besprochen von norberto42 (Danke! Fontanefan)
"[...] Groethuysen hat vor hundert Jahren ein Buch geschrieben, in dem er [...] zeigt, wie sich im Frankreich des 18. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Bürgertums die katholische Religion, vor allem das religiöse Erleben ändert: wie der Tod und die mit ihm drohende Hölle ihren Schrecken verlieren, wie „Gott“ aus dem souverän Erwählenden und Verwerfenden zu einem gütigen Vater aller wird, wie die Menschen – nach christlicher Lehre verderbt durch die Erbsünde – ihren wesentlichen Status als Sünder verlieren und zu Menschen werden, die gelegentlich sündigen, aber ordentliche Bürger sind und sich durchaus des Lebens auf Erden erfreuen dürfen. Die großen Parteien innerhalb der Kirche waren die Jansenisten, die strikt an der alten Religion mit der Verneinung der Welt festhielten, und die Jesuiten, die sich dem neuen Menschentypus annäherten und ihn für den Katholizismus zu retten versuchten; durch die Bulle Unigenitus wurden hundert Thesen der Jansenisten verdammt, die Jesuiten obsiegten im innerkirchlichen Streit.*
Groethuysen schildert diese Entwicklung breit und [...] einleuchtend, vor allem für den, der selber noch eine Art katholischer Erziehung abbekommen hat. [...]"
https://archive.org/details/die-entstehung-der-burgerlichen-1/page/n3/mode/2up (1. Band, 1927)
https://archive.org/details/die-entstehung-der-burgerlichen-welt-2/page/n5/mode/2up (2. Band, 1930)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Groethuysen (B. Groethuysen)
https://www.deutsche-biographie.de/gnd118542370.html#dbocontent (dito)
Mancher, der in den Jesuiten die Ausgeburt des Bösen zu kennen glaubte, wird sich vielleicht wundern, wie modern und säkular sie aus dieser Perspektive wirken. (Fontanefan)
* "[...]Die Rückbesinnung auf die Lehre von der zuvorkommenden Gnade führte zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit dem in Frankreich mächtigen Jesuiten-Orden, der nach den Schriften des Jesuiten Luis de Molina auch Parti moliniste genannt wurde. Jedem Leser von Jansens Augustinus musste klar sein, dass darin der sogenannte Molinismus, der bereits seit 1588 zum sogenannten Gnadenstreit mit den Dominikanern geführt hatte, wie auch die als laxe Moral verdächtige Kasuistik und der Probabilismus in die Kritik geriet. Die Jansenisten verurteilten die jesuitische Lehre, nach der die göttliche Gnade und die menschliche Willensfreiheit bei der Erlangung des Seelenheils zusammenwirkten. Sie nahmen auch Anstoß an der jesuitischen Lehrmeinung, für die zum Empfang der Sündenvergebung notwendige Reue reiche die Furcht vor göttlichen Strafen aus. Nach jansenistischer Auffassung entspringt wahre Buße aus der Liebe zu Gott und ist allein ein Geschenk der göttlichen Gnade. Im Gegensatz zu den Jesuiten, die den christlichen Glauben in der Welt in Verbindung mit barocken Frömmigkeitsformen proklamierten, forderten die Jansenisten ein einfaches, zurückgezogenes Leben. [...]" (Wikipedia)
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