13 Oktober 2015

Kalevala: Finnische Flora und Brandrodung

Das Kalevala, das finnische Nationalepos, hatte ich (in deutscher Übersetzung) schon als Schüler in der Hand, weil es zur Bibliothek meines Vaters (den ich nur von Fotos und Texten kenne) gehörte. Es war eins der wenigen Zeugnisse dafür, dass er im Zweiten Weltkrieg (relativ kurz) in Finnland stationiert war. Ich muss das Exemplar damals aufgeblättert haben, wohl auch ein wenig darin gelesen haben, sicher auch in einem Vorwort. Mir blieb von dieser Begegnung nicht mehr, als dass es mir fremd war. - Über die besondere Entstehung dieses Epos am Anfang des 19. Jahrhunderts in einer Zeit, in der fast nur Schwedischsprachige* sich mit finnischer Literatur befassten, mag ich damals einige Worte gelesen haben, begriffen habe ich davon aber mehrere Jahrzehnte lang nichts. 
*Der frühste Vertreter war Adolf Ivar Arwidsson (Zitat aus diesem Artikel: "Arwidssons Muttersprache war Schwedisch, in welcher Sprache er auch seine sämtlichen Werke verfasste"). Vgl. auch Henrik Gabriel Porthan  ("Die Familie war schwedischsprachig.") und Johan Ludvig Runeberg sowie Johan Vilhelm Snellman, die beide den finnischsprachigen Verfasser der Kavela Elias Lönnrot bei seinem Wirken unterstützten.

[11] Alsobald schwang Wäinämöinen
Beide Füße auf die Heide,
Auf das meerumspülte Eiland,
Auf die baumentblößte Fläche.


Weilte darauf manche Jahre,
Lebte immerwährend weiter
Auf dem Eiland ohne Worte,
Auf der baumentblößten Fläche.


Dachte nach und überlegte,
Hegt' es lang in seinem Haupte:
Wer das Land ihm wohl besäen,
Wer den Samen streuen sollte?


Pellerwoinen, Sohn der Fluren,
Sampsa ist's, der Kleingeratne,
Der das Land ihm gut besäen,
Der den Samen streuen konnte.


Er besät das Land gar fleißig,
Wie das Land, so auch die Sümpfe,
Wie der Haine lockern Boden,
So die festen stein'gen Flächen.


Fichten sät er auf die Berge,
Tannen sät er auf die Hügel,
Heidekraut gibt er der Heide,
Zarte Schößlinge den Tälern.[12]


Birken pflanzt er in die Brüche,
Erlen in die lockre Erde,
Feuchtes Land bekommt der Faulbaum,
Weichen Boden auch die Weide,
Heil'gen Ort die Eberesche,
Wasserland die Wasserweide,
Schlechten Boden der Wacholder,
Und die Eiche Stromesufer.


Höher wuchsen schon die Bäume,
Schon erstanden junge Sprossen,
Tannen mit den Blütenwipfeln,
In die Breite wuchsen Föhren,
Birken stiegen in den Brüchen,
Erlen in der lockern Erde,
In dem feuchten Land der Faulbaum,
Schlechtgebettet der Wacholder,
Schöne Beeren am Wacholder,
Gute Frucht am Faulbeerbaume.


Wäinämöinen alt und wahrhaft
Macht sich auf, um zuzuschauen,
Wie des Sampsa Saat geraten,
Wie die Arbeit Pellerwoinens;
Sah die Bäume sich erheben,
Junge Sprossen munter wachsen:
Nur die Eiche will nicht keimen,
Wurzeln nicht der Baum Jumalas.


Ließ die Böse in der Freiheit
Ihres eignen Glücks genießen,
Wartet' annoch drei der Nächte,
Wartet' ebensoviel Tage,
Ging dann hin, um zuzuschauen,
Als die Woche hingeschwunden:[13]
Wachsen wollte nicht die Eiche,
Wurzeln nicht der Baum Jumalas.


Schaute dann der Mädchen viere,
Sah wohl fünf der Wasserbräute
Auf dem weichen Wiesenboden,
Auf dem feuchtbetauten Grase,
Auf der nebelreichen Spitze,
Auf dem dunstumwobnen Eiland;
Harkten da, was sie gemähet,
Zogen alles dann in Schwaden.


Aus dem Meere stieg ein Riese,
Stieg ein starker Held nach oben,
Drückt die Gräser, daß sie brennen,
Sie sich lichterloh entflammen,
Bis in Asche sie zergehen,
Bis sie ganz und gar verglühen.


Dort nun stand der Aschenhaufen,
Dort der Hügel trocknen Staubes,
Dahin tat ein zartes Blättchen,
Mit dem Blatt er eine Eichel,
Draus erwuchs die schöne Pflanze,
Stieg die üppig grüne Gerte
Gleich der Beere aus dem Boden,
In gegabelter Verzweigung.


Breitet aus schon ihre Äste,
Bauschet sich mit ihrer Krone,
Hebt den Wipfel bis zum Himmel,
Weit hinaus dehnt sie die Zweige,
Hält die Wolken auf im Laufe,
Läßt die Wölkchen selbst nicht ziehen,
Gönnt der Sonne nicht zu strahlen,
Gönnt dem Monde nicht zu leuchten.
[...].


Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber diese Worte:
Nimmer hast du solche Kräfte,
Nimmer ist es dir gegeben,
Diesen großen Stamm zu stürzen,
Diesen Sonderbaum zu fällen.


Konnte kaum noch dieses sagen,
Kaum den Blick auf ihn noch lenken,
Als der Mann sich rasch verwandelnd
Sich zu einem Riesen reckte;[16]
Schleift die Füße auf der Erde,
Mit dem Haupt trägt er die Wolken,
Übers Knie reicht ihm der Bartschmuck,
An die Fersen seine Haare,
Klafterweite trennt die Augen,
Klafterbreit stehn ihm die Hosen,
Zweithalb Klafter von dem Kniekopf,
Zwei der Klafter von der Hüfte.


Wetzte hin und her das Eisen,
Strich behend die ebne Schneide
Mit sechs harten Kieselsteinen
Und mit sieben Schleifsteinsenden.


Fängt dann hastig an zu schreiten,
Hebt gar eilig seine Beine
Mit den überbreiten Hosen,
Die gebläht im Winde flattern,
Schwankt mit seinem ersten Schritte
Hin auf lockern Sandesboden,
Taumelt mit dem zweiten Schritte
Hin auf Land von dunkler Farbe,
Mit dem dritten Schritte endlich
Tritt er an der Eiche Wurzeln.


Haut den Baum mit seinem Beile,
Schlägt ihn mit der ebnen Schneide,
Einmal haut er, haut das zweite,
Schon zum dritten Male schlägt er,
Funken sprühen aus dem Beile,
Feuer fliehet aus der Eiche,
Will die Eiche niederwerfen,
Will den mächt'gen Baumstamm beugen.


Endlich bei dem dritten Male
Konnte er die Eiche fällen,
Brechen den gewalt'gen Baumstamm[17]
Und die hundert Wipfel senken;
Stieß der Eiche Stamm nach Osten,
Warf die Wipfel hin nach Westen,
Schleuderte das Laub nach Süden
Und die Äste nach dem Norden.


Wer dort einen Zweig genommen,
Der gewann sich ew'ge Wohlfahrt,
Wer den Wipfel an sich brachte,
Hatte ew'ge Zauberkunde,
Wer vom Laube was geschnitten,
Dem ward ew'ge Liebeswonne.
[...]
Als die Eiche nun gefällt war,
Als gebeugt der stolze Baumstamm,
Konnt' die Sonne wieder scheinen,
Konnt' das liebe Mondlicht leuchten,
Weit dahin die Wolken schweifen,
Wölben sich des Himmels Bogen
Auf der nebelreichen Spitze,


Auf dem dunstumwobnen Eiland.


Schön erhoben sich die Haine,
Willig wuchsen da die Wälder,
Baumesblätter, Erdenkräuter,
Vögel sangen in den Bäumen,
Lustig lärmten heitre Drosseln
Und der Kuckuck ließ sich hören.


Beeren wuchsen aus dem Boden,
Goldne Blumen auf den Fluren,
Kräuter mancher Art entstanden
Und Gewächse jeder Weise;
Nur die Gerste wollte noch nicht,
Nicht die schöne Saat gedeihen.


Wäinämöinen alt und wahrhaft
Ging dahin und überlegte
An dem Strand des blauen Meeres,
An des mächt'gen Wassers Rande;
Fand dort bald der Körner sechse,
Sieben schöne Samenkörner,
An dem Strand des großen Meeres,
In dem lockern, sand'gen Lande;
Barg sie in dem Marderfelle,
In des Sommereichhorns Beinhaut.


Ging den Boden zu besäen,
Ging den Samen auszustreuen
An den Rand des Kalewbrunnens,[19]
An den Saum des Osmofeldes.
Sieh, da schnarrt vom Baum die Meise:
Nicht gedeihet Osmos Gerste,
Nicht der Hafer von Kalewa,
Wird der Boden nicht bereitet,
Wird die Waldung nicht gelichtet,
Nicht mit Feuer abgesenget.


Wäinämöinen alt und wahrhaft
Ließ ein scharfes Beil sich machen,
Fing die Waldung an zu fällen
Und den Hain mit Kraft zu schwenden,
Fällte Bäume aller Arten,
Nur die Birke ließ er stehen,
Einen Ruheplatz den Vögeln,
Wo der Kuckuck rufen könnte.


Her vom Himmel kam ein Adler,
Durch die Lüfte angeflogen,
Kam die Sache anzuschauen:
Weshalb ward denn stehn gelassen
Diese Birke unbeschädigt,
Nicht der schlanke Baum gefället?


Wäinämöinen gab zur Antwort:
Deshalb ward sie stehn gelassen,
Daß die Vögel auf ihr ruhen,
Daß des Himmels Aar hier sitze.


Sprach der Aar, des Himmels Vogel:
Gut gewiß ist deine Sorge,
Daß die Birke du gelassen,
Daß der schlanke Baum geblieben
Als ein Ruheplatz den Vögeln,
Daß ich selber darauf sitze.[20]


Feuer schlägt der Lüfte Vogel
Und verbreitet rasch die Flamme,
Bald versengt den Busch der Nordwind,
Nordost setzt ihn schnell in Asche,
Brennt die Bäume alle nieder,
Bis in Staub sie ganz zergehen.


Wäinämöinen alt und wahrhaft
Holt hervor der Körner sechse,
Holt die sieben Samenkörner
Aus dem Mardersack behende,
Aus der Haut des Sommereichhorns,
Aus dem Fell des Hermelines.


Geht das Land dann zu besäen,
Geht den Samen auszustreuen,
Redet selber diese Worte:
Hingebeugt werf' ich den Samen
Durch des Schöpfers Fingerspalten,
Mit der Hand des Machterfüllten,
Hin auf dieses Land zu wachsen,
Aus dem Boden hier zu sprossen.


Alte, die du unten weilest,
Erdenmutter, Flurengöttin,
Bring' den Rasen nun zum Drängen,
Bring' die Erde du zum Treiben;
Nimmer wird die Kraft der Erde,
Nimmer ihre Macht je fehlen,
Wenn die Geberinnen Gnade,
Huld der Schöpfung Töchter leihen.


Steig, o Erde, auf vom Schlafe,
Von dem Schlummer, Land des Schöpfers,
Laß die Halme sich erheben,
Laß die Stengel auf sich richten,[21]
Tausend Ähren auferstehen,
Hundertfach sie sich verbreiten
Durch mein Ackern, durch mein Säen,
Da ich also mich bemühe!


Ukko, du, o Gott der Höhe,
Du, o Vater in dem Himmel,
Der du im Gewölke waltest
Und die Wölklein alle lenkest!
Halte Rat im Wolkenraume,
Guten Rat im Luftbereiche,
Schick' von Osten eine Wolke,
Laß von Nordwest eine kommen,
Treibe andre her von Westen,
Sende welche aus dem Süden,
Laß vom Himmel Regen sprühen,
Laß die Wolken Honig träufeln,
Daß die Ähren sich erheben,
Daß die Saaten munter rauschen!


Ukko, er, der Gott der Höhe,
Er, der Vater in dem Himmel,
Hielt nun Rat im Wolkenraume,
Guten Rat im Luftbereiche,
Schickt' von Osten eine Wolke,
Ließ von Nordwest eine kommen,
Andre trieb er her vom Westen,
Sandte welche aus dem Süden,
Fügt' die Säume aneinander,
Stieß die Seiten rasch zusammen,
Ließ vom Himmel Regen sprühen,
Ließ die Wolken Honig träufeln,
Daß die Ähren sich erhoben,
Daß die Saaten munter rauschten;
Es erhoben sich die Halme,[22]
Es erstanden farb'ge Ähren
Aus der Erde weichem Boden
Durch die Mühe Wäinämöinens.


Es verging der Tage nächster,
Zwei und drei der Nächte schwanden;
Als die Woche abgelaufen,
Ging der alte Wäinämöinen
Hin zur Saat, um nachzusehen,
Wie sein Ackern, wie sein Säen,
Wie die Arbeit wohl gediehen;
Sieh, es wuchs die Saat nach Wunsche,
Ähren gab es mit sechs Kanten,
Halme fand er mit drei Knoten.


Wäinämöinen alt und wahrhaft
Schaute um sich, wandt' die Blicke,
Sieh, da kam des Frühlings Kuckuck
Und ersah die schlanke Birke:
Weshalb ward denn stehn gelassen,
Ungefället diese Birke?


Sprach der alte Wäinämöinen:
Deshalb ist sie hier gelassen,
Diese Birke, daß sie wachse,
Dir ein Platz zum muntern Singen;
Rufe hier, o lieber Kuckuck,
Singe schön aus weicher Kehle,
Singe hell mit Silberstimme,
Singe klar mit Zinnesklange,
Rufe morgens, rufe abends,
Rufe um die Mittagsstunde,
Daß sich diese Stätte freue,
Daß die Wälder schöner wachsen,
Reichern Schatz die Küste spende
Und das Feld von Korne schwelle!

(Kalevala, 2. Rune, S.11-13 u. 15-22)

Keine Kommentare: