Auf der Flucht vor den Franzosen in Kassel:
"Heinse tritt auf wie ein Halbgott. Die beiden Frauen, Susette und Marie, übernehmen gerne die Rollen der Grazien. Sie hätscheln, vergöttern ihn. Der Weltmann, der Hölderlin als einen Domestiken am Rande geradezu übersieht, kann nicht ahnen, dass seine eingebildete Zauberkraft wahr wird, Grenzen schwinden lässt und Hölderlin und Susette endgültig zusammenführt; dass mit seiner poetischen Hilfe Susette sich entschließt, Diotima zu werden.
In seinem Roman „Hölderlin“ (1976) entwirft Peter Härtling ein tiefgreifendes, psychologisch nuanciertes Porträt des Dichters Friedrich Hölderlin. Härtling bricht dabei mit der klassischen, heroisierenden Dichterbiografie und wählt stattdessen eine collagenartige Erzählweise.
Hier ist eine Analyse, wie Härtling den Dichter und sein Umfeld darstellt:
1. Die Darstellung Hölderlins: Fragmentierung und Subjektivität
Härtling zeigt Hölderlin nicht als statische Figur, sondern als einen Suchenden, der an der Realität zerbricht.
Der verletzliche Mensch: Im Vordergrund steht nicht das „Genie“, sondern die physische und psychische Gebrechlichkeit. Härtling thematisiert die Zerrissenheit zwischen bürgerlicher Existenz (als Hofmeister) und dem absoluten Anspruch seiner Dichtung.
Die „Umnachtung“: Der Roman widmet dem späten Hölderlin im Tübinger Turm viel Raum. Härtling stellt den Wahnsinn nicht als bloßen Krankheitszustand dar, sondern als eine Form des Rückzugs vor einer Welt, die Hölderlin nicht verstehen konnte oder wollte.
Identitätsverlust: Durch den Wechsel der Erzählperspektiven (Briefe, Dokumente, fiktive Berichte) erscheint Hölderlin oft wie eine Leerstelle – eine Figur, die durch die Augen anderer definiert wird, während er sich selbst zunehmend entgleitet.
2. Die Umgebung: Eine Welt im Umbruch
Die Umgebung wird bei Härtling oft als beengend, fordernd oder gar feindselig gezeichnet.
Das gesellschaftliche Umfeld
Die Enge Württembergs: Härtling kontrastiert Hölderlins weite Visionen (Griechenland-Enthusiasmus) mit der provinziellen, pietistischen Enge seiner Heimat. Die Erwartungen seiner Mutter, er solle Pfarrer werden, lasten wie ein bleierner Druck auf ihm.
Das Scheitern der Revolution: Die politischen Hoffnungen der Zeit (Französische Revolution) und das spätere Scheitern dieser Ideale spiegeln sich in Hölderlins innerer Isolation wider. Die Umwelt wird als politisch erstarrt dargestellt.
Die Weggefährten und Gegenspieler
Härtling nutzt die Nebenfiguren, um Hölderlins Fremdheit zu betonen:
Susette Gontard (Diotima): Sie ist der Lichtblick, aber auch das Symbol für die Unmöglichkeit einer erfüllten bürgerlichen Liebe. Ihre Umgebung (das Frankfurter Bankiershaus) steht für die materielle Welt, in der für Hölderlins Geist kein Platz ist.
Schiller und Goethe: Härtling stellt das Verhältnis zu den „Großen“ der Weimarer Klassik oft als schmerzhaft dar. Hölderlin fühlt sich von ihnen herablassend behandelt oder missverstanden; er bleibt der ewige Außenseiter im Schatten ihrer Autorität.
Sinclair: Sein treuer Freund Isaac von Sinclair wird als verzweifelter Unterstützer gezeichnet, der jedoch Hölderlins Absturz in den Wahnsinn letztlich nicht verhindern kann.
3. Erzähltechnik als Spiegel der Umgebung
Die Form des Romans ist entscheidend für das Verständnis der Umgebung: Härtling arbeitet mit Montagen. Er mischt historische Fakten mit Fiktion. Dadurch wird deutlich, dass die „Umgebung“ eines Menschen niemals objektiv fassbar ist. Die Welt um Hölderlin herum wird durch Akten, Briefe und Zeugnisse rekonstruiert, was die Distanz zwischen dem Individuum und der Gesellschaft unterstreicht.
Fazit: Härtlings Hölderlin ist ein Porträt der Entfremdung. Die Umgebung wird als eine Kraft dargestellt, die den Dichter in die Enge treibt, bis ihm nur noch der Rückzug in die Stille und den Turm bleibt.
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