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"Mein ganzes Leben lang habe ich Rainer Maria Rilke gelesen, nie systematisch, immer sporadisch. Ich habe mir während der Lektüre Passagen und Sätze unterstrichen. Hier ein paar Beispiele: "Liebend stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten, wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern", "die herrlichen Überflüsse unseres Daseins, in Parken übergeschäumt", [...]
Am Anfang meiner Lektüre standen nicht die Gedichte, sondern sein Roman. Als ich Rilke zum ersten Mal las, war ich Anfang zwanzig. Ich besitze das Exemplar der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge noch und sehe, dass ich fast jede Zeile unterstrichen habe. So gut gefiel mir das Buch. Damals, Ende der Achtziger- und bis zum Ende der Neunzigerjahre, wollte ich Schriftsteller werden. Das Problem war nur, dass ich nicht schreiben konnte, obwohl ich es wollte, und ich war so verzweifelt, dass ich überlegte, zu einem Hypnotiseur zu gehen. [...]
Dass es um eine Art Übertragung von einem Medium in ein anderes ging, aus dem inneren Leben zur Sprache auf dem Papier. So aber funktioniert das nicht. Im Schreiben entsteht etwas Neues, etwas, das vorher nicht da war, und es entsteht in der Begegnung zwischen dem Inneren und der Sprache, die etwas Neues erschafft, das wiederum dem Inneren und der Sprache begegnet, und so, in einer Kettenreaktion, wächst etwas völlig Neues heran. Als ich nicht schreiben konnte, schrieb ich, was ich bereits gedacht hatte, mein Denken und die Sprache des Denkens waren kongruent. Und ausgehend von dieser Voraussetzung erscheint das, was in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge geschieht, völlig unerreichbar. Wie war er nur auf Sätze gekommen wie diese: "Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, dass sie noch da sei. Ja, sie war noch da." [...]
Ich war mit meiner früheren Sprache eins gewesen, meine Identität hatte in ihr gelegen, doch als ich sie nun wechselte, entstand ein Abstand, und etwas, das nicht ich war, tauchte selbst in Sätzen auf, in denen ich "Ich" schrieb. Zwischen mir und der Sprache war ein Raum entstanden, und in diesem Raum entstanden Gedanken und Bilder, die ich nie zuvor gedacht oder gesehen hatte. Ich hatte sie geschrieben, besaß sie aber nicht, und erst da, als Schreiben das Gleiche geworden war wie Lesen, war ich ein Schriftsteller. Ein entscheidender Teil der Erfahrung bestand darin, dass ich beim Schreiben verschwand, so wie das Ich verschwindet, wenn man liest. In dem Jahr entstand ein 700 Seiten langer Roman. Und während ich ihn schrieb, lag auf meinem Schreibtisch Rilkes Roman zusammen mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für mich waren es die besten Romane, die jemals geschrieben worden waren, stilistisch waren sie unübertroffen, und wenn ich regelmäßig nach einem von ihnen griff und einige Sätze darin las, tat ich es, um zu prüfen, wie weit entfernt mein Niveau von ihrem war, aber auch aus dem Glauben heraus, dass dieses Niveau auf mich und mein Schreiben abfärben und es verbessern konnte.
[...]
Und hier sind wir am Kern des Problems: Wie soll ich Rilke und seine Literatur lokalisieren können, so wie sie in meinem Inneren existiert? Was geschieht eigentlich in unserem Inneren mit all dem, was wir gelesen haben? Etwas muss damit geschehen, nicht wahr – welchen Sinn hätte es, zu lesen, wenn nichts passiert, wenn es keine Konsequenzen hat, keine Spuren hinterlässt? Alles, was ich gelesen habe, ist offensichtlich ein Teil von mir; alles, was ich gedacht habe, basiert auf dem, was andere gedacht haben, oder ist identisch damit. Und es geht noch weiter, denn auch das, was wir sehen, sehen wir nicht selbst, ohne Hilfe. Ist es nicht so? Sehen wir die Welt nicht so, wie die Menschen vor uns die Welt gesehen haben? Sehen wir nicht mit den Augen der Toten? [...]"
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