07 Juli 2025

Aischylos: Agamemnon (Orestie)

 Orestie

Scene. Königlicher Palast in Árgos. Flügelgebäude zu beiden Seiten, rechts die Wohnung für das Gesinde, links die Gastwohnungen. Vor dem Palaste stehen Bildsäulen und Altäre des Zeus, des Apóllon, des Hérmes. Auf dem flachen Dache der Gesindewohnung, das die Aussicht auf Gebirge, Meer und Land bietet und das als Warte dient, sieht man den Wächter sich von seinem Lager aufrichten.

Der Wächter.

O schafft Erlösung, Götter, mir von diesen Müh'n,
Der jahrelangen Wache, da gelagert ich
Hoch auf der Átreussöhne Dach, dem Hunde gleich,
Wahrnahm der Nachtgestirne ringsversammelt Heer
[Vers 5] Und, die den Frost uns bringen und des Sommers Glut,
Die lichten Herrscher, deren Glanz am Himmel flammt,
Der Sterne Niedersinken und ihr Aufersteh'n!
Auch heute späh' ich nach des Flammenzeichens Schein,
Dem Feuerstrahle, der Bericht aus Trója bringt,
[Vers 10] Die Kunde seines Falles: so gebot es mir
Der Herrin mannhaftkühnes, hoffnungsvolles Herz.
Und wenn ich, unstät ruhelos, von Tau durchnäßt,
Mein nächtlich Lager hüte, das kein Traum besucht, –
Denn Furcht, anstatt des Schlummers, wohnt zur Seite mir,
[Vers 15] Daß nie zu festem Schlafe sich mein Auge schließt, –
Und wenn ich dann wohl singen oder pfeifen will,
Das Zaubermittel, das des Schlafes Geister bannt:
Da wein' ich seufzend über dieses Hauses Los,
Das nicht wie vormals ohne Fehl verwaltet wird.
[Vers 20] O nahte heut der Mühen heit'res Ziel heran,
Und tauchte heilverkündend auf der Strahl der Nacht!

(Pause. Am fernen Himmel leuchtet eine Flamme auf.)

Willkommen, Leuchte düst'rer Nacht, die hellen Tags
Lichtglanz verkündigt und in Argos weit umher
Festreigen aufweckt, diesem Glück zu frohem Dank!
Triumph! Triumph!

Mit diesem Rufe verläßt er die Warte und eilt in die Bühne hinab.)

[Vers 25] Agamémnons Gattin eil' ich laut es kundzuthun:
Vom Lager flugs sich hebend, soll im Hause sie
Des Dankes hellsten Jubellaut der Leuchte dort
Entgegenjauchzen, da die Tróerburg in Staub
Gesunken, wie's der Flammenbote strahlend ruft!
[Vers 30] Und ich Entzückter tanze selbst die Reigen vor.
Denn meiner Herrschaft bring' ich jetzt ein glücklich Los.
Ein Dreimalsechs, das meine Spähe mir gewann.
O möcht' ich denn des Heimgekehrten liebe Hand,
Des Hausgebieters, fassen hier mit dieser Hand!
[Vers 35] Vom andern schweig' ich; mir verschließt ein gold'nes Band
Den Mund. Das Haus hier spräche selbst am lautesten,
Wär' ihm ein Laut verliehen. Gerne red' ich wohl
Mit Kundigen; vor Unkundigen bin ich lieber stumm.
Geht ab.)

Aus der Stadt kommt der Chor der Greise in die Orchéstra hereingezogen und umwandelt die Thýmele.)

Der Chorführer.

Zehn Sommer entfloh'n, seit Príamos' Feind,
[Vers 40] Recht fordernd mit Macht,
Meneláos der Fürst, Agamemnon mit ihm,
Das gewaltige Paar der Atríden, von Zeus
Durch Scepter und Thron zwiefältig geehrt,
Mit den tausend Masten Achäa's Heer,
[Vers 45] Die Genossen des Kampfs,
Von den heimischen Fluren entführten.
Laut schnoben sie Mord aus zorniger Brust,
Wie der Weihen Geschlecht,
Die, der Jungen beraubt, in unendlichem Schmerz
[Vers 50] Hoch über dem Horst hin kreisend und her,
Mit der Fittiche Schlag durchrudern die Luft,
Die verlorenen Müh'n
Um der Kindlein Pflege betrauernd.
Doch ein Gott in den Höh'n, ob Apollon, ob Pan,
[Vers 55] Ob Zeus, er vernimmt der Beraubten Geschrei,
Das mit klagendem Ruf die Gebirge durchhallt,
Und die Frevler ereilt
Der vergeltende Fluch der Erínnys.
So sandte des Atreus Söhne der Gott,
[Vers 60] Der des Gastrechts wahrt, der gewaltige Zeus,
Auf Páris heran für der Buhlerin Raub,
Vielfältige Müh'n, abmattenden Kampf,
Da gestemmt in den Staub arbeitet das Knie,
Da die Lanze zerschellt in den vordersten Reih'n,
[Vers 65] Dem achäischen Volke zu wecken
Und den Troern zugleich. Nun geht es einmal,
Wie's geht; es erfüllt sich der Spruch des Geschicks;
Nicht Weinen und nicht Trankspende versöhnt,
Kein Jammern den unauslöschbaren Groll
[Vers 70] Um die fehlende Flamme des Opfers.
Uns Greisen indes, die das Alter gebeugt,
Uns ward kein Teil an der Ehre des Zugs;
Wir blieben zurück,
Gleich Kindern am Stab aufstützend die Kraft.
[Vers 75] Denn das jüngere Mark, das jugendlichstolz
Im Busen sich hebt,
Flieht, schwach wie der Greis, vor dem Kampfe zurück:
Der Gealterte schleicht, wann herbstlich bereits
Sich entlaubte der Stamm, dreifüßig dahin;
[Vers 80] Unmächtig, dem Kind gleich, wankt er einher,
Ein Traumbild, irrend am Tage.

(Während dieser Worte ist aus den Pforten des königlichen Palastes ein Zug von Dienerinnen mit Schalen und Krügen um die Altäre getreten, um zu opfern; zu gleicher Zeit erscheint Klytämnestra mit Gefolge und läßt das Opfer beginnen.)

Der Chorführer.

Auf, Týndaros' Kind,
O Königin, sprich, Klytämnéstra: was ist's,
Was Neues geschah? Was vernahm dein Ohr?
[Vers 85] Auf welches Gerücht
Dich stützend, erregst du die Opfer umher?
Denn den Göttern gesamt, den Behütern der Stadt
Und der Tiefen und Höh'n
Und des Markts und Olýmps, flammt jeder Altar
[Vers 90] Von duftenden Opfergeschenken.
Und von hier und von dort zu dem Himmel empor
Wallt leuchtende Glut,
Balsamisch getränkt mit des heiligen Öls
Süßatmendem, lauterem, labendem Born,
[Vers 95] Mit der Spende vom Königeshause.
So sage mir denn, was du kundthun darfst
Und zu melden vermagst,
Und wehre der Angst und banne die Qual,
Die jetzt das Gemüt uns feindlich befällt!
[Vers 100] Doch strahlt auch ein freudiges Hoffen mir auf
Von den Opfern und stillt das unendliche Leid,
Die verzehrende Trauer im Busen.

Gesang des Chores

Strophe.

Singend verherrlichen darf ich der Könige Fahrt mit der Zeichen
Glücklichem Stern, noch haucht ja Vertrau'n von den Göttern
[Vers 105] Mir den Gesang ein,
Kraft noch gönnt mir das Alter,
Wie Héllas' stolzthronendes Paar, der achäischen Jugend
Fürsten in Eintracht,
Sandten die stürmischen Adler mit rächenden
[Vers 110] Armen und Lanzen ins Troergefilde,
Da die Beherrscher der Luft den Beherrschern des Meers,
Der eine mit schwarzem Gefieder,
Der andre weiß, nah' dem Palaste, zur Rechten erschienen,
Auf weitglänzendem Horste
[Vers 115] Saßen sie, gierig verschlingend das Fleisch der befruchteten Häsin,
Die matt im letzten Laufe sank.
Hebe den klagenden Ruf! Doch siegreich walte das Gute!

Gegenstrophe.

Aber der Seher des Heer's, der erfahrene, sah der Atriden
Zwiefachen Sinn und erkennt in den Mördern des Hasen
[Vers 120] Argos' Feldherrn;
Und so deutend begann er:
»Wohl bricht dereinst stürmend in Príamos' Feste der Zug hier;
Alle die reichen
Schätze der Burg, die das Volk ihr steuerte,
[Vers 125] Wird mit Gewalt einst rauben das Schicksal.
Daß nur göttlicher Neid nicht breche die Kraft
Dem gewaltigen Zaume des Heeres,
Das Troja stürzt! Ártemis grollt ja dem Hause des Atreus,
Weil Zeus' fliegende Diener
[Vers 130] Vor der Geburt mit der Frucht die geängstigte Mutter geopfert:
Sie haßt der Adler grauses Mahl.«
Hebe den klagenden Ruf! Doch siegreich walte das Gute!

Schlußgesang.

»Die Holde, die so liebevoll
Dem grimmen Leu'n hütet die zarten Sprossen,
[Vers 135] Die sich der milchverlangenden Jungen
Freut der schweifenden Tiere des Waldes,
Wünscht doch, daß sich das Zeichen erfülle,
Das Heilvolles verhieß und zugleich uns schreckte mit Unheil.
Zu Phöbos ruf' ich, dem Gott des Heiles,
[Vers 140] Daß sie dem Dánaervolk durch Hemmungen feindlicher Winde
Nicht aufhalte die Fahrt,
Heischend ein anderes Mahl, ein verrucht unseliges Opfer,
Welches gebäre den Streit, scheulos zu vertilgen den Gatten.
Fürchterlich harrt ja des einst heimkehrenden,
[Vers 145] Tückisch im Haus insgeheim um das Kind fortglühend, die Rachsucht.«
Solches verkündete Kálchas zugleich mit unendlichem Glücke,
Was von den Vögeln des Weges dem Königeshause verhängt ward.
Diesem entsprechend
Hebe den klagenden Ruf! Doch siegreich walte das Gute!

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

[Vers 150] Zeus, wer Zeus auch immer sei, mit dem
Namen ruf' ich jetzt ihn an,
Hört er so sich gern genannt.
Wäg' ich alles sinnend ab,
Keinen weiß ich auszuspäh'n,
[Vers 155] Keinen, als Zeus, auf den ich die nichtige Bürde der Sorge
Werfen mag mit Zuversicht.

Erste Gegenstrophe.

Denn der ehedem gewaltig war,
Alles stürmte trotzigfrech,
Seiner wird nicht mehr gedacht.
[Vers 160] Der nach ihm erstand, auch er
Fand den Sieger und erlag.
Doch wer fromm im Gesange des Siegs den Kroníden verherrlicht,
Pflückt des Geistes schönsten Kranz.

Zweite Strophe.

Denn zur Weisheit leitet uns
[Vers 165] Zeus und heiligt als Gesetz,
Daß in Leiden Lehre wohnt.
Auch in Träumen wallt ja vor das Herz
Schuldbewußt Seelenangst, und es keimt
Wider Willen weiser Sinn.
[Vers 170] Huld der Gottheit ist es, die gewaltig
Hoch am Weltenruder thront.

Zweite Gegenstrophe.

Das erwog der ält're Fürst,
Der Achäa's Heereszug
Führte, schalt den Seher nicht,
[Vers 175] Nein, trug still die ringsentbrannte Not,
Als in thatloser Rast Hungerqual
Schwer bedrängt' Achäa's Volk,
Das in Áulis' wildumwogtem Porte
Chálkis gegenüber lag.

Dritte Strophe.

[Vers 180] Vom Strýmon her wehend, tobt der Sturmwind,
Bringt Zögern, bringt Hunger, wehrt die Landung
Und führt die Menschen irre,
Schont Kiele nicht noch Taue
Und dehnt endlos die lange Säumnis,
[Vers 185] Daß Argos' Volksblüte matt dahinwelkt.
Und als den Fürsten nun
Kalchas ein anderes Mittel,
Schmerzlicher, als des bittern
Sturmes Verzug, Artemis' Zorn meldend, enthüllt, daß sie den Stab
[Vers 190] Wild in den Grund stießen und laut weinten, die Söhne des Atreus:

Dritte Gegenstrophe.

Da sprach er also, der ält're Heerfürst:
»Ein hartes Los ist es, nicht zu folgen,
Ein hartes, soll ich schlachten
Mein Kind, des Hauses Kleinod,
[Vers 195] Und beim Áltar die Vaterhand hier
Ruchlos ins Herzblut der Tochter tauchen!
Was bleibt da frei von Leid?
Üb' ich Verrat am Heere?
Täusch' ich die Kampfgenossen?
[Vers 200] Daß sie das windstillende Sühnopfer, das jungfräuliche Blut,
Fordern in zornglühender Gier, recht ist's: führ' es zum Heile!«

Vierte Strophe.

Jetzt, als er aufnahm das Joch des Zwanges
Und Sinneswandlung im Busen hauchte,
Gottlose, schnöd unheilige,
[Vers 205] Ergriff er tollkühn das kecke Wagnis.
Denn dreist in Unthat verlockt die Menschen
Unsel'ger Wahnsinn, des Fluches Quelle,
So trug er's denn, sein Kind schlachten zu seh'n,
Dem frauenraubrächenden Krieg zum Schutze,
[Vers 210] Als Voropfer des Seezugs:

Vierte Gegenstrophe.

Ihr Fleh'n, ihr Angstruf zum Vater rührt nicht,
Nicht ihre jungfräulich holde Blüte,
Der Richter kampfentbrannten Mut.
Er hieß den Priestern, als ihr Gebet schwieg,
[Vers 215] Sie, gleich der Ziege, hoch überm Altar
Vorwärts gebeugt, tiefverhüllt in Schleier,
Mit Armeskraft emporheben, gebot
Der Tochter schönrosigen Mund zu fesseln,
Daß sie dem Haus nicht fluche,

Fünfte Strophe.

[Vers 220] Mit Zwang und lautlosen Zaums starrer Macht.
Ihr Safrankleid floß zur Erde nieder.
Des Auges Blick traf mit Mitleids
Geschossen ihrer Opf'rer jeden.
Und reizend schön, einem Bild gleich, wollte sie
[Vers 225] Wie sonst ihn anreden, da
Ihr Lied im mahlreichen Vätersaale
Erklungen. Oft sang sie da liebevoll, kindlichfromm,
Die Heldenjungfrau, das heit're Glück,
Das selige Los des Vaters.

Fünfte Gegenstrophe.

[Vers 230] Was dann geschah, sah ich nicht, sag' ich nicht:
Doch Kalchas' Wort bleibt nicht unvollendet.
Denn Díke wägt allem Leide
Belehrung zu für späte Zukunft.
Vorauszuschau'n, was die Zeit bringt, wünsch' ich nicht:
[Vers 235] Voraus trauern wäre das.
Denn klar enthüllt's einst der Sonne Frühstrahl.
So möge Heil uns hinfort blühen, wie sie es wünscht,
Die dort heranwandelt und allein
Des ápischen Landes Hort ist.

(Klytämnestra verläßt die Altäre und kommt näher.)

Der Chorführer.

[Vers 240] Wir nah'n in Ehrfurcht deiner Macht, Gebieterin.
Denn billig zollt man Ehre wohl des Königes
Gemahlin, wenn verlassen steht des Mannes Thron.
Ob gute Botschaft oder nicht an dich gelangt,
Daß, froher Hoffnung lebend, du dein Opfer bringst,
[Vers 245] Vernähm' ich gerne; schweigst du, zürn' ich nicht darum.

Klytämnestra.

Zu froher Botschaft steige, nach dem alten Spruch,
Der helle Morgen aus dem Mutterschoß der Nacht!
Du sollst ein Glück erfahren, über Hoffen groß:
Erstürmt von Argos' Volke, sank die Troerburg.

Der Chorführer.

[Vers 250] Was ist's? Das Wort entging mir, weil's unglaublich ist.

Klytämnestra.

In Argos' Hand ist Troja: red' ich also klar?

Der Chorführer.

Die Wonne faßt mich und entlockt die Thräne mir.

Klytämnestra.

Dein Auge, Greis, bezeugt mir, daß du's redlich meinst.

Der Chorführer.

Wie? Bürgen sich're Zeichen dir gewiß dafür?

Klytämnestra.

[Vers 255] Gewiß – warum nicht? – wenn ein Gott mich nicht betrog.

Der Chorführer.

Vertraust du nicht leichtgläubig einem Traumgesicht?

Klytämnestra.

Ich achte nicht auf schlafgebund'nen Sinnes Wahn.

Der Chorführer.

So regte wohl ein flatternd Volksgerücht dich auf?

Klytämnestra.

Als hätt' ich junger Mädchen Sinn, so schiltst du mich.

Der Chorführer.

[Vers 260] In welcher Zeit denn wurde Troja's Burg erstürmt?

Klytämnestra.

In jüngster Nacht, die dieses Morgens Licht gebar.

Der Chorführer.

Doch welcher Bote mochte wohl so schnell sich nah'n?

Klytämnestra.

Hephästos, der vom Ída hellen Glanz gesandt.
Brand flog auf Brand, in stetem Flammenlaufe sich
[Vers 265] Fortwindend, hierher. Ida strahlt' auf Hérmes' Fels
In Lémnos' Eiland, und von hier den großen Strahl
Empfingen drittens Áthos' Höh'n, dem Zeus geweiht.
Hochhin des Meeres Rücken überleuchtete
Des Wanderlichtes mächtige Glut; froh loderte
[Vers 270] Die Fackel, die goldstrahlend, einer Sonne gleich,
Makístos' Hüter ihren Glanz verkündigte.
Und dieser, nimmer säumig, noch achtlosen Sinns
Vom Schlaf bewältigt, wahrte treu sein Botenamt.
Fern eilt die Flammenleuchte nach Eurípos' Flut,
[Vers 275] Den Wächtern Kunde bringend auf Messápios.
Den Glanz erwidernd sandten sie die Kunde fort
Und brannten dürres Heidekraut in Haufen an.
Die Leuchte, rüstig, ungeschwächt im vollsten Glanz,
Hinüberzuckend durch Asópos' Ebene,
[Vers 280] Wie helles Mondlicht, traf Kithärons hohen Fels
Und rief in andrer Folge wach die Feuerpost.
Der Wächter dort entflammte fernhinströmenden
Lichtglanz, der heller leuchtet als die früheren.
Gorgópis' See hinüber schlug der Flamme Licht;
[Vers 285] Und als ihr Strahl auf Ägiplánktos' Höhen traf,
Trieb's, nicht zu fehlen ihrer Pflicht, die Wache dort.
Die Lohe schürend, sandten sie die mächtige
Glutsäule prasselnd weiter, daß sarónischen
Meerbusens weitsichtbaren Strand ihr Glanz sogar
[Vers 290] Fern überstrahlte; leuchtend schoß sie fort und kam
Zur Arachnäoswarte nächst an dieser Stadt.
Und dann zum Königshause hier gelangt der Strahl,
Des Idafeuers letzter echtgeborner Sohn.
So war der Fackelboten Dienst von uns bestellt,
[Vers 295] Der rasch in steter Folge sich vollendete.
Doch siegt der letzte Läufer wie der erste hier.
Und solche Zeichen nenn' ich euch und Zeugnisse,
Die fern von Troja mein Gemahl mir zugesandt.

Der Chorführer.

Den Göttern zoll' ich meinen Dank hernach, o Frau;
[Vers 300] Doch solches Wort anhören voll Bewunderung,
Das möcht' ich unablässig. Sag's noch einmal denn!

Klytämnestra.

In Argos' Hand ist Ílion an diesem Tag.
Mir dünkt, Geschrei zwieträchtig hallt die Stadt hindurch.
Wer Öl und Essig mischend gießt in ein Gefäß,
[Vers 305] Wird stets gesondert beide, nie vereinigt seh'n,
Wie nun von Unterjochten und von Siegern dort
Zwiefacher Ruf, zwiefachen Loses Zeuge, schallt.
Die Troer, hingesunken über Leichnamen
Erschlag'ner Gatten, Brüder, – zarte Kinder hier
[Vers 310] Bei Leichen grauer Väter, – sie bejammern nicht
Aus freier Brust mehr dieses Los der Teuersten.
Die andern treibt des Kampfes nachtumschauertes
Gewühl zum Morgenmahle, wie's die Stadt gewährt,
Zerstreut in regellosem Schwarm, die Hungernden.
[Vers 315] Und sowie blindlings jeder zog des Glückes Los,
So sind sie jetzt in speererstürmten Wohnungen
Troja's gelagert, unter Daches Hut geschirmt
Vor Frost und Himmelstaue; fortan schlummern sie
Die ganze Nacht durch unbewacht, den Göttern gleich
[Vers 320] Und wenn sie fromm im eingenomm'nen Lande nun
Der Städte Götter ehren und der Götter Sitz,
So wird den Siegern nimmerdar der Sieg geraubt.
Daß nur nach Unerlaubtem allzufrühe nicht
Das Heer gelüste, durch Gewinnes Reiz bethört!
[Vers 325] Denn wenn der Heimkehr süßes Glück ihm lächeln soll,
Muß erst der Rennbahn zweiter Lauf vollendet sein.
Doch wenn vor Göttern schuldbewußt heimzieht das Heer,
So mag der Abgeschied'nen Blut zur Rache wohl
Erwachen, wenn auch neues Leid sich nicht erhebt.
[Vers 330] Von mir, von einem Weibe, habt ihr das gehört.
Das Gute siege, zweifellos für jeden Blick!
Vor vielem Glücke wünsch' ich mir nur den Genuß.

Der Chorführer.

Mit Männerweisheit sprichst du wohlgesinnt, o Frau.
Ich rüste mich, dankvoll die Götter anzufleh'n,
[Vers 335] Nachdem ich sich're Kunden hier von dir vernahm.
Denn Lohn mit hoher Ehre ward der Mühen Preis.

(Klytämnestra geht ab.)

Allherrschender Zeus und o freundliche Nacht,
Du Spenderin herrlichen Glanzes,
Die Príamos' Burg ihr schlingendes Garn
[Vers 340] Umwarf, daß niemand, ob er ein Greis,
Ob Jüngling er war, dem gewaltigen Netz
Sich der Knechtschaft entwand
Und dem alles bezwingenden Unheil!
Drum ehren wir dich, o gastlicher Zeus,
[Vers 345] Der solches gethan und auf Páris vorlängst
Mit dem Bogen gezielt, daß weder zu früh
Noch über den Raum der Gestirne hinaus
Fruchtlos das Geschoß ihm entschwirrte.

Der Chor.

Erste Strophe.

Wie Zeus traf, wissen sie zu sagen:
[Vers 350] Klar liegt's enthüllt vor aller Augen.
Wie er's beschloß, vollführt er's. Einer sprach wohl:
»Der Götter Stolz achtet's nicht, wenn ein Mensch
Das Heil'ge frech niedertritt!«
Er sprach ein unfrommes Wort.
[Vers 355] Der Ahnherrn Enkel sah's.
Die wild tollkühnen Kampf
Geschnaubt, stolz aller Zügel spottend,
Da voll anschwoll das Haus im Unmaß
Hoffärt'gen Glücks. Frei von Harm lob' ich mir
[Vers 360] Mein Geschick, so daß es still
G'nüge dem weisen Sinne.
Denn nie bietet der Reichtum
Schutz vor Tod und Vernichtung
Ihm, der frevelnden Fußes nach
[Vers 365] Díke's hohem Altar stieß.

Erste Gegenstrophe.

Gewaltsam treibt zu grauser Unthat
Der Áte Kind, die schnöde Peítho.
Vergeblich alle Hilfe! Nicht verhüllt bleibt,
Ein helles Licht, grausenvoll, strahlt die Schuld.
[Vers 370] Wie falsches Erz, durch Gebrauch
In langer Zeit abgenützt,
Sich schwärzt, so steht er da,
Entlarvt: denn kindisch folgt
Der Thor blindlings dem raschen Vogel
[Vers 375] Und türmt endloses Leid der Stadt auf.
Auf seines Fleh'ns Jammerruf hört kein Gott:
Der das Weh verschuldet, ihn
Stürzt er in Staub, den Frevler.
So vermaß sich auch Paris,
[Vers 380] Der im Hause des Atreus
Frech den gastlichen Tisch entweiht,
Schnöd' entführt die Gemahlin.

Zweite Strophe.

Sie ließ Mykéns Volke kampfrüstiges
Gewühl, Schildesklang, Speergeklirr, Schiffervolk in Rüstung,
[Vers 385] Bringt statt der Mitgift Ilion den Untergang;
So schritt sie flugs die Pforten durch,
Verwegnes wagend. Und es klagten laut
Des Hauses Wahrsager, also rufend:
O Haus, o Haus, wehe dir, weh', Fürsten, euch!
[Vers 390] O bräutlich Bett! Spuren alter Liebe, weh'!
Da steht er stumm, der entehrte, doch er schmäht sie nicht,
Und trauert, daß die Falsche floh.
Wohl scheint's, ersehnt, herrscht als Geist
Noch im Haus, die das Meer entführte.
[Vers 395] Denn liebreizender Bilder
Anmut ist ihm zuwider:
Nun ihr Blick ihm entschwunden, floh
Alle Lust Aphrodíte's.

Zweite Gegenstrophe.

In Traumgestalt schmeicheln Wahnbilder ihm,
[Vers 400] Sein sehnsüchtig Leid weckend, voll nichtig süßen Truges.
Denn wenn du schlummernd Holdes wähnst zu schau'n, entschlüpft
Das eitle Traumgesicht und schwingt
Sich flüchtig unter deiner Hand hinweg
Auf Flügeln, die des Schlafes Bahnen folgen.
[Vers 405] So lagert sich rings um Haus und Herd das Leid,
Und andres droht, bittrer, ungeheurer noch.
Wo Männer aus Achäa mit hinaus geschifft,
Da tönt in jedes Hause,
herzzerschneidend, endloses Leid.
[Vers 410] Vieles rührt bang ans tiefste Leben:
Denn wen einer gesendet,
Weiß er; doch an des Mannes
Statt kehrt heim in jegliches Haus
Nur die Wehr mit der Asche.

Dritte Strophe.

[Vers 415] Der Schlachtengott, der um Gold Leichen tauscht,
Der des Siegs Wage trägt im Lanzenkampf,
Er sendet aus Ilion
Den thränenreich bittern Rest
Heißen Staubs an Mannes Statt
[Vers 420] Heim den Freunden, füllt mit ihm
Schöngeschmückter Urnen Schoß,
Und jammernd rühmt das Volk die Toten,
Den als kampferfahrenen,
Den, daß er ruhmvoll auf der Wahlstatt
[Vers 425] Für des andern Weib gefallen.
Dies erweckt ein leises Murren,
Und im Finstern schleicht der Schmerz,
Grollt den Atridenfürsten.
Aber dort um die Mauern
[Vers 430] Ruh'n in troischen Gräbern
Andre jugendlichschön, und fern
Deckt sie feindliche Erde.

Dritte Gegenstrophe.

Der Bürger zornatmend Wort lastet schwer,
Zahlt die Schuld alten Völkerfluchs zurück.
[Vers 435] In banger Angst harr' ich stets,
Zu hören, was Nacht verhüllt.
Denn der Götter Aug' entflieht
Nimmerdar, wer Blut vergoß.
Wer durch Frevel glücklich ward,
[Vers 440] Den stürzt zuletzt der Eumeníden
Schwarze Schar in Nacht hinab,
Sein Glück zertrümmernd; ohne Macht
Wohnt er im Dunkel – bei den Toten.
In des Ruhmes Übermaß droht
[Vers 445] Die Gefahr: das Auge trifft,
Schmetternd von Zeus, der Blitzstrahl.
Neidlos lob' ich das Glück mir.
Weder Städte zertrümmern
Möcht' ich, noch gefangen mich selbst
[Vers 450] Schau'n im Joche der Knechtschaft.

Schlußgesang.

Des lichten Strahls froher Ruf
Durcheilt die Stadt raschen Laufs:
Ob er Wahrheit meldet auch,
Wer weiß es? Ob's nicht etwa Trug von Göttern ist?
[Vers 455] Wer ist so kindisch oder wahnbethörten Sinns,
Daß durch des Strahls neue Kunde sich sein Herz
Flammend hebt und wechselnd dann
Andre Kund' es niederbeugt?
Wo Frauenmacht waltet, muß man Glückes Gunst
[Vers 460] Preisen, eh' das Glück erscheint.
Gar leicht beschwatzend breitet sich der Frauen Wort
In raschem Flug aus; doch in raschem Tod
Stirbt auch die Sag', ausposaunt von Frauenmund.

Der Chorführer.

Bald wird sich's kundthun, ob die nachtdurchstrahlenden
[Vers 465] Leuchtwarten, ob der Flammensäule wechselnd Licht
Wahrheit verkündet, oder ob der frohe Strahl,
Nach Traumesart erscheinend, uns den Sinn berückt.
Schon naht ein Herold vom Gestade dort heran,
Ölzweig' um Stirn und Schläfe; wirbelnd auch bezeugt
[Vers 470] Des Kotes Zwillingsbruder mir, der durst'ge Staub,
Nicht als ein stummer Bote, nicht auf Bergen Glut
Entflammend bring' er Kunde nur durch Feuerrauch.
Nein, mehr enthüllend, mehrt er uns die Freude noch – –
Das Gegenteil zu sagen, bebt mein Mund zurück.
[Vers 475] Zum Heile, das erschienen, komme neues Heil!
Wer and're Lose dieser Stadt zu wünschen wagt,
Der ernte selbst die Früchte seines Frevelsinns!

(Ein Herold eilt herbei.)

Der Herold.

O trauter Heimat Boden im Argéierland!
In dieses zehnten Jahres Licht begrüß' ich dich,
[Vers 480] An mancher Hoffnung ärmer, nur der einen froh!
Denn nimmer glaubt' ich, daß in Árgos' Lande mir
Dereinst des liebsten Grabes Teil beschieden sei.
Nun sei gegrüßt, Land, sei gegrüßt, o Sonnenlicht.
Und du, des Landes Höchster, Zeus, du, Pýtho's Fürst,
[Vers 485] Der seine Pfeile fürder nicht abschnellt auf uns!
Genug erschienst du feindlich am Skamándros einst.
Nun sei der Retter wieder, sei der Kampfeshort,
O Fürst Apollon! Alle Kampfgottheiten auch
Und Hérmes ruf' ich, meinen Ehrenspender, dich,
[Vers 490] Den teuren Herold, aller Herold' höchsten Preis,
Und euch, Heróen, die das Heer geleiteten,
Empfangt es huldreich wieder, das dem Speer entrann!
Heil euch, o Königshallen, vielgeliebte Burg,
Ihr hehren Throne, Götter ihr am Sonnenstrahl,
[Vers 495] Empfangt mit heit'rem Auge, wenn jemals zuvor,
Auch nun den Herrscher, wie's geziemt, nach langer Frist;
Denn euch und diesen allen Licht in düst'rer Nacht
Zu bringen, kehrt Agamémnon, unser König, heim.
Wohlan begrüßt ihn freundlich; also ziemt es ihm,
[Vers 500] Der Trója's Feste mit Kroníons rächendem
Grabscheit zerstörte, das zermalmend zwang die Flur.
Altäre, Göttersitze sind in Staub gestürzt,
Und alles Landes Same ward hinweggetilgt.
Und nun um Troja's Nacken er ein solches Joch
[Vers 505] Geworfen, Átreus' ält'rer Sohn, nun kehrt er heim
Beglückt, der höchsten Ehre wert vor allen, die
Jetzt leben. Weder Páris ja noch seine Stadt
Mag rühmen, daß die Buße nicht gleichkam der Schuld,
Denn er, des Raubes schuldig und zugleich des Trugs,
[Vers 510] Verfehlte seiner Beute Preis und schmetterte
In Staub vernichtend Ahnenhaus und Ahnenland.
So büßte Príams hoher Stamm zwiefach die Schuld.

Der Chorführer.

Herold von Argos' Heere, Heil und Freude dir!

Der Herold.

Ja, Freude! Will's der Himmel, sterb' ich gerne nun.

Der Chorführer.

[Vers 515] Sehnsucht nach deinem Vaterland wohl quälte dich?

Der Herold.

So daß vor Freude dieses Aug' in Thränen schwimmt.

Der Chorführer.

So süßen Wehes Schauer denn ergriff auch euch?

Der Herold.

Wie so? Belehrt erst, fass' ich deiner Rede Sinn.

Der Chorführer.

Nach uns, die hier euch liebten, zog ein Sehnen euch?

Der Herold.

[Vers 520] Zum Heer, das heimverlangte, wohl verlangte dich's?

Der Chorführer.

Aus düst'rer Herzenstiefe seufzt' ich oft empor.

Der Herold.

Woher umwölkte deinen Geist der finst're Gram?

Der Chorführer.

Längst war das Schweigen alles Harms Heilmittel mir.

Der Herold.

Bangt' euch vor Fremden, weil der Herrscher ferne war?

Der Chorführer.

[Vers 525] Daß uns wie dir nun Sterben hohe Wonne scheint.

Der Herold.

Ja, schön vollbracht ist alles! Zwar in langer Zeit
Mag einer manches nennen, was ihm wohlgefiel,
Und manches, was ihn kränkte. Wen, als Götter nur,
Umlacht ein klarer Himmel all sein Lebenlang?
[Vers 530] Denn zählt' ich unsre Mühen auf in offner See,
Die selt'ne Landung und die Rast auf harter Streu, –
Wo ging ein Tag uns ohne Leid und Seufzen hin?
Was uns zu Land heimsuchte, war noch gräßlicher.
Denn uns're Zelte lagen dicht am Feindeswall.
[Vers 535] Hochher vom Himmel und vom Wiesengrund empor
Durchnäßte Tau uns, der in uns're Kleider sich
Verderbend einsog, unser Haar verwilderte.
Wer dann vom Winter spräche, wie des Ída Schnee
Ihn sandte, jenem starren, vögelmordenden,
[Vers 540] Von Sommersgluten, wann die wellenlose See
Auf stillem Mittagslager hingesunken schlief – –
Wozu die Klage hier? Vorüber schwand die Not,
Vorüber schwand sie denen, die gefallen sind,
Daß ihrer fortan keiner wünscht die Wiederkehr.
[Vers 545] Wozu die Toten zählen, – ich, der Lebende,
Was soll ich jammern um des Mißgeschickes Groll?
Nein, Fahrewohl sei jedem bösen Tag gesagt!
Uns, die von Argos' Heere nachgeblieben sind,
Blüht der Gewinn doch, welchem nicht gleichwiegt das Leid
[Vers 550] Wir, heimgeflogen über Land und Meeresflut,
Wir dürfen laut uns rühmen vor der Sonne Licht:
»Die Troerburg hat endlich Argos' Volk erstürmt,
Und seines Héllas Göttern hier den Siegesraub
In ihren Tempeln aufgehängt zum ew'gen Schmuck.«
[Vers 555] Wer solches hörte, fei're laut des Volkes Glück
Und seine Feldherr'n; und gepriesen sei die Huld
Des Zeus, die das vollendet! Alles weißt du jetzt.

06 Juli 2025

Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens

 »Wer da hat, dem wird gegeben«, dieses Wort aus dem Buche der Weisheit darf jeder Schriftsteller getrost in dem Sinne bekräftigen: »Wer viel erzählt hat, dem wird erzählt.« Nichts Irrtümlicheres als die allzu umgängliche Vorstellung, in dem Dichter arbeite ununterbrochen die Phantasie, er erfinde aus einem unerschöpflichen Vorrat pausenlos Begebnisse und Geschichten. In Wahrheit braucht er nur, statt zu erfinden, sich von Gestalten und Geschehnissen finden zu lassen, die ihn, sofern er sich die gesteigerte Fähigkeit des Schauens und Lauschens bewahrt hat, unausgesetzt als ihren Wiedererzähler suchen; wer oftmals Schicksale zu deuten versuchte, dem berichten viele ihr Schicksal.

Auch dieses Begebnis ist mir beinahe zur Gänze in der hier wiedergegebenen Form anvertraut worden und zwar auf völlig unvermutete Art. Das letzte Mal in Wien suchte ich abends, von allerhand Besorgungen abgemüdet, ein vorstädtisches Restaurant auf, von dem ich vermutete, es sei längst aus der Mode geraten und wenig frequentiert. Doch kaum eingetreten, wurde ich meines Irrtums ärgerlich gewahr. Gleich von dem ersten Tisch stand mit allen Zeichen ehrlicher, von mir freilich nicht ebenso stürmisch erwiderter Freude ein Bekannter auf und lud mich ein, bei ihm Platz zu nehmen. Es wäre unwahrhaftig, zu behaupten, daß jener beflissene Herr an sich ein unebener oder unangenehmer Mensch gewesen wäre; er gehörte nur zu jener Sorte zwanghaft geselliger Naturen, die in ebenso emsiger Weise, wie Kinder Briefmarken, Bekanntschaften sammeln und deshalb auf jedes Exemplar ihrer Kollektion in besonderer Weise stolz sind. Für diesen gutmütigen Sonderling – im Nebenberuf ein vielwissender und tüchtiger Archivar – beschränkte sich der ganze Lebenssinn auf die bescheidene Genugtuung, bei jedem Namen, der ab und zu in einer Zeitung zu lesen war, mit eitler Selbstverständlichkeit hinzufügen zu können: »Ein guter Freund von mir« oder »Ach, den habe ich erst gestern getroffen« oder »Mein Freund A hat mir gesagt und mein Freund B hat gemeint«, und so unentwegt das ganze Alphabet entlang. Verläßlich klatschte er bei den Premieren seiner Freunde, telephonierte jede Schauspielerin am nächsten Morgen glückwünschend an, er vergaß keinen Geburtstag, verschwieg unerfreuliche Zeitungsnotizen und schickte einem die lobenden aus herzlicher Anteilnahme zu. Kein unebener Mensch also, weil ehrlich beflissen und schon beglückt, wenn man ihn einmal um eine kleine Gefälligkeit ersuchte oder gar das Raritätenkabinett seiner Bekanntschaften um ein neues Objekt vermehrte. [...]


Wir gingen. Er wandte sich mit einem Mal zu mir zu:

»Glauben Sie mir, ich mache wirklich keine Phrasen, wenn ich sage, daß ich jahrelang unter nichts mehr gelitten habe als unter diesem für meinen Geschmack allzu auffälligen Maria Theresienorden. Das heißt, um ehrlich zu sein – als ich ihn damals im Feld draußen umgehängt kriegte, ging mir's natürlich zunächst durch und durch. Schließlich ist man zum Soldaten auferzogen worden und hat in der Kadettenschule von diesem Orden wie von einer Legende gehört, von diesem einen Orden, der vielleicht nur auf ein Dutzend in jedem Kriege fällt, also tatsächlich so wie ein Stern vom Himmel herunter. Ja, für einen Burschen von achtundzwanzig Jahren bedeutet so etwas schon allerhand. Man steht mit einem Mal vor der ganzen Front, alles staunt auf, wie einem plötzlich etwas an der Brust blitzt wie eine kleine Sonne, und der Kaiser, die unnahbare Majestät, schüttelt einem beglückwünschend die Hand. Aber sehen Sie: diese Auszeichnung hatte doch nur Sinn und Gültigkeit in unserer militärischen Welt, und als der Krieg zu Ende war, schien's mir lächerlich, noch ein ganzes Leben lang als abgestempelter Held herumzugehen, weil man einmal wirklich zwanzig Minuten couragiert gehandelt hat – wahrscheinlich nicht couragierter als zehntausend andere, denen man nur das Glück voraus hatte, bemerkt zu werden, und das vielleicht noch erstaunlichere, lebendig zurückzukommen. Schon nach einem Jahr, wenn überall die Leute hinstarrten auf das kleine Stückchen Metall und den Blick dann ehrfürchtig zu mir heraufklettern ließen, wurde es mir gründlich über, als ambulantes Monument herumzustiefeln, und der Ärger über diese ewige Auffälligkeit war auch einer der entscheidenden Gründe, weshalb ich nach Kriegsende so bald ins Zivil hinübergewechselt habe.«

Er ging etwas heftiger.

»Einer der Gründe, sagte ich, aber der Hauptgrund war ein privater, der Ihnen vielleicht noch verständlicher sein wird. Der Hauptgrund war, daß ich selbst meine Berechtigung und jedenfalls mein Heldentum gründlich anzweifelte; ich wußte doch besser als die fremden Gaffer, daß hinter diesem Orden jemand steckte, der nichts weniger als ein Held und sogar ein entschiedener Nichtheld war – einer von denen, die in den Krieg nur deshalb so wild hineingerannt sind, weil sie sich aus einer verzweifelten Situation retten wollten. Deserteure eher vor der eigenen Verantwortung als Helden ihres Pflichtgefühls. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist – mir wenigstens erscheint das Leben mit Nimbus und Heiligenschein unnatürlich und unerträglich, und ich fühlte mich redlich erleichtert, meine Heldenbiographie nicht mehr auf der Uniform spazierenführen zu müssen. Noch jetzt ärgert's mich, wenn jemand meine alte Glorie ausgräbt, und warum soll ich's Ihnen nicht gestehen, daß ich gestern knapp auf dem Sprung war, an Ihren Tisch hinüberzugehen und den Schwätzer anzufahren, er solle mit jemand anderem protzen als gerade mit mir. Den ganzen Abend hat mich Ihr respektvoller Blick noch gewurmt, und am liebsten hätte ich, um diesen Schwätzer zu dementieren, Sie genötigt, anzuhören, auf welchen krummen Wegen ich eigentlich zu meiner ganzen Heldenhaftigkeit gekommen bin – es war schon eine recht sonderbare Geschichte, und immerhin könnte sie dartun, daß Mut oft nichts anderes ist als eine umgedrehte Schwäche. Übrigens – ich hätte kein Bedenken, sie Ihnen noch jetzt kerzengrad zu erzählen. Was ein Vierteljahrhundert in einem Menschen zurückliegt, geht nicht mehr ihn an, sondern längst einen andern. Hätten Sie Zeit? Und langweilt Sie's nicht?«

Selbstverständlich hatte ich Zeit; wir gingen noch lange auf und nieder in den schon verlassenen Straßen und waren noch in den folgenden Tagen ausgiebig zusammen. In seinem Bericht habe ich nur weniges verändert, vielleicht Ulanen gesagt statt Husaren, die Garnisonen, um sie unkenntlich zu machen, ein wenig auf der Landkarte herumgeschoben und vorsorglich alle richtigen Namen wegschraffiert. Aber nirgends habe ich Wesentliches hinzuerfunden, und nicht ich, sondern der Erzähler beginnt jetzt zu erzählen.

 

»Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.«

Die ganze Sache begann mit einer Ungeschicklichkeit, einer völlig unverschuldeten Tölpelei, einer »gaffe«, wie die Franzosen sagen. Dann kam der Versuch, meine Dummheit wieder einzurenken; aber wenn man allzu hastig ein Rad in einem Uhrwerk reparieren will, verdirbt man meist das ganze Getriebe. Selbst heute, nach Jahren, vermag ich nicht abzugrenzen, wo mein pures Ungeschick endete und meine eigene Schuld begann. Vermutlich werde ich es niemals wissen.

Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt und aktiver Leutnant bei den x...er Ulanen. Daß ich jemals sonderliche Passion oder innere Berufung für den Offiziersstand empfunden hätte, darf ich nicht behaupten. Aber wenn in einer altösterreichischen Beamtenfamilie zwei Mädel und vier immer hungrige Buben um einen schmalgedeckten Tisch sitzen, so fragt man nicht lange nach ihren Neigungen, sondern schiebt sie frühzeitig in den Backofen des Berufs, damit sie den Hausstand nicht allzulange belasten. Meinen Bruder Ulrich, der sich schon in der Volksschule die Augen mit vielem Lernen verdarb, steckte man ins Priesterseminar, mich dirigierte man um meiner festen Knochen willen in die Militärschule: von dort aus spult sich der Lebensfaden mechanisch fort, man braucht ihn nicht weiter zu ölen. Der Staat sorgt für alles. In wenigen Jahren schneidert er kostenlos, nach vorgezeichnetem ärarischem Muster, aus einem halbwüchsigen, blassen Buben einen flaumbärtigen Fähnrich und liefert ihn gebrauchsfertig an die Armee. Eines Tages, zu Kaisers Geburtstag, noch nicht achtzehn Jahre alt, war ich ausgemustert und kurz darauf mir der erste Stern an den Kragen gesprungen; damit war die erste Etappe erreicht, und nun konnte der Turnus des Avancements in gebührenden Pausen mechanisch sich weiterhaspeln bis zu Pensionierung und Gicht. Auch just bei der Kavallerie, dieser leider recht kostspieligen Truppe, zu dienen, war keineswegs mein persönlicher Wunsch gewesen, sondern die Marotte meiner Tante Daisy, die den älteren Bruder meines Vaters in zweiter Ehe geheiratet hatte, als er vom Finanzministerium zu einer einträglicheren Bankpräsidentschaft übergegangen war. Reich und snobistisch zugleich, wollte sie es nicht dulden, daß irgend einer aus der Verwandtschaft, der gleichfalls Hofmiller hieß, die Familie »verschandeln« sollte, indem er bei der Infanterie diente; und da sie sich diese Marotte hundert Kronen Zuschuß im Monat kosten ließ, mußte ich bei allen Gelegenheiten vor ihr noch submissest dankbar tun. Ob es mir selber zusagte, bei der Kavallerie oder überhaupt aktiv zu dienen, darüber hätte nie jemand nachgedacht, ich selber am wenigsten. Saß ich im Sattel, dann war mir wohl, und ich dachte nicht weit über den Pferdehals hinaus.

In jenem November 1913 muß irgend ein Erlaß aus einer Kanzlei in die andere hinübergerutscht sein, denn surr – auf einmal war unsere Eskadron aus Jaroslau in eine andere kleine Garnison an der ungarischen Grenze versetzt worden. Es ist gleichgültig, ob ich das Städtchen beim richtigen Namen nenne oder nicht, denn zwei Uniformknöpfe am selben Rock können einander nicht ähnlicher sein als eine österreichische Provinzgarnison der andern. Da und dort dieselben ärarischen Ubikationen: eine Kaserne, ein Reitplatz, ein Exerzierplatz, ein Offizierskasino, dazu drei Hotels, zwei Kaffeehäuser, eine Konditorei, eine Weinstube, ein schäbiges Variété mit abgetakelten Soubretten, die sich im Nebenamt liebevollst zwischen Offizieren und Einjährigen aufteilen. Überall bedeutet Kommißdienst dieselbe geschäftig leere Monotonie, Stunde für Stunde eingeteilt nach dem stahlstarren, jahrhundertealten Reglement, und auch die Freizeit sieht nicht viel abwechslungsreicher aus. In der Offiziersmesse dieselben Gesichter, dieselben Gespräche, im Kaffeehaus dieselben Kartenpartien und das gleiche Billard. Manchmal wundert man sich, daß es dem lieben Gott beliebt, wenigstens einen anderen Himmel und eine andere Landschaft um die sechs- oder achthundert Dächer eines solchen Städtchens zu stellen.

Einen Vorteil allerdings bot meine neue Garnison gegenüber der früheren galizischen: sie war Schnellzugsstation und lag einerseits nahe bei Wien, andererseits nicht allzuweit von Budapest. Wer Geld hatte – und bei der Kavallerie dienen immer allerhand reiche Burschen, nicht zuletzt auch die Freiwilligen, teils Hochadel, teils Fabrikantensöhne – der konnte, wenn er rechtzeitig abpaschte, mit dem Fünfuhrzug nach Wien fahren und mit dem Nachtzug um halb drei Uhr wieder zurück sein. Zeit genug also, um ins Theater zu gehen, auf der Ringstraße zu bummeln, den Kavalier zu spielen und sich gelegentliche Abenteuer zu suchen; einige der Beneidetsten hielten sich dort sogar eine ständige Wohnung oder ein Absteigequartier. Leider lagen derlei auffrischende Eskapaden jenseits meines Monatsetats. Als Unterhaltung blieb einzig das Kaffeehaus oder die Konditorei, und dort verlegte ich mich, da mir die Kartenpartien meist zu hoch ins Geld gingen, auf das Billard oder spielte das noch billigere Schach.

So saß ich auch diesmal eines Nachmittags, es muß Mitte Mai 1914 gewesen sein, mit einem gelegentlichen Partner, dem Apotheker zum Goldenen Engel, der gleichzeitig Vizebürgermeister unseres Garnisonsstädtchens war, in der Konditorei. Wir hatten unsere üblichen drei Partien längt zu Ende gespielt, und man redete nur aus Trägheit, sich aufzurappeln – wohin denn in diesem langweiligen Nest? – noch so hin und her, aber das Gespräch qualmte schon schläfrig wie eine abgebrannte Zigarette. Da geht mit einem Mal die Tür auf, und ein wehender Glockenrock schwingt mit einem Büschel frischer Luft ein hübsches Mädel herein: braune, mandelförmige Augen, dunkler Teint, famos gekleidet, gar nicht Provinz, und vor allem ein neues Gesicht in diesem gottsjämmerlichen Einerlei. Leider schenkt die smarte Nymphe uns respektvoll Aufstaunenden keinen Blick; scharf und rassig, mit sportlich festem Schritt quert sie an den neun kleinen Marmortischchen des Lokals vorbei geradewegs auf das Verkaufspult zu, um dort gleich en gros ein ganzes Dutzend Kuchen, Torten und Schnäpse zu bestellen. Mir fällt sofort auf, wie devotissime sich der Herr Kuchenbäcker vor ihr verneigt – nie habe ich die Rückennaht seines Schwalbenrocks so straff hinabgespannt gesehen. Sogar seine Frau, die üppig-grobschlächtige Provinzvenus, die sich sonst von allen Offizieren nachlässigst hofieren läßt (oft bleibt man ja bis Monatsende allerhand Kleinigkeiten schuldig), erhebt sich von ihrem Sitz an der Kasse und zergeht beinahe in pflaumenweicher Höflichkeit. Das hübsche Mädel knabbert, während der Kuchenbäcker die Bestellung ins Kundenbuch notiert, achtlos ein paar Pralinés an und macht ein bißchen Konversation mit Frau Großmaier; für uns aber, die wir vielleicht ungebührlich eifrig die Hälse recken, fällt nicht einmal ein Augenblink ab. Natürlich beschwert sich die junge Dame nicht mit einem einzigen Päckchen die hübsche Hand; es wird ihr alles, wie Frau Großmaier submissest versichert, zuverlässig geschickt. Und sie denkt auch nicht im mindesten daran, wie wir gewöhnlichen Sterblichen an der stählernen Automatenkasse bar zu bezahlen. Sofort wissen wir alle: extrafeine, vornehme Kundschaft!

Wie sie sich jetzt nach erledigter Bestellung zum Gehen wendet, springt Herr Großmaier hastig vor, um ihr die Tür zu öffnen. Auch mein Herr Apotheker erhebt sich von seinem Sitze, um sich von der Vorbeischwebenden respektvollst zu empfehlen. Sie dankt mit souveräner Freundlichkeit – Donnerwetter, was für samtene, rehbraune Augen! – und ich kann kaum erwarten, bis sie, überzuckert von vielen Komplimenten, den Laden verlassen hat, um neugierigst meinen Partner nach diesem Hecht im Karpfenteich zu fragen.


Besprechung des Buches in Youtube

03 Juli 2025

Leonie Schöler: Beklaute Frauen

  Leonie Schöler: Beklaute Frauen

Rezensionen:

NDRSachbuch-CouchBooknerds; HeymannBuchserien; 

EINLEITUNG 11

"[...] Als vor circa 2,2 Millio­nen Jahren die ersten Menschen auf Erden wandelten, waren sie in ihrer Entwicklung aus heutiger Sicht vielleicht primi­tiv – aber das mit der natürlichen Ordnung von Mann und Frau hatten sie bereits verstanden. Mann und Frau, Yin und Yang, Gegensätze ziehen sich an!

So oder so ähnlich lautet die Erzählung der ersten Menschen, wie ich sie in der Schule gelernt habe. Den meisten, die jetzt diese Sätze lesen, wurde es vermutlich nicht anders beige­bracht! Ob in Büchern, Filmen oder auch im Museum: Die Ge­schichte der Jäger und Sammler wird bis heute stark über das Geschlecht erzählt. [...]

Lehrt uns die Geschichte denn nicht alles, was wir über das Zusammenleben von Mann und Frau wissen müssen?

Nun, in der Theorie tut sie das. In der Praxis ist es allerdings etwas komplizierter – denn natürlich können wir unsere erlernten Vorbehalte und Denkmuster auch dann nur schwer ablegen, wenn wir in die Vergangenheit blicken. Bezogen auf das Geschlecht nennt sich das in der Wissenschaft Gender Bias, oder auch: geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt. Der beschreibt, dass sich sexistische Vorurteile und Stereotype so sehr auf unser Denken auswirken, dass sie unsere Wahrnehmung der Welt verzerren. Als beispielsweise die Evolutionstheoretiker des 19. Jahrhunderts die biologischen Ursprünge des menschlichen Lebens erforschten, hatten sie ganz klare Vorstellungen von den Geschlechtern. So schrieb Charles Darwin 1871 in seinem Werk Die Abstammung des Menschen:

»Der hauptsächlichste Unterschied in den intellektuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, dass der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Einbildungskraft, oder bloß den Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern.«1

[...] Die anderen Wissenschaftler hatten nämlich größtenteils exakt die gleichen Vorurteile wie Darwin und suchten in der Geschichte und Biologie des Menschen unermüd­lich nach Beweisen für die Überlegenheit des Mannes. Als Ausgangspunkt für diese Annahme funktionierten die Jäger und Sammler ganz fantastisch: Die scheinbar klare Rollen­verteilung diente als Argument, dass dies die natürliche Ord­nung zwischen Mann und Frau sein müsse, die bereits in ihrer Biologie begründet sei.

Erste archäologische Untersuchungen bestätigten diese Auffassung. In den Gräbern von Männern waren Jagdwaffen und Werkzeuge beigelegt, wäh­rend Frauen Schmuck als Grabbeigabe erhielten. So grub man in den folgenden Jahrzehnten die Geschichte immer weiter um und buddelte ganz viele kleine und große Beweise aus für die eigene Vorstellung von der menschlichen Exis­tenz. [...] 

Seit wenigen Jahren gibt es tatsächlich eine neue Perspektive auf unsere Vergangenheit. 2018 wurde in den peruanischen Anden das mit Waffen reich bestückte Grab eines Kriegers ge­funden. Mithilfe modernster Technik wurden die circa 9000 Jahre alten Gebeine genealogisch analysiert, es wurde also ein DNA-Test gemacht – und etwas schier Unglaubliches be­wiesen: Das Skelett war das einer Frau![...] 30 bis 50 Prozent der untersuchten Skelette, die man bisher auf Grundlage der Waffen und Werkzeuge im Grab als männlich identifiziert hatte, waren biologische Frauen.

Zuletzt haben Archäo­log*innen einen Sensationsfund aus dem Jahr 2008 korri­giert: Damals war in der Nähe des südspanischen Valencia das Grab eines mächtigen Herrschers aus der Kupferzeit ent­deckt worden. Er bekam den Namen »Ivory Man«, in Anleh­nung an die prächtigen Grabbeigaben und Waffen aus El­fenbein, die sich deutlich von anderen Gräbern aus der Zeit unterschieden. Doch 2023 durchgeführte DNA-Tests ergaben, dass der Ivory Man eigentlich eine Ivory Lady war. Nicht nur das: Die Forschenden kamen in ihrer Studie auch zu dem Er­gebnis, dass

»sie zu einer Zeit, in der kein Mann eine auch nur annä­hernd vergleichbare soziale Stellung einnahm, eine führende gesellschaftliche Persönlichkeit war. Nur andere Frauen, die kurze Zeit später in […] einem Teil desselben Gräberfeldes bestattet wurden, scheinen eine ähnlich hohe soziale Stel­lung gehabt zu haben.«5

Offenbar waren in dieser Region vor 5000 Jahren nur Frauen die Anführerinnen gewesen. Gab es etwa doch gar keine strenge Mann-Frau-Aufteilung unter unseren Vorfahren? [...]"

Fontanefan: Anregend ist Schölers Perspektive unbedingt und sie fußt auf aktueller Forschung. Unklar bleibt mir dabei, weshalb sie zumindest in der Einleitung nicht auf die Geschichte der Matriarchatstheorien eingeht.

Zur Unterstützung ihrer These, dass das Denken der Zeit Einfluss auf das Geschichtsverständnis gehabt haben wird, verweise ich aber auf ein Beispiel vom Ende des 19. Jahrhunderts.


Kapitel eins (K)EINE BÜRGERIN

Der Fisch stinkt vom Kopfe her23

Auf den Barrikaden: Frauen in den Revolutionen von 1848/4929

Wer hat Angst vorm weißen Mann? »Rasse«, Klasse und Geschlecht im nationalen

 Selbstverständnis41

Frauen als Nicht-Bürgerinnen49

Kapitel zwei ENDSTATION: EHE

Der Matilda-Effekt 59

Ungleiche Bündnisse zwischen Zusammenarbeit und Ausbeutung62

Bis dass der Tod euch scheidet oder: Wo blieb der Widerstand? 74

Die Lücke im System: Warum zu heiraten sich für Frauen nicht lohnt84

Kapitel drei KÜNSTLER WIRD MIT ER GESCHRIEBEN

Im Namen des Vaters und des Sohnes: Frauen als Familienangestellte 97

Eleanor MarxJenny MarxJenny Caroline Longuet,

Berühmte Genies und ihre heimlichen Mitarbeiterinnen 118

Lucia MoholMarieluise FleißerElisabeth Hauptmann, Margarete Steffin*Ruth

 Berlau*

*""Als Brecht sich 1940 um ein USA-Visum für sie bemühte, beschrieb er sie als seine engste

 Mitarbeiterin: „Tatsächlich überblickt nur sie meine Tausende von Manuskriptblättern.“ Das

 war mit Sicherheit nicht übertrieben, Steffin führte fast die gesamte Korrespondenz mit

 Verlagen und Freunden, schrieb Brechts Texte ins Reine, war hier auch kritische Gutachterin,

 lernte Sprachen, dort wo es notwendig war, und ordnete Brechts Gedichte. Als Steffin starb,

 war Brecht über ein Jahr lang unfähig zu arbeiten.[2] Brechts Gedicht Nach dem Tod meiner

 Mitarbeiterin M.S. bezieht sich auf Margarete Steffin und hebt ihre Bedeutung für das

 brechtsche Werk hervor.

*  "In Dänemark, außerhalb seines Sprachraums und ohne Mitarbeiter, war Brecht zum ersten

 Mal auf sich allein gestellt. Ohne die bewährte Kollektivarbeit mit Ruth Berlau konnte er Die

 Gewehre der Frau Carrar nicht zu Ende schreiben. Der Mangel an Mitarbeitern war nach

 Ansicht Berlaus der wahre Grund, warum Brecht sie so sehr vermisst hatte. Berlau inszenierte

 (unter Mitarbeit Brechts) Die Gewehre der Frau Carrar. Die erste Aufführung mit Mitgliedern

 ihres Kopenhagener Arbejdernes Teater fand am 19. Dezember 1937 vor Emigranten statt.

 Das Aftenbladet schrieb in einer Rezension vom 20. Dezember 1937: „Das stark dramatische

 Stück wurde ausgezeichnet dargeboten, geprägt sowohl von der Begeisterung dieser

 Laienschauspieler als auch von der gekonnten Regie Ruth Berlaus. Namentlich Dagmar

 Andreasen als Mutter spielte fein und empfindsam.“ Eine zweite Aufführung fand am 14.

 Februar 1938 als Wohltätigkeitsveranstaltung für die Deutsch-Schüler in der Borups Höjskole

 Kopenhagen statt. Die Zeitungen waren erneut voller Lob und berichteten über eine gelungene Aufführung.[5]

Im August 1938 arbeitete Brecht mit Ruth Berlau an ihrer Novellensammlung Jedes Tier kann es, die 1940 mit dem dänischen Titel Ethvert dyr kan det unter dem Pseudonym Maria Sten herauskam. Für den von Ruth Berlau bearbeiteten englischen Schwank Alle wissen alles schrieb Brecht ein Vorwort, in dem er seiner „Sympathie zu dieser Art Gattung der Dramatik“ Ausdruck verlieh.[6]

Brecht war inzwischen nach Schweden übergesiedelt, und seine Mitarbeiterin Margarete Steffin unterstützte Berlau bei den Korrekturen der Svendborger Gedichte. Sie schickte die Zweitkorrektur an die Setzerei nach Kopenhagen, danach gab Berlau den Band mit eigenen Geldmitteln heraus.[7] Aus Bescheidenheit und anstatt sich selbst als Herausgeberin zu benennen, ließ Berlau Wieland Herzfelde mit seinem Malik-Verlag in London hineindrucken. Brecht schrieb darauf an sie: „Von allen Menschen, die ich kenne, bist Du der großzügigste.“ Von Herzfelde wurde sie später wegen der „hässlichen“ Form der Ausgabe, die nicht der der Gesammelten Werke entsprach, kritisiert."

Von der Muse geküsst oder: Können Frauen Kunst?137

Kapitel vier OHNE AUSZEICHNUNG

Prestige und Macht: Wieso Rosalind Franklin keinen Nobelpreis hat 155

Unsichtbar gemacht: Wieso Lise Meitner keinen Nobelpreis hat 177

Machtgefälle: Wieso Jocelyn Bell Burnell keinen Nobelpreis hat 194

Eine Frage der Geschlechtertrennung 211

"Neuerdings dürfen trans Frauen nicht mal mehr im Damenschach antreten. Personen, die in einem männlichen Körper geboren wurden, sind also im logischen Denken besser als biologische Frauen – oder was soll uns das sagen? Nun ja, diese Auffassung spiegelt sich zwar kaum die tatsächlichen Ergebnisse wider, denn mitnichten gewinnen trans Athletinnen haushoch überlegen in allen Sportarten. Es zeigt aber auf, wie nicht-binäre Identitäten zum Spielball werden, um die binäre Geschlechtsordnung aufrecht zu erhalten. Dazu passt auch, dass mit trans und inter Personen im Sport aktuell genauso umgegangen wird, wie man lange Zeit mit Frauen umgehen. Erst ignorieren, dann hitzig, polemisch und über die Köpfe der betreffenden Personen hinweg diskutieren, um sie dann zu sperren und ihnen die Teilnahme an Wettkämpfen zu verbieten. [...] Es ist ja nicht so, als gäbe es im Sport nicht auch unabhängig vom Geschlecht körperliche Vorteile oder Einschränkungen, für die man bereits Lösung gefunden hat, so wie Alters- und Gewichtsklassen, um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Oder man nimmt sich die Paralympics zum Vorbild: Dort spielen die körperlichen Voraussetzungen der jeweiligen Leistungssportler*innen eine selbstverständliche Rolle dabei, in welcher Gruppe sie antreten. Niemand spricht von Vor- oder Nachteilen; es geht einfach darum, dass Menschen sich miteinander messen können, deren Grundvoraussetzungen ähnlich sind. Dass man über breiter gefächerte Startgruppen nicht auch bei nicht-behinderten Athlet*innen diskutiert, ist für mich ein Hinweis auf / ein fehlendes Interesse bei vielen Verbänden und Sportfunktionär*innen, wirklich faire Startbedingungen für alle zu schaffen." (S. 220/221).

Es geht einfach darum, dass Menschen sich miteinander messen können, deren Grundvoraussetzungen ähnlich sind.

Diesen Grundsatz will Schöler bei den Unterschieden zwischen Geschlechtern nicht gelten lassen. Dankenswerterweise führt sie aber auch gleich die Beispiele an, die deutlich machen, dass das, was bei Alters- und Gewichtsklassen ohne weiteres möglich ist bei der Trennung nach Geschlechtern problematisch wird: Beim Boxen unterscheidet man nach Gewichtsklassen, weil ein Boxer mit Fliegengewicht gegen einen Boxer im Schwergewicht (allgemein anerkannt) keine Chancen hat und weil es leicht ist, nach objektiven Kriterien (Gewicht) zu trennen. Freilich ist die Anerkennung, um die es Schöler geht, in den niedrigeren Gewichtsklassen weit geringer. Schwergewichtsweltmeister sind nicht selten weltbekannt, Fliegengewichtsmeister nicht. Fast noch deutlicher ist es bei den Behindertenwettkämpfen. Bis die Paralympics Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zugänglich wurden, dauerte es lange. Ihre Wettkämpfe werden aber weiterhin nicht zugleich mit den allgemeinen Olympischen Spielen ausgetragen. Wenn die Olympischen Siele für Männer und Frauen getrennt ausgetragen würden, wäre das in Schölers Sinne? 

Aber nicht nur das: Bei den ersten olympischen Behindertenwettkämpfen galt nur eine einzige Hilfe als erlaubt: der Rollstuhl. Wenn aber Laufwettbewerb mit Hilfen erlaubt sind, wird sofort die Bedingung, dass die Grundvoraussetzungen ähnlich sind, fragwürdig. Zu groß sind die Unterschiede von technischen Hilfsmitteln. 

Schölers Vorstellung, dass man nach Altersklassen trennen könne, hat den Charme, dass das (bei Mannschaftssportarten, z.B. beim Fußball) schon lange geschieht. Aber kein U21-Fußballer wird die Chance, dass er in der Klasse ohne Altersbeschränkung mitspielen darf, verpassen wollen; denn erst da gilt die Auszeichnung richtig. 

Doch grotesk wird es erst, wenn Schöler sich beklagt über "ein fehlendes Interesse bei vielen Verbänden und Sportfunktionär*innen, wirklich faire Startbedingungen für alle zu schaffen". Wie sollte man erreichen, dass für alle Sportarten, alle Arten von Behinderung, alle Gewichts- und Altersklassen "wirklich faire Startbedingungen für alle" geschafft werden? Wäre damit nicht sofort die Anerkennung aufs Spiel gesetzt, wenn man nicht die Chance hat, sich auch bei höheren Ansprüchen zu beweisen?

Wenn alle Wettbewerbe in getrennten Leistungsgruppen stattfinden müssten, wäre die Organisation unsinnig erschwert und die öffentliche Sichtbarkeit von Leistungen nahezu beseitigt. (Kommentar Fontanefan)


Kapitel fünf WIDERSTAND

280

Noch nie gesehen: Das Phänomen der »Wiederentdeckten Frau« 290

Google mal CEO: Warum Algorithmen männlich denken 301

Zur Kritik der von TikTok benutzten Algorithmen:

"So stellte das britische Center for Counting Digital Hate in einer Studie schockierende Zahlen fest: Meldeten sich 13-jährige Mädchen auf der Plattform an und schauten sie einige Videos zum Thema mentale Gesundheit, interpretierte der Algorithmus das sofort negativ: innerhalb von 2,6 Minuten im Fall TikTok Inhalte über Suizid, innerhalb von 8 Minuten Videos, in denen es gestörtes Verhalten gezeigt wurde. 

Und bei den Jungs? Eine Untersuchung der britischen Sonntagszeitung CEO Server untersuchte Vorwürfe, nachdem TikTok jungen Männern gezielt Frauen verachtende, Inhalte ausspielte. Und tatsächlich: innerhalb weniger Minuten nach der ersten Anmeldung – und ohne dass sie dann danach suchten – wurden Ihnen diverse sexistische und antifeministische Inhalte angezeigt."  (S. 311)

"Vielleicht schaffen es die KIs irgendwann, Hassrede von sich aus /  anzuzeigen und die entsprechenden Account sofort zu blockieren. Vielleicht säubern sie das Internet dann automatisch von gewaltsamen und missbräuchlichen Inhalten, ohne dass diese Aufgabe von unterbezahlten Content-Moderator*innen in Indien oder Kenia erledigt werden muss. Vielleicht muss sich zukünftig jeder Hater ein einstündiges Video über die Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation ansehen, das sich nicht schließen oder vorspulen lässt und das die Person wirklich und komplett anwesend angeschaut haben muss, um wieder auf die entsprechende Plattform zu dürfen. Vielleicht können wir darüber auch neu definieren, wen wir zukünftig auslöschen und wen wir wiederherstellen. Die großen Plattformen arbeiten ja bereits daran, Hass und Hetze zu bannen und dafür Frauen, Quere, Menschen, People of Color und Menschen mit Behinderung durch ihre Algorithmen sichtbarer zu machen. Es geht also voran, - auch wenn die Mühlen langsam mahlen." (S.313/314)

Glaubt Schöler ernsthaft, dass man Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation zu übernehmen bereit ist, wenn man gezwungen wird, sie anzuhören oder ist dieser letzte Abschnitt rein ironisch gemeint?

Die Algorithmen sind so erfolgreich, weil sie dazu verführen, ohnehin bestehenden Tendenzen nachzugeben und sie damit zu bestärken. Neues zu lernen funktioniert anders. (Fontanefan)


SCHLUSSWORT 315

ANHANG 323