auf Landstraßen und Waldwegen waren für mich, trotz vieler Regen und / Hungertage, die sorglosesten, heitersten und anregendsten dieser Jahre, und auch er war wohl, wenn wir unterwegs waren, zeitweilig seine Seelenqual los. Da er als Kind weder Schwimmen noch Radfahren gelernt hatte, verzichteten wir auf die Fahrräder und wurden zu Wanderern. Denn erstaunlicherweise war Herbert trotz seiner Lädierung ein ausdauernder Fußgänger, dem aber der Begriff Wandern zu pathetisch und zu altmodisch erschien. Er nannte es Vagabundieren, traf aber damit nur unseren Geldmangel und unsere äußere Erscheinung, nicht aber das Wohlorganisierte und Bildungsbelissene, dass uns zu Kirchen, Schlössern und historisch bedeutsamen Orten trieb.

Sparsame Leute waren wir beide. [...] 

Um nicht zugeben zu müssen, dass er Angst vor Urlaubseinsamkeit hatte, gab Herbert vor, nur der Billigkeit wegen diese Fußmärsche mitzumachen, die er, wenn sie ins Grüne gingen, unsinnig nannte; denn von Natur hielt er angeblich nicht viel. Das entsprach unserer selbstparodistischen Rollenverteilung, die wir uns nach Erzählungen über unsere Jugendentwicklung zurechtgemacht hatten: ich war Romantiker, Vergangenheitsschwärmer, Naturbursche, er Kulturfanatiker, Dekadenter, Swingheini; was ihm Barhocker und Blues waren, waren für mich Waldteiche und Volkslieder. Nur in der Kunst, auch der sakralen, trafen wir uns, ohne aus dem Rollen zu fallen. Sie gab unseren Unternehmungen, Sinn und Ziel."   (S. 65).

"Der aufwändigste Teil der Planung aber war die Reservierung von Schlafplätzen. Noch gab es keine Hotelführer, und als es die ersten gab, waren sie unzuverlässig, weil die größeren Häuser durch Enteignung oder Westflucht ihrer Besitzer zu Betriebsheimen, Büros oder  Parteischulen umfunktioniert wurden und die Dorfgasthäuser ihren Betrieb einstellten, dadurch Steuerdruck und Preisregulierung daran nichts zu verdienen war. Die Vernichtung des privaten Gaststättengewerbes erschwerte das individuelle Reisen. In touristisch erschlossenen Gebieten, wie dem Harz und dem Spreewald, war es manchmal nicht möglich, auch nur einen Kaffee zu trinken; denn in den Gaststätten mussten Kollektive / versorgt werden; da war für 'wilde Reisende', wie wir genannt wurden kein Platz. [...] Wir erlebten zerschlissene Hoteleleganz der Jahrhundertwende, Betriebsheimödnisse und Strohschütten in Sportlerherbergen; und mehr als drei Mark für die Nacht bezahlten wir nie. Z...]. Oft narrten uns unsere Landkarten, entweder weil sie alt waren und beispielsweise die Bodetalsperre im Harzvorland noch nicht verzeichneten, oder weil sie neu und bewusst falsch waren und die Truppenübungsplätze verschwiegen, deretwegen ein Fünftel der Mark abgesperrt war. [...] Zwischen Brennnesseln und Holunderbüschen auf Fundamentresten sitzend, bewunderten wir im Geiste, was wir auf alten Bildern gesehen hatten, und kamen uns donquichotisch vor. Der Schönheit der Vergangenheit wegen, liefen wir uns die Füße blutig und kamen doch immer nur in der tristen Gegenwart an." (S. 66/67).

"Da keiner von uns missionarische oder rechthaberische Neigungen hatte, und jeder neugierig war, auf den anderen, aber nicht urteilen wollte, führten wir eher Vergleichs- als Streitgespräche und verdoppelten unser Wissen und unsere Erfahrung dabei." (S. 68).



sieh auch: https://fontanefan3.blogspot.com/search/label/G%C3%BCnter%20de%20Bruyn

20 Januar 2026

Lektüreanregungen

 Ich fasse mehrere unter dieser Überschrift zusammen, damit ich sie zunächst nur sehr kurz vorzustellen brauche, aber Platz habe, noch mehr dazu zu schreiben. 

Günter de Bruyn lese ich zwar nicht täglich, aber immer wieder mit Freude und Gewinn, diesmal "Vierzig Jahre" (1996) der Band seiner Autobiographie, der mich noch mehr "anmachte" als "Zwischenbilanz" (1992). 

Als die DDR gegründet wurde, war Günter de Bruyn 22, als der Staat von der politischen Bühne abtrat, 63 Jahre alt. Die vierzig Jahre, die dazwischen liegen und den größten Teil seines bewußten Lebens ausmachen, hat de Bruyn in der DDR verbracht. In diesem Buch berichtet er so offen, so uneitel, ruhig und gewissenhaft, wie dies bislang wohl noch nie geschah, vom Leben eines Bürgers in einem diktatorischen Staat und setzt damit seine vielbeachtete autobiographische Zwischenbilanz fort.

»Wenn man unter den deutschsprachigen Schriftstellern unserer Jahrzehnte denjenigen auszeichnen wollte, der die Arroganz bis zum letzten Hauch aus seiner Sprache getilgt und die Fairneß zur Arbeitsmoral erhoben hat, gehörte Günter de Bruyn der Preis.«
Sibylle Wirsing, "Frankfurter Allgemeine"

YouTube zu de Bruyn    W.Thierse über de Bruyn                    Foto u. Text anlässlich seines Todes                                        besonders Min. 52ff.

Zunächst steht hier nur verkürzt der Text einer KI (hier der vollständige Text), Zitate habe ich schon vorgemerkt, sie folgen, wenn ich Zeit dafür finde.

Über seinem Freund Herbert: das Porträt einer lebenslangen Freundschaft, die von den politischen und gesellschaftlichen Spannungen der DDR geprägt war. Die beiden lernten sich während der Zeit des Nationalsozialismus kennen, überlebten den Krieg und suchten in der frühen DDR nach Orientierung. Während de Bruyn den Weg des Schriftstellers einschlug, blieb Herbert eine Art "Gegenentwurf" – ein Mensch, der versuchte, im Privaten integer zu bleiben, während er im System der DDR zunehmend zerrieb. Herbert verkörpert für de Bruyn das Schicksal derer, die innerlich nicht mit dem System konform gingen, aber auch keinen offenen Widerstand leisteten. Er steht für geistige Unabhängigkeit, die ihn oft in Konflikt mit den Erwartungen der SED-Diktatur brachte, so dass er "Verlierer" der Geschichte wurde.

De Bruyn beschreibt die Beziehung zu Herbert mit einer Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Selbstkritik, um die stickige Atmosphäre der DDR-Provinz und die Enge des damaligen Denkens spürbar zu machen.

sieh auch: https://fontanefan3.blogspot.com/search/label/G%C3%BCnter%20de%20Bruyn

Ernst Wiechert: Missa sine Nomine. Ich habe in den Jerominkindern und auch sonst manches von ihm gelesen, war nie begeistert, aber doch beeindruckt von seinem Lebensernst. Die Missa kenne ich noch nicht, hoffe aber, demnächst Zitate und etwas über meinen Eindruck berichten zu können. 

Wie manche hier beschriebene Bücher habe ich es aus einem öffentlichen Bücherregal und plane, es möglichst bald zurückzubringen. - Weshalb das? Gekaufte Bücher bringe ich nicht so leicht fort. Deshalb schätze ich sie deutlich wenige als die kostenlosen, wenn ich sie nicht längerfristig gebrauchen kann. Die billig gekauften nehmen da eine Mittelstellung ein. Ich leiste sie mir, obwohl ich weiß, dass sie nicht längerfristig bei mir bleiben sollen. Billig gekauft, werfe ich sie auch guten Wissens gleich zum Altpapier.

Nach der Lektüre des Wikipediaartikels habe ich mich entschlossen, das Buch nicht zu lesen und statt dessen mich wieder mehr mit Juli Zeh zu beschäftigen.

Ortrun Froehling (hg.) "Mein zerbrochenes Volk." Erzählungen und Gedichte aus Sri Lanka, 1985

18 Januar 2026

Marianne Fredriksson: Sofia und Anders

 Kapitel 1: 

"[...] Kurz gesagt, nichts hatte erahnen lassen, dass Östmora an diesem Tag von einem Wunder heimgesucht werden sollte.

Das einzige Ungewöhnliche waren die Kinder gewesen. Sie hatten direkt vor dem Altar gesessen, ganz weit vorn in der ersten Bank, und das Mädchen, das größer war, hatte seinen Arm um die Schulter des Jungen gelegt. Mia Johansson, die eine Ausnahme unter Gottes Kindern bildete und in allem nur Gutes sah, dachte gerührt, dass Kerstin Horners merkwürdiges Enkelkind sicher ein gutes Herz hatte und außerdem viel Geduld mit Berglunds blindem Jungen.
Aber dann überlegte sie etwas beunruhigt, dass die Berglunds, die ja dem schwedischen Missionsverband angehörten, es vielleicht gar nicht so gern sahen, wenn das Mädchen den armen Blinden mit in die Staatskirche nahm. [...]
Eigentlich hätte er darauf vorbereitet sein müssen, der neue Pfarrer Karl Erik Gustav Holmgren. Hatte er doch seinen Tag mit einem verzweifelten Gebet an den Gott begonnen, an den er nur so schwer glauben konnte. Ein Gebet, ohne alle Hoffnung auf ein / Wunder, das ihm das Vertrauen seiner Kindheit wiedergeben könnte.
Aber als die Kinder dem Kirchendach entgegenflogen, empfand er genauso viel Angst wie alle anderen, genauer gesagt, sogar noch mehr. Hätte er nur seine Stimme und die richtigen Worte gefunden, so hätte er geschrien: Hör auf, Gott, hör doch auf. Ich habe es nicht so gemeint... 
Nun geschah das Wunder, aber nicht während seiner Predigt, sondern erst während des Kirchenlieds 'Bereitet den Weg für den Herrn! Die Berge versinken, die Tiefen erheben sich.'

Unerhörte Worte, dachte der Pfarrer, von viel größere Bedeutung als zwei Kinder, die zum Kirchendach hinaufflogen. Im selben Augenblick, als er dies dachte, hörte er Gott lachen.

Gott lachte. Er stellte das Wunder von Östmora infrage, machte es ganz einfach lächerlich. Aber nur der Pfarrer hatte Gottes Lachen gehört, und das würde ihn nun von nun an sein Leben lang wie eine besondere Gabe begleiten.
Nachdem die Kinder verschwunden waren und das Kirchendach sich wieder geschlossen hatte, saßen die Leute wie versteinert da.
Sie sahen erschrocken auf ihren Hirten, er müsste doch etwas sagen, was sie wieder auf den sicheren Boden der erklärbaren Tatsachen zurückführte. Aber er stand unbeweglich da, das Gesicht dem geschlossenen Dach zugewandt. Und lachte, ja genau, das tat er. " (S. 12/13) 

KI Gemini:

"In dem Roman „Sofia und Anders“ (Originaltitel: Blindgång, auch unter den Namen der Protagonisten bekannt) von Marianne Fredriksson geht es um eine tiefgründige, fast mystische Freundschaft zwischen zwei außergewöhnlichen Kindern und die Aufarbeitung von Familiengeheimnissen.

Hier ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte:

Die Protagonisten

  • Sofia: Ein zehnjähriges Mädchen mit einer lebhaften Fantasie und einer besonderen, beinahe hellseherischen Begabung. Sie wächst bei ihrer Großmutter Kerstin in einem schwedischen Küstendorf auf.

  • Anders: Ein zwölfjähriger Junge, der von Geburt an blind ist. Er hat sich eine eigene, strukturierte Innenwelt erschaffen, in der er sich sicher fühlt.

Die Handlung

Die Geschichte beginnt mit der intensiven Freundschaft der beiden Kinder. Sofia und Anders verbringen jede freie Minute miteinander. Durch Sofias Fähigkeit, Bilder und Stimmungen extrem stark zu vermitteln, entsteht eine tiefe Seelenverwandtschaft.

Das „unerhörte Ereignis“: Der Wendepunkt der Geschichte ist ein gemeinsames Erlebnis in der Kirche von Östmora. Während eines Gottesdienstes trainieren die Kinder, „gemeinsam zu träumen“. In einer Art Massenhalluzination oder spirituellem Phänomen scheinen die Kinder vor den Augen der Gemeinde zur Decke zu schweben.

Der Konflikt: Dieses Ereignis löst bei Anders eine Krise aus. Er konnte in diesem Moment „sehen“, was seine gewohnte, dunkle Welt erschüttert und ihn wütend auf Sofia macht. Er fühlt sich seiner Sicherheit beraubt.

Kapitel 3: 
"Die Zeit war knapp. [...]  als Sofia bereits Berglunds Nummer wählte. Und seufzte, seine Mutter war zu Hause.
Anders gehe es besser, sagte sie. Aber er schien so traurig.
'Grüß ihn von mir', sagte Sofia, das war der Code, dass Anders anrufen sollte, sobald seine Mutter zur Arbeit im Supermarkt gegangen war.
Sie hatte eine unruhige halbe Stunde– warum war er traurig? Er kümmerte sich doch sonst auch nicht darum, was die Leute redeten. Das war er gewohnt.
Dann rief er an, und das wurde fürchterlich. Doch, er hatte alles/gesehen, die Kirche, das Kreuz mit Jesus, das Dach, das sich öffnete. Und nie hätte er gedacht, dass die Welt so erschreckend sein könnte.
'Es war so furchtbar', sagte er. 'Grelle Farben und Unmengen von Licht, die weh taten. Und laut und gefährlich.' Nie, niemals wollte er in dieser Welt leben.
'O Scheiße', schrie er, 'o Scheiße, was für eine Welt.'
 Dann sagt er noch etwas Sonderbares:
'Es gibt keine Barmherzigkeit', und legte den Hörer auf. Sofia weinte und versuchte, sich an den Traum mit dem verschwommenen Engel zu erinnern.
War er barmherzig gewesen? Sie wusste es nicht, verstand nicht so recht, was das Wort eigentlich bedeutete.
 Sie weinte, bis schließlich Tante Inger kam und rief, dass sie jetzt für das kranke Küken etwas zu essen mache. Und als sie mit ihrer ekligen Grütze hoch kam, sagte sie:
'Das ist ja schlimm, was für rote Augen du hast und wie verschnupft du bist.' " (S. 31/32)

Was mich an dem Roman beeindruckt, ist die Ähnlichkeit von der Erklärung des Hellsehens, die Fredriksson gibt, mit der Art, wie künstliche Intelligenz funktioniert. Sie versteht nichts, aber weil sie so viel Text parat hat, kann sie aus dem einen Text finden, der möglichst gut zu dem passt, was sie gerade leisten soll. 

Zitat: 
Klara, die Tochter von Kerstin und Mutter von Sofia spricht: "Ich hatte eine Zeitmaschine im Kopf und konnte nach vorn gehen und zurück und konnte das wiederholen lassen, was gesagt und gemacht worden war. Zurückzugehen, das ist einfach, das ist so einfach, dass es selbstverständlich ist. Auf diese Art kommt man drum herum, etwas lernen zu müssen.
Ich habe Sofias Lehrerin kennen gelernt, als ich letztes Mal zu Hause war. Wir waren Klassenkameradinnen, alte Freundinnen, deshalb war es ganz selbstverständlich, dass ich sie ins Café einlud. Wir haben zusammen einen Kaffee getrunken. Uns wurde ganz warm von dem vielen 'Weißt du noch?'. Sie ist so menschlich und sicher eine gute Lehrerin. Zum Schluss traute ich mich, sie zu fragen, / wie es mit Sofia in der Schule lief, und sie lacht und sagte, dass das Kind spielen, leicht den Unterricht meistere. Sie sei nicht neugierig oder wissbegierig, wie begabte Kinder oft sind, nein, sie sitzen meist auf ihrem Platz und sehe aus, als träume sie. Aber wenn sie gefragt werde, komme immer die Antwort und immer richtig. Ich kannte das, ich wusste, wie Sofia, das machte, sie sitzt dort in der Klasse, ist aber weit weg. Wenn sie von einer Frage aufgestört wird, spult sie ihren Film zurück und hört, was die Lehrerin gesagt hat und worüber die Kinder geredet haben. Dann muss sie nur noch davon eine Zusammenfassung machen und schlau genug sein, hier und da ein Wort zu verändern. Ich habe das jahrelang so gemacht." (S. 75/76).

Die KI versteht nichts, aber Text abrufen, der gut zu dem passt, was sie gerade leisten soll, kann sie.
Die Gefahr für Schüler, die KI zur Verfügung haben, ist also, dass sie Richtiges wiedergeben können, ohne es verstanden zu haben. Bei Fredriksson findet Kerstin (Klaras Mutter)  von Klara, dass sie das Zurückspulen bleiben lassen müsse. Darauf kann Klara, weil sie nicht verstanden hat, dem Unterricht lange kaum mehr folgen, bis sie ihre Erinnerungen "in Schubladen" geordnet hat und aufgrund des gedanklichen Zusammenhangs die richtigen Antworten finden kann.
Man findet Ähnliches nicht selten bei kleinen Kindern beim Memory spielen. Sie brauchen sich nicht zu konzentrieren, können zwischendurch etwas anderes tun und können doch, wenn es darauf ankommt "mit traumwandlerischer Sicherheit" die Karte finden, auf die es ankommt.

Gemini:

Die Familiengeschichte: Das Ereignis rüttelt Sofias Familie wach. Es stellt sich heraus, dass Sofias hellseherische Begabung in der Familie mütterlicherseits Tradition hat. Die Erzählung weitet sich zu einem Generationenroman aus, der die Schatten der Vergangenheit und das Schicksal von Sofias Mutter Klara beleuchtet.

Zentrale Themen

  • Wahrnehmung vs. Realität: Wie unterscheiden sich die Welten eines Blinden und eines „Sehenden“ (im spirituellen Sinne)?

  • Intuition und Erbe: Die Last und das Geschenk außergewöhnlicher Begabungen innerhalb einer Familie.

  • Heilung durch Erkenntnis: Die Aufarbeitung alter Geheimnisse führt letztlich zu Trost und Verständnis.

Hinweis: Marianne Fredriksson ist vor allem für ihren Weltbestseller „Hannas Töchter“ bekannt. Auch in „Sofia und Anders“ nutzt sie ihren charakteristischen, einfühlsamen Stil, um komplexe psychologische Prozesse darzustellen.

13 Januar 2026

Peter Härtling: Hölderlin

 Denkendorf

"Wer heute nach Denkendorf kommt, dem ehemaligen Chorherrenstift bei Esslingen, wird nichts anderes annehmen, entzückt über die Abgeschiedenheit der Kirche und der ehemaligen Klosterbauten. Das Geschriebene baut nach, baut neu. Bis zum wiederholten Augenschein habe ich mir eingebildet, dass 'die Ulme das alternde Hoftor umgrünt', wie ist der einstige Klosterschüler Hölderlin erinnert, Aber was in der Erinnerung so mächtig und grün erschien, war die Platane auf dem Hof, waren die alten Kastanienbäume. Nicht Hölderlins Ulme. Sein Blick war zu meinem geworden. Dennoch habe ich das Kloster über Jahre mit den Augen eines anderen gesehen, der hier seine Kindheit verbracht und sie in einem Fragment gebliebenen Buch erzählt hatte. Es ist Fritz Alexander Kauffmanns Chronik: Leonhard.
Kaufmanns Vater hatte das Kloster erworben und in einem der Gebäude eines Senffabrik eingerichtet, die es an einem anderen Ort noch heute gibt." (S.35) 

Aus der Studienzeit im Tübinger Stift. Begegnung mit einem französischen Revolutionär
"Ich möchte Sie fragen, ob sie an die Zukunft der Republik glauben, Monsieur Lerouge.
Der Franzose schaute ihn lächelnd an: Wie sollte ich es nicht?
Sind Sie denn sicher, dass der Mensch, die Menschheit der Freiheit schon gewachsen, für die Freiheit ausgebildet sind?
Ist die Freiheit denn ein Lehrstoff?
Aber ja, ich wüsste keinen größeren und schwierigeren.
Und sie meinen, wir haben sie noch nicht gelernt?
Wir lernen sie, jeder nach seinen Gaben und viele verstehen sie nicht, andere wollen sie nicht verstehen. /
Sie haben in diesem Land keine Freiheit, Monsieur Hölderlin. 
Haben Sie es?
Das fragen Sie mich, einen Bürger der Republik, einen Schützling der Verfassung?
Verargen Sie es mir nicht.
Nein, doch ihre Nachdenklichkeit schmerzt mich. Herr Hölderlin.
Ich wüsste, Monsieur, sehr gerne, ob es einen Augenblick gab, in dem sie ihrer Freiheit ganz sicher waren.
Ja! Lerouge setzte sich ganz auf, verschränkte die Arme vor der Brust. Ja. Als sie mich fasten, gefangen hielten, in diesem Loch unter der Kirche von Rottenburg, dann nach Hirschau verschleppten, als sie mich schlugen, piesackten, mit heißem Wasser übergossen, da habe ich meine Freiheit an der ihren messen können. Und ich habe sie nie so sicher gehabt.
Hölderlin ging auf ihn zu, beugte sich zu ihm nieder, gab ihm die rechte Hand, legt die Linke leicht auf seine Schulter, sagte: Sie haben mich aufgeklärt, Monsieur Lerouge. Ich wünsche Ihnen, dass Sie heil in ihre Heimat kommen, und dass Sie die Freiheit, die sie haben, behalten. Vive la Liberté!" (S. 152/153 )

Auf der Flucht vor den Franzosen in Kassel:

"Heinse tritt auf wie ein Halbgott. Die beiden Frauen, Susette und Marie, übernehmen gerne die Rollen der Grazien. Sie hätscheln, vergöttern ihn. Der Weltmann, der Hölderlin als einen Domestiken am Rande geradezu übersieht, kann nicht ahnen, dass seine eingebildete Zauberkraft wahr wird, Grenzen schwinden lässt und Hölderlin und Susette endgültig zusammenführt; dass mit seiner poetischen Hilfe Susette sich entschließt, Diotima zu werden.

Sie sind schon zehn Tage in Kassel, ehe Heinse eintrifft. Hölderlin hatte sie noch nie so frei, angeregt, fast frivol erlebt. Sie hielt ihn von dem Unterricht der Kinder ab, ließ sich von ihm durch den Park begleiten, hatte nichts dagegen einzuwenden, wenn Marie ihre eigenen Wege ging, sie besuchten, obwohl Heinse es angekündigt hatte, sie zu führen, die Gemäldegalerie auf der Wilhelmshöhe, freundlich empfangen und geleitet von J. J. Tischbein, dem Inspektor der Galerie und Bruder von Goethes Malerfreund. Alle diese Bilder von Rembrandt, Rubens, Lorrain, auch von Schaffner und anderen früheren deutschen Malern waren ihm unbekannt gewesen, die Erfahrung, so viele Bilder auf einmal zu sehen, neu. (S. 251). 

DIE KI GEMINI SCHREIBT:

In seinem Roman „Hölderlin“ (1976) entwirft Peter Härtling ein tiefgreifendes, psychologisch nuanciertes Porträt des Dichters Friedrich Hölderlin. Härtling bricht dabei mit der klassischen, heroisierenden Dichterbiografie und wählt stattdessen eine collagenartige Erzählweise.

Hier ist eine Analyse, wie Härtling den Dichter und sein Umfeld darstellt:


1. Die Darstellung Hölderlins: Fragmentierung und Subjektivität

Härtling zeigt Hölderlin nicht als statische Figur, sondern als einen Suchenden, der an der Realität zerbricht.

  • Der verletzliche Mensch: Im Vordergrund steht nicht das „Genie“, sondern die physische und psychische Gebrechlichkeit. Härtling thematisiert die Zerrissenheit zwischen bürgerlicher Existenz (als Hofmeister) und dem absoluten Anspruch seiner Dichtung.

  • Die „Umnachtung“: Der Roman widmet dem späten Hölderlin im Tübinger Turm viel Raum. Härtling stellt den Wahnsinn nicht als bloßen Krankheitszustand dar, sondern als eine Form des Rückzugs vor einer Welt, die Hölderlin nicht verstehen konnte oder wollte.

  • Identitätsverlust: Durch den Wechsel der Erzählperspektiven (Briefe, Dokumente, fiktive Berichte) erscheint Hölderlin oft wie eine Leerstelle – eine Figur, die durch die Augen anderer definiert wird, während er sich selbst zunehmend entgleitet.

2. Die Umgebung: Eine Welt im Umbruch

Die Umgebung wird bei Härtling oft als beengend, fordernd oder gar feindselig gezeichnet.

Das gesellschaftliche Umfeld

  • Die Enge Württembergs: Härtling kontrastiert Hölderlins weite Visionen (Griechenland-Enthusiasmus) mit der provinziellen, pietistischen Enge seiner Heimat. Die Erwartungen seiner Mutter, er solle Pfarrer werden, lasten wie ein bleierner Druck auf ihm.

  • Das Scheitern der Revolution: Die politischen Hoffnungen der Zeit (Französische Revolution) und das spätere Scheitern dieser Ideale spiegeln sich in Hölderlins innerer Isolation wider. Die Umwelt wird als politisch erstarrt dargestellt.

Die Weggefährten und Gegenspieler

Härtling nutzt die Nebenfiguren, um Hölderlins Fremdheit zu betonen:

  • Susette Gontard (Diotima): Sie ist der Lichtblick, aber auch das Symbol für die Unmöglichkeit einer erfüllten bürgerlichen Liebe. Ihre Umgebung (das Frankfurter Bankiershaus) steht für die materielle Welt, in der für Hölderlins Geist kein Platz ist.

  • Schiller und Goethe: Härtling stellt das Verhältnis zu den „Großen“ der Weimarer Klassik oft als schmerzhaft dar. Hölderlin fühlt sich von ihnen herablassend behandelt oder missverstanden; er bleibt der ewige Außenseiter im Schatten ihrer Autorität.

  • Sinclair: Sein treuer Freund Isaac von Sinclair wird als verzweifelter Unterstützer gezeichnet, der jedoch Hölderlins Absturz in den Wahnsinn letztlich nicht verhindern kann.


3. Erzähltechnik als Spiegel der Umgebung

Die Form des Romans ist entscheidend für das Verständnis der Umgebung: Härtling arbeitet mit Montagen. Er mischt historische Fakten mit Fiktion. Dadurch wird deutlich, dass die „Umgebung“ eines Menschen niemals objektiv fassbar ist. Die Welt um Hölderlin herum wird durch Akten, Briefe und Zeugnisse rekonstruiert, was die Distanz zwischen dem Individuum und der Gesellschaft unterstreicht.

Fazit: Härtlings Hölderlin ist ein Porträt der Entfremdung. Die Umgebung wird als eine Kraft dargestellt, die den Dichter in die Enge treibt, bis ihm nur noch der Rückzug in die Stille und den Turm bleibt.


Nelio Biedermann: Lázár

https://www.perlentaucher.de/buch/nelio-biedermann/lazar.html

1.Abschnitt Das Glaskind 1. Kapitel S.11 ff

"Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den es bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird.
Es war der Tag der drei Könige – der Wald schluckte das letzte trübblaue Licht. Das Zimmer, in dem der Junge geboren wurde, lag im Westflügel des Waldschlosses, gleich neben dem blaugestrichenen, das sie nie jemand betrat. [...]
Er war nicht wie sein Bruder, nicht wie seine Mutter, nur etwas unruhig war er, was niemanden verwundern durfte, schließlich hatte seine Frau gerade ein Kind geboren, unter dessen transparenter Haut man die kleinen Organe sehen konnte. /  Das Abendessen nahm der Baron nur im Gesellschaft seiner sechsjährigen Tochter ein, die sich ganz und gar nicht über die Geburt ihres Bruders freute. Als Ida, das deutsche Kindermädchen, Ilona ins Zimmer geführt hatte, hatte diese das schrumpelige, bläulichblasse und völlig verquollene Geschöpf mit ernsten Ausdruck angesehen, die braunen Augen zusammen gekniffen und trocken gesagt: 'Es ist sehr hässlich.'
Dann war sie zu ihrem Vater geeilt, der ihr bleiches Gesicht nicht hatte deuten können und das Fenster deshalb geschlossen ließ, und hatte ihm auf die glänzende Lederschuhe und die braun karierte Hose gekotzt.("S. 11/12). 

Biedermann hat Proust gelesen. 130 Seiten schöne Worte ohne Handlung. Soll man doch auf sie warten. Hauptsache, die Welt ist fremd und die nur allzu bekannten Probleme sind fern.

5. Kapitel 

"Mária, die von den schweren Tritten im Treppenhaus geweckt worden war, dachte an ihren Pál - und Ida, die durch den Stirnkuss wachgeworden war, dachte an ihren Paul." (S.36)

2. Abschnitt Geister

7. Kapitel 

"Die Kinder wurden älter,, Mária einsamer und Sádor distanzierter." (S.45)

 8. Kapitel S.51-58

"Als Sandor die nadelgrünen Vorhänge zur Seite schob und das Fenster öffnete, wusste Mária, dass sich heute die Stare versammeln würden. Vereinzelt hörte sie die Vögel auch schon in den Bäumen des Schlossgartens. Durch die offene Flügeltüre zum Bad sah Maria den Rücken ihres Mannes, der sich im Unterhemd über dem Waschbecken rasierte. [...]"  (S.51)

S.74 die gesunkene Titanic

3. Abschnitt Träume, Seite 79ff

14. Kapitel "Der Baron erfuhr erst einen Tag nach der kaiserlichen Proklamation, dass Krieg herrschte." (S.81)

S.102 f. Sandors Tod

S. 110-117 Lajos

S.121 ff. Pista

S. 132/3 Lilly beobachtet Lajos beim Sex mit Bertha

Dann bricht in die statische Welt die NS-Zeit ein (ab S.134) und Pistas Liebe zu Matilda Telke (ab S.150).

 Auf Seite 171 beginnt dann der Krieg, aus dem Abstand von Ungarn aus gesehen, doch nur aus der Sicht des verliebten Pista (wie in Goethes Osterspaziergang "hinten fern in der Türkei"), für die Erwachsenen, seit sie NS-Deutschland kennen, bedrohlich wie nichts anderes.

Darauf führt Biedermann den Benediktinermönch Pontiller ein (S.176) und mit ihm Proust und die Suche nach der verlorenen Zeit (wie in meinem Bericht in Schrägdruck). Entsprechend verschwindet auch bei Biedermann wieder die Zeit.

Kapitel 32 S.191

"Im Schatten dicht belaubter Kronen

gehen wir am Saum der Wildblumenwiese.

Der Sommerwind rauscht durch die Bäume.

Am Horizont steht wie ein Riese

der Kirchturm versunken in Abendträume [...]

Lajos ließ das Buch sinken und merkte auf einmal, dass er weinte." (S.191)


Seite 194 ff Judendeportation, Lajos arbeitet an der Organisation mit
Seite 207ff. Flucht aus dem Waldschloss im Winter
Seite 211 Eva sieht auf die Frau mit dem Kinderwagen. Das erinnert sie an Gemälde Vermeers, die ihr der Mönch in einem Buch gezeigt hatte. "Sie konnte nicht genug kriegen von diesen Frauen, die alle ihre Geschichten hatten, die vermehrt, aber nur angedeutete, ihr Leben, in das er nie mehr als einen flüchtigen Blick gewährte, als sei es ihm wichtig, Ihnen ihre Geheimnisse zu lassen und sie nicht zu entblößen. Er fand offenbar, dass die Liebesbriefe, die man am Fenster stehend, Glas, oder die Gedanken, die man hatte, während man sich Eine Perlenkette umlegte oder Milch in eine Schüssel goss, niemanden etwas angingen. Deswegen hatte er vielleicht auch nicht geschrieben und sich möglichst ferngehalten von Schriftstellern, die in ihrem Zwang, das ganze Leben und jeden noch so persönlichen Gedanken ihrer Figuren/aus zu formulieren Vergewaltiger der Existenzen und der Privatsphäre waren.(S.211/212). 
Seite 217/18 Lilly: auf der Flucht herrschen 15° Kälte
"Die junge Frau stand neben dem hellblauen Kinderwagen und riss an ihren Haaren. Zu ihren Füßen lagen schwarze Büschel. Sie weinte nicht, und auch geschrien hatte sie bloß kurz. Sie riss sich nur die Haare aus und zitterte am ganzen Körper. Der Treck hielt an, doch niemand ging zu ihr. Die Frau beugte sich über den Wagen, hob das Kind heraus und drückte es an ihre Brust. Erst da, als das Kind still blieb, obwohl die Frau heftig bebte, begriff Pista, was geschehen war.
Als sie zu Boden sank, ging eine ältere Frau zögerlich zu ihr. Sie zog den Pelzhandschuh aus, beugte sich hinab und legte ihr eine Hand auf den Rücken.
 Jeder Versuch, mit ihr zu sprechen, war erfolglos. Sie murmelte nur ununterbrochen und unverständlich vor sich hin. Schließlich zogen sie zwei Männer hoch und hoben sie auf einen Karren. Das Kind ließ sie nicht los. Der hellblaue Kinderwagen blieb im Schnee stehen. (S. 219/220)
Kapitel 37, S.222 ff. Russen, die vergewaltigen; sie lassen die Gruppe entscheiden, wer vergewaltigt werden soll, damit es nur eine Person trifft
Kapitel 38 S.227- 230  Weihnachten
Kapitel 39, S.231 Frühling, Budapest ist zerstört
Kapitel 40 S.234-37Juni in Budapest, es ist heiß
Kapitel 41 Pista sucht nach Matilda und hört schließlich, dass sie erschossen worden ist (S. 238 bis S.252)
Kapitel 42, S.255 ff, 1948 im Waldschloß, die Familie wird enteignet.
Kapitel 43 in Budapest, die Männer der Familie finden Arbeitsplätze aufgrund der Beziehungen von Lajos, aber sie haben ihr Selbstgefühl verloren (S. 259 ff.)
Kapitel 44, drei Jahre später auf einem Bauernhof in Osten
Kapitel 45 Es geht um Eva und Pista, dann kommt die Milan hinzu, Eva schläft mit ihm wegen der körperlichen Erfahrung.
Kapitel 46: "Einige Zeit, nachdem Eva hinter der Scheune [...] das erste Mal Sex hatte, suchte ein älterer Mann unter dem allabendlichen Schwindelgefühl, das die von Osten heran rollenden Gewitterwolken zusätzlich verstärkten, nach Gogols Die toten Seelen.
Er suchte schon, seit er das erste Donnergrollen vernommen hatte. Seine Bibliothek umfasste zwanzigtausend  Bände, da war es nicht überraschend, dass er das Buch nicht auf Anhieb fand. Dennoch: früher hätte er es schneller gefunden. Sein Gedächtnis ließ nach, er musste täglich an Dinge erinnert werden, die er stets gewusst hatte. [...]
Anschließend ging er zurück ins kleine Esszimmer, in dem er auch nachts schlief, legte sich auf das rosarot bezogene Sofa und sah, als er gerade das Licht löschen wollte, Die toten Seelen auf dem Nachttisch liegen." (S.274)
Kapitel 47 "Stand sie nach der Arbeit, hinter der Scheune, den Rücken an der rauen Holzwand, die trägen fliegen im Blick, er erinnerte sie sich manchmal lächelnd an die Worte ihrer Mutter, die gesagt hatte, dass Menschen nur Geschlechtsverkehr miteinander hätten, wenn sie sich sehr fest liebten. Mittlerweile wusste sie, dass das nicht stimmte, dass der Akt etwas viel zu Pragmatisches und Körperliches war, um an die Liebe geknüpft zu sein.
Hätte jemand von Milan und ihr gewusst und sie gefragt, ob sie ihn liebe, hätte sie sofort nein gesagt. Er war zu schön, zu makellos, um von ihr geliebt zu werden. [...]
Gleichzeitig war er ein junger Mann, der tun und lassen konnte, was er wollte, der keine Erwartungen erfüllen musste und jede Frau im Dorf heiraten konnte.
Sah sie ihn, seinen salzigen Geschmack im Mund, nach, wie er auf seinem roten Fahrrad nach Hause fuhr, dachte sie, dass er sehr glücklich war – und es vermutlich gar nicht wusste. (S. 276). 
Kapitel 48 "Obwohl er den georgischen Wein, den er trotz der Mäßigungsratschläge seiner Ärzte in rauen Mengen trank, gewöhnt war, fühlte er sich sehr betrunken, als er seine Gäste um vier Uhr morgens zur Tür brachte. [...] er gab Ihnen die Hand und drückte besonders fest zu, um sich die Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Sie warten nur auf deinen Tod, dachte er, während er Ihnen die Hände zerquetschte. Sie warten nur darauf, dass dein Griff erschlafft, der eiserne Griff des stählernen Stalin, und ihre Zeit beginnt. [...] Stalins Augen waren geschlossen. Er hörte, wie sich die Ärzte Worte zuflüsterten, ohne diese zu verstehen. In Gedanken lag er noch immer auf dem Teppich vor dem rosarot bezogenen Sofa, Die toten Seelen von Nikolai Gogol neben sich. Und während sich die Stimmen immer weiter entfern/ten, während er immer tiefer in den Kissen versank, erinnerte er sich plötzlich wieder Wort für Wort an das rätselhafte Ende dieses Buches seiner Jugend." (S. 277-280). 
[*"Nach würdelosem Jammern und Betteln um Freilassung sowie Fürbitte Murasows wird Tschitschikow begnadigt im Sinne einer Ausweisung. Dass er tatsächlich keine Läuterung erreicht hat, zeigt die Passage, mit der Tschitschikow sich aus dem Roman verabschiedet: Er lässt sich noch kurz vor seiner Abreise für den doppelten Preis in Nachtarbeit einen Maßanzug aus edlem Stoff schneidern, um sein bisheriges Leben wirkungsvoll weiterführen zu können." (Wikipedia]
Kapitel 49 Lajos ist depressiv, in Ungarn 1953 Nagy
Seite 284 Eva liest über die Emanzipation der Frau unter anderem Simone de Beauvoir und Virginia Woolf "Ein Zimmer für sich allein"
Kapitel 52: Eva und der werdende Schriftsteller Ákos, mit dem Pista befreundet ist, weil er schreibt
Kapitel 52/53: Annäherung von Eva und Ákos1956, 52: Annäherung 53 Vergewaltigung Evas durch Akos.
Kapitel 52 Pista liebt jetzt Kati; rein wegen ihres Äußeren und ihrem Auftreten. ihr Inneres interessiert ihn nicht.
Kapitel 54 Nagy bei Aufstand 1956 am 24. Oktober zum Ministerpräsidenten berufen.
Kapitel 55 Pista sucht Ákos.
Kapitel 56, die Sowjetunion, erklärt Nagy für abgesetzt und Kadar bildet die neue Regierung.
Kapitel 57 Imre wird in der psychiatrischen Anstalt von den Geschwistern Eva und Pista besucht.
Kapitel 58 Flucht von Eva und Pista im Wald an der Grenze zu Jugoslawien und dem flachen zugefrorenen Fluss.
Kapitel 59 in Jugoslawien treffen sie auf Laszlo und die schwangeren Nicoletta.
Kapitel 60 im Zug nach Zürich

"Auf einmal begriff Pista, dass er sie nie würde beschützen können. Nur da sein für sie konnte er.
Er sah sie an, bis er spürte, dass sie unter seinem Blick aufwachen würde. Dann schaute er wieder hinaus. Weiße Felder, schwarze Bäume, der Himmel blau, und ab und zu ein Bauernhof .Zagreb lag hinter ihnen – und damit die ganze Ihnen bekannte Welt.
Vor ihnen lag Zürich, der See, die weißen Schwäne und die verschneiten Berge. (Seite 331, Schluss des Romans) 

 



11 Januar 2026

Anna Müller-Tannewitz: Die weißen Kundschafter

 Das Buch habe ich aus einem öffentlichen Bücherregal, und ich halte es für Kinder ab etwa 10 Jahren und für Jugendliche für geeignet. Ich habe es aber aus Zeitgründen noch nicht durchgelesen. Deshalb hier der Text einer KI:

In dem Jugendbuch „Die weißen Kundschafter“ (erschienen 1955) von Anna Müller-Tannewitz geht es um die dramatischen Ereignisse während der Zeit der nordamerikanischen Pioniergeschichte, genauer gesagt um den Konflikt zwischen den weißen Siedlern und den indigenen Völkern (hier vor allem den Shawnee).

Hier sind die zentralen Aspekte der Handlung:

Die Geschichte spielt im 18. Jahrhundert in den Wäldern von Kentucky und Ohio. Im Mittelpunkt stehen zwei weiße Jungen, die von den Shawnee gefangen genommen werden. Anstatt getötet zu werden, werden sie in den Stamm aufgenommen und nach indianischer Tradition erzogen.

Zentrale Themen

  • Leben zwischen den Kulturen: Die Protagonisten geraten in einen tiefen inneren Konflikt. Sie lernen die Lebensweise, die Werte und die tiefe Naturverbundenheit der Indianer kennen und schätzen.

  • Loyalität: Als der Krieg zwischen den vordringenden weißen Siedlern und den Indianern eskaliert, müssen sich die Jungen entscheiden, wohin sie gehören. Sie fungieren oft als „Brückenbauer“ oder eben als „Kundschafter“, die beide Welten verstehen.

  • Kritik an der Kolonialisierung: Für die damalige Zeit (die 1950er Jahre in der DDR) war das Buch bemerkenswert, da es die Vertreibung der Ureinwohner und den Landraub durch die weißen Pioniere kritisch beleuchtete. Die Indianer werden nicht als „Wilde“, sondern als ein Volk mit hoher Moral und Kultur dargestellt.

Einordnung

Das Buch gehört zum Genre der klassischen Abenteuerliteratur (ähnlich wie James Fenimore Coopers Lederstrumpf-Erzählungen), verfolgt aber einen deutlich völkerverständigenden Ansatz. Es war in der DDR ein sehr populäres Jugendbuch, da es den „edlen Kampf“ gegen Unterdrückung thematisierte.

(KI Gemini)

Little Women - Jo's Plan


"The crop we are going to raise is a profitable one," and Jo laughed. "Of what is this fine crop to consist, ma'am?" "Boys. I want to open a school for little lads--a good, happy, homelike school, with me to take care of them and Fritz to teach them." "That's a truly Joian plan for you! Isn't that just like her?" cried Laurie, appealing to the family, who looked as much surprised as he. "I like it," said Mrs. March decidedly. "So do I," added her husband, who welcomed the thought of a chance for trying the Socratic method of education on modern youth. "It will be an immense care for Jo," said Meg, stroking the head of her one all-absorbing son. "Jo can do it, and be happy in it. It's a splendid idea. Tell us all about it," cried Mr. Laurence, who had been longing to lend the lovers a hand, but knew that they would refuse his help. "I knew you'd stand by me, sir. Amy does too--I see it in her eyes, though she prudently waits to turn it over in her mind before she speaks. Now, my dear people," continued Jo earnestly, "just understand that this isn't a new idea of mine, but a long cherished plan.“ (aus „Little Women  […]

I see so many going to ruin for want of help at the right minute, I love so to do anything for them, I seem to feel their wants, and sympathize with their troubles, and oh, I should so like to be a mother to them!" Mrs. March held out her hand to Jo, who took it, smiling, with tears in her eyes, and went on in the old enthusiastic way, which they had not seen for a long while. "I told my plan to Fritz once, and he said it was just what he would like, and agreed to try it when we got rich. Bless his dear heart, he's been doing it all his life--helping poor boys, I mean, not getting rich, that he'll never be. Money doesn't stay in his pocket long enough to lay up any. But now, thanks to my good old aunt, who loved me better than I ever deserved, I'm rich, at least I feel so, and we can live at Plumfield perfectly well, if we have a flourishing school. It's just the place for boys, the house is big, and the furniture strong and plain. There's plenty of room for dozens inside, and splendid grounds outside. […]


Then Fritz could train and teach in his own way, and Father will help him. I can feed and nurse and pet and scold them, and Mother will be my stand-by. I've always longed for lots of boys, and never had enough, now I can fill the house full and revel in the little dears to my heart's content. Think what luxury-- Plumfield my own, and a wilderness of boys to enjoy it with me." As Jo waved her hands and gave a sigh of rapture, the family went off into a gale of merriment, and Mr. Laurence laughed till they thought he'd have an apoplectic fit. "I don't see anything funny," she said gravely, when she could be heard. "Nothing could be more natural and proper than for my Professor to open a school, and for me to prefer to reside in my own estate." […]

Rich people's children often need care and comfort, as well as poor. I've seen unfortunate little creatures left to servants, or backward ones pushed forward, when it's real cruelty. Some are naughty through mismanagment or neglect, and some lose their mothers. Besides, the best have to get through the hobbledehoy age, and that's the very time they need most patience and kindness. People laugh at them, and hustle them about, try to keep them out of sight, and expect them to turn all at once from pretty children into fine young men. They don't complain much--plucky little souls--but they feel it. I've been through something of it, and I know all about it. I've a special interest in such young bears, and like to show them that I see the warm, honest, well-meaning boys' hearts, in spite of the clumsy arms and legs and the topsy-turvy heads. I've had experience, too, for haven't I brought up one boy to be a pride and honor to his family?" "I'll testify that you tried to do it," said Laurie with a grateful look.“  [..]

She had boys enough now, and did not tire of them, though they were not angels, by any means, and some of them caused both Professor and Professorin much trouble and anxiety. But her faith in the good spot which exists in the heart of the naughtiest, sauciest, most tantalizing little ragamuffin gave her patience, skill, and in time success, for no mortal boy could hold out long with Father Bhaer shining on him as benevolently as the sun, and Mother Bhaer forgiving him seventy times seven. Very precious to Jo was the friendship of the lads, their penitent sniffs and whispers after wrongdoing, their droll or touching little confidences, their pleasant enthusiasms, hopes, and plans, even their misfortunes, for they only endeared them to her all the more.“ […]

 As the years went on, two little lads of her own came to increase her happiness--Rob, named for Grandpa, and Teddy, a happy-go-lucky baby, who seemed to have inherited his papa's sunshiny temper as well as his mother's lively spirit. How they ever grew up alive in that whirlpool of boys was a mystery to their grandma and aunts, but they flourished like dandelions in spring, and their rough nurses loved and served them well.“ (aus „Little Women (Sterling Unabridged Classics) (English Edition)“ von „Louisa May Alcott, Scott McKowen“).

04 Januar 2026

Julia Franck: Die Mittagsfrau

Julia Franck  Die Mittagsfrau

Der Prolog (S.7 - 134) mit der intensiven Schilderung der Aussetzung ihres Kindes und des Wahnsinns ihrer Mutter sowie des Todes ihres Vaters haben mich abgeschreckt. Erst als als ich durch mehrmaliges Vorblättern zum Hauptteil "Kein schönerer Augenblick als dieser (S.135 ff.) vorgestoßen war, habe ich Interesse für die Handlung gewinnen können. Hilfreich waren dabei der Wikipediaartikel mit den Verweisen auf die Gestalten der slawischen Mythologie: Mittagsfrau und Wila und der Bezug auf Francks Erzählung Die Streuselschnecke, die ich 2024 gelesen habe und die mich angesprochen hat. 

Zum Verständnis des Buches ist der Abschnitt Themen im Wikipediaartikelartikel recht hilfreich. 






03 Januar 2026

Die Rache des jungen Meh oder Das Wunder der zweiten Pflaumenblüte, Leipzig 1927. (geles. 1962/66)

 Die Rache des jungen Meh oder Das Wunder der zweiten Pflaumenblüte, Leipzig 1927. 

Dies Buch war der erste chinesische Roman, den ich gelesen habe. Das war in den 1960er Jahren, und er hat mir gut gefallen.

Anderes hat mich dann enttäuscht. So der Traum der roten Kammer, einer der berühmtesten chinesischen Romane. Natürlich habe ich nicht bezweifelt, dass das ein besserer Roman war. Aber aus der Rache habe ich so vieles über China gelernt: die Rolle der Bildung, der Konventionen, der Standesunterschiede. Und anders als in den Abenteuerromanen von A.E. Johann und selbst bei Pearl S. Buck, die ich früher gelesen hatte, war es hier chinesische Innensicht, wirklich ein Bestandteil der chinesischen Literatur.  

Dagegen bot der Traum der roten Kammer vor allem Unverständliches, ein ganz fremdes Lebensgefühl. Gelesen habe ich auch Die Räuber vom Liang-Schan-Moor und das Jīnpíngméi zwei weitere Romane, die zu den Klassischen chinesischen Romanen gezählt werden, beide weit leichter zugänglich als der Traum. Trotzdem blieb mir die Rache als der liebste chinesische Roman in Erinnerung (obwohl ich es wohl nie wieder ganz durchgelesen habe). Jetzt, bei einer Lektüre gut 60 Jahre später drängt sich mir auf: Das ist ja ein Kolportageroman, ganz abgestellt auf die Gegensätze von völlig gut und völlig böse. Außerdem - für mich als erwachsenen Leser fast beschämend - das große Element von Märchenhaftem, Geistern, Göttern. 

Zur Handlung: 
Der vorbildliche Beamte Meh und seine Freunde verlieren aufgrund der Intrigen der Bösen, nämlich des Kanzlers Lu Ki und des Kultusministers Huang Sung ihren Titel. Meh wird sogar hingerichtet. (Völlig unglaubhaft wirkt, dass er den Kanzler, der das volle Vertrauen des Himmelssohns genießt, wüst beschimpft, obwohl er keine Belege für seine Aussagen hat und kein Grund zu sehen ist, aufgrund dessen der Kaiser dem Kanzler das Vertrauen entziehen sollte.
Die Handlung führt über märchenhafte Unglücksfälle und Rettungen zum Sieg der Guten des jungen Meh und seines Freundes Wie schlecht es den Guten auch immer geht, sehr rasch wird erkannt, dass sie zur besseren Schicht gehören. Sie brauchen nur etwas zu sagen oder etwas zu schreiben, schon sind sie als bedeutende Kulturträger erkannt.
Wie bei Karl May gehen die Guten dann mit denselben Methoden mit ihren Gegnern um.Der Kanzler und der Kultusminister werden gefoltert, bis sie sich schuldig bekennen. 
Entscheidend dafür, dass das möglich ist: der Himmelssohn (Kaiser) wechselt plötzlich die Seiten und erkennt im Kanzler, der vorher sein volles Vertrauen genossen hat, einen schändlichen Verräter. Das passiert, weil die Guten sich in den Staatsprüfungen als die Allerkultiviertesten und somit Vorbildhaftesten im Sinne der Bildungsideologie erwiesen haben. 

Inhalt (Hier kommt der chinesische Stil der Übersetzung zur Geltung.)
1. Ein alter, wackerer Staatsdiener macht daheim seinem Herzen Luft. Der Himmelssohn beruft Herrn Meh an den Hof.                                                                                                 S.9
2. Ein treuer Staatsdiener wird von seinem Fürsten auf hohen Posten berufen. Er  belehrt seinen Sohn und ermahnt seine Gattin                                                                                     S.16
3. Wehklagend sucht das schwarzhaarige Volk, den Mann von Azurreine festzuhalten. Der treffliche Statthalter beschwichtigt einer Mutter gleich die Schützlinge seines Kreises.   S.25
4. Erste Begrüßung auf der Landstraße. Herr Meh hält seine Leute zu Einfachheit und Sparsamkeit an S.35 5. Vor der Pforte des Kanzlerpalastes war er ungeahnten Hindernissen begegnet. Im Zensorat vergisst er sich und rennt wider seine alten Freunde an.                                                     S. 42
6. Der Himmelssohn schickt die versammelte Beamtenschaft zur Gratulationscour. Lu Ki lässt an seiner Statt Huang Sung den Gästen aufwarten.                                                           S. 49 
7. Ein tückischer Minister setzt seinen listigen Anschlag ins Werk. Ein braver Staatsdiener muss die Todesstrafe über sich ergehen lassen.                                                                  S.56
8. Mit Hilfe eines falschen Dekrets wollte man Mutter und Sohn in Haft nehmen. Doch einer entdeckte den Plan und verhalf Ihnen zur Flucht                                                                 S. 60
9. Der falsche Abgesandte des Kaisers jagt dem Präfekten einen Tigerschreck ein und verkauft seine Nachsicht teuer.                                                                                                      S.75 
10. Schutz heischend hatte sich der junge Mann nach J tschong aufgemacht. Der Kreisvorsteher fügt dem vermeintlichen Schwiegersohn leid zu.                                                          S.85
11. Verzweifelt gibt er am Wegrand sein Leben preis. Aus höchster Not rettet ihn ein redlicher Abt S.89
12. In der Tracht eines Bibliotheksdieners beugt er sich den Umständen und dient. Er erkennt einen Studienbruder seines Vaters und verbirgt sein Leid                                                S.96
13. Während er sich am Anblick der Pflaumenblüte weidet, gedenkt er des alten Kameraden. Ein Unwetter erweckt in ihm, jäh das Verlangen mit den Wolken zu ziehen.               S.100
14. Ihre Gebete bewegen den Vater zum Bleiben. Der Himmel tut durch ein Zeichen kund, dass er des verwaisten Knaben gedenkt.                                                                                    S.107
15. O Wunder herrlich – Pflaumen, zweifach blühend! O seltenes Geschehn – ein Garten versbesungen!                                                                                                                                   S.115
16. Er gewahrt die Trefflichkeit des Knaben und gedenkt voll Wehmut eines alten Freundes. Den ehelichen Seidenfaden dachte er zu knüpfen, doch ach! ein Schurke fügte es anders. S.126,
17. Man hebt die Töchter des Landes aus und setzt die hundert Familien in Schrecken. Zwei Liebende, die sich bisher Bruder und Schwestern nannten, offenbaren m Wohngemach ihr Herzeleid S.135
18. Er treibt zu beschleunigtem Marsch und schafft den Trägern bittere Pein. Auf der Aussichtspagode netzen zwei Liebende ihre Brustkoller mit Tränen                                                  S.142, 
19. An der Wildgansschlucht setzt eine hochgemute Jungfrau ihr Leben für ihre Ehre ein. Talarenschwerter bedrohen die Schönen                                                                  S.150
20. Die Göttin offenbart ihre Macht und gibt die hochgemute Jungfrau der Heimat zurück. Liang Yü wird von der Ronde verhaftet und nimmt einen falschen Namen an.                      S. 162
21.Das Schicksal führt Lenzsproß mit einer Fischmaid zusammen. Ein kecker Wüstling raubt ihm die Braut und wird vom Statthalter gezüchtigt.                                                              S.176
22. Eine goldene Agraffe bringt es an den Tag. Fräulein Aprikosenknospe zeigt sich dem Geliebten in Barbarentracht                                                                                                           S.198
23. Entrüstet weist er ein verhasstes Bündnis zurück. Zwei Schurken ereilt der gerechte Lohn. S.224
24.Der Himmelssohn verteilt Strafen und Belohnungen. In der Brautkammer werden die Blumenkerzen angesteckt.                                                                                                                 S.251