11 November 2015

Die russische Kirche als "Schmelztiegel der Revolution"

"Es ist eine Ironie der Geschichte, daß sich gerade in der russischen Kirche ein Schmelztiegel der Revolution bildete [...]
Die administrative und militärische Führungsschicht des Staats lieferte der Adel, der nicht nur das Befehlen von Kindheit an gelernt hatte, sondern auch allein im Besitz einer elementaren weltlichen Bildung war. Die Reformen Peters des Großen hatten ihn zu westlicher Bildung gezwungen, in Schulen, in denen der technische und militärische Unterricht die Allgemeinbildung zurückdrängte und in denen westliche Einrichtungen die Vorbilder waren. [...] Wenn der Kern ihrer Mentalität, wenn ihre täglichen Gewohnheiten sich aus einer langen Vergangenheit herleiteten, so speisten sich ihre »Meinungen«, die Vorstellungen, die sie sich über die Gesellschaft und die Welt bildeten, weniger aus der russischen Wirklichkeit als aus ihrer Erziehung. Von der alten Tradition losgelöst, führte sie diese Erziehung auch auf dem Umweg über eine technische Grundunterweisung, zu allgemeinen und abstrakten Begriffen, zu einem utopischen Rationalismus nach dem Geschmack des europäischen 18. Jahrhunderts. Aus dem Schoß des Adels als der einzigen kultivierten Klasse außerhalb der Kirche ging jene intelligencija hervor, die in Opposition zum Regime trat und 1825 den sogenannten »Dekabristenaufstand« auslöste. Gerade ihre starke Bindung an den Staat trieb die besten denkenden Köpfe des Adels dazu, Reformideen aus dem Ausland zu entleihen. Und ihr ganzes Leben, ihre ganze Erziehung spiegelten ihnen die trügerische Illusion eines leichten Erfolgs vor." (Roger Portal: Die Slawen, Kindlers Kulturgeschichte Europas, Bd.19, S.277ff.)

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