Reich-Ranickis Autobiographie "Mein Leben" ist das wichtigste Werk des hochangesehenen Literaturkritikers. Nachdem ich ihn als Literaturkritiker in der Wochenzeitung DIE ZEIT schätzen gelernt hatte, ging mir, als er berühmt wurde, seine Eitelkeit auf die Nerven. Doch die Passage, in der er über den Unterschied zwischen der Eitelkeit Canettis (Er wollte verehrt werden wie etwas Übermenschliches) und Adorno (Er wollte anerkannt sehen, dass er etwas Außerordentliches leistete, und gierte in nahezu kindlicher Weise nach Lob) schreibt, hat mich überzeugt, dass er mehr zu Adornos Eitelkeit neigte. Zuviel Elend und Todesangst hatte er erlebt, als dass er nicht auf eine Art Ausgleich hätte hoffen sollen. Er hatte lang genug darauf gewartet.
"Włocławek
Marcel Reich wurde als drittes Kind des Fabrikbesitzers David Reich und dessen Frau Helene, geb. Auerbach, geboren. Er wuchs in einer assimilierten jüdischen deutsch-polnischen Mittelstandsfamilie auf. Seine älteren Geschwister waren Alexander Herbert Reich (1911–1943) und Gerda Reich (1907–2006). Die Mutter war in Deutschland aufgewachsen und kam sich in der polnischen Provinz Kujawiens verloren vor. Ihre große Sehnsucht war eine Rückkehr nach Berlin. Reich-Ranicki beschreibt sie als sehr liebevoll und zugleich „weltfremd“. Ihr Vater war der Rabbiner Menachem Mannheim Auerbach (1848–1937) aus Lezno (Lissa), der in Berlin-Wilmersdorf lebte, im Alter erblindet und von seinen Söhnen finanziell unterstützt.[1][2] Reich-Ranickis Vater besaß eine kleine Fabrik für Baumaterialien. Er war aber im Kaufmannsberuf unglücklich und „vollkommen ungeeignet“. 1929 musste der Vater Insolvenz anmelden. Marcel Reich durfte als einziger seiner Geschwister die deutsche Schule von Włocławek (Leslau) besuchen.
Berlin
Um ihm seine berufliche Zukunft nach dem geschäftlichen Ruin seines Vaters offenzuhalten, schickten ihn die Eltern zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin, darunter dem Patentanwalt Max Auerbach (1890–1943) und einem Zahnarzt. Ab 1929 lebte Marcel zunächst in Berlin-Charlottenburg, von 1934 bis 1938 mit seinen Eltern und Geschwistern im Bayerischen Viertel zwischen Berlin-Schöneberg und Berlin-Wilmersdorf, in der Wohnung des Großvaters mütterlicherseits, der 1937 starb:[1] Güntzelstraße 53,[3] im dritten Stock mit Balkon.[4] Dort besuchte er das Werner-Siemens-Realgymnasium, nach dessen Auflösung 1935 das Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf.

Während seine Schulkameraden an Schulausflügen, Sportfesten und nationalsozialistischen Schulversammlungen teilnahmen, war er davon ausgeschlossen. Stattdessen vertiefte er sich in die Lektüre der deutschen Klassiker und besuchte Theater, Konzerte und Opern. Besonders die Aufführungen Wilhelm Furtwänglers und Gustaf Gründgens’ waren ihm Trost und Halt in einer zunehmend restriktiver werdenden Umwelt. Als ihm bekannt wurde, dass sich Thomas Mann von der NS-Herrschaft öffentlich distanziert hatte, wurde dieser nicht nur in literarischer, sondern auch in moralischer Hinsicht sein Vorbild. Trotz vieler nationalsozialistisch orientierter Lehrer galt am Fichte-Gymnasium noch einige Zeit das Gebot der Gleichbehandlung der jüdischen Schüler; so konnte er 1938 noch sein Abitur machen. Sein Antrag auf Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin wurde am 23. April 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung abgelehnt.
Warschau, Ghetto, Untergrund
Ende Oktober 1938 wurde er nach kurzer Abschiebehaft in der „Polenaktion“ zusammen mit etwa 17.000 polnischen und staatenlosen jüdischen Menschen nach Polen ausgewiesen. Er fuhr mit der Bahn nach Warschau, wo er niemanden kannte. Er musste die polnische Sprache neu erlernen und blieb ein Jahr arbeitslos. Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg, der seine Arbeitssuche abrupt beendete. Seine spätere Frau Teofila (Tosia) Langnas (12. März 1920 – 29. April 2011) lernte er durch eine Tragödie kennen: Ihre Eltern wurden durch die deutsche Besatzungsmacht aus Łódź vertrieben und enteignet, woraufhin ihr Vater Paweł Langnas am 21. Januar 1940 in Warschau Suizid beging.[5] Reich-Ranickis Mutter, die im selben Haus wohnte, erfuhr von dem Unglück und schickte ihren Sohn dorthin, damit er sich um die Tochter kümmere.
Im November 1940 wurde auch Reich-Ranicki zur Umsiedlung ins Warschauer Ghetto gezwungen. Er arbeitete bei dem von der Besatzungsbehörde eingesetzten Ältestenrat („Judenrat“) als Übersetzer und schrieb unter dem Autoren-Pseudonym Wiktor Hart Konzertrezensionen in der zweimal wöchentlich erscheinenden Ghettozeitung Gazeta Żydowska (Polnisch für Jüdische Zeitung). Gleichzeitig war er Mitarbeiter im Ghetto-Untergrundarchiv des Emanuel Ringelblum. In dieser Zeit von Agonie und allgegenwärtigem Sterben machte er sich Überlebensmaßnahmen zu (später lebenslang beibehaltenen) Gewohnheiten; so pflegte er seitdem zum Beispiel, in Gaststätten immer mit Blickrichtung auf den Eingang zu sitzen oder durch eine zweite Rasur am Nachmittag die Gefahr negativen Auffallens zu verringern.
Am 22. Juli 1942 erschien SS-Sturmbannführer Hermann Höfle im Hauptgebäude des „Judenrats“, um die „Umsiedlung“ des Ghettos anzuordnen, die am selben Tag beginnen sollte. Zur Niederschrift der Bekanntgabe wurde Reich-Ranicki herangezogen. Von der Deportation – der Verbringung der Ghettobewohner ins Vernichtungslager Treblinka, wie sich herausstellen sollte – vorerst ausgenommen waren u. a. Beschäftigte des „Judenrats“ und ihre Ehefrauen. Zum Schutze seiner Lebensgefährtin Teofila Langnas arrangierte Reich-Ranicki daher die Eheschließung mit ihr noch am selben Tag durch einen im selben Haus beschäftigten Theologen, der berechtigt war, die Pflichten eines Rabbiners auszuüben.[6]
Der Deportation im Januar 1943 entkam das Ehepaar, indem es auf dem Weg zum Versammlungsplatz floh. Es lebte fortan versteckt. In dieser Zeit unterstützte Reich-Ranicki zusammen mit seiner Frau die Jüdische Kampforganisation (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa, kurz: ŻOB) bei der Beschaffung einer größeren Geldsumme aus der Kasse des „Judenrates“. Als Anerkennung bekamen sie einen kleinen Teil des Geldes; dieser sollte ihnen die Flucht aus dem Ghetto durch Bestechung der Grenzposten ermöglichen,[7] was am 3. Februar 1943 gelang. Sie fanden nach kurzen Zwischenverstecken für sechzehn Monate einen Unterschlupf bei der Familie des arbeitslosen Schriftsetzers Bolek Gawin und seiner Ehefrau Genia, wo sie bis September 1944 nach der deutschen Niederschlagung des Warschauer Aufstands und der Besetzung des rechten Weichselufers durch die Rote Armee ausharrten. Durch seine dramatische Nacherzählung von bedeutenden Romanen der deutschen und europäischen Literatur konnte sich Reich-Ranicki des unbeständigen, stets gefährdeten Mitleids seiner Helfer immer wieder aufs Neue versichern. Je besser er erzählte, desto höher waren auch seine Überlebenschancen. Das Um-sein-Leben-Erzählen[8] wurde auch von ihm selbst[9] als Scheherazade-Motiv bezeichnet. Den beiden Kindern der Familie Gawin halfen sie bei den Schularbeiten und den Eltern beim illegalen Herstellen von Zigaretten. Nach der Befreiung Polens von der NS-Herrschaft bat Gawin die beiden Überlebenden, nirgends zu erwähnen, dass sie mit seiner Hilfe die Besetzung Polens durch die Nazi-Truppen überlebt hatten, weil sich ihr Lebensretter wegen des in Polen verbreiteten Antisemitismus davor fürchtete, mit seiner Rettung von Juden ins Gerede zu kommen." (Wikipedia)
Nach der Befreiung:
"Wir sollten uns so schnell wie möglich von der Front entfernen und nach Lublin fahren. Dort sei belehrt er uns, das Zentrum, die provisorische Hauptstadt des befreiten Teils von Polen, dort würde man uns schon helfen. Fahren – womit denn? Er hielt einen offenen Militärlastwagen an und befahl dem Fahrer, uns mitzunehmen. Wir fragten schüchtern, wo man etwas zu essen bekommen können. Er gab uns je eine dicke Scheibe Brot – mit der Bemerkung: 'Mehr hat euch die große Sowjetunion im Augenblick nicht zu bieten.'
"Nach dem Krieg bedankten sich die Reich-Ranickis auch mit einer finanziellen Vergütung bei den Gawins. Bis zuletzt überwies das Ehepaar der Tochter Gawins hin und wieder etwas Geld.[10] Das Paar konnte auch eine Mappe mit Zeichnungen von Tosia Reich-Ranicki herausschmuggeln, die erst 1999 veröffentlicht wurden. Die Motive stammten aus dem Alltag des Ghettos und zeigten unter anderem bis auf die Knochen abgemagerte Kinder und prügelnde Nationalsozialisten.[11] Die Gedenkstätte Yad Vashem verlieh der Familie Gawin, die von 1943 bis 1944 das Ehepaar Reich-Ranicki bei sich versteckt hatte, auf Gerhard Gnaucks Antrag 2006 die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“. " (Wikipedia: Leben)
Eine Begegnung aus den 1960er Jahren:
"Die Journalistin, vermutlich noch keine dreißig Jahre alt, war keineswegs besonders schön aber nicht ohne Reiz. Vielleicht rührte dieser Reiz von ihrem offenkundigen Ernst, der mit ihrer Jugendlichkeit zu kontrastieren schien. Sie wollte ein Dreißig-Minuten-Gespräch aufnehmen. Ihre Fragen waren exakt und intelligent, sie kreisten um ein zentrales Problem: Wie konnte das geschehen? Kein einziges Mal haben wir die Aufnahme unterbrochen. Als das Gespräch beendet war, sah ich zu meiner / Verblüffung, dass wir beinahe fünfzig Minuten geredet hatten. Wozu brauchen Sie so viel? Sie antwortete etwas verlegen: Sie habe zum Teil aus privaten Interesse gefragt. Ich möge ihr den Wissensdurst nicht verübeln. Ich wollte etwas über sie erfahren. Aber sie hatte es jetzt sehr eilig. Ich schaute sie an und sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ich fragte noch rasch: 'Entschuldigen Sie, habe ich ihren Namen richtig verstanden – Meienberg? – Nein, Meinhof, Ulrike Meinhof.'
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